Der ungebetene Gast


  • Düster und trüb lag der Nebel über Londons Hafen. Die Dunkelheit hatte die größte Stadt Europas eingehüllt. Das fahle Licht einer Laterne fiel auf den dunklen Trenchcoat des Mannes. Gespenstisch leuchtete eine Zigarette auf. Ruhig blickten sich zwei eisblaue Augen um. Der wabbelige Nebel ließ aber keine Sicht über 60 Meter zu. Er war hier, hier wegen seines Berufs. Das hier war seine große Story. Ganz und gar seine. Schon zu lange hatte sich Felix auf eine große Story gefreut und jetzt war es endlich so weit. Ein Wagen fuhr soweit vor, dass nur die Scheinwerfer zu sehen waren. Diese blinkten zwei Mal auf und der Wagen fuhr vor. Still, kaum ein merkliches Geräusch kam von den Reifen, als sie über den Splitt rollten. Felix drückte die Zigarette aus und trat aus dem Licht der Laterne an das Fenster heran. „Haben sie es?“, wollte Felix wissen. Ein graues Kuvert wanderte ans Fenster. „Haben sie das Geld?“, forderte eine mechanische Stimme. Felix blickte kurz auf und sah nur zwei Augen, der Rest des Gesichtes schien mit einem schwarzen Schal vermummt zu sein. „Erst will ich die Dokumente sehen. Dann das Geld.“, knurrte Felix nur. Es war hoch gepokert, das wusste er. Der Kontakt konnte sein Angebot wieder zurückziehen. Der junge Journalist wartete, was der Mann nun tun würde. „Gut...“, zischte die Stimme zurück. Felix war erleichtert .Er nahm sich das Kuvert und riss es auf. Seine Augen wanderten gierig über die Zeilen, dass er nicht mitbekam, was der Mann in seinem Auto tat. „Okay, hier haben sie ihr Geld.“, meinte der junge Mann nur und reichte einen prall gefüllten Umschlag in das Auto hinein. „Behalte dein Geld, du Judas...“, fauchte die Stimme und schoss. Die Augen des jungen Journalisten weiteten sich. Blut spritzte aus der Wunde, benetzte die Außenhülle des Wagens und die Seitenscheibe. „You silly Idiot.“, knurrte der Mann nur, zog sich den Schal vom Gesicht und schnappte sich schnellstens die Dokumente und das Geld. Felix Hand hatte sich aber schon zu fest um einen Schein gekrallt. Der mysteriöse Mann mit dem Schal musste den Schein zurücklassen und verschwand in die Dunkelheit der Londoner City.


    „Semir, wo ist Ben?“, fragte Kim, als sie in der Tür des Büros der Kommissare stand. Semir sah auf und drehte sich mit seinem Stuhl zur Chefin um. „Er hat ihnen doch gesagt, dass er heute später kommt. Es ist heute doch sein letzter Urlaubstag. Ein halber Tag.“, erwiderte Semir nur und grinste. Ein halber Tag. Ben kam sowieso immer zu spät. Aber jetzt ein halber Tag, das hieß, Semir holte ihn auf eine seiner Runden ab, fuhr mit Ben ins Büro und konnte dann den Rest des Tages Bens Reisebericht lauschen. „Stimmt ja...okay, wenn er hier ist, kommen sie bitte beide in mein Büro. Es gibt da etwas zu klären.“, erklärte Kim nur und ging wieder. „Alles klar, Chefin.“, rief der Deutschtürke ihr nach und widmete sich dann wieder seiner angehäuften Arbeit...Berichte schreiben, wie er es hasste. Aber einer musste es ja machen. Und wenn nicht er, wer dann?


    Emily grinste Ben vergnügt an. „Ich freu mich schon auf das Wochenende mit dir. Schade, dass unser Urlaub um drei schon zu Ende ist.“ „Ja, das finde ich auch. Aber bis dahin ist ja noch etwas Zeit.“, erwiderte Ben lächelnd und zog sie dicht an sich. Seine starken Arme schlangen sich um sie herum. „Ich liebe dich. Du bist der einzige Lichtpunkt in meinem Leben.“, säuselte er und küsste sie voller Leidenschaft. Emily ließ das Ganze geschehen. Keiner der Beiden ahnte, dass sie in diesem Moment beobachtet wurden. Vom Dach auf der anderen Straßenseite blickten zwei stechende Augen durch ein Fernglas. „Da ist sie...das Objekt unsrer Begierde.“, meinte Roger und ließ das Glas sinken. Seine beiden Begleiter sahen ihn an. „Unser Auftraggeber will, dass wir das Mädchen entführen, das habe ich schon verstanden. Aber warum sollen wir sie hier entführen und sie dann über drei Grenzen nach England schaffen?“, wollte Jason, der Jüngste aus dieser Bande, wissen. „Weil diese Leute gutes Geld dafür bezahlen. Und jetzt halte die Klappe oder ich reiße dir eigenhändig die Zunge raus.“, knurrte Roger nur und wandte sich dann an Ian. „Und du bist dir sicher, dass sie heute ab drei Uhr alleine ist?“ „Ganz sicher. Immerhin hat meine Technik noch nie versagt oder?“, grinste der Mann und hielt einen kleinen Empfänger hoch. „Gut, dann gehen wir vorher rüber, warten in der Tiefgarage und holen sie uns dann. Wir parken den Wagen in der Tiefgarage. Und nehmt einige Kleider von ihr mit und stiftet Unordnung. Es muss wie ein Einbruch mit Entführung aussehen. Auf die Kleider schmieren wir dann Blut und packen sie irgendwo hin, wo man sie schnell findet. So wird ihr Lebensgefährte denken, sie sei ermordet und verscharrt.“, erklärte Roger nur und bekam dabei leuchtende Augen, dass es den anderen beiden eiskalt den Rücken hinunterlief.


    ...

  • „Zeigt mal her...“, forderte Alec Jordan und nahm den Schein in seine Hand, hielt in gegen den Schein einer grellen Lampe. „Wirklich allerbeste Ware. Sehr gut...ich bin zufrieden.“, lächelte er nur und steckte dann den Schein zurück zu den anderen. „Die Lieferung für unsere Vertragspartner drüben auf dem Kontinent ist fast komplett. Nur noch ein paar Tage. Was ist mit den Transportmöglichkeiten?“, wollte der Vorarbeiter wissen. „Keine Sorge, Daniel Christie wird schon dafür sorgen, dass unsere Ware sicher in Bremerhaven ankommt. Von da an übernehmen unsere Mittelsmänner das und bringen es nach...wie heißt die Stadt mit dieser großen Kirche noch mal? Direkt am Rhein?“ „Köln, glaub ich...“ „Genau...dorthin werden sie es bringen und dann, dann haben wir schon ein Ziel erreicht.“, grinste Jordan nur. „Aber wie wollt ihr das anstellen? Ich meine, Christie ist verstockt und hat uns das letzte Mal fast verraten. An diesen Journalisten...erinnert euch.“, warnte der Vorarbeiter. „Ja, ich weiß. Aber dieses Mal habe ich einen Pfand in der Hand, der es mir erlaubt, ihm Bedingungen zu stellen.“, grinste Jordan nur und verließ die Werkstatt. Dieses Mal würde sein Vorhaben gelingen. Er hatte so viel Geld in die Sache gesteckt. Jetzt durfte nichts mehr schief gehen. Nein, es konnte einfach nichts mehr schief gehen. Alles war bis ins Kleinste geplant. Nichts lief mehr aus dem Ruder. Und das musste auch so bleiben.


    Detective Inspector Joshua Etheridge fuhr mit seinem dunklen Jaguar zu den Docks hinunter. Das Blaulicht auf seinem Dach war schon seit der letzten Ampel ausgeschaltet. Ein Kollege hob das blau-weiße Absperrband und winkte dem Inspector kurz zu. Joshua erwiderte den Gruß und lenkte seinen Wagen lässig mit der Handfläche in eine Ecke und stoppte. Mit jugendlicher Leichtigkeit schwang er sich aus dem Fahrzeug, ließ die Zentralverriegelung einrasten und klappte den Kragen seiner Lederjacke hoch. Die ausgewaschene Jeans lag passgerecht an den Beinen und der Hüfte an. Das schwarze Shirt mit der Aufschrift seiner Lieblingsband war etwas ausgewaschen, doch das störte ihn nicht. Die schulterlangen, hellbraunen Haare hüpften bei jedem Schritt mit seinen schwarzweißen Sneakers auf und ab. Sein markantes Gesicht zierte eine kleine kaum sichtbaren Narbe an der Kinnspitze und einige Kratzer vom Rasierer.
    „Hallo Josh...sieht schlimm aus, oder?“, begrüßte ihn der Gerichtsmediziner, der im Dreck neben der Leiche kniete. „Nicht sehr schön. So wie es aussieht, ging die Kugel ins Herz?“, fragte er und sah den Pathologen an. Dieser lächelte leicht. „Nicht schlecht, Josh, nicht schleicht. Aber leider falsch. Die Kugel hat die Lunge zerfetzt. Deswegen hier auch das viele Blut. Er ist verblutet und ausgelaufen. Das Projektil ist hinten wieder ausgetreten. Von der Körperwärme würde ich sagen, er liegt hier seit 22 Stunden.“, erklärte der Mann. Josh verzog angewidert das Gesicht. „Kein schöner Tod.“ Er musste sich bemühen sein Frühstück drin zu behalten. Immer wieder schluckte er und hielt die geballte Faust vor seinen Mund. „Alles klar mit dir?“, fragte einer der Techniker. „Danke...geht schon...geht schon. Habt ihr irgendwas gefunden?“, wollte Josh wissen und nahm sich einen Kaugummi aus der Tasche. „Allerdings...das hier.“, meinte der Mann und zog den Schnipsel einer 50-Pfund-Note in einem Beutel hervor. „Das haben wir in seiner Hand gefunden. Anscheinend hat er sich derart daran geklammert, dass es ihm nicht mehr aus der Hand gerissen werden konnte.“, erklärte der Techniker. „Dann frage ich mich allerdings, was er hier wollte. Hier ist weit und breit nichts interessantes.“, kam es von Josh. Der junge Inspector sah sich um, doch hier waren nur große Container und dimensionale Warenkisten. „Was könnte er hier gewollt haben? Haben wir irgendeine Ahnung, wer das hier ist und was er hier gemacht hat?“, wollte er wissen.


    Emily küsste ihren Freund zum Abschied. „Ich wünsch dir einen schönen Tag.“, lächelte sie und küsste ihn erneut. „Ich versuche, heute nicht allzu spät zu kommen. Dieser Abend soll ganz und gar uns gehören.“, grinste Ben nur und ließ sie schweren Herzens los. „Bye...ich werde nachher kurz ins Theater fahren. Allerdings nur, um ein Kleid abzuholen. Das ist ganz für dich.“, säuselte sie nur und lehnte sich spielerisch an den Türrahmen. Ben wurde es heiß. „Ich...ich muss los.“, meinte er nur, drückte ihr einen kurzen Kuss auf die Wange und verschwand dann. Semir hatte schon das dritte Mal gehupt und das hieß, dass er beim nächsten Mal selbst raufkommen würde, um Ben nach unten zu schleifen. Semir sah ihn an, als sein Partner sich ins Auto schwang. „Na endlich. Konntest dich wieder mal nicht losreißen?“, grinste er. „Lach du nur. Ward ihr denn früher nicht so? Du und Andrea?“, wollte der junge Hauptkommissar wissen. Semir musste grinsen. Unweigerlich machten sich Bilder der ersten Liebe zwischen ihm und Andrea in seinem Kopf breit. Bilder ihres Kennen Lernens, der erste Streit und das Zusammenziehen. „Hallo? Semir? Hey...“, riss ihn sein Partner aus den Gedanken. „Was?“ Ben musste grinsen. „Also ward ihr genauso wie Emily und ich.“, grinste Ben nur. „Ja doch...warum auch nicht.“, feixte Semir und wollte den Motor starten, als er einen Schrei hörte.


    ...

  • „Was war das?“ Semir öffnete die Fahrertür und lauschte. Auch Ben ließ die Scheibe runter und lauschte nur. Wieder ein Schrei. Dieses Mal konnte Ben ihn identifizieren. „Das...das war Emily.“, schrie er panisch und rannte zurück ins Haus. Die Eingangstür stoppte ihn. Mit zitternden Händen nahm er seinen Schlüssel vor und versuchte, das Schloss aufzuschließen. „Verdammt, jetzt komm schon.“, fauchte er und hatte endlich das Schloss auf. Mit den schnellsten Schritten rannte er nach oben. Semir folgte ihm, die Hand immer an der Waffe. Als sie vor Bens Wohnung standen, war die Tür sperrangelweit offen. Alles war durchwühlt und herumgeworfen. „Scheiße...“, fluchte Ben und rannte jeden Raum seiner Wohnung ab. Die Vorsicht außer Acht gelassen, zog er dabei nicht seine Waffe. Alles war auf einen Gedanken gerichtet...Emily. „Sie...sie ist nicht da. Wo...wo ist sie?“, rief er panisch und fuhr sich durchs Haar. Semir wollte antworten, doch dann hörte er einen Schrei und Schritte auf der Treppe. „Die Tiefgarage....Semir, komm...“, stieß Ben aus und setzte sich erneut in Bewegung. Wieder war sein Partner direkt hinter ihm. Wer hat Emily und was war hier los? Immer wieder erreichten Schreie die Ohren von Ben und Semir.


    Emily konnte nichts sehen. Ein schwarzer, blickdichter Beutel versperrte jegliche Blicke nach draußen. Sie konnte gar nicht so schnell reagieren und realisieren, was mit ihr passiert war. Es hatte geklingelt und dann, dann sah sie schon nichts mehr. Zwei starke Pranken packten sie und sie spürte, wie ihre Beine angehoben wurden. Sie wollte zappeln und herumwirbeln, doch die Griffe waren stark und hielten sie fest umschlungen. „Lasst mich los...Hilfe... HILFE!!!“, schrie sie immer wieder. „Schrei du nur...das wird nichts nützen.“, grinste Ian nur. „Wir knebeln sie, wenn wir im Auto sind. Los, mach die Tür auf.“, forderte Roger nur und schwang die kleine Frau über seine Schulter. Jason nickte und öffnete die schwere Brandschutztür. Roger und Ian schlüpften durch. Jason wollte folgen, doch dann hörte er Schritte und blieb stehen. „Emily...ich komme...“, schrie jemand. „Verdammt...der Freund...“, stieß Jason aus und zog seine Waffe. Ben und Semir machten nur einen Schritt um die Ecke und schon flogen ihnen die Kugeln um die Ohren.


    „In Deckung...“, schrie Ben und warf sich in den Rahmen der gegenüberliegenden Tür, zog seine hervor ragenden Beine ein und schoss zurück. Semir schoss ebenfalls, doch der Angreifer konnte sich hinter die dicke Brandschutztür zurückziehen. Sofort hechtete Ben hin, doch die Tür war von außen blockiert. „So eine Scheiße...“, fluchte der junge Hauptkommissar und sah sich um. „Schnell, nach draußen. Sofort...“ Ben rannte wieder los. Semir folgte ihm und schon standen sie auf der Straße. „Wo...wo sind sie?“ Auf Semirs Frage kam auch schon ein Wagen aus der Tiefgarage gerauscht und fuhr die Kommissare fast um. „Schnell...hinterher...“ Semir rannte zu seinem BMW und schmiss den Motor an. Ben schwang sich auf den Beifahrersitz und setzte das Blaulicht in Gang. Sie folgten dem Transporter und rauschten durch die Stadt. „Cobra 11 an Zentrale... verfolgen Transporter, amerikanisches Modell, Richtung Flughafen. Brauchen dringend Verstärkung...“, stieß Ben aus und sah immer wieder auf den Transporter vor ihm. „Dranbleiben Semir... dranbleiben. Die haben Emily...“, stieß Ben nur aus. „Ja, ich bin dabei.“, erklärte Semir nur und wich einem Lkw aus, der vor ihnen in die Straße einbiegen wollte. Die Wagen schnellten durch die Kölner Altstadt und erreichten die Straße zum Flughafen. „Verdammt Semir, die sind gleich da. Und von der Verstärkung noch nichts in Sicht.“, kam es aufgeregt von Ben. Die Aussicht, seine Freundin zu verlieren, ließ Panik in ihn aufsteigen. „Keine Sorge, Ben. Wir kriegen sie schon.“


    ...

  • Roger sah sich um. „Die sind ja immer noch da. Und das sind auch noch Bullen. Verdammt...“, stieß er aus und schlug auf das Armaturenbrett. „Keine Sorge, die hängen wir ab. Jason ist gut mit dem Gewehr.“, meinte Ian nur. Jason nickte, zog unter einer Decke ein Gewehr hervor und öffnete die Seitentür. „So Boys, jetzt werdet ihr mit einer englischen Kugel Bekanntschaft machen.“, stieß er aus und schoss. Der BMW schlingerte zur Seite, wich der Kugel aus. Doch Jason ließ sich nicht entmutigen. Er schoss weiter und immer weiter. Aber der Fahrer schien darin geübt zu sein, den Kugeln auszuweichen. Immer wieder zielte Jason auf die Reifen, doch der Fahrer wich gekonnt aus. „So, jetzt reicht es mir aber.“, fluchte der Junge nur und nahm eine Maschinenpistole hervor. „Nein...“, schrie Emily, die bisher vor den Schüssen immer zurück geschreckt war. Doch jetzt erwachten die Lebensgeister wieder in ihr. Sie holte mit den Füßen aus und schlug sie gegen den Körper des Mannes. Jason strauchelte, fiel aus dem Wagen und rollte sich auf der Straße ab. „Hey, die Kleine hat Jason rausgeworfen. Los, fessle sie richtig.“, fauchte Roger und schon stürzte sich Ian auf die englische Schauspielerin. Sie kämpften, doch schnell gewann der Entführer die Oberhand. Emily war auf dem Boden festgenagelt. „So, jetzt ist Ruhe.“, knurrte der Mann und hatte Emily in Windeseile zu einem Paket verschnürt. „Kümmere dich um die Bullen. Wir müssen sie abhängen.“, hörte er Roger rufen.


    Semir riss die Augen auf. „Wow...die fliegen mir direkt vors Auto.“, stieß er aus. „Halt an...den kauf ich mir. Hol du mir meine Emily wieder zurück.“, meinte Ben. Die Räder waren noch nicht zum Stehen gekommen, da sprang Ben raus und rannte zu dem am Boden liegenden Gangster zurück. Semir startete wieder durch und verfolgte den Transporter weiter. „So, jetzt komm ich. Besser, ihr gebt auf.“, knurrte der Deutschtürke nur und sah in den Rückspiegel. „Ah, die Verstärkung...endlich.“ Hinter ihm fuhren drei Streifenwagen auf und rauschten an Ben vorbei, der dem bewusstlosen Jason schon Handschellen angelegt hatte und die Wagen an sich vorbei winkte. „Semir, hol mir meine Emily wieder. Ich...ich brauch sie doch.“, flehte er nur und sah auf den Mann, den er fest am Kragen gepackt hielt.


    Roger sah immer wieder nach hinten. Der Flughafen war nur noch wenige Meter entfernt. Doch inzwischen hatten sich mehr Verfolger an ihn geheftet. „Verdammt, Ian überleg dir was. Wirf denen irgendwas in den Weg.“, fauchte er nur. „Hey, nimm die Handgranaten aus dem Koffer dort hinten.“, kam ihm ein Geistesblitz. „Alles klar...“, kam es nur zurück und im nächsten Moment krachte es hinter dem Transporter. „Sehr gut...mach weiter...“, rief Roger nach hinten durch. Und schon kam der nächste Kracher, doch dieses Mal lauter. „Ich hab einen erwischt. Jetzt ist die Straße dicht.“, grinste Ian nur und kam zu Roger nach vorne. „Sehr gut...da vorne ist der Flughafen. Wie gut, dass wir dich nicht verloren haben. Wer sollte uns sonst fliegen?“, meinte Roger nur. „Jason war sowieso nur eingekauft. Keine Sorge, der weiß so gut wie nichts.“, erwiderte Ian nur. Roger nickte, drosselte die Geschwindigkeit und bog auf den hinteren Teil des Flughafenfeldes ein. An einem der unteren Hangars stand ein kleiner Privatflieger. „Okay...ich nehm die Kleine. Setz du dich ans Steuer.“, forderte Roger und schnappte sich die noch immer herumzappelnde und sich gegen Fesseln und Knebel wehrende Emily. Die Drei verließen den Transporter und gingen auf den Flieger zu. Sie stiegen ein und Roger warf Emily auf eine Sitzbank. Ian holte sich die geforderten Instruktionen vom Tower und schon rollte man zur Startbahn. „Fertig zum Start...Freigabe für Starterlaubnis.“, kam es aus dem Lautsprecher. „Danke...verstanden...“, erwiderte Ian nur und ließ den Vogel aufsteigen.


    ...

  • So Freunde,
    da ich am WE nicht da bin, gibt es heute diesen Teil und dann leider erst Sonntag wieder einen. Aber ich bin sicher, euch wird die Zeit bis dahin nicht langweilig. :D Wie ich euch kenne, werdet ihr grübeln was als nächstes passiert ;) Wünsch euch ein Nice Weekend.
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    Semir riss das Lenkrad rum, als vor ihm eine Handgranate explodierte und einer der Polizeiwagen wurde in die Luft gerissen, landete quer auf der Straße. „Wow...“, stieß Semir aus und stieg in die Eisen. Doch dann riss er das Lenkrad rum und umging das Ganze durch den Bürgersteig. Er sah, wo der Transporter stand. „Verflucht...“, knurrte er nur und fuhr auf das Flughafengelände. Ein Blick nach außen und er wusste, dass niemand mehr drin war. „Verdammt, wo sind die denn?“ Doch dann hörte er die Motorengeräusche und sah, wie ein weißes Flugzeug auf die Startbahn rollte. „Oh nein...ihr nicht...ihr entkommt mir nicht.“, stieß Semir aus und gab seinem BMW die Sporen. Er fuhr auf die Rollbahn und war nur noch wenige Meter vom Flugzeug entfernt. „Komm schon...lass mich nicht im Stich.“, redete Semir auf seinen BMW ein. Nur noch einige Meter. Semir überholte bereits die hintere Tragfläche, näherte sich der vorderen an. „Ja...ja...komm schon...los doch...“, forderte er, dann aber hoben die Tragflächen neben ihm ab. Das Flugzeug stieg immer weiter in den Himmel auf. Semir sah ihm geschockt nach und konnte nichts anderes tun, als bremsen. Er hatte verloren. So knapp vor dem Ziel. Emily in der Hand von Entführern. Wütend schlug Semir auf das Lenkrad, stieg aus und sah dem Flieger nach. „Fuck...“, fluchte er erneut und trat gegen seinen Reifen. Was sollte er seinem Partner sagen? Wie würde Ben reagieren?
    Ben hielt den jungen Gangster immer noch mit den Knie am Boden gedrückt. „Okay, wer bist du und was wollt ihr von meiner Freundin?“, fragte er fauchend und drehte den Arm des Mannes immer weiter nach hinten. „Ahhhhh...let me go...“, schrie der Mann nur auf englisch. „Du verstehst meine Sprache sehr gut. Also los... rede oder ich breche dir den Arm.“, stieß Ben aus und presste den Arm gegen sein linkes Knie. „No...no...no... please...no!“ Jason zappelte hin und her. „Ben! Hör auf, Junge...“, stieß Hotte aus und packte den jungen Polizisten am Arm, zog ihn von dem Gefangenen weg. „Lasst mich...er weiß was...“, schrie Ben wie wild und zappelte unaufhörlich herum. „Ben, sei doch vernünftig. Das...das bringt doch nichts. Hör auf und stürz dich nicht ins Unglück.“, meinte nun auch Dieter und gemeinsam mit seinem Kollegen zogen sie Ben von Jason weg. Ben war vollkommen fertig. „Semir, bitte...hol mir Emily wieder.“, flehte er und fuhr sich aufgeregt durchs Haar. Er hörte einen Wagen und sah auf. Es war Semirs BMW.


    Semir ging langsam auf die Gruppe zu. Da... da war Ben. Er sah vollkommen erledigt aus. „Semir...bitte...bitte sag mir, sie sitzt hinten im Wagen.“, flehte er und blickte seinen Partner mit den großen rehbraunen Augen flehend an. „Ben, ich...es...es tut mir Leid.“, fing Semir an und senkte den Blick. „Nein...nein...nein...“, schrie Ben und weinte dickste Tränen. Dann sprang er auf und lief umher. Er musste etwas finden, was er treten konnte. Irgendwas, um seine Wut abzureagieren. Mit voller Wucht trat er gegen einen Abfalleimer, sodass dieser aus der Verankerung sprang und im hohen Bogen auf die andere Straßenseite flog. „Ich will diesen Kerl langsam und qualvoll sterben sehen.“, stieß er aus und ging Jason wieder an. „Nein...Ben, Ben...bitte beruhige dich.“, forderte Semir nur und hielt seinen Partner auf. „Semir, dieser Kerl hat meine Freundin entführt. Ich will ihn zerlegen.“, fauchte Ben und riss Semir fast um. Doch dieser blieb eisern im Weg stehen. „Nein komm. Wir verhören ihn und dann sehen wir weiter. „Nein...Semir, würdest du so reagieren, wenn Andrea entführt worden wäre?“, stieß Ben aus und sah seinem Partner direkt in die Augen. Der Deutschtürke musste zugeben, dass er genauso wie Ben reagieren würde. „Okay, komm...aber halte dich zurück. Ich will dich nicht unter Hausarrest stellen müssen.“, bat Semir. Erleichtert nickte ihm Ben dankend zu. Gemeinsam gingen sie zu dem Mannschaftswagen, wo Jason bereits hingebracht wurde.
    Jason sah auf, als dieser Verrückte wieder zu ihm kam. „No...no... ich...ich nix wissen...“, stammelte er nur und wich immer weiter in seinem Sitz zurück. „Du viel wissen...du wirst mir alles sagen, was du wissen.“, fauchte Ben nur und bedrohte ihn mit seinem Zeigefinger. „Ben, halt dich zurück, bitte.“, fauchte Semir und stieg in den Wagen hinein. Ben wartete draußen und sah immer wieder in den Wagen hinein. Zu gerne würde er jetzt da drinnen sitzen und hören, was für Lügen dieser Kerl erzählte. In ihm zog sich alles zusammen. Jeder Muskel seines Körpers war zum Zerreißen angespannt. Für ihn galt im Moment nur ein Gedanke...Emily, seine Emily war verschwunden. Nicht verschwunden...entführt. Und dieser Kerl da drinnen wusste etwas. Immer wieder sah er zu Semir. Die Gestik des Deutschtürken wurde immer wilder und heftiger, doch der Verdächtige schien sich nicht zu verstehen, was sein Gegenüber wollte. Resignierend kam Semir wieder aus den Wagen und sah Ben an. „Tut mir Leid, aber der scheint mich nicht verstehen zu wollen. Da muss ein Dolmetscher ran.“, erklärte Semir. „Und wie lange soll das dauern? Tage? Wochen? Monate?“, stieß Ben aus. „Junge, ganz ruhig bleiben. Wir fahren jetzt zum Flughafen und fragen, wohin das Flugzeug ging. Zum Glück konnte ich mir noch die Kennung merken.“, meinte Semir und klopfte seinem Partner aufmunternd auf die Schulter.


    Ian landete den Flieger weich und vollkommen ohne jegliche Turbulenzen auf einem Flugfeld im Norden der Grafschaft Nottinghamshire, in der Mitte Englands. Roger sah auf Emily, die sich in ihren Fesseln wand. „So Kleines...komm.“, forderte er und packte sie bei den Füßen, zog sie zu sich ran und warf sie über die Schulter. Immer wieder zappelte die junge Frau herum, versuchte sich aus dem Griff ihrer Entführer zu befreien. „Okay...du willst es ja nicht anders.“, knurrte er nur und zog eine Flasche aus der Tasche, beträufelte ein Tuch damit und drückte es Emily aufs Gesicht. Sie zappelte hin und her, doch es nutzte nichts. Ihr Körper sog das Chloroform ein und langsam driftete sie in die tiefe Bewusstlosigkeit ab. „Tut mir Leid, Kleines. Eigentlich hab ich nichts gegen dich, aber ich kriege gutes Geld dafür.“, murmelte er vor sich hin und schleppte sie zu dem bereitstehenden Wagen. „Ian, du weißt, wo wir sie hinbringen sollen. Du fährst.“, forderte er und packte die Kleine auf die Rückbank. Ian nickte nur und startete den Wagen. Roger sah immer wieder auf Emily und blickte sich dann um. Hier in der ländlichen Gegend von Nottinghamshire waren sie weitestgehend sicher. Eine Polizeistreife kam hier nur alle vier oder fünf Tage vorbei. Die nächstgrößere Stadt war Nottingham, jene berühmte Stadt, die in einer der bekanntesten Geschichten des Mittelalters Bedeutung erfuhr. Sie gab der Grafschaft den Namen. Der Wagen durchfuhr die Stadt, vorbei an dem gusseisernen Denkmal für Robin Hood. „Fahr weiter nach Süden. Zwei Kilometer hinter der Stadt kommt eine Abzweigung. Da fährst du hinein und dann noch drei Kilometer weiter.“, erklärte Roger nur und griff zum Telefon. „Ich werde inzwischen unseren Auftraggeber informieren. Von Jasons Verhaftung verlieren wir am Besten kein Wort.“


    ...

  • Joshua Etheridge saß an seinem Schreibtisch im Gebäude von Scotland Yard und besah sich die Sachen, die man bei dem Toten in den Docks gefunden hatte. „Was soll ich denn damit anfangen?“, knurrte er nur. Immer wieder drehte er die gefunden Pfundnote in der Hand und besah sie sich von allen Seiten. Die Registriernummer hatte er schon durch den Computer jagen lassen. Laut Datenbank wurde die Note vor zwei Tagen an einem Automaten in der Kings Road abgeholt. Der Inspector hatte sich mit der Bank in Verbindung gesetzt und nach den Kontodaten gefragt. So besaß er dann wenigstens die Identität des Opfers. „Josh...“, riss ihn eine Stimme aus seinem Denkzyklus. „Natalie...was gibt es denn?“, wollte der junge Inspector von seiner Assistentin wissen. „Wir haben da etwas gefunden. Nicht weit von der Stelle, wo der Tote lag.“, meinte sie und projizierte etwas auf die Leinwand. Josh drehte sich um und blickte auf die Wand. „Ein Abdruck?“ „Ein Reifenabdruck...laut Datenbank von einem Rover...älteren Baujahrs.“, erklärte die junge Frau. „Das bringt uns eigentlich nicht viel, aber immerhin scheint es, als ob er dort sich mit jemand treffen wollte. Vielleicht mit dem Besitzer des Rovers.“, mutmaßte Josh nur und strich sich über sein glatt rasiertes Kinn. „Durchaus denkbar, aber...“ Ehe Natalie weitersprechen konnte, klingelte das Telefon. „Detective Inspector Etheridge...wer ist da?“, meldete sich der junge Inspector. Aufmerksam lauschte er und kritzelte dann etwas auf seinen Block.
    „Okay...okay...thank you...bye.“, verabschiedete sich Josh dann und ließ den Hörer zurück auf die Gabel fallen. „So Natalie, wir haben den Namen unseres Opfers. Felix Zöllner...ein...ein deutscher Journalist.“, erklärte Josh, nachdem er die Schwierigkeiten mit dem Namen überwunden hatte. „Wow...du...du hast das ja gut ausgesprochen.“, meinte Natalie und lächelte ihren Dienstpartner an. „Nun ja...gelernt ist gelernt.“, lächelte er nur und suchte in seinen Unterlagen die Nummer der Deutschen Botschaft raus. „So, wollen doch mal sehen, wo er hier angestellt war. Danach fahren wir in die Wohnung des Opfers.“, meinte er und tippte mit schnellen Fingern die Nummer in den Apparat ein.


    Herbert Petersen versah seinen letzten Auftrag für heute. Endlich...endlich Schluss, nach einer zwölfstündigen Schicht. „So Harry, das war es für mich.“, meinte der 50jährige und ließ langsam die Kopfhörer von den Ohren gleiten. Harry grinste nur und machte seinen eben begonnenen Dienst. „Was ist eigentlich mit deiner jüngsten? Wie alt ist sie jetzt eigentlich?“, wollte er wissen. „Fast neun...“, lächelte er und warf sich seine Jacke über, als zwei Männer in den Tower kamen. „Hallo...ich bin von der Autobahnpolizei...Gerkhan mein Name. Wer hatte vorhin Dienst, als das Flugzeug mit der Kennung G-PCUT aufgestiegen ist?“, fragte ein kleiner Mann mit Oberlippen- und Kinnbart. Herbert sah den Mann an. „Das... das war ich. Was wollen sie wissen?“, entgegnete er etwas unfreundlich. Von diesen Beiden fühlte er sich eigentlich in seinem Feierabend gestört. „Wir brauchen die Flugdaten. Also Heimatflughafen und so was...“, meinte der Mann, der sich als Gerkhan vorgestellt hatte. „Hmmm, das kann ich ihnen eigentlich nicht so ohne weiteres aushändigen. Haben sie etwas Schriftliches?“, fragte Herbert und zog sich seine Jacke an. „Hören sie, es geht hier um eine Entführung. In dem Flugzeug wurde eine Frau entführt...meine Freundin...“, polterte der zweite Mann, deutlich jünger als Gerkhan, los. Herbert musste schlucken. Das war ein triftiger Grund. Dagegen konnte er nicht mal etwas sagen.


    „Dann kommen sie mal mit...“, forderte er und ging an den in der Mitte stehenden Computer, loggte sich ein und druckte die Liste aus. „Hier bitte. Es ist der letzte Flieger auf der dritten Seite.“, erklärte Petersen nur und schaltete seine Zugangsdaten wieder aus. „Danke...das wird uns weiterhelfen.“, meinte Semir nur und nahm die Liste an sich. Ben nickte ebenfalls dankend und gemeinsam verließen sie dann den Tower. „Los, was steht da...“, forderte Ben sofort, als sie die Tür noch keinen halben Meter hinter sich gelassen hatten. Semir blätterte auf die entsprechende Seite und fuhr mit seinem Finger bis in die letzte Zeile runter. „Hier steht... kleine, zweimotorige Maschine...Mary Rose...Heimathorst in Wakefield, England...ist dort auch wieder gelandet.“ Semirs Überraschung war deutlich zu hören. „Was? Meine Emily wurde nach England entführt?“, stieß Ben aus. Langsam ließ er sich auf einen runden Poller sinken und vergrub die Hände im Gesicht. Wie...wie konnte das sein? Emily war zwar Engländerin, aber Ben wusste kaum, nein, gar nichts über ihre Vergangenheit. „Semir, was...was soll ich jetzt machen?“, fragte er seinen Partner. „Komm, wir fahren jetzt erstmal zurück zur PASt und dann sehen wir weiter.“, meinte Semir aufmunternd und half seinem Partner auf. Gemeinsam fuhren sie zurück zum Revier.


    ...

  • Daniel Christie sah auf das Foto, was vor ihm lag. Seine Hände, ja sein kompletter Körper zitterte zusehends. Das...das muss ein Alptraum sein. Es konnte nur ein Alptraum sein. Alec Jordan ging um den Tisch herum und packte ein neues Foto dazu. „Sehen sie genau hin, Christie. Ihr Starrsinn rächt sich langsam.“, meinte er und richtete sich wieder auf. „Sie sind ein Sadist. Wenn sie was nicht kriegen, dann nehmen sie sich es mit Gewalt.“, knurrte Daniel nur und blickte auf. Seine Hände hatten sich zu Fäusten verkrampft. Er konnte nicht glauben, was er dort sah. Seine Emily, gefesselt und in einen dunklen Raum gesteckt. Jordan lachte auf. „Sehen sie es doch mal so... sie werden nun zu einer erfolgversprechenden Zusammenarbeit gezwungen. Wenn die erste Ladung mit dem Schiff in Deutschland ist, dann können sie ihre Tochter wieder in ihre Arme schließen.“, meinte Alec Jordan nur mit einem hämisch-höhnischen Unterton. „Sie...sie mieses...“, fluchte er. „Na...nun werden sie nicht frech, Sir. Es geht immerhin um das Leben ihrer Tochter. Da sollten sie ein wenig kooperativer sein.“, kam es nur von Jordan. In Daniels Körper zog sich alles zusammen. Jede Faser, jeder Strang und jede Muskel verkrampfte sich mehr und mehr. Alec ging zu einer Schublade, holte einen Vertrag hervor und legte ihn vor dem Mann hin, dessen Tochter in seiner Gewalt war. „Unterschreiben sie, Sir. Dann hat alles seine Richtigkeit.“, meinte er nur, drehte die Kappe eines Füllfederhalters ab und legte den schwarzen Stift mit der silbernen Schreibfeder auf das Papier. „Bitte dort, wo das Kreuz ist, das Datum nicht vergessen.“, forderte Jordan. Was für eine Wahl besaß denn Christie schon? Es ging um das Leben seiner einzigen Tochter. Also unterschrieb er. „Danke Sir...sie werden dann jeden Tag ein Foto erhalten, um sich über den Zustand ihrer Tochter informieren zu können.“


    Natalie und Josh fuhren zur erfahrenen Adresse in die Burcham Street. „Unser Opfer war beim London Telegraph and Europe, einer großen Zeitung in der Kings Street, angestellt.“, erklärte Natalie, als sie den Wagen verlassen hatten. Josh nickte nur und sah sich die Gegend an. Gegenüber dem Haus war ein Sportplatz und eine Schule. Kinder in blauen Uniformen tollten sich dort und schossen sich gegenseitig Bälle zu. „Man, ist noch gar nicht so lange her, da hab ich das auch gemacht.“, grinste er. Natalie rollte mit den Augen. „Hast du jetzt schon deine Midlifecrisis?“, grinste sie nur. „Ach was...los komm, lass uns die Wohnung ansehen.“, forderte er nur und ging in das Haus hinein. Natalie folgte ihm. „Dann wollen wir doch mal gucken, welches Stockwerk. Na sicher...ganz oben.“, murrte Josh. „Hey, das sind die billigsten Wohnungen in ganz London.“, entgegnete Natalie nur und grinste ihr Gegenüber an. Josh zog die Augenbraue hoch und stieg dann die Treppen hinauf. Als er die letzte Stufe genommen hatte und um die Ecke bog, stockte er. „Halt...“, knurrte er und hielt Natalie fest. „Was...was hast du...“ Er hielt den Zeigefinger vor den Mund und zeigte auf die Tür. „Sieht so aus, als ob schon jemand vor uns da war.“, flüsterte er.
    Natalie nickte nur und die beiden Inspectors schlichen auf die angelehnte Tür zu. Als britische Polizisten durften sie keine Waffen tragen und so mussten sie sich nun darauf verlassen, dass die Kerle nicht mehr in der Wohnung waren. „Ganz vorsichtig, Natalie...“, flüsterte Josh nur und stieß die Tür weiter auf. Schon die ersten riskierten Blicke reichten den beiden. Die Wohnung war komplett verwüstet worden. „Die Vögel sind ausgeflogen, wie es scheint.“, murmelte Josh und wagte einen ersten Schritt in die Wohnung. Es war ein schlichtes Zwei-Zimmer-Appartement. „Und haben ganze Arbeit geleistet.“, meinte Natalie und besah sich das Chaos genau. „Fangen wir mal an. Suchen wir mal nach allem, was wichtig ist. Und was uns die Kerle da gelassen haben.“, erklärte er und streifte sich Einweghandschuhe über.


    „Semir, Ben...da seid ihr ja. Die Chefin will euch sprechen.“, erklärte Susanne, sah aber dann das traurige und verstörte Gesicht von Ben. „Ist was passiert?“, wollte sie dann wissen. „Emily wurde entführt...ist eine schwierige Geschichte.“, meinte Semir nur und klopfte Ben dann auf die Schulter. „Komm, wir gehen erstmal zur Chefin. Oder soll ich das lieber alleine machen?“, fragte er an seinen Partner gewand. Ben blickte mit leeren Augen zu seinem Partner hinab. „Schon gut, Semir. Ich...ich kann arbeiten.“, meinte er mit schwerer Stimme und drehte sich um. Langsam ging er zu Kims Bürotür, klopfte an und verschwand im Innern des Büros. Semir sah ihn besorgt nach und folgte Ben dann. „Chefin, sie wollten uns sprechen.“, fing der Deutschtürke an und blickte auf seinen Partner. Ben hing am Ende der Couch, die Füße übereinander geschlagen und vollkommen in Gedanken versunken. Kim blickte besorgt auf den jungen Hauptkommissar, wandte sich dann wieder an Semir. „Allerdings, bitte nehmen sie Platz, Semir.“, bot Kim an. Semir nickte und sah wieder zu Ben, doch er reagierte auf keinen Blickkontakt.


    „Was...was wollten sie mit uns besprechen?“, fragte Semir dann. „Es geht um das hier.“, kam es dann von Kim und warf Semir einen Hundert-Euro-Schein hin. Der Hauptkommissar fing ihn auf und sah fragend zu Kim. „Sehen sie sich das Geld genau an.“, forderte sie und nahm einen Schluck von ihrem Tee. Der Deutschtürke nahm den Schein, rieb ihn zwischen den Fingern und hielt ihn gegen das Licht. „Der ist gut...gut gemacht, aber falsch.“, kam es dann überzeugt von Semir. „Sehr gut...genau, er ist falsch. Das hier haben wir an einer Tankstelle sichergestellt. Scheinbar kommen in letzter Zeit immer mehr falsche Euroscheine in den Umlauf. Und immer wieder sind es große Scheine. Sie gehen nie über 200 hinaus oder fallen unter 20 Euro.“, erklärte Kim. „Und wir sollen nun dieser Sache nachgehen?“, fragte Semir. „Ganz recht. Dieser Schein wurde an der Tank- und Raststätte Eberhof beschlagnahmt. Fangen sie dort an. Sicherlich hat Hartmut weitere Hinweise für sie.“, erklärte Kim. Semir nickte und wollte aufstehen. „Chefin, ich bitte um Urlaub.“, kam es plötzlich von Ben. Kim und auch Semir sahen den jungen Kommissar an. „Ben, das ist unmöglich. Sie hatten erst Urlaub und....“ „Meine Freundin ist entführt worden. Verstehen sie das? Meine Emily wurde entführt.“, stieß er laut aus. „Das verstehe ich Ben, aber tut mir Leid.“, kam es nur von Kim. „Dann haben sie hiermit meine Kündigung.“, knurrte der junge Heißsporn, zückte Waffe und Ausweis und legte beides auf den Tisch. Semir blieb der Mund offen stehen. Kim ging es nicht anders. Ehe einer wieder zu Worten fand, war Ben aus dem Büro verschwunden. Im nächsten Moment hörte man das Starten eines Motors.


    ...

  • Ben raste über die Autobahn ohne jegliches Ziel. Die Chefin wollte ihm nicht helfen. Also musste er sich alleine helfen. Semir wollte, nein, konnte er dort nicht mit hineinziehen. Für ihn hieß es nun, ab nach England. Wie hieß das Flugfeld noch mal? Wakefield? Ja...ja das war der Name. Jetzt musste er nur noch einen Flug nach England buchen und sich dort auf die Suche machen. Gut genug englisch sprach er ja. Darauf hatte sein Vater bei der Erziehung besonderen Wert gelegt. Auf Englisch, Französisch und Spanisch....die drei Weltsprachen, die den Handel bestimmten. „Du musst immer wissen, Ben, egal, wohin du kommst. Eine dieser Sprachen wird dort mindestens gesprochen.“, erklärte ihm sein Vater immer, wenn er wieder über den Büchern saß und murrte, lieber mit seinen Freunden spielen zu wollen. Jetzt konnte Ben auf diese Fähigkeiten zurückgreifen. Er fuhr die nächste Ausfahrt runter, suchte sich den nächsten Geldautomat und hob so viel Geld ab, wie er zu benötigen glaubte. Eine Waffe...er brauchte eine Waffe. Aber seine Dienstwaffe konnte er nicht mitnehmen, und auf den Flug schon gar nicht. Er musste sich etwas einfallen lassen. Vielleicht ergab sich in England eine Gelegenheit an eine Waffe zu kommen, dachte er nur. Schnell schaltete er sein Handy und seinen Funk aus. In diesem Moment wollte er von niemand gestört werden.


    „Verdammt, Ben geht nicht an sein Handy und über Funk kriege ich ihn auch nicht.“, knurrte Semir und warf den Hörer wieder auf die Gabel zurück. „Was ist genau passiert?“, fragte die Chefin dann. Semir erzählte alles. Wie er Ben abholen wollte, von den Schreien in der Tiefgarage und dann die geworfenen Granaten auf die Kollegen. Wie er alleine den Transporter verfolgte und dann Ben berichten mussten, dass er es nicht mehr geschafft hatte. Kim nickte immer wieder, zog die Augenbrauen hoch und machte ein betroffenes Gesicht. „Vielleicht wäre es dann doch besser gewesen, wenn ich...“, doch sie sprach den Satz nicht zu ende. „Lassen sie Ben etwas Zeit. Er...er wird sich bestimmt melden, wenn es ihm besser geht.“, erklärte sie. Semir konnte nichts anderes als nicken. Kim hatte recht. Ben musste einige Momente allein sein. Doch Semir wollte seinem Partner helfen. Sicherlich setzte er schon alles daran, um seine Emily wieder zu finden. „Ist noch was, Chefin? Ansonsten würde ich in mein Büro gehen und mich na die Arbeit machen.“ „Gehen sie nur.“, meinte Kim und widmete sich wieder die Arbeit.


    Semir sah den falschen Schein immer wieder an. Irgendwas war anders an diesem Schein. Dieser Zwanzig-Euro-Schein war komisch. Semir nahm einen aus der Tasche und legte beide nebeneinander. „Wo ist es denn?“, knurrte er und suchte in seinen Schubladen nach dem Vergrößerungsglas. Doch es war verschwunden. „Dann eben zu Hartmut.“ Schnell warf er sich wieder seine Jacke über und fuhr in die KTU. „Hartmut, ich brauche deine Hilfe.“, forderte er, noch ehe die Tür hinter ihm zugefallen war. Der Angesprochene blickte hinter einem Mikroskop auf. „Semir, was willst du denn? Ich bin eigentlich beschäftigt.“, meinte der Techniker. „Wirf doch mal einen Blick hierauf und sag mir, was daran falsch ist.“, forderte Semir und reichte ihm den falschen Euroschein. Der Rotschopf nahm ihn, hielt ihn gegen das Licht und betrachtete ihn einen Moment. „Aber Semir, guck doch mal...das Wasserzeichen, das Band hier, es besteht aus Ornamenten und nicht, wie bei uns, aus Zahlen.“, erklärte der Techniker. „Wie? Das ist alles?“ „Das ist alles. Du bist wohl an dem Geldfälscherfall dran.“, mutmaßte Hartmut. „Nein Hartmut, ich drucke die Dinger selbst und wollte von dir eine Qualitätsmeinung hören.“, erwiderte der Deutschtürke mit vollkommen ernster Miene. Ein schräger, verwirrter Blick von Hartmut folgte. „Das war ein Witz, Hartmut, ein Witz...“, grinste Semir dann. „Dann ist ja gut...wo ist Ben eigentlich?“ Semir ignorierte die letzte Frage. „Ich ruf dich an, sobald ich was neues hab.“, verabschiedete sich der Hauptkommissar und verließ die KTU wieder. Jetzt nahm er sich erstmal die Tankstelle vor und dann würde er zu Ben fahren.


    ...

  • „Sieh mal. Danach scheinen die Kerle hier gesucht zu haben.“, meinte Josh zu seiner Partnerin, als er ein Bilderrahmen in der Hand hielt. Auf dessen Rückseite war eine Hundert-Euro-Note angeklebt. „Wieso sollte jemand eine Banknote hinter einem Bilderrahmen verstecken? Und warum haben diese Typen sie nicht gefunden? Ich meine, die haben doch wirklich alles umgekrempelt. Sogar die Sofakissen haben sie aufgeschlitzt.“, kam es nur von Natalie. „Wer weiß. Wir nehmen die auf jeden Fall mit und lassen die im Labor untersuchen. Mach du das. Ich werde inzwischen zur Redaktion unseres Opfers fahren.“, erklärte Josh und versiegelte die Wohnung und ging mit Natalie zum Wagen runter. „Nimm du den Wagen. Ich fahre mit dem Taxi.“, meinte Josh und warf Natalie den Schlüssel zu. Sie nickte und fuhr ab, während Josh sich eines der typischen Londoner Taxis heranwinkte.


    John Foster sank in seinen Stuhl zurück. „Tot sagen sie? Aber...aber?“, stammelte er nur und sah den Mann vor sich an. „Mister Foster...können sie mir sagen, an was für einer Story Mister Zöllner arbeitete?“, wollte der Inspector wissen. „Nein...nein, das kann ich nicht. Er war zwar nur Volontarist, aber wir haben ihm vollkommen freie Hand gelassen, nachdem er sich bei uns eingewöhnt hatte.“, erklärte Foster. Josh nickte. „Können sie mir seinen Arbeitsplatz zeigen? Ich möchte mir gerne ein Bild von seiner Arbeit machen.“, erklärte der Polizist. Foster nickte und ging mit Joshua in das Großraumbüro, führte ihn bis zum Fenster Richtung Big Ben. „So, hier war sein Arbeitsplatz.“, erklärte der Mann und blieb in einiger Entfernung stehen. Dankend nickte Josh und durchsuchte den Schreibtisch. „Laptop oder so etwas? Hat er das gehabt?“ Foster zog nur kurz die Schultern hoch. „Gut, danke... sie können wieder an ihre Arbeit gehen.“, erklärte Josh und sah sich überall um. Jede Schublade wurde aufgezogen, jeder Zettel umgedreht. Notizblock und Adressbuch wanderten in die Taschen des Inspectors. Dann sah er einen Block mit kleinen Klebezetteln. Spontan schnappte er sich einen Bleistift und wischte mit der Miene über das ganze Blatt. Bei jedem neuen Strich zogen sich die Mundwinkel höher und höher. „Na das ist doch was...“


    Ben packte seine große Umhängetasche, das Geld legte er in die Mitte und bedeckte sie mit ein paar Klamotten. Sein Gesicht war schon seit Stunden ohne jegliche Emotionen und Wärme. Für Ben war in den letzten Stunden eine Welt zusammen gebrochen. Emily...seine Emily war entführt worden. Und nur er wusste, wo sie war. Verdammt...wieso passierte so etwas immer nur ihm? Schon Saskia wurde ihm genommen. Durch die Hand eines Mörders. Dann die Italienerin, Gina, auch nur jemand, die ihn ausgenutzt hatte und dann erschossen wurde. Doch nicht Emily. Ein drittes Mal würde er sich seine Freundin vom Schicksal nicht wegschnappen lassen. Nein, dieses Mal nicht. Jetzt würde er sich wehren. Ben zog den Reißverschluss zu und warf sich seine Jacke über. Gleich in London würde er sich eine Waffe kaufen und dann einen Wagen mieten. So war er beweglicher. Kurz vor der Wohnungstür drehte er sich kurz und wehleidig um. Innerlich gab er sich ein Versprechen. Er würde diese vier Wände erst mit Emily oder nie wieder betreten. Dann schloss er die Tür. Das hallen klang ihm noch lange in den Ohren.


    Die Fahrt zum Flughafen verlief schweigend und vollkommen ruhig. Nur die Stimme des Taxifahrers, der nach dem Fahrgeld verlangte, riss ihn aus seiner Lethargie. „Hier bitte...“, kam es nur leise von dem jungen Hauptkommissar und reichte dem Mann einen 20-Euro-Schein. Ehe er das Wechselgeld einstecken konnte, war Ben in den Flughafen verschwunden und buchte schon einen Flug nach London. „Sie haben Glück. Die nächste Maschine geht in 45 Minuten. Bitte gehen sie zum Gate 12a. Wünsche eine angenehme Reise.“, meinte die Dame hinter dem Schalter und reichte dem jungen Hauptkommissar das Ticket rüber. „Danke...“, murmelte Ben, schnappte sich seine Tasche und ging zur Abfertigung hinüber. Dass sein ausgeschaltetes Handy in dieser Zeit drei bis vier Anrufe bekam, sollte er nicht mitbekommen.


    ...

  • Semir warf wütend sein Handy auf den Sitz, wo bis vor wenigen Stunden Ben noch gesessen hatte. Wieso war dieser Kerl so stur? Wieso ließ er sich nicht helfen? Semir würde seinen Freund doch nicht im Stich lassen. Das wusste Ben. Warum warf er alles so hin? Er fand einfach keine Antwort. Semir fuhr auf den Rastplatz raus, wo man den falschen Euroschein sichergestellt hatte. „Hör zu, wir haben viel Kohle in das Unternehmen gesteckt.“, fauchte eine Stimme, als Semir den Wagen neben dem Gebäude geparkt hatte. „Man hat einen der Scheine gefunden. Es ist besser, wenn ihr die nächste Lieferung verschiebt.“, kam eine andere, ängstlichere Stimme. „Bist du wahnsinnig? Die Lieferung ist schon auf den Weg. Sie wird spätestens heute Abend im Duisburger Hafen eintreffen. Du wirst das Geld dann wie folgt verteilen. Haben wir uns verstanden?“, fauchte der andere Mann. Sehr interessant, dachte Semir nur und beschloss, dem Mann mit der harschen Stimme zu folgen. Den anderen Mann konnte er durch Kim oder Hotte und Dieter befragen lassen. Schnell noch ein Foto mit dem Handy für Susanne zur Überprüfung geschossen und dann die Männer weiter beobachten. Der harsch sprechende Mann trug einen schwarzen Ledermantel und Schlangenlederstiefeln. Das Gesicht war vollkommen blass und wirkte dadurch gefährlich unberechenbar. „Pass dieses Mal besser auf und vermassle es nicht.“, knurrte der blasse Mann und verschwand dann in Semirs Richtung.


    Schnell und unauffällig stieg Semir wieder in seinen Wagen und legte sich hin. Er wartete, bis der Mann vorbei war. Unauffällig drehte er sich um, sah sich das Auto an und prägte sich das Kennzeichen ein. „So, dann wollen wir mal sehen, wohin du fährst.“, murmelte Semir nur und ließ seinen BMW an. Der blasse Mann stieg in einen großen Jeep und rauschte davon. „Cobra 11 an Zentrale... verfolge verdächtigen Mercedes Jeep in Richtung Duisburg.“, gab Semir über Funk durch. „Brauchst du Hilfe, Semir?“, wollte Dieter über Funk wissen. „Allerdings...ich habe eben Susanne ein Foto geschickt. Der eine ist vor mir im Jeep, der andere ist wahrscheinlich der Manager von der Raststätte. Holt ihn mal zur Befragung ab.“, forderte Semir nur. „Alles klar...Hotte und ich fahren gleich los.“, erklärte Dieter nur und schaltete den Funk ab. Der Deutschtürke grinste nur und hängte den Funk ein. Der Jeep fuhr im gemächlichen Tempo. Semir hielt sich zwei bis drei Fahrzeuge dahinter auf, doch immer in Sichtlinie zu seinem Verfolger. Immer wieder gab Semir seine neue Position durch. Dieter nahm immer wieder die Funksprüche entgegen. „Wo will dieser Kerl nur hin?“, fragte sich Semir, der immer noch auf der Autobahn unterwegs war, obwohl schon die Ausfahrt Duisburg Nord gerade an ihnen vorbei war.


    Bens Flieger landete wenig später in London. Er ließ sein Gepäck nochmals durchleuchten und stiefelte dann einfach aus dem Flughafen Heathrow. Ein Taxi stand abrufbereit vor dem Terminal. „Zu einem guten Hotel.“, forderte Ben. Er spürte die Müdigkeit und den Flug in jedem seiner Knochen. „Okay Sir...“, kam es nur vom Taxifahrer. Er schaltete den Taxameter ein und brauste durch die alten Straßen Londons. Normalerweise würde jeder Tourist den Hals nach den Gebäuden und Sehenswürdigkeiten verdrehen, doch Ben sah einfach stur aus dem Fenster, ließ die Tower Bridge und den Tower an sich vorbeiziehen, ohne eine menschliche Regung. Das schwarze Taxi stoppte vor einem Hotel. „Macht 24, 53 Pfund, Sir.“, forderte der Fahrer. Ben nahm einige Scheine aus der Tasche und reichte sie dem Fahrer. Der sah missmutig auf die Euroscheine. Ben stieg aus und ging zügig auf die Rezeption zu. „Ein Zimmer für die Nacht.“ „Wollen sie unsere Wellnessanlagen benutzen?“ „Nur ein Zimmer...ich will morgen weiter.“, erklärte der junge Hauptkommissar und nahm dann die Chipkarte dem Rezeptionisten aus der Hand, bevor ihm dieser noch mehr aufschwatzen konnte. Ben fuhr zu seinem Zimmer rauf, ließ die Tasche fallen und stieg unter die Dusche. Er musste diesen Schmutz loswerden, seit dem Raufen mit dem Gangster an ihm haftete und jede Pore seines Körpers zu verkleben schien.
    Eine halbe Stunde dauerte der Wasserschwall und frisch geduscht kam Ben aus dem Bad und sah aus dem Fenster. Die Nacht legte sich langsam über London, obwohl von Nacht in dieser Stadt wohl man nicht zu sprechen brauchte. Diese Stadt lebte immer und zu jeder Zeit. Doch Ben stand nicht der Sinn nach Ausgehen. Dazu musste er unter Leute und das wollte er in seiner jetzigen Gemütsverfassung nicht. Seine Gedanken kreisten immer nur um Emily. Seine Emily...wo war sie nur? Wo sollte er suchen? Auf dem Flugplatz würde er anfangen, doch sein Instinkt und seine Erfahrung sagten ihm, dass die Leute sie dort nicht verstecken würden. Dennoch war dies die erste Spur. Schnell stellte er sich noch seine Uhr und legte sich dann schlafen. Die nächsten Tage würden extrem anstrengend werden.


    ...

  • Josh schritt schnell durch das Großraumbüro auf seinen Platz zu. Zielstrebig startete er seinen Computer und gab die gefundene Nummer ein. „Bingo...“, stieß er aus, als das Ergebnis groß und breit auf seinem Monitor prangte. „Josh, ich hab hier was ge...“ „Natalie, komm, wir müssen weg. Sofort...“, stieß er aus, sprang auf und zog seine Partnerin mit sich. „Wow...sagst du mir, wo es hingeht?“, wollte sie wissen und kam mit seinen großen Schritten kam hinterher. „In die feine Londoner Gesellschaft. Glaub mir, das wird ein heißer Abschluss unseres Arbeitstages.“, meinte der junge Inspector und drückte auf die Fahrstuhltaste. „Willst du mich etwa ausführen? Was wird denn deine Frau dazu sagen?“, grinste Natalie. „Nein, das nun nicht, aber das hab ich auf dem Arbeitsplatz des Toten gefunden. Ich hab die Nummer gerade überprüft. Rate mal, wem sie gehört.“, forderte Josh und hielt den Zettel hoch. „Der Prime Minister vielleicht...“, spottete Natalie. Ihr Kollege grinste nur. „Besser... Daniel Christie.“, erklärte Josh nur und reichte ihr das Stück Papier. „Daniel Christie? Der von Londons größter Reederei?“, fragte sie mit stotternder Stimme. „Genau der...und dahin fahren wir jetzt.“


    „Mister Christie, hier sind zwei Polizisten, ein Detective Inspector Joshua Etheridge und eine Detective Sergeant Natalie Wallace, die sie sprechen möchten.“, erklärte die Sekretärin, die ihren Kopf vorsichtig in das dunkle Büro. Hinter einem Schreibtisch hob sich eine Silhouette empor. „Miss Grumper, ich sagte doch, ich will von niemandem gestört werden. Auch von der Polizei nicht.“, fauchte eine Stimme. „Ich fürchte, wir müssen sie stören, Sir.“, meinte Josh dann und drängelte sich an der Sekretärin vorbei. „Aber Sir...“, stieß sie nur empört aus, wurde aber von Natalie nach draußen geschoben. Die beiden Polizisten standen nun vollkommen im Dunkeln. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Doch es war Josh, der eine Tischlampe anknipste. „Daniel Christie? Sir, ich bin Detective Inspector Joshua Etheridge vom Scotland Yard. Das hier ist meine Kollegin Natalie Wallace. Wir hätten einige Fragen an sie im Bezug mit einem Todesfall.“, erklärte Josh und wartete auf die Reaktion des Reeders. „Um einen Todesfall? Und was habe ich mit einem Todesfall zu tun?“, kam eine heisere Stimme aus den Tiefen des Zimmers. „Sie scheinen den Toten gekannt zu haben. Jedenfalls fanden wir ihre Telefonnummer auf einem Notizblock.“, erklärte Josh. „Wer...wer war dieser Tote?“ Die Stimme trat ins Licht und gab sich endlich zu erkennen. Josh erschrak kurz. Das fahle Licht gab dem dürren Gesicht ein düsteres und gespenstisches Aussehen. „Felix Zöllner...Reporter bei einer britisch-deutschen Zeitung.“, erklärte der Inspector. Der Mann kam weiter vor, während Natalie unbeobachtet zu seinen Schreibtisch ging und auf den Bildschirm starrte. Eine junge und gefesselte Frau war dort zu sehen. Die Bildunterschrift war eindeutig. „Ist das ihre Tochter?“


    ...

  • Semir folgte dem Wagen immer noch, bald stand er am Eingang zum Duisburger Hafen. „So, scheint wir sind da...“, grinste Semir nur, erfreut, dass ein Fall sich so schnell aufzuklären schien. Doch noch immer musste er an die Worte seines Partners denken. „Dann haben sie hiermit meine Kündigung.“ Kündigung. Ben liebte doch seinen Job. Semir wusste nur eine einzige Situation, wo sein Partner rot sah. Und dies war so eine. Bens Freundin schwebte in Gefahr. Er selbst würde nicht anders handeln. Er hielt den BMW in einem entsprechenden Abstand an. Der Wagen vor ihm fuhr auf einen leeren Kai zu und wartete dort. „Chefin, ich habe ihn. Wir sind im Duisburger Hafen, am Kai 42. Wenn sie mir das SEK schicken können, kann ich den Mann mit dem Falschgeld hochgehen lassen.“, gab der Hauptkommissar über Funk durch. „Sehr gut Semir, ich bin auf den Weg. Wir haben es nicht mehr weit.“, erklärte Kim. „Alles klar Chefin.“ „Ach und Semir? Sie warten bitte, bis wir da sind. Ich will nicht noch eine Geiselnahme haben oder dass mein bester Mann ausfällt.“, kam es noch mahnend aus dem Funk. „Sehr wohl, Chefin. Ich werde nicht eingreifen.“, meinte er nur und hörte dann den Funk ausgehen. „Aber umsehen werde ich mich ja noch dürfen.“, grinste er, schaltete den Motor ab und verließ ohne jegliches Geräusch seinen BMW.


    Josef Faber stieg aus seinem Geländewagen und wartete am Pier. „Jetzt müsste sie gleich kommen.“, murmelte er den Arbeitern zu, die sich zu ihm gesellten. „Wie immer kriegen wir unser zusätzliches Gehalt?“, wollte einer wissen. „Aber klar...wenn ihr mir beim Ausladen helft. Der Laster mit den Lebensmitteln müsste bald hier sein.“, erklärte Faber und sah sich um. Ein Brausen kündigte ein Fahrzeug an. „Ah, das muss der Lkw sein. Sehr gut...wie sieht es beim Zoll aus?“ „Die sind ruhig. Außer Fisch und Fleisch werden sie ja nichts finden.“, lachte einer der Umherstehenden. „Sehr richtig...“ Josef nahm sein Fernglas und blickte den Rhein hinunter. „Sie müssten doch jeden Moment...Ah, da sind sie...“, stieß er aus und hüpfte erfreut auf seinen Stiefelspitzen auf und ab. Er drehte sich einige Male suchend nach irgendwelchen Personen um. Als er sich sicher war, mit den Arbeitern alleine zu sein, drehte er sich wieder um. Doch er wurde insgeheim aus einem Versteck beobachtet.


    Semir war auf einige Container geklettert und besah sich alles von oben. Er kniete auf einem Ding und sah auf die Szenerie herab. „Sehr interessant.“, murmelte er und knipste alles mit seinem Handy. Das Anlegen des Schiffes, das Ausladen der Ware. Semir stutzte. Das war alles Tiefkühlware, gefrorener Fisch und gefrostetes Fleisch. Dann aber schlug der Mann mit dem Ledermantel und den Schlangenstiefeln in das Eis rein und zog bündelweise Geld hervor. „Bingo.“, dachte Semir nur und schoss erneut Fotos. Dann aber begann der gesamte Container zu wackeln. „Wow, was ist denn jetzt los?“, stieß Semir aus und wollte zum nächsten hüpfen, doch er fiel nach vorne über. Krachend landete er erst auf dem Dach des Geländewagens und rollte dann weiter auf die Motorhaube. „Sieh da...ein Spion.“, kam es gleich von Josef Faber und gleich packte er den kleinen Mann am Kragen. „Wer bist du? Bist du ein Bulle?“, wollte er sofort wissen. „Ich...ich bin nur ein einfacher Aushilfshafenarbeiter. Erst...heute Morgen angefangen.“ Semir wusste, dass diese Lüge ihm nicht helfen würde. Faber lachte auf. „Ja klar...und die rennen immer mit einem Halfter am Gürtel rum oder wie? Man, du riechst so was von nach Bulle, dass es schon fast kriminell ist.“, lachte Faber nur und zog Semir auf die Füße. Dieser verzog schmerzerfüllt sein Gesicht. Die Bruchlandung war an ihm nicht spurlos vorübergegangen. „Okay...jetzt rede, oder ich werde dich dazu bringen. Weißt du, eine brennende Zigarette kann sehr, sehr weh tun. Besonders unter den Fingernagel.“, lachte er und zündete einen Glimmstängel an. Semir sah mit Angst auf diese Nikotinfalle. Er wusste, wozu solche Leute fähig waren. Er konnte nur hoffen, dass Kim gleich auftauchte und mit ihr das SEK.


    ...

  • Wie aufs Stichwort kamen schwarz vermummte bewaffnete Männer aus der Umgebung. „Polizei...Stehen bleiben...“, fauchten sie und warfen sich zu zweit auf je einen Mann. Der Mann mit den Stiefeln und dem Ledermantel wurde gleich von vier Mann angegangen, wehrte sich heftig, musste dann aber doch aufgeben. „Semir, ich hatte ihnen doch gesagt, sie sollen warten.“, kam es vorwurfsvoll von der Chefin. „Ja, ich weiß, aber dafür weiß ich, wo das Geld ist.“, erklärte er und griff ungeniert in die Kühlkiste. Kim sah neugierig hin und tatsächlich. Es kamen haufenweise Geldbündel hervor. „Sicher das gesamte Falschgeld.“, erklärte Semir. „Sehr gut, wir werden alles in die KTU bringen lassen. Eben auf dem Weg hierher hab ich einen Anruf vom Polizeipräsidenten erhalten. Semir, er will sie und mich sofort sprechen.“


    „Was soll mit der Kleinen geschehen?“, fragte Roger seinen Chef per Telefon und sah auf die gefesselte Emily. „Wo seid ihr jetzt? Immer noch auf dem Flugplatz?“, wollte die Stimme wissen. „Ja Sir, wir dachten, ehe wir nach Nottingham fahren, ist das hier unauffälliger.“, erklärte er nur und sah sich immer wieder um. „Gut, aber suchen sie sich ein anderes Versteck. Fahren sie mit der Kleinen zu den Docks nach London. Suchen sie sich dort eine verlassene Halle oder so etwas. Damit sind sie auch für mich leichter zu erreichen.“, erklärte die Stimme am anderen Ende. „Sehr wohl, Sir. Wir werden sofort aufbrechen. In etwa vier bis sechs Stunden sind wir in London. Ich rufe an, sobald es was neues gibt.“, erklärte Roger und sah Ian an. „Unser Wagen muss noch repariert werden. Das dürfte noch einige Tage dauern. Also vor übermorgen kommen wir hier nicht weg.“, meinte Ian und rieb sich mit einem öligen Lappen das frische Öl von den Händen ab. „Dann muss London halt noch auf uns warten. Hier findet uns sowieso im Moment keiner. Der Flugplatz wird schon seit Jahren nicht mehr genutzt. Und die Landbevölkerung glaubt, dass es hier spukt.“, erklärte Roger nur und nahm ein Tablett in seine Hand. „Ich füttere mal unsere Gefangene. Kümmere du dich weiter um den Wagen. Ich gebe dir 36 Stunden. Dann muss das Ding fahren können.“, erklärte Roger und schloss einen Verschlag auf.


    Emily kroch in eine Ecke. Seit Stunden hatte sie versucht, ihre Fesseln an dem rauen Stützbalken durchzufeilen. Gelungen war es ihr nicht. „Dein Essen, Kleines.“, kam es nur von Roger. Er war unmaskiert und auch sonst nicht vermummt. Emily sah ihn mit großen Augen an und versuchte noch immer, die Seile um ihre Gelenke abzustreifen. „Lass es lieber. Du wirst hier sowieso nicht rauskommen.“, meinte der Engländer und stellte das Tablett ab. „Wenn ich dich füttere, will ich keine Zicken haben. Hast du verstanden?“, fauchte er nur und nahm ihr den Knebel ab. „Sie werden noch ihr blaues Wunder erleben. Mein Freund ist ....“ Die Hand landete in ihrem Gesicht. Der Kopf flog zur Seite und Blut schoss aus der aufgeplatzten Lippe. „Ich sagte doch, ich will nichts hören.“, fauchte Roger und nahm die Suppenschüssel in die Hand. „Mund auf und keinen Mucks außer dein Geschmatze.“ Emily nickte nur und aß das, was ihr der Mann anbot. Es schmeckte nicht besonders und war nicht mit Bens Kochkünsten zu vergleichen. Ach Ben...bitte...hol mich hier raus, flehte Emily und nah einen weiteren Löffel. Roger blickte sie mit einem gleichgültigen Gesichtsausdruck an. „Nun iss schon. Ich will nicht hier nötiger als sonst bleiben.“, knurrte er und stellte die leere Schüssel dann weg. Er schob Emily ein Stück Brot in den Mund und ließ sie abbeißen. „So, und jetzt keinen Mucks mehr. Wir verschwinden hier bald. Und du wirst mit uns kommen. Keine Sorge, hier wird dich niemand hören und auch bestimmt niemand suchen.“, lachte Roger und ging wieder. Emily flehte, dass es nicht so war.


    ...

  • Dr. Christian Zöllner, derzeitiger Polizeipräsident, stand am Fenster seines großen Büros und blickte auf die erleuchteten Schiffe hinunter, die den Rhein entlang fuhren. „Herr Zöllner? Kim Krüger und Semir Gerkhan wären jetzt hier.“, erklang die Stimme seiner Sekretärin aus dem Lautsprecherapparat. „Danke, Frau Hillmer. Sie können dann für heute gehen.“, meinte er nur und sah zur Tür. „Herr Polizeipräsident, sie haben uns rufen lassen?“, fragte Kim, als sie im Büro standen. „Ja...ja, das habe ich. Frau Krüger, Herr Gerkhan...ich...ich habe eine äußerst delikate Bitte an sie. Es...es geht um meinen Sohn, Felix.“, erklärte er mit matter, schwerer Stimme. „Bitte setzen sie sich. Wollen sie etwas trinken?“, schweifte er ab. Semir sah ihn mit knirschenden Zähnen an. „Herr Polizeipräsident, was ist mit ihrem Sohn los?“, wollte er wissen. „Er...er wurde in London ermordet aufgefunden. Vor wenigen Stunden hat mich der deutsche Botschafter darüber in Kenntnis gesetzt und ich...“ Zöllner brach ab und sank in seinen Stuhl zurück. Kim und Semir sahen sich nur an. „Herr Gerkhan, Semir...ich...ich will sie um eins bitte. Fahren sie nach London und finden sie die Mörder meines Sohnes.“


    Semir schluckte, wusste nicht, was er von diesem Vorschlag halten soll. „Aber Herr Zöllner, sie wissen doch, dass wir keinerlei Berechtigungen haben, in anderen EU-Ländern zu ermitteln.“, fing Semir an. „Es sie denn, sie haben eine Bevollmächtigung von einem der amtierenden Polizeipräsidenten, abgestimmt mit dem Chef von Interpol Deutschland und Interpol London.“, zitierte Dr. Zöllner die Vorschriften, versank dann jedoch sofort wieder in seiner Lethargie. „Bitte Semir, ich weiß, wir haben in der Vergangenheit ziemliche Differenzen gehabt. Vor allem, wegen ihren großen Verschleiß an Dienstwagen. Ich will darüber hinwegsehen, wenn sie mir helfen. Bitte...ich will wissen, wer meinen Sohn getötet hat.“, erklärte der Polizeipräsident. Hilflos sah Semir zu Kim. „Herr Zöllner, wir...wir...“ Dann stockte sie, weil sie Semir sich nun einmischte. „Herr Zöllner, ich denke, ich kann den Mörder ihres Sohnes finden. Wenn sie mir einige Einzelheiten geben, dann denke ich, dass es möglich ist. Ich kenne zum Glück jemanden bei Scotland Yard.“, meinte Semir. Zöllner nickte und fing an zu erzählen. Semir hörte geduldig zu und nickte dann. Es verging gut eine Stunde, ehe Zöllner alles erzählt hatte. „Dann werde ich mal nach Hause fahren und Andrea erzählen, dass ich die nächsten Tage und Wochen nicht erreichbar bin.“, erklärte Semir mit einem freundlichen Zwinkern. Zöllner schloss dankend die Augen und atmete erleichtert auf. Nur wusste er nicht, was Semir in London erwarten würde.


    „Was...was?“, stammelte Daniel Christie und kam zu Natalie. „Na, diese junge Dame hier. Unter dem Bild steht: Sie haben eine wundervolle Tochter.“, meinte Natalie und rief damit auch Josh auf den Plan. „Nein...nein...das...das verstehen sie falsch. Bitte...bitte, was sind ihre Fragen?“, wich Christie aus. „Felix Zöllner hat sie angerufen. Warum? Und dann könnten sie die Güte haben, die Frage meiner Kollegin zu beantworten.“, forderte Josh nur und blickt ebenfalls auf das Bild. Das Mädchen war gefesselt und geknebelt. Wenn das nicht ein eindeutiger Fall von Entführung mit Erpressung war, dann schien der alte Mann eine abartige und kranke Fantasie zu haben. „Felix Zöllner...warten sie...der Name...ja, das war der junge Reporter, der mich über mein Unternehmen befragt habe. Er interessierte sich vor allem für die Transportwege und unsere Transportschiffe und vor allem für meine Kollegen und meine Mitarbeiter.“, erklärte er. Josh schrieb sich alles im Stenostil mit. „Und jetzt die Frage nach dem Bild, wer ist das?“, wollte er wissen. „Das...das geht sie nichts an. Tut mir Leid, aber bitte, fragen sie nicht.“, forderte Daniel Christie flehend. Josh blickte kurz zu seiner Partnerin und nackte dann. „Gut Sir, wenn sie mir es nicht erzählen wollen, dann halt nicht. Nur keine Sorge, wir vom Yard haben noch andere Wege.“, erklärte er vielsagend und ging dann mit Natalie zurück zum Fahrstuhl.


    ...

  • „Ich sage dir, das ist seine Tochter.“, erklärte sie überzeugt. „Natürlich ist sie das. Jetzt ist nur die Frage, wer hat sie entführt und womit wird Christie dadurch erpresst?“, fragte er sich nur und sah auf die Uhr. „Oh verdammt. Schon wieder so spät. Yao wird mich umbringen, wenn ich unserer Kleinen keine Gutenachtgeschichte vorlese.“, stieß er aus. Natalie lächelte nur. „Dann mach dich mal schnellstens davon. Ich sehe dich dann morgen wieder im Büro.“, lachte sie, als Josh winkend aus dem Fahrstuhl sprang, ein Taxi stoppte und zu sich nach Hause fuhr. „So, und ich werde jetzt erstmal herausfinden, was es mit Christies Tochter auf sich hat.“, murmelte sie zu sich selbst und stieg in den Wagen, fuhr zurück zum Yard.


    „Wie, du willst nach London? Semir, warum...was...was hat das mit deiner Arbeit bei der Autobahnpolizei zu tun?“, fragte Andrea vollkommen unverständlich, als ihr Göttergatte anfing, den Koffer zu packen. „Andrea, ich muss einen Mord aufklären. Das ist nun mal mein Job.“ „Aber nicht in London. Semir, du willst mich jetzt nicht mit zwei Kindern allein lassen. Wie soll ich das denn schaffen?“, wollte sie wissen und nahm ihren Mann wütend die Jeans aus der Hand. Hilflos rollte er mit den Augen. Wie konnte er seine Frau nur besänftigen. „Andrea bitte, versuch mich doch zu verstehen. Ich habe dem Polizeipräsidenten versprochen, den Mörder seines Sohnes zu finden. Und das kann ich nur, wenn ich dort anfange, wo er ermordet wurde...in London.“, meinte Semir wieder. Er legte die Jeans, die Andrea ihm an den Kopf warf, in den Koffer und ging auf sie zu. Wütend stand sie am Fenster des Schlafzimmers, die Arme vor der Brust verschränkt und schnaubte laut auf. „Andrea...Andrea, bitte...komm, es ist doch nicht für lange. In ein oder zwei Wochen bin ich wieder da.“, meinte er und versuchte, ihren Körper mit seinen Armen zu umschlingen. „Nein Semir...das werde ich dir nicht so schnell verzeihen.“, fauchte sie und riss sich los, nahm das Bettzeug von seiner Seite und schmiss es vor die Schlafzimmertür. „Du kannst heute Nacht im Gästezimmer schlafen.“, fauchte sie und stieß ihn, mitsamt dem gepackten Koffer raus. „Andrea...ANDREA!!“, schrie er und schlug gegen die Tür. Kurz darauf hörte er Geschrei aus dem Kinderzimmer. „Oh verdammt...Papa kommt schon, Kleines.“ Die Nacht sollte für Semir kurz und der Morgen noch unfreundlicher werden.


    Den ganzen Morgen über schwiegen sich die beiden Eheleute an. Nur karge Worte und kurze Fragen an die Kinder verließen ihre Mundhöhlen. Ayda merkte natürlich, was los war. „Habt ihr euch wieder gestritten?“, fragte das kleine, blondgelockte Mädchen. Mittlerweile war sie in einem Alter, wo sie alles mitbekam. Semir sah seine Älteste kurz an und blickte dann zu Andrea rüber. Ein vernichtender Blick wurde ihm entgegen geworfen. „Weißt du, Ayda, manchmal sind auch Mama und Papa anderer Meinung und dann passiert es, dass wir uns streiten. Aber wir haben euch dennoch sehr, sehr doll lieb.“, erklärte er. „Warum vertragt ihr euch dann nicht wieder?“, fragte das kleine Mädchen. „Das ist manchmal nicht so einfach.“, erklärte nun Andrea. „Besonders nicht, wenn der Papa so einen zeitraubenden Job hat.“, fügte sie hinzu. „Ich muss los. Kommst du noch mit zum Auto?“, wollte Semir mit deutlich beleidigter Stimme. Der Streit von gestern, er konnte ihn noch immer nicht verstehen. Andrea machte keine Anstalten, ihren Platz zu verlassen. Resignierend nickte Semir nur, nahm seine beiden Töchter und drückte ihnen einen Kuss auf Wangen und Stirn, ehe er das Haus verließ und zum Flughafen fuhr. Andrea blieb an ihrem Platz sitzen. Hatte sie wieder überzogen reagiert? Nein, dieses Mal befand sie sich im Recht. Semir musste lernen, dass er keine Entscheidungen treffen sollte, ohne vorher mit der Familie darüber zu reden. Er war so ein türkischer Sturkopf.


    ...

  • Der Flieger landete um halb drei Uhr in London Heathrow. Vollkommen verspannt vom langen Sitzen nahm Semir seinen Koffer und ließ ihn durchleuchten. London, das wusste er, war in Sachen Wetter immer wankelmütig. Und so war es auch, als er aus dem Terminal trat. Regen und Kälte schlugen ihm ins Gesicht, obwohl er in Köln bei Sonnenschein und wenigstens 15 Grad losgeflogen war. Schnell nahm er sich seine dickere Jacke und wickelte sich darin ein. Kurz darauf nahm er sein Handy hervor und wählte eine Londoner Nummer an. „Josh here...Who is speaking?“, meldete sich eine bekannte Stimme am anderen Ende der Leitung. „Hallo Josh...ich hoffe, du erkennst meine Stimme noch?“, meinte der Deutschtürke und grinste in sich hinein. „Semir? By God...wie lange haben wir uns denn nicht mehr gehört?“, freute sich Josh am anderen Ende der Leitung. „Sag mir, wie geht’s dir und wo bist du?“, fragte der junge Inspector aufgeregt. „Danke, mir geht es gut...mir ist nur etwas kalt. Das muss aber an eurem Wetter liegen.“ „Wie? Was? Soll das heißen, du bist in London?“ Doch dann stockte die Stimme. „Moment, hast du etwa mit dem Schreiben zu tun, dass ich heute auf dem Tisch hatte?“, fragte er dann mit fester Stimme. Die Freundlichkeit war mit einem Male abgekühlt. „Warum holst du mich nicht vom Flughafen ab und ich erklär dir alles auf der Fahrt.“ Josh stimmte zu.


    Ben wachte auf, nahm sofort seine sämtlichen Sachen zusammen und checkte aus. „Sie wollen wirklich nicht noch eine Nacht in unserem Haus bleiben?“, wollte der Concierge wissen. „Ich hab noch was anderes zu erledigen. Dafür muss ich die Stadt verlassen.“, knurrte Ben nur mit kurzen Worten. Der Mann nickte und zog die Karte durch. „Dann einen weiteren guten Aufenthalt in unserem Land.“, erklärte der Mann und ließ Ben ziehen. Dieser rief sich ein Taxi und fuhr zu einer Autovermietung. Er mietete sich für die nächsten Tage einen unauffälligen Wagen und fuhr aus der Stadt. Dank eingebautem Navi fuhr er auf der Schnellstrecke nach Norden. Es ging nach Nottinghamshire. Die Stadt, die der Grafschaft den Namen gab, ließ er links liegen und fuhr geradewegs weiter nach Warwick hoch. Warwick, eine kleine Stadt am Rande der Grafschaft, lag außerhalb jeglicher Schnellstraße. Nur eine Bahntrasse führte durch den Ort. Ben kam ausgesprochen gut mit dem Linksverkehr auf der Insel klar. Komischerweise sah er aber keinerlei Hinweisschilder, die auf einen Flugfeld oder ähnliches hinweisen. Der junge Hauptkommissar fuhr den Ort drei, vier oder fünf Mal ab. Jede Straße, jeden Weg untersuchte er. „Verdammt, das muss doch irgendwo sein.“, fauchte er und fuhr zurück zur Dorfmitte. Er ging in den dorfeigenen Pub hinein. Das muntere Zusammensein der Dorfbewohner erlosch sofort, als sie den jungen Mann sahen. Ben wurde es mulmig, als er die durchbohrenden Blicke in seinem ganzen Körper spürte. Langsam schritt er auf den Tresen zu, wo ihm sofort mit misstrauischen Blicken Platz gemacht wurde. „Kann ich ihnen helfen?“


    Der Ton des Barmannes war vollkommen unfreundlich und misstrauisch gegenüber Ben. „Ich suche ein altes Rollfeld hier in der Nähe. Ich bin Hobbyfotograf. Können sie mir da irgendwie helfen?“, wollte Ben wissen. Der Mann überlegte, stellte dem Fremden aber ein leeres Glas hin und schenkte ihm ein Glas Gin ein. „Trinken sie, dann reden wir.“, erklärte der Mann und wischte über den Tresen. Ben schluckte nur und nahm dann das Glas an den Hals, schlang es in einem Zuge runter. „Gut...und jetzt, sage ich ihnen, was sie wissen möchten. Hier, noch einen für den Weg. Also, das Flugfeld liegt etwa fünf Kilometer außerhalb. Nehmen sie die Straße nach Osten und biegen sie dann in den Waldweg ein. Nach einigen Metern kommen sie auf eine Lichtung. Dort kommen sie mit dem Wagen nicht mehr weiter und müssen zu Fuß gehen. Das etwa zwei Kilometer und dann sehen sie schon die Hangargebäude.“, erklärte der Barmann. Ben nickte dankend und merkte, wie ihm der klare Gin in den Kopf stieg. Als er sich vom Tresen abstoßen wollte, wurde ihm etwas schwindelig. „Wow...was für ein starkes Gesöff...“, keuchte der junge Hauptkommissar nur und setzte sich hinters Steuer. Er musste sich erst sammeln, bevor er nach den Anweisungen des Barmanns fuhr. Würde er Emily noch dort finden?

  • Roger kam aus der Kammer raus und ging an Ian vorbei. „Was ist? Ist der Wagen endlich fertig?“, wollte er wissen. „Moment noch...wenn ich jetzt den Wagen starten kann, dann funktioniert er. Ansonsten sitzen wir hier noch ein paar Tage...das heißt, wenn ich die richtigen Ersatzteile kriege.“, murrte er nur und verschwand wieder im Fahrzeug. „Ich bin draußen.“, meinte Roger nur und verließ den Hangar. Draußen zündete er sich eine Zigarette an und sog den Rauch tief ein, behielt ihn einige Momente im Mund und blies ihn dann wieder aus. Er ließ seine Blicke schweifen und entdeckte etwas unter den Bäumen glitzern. Was war das? Eine Spiegelung? Oder wurden sie beobachtet?


    Ben warf sich ins Gras. Da...da war einer dieser Kerle. Hatte er ihn gesehen? Er hatte doch genau in seine Richtung gesehen. Der junge Hauptkommissar drückte sich dicht ins Gras und rührte sich nicht. Er lag ungefähr einige Minuten im Gras, als er es endlich wieder wagte, sich zu rühren. Ben kroch hinter einen Baum und zog sich langsam hoch. Der Mann war immer noch da und suchte die Ungebung ab und es waren gut und gerne 70 Meter bis zum nächsten Versteck, ein altes Flugzeugwrack. Das Gras war allerdings ziemlich hoch und könnte genug Schutz für ihn bieten. Versuchen musste Ben es. Langsam ließ er sich wieder auf die Knie gleiten, legte sich lang hin und robbte vom Baum durchs hohe Gras. Nur noch wenige Meter...wenige Meter...geschafft. Ben saß in der Hocke hinter dem Wrack. Sein Atem rauschte wie sein Mercedes über die Autobahn bei Tempo 220. Ganz vorsichtig streckte er den Kopf raus und blickte sich um. Der Kerl war nicht mehr zu sehen. Das kam Ben mehr als komisch vor. Verdammt, und er hatte keine Waffe zur Hand.


    Josh stieg vor dem Terminal in die Eisen und schlug die Tür zu. Semir war hier. Das konnte doch eigentlich nie was Gutes bedeuten. Eigentlich sahen sie sich nur zu Feierlichkeiten. Ansonsten waren ihre Zusammenkünfte immer von bösen Ereignissen geprägt oder diese hafteten an einen der Freunde. Dementsprechend schritt Josh auch mit einem mulmigen Gefühl im Magen auf den kleinen Hauptkommissar zu. „Semir, how are you?“, begrüßte er seinen Freund und umarmte ihn. „Hallo Josh...ich denke, ich muss dir gleich alles erklären.“, meinte Semir. „Das denke ich auch, old boy...aber, wo ist Ben?“, fragte der Inspector und sah sich suchend um. Semir blickte ihn an. „Er...er hat momentan Probleme. Seine Freundin wurde entführt. Sie soll hier in England festgehalten werden.“, erklärte Semir. Sofort weiteten sich Joshs Augen. Das Entsetzen darüber war ihm deutlich aufs Gesicht „Damn...Ben hat mir nicht erzählt, dass er eine Freundin hat. Wo ist er hin?“ „Laut Flugplan sind sie irgendwo in Nottinghamshire gelandet. Ich glaube...War...Warwick, ja, so hieß die Stadt.“, erklärte Semir nur. „Warwick? Da ist aber kein Flugplatz. Also, ich kenne da keinen.“, erwiderte der Inspector. Semir nickte nachdenklich. „Ich kann ihn nicht erreichen. Vielleicht könntest du eine Einheit hinschicken und...“ „Semir, so etwas geht nicht. Als Beamter von Scotland Yard bin ich zwar überregional einsetzbar...“ „Na bitte, dann setz dich überregional ein und beordere einen Wagen in dieses Warwick oder so...“, forderte Semir mit Nachdruck. Josh seufzte und ließ den Kopf hängen. „Ich habe hier den Fall und der hat Priorität. Auch, wenn Ben mein Freund ist, wie soll ich das meinem Superintendent klar machen? Der dreht mich durch den Wolf.“ Semir musste sich eingestehen, dass Josh recht hatte. „Also, dann erklär mir mal, was du hier machst.“, forderte Josh dann und Semir erzählte.


    ...

  • „Ganz schöner Tobak.“, meinte der Engländer dann und nahm Semir bei der Schulter. „Dann komm mal mit. Wir zeigen dir, was wir haben. Und, willkommen in London.“, grinste Josh und stieg in seinen Wagen. „Dann mal los. Ich will deinen Arbeitsplatz sehen.“, grinste Semir nur und ließ sich auf den Beifahrersitz fallen. Etwas ungewohnt war es für ihn schon, saß er zwar auf der richtigen Seite, aber hier hatte er sonst das Steuer in der Hand. Und jetzt blickte er nur auf das Armaturenbrett. „Ungewohnt?“ „Ein bisschen...aber so kann ich mir diese Stadt mal ansehen, aus einer ganz anderen Perspektive.“, grinste Semir nur und ließ den Gurt einrasten. Schon ging die Fahrt los. Zum Yard mussten sie über die Tower Bridge und an der berühmten Festung an der Themse, dem Tower selbst, vorbei. Semir sah sich alles genau an. Vielleicht hätte er Andrea doch mitnehmen...nein, das hier ist eine Dienstreise und kein Urlaub, verwarf er seine Gedanken sofort wieder. „Weißt du schon, wo du wohnen wirst?“, kam es plötzlich von Josh. Semir musste sich eingestehen, dass er darüber noch nicht nachgedacht hatte. „Um ehrlich zu sein, nicht.“ „Gut, dann schläfst du bei uns. Yao freut sich bestimmt. Und so habe ich wenigstens ein Auge auf dich.“, grinste Josh und lachte laut los. Semir stimmte mit ein, doch wusste nicht, ob das als Scherz oder als Drohung gemeint war. Irgendwie war da kein Unterschied festzustellen.


    Ian sah auf. „Der Wagen ist fertig. Wenn du die Kleine jetzt holst, können wir sofort los.“, stieß er nur aus und öffnete schon das Hangartor. Roger nickte und ging in den Nebenraum. „So Mädchen, jetzt machen wir einen kleinen Ausflug. Und du verhältst dich während der Fahrt ruhig. Wenn ich irgendeine Dummheit von dir höre, dann werde ich dich nicht nur knebeln. Hast du verstanden?“, fauchte der Mann und fasste Emily brutal ans Kinn. Sie hatte keine andere Wahl. Also nickte sie und ließ sich dann eine Augenbinde verpassen. „So, und jetzt, hoch mit dir...“, fauchte Roger und zerrte an Emilys Oberarm die junge Frau auf die Beine. Plötzlich hörte er von draußen Krach, Rumpeln und Poltern. „Was zur Hölle...“, stieß er aus und öffnete die Tür einen kleinen Spalt. Er sah, wie Ian von dem Mann zusammengeschlagen wurde, der sie schon in der Tiefgarage in Köln verfolgt hatte. „Damnd...“, stieß Roger aus und schlug die Tür wieder zu. Er warf Emily zurück in eine Ecke und nahm sich eine Eisenstange als Waffe. Er sah auf die windende Frau und stieß sie mit dem Fuß an. Sofort entfuhr ihr ein Schrei, der laut genug war, um den Kerl draußen hierher zu locken. Roger hielt die Stange fest umklammert. Gleich musste es soweit sein, dachte er nur und sollte recht behalten.
    Ben hatte sich bis zum Hangartor geschlichen. Neben der Flugzeughalle lag ein dicker Stein, den der junge Hauptkommissar sich als Waffe griff. Der Mann am Wagen ging zur Werkbank und fummelte an einem Ersatzteil herum. Ben schlich hinein, hob den Stein hoch und machte sich bereit, den Kerl niederzuschlagen. Doch plötzlich schlug er mit seinem Fuß gegen ein metallisches Werkzeug auf den Boden. Klirrend schlingerte es über den Beton und erschrocken fuhr der Mann herum. Ben ließ den Stein runtersausen, erwischte aber nur den Arm. Ian stöhnte auf, fing sich aber wieder und ging mit einem Schraubenschlüssel auf den Fremden los. Ben hieb mit seinem Arm auf den Angreifer ein, parierte den Angriff mit dem Schraubenschlüssel und schlug zu. Ian taumelte und wurde im nächsten Moment über die Schulter geworfen, landete hart auf dem Beton und war bewusstlos. Keuchend überprüfte Ben seinen Körper, als er plötzlich einen grellen Schrei hörte. Das...das war seine Emily. Eindeutig. Sofort rannte er zu dem Nebenraum, stieß die Tür auf und stand inmitten des Raumes, als ihm plötzlich ein dröhnender Schmerz durch seinen ganzen Körper zuckte. Die Augen flackerten und im nächsten Moment fiel er wie ein nasser Sack nach vorne um.


    Roger warf die Stange beiseite und betrachtete den Kerl vor ihm genau. „So, du wolltest uns drankriegen, was?“, knurrte der Mann nur und gab Ben einen heftigen Tritt in die Seite. Dieser bewegte sich kaum. Ian taumelte in den Raum rein. „Dieser Mistkerl...er...er hat sich von hinten an mich angeschlichen und mich fast erwischt.“, knurrte er nur. „Dafür haben wir ihn jetzt erwischt. Mach das Auto klar. Wir nehmen ihn mit.“, meinte Roger und suchte einige Stricke, fesselte damit Bens Hände und Füße und legte ihm ebenfalls eine Augenbinde an. Dann zog er Ben durch den ganzen Hangar zum Wagen, warf diesen in den Kofferraum des Rovers und zerrte dann Emily nach draußen. Sie sträubte sich, weinte in die Augenbinde und versuchte, nach ihrem Entführer zu treten. Doch Roger fackelte nicht lange und holte mit der geballten Faust aus. Blut schoss aus der Lippe und floss an ihrem Gesicht hinunter. „Du wolltest es ja nicht anders.“, knurrte der Mann und warf sie in den Fußraum der Rückbank. Ian setzte sich auf den Beifahrersitz und sah Roger an. „Warum nehmen wir ihn mit? Er ist doch nur ein Belastung für uns. Wir hätten ihn gleich umbringen sollen.“, fauchte er. „Nein, denk dran...es dürfen hier keinerlei Beweise gefunden werden, dass einer auf dem Flugplatz war. Wenn wir ihn ausknipsen, tauchen früher oder später immer welche auf, die unangenehme Fragen stellen. In London haben wir mehr Möglichkeiten ihn loszuwerden. Wir haben jetzt andere Probleme.“, meinte Roger nur und fuhr los. Ian sah ein, dass er recht hatte. Hier würden sie nur Aufsehen erregen. In London passierte doch alle Stunde ein Mord. Was würde da eine Leiche mehr oder weniger ausmachen? Zumal es dort mehr Möglichkeiten der Entsorgung gab. Die Themse.


    ...

  • „Wen schleppst du denn da an?“, fragte Natalie, als Josh wieder ins Büro zurückkam. „Das ist ein guter Freund von mir aus Deutschland, ebenfalls Polizist. Er wird an unserem Fall mitarbeiten. Auf internationaler Anweisung hin.“, erklärte Josh nur. Semir verstand Brocken von dem feinen Englisch, was dort gesprochen wurde. „Semir, komm...ich will dir meine Partnerin Natalie Wallace vorstellen.“, fing Josh an. „Natalie, das ist Semir Gerkhan... bitte sprich etwas langsam. Sein...sein Englisch ist nicht so gut, wie unseres.“, grinste der Inspector nur. „Also so schlimm ist mein Englisch auch wieder nicht.“, kam es empört von Semir und reichte der jungen Kollegin die Hand. „Nein?“, fragte Josh und ratterte die Besucherinformationstafel am Tower runter. Semirs Gesicht wurde immer länger. „Hä?“, kam es dann nur von ihm. Natalie lachte auf. „Josh, ärgere ihn nicht. Lass uns lieber am Fall weiter arbeiten. Ich habe inzwischen etwas über Christies Tochter recherchiert.“, erklärte Natalie und legte ein Foto auf den Tisch. Semir erschrak. „Das...das ist Bens Freundin.“, stieß er aus. „Was? Verdammt, dann ist sie wirklich entführt worden?“, wollte Josh wissen. Sofort nahm er das Foto in die Hand und blickte rauf. „Das ist Emily...ich würde sie unter Tausenden erkennen.“, stieß Semir aus.
    „Dann ist Ben in großer Gefahr. Wir vermuten, dass Daniel Christie erpresst wird. Mit was, da tappen wir allerdings noch im Dunkeln.“, erklärte Natalie nur. „Gibt es einen Zusammenhang? Ich meine, zwischen eurem toten Journalisten und dieser Entführung?“, fragte Semir. „Wieso Zusammenhang? Du siehst da einen Zusammenhang? Erklär uns den bitte.“, forderte Natalie. „Das einzige, was wir bei dem Toten gefunden haben, war diese gefälschte Banknote. Semir stutzte. „Gefälschte Banknote? Wir haben in Deutschland eine Schiffsladung gefälschter Euronoten sichergestellt. Sie waren auf einem Fischfrachter aus England. Was macht dieser Christie beruflich?“, wollte Semir wissen. „Er...er hat eine Reederei und einen Exporthandel.“, erklärte Josh und schien zu begreifen, worauf Semir hinauswollte. „Du meinst, dass er damit erpresst wird. Dass er das Falschgeld aus dem Land schmuggelt, und zwar auf seinen Schiffen.“ „Und deshalb brauchen sie Emily. Weil sich sonst Daniel Christie weigern würde. Dann muss es jemand aus seinem Unternehmen sein. Oder einer, der ihn nahe steht.“, schlussfolgerte Natalie dann. „Los, lasst uns sofort zu Christie fahren.“


    Ben wachte langsam auf, konnte aber immer noch nichts sehen. Die ganze Umgebung schwankte und ihm war übel. Sein Kopf dröhnte wie ein Dampfhammer und seine Gliedmaßen taten ihm mehr als weh. Wo war er? Keine Ahnung...Ihm waren die Augen verbunden. Was sollte er da schon sehen? Es roch modrig und nach Benzin. War er hier vielleicht in einer Kammer und würde gleich in Flammen aufgehen? Was war denn passiert? Er konnte sich nur an den Hangar erinnern und wie er gekämpft hatte. Dann war da dieser Schrei. Das...das war seine Emily gewesen. Ganz deutlich...doch dann wurde es mehr als dunkel um ihn. Und jetzt war er hier. Wo war er verdammt? Das Auto schien schnell zu fahren. Deutlich konnte er die Motorengeräusche hören. Es rauschte immer wieder. Also schienen sie auf er Autobahn zu sein. „Hey...hey...hallo...hallo?“, schrie er sich die Seele aus dem Leib. „Halt die Klappe da hinten.“, schrie einer auf englisch. „Du kannst mich mal.“, fauchte Ben leise und winkelte die Beine an. Er musste diese Fesseln los werden. Immer wieder stieß er mit den Knien an die Tür und wiederholte das immer wieder. „Ist jetzt mal Ruhe da hinten?“, fauchte es aus der Fahrerkabine. Dann verlangsamte sich der Jeep und fuhr raus. Ben spürte die Sonne auf seinem Gesicht. Es wurde einigermaßen hell um ihn. Doch anstatt das man ihm die Augenbinde abnahm, landete eine Faust in seiner Magengrube und die nächste in seinem Gesicht. Ben keuchte auf vor Schmerzen. „Sollte ich noch einen Mucks von dir hören, bist du tot. Hast du gehört?“, fauchte die englische Stimme und schlug erneut zu. Dieses Mal zerschmetterte es Bens Nasenbein. Blut schoss aus der Wunde und floss auf seinen Pullover. Die Klappe schlug zu und der Wagen setzte sich erneut in Bewegung. Wo würden sie ihn und Emily hinbringen?


    ...

  • „Ich hoffe mal, der da hinten hält bis London seine Klappe.“, fauchte Ian und stieg wieder in den Wagen zurück. „Warum legen wir ihn nicht einfach hier um?“, wollte er wissen. „Weil es noch zu gefährlich ist. Warte, bis wir in London sind, dann werfen wir ihn in die Themse. So einfach ist das.“, fauchte Roger nur und schlug die Tür wieder zu. „Dann mal los. Je eher wir ihn los sind, desto besser für den Chef. Hat er sich eigentlich wieder gemeldet?“ Roger schüttelte mit dem Kopf. „Er wird sich auch nicht melden. Es sei denn, wir erreichen das Lagerhaus.“, knurrte Roger nur und startete wieder den Jeep. „So ein ungebetener Gast aber auch.“, meinte Ian nur. Die Fahrt dauerte noch zwei gute Stunden bis sie die Innenstadt von London erreichten. Durch die Stadt zu den Docklands dauerte es nochmals eine gute Stunde, ehe der Jeep in eine verlassene Halle einbog. „So, du nimmst die Kleine und bringst sie in das Erdloch und ich nehme mir den Gast vor.“, meinte Roger und stieg aus. Schon in der Stadt ging das Poltern wieder los. Nur in der Stadt wäre es ein bisschen auffällig gewesen. Roger packte sich eine Eisenstange und ging zum Kofferraum. Sofort ließ er die Tür aufschwingen und schlug mit der Stange zu. Ben schrie auf, krümmte sich vor Schmerzen, wurde jedoch im nächsten Moment von einer taub machenden leichte Ohnmacht heimgesucht. Er bekam nur noch Bruchstücke mit.


    Roger packte den Mann am Fuß und zerrte ihn brutal aus dem Auto, ließ ihn auf den Beton aufschlagen und zog ihn weiter. Das Warenhaus hatte einen direkten Zugang zur Themse. Durch eine große Klappe und einer passenden Leiter konnte man mit kleinen Booten direkt unter dem Warenhaus anlegen. Doch jetzt wurde die Klappe anderweitig genutzt. Roger zog den benommenen Ben bis zur Klappe, drehte ihn auf die Seite und zog ihm die Augenbinde ab. „So Freundchen, wird Zeit lebe wohl zu sagen.“, lachte Roger nur. Bens entsetzte Augen weiteten sich mehr und mehr. Seine Hände und Füße waren immer noch gefesselt. Wie sollte er damit denn schwimmen? Das hier war definitiv sein Ende. „Und tschüss...“ Ein heftiger Stoß und Ben rollte in die Tiefen der Luke hinein. Roger wartete noch auf das tödliche Platschen, bevor er mit einem diabolischen Grinsen die Luke schloss. „Das war es mit dem ungebetenen Gast.“, lachte er nur und ging weg.


    Ben fiel und fiel wie ein Stein. Der Aufprall auf dem Wasser war hart und er spürte die grausame Kälte des Flusses, die ihn sofort umschloss. Panik machte sich in ihm breit. Er versuchte sich über Wasser zu halten, doch es nützte nichts. Seine Lungen füllten sich schon langsam mit Wasser. Sauerstoff wurde zu einer Mangelware. Er versuchte, seine Füße und seine Hände frei zu bekommen. Doch durch das Wasser rückte und rührte sich nichts. Im Gegenteil, es zog sich alles nur noch enger zusammen. Immer tiefer und tiefer zog ihn das Wasser nach unten. Seine Kleidung saugte das Wasser vollkommen auf. Verdammt, das war voll entgültig sein Ende. Hier, in London würde er also sein Leben beenden. Und dann auch noch so ein nasses Grab. Ohne, dass einer von seinen Unternehmungen wusste. Emily, seine Emily ließ er aber im Stich. Und Semir...was war mit Semir? Sie hatten sich im Streit getrennt. Das war ein riesiger Fehler. Und Ben hatte auch noch gekündigt. Er liebte die arbeit bei der Autobahnpolizei. Jetzt würde er nie wieder dort arbeiten können. Langsam schwanden Kraft und Sinne von ihm. Er schien zu spüren, wie sein Geist seinen Körper verließ. Leblos und ausgepowert sackte er tiefer und tiefer dem Grund der Themse entgegen. Die letzten Gedanken kreisten um seine Familie. Julia, seine kleine Schwester und sein Papa, mit dem er sich doch erst wieder versöhnt hatte. Was würden sie sagen, wenn er nicht mehr am Leben war? Was? Ein letztes Aufbäumen und dann rührte sich keine Faser mehr an Bens nassem und schlaffen Körper.


    ...

    Edited once, last by Christopher007 ().

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