Still ruht der See

  • 1. Einstimmung


    Jetzt, wo der Herbst (und die Herbststaffel von „Alarm für Cobra 11“) allmählich von uns Besitz ergreift, hier und da bereits der erste Nachtfrost für rutschige Wege sorgt und das fallende Laub wieder den Blick auf die unbeliebte Nachbarschaft freigibt und sich zudem konsequent hinter die Scheibenwischer des parkenden Autos klemmt, möchte ich euch mit meiner dritten Geschichte zurück in den Hochsommer versetzen.


    Also lehnt euch zurück, schließt kurz die Augen, lauscht dieser Musik und denkt zurück an Sonne, 26°C im Schatten, Urlaub, Eis essen, Nordseestrand oder Badesee, verdrängt dabei aber kurz die Gedanken an Schweiß, klebrige Hände, Eisflecken auf dem neuen T-Shirt und 38°C im Büro ohne Klimaanlage. Dann seid ihr in der richtigen Stimmung, morgen mit der Lektüre dieser Geschichte zu beginnen.


    http://www.youtube.com/watch?v=6O_g0N6typM

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • 2. Emma Krause


    Hochsommer in Simmerath. Die Temperaturen waren in den vergangenen Tagen auf über 30°C geklettert. Wir befinden uns am Rande der Eifel. Hier kauft Frau Krause bei ihrem Bäcker ein, weil sie Besuch erwartet…


    „Darf es noch etwas sein, Frau Krause?“, fragte Julia, die Bäckereiangestellte, ihre Kundin, die auf ihrem Rollator gestützt vor dem Verkaufstresen der Stadtbäckerei stand, während sie das kleine Paket geschnittenes Mischbrot auf die Ablage legte. „Kuchen. Ich brauche Kuchen, drei Stück von der Nusstorte und zwei Mandelhörnchen, bitte.“ – „Gerne. Bekommen Sie Besuch, Frau Krause?“ – „Ja, Hauke kommt vorbei und bringt seinen Freund Werner mit. Die beiden wollen mir im Garten helfen und eine Lampe in der Küche anbringen. Da soll es doch wenigstens was Gutes zum Kaffee geben.“ – „Das verstehe ich. Schön, dass ihr Enkel Ihnen hilft.“ – „Ja, nicht wahr?“ Julia verpackte den Kuchen und kam um den Tresen herum, verstaute das Päckchen in dem Gehwagen der Seniorin, legte auch das Brot dazu. „14 Euro 80 macht das dann bitte, Frau Krause“ Diese gab ihr das Portemonnaie und ließ die Verkäuferin das Geld entnehmen, welches sie passend besaß. „Dann wünsche ich Ihnen einen ganz schönen Nachmittag und grüßen sie Hauke von mir.“


    Sie hielt Frau Krause noch die Ladentür auf und sah ihr hinterher, wie sie langsam mit ihrem Rollator von dannen zog. Sie mochte die alte Frau, die körperlich zwar gebrechlich war, geistig aber auf voller Höhe. Sie kannte auch Hauke, ihren Enkel, hatte sie doch mit ihm gemeinsam die Schulbank gedrückt. Dieser Freund Werner war ihr allerdings vollkommen unbekannt, das musste ein neuer Bekannter sein.


    Emma Krause bewohnte einen ebenerdigen erst wenige Jahre alten Bungalow in einer ruhigen Wohnstraße. Nachdem sie vor ein paar Jahren die Treppen in ihrem alten Haus, in dem sie über 50 Jahre mit ihrer Familie gelebt hatte, zu bewältigen nicht mehr in der Lage war, beauftragte sie einen Architekten, der ihr versprach, ein Haus zu entwerfen, in der sie „alt werden könnte“, eine Formulierung, die angesichts ihres Alters von 86 Jahren manch einen zum Schmunzeln veranlasste. Und der Architekt sollte Wort halten. Der Traum vom Wohnen auf einer Ebene wurde verwirklicht. In einem Anbau befand sich auch eine kleine Einliegerwohnung, die als Gästebereich diente und, falls die Notwendigkeit sich jemals ergeben sollte, von einer Pflegekraft als Wohnung benutzt werden konnte.


    Geldprobleme kannte Frau Krause nicht. Sie besaß mehrere Immobilien und einige gut gefüllte Sparbücher mit einem Gesamtbestand von mehreren Millionen Euro. Dass sie für die Zins- und Mieteinnahmen Steuern zahlen musste, kümmerte sie nicht. Sie war der Meinung, für Geld, welches man in Deutschland verdient hatte, sollte man auch die Steuergesetze des Landes respektieren. Um ihre Finanzen kümmerte sich seit Jahren derselbe Steuerberater, der schon zu den Zeiten, als ihr Mann noch lebte, für sie tätig war.


    Jetzt war sie 90 Jahre alt und wohnte immer noch allein, versorgte sich selbst und nahm nur hin und wieder Hilfe in Anspruch. Wie an diesem Sommertag, an dem ihr Enkel Hauke mit seinem Freund Werner in ihrem Garten für Ordnung sorgen sollte.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • 3. Hilfe


    Hauke war 32 Jahre und Büroangestellter in einer kleinen Firma im Ort. Er war verheiratet und kinderlos. Seine Wohnung lag nur ein paar Straßen entfernt, so dass er öfters bei seiner Großmutter vorbei kam und Dinge für sie erledigte. Sein Vater, ein Sohn von Emma Krause wohnte in Dortmund und kam nur alle paar Wochen dazu, seine Mutter zu besuchen.


    Werner Beyer kannte Hauke vom Billardspielen, eine Leidenschaft, der Hauke alle 14 Tage in einem kleinen Club nachging. Werner war etwas jünger als Hauke, hatte Elektriker gelernt und schlug sich mehr schlecht als recht mit Gelegenheitsjobs durch.


    Die beiden Freunde trafen am frühen Nachmittag ein. Sie reparierten den Zaun, mähten den Rasen und reinigten die Terrasse. Als sie bei Kaffee und Kuchen saßen, hatte Emma Krause noch eine Bitte an ihren Enkel. „Kannst du für mich noch zur Post gehen? Ich habe gestern eine Abholkarte bekommen. Sie liegt im Flur. Brauchst du noch eine Vollmacht dafür?“ – „Das ist nicht nötig, ich habe sie in der Brieftasche. Und Werner kann ja in der Zwischenzeit deine Lampe anbringen. Brauchst du sonst noch etwas, wenn ich schon mal unterwegs bin?“ – „Ja, Geld kannst du mir auch mitbringen. So eintausend Euro. Ich habe mir nämlich einen neuen Kühlschrank bestellt, der soll nächste Woche geliefert werden, dann kann ich ihn gleich bar bezahlen.“ – „Kein Problem, bring ich dir mit. Von deinem Postsparbuch? Aber ich mag es nicht gerne, wenn du so viel Bargeld zuhause hast, du solltest lieber auf Rechnung bestellen, dann kannst du das Geld überweisen.“ – „Ach Hauke, ich weiß, aber ich mag es lieber in der Hand halten beim Bezahlen. Möchtest du noch eine Tasse Kaffee? Sie, Werner?“, bot sie ihren Kaffee an.


    Sie taten wie besprochen. Hauke machte die Besorgungen für seine Großmutter und Werner ersetzte die alte Lampe in der Küche durch die neue. „Da haben Sie sich eine schöne Lampe ausgesucht, Frau Krause“, lobte er, „Hauke macht viel für Sie, oder?“ – „Ja, ohne ihn wäre ich manchmal aufgeschmissen, ich bin ja nicht mehr so gut zu Fuß. Ich weiß noch gar nicht, was ich machen soll, wenn er nächste Woche in den Sommerurlaub fährt. Im letzten Jahr war ich ja auch verreist, aber jetzt sitze ich hier alleine“, klagte Emma Krause dem netten jungen Mann ihr aktuelles Problem. „Wenn Sie damit einverstanden sind, schaue ich gerne mal vorbei. Ich würde für Sie auch was erledigen oder Sie mit dem Auto mitnehmen, wenn Sie es wünschen. Ich habe zurzeit nur stundenweise einen Job und daher viel Zeit. Machen Sie sich da keine Sorgen. Und Hauke braucht doch auch seinen Urlaub.“

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  • 4. Endlich Urlaub


    Während sich Emma Krause in der Eifel von ihrem Enkel und dessen Freund bei Garten- und Elektroarbeiten unterstützen lässt, laufen bei Familie Gerkan die Urlaubsvorbereitungen auf Hochtouren …


    Es ist Donnerstag. Genauer gesagt der letzte Donnerstag vor den großen Ferien. Ayda saß am Esstisch und erledigte die letzten Hausaufgaben des Schuljahres. Schon morgen soll es gleich nach Schulschluss an den See gehen. Semir und Andrea hatten für eine Woche ein Ferienhaus gemietet und Ben wollte mit Ayda für zwei Tage dort in der Nähe zelten. Lilly wollte zu Andreas Eltern, die versprochen hatten, viel mit ihr zu unternehmen. So kam jeder der Gerkans in den Genuss von individuellen Ferien.


    Andrea wuselte in der Küche und der Vorratskammer herum, schrieb die Einkaufs- und Packliste für die Urlaubswoche. Lilly saß mit Ayda am Tisch und malte ein Bild in ihrem Malbuch aus. Semir, der an seinem letzten Arbeitstag rechtzeitig Feierabend machen konnte und jetzt den Raum betrat, begrüßte jeden seiner Familie, schmiss den Schlüssel auf die Ablage und ging als erstes in die Küche, wo er sich einen Kaffee aus der noch gut gefüllten Thermoskanne einschenkte. Dann trat er zu seinen Töchtern und fragte Ayda: „Na, kommst du voran?“ – „Nein, das ist so schwer“, antwortete die Achtjährige ohne Aufzublicken. „Ach komm, sind doch die letzten Aufgaben vor den Ferien, dann hast du sechs Wochen Ruhe. Das schaffst du schon!“, versuchte er sie zu motivieren. „Aber das ist so schwer!“, maulte Ayda wieder. „Hat ja auch niemand behauptet, dass es einfach wäre!“


    „Kannst du ihr nicht ein bisschen helfen? Hat Ben sich schon gemeldet?“, fragte Andrea aus der Küche heraus. – „Ja, hat er. Er ist Samstag früh am Ferienhaus und holt Ayda ab“, antwortete Semir. „Ben? Früh?“, zweifelte seine Frau. „Na, ja, so gegen Mittag eben“, korrigierte Semir seine Aussage von eben.


    Mit ein wenig Hilfe waren die Hausaufgaben dann doch schnell erledigt. Und allmählich stapelte sich im Flur das Urlaubsgepäck.


    ***


    Während Ayda und Lilly ihren letzten Tag vor den Sommerferien in der Schule bzw. im Kindergarten verbrachten, packten ihre Eltern am Freitagmorgen das Familienauto mit Taschen und Kisten voll, Lebensmittel, Spielsachen, Campingausrüstung, all das fand Platz in dem geräumigen Kombi. Nachdem Andrea sich zum dritten Mal vergewissert hatte, auch nichts vergessen zu haben, konnten sie endlich ihr Haus abschließen und in den gemeinsamen Urlaub aufbrechen. Sie holten Ayda direkt von der Schule und Lilly vom Kindergarten ab.


    Erstes Ziel war das Haus von Andreas Eltern, wo sie Lilly absetzten. Andrea versprach ihrer Mutter, die Kleine sofort abzuholen, falls sie irgendwelche Probleme mit der quirligen Dreijährigen hätte, und Semir versprach seiner Tochter, sie sofort zu erlösen, falls sie es nicht länger bei seiner Schwiegermutter aushielte. Es war das erste Mal, dass Lilly ohne ihre Eltern bei den Großeltern bleiben sollte, und Andrea hoffte, dass sie kein Heimweh bekäme. Ansonsten waren sie ja auch nicht so weit entfernt, und könnten innerhalb weniger Stunden da sein und die Lage retten.


    Dann ging es weiter zum See. Auf dem Weg fiel Andrea etwas ein. „Jetzt habe ich unsere Anmeldung für das Ferienhaus auf dem Tisch liegen lassen, wie ärgerlich!“ – „Die haben wir doch per Mail bekommen, oder? Dann habe ich sie im Handy, das sollte reichen. Für das Papier drehe ich jetzt nicht um.“


    Das Ferienhaus, welches sie nach einer entspannten Autofahrt von zwei Stunden erreichten, entpuppte sich als recht komfortabel eingerichtetes Holzhaus mit zwei Schlafzimmern und einem modernen Bad im Ober-, sowie einem kombinierten Wohn-, Ess- und Kochbereich im Untergeschoss. Vor dem Haus lag eine sonnige Terrasse mit Blick auf den See, ein Bootssteg war vorhanden, ein Kanu lag umgedreht zur freien Benutzung am Ufer. Der nächste Nachbar war etwa 80 Meter weit entfernt, weit genug, um sich nicht gegenseitig zu stören oder gegenseitig auf die Teller gucken zu können.


    Sie räumten den Wagen leer, und während Andrea die Taschen mit den Klamotten in die Schlafzimmer und die Lebensmittel in die Küche räumte, möblierte Semir die Terrasse mit Tisch und Stühlen, Liegestühlen und einem Sonnenschirm. All das fand er in einem kleinen Schuppen, der an das Haus angebaut war. Ayda machte sich derweil auf Entdeckungstour und badete schon mal mit den Füßen im Wasser. „Ganz schön kalt!“, rief sie ihrem Vater zu.

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  • 5. Der Plan


    Der Reichtum von Haukes Großmutter lenkte Werners Gedanken in eine ganz bestimmte Richtung…


    Nachdem Hauke und Werner sich von Haukes Oma verabschiedet hatten, gingen sie noch eine Runde Billardspielen. Dabei versuchte Werner unauffällig, mehr über das Vermögen von Emma Krause zu erfahren. Hauke erzählte, dass sie neben ihrem Bungalow auch das Haus besaß, in dem Haukes Eltern in Dortmund wohnten und zwei Mietshäuser in der Düsseldorfer Innenstadt. Außerdem hatte sie mehrere Schließfächer, Bankkonten und Sparbücher.


    „Und du hast eine Vollmacht, um für sie die Geschäfte zu erledigen? Dann muss sie dir ja mächtig vertrauen.“ – „Das tut sie auch“, gab Hauke zu, „ich habe aber nur eine kleine Vollmacht und auch nur für das eine Sparbuch bei der Post“, fügte er hinzu, „noch ein Spiel?“, fragte er gleich darauf, nachdem er die letzte Kugel in der Seitentasche des Tisches versenkt hatte. „Aber klar, ich hole uns noch ein Bier“, stimmte Werner zu und machte sich auf den Weg zum Tresen. In seinem Kopf arbeitete es, seine Habgier war geweckt. „Was meinst du mit „kleiner Vollmacht“? Was ist das?“, wollte er von seinem Kumpel wissen. „Meine Oma hat sie begrenzt auf 1.500 Euro pro Monat. Ich kann meiner Großmutter also nicht das Konto plündern. Würde ich ja auch nie machen, aber so ist es für beide Seiten sicherer.“


    Ob sich da nicht was machen ließe, dachte Werner. Ein Bruchteil des Vermögens der Oma Krause, und er hätte auf einen Schlag keine Sorgen mehr. Nur wie sollte er das anstellen? Das Geld liegt ja schließlich nicht in Koffern auf ihrem Dachboden herum, sondern gut gesichert auf der Bank oder angelegt in Immobilien. Er musste gleich Uwe und Jörg anrufen, um einen Plan auszuarbeiten. Zu dritt würde ihnen schon was einfallen.


    Nach dem zweiten Billardspiel, welches Werner gewinnen konnte, verabschiedete er sich von Hauke und ging nach Hause in seine kleine Wohnung. Von dort aus rief er Jörg und Uwe an, mit denen er schon seit seiner Jugend befreundet war, und verabredete sich mit ihnen für den nächsten Tag. Sie sollten zu ihm kommen, er hätte etwas mit ihnen zu besprechen.


    Bei einem Bier und einer TK-Pizza beschrieb Werner den beiden Besuchern die Vermögensverhältnisse von Haukes Großmutter. Genau wie er selbst waren auch Jörg und Uwe nicht abgeneigt, sich das gewisse Kleingeld auf einem Nebengleis abseits von Recht und Gesetz zu besorgen. Als er ihnen eröffnete, dass locker 2 Mio. bei der Oma Krause zu holen seien, waren sie schnell Feuer und Flamme für den Plan, sich bei er alten Frau zu bedienen. Jetzt hieß es, einen Plan zu erarbeiten.


    Nachdem die drei Freunde mehrere Alternativen diskutiert hatten, entschieden sie sich dafür, Hauke zu entführen und das Geld zu erpressen. Geldübergabe, Austausch und fertig. Alles klang ganz einfach. Werner selbst dürfte Hauke nicht zu Gesicht bekommen, da sie sich kannten. Außerdem könnte Werner, da er jetzt auch das Vertrauen der Oma Krause genoss, als Helfer bei der Suche mitwirken und die Familie darin bestärken, die Polizei außen vor zu lassen und genau das zu tun, was die Entführer von ihr verlangten.


    „Okay, bislang alles schön und gut“, sagte Werner zu später Stunde, „dann lasst uns nochmal zusammenfassen: Wann?“ – „Morgen Abend, wenn er auf dem Heimweg ist.“ – „Wo?“ – „Auf dem Verbindungsweg zwischen der Badstraße und dem Wiesengrund, dort wo der kleine Parkplatz ist.“ – „Wie?“ – „Kurz niederschlagen und ins Auto packen, wenn kein anderer Mensch in der Nähe ist.“ – „Wenn doch?“ – „Wird die Aktion verschoben.“ – „Wohin?“ – „In den Partykeller meiner Eltern. Bis Montag sind sie noch im Urlaub. Solange haben wir freie Bahn.“ – „Super, scheint so, als hättet ihr alles verstanden, bereitet den Keller gut vor, Fesseln, Knebel, alles, was ihr braucht. Und einer von euch bleibt immer bei Hauke, lasst ihn nicht alleine. Ich werde mich um den Erpresserbrief kümmern und darum, dass ich Kontakt zur Familie habe, wenn sie ihn bekommen. Wegen der Geldübergabe werde ich mir auch Gedanken machen. Jetzt los, und vermasselt es morgen nicht!“, verabschiedete er seine Freunde.


    6. Die Umsetzung


    Hauke Krause machte um 17:00 Uhr Feierabend und ging seinen gewohnten Heimweg. Den im Verbindungsweg abgestellten grauen Opel Omega Kombi nahm er wohl wahr, beachtete ihn aber nicht weiter. „Entschuldigen Sie“, wurde er plötzlich von der Seite angesprochen, „kennen Sie sich hier aus?“ Hauke fuhr herum und stand einem großen Mann gegenüber. Das „Ja“ blieb ihm im Hals stecken, als er sah, dass sein gegenüber eine Strumpfmaske trug und die Kapuze seines Pullovers tief ins Gesicht gezogen hatte. Diesen kurzen Augenblick der Verwirrung nutzte Uwe aus, trat von hinten an Hauke heran und gab ihm mit einem kurzen Holzknüppel einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf.


    Hauke sackte in sich zusammen, wurde von Jörg und Uwe aufgefangen und in den Kofferraum gelegt, sie fesselten ihm noch Hände und Füße mit Klebeband und klebten auch einen Streifen über seinen Mund. Dann zogen sie das Rollo, welches zur Laderaumabdeckung diente, zu, klappten den Kofferraum zu und stiegen vorne in das Auto. Den Weg zu Uwes Elternhaus dehnten sie durch Umwege aus, so dass Hauke, sollte er zwischenzeitlich das Bewusstsein wiedererlangen, den Weg nicht nachvollziehen konnte und so nicht ahnen konnte, dass sie sich nur drei Straßen vom Tatort der Entführung befanden, als Jörg den Wagen rückwärts die Auffahrt zu Uwes Elternhaus hochfuhr.


    Am Ende der Auffahrt befand sich die Außentreppe zum Keller. Sie schleppten den noch benommenen Hauke Krause die steile Betontreppe hinab und brachten ihn in den Partyraum, wo sie ihn auf das vorbereitete Bett fallen ließen. Hier fesselten sie ihn an Kopf- und Fußteil und verbanden ihm auch die Augen, so dass eine Flucht ausgeschlossen war. Uwe und Jörg nahmen auf der Couch Platz. Nach einer Weile stand Jörg auf und verließ den Raum, um Werner anzurufen und den Erfolg der Aktion mitzuteilen.

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  • 7. Am See


    Während Hauke also die Zeit im Keller von Uwes Eltern verbringen musste, konnte Familie Gerkan ihren ersten Urlaubsabend am See richtig genießen …


    Gemeinsam richteten Semir und Andrea das Abendessen her und verbrachten den Abend mit einem Kartenspiel, das Ayda mitgenommen hatte, tranken Wein und ließen so ihren ersten Urlaubstag auf der Terrasse ausklingen. Der Hochsommer hatte endlich auch von diesem Fleckchen Deutschland Besitz ergriffen, auch gegen 22:00 Uhr konnten sie noch im T-Shirt draußen sitzen. Erst als die Weinflasche leer war und ihnen die noch von der vergangenen Arbeitswoche müden Augen zufielen, zogen sie sich in ihr Schlafzimmer zurück.


    Am Samstag um 11:00 Uhr, der Frühstückstisch war gerade abgeräumt, hörte Semir ein Knirschen, wie es nur von einem langsam über Kies rollenden Fahrzeug verursacht wurde. Ayda unterbrach die Lektüre ihres Pferdebuches und blickte ihren Vater an. „Onkel Ben?“, fragte sie und sprang schon von ihrem Platz auf. Das Buch landete auf dem Tisch. Semir lachte. Er freute sich, dass sich seine Tochter so freute, mit ihrem Patenonkel zwei Tage zelten zu gehen und dass Ben diese zwei Tage Zeit hatte. Aber am meisten freute er sich darauf, zum ersten Mal seit der Geburt ihrer Töchter, zwei Tage nur mit Andrea alleine verbringen zu können, auch wenn es ihnen sicher ungewohnt leer und ruhig vorkommen wird.


    ***


    Dann kam Ben um die Ecke und unterbrach Semirs Gedanken. „Hey, Urlauber! Alles klar bei euch?“ Er legte seinen großen Rucksack auf den Rasen vor der Veranda ab, wo schon Aydas Gepäck lag, ein kleinerer Rucksack, eine Isomatte und ein Schlafsack und begrüßte seinen langjährigen Freund. Dass Bens Rucksack wesentlich größer und sicher auch schwerer war, lag an der Campingausrüstung, Zelt, Kocher, Geschirr, sowie einige Lebensmittel und Getränke, für die zu sorgen er versprochen hatte.


    Jetzt trat auch Andrea auf die Veranda und in die vormittägliche Sonne. „Ben! Wie schön, dass du schon da bist. Wollt ihr noch hier Mittag essen, bevor ihr euch auf die Wanderung begebt, oder wollt ihr auf dem Weg etwas essen?“, fragte sie und blickte Ayda und Ben im Wechsel an. „Was sagt die Prinzessin dazu? Hier essen oder unterwegs?“, gab Ben die Frage an Ayda weiter. „Ja!“, war deren Antwort. „Ja, was?“ – „Ja, Onkel Ben!“ – „Ich glaube, wir essen unterwegs“, nahm Ben ihr die Entscheidung ab. Alles was anders war als sonst, war doch viel interessanter. „Dann packe ich euch noch etwas vom Kartoffelsalat und ein paar Würstchen ein, zu Trinken hast du mit?“ – „Ja, ausreichend. Danke.“


    Ayda drängte jetzt auf einen schnellen Abschied, als könne sie es gar nicht erwarten, sich von ihren Eltern zu trennen und mit Ben in das Abenteuer Zelten zu stürzen. Sie ließ sich von Semir und Andrea noch einmal umarmen, einen Kuss aufdrücken und mit vielen guten Ratschlägen überschütten, deren Inhalt sich in ihrem Kopf sicher innerhalb der nächsten zwei Minuten in ein nebulöses Nichts aufzulösen begannen, wer denkt schon daran, die Mütze aufzusetzen, Sonnenmilch zu benutzen und den nassen Badeanzug gegen trockene Klamotten zu wechseln, wenn die Gedanken an Zelten, Baden, Spaß und Spiel dominieren?


    Sie sprang die Veranda hinab und ließ sich von Ben ihren Rucksack aufsetzen. Andrea fiel noch etwas ein. „Ayda, warte! Ich hab‘ doch noch was für dich, einen Moment.“ Sie stieß sich vom Geländer der Veranda ab und lief zurück ins Haus. Semir zog seine Stirn kraus, sah zu Ben und zuckte mit den Schultern. Dann erschien Andrea wieder auf der Veranda und hielt eine kleine Digitalkamera in die Höhe. „Hier. Damit kannst du ein paar schöne Bilder eurer Tour machen und uns nachher zeigen.“ Ayda ergriff den kleinen Fotoapparat begeistert und machte nach wenigen Augenblicken ein Foto von ihren Eltern, die nebeneinander am Geländer der Veranda standen und ihrer großen Tochter auf ihren Weg in ihren ersten elternfreien Urlaub nachblickten und zum Abschied winkten.

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  • 8. Vermisst


    Leider müssen wir dieses Urlaubsidyll vorübergehend verlassen ...


    Martina Krause blickte auf die Wanduhr in der Küche und wunderte sich. Schon halb acht. ‚Wo bleibt Hauke heute nur?‘, dachte sie. Normalerweise hätte er bereits seit knapp zwei Stunden zuhause sein müssen, zumindest an einem Freitag. Und wenn nicht, hätte er doch Bescheid gesagt. Nun hatte sie den Abendbrottisch bereits gedeckt und saß ratlos vor ihrem Teller. Hatte sie etwas verpasst? Einen Termin vielleicht? Sie stand auf und ging zu dem Kalender. Nein, für heute war nichts eingetragen.


    Martina rief in der Firma ihres Mannes an, erreichte aber nach mehreren Läuten nur den automatischen Anrufbeantworter, der sie auf die Öffnungszeiten der Firma hinwies. Direkt in der Zentrale sprach sie mit dem wachhabenden Telefonisten, der ihr versprach, kurz in Haukes Büro nach dem Rechten zu sehen, was allerdings nicht von Erfolg gekrönt war, wie er Martina in seinem Rückruf eine halbe Stunde später erzählte.


    Auch Haukes Großmutter konnte die Verspätung ihres Enkels nicht erklären. Sie hatte Hauke seit seinem Besuch mit Werner nicht mehr gesehen.


    Sie zögerte, die Krankenhäuser anzurufen, tat es schließlich trotzdem. Allerdings ebenfalls erfolglos, das hatte sie auch nicht anders erwartet. Schließlich hatte Hauke immer sein Portemonnaie bei sich und dort ist sein Ausweis drin. Wäre etwas passiert, ein Unfall etwa, hätte sie früher Bescheid gewusst, als ihr lieb gewesen wäre.


    Nach all den Telefonaten verließ Martina das Mietshaus, in dem sie mit Hauke lebte, um den Arbeitsweg ihres Mannes abzugehen. Aber ihr fiel nichts auf. In keiner Kneipe, an der sie vorbeikam, war Hauke. Er war auch nirgends gesehen worden.


    Die Hoffnung, er wäre zwischenzeitlich zuhause eingetroffen, erfüllte sich leider auch nicht.


    Martina telefonierte noch mit ihren Schwiegereltern in Dortmund, die versprachen, sich am nächsten Tag auf den Weg nach Simmerath zu machen, falls ihr Sohn bis dahin noch nicht den Weg nach Hause gefunden haben sollte und verbrachte eine schlaflose Nacht.


    ***


    Nachdem sie am nächsten Morgen kurz eine Scheibe Brot gegessen und einen Becher Kaffee getrunken hatte, trat Martina vor die Tür. Sie mochte nicht länger alleine sein und beschloss, zu Haukes Großmutter zu gehen.


    Sie kam nur bis zu den Briefkästen, als sie einem bekannten Gesicht gegenüber stand. „Werner!“, begrüßte sie erstaunt den Billard-Freund von Hauke. „Hallo Martina, ist Hauke oben? Ich konnte ihn am Handy nicht erreichen.“ – „Nein, Werner. Hauke ist gestern nicht nach Hause gekommen. Ich habe schon überall gefragt. Kannst du dich vielleicht bei euren Freunden umhören? Vielleicht ist er bei einem von ihnen versackt und hat vergessen, mich anzurufen.“ – „Das mache ich gerne, Martina. Brauchst du sonst Hilfe?“


    Martina antwortete nicht gleich, sondern schloss ihren Briefkasten auf, entnahm ihm die Tageszeitung und einige Umschläge. Sie blätterte diese flüchtig durch, Telefonrechnung, Werbung, Versicherung, dann ein Blanko-Umschlag mit einem handschriftlichen „Krause“ auf der Vorderseite. Sie schüttelte etwas verwundert den Kopf.


    „Es reicht, wenn du mir hilfst, ihn zu suchen, danke, Werner“, sagte sie schließlich und öffnete gleichzeitig den Umschlag. Bestimmt Post von der Hausgemeinschaft oder eine Einladung von Nachbarn, dachte sie und erschrak im selben Moment, in dem sie den Zettel mit den aufgeklebten Buchstaben in den Händen hielt. So etwas gab es doch nur in schlechten Filmen! Sie las, was dort aus Zeitschriften zusammengeschnippelt stand:


    Wir haben Ihren Mann!
    2 Millionen, wenn Sie ihn wiedersehen wollen.
    Samstag, 22:00 Uhr, Parkplatz Eichengrund an der A57.
    Letzter Papierkorb auf der rechten Seite.
    Kommen Sie alleine – sonst sehen Sie ihn nicht wieder.
    Sehen wir Polizei – sehen Sie ihn nicht wieder!


    Martina musste sich an den Briefkästen abstützen. Werner war hilfsbereit zur Stelle. „Hier!“ Sie reichte ihm den Erpresserbrief, „lies!“
    „Was soll ich denn jetzt bloß machen, Werner?“, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu.

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  • 9. Geldübergabe


    „Das sollten wir in aller Ruhe besprechen. Habt ihr denn überhaupt so viel Geld?“, fragte Werner leise. „Gute Frage, Hauke und ich auf keinen Fall. Aber seine Großmutter. Ich muss zu ihr.“ – „Soll ich mitkommen? Dann können wir zusammen entscheiden, was zu tun ist.“ – „Das ist vielleicht keine schlechte Idee, ich kann momentan eh keinen klaren Gedanken fassen.“ Martina Krause legte die Tageszeitung und die übrige Post zurück in den Briefkasten, verschloss ihn und machte sich mit Werner auf den Weg zu Emma Krause.


    Das hatte Werner doch geschickt eingefädelt, oder? Erst den Erpresserbrief schreiben und ausliefern und dann „rein zufällig“ des Weges kommen, als Martina Krause ihn in die Hände bekommt. Jetzt galt es nur noch dafür zu sorgen, dass Krauses das Geld bereit stellten und vor allem die Polizei aus dem Spiel ließen. Es war ja schon Samstagvormittag, die Geldübergabe sollte schon in gut zehn Stunden sein.


    Emma Krause war genauso erschrocken über die Entführung ihres Enkels und den Erpresserbrief, begann aber bald, Haukes Frau zu beruhigen. „Martina, ich gebe dir natürlich das Geld, das ist doch Ehrensache. Da brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Aber sollten wir nicht doch die Polizei einschalten? Die wissen doch bestimmt, was zu tun ist.“ – „Ich weiß nicht, Oma“ – Martina nannte Haukes Großmutter auch Oma – „Die verlangen ausdrücklich von uns, keine Polizei einzuschalten. Was meinst du, Werner?“ – „Schwer zu sagen“, antwortete dieser, „ich glaube, denen geht es wirklich nur ums Geld. Geld gegen Hauke, so lese ich den Brief. Ich meine, Sie sollten zahlen und die Polizei nicht einschalten. Aber letztendlich ist es Ihre Entscheidung.“


    Martina und Emma Krause überlegten hin und her. Werner lenkte die Überlegungen immer wieder in eine bestimmte Richtung, und so kamen die Frauen zu der Entscheidung, die Werner sich erhofft hatte. „Ich besorge das Geld“, entschied Emma Krause und ging zum Telefon. Obwohl es Samstag war, gelang es ihr, mit dem Bankdirektor zu sprechen und ihn zu bitten, unter dem Vorwand eines wichtigen Vorhabens, ihr noch heute Zugang zu ihren Bankschließfächern zu ermöglichen. Drei Millionen lagen dort in mehreren Fächern in bar. Bargeld lacht, sagte sie immer, und heute hätte sie endlich den Beweis dafür. Sie machte sich mit einer leeren Reisetasche auf den Weg und holte das Geld, mit dem sich Martina am späten Abend in ihrem roten Kleinwagen auf den Weg zum Übergabeort an der A57 machte.


    10. Routine


    „HAHAHAAA-TSCHIII“ Jenny nieste laut und putzte sich kräftig die Nase. „Mensch, Jenny, du solltest dich mit deiner Erkältung besser zuhause ins Bett legen“, gab Dieter Bonrath, der den Porsche Cayenne – Streifenwagen der Autobahnpolizei über die A57 fuhr, seiner jungen Kollegin auf dem Beifahrersitz einen guten Rat, „du tust dir und uns keinen Gefallen damit, dass du dich zur Arbeit schleppst und uns womöglich noch ansteckst.“ - „Ach Bonny, du weißt doch, wie unterbesetzt wir jetzt zur Ferienzeit sind. Alex tourt mit dem Wohnmobil Richtung Nordkap, Semir erholt sich irgendwo in der Eifel, lass uns einfach diese Nachtschicht rumbringen, dann werde ich mich morgen zuhause pflegen und gesundschlafen.“ – „Okay Jenny, ich habe es ja nur gut gemeint. Komm, wir schauen uns mal den nächsten Parkplatz an.“ – Dieter Bonrath lenkte den Streifenwagen auf die Abbiegespur zum Parkplatz „Eichengrund“. Direkt vor ihm fuhr ein roter Kleinwagen, langsamer als erforderlich und zwang Dieter zum starken Abbremsen. Er schüttelte seinen Kopf, sagte aber nichts und hielt vorne am WC-Häuschen an. Nachdem sie eine Woche vorher einen Junkie in einem Toilettenhäuschen gefunden hatten, der in allerletzter Minute vom herbeigerufenen Notarzt reanimiert werden konnte, hatte Bonrath es zu ihrer Routine werden lassen, gerade auf diesen einsamen Parkplätzen die Toilettenhäuser regelmäßig zu überprüfen.


    Der rote Kleinwagen indes hielt hinten auf dem Parkplatz an. Eine blonde Frau stieg aus, nahm eine schwarze Reisetasche von der Rücksichtsbank und ging, sich mehrfach nach allen Seiten umschauend zum Papierkorb. Sie sah zwar den Streifenwagen, dachte sich aber nichts weiter. Sie hatte keine Polizei eingeschaltet und die Entführer, die mit Sicherheit aus der Nähe die Geldablieferung beobachteten, von ihr aber nicht gesehen werden konnten, bestimmt auch nicht. Bevor sie die Reisetasche in den Papierkorb werfen konnte, klingelte ihr Handy und eine männliche Stimme fuhr sie an: „Polizei? Sie haben die Polizei mitgebracht?“ – „Nein, das habe ich nicht. Ich habe ihr Geld“ – „Vergessen Sie’s! Nehmen Sie ihr Geld und hauen Sie ab. Wir melden uns!“ – „Hören Sie! Bitte, lassen Sie Hauke gehen!“ Aber die Leitung war schon tot. Martina legte die Reisetasche wieder auf die Rücksitzbank, setzte sich hinter das Lenkrad und brach in Tränen aus. Die Geldübergabe war gescheitert. Würde sie Hauke je wiedersehen?


    Martina Krause bemerkte nicht, wie der Streifenwagen jetzt nach der Überprüfung des Toilettenhäuschens hinter ihr anhielt, beide Streifenpolizisten aus diesem ausstiegen und auf ihren Kleinwagen zugingen. Erst als Jenny an die Scheibe der Fahrertür klopfte, schreckte sie auf. Sie öffnete die Tür. „Geht es Ihnen nicht gut?“, fragte Jenny die blonde Frau. „Nein, alles in Ordnung, ich brauchte nur eine kurze Pause“, erwiderte Martina. Jetzt trat Dieter, der in der Zwischenzeit die Nummernschilder und den Zustand des Kleinwagens knapp inspiziert hatte, soweit es im dunklen mit Hilfe einer Taschenlampe ging, zu Jenny und ergriff das Wort: „Ihr TÜV wäre letzten Monat fällig gewesen. Darf ich mal ihren Führerschein und die Fahrzeugpapiere sehen?“ Nach einer längeren Suche in ihrer Handtasche händigte Martina das Gewünschte den Polizisten aus. „Ich verwarne sie mündlich. Bitte holen Sie den TÜV-Termin in den nächsten Tagen nach und stellen Sie den Wagen einer Polizeidienststelle vor. Auf ein Bußgeld verzichte ich heute, weil die Plakette erst seit drei Wochen abgelaufen ist. Und das rechte Hinterrad muss wahrscheinlich auch bald ausgetauscht werden, vielleicht machen Sie das auch bei der TÜV-Vorbereitung.“ Dieter reichte Martina die Papiere zurück, die ihm versicherte, sich darum zu kümmern und das Versäumte umgehend nachzuholen. „Ich wünsche Ihnen dann noch eine gute Weiterfahrt“, verabschiedete Bonrath sich von der blonden Frau. Auch Jenny wünschte ihr eine gute Nacht und Weiterfahrt und folgte Dieter zum Streifenwagen.


    Für die Polizisten war es nur eine Routinekontrolle, für Martina Krause das Ende der Hoffnung auf eine baldige Beendigung des Entführungsdramas.

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  • 11. Zelten mit Ben – Teil 1


    Zurück vom Entführungsdrama um Hauke Krause in unser Urlaubsidyll am See.


    Semir saß mit Andrea vor ihrem Ferienhaus am See. Die Sonne schien, Semir döste im Liegestuhl, die Zeitschrift in seinen Händen war bereits nach unten gesunken, Andrea las ein Buch. Solche Tage mit viel Zeit zum „Sitzen und Sein“ waren selten und mussten genutzt werden. Es gibt halt Tage, da ist Atmen Beschäftigung genug. „Du, Semir?“ – „Hmm?“, antwortete dieser ohne Aufzublicken. „Hättest du das gedacht, dass unsere Kinder jetzt schon Urlaub ohne uns machen?“ – „Moment. Das siehst du ganz falsch, Andrea“, Semir drehte sich jetzt zu seiner Frau um, „Lilly ist bei meiner Schwiegermutter, da würde ich den Urlaubscharakter schon mal per se anzweifeln, und Ayda ist mit Ben zelten, das kannst selbst du nun wirklich überhaupt nicht als Urlaub bezeichnen.“ Semir wandte sich wieder seiner Zeitschrift zu, aber nur wenige Minuten später konnte er sich das Lachen nicht verkneifen. „Ich habe es fast bildlich vor Augen, wie das abläuft.“ – „Wieso?“, fragte Andrea, dann schwante ihr was und sie fügt ihrer Frage noch eine weitere hinzu: “Hat Ben etwa noch nie gezeltet?“ – „Ben? Ich gehe sogar davon aus, dass er erst seit gestern oder sogar heute Morgen im Besitz eines Zelts ist.“


    ***


    Zur selben Zeit gingen Ben und Ayda um den See herum. Etwa auf der dem Ferienhaus ihrer Eltern gegenüber liegenden Seite lag ein keiner Lagerplatz mit einer Feuerstelle und Platz für einige kleine Zelte. Der Weg führte durch den Wald und dauerte in gemächlichem Tempo etwa 3 Stunden. Diese Nähe zum Ferienhaus war bewusst gewählt, da es die erste Nacht im Zelt sein würde, für Ayda mit Sicherheit und für Ben, wie sich bald herausstellen sollte, auch. „Onkel Ben“, erklang Aydas helle Stimme, „Was hängt denn da aus deinem Rucksack?“ Ayda, die einige Schritte hinter ihrem großen Freund schlenderte, war ein Zettel aufgefallen, der aus einem Packbeutel in der einen Seitentasche des Rucksacks baumelte. „Was meinst du?“, fragte Ben zurück und griff mit seiner Hand nach hinten. „Andere Seite!“, dirigierte Ayda ihn. Jetzt bekam Ben das Stück Papier zu fassen und zog daran, so dass es sich vom Beutel löste und er es sich ansehen konnte. „Das ist jetzt nicht so wichtig“, wich er einer Antwort aus. „Doch! Erzähl oder zeig her!“, forderte Ayda. „Na gut, hier!“ Ben drückte ihr das abgerissene Preisschild in die Hand, „Das ist ja ein Preisschild! Hast du das Zelt etwa neu?“


    Na, das konnte ja heiter werden! Und so kam es auch. Ben gelang es nicht völlig, vor Ayda zu verbergen, dass Zeltaufbau nicht zu seinen besten Fähigkeiten zählte.


    Ayda saß auf einer Baumwurzel und schaute Ben amüsiert beim Zeltaufbau zu. Die Stangen lagen verstreut auf dem ausgebreiteten Zeltdach, die Heringe hatte Ben schon aus dem kleinen Beutel ausgeleert. Mit einem Bein verhedderte er sich gerade in einer der Zeltleinen. Er redete leise vor sich hin, dabei die schlecht übersetzte Aufbauanleitung studierend. Ayda konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und fand, die Situation sei ideal, um einige Fotos mit der kleinen Digitalkamera zu schießen, die ihr Andrea mitgegeben hatte. „Statt zu fotografieren, könntest du mir lieber mal helfen“, sagte Ben zu ihr, ohne aufzublicken, „das ist hier nämlich gar nicht mal so leicht!“ – „Hat ja auch niemand behauptet, dass es einfach wäre!“ Ben erstarrte nach diesem frechen Kommentar in seiner Bewegung, hob langsam seinen Kopf und sah Ayda in die Augen. Die hielt dem Blick stumm stand. Ben war es, der schließlich langsam seinen Kopf schüttelte und das Schweigen brach: „Du wirst deinem Vater immer ähnlicher, ich glaube, ich muss da mal ein ernstes Wörtchen mit deiner Mutter reden.“ – „Das hat gar keinen Sinn. Die sagt das auch.“

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • 12. Zelten mit Ben – Teil 2


    Dann erhob sich Ayda aber doch, legte die Kamera zur Seite und half Ben beim Aufbauen des Zelts und schon bald feierten sie mit einer Cola Richtfest und hielten auch dieses Ereignis fest, für die Selbstauslöser-Aufnahme hatten sie den Apparat auf die Baumwurzel gestellt.
    „Und was machen wir jetzt?“, fragte Ayda unternehmungslustig. „Wie wäre es mit Auspacken und Einräumen, dann gehen wir Baden und Paddeln, und dann mache ich uns was Leckeres zu essen?“ – „Klingt gut.“


    ***


    „Und gleich wird er hier anrufen und dich fragen, ob die Nudeln ins kalte Wasser kommen, oder ob das Wasser erst kochen muss.“, fuhr Semir mit seinen Ausführungen fort.
    Als er schon dachte, er hätte Ben jetzt doch unterschätzt, klingelte tatsächlich Andreas Handy. „Ben, bist du’s?“, fragte sie, als sie seinen Namen im Display erblickte. Sie hörte Ben kurze Zeit zu, dann prustete sie los. „Warum ich so lache? Du wirst es nicht glauben, aber das mit dem neuen Zelt, dem Aufbau und dem Kochen hat Semir exakt so vorhergesagt, wie du es mir jetzt schilderst. Wegen der Nudeln hättest du übrigens auch Ayda fragen können, sie weiß das, oder rufst du etwa heimlich an, damit sie nicht erfährt, dass du nicht kochen kannst?Aber damit du es weißt: Bring erst das Wasser zum Kochen! Sonst ist alles in Ordnung? Das ist gut. Ich wünsche euch eine tolle Zeit! Bis Montag!“
    Sie beendete das Gespräch. Zu Semir gewandt, der sich vor Lachen kaum noch einkriegen wollte, meinte sie schließlich mit einem ganz speziellen Glanz in ihren Augen: „Und womit vertreiben wir uns die Zeit ohne die Kinder?“ – „Ach, ich hätte da schon so eine Idee …“


    ***


    Die nächsten Tage waren für alle unsere drei Urlaubsparteien wundervoll.


    Lilly ließ sich von ihren Großeltern verwöhnen und dachte gar nicht daran, auch nur die kleinste Spur von Heimweh zu entwickeln. Andreas Handy klingelte nicht, weil ihre Mutter keinen Anlass sah, sich über Lilly zu beschweren. Und Semirs Handy klingelte nicht, weil Lilly sich entgegen seiner Befürchtungenbei Andreas Eltern sehr wohl fühlte.


    Semir und Andrea konnte das nur Recht sein. Sie verbrachten die Tage mit Ausflügen in die nähere Umgebung, ließen sich ansonsten treiben, fanden viel Zeit zum Spazieren gehen, zur Entspannung und zur Zweisamkeit.


    Ayda und Ben vertrieben sich die Zeit mit Baden, Feuer machen, Grillen, gingen auf einen Abenteuerspielplatz und in einen Klettergarten, der auch Routen für Kinder anbot, sie nutzten das Kanu, das an ihrem Campingplatz lag für Paddeltouren auf dem See. Ayda hielt sämtliche Aktivitäten mit der Kamera fest und drehte auch einige kleine Videos. Sie schien beinahe mit dem Apparat verwachsen zu sein und legte ihn nur zum Baden, Essen und Schlafen aus der Hand.


    Bis Montagmittag hätten diese zwei Tage mit Ben allergrößte Chancen gehabt, Thema ihres Schulaufsatzes „Mein schönstes Ferienerlebnis“ zu werden.



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  • 13. Werner, wir haben ein Problem

    Nach diesem kurzen Ausflug in die kleine Urlaubsidylle müssen wir uns nun wieder der Entführung von Hauke Krause und der gescheiterten Geldübergabe zuwenden, die unsere 3 „Freunde“ in arge Bedrängnis brachte, da der Kellerraum ihnen ja nur bis zu diesem Wochenende zur Verfügung stehen sollte. Es musste eine Alternative gefunden werden.


    Nachdem die erste Geldübergabe missglückt war, stand das nächste Problem vor der Tür. Bislang war Hauke in Uwes Elternhaus „untergebracht“, aber da diese jetzt aus ihrem Urlaub zurückkommen würden, musste ein anderweitiges Versteck gefunden werden. Und dieses entdeckte Werner am Sonntag auf einem stillgelegten Industriegelände. Dort würden sie nicht weiter auffallen, es gab genügend Kellerräume und keine Nachbarn. Er gab den Tipp seinen Kumpels weiter, die den Umzug ihrer Geisel vorbereiten sollten.


    Uwe und Jörg zerrten Hauke, dem die gesamte Zeit die Augen verbunden und die Hände gefesselt blieben, von seinem Lager auf die Beine. Diesem fehlte jede Orientierung und durch das Liegen seit Freitagabend war er entsprechend unsicher auf den Beinen. Er wurde von seinen beiden Bewachern links und rechts am Arm gepackt und in Richtung Tür geführt. Das von Werner ausgesuchte Industriegebiet lag etwa eine viertelstündige Autofahrt entfernt. Doch vor dieser hatte der Architekt des Hauses die steile Betontreppe gesetzt, über die der Keller mit der Auffahrt verbunden war, und die Hauke jetzt langsam und blind zu erklimmen begann. Seine Begleiter waren zu sehr damit beschäftigt, die Kellertür zu verschließen und darauf zu achten, dass ihr Aufbruch unbemerkt blieb, um sicherzustellen, dass sie ihn im festen Griff hielten. Sie konnten nicht verhindern, dass Hauke durch einen Fehltritt auf der schmalen Betontreppe ins Straucheln geriet und rückwärts die Treppe runter stürzte, dabei mit dem Hinterkopf zunächst auf mehrere Stufen und schließlich auf dem Boden aufschlug und regungslos liegen blieb.


    ***


    „Jörg, was machen wir denn jetzt? Wir müssen ihn loswerden!“ Uwe blickte auf den bewegungslosen Hauke, geriet in Panik und wusste nicht mehr ein noch aus. „Meine Eltern kommen morgen aus dem Urlaub, und in ihrem Keller liegt eine Leiche!“ – „Jetzt beruhige dich doch, noch haben wir Zeit! Ich rufe Werner an. Wir brauchen einen Sack oder einen Teppich oder so was, um ihn zu transportieren. Habt ihr so etwas im Keller?“ Jörg holte sein Handy hervor und wählte ihren Kumpel Werner an. „Werner? Wir haben da ein Problem!“ Er schilderte Werner, was vorgefallen war. Und stellte ihm dann die Frage: „Wo sollen wir ihn jetzt hinbringen?“ Werner überlegte. „Hmm. Ich glaube, ich habe da eine Idee, wo man ihn bestimmt nicht so schnell finden wird. Ist Hauke wirklich tot?“ – „Er rührt sich nicht. Ich kann kein Lebenszeichen feststellen, bin aber auch kein Arzt. Und einen rufen, können wir auch nicht.“ – „Wartet auf mich, ich komme vorbei.“


    Werner kam eine halbe Stunde später und erläuterte seinen Freunden den Plan. Gemeinsam machten sie sich ans Werk.


    Im Keller fanden sie alte Kartoffelsäcke, legten Hauke in einen davon und banden den Sack zu. Einen weiteren Sack legten sie ins Auto. Dann schleppten sie Hauke die Treppe hoch zum Auto und legten ihn in den Kofferraum. „Alles weitere machen wir morgen, am Sonntag ist zu viel Betrieb dort. Aber jetzt müssen wir ihn einpacken und ins Auto laden. Und auf der Treppe sind noch Blutspuren, die sollten wir entfernen, damit deine Eltern nichts merken“, beschloss Werner. Sie machten gründlich sauber und räumten auf. Dem Keller war nicht mehr anzumerken, dass dort ein Entführungsopfer fast zwei Tage versteckt worden war, die Treppe war wieder sauber.


    ***


    Am Montag fuhren sie in die Eifel zum Mühlensee. Auf dem Weg dorthin kauften sie noch zwei Sack Zement und einen Eimer. Werner setzte Jörg und Uwe an einem kleinen Parkplatz, von dem das Ufer des Sees nur etwa 250m entfernt war, ab und bedeutete ihnen, den toten Hauke dort ans Wasser zu schleppen und anschließend auf ihn zu warten und schon mal Zement anzumischen. Dann fuhr er weiter zum Ankerplatz und lieh sich ein Angelboot. Zum Schein hatte er sogar seine Angelausrüstung mit. Mit dem Angelboot, welches um einen Außenbordmotor verfügte, fuhr er am Ufer entlang, bis er Jörg und Uwe erblickte. Der zweite Kartoffelsack war schon mit zwei Eimermischungen Zement angefüllt. In diesen legten sie nun den Sack mit Hauke und füllten noch zwei Zementladungen hinzu. Dieses taten sie bereits im Boot, weil das „Paket“ bereits sehr unhandlich und schwer war. Sie müssten jetzt noch etwa zwei bis drei Stunden „angeln“, bis die Zementmischung sich nicht mehr mit dem Wasser des Sees wieder auflösen, sondern hart bleiben würde.


    Dann machten Sie sich auf den Weg zur Mitte des Sees und hievten den Kartoffelsack über Bord, welcher nach kürzester Zeit unter aufsteigenden Luftblasen in der Tiefe versank.

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  • 14. Zeugen


    Und schon treffen sich beide Geschichtsfäden an einem hochsommerlichen Montag am Mühlensee in der Eifel, der sowohl Andrea und Semir ein paar entspannte Tage bieten, als auch Ayda und Ben als Schauplatz ihres Camping-Abenteuers dienen sollte. Bis Montagmittag, so haben wir erfahren, hätten diese zwei Tage mit Ben große Chancen gehabt, Thema ihres Schulaufsatzes „Mein schönstes Ferienerlebnis“ zu werden.


    Doch was dann folgte, änderte alles.


    Ayda fotografierte gerade den See, als ihr ein kleines Boot auffiel, welches auf den See hinausfuhr, augenscheinlich wollte seine Besatzung dort angeln. Sie knipste auch dieses Boot. Dann kam der Moment, der alles veränderte: Einer der Bootsfahrer – von einer Reflektion der Sonne auf einem metallenen Gegenstand aufgeschreckt – blickte direkt in ihre Kamera und wies mit dem Finger seine Mitfahrer darauf hin, dass sie jetzt wohl Augenzeugen hätten. Sofort drehte der Steuermann das Boot in Richtung Ufer und beschleunigte. Sie kamen jetzt direkt auf den Zeltplatz zugefahren, waren aber noch etwa 400m entfernt.


    Ben, der merkte, wie Ayda zusammenzuckte, erfasste die Situation in Sekundenbruchteilen, nahm Ayda die Kamera ab und ging zügig zu seinem Zelt. Ayda folgte ihm, sie wollte nicht alleine dem näherkommenden Boot entgegen blicken. Er bückte sich in den Eingang und schob die Kamera unter den Zeltboden. Dabei dachte er ‚Was Ayda auch fotografiert hatte, muss denen verdammt wichtig sein, wenn sie deshalb extra herfahren‘. Ihm fiel ihm seine eigene kleine Kamera ein, die er, nachdem er sah, wie Ayda sich darüber freute, den Campingausflug fotografieren zu dürfen, gar nicht erst aus seinem Rucksack geholt hatte. Er nahm sie anstelle von Aydas Kamera an sich und flüsterte ihr zu: „Deine Kamera bleibt hier. Sie wollen bestimmt nur die Fotos. Sag keinen Ton, hörst du?“ Ayda nickte. Sie verstand es zwar nicht, aber sie erfasste den Ernst der Situation. Gemeinsam blickten sie jetzt auf das Boot, das das Ufer des Zeltplatzes in diesem Moment erreichte.


    Die drei Insassen betraten den Zeltplatz und kamen auf die zwei Urlauber zu. Wirkten sie schon im Boot sitzend nicht klein, erschrak Ben jetzt fast ob ihrer tatsächlichen Körpergröße, als sie aufrecht vor ihm standen. Einer der drei war bestimmt knapp zwei Meter lang, die beiden anderen auch deutlich größer als er selbst. Ben war in diesem Augenblick klar, dass er sich auf eine Auseinandersetzung besser nicht einlassen sollte. Er stellte sich jetzt vor Ayda hin und bedeutete ihr, etwas zurückzutreten. „Womit kann ich Ihnen helfen? Haben Sie sich verfahren?“, fragte er harmlos. „Die Fotos! Das Kind hat uns eben fotografiert, das mögen wir nicht. Wir wollen die Bilder!“, sagte der größte der drei Bootsfahrer, der augenscheinlich auch der Wortführer war.


    Ben zog seine Kamera aus der Hosentasche hervor, öffnete sie und entnahm ihr die Speicherkarte. „Die Kamera gebe ich Ihnen nicht, die Karte können Sie gerne haben.“ Er warf die Karte dem Anführer zu, der sie auffing und begann in seiner Hand hin und her zu drehen. Dann steckte er sie in seine Jeans und zog stattdessen ein Springmesser hervor. Die anderen Männer taten es ihm gleich. „Entweder Sie geben uns die Kamera, oder Sie begleiten uns, bis wir den Inhalt der Karte geprüft haben. Wie entscheiden Sie sich?“ Ben fasste Ayda an die Hand. Er sah keine Möglichkeit, sich den Angreifern zu entziehen, auf einen Kampf durfte er es nicht ankommen lassen, sie waren den drei Männern hoffnungslos unterlegen, und wäre er verletzt, wäre Ayda ihnen alleine und schutzlos ausgeliefert. Er musste mit allen Mitteln verhindern, dass Ayda und er anwesend sein würden, wenn die Männer die Speicherkarte prüften und feststellten, dass sie leer war. Daher war die Übergabe der Kamera keine Alternative, da dann der Bluff sofort aufgefallen wäre. „Wir kommen mit“, sagte Ben. „Los dann, zum Boot!“, erging jetzt der Befehl und Ben fühlte eine Messerspitze in seinem Rücken. Er drückte Aydas Hand und ging mit ihr zum Boot. Während sie in das kleine Boot kletterten, welches beim Einstieg schwankte, lies er seine Kamera unbemerkt über Bord gehen. Sie ging sofort im vom Außenborder aufgewühlten flachen Wasser unter.

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  • 15. Wo bleiben sie denn?


    Andrea blickte auf ihre Uhr, 16:45 Uhr. „Na, so allmählich … sag‘ mal, hatte Ben gesagt, wann sie zurückkommen wollten?“ – „Er hat was von einer Bandprobe heute um 20:00 Uhr gesagt“, antwortete Semir, blickte aber nicht von seinem Buch auf. „Sollten sie dann nicht langsam ..“, zweifelte Andrea. „Hmm…. Wir warten noch eine halbe Stunde“ – „Und dann?“ – „Dann fange ich an, mir Gedanken zu machen.“


    Die Zeit verstrich. „Jetzt rufe ich an. Sie müssten doch nun wirklich bald hier sein.“ Andrea wurde allmählich unruhig. Sicher, bei dem schönen Wetter sei es ihnen gegönnt, jede Minute auszukosten, aber Ben hatte „Nachmittags“ gesagt, weil er abends noch den Termin mit seiner Band hatte. Jetzt war es bereits viertel nach fünf. Sie griff zu ihrem Handy und wählte Bens Nummer aus ihrem Telefonbuch. Es klingelte. Einmal. Zweimal. Dreimal. Nach dem sechsten Rufton meldete sich Bens Stimme „Sie haben den Anschluss von Ben Jäger gewählt. Ich bin leider zurzeit nicht in der Lage, persönlich mit Ihnen zu sprechen, darum hinterlassen Sie doch bitte eine Nachricht nach dem Signalton. Ich rufe Sie dann umgehend zurück.“ – „Ja, Ben, hier ist Andrea. Ich mache mir langsam Sorgen. Melde dich doch bitte bei uns.“ Andrea beendete das Gespräch. „Nur die Mailbox, Semir.“ – „Vielleicht hat er sein Handy in seinem Rucksack und hört es nicht klingeln“, vermutete Semir. Langsam machte er sich auch Gedanken, wo sein Freund und Ayda blieben. „Ben? Das glaube ich nicht, das Handy ist doch in seiner Hand festgewachsen.“ Semir nickte. „Du hast Recht. Das ist wirklich merkwürdig. Vielleicht ist sein Akku leer?“ Diese Vermutung war ebenso aus der Luft gegriffen. Der Zeltplatz lag zwar mitten im Wald, es gab aber einen kleinen Sanitärbereich, und da gab es Steckdosen. Und Ben vergaß bestimmt nicht, sein Handy zu laden. Semir stand aus seinem Gartenstuhl auf. „Komm Andrea, wir sehen nach. Schreib eine Notiz, sie sollen sich bei uns melden, wenn sie zwischenzeitlich hier ankommen.“ Er ging ins Haus, griff sich die Autoschlüssel und seine Brieftasche und trat wieder auf die Veranda. Andrea befestigte einen Zettel mit ein paar Zeilen an der Tür. Ihr war dabei mulmig zumute und sie musste schlucken. Semir trat hinter seine Frau, umarmte sie und zog sie an sich. „Mach dir nicht zu viele Sorgen. Du wirst sehen, es klärt sich alles auf. Die beiden haben bestimmt nur die Zeit vergessen und trudeln hier ein, sobald wir unterwegs sind. Vielleicht hat Ben seine Probe heute Abend auch abgesagt, um mehr Zeit mit Ayda zu haben. Wir fahren jetzt zum Zeltplatz.“


    Eine Hauptstraße verlief in einem weiten Bogen um den See herum. Es gab lediglich drei Stichstraßen, welche die Bezeichnung „Weg“ eher verdient hätten, die von dieser Hauptstraße hinab zum See führten: eine zur Ferienhaussiedlung, in der sich Andrea und Semir eingemietet hatten, eine zum Zeltplatz, den sich Ben für das Camping-Abenteuer mit Ayda ausgesucht hatte und eine dritte, die zu einem kleinen Ankerplatz für kleinere Segel- und Motorboote führte. Direkt am Ufer, manchmal auch hinter der ersten Baumreihe verlief ein Wanderweg um den gesamten See. Von der Ferienhaussiedlung waren Ben und Ayda auf diesem Wanderweg fast 8 km gewandert, um den Zeltplatz zu erreichen. Wären sie weitere 10 km gegangen, kämen sie zu dem besagten Ankerplatz und nach weiteren 7 km wieder zur Ferienhaussiedlung. Der Weg mit dem Auto war da deutlich länger. Etwa 20 km fuhr Semir allein, bis er den Zeltplatz erreichte.


    Er hielt neben einem älteren VW Golf an und betrat den Rasen gemeinsam mit Andrea. Hier standen drei Zelte, ein silbernes, ein grünes und ein blaues. Vor dem blauen Zelt saß ein junges Pärchen mit einem Kleinkind beim Abendessen. Semir ging auf die junge Familie zu. „Guten Abend, entschuldigen Sie die Störung, ich suche einen Freund von uns, er hat hier mit unserer Tochter gezeltet, etwa so groß“, Semir deutete die Größe mit seiner Handfläche an, „lange, dunkle Haare.“ Der junge Familienvater blickte Semir an. „Heißt Ihr Freund Ben?“ – „Ja, wissen Sie, wo wir ihn finden?“, fragte nun Andrea. „Nein, heute Morgen wollten sie noch auf dem See paddeln“, er deutete auf das Kanu, das am Ufer lag, „dann sind wir zum Einkaufen gefahren und haben sie seitdem nicht mehr gesehen. Sein Zelt steht da noch.“ Er zeigte auf das grüne Zelt.


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  • 16. Sorgen


    Jetzt machte sich auch Semir Sorgen. „Ich schaue mir das mal näher an.“ Er marschierte, gefolgt von Andrea, zum Zelt, ging davor in die Hocke und öffnete den Reißverschluss. Eine Unordnung, die er auch von Bens Wohnung her kannte, empfing ihn. Die Isomatten lagen quer, die Schlafsäcke in einer Ecke, die Rucksäcke waren geöffnet. Handtücher, Klamotten, alles kreuz und quer. In der inneren Seitentasche des Zelts, lag Bens Handy. Semir nahm es an sich und wollte gerade rückwärts das Chaos verlassen, als er sein Knie schmerzhaft auf einem Gegenstand absetzte, der unter dem Zelt liegen musste. Er griff unter den Boden und zog Aydas Kamera hervor.


    „Ob Ben nur ohne Gepäck laufen und seine Sachen nachher mit dem Auto abholen wollte?“, mutmaßte Andrea. Aber Semir war anderer Ansicht. „Dann hätte er seine Sachen gepackt, damit er nur noch das Zelt abzubauen hätte. Und er hätte sein Handy garantiert nicht hiergelassen. Und die Kamera lag sogar unter dem Zelt, dahin ist sie mit Sicherheit nicht von alleine gerutscht.“ Der Familienvater vom anderen Zelt war nun an ihn herangetreten. „Meinen Sie, es ist Ihrem Freund und Ihrer Tochter etwas zugestoßen?“ – „Irgendetwas ist passiert. Er hätte sich bei uns gemeldet, wenn er vom abgemachten Plan abweichen wollte.“ – „Und auf Ihren Freund können Sie sich zu 100% verlassen?“ Es entstand eine kurze Pause. Dann schaute Semir dem Fremden ins Gesicht und sagte: „Auf Ben? Zu 150%.“


    Semir gab die Kamera Andrea, die sie startete und sich die aufgenommenen Bilder ansah. Sie musste etwas schlucken, als sie die lustigen Fotos vom Zeltaufbau und den Unternehmungen betrachtete, dann kam sie zu den letzten Fotos und hatte die Bootsbesatzung auf dem Display. Ihr kam ein furchtbarer Gedanke. Sie klickte wieder zurück zum ersten Foto mit dem Boot. „Semir! Schau dir diese Bilder an. Was machen die Männer da?“ – „Zeig mal.“


    Semir nahm die Kamera und blätterte durch die Fotos. „Das sieht aus, als wenn die was im See versenken. Und dann kommen sie direkt hierher. Vielleicht haben Ben und Ayda etwas gesehen, was sie nicht hätten sehen sollen? Wir müssen sie suchen. Pass auf Andrea, du fährst zurück zum Ferienhaus und gehst auf dem Wanderweg in diese Richtung, und ich komme dir von hier aus entgegen. Und sieh auch links und rechts vom Weg. Nimm die Kamera mit zum Haus, sie ist wichtig, wir brauchen die Bilder.“ - „Können wir Ihnen beim Suchen helfen?“ – „Das wäre sehr nett, Herr …“ – „Ich bin Sven, bleiben wir doch gleich beim Vornamen.“ – „Semir. Danke für das Angebot. Wir haben gerade beschlossen, uns den Wanderweg zur Ferienhaussiedlung anzusehen.“ – „Dann schauen wir uns beim Ankerplatz um und auf dem anderen Weg. Vielleicht fällt uns was auf.“ – „Dann tauschen wir am besten unsere Nummern aus und bleiben in Kontakt.“

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  • 17. Kleiner Rückblick: Bootsfahrt


    Ben und Ayda saßen nebeneinander auf der mittleren Bank des Motorboots.


    Vor ihnen im Bug hatte Jörg Platz genommen und ließ ständig sein Messer auf und zu schnappen. Er wirkte ungepflegt, fettige, ungekämmte Haare fielen ihm auf die Schultern. Er rauchte während der Bootsfahrt mehrere Zigaretten, seine gelben und dreckigen Finger zitterten dabei. Sein T-Shirt war verwaschen und am Kragen ausgefranst, die Jeans schlapperte ihm an den Beinen, sie war ihm bestimmt zwei Nummern zu weit und wurde durch einen Gürtel zusammengehalten. Ayda rückte bei dem Anblick näher an Ben heran, der beruhigend seinen Arm um sie legte.


    Hinter Ben saß Uwe, nicht ganz so ungepflegt wie Jörg, aber durch seine kräftige Gestalt und den finsteren Gesichtsausdruck nicht minder bedrohlich. Dass Ben ihn nicht im Blick hatte, beunruhigte ihn etwas, er spürte, dass Uwe hinter seinem Rücken ebenfalls ein Messer in der Hand hielt und stets bereit war, sich auf Ben zu stürzen, sollte dieser einen Befreiungsversuch starten.


    Am Außenbordmotor und damit am Steuerknüppel saß Werner, vom Äußeren sicher die angenehmste Gestalt der drei, aber er war der Wortführer der drei und machte aus seiner Befehlsgewalt zu keiner Zeit ein Hehl. Er lenkte das Boot auf den See hinaus.


    Die Männer sagten kein Wort. Irgendwann hielt Uwe das Schweigen nicht mehr aus und fragte: „Was sollen wir mit den Beiden machen? Warum haben wir sie mitgenommen?“ – „Du schnallst es nicht, oder?“, schnauzte Werner ihn an, „wir können sie nicht gehen lassen, bevor wir die Foto gesehen und dann vernichtet haben. Und jetzt sei ruhig!“
    Ben überlegte kurz, ob Ayda und er sich einfach über Bord fallen lassen sollten, aber er rechnete sich eine zu geringe Chance aus. Zum einen wusste er nicht, wie ausdauernd Ayda schwimmen konnte und zum anderen waren die Männer ihnen im Motorboot weit überlegen und würden sofort die Verfolgung aufnehmen. Wäre er mit Semir in dieser Situation, hätten sie sich auf ihre Nahkampfkünste verlassen und wären zum Angriff übergegangen. Zwei gegen drei, das hätte funktioniert, zumal ihre Gegner anscheinend nur mit Messern bewaffnet waren und keine Schusswaffen dabei hatten. Aber mit einem achtjährigen Kind konnte er kein noch so kleines Risiko eingehen. Sie würden abwarten müssen bis sie an Land waren, um dort auf eine Fluchtmöglichkeit zu hoffen.


    ***


    Werner nahm jetzt Kurs auf das Ufer und steuerte die Slipanlage an, eine Betonschräge, die vom Rasenplatz bis etwa 1m tief ins Wasser führte. Er bremste das Boot so ab, dass es nicht mit Schwung auf Grund lief, sondern im knietiefen Wasser zum Halten kam. Das gleichzeitige Austeigen von Jörg und Uwe brachte das Boot zum Schwanken und entfachte eine kurze Auseinandersetzung zwischen den Männern. Diese Unruhe wurde von Ben dazu genutzt, Ayda kurz auf seinen Plan hinzuweisen. „Wenn ich LAUF! rufe, dann rennst du so schnell wie du kannst in Richtung Wald“, zischte er in ihr Ohr, als er sie über die Bordwand hob und auf dem trockenen Ufer absetzte. Sie schaute etwas verunsichert. Ben nickte ihr zuversichtlich zu. Wir schaffen das, vertrau mir, wollte er damit ausdrücken. Dann sah er, dass sich jetzt auch Werner von seinem Platz erhob, gerade als er halb aufgestanden war, griff Ben an die Bordwand und schob das Boot auf den See hinaus. Jörg kam Werner zu Hilfe, der das Gleichgewicht verloren hatte und sich mit beiden Händen an die Bordwand klammerte, um nicht über Bord zu gehen. Uwe blickte gebannt auf das Schauspiel und verlor für einige Augenblicke das Interesse an Ben und Ayda. Ben sah den richtigen Zeitpunkt für gekommen und rief Ayda zu: „LAUF, AYDA!“


    Beide rannten über den Ankerplatz, überquerten eine kleine Holzbrücke und schlugen sich kurz darauf abseits vom Weg in den Wald. Sie hatten einen gewissen Vorsprung gewonnen, wurden aber von Uwe und Werner verfolgt, während Jörg das Boot sicherte. Der Vorsprung war zu gering, um unbemerkt die Richtung ändern zu können, wuchs aber stetig, da Ben und Ayda schneller laufen konnten. Ihre Verfolger waren zwar groß und kräftig, aber nicht so flink und ausdauernd. Als der Abstand groß genug war, warf Ben Ayda und sich in das Flussbett, an dem sie lang gelaufen waren und presste sich an dessen Ufer. Sie lagen im kalten Wasser und hörten etwa 1 Meter über sich die beiden Männer vorbeilaufen. ‚Bitte, lass es gut gehen, lass uns für sie unsichtbar sein‘, dachte Ben bei sich.


    Uwe und Werner gingen jetzt verwundert auf und ab. „Sie müssen doch hier irgendwo sein! Scheiße, wo sind sie?“, regte sich Uwe auf. „Wir müssen uns aufteilen“, beschloss Werner, „du gehst weiter und ich schaue hier auf der linken Seite“.

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  • 18. Abwarten


    Ben und Ayda warteten noch etwa 10 Minuten regungslos im Wasser. Dann bedeutete Ben dem Mädchen liegen zu bleiben und kroch selbst den kleinen Uferabhang rauf und blickte sich um. Der Ankerplatz war nicht mehr zu sehen, von ihren Verfolgern fehlte auch jede Spur. Da diese links vom Bach sein mussten, würden sie versuchen auf der rechten Seite zu entkommen und vielleicht eine Straße zu erreichen. Er rutschte wieder zurück ins Wasser und teilte Ayda seinen Plan mit.


    Zusammen erklommen sie das rechte Bachufer. Den Bach zu überqueren stellte keine Schwierigkeit dar, da er nur vier Meter breit war und jetzt im Hochsommer recht wenig Wasser führte. Sie schlichen durch den Wald, immer wieder einen 360°-Rundumblick nach ihren Verfolgern tätigend. Jetzt wagten sie auch wieder, leise zu sprechen. „Wir kommen bestimmt bald an eine Straße, und dann halten wir ein Auto an, das uns zu eurem Haus bringt“, sagte Ben zu Ayda, die nur ein müdes und leises „Ja“ zustande brachte. „Ist dir kalt?“, hakte Ben nach. Sie hatten den Zeltplatz in kurzer Hose und T-Shirt verlassen, lagen etwa 15 Minuten im kalten Wasser, und im Wald war es schattig. Die Frage war also schon berechtigt. Ihre einsilbige, leise Antwort lautete dann auch „Ja.“ – „Mir auch.“


    ***


    Uwe, Werner und jetzt auch Jörg, der sich nach der Sicherung des Bootes zu ihnen gesellt hatte, liefen jetzt systematisch den Wald rund um den Ankerplatz ab. Sie kamen Ben und Ayda einmal bedrohlich nahe, Ben hatte sie aber rechtzeitig gesehen und konnte sich mit Ayda hinter einem dicken Baumstamm verstecken, und so unentdeckt bleiben. Ayda fing jetzt vor Angst und Kälte an zu zittern. Ben hockte sich hin und nahm sie in seine Arme. „Wir müssen warten, bis es dunkel ist, jetzt sehen sie uns vielleicht. Wir suchen uns einen Unterschlupf. Hab‘ keine Angst, ich bin doch bei dir.“ – „Ich will nach Hause“, weinte Ayda. Sie klammerte sich an Ben fest. „Das will ich doch auch, aber wir müssen noch etwas warten.“ – „Kannst du denn nicht Papa anrufen?“ – „Nein, mein Handy liegt doch im Zelt, sonst hätte ich es längst getan, das kannst du mir glauben.“ Ben redete leise und schaute immer wieder am Holzstamm vorbei. „Ich glaube, wir können jetzt weiter gehen. Komm!“ Er stellte Ayda auf die Füße, nahm sie an die Hand und ging mit ihr weiter.


    Ben blickte sich immer wieder aufmerksam um, konnte aber niemanden ihrer Verfolger ausmachen. Allerdings fanden sie auch keine Straße, sie mussten sich irgendwo im Wald parallel zur Straße und zum See bewegen. Da sie auf der rechten Bachseite angefangen hatten, waren sie auch zwischen Ankerplatz und Zeltplatz, was natürlich suboptimal war, da das Ferienhaus in der Gegenrichtung lag, und das war schließlich das eigentliche Ziel ihrer Flucht. Er wandte sich in die andere Richtung. Nach etwa einer Stunde kamen sie wieder an den Bach und wateten durch das bis zu knietiefe Wasser zum anderen Ufer. Jetzt gingen sie schon mal in die richtige Richtung und trafen auch bald auf einen kleinen Unterstand, dessen ursprünglicher Zweck nicht mehr klar zu erkennen war, vielleicht diente er einmal der Aufbewahrung von Tierfutter oder der trockenen Lagerung von Holz. Auch ein Wetterschutz für Waldarbeiter war denkbar. Aber heute würde er Ayda und Ben als Unterschlupf dienen, um ein paar Stunden bis zum Eintreten der Dunkelheit auszuharren. Es war mittlerweile früher Abend geworden und die Wanderung abseits von Wegen sehr anstrengend und ermüdend. Außerdem forderte die hohe Konzentration, das ständige Auf-der-Hut-Sein, seinen Tribut. Ben brauchte dringend eine Pause. Ayda sagte schon über eine Stunde lang kein Wort mehr, sie schlief quasi im Laufen und musste sich dringend ausruhen.

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  • 19. Der Wanderweg 1


    Semir ging zügig wie abgemacht auf dem Wanderweg in Richtung Ferienhaussiedlung, auf dem zwei Tage vorher Ayda und Ben den Zeltplatz erreicht hatten. Dabei suchte er auch rechts und links vom Weg, ob sein Freund oder seine Tochter irgendeine Spur hinterlassen hatte. Aber er konnte nichts erkennen. Bei dem Weg handelte es um einen festgetrampelten Pfad, auf dem man mit normalen Schuhen noch nicht einmal Fußabdrücke hinterlassen würde. Einen kurzen Moment dachte er daran, einen Suchhund der Polizei anzufordern, verwarf diesen Gedanken aber wieder oder schob ihn zumindest bis zum nächsten Tag auf. Sollte ihre eigene Suche bis dahin erfolglos bleiben, würde er die Polizei einschalten müssen und die Suche mit professionellen Mitteln fortsetzen.


    Andrea fuhr zurück zum Ferienhaus. Sie war innerlich aufgewühlt und malte sich im Kopf schon die schrecklichsten Szenarien aus, was ihrer Tochter und Ben zugestoßen sein konnte. Immer wieder musste sie an die Fotos denken, die Ayda gemacht hatte. Ob die abgebildeten Männer etwas mit dem Verschwinden von Ben und Ayda zu tun haben? Sie stellte den Wagen wieder auf seinen Stellplatz direkt neben dem angebauten Schuppen auf der Rückseite des Ferienhauses ab, ging um das Haus herum und betrat die Veranda. Alles war ruhig, der Zettel hing unberührt an der Tür, wo sie ihn selbst vor einer guten Stunde aufgehängt hatte. Sie schloss das Haus auf, betrat die Küche und legte die Kamera auf die Ablage. Dann tauschte sie noch schnell ihre Sandalen gegen ein Paar Turnschuhe und machte sich auf den Weg, Semir entgegen zu gehen. Auch Andrea schaute, ob sie Spuren der Vermissten fand. Sie rief von Zeit zu Zeit ihre Namen und fragte entgegenkommende Spaziergänger. Nachdem sie etwa eine Stunde gegangen war, sah sie Semir auf sich zukommen und wartete, bis er sie erreicht hatte. Beide schüttelten mit dem Kopf. „Nichts?“ – „Nichts!“


    Gemeinsam gingen sie schweigsam, aber weiterhin aufmerksam zum Ferienhaus. Noch war es hell, aber langsam setzte die Dämmerung ein und erschwerte die Sicht im Wald. Nach einer kurzen Pause, die Andrea und Semir dazu nutzten, sich etwas zu stärken und etwas zu trinken, machten sie sich wieder auf die Suche, diesmal schlugen sie den Weg zum Ankerplatz ein.


    ***


    Werner, Uwe und Jörg fuhren nach der Flucht von Ayda und Ben und der erfolglosen Verfolgung vom Ankerplatz zum Zeltplatz und stellten ihren Wagen am Wegesrand ab und warteten, bis mehrere Personen sich zu Fuß und mit den Autos vom Zeltplatz entfernt hatten. Als die Luft rein war, gingen sie zu Bens Zelt und suchten nach Hinweisen auf die Identität ihrer unfreiwilligen Zeugen. Sie fanden am kleinen Rucksack einen Anhänger mit Aydas Namen, Adresse und Telefonnummer, sowie im anderen Rucksack ein Portemonnaie mit etwas Kleingeld und einer Kundenkarte, ausgestellt auf einen Ben Jäger. „Ich fahre zu dieser Adresse und schaue mich dort mal um“, teilte Werner den anderen beiden mit. „Was soll das bringen?“, wollte Uwe wissen. „Na, vielleicht einen Hinweis auf einen Ort, wo sie sein könnten, wenn sie nicht hier im Zelt wohnen, denn es sieht mir nicht nach einem langen Aufenthalt hier aus, dafür sind zu wenig Klamotten da. Die waren hier bestimmt nur übers Wochenende“, lautete Werners Antwort, „ihr beide bleibt hier am See und schaut euch weiter im Wald um, ich melde mich, wenn ich etwas herausgefunden habe. Außerdem schaue ich mir die Speicherkarte am Computer an. Ich setze euch am Ankerplatz ab, dann sucht ihr von dort aus. Meldet euch, wenn ihr sie habt.“


    Werner fuhr, nachdem er seine Kumpels am Ankerplatz abgesetzt hatte, mit Aydas Wohnadresse als Ziel davon. Er würde sich erst das Haus von außen genau ansehen und herausfinden, ob jemand zuhause wäre. Sollte die Wohnung zurzeit unbewohnt sein, würde er einsteigen und sich auch drinnen umsehen.


    ***


    Während Werner auf dem Weg nach Köln war, liefen die beiden anderen den Wanderweg zwischen Ankerplatz und Ferienhaussiedlung entlang und schlugen auch immer wieder Seitenwege nach rechts in den Wald ein. Auch sie erblickten den Unterstand, den sich Ayda und Ben für ihre Pause ausgesucht hatten. Aber bei der Annäherung machten sie so viel Lärm, dass Ben sie kommen hörte und er schnell Ayda in einen kleinen Spalt zwischen der Wand des Unterstandes und einem aufgeschichteten Holzstapel schob und selbst hinterher schlüpfte. Auf dem Weg hatte er bereits einen Knüppel, der etwa so genauso lang wie ein herkömmlicher Wanderstock, aber um einiges dicker als ein solcher war, aufgehoben und hielt ihn dicht bei sich. Er würde nicht zögern, ihn bei ihrer Entdeckung als Waffe einzusetzen.


    Aber Jörg und Uwe warfen lediglich einen kurzen Blick in den Unterstand, bevor Jörg entschied: „Hier sind sie nicht!“ Ben atmete auf.


    Sie harrten noch einige Zeit in ihrem Versteck aus. „Es ist jetzt dunkel genug, Ayda, wir gehen leise zum Wanderweg und zu deinen Eltern.“ Die Aussicht auf ein baldiges Ende ließ Ayda ihre letzten Kräfte mobilisieren, und sie erhob sich von ihrem Platz an der Schuppenwand. Hand in Hand traten Ben und Ayda die - hoffentlich - letzte Etappe ihrer Flucht an.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • 20. Der Wanderweg 2


    Zunächst konnten Semir und Andrea nebeneinander gehen, aber bald war der Wanderweg so zugewachsen, dass sie hintereinander laufen mussten. Dieser Weg war sehr viel weniger frequentiert, als der andere, da er wesentlich länger war. So hatten die Büsche sich ungehindert ausbreiten können. Sie trotteten etwa zwei Stunden, dann verriet ihnen eine Laterne ihre Ankunft am Ankerplatz. Mittlerweile hatte die Dunkelheit den Tag verdrängt. Hier am Ankerplatz war auch der einzige Zufluss zum See. Der sogenannte Mühlenbach mündete mit einer niedrigen Kaskade in den See und verursachte so ein ständiges Rauschen, normalerweise sehr angenehm im Klang, aber in diesem Moment sehr störend, da es sämtliche Geräusche der Umgebung übertönte. Über den Fluss spannte sich eine Bogenbrücke aus Holz, die von gedämpften Scheinwerfern angestrahlt wurde. Es war insgesamt ein schönes Plätzchen, und wäre der Anlass nicht so bedrückend, hätten Andrea und Semir ihren Besuch sicher genossen.


    Einige kleinere Motorboote lagen hier am Steg festgebunden oder in der kleinen Bucht vor Anker. Auf einer Wiese lagen mehrere umgedrehte Segeljollen und Kanus. Von Ben und Ayda keine Spur. Auch andere Leute waren nicht zu sehen. Hier war der Tag definitiv zu Ende, die Bootsfahrer waren zuhause oder in ihren Ferienunterkünften.


    Semir erschrak, als sein Handy klingelte, so sehr war er in Gedanken. Es war Sven, der Zeltnachbar von Ben, der ihm mitteilte, dass seine Suche am Ankerplatz und auf dem Wanderweg von diesem zum Zeltplatz, den er alleine abgelaufen war, nicht von Erfolg gekrönt war. Bens Zelt war anscheinend unberührt geblieben. Semir bedankte sich noch einmal bei ihm für seine Mithilfe.


    Jetzt hatten sie den gesamten See einmal vollständig umrundet, waren müde und ausgelaugt und hatten noch 7 km zurückzulegen, um wieder in ihr Ferienhaus zu gelangen. Wo konnten Ben und Ayda nur stecken? Waren sie vielleicht gar nicht mehr in der Nähe des Sees? Das Wort „Entführung“ tauchte so plötzlich wie ein Drohgespenst in Semirs Kopf auf, dass er sich setzen musste. Und zwar auf eine der umgedrehten Jollen. Er stützte seinen Kopf in seine Hände und blickte auf den See hinaus, wo sich der Mond auf den kleinen Wellen spiegelte. Aber er hatte keinen freien Gedanken für dieses schöne Naturschauspiel. Er blickte auf das Wasser, aber sah es nicht. Vor seinen Augen versuchte er sich wieder und wieder die Fotos in Erinnerung zu rufen, die auf Aydas Kamera gespeichert waren. Ob das Motorboot wohl hier lag, mit dem die Männer auf Ayda zugefahren waren? Oder ob sie es hier am Slip zu Wasser gelassen und bereits wieder weggebracht hatten? Er musste morgen mit den Fotos wieder herkommen und das Boot suchen. Vielleicht trifft er dann auch jemanden an, der sich an die drei Männer erinnern konnte.


    Semir war so sehr in Gedanken vertieft, dass er erst gar nicht bemerkte, wie Andrea sich neben ihn setzte. Eine Zeitlang sagte keiner etwas. Dann sprach Andrea leise etwas aus, was auch Semir schon in den Sinn gekommen war. „Wir finden sie nicht, Semir. Sie sind nicht hier.“ Er legte einen Arm um seine Frau. „Wir gehen morgen zur Polizei. Wir werden sie schon finden!“ Sie saßen noch einige Minuten schweigend auf der Jolle, dann drängte Semir zum Aufbruch. „Wir sollten jetzt zurückgehen.“


    Auf dem Wanderweg war es mittlerweile stockdunkel. Auch der Mondschein durchdrang nicht das volle Laubdach, das über ihnen hing. Semir hörte es plötzlich in der Nähe knacken und blieb stehen. Als kein weiteres Geräusch zu hören war, ging er vorsichtig weiter und trat dabei selbst auf einen kleinen Zweig, der ein knackendes Geräusch von sich gab. Andrea ging etwa fünf Schritte hinter ihm. Sie war niedergeschlagen und müde. So bekam sie auch nur halb mit, wie plötzlich hinter einem Baum der Schatten eines Mannes hervorsprang und Semir mit einem Knüppel die Beine wegschlug, der daraufhin mit einem Schrei des Entsetzens und des Schmerzes zu Boden ging. „Aua. Verdammt!“

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  • 21. Wiedersehen


    Ben drückte Ayda gegen einen Baum. „Scht…. Ich höre was, da ist jemand“, flüsterte er ihr ins Ohr. Es hatte in der Nähe geknackt, als ob jemand auf einen Zweig getreten wäre. Ben hob seine Arme mit dem Schlagstock. Es knackte wieder. Dann sah er einen Schatten vorbeihuschen, trat blitzschnell hinter dem Baum hervor und schlug zu. Der Stock sauste nieder und traf die Person am Schienbein.


    „Aua. Verdammt!“, stieß diese aus und ging zu Boden. Ben wollte sich gerade auf den vermeintlichen Gegner stürzen, zuckte bei dem Aufschrei aber zusammen. Die Stimme war ihm nur allzu gut bekannt. Und auch Ayda war hellhörig geworden. Gleichzeitig stießen sie aus: „Semir?“, „Papa?“. Ayda warf sich schluchzend auf ihn. „Papa!“ Er schloss seine Tochter fest in die Arme und strich ihr sanft über den Rücken. „Ayda!“ Andrea war mittlerweile bei der Gruppe angekommen, erkannte, wen sie angetroffen hatten und rief ihre Tochter, die ihr gleich entgegenlief und in die Arme sprang.


    Ben half Semir auf die Beine, der gleich zu Fluchen begann: „Ja verdammt, warum schlägst du mich nieder?“ - „Sorry, ich habe dich nicht erkannt“, entschuldigte sich Ben kleinlaut. „Na, das wäre ja auch noch schöner!“, stöhnte Semir und rieb sich sein Schienbein, „was macht ihr überhaupt hier? Wir suchen euch seit Stunden!“ - „Das ist eine lange Geschichte“, begann Ben. „Mach es kurz! Wir haben die Fotos gefunden. Die Männer auf den letzten Bildern, haben die etwas mit eurem Verschwinden zu tun? Mit wem habt ihr euch da angelegt?“ – „Kurz? Ja, haben sie, und ich weiß es nicht. Wie weit ist es noch zu eurem Haus?“ – „Etwa eine Stunde“, gab Semir die gewünschte Auskunft und versuchte ein paar Schritte zu gehen, was zu seiner Verwunderung besser gelang, als er befürchtete. Er blieb kurz stehen und sah Ben ins Gesicht. „Bin ich froh, dass wir euch gefunden haben. Wir hatten uns echte Sorgen gemacht.“ Er erreichte leicht humpelnd Andrea, die auf dem Waldboden kniete und eine jetzt in Tränen aufgelöste Ayda im Arm hielt. „Kommt ihr?“, fragte er sanft, ging etwas in die Knie und legte beiden je eine Hand auf die Schulter, „wir sollten jetzt zum Haus gehen.“


    Auf dem Heimweg ließ sich Semir von Ben erzählen, was in den letzten acht Stunden alles vorgefallen war.


    ***


    2 Stunden später


    „Sie schläft jetzt“, berichtete Andrea, die eben Ayda in ihr Bett gebracht hatte und nun die Treppe hinunter kam. Sie nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank, was sehr selten vorkam, ihr in der heutigen Situation aber adäquat erschien, und setzte sich zu Ben und Semir an den Esstisch, die mittlerweile die Fotos auf Andreas mitgebrachten Laptop gespielt hatten, und klickte sich durch die Fotos, sortierte einige verwackelte Bilder aus und speicherte die übrigen Bilder in der Dateiablage. Sie schmunzelte über den Zeltaufbau von Ben. „Das Bild ist doch sicher gestellt?“, fragte sie in einem Tonfall, der ahnen ließ, dass sie exakt vom Gegenteil überzeugt war. Dann richtete sie das Foto vom Richtfest, per Selbstauslöser fotografiert, gleich als neues Hintergrundbild ein.


    Sie tranken schweigend ihr Bier aus. Dann erhob sich Andrea und meinte: „Ich werde jetzt zu Bett gehen, bleibt nicht zu lange auf, ja?“ Sie beugte sich zu Semir, gab ihm einen Kuss und wandte sich dann zur Treppe. „Wir kommen auch gleich hoch“, versprach dieser. „Was willst du jetzt machen, Semir?“, fragte Ben, „so wie ich dich kenne, wirst du die Männer jagen, bis du sie hast. Aber es ist eigentlich nicht dein Fall. Die Polizei hier wird sich darum kümmern.“ – „Ben, wenn meine Tochter und mein bester Freund einen halben Tag lang von drei Verrückten durch den Wald gejagt werden, dann ist das – verdammt noch mal - sehr wohl mein Fall. Ich werde die Polizei hier morgen schon verständigen, keine Sorge“, Semir blätterte durch die Urlaubsfotos seiner Tochter, ging wieder zu den letzten Bildern und blieb an der Aufnahme der drei Männer in dem Motorboot hängen, die einen großen Gegenstand über Bord hievten. „Meinst du, das Bild reicht aus, um eine Suchaktion im See zu begründen?“ – „Lass uns nachher weiter beraten, ich bin jetzt echt zu müde“, war die Antwort von Ben. Er erhielt nur ein Nicken zur Antwort. Semir fuhr den Rechner runter, und die beiden Freunde gingen nach oben, wo sich Semir zu seiner Frau und Ben in das freie Bett im zweiten Zimmer, in dem Ayda bereits schlief, legten und sofort einschliefen.

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  • 22. Doppelter Einstieg


    Werner kam gegen 23:00 Uhr an der gefundenen Adresse an. Er fuhr zunächst an dem unbeleuchteten Haus vorbei und stoppte den Wagen in einer Seitenstraße. Dann näherte er sich zu Fuß dem Grundstück, ging zur Eingangstür und klingelte lange. Schnell schritt er zurück und duckte sich hinter einem parkenden Auto. Im Haus rührte sich aber nichts, es ging kein Licht an, kein Geräusch drang nach draußen. Er versuchte auch noch die Rufnummer, die unter der Adresse stand und ließ das Telefon lange klingeln. Nichts. Für ihn Beweis genug, dass niemand daheim war.


    Also umrundete Werner das Haus, ging zur Terrassentür und schaute in das leere Wohnzimmer. Aus dem Auto hatte er einen Glasschneider mitgenommen und machte sich jetzt an die Arbeit, in das Fenster der Tür ein Loch zu schneiden und die Scheibe einzudrücken. Als er sicher war, dass das Klirren, welches er nicht vermeiden konnte, niemanden von den Nachbarn herbeigelockt hatte, griff er durch das Loch zum Türgriff und stand nur Augenblicke später im Wohnzimmer der Familie Gerkan.


    Er zog seine mitgebrachte Taschenlampe hervor und schaute sich in den Räumen um. Es war aufgeräumt, wirkte aber nicht unbewohnt. Auf dem Sideboard standen einige Fotos einer Familie mit zwei Töchtern, er erkannte die große als das Mädchen vom Zeltplatz. Aber der Mann von heute Mittag war ein anderer, nicht der auf den Bildern, demnach wohl ein Freund der Familie oder ein Verwandter. Dann sah er ein Bild, auf dem dieser Ben Jäger auch mit abgebildet war.


    Werner ging weiter und betrat die Küche. Am Kühlschrank hingen Kinderbilder und Zeichnungen. Auf einer hatte eine etwas krakelige Schrift die gemalten Personen mit Namen beschriftet: „Ayda“, „Lilly“, „Mama“, „Papa“ und „Ben“.


    Dann fiel sein Blick auf die Ablage im Flur, wo ein einzelnes bedrucktes Blatt Papier lag. Ihm stach sofort der Briefkopf ins Auge „Urlaubstraum am See“ stand dort, und der Absender lautete „Eifel-Ferienhaus-Vermietung“. Werner las sich das Schreiben genauer durch und fand heraus, dass die Familie Gerkan das Ferienhaus Nr. 3 am Mühlensee für diese Woche angemietet hatte. Er wusste jetzt, wo sie zu suchen hätten und verließ das Haus auf dem Weg, auf dem er es betreten hatte.
    Wäre nicht das Loch in der Terrassentür, niemand würde auf die Idee kommen, es hätte sich jemand unerlaubt Zutritt zum Haus verschafft.


    ***


    Werner steuerte als nächstes ein 24-Stunden-Internetcafé in der Innenstadt an, zahlte für 30 Minuten und setzte sich an den ihm zugewiesenen Platz. Er schob die Speicherkarte in den Kartenleser und öffnete den Explorer. Leer! Er probierte es neu, aber es blieb dabei. Auf der Speicherkarte war nichts drauf. „Dieses Aas“, murmelte er, beendete seine Sitzung, nahm die Karte und ging aus dem Café und zu seinem Auto. Er zog sein Handy hervor und wählte Uwe an. „Und? Habt ihr sie?“, lautete Werners erste Frage, „Nein? Wo seid ihr jetzt? Noch im Wald? Die haben uns verarscht, die Speicherkarte ist leer! Aber ich weiß, wo sie sein können. Geht zur Ferienhaussiedlung, Ferienhaus Nr. 3, schaut euch unauffällig um und wartet dort auf mich. Die Eltern des Mädchens haben es angemietet, eventuell sind unsere Freunde mittlerweile auch dort eingetroffen.“


    Werner hielt noch an der nächsten Tankstelle an, füllte 2 große Reservekanister mit Benzin. Das sollte reichen, um sie aus der Hütte zu locken. Der Besuch in Gerkans Haus war ein Erfolg. ‚Jetzt brauche ich nicht mehr die Adresse dieses Ben Jäger ausfindig zu machen‘, dachte er und machte sich auf den Rückweg in die Eifel.


    ***


    Uwe und Jörg beobachteten indessen aus sicherer Entfernung das Ferienhaus der Gerkans. Aus den Fenstern im Erdgeschoss schien Licht auf die Veranda. Sie konnten drei Personen ausmachen, darunter befand sich auch der Mann vom Zeltplatz, der ihnen im Wald entwischen konnte. Eine Frau hatte das Mädchen vor etwa einer Stunde nach oben gebracht und war alleine wieder nach unten gekommen. Wahrscheinlich lagen also die Schlafzimmer im Obergeschoss.


    Jetzt saßen sie allesamt am Tisch, tranken Bier und blickten zusammen auf den Monitor eines Laptops. Sie sahen sich bestimmt die Fotos an, die sie vom Zeltplatz aus geknipst hatten, vermuteten die beiden Beobachter.


    Nach einer weiteren Stunde verlöschte das Licht im Erdgeschoss, dafür wurde oben in zwei Zimmern für kurze Zeit die Beleuchtung angeknipst, bald darauf versank das ganze Ferienhaus in Dunkelheit. Jetzt gesellte sich Werner zu seinen zwei Komplizen. „Na, habt ihr was gesehen?“, fragte er. „Ja, sie sind alle im Obergeschoss, vier Personen, darunter unsere zwei besonderen Freunde.“ – „Die anderen werden die Eltern des Mädchens sein“, sagte Werner. „Wir konnten dann noch ein Laptop erkennen, sie haben sich zusammen etwas darauf angesehen. Er steht noch auf dem Tisch im Erdgeschoss“, erläuterte Uwe ihre weiteren Beobachtungen.


    „Ich habe uns etwas mitgebracht“, sagte Werner und zeigte auf die beiden Reservekanister und die drei Eimer. „Was hast du vor?“ – „Wir steigen leise ein, nehmen den Laptop und vor allem die Speicherkarte und räuchern sie dann aus. Sie sind immerhin auch Augenzeugen. Und Benzin aus den Kanistern zu gießen, geht zu langsam und macht zudem laute Geräusche. Wie lange ist das Licht schon aus?“ – „Etwa zwanzig Minuten.“ – „Dann warten wir noch ein wenig und bereiten die Eimer schon mal vor.“


    „Du willst vier Menschen umbringen, Werner?“, äußerte Uwe noch leise seine Bedenken an dem geplanten Vorhaben. – „Ja, oder willst du in den Knast? Ich verwische gerne meine Spuren.“ Uwe sagte nichts mehr.


    Nach weiteren 45 Minuten war es soweit. Werner, Jörg und Uwe schlichen sich zum Ferienhaus. Das auf Kipp stehende Fenster war für Werner kein Problem. Lautlos hebelte er es auf und stand einen Augenblick später in der Küche des Feriendomizils. Er reichte den Laptop, in dessen Kartenslot die Speicherkarte noch steckte, nach draußen und nahm dafür nacheinander die drei Eimer, die mit Benzin gefüllt waren entgegen. Damit schlich Werner sich auf die Treppe und vergoss den Brandbeschleuniger auf die Stufen. Er verteilte den Inhalt der anderen Eimer großzügig in der Küche und auf dem Fußboden und verließ dann das Ferienhaus auf demselben Weg, wie er es betreten hatte. Mit Hilfe eines Streichholzes zündete er das Benzin an, woraufhin das Ferienhaus und besonders die Treppe sofort lichterloh in Flammen stand.

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