Straßen - 13:15 Uhr
Felix schlug das Herz bis zum Hals, als er die Apotheke und somit Chloes Wohnhaus verließ. Er hatte das Gefühl, er würde unglaublich mies schauspielern, als er mit unwissender Unschuldsmiene wenige Worte mit Chloes Vater wechselte, während er versuchte den anderen beiden Männern nicht in die Augen zu schauen. Er meinte, das auf seiner Stirn geschrieben stand: "Ich habe alles mitbekommen, ihr könnt mich jetzt um die Ecke bringen." Für einen Moment wollte er nur weg, möglichst zur nächsten Bushaltestelle und zurück in die Innenstadt, bevor ihm die beiden finsteren Typen folgten, die sicherlich nichts Gutes im Schilde führten.
Der Junge war gerade die Treppe herunter im Hausflur, als er die Stimmen hörte. Statt schnurstracks in den Verkaufsraum zu platzen, verlangsamte er seine Schritte und blieb vor der Tür stehen. Er wusste nicht, welcher versteckte Instinkt ihn geritten hatte, die drei Männer zu belauschen... doch er konnte alles verstehen. Von Drogen, von Razzien, von Geld und einem Tresor. Felix' Hände wurden feucht... das waren zwei Dealer, zwei Drogenhändler die ihren Stoff in der Apotheke von Chloes Vater zwischenlagerten. Und niemand sonst schien etwas davon zu wissen. Der Schüler hatte genügend Krimis gesehen und gelesen als dass er wusste, dass solche Geschäfte niemals gut ausgingen und die Familien meist die Leidtragenden waren, wenn die Verbrecher kalte Füße bekamen. Sofort dachte er an Chloe.
Doch dann bekam Felix selbst kalte Füße, und die Angst setzte sich gegen die Courage durch. Was brachte es, wenn er nun Chloe diese Story erzählte? Sie wäre vermutlich wütend auf ihn, ihren Vater in einem schlechten Licht da stehen zu lassen. Ausserdem kannte das Mädchen Felix kaum, warum sollte sie ihm vertrauen? Und am sichersten wäre es für Chloe eh, wenn sie nichts davon wüsste. Je weniger Wissen, desto besser, entschied sich Felix und sah dann keinen Grund mehr, noch mehr zu erfahren als er sowieso schon hörte. Er platzte in das Gespräch, wurde zum Glück von Chloes Vater nicht noch tiefer gelöchert und verließ mit schnellen Schritten den Verkaufsraum der Apotheke. Seine Schritte waren schnell, denn ein untrügerliches Gefühl ließ ihn seinen Verfolger spüren, obwohl er ihn nicht hören konnte.
Als er einmal um die Ecke bog und die Straßen an einer Fußgängerampel überquerte, konnte er die Statur und die Jacke von Gregor sofort aus dem Augenwinkel erkennen. "Verflixt, das ist kein Zufall.", dachte er sofort, vermied es aber dennoch instinktiv los zu rennen. Der Typ würde ihn jetzt nicht auf offener Straße kidnappen oder verprügeln... das hätte er in der Apotheke leichter haben können. Nur unmerklich beschleunigte Felix seine Schritte, als die Bushaltestelle näher rückte, und der Bus ihm auch schon entgegenkam.
Ohne dass Gregor eine Chance gehabt hätte auch noch in den Bus zu steigen, da der Abstand zu groß war, erreichte der junge Mann den Bus und warf dem Fahrer einen ungefähr passenden Betrag auf die Ablage, um bis in die Innenstadt zu kommen. Damit er keine Zeit verlor, murmelte er nur ein "Stimmt so!", hin was seinen knappen Finanzen weh tat. Doch er wollte nur, dass der Busfahrer sich und das Fahrzeug schnell wieder in Bewegung setzte, doch die Angst war umsonst. Gregor blieb bereits stehen, als er sah dass der Junge in den dunklen Klamotten in den Bus einstieg. Er nickte nur, rieb sich die Hände und kehrte auf dem Absatz um, um zur Apotheke zurück zu gehen.
Als Felix das sah, als der Bus sich in Bewegung setzte, sank er auf seinem Sitz zusammen und atmete hörbar aus. Verdammt, wo war er da jetzt hineingeraten. Eben schwebte er noch auf Wolke 7, der Mittag mit Chloe hatte ihm soviel Spaß gemacht und er hatte ihre Anwesenheit genossen. Jetzt fiel er vom Himmel direkt in die Hölle, er hatte ein Drogengespräch belauscht, was die Dealer vermutlich bemerkt hatten. Für den Moment ließen sie ihn in Ruhe, aber ob das auch in Zukunft so sein mochte? Würden sie ihn in der Stadt erkennen? Sollte er am besten so schnell wie möglich zurück nach Hamburg fahren, und dort bleiben? Nein... sie würden vermutlich Chloe in die Mangel nehmen. Schließlich wussten sie, dass Felix bei ihr war, bevor er in die Apotheke gestolpert kam.
Seine Gedanken überschlugen sich, als er darüber nachdachte, umzukehren... doch auch hier machte ihm die Angst wieder einen Strich durch die Rechnung, so fuhr er mit düsteren Gedanken zurück in die Innenstadt, wo er am Hauptbahnhof ausstieg und für eine Zeitlang ziellos durch die Fußgängerzone zog. Vor einer Apotheke blieb er stehen und dachte nach... sein Nasenspray war fast aufgebraucht, und dann war er für die Schmerzattacken nicht mehr gerüstet. Das teure Medikament konnte er sich nicht leisten, überhaupt bräuchte er erstmal ein Rezept... ohne jede Krankenversicherung ein aussichtsloses Unterfangen. Er sah zu Boden und ihm war bewusst, dass er bald wieder irgendwo einbrechen musste, um sich mit seinem Schmerzstiller zu versorgen. So leid es ihm auch tat, und so sehr es ihm widerstrebte.
Der Junge hockte sich auf die Lehne einer Bank in der Fußgängerzone und ließ seine Augen wieder durch die Massen an Leute streifen, die die Kölner Innenstadt säumten. Seine Gedanken teilten sich nun dreifach. Sein Kopf war bei den beiden Typen in der Apotheke und auch ein Teil seiner Augen war dabei, genau diese zwei Gesichter unter den Menschenmassen abzusuchen. Der andere Teil seiner Augen waren natürlich wieder bei seiner Schwester und seinem Vorhaben, sie hier in Köln zu finden. Und sein Herz war dabei gerade voll und ganz bei dem geheimnisvollen Mädchen, das er gestern zum ersten Mal gesehen hatte.