Ausgewechselt

  • So liebe Leute,
    nach einer längeren Pause geht sie los, die neue Story von mir. ;)
    Wünsch euch viel Spaß beim Lesen und feedet ordentlich ;)
    LG Christopher007
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    Müde und erschöpft saß Ben auf dem Beifahrersitz vom BMW seines Freundes und Kollegen Semir Gerkhan und schlummerte vor sich hin. „Die Jugend von heute...einfach kein Stehvermögen mehr.“, kommentierte der Deutschtürke grinsend. „Hmm...hmm...“, kam es knurrend von Ben. Der junge Hauptkommissar drehte sich auf die Seite und schlief weiter. Die letzten Tage waren mehr als erschöpfend für ihn. Die neue Wohnung, die Ben für sich und Emily vor einigen Wochen gekauft hatte, machte sich ja nicht von alleine und gerade jetzt nahm seine Freundin an einem renommierten Schauspielkolleg in Wien Unterricht bei einem international berühmten Schauspieler. Doch endlich...gestern gleich nach dem Frühdienst machte sich Ben ans letzte Zimmer, strich die Wände und stellte die letzten Möbel auf. Damit waren er und die Wohnung komplett fertig. „Wieso hast du dir nicht helfen lassen?“ Ben öffnete verschlafen ein Auge und lugte zu Semir rüber. „Weil du doch genug mit Andrea und den Kindern zu tun hast. Immerhin musst du den ganzen Haushalt schmeißen, wo sich deine Frau das rechte Bein gebrochen hat.“, erwiderte Ben und gähnte wie ein Löwe. „Tja, man soll nicht glauben, wie gefährlich so ein kleines Auto auf dem Fußboden doch ist.“, murmelte Semir und blickte in den Seitenspiegel, als eine Stimme hilferufend aus dem Funk schnarrte. „An alle Einheiten...wir brauchen Hilfe. Unser Gefangenentransporter wird von drei dunklen Jeeps angegriffen. Wir befinden uns auf Höhe der Raststätte Eifeltor. Wir brauchen sofortige Unterstützung.“
    Sofort rieb Ben sich die Augen und nahm seine übliche Verfolgungshaltung ein. „Hier Cobra11...Kollege, wir sind nur einen Kilometer von euch entfernt. Haltet durch.“, antwortete Ben und schaltete die Lichtanlage ein. „Los Semir...Action ist angesagt.“, forderte er. „Ach guck mal...jetzt ist der Junge wieder munter.“, grinste Semir und gab Gas. Sie brauchten nicht lange und sahen schon den Gefangenentransporter vor sich, wie er von zwei großen Jeeps in die Zange genommen wurde. „Das sollten doch eigentlich drei sein, oder?“, meinte Semir und bekam ein beklemmendes Gefühl. „Das sagte der Kollege jedenfalls und...“ Schon schepperte es und der BMW wurde an die mittlere Leitplanke gedrückt. „WOW...mein Wagen...der ist ganz neu.“, stieß Semir aus und versuchte, in der Spur zu bleiben. Doch schon folgte die nächste Attacke. „Tu doch endlich was...“, forderte er von Ben. „Und was? Soll ich vielleicht aussteigen und schieben?“, erwiderte Ben nur. Ein drittes Mal krachte es. Metall knirschte und Funken sprühten. „So, jetzt reicht es mir.“ Ben stieg über das Schiebedach aus und sprang auf die Motorhaube des Jeeps. „Hey, mach, dass du von meinem Wagen kommst.“, fauchte ihn ein Maskierter an und zog seine Waffe. Doch Ben reagierte prompt, schlug die Pistole mit einem Fußkick aus der Hand des Mannes und schwang seinen Fuß durch die Seitenscheibe. Der Maskierte verlor die Kontrolle über den Wagen. Der junge Hauptkommissar sprang schnell wieder auf den BMW zurück und sah nur noch, wie der Jeep den Abhang runterrollte und gegen einen Baum krachte. „So, und jetzt schnappen wir uns die Schweine.“, fauchte Ben.


    Jan und Holger zwangen mit ihrem Jeep den Bus an die äußerste Leitplanke, während Sascha immer wieder mit seinem Maschinengewehr auf die Frontscheibe schoss. „Er hält an...“, stieß der Jüngste des Trios aus und zog sich die Maske vom Kopf. Sofort bekam er aber von Jan eine schallende Ohrfeige. „Lass gefälligst das Ding auf. Sollen die dich erkennen?“, fauchte er und stieg mit Sascha aus. Sie gingen um den Bus rum und hielten inne. „Waffe weg oder...“ Weiter kam der Beamte nicht. Mit blutüberströmter Brust sank er zusammen. Eine Salve aus Saschas Maschinenpistole beförderte ihn vom Leben in den Tod. „Hey, du Irrer...schieß wenigstens in die Beine oder in die Schulter. Wir haben nur den Auftrag Holst zu holen und kein Blutbad anzurichten.“, fauchte Jan und stieg in den Transporter. Elias Holst saß in der ersten Zelle und blickte auf, als die Tür aufgeschlossen wurde. „Los komm...Jo hat noch was mit dir vor.“, stieß Jan aus. „Ich wusste, dass er mich nicht im Stich lässt.“, grinste Elias, ließ sich die Fesseln abnehmen und sprang dann in den bereitstehenden Jeep hinein. „Hey, da kommen die Bullen.“, stieß Sascha aus und eröffnete sofort das Feuer auf den anbrausenden BMW, der sich bei der ersten Salve querstellte. Sofort suchten die beiden Beamten Schutz hinter dem Fahrzeug und erwiderten das Feuer. „Hey, lass das und komm rein, du Irrer.“, fauchte Jan den Mann an. Doch Sascha dachte nicht daran. Er hatte mit der Polizei noch eine Rechnung offen und die wollte er jetzt begleichen. Mit einem irren Blick und einem wahnsinnigen Lachen schoss er sein ganzes Magazin auf den BMW ab.


    „Ach du Scheiße“, stieß Semir aus und zog Ben runter, sodass dieser knapp einer Kugel entkam. „Verdammte Mistkerle“, schrie Ben und als sie merkten, dass ihr Gegenüber nachladen musste, kamen sie aus der Deckung hervor und schossen, trafen jedoch nur entweder das Auto oder die Straße und schafften es somit nicht, die Angreifer in Schach zu halten. Denn sogleich folgte die nächste Salve und die beiden Autobahnkommissare mussten wieder in Deckung gehen. „Los, verschwinden wir“, hörten sie und bevor sie sich aufrichten konnten, war der Wagen bereits verschwunden. „Verdammt“, fluchte Semir und schlug auf seinen Wagen, der nur noch zur Abwrackprämie freigegeben werden konnte. „Allerdings…verdammt…“, stimmte Ben ihm zu und griff zu seiner Jackentasche. „Ach du Scheiße…“, zischte er leise und Semir sah seinen Partner verwundert an, während er zum Handy griff. „Ja Susanne? Hier Semir, hör zu, wir brauchen Verstärkung und versuche einen Jeep mit folgendem Kennzeichen zu finden“, er las ihr die Nummer vor und die blonde Kriminalbeamtin versprach Semir, alles sofort zu erledigen.


    ...

  • Ben winkte ab, rannte zu dem Transporter und sah in die Kabine. Der Beifahrer, durchlöchert wie ein Sieb, saß leblos und mit einer Art Schockmiene im Gesicht da. Trotzdem fühlte Ben zur Sicherheit noch den Puls, fand aber nichts. Danach begab er sich zu dem Transportteil, wo sich ebenfalls nichts mehr befand. „Ach Mist!“, zischte er und sah auf, als Semir auf ihn zu kam, mit einem kleinen schwarzen Kästchen in der Hand und einem großen Grinsen im Gesicht. „Kann es sein, dass dir Emilys Abwesenheit mehr als gelegen kam um gewisse Dinge vorzubereiten?“ Ben packte sofort die in Samt verpackte Schatulle und steckte sie in die Jackentasche. „Das tut nun nichts zur Sache“, tat er ab und klopfte sich den Staub von der Kleidung. „Dir ist nichts passiert?“, fragte er nach und Semir grinste noch breiter. „Nein mir geht’s absolut gut!“ Ben verschränkte die Arme. „Hör mal, uns sind gerade ein paar durchgeknallte Typen vor der Nase weggeflüchtet!“ „Sonst sagst du doch auch immer ~Macht nichts, die Typen kriegen wir die Semir~“, äffte Semir Ben nach und dieser wurde nur röter im Gesicht. „Hast du’s?“ Semir schnalzte auf Bens Frage mit der Zunge. „Nur wenn du es zugibst, ist in diesem hübschen Ding das drin was ich denke?“ „Was wenn ich’s nicht sage?“, fragte Ben zurück und Semir zuckte mit den Achseln. „Och, willst du das wirklich wissen?“ Ben lief voraus, als er die Sirenen der Streifenwagen hörte und Semir lief hinterher. Ben spürte diesen vergnügten Blick Semirs genau im Nacken. Er drehte sich um. „Semir, ich hab sie ja schon gefragt. Das hier ist etwas anderes.“ „Jetzt sag bloß, das sind schon eure Eheringe?“ Ben errötete und nickte nur knapp.


    „Das ist doch toll“, meinte Semir begeistert und klopfte seinem Partner auf die Schulter. „Diesbezüglich wollte ich dich auch was fra…“ In dem Moment kam Dieter vorbei. „Hey Jungs, da habt ihr ja wieder ein Chaos angestellt“, meinte er und Semir hob die Schultern. „Ey, wir wollten dieses Mal wirklich nur helfen!“, verteidigte er sich und Ben räusperte sich kurz. „Alles in Ordnung Ben? Hast du Fieber? Du bist ganz rot!“ Ben riss seine Augen kurz weit auf und lächelte dann. „Keine Sorge Bonrath, ist bloß das Adrenalin von der Verfolgungsjagd.“, entgegnete er und Semir musste kurz prusten, worauf er Bens Faust in der Seite hatte. Semir atmete kurz durch. „KTU und der Gerichtsmediziner?“ Bonrath nickte. „Kommen gleich, Susanne hat alle benachrichtigt. Die RTW’s sind auch unterwegs, alles ist also im Griff!“ Ben steckte die Hände in die Hosentasche. „Weiß man eigentlich wer überführt werden sollte?“ Dieter griff in seine Jackentasche und holte sein Notizbuch hervor. „Genau wissen wir’s leider noch nicht, aber angeblich so’n Experte für Sicherheitszonen, mehr kann ich nicht sagen.“ „Das werden wir bestimmt herausfinden“, meinte Ben optimistisch und Semir stimmte ihm zu. „Warten wir erst mal auf Hartmut. Dieter, frag mal nach Zeugen, vielleicht hat jemand was gesehen.“ Der groß gewachsene Polizist nickte und lief los. Semir drehte sich zu dem Transporter um und sang leise den Hochzeitsmarsch. „Oje, das wird was werden.“, seufzte Ben und lief hinterher. „Hey, könntest du das lassen?“, fauchte er seinen Partner an. „Wieso, ich übe doch nur.“, grinste Semir. „Wenn du das auf der Hochzeit machst, nehmen alle Gäste Reißaus.“, kam es mit ernstem Gesicht von Ben. „Ooooh, wieso darf ich nicht?“, stichelte Semir weiter. „Wenn du das weiter machst, dann hole ich ein großes Stück Pflaster aus dem Kofferraum und kleb dir den Mund damit zu.“, drohte Ben. Damit war Semir erst mal still...für den Moment.


    Hartmut stand neben dem großen Transporter und fingerte mit einer Pinzette die Kugeln aus der Verkleidung heraus. „Hey Cyborg....hast du schon was für uns gefunden?“, wollte Semir wissen. „Wie wäre es erst mal mit guten Morgen? Aber ja...also, die Typen haben scheinbar ein ziemliches Arsenal bei sich gehabt. Wenn ich mir die Kugel hier und die Hülsen ansehe, dann kann ich euch sagen, dass es Waffen sind, die bei der Bundeswehr eingesetzt werden.“, erklärte Hartmut. Semir und Ben schluckten. „Sag das noch mal...die haben mit Armeewaffen auf uns geschossen? Dann können wir von Glück sagen, dass es nur deinen Wagen erwischt hat, Semir.“, grinste Ben seinen Partner an. Dieser knuffte ihn in die Seite. „Vorsicht, Vorsicht...oder mir fliegen gleich ein paar Worte aus dem Mund.“ „Besser als deine Zähne...“, murmelte Ben unverständlich in sich hinein. „Was war das?“ „Nichts...alles okay...jetzt lass Hartmut mal weiter berichten.“, meinte Ben. „Ja...wie gesagt, das sind Bundeswehrwaffen. Ich tippe mal auf Ehemalige oder schlecht bezahlte Soldaten, die ihren Sold aufbessern wollten.“ „Na großartig...das heißt, in irgendeiner Kaserne in NRW sitzen jetzt ein paar tickende, menschliche Zeitbomben.“, knurrte Semir und strich sich über die Haare. „Wir müssen unbedingt herausfinden, wer hier eigentlich überführt werden sollte.“ „Das wäre ja einfacher, wenn wir die Kerle aus dem Jeep wenigstens hätten, doch die sind gleich nach ihrer Bruchlandung getürmt.“, meinte Ben. Semir nickte. „Lass uns zur PASt fahren. Susanne wird sicherlich schon was für uns haben. Danke Hartmut...“


    ...

  • Jan, Holger und Sascha kamen mit ihrem Gast in ihr Versteck, einem alten, verlassenen Werksspeicher am Hafen, an. „Das war großer Mist, du dämlicher Hund.“, stieß Jan aus und zerrte Sascha aus dem Wagen, riss ihm die Waffen weg und schlug ihn mit einem Kinnhaken zu Boden. „Aber...du...du hast doch gesagt, dass wir sie ausschalten sollen.“, kam es leise von dem jungen Soldaten. „Kampfunfähig machen hab ich gesagt, und nicht töten. Jetzt werden die Bullen uns doch scharenweise auf die Pelle rücken.“, fauchte der Ältere und verpasste Sascha einen Tritt in die Nierengegend. Krümmend lag der Junge am Boden und schwieg. Nur ein leichtes Wimmern kam aus seinem Mund. Elias Holst sah auf den Jungen und dann zu den beiden anderen Soldaten. „Was soll ich hier und was habt ihr jetzt mit mir vor?“, fragte er und blickte sich um. „Keine Fragen stellen...der Boss hat einiges mit dir vor. Er braucht deine Fähigkeiten für sein Unternehmen.“, knurrte Holger den befreiten Gefangenen an. „So?“, machte Elias nur und fing an, ein breites Grinsen auf seinem Gesicht zu formen. „Was springt denn für mich dabei raus?“, fragte er neugierig. „Soviel Geld, wie deine verkorkste Seele braucht, um sich auf Kuba zur Ruhe zu setzen.“, kam es plötzlich aus einer unbestimmten Richtung. Alle blickten sich erschrocken um. Noch nie hatte einer den Boss gesehen. Die Befehle kamen alle über Telefon oder wurden als geheime Botschaften in den Spinten hinterlegt. In einem Schatten formte sich eine Silhouette. „Ich habe drei Jahre für diesen Plan gebraucht. Ich habe mich eigens verunstalten lassen. Und jetzt, stehen wir kurz vor dem Ziel. Dank deiner Hilfe, Elias Holst.“, kam es von der Stimme und die Person trat ins Licht. „Nur noch eine Woche und mein Plan hat seinen Höhepunkt erreicht. Jan, hier ist euer nächster Auftrag. Setzt ihn fest, aber passt auf, dass er keinen Schaden nimmt.“, meinte der Mann. „Ja Boss...“, erwiderte Jan mit zittriger Stimme. „Und nehmt nächstes Mal keine schießwütigen Anfänger mit. Ich will den Kerl lebend haben. Er ist ein tragender Teil meines Plans.“, lachte der Mann.


    Semir und Ben fuhren in die PAST zurück, wo Susanne schon stand und ihre Mundwinkel waren hochgezogen. „Na Jungs, ihr könnt’s auch nicht lassen oder?“ Semir stemmte die Hände in die Hüfte. „Zum letzten Mal, wir wollten helfen! Was können wir denn dafür, wenn die aus unserem Wagen Schweizer Käse machen?“, beschwerte sich der Deutschtürke und Ben nickte zustimmend. „Ach Ben, die Chefin will wissen, ob du die Anfrage erledigt hast, um die sie dich gebeten hatte.“, fragte Susanne. Ben nickte und erblickte das fragende Gesicht von Semir. „Es geht um einen Sicherheitscheck und sie hat mich gefragt, weil der Herr vor drei Wochen ja im Urlaub war.“, grinste er seinen Partner an. Semir nickte nur und beließ es dabei. „Hast du schon etwas für uns, Susanne?“, wollte er dann wissen und die Sekretärin nickte kurzerhand und schob eine DVD über ihren Tisch. „Ich habe beim Gefängnis angerufen um mich zu erkundigen, wer es war. Leider dauert es noch ein bisschen, aber sie haben uns bereits die Überwachungsvideos vom Gelände geschickt. Von der letzten Zeit, nun ja, ihr habt jedenfalls zu tun…ich muss mich nämlich noch um die Akten kümmern. Seid froh, dass die Chefin ebenfalls auf Tagung ist, jedenfalls für heute, morgen macht sie euch die Hölle heiß! Die DVD’s liegen auf deinem Schreibtisch, Semir!“ Der Deutschtürke nickte und lief zusammen mit Ben ins Büro.
    Sie setzten sich an den Schreibtisch und fuhren ihre PC’s hoch, während Semir sich einloggte, saß Ben mit ratlosem Gesicht davor. „Teatime“, sagte Semir knapp und räusperte sich danach kurz, „Oder hast du diesen englischen Brauch mit deiner Freundin noch nicht zelebriert?“ Ben nickte dankend und tippte das Passwort ein. „Ich sollte mir es endlich mal aufschreiben.“, meinte Ben nur, nahm einen Klebezettel und schrieb sich das Wort auf. Danach klebte er ihn an den Bildschirm und sah, wie Semir die Akten reintrug. „50:50?“, fragte Semir und Ben nickte. Der Deutschtürke teilte den Stapel auf und reichte Ben die Hälfte. „Popcorn hast du zufälligerweise nicht dabei, oder?“ Semir schüttelte auf Bens Frage grinsend mit dem Kopf. „Nein leider nicht…ist ja auch noch hin bis zum Mittag…“, murmelte er und startete das erste Video.


    Es vergingen Stunden, doch wirklich was Sinnvolles wurde nicht gefunden. „Meine Augen…meine Herren…“, stöhnte Semir und rieb sich die Augenlider. „Brennt es?“, fragte Ben und der Deutschtürke nickte. „Jap, Pause?“ Ben rieb sich symbolisch den Bauch. „Allerdings, ich hab‘ Hunger.“ Sie standen auf und nahmen sich ihre Jacken. „Auf was hast du denn Lust?“, frage Semir und Ben zuckte mit den Achseln. „Was immer mein türkischer Hengst will, esse ich!“ „Super, ich hab‘ nämlich einen klasse Dönerstand hier in der Nähe entdeckt. Wie wär’s?“ Ben grinste und sie gingen gemeinsam aus dem Raum und betraten den Parkplatz. „Ich schlage vor, wir nehmen meinen Wagen“, lächelte Ben und lief auf den Mercedes zu. „Na ja, meiner hätte ne super Lüftung gehabt“, scherzte Semir und sie wollten gerade einsteigen, als das Handy des Deutschtürken klingelte. „Und?“, fragte Ben, nachdem Semir auf den Display geschaut hatte. „Hartmut…“, murmelte er und Ben stöhnte. „Na nimm‘ lieber ab, sonst verbrennt unser Feuerpinsel noch“, fügte er seiner Geste hinzu und Semir zuckte mit den Achseln. Anschließend nahm er ab. „Hartmut, was gibt’s?“ „Semir, ich hatte recht. Die Waffen stammen aus einem Bundeswehrdepot. Ich habe die Datenbank gecheckt und eigentlich sollten die Waffen zerstört sein.“, kam von Hartmut durchs Telefon. „Wie? Wie meinst du das, zerstört?“ Ben lauschte dem Gespräch genau und sah seinen Partner fragend an. Dieser stellte den Lautsprecher vom Handy an. „Nun, die Bundeswehr hat diese und drei weitere Waffen als dienstuntauglich deklariert und sie zur Vernichtung durch eine Spezialfirma freigegeben. Ich habe da angerufen. Die Waffen sind da nie angekommen.“, erklärte Hartmut. „Danke...danke Hartmut. Ruf an, wenn du noch was für uns hast.“, meinte Semir und legte auf. „Fahren wir essen.“ Ben nickte und leckte sich hungrig über die Lippen.


    ...

  • Nach dem Essen kehrten die Beiden zurück in die PASt. „Ah Jungs...ich hab endlich etwas über den Kerl, den sie heute befreit haben.“, begrüßte Susanne die Kommissare und reichte eine Akte weiter. „Danke...“, murmelte Semir, nahm sie an sich und ging damit ins Büro. Draußen wurde es bereits dunkel. „Und? Wer ist es? Oder willst du es mir nicht sagen?“ „Nein...den Namen schenk ich dir zur Hochzeit.“, stichelte Semir. Ben rollte genervt mit den Augen und packte die Akte an einem Ende. „Gib her, alter Mann.“ „Nein, das ist meine Akte.“, quengelte Semir lachend. Ben grinste fies und ließ los. Durch die freigewordene Kraft flog Semir nach hinten auf seinen Stuhl und die geöffnete Akte durch das halbe Büro. „Toll gemacht, Ben. Die Blätter heb ich aber nicht wieder auf.“ „Warum nicht? Du hast sie ja durchs halbe Büro geworfen.“, grinste der junge Hauptkommissar und drückte auf den großen Touchscreen an der Wand. „Sicher hat Susanne die Akte schon eingelesen.“, meinte er und so war es auch. Auf dem großen Bildschirm erschien das Konterfei aus der Akte. „Elias Holst...fünf Jahre Haft wegen Einbruch in die Zentrale der Bundesbank in Aachen.“, fing Ben an und blickte zu Semir, der seine Finger gegeneinander stemmte und sie vor seine Nase hielt. „Laut Akte hat er schon zwei Jahre in Aachen abgesessen und sollte nun nach Köln verlegt werden. Warum hat man ihn rausgeholt?“, fragte Semir. „Laut Akte ist er Spezialist für die kompliziertesten Sicherheitssysteme. Er soll selbst das beste Sicherheitssystem innerhalb von 20 Minuten knacken können.“, erklärte Ben. Semir nickte kurz und blickte dann nach draußen. „Also wird er von den Entführern sicherlich für einen Bruch gebraucht. Nur, wo wollen die zuschlagen?“ Semir rieb sich über die Stirn, zermarterte sich sein Hirn darüber. „Hat er Verwandte oder sonst irgendwie Familie, mit denen er Kontakt aufnehmen könnte?“ Ben schüttelte verneinend den Kopf. Der Deutschtürke stieß seine eingesogene Luft aus und schlug kurz auf die Tischplatte. „Machen wir Schluss für heute. Ist spät genug.“ „Alles klar...ich bring dich nach Hause und fahre dann in meine einsame, kalte und unfreundliche Wohnung.“ Semir grinste Ben an. „Das Los des Strohwitwers.“, lachte er.


    Nachdem Ben Semir nach Hause gebracht hatte, fuhr er zum nahe gelegenen Supermarkt, holte sich eine Tiefkühlpizza und zwei Flaschen Bier. Das war seine Nahrungsquelle für heute Abend. Sonst kochte er ja mit Emily, doch wo sie nicht da war, lohnte es einfach nicht, drei oder mehrere Töpfe dreckig zu machen. Er parkte seinen Mercedes in der Garage und stiefelte die Treppen hinauf. Jetzt einfach schnell in die Dusche und dann die Pizza verdrücken, dachte er, während er die Tür aufschloss, seine Schuhe in die Ecke feuerte und auf einfarbigen, zueinander passenden Socken durch die Wohnung lief. Emily hatte ihm die Unart mit den unterschiedlichen Socken schnell abgewöhnt und dafür gesorgt, dass immer genug passende Fußüberzieher da waren. Ben hängte die Jacke an den Haken, stellte das Bier in den Kühlschrank und warf die Pizza in den Ofen. „So, jetzt hab ich 15 Minuten Zeit für eine kräftige Dusche.“, dachte er laut und schlurfte ins Badezimmer, entledigte sich seiner Klamotten und ließ den erfrischenden, wohltuenden und reinigenden Strahl seines Duschkopfes über den Körper fließen. Nach zehn Minuten kam er mit seiner Pyjamahose und einem Pullover bekleidet in die Küche und sah nach der Pizza. Kann ja nicht mehr lange dauern, dachte er und wollte ins Schlafzimmer gehen, als er einen kühlen Lufthauch verspürte. Verwundert sah er sich um. Die Terrassentür war gute dreißig Zentimeter offen und kalte Herbstluft strömte in die Wohnung. Langsam näherte sich Ben der offenen Tür und blickte in die dunkle Nacht hinaus. Vorsichtig verschloss er die Tür wieder. Das Ganze war ihm nicht geheuer. Heute morgen hatte er zwar gelüftet, doch er war sich sicher, sie wieder zugemacht zu haben. Plötzlich kam aus seinem Schlafzimmer ein Geräusch. Hier war jemand...schoss es ihm durch den Kopf.


    Langsam schlich er zurück ins Schlafzimmer und nahm seine Waffe hervor. Danach lief er vorsichtig zum Terrasseneingang, nahm ein Taschentuch hervor und schloss die Türe, das Taschentuch um die Hand, um Fingerabdrücke nicht zu verwischen. Mit sorgsamen Bewegungen, entsicherte er seine Pistole und nahm sie in beidhändigen Anschlag. „Semir?“, sagte er, doch bekam keine Antwort. Manchmal hatte der Deutschtürke nämlich solche Aktionen gestartet gehabt. Doch dieses Mal, schien es kein Streich zu sein. Ben schlich weiter, bemerkte dabei nicht, wie sich jemand hinter ihn stellte, einen Knüppel hervorholte und mit diesem in seinen Nacken schlug. Mit einem Ächzen ging Ben zu Boden und blieb benommen liegen. „Das war ja einfacher als gedacht!“, sagte Jan und nahm sein Handy hervor. „Alles läuft nach Plan, wir können die Aktion durchführen!“ Jan zog sich Handschuhe an und nahm Bens Waffe, legte sie behutsam auf den Tisch. Ein paar Männer betraten die Wohnung und einer von ihnen nahm eine verschließbare Plastikfessel hervor. Er band sie um Bens Handgelenke und zog fest zu, so dass die scharfen Kanten in Bens Haut einschnitten und dieser vom Schmerz aufwachte. Sofort schoss er mit dem Kopf hoch und traf mit diesem den Fessler direkt ins Gesicht. Dieser schrie auf, wich zurück und hielt sich die Nase, aus der feuer heißes Blut schoss.
    Ben sprang auf die Beine und versuchte sich zu wehren. Selbst ohne Arme, denn so sehr er versuchte, sich von den Fesseln zu lösen, schnitten sich diese nur tiefer in die Haut und Ben spürte, wie warmes Blut über seine Hände lief. Doch schließlich hatte er keine Wahl. Drei Männer fielen über ihn her. „Netter Versuch“, zischte Jan und ging auf Ben zu, „aber gegen uns hast du keine Chance!“ Ben versuchte sich wieder loszureißen, doch einer packte eine Vase und ließ diese auf Bens Schläfe hinunterfallen. Mit einem lauten Klirren prallte das Geschirr auf Bens Haut und nun sank er bewusstlos zusammen. „Schafft ihn hier weg! Und fesselt ihn noch mal richtig!“, zischte Jan und sah, wie die Männer Ben wegtrugen. „So, endlich! Da soll mal einer sagen ich versage immer!“


    ...

  • Ben erwachte in einem dunklen Raum wieder. In seinem Kopf hämmerte es. Die geschundenen Handgelenke brannten und sein Körper erfüllte sich mit Kälte. „Was zum Teufel sollte das?“, knirschte er und richtete sich auf. Das Geräusch von tropfendem Wasser erfüllte seine Ohren und seine Augen versuchten sich, an die Dunkelheit zu gewöhnen. Eine schwache lose hängende Glühbirne, beleuchtete den Raum. „Wo bin ich?“, flüsterte er und versuchte sich, die Wand hochzuziehen, rutschte aber aus und landete wieder auf dem Gesäß. „Au…verdammte...“, zischte er und erblickte eine Türe, welche sich auch gleich öffnete. Eine Silhouette trat hervor. Ben konnte nichts genau erkennen. „Ich sehe, Sie haben sich schon eingelebt.“, sagte die Stimme, sie klang dunkel und heiser. „Warten Sie ab, mein Partner wird mein Fehlen bemerken und dann Gnade Ihnen Gott!“ Ein lautes Lachen erfüllte den Raum und hinterließ ein lautes Echo. „Welches Fehlen?“, kam die knappe Antwort und Ben riss seine Augen auf. „Wie meinen Sie das?“ Die Türe wurde wieder verschlossen. Ben schaffte es dieses Mal sich aufzurichten, lief zu der Tür. „Wie zum Teufel meinen Sie das?“ Ben hämmerte wütend dagegen, im nächsten Moment schmerzten aber sofort seine Handgelenke. Die Tür öffnete sich und Ben erschrak, als er sich selbst sah. „Das...das kann doch nicht...Was soll die Maskerade?“, stieß er wütend aus.
    In den Raum stürmten sofort zwei maskierte Männer, die Ben an den Armen packten und sie unsanft und schmerzvoll auf den Rücken drehten. „Dieses Gesicht hat mich viel, viel Zeit, Geld und mehr als 13 Operationen gekostet. Doch jetzt ist es perfekt an deine Gesichtszüge angeglichen, Ben Jäger.“, lachte der Mann. Ben erschrak. Der Mann, der sein Gesicht trug, so gekleidet war wie er, ja sich auch so bewegte, kannte seinen Namen. Was sollte das Ganze? „Los, fesselt ihn an die Wand.“, forderte der falsche Ben. Sofort wurde der junge Hauptkommissar nach hinten an die dunkle, feuchte Wand gezogen und in die Hocke gezwängt. „Ich werde ihnen mein Gesicht von den Knochen reißen. Darauf können sie Gift nehmen.“, stieß Ben wütend aus, während seine Hände in eiserne Schellen gepackt und mit einer langen Kette an der Wand verbunden wurden. Seine Beine wurden in der Hocke zusammengebunden und mit den Handfesseln verbunden, sodass Ben sich nicht mehr aufrichten konnte. Der Mann lachte auf. „Sicher? Wie willst du kleiner Bulle das schon schaffen?“, höhnte der Mann und kniete sich vor Ben hin. Die Beiden blickten sich auf Augenhöhe an. Wütend zerrte Ben an den Fesseln, doch außer dem Klappern der Kette war nichts zu hören. „Keine Sorge...du kriegst dein Gesicht wieder. Doch fürs Erste brauch ich es.“, lachte der Mann, zog eine Rolle schwarzes Klebeband hervor und riss ein breites Stück ab. Ben wehrte sich gegen die Knebelung, doch noch immer waren die beiden Kerle mit den Masken, die Bens Kopf festhielten. Kurz darauf prangte das Klebeband über seinen Mund und wurde von zwei weiteren Streifen fixiert. „Hier kannst du dir zwar die Seele aus dem Leib schreien, aber wir wollen es ja nicht riskieren.“, lachte der Mann und verließ den Raum. Die Kerle folgten ihm, einer verpasste Ben einen Tritt in die Seite. Die Tür fiel ins Schloss und Ben war allein. War das nur ein Traum? Nein, es war ein Alptraum. Ein realer Alptraum begann für ihn.


    Semir ging auf das Haus seines Partners zu und klingelte. Kurz darauf kam ein knappes „Ja“ aus der Sprechanlage. „Ich bin's, Partner. Bist du fertig oder brauchst du noch ne halbe Stunde? Dann hätte ich nämlich gerne einen Kaffee bei dir.“, meinte Semir durch die Anlage. „Ich bin gleich unten.“, ertönte es nur und kurz darauf war ein Klacken zu hören. Komisch, dachte Semir, Ben ist mal pünktlich. „Ist heute Weihnachten und Ostern zusammen?“, murmelte Semir nur und ging zu seinem Wagen zurück. Einen Audi...zwar ein neueres Modell, aber ein Audi musste er als Ersatz für seinen geliebten BMW fahren. „Dieter, du bist so grausam zu mir.“, stieß Semir nur aus und lehnte sich an den Kotflügel, während er auf Ben wartete. „Zählen wir mal, wie lange er braucht.“, grinste der Deutschtürke in sich hinein. Doch schon nach wenigen Momenten ging die Tür auf und Ben kam auf die Straße gelaufen. „Morgen Semir, wartest du noch auf jemanden?“, fragte Ben und grinste ihn an. Semir stand mit offenem Mund da. „Ähm...nein...nein...wieso? Ach, weil ich auf meine Uhr schaue. Ich wollte nur kontrollieren, wie lange du dieses Mal brauchst.“, meinte er etwas enttäuscht. Sonst konnte er Ben immer mit den Minuten aufziehen, die er auf der Straße warten musste, doch dieses Mal nicht. „Tja, da war ich wohl mal pünktlich.“, grinste sein junger Partner und stieg in den Audi ein. „Hmmm...“, war alles, was Semir dazu sagte.


    ...

  • Der Audi fuhr los, brauste durch den Kölner Stadtverkehr und bog auf die Autobahn ab. „Wo geht’s als erstes heute hin?“, fragte Ben. „Erst mal ins Gefängnis. Ich will wissen, wie dieser Holst sich so benommen hat.“, meinte Semir und grinste seinen Partner dann an. „Oder erst frühstücken?“ Ben blickte ihn mit fragendem Gesicht an. „Nein danke...ich habe zu Hause schon gefrühstückt.“ „Bist du krank? Du lehnst eine weitere Mahlzeit ab?“, staunte der Deutschtürke. „Ich hab keinen Hunger mehr. Warum soll ich denn da noch was essen?“ Semir wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er konzentrierte sich wieder auf den Verkehr, blickte seinen Partner aber immer wieder aus den Augenwinkeln an. Kurze Zeit darauf waren sie am Gefängnis in Köln-Ossendorf. Der Direktor erwartete sie schon am Eingang.


    „Ich verstehe nicht, wieso jemand Herrn Holst befreien sollte.“, fing der Direktor an, während er Semir und Ben durch den Zellentrakt zum letzten Aufenthaltsort von Elias Holst führte. „Wie hat er sich denn hier geführt?“, wollte Semir wissen. „Nun...eigentlich war er unscheinbar, zurückhaltend, aber er hat auch kein Blatt vor den Mund genommen. Das hat ihm einigen Ärger eingebracht.“, erklärte Klaus Linke und schloss dann eine Tür auf. Ben warf einen Blick hinein und sah sich die Wände an. „War er hier der einzige Häftling drin?“ Linke sah den Mann mit den Wuschelhaaren an. „Nun ja...ich habe die anderen Häftlinge verlegen müssen, weil sie den Mann totprügeln wollten. Er hatte sich mit seinem großen Schnabel in eine gefährliche Lage gebracht. Die Wärter konnten gerade noch eingreifen, ehe es für ihn gefährlich wurde.“, erklärte Linke. Ben nickte und sah sich weiter um. Semir blickte ihn aus den Augenwinkeln an und plötzlich stach ihm etwas ins Auge. Unscheinbar lugte ein kleiner Narbenansatz hervor. Sie war kaum sichtbar, doch Semir sah genauer hin und tatsächlich. Das war nicht nur ein Fussel oder ein loses, braunes Haar. Das Ding war in die Haut eingebrannt. Woher hatte sein Partner diese Narbe? „Brauchen sie mich noch?“, riss Klaus Linke ihn aus seinen Gedanken. Semir drehte den Kopf. „Danke...das war es dann fürs Erste. Schicken sie uns bitte die Akte von Holst noch zu.“, forderte der Deutschtürke. Linke nickte und verließ dann die Beiden. „Die Tür brauchen sie einfach nur anlehnen.“, rief er ihnen kurz zu. Semir nickte und hob zum Abschied die Hand, widmete sich dann wieder Ben. Sicher gab es dafür eine logische Erklärung.
    „So, und was nun? Nehmen wir uns die Mithäftlinge vor, die ihn aufmischen wollten?“, fragte Ben und rieb sich die Hände. Er merkte den Blick, mit dem ihm der Deutschtürke ansah. Hoffentlich merkt der nicht so schnell etwas, dachte Jo bei sich und fuhr sich durchs Haar. Seine Finger glitten auch über die OP-Narbe, die ihn sein altes Gesicht gekostet hatte. Nur keinen Fehler machen, dachte er jetzt. Er brauchte den Zugang und die Daten aus der Polizeisammelbank. Ansonsten konnte er sein ganzes Unternehmen, das er seit mehr als fünf Jahren plante, vergessen. „Habe ich einen Pickel auf der Nase?“, fragte Ben alias Jo und rieb sich über den Nasenrücken. „Nein...nein, alles, alles gut...alles gut.“, meinte Semir nur mit schüttelndem Kopf. „Gut...dann können wir ja vielleicht zurück zur PASt fahren. Oder hast du einen anderen Vorschlag?“, fragte Ben. „Erst einmal essen. Es ist Mittag und mir knurrt der Magen.“, lächelte Semir und warf Ben den Schlüssel zu. Dieser fing ihn mit der linken Hand. Hier stimmte also etwas nicht. Ben war, seit Semir ihn kannte, Rechtshänder. Er aß zwar mit beiden Händen, aber das tat Semir auch. Doch Bens Aktionshand war immer die Rechte gewesen. „Du fährst.“, forderte der Deutschtürke und ging hinter seinem Partner her. Er versuchte, noch einmal einen Blick auf die Narbe zu erhaschen. Doch die langen Haare schienen so gelegt zu sein, dass sie jeglichen Blick auf den Nacken nicht mehr zuließen. Semir fluchte innerlich, ging aber neben seinem Partner dann her. Was wurde hier nur gespielt?


    ...

  • Semir besah sich Ben ganz genau. Das war nicht sein Partner. Nein, das war nie und nimmer Ben. Das Gesicht stimmte, doch die Hände waren viel größer, die Finger viel wulstiger als sonst. Damit ließ sich doch keine Gitarre spielen. Ben war Musiker und hatte schmale, fast feminine Hände. Die am Lenkrad waren dick und schienen die eines Holzfällers oder eines Gewichthebers zu sein. „Semir, ist irgendwas mit dir?“, fragte sein Partner plötzlich. „Was? Nein, nein...alles gut.“, erwiderte der Deutschtürke nur und drehte sich zur anderen Seite hin. Doch er konnte nicht von seinem Partner lassen. Alles an ihm war anders. Sollte er in auf die Narbe ansprechen? Was würde er ihm sagen? Sicherlich, dass er spann und sich alles nur einbildete. Doch Semir wusste, nein, er fühlte, dass hier etwas nicht stimmte. Doch, wie es beweisen? Ben war seit mehreren Jahren sein Partner und schlug nur in Ausnahmesituationen über die Grenzen hinweg. Das stellte ihre Freundschaft so manches Mal auf eine harte Probe. Aber wie sollte Semir seinem Freund und Partner sagen, was er in dem Moment dachte? Vielleicht sollte er Ben einfach testen. Kleine, unmerkliche Tests. Genau, das war es. Immerhin war Ben nicht irgendjemand, den man nur alle paar Wochen zu Gesicht bekam, wie bei Semirs anderen Freunden. Ben saß tagtäglich vor seiner Nase und seine Angewohnheiten kannten nur noch Julia und Konrad besser. „Wo wollen wir hin?“, fragte Ben. „Zu unseren Stammlokal. Du kennst ja den Weg.“, lächelte Semir geheimnisvoll. Mal sehen, ob er den Weg fand, dachte er bei sich. Ben nickte und schlug tatsächlich den richtigen Weg ein. „So, wir sind da...Alles aussteigen.“, grinste ihn sein jüngerer Partner an. Semir war verblüfft. Dennoch kam ihm einiges an seinem „Partner“ nicht koscher vor.


    Derweil saß der richtige Ben gefesselt und geknebelt in irgendeinem feuchten, modrigen Keller und harrte der Dinge aus, die auf ihn zukamen. Was sollte das alles? Warum sollte jemand sein Gesicht kopieren wollen? Und das mit solch einer Perfektion. Der Mann musste ziemlich viel kriminelle Energie haben. Aber woher hatten sie seine Gesichtszüge? Nie hatte er für Fotos oder so etwas Modell gestanden. Also woher kam diese perfekte Kopie seines Gesichtes? Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Dieses Shooting mit seiner Band. Der Fotograf, den Nico angeschleppt hatte, der kam ihm schon so spanisch vor. Daher mussten diese Gangster die Fotos haben. Die Frage war nur, arbeitete der Fotograf mit ihnen zusammen oder wurden ihm die Fotos gestohlen? Doch, warum Ben? Warum nicht jemand anderes aus der Band? Hatte es mit seinem Beruf zu tun? Das musste es sein. Sonst hätten die doch nicht so ein Aufriss gemacht. Man brauchte also sein Gesicht, damit sein Fehlen nicht auffiel. Ben zerrte an seinen Fesseln, doch die Ketten hielten ihn an Ort und Stelle. Er musste es dennoch schaffen, hier rauszukommen. Wer weiß, was dieser Kerl in seinem Namen alles anstellte.
    Elias Holst und Sascha saßen in einem der Nebenräume und spielten gemeinsam Karten. „Wer verliert, muss ihm das Essen bringen.“, grinste Elias und legte drei Könige auf den Tisch. „Das ist dann wohl meins.“, lachte er und schnappte sich den kleinen Stapel Pokerchips. Doch Sascha griff seine Hand. „Nicht so schnell...hier...drei Asse und zwei Damen...das war's für dich.“, lachte der Mann und zog die Chips an sich. „Verdammt...wie konnte ich mit dem Blatt verlieren?“, stieß Elias aus und fasste sich an den Kopf. „Tja, das Essen für den Bullen steht da auf dem Teller.“, lachte Sascha und deutete auf einen kleinen Hocker, auf dem ein Plastikteller mit einem Kanten Brot und einer Wasserflasche. „Wie? Mehr soll der nicht bekommen?“, staunte Elias. „Wir sind kein Hotel. Außerdem wird der Bulle sowieso abkratzen, wenn Jo wieder da ist.“, fauchte Sascha und warf dem Mann eine schwarze Maske zu. „Die wirst du brauchen. Er soll dich ja nicht erkennen.“, erklärte er. „Er hat mich sowieso schon gesehen, als ihr mich befreit habt.“, zischte Elias zurück. „Setz sie dennoch auf. Der Boss will es so.“ Resignierend ließ Elias den Kopf hängen, zog sich die Maske über den Kopf und nahm den Teller in die Hand. „So ist es gut. Und sprich nicht mit ihm.“, forderte Sascha. Elias nickte nur und betrat dann den Keller, in dem sie ihren Gefangenen hielten.


    ...

  • Ben sah auf, als die Tür aufging und ein Mann in den fahl beleuchteten Raum hineintrat. Er trug, wie die anderen vor ihm, eine Maske mit zwei kleinen Schlitzen für die Augen. Trotzt des wenigen Lichtes konnte Ben erkennen, dass der Kerl schmächtiger war, als die anderen. Er trat mit einem Teller und einer Flasche in der Hand auf den Kommissar zu. Er atmete schwer in seinen Knebel und riss mehrere Male an den Fesseln, die immer unbequemer wurden. Langsam musste er auch mal seine Blase entleeren. „Ich mache ihnen jetzt das Klebeband ab. Sagen sie nichts und fragen sie auch nichts, sonst sitzt das schnell wieder drauf und das Essen wandert in den Müll. Haben sie mich verstanden?“, fragte der Vermummte. Ben nickte nur und zuckte kurz zusammen, als das Abreißen des Klebebands auch einige seiner Bartstoppeln erwischte. Mit glasigen Augen versuchte er in den Schlitzen der Maske ein Gefühl zu lesen. Doch der Mann hielt ihm nur den Kanten hin und Ben biss hinein. Er brach sich dabei fast die vorderen Zähne ab, als er in das steinharte Stück Backwerk biss. Es war aber Essen...also würgte er es runter und biss ein weiteres Stück ab, bis der ganze Kanten in seinen Magen verschwunden war. Anteilslos saß der Mann vor ihm und hielt Ben die Wasserflasche hin. Gierig nahm der junge Hauptkommissar jeden Schluck des erfrischenden Nass in seine Kehle auf, ungeachtet der Tatsache, dass sich dadurch die Lage seiner Blase nicht verbessern konnte.
    „Ich...ich müsste mal auf die Toilette.“, keuchte Ben, als ihm die Flasche weggenommen wurde. Der Mann mit der Maske sah ihn nur an und stellte die Flasche weg. „Geht nicht...“, erwiderte er und zückte die Rolle Klebeband wieder hervor. „Bitte...bitte nicht.“, flehte Ben und versuchte, seine Stimme so fest wie möglich klingen zu lassen. Dass er Angst hatte, konnte man dennoch raushören. Er sah, wie der Maskierte zögerte. „Aber wehe, ich höre draußen einen Ton.“, knurrte er und steckte die Rolle wieder ein. Er nahm den Teller und die Flasche und verschwand. Ben ließ er in seiner eingezwängten Lage zurück. Hoffentlich merkte Semir bald, dass der Mann neben ihm nicht sein Partner war sondern ein Betrüger war. Ben konnte nur auf Semirs Menschenkenntnis hoffen. Immerhin war er jetzt seit gut drei Jahren sein Partner und beide kannten sich so gut, als wären sie zusammen aufgewachsen. Semir konnte sich doch nicht täuschen lassen. Oder doch?


    Semir saß da und knabberte an seinem Hamburger, während er immer wieder seinen vermeintlichen Partner aus den Augenwinkeln beobachtete. Das war nicht Ben. Davon war er jetzt vollends überzeugt. Der hier vor ihm knabberte an einem Vegetarier-Burger. Dabei war Ben mehr als ein Vegetarier. Er war der pure Fleischverwerter, schon ein Fleischwolf. Doch Semir brauchte feste Anhaltspunkte. Veränderung des Verhaltens war eine Luftnummer, kein stichhaltiger Beweis. Doch er sollte so schnell, wie möglich mit seiner Chefin darüber sprechen. Sie kannte Ben auch...und auch die Kollegen würden sicherlich etwas merken. Aber vielleicht konnte es dann schon zu spät sein. Wer weiß, was dieser Doppelgänger mit dem Gesicht von Ben erreichen wollte. „Bist du fertig?“, fragte sein Partner. „Können wir dann wieder zurück zur PASt?“ Sieh an, du hast wohl alles auswendig gelernt, dachte Semir nur und schob sich den letzten, großen Bissen bis weit hinten in den Rachen hinein. „Klar...“, prustete er die Krümel beim Sprechen heraus, spülte mit seiner Cola nach und schluckte den pappigen Batzen mit einem Male hinunter. „Soll ich wieder fahren?“ „Nein, dieses Mal fahre ich...“, erklärte Semir mit ernster Stimme und nahm die Autoschlüssel an sich. Ben oder Jo sah ihn verwundert an. „Hast du was? Bist du sauer auf mich?“ Der Deutschtürke zuckte zusammen. Er durfte sich nichts anmerken lassen. „Nein...alles gut. Ich dachte nur gerade über etwas nach, was mich beschäftigt.“, wich er aus und der Mann nickte das ab. Scheinbar war ihm das Nachbohren nicht wert. Warte nur Freundchen, dachte Semir und stieg in seinen BMW ein. Einige Minuten später erreichten sie die PASt. „Geh du schon mal ins Büro. Ich muss schnell zur Chefin.“ Ben nickte und ging zielstrebig auf das separate Büro der beiden Kommissare zu.


    ...

  • Kim saß über den Berichten und schüttelte immer wieder den Kopf. Gerkhan und Jäger waren ihre besten Männer, doch wenn es um die harte, alltägliche Arbeit eines Polizeibeamten ging, dann waren sie die größten Schlamper, die es gab. „Wenn sie wenigstens ihre Berichte genauso professionell schreiben könnten, wie sie ihre Dienstwagen schrotten, müsste ich nicht immer die Berichte korrigieren.“, dachte Kim laut und stöhnte auf. „Ich fühle mich wie ein Grundschullehrer.“ Es klopfte an der Tür. „Ja bitte...“, rief sie und sah auf. „Chefin, ich muss sie dringend sprechen.“ „Semir, gut, dass sie kommen. Ihre Berichte sind mal wieder unter aller Kanone. Die nehme ich so nicht ab.“, kündigte sie an. Semir ließ den Kopf nach hinten fallen und stöhnte hörbar auf. Wie konnte sie in diesem Moment an diese dämlichen Berichte denken, dachte er und nahm vor ihr Platz. „Chefin, es gibt im Moment andere Dinge zu besprechen.“, erklärte er. „So? Wie weit sind sie in der Sache mit dem Überfall auf den Überführungstransport?“ Kim legte ihren Stift weg, lehnte sich in ihren Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. Dabei sah sie Semir abwartend und mit einem ihrer typisch fordernden, eisernen Blicke an. „Noch nicht weiter. Wir haben uns die Zelle angesehen und jetzt warte ich auf die Akten mit den Zellengenossen. Aber Chefin, es geht um Ben. Er ist irgendwie nicht er selbst.“, stieß Semir aus. Kim sah ihn fragend an und lächelte dann. „Warum das? Sagen sie bloß, er steckt wieder einmal in Schwierigkeiten.“, grinste die Chefin nur. „Nein...nicht das. Lassen sie mich erklären.“, stöhnte Semir erneut auf und fing an, seine Bedenken vorzutragen.


    Jo sah sich um, als er endlich im Büro der beiden Bullen stand. Dieser kleine Bulle hatte ihn die ganze Zeit so angestarrt, als ahnte er was. Konnte er ihm noch länger etwas vormachen? Egal, ich brauche die Informationen...dachte Jo nur, zückte seinen Ausweis und setzte sich an den Computer. Verdammt...das Passwort. Wie war nur das verdammte Passwort? Jo sah sich auf dem Schreibtisch um. Er hob Akten hoch, die Ablage und zog sogar die Schubladen hervor, doch nirgends ein Hinweis auf das verdammte Passwort. „So ein verdammter Mist.“, stieß er aus, dann sah er auf den Bildschirm. „Teatime...was soll das denn?“, fluchte Jo und überlegte kurz. Warum nicht....versuchen kann ich es ja mal, dachte er nur und tippte das Wort in das freie Feld ein. Tatsächlich kam das grüne Häkchen und Jo war in der Datenbank der Polizei. Er sah durch die Scheibe, ob ihn jemand beobachtete. Nein, das schien nicht der Fall zu sein. Schnell schloss er einen USB-Stick an und suchte die Dateien, die er für sein Vorhaben benötigte. „Na also...geht doch alles wie am Schnürchen.“, murmelte er und blickte auf. Noch war dieser Türke nicht zurück. Er musste fertig sein, bis er wieder hier war. Die Daten waren auf seinem Stick. Schnell löste Jo ihn vom PC und ließ ihn wieder in seiner Hosentasche verschwinden. Heute Abend konnte er alles genau planen. Das würde der Coup des Jahrhunderts werden und alle würden einen Bullen verdächtigen. Was ein raffinierter Plan, dachte er nur und lehnte sich gemütlich zurück.


    „Semir, ich bitte sie. Das kann doch nun nicht ihr Ernst sein. Ben soll nicht Ben sein.“, meinte Kim und stieß sich mit einem Bein ab. Ihr Stuhl drehte sich zum Fenster und die Kriminalkommissarin sah auf die sich im Wind wiegenden Bäume hinaus. „Chefin, ich kenne doch Ben. Und das in unserem Büro ist nicht der Ben, den ich seit drei Jahren kenne.“, stieß Semir verzweifelt aus. Kim stöhnte auf. Von Andrea wusste sie ja, was Semirs Bauchgefühl für ihn bedeutete. „Sie meinen also, jemand hat Ben irgendwie ausgetauscht und gegen einen Doppelgänger ersetzt hat? Semir, man kann zwar schon Schafe klonen, aber doch keinen Menschen.“ „Nein, aber man kann einen Menschen unter Drogen setzen oder ihn auf anderer Art kopieren.“, fauchte Semir und sprang von seinem Stuhl hoch. Er hasste es, wenn ihm und seine Aussagen kein Glauben geschenkt wurde. „Semir, bitte verschonen sie mich damit. Warum verdächtigen sie denn Ben? Nur, weil er einen Gemüseburger gegessen hat?“, meinte Kim nur und blickte ihn gelangweilt an. „Was ist mit der Linkshändernummer? Ben ist Rechtshänder. Das wissen sie sogar. Und jetzt soll er urplötzlich soll er auf seine andere Hand umgestiegen sein? Chefin, das ist doch etwas oberfaul.“ Semir sah die Chefin mit funkelnden Augen an. Kim konnte über so viel Hartnäckigkeit nur den Kopf schütteln. Doch was sollte sie einem ihrer besten Männer sagen? Sie stöhnte auf. „Semir, das ist irrsinnig. Bitte, gehen sie wieder an die Arbeit und versuchen sie, die Dinge zu vergessen.“, erklärte sie und wies auf die Tür. Semir sah sie entgeistert an. „Heißt das...sie...sie lassen mich damit alleine stehen?“ „Ich sage nur, sie sollen ermitteln. Und jetzt...bitte.“, präzisierte Kim und wies erneut auf die Tür.


    ...

  • Semir stand vor der Tür und begann zu grinsen. Er sollte ermitteln. Also ermittelte er. Zielstrebig ging er auf sein Büro zu und blickte seinen Partner an. „Hast du schon etwas gefunden?“, fragte er. Ben sah ihn an. „Noch nicht...ich dachte, ich warte auf die Ergebnisse der KTU.“ „Die sind schon längst da, mein Lieber. Du hättest sie nur auf deinem PC aufzurufen brauchen.“, lächelte Semir und musste gut schauspielern, um sein Misstrauen nicht zu verraten. „Okay...dann mach ich das gleich.“, erklärte Ben und ließ seine Blicke auf den PC schweifen. „Ich kümmere mich inzwischen um die Akten der Zellengenossen.“, erklärte Semir, ließ seinen vermeintlichen Partner aber nicht aus den Augen. Na warte...ich kriege dich schon, dachte er und nahm sich vor, Bens Wohnung nach Feierabend einen Besuch abzustatten.


    Feierabend. Semir schaltete den PC aus und blickte zu Ben hinüber. „Soll ich dich noch nach Hause bringen oder fährst du mit deiner Harley heute?“, fragte Semir und blickte aus dem Fenster. Vor einigen Stunden hatte es zu regnen angefangen. Die dicken Tropfen prasselten noch immer gegen die Scheibe. „Nein, lass mal. Ich nehme mir ein Taxi. Habe noch einige Dinge in der Stadt zu erledigen und dann werde ich einfach ins Bett fallen.“, erwiderte Ben und rief sich über die Telefonanlage ein Taxi. „Na gut...ich wollte es dir nur anbieten.“, meinte Semir und beugte sich weiter über die Akten. „Willst du nicht auch Feierabend machen? Deine Familie wartet doch sicherlich auf dich.“, erklärte Ben und zog sich seine Jacke über. „Nein, ich will das hier noch durchgehen. Werde aber auch nicht mehr so lange machen.“, erwiderte Semir und zwang sich ein freundliches Lächeln ab. Ben verließ die Station. Sofort sprang der Deutschtürke auf und ging zum Fenster. Tatsächlich stieg der Mann in ein Taxi und brauste davon. Dann wollen wir mal, dachte Semir, nahm sich seine Autoschlüssel und fuhr zur neuen Wohnung seines Partners. Wie gut, dass Ben ihm schon den Schlüssel gegeben hatte. Semir schlich die Treppen hinauf und horchte an der dicken Flügeltür. Ben bewohnte nun einen der wenigen Altbauten aus der Kaiserzeit, die noch in Köln standen. Dementsprechend dick war auch die Tür. Man hörte von drinnen nichts. Kein Anhaltspunkt, ob sein Partner in den eigenen vier Wänden gefangen gehalten wurde. Semir besah sich das Schloss. Es waren keinerlei Spuren am Schloss zu erkennen. Der Kommissar sah sich auf den Türrahmen an, doch an der alten Tür blätterte nur ein bisschen Farbe ab. „Dann wollen wir mal sehen, wie es innen aussieht.“, dachte Semir laut und zückte seine Schlüssel, als plötzlich ein beißender Geruch in seine Nase stieg. „Verdammt, da brennt was.“, stieß er aus und rannte die Tür fast ein.
    Sofort schnellte er in die Küche und sah, dass dicker, schwarzer Qualm aus dem Ofen stieg. „Oh man...“ Semir stellte die Temperatur und den Ofen aus, riss die Klappe und das Fenster weit auf. Als sich alles ein wenig gelegt hatte, zog Semir vorsichtig das Blech heraus. Eine verkohlte und zusammengeschrumpfte Pizza kam zum Vorschein. Damit war klar...Ben wurde entführt. Niemals würde sein junger Partner etwas essbares im Ofen verbrennen zu lassen. Doch Semir musste sicher gehen, dass hier ein Kampf stattfand. Langsam ging er in den Flur zurück. Der Geruch der frischen Farbe wurde von dem dicken, blauen Qualm der verbrannten Tiefkühlkost überdeckt. Semir blickte sich im Flur um. Hier war noch eine große Unordnung. Umzugskisten standen stapelweise an der Wand und neben der neuen Kommode. Aber war das nun Bens gewohnte Unordnung oder rührte sie von einem Kampf her? Das war die große Frage, dachte Semir und ging weiter ins Wohnzimmer. Ungewöhnlich...Bens Waffe lag auf dem großen Esstisch. Semir sah sich um. Da...Scherben auf dem Boden. Und daneben eine kleine Blutlache. Das war es. Hier war ein Kampf entbrannt und sicherlich war das Blut von seinem Partner, seinem echten Partner. „Hartmut...Semir hier...ich brauche deine Hilfe. Komm bitte mit deiner Spezialausrüstung zu Bens neuer Wohnung. Und bitte...zu niemandem ein Wort.“, forderte Semir und legte sein Handy wieder weg. Wo war Ben jetzt?


    Jo kam im Unterschlupf an und steuerte sofort auf Jan, Sascha und Elias zu. „Ich hab es, Leute. Das Goldstück auf unserem Kuchen. Hier sind alle Daten drauf, die wir brauchen. Werte das mal aus, Elias.“, forderte Jo und reichte ihm den Stick. „Wenn das stimmt, wird das ein leichtes Spiel für uns.“, lachte er und zog sich mit einem Laptop in eine Ecke zurück. Jo nickte ihm zu und wandte sich dann Sascha zu. „Wie geht’s unserem Gast?“, wollte Jo wissen. „Er ist ruhig und muss dringend aufs Klo.“, lachte der junge Gangster. „Okay...lass ihn sich erleichtern und dann hol die Leute. Ich werde schon einmal seinen Abgang vorbereiten.“, lachte Jo. „Müssen wir ihn jetzt schon killen? Ich meine, er kann uns doch noch nützlich sein.“, entgegnete der junge Mann. „Gut, aber dann bringen wir ihn dorthin, wo ihr ihn gut unter Kontrolle habt. Ich komme mit. Sehen wir uns den Kerl doch mal an.“, lachte Jo und ging mit Sascha und einem weiteren Maskierten zum kleinen Kabuff, wo man Ben eingesperrt hatte.


    ...

  • Ben sah auf. Die Fesseln an seinem Körper waren fest, doch das Rohr nicht, an dem er hing. Immer wieder stemmte er sich gegen die Fesseln und zog, was seine letzten Kräfte hergaben. Wieso konnte er vorher nicht die Pizza essen? Dann wäre er jetzt wenigstens gestärkt. Von dem Kanten Brot und dem bisschen Wasser wurde er doch niemals satt. Seine Hände waren sicherlich schon durchgeschunden, doch er riss und zerrte immer weiter und weiter. Das Rohr schien alt und durchgerostet zu sein, dennoch gab es mehr Widerstand, als Ben sich gewünscht hatte. Plötzlich riss das Rohr und Ben klappte nach vorne. Endlich...endlich war er frei. Das Seil war nur einmal um das Rohr gewickelt und so konnte er die Füße wieder ausstrecken. Schnell rubbelte er die Handfesseln an einer scharfen Kante durch, befreite seine Beine und zog das Klebeband von seinem Mund ab. Jetzt nur raus hier...dachte er. Schnell wollte er aufstehen, aber sofort wurde ihm schwindelig. Seine Beine wackelten und gaben fast wieder nach. Kommt schon, dachte er, wir müssen beide hier raus. Also reißt euch zusammen, dachte Ben und machte einen Schritt vor den anderen. Dann blieb er abrupt stehen. Draußen waren Schritte zu hören. Verdammt, seine Bewacher kamen. Langsam kehrten seine Kräfte wieder, doch noch immer musste er dringend aufs Klo. Doch die Anspannung ließ ihn jeden Gedanken daran hinten anstellen. Er musste hier raus. Schnell schnappte er sich das lange Stück Rohr als Waffe und presste sich an die Wand hinter der Tür. Das Geräusch des drehenden Schlüssels drang an das Ohr des jungen Hauptkommissaren und kurz darauf öffnete sich die Tür, schwang in seine Richtung aus und drei Männer betraten den Raum. Wie gut, dass seine Stelle, an die er gefesselt war, im Dunkeln der schummrigen Lampe lag. So konnte keiner sehen, ob er noch da war oder nicht. Die Gelegenheit bietet sich nie wieder, dachte der junge Hauptkommissar und sammelte all seine Kraft für die bevorstehende Aktion. Hoffentlich ging alles gut.


    Jo, Sascha und der dritte Mann gingen weiter in den Raum hinein. „Okay, dann schauen wir doch mal nach unserem Sonnenscheinchen.“, lachte Jo und fummelte in seiner Jackentasche nach einer Taschenlampe. Das war die Gelegenheit für Ben. Mit letzter Kraft holte er aus und schlug zu. Zwei der Bewacher gingen zu Boden. Schnell holte Ben wieder aus und erwischte auch sein Ebenbild an der Schläfe. Die Haut riss auf und eine hässliche Platzwunde bildete sich. Blut lief an der Schläfe hinunter. Ben keuchte und ließ das Rohr fallen. Jetzt nur schnell raus hier und irgendwie die Blase entleeren, dachte er und ging zur Tür. Vorsichtig blickte er nach draußen. Keinerlei Wachen zu sehen und dennoch drückte sich Ben an der Wand entlang. Nur noch wenige Meter und er war draußen, in der Freiheit. Dann nur noch ein Telefon finden und Semir benachrichtigen. Ben war fast an der kleinen Öffnung, als er hinter sich Geschrei hörte. Verdammt, die Kerle waren wieder wach. Sein Schlag war doch nicht so hart, wie von ihm geplant war. Schnell nahm er Anlauf, sprang durch das Loch und landete auf einem Stück nassen Rasens vor der Halle. Schnell rappelte er sich auf und suchte sich ein Versteck. Wo war er aber? Moment, es roch hier so eigenartig. Als wäre er an der See...doch das konnte unmöglich sein. Aber ja...das war ein kleiner Teil des Hafens. Er war am Hafen...doch welcher Hafen? Das war der Rhein...mit Sicherheit. Ben hatte jedoch keine Zeit zum Überlegen. Er musste so schnell wie möglich weg. Und da war ja noch das drückende Gefühl im Unterleib. Schnell rannte er auf einige große Schrottteile zu, die ein perfektes Labyrinth und viele Versteckmöglichkeiten boten. Schnell rannte Ben hinüber und suchte sich einen ruhigen Ort, wo er sich erleichtern konnte. Endlich...endlich kam ein Gefühl der Erleichterung. Als er sich seine Hosen wieder gerichtet hatte, sah sich der junge Hauptkommissar gehetzt um. Deutlich konnte er die Schritte und Stimmen seiner Entführer hören.


    ...

  • Jo fasste sich an die Schläfe. Dieser verdammte Bulle...dachte er und rappelte sich auf. Sascha lag noch immer am Boden, kam aber auch wieder zu sich. „Was liegst du hier so faul rum? Los, hol die Leute und dann sucht ihn. Wenn er telefoniert oder irgendwie entkommt, seid ihr tot.“, fauchte Jo und verpasste dem Kerl einen Fußtritt in die Seite. Sofort sprang der junge Gangster auf und rannte los. Ein Pfiff ertönte und sofort waren die anderen bei Sascha. „Der Bulle ist entkommen. Greift ihn euch. Er darf das Gelände nicht verlassen.“, zischte er. Die Männer schwärmten aus und besahen sich den Boden. Der Rasen draußen war niedergedrückt. Hier musste er lang gekommen sein. Mit ihren gezückten Waffen rannten sie durch die Gegend und sicherten die Ausgänge. „Bulle, komm raus. Wir kriegen dich sowieso.“, stieß Jan aus und sah unter die verrosteten Boote, die sich aufgestapelt in einer Ecke des Lagers befanden. Ein gutes Versteck, dachte er nur und winkte Sascha zu sich heran. „Sicherlich ist er unter oder hinter einen der Booten.“, flüsterte er und schritt weiter voran. Sascha nickte und ging ans andere Ende der Reihe. Die Nacht war düster und lag schwer über dem Hafen. Wären nicht die schwach flackernden Laternen, hätten die Männer überhaupt keine Orientierung. „Komm raus, Bulle. Wir tun dir auch nichts.“, lachte er und sah mit einem genauen Auge unter die Boote, doch nirgends war eine Spur vom Bullen zu finden. Wo war der Kerl nur?


    Ben presste sich an ein schwarz lackiertes Wasserfahrzeug. Mit seinem dunklen Pullover und der schwarzen Jeans war er schwer zu entdecken. Doch sein Herz schlug wie ein Paukenschlag gegen seine Brust. Durch das fahle Licht konnte er die Konturen der Beine seiner Verfolger erkennen. Sie kamen näher und näher. Ben bildete sich ein, ihre Schritte neben sich deutlich zu hören. Er musste schnellstens hier weg. Am Besten über den Zaun und auf die Straße. Irgendwie muss er Semir erreichen, damit dieser ihm zu Hilfe kommen konnte. Die Schritte waren verstummt. Ben reckte seinen Kopf langsam vor und blickte in sämtliche Richtungen, doch keiner war mehr zu sehen. Weg waren die mit Sicherheit nicht, dachte er, doch der Zaun war nur noch einige Meter weit weg. Nur ein kleiner Sprint über einer Freifläche und dann eine leichte Kletterpartie. Noch einmal sah er sich gehetzt um. Keiner war zu sehen. Er musste es riskieren. Mit einem kurzen Sprung war er losgesprintet und hechtete durch die enge Gasse. Die Freifläche kam immer näher und näher. Gleich war es geschafft, nur noch wenige Meter. Bens Lungen brannten und seine Beine schmerzten von der ungesunden Haltung, in der er die ganze Zeit gefesselt verharren musste, doch das war ihm egal. Sein Wille zu Fliehen war stärker, als alle Schmerzen zusammen. Ein gewagter Sprung und Ben landete endlich am Zaun. Seine Finger umklammerten schon den oberen Rand und seine Arme zogen langsam seinen geschwächten Körper nach oben. Plötzlich durchzuckte ein stechender, brennender Schmerz seine Schulter und der junge Hauptkommissar stieß einen erfüllten Schmerzschrei aus, als er vom Zaun rutschte.
    „So, da haben wir dich ja.“, lachte Jo und ließ die Waffe sinken. Ben krümmte sich vor Schmerzen. Eine Kugel hatte seine Schulter zerschossen und war vorne wieder ausgetreten. Eine gefährliche Situation. Wenn die Blutung nicht gestillt wurde, dann musste er hier jämmerlich verbluten. „Los, bringt ihn zurück in seinen Raum und fesselt ihn dieses Mal richtig. Verbindet aber die Wunde gut. Wir wollen doch noch was mit ihm anfangen.“, meinte Jo und sah dabei zu, wie sie Ben zurück in die Werkhalle schleppten. Eine lange Blutspur zog sich über den nächtlichen Rasen, doch das war egal. Jo brauchte Ben noch. „Sascha, bring mir ein Stück Eisen und mach ein Feuer.“, forderte er. „Was hast du denn vor?“, fragte der Angesprochene. „Das wirst du gleich sehen.“, lachte Jo nur und wartete bis alles bereit war. „Bindet ihn auf dem Gestell dort fest.“, forderte er. Ben wurde festgebunden und biss sich die Lippen fast durch, als sein verwundeter Arm brutal zur Seite gezogen wurde. Das Vergnügen, dass diese Kerle sich an seinen Schmerzen weideten, wollte er ihnen nicht geben. Doch was hatte der Mann mit ihm vor. „Es ist soweit. Haltet ihn fest.“, forderte Jo und nahm das orange glimmende Stück Eisen aus der Glut des Feuers, kam Ben damit gefährlich nahe. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Aus alten Filmen wusste er nur zu gut, was jetzt kam.


    ...

  • Semir sah sich um und ging von einem Möbelstück zum anderen und tigerte wieder zurück. „Semir, bitte setz dich hin. Du machst mich nervös.“, stieß Hartmut aus, der gerade dabei war, die Blutspuren auf dem Boden zu sichern. „Hartmut, versteh doch. Es geht hier um Bens Leben. Ich habe keine Ahnung, wo er ist und auf seinem Stuhl in seinem Büro sitzt ein Doppelgänger, den ich entlarven muss.“, stieß Semir wütend aus und ließ sich verzweifelt auf die Lehne von Bens Couch fallen. Der Techniker sah auf. „Wie? Ein Doppelgänger? Sieht er genauso aus wie Ben?“ „Na so auszusehen wie du macht ja wohl kein Sinn, wenn er Ben darstellen will oder?“, zischte Semir. „Entschuldige Hartmut...aber ich mache mir solche Sorgen um Ben.“, folgte die Entschuldigung auf dem Fuße. Der rothaarige Techniker nickte und stand auf. „Es ist gar nicht so schwer, einen Doppelgänger zu enttarnen. Du brauchst mir nur die Fingerabdrücke zu bringen. Denn die kann man nur schwer nachmachen. Und ich wette, daran hat er nicht gedacht.“, erklärte Hartmut, während er sich die Terrassentür ansah. Semir nickte nur, doch dann blitzte es in seinem Kopf. „Das ist es. Hartmut, das ist die Idee. Er war doch heute im Büro. Ich brauch dir nur die Tastatur oder die Unterlage zu bringen und...“ „...und ich vergleiche sie dann mit der Datenbank. Bens Fingerabdrücke liegen ja vor. Das dürfte ein Kinderspiel sein.“, lächelte der Rotschopf. „Ich bin gleich wieder da. Wir treffen uns in deinem Labor.“, stieß Semir aus und rauschte davon.
    Die PASt war vollkommen verlassen, als Semir durch das Großraumbüro wie ein Transrapid brauste. Mit schnellen Bewegungen fischte er ein Taschentuch aus seiner Jacke und zerrte Bens Tastatur aus dem Tower des PCs. Noch heute Nachmittag hatte dieser „Kerl“ da seine Finger immer wieder drauf abgelegt. Das gefundene Fressen für Hartmut, dachte Semir und rauschte wieder aus der Station, als ihm Dieter und Jenny entgegen kamen. „Hallo Semir...noch gar nicht zu Hause?“, fragte der Polizist erstaunt und nahm geschafft seine Mütze ab. „Wartet denn Andrea nicht auf dich?“, fügte Jenny hinzu. Semir riss die Augen weit auf. Andrea. Er hatte vollkommen seine Frau vergessen. Sicherlich saß sie zu Hause und wartete sehnsüchtig auf ihn. „Ich muss weg.“, war Semirs einziger Kommentar. Der Hauptkommissar rannte aus der Station und griff nach seinem Handy. Sechs Anrufe in Abwesenheit...und alle von Andrea. „Das gibt dicke Luft.“, murmelte er nur und wählte Hartmut an. „Hartmut, ich hab die Tastatur. Pass auf...wir treffen uns auf halbem Wege.“, fing Semir an. „Okay...ich bin gleich da.“, erklärte Hartmut und legte wieder auf. Semir warf sich förmlich hinter das Steuer seines BMWs und brauste los. Er übergab Hartmut die gesicherte Tastatur und fuhr dann weiter nach Hause. Sicherlich war dort ein großes Donnerwetter fällig.


    Mit einem wütenden Blick sah Andrea immer wieder auf die Uhr. Es war jetzt nach halb ein Uhr morgens und Semir war immer noch nicht da. Sie sah auf das inzwischen eiskalt gewordene Essen. Wie hatte sie sich abgemüht, das Essen zuzubereiten. Die Kinder waren bei ihren Eltern, nur damit sie den heutigen Abend mit ihrem geliebten Ehemann verbringen konnte. Und jetzt? Jetzt würde sie ihm am Liebsten... Der Schlüssel drehte sich im Schloss und im nächsten Moment hörte sie die Stimme ihres Mannes. „Andrea, tut mir Leid, dass ich zu spät bin, aber ich...ich hatte einen echten Scheiß-Tag hinter mir. Ich...ich hab es vollkommen vergessen.“, lächelte er verlegen, als er ins Wohnzimmer kam, in der Hand einen Strauß Blumen, und seine Frau auf der Couch sitzen sah. Andrea blickte ihn mit finsterer Miene an, schwieg ihn an und fixierte ihn mit ihren stechenden Blicken. „Andrea...ich hätte dich anrufen sollen, ich weiß. Aber bitte, sei mir nicht böse. Ich wärme mir das Essen schnell auf und dann können wir noch etwas gemeinsam kuscheln.“, schlug er vor, setzte sich zu ihr und strich seiner Frau zärtlich über den Oberschenkel. „Semir, das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“, stieß sie aus und fuhr hoch. Erschrocken über den schrillen, wütenden Ton blickte der Deutschtürke seine Frau an. „Weißt du eigentlich, was für ein Tag heute ist?“, fauchte sie ihn an.
    „Heute ist unser Hochzeitstag. Weißt du eigentlich, was das für eine Mühe gemacht hat, die Kinder bei meinen Eltern unterzubringen? Ayda wollte nämlich nicht hier weg, weil sie erst auf Ben und seine Gute-Nacht-Geschichte warten wollte. Und am Essen hab ich mir die Finger wund gekocht. Und jetzt kommst du mit diesen mickrigen Blumenstrauß, der sicher nur wieder aus den mickrigen Resten der Tankstelle besteht, an und willst dich dafür entschuldigen, dass du wieder mal die Arbeit deiner Familie vorgezogen hast.“, zischte sie. Semir sprang auf und blickte in ihre funkelnden Augen. „Das ist nicht wahr. Und dass heute unser Hochzeitstag ist, habe ich nicht gewusst.“ „Was eine Überraschung. Du merkst dir ja nie Dinge, die nichts mit der Arbeit zu tun haben. Die Familie ist dir nicht mehr wichtig.“, schrie sie ihre ganze Wut über die letzten Missgeschicke ihres Mannes hinaus. „Andrea, das...das ist unfair. Ich vergesse nicht die Familie, aber ich habe einen sehr anstrengenden Beruf und...“ „Ja, das ist alles...dein Beruf und dein BMW...an mehr kannst du nicht denken.“, stieß Andrea aus, ging zum Tisch und schmiss die beiden leeren Teller zu Boden. „Das war es. Unsere Ehe ist in Scherben. Ich gehe zurück zu meinen Eltern. Nur gut, dass die Kinder schon da sind.“ Mit schnellen Schritten ging sie nach oben, nahm einige Koffer und packte mehrere Sachen hinein. Semir lief ihr nach und flehte sie an, ihr zuzuhören. Doch davon wollte die zweifache Mutter nichts wissen. Ein Wort gab das andere und ehe sich die Beiden versahen, schnellte Andrea aus dem Haus und fuhr in ihrem Wagen davon. Semir atmete tief ein und sah den kleiner werdenden Rücklichter sehnsüchtig nach. Was hatte er nur getan?, dachte er und ließ sich auf die Stufen seiner Haustreppe sinken. Dachte er wirklich zu viel an die Arbeit? Jetzt dachte er an seine Frau und Ben. Vor allem an Ben...eigentlich nur an Ben. Sein Verschwinden machte ihm schwer zu schaffen. Und Andrea hatte recht. Er dachte zu viel an die Arbeit. Das würde sich nach diesem Fall ändern, schwor er sich.


    ...

  • Ben schrie sich die Seele aus dem Leib, als das feuerheiße Eisen in die Wunde gepresst wurde. „Halt die Klappe...“, fauchte Jo und legte das Eisen weg. Die beiden Wunden waren nun verschlossen, doch die gesamte Halle war erfüllt mit dem Geruch von verbranntem Fleisch. Jo besah sich sein Werk genau und nahm eine Rolle Mullbinde in die Hand. „Hier, verbinde ihn.“, forderte er und reichte Sascha das Verbandsmaterial. Dieser begann damit, Bens durchschossene Schulter zu verbinden. Die Wunde und das nah um ihr befindliche Fleisch waren schwarz verkohlt und rochen extremst unangenehm. „Was...was soll das alles?“, stieß der junge Hauptkommissar in einem halben Tiefschlaf aus. „Ganz einfach...ich brauch dich noch. Du bist ein wesentlicher Bestandteil meines Planes. Sogar ein sehr Wesentlicher.“, höhnte Jo und packte Ben grob an der Wunde. „Ahhhhhh...“, schrie Ben auf und versuchte, sich aus dem Griff zu befreien. Zwecklos. „Schrei hier nicht so rum. Dich hört sowieso keiner...“, zischte Jo und ließ sein Opfer los. „Los, bindet ihn an den Pfeiler...und dieses Mal verschnürt ihn richtig.“, fauchte Jo die anderen an. „Aber...mit der Wunde ist das doch lebensgefährlich.“, stieß Elias aus und stellte sich vor Ben. „Hast du ein Problem damit? Das ist ein Bulle. Der wird dich sowieso wieder einlochen, wenn er die Gelegenheit hat.“, zischte Jo und griff zu seiner Waffe.
    „Hey...hey...sie brauchen mich noch. Vergessen sie das nicht.“, stieß Elias sofort aus. „Ja, dann solltest du das nie vergessen. Ich bin der Boss und es ist mein Plan und was ich sage, wird gemacht. Verstanden?“ Elias nickte heftig. Dieser Mann war zu allem fähig. „Fein...du wirst ihn fesseln. Und gnade dir, es ist nicht fest genug. Dann mache ich dich kalt.“ Elias nickte und schaffte Ben zum Pfeiler, wo er ihn mit festem Draht an den Eisenträger band. Das dünne, eiserne Fesselungsmaterial schnitt in die Handgelenke des Hauptkommissars ein. Der Kerl drehte es wirklich fest und Ben sah mit dieser Fesselung keine Chance auf eine erneute Flucht. Zumal die Wunde immer noch stark schmerzte und er das Gefühl hatte, nicht nur seine Schulter sondern auch sein ganzer Körper wurde bei der Aktion vorhin mit verbrannt. Seine Gedanken schweiften ab. Wieso nur immer wieder er? Das alles wurde langsam zu viel für ihn. Gerade jetzt, wo er mit Emily eine gemeinsame Familie gründen wollte. Wo sie sich eine gemeinsame Zukunft aufbauten. Da mussten diese Kerle dazwischen kommen. Sicherlich würden sie Ben nicht am Leben lassen. Nein...er hatte jetzt ihre Gesichter gesehen. Die Masken waren gefallen und damit auch sein Todesurteil. Lebend hier rauszukommen...jetzt nur noch eine Hoffnungsfrage. Semir bitte, hol mich hier raus...flehte Ben inständig und ließ einer einzelnen Träne freien Lauf.


    Semir stieg in seinen BMW und fuhr zu Hartmut ins Labor. Wenn Andrea und er sich schon stritten konnte er auch die ganze Nacht am Fall weiter arbeiten. Wie konnte diese Frau nur annehmen, dass er seine Familie nicht liebte? Sie war doch sein Ein und Alles. Gut, er nahm es als Tatsache einfach so hin und ging seiner Arbeit nach. In Gedanken versunken musste er sich aber doch zugestehen, dass er gerade den heutigen Tag nicht hätte vergessen dürfen. „Warum hast du dämliches Ding mich nicht dran erinnert?“, fauchte Semir sein neues Handy an. „Wozu hab ich dich gekauft, wenn du mir die Termine nicht anzeigst, die wichtig sind?“ Kurze Zeit später bog der Deutschtürke auf das Gelände der KTU ein. „Hartmut, wie weit bist du mit den Fingerspurenabgleich?“, fragte Semir sofort, nachdem er die Tür aufgerissen, sie noch nicht einmal hatte. Der rothaarige Techniker blickte von seinem Mikroskop auf. „Semir, ich habe sie gerade erst genommen, aber du kannst gerne hier warten. Wieso bist du eigentlich nicht bei Andrea? Habt ihr heute nicht Hochzeitstag?“ Toll, sogar Hartmut wusste das Datum, dachte Semir nur. „Das...das hat sich alles nach hinten verschoben.“, kommentierte es Semir nur und warf seine Blicke über die Schulter von Hartmut. Der Techniker nickte kurz, wollte nicht weiter nachhaken und widmete sich dann wieder seiner Arbeit. „Okay...das hier sind die Fingerabdrücke von Ben. Ich hab sie schon mit der Datenbank verglichen. Und das hier...“, Hartmut hob eine kleine Glasscheibe mit einem Klebestreifen hoch, „sind die von dem Doppelgänger. Ich werde sie jetzt mit der Datenbank abgleichen. Das kann aber dauern.“ Semir nickte und sah auf den Bildschirm. Die Daten ratterten vor seinen Augen runter, als wären sie auf Speed. Jetzt hieß es warten, bis der PC ein Ergebnis ausspuckte. Doch dann...nach guten 2 Stunden des vergeblichen Wartens.
    „Hier Semir, das ist er...Jo Binder.“, erklärte Hartmut und rief die entsprechende Datei auf. Ein mit harten Kanten und Ecken durchzogenes Gesicht wurde auf dem Bildschirm sichtbar. Die Augen stachen aus den tiefen Höhlen wie zwei Schlangen hervor und die schmale, spitze und durch diverse Brüche schief gewordene Nase verriet Verschlagenheit und Brutalität. „Kannst du das Vorstrafenregister aufrufen.“, bat Semir und kurz darauf konnte er die halbe Landkarte Europas anhand von Verbrechensmarkierungen sehen. „Ganz schön rumgekommen. Diebstahl von Goldbarren und Diamanten in Brüssel, Überfall auf die Zentralbank in Kopenhagen, brutaler Raub eines Geldtransporters mit wichtigen Bankwertpapieren in Madrid. Die letzte Eintragung von Interpol stammt aus Prag. Dort soll er in die Stahlkammer der Bank eingestiegen sein, wo er ein Schließfach nach dem anderen ausräumte und dann den ganzen Tresorraum unter Wasser setzte.“, erklärte Hartmut. „Was ist das für ein Verbrecher, der sich sein Gesicht operieren lässt, um als Bulle durchzugehen?“, stieß Semir aus. „Die Frage ist doch, was hat er mit Bens Gesicht vor. Was gibt es hier für potentielle Beute?“ Hartmut sah Semir an und dieser nickte auf die Fragen hin. „Check doch mal, was es hier in Köln im Moment an Geldtransporten oder großen Summeneinlagerungen gibt. Ich fahre noch mal in Bens Wohnung und versuche einen Anhaltspunkt zu finden.“, erklärte Semir. „Da kann ich dir schon sagen, dass du nichts finden wirst. Ich hab alles durchgesehen. Keine Fremdfasern oder ähnliche Fremdspuren.“ „Verdammt...dann fahre ich ins Büro und versuche noch, eine Mütze Schlaf zu finden. Ruf mich an, wenn du was neues hast.“, forderte Semir und verschwand.


    ...

  • „Morgen ist es so weit. In gut 18 Stunden werden wir den Coup unseres Lebens landen.“, stieß Jo aus und klopfte Elias auf die Schulter. „Und das nur dank deiner Hilfe. Du wirst das Sicherheitssystem überwinden und wir werden uns diese hübschen kleinen Dinger hier holen.“ Jo rieb sich die Hände und sah kurz zu Ben. „Und den da werden wir dann als Täter einfach in den Schließraum einsperren.“, lachte er. „Sehr gut...und während die Bullen ihn verhören, machen wir uns aus dem Staub.“, stieß Jan erfreut aus. „Da...damit werden sie nicht durchkommen.“, keuchte Ben schmerzerfüllt vor sich her. „Sicherlich? Das werden wir ja sehen.“, höhnte Jo und ging auf Ben zu. „Ich habe dein Gesicht und deine Kollegen fressen mir bereits aus der Hand. Besonders der kleine Türke.“ „Nein...nein...nicht Semir.“, stieß Ben aus und biss sich wütend auf die Unterlippe. Er konnte nicht glauben, dass seine Kollegen ihn so wenig kannten. Vor allem nicht Semir. Nein, er kannte ihn besser als jeder andere. Er kannte ihn sogar besser, als sein eigener Vater. „Das...das ist nicht möglich.“, knurrte er und rüttelte an den Drahtfesseln. Ein fataler Fehler. Sofort schnitt der Draht in seine Haut ein und ritzte sich in den Verband hinein, denn auch über den war eine Wickelung gelegt worden. „Doch, das ist möglich. Dein kleiner Freund ist so blauäugig, dass er mir bereits aus der Hand frisst. Sollte es dennoch nicht der Fall sein, wird er sterben. Türken haben sowieso nichts bei der Polizei verloren.“, lachte Jo und holte ohne Vorwarnung mit der Faust aus, schlug in Bens Magengrube und verpasste ihm einen Kinnhaken. Der junge Hauptkommissar keuchte und hing nur noch in seinen Fesseln. „Und jetzt...halt die Klappe. Da kann man ja nicht richtig arbeiten bei.“ Jo sah seine Leute wieder an. „Also, hier ist der Plan für morgen...“


    Semir drehte sich unruhig auf der Pritsche im Bereitschaftsraum hin und her. Wirre, konfuse Träume brachten ihn um einen Ruhe tankenden Schlaf. Immer wieder schlug er ein Auge auf und blickte zu seiner Armbanduhr. Es war kurz vor sechs Uhr. Die ersten Kollegen der Frühschicht würden innerhalb der nächsten Stunde langsam hier eintrudeln während die Kollegen der Nachtschicht machten schon dauernd die Tür auf, um ihre Sachen zu holen und in den verdienten Feierabend gingen. Semir wusste nicht, ob er aufstehen oder liegen bleiben sollte. Um seine Nachtruhe war es sowieso schon geschehen. Nicht nur die Sache mit Ben beschäftigte ihn, jetzt auch noch seine Frau und die Kinder. Wie...wie konnte er nur wieder den Hochzeitstag vergessen? Würde sie ihm je wieder verzeihen? Natürlich würde sie das. Sie hat ihn immer wieder zurückgenommen. Doch, würde sie es auch dieses Mal tun? „Semir, was machst du denn hier?“, riss Susanne ihn aus den Gedanken. Der Hauptkommissar drehte sich um und blickte die Frau verschlafen an. „Ich...ich habe ein wenig geschlafen. Hab die halbe Nacht durchgemacht.“; erklärte er schnell. Susanne lehnte sich keck an den Rahmen und grinste leicht. „Du weißt aber schon, dass du keine Nachtschicht hast. Oh nein, du hast doch nicht etwa den Hochzeitstag vergessen oder?“ Wie auf Kommando ließ Semir seinen Kopf sinken. „Man Semir, wie kann man nur? Und nun ist Andrea natürlich abgehauen. Geschieht dir recht. Wieso kannst du an die einfachsten Dinge auch nicht denken?“ „Susanne bitte, ich hab jetzt keinen Nerv für Belehrungen.“, zischte Semir angesäuert, sprang auf und schnellte in sein Büro.
    Die letzten Stunden vergingen und Semir sah auf, als sein „Partner“ ins Büro kam. „Morgen Semir...schlecht geschlafen? Du siehst so fertig aus?“, fragte Ben und setzte sich auf seinen Stuhl, wollte zur Tastatur greifen, fand aber nichts vor. „Wo ist das Ding?“, fragte er und sah Semir an. „Bei der Spurensicherung. Ich sag es jetzt ganz offen...du bist nicht mein Partner. Mein Partner sitzt in irgendeinem Kellerloch, in dem du ihn gebracht hast.“, zischte Semir wütend und stand langsam auf. Ben lachte auf. „Was? Hast du getrunken? Oder schlecht geschlafen?“, wollte der Mann wissen. „Nein, ich blicke voll durch. Ich habe deine Fingerabdrücke mit denen meines Partners verglichen. Sie stimmen überhaupt nicht überein. Was sagt man dazu?“ Jo grinste nur. „Und das soll es gewesen sein? Das ist dein großer Beweis?“, lachte er und ging dicht auf den Deutschtürken zu, stellte sich genau vor Semir hin. „Weißt du, was ich dazu sage? Wenn du auch nur einen Mucks machst, dann ist dein Kollege tot. Und wenn du mir in den nächsten Stunden in die Quere kommst, dann ist er auch tot. So oder so...alles liegt jetzt bei dir, Türkchen.“, höhnte Jo und griff nach Semirs Waffe. Doch Semir packte die Hand des Mannes und drehte ihm den Arm auf den Rücken. Jo aber presste sich gegen den Griff, wandte ihn sogar um und drückte Semirs Oberkörper schmerzhaft auf die Schreibtischplatte. Der Deutschtürke bekam kaum noch Luft, seine Hand suchte auf dem Tisch nach einer Waffe, mit der er sich wehren konnte. Die Finger bekamen etwas zu fassen, doch der Mann zog ihn hoch. „Weißt du was? Eigentlich bist du mir zu gefährlich, wenn du frei herumläufst. Ich nehme dich mit. Dann kannst du deinen Kollegen wiedersehen.“ Ehe Semir sich versah, hatte er seine Waffe in der Seite und zog den Deutschtürke hoch. „Und los geht’s.“


    ...

  • Ehe Semir es sich versah saß er in seinen eigenen BMW und fuhr über die Autobahn. Neben ihm sein falscher Partner und seine gezückte Waffe, die direkt auf ihn gerichtet war. „Sagen sie mir, warum gerade Ben? Wieso nicht ich oder jemand anderes der Wache?“, versuchte Semir den Mann in ein ablenkendes Gespräch zu verwickeln. Er war nicht gefesselt, doch noch war keine Situation da, wo er den Kerl überwältigen konnte. „Das interessiert dich, oder? Ganz einfach, weil ich von ihm die meisten Fotos besaß. Ein Freund von mir hat ihn und seine Band fotografiert. Und da ich von Natur aus extrem neugierig bin, hab ich ihn noch mehr Fotos von deinem Freund machen lassen. Daraus hat dann ein Chirurg das hier gemacht. Ich muss sagen, das Gesicht steht mir.“, grinste der Mann und fuhr langsamer, als vor ihm einige Autos langsamer wurden. Semir merkte, wie unkonzentriert der Kerl war. Jetzt musste er schnell handeln.
    Blitzschnell holte Semir mit dem Bleistift aus und stach in die Hand, welche die Waffe hielt. Jo schrie auf und ließ die Waffe fallen. Die Überraschung war perfekt. Semir holte aus und schlug mit seinem Ellenbogen gegen die Nase des Mannes. Benommen blieb Jo im Wagen zurück, während Semir aus dem Wagen sprang und auf die Bäume zu rannte. Jo rappelte sich jedoch schnell wieder auf, sprang aus dem BMW und wollte hinterher, doch der Schlag war noch zu lähmend. Der Türke war zu weit weg, als dass Jo ihn noch hätte einholen können. Seine Hand blutete, der Bleistift steckte nich im Fleisch. Jo zog das Schreibgerät aus der Hand, verband sie provisorisch und machte sich auf den Weg. Niemand würde ihn noch aufhalten können. Sein Plan war festgemacht und straff. Er konnte sich jetzt nicht um den Türken kümmern. Er musste zu den anderen zurück und sich dann auf den Plan konzentrieren. Das war jetzt wichtiger, als alles andere.


    Semir sah aus einem sicheren Versteck zum BMW, wie er sich wieder in Bewegung setzte. Dieser Mistkerl hätte ihn fast gehabt. Doch nun war Ben noch mehr in Gefahr. Er musste zurück und die Chefin informieren. Sie wusste ja noch nichts von alledem. Als der BMW entgültig verschwunden war, rannte der Kommissar wieder auf die Autobahn und versuchte, einen Wagen anzuhalten. Eine junge Frau erbarmte sich, hielt an und öffnete die Beifahrertür. „Hallo...bitte helfen sie mir. Ich bin Polizist und hatte mit meinem Wagen einen Unfall. Können sie mich zur Polizeistation der Autobahnpolizei bringen?“, fragte Semir und schwang sich, ohne eine Antwort abzuwarten, in den Beifahrersitz. „Sicher, aber warum nehmen sie nicht ihr Funkgerät oder ihr Handy und rufen um Hilfe? Ist doch einfacher, als einen Unbekannten anzuhalten, oder?“ Semir schluckte. Er würde in den Augen dieser Frau ziemlich dumm aussehen, wenn er ihr die Wahrheit sagte. „Mein Handy liegt auf dem Schreibtisch und mein Funkgerät ist bei dem Unfall kaputt gegangen.“, erklärte er schnell und bat sie nun darum, loszufahren. Einige Minuten später bog der Wagen auf den Parkplatz der PASt und Semir schnellte, nicht ohne sich für die Hilfe freundlich zu bedanken, auf die Tür und auf das Büro der Chefin zu.
    „Chefin, glauben sie mir jetzt? Das ist Bens Blut und diese Kratzspuren hat Hartmut an der Terrassentür der neuen Wohnung gefunden. Und dann die Fingerspuren auf der Tastatur. Der Mann, der hier in den letzten Tagen als Ben auftrat, war nicht Ben.“, redete Semir immer wieder auf Kim Krüger ein. Sie sah auf die Beweise und musste zugeben, dass der Mann recht hatte. Die Beweislage sah danach aus. Vor allem die Fingerabdrücke überzeugten sie. „Gut Semir, und was hat dieser Doppelgänger vor?“, fragte Kim mit ruhiger Stimme. Semir setzte an, öffnete schon den Mund doch er musste passen. „Okay...sie sagen, er ist mit ihrem Wagen weg? Dann soll Susanne das Signal verfolgen. Sicherlich kriegen wir so einen Anhaltspunkt.“, meinte Kim und stand auf. „Bis dahin nehmen sie Bens Mercedes. Aber Semir...einen Kratzer am Wagen und sie können die nächsten Wochen die gesamte Flotte der PASt mit der Hand waschen. Haben wir uns verstanden?“, zischte Kim. Semir schluckte und nickte heftig. „Haben wir, Chefin. Ich hab verstanden.“


    ...

  • Ben blickte sich benommen um, als er von den Männern losgebunden wurde. Einer stand vor ihm und zielte mit einer Waffe auf den jungen Hauptkommissar. Doch Ben war zu geschwächt, als dass er was gegen diese Übermacht unternehmen konnte. Seine Handgelenke waren von den Drahtschlingen zu zerschunden, als dass er sie hätte effektiv im Kampf einsetzen können. „Los Bulle, jetzt geht es für dich zu einem ganz besonderen Ort. Da wirst du aber nicht lange bleiben.“, höhnte Sascha und schlug Ben auf die verletzte Schulter. „Aaahhh...“, stieß dieser aus und fiel nach vorne über, doch die Gangster hielten ihn fest im Griff, drehten ihm die Arme auf den Rücken und umschlangen seine Handgelenke mit Baumwollseilen. „Und jetzt vorwärts. Wir wollen nicht zu spät kommen.“, grinste Jan die anderen an und stieß Ben nach vorne. Dieser taumelte einige Schritte, blieb dann stehen, um sich zu stabilisieren, aber schon folgte der nächste Schlag in die Seite. „Beweg dich...wir haben nicht viel Zeit.“, zischte Sascha und riss die Türen eines Transporters auf. „So? Wo soll es denn hingehen? Ich möchte wenigstens wissen, wo mein Grab ist.“, knurrte Ben und sah den Mann herausfordernd an.
    „Das wirst du schon sehen. Nur so viel...für dich wird es ein sehr, sehr ungemütliches Grab. Keine Sorge, dafür werde ich schon selbst sorgen.“, grinste ihn der Söldner an. Ben schluckte. „So? Dann wird es ja besser, als hier werden. Wenn ihr es so anstellt, wie vorhin, kann ich ja leicht entkommen.“, reizte er seine Bewacher. „Keine Sorge...ich werde dich so fertig machen, dass du dich nicht von der Stelle bewegen kannst.“, knurrte Sascha und stieß den jungen Hauptkommissar auf die Ladefläche. Wenig später knallten die Türen zu und der Wagen setzte sich in Bewegung. Ben wurde durch die hektische Fahrtbewegungen immer wieder hin und her geworfen. Seine Beine waren nicht gefesselt. Also versuchte er, aufzustehen und seine Handfesseln an eine der scharfen Kanten durchzuscheuern, doch der Fahrer vorne schien ihn ärgern zu wollen. Immer wieder wurde Ben auf den Hintern geworfen, fiel ein Mal sogar auf seine Wunde und merkte, wie sie aufplatzte. Das Blut saugte sich durch sein Shirt und den Pullover und lief an seinem Körper entlang. Ben biss sich auf die Unterlippe, versuchte den Schmerz zu unterdrücken. Er musste erst einmal hier raus. Sie würden ihn töten, das war klar. Plötzlich hörte das Schlingern und Poltern auf. Sie mussten auf einer asphaltierten Straße gelandet sein. Jetzt konnte Ben seine Fesseln weiter bearbeiten. Hoffentlich war es nicht zu spät, bevor sie ankamen.


    Semir fuhr ziellos über die Autobahn. Noch immer war keine Nachricht über seinen Wagen eingetroffen. Das Radio lief nebenbei. „Morgen soll der große, goldene Schrein der Heiligen Drei Könige aus der Restaurationswerkstatt wieder in den Kölner Dom überführt werden. Die Reliquie wurde von Kölner Studenten und Professoren restauriert, neue Goldplatten aufgetragen und das Eichenholz erneuert. Der Konvoi wird den Domvorplatz um genau 14 Uhr erreichen. Mit dem Einzug des Schreins wird eine Prozession des Kölner Erzbischofs stattfinden, der die restaurierte Reliquie erneut weihen wird, ehe sie in einem neuen Sicherheitsglasschrank dem Publikum zugänglich gemacht wird. Momentan befindet sich der Schrein in der Kunst- und Restaurationsakademie Köln-Deutz.“ Semir stutzte. Ob das, das Ziel von diesem Jo ist? Aber, wofür sollte er dann einen Sicherheitssystemsprofi wie Elias Holst? „Semir...“, rief ihn Susanne über Funk. Semir verwarf seine Gedanken und griff nach dem Funkgerät. „Susanne, was gibt es?“ „Wir haben deinen Wagen gefunden. Er war auf einem Parkdeck in der Innenstadt abgestellt.“, erklärte die Sekretärin. Semir stutzte. „In der Innenstadt? In welcher Nähe denn? Was liegt in der Nähe?“, fragte er und fuhr auf die Ausfahrt zur Innenstadt. „Unweit des Bahnhofs Köln-Deutz.“, erklärte Susanne. „Okay, ich fahre sofort hin.“, gab Semir bekannt und hängte das Gerät wieder ein. Er brauchte keine halbe Stunde, ehe er am Bahnhof Deutz eintraf.
    Da stand Semirs BMW, vollkommen verlassen, doch von Bens Doppelgänger keine Spur. „Susanne...ich brauche die Kollegen hier. Die sollen die Überwachungsbänder des Bahnhofsvorplatzes durchsehen. Irgendwohin muss der Kerl ja verschwunden sein.“, forderte Semir. „Geht klar...ich schicke dir Hartmut und sein Team sofort los.“ Semir sah sich um und erblickte die Kunstakademie. Unweigerlich musste er an den Radiobericht denken. War das Ziel vielleicht doch nicht so abwegig? Doch wie sollten sie sich Zutritt dazu verschaffen? Semir grübelte und kam zu keinem nennenswerten Ergebnis. Dann aber fiel ihm eine Bemerkung ein. Ben hatte doch von einem Sicherheitscheck geredet, den er auf einen Gefallen hin machen sollte. Was, wenn der Check genau dort war und sie deshalb Bens Gesicht brauchten? Sofort war Semir klar, dass das die Lösung war. „Susanne, ich brauche sofort alle verfügbaren Kräfte an der Kunstakademie in Deutz.“, stieß er im Rennen durch sein Handy aus. „Sorry Semir, aber alle Kräfte sind an einem schweren Unfall mit mehreren Fahrzeugen gebunden.“ „Dann schick mir irgendwen. Ich brauche hier Streifenhörnchen.“, forderte er und legte wieder auf. Hoffentlich kam er nicht zu spät.


    ...

  • Jo streckte die Arme aus, als sie im riesigen Raum standen. „Das ist der Hauptgewinn.“, jauchzte er und sah sich um. Sie waren mitten in der Schließfachkammer der Kölner Noten- und Sicherheitsbank. Die Männer sahen sich um. Überall auf den Tischen lagen vereinzelte Banknoten herum. „Okay...Elias, schließ das Sicherheitssystem kurz. Dann räumt die Schließfächer aus. Es darf nichts mehr übrig bleiben.“ Er wandte sich zu Ben um. „Und du...du wirst für das alles verantwortlich sein.“, grinste er. Ben lachte kurz auf. „Da bin ich mir nicht so sicher. Die Überwachungsbänder sagen etwas anderes. Zwei mit meinem Gesicht...das fällt auf wie ein Fuchs im Hühnerstall.“ „Die Kameras? Du machst dir echt Sorgen um die Kameras?“, lachte Jo und packte Bens Gesicht, riss es zur Seite rum und zwang ihn in die Ecken zu schauen. „Sieh genau hin. Die sind auf dein Sicherheitskonzept zwar eingegangen, aber zu spät. Die Kabel sind noch nicht verbunden.“, höhnte Jo seine Geisel an. Ben weitete seine Augen. „Darum ging es also. Deshalb hast du mein Gesicht kopiert. Es ging hier gar nicht um die PASt sondern um das hier.“, stieß Ben wütend aus und zerrte an seinen Fesseln, näherte sich Jo und sah ihn finster an. „Du hast es durchschaut. Und dein Kollege wird hier nicht auftauchen. Ich hab seinen Wagen dort abgestellt, wo er denken muss, dass wir zuschlagen. Bis er das merkt, dass er falsch liegt, sind wir hier fertig.“, lachte Jo und sah Jan und Sascha an. „Bindet ihn fest und dann macht euch an die Schließfächer.“, forderte er.


    Semir rannte mit seinem gezückten Dienstausweis auf die Akademie zu und warf sich gegen die Scheibe der Tür. „Hallo...hier ist die Polizei. Machen sie bitte auf.“, forderte er schreiend und schlug immer wieder gegen die Scheibe. „Hey, geht’s noch?“, schrie der Wachmann von innen und kam auf die Tür zu. „Das hier ist eine Kunstakademie und keine Boxhalle.“, fauchte er. „Aber das ist ein Notfall. Ich muss sofort den Schreiben sehen.“, stieß Semir aus und hielt seinen Ausweis noch immer gegen die Scheibe. Der Beamte sah misstrauisch hindurch und schloss dann auf. „Was wollen sie denn sehen? Können sie nicht warten, bis morgen wie alle anderen auch.“, knurrte er. „Nein, das kann ich nicht. Es geht um einen geplanten Einbruch. Ich muss zu dem Sicherheitsbeamten, der mit einem Ben Jäger das Sicherheitskonzept durchgegangen ist.“, stieß Semir aus und ging auf den Mann zu. „Ben Jäger? Wir haben keinen Ben Jäger beauftragt. Das war ein Beamter vom LKA und der hieß Peter Frühwald und nicht Ben Jäger.“, erklärte der Mann. Semir stutzte. „Was? Aber...okay, zeigen sie mir dennoch den Schrein. Ich will sehen, ob auch alles in Ordnung ist.“, forderte Semir und sah ihn herausfordernd an. Der Wachmann blickte sich nachdenklich um und grummelte dann irgendwas in seinen Bart. „Na gut...kommen sie mit.“, forderte er, zückte seine Schlüssel und ging voraus.
    Semir folgte ihm durch mehrere Türen, die sich sofort wieder hinter ihnen schlossen. Bald standen sie in einem vollkommen abgeschirmten Raum. Vor ihnen das große, mit Gold beschlagene Kunstwerk aus dem Kölner Dom. Obwohl Semir mit der Kirche durch seiner Herkunft gar nichts am Hut hatte, musste er doch staunen. Dass dieses Ding mehr als 800 Jahre als war, wurde ihm jetzt erst bewusst, als er diese Pracht vor sich aufblitzen sah. Der Sarkophag war wie eine Kirche gestaltet, der Deckel spitz zulaufend und mit den typischen Dachverzierungen einer gotischen Kirche. „Da sehen sie... es ist alles in Ordnung.“, erklärte der Mann. Der Hauptkommissar konnte nur nicken. Also hatte er sich doch geirrt, aber wo war sein Partner dann als Sicherheitsberater eingesetzt? Das Handy von ihm klingelte. „Susanne, was gibt’s?“, wollte Semir wissen. „Semir, ich habe herausgefunden, wo Ben eingesetzt war. Die Kölner Noten- und Sicherheitsbank hatte ihn angefordert und die Chefin hat in dann abgestellt.“, erklärte sie. „Okay...ich fahre sofort hin. Hier in der Kunstakademie ist nichts. Also werden sie da sein.“, stieß Semir aus und rannte die Stufen wieder hinauf, ließ den Wachmann einfach unten stehen. Jetzt galt jede Sekunde. Semir musste rechtzeitig zu Hilfe eilen. Es war klar, dass diese Kerle Ben töten würden, wenn er seinen Zweck erfüllt hatte.


    Ben wurde auf einen Stuhl gesetzt und musste mit ansehen, wie die Verbrecherbande ein Schließfach nach dem anderen öffnete, den Inhalt in große Taschen verstaute und auch vor den Banknoten auf den Tischen keinen Halt machte. Nach einer guten Stunde waren alle Schließfächer geöffnet und die Wertgegenstände ausgeräumt. Ben hatte gesehen, wie mehrere Wertpapiere, Schmuckkästen und Geldbeträge in die großen Taschen verschwanden. Nun kam Jo wieder auf ihn zu und grinste ihn nur an. „So Bürschchen...jetzt bist du dran.“, lachte er und nickte Jan zu. Ben drehte den Kopf. Was kam jetzt? Würden sie ihn einfach abknallen? Oder würden sie sich was perfideres ausdenken, um ihn loszuwerden? „Ich dachte mir, ich liefere den Bankleuten gleich den Täter mit. Sie haben dich ja nur mit Kapuze gesehen, als wir rein gingen...jetzt bekommst du neue Sachen...meine....und dann...dann werden wir diese kleinen Dinger hier anbringen. Sie haben einen Countdown von 15 Minuten. Danach wird hier einiges durcheinander geraten, um es mal vorsichtig auszudrücken.“, grinste Jo ihn an. Ben hob den Kopf und sah auf die kleinen Sprengminen. Ihm wurde ganz anders. Er kannte diese kleinen Dinger schon von früheren Einsätzen beim LKA. Damals war er in der Antiterroreinheit als Praktikant und da hatte man ihm solche kleinen Dinger gezeigt. Er wusste noch zu gut, was für eine Sprengkraft nur eine dieser Minen hatte. „Glaub mir, du wirst schon sterben, aber dein Körper wird soweit erhalten bleiben, dass eine Identifizierung möglich ist.“, lachte Jo und kniff Ben in die Wange. Dieser wehrte sich, zog seinen Kopf zurück. Sofort wurde er aber von den anderen gepackt und mit seinem Stuhl, an den er nun vollkommen gefesselt wurde, in die Mitte des Raumes gestellt. „Dann stirb gut.“, lachte Jo, zog sich eine Maske auf und ging mit den anderen aus dem Kellerraum, während Jan den Countdown der Minen einstellte und verschwand. „Schrei nur...es wird dich niemand hören.“, lachte er und verschwand ebenfalls.


    ...

  • Ben zog und zerrte an seinen Fesseln. Er war bereits am Ende seiner Kräfte. Der Durchschuss machte sich wieder bemerkbar. Das Blut sickerte wieder aus der Wunde. Sie war wieder aufgebrochen und der rote Lebenssaft sog sich in dieses ekelhafte Kapuzenshirt hinein, das man ihm noch im Transporter mit Gewalt übergestülpt hatte. Doch so leicht wollte er nicht aufgeben. Warum kam Semir nicht? Wieso rettete sein Partner ihn nicht? Er kam doch immer, wenn er in Schwierigkeiten war. Ben sah auf die Timer und wurde immer bleicher. „Semir, wo du auch bist, langsam wird es Zeit, mich zu retten.“, stieß er aus und versuchte ein letztes Mal seine Fesseln loszuwerden. Doch es gelang nicht. Nicht einmal die Bankangestellten konnten helfen. Dieser Mistkerl hatte sie in einen großen Raum gesperrt, ihnen alle Handys abgenommen und die Telefonverbindungen gekappt. Wenn jetzt nicht ein Wunder geschieht, dann war er tot. „Semir...komm bitte schnell.“


    Semir sah sich gehetzt nach einem Wagen um. Die Noten- und Sicherheitsbank war eine gute Autofahrt von 20 Minuten entfernt, vorausgesetzt der Verkehr spielte mit. Und in Köln war das selten der Fall. „Hey...hey...sofort anhalten...ich brauch ihr Auto.“, hielt Semir einen Taxifahrer an, der gerade auf einen Parkplatz fuhr. „Hey man...das ist nicht mein Auto. Das ist das Auto meines Bosses. Ich bin nur angestellt.“, stieß der junge Schwarzafrikaner aus. „Okay Dschungelkönig...ich bring es dir in einem Stück wieder. Versprochen...“, versicherte Semir und riss dem Mann die Wagenschlüssel aus der Hand. „Hey, was soll das? Das ist Carnapping...Polizei! Polizei!“, schrie der Schwarze und reagierte sich erst wieder ab, als Semir ihm seinen Ausweis unter die Nase hielt. „Okay, alles easy...du willst mein Taxi...nimm es dir.“ Semir nickte und stieg in das Taxi ein, startete den Motor und rauschte davon.
    Der Verkehr war zäh und das Taxi kam kaum von der Stelle. „Verdammt...macht den Weg frei.“, schrie Semir und schlug auf die Hupe. Doch es nutzte nichts. Der Verkehr vor ihm wich nicht aus. Jetzt reicht es mir, dachte Semir und fuhr auf den Bürgersteig, brach durch eine Absperrung und rauschte über die festgefahrene Kreuzung. Wütende Passanten drohten hinter ihm her, Autofahrer stießen in die Eisen und ein Lkw bremste und verriss das Lenkrad so stark, dass er in eine Kaufhausfassade krachte. Semir sah das Chaos hinter sich im Rückspiegel, doch es war ihm egal. Er musste zu dieser Bank. Wer weiß, in was für eine brenzlige Situation Ben dort geraten würde. Diese Kerle würden doch nicht lange fackeln und ihn sofort „entsorgen“. Was auch immer vorhin dort an der Kreuzung war, jetzt war die Strecke vollkommen frei. „Chefin, ich bin's. Ich brauche sofort Unterstützung zur Noten- und Sicherheitsbank in Köln. Ben könnte dort in großer Gefahr sein.“, stieß er in sein Telefon aus, nachdem sich die Chefin endlich am anderen Ende gemeldet hatte. „Könnte? Semir, das ist nicht wirklich...“ „Verdammt Frau Krüger...mehr hab ich aber nicht. Und wenn sie nicht wollen, dass sie zwei Kommissare auf dem Gewissen haben, dann schicken sie mir jetzt die verdammte Verstärkung.“, stieß Semir wütend aus und warf sein Handy zornig auf den Beifahrersitz.


    Ben hing in seinem Stuhl und blickte auf den Countdown . Nur noch sieben Minuten blieben ihm, bevor die Decke auf seinen Kopf herunterkam. „Das sollen jetzt also noch die letzten sieben Minuten meines Lebens sein.“, dachte er laut und versuchte noch einmal, sich von seinen Fesseln zu befreien. Es half aber nichts. Sie hielten ihn fest am Stuhl. Nur noch ein Wunder konnte ihm helfen. „Semir, bitte...bitte komm und hilf mir.“; flehte er inständig. Die Uhr lief unaufhaltsam weiter runter. Nur noch fünf Minuten und er war tot. Ben konnte nicht anders. Ihm lief eine Träne über die Wange und benetzte seine Bartstoppeln. War es das jetzt entgültig? Sollte das sein Leben gewesen sein? Mit 33 Jahren? Gerade jetzt, wo er heiraten wollte. Seine Emily. Mit ihr eine Familie gründen wollten. Und was sollte er dort oben im Himmel dem Schöpfer schon sagen, wenn er ihn fragen würde, was er in seinem Leben angestellt hatte? Als Polizist gestorben...einem teuflischen Plan zum Opfer gefallen. Und das alles für die Gerechtigkeit? Ein nobler Tod und doch ein so früher und sinnlos. Wieso musste er hier sitzen? Nur, weil er mal wieder zur falschen Zeit am falschen Ort war. War es das wieder wert?


    ...

  • Plötzlich hörte er Schritte auf der Treppe. Wer war da? Kam jetzt endlich seine Rettung? „Hey...hier...hier bin ich.“, schrie er aus voller Kehle. Schon hörte er, wie die Schritte näher kamen und er plötzlich eine Stimme hörte, die ihn erleichternd aufatmen ließ. „Ben? Ben...da bist du ja endlich.“, stieß Semir aus und stieß die letzte Gittertür auf. „Semir, wir müssen hier schnell raus. An den Pfeilern sind Haftminen und die gehen in weniger als drei Minuten hoch.“, keuchte der junge Hauptkommissar, erleichtert und vollkommen glücklich, seinen Partner an seiner Seite zu sehen. Semir sah sich erschrocken um und entdeckte die Zündvorrichtungen. „Oh große Scheiße...“, stieß er aus, befreite seinen Partner von den Fesseln und nahm ihn auf seine Schulter. „Man...du bist dick geworden...“, keuchte er und rannte mit ihm nach oben. „Was ist mit den Bankangestellten? Die sind noch oben drin...“ „Die haben die Kollegen schon befreit. Jetzt sind nur noch wir beide hier drin.“, erwiderte Semir und griff nach der Drehtür, als eine riesige Detonation das Gebäude erschütterte. Wie ausgewechselt riss er die Tür auf, schnellte mit seinem Partner nach draußen und flog durch die Luft, als die Druckwelle ihn nach vorne warf. Semir schlug auf den Asphalt auf und fing Ben auf, als er sich umdrehte. Der schwere Körper des großen Hauptkommissars drückte Semir mehrere Sekunden lang die Luft ab. „Geh runter...du bist schwer.“ „Ja, ich lieb dich auch, Schnuckelchen...“, keuchte Ben nur und rappelte sich langsam wieder hoch. Doch dann sank er auf die Knie. „Ben...Ben, was ist mit dir?“, stieß Semir sofort auf und fasste auf die Schulter. Er zuckte zurück, als er merkte, wie sein Freund zitterte. Die Hand war mit Blut verschmiert.


    „Ben...verdammt... was haben dir die Kerle angetan?“, stieß Semir aus und legte seinen Partner vorsichtig auf den Rücken ab. „Sie...sie haben mich erwischt, als ich...als ich fliehen wollte. Die Kugel...sie...sie ging durch mich durch...“, keuchte der junge Hauptkommissar und drehte sich schlagartig zur Seite. „Die haben mir ein heißes Eisen auf die Haut gedrückt...es brannte höllisch.“, presste er durch die Zähne hervor. Semir sah seinen geschwächten Partner an und konnte nichts machen. „Schnell...ich brauche einen Arzt. Ruft einen Arzt.“, schrie er den Kollegen entgegen und drehte sich wieder zu Ben um. „Ich...ich muss mir die Wunde ansehen. Nur ansehen...“ Ben nickte und Semir beugte sich vorsichtig über ihn. Auf dem Rücken war eine kreisrunde Stelle vollkommen rot und blutig. „Sie ist wieder aufgebrochen. Du blutest stark. Ich muss die Blutung stoppen, sonst hast du nicht mehr lange zu leben.“ Ben nickte und biss sich die Unterlippe blutig, als ihn eine Schmerzwelle überrollte. Semir zog sich seine Jacke und den Pullover aus. Obwohl es draußen bereits wieder einige Grad Plus waren, doch der Wind war eisig und biss ihn förmlich in die entblößte Brust. Doch es war ihm egal. Er musste einfach Ben helfen. Die Jacke war schnell wieder angezogen und bis zum letzten Loch geschlossen. Der Pullover, den er von seiner Frau zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, wurde in mehreren Streifen zerrissen und auf die Wunde gepresst. Ben stöhnte auf uns krümmte sich. „Bleib ruhig liegen, sonst kann ich die Wunde nicht fest genug abbinden.“ Semir wickelte mehrere Fetzen um Bens Oberkörper. „Wo bleibt der Arzt?“, stieß Semir aus und festigte den provisorischen Verband mit einem guten Knoten.
    Wenige Minuten später kam der Arzt und übernahm Bens Behandlung. „Semir...wir...wir waren irgendwo in einer Werft oder einem Hafengebäude. Ich...ich konnte bei meiner kurzen Flucht nahe gelegene Schnellzuggeräusche hören.“, stieß Ben mit letzter Kraft aus, bevor er von dem Mediziner in einen Krankenwagen geschoben wurde. „Weißt du, wo das sein könnte?“ Doch Ben schüttelte den Kopf. „Gut, ich werde Susanne dran setzen. Wie lange ward ihr bis hierher unterwegs?“ „Ungefähr...eine...eine halbe Stunde...“, kam es schwach von Ben. „Bitte...der Patient braucht Ruhe...sie können in ein paar Stunden mit ihm wieder reden. Jetzt muss er in den OP.“, stieß der Notarzt aus und ließ anfahren. Mit Blaulicht und lautem Getöse brauste der Rettungswagen davon. „Susanne...ich brauche alle Adressen von Werften oder Hafenanlagen, die neben oder in der Nähe einer Bahnanlage liegen.“, forderte Semir. „Geht klar, mach ich mich sofort ran. Semir, die Kollegen haben einen dunklen Transporter mit überhöhter Geschwindigkeit gemeldet. Bei der Verfolgung wurden die Kollegen beschossen und mussten daraufhin die Verfolgung abbrechen. Sie sagen, er sei auf den Weg nach Duisburg.“ „Ich bin sofort auf dem Weg.“, erklärte Semir und forderte Verstärkung an, ehe er sich in Bens Mercedes schwang und mit eingeschaltetem Blaulicht über die Straßen bretterte. „Euch krieg ich schon...da seid euch mal sicher.“, stieß er aus.


    Jo sah auf die Uhr. „Unser kleiner Doppelgänger dürfte nun schon bei den Engeln singen.“, lachte er und blickte durch die Scheibe in den hinteren Teil des Busses. „Alles klar? Geht es Jan gut?“, fragte er. Sascha sah auf und hielt einen blutverschmierten Lappen hoch. „Nicht so gut...die Bullen haben ihn direkt in Höhe des Bauchnabels getroffen. Ich glaub, die haben seine Niere getroffen.“, stieß er aus. „Dann lass ihn. Umso weniger müssen wir das teilen, was wir haben mitgehen lassen.“, erklärte Jo ohne mit der Wimper zu zucken. „Du willst ihn einfach krepieren lassen? Das...das kann doch nicht dein Ernst sein. Immerhin hat er diesen Computerfreak aus dem JVA-Bus geholt. Und das unter großen Beschuss der Bullen.“, stieß Sascha aus und sah im nächsten Moment in einen Waffenlauf. „Willst du mir wirklich sagen, was ich zu tun und zu lassen habe?“, fragte Jo und spannte langsam den Hahn. Sascha schluckte. Schweiß trat auf die Stirn und lief wie ein Wasserfall über das Gesicht. Drückte der Kerl wirklich ab?


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