Taub (Teil 2)

  • Und weiter gehts! Ich freue mich wie immer über viele Feeds!
    Lg und viel Spaß mit dem zweiten Teil meiner Geschichte!


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    Ben ging die lange Halle entlang, geradewegs auf die automatische Schiebetür zur. Seinen Rollkoffer zog er hinter sich her, den Rucksack hatte er über der linken Schulter. Gemeinsam mit all den anderen Menschen, die in der gleichen Maschine saßen wie er, ging er den Weg in Richtung Ausgang. Dann öffnete sich die Tür. Ben ging weiter. Er hielt Ausschau nach seinem alten Freund Jannis, bei dem er für die nächste Zeit wohnen würde. Er hatte vor 48 Stunden mit ihm telefoniert, ihm nicht viel erzählt. Er fragte lediglich, ob er für eine Zeit lang bei ihm wohnen könnte. Immerhin hatte Jannis dies damals angeboten, als er vor 5 Jahren nach Grönland ausgewandert war. „Komm mich mal besuche, alter Junge!“ hatte er zum Abschied zu Ben gesagt. Dies sollte heute wahr werden.
    Beiden Männer kannten sich schon lange. Auf dem Internat kennengelernt, verbrachten sie viel Zeit miteinander. Ben ging danach zur Polizei, Jannis studierte dies und jenes… irgendwie fand er nicht das Richtige für sich. Bis er schließlich auswanderte und sich hier eine neue Zukunft aufbaute.
    Ben ging weiter und hielt nach seinem alten Schulfreund Ausschau. Durch seine Verletzung war er nicht gerade der schnellste und wurde von den anderen Mitreisenden überholt. Ben kümmerte es nicht. Was er nach dem langen Flug brauchte war eine Dusche und ein Bett. Immer wieder glitt sein Blick über die Menschen, die am Ende des Gates auf die Ankömmlinge warteten. In einer hinteren Ecke erkannte er schließlich seinen Gastgeber. Jannis war ein blonder, großgewachsener Mann. Er stand Ben von der Körpergröße in nichts nach. Seine Haare waren wenige cm kurz und nach oben gegelt. Er stand an einen der tragenden Säulen der Empfangshalle. Locker lehnte er sich, mit den Händen in der Tasche, an dem Feiler und wartete auf Ben. Als er ihn sah, ging er ihm ein paar Schritte entgegen. Er sah sofort, dass mit Bens Gang Bild etwas nicht stimmte aber er ließ es sich nicht anmerken und begrüßte mit einem Lächeln seinen Gast. „Hättest du nicht etwas Sonne aus Deutschland mitbringen können?“ fragte er mit einem Zwinkern, als er die letzten Meter zu Ben zurücklegte. „Ich hab getan was ich konnte.“ Antwortete dieser und ließ seinen Rucksack auf den Boden plumpsen. Beide Männer umarmten sich herzlich. „Schön, dass du gekommen bist!“ Sprach Jannis. „Danke für die Spontane zusage“ entgegnete Ben.
    Ihm war der Blick seines alten Schulkollegen nicht entgangen, natürlich sah man es ihm an. Er hatte Jannis nichts erzählt. Dafür würde irgendwann Zeit sein… irgendwann… er hatte nicht vor, so schnell wieder abzureisen. „Komm, ich nehm den Koffer.“ Schlug der Blonde vor. Ben nahm das Angebot danken an und schulterte wieder seinen Rucksack. Beide gingen zu dem Parkhaus. „Und? Steht das Internat noch? Was macht dein Vater?“ fragte Jannis. Ben erzählte das Neuste aus Köln und Umgebung. Er wurde nicht auf seine Gesundheit angesprochen. Das tat ihm gut. So kannte er Jannis. Er war schon immer ein ruhiger Mensch, der nie mit der Tür in das Haus viel. Er wartete geduldig, bis man ihm von sich aus die Probleme erzählte. Das gefiel Ben. Genau das brauchte er im Moment. Nur über das eine Thema sprechen wenn er dazu bereit war.
    „Jetzt bin ich aber mal gespannt, was du dir hier aufgebaut hast.“ Sprach Ben, als er in das Auto einstieg. „Ja aber du musst dich noch etwas gedulden, wir haben noch eine gute Stunde Fahrt mit dem Auto.“ Entgegnete Jannis. Der Motor wurde gestartet und die Fahrt ging los.

  • Kim Krüger verschränkte ihre Finger ineinander, als sie sich auf ihrem Schreibtisch abstützte. Sie saß gemeinsam mit Semir an ihrem Schreibtisch. „Herr Wandler hat heute Morgen gekündigt.“ Kam es von ihr. Semir grinste leicht. „oh… ehrlich? Das ging aber schnell.“ Gab er als Antwort. „Die gestrige Verfolgungsjagt mit anschließendem überschlag mit dem Dienstwagen, der, mal ganz nebenbei erwähnt, mal wieder ein Totalschaden ist, hat seinem Magen etwas zugesetzt…“ Endete Kim. „Naja Chefin… immerhin haben wir den Typ geschnappt und Herr Wandler war mir keine große Hilfe um ehrlich zu sein… er war mit… Magenentleerung beschäftigt, als ich den Bösewicht geschnappt hab.“ Kam es von Semir. „Da geh ich lieber alleine auf Streife.“ Schlug Semir vor. „Erst mal schreiben Sie bitte ihren Bericht.“ Antwortete die Dienststellenleiterin. Der Deutschtürke nickte, stand auf und ging in sein Büro zurück. Dort schloss er die Glastür hinter sich und nahm auf seinem Stuhl Platz. Er sah auf den leeren Schreibtisch gegenüber. Der ehemalige Schreibtisch seines Partners und Freundes Ben. Was dort als für ein Caos herrschte… jetzt war alles leer. Semir sah in die Ecke, wo Ben immer seine Gitarre hatte. In einer ruhigen Minute wurde diese dann gezückt und Ben trällerte eins seiner Lieder. Semir liebte es. Jetzt war die Ecke leer… alles war leer. Das Arbeiten war lang nicht mehr das, was es mal war. Aber es musste weitergehen. Das sagte sich Semir jeden Tag, wenn er sich auf den Weg zur PAST machte.

    Das Gespräch mit Ben am Rhein war erst vor 48 Stunden passiert. Seither hatte er nichts mehr von Ben gehört. Ob es die richtige Entscheidung war? Ob es ihm jetzt den Umständen entsprechend gut ging? Semir hätte ihn gerne angerufen um auf Nummer sicher zu gehen. Doch er hatte gemerkt, dass Ben jetzt seine Ruhe brauchte. Er wollte den Abstand. Semir musste das akzeptieren. Also fing er an den Bericht zu schreiben.

  • „Schön hast du es hier.“ Gestand Ben, als er den Wagen verließ und die Autotür zuschlug. Das Anwesen von Jannis war riesig. Weit und breit herum sah man nur Wald und Schneebedeckte Felder. Generell war es hier sehr kalt. Minus 16 Grad hatte das Thermometer im Auto angezeigt. Aber Ben wusste ja, worauf er sich eingelassen hatte. In Grönland war es eben immer kalt. Der Autobahnpolizist drehte sich langsam einmal um die eigene Achse um die Landschaft weiterhin zu bewundern. Jannis kam um das Auto herum und ließ Ben erst mal ankommen. Das Auto stand direkt neben einem kleinen Holzhaus. Dahinter gingen einige große eingezäunte Felder ab. Aufregendes Hundegebell war zu hören. Jannis stellte sich neben Ben. „Ja, sie erkennen immer mein Auto.“ Gab er als Antwort auf das Gebell der vielen Hunde. Ben nickte nur.
    Jannis hatte sich hier niedergelassen um sich einen Kindheitstraum zu erfüllen. Er liebte Hunde, vor allem Huskys, schon seit er denken konnte. Als er vor 5 Jahren ausgewandert war hatte er sich vorgenommen, eine Husky – Zuchtstation aufzubauen. Mittlerweile konnte er viele Prachttiere zu seinem Rudel zählen. Er war auch bekannt in der Zuchtbranche. Menschen aus der ganzen Welt wollten seine Hunde haben. Kaum war ein neuer Wurf da, war er auch schon wieder so gut wie verkauft. Vor allem für die Schlittenfahrt konnte man diese Tiere sehr gut nutzen. Sie hatten Spaß an Bewegung und Jannis brachte ihnen das Schlittenziehen bei bevor er sie verkaufte.


    „Komm lass uns rein gehen, nachher oder morgen zeig ich dir alles. Je nachdem wie fit du bist.“ Schlug der Blonde vor. Ben stimmte zu und gemeinsam wurde das Holzhaus betreten.

  • Das klopfen gegen die Glastür nahm der Deutschtürke gar nicht wahr. Mal wieder war er mit seinen Gedanken in der Vergangenheit. Traurig blickte er auf Bens ehemaligen Platz. Susanne betrat den Raum, nachdem sie nichts hörte. Sie sah Semir und wusste sofort, wo er mal wieder mit den Gedanken war. Mitfühlend legte sie eine Hand auf seine linke Schulter. Als er die Berührung spürte, sah Semir hoch zu der hübschen Sekretärin. „Hat er sich noch nicht gemeldet?“ fragte sie mit gedrückter Stimme. Als Antwort erhielt sie nur ein Kopfschütteln. Susanne atmete schwer aus. Sie lehnte sich an den Schreibtisch von dem Deutschtürken, sodass sie sich ansehen können. „Das wird er schon, wenn er es für nötig hält.“ Kam der Versuch der Aufmunterung von ihr. Semir nickte wieder nur stumm. Seitdem er auf der PAST von Bens vorhaben erzählt hatte, waren alle schwer erschüttert über das Vorhaben des jungen Mannes. Aber irgendwie konnte man es verstehen. Für Ben war ein neues Leben angebrochen. Ein schweres und sehr trauriges Leben für den jungen Hauptkommissar, der seinen Job über alles liebte aber jetzt nicht mehr ausführen konnte.
    Das Schweigen wurde von Susanne unterbrochen. Mit einem frechen Grinsen auf dem Gesicht versuchte sie, Semir etwas aufzulockern. „Herr Wandler hat es aber nicht lange an deiner Seite ausgehalten.“ Sprach sie keck. Semir grinste bei den Worten wirklich. „Naja… wenn man für Verfolgungsjagten nicht gemacht ist, dann hält man es eben nicht lange bei mir aus…“ sprach er frech zurück. Beide mussten daraufhin lachen.
    Nachdem der Deutschtürke seinen Bricht fertig getippt hatte, brachte er ihn zur Chefin und ging anschließend auf Streife. Der Tag brachte nichts mehr Spannendes für Semir.

  • Ben betrat hinter Jannis das Haus. Ein kleiner Gang führte direkt in das große Wohn/ Esszimmer. Ein Kamin flackerte an der linken Seitenwand, davor waren zwei Sessel sowie ein kleiner Tisch. Rechts vom Raum war ein Esstisch mit vier Stühlen zu finden. Zwei Türen führten in die anschließenden Räume. Einer davon war die Küche, welche spartanisch aber mit dem Nötigsten ausgestattet war. Die andere Tür führte wiederrum in einen kleinen Gang, wo WC sowie zwei Schlafräume zu finden war. Jannis führte Ben zu dem hinteren Schlafraum. „Richte dich erst mal ein, ich mach uns derweilen etwas zu Essen.“ Schlug der Gastgeber vor. Er verließ das Zimmer und Ben sah sich um. Das Zimmer, seine Bleibe für die nächste Zeit, war zwar klein aber gemütlich eingerichtet. Ein Bett an der linken Seite des Raumes war zu finden, dahinter stand ein kleiner Kleiderschrank. Auf der rechten Seite des Raumes waren ein Sessel und ein Beistelltisch. Ben legte seinen Rucksack auf dem Sessel ab und begann, seinen Koffer auszupacken. Dabei blickte er aus dem Fenster. Er konnte direkt auf den Freilauf der Hunde blicken. Spielend liefen sie umher. Fünf von ihnen sah Ben. Ihm gefielen die Tiere von Anfang an. Ben freute sich darauf, Jannis bei der Arbeit mit den Hunden unter die Arme zu greifen. Nach einer viertel Stunde war der Kleiderschrank bestückt und Ben nahm sich ein Handtuch und eine Jogginhose um unter die Dusche zu gehen.
    Danach ging er zu seinem Freund in die Küche. Dieser war gerade dabei Rühreier auf zwei Teller zu verteilen. Dazu gab es Butterbrot. Gemeinsam wurde an dem Tisch Platz genommen. Ben stellte einige Fragen über die Aufzucht, Jannis erklärte ihm alles, was er hören wollte. Man merkte ihm richtig an, dass er sein neues Leben liebte. Wie ich mein Leben bei der Polizei, dachte sich Ben.
    Die beiden Männer machten es sich mit jeweils einer Flasche Bier vor dem Kamin gemütlich und sprachen über alte Zeiten. So ging die Zeit ins Land.

  • Als Ben am nächsten Morgen erwachte war es bereits Hell draußen. Die Sonne fiel in sein Zimmer. Ben setzte sich an die Bettkante und rieb sich die Augen. Nachdem er sich ausgiebig gestreckt hatte stand er und sah auf seine Armbanduhr, die er auf dem Tisch abgelegt hatte. „Schon 11 Uhr!“ sprach er zu sich. So lange und vor allem ohne Aufwachen hatte er seit seinem Unfall nicht mehr geschlafen. Das bestärkte ihn, die richtige Endscheidung getroffen zu haben. Er ging in das Bad und nachdem er sich frisch gemacht hatte machte er sich auf die Suche nach Jannis. Auf dem Küchentisch fand er einen Zettel:
    Guten Morgen du Schlafmütze! Ich bin beim Metzger um Futter für die Tiere zu holen. Frühstück erst mal, bin um 12.00 zurück –Jannis-
    Ben legte den Zettel mit einem Grinsen beiseite. Es hatte sich seit der Schulzeit nichts geändert. Jannis der Frühaufsteher und Ben die Penn Mütze. So war es schon, als sie sich ein Zimmer auf dem Internat geteilt haben. Wenn sie am Wochenende nicht nach Hause gefahren sind, schlich sich Jannis auf Zehenspitzen Frühs aus dem Zimmer damit Ben noch schlafen konnte.
    Also setzte er sich und bediente sich aus dem Brotkorb, der auf dem Tisch stand. Jannis hatte bereits alles hingestellt, sodass Ben gleich mit Essen loslegen konnte. Gerade als er sich den letzten Bissen in den Mund steckte, hörte er das Schloss am Eingang klacken. Jannis war wieder da. Er betrat die Küche und grinste Ben an. „Na, es gibt wohl Sachen, die Ändern sie nie im Leben oder?“ Fragte Ben. „Du meinst mein Frühaufsteher – Gen und du als Langschläfer? Ne… das ändert sich wohl nicht mehr in diesem Leben.“ Beide lachten. Der Blonde klopfte Ben auf die Schulter. „Komm, ich zeig dir das Gelände.“ Schlug er vor. Beide zogen sich dicke Jacken und Mützen an. Zwar schien die Sonne, aber trotzdem hatte es Minusgrade.

  • Ben folgte Jannis in die Kälte hinaus. Sie gingen links um das Haus herum, wo sie bald ein Nebenbau zeigte. Der Blonde zückte den Schlüssel und entriegelte die Tür. Ein Flur aus Stein zeigte sich und daneben ein von Eisengitter eingezäunter Raum. Zwei Huskys waren dort zu sehen. Sie lagen auf der Seite und schliefen. Kaum ging dir Tür auf schauten sie interessiert zu den Besuchern. Als sie ihr Herrchen erkannten sprangen die Tieren auf, gingen zu dem Zaun hin und sprangen wie wild dahinter umher, um Jannis zu begrüßen. Dieser sprach lachend mit seinen Tieren. „Hey Jim, Rio, nicht so stürmisch. Ich komm ja schon.“ Er öffnete die Gittertür und betrat den Zwinger. „Komm Ben, alle 10 machen dir nichts.“ Richtete er das Wort an Ben. Dieser folgte seinen Freund. Neugierig wurde er von den Hunden beschnuppert. Ben streichelte die Köpfe der Tiere. Ihr Fell war nicht nur glänzend, sondern auch weich und doch kraftvoll. „Komm, wir schauen mal, wo der Rest der Bande ist.“ Sprach der Blonde und öffnete wiederum eine Tür, wo eine Hundeklappe eingebaut war. Jetzt hatte er Zugang zu dem Auslauf der Hunde. Mit einem speziellen Pfiff durch die Finger, rief er die anderen Hunde zu sich, die ihm sofort gehorchten. Ben sah alle auf einmal auf sie zu rennen. Schwanzwedelnd freuten sie sich, dass Jannis sie besuchte. Den Tieren ging es hier gut, das merkte man an ihrer Reaktion, wenn sein Schulkollege in der Nähe war. Vor lauter Hunden sah er kaum noch seine eigenen Füße. Aber es war super, so mitten in der großen Herde zu stehen. Wieder lachte der Blonde und begrüßte jeden Hund durch Streicheln und das Klopfen auf den Rücken. Bei einem ausgesprochenen muskulösen Tier ließ er sich besonders viel Zeit damit. „Das ist Abaco.“ Sprach Jannis. „Er ist der Chef der Truppe.“ Erklärte er. Ben nickte. Und dann haben wir hier noch Risha, Ike, Bella Jessy, Cally Marin und Phoebe.“ Abwechselnd deutete er auf die Tiere. „Du bist mir nicht böse, wenn ich mir die Namen nicht gleich am ersten Tag merken kann?“ kam es zweifelnd von Ben. Jannis lachte wieder. „Nein keine Panik, das kommt mit der Zeit. Aber wenn du mit ihnen fahren willst, musst du die Namen schon wissen. Immerhin hören alle auf ihre Namen und das ist auch richtig so.“ sprach der Hundezüchter. „Ich geb mir Mühe.“ War Bens lachende Antwort. Nachdem alle Tiere ausgiebig Begrüßt wurden und Ben lange genug beschnuppert hatte schickte Jannis 4 der Hunde hinaus, der Rest wurde angeleint. Freudig sprangen die 6 Huskys umher, denn sie wussten, was gleich kommen würde. Nach und nach bekamen sie von dem Blonden das Geschirr angezogen, Ben beobachtete alles genau. „So, dann mal raus mit euch.“ Sprach der Züchter weiter und öffnete die Tür. Die Hunde rannten freudig auf den Hof hinaus.
    Nachdem der Schlitten geholt wurde und alle Tiere daran befestigt waren ging es auch schon bald los. „Und die können uns wirklich ziehen?“ zweifelte Ben. Immerhin bestand das Gepäck der Tiere aus zwei Männern. „ Keine Panik.“ Sprach Jannis. „immerhin hab ich sie zu sechst angespannt. Normalerweise reicht es vollkommen, wenn du vier vor dich spannst. Die Jungs und Mädels sich kräftig. Außerdem macht es ihnen Span und das ist ebenso wichtig.“ Erklärte der Blonde weiter. Ben nickte und stieg zu Jannis auf den Wagen auf. Es erklang sein Startbefehlt und schon setzte sich der Schlitten durch die Hunde in Bewegung.

  • Das letzte Mal führte Andrea das Leib Brot durch die Brotschneidemaschine. Auf der anderen Seite nahm sie die entstandene Scheibe und legte sie in den Brotkorb zu den restlichen Brotscheibe dazu. Sie schaltete die Maschine ab und das leise Brummen erlosch. Andere blickte durch den Türspalt in das Wohnzimmer. Dort sah sie ihren Ehemann am Tisch sitzen. Er wartete auf seine Frau, damit sie zusammen Abendbrot essen konnten. Semir war es oft nicht möglich, rechtzeitig zu Hause zu sein. Von daher freuten sich die Eheleute normalerweise, wenn es mal zu Stande kam.
    Doch im Moment war es mit der Freude im Hause Gerkan nicht weit her. Seitdem Semir seinen Partner und Freund nicht mehr hatte, war er wie ausgewechselt.
    Andrea sah durch den Türschlitz und beobachtete ihren Mann. Traurig saß er am Tisch und starrte auf die Butter vor ihm. Er schien mal wieder mit den Gedanken ganz weit weg zu sein… Andrea schnaufte tief durch, nahm den Brotkorb und ging zu ihren Ehemann an den Tisch. Beim vorbei gehen strich sie ihm über die Schulter. „Nichts neues von Ben?“ fragte sie. Die Frage worüber er nachgrübelte konnte sich Andere im Moment wirklich sparen. Semir schüttelte nur stumm den Kopf. Andrea nahm gegenüber von dem Deutschtürken Platz und stellte den Brotkorb in die Mitte des Tisches. Sie sah ihren Ehemann an, der aus traurigen Augen zurückblickte. „Er wird sich schon melden, wenn er es für richtig hält. Gib ihm die Zeit. Ich glaub außer Kai weiß von uns keiner was im Moment in ihm vorgeht…“ versuchte sie ihren Mann zu trösten. „Ja ich weiß, Andrea…. Aber wenigstens eine Sms für die Ankunft hätte drin sein können.“ Sprach er tonlos. Die Hübsche Frau nickte. Im Moment wusste sie nicht, was sie für ihren Mann tun konnte. Es war eine harte Zeit für Semir, der restlichen Besatzung der PAST und natürlich auch für die Familie von Ben. Schweigend wurde zu Abend gegessen.

  • Es war der absolute Wahnsinn. Noch nie in seinem Leben, hatte Ben sich so frei gefühlt. Er hörte die Tatzen der Hunde im Schnee, sah Felder und Wälder, alles Schneebedeck. Er hätte nie gedacht, dass man sich mit einem Hundeschlitten so schnell fortbewegen kann. Man sah den Tieren den Spaß an, den sie beim Ziehen des Schlittens hatten. Und dann noch diese atemberaubende Landschaft dazu. Die Sonne brachte den Schnee zum Glitzern, Ben hatte das Gefühlt, das hier noch keine Menschenseele zuvor entlanggereist war. Wie lange sie schon unterwegs waren konnte es nicht sagen. Für Ben hätte es ewig so weitergehen können.
    Selbst das Motorradfahren ließ ihn nicht so frei fühlen und so im Einklang mit der Natur erscheinen wie das Hundeschlittenfahren. Er war von den unterschiedlichen Eindrücken einfach überwältigt. Jannis bekam die Emotionen von Ben mit. Man konnte es ja kaum übersehen. Er ließ in einfach die Gefühle durchleben und sagte nichts dazu. Immerhin kannte er das Gefühl, welches Ben gerade erlebte, nur zu gut. Ihm ging es bei seiner ersten Fahrt nicht anders. Wie Ben liebte der Blonde das fahren mit dem Motorrad. Doch das hier… das war nochmal was ganz anderes. Schweigend ging die Fahrt weiter.
    Irgendwann befahl Jannis seinem Führ-Hund stehen zu bleiben. Mit einem Grinsen sah er Ben an. „Na? Gut?“ schmunzelte er, da er genau wusste, was er für eine Antwort erhielt. „Genial.“ Kam es aus Ben raus. „Komm mit, ich möchte dir was zeigen.“ Sprach der Blonde und stieg vom Schlitten. Ben folgte ihm langsam. Zwar war hier alles voller Schnee und Ben sah beim umherblicken der Gegend keine Eisflächen, aber auch das Laufen auf dem Schnee machte ihm zu schaffen. Immerhin konnte er auch hier jeden Moment ausrutschen. Aber er konzentrierte sich und folgte seinem ehemaligen Schulkollegen.
    Der Schlitten wurde an einer Erhöhung geparkt. Jannis ging auf den „Abgrund“ der Erhöhung zu. Ben folgte ihm langsam. Als Ben übe die Klippe sah, wusste er, was Jannis ihm zeigen wollte. „Der Wahnsinn!“ sprach er aus und seine Augen weiteten sich. Ben konnte nicht glauben, was er dort sah.


    Hinter dem Abgrund ging es gut 10 Meter steil bergab. Danach war ein Schneefeld zu sehen von etwa einer Länge von 100 Meter. Danach sah man das Meer. Allein dieser Anblick war schon wunderschön, aber die Krönung waren die Tiere. Eisbären liefen am Wasser entlang oder lagen faul auf dem Schneefeld. Sie spielten miteinander oder schwammen im Wasser umher. Es waren an die 6 Bären, die sich dort unten tummelten. Ben traute seinen Augen kaum. Jannis beobachtete das Schauspiel. „Ich hab sie diese Saison schon oft besucht, denn schon lange hab ich nicht mehr so viele Bären auf einem Fleck gesehen wie jetzt.“ Erklärte der Blonde das Besondere des Naturschauspiels. „Ja das ist wirklich der Wahnsinn!“ kam es von Ben. Zu überwältigt war er von dem Bild, welches sich vor seinen Füßen bot. Noch lange standen die Freunde da und beobachteten die Natur. Irgendwann stiegen sie wieder auf ihren Schlitten und fuhren nach Hause zurück.

  • Die Tour war der Hammer für Ben, aber er war jetzt trotz allem sehr durchgefroren. „Ich geh dann mal unter die Dusche.“ Sprach Ben, nachdem er Jannis dabei half, die Hunde abzuhängen. Er ging in das Haus und nachdem er sich frische Klamotten zurechtgelegt hatte, machte er sich auf dem Weg in das Bad. Nachdem er sich ausgiebig dem warmen Nass hingegeben hatte zog er sich seine Jeans im Bad an und ging Oberkörperfrei in sein Zimmer zurück. Auf dem Weg dorthin traf er Jannis. „Ah Ben, ich hab mir überlegt, wir könnten…“ Er stockte mitten im Satz als er Ben sah. Der blonde betrachtete Bens Körper. Über der linken Seite erzog sich bei den Rippen ein riesiger Bluterguss. Es war die Stelle, wo Ben die Rippen gebrochen hatte. Der Blauton zog sich bis auf die Hälfte des Rückens durch. Als Jannis die Verletzung sah, schluckte er hart. Was war nur passiert? Hatte es etwas mit den plötzlichen Besuch von Ben zu tun? Was war seinem alten Freund nur wiederfahren? Nach einiger Zeit räusperte sich Ben. „Ich… ich geh mir dann mal was anziehen.“ Schlug er vor und ging in sein Zimmer. „Ja… ist gut.“ Sprach Jannis mehr zu sich als zu Ben. Er blieb noch eine Zeit lang regungslos im Flur stehen und ging dann in das Wohnzimmer. Er setzte sich auf einen der Sessel vor den Kamin und sah in das flackernde Licht des Feuers. Was um alles in der Welt war mit seinem Freund passiert?

  • Ben schloss die Tür hinter sich und setzte sich mit einem Seufzer auf das Bett. Er fuhr sich mit den Händen durchs Haar. „Scheiße.“ Sprach er zu sich selbst. Was sollte er jetzt tun? Klar, er musste mit Jannis reden. Aber wie sollte er das anstellen? Also, ich bin bei einem Einsatz fast hops gegangen und weil ich mein Umfeld nicht mehr ertragen konnte, bin ich mal zu dir gekommen…? Klar nicht sehr toll… aber es war die Wahrheit. Ben stand auf und sah aus dem Fenster. Zwei Hunde von dem Rudel spielten gerade mit einem Stück Holz. Er beobachtete die Tiere dabei. Die können wenigstens noch anständig Laufen. Dachte sich Ben.
    Gut… es half alles nichts. Er konnte sich nicht ewig in seine Zimmer verkriechen. Irgendwann hätte er mit seinem alten Freund mal über seine jüngste Vergangenheit gesprochen… Aber jetzt wollte er eigentlich noch nicht. Aber es war gekommen wie es sein sollte und so zog er sich ein Shirt über, welches auf dem Stuhl lag und verließ sein Zimmer.
    Seinen Freund fand er vor dem Kamin vor. Er starrte in das Feuer. Als er Ben kommen hörte sah er auf zu ihm. Ben weichte seinem Blick aus. Jannis entging dies nicht. Der ehemalige Autobahnpolizist räusperte sich, als er auf dem Sessel gegenüber Platz nahm. „Ok… also ich…muss da wohl was klarstellen wegen dem…“ er deutete auf seine linke Flanke, wo jetzt ein T-Shirt den Bluterguss verdeckte. „Eigentlich musst du vor mir gar nichts klarstellen, Ben. Nur ich… bin eben etwas erschrocken.“ Sprach der Blonde. Ben nickte. „Weißt du… ich hatte die letzten Tage nicht gerade eine schöne Zeit in Deutschland…“ begann Ben zu berichten.

  • „Nein! Nicht links vorbei, Haktan!!!!!!“ brüllte Semir, als er sich mit seinen Händen am Armaturenbrett des Mercedes festhielt. „Haktaaaan“ brüllte er wieder. Es war ein zerreißendes Geräusch von Blech und Plastik zu hören. „AHHHH“ kam jetzt ein Schrei von beiden Männern, als ihr fahrender Wagen von einem fliehenden Jeep gegen die Leitplanke gedrückt wurde. „Brems! Jetzt brems doch endlich!!!“ brüllte Semir den Fahrer des Wagens an. Dieser hatte vor Panik die Finger in das Lenkrad gebohrt und starrte entsetzt auf die Leitplanke und die Funken, die davon sprühten. „scheiße, Alter!“ rief er und trat endlich auf die Bremse. Der Mercedes kam kurz darauf zum stehen und der Jeep brauste davon. Ein Seufzer der Erleichterung war von Semir zu hören.
    Kaum hatte sich Semir von dem Schock erholt, legte er auch schon los: „Sag mal... bist du von allen guten Geistern verlassen?!!! Du kannst doch nicht versuchen einen Jeep, der das Dreifache von unserem Auto wiegt, von der Straße zu drängen! Wie blöd kann man eigentlich sein??!! Wo hast du deinen Führerschein gemacht??! Beim Dönderladen in Antalya? Ich kann es echt nicht fassen! Das darf doch nicht wahr sein! Und jetzt ist er weg! Das hast du ganz toll gemacht Haktan! Ein verschrottetes Auto und einen geflohenen Drogenbesitzer! Wenn die Chefin das hört, hast du gleich ein Stein bei ihr im Brett…“ Semir schrie Haktan an und ließ seinen Dampf ab. Sein neuer Partner saß nur auf seinem Fahrersitz und realisierte so langsam die Situation. „Hey… Alter, komm Keep Smiling! Ist doch alles gut gelaufen. Total Easy!“ sprach er kurz darauf. „Keep Smiling? Total Easy? Ich flip hier noch aus!
    Irgendwann kamen die Kollegen und Semir sowie sein neuer Partner wurden abgeholt. Der Mercedes war ein Fall für die Schrottpresse. Als die Polizisten an der PAST ankamen, zögerte Haktan. „Hey und das Krüger-Babe ist echt so verklemmt?“ fragte er Semir. Dieser rollte nur mit den Augen. Er konnte Haktan nicht ausstehen. Er ein war ein typische Türken – Prolet, der die Frauen nur als Objekt für sexuelle Gelüste sah. Gut, er war Jung. Mit Mitte 20 dachte man vielleicht nur an Sex. Aber Haktan war echt zu viel des Guten .Außerdem ließ Semir diese neu - jugendliche Sprache schier verzweifeln. Bald würde die Deutsche Sprache aussterben, dachte er sich.
    Er drehte sich zu seinem Kollegen um. „ Ja, ich glaub Krüger – Babe wird dir deinen Womanizer Arsch aufreißen.“ Grinste Semir breit, drehte sich wieder um und ging in die PAST.
    Die Chefin wartete bereits in ihrer Büroschwelle auf den neuen Partner von Semir. „Sofort in mein Büro!“ sprach die barsch und machte auf dem Absatz kehrt. Mit hängenden Schultern folgte ihr Haktan. Susanne und Semir beobachteten die Situation. Kaum war die Glastür vom Büro der Chefin geschlossen, mussten beiden etwas Lachen. „Na unser Womanizer scheint ganz schön Ärger zu bekommen.“ Sprach die blonde Sekretärin, die auch schon mehrere Angrabversuche von Haktan hinter sich bringen musste. Semir schüttelte nur den Kopf.. Oh man… die Jugend von heute… nicht zum Aushalten! Hast du was für mich?“ wand er das Thema auf das geflohene Fahrzeug hin. „Ne leider nicht, Nummernschild geklaut, kein Jeep im Umkreis vermisst.“ Schloss Susanne schnell ihren Bericht. Semir stöhnte genervt darauf. „Das wär ja auch zu schön gewesen.“ War sein Kommentar dazu. „Ok, ich bin hinten, wenn unser Checker kommt, sei doch so nett und schick ihn mir.“ Sprach Semir und wand sich schon halber von Susanne ab. „Semir.“ Rief die Blonde ihm noch nach. Der Angesprochene drehte sich auf dem Absatz um und kam zurück. „Gibt es was Neues von Ben?“ fragte sich kleinlaut. Sie vermisste ihn auch. Nicht nur, weil die neuen Partner von Semir wirklich nichts waren…. Erst der Spießer, jetzt der Prolet…. Susanne vermisste Ben. Er war erfrischend, lustig, intelligent… sie neckten sich oft, und manchmal flirteten sich auch spaßig. Da war nie etwas Ernsthaftes dran, aber Susanne mochte es. Seitdem Ben nicht mehr hier war, war alles irgendwie… kühl. Durch die Worte von Semir wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. „Nein… leider nicht.“ Sprach dieser traurig. Susanne nickte nur und Semir ging endgültig in sein Büro.

  • Das Flackern und Knistern des Feuers war deutlich zu hören. Immerhin war es das Einzige, was man im Moment hören konnte. Es war ein Schweigen zwischen den Männern entstanden. Ben fuhr sich mit der Hand nervös über den Mund. Dann setzte er sich in seinem Sessel auf und stützte beide Unterarme auf den Knien ab. „Also…Ich… ich hatte einen Unfall in Deutschland. Das ist auch erst eine Woche her… Ich war Undercover und…. Naja es ist schief gelaufen. Ich wurde enttarnt. Warum musste ich mich auch mit Semir an diesem scheiß Parkplatz treffen?....“ Jannis saß nach wie vor mit dem Rücken an der Lehne des Sessels gelehnt da und beobachtete Ben. Bisher konnte er nur ein Drittel von dem verstehen, was sein Freund ihm gerade versuchte zu sagen. Es viel ihm bedeutend schwer. Semir kannte er von Erzählungen. Ben und er hatten noch häufig E-Mail Kontakt, wo er von seiner Arbeit und natürlich auch von Semir erzählte.
    Der Blonde nickte nur, damit Ben fortfuhr. „Also ich…“ Ben schnaufte tief durch und sprach dann weiter. „ Wir waren einer Gruppe von Autodieben auf der Spur. Es stellte sich heraus, dass diese Gruppe international gesucht war. So hatte ich die Idee, Undercover dort einzusteigen. Damit wir den Kopf der Gang endlich mal zu fassen kriegen... es klappte auch gut, binnen weniger Tage war ich an gute Jobs gekommen, die Gruppe vertraute mir. Natürlich musste ich meine Leute auf dem Laufenden halten. So hab ich mich eines Abends mit Semir an einem Parkplatz getroffen. Ich bin extra einen riesen Umweg gefahren, hab geschaut ob mich jemand verfolgt… Keine Ahnung wie das passieren konnte. Auf jeden Fall bin ich dann aufgeflogen.“ Ben legte wieder eine Pause ein. Er sah in das Feuer, es knisterte und hin und wieder sprühten Funken empor. Dann blickte er wieder zu Jannis. Dieser sah ihn nur Mitfühlend an. „Und was ist dann passiert?“ fragte er schüchtern. „Dann haben sie mich… Verhört… sie wollte wissen, was ich den Kollegen erzählt habe…“ Wieder stockte Ben, als er an die Zeit in seinem Verließ denken musste. Es war die Hölle für ihn. Da war der Tag im Sarg geradezu Erholung. Immerhin wurde er dort nicht immer und immer wieder verprügelt. Aber das…. Es war schrecklich für Ben. Er wusste, dass er daran noch lange zu knabbern hatte. Wie gut hatte ihm die letzte Nacht getan. Endlich mal wieder lange schlafen, ohne nachts hochzuschrecken.

  • „Ich weiß gar nicht mehr wie viel Zeit vergangen war… Aber ich hab mich bei Semir nicht gemeldet und scheinbar hat der sich dann irgendwann auf die Suche nach mir gemacht. Als ich mal wieder wach wurde nach einer Tracht Prügel… da stand Semir auf einmal neben mir. Er hat mich befreit und ich sollte zum Auto gehen, weil ich verletzt und unbewaffnet war, aber der Schusswechsel zwischen Gang und Polizei noch im vollen Gange. Also bin ich los, aber mir ist einer der Mitglieder gefolgt. Es kam zu einem Kampf und ich bin…“ wieder brach er ab. Jannis setzte sich jetzt auch aufrecht hin und legte seine Hände auf den Oberschenkeln ab. Er ließ Ben Zeit um weiter zu sprechen.
    „.. ich bin gefallen… einige Meter… und… ich war wohl…tot.“ Sprach er zu ende. Jannis Augen weiteten sich. Vor Schreck nahm er die Hand vor den Mund. Er konnte nicht glauben was er da gehört hatte. Sein Freund und Schulkollege war dem Tod nur knapp entkommen?!“ Jetzt war es raus. Also konnte Ben auch weitersprechen. „Semir hat mich gefunden… und er hat mich gerettet. Sonst würd ich heute nicht mehr hier sitzen. Ich weiß echt nicht… wie ich ihm das jemals danken kann… Ich bin dann irgendwann aufgewacht und ich… irgendwie konnte ich alles nicht begreifen. Aber eines konnte ich schnell begreifen: Ich spürte meine Bein nicht… das ist das Endresultat aus der Geschichte. Ich bin… Querschnittsgelähmt, nur dass ich noch laufen kann aber nichts mehr fühle. So wie es aussieht für den Rest meines Lebens. Ich kann bei der Polizei nur noch im Innendienst arbeiten, also habe ich gekündigt. Mein Umfeld konnte ich auch nicht mehr ertragen, ich… Ich dachte am besten täte mir jetzt eine Auszeit. Daher hab ich dich angerufen. Und hier bin ich jetzt.“ Jetzt war es Ben, der sich in seinem Sessel zurücklehnte und auf eine Reaktion wartete.
    Diese kam erst nach einiger Zeit. Jannis musste erst mal verdauen, was er da gerade alles gehört hatte. Sein Freund, der seinen Job über alles liebte war kein Polizist mehr, Er war Querschnittsgelähmt und wäre beinahe gestorben… Unfassbar!!!
    „Ben… das… das tut mir so leid!“ kam es stockend mit belegter Stimme von ihm. Das ist … unfassbar! Ich kann es nicht glauben. Ich mein… gut ich… hab schon gesehen, dass etwas nicht stimmt. Und ich habe es auch an deinem Verhalten gemerkt. Aber das da SO ETWAS dahintersteckt… nie im Leben hätte ich das gedacht! Ich bin… ich weiß gar nicht was ich sagen soll.“ Sprach der Hausherr. „Du musst auch nichts dazu sagen, ich weiß ja selbst nicht, wie ich darüber denken soll. Es ist alles irgendwie noch… so unreal. Verstehst du was ich mein? Ich mein: Vor 10 Tagen war die Welt noch in Ordnung. Wie mein Wecker morgens um 5:00Uhr geklingelt hat, dachte ich mir Gott, ich brauch mal wieder Urlaub und jetzt…? Jetzt ist alles anders. Innerhalb von ein paar Stunden hat sich mein Leben um 180° gedreht… Manchmal hoffe ich, es ist nur ein böser Traum und wenn ich gleich aufwache… dann klingelt mein Handy und Semir scheißt mich zusammen weil ich mal wieder verschlafen habe.“ Die letzten Worte sprach Ben mit einem Lächeln auf den Lippen. Wie häufig hatte Semir in angerufen, wenn er mal wieder verpennt hatte. Den ganzen Tag hatte er ihn dann damit aufgezogen. Das würde er nie mehr erleben… das und so vieles andere nicht…

  • Es war ein langes Schweigen zwischen den Freunden am Feuer entstanden. Ben hatte sein Erlebnis zu Ende erzählt und Jannis musste das gehörte erst mal verarbeiten. Irgendwann rührte sich der Hausbesitzer und begann zu sprechen: „Gott Ben…. Das ist… ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll… ich mein… das ist erst vor kurzem passiert. Wie kann ich dir helfen?“ versuchte er Worte zu fassen. „So richtig helfen kann mir keiner, Jannis. Ich… ich möchte hier nur.. eine schöne Zeit verbringen. Bis irgendwann mal… Gras über die Sache gewachsen ist… oder eben auch nicht. Ich weiß nicht, wie es bei mir weitergeht. Aber ich hab auch nicht vor, das die nächsten 3 Tage herauszufinden. Ich brauch Zeit… und die hätte ich gern. Lass uns einfach nicht mehr darüber reden. Ich möchte dir gern bei der Arbeit helfen, mich ablenken… Ist das in Ordnung für dich?“ versuchte Ben einen Lösungsvorschlag der Situation zu bringen. „Ja natürlich, wenn dir das gut tut… aber…was ist mit Therapie, Behandlung…? Ich hab einen guten Freund, der ist Arzt wenn du willst.“ „Ne lass mal Jannis, danke.“ Wurde er von Ben unterbrochen. „Ich hab die letzte Zeit so viel Ärzte gesehen… ich bin froh, wenn ich mal keinen seh, glaub mir. Außerdem bin ich so gut wie austherapiert, wie mein Arzt so schön gesagt hat. Bis auf die Entzündung in den Beinen.“ „Eine Entzündung? Und dann sitzt du hier so herum und…?“ Jannis erhob sich und ging zum Telefon. „Ich ruf Alex an“ Ben verstand sofort, dass es sich um den Arzt handeln musste. „Bitte Jannis, es geht mir gut. Ich versprech dir, wenn sich das ändert, dann geb ich dir bescheid. Aber bitte…“ Ben sah in flehend an. Der Blonde ließ das Telefon wieder in die Halterung zurückfallen. Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar und schnaufte einmal tief durch um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. „Gut, in Ordnung Ben. Ich will dich zu nichts zwingen, was du nicht möchtest. Ich persönlich halte es für absolut… Naja… so bist du eben. Das wird sich wohl nie ändern.“ Mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen ging er wieder zu Ben zurück. Es setzte sich wieder in seinen Sessel und sah Ben an. „Du hättest mir den wahren Grund deines Besuches sagen können… ich hätte dich dennoch nicht wieder ausgeladen.“ Sprach Jannis weiter. „Ich weiß und ich danke dir auch dafür. Ich hätte es dir irgendwann erzählt… aber ich…. Ach ich weiß auch nicht. Es steht alles Kopf im Moment… ich… muss erst mal wieder zu mir finden.“ Erklärte Ben. Sein Gegenüber nickte stumm. „Und was sagt Semir zu all dem. Wie geht es ihm?“ Ben blickte schuldbewusst zu seinem Gastgeber. „Keine Ahnung… Ich hab mich noch nicht bei ihm gemeldet, seit ich hier bin.“ Jannis kratzte sich dir Stirn. „hm… du hast dich also bei deinem Lebensretter noch nicht gemeldet? Noch nicht mal, dass du gut gelandet bist…?“ kam es zweifelnd von ihm. „Ja… irgendwie… ach ich weiß auch nicht… Irgendwie brauch ich Zeit für mich und…“ „dagegen sagt ja auch keiner was Ben.“ Unterbrach Jannis ihn freundlich. „Aber eine Sms mit –ich lebe noch- kann doch wohl drin sein…oder?“ er sah ihn lächelnd an. „ja… ja du hast wohl recht… dann werd ich das mal machen.“ Ben erhob sich und machte sich auf den Weg in sein Zimmer. Jannis blieb zurück, sah in das Feuer und verarbeitete nochmals, was Ben ihm gerade alles erzählt hatte. Es war unfassbar für ihn.

  • „Hey, du hast ja noch deinen Kopf auf den Schultern. Ich dachte schon, den hast du unterm Arm geklemmt sobald du hier reinkommst.“ Semir grinste, als er seinen möchtegern-Kollegen sah. Dieser schloss brummelnd die Tür und setzte sich auf seinen Platz, den ehemaligen Platz von Ben. Es versetzte dem Deutschtürken immer einen kleinen Stich durch das Herz, wenn jemand anders auf diesem Sitz Platz nahm. Irgendwie war das einfach der Platz von Ben. Der hatte zwar gekündigt und war auf einem anderen Kontinent… aber es war der Platz von Ben.
    „Boa man Alter ey… die Braut kann ganz schön wütend werden. Aber man ey! Ist die sexy wenn die schreit.“ Kam es von dem Jüngling. Semir verrollte nur die Augen und erhob sich von seinem Platz. „Los komm, bevor Frau Krüger die zweite Runde bei dir einläutet gehen wir besser auf Streife.“ Kommentierte er das weitere Vorgehen. Haktan folge ihm. Gemeinsam fuhren sie die Autobahn entlang und kontrollierten ein paar Brummis. Sonst gab es nichts zu tun. Auf dem Rückweg wurde Schröder und seiner Imbiss-Bude einen Besuch abgestattet. „Mensch Semir, was hast du denn da für ein Vogel im Schlepptau?“ fragte Schröder, als Haktan sich zum Austreten verabschiedete. „Hör mir auf! Erst einer, der sich bei ner Verfolgung übergibt, jetzt so ein Checker… ich weiß nicht, was mir lieber ist…“ kam es von Semir. Schröder sagte nichts mehr dazu. Was immer er jetzt sagte, das Gespräch würde doch nur auf Ben hinauslaufen. Das wollte Schröder seinem alten Freund nicht antun. Nachdem das Essen verzehrt war und Haktan noch eine hübsche Blondine erfolglos abgegraben hatte fuhren die Beiden zurück auf die Wache. Es war schon Spät, zeit um Feierabend zu machen. Haktan schnappte sich noch schnell seine Jacke und war auch schon verschwunden. Semir schnaufte nur tief ein und packte in Ruhe seine Sachen zusammen. Susanne war schon zu Hause, nur die Kollegen der Nachtschicht waren da.
    Gerade als auch Semir zu seiner Familie nach Hause fahren wollte, hörte er seinen Namen hinter sich. Er drehte sich rum und sah Kim in der Tür ihres Büros stehen. „Haben Sie noch einen Moment?“ Semir nickte und folgte der Chefin in das Büro. Als er vor dem großen Schreibtisch Platz genommen hatte begann sie zu sprechen. „Die neue Unterstützung aus ihrem Heimatland ist nicht gerade das, was ich mir erhofft hatte…“ sie verdrehte die Augen, als sie an der Gespräch zurück denken musste. Semir nickte nur stumm. „Ja Chefin… ich hatte schon bessere Partner.“ Kam es traurig von ihm. „Aber Semir… sie wissen hoffentlich, dass niemand Ben ersetzten kann. Ich kann ihnen als neuen Partner nicht eine Ben- Imitation anbieten. Ben ist fort, das ist sehr schade und es tut uns allen Leid… aber es muss weitergehen. Ich weiß, dass besonders Sie dafür noch Zeit brauchen, aber Ben hat es sich selbst so ausgesucht. Er wollte nicht hier bleiben. Es ist hart, für uns alle ist es sehr schwer. Aber bitte… geben sie die Hoffnung auf, dass Ben morgen wieder im Büro steht und es sich anders überlegt hat… Das wird nämlich nicht der Fall sein, Herr Gerkan.“ Kims Stimme war leise aber eindringlich. Sie wusste, dass Semir sich nur Ben als Partner vorstellen konnte. So konnte es nicht weitergehen. Semir nickte nur stumm. „ja Chefin… ich weiß“ sprach er leise, nachdem Kim mit ihrer Rede zu Ende war. „und es kann ihn auch niemand ersetzten, schon gar nicht so ein Möchte gern wie dieser Haktan. Aber das ist eine andere Geschichte... Ich wünsche ihnen eine schönen Abend.“ Mit diesen Worten erhob sich Semir und verließ das Büro der Chefin. Diese blickte ihrem besten Mann nur traurig hinterher. Was mit dem Team passiert war tat ihr wirklich leid. Ben und Semir waren unschlagbar. Sicherlich… sich hatten manchmal so ihre eigenen Methoden… aber das Resultat zählte und das war bei den Beiden immer sehenswert. So etwas würde es für Semir mit Sicherheit kein zweites Mal mehr geben… Mit einem tiefen Seufzen erhob Sie sich auf dem Sessel und machte sich auch auf den Heimweg.

  • Ben saß auf seinem Bett, in den Händen hielt er sein Handy. Er atmete tief durch als er auf das Mobiltelefon sah. Es war aus. Eigentlich war es die ganze Zeit über schon ausgeschalten und im Grunde wollte Ben es nicht anmachen. Als er, nach dem Gespräch mit Semir, nach Hause gelaufen war, hatte er das Handy ausgemacht. Von da an war es nicht mehr eingeschalten worden. Ben wollte Abstand und das ganz bewusst. Dazu gehörte auch, dass er nicht zu erreichen war. Jetzt saß er da und beobachtete das Handy. Vor seinem Unfall war er mit diesem Gerät nahezu eins gewesen. Nie hat man den Hauptkommissar ohne sein Handy angetroffen. Andauernd hat er darauf herumgedrückt, damit gespielt. Die letzten Tage hatte er es nicht mal vermisst… Widerwillig drückte er die Tasten des Gerätes und schon bald war ein leises „Pling“ zu höre. Als das Handy empfang hatte ging es auch schon los. 5 Sms und einige verpasste Anrufe. Ben stöhnte auf. Natürlich war Semir mehr als genug vertreten. Mit Kurznachrichten wie „Bitte melde dich, wenn du gut angekommen bist“ oder „Ich mach mir Sorgen, bitte ruf mal an.“ Meldete sich sein ehemaliger Kollege zu Wort. Ja, so war Semir… Immer der Übervater ihm gegenüber. Er machte sich einfach viel zu schnell und oft unbegründet Sorgen. Wobei… wenn Semir sich keine Sorgen um mich gemacht hätte, wo wäre ich wohl heute? Dachte sich Ben. Er wählte das Menü und ging in die Kurzmitteilungen. Als das leere Textfeld erschien, kam er ins Stocken. Was sollte er schreiben? „Hey Partner, oder besser: ehemaliger Partner. Bin gut angekommen und es ist echt kalt hier. Jag schön alleine die Verbrecher, denn das kann ich ja jetzt nicht mehr…“ Ben wischte sich seine sarkastischen Gedanken bei Seite. Normalerweise half ihm Sarkasmus immer… aber im Moment half nicht mal das. Als schnaufte er noch einmal tief durch, als er zu schreiben begann:


    Hey, bin gut angekommen. Gruß an alle, Ben.


    Mehr war für Ben nicht möglich. Wieder spürte er, wie sich langsam die imaginäre Schlinge um seinen Hals zog und ihm die Luft raubte. Jede noch so kleine Verbindung zu seinem alten Leben war im Moment eine Qual für ihn. Schnell drückte er auf „Versenden“ und fügte noch Julia bei den Empfängern mit hinzu, damit sich seine Familie nicht mehr sorgen brauchte. Dann schickte er die Nachricht über die Weiten des Atlantiks…

  • Einige tausend Kilometer weiter summte ein Handy und brachte das typische Geräusch einer Sms-Mittelung zum Erklingen. Semir sah auf sein Handy und nahm es von dem Wohnzimmertisch. Er saß dort vor dem Fernseher, seine Frau war gerade eine Etage weiter oben und sah nach den Kindern. Missmutig blickte er auf das Handy. Wer wollte zu so später Stunde noch etwas von ihm? Sein Gesicht erhellte sich und sein Puls schoss in die Höhe, als er den Absender las: Ben Jäger.
    Schnell öffnete er die Nachricht. Seine Hände zitterten vor Aufregung. Doch so sehr er sich eine lange Nachricht erhoffte… es waren leider nur ein paar Worte. Etwas endtäuscht blickte der Deutschtürke auf das Handy. Das war alles? Ben hatte sich lange nicht gemeldet und diese paar Worte sollen alles sein? Semir war darüber sehr endtäuscht. Zu gerne hätte er gewusst, wie es Ben geht, was er macht… er wusste ja nicht mal genau, wo er überhaupt war. Grönland… ja… aber genauer? Im Osten oder im Süden? Semir wusste es nicht. Aber jetzt konnte Semir nicht anders, als die Anruftaste zu betätigen. Er wollte Ben endlich mal wieder hören. Die letzten Tage hatte er seinen Freund so sehr vermisst, mit diesen paar Worten per Sms wollte er sich nicht zufrieden geben. Er hielt das Handy an sein Ohr und wartete das typische „Tuten“ ab. Ganz in der Hoffnung, Ben würde jeden Moment abgeben… aber es Tutete nur weiter und weiter.


    Zur selben Zeit in Grönland
    Ben starrte auf sein Handy. Es war lautlos aber es blickte wie verrückt. Ein Anruf ging herein… ein Anruf von seinem Freund Semir. Er schien sich sehr über die Sms gefreut zu haben… Dachte sich Ben, als er weiter sein Handy beobachtete… Aber er brachte es nicht über das Herz, den Anruf entgegen zu nehmen. Nach wie vor saß er auf sein Bett, hatte seine Unterarme auf seinen Oberschenkeln abgestützt und hielt sein Mobiltelefon in beiden Händen. „Tut mir Leid, Semir… aber ich kann nicht.“ Sprach er mehr zu sich selbst als zu sonst wen und legte das noch immer blinkende Handy in die Schublade seines Nachtkästchens zurück. Mit einem Seufzer erhob er sich. Er konnte jetzt nicht mit Semir reden. Es würde ihn nur wieder alles an zu Hause erinnern. Dafür hatte er jetzt nicht die Kraft. Er hoffte, dass er sie im Laufe der Zeit wieder bekommen würde. Aber im Moment brauchte er noch Abstand. Ben war noch nicht so weit. Er zog die Tür hinter sich zu, als er sich wieder auf den Weg zu Jannis in das Wohnzimmer machte.

  • Nachdem es Semir gefühlte 100 Mal bei Ben hat läuten lassen und dieser nicht abnahm, legte er auf und schmiss das Handy auf den Tisch. Das konnte nicht sein. Ben hatte die Kurzmitteilung erst vor wenigen Sekunden geschickt. Der Deutschtürke war sich sicher, dass Ben den Anruf mitbekam. Doch warum wollte er nicht mit ihm reden?
    Semir zerbrach sich den Kopf über die Situation. Andrea kam gerade die Treppe herunter. Die Kinder schliefen und sie setzte sich neben ihren Ehemann auf die Couch. Anhand von Semir Blick, erkannte sie, dass etwas nicht stimmte. Also fragte sie nach. „Ben hat sich gerade gemeldet.“ Erhielt sie eine knappe Antwort. „Wirklich? Aber das ist doch prima! Wie geht es ihm?“ fragte die liebenswerte Ehefrau freudig. „Keine Ahnung, er möchte offensichtlich nicht mit mir reden.“ Kam es traurig von dem Hauptkommissar. Er berichtete Andrea den Vorfall. Diese legte die Stirn in Falten und nahm die Hand ihres Ehemannes. „Vielleicht ist er noch nicht so weit. Du sagtest doch, dass Ben´s Grund der Auswanderung die Erinnerung an sein altes Leben sei. Vielleicht ist das auch der Grund, warum er im Moment nicht mit dir sprechen kann…“ versuchte sie zu erklären. „Ja… mag sein… aber trotzdem… er muss auch mal mich verstehen!“ kam es von Semir. Trauer schwang in seiner Stimme mit. „Du solltest ihn nicht so drängen. Immerhin weißt du jetzt, dass es ihm gut geht. Gib ihm Zeit. Ich glaube, keiner kann sie vorstellen, was gerade in Ben los ist. Außerdem war es seine Endscheidung, dass er deine Hilfe nicht angenommen hat und nach Grönland gegangen ist. Sei es dahin gestellt, ob er deine Hilfe nicht annehmen wollte oder nicht konnte… Aber ihn im Moment so zu bedrängen ist, glaube ich, das schlechteste, was du machen kannst.“ Sprach Andrea weiter. Durch ihren ehemaligen Beruf mit schwer erziehbaren Kindern hatte sie einige Fortbildungen in Psychologie besucht. Dadurch konnte sie sich gut ausmalen, was gerade in Ben los war. Semir sah seine Frau liebevoll an. „Was würde ich nur ohne dich und deine klugen Worte machen?“ Versuchte er sich selbst von dem Thema abzulenken. „Du würdest hier noch Stunden sitzen und dich fragen: Warum geht Ben nicht ans Handy.“ Grinste Andrea. Semir nickte. Ja sie hatte Recht. Seine Frau war eben nicht nur bildhübsch, sondern auch intelligent.

  • Ben setzte sich wieder in den Sessel. Jannis war gerade dabei, neues Holz auf das lodernde Feuer zu legen. „Ich glaube, ich hab die vorhin durch die Aktion unterbrochen…“ sprach Ben seinen Freund an. „Was wolltest du mir sagen?“ fragte er nach. Der Blonde legte den Eisenstock bei Seite, mit dem er eben noch im Feuer umhergestochert hatte. „Ich wollte vorschlagen, ob wir heute Abend essen gehen…“ kam es von ihm, nachdem er einen Moment überlegte. Irgendwie war es für ihn komisch, nach dem Gespräch zur Tagesordnung zurück zu kehren. Aber scheinbar wollte Ben das so, also tat er seinem Freund den gefallen. „Klingt gut. Essen ist immer gut.“ Antwortete sein Besucher.
    Nachdem die Männer gemeinsam die Hunde versorgt hatten ging es also zum Essen. Zwar wollte Jannis durch das neugewonnene Wissen über Bens gesundheitlichen Zustand, dass dieser sich schonte, aber Ben ließ keine Widerrede zu. „Ich bin hier um mich abzulenken. Also bitte, lass es mich auch machen…“ versuchte Ben sich zu erklären. Der Gastgeber nickte nur.
    So stiegen sie wenig später in das Auto und fuhren gemeinsam in die nächste Stadt um dort zu Abend du essen.


    Am nächsten Morgen in Deutschland:
    Gähnend stieg Semir aus seinem Dienstwagen und lief in Richtung Eingang der PAST. Er grüßte Susanne, als er ihren Schreibtisch passierte. „Oh Semir, gut dass du da bist. Die Chefin möchte mit dir sprechen.“ Kam es von der blonden Schönheit. Semit blickte verdutzt zu ihr hinüber. „Ich hab doch garnix angestellt.“ Sprach er. „Ja du nicht.“ Kam es von der Sekretärin. Semir Blick wurde noch verdutzter. Aber er hob die Schulter und lief auf das Büro der Chefin zu. Gerade hob er die Faust, um an der halb offenen Tür von Kim Krüger zu klopfen, als er schon ihre Stimme vernahm. „ Kommen sie rein, ich hab wenig Zeit.“ Semir gehorchte und nahm auf einen der Stühle vor dem Schreibtisch Platz. Kim huschte hinter dem Tisch hin und her, legte Blätter von einen Stapel auf den Anderen… Semir beobachtete sie wenige Sekunden dabei. „Ihr neuer Partner…“ sprach die Chefin zwischen ihrer Umherwühlerei, „hat sich heute Nacht dazu entschlossen… den Polizeidienst unfreiwillig zu entlassen.“ Bei den letzten Worten setzte sie sich nun auch in ihren Ledersessel. „Bitte?!“ kam es unglaubwürdig von dem Deutschtürken. „Heute noch keine Zeitung gelesen?“ kam es sarkastisch von Kim, als sie ihm das Kölner Morgenblatt vor die Nase legte. Ein großer Artikel war zu sehen, mittig war ein Bild abgedruckt. Auf dem Bild war… „Haktan?“ sprach Semir fassungslos. Die Überschrift des Berichtes lautete: Prügelnder türkischer Polizist macht Köln unsicher!
    Semir nahm sich die Zeitung und überflog den Text. Scheinbar hatte sich sein Partner in einer Disco geprügelt. „Das glaub ich jetzt nicht!“ stieß Semir aus. „Oh, was dachten sie, was mein erster Gedanke war. Auf alle Fälle ist er vom Dienst suspendiert. Eine Ermittlung wurde eingeleitet, so wie es aussieht, waren es aber niedrige Beweggründe. Seine Freundin wurde wohl von einem anderen Kerl angebaggert… und wie die Türken dann reagieren…“ Semir sah seine Chefin scharf an. Diese unterbrach sich selbst. „Tschuldigung… naja… wie viele Türken dann eben reagieren…“ verbesserte sie sich. Semir blickte wieder auf den Artikel. „Das glaub ich jetzt nicht.“ War sein weiteres Kommentar zu diesem Thema. Kurz darauf legte er die Zeitung beiseite. „Und jetzt?“ fragte er. „Ich muss auf jeden Fall zu dieser Anhörung… Da kommt ein großer Berg Arbeit auf mich zu! Alles wegen einem …“ gerade als sie anfing sich in Rage zu reden, schnaufte sie tief ein und aus. „Wie auch immer. Sie stehen mal wieder ohne Partner da. Tut mir leid. Ich schlage vor, dass sie gemeinsam mit Hotte Streife fahren. Sein Kollege hat sich für heute krank gemeldet. Dann sehen wir weiter.“ Semir erhob sich und Kim verließ mit ihm gemeinsam das Büro. „Ich melde mich, sobald ich weiß wie wir weiter verfahren.“ Kam es noch von ihr, als sie sich auf den Weg zum Ausgang machte. Semir nickte nur und blickte zu seinem Kollegen und heutigen Partner Hotte hinüber. Der biss gerade herzhaft in ein Wurstbrötchen und winkte Semir mit kauendem Mund zu. „Oh man.“ Nuschelte Semir zu sich. Da er aber bei Susanne am Schreibtisch stand, bekam sie es mit und grinste nur in sich hinein. Das würde ein toller Tag für Semir werden.

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