Der ungebetene Gast

  • Alec Jordan ging durch das Foyer des großen Unternehmens und war vollkommen in seinen Dokumenten vertieft, als er unfreundlich angerempelt wurde. „Hallo? Können sie nicht aufpassen?“, stieß er aus und sah dem kleinen Mann nach. Dieser reagierte jedoch nicht. „Hey? Hören sie schlecht?“, schrie Alec hinterher und packte den Mann an der Schulter. Ihm stach ein wütender Blick ins Gesicht. „Sie haben mich angerempelt. Können sie sich nicht entschuldigen?“, fauchte Jordan nur. „Sorry Sir, aber mein Freund spricht kaum englisch.“, erklärte ein anderer Mann, etwas größer als der Erste. Alec blickte ihn nur verächtlich an. „Dennoch kann er ja wohl in seiner Sprache um Entschuldigung bitten.“ „Sorry...“, kam es dann nur von dem kleinen Südländer. „Bitte...“, knurrte Alec und wandte sich den anderen zu. „Es geht doch. Einen schönen Tag noch.“, meinte er dann, vollkommen höflich, wie es sich für einen Engländer nun mal gehörte. „Was ist das denn für ein...“, knurrte Semir nur und verschluckte den Rest des Satzes. Josh lächelte nur und alle drei gingen weiter auf den Fahrstuhl zu, während sich Alec Jordan in eine Nische zurückzog und telefonierte. „Seid ihr jetzt in London?“ „Vor einer Stunde angekommen. Der Kleinen geht es gut. Wie sind ihre nächsten Anweisungen?“ „Schickt Christie das nächste Foto und dann warten wir ab. Unsere Partner in Deutschland haben sich noch nicht gemeldet. Irgendwas ist da nicht in Ordnung. Wir machen jedenfalls die nächste Lieferung fertig. Doch die geht erst rüber, sobald ich weiß, was da drüben los ist.“, knurrte Alec und legte dann auf.


    Kim sah auf den Mann. Noch immer schwieg der Kerl in dem Ledermantel, doch lange tat er das nicht mehr. Sie hatte ihn schon seit über 5 Stunden im Verhörraum und ließ ihn auf kleiner Flamme rösten. „Also, nochmals, Herr Faber...wie kommt das Falschgeld in die Fischware?“, wollte Kim wissen. „Ich sage nichts.“, fauchte der Mann. „Ich denke, was mein Mandant sagen will, ist, dass er es nicht weiß. Welche Beweise haben sie denn?“, wollte Karsten Winter wissen. „Herr Faber wurde auf frischer Tat ertappt. Wir haben ihn förmlich inflagranti erwischt. Hier sind die Fotos. Er hat quasi die Hand in der Keksdose.“, erklärte Kim nur und warf die von Susanne ausgedruckten Fotos quer über den Tisch. Winter nahm die Fotos an sich und warf einen Blick drauf. Dann beugte er sich zu Faber. „Ich rate ihnen dringend, mit der Polizei zu kooperieren. Es kann sich nur positiv auf ihr Strafmaß auswirken.“, murmelte er Faber zu, aber so, dass Kim es auch mitbekommen konnte. „Ihr Anwalt hat ganz recht. Arbeiten sie mit uns zusammen.“


    Josef Faber überlegte angestrengt und blickte immer noch auf die Fotos. Eigentlich hatte er keine große Wahl, wollte er nicht von seinen Partnern auf Eis gelegt werden. „Was kriege ich denn als Gegenleistung?“, wollte Faber wissen. „Sie ersparen sich die Unannehmlichkeiten eines ausgedehnten Verhörs über 24 Stunden hinweg.“, meinte Kim trocken. Faber nickte. „Dann, können sie mich mal.“, grinste er nur und lehnte sich zurück. „Das können sie vergessen. Aber, was anderes werde ich. Ich werde dafür sorgen, dass ihr hübscher Hintern von einigen sehr, sehr harten Kerlen im Knast nur so als Zielscheibe für gewisse Spielchen genutzt wird.“, kam es mit einer eisigen Gleichgültigkeit von Kim. Josef schluckte, doch er ließ sich nich davon abbringen. „Das...das Risiko gehe ich ein.“, meinte er unsicher und lehnte sich zurück. „So, da bin ich nicht so sicher. Eine Nacht mit ihrem Körper in einer Gemeinschaftszelle von Langgesessenen und sie werden reden. Überlegen sie es sich und tun sie sich einen Gefallen. Los, packen sie aus.“, forderte Kim wieder mit Nachdruck.


    ...

  • Daniel Christie sah gebannt auf den Bildschirm. Immer wieder rief er sich das Bild seiner Tochter auf, wie sie gefesselt da saß, die Angst deutlich auf ihr Gesicht geschrieben. „Oh mein kleiner Engel...ich...ich werde alles tun, was die Kerle verlangen. Bitte, halte aus. Ich werde dich retten.“, schwor er und blickte erschrocken auf, als die Tür aufging. „Mister Christie, wir müssen mit ihnen ein ernstes Wort reden.“, fing Josh an, als er nach einem kurzen Klopfen durch die Tür stapfte. „Was erlauben sie sich eigentlich, Mister Etheridge?“, fauchte Christie. „Sie erinnern sich noch an meinem Namen. Sehr gut...“ „Ich werde mich bei ihrem Vorgesetzten beschweren.“ „Tun sie das, dann werden sie ihm aber auch erklären müssen, warum ich sie belästige. Ich weiß, dass man ihre Tochter entführt hat, um sie zu zwingen, Falschgeld zu schmuggeln. Ist es nicht so?“, fauchte Josh und stützte sich auf den Schreibtisch auf.


    Daniel Christie sah erschrocken auf. Ertappt. Nun konnte er sich nicht mehr verstecken. „Es...es ist...es ist sehr kompliziert.“, stammelte Christie zuerst. „Was ist daran kompliziert?“, mischte sich Natalie ein. „Ihre Tochter wurde entführt, sie werden damit erpresst und müssen Unmengen an Falschgeld in diverse europäische Länder transportieren.“, meinte sie in einem eindringlichen Ton. Semir stand im Hintergrund und versuchte, sich die Sätze im Kopf aufzurufen und sie schnell zu übersetzen. Richtig folgen konnte er der Unterhaltung aber nicht. „Sir, wir wollen ihnen helfen. Jetzt wissen wir schon bescheid, warum wollen sie nicht, dass wir uns einschalten?“, wollte Josh wissen. Doch ehe Daniel Christie antworten konnte, ging die Bürotür erneut auf und ein hagerer Mann mit einem ausgetragenen Mantel und einem kantigen Gesicht, aus dem zwei stechende, braune Augen hervorlugten. „Detective Inspector Etheridge...was, zum Teufel, machen sie hier?“, fauchte der Mann sofort los, stieß seine Fäuste in die Hüften und wischte so den Mantel nach hinten. Erschrocken und überrascht drehten sich die beiden englischen Polizisten um. „Detective Superintendent Baker...was... was machen sie denn hier?”, stammelte Natalie, während Josh ruhig am Tisch stehen blieb. Semir wusste nun nicht, was kommen würde.


    Collin Parker saß in seinem Ausflugsboot auf der Themse und blätterte in der Tageszeitung herum. Es war sein Ruhetag und an diesem fuhr er gerne mit seiner „Rosi“ auf der Themse umher, machte Einkäufe an verschiedenen Anlegestellen oder den an den Fluss angrenzenden Lagerhallen. Der alternde Kapitän ließ sich den Wind um die Nase wehen und sah von seiner Zeitung auf. Er drehte ein wenig am Steuerrad und ließ seine Rosi noch mehr mit dem Strom schwimmen. Collin ging kurz von der Brücke zum Bug hin, um ein Tau aufzuwickeln. Plötzlich stutzte er. Da...da war jemand im Wasser. Ja tatsächlich, da trieb jemand auf den Bauch. Das Gesicht im Wasser. „Verdammt.“, stieß der knorrige Schiffer aus und holte einen Bootshaken, fischte damit nach dem Körper. Er zog ihn bis an die Schiffswand und hievte ihn mit aller Kraft aus dem Wasser. „Oh verflucht...eine Leiche. Und das ausgerechnet heute...“, murrte der Kapitän und tastete nach dem Puls des Mannes, nur um ganz sicher zu gehen. Was war das? Ein kaum merkliches Schlagen in der Halsgegend pochte an seine Fingerkuppen. „Oh Gott...“ Sofort packte er ihn er den jungen Mann in die stabile Seitenlage und massierte ihm den Rücken. „Komm schon, du hast nur zuviel Wasser intus. Los, spuck es aus!“, forderte der Mann mit flatternder Stimme.


    Einem starken Husten folgte ein Schwall Wasser, gepaart mit Magenflüssigkeit. „So ist es gut. Nur weiter...alles raus.“, forderte Collin. Wie auf Kommando kam der nächste Schwall Wasser und noch einer und noch einer, ehe nur noch ein starkes Husten und Röcheln kam. Collin sah erst jetzt, dass der Mann gefesselt war. „Verflucht...was bist du denn für einer?“, fragte er sich und durchschnitt die Seile. Er holte aus dem hinteren Laderaum dicke, wollene Decken und wickelte den Mann vollkommen darin ein. „Hallo...Hallo, hier spricht die Rosi. Ich habe einen Verunglückten aus der Themse gezogen. Er hat das Wasser nur so fassweise rausgespuckt. Ich brauche sofort eine Ambulanz zur Anlegestelle am Tower.“, rief er über Funk nach Hilfe. „Hier ist die Leitdienststelle...wir haben ihren Hilferuf erhalten. Wir schicken sofort ein Notfallteam runter und informieren die Towerwache.“, kam es aus dem Funk zurück. „So Rosi, nun zeig mal, was in dir steckt. Es geht um ein Menschenleben.“, knurrte der Schiffer sein Schiff an und ließ den Motor aufheulen. Das Boot Rosi durchbrach Welle um Welle und näherte sich immer mehr der Anlegeplattform. Noch war er aber etwa dreihundert Meter entfernt und seine Rosi war auch nicht mehr die Jüngste. Immer wieder drehte er sich zu dem jungen Mann mit dem langen Haaren um. Hoffentlich hielt er noch durch. Das Zittern wurde immer und immer stärker. Lange machte er das nicht mehr, das wusste Collin als alter Marinesoldat. Er hatte viele Unterkühlungsopfer im Dienst bei der Küstenwache gesehen. Würde dieser Kerl auch ein Opfer der teuflischen Kälte werden?


    ...

  • „Ich wurde informiert, dass sie hier diesem Mann auf den Zahn fühlen. Was soll das?“, fauchte Alex Baker und blickte dann auf Semir. „Sie müssen der deutsche Kollege sein.“, meinte er abschätzig. Semir nickte nur. „Was machen sie denn hier, anstatt im Büro über den Akten zu sitzen?“, knurrte es hinterher. „Sir, wir haben Grund zu der Annahme, dass Mister Christie hier...“ „Mister Baker...“, mischte sich nun Daniel Christie ein. Alle drehten sich nach dem schweigenden Mann um. „Ich...ich werde wirklich erpresst. Hier, das ist das letzte Bild von meiner Tochter. Es wurde vor wenigen Minuten per Email an mich geschickt.“, erklärte der Mann und drehte seinen Bildschirm den Personen zu. Alle starrten gebannt auf den Schirm. „Gut, sie werden also erpresst. Aber von wem?“, wollte Alex Baker wissen, sah seine Inspektoren und Semir mit einem kurzen, entschuldigenden Blick an. „Und vor allem, womit?“ Semir rollte nur mit den Augen. Ein Vorgesetzter, der Stunk machen wollte, aber nicht auf dem neuesten Stand der Ermittlungen war. So was war doch immer eine größere Gefahr, als jeder verrückter Gangster. „Sir, darf ich sie kurz in unsere Ermittlungen einweihen?“, meinte Natalie und wies Alex kurz ein. Dieser nickte mit jedem neuen Wort. Semir ging zu Josh und nahm ihn zur Seite.


    „Wir sollten ihm nicht sagen, dass es sich um Bens Freundin handelt.“, raunte er seinem englischen Kollegen zu. „Warum nicht? Meinst du, es würde an der Sache etwas ändern?“, fragte Josh. „Ich weiß nicht. Aber ich trau ihm nicht.“, kam es nur von Semir. Danach kamen Natalie und Alex wieder zu ihnen und blickte auf Daniel Christie. „Sir, von wem werden sie erpresst?“ „Ich...ich kann es nicht sagen. Was, was, wenn...wenn sie meine Tochter dann umbringen? Das...das würde ich nicht überleben.“, stieß der Mann aus. „Bitte Mister Christie, vertrauen sie uns.“, fing Josh an. „Wir vom Yard sind Profis und dieser deutsche Kollege ist ebenfalls ein Großer unserer Zunft.“, erklärte er. Daniel Christie sah auf den südländischen Mann. Er erweckte irgendwie eine gewisse Zuversicht und strahlte ein gewisses Vertrauen aus. „Also gut, ich sage ihnen, wer dahinter steckt. Es... es ist meine rechte Hand, Alec Jordan. Er...er will, dass ich für ihn Falschgeld schmuggle.“ „Ich nehme an, er ist hier im Haus oder?“ Christie nickte nur. Alex wandte sich zu den Dreien um. „Inspector Etheridge, sie sind mir dafür verantwortlich, dass dieser Kerl verhaftet wird. Wir werden das Versteck aus ihm schon rauskriegen.“, meinte der Superintendent nur. Sofort verließen die Drei das Büro und stürmten in die untere Etage, in der sich das Büro des Mannes befinden sollte.


    Alec Jordan saß über einigen Akten, als er Lärm auf den Flur hörte. Kurz darauf standen drei Menschen in seinem Büro. „Alec Jordan, sie sind festgenommen. Wegen des Verdachts der Entführung, Erpressung und des Druckens und in Unlauf bringen von Falschgeld.“, stieß einer von ihnen aus. Alec sah erschrocken auf. „Bitte was?“, fauchte er und hielt seine Akten noch immer in der Hand, ließ sie aber dann fallen und nahm sich etwas vom Schreibtisch. „Die Hände auf den Rücken.“, forderte Natalie und ging mit den bereits gezogenen Handschellen um ihn herum. Alec tat, was sie verlangte, doch ehe die erste Schelle um sein Handgelenk einrastete, zog er sie blitzschnell hoch. Er verpasste der Frau einen Kinnhaken, zog sie dich an sich und hielt ihr den Brieföffner an die Kehle. „Los, sofort macht ihr mir Platz oder die Kleine ist dran.“, fauchte er und ging um den Tisch herum. „Lassen sie doch den Mist.“, fuhr Josh ihn an und hob erschrocken die Hände. Semir griff an seinen Gürtel. Verdammt, die Waffe musste er ja vor Abflug abgeben und hier hatte man ihm keine ausgehändigt. Doch erst jetzt merkte er, dass auch Josh und Natalie keine Waffen trugen. Britische Polizisten schienen durchgehend keine Pistolen bei sich zu tragen. Josh ging immer weiter von der Tür weg und musste Alec mit Natalie durchlassen. Diese sah ihn flehend an und verhielt sich vollkommen ruhig. „Ihr seid leider zur falschen Zeit gekommen.“, meinte Alec nur und stieß Natalie zurück in den Raum, zog die Tür zu und schloss sie schnell ab. So schnell er konnte, rannte er zur Tiefgarage.


    ...

  • Josh und Semir sprangen an die Tür und ruckelten an der Klinke. „So ein Shit...“, fluchte der Engländer und warf sich mit voller Kraft dagegen. „Autsch...das...das war nicht gut.“, keuchte er nur und rieb sich die schmerzende Schulter. „Lass mich mal.“, forderte Semir nur und trat mit ganzer Kraft gegen das Holz. Krachend flog die Tür auf und die drei Polizisten setzten sich sofort in Bewegung. „Wo ist er lang?“, fauchte Natalie eine Sekretärin an. Diese deutete nur auf den Weg zur Tiefgarage. Sofort sprinteten die Drei los und rannten die Treppen runter. Sie waren kaum durch die Feuerschutztür, als sie einen Motor aufheulen und Reifen quietschen hörten. „Wo steht euer Auto? Wir müssen hinterher.“, fauchte Semir nur und rannte hoch. „Bleib du hier und kümmere dich um Christie. Wer weiß, was er macht.“, rief Josh Natalie entgegen. „Klar, immer dürfen nur die Jungs Spaß haben.“, murmelte sie nur und ging zurück. Semir schnappte sich die Autoschlüssel und stieg auf der Fahrerseite ein. „Semir, bist du sicher, dass ich nicht fahren sollte?“, fragte Josh ängstlich. „Ach was. Ist doch nur ein Auto und nur die andere Seite der Straße. Jetzt los, oder er ist weg.“, zischte Semir nur und rauschte davon.


    Alec Jordan brauste mit seinem Astra durch die Straßen und lenkte immer wieder an den Autos, den schwarzen Taxen und den großen roten Doppeldeckern vorbei. „Weg da... ich hab's eilig.“, fauchte er nur und drückte auf die Dauerhupe. Doch die Taxen waren vollkommen stur. Sie blieben auf ihrer Spur und hinter Alec kündigte sich schon durch das grölende, amerikanisch klingende Martinshorn seine Verfolger an. Doch Alec war nicht der Mann, der sich so einfach fangen ließ. Er zog auf die rechte Fahrseite rüber und rauschte rücksichtslos durch den Gegenverkehr. Chaos entstand, Autos fuhren ineinander, andere zogen auf die andere Spur rüber und krachten in die entgegen kommenden Autos. Alec rauschte über die Straße, vor ihm erstreckte sich der Eingang zum Hyde Park. Hier konnte er doch seine Verfolger abschütteln. „Vorsicht Semir, er...er versucht uns im Hyde Park abzuschütteln.“, meinte Josh nur und hielt sich am Sitz fest, während Semir seinen Jaguar durch das Chaos des Verfolgers lenkte. „Das Fahren hier ist wie bei uns auf der Autobahn. Nur halt auf der anderen Seite.“, grinste der Deutsche. „Ja, aber denk dran...das ist MEIN Wagen. Nur zur Erinnerung.“, kam es von Josh. Semir sah seinen Freund grinsend an. „Keine Sorge...Vorsicht ist mein zweiter Vorname.“ „Ha...“, kam es leise von Josh, als sie über den Bordstein in den Hyde Park fuhren.


    Alec fuhr querfeldein, die Leute sprangen zur Seite und schimpften hinter ihm her. Doch ihm war das egal. Noch immer hörte er das Martinshorn hinter sich. Er musste was tun, ansonsten würden diese Bullen ihn noch schnappen. Der Hyde Park näherte sich dem Ende und bald waren sie wieder auf der Straße. Doch Alec fuhr durch eine Toreinfahrt und über einen Hinterhof, bog gleich wieder scharf links ab und dann wieder rechts. Er ließ das Lenkrad nur so kreisen. Er war nun so oft im Zickzack gefahren, dass er sich sicher war, seine Verfolger abgeschüttelt zu haben. „So, dann mal sehen, wie ihr mich jetzt noch findet.“, lachte er und sah sich nach allen Seiten um. Ja, kein Auto war zu sehen. Er fuhr weiter und reihte sich normal ein. Dann sah er kurz nach links. Er erstarrte. Direkt neben ihm war der grüne Jaguar mit dem Blaulicht auf dem Dach. Shit....er war derart im Kreis gefahren, dass er sich nun hinter beziehungsweise neben den Bullen befand. Der Motor heulte erneut auf und Alec stieß ein dreirädriges Gefährt einfach zur Seite, drängte sich an ihm vorbei.


    „Hey, da ist ja der Mistkerl wieder.“, stieß Semir aus und knüppelte mit der Gangschaltung. „Semir, Vorsicht...das...das ist ein Automatikauto.“, kam es nur von Josh. „Ja doch...ich bin ja ganz vorsichtig. Deinem geliebten Auto wird schon nichts passieren.“, versicherte er Josh. Der Jaguar schnellte aus der Kolonne und verfolgte den Astra auf die Kreuzung. „Achtung...der...der Laster...da, rechts.“, stieß Josh aus, doch ehe Semir reagieren konnte, knallte es und der ganze Jaguar drehte sich um die eigene Achse, landete dann mit der Schnauze in einem Blumenladen. Klirrend brachen die großen Schaufenster auf das demolierte Auto hinunter. Das Blaulicht wimmerte noch einmal auf, bis es erlosch. Regungslos lagen die beiden Kommissare im zerbeulten und grob demolierten Jaguar.


    ...

  • Josh kam als erster wieder zu sich und blickte sich um. „Hey...Hey Semir...mach die Augen auf.“, forderte er und tätschelte die Wangen seines deutschen Kollegen. Dieser regte sich, drehte den Kopf weg und schlug dann die Augen auf. „Was...was ist passiert?“, wollte er mit brummendem Kopf wissen. Josh lachte verächtlich auf. „Was passiert ist? Eigentlich nichts...nur, dass du meinen Wagen, meinen heiß geliebten Jaguar, in einem Blumenladen geparkt hast. Aber sonst ist nichts passiert.“, fauchte Josh nur und stieß mit dem Fuß die Seitentür auf. „Josh, das war doch nicht meine Schuld. Ich meine, wie konnte ich denn ahnen, dass da was von rechts kommt.“ „Also, nachdem ich schreie...Achtung, da kommt was von rechts...solltest du es eigentlich gemerkt haben.“, knirschte Josh nur und stieg über die Trümmer nach draußen. Semir folgte ihm, wischte sich die Glassplitter von der Jacke und sah sich um. „Was nun?“ „Jetzt mein lieber Semir, lassen Jordan zur Fahndung ausschreiben und fahren wir zur Firma zurück. Vielleicht finden wir etwas in seinem Büro, dass uns einen Hinweis auf das Versteck von Christies Tochter gibt.“, erklärte Josh nur und winkte dem heran eilenden Streifenwagen zu.


    „Verdammt, er ist stark unterkühlt. Er muss sofort ins Krankenhaus.“, stieß der Notarzt aus, als er mit seinem Team an Bord der Rosi war. „Der Kreislauf bricht zusammen. Können wir das riskieren?“, wollte ein Sanitäter wissen. „Wir müssen. Er muss aus den kalten Klamotten.“, erwiderte der Notarzt nur und ließ Ben so schnell wie möglich in den Krankenwagen bringen. Mit lautem Getöse fuhr der Wagen an und rauschte über die Straßen. Immer wieder wurde Bens Puls überprüft. „Emily...“, kam es kaum hörbar von dem Mann auf der Trage. „Er scheint im Fieber zu sprechen...“ Sofort fühlte der Mann Bens Stirn. Sie war kalt, aber auch wieder nicht. Schnell nahm er das Thermometer, steckte es in Bens Ohr und hatte die Temperatur. „Oh verdammt...32 Grad...das gibt es doch nicht...“, stieß er aus und klopfte an die Scheibe. „Macht mal ein bisschen schneller. Sonst bleibt uns der Mann hier auf den Tisch.“, kam es vom Notarzt. „Wir machen ja schon, so schnell wir können.“, fauchte der Fahrer und trat das Pedal noch weiter durch. Sie erreichten das Krankenhaus wenige Minuten später war Ben im Schockraum. Während er eine Nasenkanüle und einen Schlauch in den Rachen gelegt bekam, wurde eine Wärmedecke auf seinen Körper gelegt, die nassen Klamotten ihm vom Leib gerissen. Dabei fielen auch seine Papiere aus der Tasche. „Ben Jäger...Deutscher. Dann melde ich das mal der Polizei.“


    Josef Faber wurde von Hotte und Dieter zu den Zellen gebracht. Kim war zufrieden mit dem Ergebnis. Seit über neun Stunden war sie zwar im Verhör, doch jetzt war alles klar. Faber sollte das Geld für einen Engländer in Deutschland vertreiben. Und dazu nutzte er die Raststätten. Der Manager wurde mit seinen Spielschulden, die er bei Faber hatte, unter Druck gesetzt und musste die Tageseinnahmen zur Hälfte gegen das Falschgeld austauschen. So lief das ab. Also ging die Spur nach England. Sie musste sofort Semir informieren, dachte sie nur und lief ins Büro. „Susanne...rufen sie bitte Semir an und stellen sie dann zu mir durch.“, forderte sie mit müder Stimme und ließ sich in ihren Sessel fallen. Erschöpft schloss sie kurz die Augen. Der Duft von frisch gebrühtem Tee mit einem Schuss Honig machte sich in ihrer Nase breit. Oh Susanne war doch einfach unersetzlich, lächelte sie stumm, als sie die Tasse vor sich sah. „Frau Krüger...ich habe Semir für sie auf Leitung vier.“, meinte Susanne durch die Sprechanlage. „Danke Susanne...verbinden sie mich mit ihm.“, forderte Kim erschöpft und griff nach dem Hörer. „Chefin, was haben sie für Neuigkeiten. „Faber hat geredet. Das Falschgeld wird irgendwo in England hergestellt. Verschifft wird das Ganze in London und dann hier nach Deutschland gebracht.“, erklärte Kim und wusch sich über die Augen. „Ich habe auch Neuigkeiten. Jedenfalls weiß ich, warum das Zeug nach Deutschland kommt. Der Vater von Emily ist Reeder und Unternehmer. Seine Tochter wurde entführt, um ihn unter Druck zu setzen.“, erklärte Semir. „Was ist mit Ben? Hat er sich schon bei ihnen gemeldet?“, fragte Kim besorgt. „Nein, noch nicht. Ich mache mir große Sorgen um ihn“ Eine kurze Phase des Schweigens. „Melden sie sich bitte, wenn sie was von ihm hören.“, bat Kim den Deutschtürken und legte nach einer Verabschiedung auf. „Feierabend...“, stöhnte sie, trank ihren Tee und meldete sich für die nächsten zwei Tage ab.


    ...

  • Semir und Josh waren im Büro von Alec Jordan. Sie rissen sämtliche Schubladen aus den Schränken, durchwühlten jegliche Papiere. Hier musste es doch einen Hinweis auf den Verbleib von Emily geben. Doch nichts. „Hier ist nichts. Kein Stück Papier, keine verräterische Notiz. Nicht einmal ein Krümel Papier ist hier zu finden. Nur Statistiken und Bestelllisten.“, fauchte Semir und trat den Bastpapierkorb quer durch das Büro. Josh sah über die Schulter. Auch er hatte nichts gefunden und jetzt war auch noch der einzige Verdächtige weg. Was sollte man da machen? Gab es jetzt noch Hoffnung für die Geisel? Natalie kam ins Büro. „Jungs, ihr sollt mal nach oben kommen.“, meinte sie leicht außer Atem. Resignierend nickte der junge Inspector, schlug Semir mit schwerer Hand auf die Schulter und ging dann mit Natalie nach oben. Semir folgte mit schweren Schritten. Alex erwartete die Drei schon. „Es gab eben einen Anruf. Wir konnten ihn aufnehmen.“, meinte der Superintendent und spielte das Band ab. „Christie, sie spielten soeben mit dem Leben ihrer Tochter. Sie haben mich um ein großes Vermögen gebracht.“, kam es vom Band. Alle schwiegen und hörten der Stimme gebannt zu. „Ich hoffe, sie haben noch Interesse an ihrer Tochter? Ja? Sehr gut...sie bringen zehn Prozent ihres Jahresverdienstes, das sind 8 Millionen Pfund Sterling, nach dem derzeitigen Wechsel an der Börse natürlich.“, forderte Alec. Das Band endete. Jeder sah jeden an, schweigend.


    Semir unterbrach die Stille mit seinem gebrochenen Englisch. „Haben sie so viel Geld?“ Daniel Christie sah den kleinen Mann mit dem Kinn- und Oberlippenbart an. „Im Haus nicht, aber ich kann es aufbringen. Ich werde es aufbringen. Für meine Tochter tue ich alles.“, meinte Daniel Christie und ließ sich in seinen Sessel sinken. „Bitte...würden sie mich jetzt allein lassen. Ich will allen sein.“, forderte der Reeder. „Natürlich. Nur bitte rufen sie uns an, wenn es etwas neues gibt.“, forderte Alex Baker und verließ dann mit seinen Inspektoren und Semir das Büro. Josh bekam daraufhin einen Anruf. „Yes Etheridge is speaking...Oh? Okay, and where? No, no…its my turn. Bye…” Josh drehte sich zu Semir um. „Semir, kann ich dich einen Moment sprechen.“, forderte er und sah dann seinen Vorgesetzten an. Dieser nickte nur. „Wir fahren schon ins Büro zurück und bereiten alles vor.“, meinte Alex. „Josh, was ist los?“, fragte Semir. Er konnte die Anspannung des Engländers deutlich spüren. „Ich...der Anruf eben...es geht um Ben. Er ist ins Krankenhaus eingeliefert worden.“


    Alec Jordan kam nach einer kurzen Fahrt im Lagerhaus an. „Roger, wir müssen weg von hier.“, fluchte er und warf einen Lappen, getränkt mit seinem Schweiß, in eine Ecke. „Warum? Was ist passiert?“, wollte der Mann wissen, als er aus der Nebenkammer kam. „Die Polizei...Christie hat mich verraten. Wir werden jetzt seine Tochter nehmen und direkt in unsere Druckerei fahren. Dann werden wir für sie Lösegeld fordern. Unser Falschgeld werden wir auf die althergebrachte Weise auf den Kontinent bringen müssen.“, erklärte Alec nur und sah sich um. „Wo ist Ian?“, wollte er wissen. „Der holt gerade noch Lebensmittel. Wir sind hier etwas knapp bestückt.“ „Gut, wenn er wieder da ist, sofort weg von hier. Ich warte in der Druckerei auf euch.“, kam es von dem Mann. Roger nickte und so schnell, wie Alec Jordan gekommen war, war er auch wieder verschwunden. „Dann wollen wir mal der kleinen Miss Christie ihr Essen bringen.“, murmelte er und nahm den letzten Hamburger aus der Tüte und packte ihn auf einen weißen Teller. Dazu goss er ein Glas Cola ein, nahm einen Strohhalm und ging mit dem Tablett zur Tür hinüber.


    Emily rubbelte die Fesseln ihrer Hände an einem Stück alten Eisen entlang. Sie hoffte, sich befreien zu können. Das war nur Klebeband. Es saß ziemlich eng. Sie musste inne halten, als die Tür aufging. „So, das Essen, junge Dame. Und mach ja keine Mätzchen, wenn ich dich füttere.“, knurrte ihr Entführer. Unbemerkt rieb Emily weiter und merkte dann, wie das Klebeband riss. Leise nahm sie die Hände auseinander und suchte etwas, womit sie schlagen konnte. Roger kam immer weiter auf sie zu und stellte das Tablett neben ihr auf den Boden. Roger drehte sich weg, suchte nach etwas hinter sich. Das war Emilys Chance. Sie riss ihre Hände los, schnappte sich das Tablett und schlug zu. Roger konnte nur noch ein schnelles, weißes Ding auf sich zukommen sehen, dann sah er Sterne. „Da hast du dein Essen.“, fauchte Emily nur und fletschte die Zähne. Sie schlug noch einmal zu und warf das Tablett in eine Ecke und löste die Fesseln an ihren Füßen. Endlich floss das Blut wieder durch ihre fast taub gewordenen Beine. Langsam stand sie auf und taumelte auf die Tür zu. Das war nur ein Typ. Wo war der andere?


    ...

  • Ian schlug die Wagentür zu und trug die Vorräte ins Lagerhaus. „Roger, ich hab alles bekommen. Nur deinen Tabak konnte ich nicht bekommen.“, meinte der Mann und stellte die Tüten auf einer Werkbank ab. „Roger? Hey Roger, wo bist du?“, rief Ian durch den Saal. Doch keine Antwort kam. Ian sah sich um. Wo war sein Kompagnon denn hin? „Hey Roger, was soll das denn?“, rief er und ging zu dem Zimmer, wo sie ihre Geisel gefangen hielten. Er nahm die Klinke in die Hand und drückte sie gerade runter, als er die Tür an den Kopf bekam. Sein Schädel brummte, die Haut platzte auf und ein kleiner Rinnsaal Blut floss ihm über die Schläfe. Taumelnd wich er zurück und fasste sich mit der Hand an die Schläfe. Doch schon kam der nächste Schlag mit der Tür und ein Fausthieb hinterher. Krachend fiel er nach hinten, landete hart auf den Betonboden, durchschlug dabei die Werkbank und die Einkäufe. „Niemand hält Emily Christie gegen ihren Willen fest.“, keuchte sie und fuhr sich angestrengt durch das Haar. Schnell ging sie zum Tor, zog es auf und war in der Freiheit. Nun musste sie nur noch zur Polizei oder nein, besser zu ihrem Vater. Aber wie? Sie hatte kein Geld, keine Papiere. Wie sollte sie zu ihrem Vater kommen?


    Semir saß unruhig auf dem Beifahrersitz, als sie mit Blaulicht und Sirene durch die Londoner City brausten. Dabei wären sie fast in den Rückmarsch der englischen Gardemannschaft vom Buckingham Palast hinein gefahren. „Wow...Josh, pass doch auf.“, stieß Semir aus, als sein Freund tierisch in die Eisen gehen musste. „Sind sie verrückt, Mann?“, fauchte der berittene Polizist und drohte mit seinem Schlagknüppel. Josh lächelte nur verlegen und setzte seinen Weg auf andere Weise fort. Es dauerte nur noch wenige Minuten und sie waren am St. Pauls Hospital in der Market Street. „Schwester, wir möchten einen Ben Jäger sehen. Er ist hier eingeliefert worden.“ „Sind sie ein Familienangehöriger?“, fragte die Frau mit monotoner Stimme zurück. „Was? Nein...aber das hier ist...“ „Tut mir Leid, dann darf ich sie nicht zu ihm lassen.“, unterbrach die Frau Josh. „Hören sie, das hier ist ein Kollege von Ben Jäger. Also bitte...machen sie doch mal eine Ausnahme.“, forderte Joshua und schlug auf den Tresen. „Jetzt hören sie mal auf. Das hier ist ein Krankenhaus und kein Spiellokal.“, zischte die Schwester.


    Jetzt reichte es Semir. Er stieß Josh beiseite und schlug mit der Faust auf den Tresen. „Hören sie, ich will sofort zu meinem Lebensgefährten. Haben sie mich verstanden? Ich will meinen Liebsten sehen, mein Schatzi.“, knurrte Semir und konnte sich sogar eine Träne aus dem Auge drücken. Die Schwester sah den Deutschtürken an, blickte auf seine Hand und entdeckte den Ehering. „Oh, sie...sie wollen also zu ihrem Mann? Entschuldigen sie bitte...Station 9, Zimmer 45.09...“, erklärte sie und wies den Weg. Semir nickte ergeben mit dem Kopf und machte sich dann mit dem grinsenden und sich kaum noch haltenden Josh auf den Weg zur ausgewiesenen Station. „So, so...dein Lebenspartner? Ich wusste gar nicht, dass du auf Männer stehst.“, grinste Josh nur, als sich die Türen des Fahrstuhls schlossen. „Für meinen Freund und Kollegen würde ich alles tun.“, meinte Semir grinsend und knickte dann sein angehobenes Handgelenk ab. „Sogar ein bisschen tuffig werden.“


    Ben lag blass in seinem Bett, die mit einer Kanüle verbundenen Hand auf seinem Bauch. Die von der Fesselung geschundenen Hände waren dick mit Mull verbunden. Zaghaft ging sein Atem. Die Heizdecke über seinem Körper gab ihm langsam wieder die angemessene Temperatur zurück. Das Leben kehrte langsam zu ihm zurück. Es klopfte. Vorsichtig hob der junge Hauptkommissar den Kopf. „Yes please...“, kam es heiser aus seinem Mund. Die Tür schwang auf und Semirs Kopf erschien im Spalt. „Semir...“ Ben legte etwas Freude in seine heisere Stimme. „Hey Partner...da sieht man vier Tage nichts von dir und dann gleich im Krankenhaus.“, kam es mit ernster Stimme vom Deutschtürken. Bens Augen waren fiebrig unterlaufen, die Pupillen ganz glasig. „Tut...tut mir Leid. Ich...ich...es war idiotisch.“, keuchte er und hustete kurz. „Da widerspreche ich überhaupt nicht.“, kam es von Semir. Ben lächelte leicht und drehte dann den Kopf. „Hey...Josh. How are you?”, fragte Ben und hob kraftlos die Hand.


    „Danke, es geht gut. Weißt du eigentlich schon, dass du mit Semir verheiratet bist?“, fragte der Engländer grinsend. Ben sah ihn fragend an. „Was...was meinst du?“, wollte er wissen und zog sich etwas hoch. Doch er war viel zu schwach und fiel wieder ins Bett zurück. Semir half seinem Partner, sich wieder richtig hinzulegen. „Ben, das erzähl ich dir, wenn du wieder auf den Damm bist. Jetzt, was war los?“, wollte Semir wissen und sah Josh strafend an. Dieser hob kurz beschwichtigend die Hände und ging auf die andere Seite des Bettes. „Die...die haben mich erwischt, als ich sie auf dem Flugplatz stellen wollte.“, fing Ben an. „Danach haben sie mich mit nach London genommen. Irgendwo in ein Lagerhaus.“ „Weißt du, was für ein Lagerhaus oder wo es liegt?“, fragte Josh. Ben konnte aber nur schwach mit dem Kopf schütteln. „Sie...sie haben mich...gefesselt und in die Themse geworfen. Ich hab versucht, die Fesseln zu lösen, doch es gelang mir nicht. Danach weiß ich nichts mehr.“, erklärte Ben. Semir und Josh nickten. Eine kurze Zeit des Schweigens entstand, ehe Ben dann den Kopf wieder hob. „Habt...habt ihr was von Emily gehört?“, wollte Ben wissen. Semir und Josh sahen sich nur an. „Wir haben nur ein Foto von ihr aus einer Art Lagerhaus oder Warenraum. Seit ungefähr vier Stunden haben wir keine Information mehr von den Entführern.“, erklärte Josh nur. Ben ließ sich ins Kissen fallen. „Hey Kumpel...keine Sorge, wir finden sie schon. Ich bin sicher, ihr geht es gut.“, kam es aufmunternd von Semir. Ben nickte erschöpft. Er hoffte es auch. Er hatte sie im Stich gelassen.


    ...

  • Emily ging durch die Straßen. Irgendwo musste doch eine Polizeistreife stehen. Sonst waren doch immer welche unterwegs. Sie wusste nicht, wie weit sie schon gelaufen war. In den Docklands war sie sicherlich nicht mehr. Sie drehte sich immer wieder erschrocken um. Wurde sie verfolgt? Waren ihre Entführer schon hinter ihr her? Viel Vorsprung war ja nicht drin, obwohl sie kräftig zugeschlagen hatte. Doch diese Männer waren Profis keine Wattebällchen. Sie war inzwischen am Piccadilly Circus. Bis zum Geschäftssitz ihres Vaters waren es gut noch vier Kilometer Fußmarsch durch diese unübersichtliche Stadt. Noch einmal drehte sie sich um. Da...war da einer der Männer? Oh nein...mich kriegt ihr nicht, dachte Emily und rannte los, die Stufen der Tube hinunter. Sie schwang sich über das Drehkreuz, wo man die Fahrkarte knipsen sollte und es sich dann drehte. „Hey Stop...“, fauchte einer der Kontrolleure und rannte hinterher. Doch Emily ließ sich nicht stoppen. Ihr Überlebenswille war ausgebrochen. Im Bahnhof stand eine U-Bahn zur Abfahrt bereit. Sie schnellte rein, ehe sich die Türen schlossen und der Zug anfuhr. Keuchend ließ sie sich auf einen der Plastiksitze nieder und atmete heftig ein und aus. „Oh man...nach diesem Abenteuer kann ich in einer Actionserie mitspielen.“, keuchte sie. Die Tube fuhr durch die lange Röhrenstrecke und erreichte den Bahnhof Baker Street, jene berühmte Straße, wo Englands großer Romandetektiv wohnen sollte.


    Erschöpft stieg sie aus und blickte sich um. Hier würde sicher niemand nach ihr suchen. Sie sah auf einen Stadtplan. Wo zur Hölle war Scotland Yard? Emily streifte durch die Straßen und sah sich nach einer Polizeistreife um. Hier muss doch irgendwo eine Polizeistation sein, dachte sie und sah auf die Straße. Ein Wagen stoppte neben ihr. „Emily, was machst du denn hier?“, stieß Alec Jordan aus. Emily erschrak, doch sie sah den Mann an. „Ich...ich wurde entführt, konnte mich aber selbst befreien. Bitte, kannst du mich zur Polizei oder zu meinem Vater bringen?“, fragte sie und blickte sich um. Alec nickte lächelnd. Emily sah nicht, wie er teuflisch in sich hinein lachte. „Klar kann ich das. Sehr gerne sogar.“, erklärte er nur und hielt die Tür seines Wagens auf. „Danke...ich bin froh, dass ich an einen Freund geraten bin.“, meinte sie erleichtert und stieg ins Auto ein. „Oh, da kannst du ganz beruhigt sein.“, meinte Alec grinsend und ließ die Tür zuschlagen. Er ging zur Fahrertür und stieg ein. „Ich bring dich jetzt in Sicherheit. Keine Angst.“, lächelte er und drehte den Zündschlüssel rum. Das Auto setzte sich in Bewegung, einer ungewissen Zukunft für Emily entgegen.


    „Also, wenn Ben recht hat und es ein Lagerhaus an der Themse war, dann kommen dafür einige in Frage.“, murmelte Josh vor sich her. Semir sah ihn an. „Und wie wollen wir das rauskriegen?“, fragte der deutsche Hauptkommissar. „Ganz einfach...ich werde in der Zentrale nachfragen, wo sie Ben aufgenommen haben.“, meinte Josh und telefonierte kurz. „So, Ben wurde von einem Touristenboot, der Rosi, aus der Themse gezogen und am Tower den Rettungskräften übergeben.“, erklärte er. „Dann fahren wir sofort hin und reden mit dem Kapitän.“, stieß Semir aus. Der Engländer nickte nur und schon saßen sie im schwarzen Ersatzauto, einem Rover, und fuhren an die Themse. Die Rosi lag nicht an ihrem angestammten Platz. „Nächster Halt in dreißig Minuten.“, las Josh vor. „Was? Sollen wir jetzt hier eine halbe Stunde warten, bis dieser klappernde Kahn zurück kommt?“, stieß Semir wütend aus. Josh lächelte nur. „Semir, hier bist du in London. Nicht auf deiner Autobahn. Du kannst hier kein Auto oder keinen Lkw oder sonst was beschlagnahmen.“, erklärte Josh. Semir grummelte nur und sah sich in der Gegend um. Ein kleines Schnellboot fiel ihm in die Augen. Er drehte mit einem immer breiter werdenden Grinsen seinen Kopf zu Josh um. Dieser folgte dem Blick des Hauptkommissars zum Boot. „Oh nein...Nein Semir. Nicht hier, nicht in London.“, fauchte er, machte aber dann den Fehler, sich von Semirs Hundeblick in den Bann ziehen zu lassen.


    ...

  • „Wieso lasse ich mich von dir dazu überreden?“, knurrte Josh, als er den Gashebel des Bootes nach vorne kippte und über die Themse schoss. Semir grinste nur. „Weil du, genau wie ich, ein hartnäckiger Ermittler bist und so schnell wie möglich herausfinden willst, was mit Emily ist. Immerhin ist dieser Jordan auf der Flucht und könnte ihr was antun.“, erklärte Semir nur. „Ja, ja...aber wie ich das meinem Chef erklären soll, überlegst du dir.“, fauchte der Inspector und hatte das Steuer fest in der Hand. „Ja doch...aber jetzt müssen wir die Rosi finden. Dieser Kapitän muss uns einfach weiterhelfen.“, meinte Semir und sah sich mit dem Fernglas in der Gegend um. „Wie viele Ausflugsschiffe gibt es denn auf der Themse?“, wollte Semir wissen. „Wie viele gibt es denn in Köln?“, entgegnete Josh nur. „Du meinst, es kann Stunden dauern, bis wir die Rosi finden?“, fragte Semir entmutigt. „Du wolltest ja nicht an der Anlegestelle warten.“, kam es nur von Josh zurück. „Ja, ja...“ Sie suchten weiter, nichts ahnend, dass das gesuchte Schiff nicht weit von ihnen entfernt war.


    Collin Parker hatte gerade eine neue, geldeinbringende Tour hinter sich gebracht und machte sich langsam auf den Rückweg zu seiner Stammanlegestelle. Er stieß seine Rosi langsam vom Kai ab und drehte den Motor auf. Die Maschinen der Rosi blubberten und röhrten langsam zur neuen Fahrt auf. „Na komm schon, Mädel. Ist doch nur noch eine Tour bis zum Feierabend.“, meinte er und legte dann den Gashebel bis zum vorderen Anschlag um. „Hey...Hey...Ahoi Rosi...“, hörte er plötzlich neben sich. Collin drehte sich um und sah ein kleines Schnellboot auf sich zukommen. Doch er dachte nicht daran, den Motor zu drosseln. Späße über seinen alten Dampfer musste er sich von diesen Managern in ihren kleinen, schnellen Booten ja schon immer gefallen lassen. Das Boot allerdings schien an ihm zu kleben, wie eine Biene am Honig. „Hey, macht, dass ihr verschwindet, aufgeblasenes Managerpack.“, fauchte Collin und zog seine Rosi weiter in die Mitte des Flusses rüber, wollte dem kleinen Boot zuvorkommen. Aber auch das ließ sich nicht abschütteln. Es drehte seinen Motor weiter auf und kam auf Collins Seite zu.


    „Hey...Hallo...bitte stoppen sie.“, forderte Josh immer wieder und wedelte mit seiner Jacke hin und her. Semir steuerte das Boot immer weiter an den Dampfer heran, der endlich die Geschwindigkeit drosselte. „Na endlich...“, murmelte Semir nur und nahm ebenfalls das Gas weg. Josh nickte und zog seine Jacke wieder an, überprüfte, ob er irgendwas in die Themse geschmissen hatte. Als dem nicht so war, zog er das Tau durch den Ring und surrte es fest. „Was soll das denn? Sind sie jetzt vollkommen irre?“, fauchte Collin und kam wütend aus seiner Kabine gelaufen. „Inspector Etheridge, Scotland Yard...Mister Parker, ich hätte da einige Fragen an sie.“, erwiderte Josh und zeigte seinen Ausweis vor. Collin sah drauf und blickte dann Semir an. „Wer ist das? Ist das ihr Sergeant?“, fragte Parker. Semirs fragender Blick ging zu Josh. „Nein, das ist mein deutscher Kollege. Mister Parker, es geht um den jungen Mann, den sie aus der Themse gezogen haben. Können sie mir zeigen, wo das war.“, bat Josh. Collin nickte skeptisch. „Ich kann es ihnen sogar zeigen.“


    Ben wachte am frühen Abend wieder auf und sah sich langsam um. Noch immer war er im Krankenhaus. Noch immer war ihm heiß und kalt. „Mister Jäger, sie haben ja ihren Tee nicht getrunken. Sie müssen doch aber was trinken.“, kam es von der Schwester, als sie ins Zimmer kam. „Ich...ich habe keinen Durst.“, erklärte er und richtete sich auf, sah sich suchend um. „Wo...wo ist mein Handy, meine Brieftasche und wo sind meine Sachen?“, fragte er und zog die Schublade vom Nachttisch auf. „Tut mir Leid, aber ihr Handy war nicht mehr zu retten und ihre Papiere sind fast wieder trocken.“, erklärte die rothaarige Krankenschwester mit einem Lächeln. Ben nickte dankend und schob seinen schwachen, ausgelaugten Körper langsam im Kissen nach oben. Er sah sich nach etwas um, dass er zum Zeitvertreib nutzen konnte. Doch hier, in diesem, trotzt makelloser, neuester und bester Einrichtung, sterilen Krankenhauszimmer war doch nichts. Nichts, außer der Blick auf Big Ben und die Themse. Ben drehte seinen Kopf zur Seite. Die schrägsten Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Wo war Emily? War sie ihren Entführern entkommen oder noch immer in ihren Fängen. Ben wusste einfach nichts. Wie auch? Einmal hatte er sie in Deutschland im Stich gelassen und ein zweites Mal jetzt und hier in London. Wie konnte sie sich da noch auf ihn verlassen?


    ...

  • Alec Jordan sah immer wieder zur Seite. Emily saß ruhig im Sitz, kaute an ihren Fingernägeln. „Hey, ist alles in Ordnung?“, wollte er wissen und fasste ihr vorsichtig auf das Knie. Emily zuckte kurz zusammen. „Nein, nichts ist in Ordnung...mein Freund...mein Ben wurde von diesen, diesen Kerlen in die Themse geworfen. Ich hab es selbst gesehen.“, schluchzte sie und wischte mit ihren Fingern über ihre Augenpartie. Alec lachte innerlich. Dann hat Roger also doch das Problem beseitigt. Auf ihn war doch verlass. Er stoppte an einer Ampel und sah sich um. Links ging es zur nächsten Polizeistation und rechts zur Fälscherwerkstatt. Er setzte den Blinker und fuhr nach rechts ab. „Alec...wo...wo bringst du mich hin?“, fragte Emily verwirrt. „Zur nächsten Polizei geht es aber in die andere Richtung.“ Doch Alec lächelte nur. „Keine Sorge...vertrau mir. Ich weiß schon, was ich tue.“, erklärte er nur und fuhr kurz darauf in eine verlassene, lange Seitenstraße ein. „Hey, was wollen wir denn hier?“, fragte sie wieder und sah sich erneut um. Doch Alec antwortete nicht, sondern ließ die Zentralverriegelung einrasten. Erschrocken fuhr Emilys Hand an den Türknauf und klapperte an der Türöffnung. „Was...was soll das hier?“, fluchte sie und sah ihren Fahrer mit einem durchdringenden Blick an. Doch Alec lächelte nur, holte dann mit der Faust aus und schlug gegen Emilys Schläfe. Sie sackte bewusstlos zusammen. „Ich hasse Frauen, die Fragen stellen.“


    Alec entriegelte die Zentralverriegelung und zog den bewusstlosen Körper der jungen Dame aus dem Beifahrersitz hinüber zu der großen Halle. „Foster, ich hab hier was.“, schrie er durch die ehemalige Autowerkstatt. Sofort kam ein großer, bulliger Mann und nahm seinem Boss das menschliche Paket ab. „Was soll ich mit ihr machen?“, wollte Foster wissen. „Park sie in der Dunkelkammer und fessel sie gut. Sie ist noch einige Millionen Pfund schwer.“, erklärte Alec außer Atem und griff nach seinem Telefon. „Ich werde inzwischen den Vater anrufen und ihm versichern, dass wir seine Tochter noch immer haben.“ Schon griff er zum Handy und wählte mit schnellen Fingern das Büro von Daniel Christie an. Er wusste natürlich, dass die Polizei ihn überwachen würde. Also musste das Gespräch so kurz wie möglich sein. „So Christie, nun hören sie mal genau zu. Ich habe ihre Emily bei mir. Wenn sie nicht wollen, dass ich sie ihnen in kleinen Teilen zurückschicke, dann sollten sie 5 Millionen Pfund in nicht nummerierten Scheinen morgen Abend bereithalten. Weitere Anweisungen erfahren sie in Kürze.“, schnellte Alec seinen Text runter und gab seinem Gesprächspartner keine Zeit zu antworten. Er klappte das Mobiltelefon wieder ein und grinste hämisch in sich hinein. Seine Rache...das war seine Rache oder wie er gerne sagte, das Ass im Ärmel.


    Knatternd trieb die Rosi inmitten der Themse, direkt gegenüber von einigen Lagerhäusern. „Hier...hier war es.“, meinte Collin und deutete auf die Lagerhäuser rüber. Josh und Semir sahen rüber. „Kennst du die Gegend?“, fragte der Deutschtürke den englischen Inspector. Josh nickte. „Dort haben wir die Leichte von Zöllner gefunden.“, erklärte Josh. „Dann muss doch da was dran sein.“, murmelte Semir. „Mister Parker, wir fahren dort rüber. Sagen sie, hat eines der Lagerhäuser vielleicht einen direkten Wasseranschluss?“, wollte Josh wissen. Collin überlegte kurz. „Da gibt es nur eine Möglichkeit. Das Lagerhaus einer Autowerkstatt. Ich glaube Fletcher und Foster heißt das.“, erklärte Collin Parker. Semir und Josh nickten, stiegen in das geliehene Boot und ließen den Motor aufheulen. Das Boot war schnell an einem kleinen Anleger festgemacht und wenige Minuten später standen sie vor der entsprechenden Lagerhalle.


    „So, und nun werde ich mal die Kollegen anrufen.“, meinte Josh und griff zum Telefon. „Was?“, kam es sofort von Semir. Der junge Inspector sah ihn an. „Bis die hier sind, sind sie sicherlich über alle Berge. Jetzt lass uns schon diese Tür aufbrechen. Immerhin ist Emily in Gefahr.“, fauchte Semir und wollte ausholen, als er ein Scheppern hinter der Tür hörte. Sofort war seine Neugier geweckt. Er zog das Tor auf und riss die Augen weit auf, als ihm Flammen entgegen loderten. „Wow...verdammt...“, stieß er aus und sah nur noch im Schein des Feuers zwei Gestalten am anderen Ende durch eine Tür flüchten. Semir schaltete sofort. Das waren die Gangster und wollten alle Spuren beseitigen. Das konnte doch nur heißen, dass... „Verflucht...EMILY!!“, schrie er und wollte sich in die Flammenhölle stürzen. Josh packte ihn aber am Arm. „Bist du irre?“, kreischte er fast panisch. „Willst du dich umbringen?“ „Lass mich...Emily ist noch da drinnen. Ich...ich muss sie retten. Das...das bin ich Ben schuldig.“, stieß Semir aus und riss sich los. Er ging einige Schritte in das Lagerhaus. Sofort packte ihn eine höllische Hitze an. Semir konnte kaum etwas sehen und merkte, wie ihm langsam seine gesamte Feuchtigkeit aus dem Körper gezogen wurde. „Semir...komm da raus.“, schrie Josh von draußen. „Ich...ich muss Emily finden.“, erwiderte der Deutschtürke und ging einige Schritte weiter. Plötzlich knarrte es über ihm und einer der Trägerbalken schlug auf ihn hinunter. Im letzten Moment sprang Semir zur Seite. Nein, das...das hatte keinen Sinn. Er würde selbst verbrennen, ehe er Emily finden würde. Vom vielen Rauch schnürte sich seine Kehle zu und beinahe wäre er nicht mehr rechtzeitig aus der brennenden Flammenhölle gekommen. „Semir...dein...dein Arm. Er brennt. Zieh schnell die Jacke aus.“, stieß Josh aus und riss sich seine vom Leib, wickelte sie um den Arm von Semir und erstickte die Flammen. „Es...es ist hoffnungslos. Sie...sie kann es nicht überleben. Ben wird mir die Schuld geben. Er wird mich hassen.“, kam es vorwurfsvoll von Semir. Er trat einen leeren Karton durch die Gegend und schrie wie ein verwundeter Löwe. Die Flammen loderten noch immer und verschlangen das gesamte Lagerhaus. Die Feuerwehr konnte nichts mehr tun. Wie sollte Semir Ben jetzt gegenüber treten?


    ...

  • Daniel Christie hielt noch immer den Hörer in der Hand. Was war das nur für ein Mensch? Doch Daniel wusste, was zu tun war. „Ich bin auf der Bank. Bitte keine Termine oder Anrufe für mich durchstellen.“, forderte er, während er an seiner Sekretärin vorbei rannte. Diese nickte nur und sah ihrem Chef nach. „Informieren sie mich, wenn Christie das Haus verlässt.“, kamen ihr die Worte dieses hageren Polizisten wieder in den Sinn, als sie dessen Karte vor sich sah. Sie griff zum Hörer, hob ihn von der Gabel, ließ ihn aber sofort wieder sinken. Nein, das konnte sie ihrem Arbeitgeber nicht antun. Doch was würde sie schon machen? Sie würde ihm damit vielleicht sogar helfen. „Alex Baker....“, meldete sich der Mann am anderen Ende der Leitung. „Hier ist Miss Hunter, die Sekretärin von Mister Christie. Ich...ich wollte ihnen etwas sagen, weiß allerdings nicht, ob es richtig ist.“, zweifelte sie an ihren Worten. Ein Seufzer kam vom anderen Ende. „Miss Hunter, bitte...alles, was sie wissen, kann sehr wichtig sein.“ „Mister Christie ist gerade zur Bank gegangen, nachdem er einen Anruf erhalten hat. Ich konnte hören, wie sein Handy klingelte.“, erklärte sie. „Wissen sei den Namen der Bank?“ „Royal Bank of England...dort sind alle unsere Firmenkonten.“, erklärte sie. „Gut danke...sie haben das Richtige getan.“, munterte sie Alex Baker auf. Doch da war sie sich nicht so sicher.


    Alex ließ den Hörer sinken. „Natalie, sie kommen mit mir. Informieren sie Joshua, wo wir sind.“, meinte der Mann mit dem ausgetragenen Trenchcoat. Natalie nickte. „Aber Sir, Josh ist gerade noch in einem Einsatz. Die Lagerhalle, wo er das Versteck von Emily vermutete, ist abgebrannt.“ Alex stoppte. „War das Mädchen in der Halle?“, fragte er sofort mit belegter Stimme. „Das weiß er noch nicht. Die Feuerwehr ist noch am Suchen.“, erklärte Natalie. Der Superintendent nickte, stieß einen kurzen Fluch aus und schob mit seinem Fuß einen Bürostuhl quer durch den Raum. „Wir fahren sofort zur Bank. Daniel Christie will sicherlich Geld holen und die Übergabe ohne uns machen. Er muss von Dummheiten abgehalten werden.“ Natalie nickte und gemeinsam begaben sie sich dann zum Wagen. Doch innerlich plagten sie Zweifel. Lebte Emily denn überhaupt noch? Was, wenn die Feuerwehr die verkohlten Überreste einer Frau fand? Wie würde sich ihr Vater dann verhalten?


    Daniel Christie betrat mit wütenden Schritten die Schalterhalle und ging auf eine verglaste Schaltertür zu. „Mister Christie, was führt sie denn zu uns?“, wollte eine freundliche Frau wissen, die dem Mann die Tür aufhielt. „Ich brauche Geld. Und das will ich von meinem Konto haben. Fragen sie nicht, warum. Aber bitte...ich will mit ihrem Chef darüber sprechen.“, forderte Daniel Christie. „Ich fürchte, Mister Duncan ist momentan nicht zu sprechen.“, erklärte die Frau nur. Ehe sie aber diesen Satz zu Ende sprechen konnte, ging eine hintere Tür auf und ein hoch gewachsener Mann mit grau emaillierten Haaren trat aus einem Raum. „Daniel...was verschafft mir denn das Vergnügen? Wir sind doch erst am Wochenende zum Golf verabredet. Oder willst du absagen?“, lachte Michael Duncan auf und stemmte seine Hände in die Hosentaschen. „Nein, leider nicht, mein Freund. Ich muss mit dir sprechen.“, forderte Christie und ging mit Duncan in sein Büro.


    ...

  • Natalie bremste den Wagen ab und sofort sprang Alex Baker raus und rannte die Stufen der altehrwürdigen Bank hoch. „Kommen sie, Natalie...wir müssen den Mann von einer Dummheit abhalten.“, stieß der Polizeichef aus. Natalie rannte hinter ihrem Chef her. „Entschuldigen sie, Miss, aber wo finden wir Daniel Christie? Man hat uns gesagt, dass er hier ist.“, meinte Alex Baker. Die Frau sah verwirrt auf den Dienstausweis. „Mi...Mister Christie ist in einer Besprechung mit unserem Filialleiter. Es...es tut mir Leid, aber die Beiden wollen nicht gestört werden.“, gab sie bekannt. Doch das interessierte den Mann mit dem durchdringenden Blick nicht. Er schob die Frau zur Seite und ging zielstrebig auf die Tür zu. Ehe er aber dort war, schwang die Tür auf und ein Paar grüner Augen blickten ihn an. „Wer sind sie und was kann ich für sie tun?“, fragte der Mann.


    Die Feuerwehr löschte die Trümmer und durchsuchte sie nach menschlichen Überresten. Josh sah abwechselnd zu den Arbeiten und dann zu Semir, der auf einem Poller saß und mit den Tränen kämpfte. „Ich...ich habe versagt. Die Freundin...nein, die Lebensgefährtin meines besten Freundes ist da drinnen verbrannt und ich konnte es nicht verhindern.“, stieß Semir mit heiserer Stimme aus. Immer wieder hielt er sich die Augen zu und kämpfte innerlich mit den Tränen. Josh legte ihm die Hand auf die Schulter. „Semir, vielleicht...vielleicht war sie nicht mehr drin. Vielleicht...“, fing Josh an, doch dann merkte er, dass seine Worte nicht wirklich trostspendend waren. Einer der Feuerwehrleute kam auf die Gruppe zu. „Sir, wir haben keinerlei Spuren einer Leiche oder von menschlichen Überresten gefunden.“ „Sie meinen...“, fing Josh an und merkte, wie sich Semir langsam zu ihm und dem Feuerbekämpfer umdrehte. „Da drinnen war kein Mensch. Jedenfalls nicht zur Zeit, als das Feuer ausbrach.“, erklärte er und ging wieder.


    Semir sprang auf. „Sie ist noch am Leben. Josh, sie ist noch am Leben.“, stieß er auf und sah sich um. Wenn Ben hier in den Fluss geworfen wurde, dann...dann musste doch der Besitzer oder einer, der einen Schlüssel zu diesem Lagerhaus besaß, mit den Entführern unter einer Decke stecken. Oder zumindest von ihren Machenschaften wissen. „Josh...frag mal an, wem gehört das Lagerhaus hier.“, wollte der Deutschtürke wissen. „Was? Warum das denn?“ „Überleg doch mal...hier waren die Entführer und warfen Ben durch eine Luke im Boden. Ergo mussten sie die Begebenheit der Halle zumindest gekannt haben. Wenn wir herausfinden, wer der Besitzer ist und von Ben eine Beschreibung der Täter bekommen und das eine mit dem anderen abgleichen, wären wir einen großen Schritt weiter.“, erklärte Semir sein Vorgehen. Josh nickte und telefonierte sofort mit der Zentrale. Semir sah gebannt auf den großen Fluss hinaus. Hoffentlich würde dieser Schritt etwas bringen. Ben verdiente dieses Glück mehr, als alles andere.


    ...

  • Alec sah auf die Geisel und spielte mit dem Handy in seiner Hand umher. „Keine Angst, Emily. Es ist nichts Persönliches gegen dich, aber dein Vater hat mir ein riesiges Geschäft vermasselt. Dafür muss er mir nun mal eine Entschädigung geben.“, lachte er, nachdem er ihr einen Knebel angelegt hatte. Emily schnaufte wütend auf und drehte ihren Kopf weg. Der Mann ging nach draußen und schloss die Tür ab. „Foster, pass mir gut auf die Kleine auf. Sie ist mehrere Millionen wert. Wenn wir das Geld haben, dann kannst du die Werkstatt und unser Atelier dichtmachen.“, grinste Alec Jordan und Foster wusste genau, was der Mann meinte...Beseitigung aller Spuren, und zwar wirklich aller. „Was wir mit dem gedruckten Geld?“, fragte er dann. „Das bringen wir noch auf den Weg. Erwarten wir noch was aus Irland oder transportieren wir noch etwas hin?“, wollte Jordan wissen. „Es gehen einige gebrauchte Ersatzteile morgen nach Belfast. Sollen wir das Geld da drinnen verstecken?“, wollte Foster wissen. „Bevor wir es vernichten, soll es lieber dort oben verteilt werden.“, grinste Alec Jordan und ging nach draußen. Er zündete sich eine Zigarette an und atmete den Rauch tief ein. Dieses Geschäft brachte ihn nochmals ein oder zwei Millionen. Dann würde er sich auf den Bahamas zur Ruhe setzen.


    „Also, das Lagerhaus gehört dem Auto- und Reparaturservice Jeremy Foster in Soho.“, meinte Josh, als er vom Telefonieren wiederkam. „Dann los, ruf Verstärkung und besorg einen Durchsuchungsbefehl. Ich will das heute noch erledigen.“, knurrte Semir nur. „Wie stellst du dir das vor? Für das bisschen krieg ich doch vom Staatsanwalt keinen Durchsuchungsbefehl.“, knurrte der Inspector. „Josh, wir müssen es versuchen. Verdammt nocheins, es geht hier um Ben und Emily.“, zischte Semir. Ein Seufzer war das Einzige, was der junge Inspector erwiderte und dann zum Telefon griff, um den Staatsanwalt anzurufen. „Du nervst ganz schön, wenn du was willst. Weißt du das?“, murrte Josh Semir zu und dieser grinste nur triumphierend. Der Deutschtürke sah nur, wie sein englischer Kollege nur aufgeregt telefonierte. Er konnte nur ahnen, was Josh durchdrücken musste. Die Staatsanwälte waren doch immer gleich.


    Josh kam zurück und klappte sein Handy ein. „Man, wie ich das meinem Chef erklärten soll.“, knurrte Josh nur und wählte Alex Baker an, erzählte ihm alles und hörte dann zu. Danach ging er zu Semir zurück. „Okay, wir haben grünes Licht. Ich rufe noch schnell die Spezialtruppe an und dann geht’s los.“, meinte Josh. Semir nickte erleichtert. „Krieg ich dann wenigstens eine Waffe?“, fragte er. „Du weißt doch, dass wir in Großbritannien keine Waffen tragen.“, grinste Josh und zwinkerte kurz mit dem Auge. Das Gesicht des Hauptkommissars wurde immer länger. „Keine Sorge Semir, bei diesen Einsätzen habe selbst ich eine Waffe. Für dich finden wir auch schon eine.“, meinte Josh und schlug seinem Freund auf die Schulter. Gemeinsam machten sie sich auf zur Werkstatt.


    „Alexander Baker, Detective Superintendent bei Scotland Yard. Ich bin hier, um Daniel Christie zu helfen.”, erklärte der Polizeichef und zückte seinen Ausweis. Michael Duncan sah skeptisch auf den Ausweis und dann in das Gesicht des hageren Mannes. „Daniel, kennst du die Leute?“ Daniel nickte nur. „Das...das sind die Polizisten, die die Entführung meiner Tochter bearbeiten.“, erklärte er und wandte sich dann an Baker. „Was machen sie hier? Ich habe doch klar gemacht, dass ich ihre Hilfe nicht wünsche.“, fauchte der Mann nur. „Sir, das wäre aber, mit Verlaub, sehr dumm von ihnen. Wir wollen ihnen helfen. Nehmen sie die Hilfe an. Es ist nur zum Besten ihrer Tochter.“, erklärte Alex. Sein Telefon klingelte. Er nahm es aus dem Mantel und ging einige Schritte weg. Natalie blickte nun die beiden Geschäftsmänner an. „Sir, wir werden alles tun, um ihre Tochter zu schützen. Wir installieren am Koffer und in einem der Geldbündel einen Sender. Keine Sorge, wo auch immer das Geld hingebracht wird, wir können es genauestens verfolgen.“, griff sie die Erklärungen ihres Vorgesetzten wieder auf. Daniel überlegte und sah dann Michael an. „Daniel, du weißt, ich bin dein ältester Freund. Deswegen geb ich dir den guten Rat, arbeite mit der Polizei zusammen. Es kann deiner Tochter nur helfen.“, meinte der Bankier und stieß seine Hände in die Hosentaschen. Daniel nickte nachdenklich.


    ...

  • „Ich will meine Tochter wiederhaben. Können sie mir dafür garantieren?“, wollte der Mann wissen. Natalie holte tief Luft. „Das...das kann ich ihnen nicht versprechen, aber wir tun alles, was in unserer Macht steht. Bitte glauben sie uns.“, versicherte Natalie Daniel Christie. Alex kam zurück. „Sir, bitte entscheiden sie sich. Wir können sie besser beschützen und auch ihre Tochter. Einer meiner Beamten ist vielleicht auf einer heißen Spur.“, erklärte der Superintendent. „Dann hole ich das Geld und sie machen das andere.“, meinte der Reedereimeister und ging mit dem Bankmanager in die Stahlkammern hinunter. Natalie kam zu Alex vor. „Was...was ist mit Josh? Er hat eine Spur gefunden?“, wollte sie wissen. „Allerdings...er ist gerade mit dem deutschen Kollegen auf dem Weg dorthin.“, erklärte der Superintendent. „Und sie meinen, dass er das alleine schafft?“, grinste sie nur. „Josh ist ein guter Detective Inspector. Ich denke, er kriegt es hin. Nur bei dem Deutschen hab ich so ein ungutes Gefühl.“


    Roger und Ian fuhren in einem Affenzahn durch die Londoner City. Sie mussten vor der Polizei bei Foster sein. Bei ihrer Raserei rauschten sie aber an einem in einer Seitennische stehenden Streifenwagen vorbei. Sofort setzte sich der Polizeiwagen hinter das Fahrzeug, schaltete die Lichtanlage und das Martinshorn ein und rauschte ebenfalls die Straße entlang. „Verdammt...und das gerade jetzt.“, stieß Ian aus und drehte sich zu Roger um. „Irgendwie ist das Fahrzeug zu schwer. Wir müssen Ballast abwerfen.“ Roger drehte seinen Kopf in Ians Richtung und zog eine Waffe. „Okay...dann auf Widersehen.“, höhnte er und schoss. Geschockt sah Ian auf die rauchende Waffe und dann auf die Wunde in seiner Brust. Im nächsten Moment schwang die Tür auf, der Gurt löste sich und bei einer scharfen Lenkung nach rechts flog der leblose Körper auf die Kreuzung hinaus. „So, Ballast abgeworfen.“, grinste Roger und sah in den Rückspiegel. Die Polizei musste zwar abbremsen, doch sie ließ sich durch den Leichenfund nicht beirren und setzte ihre Verfolgung fort. „Verdammt, ihr seid anhänglicher als Fliegen auf einem Kothaufen.“, knurrte Roger und fuhr immer wieder zwischen den Autos hin und her. Die Verkehrsteilnehmer hupten und schimpften über den rüpelhaften Fahrer, doch der hatte im Moment andere Probleme.


    Roger sah einen Moment nach hinten und fuhr auf eine Kreuzung zu. „Ihr kriegt mich nie...habt ihr gehört. Ihr kriegt mich nie...“, fauchte er und sah dann nach vorne. Eine blaue Wand kam schnell auf ihn zu. Im nächsten Moment krachte der Wagen unter dem hinteren Teil eines Sattelschleppers durch. Das Auto wurde regelrecht zusammengefaltet, als es auf der anderen Seite wieder auf die Straße rutschte und gegen einen Hydranten glitt. Der Streifenwagen kam nun neben dem Wrack zum Stehen. Die Beamten setzten entsetzt ihre Mützen auf und stemmten die Arme in die Hüften. Hier konnten sie nicht mehr helfen, beziehungsweise jemanden bestrafen.


    Josh und Semir fuhren ebenfalls durch die Straßen der großen Hauptstadt. „Wir sind gleich da.“, erklärte er und parkte den Wagen vor der Ausfahrt der Werkstatt. Semir sah durch die Hofeinfahrt. „Ziemlich unübersichtlich.“ „Genau, und deshalb warten wir, bis das Spezialkommando da ist. Wir gehen nicht vorher rein.“, meinte Josh bestimmend. „Du verdirbst einem aber auch immer den Spaß.“, murrte Semir nur und sah nach vorne. Josh grinste und holte aus seiner Jackentasche einen Kaugummi hervor und bot ihn seinem Freund an. „Danke...“ Wenige Augenblicke später kam das Spezialkommando, rüstete Josh und auch Semir mit Waffen und Schutzweste aus und warteten dann auf die Einweisungen von Josh. „Okay, Gruppe eins geht hier über den Hof hinein, während Gruppe zwei und drei über die Dächer kommt. Erst auf mein Zeichen gehen wir rein. Es ist absolut erforderlich, dass wir zeitgleich eingreifen und alle festnehmen, die sich in der Werkstatt befinden. Hinterher können wir immer noch feststellen, ob es sich dabei um Verdächtige handelt oder um einfache Zivilisten.“, erklärte Josh. Die Männer nickten und machten sich bereit für den Zugriff. Semir war mehr als angespannt. Emily war hier, das konnte er spüren. Und dieses Mal würde er sie zu Ben bringen. Dieses Mal würde ihn nichts dran hindern, das Glück seines Freundes zu retten.


    ...

  • Alec Jordan stand auf dem Hof und hörte über sich auf dem Dach Schritte. Er ließ die Zigarette fallen und blickte zum Dach hinauf. Waren da Schatten? Er sah zur Straße und erblickte die vielen schwarz vermummten Leute. „Oh shit...“, stieß er aus und rannte in die Werkhalle zurück. Foster drehte sich um. „Das Geld ist fast verladen. Wir müssen nur auf den Fahrer warten.“ „Vergiss das Geld. Die Bullen sind da...“, fauchte Alec und verschwand nach hinten. Er stieß die Tür zu Emilys Raum auf und zog sie hoch. „Los, komm mit, Kleine...“, zischte er und hievte sich die Frau über die Schulter. „Mmmmmmnmhhhhh...“, schrie sie in den Knebel und versuchte, mit den gefesselten Füßen auszutreten. Doch sie traf nicht wirklich. Alec brachte sie zu einem Lieferwagen, warf sie auf die Ladefläche und setzte sich ans Steuer. „Nehmen sie mich mit.“, forderte Foster, doch Alec drehte sich zu ihm um, zückte die Waffe und schoss. „Ich nehme keinen unwichtigen Ballast mit.“, knurrte er und gab Gas. Er durchbrach das Tor und schoss auf eine Gruppe Polizisten zu. Unter ihnen erkannte er auch Josh und Semir. „Aus dem Weg...“, schrie er und hupte wie wild. Josh sprang automatisch zur Seite und auch Semir hechtete auf einen Stapel Reifen zu. „Verdammt...sicher hat er Emily.“, fluchte er. „Nicht mit mir. Wir werden sie dieses Mal nickt verlieren. Los, zum Wagen.“, stieß Semir aus. Josh sah sich kurz um, doch die Spezialtruppe schien mit dem Rest der Gangster alleine klar zu kommen. Semir war in den Jaguar gesprungen und wartete auf Josh. „Na los...komm, komm...“, rief er und startete den Wagen. „Semir, es ist keine gute Idee, wenn du fährst.“, kam es von Josh. „Wir haben jetzt keine Zeit mehr. Los, steig ein.“, forderte Semir und schon ging es los, nachdem Josh eingestiegen war.


    Alec sah nach hinten und erblickte den Jaguar, der immer dichter aufschloss. „Verdammt...“, stieß er aus und blickte sich um. Er riss das Lenkrad rum und fuhr nach links auf die Chambers Road. „Er will zur Stadtautobahn...“, stieß Josh zitternd aus, als Semir den Wagen ebenfalls nach links zog. „Dann ist er geliefert.“, grinste Semir nur und zog seine Waffe. „Was...was hast du vor?“, wollte Josh wissen. „Was wohl? Ich stoppe diesen Wahnsinnigen.“, fauchte der Deutschtürke, ließ das Fenster runter und zielte auf den Reifen. Es war schwierig und ungewohnt, da er rechts saß und mit der linken Hand lenken musste. Das Zielen nahm einige Zeit mehr als sonst in Anspruch, die Wagen fuhren auf die Kingston Bridge rauf. „Semir, die Zeit wird langsam knapp.“ „Ich mach ja schon...“, stieß er aus und schoss wirklich. Der Reifen des Lieferwagens platzte, der Wagen schlingerte und durchbrach das Brückengeländer. Ein Schwall Wasser wurde nach oben geworfen und sofort sog sich der Transporter voll. Wie ein Stein begann er zu sinken. „Oh shit...“, stieß Semir aus. „Ich rufe Hilfe...“, meinte Josh und griff zum Funk, während sich der Deutschtürke aller wasseraufsaugenden Kleider entledigte und in die Themse sprang. Mit schnellen, koordinierten Bewegungen tauchte Semir nach dem Kleintransporter, immer auf die Hecktüren zu. Josh blieb oben an dem durchbrochenen Geländer stehen und konnte nur hilflos mit ansehen, wie die Blasen immer mehr verloschen. Sollte es wirklich so zu Ende gehen?


    ...

  • Josh sah wie gebannt auf die Wasseroberfläche, nahm das Eintreffen der Kollegen gar nicht wahr. Alec Jordan war vor wenigen Minuten einige Meter weiter aufgetaucht. Die Kollegen warfen ihm einen Rettungsring zu und hievten ihn ans Ufer, nur um ihn kurz darauf Handschellen anzulegen. „Komm schon, Semir...tauch auf...“, forderte Josch von seinem deutschen Kollegen. Doch noch schwappten nur die leichten Wellen über die Oberfläche und brachten sich an den Pfeilern der Brücke. Die letzte Blase erlosch und der Fluss lag ruhig da. „Oh no...“ Josh schloss die Augen und ließ den Kopf sinken. Das…das konnte nicht sein. „Sir, dort...dort...“, kam es plötzlich von einem Kollegen.


    Der Fluss durchbrach seine Oberfläche und gab Semir und Emily frei. „Schnell...holt sie da raus.“, forderte Josh und lief zum Ufer rüber. Semir zog die keuchende Emily aus dem Themsewasser. „Alles in Ordnung, Mädchen...wir sind in Sicherheit.“, kam es von Semir. Emily spie Wasser und ließ sich auf die Seite fallen. Sie sah den Deutschtürken nicht einmal an, doch sie war überglücklich, dass alles vorbei war. „Semir...oh man....du hast es geschafft, Junge. Well done...was für ein Teufelskerl.“, stieß Josh erfreut aus und warf sofort eine Decke um Emily. „Ruf...ruf sofort ihren Vater an. Habt ihr...habt ihr den Kerl geschnappt?“, fragte Semir nach. Josh nickte nur. „Er ist etwa zehn Minuten vor euch aufgetaucht und wurde von meinen Polizisten am Ufer erwartet.“, erklärte Josh, während er das Sanitäterteam heranwinkte und dann zum Telefonieren wegging. „Semir, ich...ich...diese Kerle haben Ben getötet. Sie haben...haben ihn in die Themse geworfen. Sicher ist er ertrunken.“, weinte sie und sah den Mann mit rot unterlaufenen Augen an. Doch Semir lächelte nur. „Keine Sorge Emily. Ben haut so leicht nichts um. Er liegt im Krankenhaus und wartet sehnsüchtig auf dich.“, erwiderte er. Emilys Miene erhellte sich und sie fiel Semir weinend um den Hals. Wenige Minuten darauf war sie im Krankenwagen und auf dem Weg ins St. Pauls Hospital.


    Michael Duncan zählte die Geldbündel ab und packte sie in den Koffer hinein. „4 Millionen 9 Hundert 99tausend 500 und das letzte Bündel macht die 5 Millionen komplett.“, erklärte er und sah auf Daniel Christie und Alex Baker. Natalie stand abseits und blickte auf die großen Schließfächer, die hier in die Wand eingelassen waren. „Danke, alter Freund. Wenn alles gut geht, sehen wir uns am Wochenende. Das heißt, vielleicht nicht. Nein, ich will die Zeit mit meiner Tochter verbringen.“, erklärte Daniel vollkommen fertig. „Kein Problem, old boy...das kann ich verstehen.“, erklärte Duncan und drehte sich zu der jungen Polizistin um, als deren Telefon klingelte. „Entschuldigen sie...“ „Kein Problem, aber gehen sie bitte nach oben, damit die Elektronik hier nichts abbekommt.“, bat der Manager. Natalie nickte und eilte die Treppe hinauf. Alex sah ihr nach, widmete sich dann aber den beiden Männern. Daniel Christie sah ihn an. „Und was machen sie jetzt?“, fragte er. „Wir platzieren einen kleinen Sender im Koffer und einen weiteren in einem der Geldbündel. Somit ist sichergestellt, dass wir dem Mann folgen können, wenn er den Koffer wegwerfen sollte.“, erklärte der Detective Superintendent. Plötzlich kam Natalie mit hastigen Schritten die Treppe runter. „Sir...Sir...eben hat Josh angerufen. Sie...sie haben Emily gefunden.“, stieß sie hastig aus und musste erst mal wieder Luft sammeln.


    Daniel Christie blieb die Luft weg. War das ein Wunder? Oder war es eine Hiobsbotschaft? „Ist sie...ist meine Tochter...“ „Sir, sie lebt. Man hat sie ins St. Pauls Hospital gefahren.“, erklärte Natalie und sah, wie alle in der Runde erleichtert aufatmeten. „Was ist mit Jordan? Ist er verhaftet worden?“, fragte Alex Baker nach. „Ja, sie haben ihn festgenommen. Ihr und eure Tochter sind in Sicherheit, Mister Christie.“, erklärte Natalie an den Reedermeister gewandt. Er schloss erleichtert die Augen und ließ den Koffer auf den Tisch fallen. „Den brauchen wir wohl nicht mehr.“, meinte Michael Duncan und nahm das Geld wieder aus dem Koffer. Daniel Christie nickte und ging dann mit den beiden Polizisten wieder nach oben. „Kommen Sie, wir fahren Sie zu ihrer Tochter ins Krankenhaus.“ Daniel nickte nur und setzte sich auf die Rückbank des Wagens. Alex nahm auf den Beifahrersitz platz, während sich Natalie ans Steuer setzte. Kurze Zeit später durchfuhren sie die Hofeinfahrt des St. Pauls Hospitals.


    Ben lag in seinem Zimmer und döste vor sich hin, als plötzlich die Tür aufgeschoben wurde. „So, Mister Jäger...ein bisschen Gesellschaft für sie.“, kam es von der Krankenschwester und schon wurde ein Bett schwerfällig ins Zimmer geschoben. Ben hob leicht den Kopf, konnte aber nicht auf den ersten Blick erkennen, wer dort drin lag. „Hmmm...“, kam es deshalb nur von ihm. Doch dann hob sich der Körper des anderen in die Höhe und zwei große rotunterlaufene Augen sahen ihn an. „Ben? Ben, du lebst?“, kam eine heisere, ihm bekannte Stimme aus dem Bett neben ihn. Ben dachte, er hätte geträumt. Konnte das sein? Sofort hob er den Kopf. Tatsächlich, das da im Bett war seine Emily. Emily lebte... „Emily? Wie...wie bist du...ich meine, was...“, stammelte er Ehe sie aber antworten konnte kam Semir mit einem enorm breiten Grinsen ins Zimmer, Josh folgte ihm und beide stellten sich provokativ vor Bens Bett. „Du siehst, ich halte mein Versprechen.“, grinste der Deutschtürke und schob das Bett an das andere heran. Überglücklich nahm Ben die Hand seiner Freundin und drückte sie fest an sich. „Ihr beide habt ziemlich viel Wasser geschluckt. Deswegen müsst ihr hier noch eine Weile liegen müssen.“, erklärte Semir und stemmte sich auf das Bettgestell. „Jetzt, wo ich weiß, dass Emily wohl behalten bei mir ist, ist mir das vollkommen egal.“, lächelte Ben nur und küsste die Hand seiner Freundin.
    Daniel Christie stürmte ins Zimmer und war überglücklich, seine Tochter wohlauf zu sehen. Als er Ben sah, ließ er sich von ihm die ganze Geschichte erzählen. Auch, wenn der Reedermeister dem Freund seiner Tochter bei der letzten Begegnung skeptisch gegenüber stand, so schätzte er ihn jetzt mehr denn je. Alex Baker und Natalie begrüßten die beiden Patienten sowie Josh und Semir auch, ließen dann die kleine Familie dann aber alleine, um für alle einen Kaffee zu holen. „So Mister Gerkhan, ich gratuliere ihnen zu diesem Erfolg.“, fing Alex Baker an und reichte den Kaffeebecher an Semir weiter. Der deutsche Polizist nickte freundlich. „Sie wissen aber schon, dass ihre Methoden nicht ganz legal bei uns sind.“ „Das mag schon sein, aber so haben sie doch, was sie wollen. Der Fall ist so gut wie gelöst und Ben und Emily sind gerettet. Was wollen sie mehr?“, fragte Semir unschuldig und trank den scheußlichen Kaffee. Alex zog die Mundwinkel kurz hoch und nippte an dem Becher herum. „Dennoch...für den weiteren, abschließenden Verlauf werden sie nur noch das stille Mäuschen sein, dass sie von Anfang an sein sollten. Und dafür wird diesmal nicht Inspector Etheridge sorgen.“, knurrte der Superintendent und blickte Josh mit einem scharf zurechtweisenden Blick an. „Haben wir uns verstanden?“, wandte er sich dann wieder an Semir. Wieder kam dieses undefinierbare Grinsen auf Semirs Lippen und ein verschmitztes, unsagbares „Sicherlich“ huschte aus seinem Mund.


    ...

  • Zur großen Verwunderung hielt sich Semir wirklich daran. Er stand während des Verhörs nur im Raum und stellte keinerlei Fragen. Dafür reichten seine Englischkenntnisse dann doch nicht aus. Er konnte nur beobachten, wie sich Alec Jordan gegen die Anschuldigungen wehrte, doch die Beweise, alleine die, die Kim in ihrem Verhör erreicht und danach nach England geschickt hatte, waren ausreichend. Und als auch noch die Druckmaschine und die Druckplatten in der Werkstatt gefunden wurden, mit seinen Fingerabdrücken, war klar, dass Alec Jordan da mit drin steckte. Es fehlte nur noch der Mord an Felix Zöllner. Doch dafür hatte Josh gesorgt, dass dieser nicht in Vergessenheit geriet. „Jetzt will ich nur noch eins wissen. Was hat der Journalist mit ihnen zu tun gehabt?“, fragte Josh. Alec sah auf und grinste hämisch. „Er hat sich sein eigenes Grab geschaufelt. Warum musste er auch herumschnüffeln?“, grinste Alec nur. „Sie haben einen jungen Mann von 28 Jahren auf dem Gewissen und sagen, er hat es verdient? Was für ein Mensch sind sie eigentlich?“, fauchte Josh ihn herrisch an. „Dieser Journalist ist doch selbst schuld. Er hat von einer Ladung Wind bekommen und mich gesehen. Natürlich hat er mich zu erpressen versucht. So einfach ist die Sache. Ich lasse mich nicht erpressen.“, knurrte Alec Jordan. Josh war drauf und dran, diesem Mann eine zu verpassen, doch Alex Baker ließ den Mann rausbringen, bevor es dazu kommen konnte.


    Damit war der Fall abgeschlossen und Semir und Ben machten sich auf den Heimweg. Emily wollte für einige Wochen bei ihrem Vater bleiben und Ben verstand das nur zu gut. So flogen er und Semir alleine zurück. Doch Semir musste erstmal noch ein großes Wiedergutmachungsgeschenk für seine Frau kaufen. Immerhin war er ohne Andreas Zustimmung nach London gefahren. „Ohhh...so viele Rosen. Gibt es Stress zu Hause?“, fragte Ben grinsend, als er Semir mit dem großen Strauß wiederkam. „Ich muss einiges gut machen.“, meinte er nur und stieg ein. Keine fünf Minuten später waren sie bei Semir vor der Tür. Andrea stand mit einem giftigen Blick in der Tür und sah funkelnd auf ihren Mann, als er aus dem Wagen stieg. „So, du traust dich also wieder her? Hat es dir gefallen in der großen, weiten Welt?“, zischte sie zwischen den Zähnen hervor. Mit geknickten Ohren ging Semir vor Ben her, der ein allzu breites Grinsen auf den Lippen zeigte. „Andrea, ich...ich weiß, dass du sauer bist. Dazu hast du auch Grund, aber bitte...ich...ich will mich entschuldigen. Versteh aber, es war eine reine Dienstreise. Hier, die sind für dich...“, meinte er und reichte ihr den Strauß Rosen. Mit hochgezogener Augenbraue nahm sie den Strauß an sich, roch an ihnen und sah dann das kleine Päckchen, was sich in den Rosen befand. „Was ist das denn?“, fragte sie nur und klappte es auf. „Oh Semir...das...das ist wunderbar...“, kam es freudig von ihr, als sie das kleine Armband aus der Schatulle zog. „Aber das alleine entschuldigt dein Verhalten nicht.“, fügte sie an und gab den Weg ins Haus frei. „Semir, Semir...du Spitzbube.“, lachte Ben nur und ging mit Semir ins Haus.


    Semir, Ben und Andrea saßen beim Essen, als Ben plötzlich was einfiel. „Sag mal Semir, Josh hat mir erzählt, du musstest einen Trick anwenden, um in mein Zimmer zu kommen.“, grinste der junge Hauptkommissar. Semir schluckte sein Brot runter und verschluckte sich fast. Andrea klopfte ihm fürsorglich auf den Rücken, sah Ben aber fragend an. „Ben, was meinst du?“, wollte sie wissen. „Nun, dein Mann hat das Ufer gewechselt.“, grinste er. „Was?“, kam es von Andrea. „Hey, das war nur ne Notlüge, um in dein Zimmer zu kommen.“, keuchte Semir und trank einen großen Schluck Wasser. Andrea blickte ihren Mann an und ließ dann die Augen wieder zu Ben wandern. „Also Semir, ich wusste ja nicht, dass du solche Gefühle für mich hast.“ „Was? Nein, das...das war doch nur für die Schwester. Also, ich meine...du...du bist mein Freund...also, mein Partner und nicht mein Liebhaber.“, verstrickte sich Semir immer weiter. „Verdammt, ich bin glücklich mit Andrea und außerdem habe ich zwei Kinder.“, erklärte er dann letztendlich. „Schon klar...ich bin dir nicht mehr gut genug. Du magst mich nicht mehr...“, weinte Ben gespielt.


    Andrea verstand, was ihr Mann gemacht hatte und musste laut loslachen. „Also Semir...das...das hätte ich von dir nie gedacht. Dass du so was machst, mein türkischer Hengst.“, lachte sie und Ben konnte nicht mehr, vor Lachen. „Ja, macht mich nur fertig. Dieses Gorillaweibchen von Krankenschwester hätte selbst ihren eigenen Vater nicht durchgelassen.“, knurrte der Deutschtürke. „Aber wenigstens weiß ich jetzt, wie weit du für mich gehen würdest. Sogar zu neuen Ufern.“, grinste Ben und wehrte die Hände ab, die nach ihm schnappen wollten. Innerlich jedoch war Semir froh, dass für Ben alles so gut ausgegangen war. Und schließlich, dass ihm Andrea verziehen hatte. Nur musste er bald das Versprechen wahr machen und mit ihr weiter verreisen, als zu dem klaren Badesee in der Eifel.



    Ende.





    Aber Semir und Ben ermitteln weiter ... „Deal um ein Leben“
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    So liebe Leser,


    das war es jetzt erstmal von mir. Meine nächste Story geht pünktlich mit dem Glockenschlag 17.15 am 15. September on. Bis dahin gönne ich mir eine kreative Pause, werde meine Storys weiter schreiben, damit ihr dann in der kommenden Saison zwischen den Cobra-Folgen genug zu lesen habt. ;) Also, lasst euch die Zeit nicht allzu schwer werden. Die Storys mit Elli werden auf jeden Fall von mir weiterhin mit on gestellt. So gehe ich euch nicht ganz verloren :D Ganz herzlich möchte ich mich bei den fleißigen Feedern bedanken...über 100 Feeds das ist schon was. Freut mich, dass euch die erste Englandstory von mir so gefallen hat. Das heißt, ich kann die nächste in Angriff nehmen ;) Seid aber erstmal auf die oben angekündigte gespannt.


    Bis dann und lasst euch die Zeit nicht schwer werden,


    euer Chris ;)

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