Köln - 13:15 Uhr
Der Mercedes-Youngtimer, in dem Frank und Gregor saßen, fuhr nun langsam zu der Adresse, die beide sehr gut kannten - die Apotheke, wo sie ihre Vorräte aufbewahrten. "Das ist jetzt nach fünf Schulen der letzten Versuch, Frankie. Ich helfe dir ja wirklich gerne bei deiner Paranoia, aber irgendwann ist ja auch mal gut.", sagte Franks bester Freund genervt, und wurde von dem direkt freundschaftlich mit einem "Halts Maul!" unterbrochen. "Merkt man dass du kein Profi bist. Ich gehe kein Risiko ein." beharrte Frank. "Zur Not nehmen wir den Jungen eben mit. Fertig." Dann stiegen beide aus und gingen auf dem Bürgersteig langsam in Richtung der Apotheke. Sie konnten das Klingeln der Türklingel, die an der Tür hing und immer einen neuen Kunden ankündigte, auf der Straße hören, bevor sie sahen, wer aus dem Haus kam. Und Felix bemerkte die beiden Männer, noch bevor er wirklich auf den Gehsteig kam.
Sein Herzschlag beschleunigte sich, als er die kratzige Stimme von Frank hörte und sofort erkannte. "Da ist er! Los!" Im ersten Affekt wollte der Junge den geordneten Rückzug ins Haus antreten... Doch das wäre eine Sackgasse und noch dazu bringt er Chloe in Gefahr. Also rannte er zunächst den Gehweg entlang, weg von den beiden Männern, die bedrohlich dicht an ihm dran waren. Doch weder Gregor noch Frank waren besonders gute Sportler, und so sahen sie zunächst die wehende Jacke des Jungen etwas kleiner werden.
Die beiden waren höchstens einige Meter gerannt, da bog auf der Straße der silberne BMW von Semir und Ben um die Ecke. Sie hatten unterwegs, auf dem Weg zurück zur Dienststelle, die Adresse von Chloe bekommen, die auf ihrem Rückweg lag, und so wollten sie doch direkt vorbeischauen. Beide schauten erstaunt, als sie auf die Nebenstraße fuhren und dort plötzlich drei Gestalten, eine jung und zwei Ältere rennen sahen. "Ist hier ein Sportfest?", fragte Ben belustigt, während Semir die Stirn in Falten zog. "Kennen wir den nicht? Das ist doch Gregor Stimmer.", sagte Semir, sie hatten eben von Andrea noch ein Bild und einige Infos geschickt bekommen. Jetzt verlor sein Partner den Spaß aus dem Gesicht und sie bremsten am Gehweg genau dort, wo Felix vorbei lief.
Die beiden Verbrecher bemerkten auch sofort, dass der silberne BMW nichts Gutes versprach. "Los, zurück zum Wagen.", befahl Frank und beide traten den Rückzug zu Franks Youngtimer an. Semir stieg also gar nicht erst aus, während Ben sich abgurtete. "Ich lauf dem Jungen hinterher. Der kann uns sicherlich erzählen, was hier gespielt wird.", sagte er noch und stieg aus dem Auto, um die Verfolgung zu Fuß aufzunehmen. Doch Felix hatte bereits einiges an Vorsprung, doch Ben war schnell und sprintete auf dem Gehweg hinterher.
Frank startete sein Auto und gab sofort Gas, gerade noch knapp vor Semirs BMW, der nach Bens Aussteigen auch beschleunigte und das Blaulicht anschaltete. "Zentrale für Cobra 11, verfolge einen goldgelben Mercedes 280SL...", danach gab er den Ort und das Kennzeichen durch. Er verfolgte den alten Benz erst durch die Nebenstraßen, dann auf die Hauptstraße des Vorortes der Großstadt Köln. Semir Hirn arbeitete auch bei einer Verfolgungsjagd... mir Gregor waren sie auf der richtigen Spur, sonst würde der nicht so überhand das Weite suchen. Den kleinen Mann kannte er auch vom Sehen, und seine Erinnerung sagten ihm, dass der die größere Nummer im Geschäft war. Nur der Name wollte ihm partout im Moment nicht einfallen.
Der erfahrene Polizist war auch genug beschäftigt, denn auf der Hauptstraße war um die Mittagszeit reger Fahrbetrieb. Frank sah immer wieder in den Rückspiegel, und im fielen immer neue Kreationen der Flucherei ein. Er war sauer, hatte er doch Angst dass sein bisher gut gehütetes Geschäft endgültig auffliegen würde, nur wegen des Informanten, den er aus dem Weg geräumt hatte. Doch jetzt musste er erst mal die lästigen Verfolger los werden. Ohne Rücksicht auf den restlichen Verkehr überquerte er eine Kreuzung mit roter Ampel, er konnte das Quietschen der Reifen hinter sich hören, als Semir eine Vollbremsung machen musste, um anderen Fahrzeugen aus zu weichen, die ebenfalls bremsten. "Verdammt nochmal!", rief er auf, obwohl er natürlich alleine im Auto saß, dann beschleunigte er wieder.
Die Hauptstraße machte eine Linkskurve, rechts davon war der Marktplatz. Der Betrieb war längst versiegt, die letzten Händler klappten gerade die Marktstände zu und verluden Kisten im LKW. Eine junge Fahrerin in einem Kombi bemerkte in der Linkskurve die Sirene von Semirs BMW und reagierte prompt falsch... statt zur Seite zu fahren, bremste sie mitten in der Kurve. Gregor hielt sich vor Schreck die Hände vors Gesicht, doch Frank reagierte richtig und fuhr links an dem parkenden Hindernis vorbei. Da Semir allerdings zu dicht aufgefahren war, verriss er das Lenkrad nach rechts und geriet ins Schleudern. "Oh Scheisse!!", rief er noch, als er sich einmal um die eigene Achse drehte und sein BMW erst durch einen Stapel Äpfelkisten rutschte und schließlich mit einem lauten Krachen im Verkaufswagen einschlug.
"Fuck...", zischte er und konnte die Verfolgung nicht wieder aufnehmen. Das Fahrzeug war zwar fahrtüchtig, aber er musste aussteigen und schauen, dass niemand verletzt war, denn sofort kamen Menschen auf den Marktplatz und ein lautes Stimmengewirr erfasste den Polizisten, der sich auch zunächst, nachdem er feststellte, dass er keinen Personenschaden angerichtet hatte, sich mit dem Markthändler befassen musste, dessen Verkaufsstand er demoliert hatte. "Ich hab den Flüchtigen verloren und brauche hier noch zwei Streifen, bitte.", gab er genervt über Funk durch, bevor er die Menschenmasse langsam beruhigte.
Ruhig ging es bei Ben dagegen nicht zu. Der kleine Kerl war wieselflink, vor allem als er begann in die Gassen zwischen den Häusern abzubiegen um Ben abzuhängen. "Hey, bleib stehen! Verdammt, ich bin von der Polizei!!", schrie Ben heiser, und jedes Wort kostete Kraft beim Laufen. Die Nase schmerzte bei jedem schnellen Tritt und jeder Erschütterung die durch seinen Körper ging. Felix hörte die Stimme, er hörte die Worte, aber er nahm sie nicht wahr. Wenn er rannte, lief sein Hirn auf Sparflamme. Ausserdem könnte es auch ein Freund der Verbrecher sein, der ihn mit der Polizei-Aussage nur täuschen wollte. Nein, der Junge wollte kein Risiko eingehen, denn er wusste dass es aus war, wenn er den Gangstern in die Hände fiel. Er schlug weitere Haken um Mülleimer und Container herum, als er auf einen hohen Zaun zuhielt, der zwei Gassen voneinander trennte.
Ben wurde langsamer, denn es war unmöglich für den Jungen da drüber zu kommen, denn der Zaun war 2 Meter hoch. "Endstation, Junge.", japste Ben noch, als er bemerkte, dass Felix gar nicht langsamer wurde. Stattdessen lief er eine leichte Kurve und auf die Ecke zu, wo der Zaun die Hauswand kreuzte. Felix nutzte seine ganze Sprungkraft und sprang mit einem Fuß an die Mauer in einer Höhe vom vielleicht einem halben Meter und drückte sich kraftvoll von der Mauer ab. So schaffte er es, die zwei Meter hohe Zaunkante zu ergreifen und sich hoch zu ziehen, da er selbst sehr leicht war. "Verdammter Mist...", murmelte Ben, der gar nicht den Versuch unternahm.
Er hörte noch das Aufklatschen der Schuhe auf der anderen Seite... dann war klar, dass der Junge weg war. Ben stützte sich mit den Händen auf seinen Knien ab, um Luft zu holen... dabei fiel sein Blick auf ein Stück Papier, das auf dem Boden an der Hauswand lag. Scheinbar war es dem Jungen aus der Tasche gefallen, und Ben ging hin, um es aufzuheben. Es war ein Foto. Als der junge Polizist es betrachtete, wurde ihm schlecht. Er liess es sinken und ein "Fuck" entfuhr es ihm, bevor er kurz zum Himmel blickte und er sich mit einer Hand an der Hauswand abstützte. Dann sah er nochmal darauf, und es gab keinen Zweifel, wer ihn da anlächelte.
Er zog sein Handy aus der Tasche. "Semir? Hier ist Ben." "Hast du ihn?" "Nein... er ist entwischt... was sind das für Stimmen? Was ist bei dir los?" "Nichts, ich komm zurück zur Apotheke, wir treffen uns dort." Semir klang missmutig. "Warte Semir. Der Junge hat etwas verloren.", sagte Ben mit seltsamer Stimme, die seinem besten Freund sofort auffiel. "Was verloren?" "Ja... ein Foto." "Was denn für ein Foto?" Ben schwieg, bis Semirs Stimme wieder zu hören war. "Ben, Hallo? Bist du noch da? Was für ein Foto hat der Junge verloren?" Der Polizist warf nochmals einen Blick auf das Mädchen mit den schwarzen Haaren. "Auf dem Foto ist ... Kevins Schwester."