Tödliche Storys

  • Tödliche Storys
    Ben kam nach einem anstrengenden Arbeitstag heim in sein kleines, aber umso schöneres Gutshaus im Kölner Umland. Es war schon nach 20.00 Uhr, also waren die Kinder bereits im Bett, was dem dunkelhaarigen Polizisten zwar leid tat, aber manchmal waren Überstunden einfach nötig und die Familie musste hintan stehen. Sarah saß-vielmehr lag- gemütlich mit dem Laptop auf dem Bauch auf dem Biedermeiersofa und wandte den Blick kaum vom Bildschirm, als er eintrat. „Kleinen Moment noch!“, tönte sie, während ihre Finger flink über die Tasten flogen. Dann war sie fertig, klappte den Lappi zu, erhob sich vom Sofa und drückte ihm einen zärtlichen Kuss auf die Wange, während sie Richtung Küche schritt, um ihm etwas zu trinken aus dem Kühlschrank zu holen. Er hätte das ohne weiteres selber hätte machen können, aber das war ein Ritual und Liebesbeweis zwischen ihnen und sie fragte ihn gleichzeitig: „Was war denn bei euch auf der Autobahn los, dass du Armer erst so spät Feierabend hast?“
    Ben ließ sich mit einem zufriedenen Seufzer aufs Sofa fallen und nahm dankbar die Bierflasche entgegen, die seine Frau ihm reichte, um sich danach an ihn zu kuscheln. „Mann du glaubst es nicht, was wir gerade für Vollpfosten verfolgen! Die liefern sich überall um Köln illegale Autorennen, bringen dabei sich und andere Verkehrsteilnehmer in Lebensgefahr, aber bis jetzt sind sie uns immer knapp entwischt. Ich sags dir, wenn Semir so ein Bürschchen in die Finger kriegt, das kann sich warm anziehen!“, berichtete er und Sarah lauschte gespannt seinen Erzählungen. Ben wunderte sich zwar fast ein wenig, dass sie seit einigen Wochen-im Gegensatz zu früher- so an seiner Arbeit interessiert war, aber zugleich tat es ihm einerseits gut, sich den Frust von der Seele zu reden und dann fühlte er sich durchaus auch ein wenig geschmeichelt. Natürlich verriet er keine Namen und so machte Sarah das ja auch, wenn sie von den gelegentlichen Sitzwachen auf der Intensivstation erzählte. Sie ging zwar seit dem zweiten Kind nicht mehr regelmäßig arbeiten, aber wenn man in der Klinik eine Aushilfe für eine einzelne Nacht oder am Wochenende brauchte, wurde sie angerufen und wenn es passte, dann versorgte sie eine Schicht lang einen kritischen und sehr pflegeaufwändigen Patienten, so kam sie nicht ganz raus und später, wenn die Kinder größer waren, wollte sie durchaus auch wieder ein wenig mehr arbeiten, auch wenn sie das Geld eigentlich nicht brauchten, aber Sarah liebte ihren Beruf und keiner konnte das besser verstehen als Ben. Wenn er nicht zuhause war, versorgte Hildegard, ihre langjährige Kinderfrau und Freundin dann die Kinder, Tim ging mit seinen dreieinhalb Jahren mit Begeisterung in den Kindergarten und auch Mia-Sophie, die süße Eineinhalbjährige war gerne bei Hildegard, die so etwas wie eine Ersatzoma für sie war.Allerdings fiel Ben durchaus auf, dass Sarah wesentlich mehr Zeit als früher an ihrem Laptop verbrachte. Er selber machte ja fast alles vom Handy aus, nutzte außerdem höchstens mal das Tablet, aber was auch immer sie da trieb-es schien ihr Spaß zu machen und dann war es in Ordnung!


    Am nächsten Morgen konnte er ausschlafen, denn es war Samstag und er hatte frei. Auch die Kinder schliefen ein wenig länger, aber als Ben einmal gegen sechs kurz aufstand, um zur Toilette zu gehen, war der Platz neben ihm bereits leer und als er am Arbeitszimmer vorbei ging, das wie das Schlafzimmer und die Kinderzimmer in der ersten Etage lag, saß Sarah bereits wieder hoch konzentriert am Laptop und tippte, was das Zeug hielt. Momentan legte er sich nochmals hin, aber als er gegen acht vom Kinderlärm erwachte, der Duft frisch gebrühten Kaffees durchs Haus zog und ihn die Sonnenstrahlen im Gesicht kitzelten, stand er doch auf, ließ kurz Lucky, ihren riesigen grauen Deerhound vor die Tür, der ihm wie immer, wenn er zuhause war, wie ein Schatten folgte und setzte sich dann gemütlich an den Frühstückstisch, wo Mia-Sophie schon im Hochstuhl mit ihrer Kindertasse voll Kaba saß und voller Begeisterung ein Schokocroissant zerkrümelte und die süße Füllung mehr im Gesicht und an den Händen, als im Mund hatte. „Na du kleines Ferkel!“, begrüßte er seine gut gelaunte Tochter liebevoll und half ihr ein wenig beim Essen, während er selber genüsslich zulangte und Tim ihm vom gestrigen Kindergartenausflug in den Zoo erzählte. Nach dem Frühstück wuschen sie gemeinsam die Kinder und zogen sie an, Ben sprang selber unter die Dusche und danach fuhr er zum Metzger im Ort und kaufte Unmengen an Fleisch und Würstchen, denn sie hatten Semir und seine Familie am Abend zum Grillen eingeladen. Er mähte auch noch den Rasen-allerdings mit einem Rasentraktor, so ein Schiebeding war nicht so seines und bei ihren Flächen rentierte sich die Maschine auch. Er hatte extra darauf geachtet ein PS-starkes Gerät zu kaufen. Tim wollte auf seinem Schoß mitfahren und durfte auch mal lenken, so dass sich diese eigentlich ungeliebte Arbeit zu einem gemeinsamen Event gemausert hatte. Mittags aßen die Kinder eine Suppe, die Erwachsenen hielten sich zurück, denn sie mussten sich Hunger fürs Abendessen aufheben. Sarah hatte bereits Baguettes und ein paar Salate vorbereitet und während Ben sich noch mit den Kindern zu einem kleinen Mittagsschläfchen hinlegte, verschwand Sarah wieder im Arbeitszimmer und er hörte das Geräusch der Tasten, als er langsam in den Schlaf dämmerte.


    Als er gemeinsam mit den Kindern wieder erwachte, seine kleine Tochter wickelte und Sarah immer noch am PC saß, musste er sie doch einmal fragen. „Sag mal, was machst du da eigentlich die ganze Zeit?“, wollte er wissen. „Ich dachte ja erst du zockst, wie ich das ja manchmal zur Entspannung mache, aber da braucht man nicht so viel Tastatur!“, bemerkte er und Sarah bekam einen roten Kopf. „Ich schreibe!“, war die Antwort und jetzt sah Ben sie überrascht an. „Was schreibst du denn?“, hakte er dann nach. „Na-so Geschichten…“, wand sich seine Frau, aber in diesem Augenblick hupte es unten-Semir, Andrea, Ayda und Lilly waren eingetroffen und jetzt gingen sie erst mal alle miteinander nach unten, um ihre Freunde zu begrüßen.

  • Der Grillabend verlief mit angeregten Gesprächen, weil Andrea fuhr, konnte auch Semir gemeinsam mit Ben das eine oder andere Bier trinken und als sie sich nach der Verabschiedung ihrer Freunde zur Ruhe begaben, verriet nach wenigen Minuten Ben´s lautes Schnarchen, dass er heute nicht mehr daran interessiert war, was Sarah denn da für Storys verfasste. Am nächsten Tag war das Thema dann schon ins Hintertreffen geraten und Sarah beschloss, dass sie in Zukunft darauf achten würde, dass Ben von ihrer Schreiberei nicht so viel mitbekam, was ja problemlos möglich war.


    Einige Wochen später kam Ben einmal nach Hause und erzählte mit vor Stolz geschwellter Brust, dass es Semir und ihm gelungen war die jugendlichen Raser bei einem ihrer illegalen Autorennen sozusagen in flagranti zu erwischen, sie fest zu nehmen und die Führerscheine einzukassieren. „Sarah-du kannst dir nicht vorstellen, wie wir die Burschen gejagt haben. Semir hat sozusagen das Äußerste aus seinem BMW raus geholt und obwohl die Fahrzeuge der Jungs getunt und aufgemotzt waren, hat er sie nach einer rasanten Verfolgungsjagd“, die Ben nun äußerst detailliert beschrieb- „eingeholt und gestoppt, ich hätte auf dem Beifahrersitz bald gekotzt, so hat sich der in die Kurven gelegt und das Gaspedal durchgedrückt. Ich kam mir vor, als wären wir selber Rennfahrer. Zum Schluss hat er das führende Fahrzeug geschnitten und zum Stehen gebracht und als die übrigen Teilnehmer des Rennens dann abhauen wollten, hatten wir schon die Uniformierten angefordert, die eine Straßensperre errichtet und die anderen Wagen gestoppt haben. Da war übrigens kein einziges Mädchen am Steuer, aber dafür saßen die hinten drin in den Fahrzeugen, teilweise unangeschnallt und angeschickert und haben die Typen noch angefeuert, anscheinend hat der Sieger des jeweiligen Rennen nicht nur die Anerkennung der anderen, sondern auch die tollsten Mädchen gekriegt-Mann hoffentlich kommt Tim später nicht mal auf so blöde Ideen und macht sowas!“, sinnierte Ben, aber Sarah sah an seinen leuchtenden Augen, dass ihm die Verfolgungsjagd, wie schon so viele vorher, einen mega Spaß gemacht hatte-ja bei ihm war das eben nicht illegal, er hatte nur sozusagen sein Hobby zum Beruf gemacht. „Übrigens hättest du Semir sehen sollen, als er den Fahrer-er war gerade mal neunzehn und kaum größer als der türkische Hengst- aus dem Fahrzeug gezogen und ihm die Meinung gegeigt hat! Der hätte hinterher in einem Schuhkarton Platz gehabt, so hat Semir den gefaltet!“, berichtete er und als Ben dann die Worte seines Kollegen wiederholte, speicherte die Sarah sozusagen in ihrem Gedächtnis ab, um sie später aufzuschreiben-sie wusste jetzt schon den Titel ihrer neuen Story: „Wild Hot Racing!“
    Es war so klasse, ihr gingen nie die Ideen aus, weil Ben ihr durch seine Erzählungen immer neue Themen und Anstöße vorlegte. Natürlich verfremdete sie sowohl die Namen als auch teilweise die Lokalitäten in ihren Storys, aber auf dem Portal, wo sie die im Internet veröffentlichte, hatte sie inzwischen eine treue Leserschaft gefunden, die ihr durch ihre begeisterten Rezessionen für ihre Geschichten viel positives Feedback rüber brachten. Anscheinend wurden die Actiongeschichten um Luke und Ali, wie die Helden in ihren Storys hießen und die zufällig ziemlich stark Semir und Ben glichen, gerne gelesen und so wartete Sarah heute nur darauf, dass Ben schlafen ging, damit sie ihre neue Story beginnen konnte.


    Die Wochen gingen ins Land und Semir und Ben waren jetzt an einem neuen Fall dran. Es ging um einen Maulwurf, den man irgendwo in den inneren Kreisen der Polizei vermutete und der allen Rätsel aufgab. Seit Neuestem war fast jede Razzia erfolglos, weil die Kriminellen in und um Köln anscheinend vorher einen Tipp bekommen hatten, bei den Routinekontrollen an den Autobahnrastplätzen wurden kaum mehr Drogen beschlagnahmt, wenn dann höchstens Kleinmengen von Süchtigen für den Eigenbedarf, man fand in den Spielhöllen keine illegalen Glücksspieler mehr vor, wenn die Polizisten das nicht besser gewusst hätten, hätte man fast glauben können, dass in Köln auf einmal keine Kriminalität im großen Stil mehr herrschte, aber allen Polizisten war klar, dass das einfach nicht stimmte.
    „Sarah stell dir vor-jetzt müssen Semir und ich sozusagen undercover in der Glücksspielszene ermitteln, weil man uns da als Autobahnpolizisten nicht so kennt. Wir kriegen dazu sogar ein neues Outfit verpasst-Mann wie ich das hasse wie ein Mafiosi im Anzug rumzulaufen!“, moserte er am ersten Abend und fuhr sich mit beiden Händen durch die immer noch streng nach hinten gegelten Haare und verwuschelte sie. „So gefällst du mir wesentlich besser!“, lachte Sarah und drückte ihm einen zärtlichen Kuss auf die Stirn. „Wir haben ab morgen andere Arbeitszeiten, wir fangen erst so gegen fünf am Nachmittag an und dafür geht es bis in die frühen Morgenstunden!“, teilte er seiner Frau noch mit, die aber die letzten Tage, wie er bereits festgestellt hatte, manchmal nachdenklich und schlecht gelaunt war, was er normalerweise von ihr gar nicht kannte. Gut, wenn sie sich dann unterhielten oder sich mit den Kindern beschäftigten, war das wieder weg, aber irgendetwas schien sie zu bedrücken-nur wollte er sie nicht bedrängen-sie würde es ihm schon sagen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war.
    Ben verstand es auch nicht, warum sie unzufrieden war, denn eigentlich hatten sie ja das perfekte Leben. Sie konnten ohne finanzielle Sorgen in einem schönen Haus ihre Kinder groß ziehen. Sie liebten sich nach wie vor und fanden sich auf der ganzen Linie, auch im Bett, immer noch anziehend. Sarah vermisste zwar sicher ihre Arbeit, gerade weil sie in den letzten beiden Monaten auch nicht mehr wegen einer Sitzwache angerufen worden war, aber das würde schon wieder anders werden und wenn die Kinder größer waren, konnte sie ja wieder in Teilzeit in ihren Beruf als Intensivkrankenschwester einsteigen, der ihr anscheinend viel bedeutete. Sie waren alle gesund, was bei Gott gerade bei ihm in den letzten Jahren nicht immer so gewesen war, aber daran wollte Ben sich lieber gar nicht erinnern, so viel Sch…. wie ihm da passiert war. Aber jetzt waren sie alle, mal abgesehen von einer gelegentlichen Erkältung, fit und Ben wünschte sich nichts sehnlicher, als dass das bis zu seinem Lebensende so bliebe. Vermutlich waren das bei Sarah doch die Hormone-Frauen reagierten da viel stärker als Männer und Ben beschloss, ihr bei Gelegenheit ein Geschenk zu besorgen, um ihre Laune zu verbessern.


    Sarah hingegen zweifelte an sich selber. Das hatte auch gar nichts mit ihrer Familie zu tun und ihr fiel auch nicht auf, dass sie sich verändert hatte. Ihre Geschichten, in die auch ihre medizinischen Kenntnisse einflossen, was anscheinend vielen Lesern besonders gut gefiel-oder vielmehr gefallen hatte, waren nun ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Klar waren da immer schon Leser gewesen, denen ihre Storys nicht so taugten, aber normalerweise hörte man dann einfach auf zu lesen, oder schrieb auch mal einen Kommentar wie: „Deine Geschichte ist jetzt nicht so mein Ding!“, vielleicht auch mit einer Begründung warum, dann konnte man als Autor auch was mit der Kritik anfangen. „Ich werde deine Geschichte nicht weiter lesen, aber ich wünsche den anderen viel Spaß dabei!“, so hatte es Sarah selbst bei ihren Feedbacks schon gehalten und geschrieben, aber jetzt waren da mehrere Mitglieder der Plattform, darunter ein Neuzugang, ziemlich ungerecht in ihren Kritiken und das tat verdammt weh. Eines der kritischen Mitglieder war sogar in einer Administratorenfunktion, mit der oder dem-sie wusste nicht ob das Frau oder Mann war, denn man schützte ja seine Identität mit Nicknames –hatte sie sich manchmal schon Wortgefechte geliefert, die aber bisher immer oberhalb der Gürtellinie geblieben waren und ihr sogar Spaß gemacht hatten. Wie gesagt-bisher, aber jetzt herrschte da irgendwie ein anderer, sehr negativer Ton. Sarah hätte nicht gedacht, dass sie das so mitnehmen würde. Irgendwie waren aber ihre Storys wie ihre Babys und da die ja ziemlich nahe an ihrer Lebensrealität waren, traf sie das vielleicht nochmals extra-ach sie wusste es einfach nicht!
    So machte sie nun für Ben das Essen warm und kam sich dabei nochmals gedemütigt vor-verdammt, sie war auch zuhause nur das funktionierende Heimchen am Herd, das ihrem Mann sogar das Bier aus dem Kühlschrank holte! In ein paar Jahren würde sie ihm auch noch die Pantoffeln bringen-sie war auf der ganzen Linie nichts wert und als am Abend Ben´s tiefe Atemzüge neben ihr verrieten, dass er eingeschlafen war, weinte sie sich leise und unglücklich in den Schlaf.

  • Trotzdem setzte Sarah sich am nächsten Tag wieder an den Laptop-nur leider wollten vor lauter Frust die Ideen, die sonst mühelos sprudelten wie eine Quelle, einfach nicht kommen und nach einer erfolglosen halben Stunde klappte sie den Deckel des PCs wieder zu und sah gefrustet ihrer Tochter zu. Tim war schon im Kindergarten und Mia-Sophie spielte konzentriert mit zwei Spielzeugautos ihres Bruders. Sie wusste genau, dass das vielleicht Wutanfälle herauf beschwören würde, wenn sie in seiner Anwesenheit an diese Sachen ging, aber Sarah duldete ihr Spiel mit einem kleinen Lächeln-diese Autos hatten keine Kleinteile und waren auch für ein zwanzig Monate altes Kind nicht gefährlich, daher sollte sie sich ruhig damit beschäftigen. Ja, ja-Männer und ihre Autos, das begann schon im Kindesalter, dass sie die Frauen da am liebsten weg haben wollten!

    Ben hatte länger geschlafen, es würde bei ihm ja heute Nacht später werden, aber als er jetzt gegen elf aufstand und seine Tochter und seine Frau einträchtig im Zimmer seines Sohnes vorfand, zog ein Schmunzeln über seine Lippen. „Na da lasst euch mal lieber nicht von Tim erwischen!“, sagte er mit einem Grinsen und gab seinen beiden Frauen einen Kuss auf die Stirn. Dabei konstatierte er, dass Sarah gestern geweint haben musste, denn ihre Augen waren noch ein wenig verschwollen und er beschloss, heute Semir um Rat zu fragen, ob der eine Idee hatte, wie er sie wieder glücklich machen konnte. Sarah erhob sich nun, nahm ihre Tochter, die jetzt ihrerseits zornig mit den Beinchen strampelte und brüllte, mit nach unten und lenkte sie mit einem anderen Spielzeug ab, was auch nach kurzer Zeit funktionierte. Ben trank seinen Kaffee und Sarah begann nach einem Blick auf die Uhr, das Mittagessen vorzubereiten. Sie kochte ja eigentlich gerne, hatte im Hochbeet hinterm Haus selbst gezogenes Gemüse geerntet und machte nun eine Gemüsepfanne mit Nudeln und Schinken. Danach war es schon wieder an der Zeit Tim vom Kindergarten abzuholen und heute blieb Mia-Sophie so lange beim Papa, sonst wäre sie mit dem Buggy mitgekommen.
    Ben , der ja zu jeder Tages- und Nachtzeit alles wild durcheinander futtern konnte, aß mit ihnen gemeinsam, egal, dass er erst vor einer Stunde eine Riesenschüssel Müsli verdrückt hatte und als Sarah die Kinder danach zum Mittagsschlaf hinlegte, denn den brauchten die beiden noch dringend, ging er aufseufzend ins Bad, duschte und klatschte sich dann das Haar mit viel Gel nach hinten-die Tarnung musste einfach stimmen! „Sarah-wenn du einkaufen gehst, bring doch bitte noch Haargel mit, ich glaube mit unseren Vorräten komme ich die nächsten Tage nicht weit!“, bat er sie und verabschiedete sich dann mit einem flüchtigen Kuss von ihr. In Sarah kam wieder der Ärger hoch. Konnte er nicht einfach ein wenig früher los fahren und dafür selber kurz am nächsten Drogeriemarkt anhalten? Aber nein-es war ja klar, sie war hier der Lakai, der für alles und jeden zuständig war, ohne dass man ihre Arbeit schätzte!


    Weil die Kinder ja noch schliefen, fuhr sie den Laptop wieder hoch, obwohl sie genau wusste, ihr würde jetzt nichts einfallen, es war, als wenn in ihrem Kopf eine Mauer voller Frust gebaut worden wäre. Dabei war sie, seitdem sie angefangen hatte Storys zu veröffentlichen, auf der Plattform dafür bekannt, dass sie zuverlässig jeden Tag ein Kapitel hoch lud und das wurde auch von ihren Lesern anerkannt, aber heute ging das nicht, sie musste warten, ob Ben ihr was zu seinem aktuellen Fall erzählte und ihr damit sozusagen Input gab. Jetzt jedoch las sie nur voller Frust erneut die abwertenden und teilweise beleidigenden Reviews, die ihr seit etwa einer Woche den Spaß am Schreiben vermiesten. Andere Feeder hatten sie zwar öffentlich verteidigt und ihre Geschichten gelobt, aber trotzdem saß der Stachel tief. Dann sah sie das blinkende Symbol, dass ihr jemand eine PN, eine private Nachricht geschrieben hatte und als sie die öffnete, hatte sich da einer der anderen Autoren gemeldet, ein flippiger junger Mann Anfang zwanzig, mit bunt gefärbten Haaren. Sie hatte schon öfter-wie das auch mit anderen Autoren der Fall war-mit ihm geschrieben, er hatte ihr mal ein Foto von sich geschickt und sie hatte ihrerseits eines von sich zurück gesendet und natürlich hatten sie auch beide ihre Klarnamen preis gegeben. Obwohl die Internetplattform tatsächlich Schreiber und Leser aus dem gesamten Bundesgebiet und dem benachbarten deutschsprachigen Ausland hatte, hatten sie nämlich anhand einiger Beschreibungen mit Lokalkolorit fest gestellt, dass sie beide im Raum Köln lebten und hatten sich schon lange einmal treffen wollen, beiden gefielen auch die Geschichten des jeweils anderen und so fleißig wie Sarah schrieb, so zuverlässig gab sie auch ihre ehrliche Meinung für andere Geschichten ab.


    „Sarah-es tut mir echt total leid, dass du gerade so angeprangert wirst und ich kann mir auch vorstellen, dass es bei den beiden anderen langjährigen Schreibern, die dich so angehen, nur der blanke Neid ist wegen deiner hohen Zugriffszahlen und der vielen Reviews, aber sowas tut man einfach nicht in dieser Form, das ist keine konstruktive Kritik und was es mit diesem neuen Feeder auf sich hat, würde ich auch gerne wissen und hätte da auch schon eine Idee, brauche dazu aber deine Meinung“, hatte er gesendet. „Wollen wir uns treffen, ich habe gerade Urlaub?“, hatte er noch nachgefragt und seine Handynummer angehängt. Sarah schrieb ihm erst zurück, rief ihn dann kurzerhand an und sie verabredeten sich in einer Stunde am Kahnweiher im Kölner Stadtpark. Sarah würde die Kinder jetzt wecken, sonst brachte sie die abends nicht ins Bett und dort konnte man nett spazieren gehen, es gab Spielplätze und auch Lucky konnte mitkommen, der solche Ausflüge sehr schätzte.
    So saß wenig später die Familie, außer Ben, in der praktischen Familienkutsche und als Sarah am vereinbarten Treffpunkt ankam, löste sich auch gleich ein netter, ein bisschen flippiger junger Mann aus dem Schatten unter dem Baum, wo er auf sie gewartet hatte. Er konnte total gut mit Kindern, auch Lucky begrüßte ihn schwanzwedelnd und sie gingen nun gemeinsam, angenehm plaudernd, zum nächsten Kinderspielplatz. Sarah kam es vor, als würde sie den jungen Mann schon ewig kennen, sie redeten über das Schreiben und wie viel Freude es in ihr Leben brachte-sowas konnte eben nur ein anderer Schreiberling verstehen! Lucky hatte auch gleich einen Hundefreund gefunden mit dem er über die weitläufigen Rasenflächen tobte und als Sarah ihn dann am Spielplatz anleinte, sah er dem enttäuscht nach. Dafür waren nun die Kinder in ihrem Element, denen Sarah Sandförmchen mitgenommen hatte. Außerdem hatte sie Kinderkekse und etwas zu trinken dabei und so spielten die beiden nach einer kleinen Stärkung bald selbstvergessen mit anderen Kindern im Sandkasten und Felix, wie der junge Mann hieß, eröffnete ihr nun den Grund seiner PN.

    „Sarah, ich wollte dich um Rat fragen. Wie du vielleicht schon aus meinen Geschichten erkannt hast, kenne ich mich ziemlich gut mit Computern aus, ich arbeite auch in der IT-Branche. Irgendwie lässt mir diese Sache auf der Plattform keine Ruhe, irgendetwas ist da oberfaul und jetzt wollte ich von dir wissen, ob du es sehr schlimm fändest, wenn ich mich da einhacken und die IT-Adressen etc. heraus finden würde. Vielleicht könnte man die dann zuordnen oder ich erfahre noch andere Neuigkeiten. Ich finde das so eine Sauerei, was da gerade mit dir abgeht und auch wenn meine Geschichten ebenfalls nicht immer die positivsten Reaktionen hervor rufen, aber das ist echt ein anderes Kaliber, da will dich jemand fertig machen und sowas kann ich überhaupt nicht abhaben!“, ereiferte er sich und Sarah stimmte ohne Zögern zu. Sie verbrachten noch eine nette Stunde miteinander, blendeten die Plattform und den Ärger damit jetzt völlig aus und als sich Sarah dann von dem doch gute zehn Jahre jüngeren Mann verabschiedete, war sie wieder guter Laune. Jawohl-jetzt würde sie es den Neidern zeigen, sie hatte Unterstützung und zwar nicht nur von Felix, sondern auch von vielen anderen! Ihre Kinder und Lucky waren zufrieden, sie steckte abends die Mäuse noch gemeinsam in die Badewanne, um den Sand abzuwaschen, gab ihnen dann Abendbrot und nach dem Zähneputzen schliefen die auch sofort ein.


    Nur die Ideen waren Sarah ausgegangen, sie entschuldigte sich bei ihren Lesern dafür, dass aktuell kein neues Kapitel käme, was wieder Spott und Häme der drei nun schon bekannten User hervor rief, wovon der eine schrieb: „Na du hältst dich wohl für sehr wichtig, dass du gleich der Öffentlichkeit mitteilen musst, wenn du mal nichts zu Papier bringst-aber glaub mir, das ist besser für die Welt, wenn sie nicht von deinen widerlichen Storys gelangweilt wird!“, und Sarah kochte jetzt beinahe vor Wut. Aber gleichzeitig hoffte sie, dass Felix bald was heraus fand-na warte, denen würden sie es zeigen!


    Als Ben in den frühen Morgenstunden nach Hause kam, duschte er sofort, denn er stank nach kaltem Rauch und ekelte sich vor sich selber. Danach schlüpfte er zu Sarah ins Bett, die sich an ihn schmiegte und ihn schlaftrunken nach seinem Tag fragte. Irgendwie war es gut, sich das von der Seele zu reden und deshalb erzählte er von Semir´s und seinen nächtlichen Ermittlungen in der Glücksspielszene, beschrieb ihr die Spielhöllen und die Typen darin und Sarah sog die Informationen auf wie ein Schwamm, jetzt wusste sie plötzlich, was sie morgen schreiben würde und als sie sich dann beide umdrehten und Ben endlich zur Ruhe kam und in einen tiefen Schlaf sank, stellte sie fest, dass bereits das erste Morgenlicht durch die Jalousien schimmerte und sie überhaupt nicht mehr müde war. So stand sie leise auf, schrieb ihr neues Kapitel und noch bevor die Kinder wach wurden, war das bereits online.

  • Ben hatte Semir um Rat gefragt, was er denn tun solle, denn immerhin war der schon viel länger verheiratet, mit allen Höhen und Tiefen, die eine Ehe so bot, inclusive Trennung und Versöhnung. Der kleine Türke, zwecks Tarnung ebenfalls im Anzug und mit angeklebtem Schnauzbart, hatte eine ganze Weile überlegt und dann gesagt: „Wenn es da ein Patentrezept gäbe, würde ich es dir gerne mitgeben, aber du musst dein Herz sprechen lassen. Frag Sarah doch einfach, warum sie so unglücklich ist und geweint hat. Kleine Kinder sind bei allem Glück manchmal verdammt anstrengend, ich war damals öfters froh, wenn ich das Haus verlassen und zur Arbeit gehen durfte, Andrea hat sich auch ab und zu beklagt, dass sie wie in einer Tretmühle lebte. Jeden Tag das Gleiche und die Anerkennung der Gesellschaft für diese Leistung, Kinder groß zu ziehen, fehlt ja auch häufig. Vielleicht solltet ihr auch einfach mal ein Wochenende gemeinsam, ohne Kinder, weg fahren, wenn dieser Fall abgeschlossen ist? Und Blumen-Blumen sind immer gut!“, sagte er und Ben sah unglücklich auf die Uhr. Wo sollte er jetzt zu dieser nachtschlafenen Zeit Blumen her bekommen-es würde auch auffallen, wenn er dem Rosenverkäufer, der wie in jeder Stadt durch die Lokale tingelte, seinen ganzen Strauß abkaufte, das musste also auch warten!

    Außerdem fuhren sie gerade immer mit dem Taxi von Spielhölle zu Spielhölle. Sie hatten aus der Asservatenkammer beschlagnahmtes Geld zur Verfügung gestellt bekommen und zockten damit im großen Stil. Nebenbei hielten sie Augen und Ohren offen, befragten ganz beiläufig das Personal und andere Zocker, immer eingedenk, dass in einer Spielhölle durchaus viele versteckte Kameras auf einen gerichtet waren. Bisher waren sie noch nie zu einem illegalen Spiel in einem Hinterzimmer aufgefordert worden, dabei war das sonnenklar, dass diese Spiele irgendwo stattfanden, nur mauerten die Angestellten, es war wie verhext! Witzigerweise lief es, sowohl bei Semir, als auch bei Ben-die gewannen mehr, als sie verloren, das geliehene Geld wurde also eher vermehrt als verringert, sie wussten aber nicht, war das echtes Glück, oder waren die Automaten und die Karten gezinkt und man wollte sie, die laut ihrer Erzählungen mehrere Jahre im Ausland gelebt hatten und dort reich geworden waren, jetzt sozusagen anfixen, also auf den Geschmack bringen, um sie dann aus zu nehmen wie die Weihnachtsgänse! Aber was immer noch fehlte, war ein Hinweis auf den großen Unbekannten, der die Kriminalität in Köln anscheinend kontrollierte. Die innere Ermittlung arbeitete auf Hochtouren, aber noch hatte niemand auch nur die Spur eines Hinweises entdeckt. Die Kriminellen waren der Polizei sozusagen immer einen Schritt voraus und auch Semir und Ben traten auf der Stelle.


    In einem der blitzenden Spieletempel fiel ihnen eine sehr mädchenhaft wirkende Bedienung auf, die leicht bekleidet die Getränke servierte. „Semir-die ist doch nie im Leben schon volljährig!“, flüsterte Ben seinem Freund zu, als sie gemeinsam zum Pissoir gingen und der zuckte mit den Schultern. „Ich weiss nicht-aussehen tut sie wie höchstens vierzehn, da hast du Recht, aber was willst du tun?“, fragte er seinen Freund und der erwiderte: „Lass mich nur machen!“ Tatsächlich machte die junge Frau ziemlich hohe Umsätze und bekam auch viele Trinkgelder, weil sich die teilweise betrunkenen Typen in dem Lokal an sie ran machten, ihr auf den mädchenhaften Po schlugen und sie begrapschten, wenn sie ihnen Whiskey und andere harte Sachen servierte. Sie wehrte sich nicht, aber Ben hatte den Ausdruck des Ekels in ihren Augen gesehen. Als einmal einer der potentiellen Freier ihr an die flache Brust fasste und derb hinein kniff, während er grölte: „Na Schätzchen, wie wäre es mit uns beiden-komm doch schnell mit auf einen Quickie auf die Toilette, ich kauf dir auch ne Barbiepuppe dafür!“, wurde es dem großen dunkelhaarigen Polizisten zu viel. Er stand auf, trat zu dem Typen der die junge Frau belästigte und hielt dessen Hand mit einem Griff wie ein Schraubstock fest, dass der aufjaulte. „Lass sie in Ruhe, sonst könnte es dir passieren, dass du die Nacht im Krankenhaus verbringst!“, sagte er mit funkelnden Augen und angesichts der entschlossenen Haltung und weil auch Semir plötzlich wie ein Schatten vor ihm stand und ihn drohend ansah, beeilte sich der Besoffene zu brummen: „Nichts für ungut, war doch nur ein Spaß!“, während er sich die schmerzende Hand rieb.
    Die junge Frau schickte ihren Rettern ein schüchternes Lächeln, richtete ihr kurzes Ringel-T-Shirt und als sich die beiden wieder an ihren Tisch gesetzt hatten, fragte sie: „Was darf ich euch zu trinken bringen?“, und sie bestellten beide ein alkoholfreies Bier. Als sie es servierte, steckte ihr Ben unauffällig einen kleinen Zettel mit seiner Handynummer zu und schenkte ihr ein umwerfendes Lächeln aus seinen dunklen Augen, das sie erröten ließ. „Wenn du mal Hilfe brauchst!“, sagte er leise und sie schlug nun die Augen nieder und sagte leise: „Danke!“, als auch schon der Barkeeper aus dem Hintergrund brüllte: „Natascha-schau dass du hinne machst, auch andere Gäste haben Durst!“, und die junge Frau beeilte sich eingeschüchtert dem Ruf Folge zu leisten. Obwohl sie in diesem Lokal noch eine Stunde lang die Augen offen hielten, konnten sie keine auffälligen Beobachtungen machen, wieder gewannen sie am Automaten, aber es rückte während ihrer Anwesenheit auch niemand mehr der jungen Frau auf den Pelz.

    Als sie dann im Taxi saßen, hing Ben auch schon am Telefon und wenig später kontrollierte eine uniformierte Polizeistreife, bestehend aus Bonrath und Jenni, die ebenfalls Nachtdienst hatten, die Papiere der dort Beschäftigten. Kurz darauf zeigte Ben´s Handy an, dass eine WhatApp rein kam und Jenni hatte ihm geschrieben: „Natascha Kurvac, so jung sie aussieht, aber sie ist tatsächlich schon 19, auch sonst waren alle Papiere in Ordnung!“, und nun biss sich Ben vor Enttäuschung beinahe auf die Zunge, aber vielleicht würde sich die junge Frau doch noch bei ihm melden!


    Als er am Nachmittag aufstand, war Sarah mit den Kindern zu Hause. Gerade als er sie fragen wollte, warum sie vorgestern geweint hatte, plapperte Tim los: „Papa, wir waren im Park und haben da gespielt und der Felix hat ganz bunte Haare!“, was Ben beiläufig zu Kenntnis nahm. Er ging davon aus, dass Felix einer der Freunde seines Sohnes war, oder alternativ auch dessen „Spielfreund“, der nur in seinem Kopf existierte und mit dem er sich, wenn er alleine in seinem Zimmer spielte, oft stundenlang unterhalten konnte. Das war aber normal, wie Andrea und Semir ihnen bestätigt hatten-viele Kinder mit einer lebhaften Phantasie hatten so Gestalten, die nur in ihrer Einbildung existierten, aber das hatte in diesem Alter noch keinen Krankheitswert! Während er beiläufig nickte, seinen Kaffee zum Wachwerden schlürfte und jetzt endgültig Sarah fragen wollte, was eigentlich los war, wobei ihre Laune heute viel besser als gestern war, klingelte sein Handy und eine unbekannte Nummer wurde angezeigt. Als er ran ging und sich auch nicht mit Namen, sondern nur mit: „Ja!“, meldete, drang eine schüchterne Stimme aus dem Hörer. „Natascha, ja was gibt es, schieß los!“, sagte er gespannt, stellte seine Kaffeetasse ab und verließ die Wohnküche. Sarah warf ihm einen fragenden Blick hinterher und als er wenig später zurück kam und sagte: „Ich muss sofort los!“, fragte sie ihn, wer denn diese Natascha sei. „Das ist dienstlich und geht dich nichts an!“, beschied er ihr und jetzt biss sich Sarah vor Ärger auf die Zunge. Was sollten diese Heimlichkeiten und wer war diese Natascha? Als Ben nun schnell in seine Kleider schlüpfte und wenig später mit seinem Dienstmercedes vom Hof fuhr, war Sarah´s Laune schon wieder am Boden und außerdem hatte sie gerade vorhin wieder ein hämisches Feed auf ihr neues Kapitel gelesen. Verdammt-hoffentlich fand Felix bald etwas heraus-irgendwie lief es gerade überhaupt nicht rund bei ihr!

  • Natascha war der gutaussehende Typ, der sie gegen den Betrunkenen verteidigt hatte, nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Sie gab die Nummer unter dem Stichwort: „ Mr. Sexy!“ in ihr Telefonregister ein. Sie war sich durchaus bewusst, welche Wirkung sie auf Männer hatte, deren Schutzinstinkte durch ihr mädchenhaftes Aussehen geweckt wurden. Eigentlich war sie ja im Sauerland in einem behüteten Elternhaus aufgewachsen und ihre Mama und ihr Papa hatten alles versucht, um ihr eine gute Schulbildung und danach eine Berufsausbildung schmackhaft zu machen, sie hatte aber immer schon andere Dinge und vor allem Typen interessanter gefunden. Sobald sie achtzehn war, hatte sie ihr Elternhaus verlassen und war von der Provinz nach Köln gegangen, wo das Leben tobte. Sie hatte in Discos abgehangen, bei Freunden gepennt und ihre Freiheit wie ein Rausch genossen. Ihre verstorbene Oma hatte ihr Geld hinterlassen und damit war sie eine ganze Weile durch gekommen, aber irgendwann war das aufgebraucht. Inzwischen hatte sie die verschiedensten Typen kennen gelernt und gleich zugegriffen als ihr einer einen Job als Bedienung in einem Spielsalon angeboten hatte. Die Arbeit war sehr unterschiedlich-mal viel, mal weniger, aber sie bekam extrem viel Trinkgeld-vermutlich durch ihr kindliches Aussehen- und durfte das auch selber behalten. Der Besitzer des Clubs hatte ihr eine Wohnung gestellt, sie hatte sich innerhalb eines Jahres auch schon eine Vertrauensstellung erarbeitet und durfte immer den Chef persönlich bedienen, wenn er in seinem Hinterzimmer besondere Gäste bewirtete und mit denen wichtige geschäftliche Gespräche führte. Manchmal, wenn ihr ein Gast gefiel, lief da auch mehr und das ließ sie sich auch immer gut bezahlen. Aber dieser Typ am Vorabend, der hatte sie angesehen und sie war dahin geschmolzen-den musste sie haben, der war sozusagen ihr Traummann!
    Er hatte sie auch noch gegen den Besoffenen, der sie angemacht hatte, verteidigt, dabei hätte da gar keine Gefahr bestanden, wenn Typen zu aufdringlich wurden, kamen der Barkeeper und ein anderer Gorilla des Chefs und wiesen den zudringlichen Gast zurecht. Allerdings hatte ihr die ritterliche Geste des gut aussehenden Mannes prima gefallen und dann hatte er ihr sogar noch seine Handynummer zugesteckt, also beruhte die Sympathie auf Gegenseitigkeit! Allerdings stand bei den meisten Typen zunächst einmal der Beschützerinstinkt im Vordergrund, erst nach und nach kamen sie darauf, dass sie eine richtige erwachsene Frau war und kein Kind mehr. Aber vielleicht waren doch manche ein wenig pädophil veranlagt, ohne es zuzugeben und mit denen hatte sie leichtes Spiel! Sie würde jetzt zunächst mal ein wenig die Vorstellungen ihres Traummannes bedienen, ihn um den Finger wickeln und sich ihm dann langsam als die präsentieren, die sie war-eine erwachsene Frau, die tat und sich nahm, was sie wollte!


    So griff sie, als sie ausgeschlafen hatte-die Nächte in der Spielhölle endeten meist erst, wenn es draußen schon hell war-zu ihrem Handy und rief die Nummer ihres Mr.Sexy an, der auch sofort ran ging. Sie stutzte zunächst, denn sie hatte erst gemeint Kinderlachen zu hören, aber als er sich dann mit ihr unterhielt und sie nach dem Grund ihres Anrufs fragte, waren keine Hintergrundgeräusche mehr zu vernehmen, vermutlich hatte sie sich verhört. Er hatte sich mit „Ja!“, gemeldet und Natascha setzte ihre kindlichste Stimme auf, als sie ihm ihr Leid klagte, dass sie angeblich am Vortag noch weiter belästigt und sogar verprügelt worden wäre-sowas zog bei den meisten Männern- und als der Typ, der sich als Ben Käfer vorstellte, nun vorschlug, sich mit ihr auf einen Kaffee zu treffen, damit sie ihm nähere Einzelheiten erzählen konnte, verabredeten sie sich in einem McDonalds ganz in der Nähe ihrer Arbeitsstelle.


    Ben war gerade mal ein paar Kilometer gefahren, als es ihm schon leid tat, dass er Sarah so angefahren hatte. Sie hatte ihn nur berechtigterweise gefragt, wer diese Natascha war und er hätte ihr ja ruhig kurz antworten konnte, dass die vielleicht bei ihrem aktuellen Fall als Informantin dienen könnte, die bekam sicher in dieser Spielhölle mehr mit als ihr bewusst war-und wenn sie dort gegen ihren Willen festgehalten würde, konnte er sie da rausholen und an einen sicheren Ort oder zu ihren Eltern zurück bringen. Er wusste jetzt schon selber nicht mehr, warum er gerade so patzig gewesen war, dabei hatte er eigentlich am Morgen gedacht, dass Sarah sich wieder beruhigt habe, so friedlich wie sie aneinander gekuschelt eingeschlafen waren. So wählte er ihre Nummer, aber da ging sofort die Mailbox ran und mit der wollte er sich jetzt wirklich nicht unterhalten-er würde es später noch einmal probieren und sich für sein ruppiges Verhalten entschuldigen.


    Bei Sarah hatte, kaum dass Ben das Haus verlassen hatte, Felix angerufen. Er teilte ihr mit: „Hör mal-ich habe so einiges rausgefunden, das ist ziemlich interessant, sollen wir uns wieder irgendwo treffen?“, fragte er und Sarah überlegte kurz. Gerade war Tim´s Kindergartenfreund abgegeben worden. Dessen Mama musste mit dem kleinen Bruder zum Kinderarzt und Sarah hatte sich angeboten den vierjährigen Wilfried, genannt Willi, in der Zwischenzeit zu betreuen. Oh Mann dieser Namen, aber ansonsten war die Familie ganz nett. Sie machten das öfter, dass sie sich gegenseitig auf die Kinder aufpassten, oder auch gemeinsam zum Schwimmen gingen-so hatte jeder was davon und jeder konnte auch mal kurzfristig weg. Allerdings hatte Sarah einen Kindersitz zu wenig, also blieb nur eine Lösung: Felix musste zu ihr kommen! Das teilte sie ihm auch mit und so fuhr eine halbe Stunde später ein schicker ziemlich neuer BMW aus der Dreierserie in den Hof und Sarah war ein wenig erstaunt-sie hätte eher mit einem flippigerem Gefährt gerechnet.
    „Hallo Felix!“, rief sie und bat ihn auf die Terrasse, wo Mia-Sophie in ihrer kleinen Sandkiste vor sich hin buddelte, während die beiden Jungs sich auf dem Rasen davor ein Rennen mit zwei original alten Steckenpferden lieferten, die Sarah im Internet entdeckt und sofort gekauft hatte. Auch Lucky hatte den jungen Mann freundlich wedelnd begrüßt und war dafür ausgiebig gestreichelt worden-der war nett und stellte keine Gefahr für seine Familie dar!


    Sarah fragte Felix was er trinken wolle und er nahm gerne einen Eiskaffee, immerhin war heute ein wundervoller Frühsommertag, der Lust auf den Sommer machte. „Schön habt ihrs hier!“, sagte Felix anerkennend und ließ seine Blicke schweifen. „Mein Mann ist eigentlich nur Polizist, wie du ja aus meinen Geschichten erkannt hast, die ziemlich nahe an der Realität sind. Mit diesem Einkommen und meinen paar Kröten als Krankenschwester könnten wir uns so ein Anwesen nicht leisten, aber er ist der Sohn eines wohlhabenden Bauunternehmers und hat von seiner verstorbenen Mutter ziemlich was geerbt, nur darum haben wir uns dieses Schmuckstück kaufen können!“, erklärte Sarah und Felix grinste: „Du musst dich vor mir nicht rechtfertigen, meine Eltern sind auch nicht ganz arm und ich gestehe, ich lasse mich da auch mal ganz gerne sponsern, wobei ich als IT-ler natürlich viele Möglichkeiten hätte, mir auch nebenbei was zu verdienen und auch einen ganz bürgerlichen Bürojob habe“, gab er Einzelheiten aus seinem Privatleben preis, was auf viel Vertrauen Sarah gegenüber hindeutete. Die Kinder hatten alle nun auch ein Eis bekommen, sogar Lucky hatte zu seiner Begeisterung eine Kugel in seinen Napf gekriegt und während Sarah ihre kleine Tochter immer mal ein wenig ablecken ließ, sonst sah die in wenigen Minuten aus wie ein kleines Schwein, begann Felix von seinen Nachforschungen zu erzählen.


    „Nur damit du es weisst-was ich getan habe, war absolut illegal, aber der Betreiber des Schreibforums hat auch nur eine Firewall, die leichter zu knacken ist, als eine Eierschale. Ich habe mich nun da mal umgesehen und die IP-Adressen überprüft. Jetzt halt dich fest, die eine Adresse des Admins mit dem nickname „Pen“ ist ganz hier in der Nähe in Köln, sie gehört einer Frau namens Elisa Miller und die steht in regem Kontakt mit „ Autorenelite“, ebenfalls einer Frau, allerdings aus Deutschlands Norden. Milena Schwarz heißt die und stell dir vor, diese Milena hat einen Doppelaccount, diese ganzen beleidigenden Schmähfeeds gingen ausschließlich von deren IP-Adresse aus. Unser ominöser „Schreibergott“, ist niemand anders als ebendiese Frau Schwarz und diese Miller gemeinsam. Das haben wir ja schon vermutet, dass die alle was miteinander zu tun haben, denn auch wenn einige andere Storys ebenfalls ihr Fett abgekriegt haben- vom „Schreibergott“ wurden nie „Pen“-und „Autorenelite“ angegriffen, sondern die haben immer nur wohlwollende , wenn nicht sogar begeisterte Reviews bekommen. Ich war nun so frei und habe auch deren Privatkorrespondenz über das Forum geknackt, die haben sich darin wirklich verabredet, hier mal ordentlich aufzumischen und uns-und vor allem dich, weil du so viele Zugriffe hast- ein wenig in die Pfanne zu hauen. Gut-die Eröffnung eines Doppelaccounts ist laut den Forenregeln nicht verboten, ich habe das genau nachgelesen, aber ich frage mich, warum man zu so einem Mittel greifen muss und seine Meinung nicht einfach unter seinem richtigen Account, der ja eigentlich auch anonym ist, kundtun und auch dazu stehen kann.
    Allerdings finden ja anscheinend schon seit einigen Jahren immer mal Treffen der Autoren hier in der Nähe statt, die unter anderem von „Pen“ mit organisiert werden. Die Teilnehmer kommen dabei aus der Anonymität des Internets und ich muss ehrlich gesagt gestehen, auch ich habe mit dem Gedanken gespielt, an dem nächsten Treffen teil zu nehmen, um die anderen , mit denen man in seiner Freizeit über das Forum viel in Kontakt ist, persönlich kennen zu lernen und sich auszutauschen. Wir beide haben das ja nun sozusagen im Vorfeld erledigt und ich muss sagen-ich wurde nicht enttäuscht, ich mag nicht nur deine Geschichten, sondern du bist mir auch als Mensch sehr sympathisch!“, erklärte Felix und Sarah beeilte sich zu versichern, dass das auf Gegenseitigkeit beruhe.

    „Vielleicht wollten die beiden einfach einen Affront verhindern, falls du auch zu einem der nächsten Treffen kommen würdest-man könnte dann über den „Schreibergott“ spekulieren, Mutmaßungen anstellen, wer das denn sein könne und die beiden, die ja daran anscheinend immer teilnehmen, würden sich ins Fäustchen lachen. Das ist fast wie bei Jekyll und Hyde-das Gute und das Böse sind streng getrennt und doch eigentlich ein- und derselbe. Klar-was sie getan haben, ist nicht illegal und du wurdest weder körperlich verletzt, noch so beleidigt, dass das einen Straftatbestand darstellt, aber ich finde den beiden Tussen muss das Handwerk gelegt werden und zumindest den anderen Mitgliedern unseres Schreiberforums müssen die Augen geöffnet werden. Klar interessiert das die Weltöffentlichkeit genauso wenig, wie wenn in China ein Sack Reis umfällt, aber jeder kehrt eben meistens erst mal vor der eigenen Haustür.
    Eigentlich ist jemand, der zu solchen Mitteln greift, auch nicht geeignet als Admin zu fungieren, denn von so jemandem erwarte ich eine gewisse Neutralität, die hier absolut nicht gegeben ist. Ich habe nun auch die Reviews vom „Schreibergott“ analysiert, da ist klar zu erkennen, dass das nicht ein einziger Schreibstil ist, sondern anhand der Orthografie und der typischen Wortwahl kann ich jeden einzelnen Post einer Person zuordnen, auch wenn die letztendlich alle vom selben PC aus, nämlich dem der Schwarz, ans Forum gesendet wurden. Jetzt waren die beiden auch-zumindest teilweise-so dumm und haben sich die verräterischen Reviews nicht als Mail zugesandt, was relativ sicher gewesen wäre, sondern öfter als PN, also ist das alles beweisbar und falls der Gründer des Forums Zweifel hätte, könnte er das sogar selber nachprüfen. Allerdings können wir jetzt nicht einfach hergehen und zugeben, dass wir das Forum gehackt haben-das wäre nämlich durchaus strafbar-sondern müssen die beiden anderweitig überführen, ich habe da auch schon eine Idee!“, verkündete Felix und Sarah hörte interessiert zu, was der junge Mann ihr nun unterbreitete.

  • Ben hatte gleich zum Treffen mit Natascha seine aktuellen „Dienstklamotten“ angezogen, die aus einem ein wenig zu auffälligen Anzug und einem lila Hemd bestanden, seine Haare hatte er streng nach hinten gegelt und mit Genugtuung hatte er fest gestellt, dass im Bad eine neue große Tube Haargel lag, also hatte Sarah beim Einkaufen an ihn gedacht. Semir sah noch viel schriller aus, denn er bestand darauf, zusätzlich zu seinem Anzug ständig einen Hut zu tragen und er hatte sich einen Oberlippenbart wachsen lassen, der Ben ständig dazu reizte, ihn zu necken, allerdings sah er nun wirklich so aus, wie man sich gängigerweise nach dem Genuss entsprechender Kinofilme wie dem Paten, einen Mafiosi vorstellte. Nun, natürlich liefen sie jederzeit Gefahr durch irgendeinen Verbrecher, der sie erkannte, enttarnt zu werden, aber gemeinsam mit dem Team hatten sie beschlossen, das Risiko einzugehen. So klein war Köln nun auch nicht und natürlich mieden sie strikt die Lokale, in denen sie dienstlich schon einmal ermittelt hatten. Susanne checkte zuvor immer die aktuellen Besitzer oder Pächter der Spielclubs und ihre Hoffnung war, entweder durch Zufall dem „Phantom“, wie sie den unbekannten Verräter aus den eigenen Reihen nannten, auf die Spur zu kommen, oder eben Informanten auf zu tun, die ihnen nützliche Hinweise geben konnten.

    Natascha zum Beispiel könnte so eine Kontaktfrau sein. Die wirkte sicher jedem gegenüber so harmlos, dass sie vermutlich manche Dinge zu sehen und zu hören bekam, die ihnen nützlich sein konnten. Deshalb würde Ben sich jetzt mit ihr treffen, wenn sie allerdings zu ihm sagte, dass sie gegen ihren Willen in dem Spielclub festgehalten wurde, würde er sie da einfach rausholen und in eine Schutzwohnung oder ins Frauenhaus bringen, das war er sich selber schuldig, sonst könnte er sich am Morgen nicht mehr im Spiegel ansehen. Immerhin hatte er selber eine Tochter und wie auch immer die junge Frau in diese Szene hinein gerutscht war, gerade er als Polizist wusste, wie schnell das ging und wie schwer man da wieder raus kam.


    Er versuchte, nachdem er seinen Wagen am Parkplatz des Schnellrestaurants abgestellt hatte noch ein letztes Mal Sarah zu erreichen, aber wieder ging die nicht ans Telefon-er konnte ja nicht wissen, dass sie gerade Felix im Hof begrüßte und das Handy achtlos auf dem Tisch auf der Terrasse lag und vor sich hin dudelte. Er hatte Sarah eingebläut, dass sie ihn doch bitte nicht anrufen solle, um seine Tarnung nicht zu gefährden. „Schreib mir eine Nachricht, wenn es etwas Wichtiges gibt, ich rufe dich dann so bald wie möglich zurück!“, hatte er sie gebeten und das funktionierte eigentlich prächtig. Nun gut-er würde ihr morgen erklären, was es mit seinem überstürzten Aufbruch auf sich hatte, er hatte jetzt noch genau eine Stunde Zeit, bevor er mit Semir am vereinbarten Treffpunkt ein Taxi besteigen würde und bis dahin würde er sich jetzt Natascha widmen.
    Die saß bereits an einem Tisch im Inneren des Burgerlokals und nippte an einem Kaffee. Ben betrat das Lokal und hatte sie auch bald entdeckt. Sie trug eine Jeans und ein normales T-Shirt, hatte einen Hauch Make-Up aufgelegt und Ben stellte fest, dass die junge Frau eigentlich sehr hübsch war, aber immer noch hätte er sie auf höchstens vierzehn geschätzt. „Hi!“, begrüßte er sie und fragte, ob er sie auf etwas einladen dürfe. Sie verneinte, aber er holte sich nun einen Burger und eine Apfeltasche, dazu ebenfalls Kaffee und setzte sich dann zu ihr. Einen Moment schwiegen sie und Natascha lächelte ihn schüchtern an-diesen Gesichtsausdruck hatte sie lange vor dem Spiegel geprobt, die meisten Männer fielen sofort darauf herein-so auch Ben. „Erzähl-wie geht es dir und was ist gestern noch geschehen?“, wollte er jetzt mitfühlend wissen und legte seine Hand auf ihren Unterarm, was ihr wohlige Schauer den Rücken herunter rieseln ließ. „Als du weg warst, ist ein weiterer Gast übergriffig geworden, er hat mich unsittlich angefasst und meinen Arm gepackt-das hat sehr weh getan!“, hauchte sie und zeigte Ben sozusagen als Beweis ihren Unterarm, der tatsächlich von blauen Flecken, die bereits grünlich zu schimmern begannen, überzogen war. Ben brauchte ja nicht zu wissen, dass da einer ihrer Freier vorgestern beim einvernehmlichen Sex ein wenig grob geworden war, was ihr aber durchaus gefallen hatte und außerdem hatte sie dafür einen Hunni extra bekommen. Ben betrachtete sorgenvoll und empört die Verletzung, ja vermutlich würde er sie da rausholen müssen! „Hör mal-soll ich dich zu deinen Eltern zurück bringen, oder sonst an einen sicheren Ort?“, sprang er sofort darauf an, aber Natascha schüttelte so heftig den Kopf, dass ihre dünnen blonden Haare nur so flogen. „Meine Eltern sind tot-ich wohne in einer kleinen Wohnung hinter dem Club, in dem wir uns gestern begegnet sind. Eine Putzfrau in diesem Lokal hat mich sozusagen adoptiert und kümmert sich um mich, allerdings kann die mich natürlich nicht schützen, denn am Abend ist die unten bei den Toiletten und muss ebenfalls arbeiten!“, hauchte die junge Frau und Ben erinnerte sich vage, dass da tatsächlich eine dicke ältere Frau gesessen hatte, die für die Sauberkeit auf dem Örtchen sorgte. „Was kann ich dann für dich tun?“ fragte er väterlich und sah sie fürsorglich an, was Natascha allerdings anders interpretierte, denn der intensive Blick ihres Mr. Sexy aus tiefbraunen Augen jagte ihr wohlige Schauer über den Rücken-er hatte angebissen. „Sei einfach da für mich, ich fühle mich sicher, wenn ich dich jederzeit anrufen kann und du mir dann zu Hilfe eilst!“, flüsterte sie und gab sich extra Mühe ihrer Stimme einen kindlichen und hilflosen Touch zu verleihen. „Natürlich bin ich das, aber ich werde nachdenken, wie ich dir sonst vielleicht helfen kann, ich bin aber jederzeit für dich erreichbar!“, versicherte ihr Ben und nun tranken sie beide ihren Kaffee aus, plauderten noch ein wenig-zunächst über Belanglosigkeiten und Natascha erzählte dann auch, dass sie öfters spezielle Kunden ihres Chefs bedienen musste, bis Ben dann auf die Uhr sah und sich seufzend erhob. „Ich muss jetzt weg-vermutlich sehen wir uns heute Abend nochmals, ich gehe wieder mit meinem Freund auf Tour, wir haben gerade eine Glückssträhne-ruf mich aber einfach an, wenn du mich brauchst!“, erhielt er vor ihr seine Tarnung aufrecht und Natascha sah ihm mit Herzchen in den Augen nach. Jawohl, diesen Mann wollte sie haben und sie würde den schon noch erobern!


    Ben kam gerade rechtzeitig zu ihrem vereinbarten Treffpunkt und erzählte Semir auch gleich von seinem Treffen mit der jungen Frau. „Ich dachte mir das gestern schon, dass wir die nicht zum letzten Mal gesehen haben, aber anscheinend hat die aktuell kein Interesse von da weggebracht zu werden, nach dem was du erzählst. Jetzt lass die Sache einfach laufen, riskier deine Tarnung nicht und vielleicht ist das genau die Informantin, nach der wir gesucht haben!“, befand Semir und Ben nickte, während er neben seinem Freund in den Fond des Taxis stieg. Eigentlich hatte er noch Sarah anrufen wollen, aber jetzt war er sozusagen im Dienst und während sie nun Augen und Ohren offen hielten und Glücksspieltempel und die abenteuerlichsten Kaschemmen besuchten und zockten, war er abgelenkt und verschwendete keinen Gedanken mehr an Sarah und seine Familie.


    Felix hatte indessen Sarah instruiert, was sie als Antwort auf die Schmähungen des „Schreibergotts“ veröffentlichen sollte. Sein Plan war, die beiden Autorinnen, die so ein falsches Spiel spielten, heraus zu fordern, damit die einen Fehler begingen und dann öffentlich überführt werden konnten. „Die beiden Schreibstile sind derart grundverschieden, sowohl von der Wortwahl, der Ausführlichkeit, als auch von der Orthografie her, dass es eigentlich jedem, der hier in unserem Forum alle Geschichten liest, sofort auffallen müsste. Ich weiss nicht-haben die alle Tomaten auf den Augen, oder haben sie Angst vor dem Admin? Ich habe natürlich auch ein paar von deren PNs an andere Autoren gelesen, gerade den unsicheren jungen, denen legt sie nahe, das Schreiben besser sein zu lassen, weil sie absolut talentfrei wären und lauter solche Dinge-die hat da eine unheimliche Macht und es steht ihr einfach nicht zu, das Hobby-und nichts anderes ist das, was wir tun-von anderen Autoren so runter zu machen und zugleich ihre eigenen Geschichten mit einem Fakeprofil in den Himmel zu loben. Außerdem fordert unsere liebe Elisa doch tatsächlich bei manchen Usern Reviews ein und schreibt ihnen sogar vor, was in etwa sie da reinschreiben sollen. Es gibt tatsächlich ein paar, die das auch weisungsgemäß machen, überwiegend allerdings welche, deren Horizont ein wenig begrenzt ist, keine Ahnung was die sich davon versprechen, wenn sie der allmächtigen „Pen“ zu Willen sind?“, überlegte er.


    Felix hatte sich fast ein wenig in Rage geredet und Sarah überkam ein warmes Gefühl, weil jemand, der sie eigentlich überhaupt nicht kannte, ihr zu Hilfe eilte und sich bemühte, ein falsches Spiel aufzudecken, damit sie wieder ruhig schlafen und voller Freude ihrem Hobby nachgehen konnte. Er war fast auch ein wenig Detektiv, wie ihr Ben und auch wenn sie vorhin ein wenig sauer gewesen war, weil der so abrupt aufgebrochen war, er würde ihr am nächsten Morgen hoffentlich berichten, wer diese Natascha war und was er in der Nacht so getrieben hatte, auch damit ihre Geschichte weiter gehen konnte, denn ihre eigenen Ideen waren gerade ziemlich versiegt. Aber sie hatte ja die Identität von Semir und Ben ausreichend verschleiert, niemand wusste schließlich, dass die Storys, die sie schrieb einen ziemlich wahren Kern hatten, gerade Ben´s- in ihren Geschichten Luke´s- realistisch beschriebene vergangene Krankenhausaufenthalte hatten es vielen, vor allem weiblichen, Lesern angetan. Sarah war fast ein wenig stolz, dass sie das medizinische Wissen ihrer Fans steigerte und inzwischen hatte sie schon so manche PN bekommen, die ein privates medizinisches Problem behandelte-nicht zuletzt auch von „Pen“ und „Autorenelite“, die aber nicht aus ihrer Deckung gekommen waren, sondern eher allgemeine Fragen zu gesundheitlichen Problemen gestellt hatten, die sie aber hilfsbereit beantwortet hatte. Vielleicht tat es auch gerade deshalb so weh, dieses doppelte Spiel und so ging sie bereitwillig darauf ein, zu tun, was Felix ihr vorschlug.


    Inzwischen war es Abendessenszeit geworden, es wurde draußen kühler und gerade wollten sie reingehen und Felix sich verabschieden, da wurde Willi von seiner Mama abgeholt, die Sarah als Dank fürs Aufpassen ein kleines Geschenk überreichte und Felix mit einem fragenden Blick streifte-diesen flippigen jungen Mann hatte sie bei den Jägers noch nie gesehen! „Frage nicht was beim Kinderarzt los war-Arthur hat fast die ganze Zeit nur gebrüllt und jetzt ist er im Auto eingeschlafen!“, berichtete ihre Nachbarin und auch Felix musste heimlich grinsen, als er den Namen des jüngeren Kindes hörte-ja manche Eltern waren bei der Namenswahl durchaus kreativ, aber ob das immer so im Sinne ihrer Kinder war? Da tobte er sich lieber bei seinen Storys aus und er schwor sich, dass seine eigenen Kinder einmal ganz normale Namen bekommen würden, allerdings hatte er aktuell keine Freundin und darum war das Zukunftsmusik! Höflich wartete er noch, bis die Nachbarin mit ihren beiden Sprösslingen vom Hof gefahren war und Sarah wickelte derweil das kleine Geschenk aus. Es waren Papierservietten, gut die hatten sicher nicht viel gekostet, aber es ging da mehr ums Prinzip und auch Sarah brachte immer kleine, liebevoll verpackte Geschenke mit, wenn jemand auf ihre Kinder aufpasste. Das war durchaus angemessen, immerhin war das kein Geburtstagspräsent und so legte sie die beiseite und erhob sich dann, um Felix mit einem freundschaftlichen Kuss auf die Wange zu verabschieden. „Tschüss-und wir bleiben in Verbindung!“, versprachen sie sich und dann ging Sarah mit den Kindern rein, während Felix ebenfalls zu seiner Wohnung strebte.

  • Semir und Ben hatten ihre Tour durch die Nachtclubs für heute beendet. Der große Unbekannte war wie ein Hauch. Man wusste, dass er existierte, aber bisher hatten sie im Milieu nicht viel mehr als Andeutungen bezüglich seiner Identität erfahren.


    Ganz zufällig hatten sie einen Taschendieb beobachtet, ihre langjährige Erfahrung als Polizisten hatte sie auf den Typen aufmerksam werden lassen. Er hatte einen älteren, anscheinend betuchten Herrn am Tresen angerempelt und die beiden hatten beobachtet, wie er blitzschnell die Brieftasche seines Opfers an sich genommen hatte, während er sich wortreich entschuldigte und seinem Opfer, dass beinahe zu Fall gekommen wäre, hoch half. Unauffällig folgten sie ihm zur Toilette, außer ihnen beiden und dem Taschendieb, der sofort in einer der Kabinen verschwand, um das Bargeld zu entnehmen und sich dann der Brieftasche zu entledigen, war niemand in dem Raum im Untergeschoß. Semir und Ben wechselten einen Blick und nickten sich zu, mehr war zu ihrer Verständigung nicht nötig und als der Taschendieb nun plötzlich einen Kopf über der Trennwand erscheinen sah und Ben, der in der Nebenkabine auf die Schüssel gestiegen war, ihn von oben frech anlächelte, sprang er mit einem Fluch hoch und riss die Tür auf, um schnellstmöglich zu verschwinden. Da stand allerdings schon Semir mit einem breiten Grinsen und hielt die Hand auf, woraufhin der Taschendieb ihm mit einer weiteren Verwünschung die Brieftasche aushändigte, er wusste, wann er verloren hatte. „Hör mal-du steckst das Geld, das sich in deiner linken Jackentasche befindet"-das hatte Ben ihm signalisiert, "jetzt wieder in die Geldbörse zurück und genau so, wie du sie dem Herrn im hellbraunen Anzug abgenommen hast, bringst du sie wieder zurück-wir dulden keine Taschendiebe in unserem Revier!“, erklärte Semir seelenruhig und machte sich mit einem kleinen Taschenmesser, das er wie zufällig aus der Hose gezogen hatte, die Nägel sauber. Ben hatte sich drohend hinter dem Dieb aufgebaut, der nun auch keine Chance zur Flucht mehr sah und jetzt widerstrebend die Scheine herauszog und wieder in die Börse zurück legte. Nach dem gleichen Schema wie vorher, lief er dann am Tisch seines Opfers vorbei, mit Argusaugen beobachtet von den beiden Polizisten, die ihre Tarnung nicht gefährdet hatten, stolperte dort angeblich und stieß wieder mit dem Herrn zusammen, der nun ärgerlich fragte: „Können sie nicht aufpassen-jetzt hätte ich mir beinahe mein Bier über das Sakko gekippt!“, während unbemerkt seine Brieftasche wieder an ihren angestammten Platz zurück wanderte und der Trickdieb sich wortreich entschuldigte. Danach wechselten die drei Männer noch einen kurzen Blick, Semir nickte und zeigte zur Tür, woraufhin sich der Dieb erleichtert aus dem Staub machte.


    Als sie in dem Lokal, in dem Natascha arbeitete, Station machten, kam die gleich mit einem Lächeln an ihren Tisch und bediente sie äußerst zuvorkommend. Als sie sich ein klein wenig länger bei ihrem Mr. Sexy aufhielt, als es nötig gewesen wäre, ertönte sofort wieder der strenge Ruf des Barkeepers: „Natascha-an Tisch vier ist der Sekt alle!“, und widerstrebend löste sie sich von ihren aktuellen Lieblingsgästen, um ihrer Arbeit nach zu gehen und die gemischte Truppe am Nebentisch zu bedienen, die eine große Zeche machte, während alle abwechselnd an den verschiedenen Automaten spielten. Semir schmunzelte in sich hinein-er hatte den verzehrenden Blick bemerkt, mit dem die junge Frau seinen Partner betrachtet hatte. Als sie niemand hören konnte, flüsterte er Ben zu: „Na da ist aber jemand ordentlich in dich verknallt-halt die ruhig warm, vielleicht weiss die tatsächlich mehr, als wir uns vorstellen können, so eine freiwillige Informantin aus der Szene ist nicht schlecht!“, bemerkte er und Ben sah ihn entsetzt an: „Wie verknallt? Ich dachte sie braucht Hilfe, das ist doch noch beinahe ein Kind!“, protestierte er, aber Semir deutete ein Kopfschütteln an. „Gut-ich habe die blauen Flecke an ihren Armen auch gesehen, vielleicht braucht sie wirklich Hilfe, aber wenn sie es ablehnt von dir in ein Frauenhaus gebracht zu werden-zumindest momentan noch, dann lass es laufen und halte nur den Kontakt aufrecht, damit hilfst du ihr und indirekt vielleicht auch uns!“, bat er seinen Freund, der jetzt Natascha freundlich anlächelte, als sie an ihrem Tisch vorbei ging. „Sehen wir uns morgen? Ich ruf dich an!“, flüsterte sie ihm verschwörerisch zu und Ben nickte nun leicht, während der Barkeeper schon wieder den nächsten Auftrag für die Kindfrau hatte.


    Inzwischen waren Semir und Ben bereits in der Szene bekannt, sie spielten weiter, hielten Augen und Ohren offen und als sie wieder in einem Lokal fragten, ob hier denn nirgendwo teurer gespielt würde und Semir ein Bündel Geldscheine hoch hielt, sah der Inhaber zwar verlangend auf die Scheine-wie gerne hätte er sein Hinterzimmer für die beiden Männer aufgemacht, aber der große Unbekannte steuerte das illegale Glücksspiel, legte die Lokale fest, wo und wann teuer gespielt wurde und er war heute nicht dran. „Vielleicht ein andermal, aber heute geht nichts!“, bedauerte der Betreiber des Salons und als sich Semir und Ben nun beiläufig mit dem Mann unterhielten, ließ er das auch durchblicken, dass es da eine Macht im Hintergrund gab, die die Strippen zog. Wenn man als Geschäftsinhaber dagegen aufbegehrte, wurde man entweder in einer dunklen Gasse abgepasst und bekam eine Abreibung, oder es brach ein kleines Feuer im Lokal aus, die Warnung war überdeutlich und einer der Unterweltgrößen war vor ein paar Wochen verschwunden und einige Tage später hatte man seine Leiche aus dem Rhein gezogen, angeblich ein Unfall, auch die Obduktion hatte kein Gewaltverbrechen aufdecken können, aber das besagte schließlich gar nichts. Er hatte zuvor groß getönt, dass er sich das nicht bieten lassen würde, von jemand anderem Vorschriften zu bekommen und dann auch noch einen Teil des Gewinns abzugeben, aber jetzt war er tot und in der Szene war man vorsichtig geworden-anscheinend hatte der große Unbekannte mehr Macht, als man zunächst gedacht hatte. Außerdem fand tatsächlich nie dort eine Razzia statt, wo aktuell gespielt wurde, die illegalen Zocker waren sicher wie in Abrahams Schoß. Natürlich erzählte das der Lokalbetreiber seinen neuen Gästen nicht, aber er ließ durchblicken, dass vielleicht doch bald einmal die Möglichkeit zu einem teuren Spiel hier bei ihm käme und er ihnen dann Bescheid geben würde. Semir gab ihm seine Handynummer, auch er meldete sich gerade nur mit einem einfachen „Ja!“, wenn der Anrufer ihm unbekannt war, aber den entscheidenden Hinweis hatte auch er noch nicht erhalten.


    Heute wurde es extrem spät, vielmehr früh und Ben kaufte, als er um kurz nach sechs endlich todmüde nach Hause kam, noch schnell frische Brötchen beim kleinen Bäckerladen in seinem Heimatort. Neben ihm an der Theke stand eine Nachbarin, die mit Sarah Kontakt pflegte. Deren Kinder, Wilfried und Arthur waren öfter mal bei ihnen und umgekehrt passte die Frau auch auf Tim oder Mia-Sophie auf, wenn Sarah was vorhatte. „Na da muss sich Sarah ja einen jugendlichen Liebhaber zulegen, wenn du die ganze Nacht auf Achse bist, Ben!“, sagte sie scherzhaft und Ben sah sie verwirrt an, stellte aber keine weiteren Fragen. Zuhause duschte er noch kurz und schlüpfte dann zu Sarah ins Bett, die sich schlaftrunken an ihn drückte und ein liebevolles: „Guten Morgen!“ murmelte. Eine Stunde hatte sie noch, bevor sie aufstehen musste und die Kinder schliefen heute auch noch tief und fest. Fast schon wie ein Ritual erzählte Ben ihr von der vergangenen Nacht, allerdings ließ er absichtlich die Sache mit Natascha weg, da wusste er selber nicht, wie er das Sarah erklären sollte. Auch rätselte er immer noch darüber, was da die Nachbarin beim Bäcker gefaselt hatte, aber er war jetzt zu müde, um nach zu fragen. Auch Sarah hakte momentan wegen der Anruferin nicht nach, obwohl sie sich gestern sehr über sein Verhalten geärgert hatte, sie hatte den Kopf gerade mit anderen Dingen wie der Überführung ihrer beiden Kritikerinnen voll und so fiel Ben bald in einen tiefen Schlaf.

    Sarah brachte, nachdem sie Tim fertig gemacht und in den Kindergarten begleitet hatte, Ben´s Erlebnisse wieder zu Papier-soeben hatten Ali und Luke wieder ein neues Abenteuer erlebt und die Sache mit dem Taschendieb eignete sich hervorragend, um groß ausgeschlachtet zu werden. Außerdem gab es in ihrer Story natürlich auch noch eine Nebenhandlung, eine emotionale Liebesgeschichte, sowas liebten ihre Leser und sie war mit ihrem neuen Kapitel dann auch ganz zufrieden und stellte es gleich ins Netz. Mal sehen, was darauf wieder für Kommentare kommen würden und was Felix für eine Idee hatte, in Sarah war jetzt der Kampfesgeist erwacht, sie würde sich nicht so schnell unterkriegen lassen!

  • Die Tage gingen ins Land, Semir und Ben waren immer noch erfolglos. Die Chefin erzählte ihnen von einem erneuten Treffen von vielen Kölner Verbrechensbekämpfern aus Polizei und Staatsanwaltschaft, dem Innenminister Rolf Förster, dem Staatssekretär Holger Wanke, dem Polizeipräsidenten Albert Behrens und dem Oberstaatsanwalt Helge Jorden. „Die Zahl der Drogentoten ist um ein Vielfaches angestiegen, es müssen Unmengen an Stoff auf dem Markt sein. Außer Kleindealern, die ihre Lieferanten und Verteiler gar nicht kennen, geht uns aber keiner ins Netz. Die Banken melden große Mengen an Bargeld, die ausgezahlt werden, ohne dass man nachprüfen kann, wohin das verschwindet, dafür sind die Wohnungseinbrüche zurück gegangen, es liegt nahe, dass hier irgendjemand die Größen der Kölner Unterwelt zumindest in einem gewissen Maße lenkt. Mit der Flut von Asylanten sind die Verwaltung und die Polizei sowieso aufs Äußerste gefordert, wir haben zu wenig Personal, zu wenig Geld, bringen wir es auf den Punkt, wir sind maßlos überfordert. Das Auge der Öffentlichkeit ruht auf uns und will Ergebnisse sehen, die wir nicht liefern können-keine unserer Stellen ist sicher!“, hielt der Staatssekretär Wanke aus dem Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes NRW eine flammende Rede, die einige Honoratioren unruhig auf ihren Stühlen herum rutschen ließ, immerhin war erst der vorherige Polizeipräsident einfach vom Innenminister wegen Organisationsversagens abgesetzt worden und der Neue musste sich erst einarbeiten. Auch in der Staatsanwaltschaft rumorte es, wie die Schrankmann Kim Krüger im Vertrauen mitgeteilt hatte, es herrschte eine Stimmung der Angst und des Misstrauens untereinander, man hätte dringend Ergebnisse gebraucht, die aber nicht zu kriegen waren. Außer der Schrankmann und Kim Krüger wusste von den Anwesenden keiner vom Undercovereinsatz der beiden Autobahnpolizisten, um deren Tarnung nicht zu gefährden und sehr lange würde man diese Aktion, die bisher völlig ohne Ergebnisse geblieben war, nicht mehr aufrecht erhalten können. Semir und Ben wurden dringend wieder in ihrer Dienststelle gebraucht, nur einige wenige Tage würde es noch so weiter gehen wie bisher und dann würde die Aktion abgebrochen werden.


    Sarah hatte Ben relativ beiläufig gefragt, wer denn diese Natascha gewesen sei, die ihn angerufen hatte. „Du, das ist eine Praktikantin in der PASt!“, schwindelte Ben. Im selben Moment, als er Sarah das Lügenmärchen erzählte, hatte er schon ein schlechtes Gewissen, aber Semir hatte gebeten, er solle über die junge Frau absolutes Stillschweigen bewahren. Jeden Tag schmachtete die ihn an, wenn er in das Lokal kam, dass es ihm selber fast peinlich war, er hatte sich schon zweimal mit ihr vor Dienstbeginn im Schnellrestaurant getroffen, sie eindringlich gefragt, ob er sie da rausholen solle, aber immer die gleiche Antwort bekommen. „Ach wo soll ich denn dann hin? Es ist eigentlich gar nicht so schlecht-nur noch eine kleine Weile, ich muss mir erst klar werden, was ich wirklich will!“, hatte sie behauptet und in ihren Träumen sagte sich ihr Mr. Sexy, der allerdings über sein Privatleben überhaupt nichts raus ließ, von seiner aktuellen Partnerin, die er fast mit Sicherheit hatte, los und zog mit ihr zusammen und sie lebten glücklich bis an ihr Ende, wie im Märchen. Aktuell hatte sie auch keine weiteren blauen Flecke und Verletzungen, weil sie sich gerade mit niemandem einließ und von irgendjemandem dazu gezwungen war sie sowieso noch nie geworden, aber das musste Ben ja nicht wissen, der sollte sich nur als ihr starker Beschützer fühlen.
    Anscheinend waren der und sein kleiner Kumpel hauptberufliche Glücksspieler, aber da sahen sie aktuell in Köln in die Röhre-es gab ein kompliziertes Verteilersystem, wo die aktuellen sicheren Spielorte den bekannten Zockern, die mit nicknames anonymisiert waren, über einen PC-Verteiler aufs Handy geschickt wurden und noch waren ihr neuer Freund und dessen Kumpan dem Verteiler nicht hinzu gefügt worden-sie wusste auch nur durch Zufall davon, weil ihr Chef sich einmal im PC versehentlich nicht ausgeloggt hatte. Allerdings unterhielt sich Ben anscheinend gerne mit ihr, er fragte jeden Tag, wie es ihr ginge, was sie so gemacht habe und was sie vorhabe und sie erzählte es ihm, sah ihn dabei mit gierigen Augen an und wartete darauf, dass er den ersten Schritt machte.


    Sarah und Felix war es inzwischen gelungen, die Autorenkonkurrenz ein wenig in die Enge zu treiben. Felix stellte provokative Fragen und versuchte mit allen Mitteln die beiden Damen zu einem öffentlichen Fehler zu verleiten. Er schrieb in den Feedbacks zu Sarah´s und auch seiner eigenen aktuellen Geschichte, wie merkwürdig es sei, dass kein Post dem anderen ähnelte. Die beiden Kritikerinnen hatten nämlich einen komplett unterschiedlichen Schreibstil, auch die typische Wortwahl, der Satzbau und die Orthografie konnten eigentlich ganz klar der jeweiligen Autorin zugeordnet werden, die abwechseln von dem Fakeaccount bösartige Kritiken abließen und langsam begannen sich die anderen Leser ebenfalls zu formieren und Bemerkungen dazu zu hinterlassen. Felix leitete die Konservationen direkt an den Forenbetreiber weiter, der allerdings momentan sehr im Stress war und deshalb erst einmal die Augen verdrehte. Diese versteckten Andeutungen würden ja bedeuten, dass er jetzt die ganzen Feeds lesen müsste, da hatte er so überhaupt keine Lust zu. Normalerweise war Pen der Admin für speziell diesen Bereich, die hielt schon seit Jahren den Laden sauber und war auch persönlich mit ihm befreundet. Diese Anschuldigungen, die da durchblitzten konnten einfach nicht der Wahrheit entsprechen, dann kam nämlich sein Weltbild ins Wanken! Sowas würde Elisa Miller doch nie tun! Allerdings würde er sich am kommenden Wochenende jetzt wohl oder übel damit ausgiebig beschäftigen müssen, denn inzwischen meldeten sich immer mehr Autoren und Leser, die das interessierte, zur Sache.
    Auf eine besonders geharnischte Bemerkung hin postete Sarah, vielleicht das Schreiben ganz sein zu lassen, wenn ihre Geschichten so viel Ärger verursachten. Auch wenn ihr ihre Stammfeeder das Gegenteil versicherten, war sie zutiefst verunsichert, ob es das wert war. Ihr Ideenfluss war durch den Stress fast völlig zum Erliegen gekommen und wenn Ben ihr nicht täglich durch seine Erzählungen von seiner aktuellen Arbeit Vorlagen liefern würde, wüsste sie gar nicht, was sie schreiben sollte, so sehr war ihre Kreativität, aber auch allgemein ihre Laune durch den Kummer belastet. Inzwischen hatte sie begonnen fast täglich am Vormittag mit Felix zu telefonieren, der immer noch Urlaub hatte.


    Auch wenn Ben es nicht wahrhaben wollte-Sarah hatte sich verändert. Sie war sonst immer so fröhlich und positiv gewesen, jetzt wirkte sie oft gehetzt und unkonzentriert und brauste schnell auf, wenn die Kinder etwas anstellten, was gerade bei ihrem Spitzbuben Tim an der Tagesordnung war. Auch ging ihm die Bemerkung der Nachbarin nicht aus dem Kopf, aber er wollte Sarah nicht zur Rede stellen, auch wenn Tim immer mal wieder im Spiel den Namen Felix erwähnte. So langsam begann Ben zu glauben, dass Sarah tatsächlich einen Liebhaber hatte und war deshalb zutiefst unglücklich. Allerdings log er sie ja ebenfalls bezüglich Natascha an. Wenn er ihr auch sonst so ziemlich Alles erzählte, was Semir und er in den Nächten erlebten, sparte er Natascha völlig aus. Meistens war er morgens nach ihren frustranen Streifzügen durch die Kölner Unterwelt auch so mega müde, dass er keine Lust auf Sex mehr hatte und so war es schon eine gefühlte Ewigkeit her, seitdem sie das letzte Mal miteinander geschlafen hatten.

    Eines Vormittags musste er zu seinem großen Ärger aufstehen, um zur Toilette zu gehen, danach tat er sich nämlich immer schwer, wieder einzuschlafen, wenn es draußen so hell war und als er schlaftrunken auf nackten Füßen zum Bad tapste, hörte er Sarah im Spielzimmer telefonieren, wo sie sich anscheinend mit Mia-Sophie aufhielt, denn Tim war noch im Kindergarten. Er kam sich zwar mies dabei vor, aber als er meinte den Namen Felix zu vernehmen, blieb er hinter der Türritze stehen und lauschte. Wie hatte seine verstorbene Mutter immer zu ihm als Kind gesagt: „Der Lauscher an der Wand, hört seine eigene Schand!“, das fuhr ihm jetzt durch den Kopf.
    „Ach Felix-wenn ich dich nicht hätte!“, redete Sarah gerade in den Hörer und ihre Stimme klang warm und freundlich, was Ben einen Stich versetzte. „Ich hätte nie gedacht, dass du und das was du tust, einmal so wichtig für mich werden könnten. Außer dir kann mich sowieso niemand verstehen!“, fuhr sie fort und Ben wurde es abwechselnd heiß und kalt, so weit war es also schon! Seine Frau hatte tatsächlich einen Liebhaber-aber wie sollte es jetzt mit ihnen weiter gehen? Er widerstand dem ersten Impuls ins Zimmer zu stürmen und sie zur Rede zu stellen, sondern machte nun die Schlafzimmertüre extra laut ein zweites Mal auf, ging zur Toilette, spülte und wusch sich die Hände demonstrativ geräuschvoll und als er zurück ging war die Stimme aus dem Spielzimmer verstummt. Ben war zutiefst unglücklich und konnte gar nicht mehr einschlafen-verdammt, was sollte er nur tun? Gerade heute hatte er wieder ein Treffen mit Natascha im Schnellrestaurant vereinbart, die ihm angeblich etwas Wichtiges mit zu teilen hatte. Am liebsten hätte er allerdings sofort beruflich alles hin geworfen, um sich um seine Ehe und seine Familie zu kümmern, aber er war so verwirrt , enttäuscht und auch beleidigt, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. Was hatte dieser Felix, was er nicht hatte?


    Fast war er froh, als er am Nachmittag aufstand, nachdem er sich vier Stunden im Bett herum gewälzt hatte und völlig übermüdet war, dass ein Zettel von Sarah da lag, dass sie mit den Kindern und der Nachbarin beim Baden war, so konnte er dem schicksalhaften Gespräch noch ein wenig ausweichen. Vielleicht war es sowieso klug, er sprach erst einmal mit Semir darüber, er wusste nur eines-er liebte Sarah immer noch so, dass es beinahe weh tat und er wollte sie auf keinen Fall verlieren, aber wie weit war deren Beziehung zu dem anderen Mann schon gediehen und empfand sie überhaupt noch was für ihn? So schlürfte er lustlos seinen Kaffee, machte sich dann etwas vom leckeren Mittagessen warm, das Sarah mittags gekocht hatte und gab Lucky, der ihn erwartungsvoll an wedelte einen Hundekeks. „Ach alter Junge, was soll denn aus uns werden, wenn Sarah uns verlässt!“, sagte er sorgenvoll und ging dann erst noch mit dem grauen Riesen eine Runde joggen, bevor er sich für die Arbeit und das Treffen mit Natascha anzog und das Haus verließ.

  • Natascha war klar-Ben als hauptberuflichem Zocker musste es furchtbar abgehen, teuer zu spielen. Sie arbeitete nun schon geraume Zeit in diesem Milieu und Spielen war eine Sucht wie Rauchen, Alkohol oder Drogen. Sie sah immer die verzückten Gesichter, wenn professionelle Glücksspieler ihrer Leidenschaft frönten und wenn sie ein Spiel gewannen, wäre das schöner als jeder Orgasmus, hatte ihr mal einer anvertraut. Wenn sie es schaffen könnte, dass ihr Mr. Sexy in den Verteiler aufgenommen würde, würde er ihr sicher zutiefst dankbar sein und im Gegensatz zu den meisten Frauen, die dafür kein Verständnis hatten, war sie ja selber ein Teil der Szene. Man war allerdings sehr misstrauisch in diesen Kreisen, man brauchte entweder einen Bürgen oder sonstige Connections, um in den inneren Spielerkreis aufgenommen zu werden. Die Spieler hatten Angst vor Polizeispitzeln und wussten sich zu schützen. So mancher V-Mann hatte das schon versucht, aber in der letzten Zeit kam von oben eine klare Anweisung, wer dem Netzwerk zugefügt wurde und wer nicht.

    Der große Unbekannte war eigentlich gar nicht so unbekannt. Er traf sich allerdings persönlich mit seinen Vertrauten, wenn er ihnen etwas mitzuteilen hatte-jede Art von Kommunikationstechnologie konnte geknackt werden- und so teilte er seinen Kollegen zwar mündlich mit, wie die Strategie der Woche war, sie erfuhren, wo Razzien stattfinden würden, manchmal lang- und dann wieder kurzfristig, aber er war dem Verteilersystem nicht angegliedert und konnte somit auch nicht rückverfolgt werden. Die Treffen fanden nach einem bestimmten Schema abwechselnd in den Hinterzimmern der Spielclubs statt, wo keine Kameras installiert waren, im Gegensatz zu den Lokalen, die überall versteckt angebrachte Überwachungskameras hatten, deren Bilder auf große Monitore in eben diese Hinterzimmer übertragen wurden. Als Besonderheit fanden diese Treffen immer in den frühen Morgenstunden zwischen sechs und sieben statt, wenn in den Spieletempeln endlich Feierabend war und die ersten Werktätigen normalerweise bereits zur Arbeit strebten.

    Natascha hatte das Vertrauen ihres Chefs und war angehalten worden, dort am Morgen zu bedienen und die Geschäftsleute, die von der Spielsucht der Kölner lebten, mit Kaffee, antialkoholischen Getränken und kleinen Snacks zu versorgen. Wie ein Schatten hatte sie sich im Hintergrund gehalten, neugierig die Gesichter der Anwesenden gemustert, von denen sie viele kannte, aber andere wieder nicht. Ein Mann im dezenten grauen Anzug, der wirkte wie ein normaler Geschäftsmann, war ihr besonders aufgefallen. Er hatte ausgeruht ausgesehen, zweimal Kaffee nachbestellt und führte anscheinend das Wort, denn die anderen lauschten interessiert und angespannt, als er etwas erzählte, wovon sie aber nichts mitbekam, denn die Gespräche verstummten, wenn sie servierte und wurden erst wieder aufgenommen, wenn sie außer Hörweite war.


    Jeder der in den inneren Spielerkreis aufgenommen werden sollte, wurde zuerst durchleuchtet. Man gab dem Geschäftsmann Bilder mit, die er durch irgendwelche Computer jagte und Erkundigungen einzog. Erst wenn die Identität zweifelsfrei fest stand, wurden die Spieler angesprochen und wenn Interesse bestand, dann dem Verteiler unter einem nickname zugefügt. Natascha´s Chef hatte diesmal-gedrängt auch von der jungen Frau- heimlich aufgenommene Bilder von Semir und Ben als potentiellen Neukunden parat, die sich nach einem kurzen Blick darauf, der Geschäftsmann einsteckte. „Sie bekommen Bescheid!“, hatte er versichert und Natascha hatte von der kleinen Theke aus interessiert die Vorgehensweise beobachtet-aha, so lief das also!
    Als sie nach Beendigung ihrer Arbeit dann in ihr Bett strebte, lag irgendwo ein Kölner Tagblatt herum und als Nataschas Blick darauf fiel, erkannte sie sofort das Gesicht des Geschäftsmanns. Sie las den dazu gehörigen Artikel und ein Schmunzeln zog über ihr Gesicht-oh da hatte man anscheinend den Bock zum Gärtner gemacht, aber das ging sie eigentlich nichts an, sie liebte ihr Leben, so wie es war und ihr nächstes Projekt war einfach ihren Mr. Sexy zu erobern und das würde ihr mit ihrer Strategie auch gelingen!


    Sarah war erst vom Schwimmen zurück gekommen, als Ben schon weg war und sie bedauerte das eigentlich. Hoffentlich war dieser Undercovereinsatz bald vorbei, irgendwie kamen sie zu gar nichts mehr, auch nicht im Bett, außer reden! Allerdings war sie fast froh, dass Ben ihr dennoch jeden Tag neues Futter für ihre Storys lieferte, denn sie fühlte sich ihren Lesern einfach verpflichtet. Felix hielt sie ständig auf dem Laufenden-sie wechselte mit ihm gerade fast mehr WhatsApps, Mails usw. als mit ihrer besten Freundin! Der hatte sich in den Kopf gesetzt noch in seinem Urlaub, der nächste Woche zu Ende sein würde, die beiden linken Autorinnen zu überführen, ohne dass er preisgeben musste, wie er an die Informationen zu ihrer Identität gekommen war, aber der Forenbetreiber und viele andere Autoren und Leser waren von dieser Affäre jetzt ebenfalls angefixt und pochten auf Aufklärung, das kam ihnen sehr zu passe! Heimlich hatte Felix sich wieder die PNs angeschaut, die Elisa und Milena wechselten und daraus entnommen, dass die Norddeutsche zu Besuch nach Köln komme wollte, dort bei Elisa wohnen würde und sie sich da Gedanken darüber machen wollten, wie es weitergehen solle. Elisa hatte in der PN auch ihre Wohnadresse gepostet, Felix wusste, wann Milena dort ankommen würde, denn auch die Zugankunft war so mitgeteilt worden und Elisa hatte ihrer Freundin auch noch die beste U-Bahn und Busverbindung bis zu ihrer Heimatadresse mitgeteilt.


    Sarah hatte erneut die Nerven verloren, als sie die bösartigen Kommentare zu lesen bekam, die am heutigen Tag gepostet worden waren. „Nachdem meine Geschichten anscheinend nur für Unfrieden sorgen, überlege ich mir, das Schreiben sein zu lassen. Ich will niemandem mehr auf den Schlips treten und obwohl gerade absolut keines meiner Kapitel im Krankenhaus spielt, was ja der Hauptkritikpunkt hier überhaupt zu sein scheint, ist es anscheinend ja doch nicht Recht, was ich hier poste!“, schrieb sie unter eines der geharnischten Feeds und brach kurz darauf in Tränen aus, so dass Tim, der gerade am Boden im Wohnzimmer mit seinen Matchboxautos spielte, dabei mannigfaltige Crashs verursachte und wie der Papa auch da schon einige davon geschrottet hatte, aufmerksam wurde, zu ihr kam, seine Ärmchen um ihren Hals schlang und wissen wollte, warum sie so traurig war. Sarah strich ihrem kleinen Dreijährigen, der ein Ebenbild seines Vaters war, die vorwitzige Strähne, die ihm immer ins Gesicht fiel, aus den Augen und sagte unter Tränen. „Ach Tim-deine Mama ist manchmal ein bisschen doof, aber das wird schon wieder!“ und beschloss, jetzt endlich zu Potte zu kommen. Entweder diese Affäre auf der Schreiberplattform löste sich auf, oder sie würde tatsächlich Nägel mit Köpfen machen und das Schreiben sein lassen. Es ging nicht an, dass ihre Ehe und ihre Familie darunter litten, Felix hatte ihr auch schon neueste Erkenntnisse mitgeteilt, die PNs alsScreenshot an sie weiter geleitet und sie fasste jetzt einen Entschluss-nämlich ihre Feindinnen, Konkurrentinnen oder wie auch immer man die beiden Damen betiteln wollte, persönlich zur Rede zu stellen. Von Felix wusste sie, wann Milena morgen bei Elisa ankommen würde, sie würde da ebenfalls auf der Matte stehen und die Sache beenden, egal wie es ausging. Sie wollte den beiden einfach persönlich sagen, wie link sie deren Masche fand-sie hätte durchaus damit leben können, wenn die mit offenen Karten spielten und unter ihrem eigenen Account ihre persönliche private Meinung posteten, da konnte sie damit umgehen, aber das andere war einfach falsch und unfair und das würde sie den beiden ins Gesicht sagen!
    Als sie den Entschluss gefasst hatte, fühlte sie sich besser und sie rief gleich Hildegard an, ob die am Nachmittag für ein paar Stunden die Kinder nehmen würde, was die voller Freude zusagte, sie liebte doch Tim und die kleine Mia-Sophie wie ihre eigenen Enkelkinder. „Und bring Lucky mit-Frederik hat auch schon Sehnsucht nach seinem Freund, er hat ihn schon über eine Woche nicht mehr gesehen!“, ermahnte sie ihre Kinderfrau und als Sarah den Hörer auflegte, durchströmte sie ein warmes Gefühl. Sie hatte eigentlich ein perfektes Leben, einen tollen Mann, süße gesunde Kinder, ein wundervolles Haus und in Hildegard jemanden, der so ein Zwischending zwischen Freundin und Oma war und ihr und auch Ben alle Freiheiten ermöglichte. Sie konnten durchaus mal alleine ausgehen-Hildegard versorgte absolut liebevoll und zuverlässig die Kleinen und den Hund gleich dazu. Die Kinder liebten sie und gingen immer gerne dorthin, aber sie kam wenn es nötig war, auch zu ihnen ins Haus, es war einfach perfekt. Sie musste jetzt zusehen, dass sie den Kopf frei kriegte, damit ihr Leben wieder in geordneten Bahnen verlief und mit einem Anflug von schlechtem Gewissen wurde ihr klar, dass sie in letzter Zeit so manchen unter dieser doch so unwichtigen Affäre unter Schreiberlingen hatte leiden lassen-auch Ben und ihre Kinder, das musste ein Ende haben!


    Natascha hatte gemeinsam mit Ben, der heute abwesend und niedergeschlagen wirkte, einen Kaffee getrunken. Sie hatten erst ganz normal über Belanglosigkeiten geredet, aber als Natascha dann, um ihm eine Freude zu machen, mit der Sprache heraus rückte, merkte Ben plötzlich auf und eine gewisse Spannung durchzog seinen Körper. „Ben-heute Morgen hat sich mein Chef mit den anderen Spielclubbetreibern und anderen interessanten Typen getroffen. Dort wurde beratschlagt, ob ihr dem festen Spielerkreis zugefügt werdet, wo richtig gespielt wird, nicht nur für Peanuts!“, plapperte sie und Ben war plötzlich ganz Ohr. Semir hatte Recht gehabt-Natascha wusste mehr als er erwartet hätte, plötzlich waren sie ganz nahe dran am Maulwurf, denn es war fast anzunehmen, dass er ebenfalls Teil dieses erlesenen Zirkels war. Betont desinteressiert murmelte er nur: „So, das ist aber schön-und wann ist mit Ergebnissen zu rechnen, wie läuft das und wer entscheidet jetzt über meine Zukunft?“, wollte er wissen, aber Natascha schüttelte nur geheimnisvoll mit dem Kopf. „Das ist geheim-du wirst es schon zur rechten Zeit erfahren, wenn du auserwählt wurdest!“, antwortete sie fast ein wenig schnippisch und innerlich seufzte Ben auf. Verdammt-gerade interessierte ihn seine Arbeit eigentlich einen feuchten Kehricht, Sarah und wie es mit ihnen als Paar weitergehen sollte, war viel wichtiger, aber dennoch waren sie jetzt näher am Maulwurf dran, als je zuvor. „Hälts du mich auf dem Laufenden?“, fragte er dann Natascha betont beiläufig und erhob sich, denn es wurde Zeit, sich mit Semir zu treffen. Nach kurzer Überlegung umarmte er Natascha noch kurz und drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel. „Danke, dass du dir so viel Mühe für mich gibst, ich weiss das zu schätzen!“, sagte er dann freundlich und Natascha schwebte im siebten Himmel. Er hatte sie an sich gezogen und sie geküsst-bald würde sie ihn im Bett haben und dann gehörte er ihr mit Leib und Seele, dafür würde sie schon sorgen!

  • Der Mann im grauen Anzug hatte die Bilder an sich genommen. Kaum an seiner zweiten Arbeitsstelle angekommen, legte ihm seine Sekretärin den Terminplan des Tages vor. Er hatte noch kurz Zeit und schickte deswegen seine rechte Hand zum Kaffee holen und ihm in der nächsten Bäckerei ein Croissant besorgen. Derweil scannte er rasch im Vorzimmer die Bilder der beiden Männer ein, die ihm vorher übergeben worden waren und als er das Ergebnis auf dem Bildschirm sah, zog ein verschlagenes Lächeln über sein Gesicht. „Willkommen in meiner Welt, Gerkhan und Jäger, alias Ali und Luke!“, murmelte er hämisch, löschte den Vorgang und steckte die Bilder in den Aktenvernichter, wo sie in tausend kleine Fitzelchen zerschreddert wurden. Dann setzte er sich an seinen PC und las aufmerksam Sarah´s neuestes Kapitel. Durch Zufall war er auf die Geschichten im Internet gestoßen, denn er las gerne und wenn er mehr Zeit hätte, würde er auch selber schreiben. Bald hatte er entdeckt, dass die Storys dieser speziellen Autorin sehr nahe an der Realität waren-na außer der Lovestory darin. Er wusste also, was seine Widersacher gerade so trieben und vorhatten und checkte danach noch die PN´s. Auch ihm war es ohne Probleme gelungen die Firewall des Forums zu knacken und so erfuhr er ebenfalls von der Ankunft der zweiten Kritikerin am Nachmittag in Köln. „Den Damen werde ich mal das Handwerk legen, sonst verliert mein Goldkehlchen vielleicht noch die Lust, mich mit Informationen zu versorgen!“, beschloss er und als seine Sekretärin mit dem dampfenden Kaffee und dem Croissant zurück kam, bedankte er sich mit einem strahlenden Lächeln und bat sie für den Nachmittag ab 15.00 Uhr alle Termine abzusagen.


    Sarah hatte nach dem Mittagessen die Kinder und Lucky zu Hildegard gebracht, während Ben heute vor Erschöpfung schlief wie ein Toter. Außerdem kratzte es in seinem Hals-na prima, er würde also auch noch eine Erkältung kriegen, das war aber kein Wunder, er lebte schließlich gerade voll ungesund, nachts arbeiten und untertags schlafen war einfach unnatürlich!
    Voller schlechten Gewissens hatte Sarah ihrem Mann einen Zettel hin gelegt: „Treffe mich mit ein paar Freundinnen, die Kinder und Lucky sind bei Hildegard!“, hatte sie geschrieben, obwohl das ja nicht ganz der Wahrheit entsprach-Freundinnen war vielleicht nicht der richtige Ausdruck für Elisa und Milena. Sie hatte außerdem gar keine Ahnung wie die beiden aussahen, darum musste sie einfach vor der Wohnung in Chorweiler warten, bis die Autorin aus dem Norden dort eintraf und so stand sie ab 15.30 Uhr wie zufällig um die Ecke bei den Mülltonnen, sah anscheinend konzentriert auf ihr Handy und beobachtete den Hauseingang. Die Wohnung war im Parterre, so viel hatte sie bei einem ersten Kontrollgang anhand des Klingelschilds herausgefunden.
    Sie bemerkte nicht, wie kurze Zeit später ein Lieferwagen mit abgedunkelten Scheiben näher fuhr, an der Straße geparkt wurde, aber niemand ausstieg-zu sehr war sie auf den Hauseingang fokussiert. Felix hatte sie ebenfalls noch schnell eine Nachricht geschrieben: „Ich halte es nicht mehr aus und werde die beiden Damen zur Rede stellen!“, hatte sie ihm kurz mitgeteilt, woraufhin er sofort alles stehen und liegen ließ, mit einem Fluch in seinen Wagen sprang-verdammt, drei aufgebrachte Frauen bei denen die Emotionen hoch schlugen-er musste unbedingt Sarah schützen, die hatte keine Ahnung auf was sie sich einließ!


    Als Ben erwachte, fühlte er sich richtig krank und großes Selbstmitleid überkam ihn-nicht mal Sarah war da, die ihm sonst einen Tee gekocht und ihn bemitleidet hätte-die traf sich mit ein paar Freundinnen, wie er dem Zettel in der Küche entnahm-aber vielleicht war sie ja auch bei ihrem Liebhaber, fuhr es ihm dann wie ein Stich ins Herz und brachte ihn zum verzweifelten Aufstöhnen. Semir hatte sich seinen Kummer gestern angehört und ihn vor Vorverurteilungen gewarnt. „Rede mit ihr, frag sie was los ist und warum es bei euch nicht gut läuft, vielleicht ist das mit diesem Felix ganz harmlos, interpretiere jetzt nicht zu viel in diese ganzen Indizien, die du hast hinein, du weisst doch aus unserer Arbeit, wie oft man da falsch liegt und wenn es da tatsächlich einen anderen neben dir gibt, dann kämpfe um sie, wenn du sie noch so liebst!“, hatte er ihn ermuntert, aber am Morgen hatte Ben die Kraft für so ein Gespräch gefehlt, vermutlich waren das schon die Vorzeichen der Grippe gewesen und so hatte er ihr wie jeden Tag einfach von der Arbeit erzählt, bis er dann eingeschlafen war. Seufzend warf er zwei Aspirin ein und legte sich dann nochmals hin. Vielleicht kamen sie mit Natascha´s Hilfe dem Maulwurf bald näher und konnten diesen Sch…job endlich beenden-er wollte wieder wie gewohnt mit Semir auf die Autobahn.

  • Durch Sarah ging ein Ruck. Da kam eine etwa vierzigjährige, etwas untersetzte Frau mit dunkelblonden Haaren mit einem Rollkoffer die Straße entlang und blickte suchend auf die Hausnummern. Das musste diese Milena sein! Gespannt wartete sie und tatsächlich trat sie dann zur Haustür, um dort die Klingel zu bedienen. Sarah wollte erst dem Impuls folgen und sich dazu gesellen, aber dann blieb sie an Ort und Stelle, gut verborgen hinter den Mülltonnen und verdeckt von einem kleinen Gebüsch.
    Was ging eigentlich in ihr vor und was wollte sie hier? Würde es irgendetwas bringen, wenn sie wie ein keifendes Waschweib mit ihren beiden Kontrahentinnen im Hausflur stand und die zur Rede stellte? Das war nun wahrlich unter ihrer Würde und sie bezweifelte aktuell, ob sie sich danach in irgendeiner Weise besser fühlen würde. Hier war ihr Temperament mit ihr durchgegangen, aber jetzt war sie irgendwie ernüchtert, vielleicht auch weil die Frau einfach so ganz normal aussah. Sarah war eigentlich auch kein aggressiver Typ, sie versuchte primär mit Reden Probleme zu lösen, aber um ein ruhiges Gespräch zu führen, kreuzte man nicht einfach vor der Wohnung seines Gegenüber auf, noch dazu, wenn man sozusagen illegal an die Wohnadresse gekommen war. Wie sollte sie das den beiden Frauen nämlich plausibel machen, ohne Felix zu enttarnen? Der Forenbetreiber hätte eigentlich als Einziger legal die Möglichkeit über die bei ihm gemeldete IP-Adresse an die Wohnadresse zu kommen, aber was hätte der davon-außerdem hatte sie in Erinnerung, dass die Angabe der Postanschrift bei der Anmeldung auf freiwilliger Basis möglich war. Auch hatte Sarah aus manchen Schriftwechseln zwischen Pen und dem Forengründer entnommen, dass die beiden sich vermutlich sogar persönlich kannten-nein, sie durfte jetzt gar nichts unternehmen, sondern würde einfach den Rückzug antreten und nochmals überdenken, ob sie weiterschreiben wollte, oder eben nicht. Eigentlich sollte sie die Kritiken der beiden Damen und ihrer gemeinsamen Kunstidentität einfach ignorieren und sich nicht zu Herzen nehmen, was die so abließen. Es musste genügen zu wissen, dass die es nötig hatten, sie zu denunzieren-das bedeutete nämlich ja eigentlich, dass sie Angst vor ihr hatten und sie als Schreiberkonkurrenz sahen. Dabei waren deren eigene Geschichten ja auch nicht schlecht-früher hatte sie die gelesen und auch Feedbacks dazu abgegeben, bis die Kommentare der beiden, da noch von deren normalem Account, zu ihren Geschichten dann unverschämt wurden, dann hatte sie aufgehört. Jeder hatte doch seinen eigenen Geschmack und das Recht Storys zu lesen, oder auch nicht, aber anscheinend waren die hohen Zugriffszahlen und die vielen Feeds der Grund für den Missmut und die linke Aktion ihrer Mitautorinnen.
    Sie würde jetzt einfach nach Hause gehen und fast tat es ihr leid, dass sie Felix da auch noch mit rein gezogen hatte, sie würde dem jetzt gleich ne WhatsApp schreiben, dass sie es sich anders überlegt hatte, da wurde plötzlich die Haustür geöffnet und eine Frau um die Fünfzig mit Kurzhaarfrisur öffnete von Hand. Die beiden Damen fielen sich um den Hals und auf die Entfernung konnte Sarah irgendetwas von kaputtem Türöffner verstehen, aber noch bevor sie sich beschämt von dannen machen konnte, geschah etwas, was sie nicht erwartet hätte!


    Plötzlich tauchten zwei dunkel gekleidete Männer, die sich Sturmmasken über ihre Köpfe gezogen hatten, hinter ihnen auf und nötigten die beiden Frauen, die jede einen entsetzten Schrei ausstießen, zu einem Lieferwagen mit getönten Scheiben, der auf der Straße geparkt war. Sarah überlegte fieberhaft was sie tun solle-auch wenn sie es kaum glauben konnte, aber anscheinend wurde sie gerade Zeugin einer waschechten Entführung! Eines war ihr klar, sie durfte jetzt nicht gesehen werden, sonst konnte sie Elisa und Milena auf gar keinen Fall helfen. Anscheinend hatten die beiden Typen sie auch noch nicht bemerkt und so duckte sie sich in das kleine Gebüsch und versuchte durch die Zweige das Kennzeichen des Lieferwagens zu lesen, dann konnte sie den Notruf wählen oder besser noch Ben verständigen, der dann alles Nötige in die Wege leiten würde. Allerdings war das Nummernschild ziemlich mit Dreck verschmiert, außer dem K für Köln vorne konnte sie gar nichts richtig lesen.
    Die beiden Frauen wurden recht grob mitsamt dem Koffer in den Wagen gestoßen und während der eine der beiden Männer sich jetzt nach vorne auf den Fahrersitz setzte und die Sturmmaske abnahm, um kein Aufsehen zu erregen, kletterte der andere mit auf die Ladefläche und schloss die Tür von innen. Sarah hatte ein Messer aufblitzen sehen mit dem ihre Kontrahentinnen anscheinend in Schach gehalten wurden und dann setzte sich der Lieferwagen auch schon in Bewegung.
    Irgendwie kam Sarah das Gesicht des Fahrers bekannt vor, sie war sich allerdings sicher, dass sie ihm noch nie persönlich begegnet war, also musste sie ihn von einem Foto oder aus dem Fernsehen kennen, konnte ihn aber aktuell nicht zuordnen.


    Gerade wählte sie Ben´s Nummer, denn die in der Notrufzentrale würden ihr sicher nicht glauben, während das Wort ihres Mannes galt und der außerdem jetzt sicher schon auf war, da bog plötzlich Felix mit seinem schicken BMW um die Ecke und jetzt spurtete Sarah, die deswegen völlig überrascht war-was tat der hier, aber egal, er kam wie gerufen-zu seinem Fahrzeug, riss die Tür auf und sprudelte heraus: „Felix, fahr los und folge dem dunkelblauen Lieferwagen dort vorne-gerade sind Pen und die Autorenelite entführt worden!“, und merkte leider nicht, wie ihr ihr Handy beim Einsteigen in der Hektik entglitt und zu Boden fiel. Wenig später fanden zwei Jugendliche das neuwertige I-Phone, nahmen sofort die SIM-Karte heraus und verscherbelten es Minuten später schon auf dem Schwarzmarkt-in Chorweiler nahm man es nicht so genau mit der Ehrlichkeit!

  • Felix fragte völlig verdutzt nach: „Sag mal, bist du dir ganz sicher, dass du dir nicht was einbildest?“, denn die Situation war irgendwie ziemlich surreal. Wenn er nicht mit Sarah in den letzten Wochen viel Zeit verbracht hätte, würde er behaupten, dass ihre blühende Phantasie mit ihr durchging, aber die war ihm eigentlich völlig normal vorgekommen und was Fakt war-vor ihnen entfernte sich zügig ein dunkler Lieferwagen mit getönten Scheiben, wer auch immer darin war. Felix hatte mit seinem PS-starken Gefährt keinerlei Probleme damit, dem zu folgen, schwierig war nur, den im Kölner Stadtverkehr nicht zu verlieren. Sarah hatte nun begonnen hektisch in ihren Jackentaschen und der Handtasche zu kramen. „Verflixt mein Handy-gerade hatte ich es noch-wo ist das hin? Ich muss dringend Ben anrufen!“, fluchte sie verhalten. „Nimm meines, es liegt da in der Mittelkonsole!“, trug ihr Felix auf, aber als Sarah danach griff, gab es einen Warnton von sich und dann erlosch der Bildschirm. „Verdammt-ich wollte es noch laden!“, bemerkte Felix ein wenig schuldbewusst. „Hast du kein Ladekabel fürs Auto?“, fragte Sarah, aber der junge Mann mit den bunt gefärbten Haaren schüttelte den Kopf.


    Inzwischen war der Lieferwagen auf die Stadtautobahn A57 eingebogen und fädelte sich in den fließenden Verkehr Richtung Süden ein. Felix gelang es aufzuschließen und nun trennten nur noch wenige Fahrzeuge die beiden Autos und Felix begann die Sache langsam Spaß zu machen-wer träumte als junger, sportlicher Autofahrer nicht von packenden Verfolgungsjagden und schaute auch entsprechende Fernsehserien wie „Alarm für Cobra 11“ deswegen. Wie ein alter Hase nutzte er die Deckung der anderen Fahrzeuge, überholte sogar mal ganz kurz, um sich wieder zurück fallen zu lassen, aber er seinerseits kannte das Gesicht des Fahrers nicht, wie er Sarah erklärte.
    Die junge Frau hatte ihm derweil von ihren Beobachtungen erzählt und Felix rätselte nun, genauso wie sie, darüber, warum die beiden Frauen wohl entführt worden waren. „Das kann doch kein Zufall gewesen sein, aber uns bleibt jetzt gar nichts anderes übrig, als zu sehen, wohin sie gebracht werden und dann die Polizei zu verständigen!“, beschlossen sie einstimmig und nach einer Weile setzte ihr verfolgtes Fahrzeug den Blinker und verließ die Autobahn, um über die Merian- und die Kanalstraße Richtung Ehrenfeld zu fahren.
    Felix hatte die größte Mühe sich nicht abhängen zu lassen und ein wütendes Hupkonzert und böse blickende andere Autofahrer, die ihm den Vogel zeigten, waren die Folge seines Spurenschneidens. Der Fahrer des Lieferwagens hatte daraufhin in den Rückspiegel gekuckt und aufmerksam den nachfolgenden Verkehr gemustert. Gezielt bog er nun mehrfach ab und stellte nach kurzer Zeit fest, dass ihm ein sportlicher BMW folgte. „Na warte Bürschchen, dir werde ichs zeigen!“, beschloss er und versuchte mit allen Tricks das Verfolgerfahrzeug abzuhängen. Nach einer Weile war er der Überzeugung dass ihm das gelungen war, denn nirgends war jetzt ein weißer BMW mehr zu entdecken und eines war sicher-das war kein Polizeifahrzeug gewesen, sonst wären sie schon lange geschnappt worden. Vermutlich war es doch Zufall gewesen und er hatte sich das nur eingebildet mit der Verfolgung und so strebte er aufatmend seinem Ziel zu-einer alten, still gelegten Fabrik, zu der er in Ausübung seines Amtes einen Schlüssel hatte-man überlegte nämlich, ob man die abreißen oder zum Industriedenkmal erheben sollte und dazu waren langwierige Prüfungen der historischen Substanz erforderlich. Bei einer Ortsbegehung mit dem Bürgermeister hatte er das Potential der Örtlichkeit erkannt, dort gab es viele komplett dichte und abschließbare Räume-ein idealer Platz, um jemanden auch für längere Zeit zu verstecken.

    Er rangierte jetzt rückwärts vor das äußere Tor, blickte um sich, konnte aber keine Menschenseele in der Nähe entdecken und nun öffnete er das Tor und fuhr aufs Fabrikgelände. Dann zog er seine Maske wieder übers Gesicht-wenn ihn jemand erkannte, wäre das dessen Todesurteil-und öffnete nach dem Verschließen des Tores von innen dann die rückwärtige Fahrzeugtür, wo sein immer noch mit der Sturmhaube getarnter Komplize derweil den beiden Frauen, die starr vor Angst waren, mit Kabelbindern die Hände auf den Rücken gefesselt hatte. Gemeinsam nötigten sie die beiden Damen aus zu steigen und der Fahrer des Wagens bemerkte süffisant: „Schreien bringt nichts-hier ist keine Menschenseele, ich rate euch, euch ruhig zu verhalten und ein paar Tage unsere Gäste zu sein. Warum hat euch nicht zu interessieren, nur so viel-ich weiß, dass ihr beide Urlaub habt und euch so bald niemand vermissen wird. Wenn ihr kooperiert, dürft ihr in einiger Zeit wieder in euer gewohntes Leben zurück und wir vergessen das Ganze. Wenn ihr allerdings zu fliehen versucht, oder hinterher die Polizei verständigt, seid ihr dem Tode geweiht, also überlegt euch gründlich, was ihr zu tun gedenkt!“, bedrohte er sie und jetzt nötigte sein Komplize, der ein langes Messer mit fest stehender Klinge in der Hand hielt, die beiden Damen in Richtung einer Kellertreppe und mit zögernden Schritten gingen Elisa und Milena hin, wo ihnen befohlen wurde.


    „Verdammt, ich glaube der hat uns bemerkt!“, rief Felix, als der Lieferwagen nun plötzlich begann mal nach hier und dann wieder nach dort ab zu biegen. Eines war klar, der Fahrer war ortskundig, aber das war Felix auch und mit einigen Tricks und viel Glück schaffte er es den Fahrer wieder in Sicherheit zu wiegen und als der schließlich in das alte abgewrackte Industrieviertel mit den vielen leer stehenden Fabriken, das fest in türkischer Hand war, einbog, wartete Felix immer, bis der um die nächste Ecke gefahren war, bis er ihm nachsetzte. Als der Lieferwagen dann anhielt und der jetzt wieder maskierte Fahrer ausstieg, die menschenleere Straße nach beiden Seiten musterte und dann mit einem Schlüssel ein Tor öffnete, hatte Felix seinen Wagen um die Ecke abgestellt und Sarah und er spähten angespannt, wohin der Lieferwagen sich bewegte. Kurz darauf wurde das Tor wieder verschlossen und jetzt rannten die beiden Hobbydetektive nach vorne und schauten, wie sie auf das riesige Gelände gelangen könnten. Auch wenn ihnen beiden klar war, dass sie jetzt besser die Polizei verständigt hätten, trieb sie doch die Neugier und weil die Backsteinmauer, die das Fabrikgelände umschloss, an vielen Stellen brüchig war, kletterte Felix nach oben und Sarah, die ja nicht weniger sportlich war, folgte ihm, ohne lange nachzudenken. Mit angehaltenem Atem beobachteten sie aus einiger Entfernung, wie die beiden Frauen zu einer Kellertür genötigt wurden, was sie aber nicht bemerkten war, dass ein prüfender Kontrollblick des einen maskierten Mannes die beiden Köpfe entdeckt hatte, die sich hinter einem Pfeiler duckten.


    Kaum hatten die beiden Männer die entführten Frauen in den vorbereiteten Kellerraum genötigt, wo zwei Matratzen mit Wolldecken auf dem Boden lagen, mehrere Sixpacks mit Wasser, Brot und eingedoste Wurst bereit standen, sogar an einen Eimer mit Deckel und Toilettenpapier für die Notdurft hatte man gedacht und Milena´s Koffer durfte auch mit- flüsterte der eine dem anderen zu: „Wir haben Besuch!“, und sein Kollege nickte-beinahe hatte er schon damit gerechnet! Sorgfältig verschlossen sie die Kellertür und dann teilten sie sich auf, um ihre Verfolger zu stellen und wenn nötig zu eliminieren.


    Ben hatte noch ein wenig geschlafen, aber dann gemerkt wie er Fieber bekam. Er fühlte sich wie ausgekotzt und nachdem die beiden Aspirintabletten auch gegen die immer stärker werdenden Halsschmerzen so gut wie gar nicht geholfen hatten, beschloss er, sich für heute krank zu melden-so wie er beieinander war, war an Arbeiten nicht zu denken! Voller Kummer sah er auf die Uhr, eigentlich müsste Sarah schön langsam wieder eintrudeln, aber wer wusste schon, wo sie sich rumtrieb-nun gut, immerhin hatte sie die Kinder und Lucky dabei, so spät würde es schon nicht werden. So sagte er erst der Chefin Bescheid und dann noch Semir, der ihm eine gute Besserung wünschte und legte sich dann wieder hin, ohne einschlafen zu können. Langsam wurde es Abend, aber von Sarah war immer noch nichts zu sehen und gerade griff er nach seinem Handy, um sie anzurufen, da läutete das und er sah, dass Hildegard ihn versuchte zu erreichen.

  • „Ben-ich kann Sarah nicht erreichen und die Kinder müssten jetzt langsam ins Bett, ich mache mir gerade ein bisschen Sorgen, ist hoffentlich nichts passiert?“ sprudelte ihre zuverlässige Kinderfrau ins Telefon. Ben, der inzwischen eine völlig heisere Stimme hatte und dem jedes Wort weh tat, krächzte in den Hörer. „Ich hatte keine Ahnung, dass die Kinder überhaupt bei dir sind und Sarah hat mir einen Zettel hingelegt, dass sie sich mit ein paar Freundinnen trifft, ich weiß nicht wo sie steckt, aber ich kümmere mich drum und sage dir dann Bescheid!“, antwortete er und beendete dann mit einem unguten Gefühl im Bauch das Gespräch. Dann wählte er sofort Sarah´s Nummer, aber das Handy war tot und es ging auch keine Mailbox ran. Wo steckte sie nur?
    In Ben´s Innerem verstärkte sich der Kummer, war sie etwa mit ihrem Liebhaber, diesem Felix, abgehauen? Aber sie würde doch ihre Kinder nicht im Stich lassen? Oder doch? Eigentlich war Sarah ein zuverlässiger Mensch und er hätte erwartet, dass sie mit ihm reden würde und er wenigstens die Gelegenheit bekommen würde, zu erfahren, was sie an dem anderen Typen so viel besser und attraktiver fand, aber man hatte ja schon gehört, dass Liebe blind machte.

    Ben quälte sich aus dem Bett und eine Schwindelattacke überkam ihn. Er schaute zunächst im Kleiderschrank nach, ob Sarah irgendwelche Sachen mitgenommen hatte, aber soweit er erkennen konnte, war alles an seinem Platz. Auch ihr Waschzeug im Bad war da und kein Koffer, keine Reisetasche fehlte-gut, wenn man ein neues Leben begann, konnte man sich das auch alles kaufen. Außerdem hätte sie ihm doch hoffentlich einen Abschiedsbrief geschrieben, wenn sie ihn endgültig verlassen hätte.
    Vielleicht hatte sie auch nur die Zeit vergessen und war nach heißem Sex mit ihrem Liebhaber neben ihm eingeschlafen, würde in Kürze auf der Matte stehen und sich irgendwelche fadenscheinigen Entschuldigungen ausdenken? Immerhin war sie ja der Meinung, er wäre jetzt schon arbeiten, am Morgen, als sie zuletzt miteinander geredet und er ihr von der Arbeit erzählt hatte, hatte ihm ja noch nichts gefehlt.


    Kurz entschlossen rief er in der PASt an und bat Susanne, die Gott sei Dank heute Nachtdienst hatte und der er nichts weiter erklären musste, darum, das Handy seiner Frau zu orten. Eigentlich war das ja illegal und ein Vertrauensbruch seinerseits, aber er musste jetzt einfach wissen, wo Sarah steckte, sonst würde er wahnsinnig werden. Susanne jagte die Daten durch den Computer und teilte ihm nach kurzer Zeit mit: „Das Handy ist tot, ich kann es nicht orten. Das letzte Mal, als es sich eingewählt hat, war das gegen sechzehn Uhr in Chorweiler!“, sagte sie und teilte ihm die ungefähre Adresse mit. Lebte Sarah´s Liebhaber etwa in Chorweiler, das ja nicht gerade Kölns beste Wohngegend war? Ben wusste überhaupt nicht mehr, was er denken sollte, aber dann dachte er wenigstens einen kurzen Moment rational und sagte dann: „Susanne, könntest du vielleicht alle Krankenhäuser in Köln checken, ob Sarah etwas passiert ist? Sie ist einfach nicht nach Hause gekommen und ich mache mir Sorgen!“, bat er die Sekretärin und die machte sich gleich ans Werk und versprach, ihm dann Bescheid zu geben.


    Ben sah auf die Uhr und eine erneute Schwindelattacke überkam ihn, so dass er sich kurz hinlegen musste. Es war jetzt kurz vor acht, normalerweise war das allerhöchste Zeit für die Kinder ins Bett zu gehen-er könnte sie jetzt aber wegen seiner Erkältung nicht versorgen und außerdem würde er nun seine Frau suchen und dann zur Rede stellen-lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende und vielleicht war ihr ja doch etwas passiert und er hatte gleichzeitig ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber, weil er ihr eine Affäre unterstellte, aber die Indizien sprachen einfach dafür. Hildegard brauchte allerdings davon nichts zu wissen, das war eine Sache ganz alleine zwischen ihnen als Eheleuten und so rief er ihre Kinderfrau an und bat sie: „Hildegard-können die Kinder heute Nacht bei dir bleiben? Ich kann Sarah auch nicht erreichen, versuche aber sie zu finden und selber bin ich erkältet, sonst würde ich die Mäuse und Lucky natürlich abholen.“, bat er und Hildegard sagte sofort zu. Die Kinder hatten beide ein Bett bei ihr, Wechselwäsche und alles, was man so brauchte, das war nicht das Problem, aber für die ältere Frau war Sarah zugleich eine Art Tochter und jüngere Freundin, sie verstanden sich sehr gut und sie machte sich einfach Sorgen und außerdem war Ben so komisch am Telefon-was war los zwischen den beiden? „Sag mir Bescheid, wenn du etwas weißt-du oder Sarah könnt mich auch mitten in der Nacht anrufen, ich bringe die Kinder jetzt ins Bett!“, teilte sie Ben dann mit und legte sorgenvoll den Hörer auf. Hier stimmte etwas gewaltig nicht, aber was war los im Hause Jäger?


    Ben atmete tief durch, was furchtbar weh tat in seiner Brust. Am liebsten hätte er sich jetzt zusammen gerollt wie ein Igel, sich unter seiner Decke verkrochen und in Selbstmitleid geschwelgt, aber nun kam der Polizist in ihm durch. Erst musste er jetzt wissen, was gespielt wurde und dann konnte er über sein weiteres Leben nachdenken, das gerade begann in Stücke zu zerbröseln. Susanne meldete sich wenig später: „Ben-ich habe nach Verkehrsunfällen geschaut und in allen Krankenhäusern in Köln nachgefragt, dort ist niemand bewusstlos eingeliefert worden und euer Wagen wurde auch in keinen Unfall verwickelt, andere Neuigkeiten habe ich leider nicht, aber ich halte Augen und Ohren offen!“, teilte sie ihm mitfühlend mit und wünschte ihm dann noch eine gute Besserung. „Ben-du hörst dich einfach schrecklich an, bleib besser im Bett!“, empfahl sie dann noch, aber als Ben sie nur um Stillschweigen bat und das Gespräch beendete, wusste sie dass er das nicht machen würde.


    Gerade wollte der dunkelhaarige Polizist sich anziehen, um nach Chorweiler zu fahren, da läutete erneut sein Handy und als er auf die angezeigte Nummer sah, war Natascha die Anruferin. Nach kurzer Überlegung ging er dran, auch wenn ihm gerade der Sinn nach allem anderen statt Arbeit stand, aber er konnte ihr ja zumindest sagen, dass er krank war-oder etwas an Semir weiter leiten, der ja heute alleine auf Tour war. Nach den Informationen des gestrigen Tages konnte Natascha Semir und ihn vielleicht zum Maulwurf führen und ehrlich gesagt war sie gerade die einzige heiße Spur die sie hatten, deshalb würde er jetzt zumindest kurz mit ihr reden.
    „Natascha was gibt’s?“, fragte er deshalb und bemühte sich freundlich zu klingen. „Ben-ich darf es dir ja eigentlich nicht sagen, denn ihr seid vom großen Boss als Mitspieler erst einmal abgelehnt worden, keine Ahnung warum, aber heute findet ab zwei in der Nacht bei uns die große Pokerrunde statt. Vielleicht kann ich euch ja trotzdem reinbringen, wenn ihr wie zufällig um diese Zeit da seid!“, rief sie aufgeregt ins Telefon und Ben schwieg einen Augenblick still. Auch das noch, dabei hatte er jetzt völlig andere Sorgen, aber er würde zumindest Semir verständigen, bevor er sich auf die Suche nach seiner Frau machte. „Und außerdem muss ich dir dringend noch etwas anderes erzählen. Ich glaube mein Freund und Kollege, der Türsteher, war heute mit dem großen Boss unterwegs und er hat in seinem Auftrag jemanden umgebracht, auf jeden Fall lässt er sich gerade volllaufen und hat so etwas angedeutet, seid also auf jeden Fall vorsichtig, der ist hochgradig nervös und sein Messer, das er immer bei sich trägt und normalerweise beherrscht wie kein anderer, sitzt extrem locker!“, warnte sie noch ihren Mr. Sexy und der versprach, in der Nacht vorbei zu kommen. Oh nein-das war vielleicht die entscheidende Spur zum Maulwurf und wenn da auch noch ein Mord geschehen war, konnte er das jetzt nicht einfach ignorieren und sich nur um seine Privatangelegenheiten kümmern. So mies er sich fühlte, er musste Semir informieren-zumindest über das Dienstliche, das mit Sarah würde er erst einmal noch für sich behalten, bis er nähere Informationen hatte.
    So warf er erst zwei Grippetabletten ein und rief dann seinen Freund an und erzählte ihm von Natascha´s Mitteilung. „Verdammt-ob die mich alleine in den Spielerzirkel einschleust, wage ich zu bezweifeln-du bist schließlich ihr Angebeteter und dir will sie einen Gefallen tun. Und das mit dem Mord klingt jetzt extrem beunruhigend, allerdings habe ich noch von keinem Leichenfund gehört, werde aber gleich nochmal Susanne kontaktieren, die hat heute Nachtdienst.“, teilte er seinem Freund mit-als ob der das nicht schon längst wüsste!
    „Semir-ich leg mich jetzt nochmals hin, ich habe auch schon ein paar Grippetabletten genommen.“, schwindelte Ben, dem das Verschwinden seiner Frau gerade extrem peinlich war. „Vielleicht bin ich später doch so fit, dass ich zum Lokal kommen kann, wir müssen wenn, dann sowieso ziemlich genau um zwei dort aufkreuzen, sonst sind wir unglaubwürdig!“ sagte er und Semir setzte noch nach: „Ben-wenns aber nicht geht, dann gehts halt nicht, du hörst dich total Scheiße an, riskiere nicht deine Gesundheit wegen dem Job!“, warnte er, aber gleichzeitig war er sich sicher, dass Sarah ihren Mann auf gar keinen Fall gehen lassen würde, wenn Gefahr für seine Gesundheit bestand, so gut kannte er sie nach all den Jahren! „Ich melde mich später!“, versprach nun Ben und schlüpfte endgültig in Jeans und Sweatshirt. Er würde jetzt erst einmal nach Chorweiler fahren und dann sah er weiter!

  • Sarah und Felix hatten sich auf der Mauer geduckt und beobachtet, wie die vier Personen in dem Gebäude verschwanden. „Jetzt müssen wir meinen Mann irgendwie verständigen, der weiß dann schon, was zu tun ist!“, flüsterte Sarah, aber Felix sagte: „Lass uns noch einen kurzen Augenblick warten. Das hat nicht ausgesehen, als ob die beiden Typen vorhaben, den Frauen etwas anzutun, warten wir, bis sie wieder rausgekommen sind, nicht dass die uns auf dem Weg zum Wagen noch entdecken!“, denn das Stück Straße vor der Mauer der alten Fabrik war ohne jede Deckungsmöglichkeit. So saßen sie auf dem bröckelnden Bauwerk hinter dem Pfeiler, unsicher, was wohl das Motiv der Entführung gewesen war und beobachteten den Kellereingang, bis plötzlich ein Geräusch hinter ihnen sie zum Erstarren brachte.
    „Na wen haben wir denn da? Sind uns da etwa ein paar Spanner ins Netz gegangen?“ flötete der eine der maskierten Männer, der sich unbemerkt von hinten angepirscht hatte und jetzt ebenfalls auf der Mauer stand. Felix hätte sich ohrfeigen können-natürlich hatte der Kellerraum Verbindung zum Rest des Gebäudes, die beiden Typen hatten einfach einen anderen Ausgang genommen und anscheinend war ihnen nicht verborgen geblieben, dass sie verfolgt worden waren!


    „Sarah-lauf!“, rief er und stürzte sich mit dem Mute der Verzweiflung auf den Typen und brachte den tatsächlich zu Fall. Gemeinsam fielen die beiden Männer, die jetzt in einen Ringkampf verwickelt waren, von der Mauer auf die Straße und ein kurzer Schmerzensschrei verriet, dass das wohl nicht ganz folgenlos geblieben war. Am Boden ging der Kampf weiter und Felix war zwar mindestens einen Kopf kleiner und dreißig Kilo leichter als der Schrank von Mann, aber er wurde vom Mute der Verzweiflung getrieben und kämpfte mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen. Sarah hatte zunächst getan, was Felix gerufen hatte und war ein paar Schritte Richtung Auto gerannt, dann war ihr allerdings eingefallen, dass sie ja gar keinen Schlüssel hatte und so begann sie laut um Hilfe zu rufen, während sie ziellos weiter lief, bis plötzlich der andere maskierte Mann vor ihr stand-keine Ahnung wo der so plötzlich hergekommen war-und sie gnadenlos fest hielt, versuchte sie zum Schweigen zu bringen und zurück zu den Kämpfenden schleppte. Sarah wehrte sich wie eine Katze, sie biss und kratzte und der doch wesentlich stärkere Mann hatte alle Mühe sie fest zu halten und irgendwie gelang es ihr dann, ihm die Maske vom Gesicht zu reißen.


    Sie merkte, wie der Mann im selben Augenblick erstarrte, aber dann konnte sie nur noch voller Entsetzen auf den Boden vor sich blicken, der gerade rot vor Blut wurde. Felix hatte seinem Gegner das Knie in die Weichteile gerammt, so dass der momentan nach Luft schnappte und seinen Griff lockerte. Zugleich überkam ihn aber eine unbändige Wut. Was wagte es dieser Wicht mit seinen bunten Haaren, ihm, dem durchtrainierten Einzelkämpfer, der jeden Tag Stunden in der Muckibude verbrachte, die Stirn zu bieten? Ohne noch rational zu denken, zog er das Messer, das sich in einer Scheide an seinem Hosenbein befand, heraus. Auch wenn der Boss gesagt hatte: „Wir jagen ihnen nur eine gehörigen Schrecken ein und die beiden Frauen bringen wir danach an einen anderen Ort, dann kann die Polizei ruhig die Gegend absuchen!“, war das in diesem Augenblick vergessen. Der kalte, messerscharf geschliffene Stahl blitzte auf und dann würde Sarah nie das Gesicht von Felix vergessen, als das Messer genau zwischen zwei Rippen hindurch in seine Brust fuhr. Felix hatte keine Zeit mehr zu schreien, sein Körper verkrampfte sich, er ließ seinen Gegner los und presste beide Hände auf seinen Oberkörper, während er noch ein paarmal nach Luft schnappte und dann seine Augen in unendlichem Erstaunen brachen.


    „Felix!“, schrie Sarah gellend und fiel vor ihrem Freund auf die Knie, denn im Augenblick hatte ihr Angreifer sie los gelassen und fuhr jetzt seinen Kumpanen an: „Was soll das-sag mal spinnst du? Wir haben ausgemacht, keine Toten und Verletzten und jetzt stichst du den Jungen einfach ab!“, knurrte er und Sarah versuchte verzweifelt mit Herzdruckmassage ihren Freund ins Leben zurück zu holen, aber da war nichts mehr zu machen. Das lange Messer hatte genau das Herz getroffen und vermutlich dabei auch noch die großen Gefäße zerstört, denn das Blut lief in unaufhaltsamem Fluss aus der eigentlich kleinen Wunde an der Brust, aber es pulsierte nicht mehr, denn Felix war tot!
    Jetzt wurde Sarah, die inzwischen ebenfalls voller Blut war-Felix´ Blut- grob zurück gerissen und sie wehrte sich jetzt auch nicht mehr, denn ein lähmendes Entsetzen hatte sich in ihr breit gemacht. Oh mein Gott-worauf hatte sie sich nur eingelassen und sie war schuld an Felix´ Tod! Und das alles nur, weil sie wegen ein paar lächerlicher blöder Kritiken die Fassung verloren hatte. Sie als intelligenter Mensch hätte da drüber stehen müssen und sich einem anderen Hobby zuwenden sollen, oder die Worte einfach von sich abprallen lassen, aber so hatte sie Felix zum Detektiv spielen ermuntert und er hatte das mit dem Leben bezahlt! So ganz blickte sie auch noch nicht durch, vor allem hatte sie keinen blassen Schimmer, warum Elisa und Milena entführt worden waren, aber jetzt zerrte sie der Mann, der nun die Maske völlig abgenommen hatte, zum Tor, durch das vorhin der Lieferwagen verschwunden war und der andere schulterte mit Leichtigkeit Felix´ Leiche und trug sie hinterher.
    Binnen Sekunden hatte sich das Tor hinter ihnen geschlossen und aktuell zeugte nur noch ein großer Blutfleck auf dem Asphalt von dem Drama, das sich vor wenigen Minuten hier abgespielt hatte. Immer noch war die Straße menschenleer und wenn irgendjemand hier in der Gegend etwas beobachtet hatte, dann würde er den Mund halten-es war manchmal gesünder zu schweigen, als neugierig zu sein! Sarah wurde grob in den Kellerraum zu den beiden Frauen gestoßen und nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, hockte sie sich benommen und fassungslos auf den Boden, denn gerade drehte sich alles um sie und zwei Augenpaare musterten sie entsetzt und zugleich neugierig, aber das war ihr gerade sowas von egal!

  • Ben war in seinen Dienstmercedes gestiegen. Während er Richtung Chorweiler fuhr, überliefen ihn immer wieder Kälteschauer und er fühlte sich wie ausgekotzt, aber trotzdem konnte er jetzt nicht untätig im Bett liegen. Er musste jetzt einfach Gewissheit haben, wie es zwischen Sarah und ihm stand. Er hatte auch keinen Plan, was er zu ihr sagen sollte, wenn er sie tatsächlich aufspürte-vielleicht war sie ja gerade mit ihrem Liebhaber zugange und wenn er nur daran dachte, wütete die Eifersucht wie ein wildes Tier in seinem Bauch. Dabei war er vielleicht selber ein wenig schuld. Er hatte ihr zwar immer von seiner Arbeit erzählt und das hatte ihn erleichtert, aber hatte er Sarah in letzter Zeit einmal gefragt, was sie beschäftigte? Sie hatte manchmal anklingen lassen, dass es zwar einerseits wunderschön war, dass sie mit den Kindern ein paar Jahre zuhause bleiben konnte, ohne sich finanzielle Sorgen zu machen, sie beide konnten sich nämlich nicht vorstellen ihre Mäuse in eine Krippe zu geben, damit Sarah arbeiten konnte, was außerdem wegen dem nicht regelmäßigen Schichtdienst im Krankenhaus sowieso schwierig war. Aber andererseits vermisste Sarah ihren geliebten Beruf, das Team und den ganzen Tag nur Windeln wechseln und Heimchen am Herd spielen, füllte sie auch nicht aus. Ben hatte schon lange darauf gewartet, dass sie wieder ein paar Tage im Monat, meistens Wochenenden, arbeiten ging, wie sie es vor Mia-Sophie´s Geburt gemacht hatte und das wäre auch jederzeit dank Hildegard möglich, die die Zeiten, wenn er ebenfalls arbeiten musste, abdeckte.

    Dieses neue Hobby-Geschichten schreiben- war vermutlich auch etwas, was eine gewisse innere Leere kompensieren sollte und gerade fiel Ben auch ein, dass er keinerlei Ahnung hatte, was für Sachen seine Frau überhaupt schrieb. Schrieb sie Märchen für Kinder-oder vielleicht Pferdegeschichten? Er erinnerte sich dunkel, dass er sie das irgendwann mal gefragt hatte, konnte sich aber an keine Antwort erinnern und ehrlich gesagt hatte es ihn auch nicht sonderlich interessiert-er las eigentlich in seiner Freizeit nicht um des Lesens Willen, schon mal Fachliteratur oder Sportzeitschriften, meistens sowieso gleich auf dem Handy, aber ansonsten genügten ihm die Akten in der Arbeit durchaus.


    Endlich war er in Chorweiler angekommen und näherte sich nun der Gegend, die Susanne ihm genannt hatte. Da sah er auch schon ihren Wagen am Straßenrand geparkt. Nicht weit davon entfernt waren ein paar Mietshäuser-na klasse und wo sollte er jetzt suchen, wenn er nicht einmal den Namen dieses Felix´ wusste? Er stellte sein Fahrzeug dahinter ab, stieg aus und umrundete den Kombi, als ob das einen Hinweis auf Sarah´s Aufenthaltsort geben könne. Immerhin hatte der noch alle vier Räder mit den neuen Alufelgen, was in diesem Stadtteil zu nachtschlafener Zeit fast ein Wunder war. Was hatte dieser Felix denn so Besonderes zu bieten? Wer in so einer Gegend wohnte, war sicher finanziell nicht besonders gesegnet, also musste der andere Qualitäten haben und als Ben nun vor seinem inneren Auge ein Bild erschien, wie Sarah mit einem Liebhaber im Bett lag und mit dem den Gipfel der Lust erklamm, musste er sich einen kurzen Moment festhalten, weil ihn eine Schwindelattacke überkam. Oh nein-das war seine Sarah-er wollte sie glücklich machen und wenn es noch möglich war, würde er um sie kämpfen.


    Fast ziellos ging er jetzt die Straße entlang und musterte die Klingelschilder-vielleicht stach ihm ein Name ins Auge, den er schon einmal gehört hatte? Ein paar Häuser weiter las er gerade die Schilder, als auf einmal eine Stimme von oben ihn zusammenzucken ließ. „Suchst du jemanden, Jungchen?“ fragte eine zahnlose Alte und nach kurzer Überlegung, was hatte er denn schon zu verlieren, bejahte Ben die Frage. „Ja ich suche meine Frau, darf ich ihnen ein Bild zeigen-vielleicht haben sie sie ja schon einmal hier gesehen, ihr Auto steht jedenfalls da vorne an der Straße!“, besann sich Ben auf seine Polizeiausbildung. Die Alte hing sicher öfters am Fenster und konnte ihm vielleicht wertvolle Hinweise geben. „Du siehst nicht sonderlich gefährlich aus, also komm rauf!“, lud ihn die Frau ein und dann ertönte auch schon der Türsummer. Ben betrat das Haus und musterte, während er mühsam und unter Schweißausbrüchen die Treppe in den zweiten Stock hinauf stieg, die Türschilder innen. Im Parterre stand der Name Miller an der Tür, das war aber auch der einzige Deutsch klingende Namen im ganzen Haus. „Jetzt hab ich aber Glück gehabt, dass der Türöffner funktioniert hat, sonst hätte ich runter laufen müssen, der geht nämlich nur manchmal!“, erklärte die alte Frau und bat ihn einzutreten. Ben war überrascht wie sauber und aufgeräumt die Wohnung war. Freilich, die Möbel waren alt, aber ansonsten hatte er da schon andere Behausungen in dieser Gegend gesehen! Kurzerhand zog er nun sein Handy hervor und zeigte der Frau Sarah´s Bild. Er nahm gleich das Profilbild auf seinem Handy, das sie lachend mit den Kindern im Arm zeigte. „Hast ne hübsche Frau-und ja, die habe ich heute Nachmittag gesehen!“, erklärte die Alte und Ben sah sie freudig überrascht an. „Und-wo steckt sie?“, platzte er dann heraus und die Frau wiegte mit dem Kopf und antwortete: „Das weiß ich nicht. Ich habe sie gegen vier ne Weile bei den Mülltonnen rum lungern sehen. Dann musste ich ans Telefon und als ich wieder zurück ans Fenster bin-weißte in meinem Alter hat man auf einmal viel Zeit und die Freundinnen sterben einem weg wie die Fliegen, so dass man um jede Abwechslung froh ist und ich sitze oft hier und sehe einfach raus-ist sie gerade zu so einem Typen mit bunten Haaren in den Wagen gestiegen und der ist dann davon gefahren, seitdem habe ich nichts mehr von ihr oder dem Mann gesehen.
    „Wissen sie, was das für ein Wagen war und haben sie sich vielleicht das Kennzeichen gemerkt?“ fragte Ben, nun ganz Polizist und die Frau nickte. „Es war ein weißer, relativ neuer BMW aus der Dreierserie, ich glaube ein F30 Touring, aber beim Kennzeichen weiß ich nur noch, dass vorne ein K für Köln war, dann AU, aber an die Zahlen kann ich mich leider nicht mehr erinnern-wer hätte auch gedacht, dass das nochmal wichtig werden könnte!“, sagte sie vergnügt und mit blitzenden Augen, so dass man den zahnlosen Mund beinahe vergessen konnte. Endlich war etwas los hier! „Aber sie ist freiwillig mitgefahren?“, fragte Ben nun und wunderte sich-ein neuer Dreier-BMW passte nun auch nicht gerade in diese Gegend und eine alte Frau, die sich mit den Modellreihen auskannte ebenfalls nicht, aber vielleicht sollte er einfach aufhören in Schubladen zu denken.

    „Ja-sie ist sogar regelrecht zu dem Auto hin gerannt und der Typ ist dann auch mit quietschenden Reifen los gefahren. Dabei muss sie was verloren haben, ich glaube ihr Handy, denn kurz darauf sind ein paar Jugendliche gekommen, haben etwas vom Boden aufgehoben und sind dann sofort weg gelaufen. Vielleicht solltest du doch zur Polizei gehen, wenn deine Frau abgängig ist!“, riet ihm nun die Alte und Ben zog jetzt seinen Ausweis hervor: „Ich bin die Polizei!“, sagte er dann, hustete gequält und jetzt nickte die Frau erneut. „Dann is ja gut, aber du gehörst ins Bett Jungchen, dich hats ganz schön erwischt und Fieber haste auch!“, stellte sie dann fest und musterte Ben´s fiebrig glänzende Augen und das von Schweiß überzogene Gesicht.
    „Haben sie den Typen im Wagen zuvor schon einmal gesehen, wohnt der vielleicht hier irgendwo?“, fragte nun der Dunkelhaarige, aber das konnte die Alte verneinen. „Ist ihnen sonst noch etwas Ungewöhnliches aufgefallen und wo genau hat meine Frau gestanden, als sie sie beobachtet haben?“, beendete Ben nun seine Befragung und die Alte zog die Stirne kraus. „Komm mal mit ans Fenster, dann zeig ich dir das!“, wies sie ihn an und deutete mit der Hand zu den Müllcontainern, die man versucht hatte mit einem kleinen Gebüsch zu verbergen. Es leuchtete sogar eine schwache Lampe, damit man auch nachts den Weg dorthin fand, Ben würde sich dort gleich noch umsehen. „Ach ja-und meine Nachbarin unter mir war auch total unvorsichtig und hat ihre Wohnungstüre einfach aufgelassen. Ich habe da nen Schlüssel und hab die dann zugezogen, sowas darf man doch hier in der Gegend nicht machen, da wird einem gleich die Bude ausgeräumt!“, plapperte die Alte, aber Ben hörte jetzt gar nicht mehr richtig zu. Das hatte er jetzt nicht gemeint mit dem „Ungewöhnlichem auffallen“. Er gab der alten Frau nun noch seine Karte, bedankte sich und als er langsam die Treppen nach unten ging, musste er sich gut am Geländer festhalten, so schwindlig war ihm.


    Als er den Platz bei den Müllcontainern nun noch inspizierte und auch mit einer Taschenlampe auf den Boden leuchtete, fand er nichts, was auf Sarah´s Anwesenheit hingedeutet hätte, aber er konnte feststellen, dass man von dort die Straße ziemlich gut einsehen konnte, ohne selbst entdeckt zu werden. Was hatte seine Frau hier gemacht und wo steckte sie? Mehr und mehr befiel Ben die Angst-und wenn nun doch etwas passiert war? Für ein Schäferstündchen bestellte man sich normalerweise nicht an so einem Platz zusammen, da nahm man doch eher den Parkplatz eines Einkaufszentrums oder so und so eilig, dass man dann gleich mit quietschenden Reifen davon brausen musste, konnte es ja auch nicht sein. Was war hier nur los? Vielleicht sollte er Susanne bitten, eine Liste der weißen BMW F30, deren Kennzeichen mit K-AU begann heraus zu suchen und so den Halter zu ermitteln-ja genau, das würde er jetzt machen und zugleich würde er nach Hause fahren und Sarah´s Sachen durchsuchen, vielleicht fand er da etwas, was Hinweise auf ihren Verbleib gab. So zückte er sein Handy und bat Susanne um den Gefallen, die aber aktuell etwas Wichtigeres zu tun hatte und sich später melden würde und strebte dann zügig, aber unter weiteren Schweißausbrüchen nach Hause-er würde Sarah finden, egal wo sie sich aufhielt!


    Zuhause angekommen überkam ihn eine erneute Schwindelattacke, er trank etwas, legte sich kurz hin und warf dann nochmals ein paar Grippetabletten ein. Er hatte jetzt keine Zeit zum krank sein, seine Frau wurde vermisst. Nach einer Weile, inzwischen war es kurz vor zehn, holte er Sarah´s Laptop und obwohl ihn das schlechte Gewissen drückte, öffnete er die Klappe und der fuhr auch sofort hoch, ohne dass ein Passwort verlangt wurde. Das wenn Hartmut wissen würde, würde er Sarah eine ordentliche Standpauke halten-aus Bequemlichkeit auf die Sicherheit verzichten, gings noch-aber dann machte Ben neugierig die Word-Datei auf, die nur klein gemacht war und anscheinend von Sarah gerade ständig benutzt wurde, wie ein kurzer Blick in den Verlauf ihm sagte. Er begann zu lesen und mit jedem Satz wurde er blass und blasser-um Himmels Willen, das wenn jemand erfuhr, würde es sie alle miteinander in Teufels Küche bringen!

  • Sarah hockte immer noch wie ein Häufchen Elend auf dem Boden, die Tränen liefen ihr über die Wangen, sie betrachtete ihre blutigen Hände und flüsterte nur immer: „Nein Felix-das habe ich nicht gewollt, es tut mir so leid, aber das macht dich auch nicht mehr lebendig!“ und die beiden Frauen musterten sie zugleich entsetzt und dann doch wieder neugierig. Dann fasste sich die ältere der beiden ein Herz, ging die paar Schritte zu Sarah und beugte sich zu ihr herunter, allerdings betrachtet sie argwöhnisch das Blut auf deren Kleidung und fragte schließlich: „Was wird hier eigentlich gespielt? Wer bist du, warum wurden wir entführt und hier eingesperrt und wo kommt das ganze Blut her?“, fragte sie und nun hob Sarah den Blick. Einen kurzen Moment ging ihr Temperament mit ihr durch und sie schrie: „Wenn ihr beiden blöden Weiber nicht mit dem Doppelaccount angefangen hättet, dann wäre das hier alles nicht passiert! Mein Freund Felix ist tot, er wurde ermordet, weil er mir geholfen hat, euch zu überführen und jetzt- jetzt ist das alles so sinnlos und nichtig geworden, aber ein netter, hilfsbereiter junger Mann hat die ganze Scheiße mit dem Leben bezahlt!“, schluchzte sie und brach dann völlig zusammen.

    Der Rücken der Frau mit der Kurzhaarfrisur hatte sich für einen Moment versteift, als sie gewahr wurde um wen es sich vermutlich bei der jungen Frau handelte, aber jetzt berührte sie sie zart und mitfühlend an der Schulter und sagte leise: „Ich habe zwar immer noch keine Ahnung wie das hier alles zusammen hängt, aber du bist Sarah, nicht wahr?“, fragte sie, denn Sarah hatte es versäumt sich ein Pseudonym zuzulegen, sondern postete unter ihrem Vornamen. Sarah nickte unter Tränen und nun war auch die zweite Frau, die auf einmal gar nicht mehr so fremd und böse erschien, wie sich Sarah vorgestellt hatte, näher getreten. „Du willst sagen, dass wegen dieser Sache jemand umgebracht worden ist und das der Grund dafür ist, dass wir entführt wurden und jetzt alle miteinander hier festgehalten werden?“, fragte sie fassungslos im Licht der kahlen Glühbirne die von der Decke baumelte und Sarah nickte unter Tränen. „Aber was macht das denn für einen Sinn-diese ganzen Geschichten, die wir alle miteinander schreiben, entstehen doch nur in unseren Köpfen, wie kann sich da jemand deshalb bedroht fühlen?“, dachte sie laut nach und Sarah flüsterte nun: „Na ein gewisser wahrer Anteil ist da schon dabei-zumindest bei meinen Storys und diese ganzen Krankenhauskapitel, die ihr so langweilig findet, schildern eigentlich meinen Arbeitsalltag und dazu so einige Dinge, die meinem Mann zugestoßen sind, der ist nämlich auch im wirklichen Leben Polizist!“, beichtete sie und nun sahen die beiden Frauen sie an und ihnen dämmerte die Erkenntnis: „Dann gibt es Luke und Ali also wirklich?“, fragten sie nach und Sarah konnte nur erschöpft nicken. „Ach du liebe Güte, was für ein Schlamassel!“, bemerkte die ältere Frau bedrückt und nun holte sie erst einmal eine Wasserflasche, zwang Sarah ein paar Schlucke zu trinken und dann wusch sie notdürftig ihre blutigen Hände über dem Eimer und trocknete mit einem alten Handtuch, das ebenfalls bereit lag, dieselben ab.
    „Und was machen wir nun?“, fragte die jüngere Frau, also vermutlich Milena und Sarah zuckte nur mit den Schultern-gerade wusste sie gar nichts mehr, sie begann vor Schock zu zittern und erneut brach eine Tränenflut aus ihr heraus.


    Ben hatte ungläubig Sarah´s aktuelle Geschichte gelesen-um Himmels Willen, das war ja schlimmer als er je zu träumen gewagt hätte! Hier wurden eins zu eins im Detail ihre polizeilichen Ermittlungen geschildert, aufgefüllt wurde das Ganze nur noch durch eine Lovestory, aber die konnte man vernachlässigen. Fakt war, wenn die das veröffentlichte und irgendein Ganove und schlimmstenfalls der Maulwurf selber bekam die Story zu Gesicht, dann war er immer über ihre nächsten Schritte informiert-und völlig niedergeschlagen wurde Ben nun klar, dass vermutlich genau das stattgefunden hatte, darum kamen sie einfach mit ihren Ermittlungen nicht voran.
    Auch wenn er eigentlich eine Stinkwut auf Sarah hatte-wie konnte die nur Dienstgeheimnisse ausplaudern, fasste er sich dann doch wieder selber an den Ohren. Warum musste er ihr auch detailgenau alles erzählen? Außer dass er keine Namen genannt hatte, war die Story wie ein Bericht –allerdings musste er bei allem Ärger zugeben, dass Sarah´s Geschichte sich flüssig las, einen Spannungsbogen aufbaute und orthographisch und auch logisch völlig korrekt war-er hätte ihr solches Talent überhaupt nicht zugetraut. Wenn sie es nur für etwas Ungefährlicheres benutzt hätte! Gerade hatte er allerdings wieder einen Hustenanfall, der in wahnsinnigen Brustschmerzen gipfelte. Sein Innerstes fühlte sich an wie eine große Wunde und als der Hustenreiz verebbte, blieb er erst einmal eine Weile erschöpft liegen-er hatte jegliches Zeitgefühl verloren und das Fieber tobte zudem in seinem Körper. Von Susanne hatte er immer noch nichts gehört, die hatte anscheinend noch nichts bezüglich des Wagens heraus gefunden, sonst hätte sie ihn verständigt und ihm war klar, dass es jetzt an der Zeit war, Semir Bescheid zu sagen.


    Als er auf die Uhr sah war es bereits 1.30 Uhr. Hatte er tatsächlich geschlafen? Er war sich dessen gar nicht bewusst geworden, aber jetzt griff er zum Telefon und wählte Semir´s Nummer. Eins war klar, er konnte seinem Freund, der ja durch Sarah´s Unvorsichtigkeit genauso wie er betroffen war, nicht einfach so am Telefon die ganze Wahrheit mitteilen, außerdem wusste er immer noch nicht, was mit seiner Frau war. Lag die tatsächlich irgendwo mit ihrem Liebhaber im Bett, oder war ihr etwas geschehen? Dazu kam noch Natascha´s Aussage, dass der Türsteher ihres Clubs anscheinend einen Mord begangen hatte-vielleicht hing das Ganze irgendwie zusammen-er konnte nur hoffen, dass das Opfer nicht Sarah gewesen war und eine furchtbare Angst um sie überkam ihn.
    Als sein Freund sich meldete, sagte er: „Semir-ich komme wie ausgemacht jetzt zu dir in den Club, in dem Natascha arbeitet und dann hoffen wir, dass wir entscheidende Neuigkeiten über unseren Maulwurf heraus finden. Ich denke dass der auf jeden Fall die ganze Zeit verhindert hat, dass wir erfahren, wo teuer gespielt wird, weil er immer über unsere Ermittlungen auf dem Laufenden war, wie genau das zusammen hängt muss ich dir persönlich erzählen-nur so viel: Sarah ist ebenfalls an dieser ganzen Sache beteiligt, ich war gerade an ihrem Laptop und habe die Beweise und jetzt ist sie verschwunden!“, berichtete er in der Kurzfassung und nun fragte Semir ungläubig durch den Hörer: „Wie bitte-das ist doch nicht dein Ernst, um Himmels Willen!“, rief er völlig entsetzt und seine Gedanken fuhren Karussell. „Ich fahr jetzt los, werde es aber vielleicht nicht ganz pünktlich schaffen, ich muss mich nämlich noch schnell umziehen und Pomade in die Haare schmieren-geh du doch inzwischen rein und sage Natascha, dass ich schon unterwegs bin und jetzt lassen wir diese ganzen Typen auffliegen und bringen Licht ins Dunkle!“, machte Ben sich selber Mut und warf dann erst nochmals ein paar Aspirintabletten ein-das musste doch langsam besser werden! Danach schlüpfte er in sein Spieleroutfit, gelte seine Haare und schwang sich dann stöhnend in seinen Porsche-den Dienstmercedes konnte er nicht nehmen, das war zu eindeutig, dass der ein Polizeifahrzeug war und bis er ein Taxi geordert hatte, würde zu viel Zeit vergehen.

    Unter weiteren Schwindelattacken fuhr er durchs nächtliche Köln Richtung Rotlichtviertel und schaute sich gerade in einer Nebenstraße, wo auch der rückwärtige Ausgang des Clubs war, nach einem Parkplatz um, da sah er plötzlich, wie Natascha von einem Typen wie ein Schrank aus dem Hintereingang gezerrt und trotz heftiger Gegenwehr in den Kofferraum eines Wagens gestoßen wurde, der bulllige Mann, in dem Ben den Türsteher erkannte, setzte sich daraufhin ans Steuer und fuhr in leichten Schlangenlinien, als wenn er betrunken wäre, davon und kurz entschlossen folgte ihm Ben. Er griff auch gleich nach seinem Handy, um Semir und die Kavallerie zu Hilfe zu holen, da stellte er voller Verdruss fest, dass gerade sein Akku schlapp machte. Gut-er hatte ja ein Ladegerät im Wagen, aber als er in der Mittelkonsole danach greifen wollte, fiel ihm siedend heiß ein, dass das ja im Dienstmercedes lag. Verdammter Mist-jetzt blieb ihm nichts anderes übrig als dem Fahrzeug zu folgen und an dessen Ziel dann irgendwie Semir und die Kollegen zu verständigen. Er merkte sich auch das Kennzeichen der Karosse und beschattete möglichst unauffällig die Limousine, die zügig Richtung Ehrenfeld strebte und dort in einer dunklen Gasse verschwand.

  • Natascha hatte sich, während sie auf das Eintreffen der Zocker und vor allem ihres Mr. Sexy wartete, an den Türsteher ran gemacht. „Komm ich bring dir einen Kaffee zum Ausnüchtern!“, sagte sie freundlich, nachdem er den achten Whiskey gekippt hatte. „Wir haben doch heute noch viel Arbeit-das wird sicherlich spät werden, bis wir ins Bett kommen!“, hatte sie ihn versucht vom weiteren Trinken abzuhalten. Als sie sah, dass er ein wenig hinkte, hatte sie ihn gefragt: „Soll ich dir eine Schmerztablette bringen? Ich sehe doch, dass dir beim Laufen was weh tut!“, hatte sie angeboten und er hatte zugestimmt, beim Sturz von der Mauer hatte er sich nämlich ordentlich verprellt und daraufhin war er schon das erste Mal wütend geworden. Als dieser kleine Typ mit den bunten Haaren ihm dann zusätzlich das Knie in seine Weichteile gerammt hatte, war es mit seiner Beherrschung vorbei gewesen und er hatte das Messer gezogen. „Aber der, der dafür verantwortlich ist, lebt nicht mehr!“, prahlte er nun erneut vor Natascha. „Merk dir das-es ist lebensgefährlich sich mit mir anzulegen!“, machte er ihr klar und war zufrieden als die junge Frau erwiderte: „Aber das weiß ich doch und bin froh, dass du auf uns alle hier aufpasst!“


    Er war dann eine Weile im Hinterzimmer verschwunden und ein lautes Schnarchen hatte verraten, dass er zumindest den ersten Rausch ausschlief, während sein Kollege den Job vorübergehend alleine machte, aber gegen Mitternacht war er dann von selber wieder ein wenig nüchterner aufgewacht und hatte sich nach einem weiteren Kaffee, serviert von Natascha, an der Tür postiert, um die Eintreffenden zu kontrollieren. Die Gesichter der Zocker aus der illegalen Runde kannte er jedes Einzelne und er hatte vom Chef auch die strenge Order, wer herein durfte und wer nicht. Schon am Nachmittag nach seiner Rückkehr aus Ehrenfeld, hatte ihn Natascha wie beiläufig gefragt, wie es denn mit den beiden neuen Spielern aussah, aber so betrunken er da auch gewesen war, er war sich sicher gewesen, dass er ihr gesagt hatte, dass die laut Chef nicht zugelassen waren und auch dem Verteiler nicht zugefügt würden. Wenn der Boss etwas anordnete, dann befolgte man ohne Rückfragen dessen Anweisungen, sonst würde man das teuer bezahlen.

    Darum konstatierte er erstaunt, dass plötzlich der eine-der kleinere der beiden- von Natascha in den Club geführt wurde. Sie kamen von Richtung Hintereingang, also musste dieses Biest ihn wohl herein gelassen haben und eine große Wut überkam ihn. Meinte sie er war doof? Und außerdem würde das auf ihn zurück fallen, er hatte vom Chef einen klaren Auftrag erhalten und sollte diese beiden Typen, wenn sie denn heute auftauchten, nicht einmal in den vorderen Bereich, geschweige denn ins Hinterzimmer lassen. „Tut mir leid-wir sind heute schon voll, eine Geburtstagsfeier-geschlossene Gesellschaft!“, wimmelte er dann die Gäste normalerweise ab und zusammen mit seinem Aussehen und dem seines Kollegen, der nicht minder vor Muskeln nur so strotzte, allerdings war das bei dem auf Kosten der Hirnmasse gegangen und der war nur ein stumpfer Befehlsempfänger, hatte das bisher immer genügt, um ungebetene Besucher fern zu halten. Jetzt aber befand sich der kleine Typ plötzlich inmitten des Lokals und Natascha schob ihn gerade wie zufällig in Richtung Hinterzimmer. Eigentlich war die Runde ziemlich vollständig, es war bereits 1.45 Uhr und das Spiel konnte in Kürze beginnen. Natascha strebte jetzt wieder an ihren Platz hinter der Theke und sah gebannt auf den kleinen Bildschirm, der die Bilder vom Haupteingang dorthin übertrug, so konnte man im Falle einer Poizeirazzia, die es ja schon ewig nicht mehr gegeben hatte, sofort auf einen geheimen Knopf drücken und die Spieler im Hinterzimmer warnen, die dann ihr Geld an sich nahmen und sich beiläufig ihren Getränken widmeten. Sie aber hielt Ausschau nach ihrem Mr. Sexy, der in Kürze nachkommen würde, wie ihr sein Kumpel versichert hatte. „Mein Freund ist gerade ein bisschen erkältet“, verriet er ihr-ja das hatte sie sich wegen seiner rauen Stimme am Nachmittag am Telefon schon gedacht. „Er hat sich noch ein wenig hin gelegt, aber das Spiel lässt er sich natürlich nicht entgehen, er hat mich gerade angerufen, er ist schon unterwegs!“, hatte Semir verkündet, als sie ihn durch die Hintertür rein geschleust hatte.


    Der Türsteher beschloss nun den Oberboss anzurufen. Der Betreiber des Clubs hielt sich bereits im Hinterzimmer auf, um die Gäste zu begrüßen, vielleicht würde der wegen dem neuen Zocker ein Auge zudrücken, aber das durfte nicht sein! Er hatte als Einziger die private Handynummer des Chefs und obwohl –oder gerade weil-der ihm am Nachmittag, nachdem er den Jungen abgestochen hatte und sie die Frau zu den beiden anderen gebracht hatten, gehörig den Kopf gewaschen hatte, war er ihm treu ergeben und würde einfach dessen Anweisungen befolgen. So ging er zur Toilette und wählte dort die Nummer, bis eine verschlafene Stimme sich meldete, dann aber plötzlich hellwach klang, als er sein Dilemma schilderte. „Schmeißt den kleinen Typen auf alle Fälle raus, der spielt nicht mit und fangt auf gar keinen Fall an, bevor der nicht weg ist. Vielleicht sollten wir aus Sicherheitsgründen das Spiel heute sowieso besser absagen, ich verständige den Clubbesitzer persönlich. Und dann kaufst du dir die falsche Hexe und bringst sie zu den anderen drei Weibern, ich sag dir dann morgen, was wir mit denen anfangen, aber jetzt muss die Kleine erst mal von der Bildfläche verschwinden, ich mag keine Laus im Pelz, die sich nicht an meine Anordnungen hält!“, befahl er und legte auf.

    Der Türsteher, dem seine verprellte Seite immer noch ziemlich weh tat, überlegte nun kurz-er hatte echt keine Lust auf ein Handgemenge und würde jetzt die eine Aufgabe an seinen vor Anabolikamuskeln nur so strotzenden Kollegen delegieren. Mit der kleinen Natascha würde er spielend fertig werden und so flüsterte er seinem Kollegen etwas zu-inzwischen war es auf der Straße vor dem Club ruhig geworden- und gemeinsam strebten sie nun Richtung Hinterzimmer. Dort hatte sich der kleine Zocker schon erwartungsvoll unter die Menge gemischt, sah aber immer wieder suchend Richtung Eingang, als ob er noch auf jemanden warten würde. „Greif ihn dir und wirf ihn raus-Anweisung vom Oberboss!“, befahl er dann kurz und der tumbe Muskelprotz nickte. Wenig später spürte Semir eine Pranke wie ein Klodeckel, die sich schwer auf seine Schulter legte und der riesige Türsteher brummte: „Mitkommen-du hast hier nichts zu suchen!“, und zerrte ihn Richtung Ausgang. Semir checkte blitzschnell die Lage. Verdammt-irgendwie waren sie aufgeflogen, Natascha´s Plan, sie da einfach einzuschleusen, hatte wohl nicht funktioniert, aber von Ben war weit und breit nichts zu sehen. So ließ er sich zwar gewollt widerstandslos aus dem Hinterzimmer ins eigentliche, fast menschenleere Lokal führen, auch um den Typen in Sicherheit zu wiegen, aber sobald sie den Raum verlassen hatten, wirbelte er herum und bis sich der Muskelprotz versah, hatte ihn Semir, die Hebelwirkung ausnutzend, mit einem Judogriff zu Boden geworfen. Semir sah sich prüfend um, aber weder von Natascha noch von Ben war etwas zu sehen und so suchte er sein Heil in der Flucht, denn gerade rappelt sich der Koloss, vor Wut brüllend, wieder auf und der Barkeeper und einige andere Angestellte näherten sich ebenfalls. Der Typ wog sicher doppelt so viel wie er und war jetzt wütend wie ein gereizter Grizzlybär-wenn ihn der nochmals in die Finger bekam, würde der Hackfleisch aus ihm machen und so rannte Semir los, verpasste dem Barkeeper, der jetzt über den Tresen gesprungen war, um ihn aufzuhalten, einen Handkantenschlag, der ihn stöhnend zu Boden gehen ließ, warf ein paar Stühle um und während er nach draußen ins Freie floh und sich gehetzt nach einem Versteck umsah, überlegte er verzweifelt, was er jetzt machen sollte und wie er Ben warnen konnte.
    Das Glück war ihm hold, denn gerade fuhr ein Taxi langsam um die Ecke und bevor die wild gewordene Meute sich an seine Fersen heften konnte, saß Semir drinnen und rief: „Geh aufs Gas-es soll dein Schaden nicht sein!“, und schon heulte der Motor auf und der junge Taxifahrer sagte grinsend: „Schon immer warte ich mal auf sowas-getoppt würde es nur noch, wenn sie jetzt sagen würden: Folgen sie diesem Fahrzeug!“, und dann ging er aufs Gas und Sekunden später war Semir in Sicherheit.
    Der versuchte nun Ben anzurufen, aber der war nicht erreichbar und so wählte Semir fluchend Susanne´s Nummer: „Susanne-wir sind aufgeflogen, versuche bitte Ben zu erreichen oder sein Handy zu orten, ich erwische ihn nicht. Der soll sich von dem Club fern halten, die machen sonst Hackfleisch aus ihm!“, teilte er ihr mit und ließ sich jetzt kurz entschlossen vom Taxi zu seinem Wagen bringen, der ja an einem zentral gelegenen öffentlichen Parkplatz stand. Dann holte er die Chefin aus dem Bett und gemeinsam überlegten sie, wie es nun weiter gehen sollte.


    Natascha hatte nicht gewusst wie ihr geschah. Gerade hatte sie noch gebannt auf den Monitor gestarrt, als plötzlich der immer noch ein wenig betrunkene Türsteher sie am Arm packte und grob Richtung Hintereingang zerrte. „Was soll das? Hey lass mich los, was willst du denn von mir?“, rief sie empört, aber erst als sie wie eine Puppe gepackt und in den Kofferraum gesteckt wurde, ahnte sie, dass sie sich in großer Gefahr befand. Nach einer relativ kurzen und unbequemen Fahrt holte sie der Türsteher, den sie immer zu ihren Freunden gezählt hatte, wieder heraus und stieß sie vor sich her eine Treppe hinab. Anscheinend befanden sie sich in einem verlassenen Fabrikgelände, die es in manchen Gegenden Kölns zuhauf gab. Als sie den Mund öffnete, um zu schreien, fuhr er sie grob an-ein wenig lallte er immer noch vom Whiskey: „Halt die Klappe, aber es ist auch egal wenn du brüllst-hier ist niemand der dich hören wird!“, fauchte er und nun war Natascha plötzlich ganz still und sah mit vor Schreck geweiteten Augen auf die Leiche am Boden, die wie achtlos hingeworfen in der Ecke lag und sie mit weit geöffneten Augen klagend anzusehen schien. Dann wurde aber schon ein Riegel geöffnet und man stieß sie grob in einen notdürftig von einer nackten Glühbirne erleuchteten Kellerraum, in dem sich schon drei Frauen befanden und jetzt brach die Kindfrau erst einmal in Tränen aus.

  • „Wer bist du? Schreibst du etwa auch Geschichten?“, fragte nun Milena die junge, so kindlich wirkende Frau neugierig. Sarah hatte sich inzwischen beruhigt und gemeinsam mit den beiden anderen den Kellerraum durchsucht, aber da bestand keine Möglichkeit zur Flucht. Durch ein winziges Oberlicht knapp unter der Decke war zwar die Sauerstoffversorgung gesichert und man konnte erkennen, dass es draußen noch stockfinster war, aber weil die Tür nur einen Spalt geöffnet worden war, hatten sie auch da keine Chance gehabt, ihren Entführern zu entkommen.
    „Was für Geschichten?“, erwiderte Natascha unwirsch. Sie hatte noch nie freiwillig gelesen und würde in hundert Jahren nicht auf die Idee kommen etwas zu schreiben-das höchste der Gefühle war eine WhatsApp-Nachricht, oder ein kurzer Kommentar auf Facebook. „Warum bist du dann hier und wie heißt du?“, fragten nun die drei anderen und stellten sich mit ihren Vornamen vor. „Ich wollte meinem Freund einen Gefallen tun, aber das hat meinem Kollegen nicht gefallen-und ach ja-ich heiße Natascha!“, beantwortete die junge Frau die Fragen und nun versteifte sich Sarah. So häufig war der Name Natascha ja nicht und so fragte sie: „Bist du dann eine Kollegin meines Mannes und machst gerade ein Praktikum in der PASt?“, wollte sie wissen, obwohl die Frau noch verdammt jung aussah, aber da konnte man sich täuschen. Jetzt wurde sie von Natascha verständnislos gemustert. „Welche PASt-was soll das sein? Nein ich arbeite als Bedienung in einem Club und mein Freund ist der bestaussehende Mann auf Gottes Erdball!“, prahlte sie. „Und Ben wird uns hier schon rausholen!“, fügte sie hinzu und jetzt blieb Sarah die Luft weg. So viele Zufälle konnte es gar nicht geben! „Wie heißt dein Freund noch und wie genau sieht er aus?“, fragte sie nach und als Natascha den Namen Ben Käfer erwähnte und dann genauestens Sarah´s Mann beschrieb, schwankte die zwischen Fassungslosigkeit und Entsetzen. Das konnte doch nicht wahr sein! Spielte Ben tatsächlich doppeltes Spiel und hatte nebenbei eine Geliebte? Und dann noch dieses Flittchen, das auf den ersten Blick aussah wie 14, aber sich dann als halbe Prostituierte entpuppte, so wie sie sprach, ihrer Kleidung nach und auch nach dem, was sie von sich erzählte!


    Elisa und Milena hatten dem Gespräch gebannt gelauscht und ihnen war Sarah´s abwehrende Haltung und ihr Entsetzen auch aufgefallen. Bekam ihre virtuelle Feindin gerade die gerechte Strafe und ihr ach so geliebter Ben/ Luke war auch nur ein Mann, der jedem fremden Rock nachlief und sie nach Strich und Faden betrog? „Ja, ja-Männer, die sind doch alle gleich, sobald da ein weibliches Wesen mal mit dem Hintern wackelt, sind sie weg-und dich lassen sie mit den Kindern sitzen!“, philosophierte Elisa, vermutlich aus eigener Erfahrung und aktuell konnte Sarah auch nicht widersprechen, zu tief saßen der Schock und das Entsetzen. Manchmal dachte sie, sie wäre in einem bösen Traum gefangen. Ihr Leben, so wie es gewesen war, ging gerade komplett den Bach runter-alles was ihr blieb, wenn sie den Kellerraum nochmals lebend verlassen sollte, waren ihre Kinder und ihre anscheinend unerwiderte Liebe zu ihrem Mann, der sie dabei nach Strich und Faden betrog. Jetzt zog sich Sarah in eine Ecke zurück und sank auf die Matratze-sie musste nachdenken und in ihrem Kopf drehte sich alles. Nebenbei war ihr jetzt verdammt kalt-kam diese Kälte von innen raus? Aber auch die leicht bekleidete Natascha fröstelte, nur die beiden anderen Grazien hatten sich aus Milena´s Koffer bedient und jeweils eine warme Jacke, bzw. einen Pulli über gezogen-die Größe passte auch. Sie dachten gar nicht daran, Sarah oder der Kindfrau ebenfalls etwas Warmes anzubieten und so zog Sarah eine der Wolldecken heran und wickelte sich ein und Natascha machte mit der zweiten Decke dasselbe.

    In diesem Moment hörten sie von draußen Geräusche und ersticktes Aufstöhnen. Fand da gerade ein Kampf statt? Nun schrie ein Mann kurz und gequält auf und Sarah standen jetzt die Haare zu Berge-das war eindeutig Ben´s Stimme gewesen und als nun erneut der Riegel geöffnet und ein blutiger Körper herein geworfen wurde, erhoben sich die vier Frauen und starrten entsetzt und fassungslos auf das Bild, das sich ihnen bot.


    Semir und die Chefin hatten sich am Telefon kurz geschlossen. „Mir macht es Sorgen, dass ich Ben nicht erreichen kann! Ich denke aus dem Fall sind wir raus, wir sind aufgeflogen, aber vielleicht sollten wir für alle Fälle in dem Club eine Razzia veranstalten, falls die so dumm gewesen sind und doch begonnen haben zu spielen-außerdem muss man den PC dort beschlagnahmen, nach Aussagen einer Informantin gibt es wohl ein Verteilersystem, nach dem die Spieler über aktuelle sichere Spielorte informiert werden, das kann man sicher auswerten!“, schlug Semir vor und die Chefin versprach das zu veranlassen. „Vielleicht kann Susanne herausfinden wo Ben steckt, ich fahre jetzt für alle Fälle mal die Strecke vom Club zu seinem Haus ab, nicht dass da was passiert ist!“, verkündete Semir-„und ach ja, ich glaube wir sollten auch Hartmut aus dem Bett schmeißen, Ben hat mir vorher erzählt, dass seine Frau verschwunden sei und er auf ihrem Laptop verstörende Neuigkeiten gefunden hat, mehr wollte er mir aber am Telefon nicht sagen und er klang ganz komisch dabei, ich denke da ist Hartmut unser Mann dafür!“, teilte er Kim Krüger mit und die stimmte ihm in vollem Umfang zu.


    Susanne meldete sich dann auch bei Semir und sagte: „Ich habe Ben´s Aktivitätenprotokoll verfolgt-er war anscheinend am früheren Abend erst in Chorweiler-da hatte er mich zuvor gebeten das Handy seiner Frau zu verfolgen. Ich weiß, dass das nicht ganz korrekt war, das für ihn zu machen, aber ich habe ihm die ungefähre Adresse mitgeteilt, wo sich das zuletzt eingewählt hat-ich habe für ihn auch alle Krankenhäuser Kölns nach Sarah abgesucht. Dann sollte ich heraus finden, wie viele weiße Dreier-BMW mit einer bestimmten Zahlenkombination im Kennzeichen in Köln gemeldet sind, aber ich habe das erst vorhin gerade nachschauen können, irgendwie ist nämlich heute die Hölle los und ich bin im ganzen Nachtdienst bisher noch nicht dazu gekommen, mir bloß einen Kaffee zu holen.“, teilte sie Semir mit. Sie gab ihm die Adresse in Chorweiler und dann noch eine weitere in Holweide durch-es gab nämlich nur einen einzigen weißen BMW in Köln, auf den sämtliche Angaben passten und Semir notierte sich die beiden Anhaltspunkte, wobei er keine Ahnung hatte, was der Wagen mit ihrem Fall zu tun hatte. „Ben´s Handy konnte ich zuletzt vor einer dreiviertel Stunde auf halber Strecke zwischen seiner Wohnung und dem Club orten, aber jetzt ist es tot und als ich geschaut habe, wo der Dienstwagen steckt, muss ich dir leider mitteilen, dass der bei Ben zuhause steht und sich die letzten Stunden nicht mehr bewegt hat!“, gab Susanne alle Informationen weiter, um die sie gebeten worden war und jetzt lag es an dem kleinen Türken und Hartmut, da die Puzzleteile zusammen zu setzen!

  • Ben hatte die Limousine in der kleinen Straße verschwinden sehen und zugleich fiel ihm ein weißer BMW auf, der kurz vor der Kreuzung geparkt war. Als sein Blick auf das Kennzeichen fiel, erstarrte er einen Moment: K-AU-590 war da zu lesen-er hatte das gesuchte Fahrzeug gefunden und Sarah und ihr Liebhaber waren hier irgendwo in der Nähe! Um nicht aufzufallen stellte er seinen Porsche direkt hinter dem BMW ab, denn die Limousine hatte in der Seitenstraße derweil ihre Fahrt verlangsamt und dann vor einem großen Tor angehalten. Während Ben, der sich inzwischen an der Wand abstützen musste, so elend fühlte er sich, leise in die Gasse schlich-ihm kam es zugute, dass die Straßenbeleuchtung kaum funktionierte-stieg der Türsteher aus, sperrte das Tor auf und fuhr mit seinem Wagen in den Hof. Das Tor schwang wieder zu und Ben sah sich jetzt suchend um, wie er die bröcklige Ziegelmauer überwinden konnte. Schnell hatte er sogar in der Dunkelheit der Nacht eine einfache Aufstiegsmöglichkeit entdeckt. Wenn er fit gewesen wäre, hätte er die Mauerkrone mit einem Satz erklommen, aber gerade fühlt er sich, als wäre er vor Kurzem von einem LKW überrollt worden. Eigentlich wäre es jetzt an der Zeit gewesen, irgendwie an ein Telefon zu kommen und Unterstützung anzufordern, aber erstens war hier keine Menschenseele weit und breit und außerdem bekam der Fall gerade eine weitere, sehr persönliche Note. Sarah und ihr Liebhaber waren hier irgendwo in der Nähe und der Türsteher wusste mit Sicherheit um die Identität des Maulwurfs-er musste seine Frau finden und zugleich den Fall lösen! Und außerdem konnte es ihm natürlich als Polizist nicht egal sein, wenn vor seinen Augen eine junge Frau entführt wurde.

    So näherte er sich schwankend dem defekten Mauerstück, als sein Blick auf den Boden fiel. Da war schemenhaft im Licht des abnehmenden Mondes eine Pfütze mit einer dunklen Flüssigkeit zu sehen, die man anscheinend notdürftig versucht hatte mit Ölbindemittel zu beseitigen, aber Ben roch sofort den typisch metallischen Geruch-das war kein ausgelaufenes Öl-das war Blut und zwar höchstens ein paar Stunden alt. Sofort griff eine kalte Hand nach seinem Herzen-um Himmels Willen-hoffentlich war das nicht Sarah´s Blut! Egal was sie getan hatte-er liebte sie und musste sie einfach finden!
    So kletterte er mühsam auf die Mauer und bemühte sich leise zu sein. Hinter einem Pfeiler versteckt konnte er dann beobachten, wie der Türsteher erst sorgfältig das Tor wieder hinter seinem Wagen verschloss, eine weitere Tür aufsperrte und dann den Kofferraum öffnete und Natascha heraus holte. „Du blöder Affe, was soll das!“, schrie die ihn an, aber als Antwort bekam sie eine Ohrfeige, dass ihr Kopf zur Seite flog. „Hier kannst du brüllen wie du willst-da ist niemand der dich hören kann, ich an deiner Stelle würde die Klappe halten!“, zischte der Mann und Natascha war jetzt ganz still, sie wusste, wann sie verloren hatte. Sie ließ ihren Blick über das marode Gemäuer schweifen und während sie nun grob Richtung äußere Kellertür gestoßen wurde, meinte sie die Silhouette eines gebückt dahockenden Mannes hinter einem Pfeiler zu entdecken und ein warmes Glücksgefühl überkam sie. Das war sicher ihr Mr. Sexy, der sie rausholen würde!


    Nachdem der Türsteher Natascha zu den drei anderen Weibern gestoßen hatte, ging er die paar Stufen Richtung Hof hinauf und machte sich nebenbei Gedanken, was der Boss jetzt wohl vor hatte. Man konnte die vier Frauen eigentlich nicht davon kommen lassen, zu viel wussten die, gerade Natascha, die ja den Boss schon gesehen hatte, allerdings hätte er nie gedacht, dass die so ein falsches Spiel spielte. Die blonde junge Frau hatte ihm ebenfalls die Maske herunter gerissen und außerdem einen Mord beobachtet, eigentlich war klar, dass die alle sterben mussten. Die beiden dicklichen älteren Frauen im Verließ würden da leider mit dran glauben müssen, aber das war nicht sein Problem-der Boss würde ihm schon sagen, was er mit ihnen anstellen sollte.


    Gerade löschte er das Licht und trat ins Freie, da sprang ihn plötzlich ein Mann an und brachte ihn zu Fall. Völlig überrascht strauchelte der Muskelprotz und stürzte rücklings die Kellertreppe hinunter-damit hatte Ben gerechnet und deshalb den Überraschungsmoment ausgenutzt. Noch im Fallen erkannte der Türsteher seinen Gegner-Potzblitz, das war doch dieser Ben Käfer, der eine der beiden Spieler, auf den Natascha vorher anscheinend gewartet hatte! Er musste ihnen gefolgt sein und versuchte jetzt, ihn auszuschalten und seine kleine Freundin zu befreien, aber da hatte er nicht mit ihm gerechnet. Obwohl er immer noch ein wenig angetrunken war und ihm auch die Gräten von seinem nachmittäglichen Mauersturz weh taten, war er eine skrupellose ausgebildete Kampfmaschine und mit einem dumpfen Grollen sprang er jetzt seinen Gegner an, der ihm die Treppe hinunter gefolgt war. Bevor Ben sich versah, lag er ebenfalls am Boden und im Halbdunkel rollten die beiden erbittert kämpfenden Männer über den kalten Beton des Kellervorraums.
    Es war ganz klar, dass der Muskelprotz Ben an Körpermasse überlegen war, aber der war dafür flinker und wendiger und durch seine Ausbildung in Karatetechniken bei der Polizei brachte er sogar zunächst ein paar geschickte Griffe an, ohne allerdings seinen Gegner komplett zu bezwingen. Kurz schaffte er es, schwer atmend und unter Auferbietung all seiner erlahmenden Kräfte, ihn auf den Bauch zu drehen und einen Arm auf den Rücken zu biegen, aber als dann seine freie Hand in gewohnter Manier nach seinem Gürtel griff, um dort die Handschellen hervor zu holen und ihn zu fesseln, war da nichts-na klar, er hatte ja, um seine Tarnung nicht zu gefährden, seine Verkleidung angezogen und weder Handschellen noch Dienstwaffe dabei. Da war der kurze Augenblick der Überraschung schon vorüber und brüllend vor Zorn und stocksauer, dass er beinahe bezwungen worden wäre, schüttelte der Koloss ihn nun ab und erneut rollten die beiden Männer im Halbdunkel über den schmutzigen Fußboden. Momentan war so viel Adrenalin in Ben, dass er für einen Augenblick sogar Halsschmerzen und Schwäche ausblenden konnte und sich heftig zur Wehr setzte.
    Irgendwann stießen sie bei ihrem Gerangel an einen menschlichen Körper, der aber schon fast erkaltet war, was Ben einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Allerdings erkannte er schemenhaft, dass das Opfer ein junger Mann war und nicht Sarah, was ihn dann wieder erleichterte. Er brachte nun einen Kinnhaken an und sein Gegner ließ auch einen kurzen Moment benommen locker. Normalerweise hätte Ben die Zeit gereicht, um einen weiteren Karategriff anzuwenden, aber jetzt holte ihn sein Fieber und Schwindel ein und er war einfach zu langsam und konnte nicht verhindern, dass die Hand seines Gegners nach unten fuhr. Ben hatte nicht damit gerechnet, dass der Koloss ein Messer bei sich trug, aber als nun der kalte Stahl aufblitzte, spürte er nur noch wie die Klinge tief in seinen Bauch fuhr und der Typ ihn von unten nach oben regelrecht aufschlitzte. Sofort ließ Ben los, denn dem ersten Schock folgte ein unmenschlicher Schmerz und er bemerkte kaum noch, wie der Riegel zum Kellerverließ geöffnet und er wie eine willenlose Puppe zu den vier Frauen geworfen wurde.

  • Semir und Hartmut waren inzwischen an Ben´s Gutshaus fast gleichzeitig eingetroffen. Semir zückte seinen Schlüssel, den er wie selbstverständlich am Schlüsselbund hängen hatte. Er hatte ihn zwar erst einmal gebraucht, seit Ben und seine Familie umgezogen waren, aber er schätzte den Vertrauensbeweis! Wie Susanne vorhergesagt hatte, stand der Dienstmercedes im Hof, aber als Semir in die alte Remise geschaut hatte, wo früher die Kutschen untergebracht gewesen waren und die jetzt als Garage diente, hatte er sofort gesehen, dass sowohl der Familienkombi als auch Ben´s Oldtimerporsche fehlten. Die Kinder und der Hund waren vermutlich bei Hildegard, denn das Haus war völlig leer. Semir hatte durchaus kombiniert, dass es bei Sarah und Ben gerade nicht so gut lief-immerhin hatte der ihn in letzter Zeit oft mit Fragen gelöchert, die seine Ehe betrafen-als ob er da Spezialist wäre! Andrea und er hatten da durchaus ebenfalls Probleme, aber das war wohl in fast jeder Beziehung so. Was er gelernt und versucht hatte seinem Partner zu vermitteln war, dass sie einfach miteinander reden sollten-nichts anderes half!


    Jetzt aber durchstreifte er mit Hartmut gemeinsam das Haus, ohne im Augenblick irgendeinen Hinweis auf den Aufenthaltsort der beiden Vermissten zu bekommen. Semir konnte sich das Verschwinden Ben´s nur so erklären, dass der in letzter Minute noch einen Tipp bekommen hatte, wo Sarah steckte und sich an deren Fersen geheftet hatte. Im Schlafzimmer war das Bett völlig zerwühlt und auf dem Nachtkästchen stand neben einer leeren Wasserflasche und einer geöffneten Packung Aspirintabletten ein Laptop, den Hartmut, der den eingerichtet hatte, sofort als den von Sarah identifizierte. „Mann-man kann in einem Haushalt mit Kleinkindern doch nicht einfach so Medikamente rumliegen lassen!“, dachte sich Semir tadelnd, aber dann schalt er sich selber-immerhin waren die Kleinen gerade nicht da und so wie er Sarah kannte, hätte die die auch sofort entdeckt und weg geräumt, so aber nahm er die Packung und legte sie ordnungsgemäß in den Medizinschrank im Bad, an dem der Schlüssel steckte.

    Hartmut griff sich derweil den Laptop, nahm ihn mit nach unten und setzte sich in der gemütlichen Wohnküche, die allerdings ohne ihre Bewohner und das Kinderlachen trotzdem leer und trostlos wirkte, an den Tisch und dann flogen seine Finger über die Tasten und Fenster um Fenster öffnete sich. Hartmut konnte hervorragend querlesen und sich binnen kürzester Zeit einen Überblick über den Inhalt eines Schriftstücks verschaffen, aber genauso wie Ben, stockte auch ihm jetzt der Atem. „Semir-jetzt weiss ich, über was sich Ben mit dir unterhalten wollte!“, sagte er tonlos und schob seinem Freund und Kollegen den Laptop rüber, damit auch der in das Dokument hineinlesen konnte. Semir las und mit jedem Satz wurde er blass und blasser. „Um Himmels Willen-das wenn in die falschen Hände gekommen ist!“, rief er verzweifelt und Hartmut nickte mit gerunzelter Stirn. Dann nahm er den Laptop wieder an sich und schaute nach, wo Sarah ihre Story veröffentlicht hatte. Schnell hatte er das System und auch die Feedfunktion verstanden und las zunächst die offiziellen Sachen, dann verfolgte er Sarah´s PNs, ihre Briefwechsel mit Felix und hatte dann innerhalb kürzester Zeit ebenfalls die Software des Schreiberforums geknackt und prüfte nach, was auch Felix getan hatte. Allerdings fiel ihm auf, dass neben dem von Felix, dessen Klarnamen er bereits aus den PN´s kannte, noch ein zweiter Hackerangriff stattgefunden hatte und als er jetzt diese IP-Adresse sah, schnell nach seinem mitgebrachten Tablet griff und dort etwas eingab, berichtete er ernst:
    „Semir-stell dir vor, anscheinend hat Sarah diese und zuvor schon einige andere Story´s, die mir jetzt allerdings nicht relevant erscheinen, auf einem Forum veröffentlicht und kam da ins Kreuzfeuer der Kritik von einigen anderen Mitgliedern. Die eine davon lebt in Chorweiler, heisst Elisa Miller und die Adresse deckt sich mit der Gegend, wo Ben´s und Sarah´s Handy gestern geortet wurden, allerdings ja nicht zur selben Zeit. Die wiederum hat sich mit einer weiteren Schreiberin aus dem Norden verabredet, die sie gestern besuchen wollte und die Ankunftszeit steht in Bezug mit dem Verschwinden von Sarah und deren Handy. Die beiden Schreiberinnen haben übrigens miteinander einen Doppelaccount unterhalten, der Sarah ordentlich Feuer gegeben und sie scharf kritisiert hat.“, erklärte Hartmut und Semir sah ihn jetzt ein wenig verständnislos an: „Du willst sagen, dass erwachsene Leute sich in diesem Schreiberforum mit Worten bekriegen wie im Kindergarten?“, fragte er und Hartmut nickte. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sarah sich mit einem weiteren Mitglied, einem Felix, via anderen Medien ebenfalls unterhalten hat, an die ich aktuell nicht ran komme, sie haben vermutlich über WhatsApp Kontakt gehalten, telefoniert oder sich auch persönlich deswegen getroffen. Aber schon die Nachrichten in diesem Forum wurden von einer dritten Person gelesen, die dazu keine Berechtigung hatte und jetzt halt dich fest: Ich habe die IP-Adresse überprüft und der zugehörige PC befindet sich im Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalens in Düsseldorf!“, ließ er die Bombe los und jetzt wurde Semir blass. „Du willst sagen, dass irgendwelche Verfassungsschützer an Sarah dran waren?“, fragte er nach, aber Hartmut schüttelte den Kopf. „Semir-ich denke da war nicht der Verfassungsschutz dran-warum auch, sondern unser Maulwurf. Wir fragen uns doch die ganze Zeit, warum er uns immer einen Schritt voraus ist-na vermutlich, weil er vor allen anderen informiert wird! Und so wie es aussieht, war in letzter Zeit auch Sarah mit ihrer Geschichte eine Informantin, was vermutlich für den Maulwurf sehr bequem war, das hat ihm gezeigt, dass er sich aktuell in Sicherheit wiegen kann. Wir müssen jetzt allerdings klug vorgehen und ich kann aktuell auch noch nicht sagen, welcher PC im Ministerium da betroffen ist, denn die haben natürlich eine wesentlich besseren Firewall, da muss ich vielleicht sogar persönlich dort erscheinen und mich intern irgendwo heimlich einloggen, um das heraus zu bringen, aber Fakt ist-wir haben eine ziemlich heiße Spur und ich denke, wir können unseren Mann so überführen, aber deswegen wissen wir leider immer noch nicht, wo Ben und Sarah stecken!“, überlegte er laut und Semir konnte jetzt nur zustimmen.


    „So jetzt geben wir erst einmal eine Fahndung nach Ben´s Porsche, der Familienlimousine und auch dem BMW, nach dem Ben gefragt hat, heraus. Als nächstes fahren wir nach Holweide und versuchen den Halter des BMW zu befragen, ob der was weiss. Dessen Name war auf jeden Fall nicht Felix und so müssen wir erst einmal herausfinden, warum Ben den gesucht hatte! Danach sehen wir uns mal in Chorweiler um, wo sowohl Ben als auch Sarah heute im selben Viertel waren und dann können wir nur hoffen, dass wir dadurch irgendeine Spur bekommen, die uns zu Sarah und unserem Kollegen führt, breitete Semir dem Rothaarigen seinen Plan aus und der nickte. „Und ich fahre gleich morgen früh nach Düsseldorf und schnüffle da ein wenig herum!“, bekräftigte nun der und gerade machten sie sich auf den Weg nach Holweide, als plötzlich Semir´s Handy läutete und Susanne dran war. „Semir-eine Polizeistreife hat Ben´s Porsche und auch den gesuchten BMW hintereinander abgestellt in Ehrenfeld gefunden!“ vermeldete sie und gab die Adresse durch. Obwohl sie schon ziemlich nahe an ihrem Ziel waren, trat Semir mit Wucht auf die Bremse, legte eine Drehung um 180° hin und war schon mit Blaulicht und quietschenden Reifen unterwegs nach Ehrenfeld.

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