Schwierig… sehr schwierig.
Preisfrage: Wie nennt man nach „HetzJAGD“ und „Die GeJAGTen“ den dritten Aufguss von „Semir und Partner unter Korruptionsverdacht“? Jupp, genau, „Die JÄGERIN“. Ein Hoch auf diese Kontinuität, die dem Film allerdings dummerweise mehr schadet als nützt – aber dazu später mehr.
Zunächst mal ist es – das lässt sich schwer übersehen – wohl der Streifen mit dem geringsten Budget. Da hat Frederike Heß wirklich extremes Pech gehabt, dass sie gleich zwei Mal so abgespeist wurde, während ein Franco Tozza – im Rahmen der neuen Möglichkeiten – die Sau rauslassen durfte.
Meiner Ansicht nach macht sie aber noch das Beste aus dem, was sie vorgesetzt bekommt, auf inszenatorischer Ebene ist dem Streifen nicht allzu viel anzulasten, auch wenn mir dieses „offensichtliche Sabotieren von Bärenfänger und Rauhbach / offensichtliches Verräter-Sein des IT-Nerds“ ebenfalls ziemlich gegen den Strich ging, das war so plakativ. Ja, zumindest was den ITler angeht, wollte das Buch es natürlich auch so… geschenkt. Schlimmer ist da diese grausige Szene in „Kein Kinderspiel“-Manier vor der Staatsanwaltschaft. Die ersten dreißig Sekunden gingen noch, dann wurde es richtig übel. Weiß auch nicht, was man da versucht hat. Abgesehen davon fand ich den Humor größtenteils gar nicht mal so übel. Max mit seiner Hündchen-Ansprache gefiel mir und der Teewagen mit den Akten über Semir war ja mal das Geilste überhaupt
Man hätte hier auch gut einen augenzwinkernden Schlenker Richtung entschärfte Atombomben in der Ben-Ära machen können. Ich mein, nur wegen Semir Gerkhan steht Köln noch
Der Plot ist ungefähr so verbraucht wie der Kampf gegen Waffen- und Drogenschmuggler, trotzdem hat mich die Inszenierung eine ganze Zeit lang abgeholt, weil die Dynamik zwischen Semir und Vicky hier dann doch eine ganz andere ist als zwischen Semir und Tom / Ben. Der absolute Höhepunkt der Folge ist für mich das – leider von Pia Stutzenstein etwas zu gewollt bockig abgeschlossene – Streitgespräch in der Mitte der Folge. Ja, man fährt das Tempo hier vollends gegen die Wand, aber dieser Moment ist überwiegend so, so stark und wäre mit einem Paul Renner nie möglich gewesen. Das Duo Atalay/Stutzenstein hatte es ja nun wirklich nicht leicht. Komplette Neuausrichtung, komplett neues Team, Reduzierung des Stabs, der Action, dann noch Drehen während Corona, dann ständig monatelange Ungewissheit, kommt noch was, kommt nichts mehr… und in dieser Szene zeigt sich exzellent, dass beide trotzdem zusammen funktionieren, sonst wäre dieser Dialog nichts wert. Chapeau, find ich klasse. Da steckt so viel richtig gut platzierte Kritik am „alten weißen Mann“ drin der die Frauen, die ihm was bedeuten, in erster Linie beschützen will und sie dabei übergeht (TKKG lässt grüßen!). Das alles, ohne Semir komplett zu zerstören oder mit dem Holzhammer zu prügeln. Das Thema wurde ja auch schon in der Paul-Ära mit Dana und ihrem Praktikum aufgemacht (siehe „Vaterfreuden“), nur dass die Meinung von Paul damals verständlicherweise für Semir völlig egal war. Vicky war exakt der richtige Charakter für diesen Dialog und ich find’s super, dass man das so umgesetzt hat. Schade nur, dass es nichts hilft, denn in „Sterbensschön“ macht Semir direkt wieder die Rolle rückwärts…
Die titelgebende Jägerin Remagen wurde in den ersten Minuten eigentlich stabil aufgebaut, nur leider reichten die 90 Minuten dann wohl doch nicht aus, um diese Ansätze auch weiterzuverfolgen. Irgendwann droppt Vicky random Remagens Vergangenheit mit dem tragischen Partnerverlust (wie innovativ!) und brüllt heraus, dass sie ja auf der selben Seite stünden, nachdem sie sie fünf Minuten vorher noch angeschnauzt hat, dass sie da mit drinstecken würde.
Remagens Figur wird einfach sehr widersprüchlich und inkonsequent erzählt und bleibt die erzählerische Tiefe 80 Minuten lang schuldig, bis es dann zu spät ist. Und wenn ein Film sogar nach so einer Figur benannt wird, fällt das noch mehr auf. Sie behandelt ihr Team völlig kalt, will es dann aber wiederum so gut kennen, dass sie den Verräter darin nicht sehen mag. Ja, vermutlich wollte man damit vor allem sagen, dass sie sich ihre eigenen Fehler nicht eingestehen wollte, trotzdem… in den letzten Minuten fällt sie dann urplötzlich komplett in sich zusammen, nachdem Max ihr einen „Wir vermuten“-Vortrag gehalten hat. Vier Minuten vor Schluss nochmal ein bisschen Ballerei und ein hastiges „Sorry“ mitsamt Schlussgag – als wäre Heß aufgefallen, dass sie die 88 Minuten nicht überziehen darf.
Im Buch passiert vieles um der Autoren Willen, aber nicht, weil es Sinn ergibt:
1. Semir und Vicky werden auf die eigene Dienststelle gebracht, weil die interne Ermittlung keine eigenen Räume hat. Warum? Na, damit Rauhbach rumsabotieren kann.
2. Semir und Vicky werden trotz unterschiedlichen Geschlechts im selben Transporter zur selben JVA gefahren. Unrealistisch hoch 1000, aber halt nötig für den Plot. Klar, dass man das nicht wie die beiden Vorgängerfolgen in dieser Kategorie erzählen kann, wo es für Semir und Partner ja tatsächlich in denselben Knast geht.
3. Vicky kommt mal so eben im Büro des Staatsanwalts an seine Mails.
4. Die Frau mit dem Handy feilscht mit zwei mutmaßlichen Mördern, anstatt die Beine in die Hand zu nehmen.
5. Semir checkt nicht, dass man ihn orten will und labert ne halbe Minute rum, anstatt aufzulegen.
6. Die Polizei verteilt sich im Hotel, aber unten steht niemand.
7. Semir sagt der Friseurin, dass ihr Freund tot ist, aber er nichts damit zu tun hat. Sie senkt daraufhin die Waffe. Irgendwie schlechtes Timing.
8. Vicky wird angeschossen und „muss dringend zum Arzt“, aber das juckt irgendwie keinen. Lieber setzt man sie mit blutigem Shirt in den Verhörraum und lässt sie dort allein. 10 Minuten später die Wunderheilung und Ballern im Casino.
9. Die ganze Schose entsteht nur, weil ein ITler sagt, dass das Video echt ist. Früher wäre so ein Konstrukt instant in sich zusammengefallen, Krüger hätte Hartmut das Video gegeben und fertig. Das funktioniert fast 90 Minuten lang nur, weil das Team keinen Nerd mehr hat. Das wird dann auch von keiner Instanz nochmal vorher geprüft, nein, man fährt natürlich gleich das SEK auf. Später wird dann das Original „anhand der Metadaten“ rekonstruiert, ging natürlich nicht früher. Wenn man wenigstens auf das Thema Deepfake eingehen würde, aber nein, es muss natürlich um irgendeine albanische Mafia gehen, schon x Mal gesehen und für den Zuschauer überhaupt keine greifbare Thematik im Gegensatz zu Deepfakes.
10. Semir drückt der Friseuse am Ende einfach mal eine Waffe in die Hand und stiftet sie an, die Mafia abzuknallen. Kann man mal machen.
Man kann hier viel finden, sicher auch noch mehr. In „Sterbensschön“ funktionierte die reduzierte Action für mich sehr gut, hier sind die wenigen Actionparts, in denen es einfach nie ordentlich knallt und kein Auto zu Schrott gefahren wird, insgesamt bewusst in die Länge gezogen, damit der adrenalinsüchtige Zuschauer wenigstens nicht ganz so schnell wieder die Lust verliert, aber es kommt nix dabei rum. Ein zerplatzter Reifen, eine zu Bruch gegangene Scheibe in 90 Minuten und das ist das, was man heute in Deutschland Actionserie nennt. Die Amis würden sich kringelig lachen. Am besten ist hier die Flucht von Semir und der Friseuse am Ende, wo es beim SFX ordentlich klirrt und scheppert, man aber nix davon sieht. Optisch sehen die Szenen aber immerhin nach was aus. Sehr viel mehr kannst du mit den begrenzten Mitteln wohl nicht mehr machen.
Die erste Hälfte mochte ich insgesamt trotz der vielen Plotholes noch ganz gerne, in der zweiten sackte es dann aber deutlich ab und ich hab sehr aufs Ende geschielt, weil es sich irgendwann einfach zog. Die 90 Minuten für einen 0815-Plot ergeben für mich in dem Moment Sinn, in dem man sie nutzt, Charaktere zu vertiefen, ihnen Dreidimensionalität zu verleihen – und das schaffte man hier nicht. Nicht beim IT-Nerd („Mir ist nicht gut, ich geh nach Hause“), nicht bei Remagens Partner („Ich versuch’s zu Fuß“) und leider vor allem nicht bei Remagen selbst. Die Figur wird für den Zuschauer einfach nicht greifbar. Dass man anfangs versuchte, den Verdacht gezielt auf das „Schoßhündchen“ zu lenken, machte direkt offensichtlich, dass es der IT-Nerd sein muss. Ein bisschen weniger plakativ darf es schon sein.
Dass das Team so zusammenhielt und auch Dana mal wieder eingebunden wurde (ich konnte dem Charakter nie viel abgewinnen, aber ich hab sie in den anderen Filmen doch ein wenig als Konstante vermisst), war an und für sich schön, wenngleich mich ihr Handeln auch ein wenig irritiert hat, sie machte überhaupt nicht den Eindruck einer sich um ihren Vater sorgenden Tochter, sondern spielte total neutral, fast gelangweilt.
Leider wirkten Rauhbach und Bärenfänger auch hier wie „stets bemüht“ und fehl am Platz, sehr unbeholfen. Erst in „Sterbensschön“ klappt es besser. Zumindest der Gag mit der Kaffeetasse war beim ersten Mal noch ganz witzig, leider zog sich das dann unnötigerweise ein wenig durch.
Max fand ich insgesamt eher enttäuschend, er ließ sich extrem schnell die Butter vom Brot nehmen, das hätte man mit Engelhardt und Krüger so nicht gehabt.
Wenigstens Mark Zak wertet die Folge mit seinem Spiel noch ein wenig auf, sein schachspielartiges Vorgehen wurde solide in Szene gesetzt, auch wenn da sicher noch mehr drin gewesen wäre. So richtig nahbar bekam man auch diese Figur nicht. Ich war mir eigentlich auch sicher, ihn schon mal in einer prägnanten Rolle bei der Cobra gesehen zu haben, Wunschliste spuckte mir aber nur drei selten geschaute Folgen aus, hm...
Insgesamt eine Folge, deren Buch sehr stark hätte überarbeitet werden müssen, es hapert einfach an zu vielen Stellen und auch wenn das Duo Semir/Vicky sich Mühe gibt, dies wettzumachen, reicht das nicht für die vollen 90 Minuten. Kein Totalausfall – nur ein Buch, das definitiv noch in der Entwurfsphase steckte.
5,5/10