Bens letzter Fall

  • Montag, 6:30 Uhr


    Tanken


    „Hättest du nicht gestern Abend noch tanken können?“, fragte Sabine Wiese ihren Mann Peter, der hinter dem Steuer der schwarzen Limousine saß und ihn auf die Abbiegespur zur Autobahnraststätte „Bedburger Land“ lenkte, genervt und strich sich eine blonde Strähne ihres langen Haars aus den Augen. „Dann könnten wir es auch bis 10:00 Uhr nach Karlsruhe schaffen.“ Als auch nach einem kleinen Seitenblick keine Reaktion ihres Mannes auf diesen Vorwurf kam, wandte sie sich wieder der Zeitschrift zu, die aufgeschlagen auf ihrem Schoß lag.


    Sie trug einen anthrazitfarbenen knielangen Rock und eine weiße Bluse. Von dem heutigen Termin in Karlsruhe hing die Zukunft ihrer Firma ab, einen so großen, erfolgreichen Kunden ließ man nicht warten. Aus diesem Grund hatten ihr Mann und sie sich heute in Schale geworfen. Der erste Eindruck war wichtig.


    Auf der Rücksitzbank lümmelte sich Max, ihr 15-jähriger Sohn. Er sollte auf dem Weg nach Karlsruhe bei den Großeltern in Landau abgesetzt werden und dort den Tag verbringen. Max hielt seinen MP3-Player in der Hand und zappte durch die gespeicherten Songs. Ab und zu drangen die Bässe zu den vorderen Plätzen, die Kopfhörer waren nicht abgeschirmt.


    Peter Wiese erreichte eine freie Tanksäule und stieg aus. Er war gutaussehend, hochgewachsen, schlank, schwarzhaarig, trug einen Designer-Geschäftsanzug in dunkelgrau mit einem fliederfarbenen Hemd und schwarze Schuhe. Er winkte einen Angestellten der Tankstelle zu sich, drückte ihm fünf Euro in die Hand. „Einmal volltanken, bitte! Diesel!“, sagte er kurz aber freundlich zu ihm und ging dann in Richtung Tankstellen-Shop, um gleich nach der Betankung die Rechnung begleichen zu können.


    Im Autoradio wurde Money for nothing von den Dire Straits angekündigt. Sabine Wiese drehte den Ton leise.


    ( Tipp: http://www.youtube.com/watch?v…k&list=PLFD87011D0F71D4CB )

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Sanitär und mehr


    Der blaue Kastenwagen mit der großen Aufschrift „Sanitär und mehr“, in kleinen Buchstaben einer anderen Schriftart darunter „Kleine & Co – kein Griff ins Klo“ – es musste ein wahrer Poet sein, der diesen Firmenspruch erdachte – stand hinter der Tankstelle, wo sich auch der Eingang zur Raststätte und zu den Toiletten befand. Außer einigen Fernfahrern und vereinzelten Frühaufstehern waren zu dieser frühen Stunde kaum Leute zu sehen. Ein Wachmann machte seine Runde und verschwand jetzt wieder im Gebäude, auf dem Rücken seiner Jacke war deutlich „Security“ zu lesen.


    „Klaus, guck! Da ist er“, sagte der Fahrer des Kastenwagens zu seinem Beifahrer und deutete mit seinem Blick auf den Wachhabenden. „Ok, Ralle, alles klar, wo ist Matze?“, antwortete Klaus mit einer Frage nach ihrem dritten Partner und blickte suchend in den Außenspiegel. „Matze hält mit Paul die Zufahrten im Auge, sein Wagen steht auf dem Parkplatz des Restaurants.“, lautete die Entgegnung seines Freundes.


    Klaus und Ralle verließen den Kastenwagen und betraten das Gebäude und den Kassenraum der Tankstelle. Beide trugen blaue Jacken, deren linke Brusttasche denselben Firmenslogan wie das Auto zierte und schwarze Mützen. Sobald sie drin waren, zogen sie die Mützen über ihre Gesichter und jeweils einen Revolver aus der Tasche ihrer Jacke. Lediglich Schlitze für die Augen waren in den Stoff der Mützen geschnitten.


    Frühschicht


    Regina Maier stand hinter dem Tresen der Tank- und Raststätte und sortierte eine Zigarettenlieferung in das Regal. Sie war trotz der frühen Stunde gut gelaunt, bescherte ihr die Frühschicht doch immer einen freien Nachmittag.


    Die Türklingel verriet ihr die eingetroffene Kundschaft. Peter Wiese betrat den Shop und ging zielstrebig auf den Verkaufstresen zu. „Ich zahle die 7, wenn ihr Angestellter mit dem Tanken fertig ist, und nehme noch eine Schachtel Marlboro light, zwei Kaffee, eine Cola und drei Croissants.“, trug er seine Wünsche vor. Regina erwiderte lächelnd „Holen Sie sich die Cola aus dem Kühlschrank dort hinten? Kaffee mit Milch und Zucker?“. „Danke, beide schwarz“, antwortete der Geschäftsmann, der bereits den halben Weg zum Kühlschrank zurückgelegt hatte.


    Regina war noch mit dem Einschenken des Kaffees in die To-Go-Becher beschäftigt, als plötzlich ein Schuss aus Klaus‘ Pistole die Stille durchbrach und sich das Geschoss in die Decke des Ladens bohrte.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Dienstweg


    Semir Gerkan drehte den Ton des Autoradios lauter. Er hörte denselben Radiosender wie das Ehepaar Wiese und summte das Lied von den Dire Straits mit. Um diese frühe Uhrzeit hielt sich der Berufsverkehr noch in Grenzen und Semir kam gut voran. ‚Vielleicht sollte ich öfters so früh beginnen‘, dachte er so bei sich, schob diesen Gedanken aber gleich wieder beiseite, ‚Ach ne, immer vor dem Aufstehen losfahren und ohne Frühstück aus dem Haus, das muss auch nicht sein‘.


    Der heutige Tag war eine Ausnahme. Seine Tochter Ayda probte schon seit Wochen mit ihrer Schulklasse ein Theaterstück ein und heute war um 15:00 Uhr die Aufführung in der Aula ihrer Schule. Semir hatte ihr hoch und heilig versprochen, dabei zu sein und zuzuschauen. Also nahm sich der Hauptkommissar vor, um 14:00 Uhr Feierabend zu machen und den Nachmittag mit seiner Familie zu verbringen. Der Gedanke daran zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht.
    Auch die dritte rote Ampel in Folge konnte seiner guten Laune heute nichts anhaben.


    Gedanken


    Zur selben Zeit schlurfte Ben Jäger von seinem Schlafzimmer ins Bad. Er hatte schlecht geschlafen, immer wieder musste er daran denken, dass dies seine letzte Woche bei der Autobahnpolizei sein würde und der Abschied von den lieb gewonnenen Kollegen immer näher rückte. Er würde seinen Job vermissen.
    Obwohl es fast ein Jahr her ist, als er diesen Entschluss fasste. Seine Band und er wollten es endlich wissen. Konnten Sie sich auch als Profi-Musiker durchsetzen und auf dem Markt bestehen? Lange ging er mit diesem Gedanken schwanger. Vor dreieinhalb Monaten dann schrieb er seinen Antrag auf Beurlaubung ohne Bezüge und teilte diese Entscheidung Semir, seinem Partner und bestem Freund mit. Gut konnte er sich an jenen Abend erinnern.


    Rückblick
    Es war im Hochsommer, sie saßen in einem Biergarten am Rhein und ließen sich das Kölsch schmecken. „Du, Semir? Ich muss dir etwas sagen“, begann Benvorsichtig mit seinen Ausführungen. Der Tonfall verriet Semir, dass es Ben sehr ernst war. Er stellte sein Bierglas auf den Tisch und schaute seinem Freund in die Augen. Das Schweigen hielt sich noch einige Sekunden und hing wie ein Schleier zwischen ihnen. „Nun sag schon, Ben!“, forderte Semir seinen Partner auf. „Ich habe heute Urlaub beantragt“, fing Ben an. „Oh, toll? Zwei Wochen oder Drei?“, lautete Semirs erste Reaktion. Er nahm den letzten Schluck aus seinem Glas. „Zwei Jahre“.


    Semir verschluckte sich und musste husten. „Zwei …. J A H R E ?“, stieß er hervor, „Du willst mich zwei J A H R E allein lassen?“. Fassungslos blickte er seinem Freund ins Gesicht und sah Ben an, dass er dieses völlig ernst gemeint hatte.


    „Ja, vielleicht auch länger oder für immer. Semir, wenn wir es jetzt nicht probieren, werden wir nie wissen, ob wir nicht auch von der Musik allein leben können.“ Semir reagierte nicht, starrte auf den Tisch und spielte mit dem leeren Bierglas in seiner Hand. „Hey, ich bin doch nicht aus der Welt, ich bleibe in Köln, wir können uns jederzeit treffen. Und außerdem habe ich doch mein Patenkind hier, um das ich mich kümmern muss und werde. Jetzt mach nicht so ein Gesicht …“ Semir blickte wieder auf und nickte. Der erste Schock saß tief, aber er merkte auch, dass er sich jeden Versuch, seinen Freund umzustimmen, sparen konnte. Ben schien fest entschlossen zu sein. „Es ist nur … Hast du schon …?“ – „Nein, du bist der erste, der es erfährt, und den Antrag gebe ich auch erst morgen ab“ – „Das meinte ich nicht. Hast du schon ein neues Bier bestellt? Es ist deine Runde!“


    Gegenwart


    Das lief einfacher, als er dachte damals. Semir würde sich wieder an einen neuen Partner gewöhnen müssen, nur diesmal lebte der Vorgänger noch. Das machte die Sache einfacher. Außerdem hatten sie noch drei Monate Zeit, sich an die Tatsache zu gewöhnen. Und der Urlaubsantrag trat bald in den Hintergrund. Bis jetzt. Jetzt kam der Abschied näher. Am Donnerstag würde Ben für die Kollegen der PAST ein Frühstück ausgeben und seine letzten Sachen aus seinem Schreibtisch räumen. Schon jetzt, vier Tage vorher sah sein Tisch so aufgeräumt aus, wie ihn in den letzten viereinhalb Jahren niemand gesehen hatte.


    Nach der Dusche machte er sich ein kleines Frühstück und trat dann seinen Weg zur PAST an. Um 8:00 Uhr soll sein Nachfolger, ein Alex Brandt aus Münster, eintreffen. Dann wollte auch Ben in der Dienststelle sein.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Überfall!


    „Das ist ein Überfall!“, schrie Ralle, „Geld in eine Plastiktüte packen und her damit!“, fuhr er fort.


    Peter Wiese duckte sich schnell hinter den Kühlschrank. Zeugen waren jetzt bestimmt nicht erwünscht.


    Vom Schuss angelockt, betrat nun der Wachmann, Karsten Schultz, den Verkaufsraum, seine Hand an der Waffe. Noch bevor er sich ein Bild der Situation machen konnte, richtete Klaus seinen Revolver auf ihn und drückte ab. Der Wachmann ging zu Boden und spürte bereits den Aufprall auf den Fliesen nicht mehr. Er war sofort tot.


    „Ralle! Komm, wir müssen los!“, rief Klaus seinem Kumpel zu, der ungläubig auf den reglosen Mann am Boden starrte. Klaus ergriff die Plastiktüte mit dem Geld der Kasse, die Regina auf den Tresen gelegt hatte und verließ den Laden durch die Hintertür, durch die sie auch hereingekommen waren.


    „Rufen Sie die Polizei, schnell“ Peter Wiese war aus seiner Starre erwacht, „und einen Notarzt“. Dann rannte er den Männern hinterher, vielleicht konnte er noch den Fluchtwagen sehen.


    Ralle und Klaus waren wieder bei ihrem blauen Lieferwagen angekommen und zogen sich die Masken vom Gesicht. In dem Moment trafen ihre Augen auf den in der Hintertür stehenden Peter Wiese. Ralle fand zuerst seine Worte wieder: „Scheiße, wir haben einen Zeugen!“ „Da wird Matze sich drum kümmern, wir müssen hier weg!“


    Peter Wiese versuchte, sich den Wagen einzuprägen, was aufgrund der auffälligen Kennzeichnung und des passenden Kennzeichens K – WC 100 nicht schwer fiel, als auch die Gesichter der Gangster im Gedächtnis zu behalten.

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  • Montag, 7:15 Uhr


    Funkspruch


    „Cobra 11 für Zentrale“, kam aus dem Funkgerät. Semir griff zum Mikro. „Cobra 11 hört. Guten Morgen Susanne, was gibt’s?“, fragte er. „Die Tankstelle Bedburger Land, Fahrtrichtung Süd ist überfallen worden, es soll ein Todesopfer geben, aber auch einen Augenzeugen, kannst du dich darum kümmern, Semir?“, erläuterte die Sekretärin. „Bin schon unterwegs.“, antwortete Semir und gab Gas.


    Zwanzig Minuten später erreichte er den Tatort. EinePolizeistreife war schon vor Ort und hatte um die Tankstelle herum ein Absperrband gespannt, um neugierige Gaffer vor dem Betreten des Tatorts abzuhalten. Semir stoppte direkt am Absperrband, stieg aus seinem BMW aus und hielt das Absperrband so hoch, dass er es bequem unterqueren konnte.


    Innerhalb der Absperrung standen Peter Wiese mit seiner Familie und Regina Maier und gaben Dieter Bonrath und Jenny Dorn, Semirs Kollegen von der Autobahnpolizei, Auskunft über das Geschehene.


    Peter Wieses Wagen stand immer noch an der Zapfsäule, die Tankstelle hatte den Betrieb gleich nach dem Überfall eingestellt. Regina Maier war nicht in der Lage weiterzuarbeiten, der Pächter war bereits verständigt worden und versprach, gleich herauszukommen und einen anderen Kassierer für den Tag einzusetzen.


    Semir ging auf die Gruppe zu. „Morgen Dieter, Hallo Jenny, was haben wir?“, begrüßte er seine Kollegen. „Hallo Semir“, erwiderte Jenny die Begrüßung, „zwei maskierte Männer haben die Tankstelle überfallen, der eine wurde vom anderen ‚Ralle‘ genannt, ein Wachmann stellte sich ihnen in den Weg und wurde eiskalt erschossen. Die Täter konnten in einem blauen Lieferwagen entkommen, Kennzeichen ist bekannt, sie haben ihre Masken runtergezogen und dieser Herr hier hat ihre Gesichter gesehen, von ihm haben wir auch das Kennzeichen. Erbeutet lediglich 1.600 Euro, die bringen die Einnahmen alle paar Stunden in einen Tresor, damit nicht viel Bargeld in den Kasse bleibt“, fasste Jenny das Geschehene kurz zusammen. „Danke, Jenny, Fahndung schon raus? Wo ist der tote Wachmann?“ – „Fahndung ist schon raus, noch kein Ergebnis, die Leiche liegt noch im Laden. Die SpuSi ist schon drin.“


    ‚Ein Menschenleben wegen 1.600 Euro?‘, dachte Semir und wandte sich jetzt Peter Wiese zu. „Sie können die Männer beschreiben? Und das Fluchtauto?“ – „Ja, „Sanitär und mehr“, so was behält man, dann noch das Kennzeichen K WC 100. Unter anderen Umständen hätte man darüber lachen können.“ – „Darf ich Sie bitten, mit auf die Dienststelle zu kommen und sich Fotos anzusehen oder einem Zeichner beim Erstellen eines Phantombildes zu helfen?“, fragte er den Augenzeugen nun, der nickend zustimmte.


    Abseits vom Geschehen stand ein dunkler VW Touareg. In ihm saßen die Brüder Matthias, genannt Matze, und Paul Friedrich und beobachteten das Geschehen aus der Ferne. „Ralle ist so ein Idiot! Und Klaus auch. Da ziehen sie vor dem Augenzeugen ihre Masken vom Kopf. Und wir sollen das jetzt wieder geradebiegen. Schau! Der Kleine, der gerade mit ihm redet, der ist bestimmt auch Polizist.“


    Ein Blick auf Regina Maier, die blass und wortlos dastand, bewegte ihn dazu, Jenny zu bitten: „Ich glaube, wir sollten einen Krankenwagen für die Frau rufen. Sie klappt ja gleich zusammen. Kümmerst du dich?“ Dann betrat Semir die Tankstelle.


    Hier war die Spurensicherung bei der Arbeit, ein Fotograf hielt den Tatort mit seiner Kamera fest. Der erschossene Wachmann lag noch immer im Laden, wo ihn die Täter mit einem gezielten Schuss in Brusthöhe niedergestreckt hatten. „Wisst ihr schon, wer er ist?“, fragte er seinen Kollegen mit einem Blick auf den Leichnam. „Ja, wir haben seine Taschen geleert, die Sachen liegen dort hinten auf dem Tresen. Karsten Schultz, 34 Jahre, Mitarbeiter bei Rothe Security. Auf dem Hof steht auch sein Auto, ein dunkelblauer Opel Astra.“ – „Bringt ihr den Wagen bitte zur KTU, die persönlichen Sachen nehme ich mit.“ In Gedanken plante Semir bereits die nächsten Schritte: Arbeitgeber, Angehörige, Zeugenaussage, Phantombild. Er würde die Unterstützung von Ben brauchen, wenn er das alles bis 14:00 Uhr erledigt haben wollte.


    Im Hintergrund fuhr jetzt ein Leichenwagen vor. Fahrer und Beifahrer stiegen aus, öffneten die Kofferraumklappe und holten einen Zinksarg aus ihrem Auto, mit dem sie die Tankstelle betraten. Ebenfalls eingetroffen war ein Rettungswagen, dessen Besatzung sich Regina Maier annahm, die augenscheinlich einen Schock erlitten hatte und jetzt zur Beobachtung in das nächste Krankenhaus gebracht werden sollte.

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  • Schwein gehabt


    Annette Walther war in ihrem roten VW Golf auf dem Weg zur Universität Köln, wo sie Geschichte und Archäologie studierte und hatte gerade die Abfahrt Bedburg der A 61 passiert. Vor ihr verdichtete sich der Verkehr, der Berufsverkehr hatte eingesetzt. Sie war gerade auf der linken Spur, sah noch die roten Bremslichter des vor ihr fahrenden Audis, trat auf die Bremse, aber es war schon zu spät. Sie fuhr auf. Zum Glück war ihr Tempo schon so weit reduziert, dass außer Blechschäden an ihrem Golf und dem Audi nichts weiter geschah. Die nachfolgenden Autos konnten rechtzeitig anhalten, schnell staute sich der Verkehr auf einige hundert Meter zurück. Annette stieg aus und ging zum Fahrer des Audis. „Ist Ihnen etwas passiert? Ich habe einfach zu spät gebremst, es tut mir leid“ – „Schöne Scheiße, aber ist ja zum Glück nur Blechschaden, ich rufe am besten die Polizei, die regelt dann alles“ Er hatte sein Handy schon in der Hand.


    Gerd Funke fuhr mit seinem LKW, mit 674 Schweinen beladen, ebenfalls auf der A 61. Die Nacht steckte ihm noch in den Knochen. Immer wieder hatte er mit Sekundenschlaf zu kämpfen. Er nahm sich vor, den nächsten Rastplatz anzusteuern und eine längere Pause einzulegen. Das Stauende nahm er zwar wahr, reagierte aber viel zu spät. Er konnte seinen schweren Transporter nicht mehr rechtzeitig stoppen und fuhr direkt in das Ende des wegen eines kleinen Blechschadens entstandenen Staus. Blech kreischte, Menschen schrien, als er mehrere Autos zusammenschob, dann versuchte Gerd mit einer scharfen Lenkbewegung sein Gefährt auf die Standspur zu lenken. Dieses hatte zur Folge, dass sein LKW sich querstellte und schließlich umkippte.


    Durch den Sturz öffnete sich eine Tür seines Anhängers und die ersten Schweine liefen ins Freie und panisch über die Autobahn. Auch die Gegenfahrbahn erreichten die Tiere innerhalb kürzester Zeit und lösten auch dort mehrere Auffahrunfälle aus.


    Gerd Funke wurde bei dem Unfall leicht verletzt, in den Wagen vor ihm starben drei junge Menschen, fünf weitere wurde verletzt, einer davon lebensgefährlich.


    Die Polizei, Feuerwehr, das THW und mehrere Rettungswagen und Bergungsfahrzeuge erreichten die Unfallstelle, für die Tiere wurden Tierärzte und Schlachter angefordert, die A 61 wurde komplett gesperrt und würde dieses auch für mehrere Stunden bleiben.

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  • Montag, 8:00 Uhr


    Der Neue


    Ben betrat die PAST und begrüßte seine Kollegen. Mit einem Blick auf das Büro seiner Chefin, Kim Krüger, blieb er an Susannes Schreibtisch stehen. „Er ist schon da?“, fragte er die Sekretärin. Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, denn durch die Glastür war eindeutig die Chefin im Gespräch mit einem jungen, dunkelblonden Mann zu erkennen, der nun über den Tisch Ausweis, Visitenkarten, Handy, Waffe und Autoschlüssel entgegennahm.


    Kim Krüger stand auf und führte ihn in mit einem Lächeln im Gesicht in das Großraumbüro. „Kollegen!“, rief sie in die Runde, „ich möchte Ihnen Alex Brandt vorstellen. Er kommt von der Kripo Münster zu uns und wird der neue Partner von Semir werden.“ Anschließend wandte sie sich Susanne zu, die ihr einen Ausdruck der letzten Funksprüche reichte, die sie sich gleich durchlas.


    Alex begrüßte jeden im Raum mit Handschlag. Ben war der Letzte in der Runde. Alex fiel auf, dass er der einzige außer der Chefin und der Sekretärin war, der neben ihm auch Zivilkleidung und keine Uniform trug. Er schloss daraus: „Und Sie sind mein neuer Partner?“ – „Falsch geraten. Ich bin Ihr Vorgänger, Ben Jäger. Herzlich Willkommen bei der Kripo Autobahn.“ Er reichte dem Neuen die Hand, der diese ergriff und schüttelte. „Ihr Partner ist Semir Gerkan, und der ist heute schon früh unterwegs.“


    „Und das sind Sie auch gleich.“, unterbrach Kim Krüger von ihrem Ausdruck aufblickend die Begrüßung, „Semir braucht Unterstützung beim Tank- und Rasthof „Bedburger Land“, Fahrtrichtung Süd. Überfall mit Todesopfer. Aber fahren Sie über Land, auf der Autobahn ist ein LKW verunglückt, da ist eine Vollsperrung.“ - „OK, wir sind schon weg“, antwortete Ben und verließ mit Alex Brandt die PAST.

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  • Frühstück


    „Nun spiel nicht mit dem Essen, Ayda, sondern iss!“, versuchte Andrea ihre Tochter zum Frühstücken zu bewegen, „und trink noch etwas Kakao. Wir haben nicht mehr so viel Zeit.“. „Ich mag nicht mehr essen“, maulte die 7-Jährige und schob ihr Brötchen auf dem Brett hin und her. Andrea hatte sich nun Aydas kleinen Schwester zugewandt: „Und du, Lilly, brauchst Ayda nicht alles nachzumachen, wenn du das Brötchen nicht mehr isst, dann lass es liegen. Aber trink wenigstens deinen Becher leer. Wenn ihr fertig seid, geht schon mal ins Bad zum Zähneputzen, ich komme gleich nach.“


    Andrea holte tief Luft, stellte dann die Bretter, Becher und das Besteck in die Spülmaschine und wischte den Esstisch ab. Danach holte sie den Ranzen und die Kindergartentasche ihrer Töchter, packte das bereits geschmierte Pausenbrot und Obst ein und stellte die Taschen in die Diele.


    Im Bad kontrollierte sie kurz die Zahnputzaktion ihrer Kinder und beorderte sie wieder nach unten. Schuhe und Jacken an, und sie verließen das Haus. „Du, Mama?“, fragte Ayda im Auto und zog dabei die Vokale lang und betont auseinander, „weißt du was?“ – „Was soll ich wissen?“ – „Papa hat mir versprochen, heute Nachmittag auch zur Aufführung zu kommen. Und was man verspricht, muss man doch auch halten, oder?“ Andrea schaute Ayda im Rückspiegel an. „Da hast du ganz Recht. Dann muss er auch kommen.“ ‚Wenn die bösen Buben ihn lassen‘, fügte sie in Gedanken hinzu und dachte an die häufigen Enttäuschungen, die sie selbst bereits erleben musste. Sie hoffte für Ayda, dass Semir sich heute rechtzeitig aus seinem Job würde verabschieden können. Sicherheitshalber würde sie ihn später noch anrufen und an sein Versprechen erinnern.


    „Hast du dein Kostüm komplett? Wie ist denn die Generalprobe gelaufen?“, fand sie in die Realität zurück und bog bereits in die Schulstraße ein. „Felix hat seinen Text vergessen und sollte bis heute noch üben, aber sonst war alles gut. Mein Kostüm ist klasse!“


    Andrea parkte den Wagen am Straßenrand, stieg aus und ließ ihre Kinder auf der Bürgersteigseite aus dem Auto. Mit einem Kuss verabschiedete sie sich von Ayda: „Bis nachher dann, ich freue mich schon auf eure Aufführung!“ – „Tschüß, Mama“ Andrea sah ihrer großen Tochter hinterher, die sich in Richtung Schule auf den Weg machte und bereits auf dem Schulhof von Mitschülerinnen begrüßt wurde. Sie nahm die 3-jährige Lilly an die Hand und brachte sie in den benachbarten Kindergarten. Nach einer kurzen Unterhaltung mit einer anderen Mutter, verließ sie ihn wieder und fuhr einige Straßen weiter zu ihrer Arbeit im Jugendzentrum.


    Zeugenschutz?


    Semir trat noch kurz an die Trage heran, auf der Regina Maier lag und überreichte ihr eine seiner Karten. „Für den Fall, dass Ihnen noch etwas einfällt, können Sie mich jederzeit erreichen. Jetzt erholen Sie sich aber erst mal“, sprach er ihr Mut zu. Dann wandte er sich Peter Wiese zu: „Sind Sie soweit? Ich würde Sie gerne zur Dienststelle bringen, damit Sie uns die Typen näher beschreiben können.“


    Peter Wiese wechselte noch einige Sätze mit seiner Frau, die schließlich nickte und sich mit ihrem Sohn zu ihrem Auto begab.


    Dann setzten sich die beiden Männer in Semirs BMW und Semir griff zum Mikro. „Zentrale für Cobra 11!“, meldete er sich. „Zentrale hört“, klang sogleich Susannes Stimme aus dem Lautsprecher. „Susanne, gibt es was Neues zur Fahndung nach dem Sanitärfahrzeug?“ – „Ja, der Wagen gehört einer Firma Kleine & Co, die hat aber vor zwei Jahren dichtgemacht. Er ist aber nicht als gestohlen gemeldet.“ – „Hast du eine Adresse?“ – „Natürlich. Neue Straße 45 in Köln-Mühlheim“ – „Danke, Susanne. Noch was, kannst du den Phantombildzeichner bestellen, ich komme mit einem Augenzeugen zur PAST. Ich schicke Dieter und Jenny zu Kleine & Co. Ist Ben schon im Büro?“ – „Mache ich. Ben ist unterwegs zu euch, dein neuer Partner ist auch dabei.“ – „Ok, ich melde mich gleich bei ihm“ – „Ach, Semir, ehe ich es vergesse, fahr nicht über die A 61, da ist eine Vollsperrung bei Bedburg wegen eines LKW-Unfalls. Ab Bergheim Süd ist die Autobahn wieder befahrbar.“ – „Danke für den Hinweis!“


    Semir verließ seinen Dienstwagen wieder, um Dieter und Jenny zu bitten, nach Köln-Mühlheim zu fahren und den Verbleib des blauen Sanitärwagens zu klären. Anschließend setzte er sich wieder zu dem wartenden Peter Wiese in den BMW, startete den Motor und fuhr los, um über den Wirtschaftsweg hinter der Raststätte zum Hohenholzer Weg zu gelangen, der ihn über die Autobahnbrücke zur Landstraße bringen sollte, der er bis zur Autobahnauffahrt Bergheim-Süd folgenwollte. „Hatten Sie heute was wichtiges vor?“, begann er ein Gespräch mit dem Augenzeugen des Tankstellenüberfalls. „Allerdings, es könnte sein, dass mir ein wichtiger Vertrag durch die Lappen geht. Aber meine Frau wird um Verlegung des Gesprächs bitten und den Termin heute zunächst alleine wahrnehmen“, erklärte Peter Wiese dem Autobahnpolizisten. „Und ist es üblich, dass Ihr Sohn Sie bei Geschäftsterminen begleitet?“ – „Nein, Herr …“ – „Gerkan“ – „Herr Gerkan, das ist nicht üblich. Wir wollten ihn zu meinen Schwiegereltern bringen, die wohnen auf dem Weg“, erklärte Peter Wiese.


    Im Rückspiegel fiel Semir der hinter ihm herfahrenden VW Touareg auf, der zeitgleich mit ihm die Raststätte verließ. Als er auch durch die nächste Ortschaft immer hinter ihm blieb, wurde Semir nervös. „Hatten Sie wirklich nur zwei Täter gesehen? Nicht mehr?“, fragte er seinen Beifahrer mit einem Blick in Rückspiegel. „Nein, nicht umdrehen!“, unterbrach er dessen bereits begonnene Bewegung. Er griff zu seinem Funkgerät. „Zentrale für Cobra 11, ich werde verfolgt auf der L 361 Richtung Süden, schwarzer Touareg, Kennzeichen BG HM 78. Könnt ihr mich mit Ben verbinden?“ - „Einen Moment“ – „Ben hier, Semir was gibt’s?“

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  • Neuer Dienstwagen


    „So, Kripo Münster?“, begann Ben ein Gespräch, als sein Mercedes über die Autobahn rollte, „und warum jetzt Köln?“ – „Ich war in Münster, weil meine Freundin dort an der Uni arbeitete. Aber wir haben uns getrennt. Und da es mir dort im Job auch nicht so gut gefiel, suchte ich nach einer Gelegenheit, wieder nach Köln zurückzukehren. Und jetzt bin ich hier“, führte Alex Brandt aus.


    „Gefallen wird es Ihnen hier im Team bestimmt, ich könnte mir keine besseren Kollegen vorstellen. Und Ihren Partner werden Sie ja gleich kennenlernen.“


    Sie schwiegen einen Moment. Dann sprach Alex weiter: „Sie fahren einen schönen Dienstwagen, ist der ganz neu?“ Ben konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Ich habe ihn jetzt seit einer Woche. Der letzte hat leider sein Leben auf der Autobahn ausgehaucht, als er von zwei LKW eingeklemmt wurde. Und wenn man sich so bemüht, wie wir, dann gibt es halt ab und an ein neues Gefährt. Was hatten Sie denn für einen Dienstwagen in Münster?“ – „Ich fuhr einen älteren VW Passat, der war nicht totzukriegen“ – „Na, wenn ihn auch keiner schrottet“, setzte Ben die Ausführungen seines Nachfolgers fort. „Schrotten? Ich habe noch nie einen Dienstwagen kaputtgefahren, einmal gab es einen kleinen Kratzer, aber in die Werkstatt musste wegen mir noch kein Auto“.


    Ben verschlug es die Sprache. Mit ernstem Ausdruck im Gesicht drehte er sich nun zu seinem Beifahrer um. „Sie haben noch NIE einen Dienstwagen geschrottet?“, wiederholte er langsam die Aussage seines Kollegen, „aber Sie haben schon vor, sich in unser Team zu integrieren, oder?“ Ben schüttelte ungläubig seinen Kopf.


    Eine Zeitlang fuhren sie schweigend über die A4, um am Kreuz Kerpen die A 61 gen Norden zu nehmen. An der Ausfahrt Bergheim-Süd mussten sie die Autobahn wegen der besagten Vollsperrung verlassen.


    „Cobra 11 für Zentrale“, meldete sich das Funkgerät. „Cobra 11 hört“, antwortete Ben. „Ben, ich verbinde mit Semir.“ – „Ben hier, Semir, was gibt’s?“

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  • Fast geglückt


    Semir schilderte Ben kurz seine Situation. Der Touareg war bedrohlich näher gekommen, ohne einen Überholvorgang einzuleiten. Semir fuhr schon so schnell, dass er in den Kurven der Landstraße Angst hatte, die Straßenhaftung zu verlieren. Denn lenkte der Fahrer den Touareg auf die linke Spur, gab Gas und fuhr Semir hinten links in den BMW. Der Wagen geriet auf die Bankette und ließ sich nicht mehr von dem weichen Untergrund auf die Fahrbahn lenken. Semir verlor die Kontrolle über seinen Wagen. Dieser rollte die Böschung hinunter und blieb schließlich schräg an einem Baum liegen.


    Der Touareg hielt am Straßenrand an. Der Beifahrer verließ diesen und lief mit einer Sprühdose in der linken und einer Waffe in der rechten Hand zu dem BMW, in dem sich nichts regte.


    Benommen vom Überschlag, dem Öffnen der Airbags und einem Schlag mit seinem Kopf an die Seitenscheibe, versuchte Semir, sich aus seinem Gurt zu befreien und die Tür zu öffnen, während Peter Wiese bewusstlos im Beifahrersitz hing. Der Beifahrer des Touareg hatte den BMW erreicht, riss die Tür auf, entleerte den Inhalt der Sprühdose in das Wageninnere und warf die Tür für einen Moment wieder zu.


    Augenblicklich musste Semir die brennenden Augen schließen, Pfefferspray, so ein Mist! Er konnte nichts mehr sehen, seine Augen füllten sich schlagartig mit Tränen. Aber er musste aus diesem Auto raus!


    In diesem Moment kam aus der Gegenrichtung der Mercedes von Ben Jäger herangerast und stoppte direkt vor dem Touareg. Alex Brandt hatte die Situation schnell erfasst, sprang aus Bens Dienstwagen und lief mit gezogener Waffe in Richtung BMW.


    Als Semir endlich, seinen brennenden und tränenden Augen zum Trotz, seine Fahrertür öffnen konnte und aus dem Wagen rollte, erkannte er seinen Gegner vor sich und griff ihn an, bis ihn die Berührung von kaltem Stahl stoppte, auf sein Gesicht war eine Waffe gerichtet. Semir öffnete unter Schmerzen seine Augen wieder und blickte auf ein stählernes „O“, welches die Mündung eines Revolvers darstellte. Er hatte bereits mit seinem Leben abgeschlossen, als sich auf einmal eine Gestalt auf den Angreifer warf und sich im Sturz der beiden Personen ein Schuss aus der Waffe des Angreifers löste. Das Projektil bohrte sich knapp neben Semirs Kopf in dessen Dienstwagen.


    Ben wollte währenddessen den Fahrer des Touareg stellen, dieser ergriff aber mit durchdrehenden Reifen die Flucht. Als der Schuss ertönte, sah er zu Alex und sah, wie dieser gerade mit gekonntem Polizeigriff, den Angreifer aus dem Touareg auf dem Boden festhielt und fesselte, während Semir an seinem Auto stand und, eine Hand auf das Wagendach gelegt, sich die Augen rieb. Blut lief aus einer Platzwunde am Auge über seine linke Wange, ansonsten schien er unverletzt zu sein. Zu Ben gerichtet, rief Alex: „Versuch, den Touareg zu stoppen, und ruf einen Krankenwagen und eine Streife, ich komme hier klar!“ Unbewusst war er zum Du übergegangen. Er machte sich daran, den bewusstlosen Peter Wiese aus dem BMW zu befreien und auf den Rasen der Böschung zu legen.


    Ben sprang in seinen Dienstwagen, gab die notwendigen Funksprüche durch und versuchte, den flüchtigen Wagen einzuholen.

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  • Montag, 10:00 Uhr


    „Besprechung“


    Alex Brandt saß auf dem Flur der Notaufnahme des Krankenhauses in Bergheim und wartete. Auf dem Stuhl nehmen ihm lag Semirs Jacke. Sein neuer Kollege war seit zwanzig Minuten im Behandlungsraum. Seine Augen sollten noch einige Minuten ausgespült werden, um die letzten Spuren vom Pfefferspray zu beseitigen. Dann sollte sich auch das Brennen geben und nach mehreren Stunden gar nicht mehr zu spüren sein. Die Platzwunde war bereits mit einem Klammerpflaster versorgt worden. Peter Wiese hatte neben der Pfeffersprayattacke auch eine leichte Gehirnerschütterung erlitten. Er sollte zumindest zwei Tage im Krankenhaus verbleiben.


    Plötzlich klingelte ein Handy in der Jacke neben Alex. Er kramte es aus der Außentasche, las auf dem Display „Andrea ruft an“ und nahm das Gespräch an. „Brandt, Apparat Semir Gerkan“, meldete er sich. „Andrea Gerkan hier, kann ich bitte meinen Mann sprechen?“ – „Das geht jetzt nicht Frau Gerkan, Ihr Mann ist im….“, er sah sich um, sah das Schild „Notaufnahme“ und entschied sich zu sagen „… in einer Besprechung. Soll er Sie zurückrufen?“ – „Aber sicher, sobald es geht“, sagte Andrea und beendete das Gespräch.


    Einige Minuten später ging die Tür auf und Semir trat auf den Flur. „Und denken Sie daran, sollten es Ihnen in den nächsten Stunden schlechter gehen oder die Augen Ihnen Probleme bereiten, kommen Sie wieder her oder gehen Sie zu Ihrem Hausarzt.“, gab der Doktor ihm noch mit auf den Weg. „Danke, ich glaube, es geht schon“, antwortete Semir und verabschiedete sich mit einem Händedruck von dem Arzt.


    Er ging rüber zu Alex Brandt, nahm seine Jacke vom Stuhl und setzte sich neben seinen neuen Partner. Einige Minuten sagte keiner etwas. „Ich glaube“, begann Semir langsam eine Konversation, „Sie haben mir da draußen eben das Leben gerettet, und dem Wiese auch.“ Er sah jetzt Alex ins Gesicht. „Vielen Dank dafür. Ich bin Semir Gerkan, Semir reicht“, bot er ihm das Du an und hielt ihm seine Hand hin. „Alex“, sagte dieser und ergriff sie.


    „Deine Frau hat eben angerufen, ich sagte ihr, du wärst in einer Besprechung und riefest sie gleich zurück.“ – „Gut gemacht. Ich mache es gleich. Hat Ben sich schon gemeldet?“, kam Semir sogleich auf den Fall zurück. „Ja, er hat den Touareg verloren und kommt gleich her, um uns abzuholen. Dein Angreifer sitzt in einer Zelle auf unserer Dienststelle und wartet auf seine Vernehmung“. „Und was ist mit Peter Wiese?“, erkundigte sich Semir nach dem Augenzeugen des Überfalls. „Der muss ein bis zwei Tage hierbleiben. Ich habe einen Polizisten zu seinem Schutz angefordert.“


    Semir staunte und nickte anerkennend. Für seinen ersten Arbeitstag hatte Alex den Alltag schon gut im Griff.


    Kurze Zeit später kam Ben mit Erik Johannsen, einem jungen uniformierten Kollegen, den Flur entlang. Erik würde den ersten Teil des Schutzdienstes für Peter Wiese übernehmen und später von Jenny oder Dieter abgelöst werden, teilte Ben ihnen mit. „Wir schicken den Phantombildzeichner vorbei, Erik“, kündigte Semir noch an und verließ mit Ben und Alex das Krankenhaus. Auf dem Weg zum Auto nahm er sein Handy zur Hand und rief Andrea an. „Schatz, was gibt’s, du hattest angerufen?“, begrüßte er sie, als er Andreas Stimme vernahm und lauschte. „Natürlich, das habe ich nicht vergessen, das hatte ich doch Ayda versprochen, spätestens viertel vor drei bin ich in der Schule, da kannst du dich drauf verlassen. Ja, ich dich auch, Ciao Ciao“ – „Wohin zuerst?“, fragte Ben. „Zur KTU, ich muss an meinen Wagen, dann müssen wir Arbeitgeber und Angehörige von Karsten Schultz ausfindig machen und ihnen die Nachricht von seinem Tod überbringen“


    Semirs Handy klingelte, er ging ran: „Ja, Semir!“ Es war Dieter, der ihm kurz mitteilte, dass er und Jenny den Besitzer des geschlossenen Sanitär-Handwerkbetriebes Kleine & Co, Harald Kleine, in seiner Wohnung angetroffen hätten. Er hatte seinen blauen Lieferwagen in seiner Garage vermutet, ein Gang dorthin bewies allerdings, dass die Garage aufgebrochen und der Wagen gestohlen war. Dieses musste innerhalb der letzten drei Tage geschehen sein. Eine Beteiligung Harald Kleines an dem Diebstahl oder dem Tankstellenüberfall schloss Dieter aus, da jener sich nach einer Fußoperation vor zwei Wochen mit Mühe an Krücken vorwärts bewegen konnte. „Das können wir vergessen, Semir“, schloss Dieter seine Ausführungen ab.


    Semir bat ihn noch, später gemeinsam mit Jenny Erik im Krankenhaus abzulösen und den Phantombildzeichner mitzunehmen und auch die Kartei mit den einschlägig Vorbestraften auf einem Laptop nicht zu vergessen.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Erwischt


    Frank Grabowski hielt seinen Nissan vor der Gemeinschaftsschule seines Sohnes in der Innenstadt Kölns an. Nils war bereits achtzehn Jahre alt und im letzten Schuljahr, welches er mit dem Abitur abschließen wollte. Heute hatte er einen Termin beim Kiefernorthopäden gehabt und war deshalb von den ersten Schulstunden befreit. „Ich habe nachher noch Fußballtraining, bin erst um Sieben zuhause“, teilte er seinem Vater beim Aussteigen mit, „Bis dann denn“, verabschiedete er sich noch, schlug die Autotür zu und überquerte die Straße zu seiner Schule.


    Frank Grabowski schaute Nils hinterher, der vor dem Schultor von einem jungen Mann aufgehalten und angesprochen wurde. Er stutzte, sein Vaterinstinkt war geweckt, das waren keine Freunde. Der Fremde versuchte doch seinem Sohn etwas zu verkaufen, sah er das richtig? Nils zeigte eine ablehnende Haltung, wurde aber von dem Unbekannten so bedrängt, dass es Frank reichte und es ihn aus dem Wagen trieb. Schnellen Schrittes näherte er sich den beiden Diskutierenden und mischte sich ein. „Was willst du von meinem Sohn? Verkaufst du hier Drogen? Ich werde dir zeigen, was ich davon halte“, schimpfte er, griff den Fremden an den Kragen und zerrte ihn vor sich her, bis er an der Schulhofmauer angekommen war. Der augenscheinliche Dealer versuchte sich zu wehren, bekam aber die Fäuste von Frank Grabowski zu spüren, der seine Wut nicht mehr kontrollieren konnte. Schnell war eine Schlägerei in Gange, in der Frank Grabowski deutlich überlegen war. „Papa! Hör auf!“, versuchte Nils sich einzumischen, „Du bringst ihn noch um!“.


    Der Vorfall blieb natürlich nicht unbeobachtet. Einer Angestellten der Schule fiel die Schlägerei auf, und sie rief die Polizei, die kurze Zeit später mit einem Streifenwagen eintraf. Anna Behring und ihr Kollege Jens Jensen trennten die Streithähne und verfrachteten sie in den Streifenwagen, um sie mit aufs Revier zu nehmen. Nils ließen sie verstört zurück, er hatte noch den Autoschlüssel von seinem Vater bekommen und fuhr den Wagen jetzt vom Straßenrand auf einen offiziellen Parkplatz und verschloss ihn. Dann begab er sich in die Schule. Sein Vater würde sich bestimmt bei ihm melden, wenn er bei der Polizei fertig war.

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  • Montag, 11:15 Uhr


    KTU


    „Hartmut!“, rief Semir in die Halle der KTU hinein, „wo steht mein Auto?“ – „Euch auch einen schönen guten Tag! Der BMW steht hinten, mal wieder ein Totalschaden.“


    Semir war schon unterwegs zu seinem Dienstwagen, während Ben dem rothaarigen Kriminaltechniker seinen Nachfolger Alex Brandt vorstellte und ein Gespräch begann.


    „Hartmut, wo sind denn meine ganzen Sachen, die in dem Wagen waren?“, unterbrach eine laute Stimme aus dem Hintergrund die Unterhaltung. Semir näherte sich wieder seinen Kollegen. Dabei fiel sein Blick auf den Schreibtisch, wo er das Päckchen mit den Sachen des Opfers sowie seiner eigenen persönlichen Habseligkeiten in einem roten Ablagen-Korb sah. „Warum liegen die Sachen denn hier vorne?“, wollte er von Hartmut wissen „Gravitation, Semir.“ Semir zog die Stirn kraus, „Gravitation?“ – „Ja, einer der vier Grundkräfte der Physik, auf der Erde fällt alles nach unten, was nicht durch eine andere Kraft daran gehindert wird ...“ – „Hartmut!“, unterbrach Semir den Wissenschaftler. „Kurz: Erdanziehung“, beendete der Leiter der KTU kleinlaut seine Erläuterung, ohne sich sicher zu sein, dass ihm noch irgendjemand zuhörte.


    Semir sah in den roten Behälter, entnahm ihr den Plastikbeutel mit den persönlichen Habseligkeiten des Opfers, eine Tüte mit Kleinkram, die sich im Handschuhfach und anderen Ablagen seines Dienstwagens befunden hatten sowie einen kleinen in buntes Geschenkpapier eingepackten Karton. Ben konnte sich natürlich einen Kommentar nicht verkneifen „Wiedergutmachungsgeschenk für Andrea?“ – „Als hätte ich das nötig! Nein, das ist für Ayda!“, antwortete Semir auf die Anspielung mit einem verschmitztem Lächeln und steckte das Geschenk in seine Jackentasche. „Mein Patenkind musst du also auch schon bestechen, das sind ja Zustände im Hause Gerkan ….“


    Alex Brandt spürte das besondere Verhältnis von Ben und Semir, hielt sich entsprechend zurück. Er würde sie und besonders Semir schon noch genau kennen- und verstehen lernen. Hartmut und er warfen sich vielsagende Blicke zu.


    „Ayda hat nämlich heute ihre Premiere auf der Schulbühne, und da dachte ich, das wäre schon ein kleines Geschenk wert“, erklärte Semir den Anderen. „Gib es schon zu, das war eine Idee von Andrea“, stichelte Ben weiter. „Na ja, das kannst du so nicht sagen … also gut, ja, es war ihre Idee, aber ausgesucht haben wir es zusammen und ich habe es letzte Woche abgeholt und seitdem im Auto liegen gelassen. Aber heute Nachmittag brauchen wir es. Jetzt lass uns los, Tschüß Hartmut“


    Semir wandte sich dem Ausgang der KTU-Halle zu, Ben und Alex folgten ihm. Alex fragte Ben leise „Legt der immer so ein Tempo vor?“, aber das war nicht leise genug. „DER hat einen Namen, und ja, wenn DER es eilig hat, legt DER immer ein solches Tempo vor. Ich will schließlich um 14:00 Uhr Feierabend machen. Nein, ich MUSS um 14:00 Uhr Feierabend machen, sonst reißen mir meine drei Frauen heute Abend gemeinschaftlich den Kopf ab“, beantwortete Semir Alex‘ Frage.




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  • Frank Grabowski


    Anna Behring unterhielt sich mit Frank Grabowski. Der 50-jährige Familienvater sah nicht ein, dass er sich gerade einer Körperverletzung schuldig gemacht hatte, sondern sah sich im Recht. Anna erklärte ihm, er hätte mit einer Anzeige seines Kontrahenten zu rechnen. Lediglich der Umstand, dass polizeilich gegen ihn nichts vorliegt und er über einen festen Wohnsitz verfügt, führten dazu, dass er nach Aufgabe seiner Personalien das Revier wieder verlassen und zuhause auf die Post der Staatsanwaltschaft warten könne.


    „Und den Dealer lassen Sie doch bestimmt auch gehen, oder? Kurz Name und Adresse sagen und dann ab wieder auf die Straße, so läuft das doch, oder?“ Seine Wut war noch nicht verraucht. Aber auch die Polizei konnte daran nichts ändern, obwohl Anna durchaus auch Verständnis für seine Haltung hatte und dies auch äußerte: „Sie haben zumindest jetzt dafür gesorgt, dass er dabei etwas humpelt.“


    Andreas Hohwacht


    Jens Jensen sprach mit dem Kleindealer, der sich als Andreas Hohwacht auswies, nachdem er zunächst eine kleine Wunde an der Schläfe mit einem Pflaster versorgt und ihm Taschentücher für die blutende Nase gegeben hatte. „Tut Ihnen irgendwas weh, brauchen Sieeinen Arzt? Ich kann Ihnen einen rufen“, begann Jens das Gespräch. „Nicht nötig“, antwortete Andreas, „geht schon“.


    „Nun erzählen Sie mal, was wollten Sie vor der Schule? Was wollten Sie von Nils Grabowski?“, fing er mit der Befragung an. „Ich kenne keinen Nils Grabowski, war das der Sohn von diesem ausgeflippten Kerl? Der hat mich grundlos angegriffen!“, giftete Andreas.


    Ein uniformierter Kollege betrat nach Anklopfen den Vernehmungsraum und überreichte Jens Jensen einen Computerausdruck. „Danke“, sagte er kurz, überflog das Papier und wandte sich dann wieder an den mutmaßlichen Dealer, „Na, da haben Sie ja ganz schön was angehäuft, Autoaufbrüche, Ladendiebstahl, Betrug. Eine zweijährige Bewährungsstrafe haben sie auch schon erhalten. Was sagen Sie dazu?“ – „Das waren Jugendsünden, und die zwei Jahre sind vorbei“, spielte Andreas das eben Gehörte runter – „Und heute? Sie wollen mir nicht allen Ernstes erzählen, die 20 Tüten Gras und 50 Ecstasy-Pillen wären für den Eigengebrauch gedacht?“


    Andreas Hohwacht sagte nichts mehr. Es dauerte mehrere Stunden bis Jens Jensen ihn soweit hatte, seinen Lieferanten preiszugeben.


    Gegen 17:00 Uhr sagte er leise: „Kalle heißt er, ich habe nur seine Handynummer, keinen Namen und keine Adresse.“
    Jens Jensen nickte zufrieden: „Na also, geht doch!“



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    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

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  • Montag, 12:00 Uhr


    Rothe Security


    Auf der Fahrt zu Rothe Security, dessen Anschrift Semir aus den Unterlagen von Karsten Schultz herauslesen konnte, erkundigte sich das Team noch nach der Fahndung nach dem schwarzen Touareg. Die Fahndung ist bislang ohne Ergebnis geblieben. Jede Streifenwagenbesatzung des Landes hat die Wagenbeschreibung und das Kennzeichen, welches sich als gestohlen herausstellte und eigentlich zu einem Toyota Avensis gehörte, erhalten und hielt die Augen offen.


    Das Firmengebäude von Rothe Security fanden sie in einem Industriegelände. Auf einem großen Hof standen mehrere Firmenwagen mit entsprechender Aufschrift, das Empfangsgebäude machteeinen modernen, einladenden Eindruck.


    Semir schritt mit Ben und Alex durch die Glastür und auf den Empfangstresen zu, hinter demeine junge Frau geradeein Telefonat beendete und sich nach einer kurzen Notiz den eingetroffenen Beamten widmete, die ihr drei Dienstausweise entgegen streckten. „Womit kann ich Ihnen helfen?“ – „Gerkan, Kripo Autobahn“, ergriff der Dienstälteste der drei das Wort, „das sind meine Kollegen Jäger und Brandt. Wir möchten gerne den Chef Ihrer Firma sprechen, wenn das möglich ist“


    „Einen Moment bitte“, antwortete die Sekretärin, die laut ihrem Namenschild Beate Krieger hieß, griff zum Telefon und drückte auf eine Taste. Als ihr Gesprächspartner sich meldete, führte sie aus: „Herr Rothe, hier sind drei Herren von der Kriminalpolizei, die Sie gerne sprechen möchten … Ja, ich richte es aus …“. Sie schaute Semir stellvertretend für alle drei Beamten an. „Herr Rothe wird Sie gleich hier abholen, möchten Sie sich kurz setzen?“ Während Alex und Ben sich schon zu der Gruppe Ledersessel begaben, reagierte Semir kurz miteinem „Danke, wir stehen lieber“ und lehnte sich am Empfangstresen an.


    Etwa fünf Minuten später trat ein kräftiger Mittfünfziger aus dem Fahrstuhl, und trat zu den drei Herren. Alex und Ben waren wieder aufgestanden. „Guten Tag, Ich bin Walter Rothe. Sie wollten mich sprechen? Worum geht es?“ – „Nicht hier, können wir vielleicht in einen …“ – „Wir können den Besprechungsraum hier unten nutzen“, warf der Inhaber von Rothe Security ein und ging voraus zu einer verschlossenen Tür neben dem Fahrstuhl.


    Als die Tür wieder verschlossen war, nahmen alle an dem großen Besprechungstisch Platz. „Es geht um einen Ihrer Mitarbeiter, Karsten Schultz“, ergriff nun Ben das Wort. „Kalle, ja, was ist mit ihm? Hat er etwas ausgefressen?“ – „Herr Rothe, Karsten Schultz ist heute Morgen bei einem Überfall auf die Tankstelle Bedburger Land ums Leben gekommen. Er wurde erschossen.“


    Es dauerte einige Zeit, bis Walter Rothe in der Lage war zu reagieren. „Kalle ist tot?“ Die Kripobeamten nickten ernst. „Herr Rothe, es tut uns leid, aber wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen, ist das in Ordnung für Sie?“, fragte Ben weiter. Das Nicken des Firmenchefs deutete er richtig als Zustimmung und fuhr fort: „Wir haben in den Unterlagen keinen Hinweis auf Angehörige gefunden, wissen Sie, ob Herr Schultz verheiratet oder liiert war oder wen wir benachrichtigen sollen, Eltern vielleicht?“ – „Kalle lebte allein und recht zurückgezogen, ein paar Freunde aber keine Verwandten. Seine Mutter lebt in Bremen, viel Kontakt hatteer aber nicht zu ihr.“ – „Wie lange war Herr Schultz in Ihrer Firma beschäftigt?“, fragte Semir. „So sieben, acht Jahre, ich kenne ihn aber schon länger, wir sind zusammen im Fitnessclub. Als er damals seinen Job als Dachdecker verlor, habe ich ihn eingestellt und ausgebildet.“


    Semir gab ihm noch eine Visitenkarte und bat ihn sich zu melden, falls ihm noch etwas einfiele. Dann schaute er seine Kollegen fragend an. Anscheinend hatte für den Moment keiner mehr eine Frage an Herrn Rothe. Sie verabschiedeten sich, verließen das Firmengebäude und setzten sich in Bens Mercedes.
    Semir griff sogleich zum Funkgerät. „Zentrale für Cobra 11“ – „Zentrale hört“ – „Susanne, kannst du bitte eine Frau Schultz in Bremen ausfindig machen, das ist die Mutter von Karsten Schultz, ihren Vornamen wissen wir leider nicht. Aber Karsten Schultz ist am 29.01.1979 in Bremen geboren, das müsste sich ermitteln lassen. Dann lass doch bitte anschließend die zuständige Polizeidienststelle die Todesnachricht überbringen.“


    „Nächste Haltestelle?“, fragte Ben und bekam prompt zwei Antworten. Eine von Alex: „Mittagessen!“, eine andere von Semir: „Schultz‘ Wohnung“. „Tja, Semir, da bist du erst mal überstimmt, wir gehen erst was essen, dann in die Wohnung und dann ist es 14:00 Uhr und du machst Feierabend. Denn kopflos wärst du morgen noch weniger zu ertragen“, spielte Ben auf die Situation in der KTU an, „die Vernehmung des Pfeffersprayers übernehmen Alex und ich“.


    Mittagessen bedeutete Station in einer Imbissbude, Pommes rot-weiß und Hamburger. „Weißt du eigentlich, dass dieses Gericht nach unserer Staatsanwältin benannt wurde?“, fragte Ben Semir. Der guckte ihn achselzuckend und ratlos an. „Ja, Pommes Schranke“, löste Ben sein kleines Rätsel auf.


    Montag, 13.30 Uhr


    Kalles Wohnung


    Karsten Schultz wohnte in einer Altbauwohnung in der Kölner Neustadt-Süd. Ben fand am Straßenrand keine Parkmöglichkeit und stellte den Wagen mit laufenden Blaulichtern auf dem Bürgersteig ab, der hier dennoch ausreichend Platz für die Radfahrer und Fußgänger bot. Semir suchte aus den Habseligkeiten von Karsten Schultz den Schlüsselbund hervor und probierte die Sicherheitsschlüssel aus. Der dritte passte und sie betraten das Treppenhaus. Das Haus war gerade vor einigen Jahren renoviert worden, die hölzerne Treppe glänzte in mahagoni-braun, die Wände erstrahlten in einem satten Gelbton. Die Wohnungstüren aus massivem Holz waren ebenso wie die Treppenstufen aus Mahagoni. Ben pfiff leise durch die Zähne „Alle Achtung, das ahnt man gar nicht, wenn man das Haus von außen sieht“, bewunderteer die Ausstattung des Treppenhauses.


    Semir öffnete den Briefkasten mit der Aufschrift Schultz - keine Werbung! und entnahm ihm einige Briefe. Sie gingen an den Wohnungstüren vorbei, lasen die Klingelschilder und wurden im dritten Stock fündig.


    Ben betätigte den Klingelknopf. Als sich auch nach dem zweiten Klingeln kein Geräusch aus der Wohnung vernehmen ließ, schloss Semir die Tür auf und betrat mit einem „Hallo! Hier ist die Polizei! Ist jemand in der Wohnung?“ die Diele. Keine Antwort.


    Die Wohnung hatte drei Zimmer, einen großen Flur, eine großzügige Küche mit Balkon, ein luxuriöses Badezimmer und maß insgesamt etwa 120 m2. Die Wände waren leicht in unterschiedlichen Pastelltönen gehalten und bildeten so einen schönen Kontrast zur weißen Decke, dem Stuck und den Fensterlaibungen. Eine hochwertige Möblierung und Ausstattung, neuwertige Elektrogeräte sowie einige Antiquitäten bildeten die Einrichtung. Ben stieß einen leisen Pfiff aus. „Sagt mal, was verdient so ein Wachmann? Doch nicht mehr als 1.200 – 1.500 netto, oder? Entweder Schultz hat geerbt und ein einträgliches Nebengewerbe. Diese Wohnung muss doch ein Vermögen kosten“


    „Mir gefällt das nicht. Wir sollten uns hier etwas genauer umschauen“, äußerte sich Semir. „Ich höre mich mal bei den Nachbarn um, vielleicht wissen die was“, schlug Alex vor und verschwand in Richtung Treppenhaus.


    Semir und Ben öffneten Schranktüren und Schubladen, fanden aber auf die Schnelle nichts, was auf Nebeneinkünfte hindeuten konnte. Einige Aktenordner und Schnellhefter legten sie für die Mitnahme zur Dienststelle zwecks näherer Überprüfung auf einen Stapel.


    Etwa eine halbe Stunde später betrat Alex wieder die Wohnung und erzählte, was er von den Nachbarn erfahren hatte. „Die Wohnungen hier sind alles Eigentumswohnungen und Karsten Schultz ist wohl auch der Eigentümer dieser Wohnung, zumindest war er auf der letzten Eigentümerversammlung. Melanie Günther, die direkte Nachbarin hier beschreibt Karsten Schultz als einen sehr ruhigen, freundlichen Nachbarn, keine laute Musik, wenig Besuch, sehr unauffällig. Sie hat kaum mehr als drei Sätze mit ihm gewechselt. Gudrun Weiß, die wohnt im Erdgeschoss, hat sich mal mit ihm über seinen Beruf und den Schichtdienst unterhalten, demnach arbeitete er wohl nicht nur bei dem Tank- und Rasthof, sondern war auch noch für andere Objekte zuständig, darunter zwei Schulen hier in Köln, die Probleme mit Auseinandersetzungen unter den Schülern hatte und jetzt den Sicherheitsdienst zur Unterstützung beauftragt haben. Nach dem, was sie mir erzählte, blieb Schultz nicht viel Zeit für einen Nebenjob“


    „Kommt, wir versiegeln die Wohnung und fahren zurück zur Dienststelle, Aktenstudium“, entschied Semir und griff sich einen Teil des Stapels, den er und Ben zusammengetragen hatten. „Du nicht, schau mal auf die Uhr“, erwiderte Ben. Es war schon 14:30 Uhr.


    „Ich bringe dich jetzt zur Schule, oder soll ich dich an deinem Wagen absetzen?“, fragte Ben grinsend seinen Beifahrer. „Sehr witzig, Ben!“



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    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Montag, 14:45 Uhr


    Peter Wiese


    Inzwischen erreichten Dieter und Jenny das Krankenhaus, im Schlepptau Thomas Schuhmann, Phantombildzeichner der Polizei, und im Gepäck ein Laptop mit der von Susanne aufgespielten Kartei der einschlägig vorbestraften Verbrecher. Peter Wiese sollte sowohl ein Phantombild der Tankstellenräuber anfertigen lassen, als auch die Fotokartei durchblättern. Vielleicht waren die Täter ja schon polizeilich bekannt. Das würde die Fahndung deutlich erleichtern.


    Erik Johannsen, der jetzt seit einigen Stunden vor dem Krankenzimmer saß, wurde zurück in die Dienststelle geschickt, die nächste Schicht würden Dieter und Jenny übernehmen. Bis zu diesem Zeitpunkt war nichts vorgefallen, kein Besuch, keine unbekannten Personen auf der Station.


    Jenny nahm den Platz von Erik ein, und Dieter und Thomas betraten das Zimmer von Peter Wiese. Ein blasser Patient schaute sie aus seinem Bett an. „Wie geht es Ihnen, Herr Wiese? Meinen Sie, Sie könnten uns eine Beschreibung der Tankstellenräuber geben? Das ist Herr Schuhmann, der wird die Personen zeichnen, so wie Sie sie beschreiben“, sprach Dieter den Kranken an. „Schlecht. Mir tut alles weh! Aber wir können es gerne versuchen. Wie geht es Herrn Gerkan?“ – „Besser als Ihnen. Der ermittelt schon wieder und braucht dafür jetzt Ihre Hilfe“, antwortete ihm der Uniformierte.


    „Herr Wiese“, ergriff jetzt Thomas das Wort, „ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn wir jetzt anfangen könnten, sie haben beide Räuber gesehen, wir erstellen also zwei Phantombilder. Vorher sollten Sie sich allerdings die Fotokartei auf diesem Laptop anschauen, vielleicht erübrigt sich dann auch das Zeichnen. Sind Sie dazu in der Lage?“ – „Ich versuche es“, war die müde Antwort des Bettlägerigen und er betätigte die Fernbedienung für das Bett, um seinen Oberkörper in eine aufrechte Sitzposition zu bringen.


    Dieter hatte inzwischen die Bilder auf dem Laptop geöffnet und stellte ihn so auf den Nachttisch, dass Peter Wiese den Bildschirm im Blick hatte und mit der Maus durch die Fotos navigieren konnte. Bei dem einen oder anderem Bild stockte er kurz, verwarf seinen Gedanken aber gleich wieder und klickte zum nächsten Foto. Nach 15 Minuten brach er ab. „Ich kann mich nicht mehr konzentrieren, können wir das vielleicht morgen weiter führen?“ – „Herr Wiese, es ist sehr wichtig, ihre Erinnerung kann uns der Ergreifung der Täter näher bringen“, versuchte Dieter ihn zur weiteren Mitarbeit zu bewegen, aber Peter Wiese hatte die Augen bereits wieder geschlossen.


    „Wir lassen Ihnen den Laptop hier, vielleicht fühlen Sie sich am Abend in der Lageein paar weitere Fotos zu betrachten“, sagte der Phantombildzeichner, „Ich komme dann morgen früh wieder wegen der Zeichnung, bitte notieren Sie sich vorab besondere Merkmale der Personen, falls ihnen welche einfallen, dann legen wir morgen mit der Zeichnung los. Vielen Dank, dass Sie sich wenigstens bemüht haben.“ Thomas stand auf, gab Peter Wiese die Hand zum Abschied, sagte auch Dieter Auf Wiedersehen und verließ das Krankenzimmer.


    Familienzeit


    Ben hielt wie angekündigt vor Aydas Grundschule an. „Fast pünktlich“, bemerkte er mit Blick auf seine Armbanduhr, „kurz vor drei!“.


    „Ihr haltet mich auf dem Laufenden?“, wollte Semir wissen, „und keine Alleingänge, wir wissen wie so etwas enden kann“ – „Ja, Semir, und jetzt raus. Sonst wird deine Familie noch ein schwererer Fall als der Tankstellenraub. Wir melden uns …“ Nachdem Semir das Auto verlassen hatte, fügte er leise hinzu „... bei dir heute auf gar keinen Fall!“


    Ben sah seinem Freund und Partner hinterher, drehte sich dann zu Alex um. Er räusperte sich und fing an zu reden:


    „Ich erzähle dir jetzt mal was von deinem neuen Partner. Es gibt zwei große Lieben in seinem Leben. Die Erste ist seine Familie, die Zweite seine Arbeit. Seine Familie musste er schon oft wegen unserer Einsätze vernachlässigen. Heute wärees auch fast soweit gewesen. Wäre nicht zufällig heute dein erster Arbeitstag bei uns, säße ich jetzt mit Semir im Büro, und wir würden den Pfeffersprayer vernehmen und uns durch den Aktenberg wühlen. Das hätte er nicht mich alleine machen lassen. Letztes Jahr hat er sogar die Einschulung seiner Tochter verpasst.“ – „Echt?“, fragte Alex nach, „da habt ihr wohl auch an einem sehr schweren Fall gesessen?“ – „Ohne „Fall“. Wir haben nur gesessen“, erläuterte Ben und dachte an den unfreiwilligen Gefängnisaufenthalt zurück. „Das hat ihn und seine Frau schwer belastet, damals, darum sind Tage wie diese umso wichtiger. Ich möchte dich bitten, sorge bitte auch in Zukunft dafür, dass er ausreichend Familienzeit wahrnimmt, denn wenn der Haussegen im Hause Gerkan erst einmal schief hängt, ist Semir nicht wirklich zu etwas zu gebrauchen. Es wäre also auch in deinem eigenen Interesse“ – „Heißt das, dass bei ihm zuhause seine Frau die Hosen anhat?“


    Jetzt musste Ben schmunzeln und legte sich die Wörter für seine Antwort gut zurecht:


    „Sagen wir‘smal so, Semir hat schon die Hosen an, aber Andrea bestimmt,wohin siegehen.“


    Damit beendete Ben seine Ausführungen und gab Gas. In der PAST wartete der Pfeffersprayer auf seine Vernehmung.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

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