Cold Turkey

  • „Gib Gas-den schnappen wir uns!“ feuerte Semir Gerkhan seinen Partner Ben Jäger an, der das Gaspedal nun noch ein Stück weiter durchtrat. Vor Aufregung hing Semir beinahe vorne an der Windschutzscheibe. Wenn der Gurt ihn nicht gehalten hätte, wäre dort sicher ein Nasenabdruck entstanden, aber so wurde er doch noch wenigstens halbwegs auf dem Sitz fixiert, obwohl er unbewusst beinahe das Bodenblech durchtrat.
    Er und sein Kollege Ben waren erst seit Kurzem wieder im Dienst, nachdem ein Wellnessurlaub im Bayerischen Wald verdammt schief gegangen war. Sie waren zwar beide wieder gesundgeschrieben, aber so völlig wiederhergestellt waren sie noch nicht, allerdings hatten Andrea und Sarah-Ben´s im letzten Schwangerschaftsdrittel brütende Freundin-den Tag herbeigesehnt, wann die beiden wieder auf die Autobahn konnten, denn sie waren zuhause nicht mehr zu ertragen gewesen.
    Nach einem Brand wohnten Semir und seine Familie momentan noch in einer Übergangswohnung unweit ihres Hauses und konnten so die Renovierungsarbeiten beaufsichtigen. In Ben´s stylischen Wohnung war inzwischen das Arbeitszimmer ausgeräumt und hatte einem entzückenden Kinderzimmer, das ganz in Weiß gehalten war, Platz gemacht. Der Schreibtisch stand nun im Wohnzimmer und viele Dinge, die man nicht ständig brauchte, waren in Kartons im Keller verstaut. „Meinst du nicht, wir sollten umziehen und uns ein nettes Häuschen im Grünen kaufen, damit wir und das Kind mehr Platz haben?“ hatte Ben vorgeschlagen, aber Sarah hatte den Kopf geschüttelt. „Nein, denn ich habe überhaupt keine Lust, mir jetzt die Schwangerschaft mit so einem Umzugsstress zu vermiesen!“ hatte Sarah ihm klar Bescheid gegeben „und außerdem genügt für den Augenblick der Platz durchaus für uns drei!“ und damit war die Sache momentan vom Tisch.


    War es Zufall gewesen, oder doch die langjährige Routine-auf jeden Fall waren sie an einem großen Rastplatz auf ihrer Streifenfahrt auf zwei Fahrzeuge aufmerksam geworden, die nebeneinander geparkt hatten. Zwei Männer waren ausgestiegen und vielleicht war es der verstohlene Blick gewesen, mit dem sich der eine der beiden umgesehen hatte, auf jeden Fall war das Interesse von Semir und Ben geweckt worden. Wie zufällig hatte Ben den silbernen Mercedes hinter einem geparkten LKW abgestellt und sie waren ausgestiegen und leise und vorsichtig näher ran gegangen. Ein kleines Päckchen wechselte den Besitzer und der Mann, der sich so furchtsam umgesehen hatte, ging nun zügig zu den Toiletten, während der andere sich gelangweilt mit dem Rücken an seinen Mercedes Vito mit getönten Scheiben lehnte und sich eine Zigarette anzündete. Mit einem kurzen Blick verständigten sich Semir und Ben und Ben folgte dem einen Mann zum Toilettenhäuschen, während Semir den anderen aus der Deckung heraus im Blick behielt. Gerade sah Ben den einen in einer der Kabinen verschwinden und weil das daneben liegende Häuschen frei war, ging Ben da hinein, verriegelte die Tür hinter sich und stieg dann auf die Schüssel, um über die Trennwand einen Blick in das Nachbarkabäuschen zu werfen. Wie er erwartet hatte, war der Mann dort gerade damit beschäftigt, eine Probe eines weißen Pulvers zu prüfen und nun zog Ben seine Waffe, richtete sie auf den Mann und rief. „Polizei, nehmen sie die Hände hoch!“ woraufhin Bewegung in den wieselflinken Mann kam. Blitzschnell warf er das Päckchen in die Toilette und während er noch abzog, drehte er sich auf dem Absatz um und ergriff die Flucht.
    Ben fluchte verhalten, denn er war einen Augenblick aus dem Gleichgewicht gekommen und hatte so den Moment verpasst. Er entriegelte seine Tür, die just in diesem Augenblick klemmte und raste an der verdutzten Toilettenfrau vorbei, die anklagend auf ihren Teller mit den Münzen sah, in den keiner der beiden Männer etwas hineingelegt hatte, hinter dem Mann mit den unruhigen Augen her. Der hatte schon einen kleinen Vorsprung, aber durch die wilde Flucht achtete er nicht auf den, in den Rastplatz einfahrenden Verkehr und so wurde er von einem PKW erfasst, der ihn zu Boden schleuderte und wie das Schicksal es so wollte, genau vor die Reifen eines gerade anfahrenden LKW. Ben musste einen Moment die Augen schließen, aber eines war klar-für diesen Mann kam jede Hilfe zu spät!


    Der Mann am anderen Ende des Rastplatzes war inzwischen auch auf den Unfall aufmerksam geworden und mit einem Fluch sprang er in seinen Bus und startete den Motor. Semir kam aus seiner Deckung und wollte mit gezogener Waffe die Flucht verhindern, aber der Fahrer gab einfach Gas und raste direkt auf ihn zu. Wenn Semir nicht in gekonnter Manier einen Hechtsprung zur Seite gemacht hätte, mit nachfolgendem Abrollen, wäre er von ihm niedergemäht worden. Er zielte noch auf den Reifen der fliehenden Fahrzeugs, aber da waren so viele Fahrzeuge und entsetzt schreiende Menschen auf dem Rastplatz, dass er davon absah-nicht dass noch ein Unschuldiger getroffen wurde. Ben hatte im Bruchteil einer Sekunde entschieden, dass für das Wiesel, wie er den Verunglückten nannte, jede Hilfe zu spät kommen würde, er hatte aber trotzdem sein Telefon gezückt und Susanne, während er schon zu Semir und ihrem Wagen zurück rannte, aufgefordert, alles Nötige in die Wege zu leiten. Er würde sich jetzt mit Semir um den Lieferanten kümmern!


    Gerade sah er noch, wie Semir beinahe von dem Kleinbus überrollt wurde, da sprang er auch schon in seinen Mercedes und startete aufheulend den Motor. „Nun komm schon, oder willst du hier übernachten?“ rief er und Semir spurtete nun zum Wagen, riss die Beifahrertür auf und war noch gar nicht richtig drin, als Ben mit quietschenden Reifen vom Rastplatz jagte.

  • Beinahe automatisch griff Semir nach seinem Gurt und auch Ben hatte sich, sobald er geradeaus fuhr, angeschnallt. Der Vito hatte zwar einen kleinen Vorsprung, aber das Blaulicht, ständige Spurwechsel bei Höchstgeschwindigkeit und auch die Nutzung des Standstreifens mit Vollgas durch Ben machte sich bezahlt und bald waren die beiden unmittelbar hinter dem flüchtigen Fahrzeug. Semir wie auch Ben spürten das lange vermisste Adrenalin durch ihre Adern fließen-ja genau das war es, was ihren Beruf zu einem der besten und spannendsten machte! Semir hatte schon lange zum Funkgerät gegriffen und die Fahrzeugdaten des Flüchtigen durchgegeben, sowie um Unterstützung gebeten, als an der nächsten Ausfahrt der Fahrer des dunkelblauen Mercedesbusses in der letzten Sekunde auf die Bremse ging und die Autobahn verließ. Ben trat ebenfalls voll in die Eisen und Semir dankte Allah, dass er sich angeschnallt hatte, denn sonst hätte er wohl spätestens jetzt eine blutige Nase gehabt!
    Auf zwei Reifen schoss Ben durch die Abfahrt und als sie auf der viel befahrenen Landstraße ankamen, versuchte er mit Martinshorn die unbeteiligten Verkehrsteilnehmer dazu zu bringen, ihnen den Weg frei zu machen. Trotzdem dauerte es eine ganze Weile, in der Ben zornig aufs Lenkrad schlug und zwischen den Zähnen hervor zischte: „Opi fahr zur Seite-verpiss dich!“ bis sie sich wieder an den flüchtigen Wagen heranarbeiten konnten. Gerade noch fünf Fahrzeuge waren zwischen ihnen und dem Bus, als der plötzlich auf einen Feldweg einbog und auf dem mit hoher Geschwindigkeit Richtung Wald rumpelte. Auch Ben schlug das Lenkrad ein und folgte dem Bus, aber sein Fahrzeug war noch viel weniger als dieser auf solches Gelände eingerichtet und während das verfolgte Fahrzeug dank Allradantrieb um die nächste Ecke verschwand, fuhr Ben den Mercedes dermaßen fest, dass die Reifen durchdrehten und er keinen Millimeter mehr vom Fleck kam.


    Sie waren inzwischen in einem lichten Wald angelangt und wenige Meter weiter schien der Weg wieder besser zu werden. „Semir, du musst schieben-ein paar Meter und wir sind wieder flott!“ befahl Ben regelrecht und Semir, der denselben Gedanken gehabt hatte, löste seinen Gurt, sprang aus dem Wagen und begann sich mit voller Kraft gegen das Auto zu stemmen. Gerade als er Ben laut verfluchte, der beim Gas geben Dreck aufwirbelte und ihm den Schlamm um die Ohren fliegen ließ, bemerkte er-leider zu spät-dass sich von hinten jemand angenähert hatte und bevor er reagieren konnte, bekam er einen dünnen Baumstamm so um die Ohren gehauen, dass ihm sofort die Lichter ausgingen.
    Ben hatte gehofft in der nächsten Sekunde wieder frei zu sein und durch Schaukeln und einem letzten gefühlvollen Gaspedaldruck gearbeitet, da hörte plötzlich der Schub von hinten auf und er rollte ein wenig zurück. Als er in den Rückspiegel sah, wurde ihm vor Entsetzen beinahe schlecht, denn Semir war nirgends zu entdecken-hoffentlich hatte er ihn beim Zurückrollen nicht erfasst! „Semir!“ rief er panisch und versuchte hektisch seinen Gurt zu lösen, als plötzlich seine Fahrertür aufgerissen wurde und er mit dem Schlag eines Pistolenknaufs ins Genick außer Gefecht gesetzt wurde.


    Als Semir erwachte, wusste er im ersten Moment nicht, wo er war. Er lag rücklings im hohen Gras und blickte geradewegs in die Mittagssonne, die hoch am Himmel stand. Es war Ende Mai und der Boden war warm, nur hatte es jede Nacht geregnet und deshalb war der schlecht befestigte Weg so zugesumpft. Als er seinen Blick schweifen ließ, sah er unmittelbar neben sich das Heck von Ben´s Mercedes. Er fasste sich an den Kopf und richtete sich dann stöhnend auf. Dort hatte sich eine dicke Beule gebildet und eine Übelkeitswelle überfiel ihn, als er weiter hoch kam. „Ben, wo bist du, ist alles ok?“ rief er, denn es herrschte Totenstille und auch der Motor des Fahrzeugs war ausgeschaltet. Als er-nun schon ein wenig sicherer auf den Beinen-um den Wagen herumging, war der Fahrersitz leer und von Ben keine Spur zu entdecken. Semir sah sich weiter um. Nach wenigen Metern konnte er eine Schleifspur erkennen, wie als wenn ein schwerer Körper fortgeschleppt worden wäre. Er kontrollierte seine Taschen, aber wie er schon fast erwartet hatte, waren sein Handy und seine Waffe verschwunden. Er folgte vorsichtig den Schleifspuren, aber schon nach wenigen Metern sah es so aus, als wenn der Bus wieder zurückgesetzt hätte und man dort etwas, oder eher jemanden eingeladen hatte. Was ging hier vor?
    Semir hastete zum Wagen zurück, aber auch das Funkgerät war unbrauchbar gemacht worden und so blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf den mühsamen Rückweg zur Landstraße zu machen, um dort einen Wagen aufzuhalten und Hilfe zu holen.

  • Endlich war Semir nach einem viertelstündigen Marsch an der Landstraße. Die ersten Autofahrer, die er versuchte aufzuhalten, brausten mit einem unwilligen Gesichtsausdruck weiter, weswegen ihnen Semir aber keinen Vorwurf machen konnte, so schlammbespritzt und schmutzig, wie er war. Endlich hielt ein LKW an und als Semir die Duftwolke wahrnahm, hätte er ihn am liebsten weitergewunken. Es war der Wagen eines Abdeckers und trotz geschlossener Laderampe stank der Inhalt des Fahrzeugs im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel. Einen Brechreiz unterdrückend, bat Semir den Fahrer, der einladend auf den Beifahrersitz wies: „Könnte ich kurz ihr Handy haben-ich bin Polizist und müsste einen Anruf tätigen?“ und wortlos reichte ihm der Fahrer sein Mobiltelefon. „Willst du jetzt mitfahren oder nicht, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit-Kundschaft wartet!“ sagte der Fahrer ein wenig ungehalten, aber Semir gab an Susanne nur kurz seinen ungefähren Standort durch, meldete Ben´s Verschwinden und bat um Verstärkung mit einem geländegängigen Fahrzeug. Dann reichte er mit einem kurzen Dankeschön das Telefon zurück und der Fahrer setzte seinen Weg fort, während Semir immer noch mit seiner Übelkeit zu kämpfen hatte. Wie konnte man das nur den ganzen Tag aushalten, diesen Geruch nach toten Körpern? Aber dann erinnerte sich Semir an ihre Gerichtsmediziner-da stellte er sich dieselbe Frage auch immer wieder.


    Es dauerte auch nicht sonderlich lange und dann traf der erste Streifenwagen ein. Die Fahndung nach dem Vito lief ja bereits, aber bisher war noch keine Spur von dem aufgetaucht. Allerdings warteten sie nun gemeinsam doch noch ein bisschen, denn der Polizeiwagen würde vermutlich auch eher auf diesem Weg absaufen, als eine Hilfe zu sein und als eine Weile später Hartmut und ein Kollege mit einem großen Polizeigeländewagen vorfuhren, atmete Semir fast ein wenig auf. Hoffentlich würde der eine Spur von Ben finden- er war ihr bester Mann, wenn nicht er, dann keiner! Hartmut bat Semir und die beiden Polizisten nun auch einzusteigen und gemeinsam fuhren sie den Weg zum Mercedes, den ihnen Semir wies. Hartmut stellte den Spurensicherungskoffer ab, sein Kollege schlüpfte gleich in den weißen Spusianzug und begann, unterstützt von den Uniformierten, am Fahrzeug nach Hinweisen zu suchen, während sich Hartmut mit Semir gleich auf den Weg machte, den Schleifspuren zu folgen. „Der Bus hat hier zurückgesetzt und man hat Ben eingeladen!“ bestätigte der Kriminaltechniker nach kurzer Musterung der Spurenlage. Gemeinsam folgten sie den Fahrspuren, von denen Hartmut oder sein Helfer später einen Abdruck nehmen würden und wenig später waren sie auf einem festen Waldweg, der einen Bogen machte und fast parallel zu dem Weg verlief.
    Ah-so war das gegangen-als sie sich festgefahren hatten, hatten die Flüchtigen durchs lichte Unterholz ihre Bemühungen, den Mercedes frei zu bekommen, wohl beobachtet und dann beschlossen, sie auszuknocken.


    Susanne hatte sich inzwischen auch auf Hartmut´s Telefon gemeldet. „ Semir, ich habe dein und Ben´s Handy geortet-die müssten ganz in der Nähe eures aktuellen Standorts liegen!“ teilte sie dem kleinen Türken mit und als sie zum Mercedes zurückgingen fanden sie tatsächlich nach kurzer Suche Semir´s und Ben´s läutendes Handy –von Susanne angewählt-und auch ihre beiden Waffen, die anscheinend lediglich ein Stück ins Gebüsch geschleudert worden waren. Nur von Ben fehlte jede Spur.„Los Hartmut, nehmen wir den Geländewagen und folgen dem Weg-irgendwo muss der ja hinführen!“ sagte Semir und Susanne schickte auch die Satellitenkarte gleich aufs Diensttablet, das in jedem Polizeifahrzeug in NRW seit kurzem vorhanden war. Semir kletterte nun hinters Steuer, denn er vertraute Hartmuts Fahrkünsten nicht so sonderlich, umkurvte mit zugeschaltetem Allrad die Stellen, an denen man noch Spuren verwischen konnte und landete holpernd auf dem Waldweg, der recht gut aufgeschottert war. Langsam folgten sie dem Weg, der aber nach etwa einem Kilometer auf einer kleinen, wenig befahrenen Ortsverbindungsstraße endete. Auf dem Asphalt war kein Anhalt zu entdecken, in welche Richtung der Kleinbus abgebogen war, allerdings lagen ein paar kleine Dörfchen in jeder Richtung und Semir beschloss, nun die Uniformierten zu mobilisieren, damit die die Bevölkerung befragten, ob jemand den Bus irgendwo gesehen hatte.


    Er und Hartmut wendeten und fuhren zum Mercedes zurück. Nun war guter Rat teuer und Semir wurde ganz schlecht, wenn er daran dachte, was er Sarah in Kürze mitteilen musste. Hoffentlich hatte sie vor lauter Schock nicht gleich eine Frühgeburt! Und so beschloss er, erst noch ein wenig zuzuwarten und auf einen Ermittlungserfolg zu hoffen, bevor er ihr Bescheid gab.
    Als sie am Fahrzeug zurück waren, teilte ihnen Hartmut´s Kollege mit, dass er keinerlei Blutspuren gefunden hatte und Semir atmete ein wenig auf. Es blieb also zu hoffen, dass Ben noch heil war, aber warum war er entführt worden? Diese Fragen würden ihnen wohl alleine die Täter beantworten können. Hartmut hatte sein Handy wieder an sich genommen und Semir fiel auf, dass er des Öfteren gehetzt auf das Display sah. „Hartmut, was ist los, erwartest du eine Nachricht?“ fragte Semir seinen rothaarigen Kollegen. Der wurde rot und druckste ein wenig herum-Semir fand ihn auch nervöser und unkonzentrierter als üblich-und als er erst schwieg , sagte Semir, der Angst hatte, dass Hartmut ihm etwas verheimlichte, was Ben betraf, nun ein wenig grob: „Jetzt rück schon raus mit der Sprache!“ und da beichtete ihm Hartmut: „Weisst du Semir, ich habe mich in letzter Zeit des Öfteren im Netz sozusagen verirrt. Ich habe die ganze Nacht durch auf Facebook und anderen Portalen gechattet und Onlinespiele gespielt und war morgens todmüde. Drum habe ich mir jetzt ein Programm heruntergeladen, das einen vorrübergehend von diesen ganzen Social Networks und Spielen trennt, damit ich nicht meine ganze Zeit damit verbringe und nachts auch wieder zum Schlafen komme-und weisst du, wie das heißt?“ fragte er Semir, der daraufhin den Kopf schüttelte. „Cold Turkey-und genauso fühle ich mich!“ erklärte ihm Hartmut und nun blieb Semir der Mund offenstehen.

  • Als Ben stöhnend zu sich kam, war er im Laderaum eines Fahrzeugs, das sich schwankend bewegte. Seine Hände und Füße waren mit Kabelbindern gefesselt und als er aufsah, war neben ihm ein schlanker Mann im gut sitzenden Anzug, der auf dem Kopf eine schwarze Maske trug, so dass man seine Gesichtszüge nicht erkennen konnte. Er hatte eine Waffe auf ihn gerichtet und sagte spöttisch: „Na ist unser Bulle wieder aufgewacht?“ und Ben sah, dass er seine Brieftasche in der Hand hielt und aufmerksam deren Inhalt studierte. „Aha, Ben Jäger heißt du also!“ sagte der Mann, während ihn Ben wütend betrachtete. Nun holte er ein Ultraschallbild seines Babys hervor, das Ben immer bei sich trug und Ben sagte scharf: „Legen sie das weg!“ und nun lachte der Entführer. „So, so, man wird also Papa-oder ist das Kind vielleicht schon da?“ fragt er, aber Ben starrte nur an die Wand des Mercedes. Verdammter Mist-nicht schon wieder seine Familie. Es war noch keine drei Monate her, dass seine schwangere Freundin und er selbst Opfer eines brutalen Verbrechers geworden waren. Sie hatten alle nur knapp überlebt und ihn plagten deswegen noch jede Nacht Alpträume, raubten ihm den Schlaf und ließen ihn zitternd aufwachen, weil er sich und Sarah wieder in den Händen des Chemikers sah.


    Der Mann im Anzug sagte weiter: „Nein, das Kind ist noch nicht geboren, sonst hättest du das Foto durch ein anderes ersetzt, aber das ist eigentlich auch egal, denn es ändert nichts daran, was ich mit dir vorhabe!“ sagte er und warf nach vorne einen Blick zum Fahrer. Das Auto war jetzt eine Weile auf einer asphaltierten Straße gefahren, nun rumpelte es wieder und dann hielt das Fahrzeug mit laufendem Motor an, der Fahrer, den Ben ja am Rastplatz schon gesehen hatte und der deswegen unvermummt war, stieg aus und öffnete eine Art Stadeltor, stieg wieder ein, setzte ein Stück vor und stellte dann den Motor des Kleinbusses ab. Nun stieg er wieder aus dem Fahrzeug, schloss das Tor, öffnete dann die hinteren Flügeltüren, ließ sie offen stehen und kam zu Ben und dem Maskierten. Er übernahm nun die Waffe und hielt Ben in Schach, während der Mann im Anzug seelenruhig ein kleines Päckchen weißes Pulver aus einer großen Reisetasche zog. Entsetzt beobachtet von Ben nahm er einen kleinen Gaskocher heraus, entzündete die Flamme und regelte sie ab. Dann holte er einen Löffel hervor, streute die Hälfte des Pulvers hinein, gab eine Flüssigkeit- vermutlich Säure- hinzu und erhitzte die Mischung über dem Gaskocher. Als sich das Pulver in der Flüssigkeit durch Kochen gelöst hatte, nahm er eine Spritze und eine Kanüle aus ihrer Einmalverpackung, zog geschickt den Löffelinhalt auf und dann stand er vor Ben, dem das Herz bis zum Hals schlug. Verdammt, er hatte keine Ahnung, was die Typen mit ihm vorhatten, aber was der Maskierte da eben gemacht hatte, war die Zubereitung eines „Schusses“ wie die Junkies sagten. Was war wohl in der Spritze und hatten die vor ihn jetzt damit umzubringen?
    Obwohl-wenn sie das vorgehabt hätten, dann hätten sie ihn und Semir ja bei ihrem Wagen erschießen können-bewaffnet waren sie schließlich- und es war ihnen ja auch problemlos gelungen, sie beide zu überwältigen. Aber Semir und er waren ja der Überzeugung gewesen, sie wären die Jäger und nicht die Gejagten und hatten deshalb jede Vorsicht außer Acht gelassen!


    Ben´s Gedanken schweiften zu Semir. War der noch an der Stelle, wo sie sich festgefahren hatten, oder war der auch niedergeschlagen worden, dann wieder aufgewacht und suchte ihn jetzt schon? Oder hatte er ihn beim Zurückrollen eventuell doch erwischt und Semir lag jetzt hilflos eingeklemmt unter dem Auto und rief erfolglos um Hilfe? Allerdings hätte der doch wohl zumindest geschrien, wenn er ihn erfasst hätte? Obwohl-hätte er das auch gehört, soviel Gas, wie er da gegeben hatte? Wenn seinem besten Freund durch sein fahrerisches Unvermögen irgendetwas passiert war, würde er seines Lebens nicht mehr froh werden! Nie mehr könnte er Andrea unter die Augen treten, er hatte sowieso schon Schuldgefühle, denn nur durch seine Neugier im Wellnessurlaub hatte er sie alle miteinander in eine dermaßen gefährliche Situation gebracht, dass sie das beinahe nicht überlebt hatten. Konnte er nicht einmal einfach wegsehen und vergessen, dass er Polizist war? Den anderen war ja auch nichts aufgefallen und er hatte sozusagen im Urlaub im Alleingang ermittelt, anstatt die Behörden vor Ort von seinen Beobachtungen zu informieren, wie es jeder andere getan hätte. Das waren die Gedanken, die ihm seit Wochen-genau gesagt seit 11 Wochen den Schlaf raubten. Wenn er dann neben Sarah lag und ihr stundenlang beim Schlafen zusah, sein Kind durch ihren Bauch hindurch berührte und sich das immer in seine Hand schmiegte, dann war er einen kurzen Moment glücklich, um dann wieder zu grübeln und sich Sorgen zu machen. Sarah hatte sich zwar wieder gut erholt, so wie er körperlich auch, obwohl ihn eine große hässliche Narbe auf seinem Bauch noch an die Attacke des Chemikers mit dem Messer erinnerte, aber jetzt hatte er alle Hoffnung darauf gesetzt, wieder zur Ruhe zu kommen, wenn er sich im Beruf zuvor ausgepowered hatte.
    Es war auch schön, mit Semir wieder auf Streife zu gehen und den Alltag zu erleben, aber an seinen Schlafstörungen hatte das leider nichts geändert. Sarah hatte gewollt, dass er zum Psychologen ging, genauso wie Andrea das Semir vorgeschlagen hatte, aber sie beide waren gebrannte Kinder, weil sie da schon unliebsame Erfahrungen gemacht hatten und letztendlich den Psychologen vor einer Gangsterbande retten mussten, die den verfolgt hatte, weil er unbeabsichtigt ein brisantes Foto geschossen hatte-also mit so einer Psychoscheiße konnten sie beide nichts anfangen. Sie waren schließlich Männer und ein Mann konnte seine Probleme selber lösen-Punkt!


    Als die beiden Entführer nun näher traten, war Ben, dessen Gedanken abgeschweift waren, wie sie es zur Zeit so oft taten, plötzlich wieder in der Realität. „Was habt ihr mit mir vor?“ fragte er mit einem Kloß im Hals und der Unmaskierte grinste ihn höhnisch an. „Wart´s ab!“ sagte er spöttisch und schnitt die Kabelbinder, die seine Arme fesselten, auf. „Wag´s ja nicht, dich jetzt zu wehren-wir kennen deine Adresse und werden sonst deine Familie finden und dafür bestrafen!“ sagte der Maskierte und Ben nickte eingeschüchtert. „Ach ja und du kannst ruhig schreien-hier wird dich niemand hören!“ sagte der andere noch, während er schon eine Stauung an Ben´s Oberarm anbrachte. Ben überlegte fieberhaft, was er tun sollte. Wenn er sich wehrte, würde er es schaffen, die beiden Männer gleichzeitig zu überwältigen? Früher wäre das für ihn keine Frage gewesen, er hätte es einfach versucht, aber jetzt hatte er die Befürchtung, das nicht zu schaffen und wenn nur einer der beiden entkam und dann Sarah und dem Baby etwas antat, würde er mit dieser Schuld sein Leben lang nicht zurechtkommen. So blieb er also ruhig und sah beinahe fasziniert zu, wie die Nadel sich in seine pralle Vene senkte und der Inhalt der Spritze sich dorthin entleerte.

  • Beinahe sofort wurde ihm warm. Er merkte, wie das Mittel sich in seinen Venen ausbreitete, als man den Stauschlauch entfernte und dann hatte er das geilste Gefühl in seinem Leben. Er war völlig schwerelos, schwebte über seinem Körper, nein mit seinem Körper und alles war plötzlich ganz leicht. Keine Ahnung, warum er sich je Sorgen gemacht hatte, alles war einfach wundervoll und jeder einzelne Mensch auf der Welt sein Freund. Es fühlte sich besser an, als jeder Orgasmus, alle Sorgen verblassten und machten nur einem allumfassenden Glücksgefühl Platz. Ein Lächeln überzog sein Gesicht und als er etwas sagen wollte, lallte er nur unverständlich. Allerdings konnte er schon verstehen, was seine neuen Freunde zu ihm sagten: „Du musst uns nicht suchen-sondern wir werden auf dich zukommen!“ sagte der Maskierte eindringlich, nickte dann seinem Komplizen zu und sie stiegen aus dem Fahrzeug. Der Fahrer hatte zuvor noch begonnen, mit einem Lappen ihre Fingerabdrücke überall abzuwischen und Ben hatte ihm bei dieser Tätigkeit zugesehen, ohne zu kapieren, was der gerade machte. Für ihn war das ein Tanz, was der andere Mann da aufführte und er hätte nicht übel Lust gehabt, da mitzutanzen. Dann löschten die Männer die Innenbeleuchtung und so blieb Ben im Laderaum des Van zurück. Er konnte nach draußen sehen und durch die lückenhafte Bretterwand der Scheune brach sich das helle Licht der Mittagssonne in Streifen und Ben verbrachte verzückt einige Zeit damit, das zu beobachten. Ein wenig Stroh war in der Ecke aufgeschlichtet und während Ben im Unterbewusstsein die Geräusche eines startenden Wagens mitbekam, was ihn allerdings überhaupt nicht interessierte, nahm das Formen an und begann sich zu bewegen und ebenfalls zu tanzen. Ben hatte Lust zu singen und irgendwann tat er das auch voller Insbrunst. Er fühlte sich sauwohl und nach einiger Zeit schlief er dann ein, um mehrere Stunden später erholt zu erwachen. Wie lange hatte er schon nicht mehr so befreit geschlafen? Es war Ewigkeiten her. Seinen Körper durchfloss neue Energie und als er völlig wach war, sah er sich nach etwas um, mit dem er die Fußfesseln durchschneiden konnte und tatsächlich lag da sogar ein wenig Werkzeug herum, mit dem er sie, nachdem er aus dem Auto gehoppelt war, durchtrennen konnte. Er reckte sich und fand, dass es ihm gut ging. Darum schob er das Stadeltor ein Stück auf und machte sich auf den Weg. Er folgte dem Feldweg, bis er nach wenigen Minuten an eine kleine Straße kam. In der Ferne sah man ein kleines Dörfchen liegen und der Ort, an dem er versteckt gewesen war, war eine frei stehende Feldscheune gewesen. Er folgte dem Sträßchen und als nach einiger Zeit ein alter 190er Mercedes Diesel sich von hinten näherte, hob er den Daumen und tatsächlich hielt der Mann darin-ein Bauer mit Hut-an und nahm ihn ein Stück mit. Dann stieg er in ein anderes Fahrzeug um, das ihn mit nach Köln nahm und dort erreichte er mit öffentlichen Verkehrsmitteln seine Wohnung. Er summte die ganze Zeit fröhlich vor sich hin, fühlte sich gut und erholt wie lange nicht mehr und freute sich darauf, Sarah zu sehen.


    Als er die Tür aufschloss, kam sie freudig mit geröteten Wangen aus der Küche, wo sie gerade ein leckeres Abendessen vorbereitet hatte. „Du bist ja schon da!“ sagte sie. „Kannst gleich mal den Tisch decken, in zehn Minuten können wir essen!“ bat sie und Ben erledigte das auch sofort. Als sie wenig später zusammen aßen, sah Sarah Ben prüfend an: „Hattest du heute einen guten Tag?“ fragte sie, denn ihr war sofort aufgefallen, dass Ben´s Stimmung wesentlich besser war, als die ganzen letzten Wochen-und Ben antwortete: „Kann man so sagen!“ um dann mit Appetit weiter zu essen. Kaum hatten sie gemeinsam den Tisch abgeräumt und die Spülmaschine eingeräumt, läutete es an der Haustür und Sarah ging, um aufzumachen.


    Semir, ein ein wenig unkonzentrierter Hartmut und die Uniformierten versuchten derweil verzweifelt eine Spur von Ben zu finden. Semir, der ja immer noch dreckverschmiert war, war Gott sei Dank eingefallen, dass im Kofferraum von Ben´s Wagen immer eine Garnitur Wechselwäsche lag, wie ebenfalls im BMW und auch in der PASt. Wie oft waren sie bei ihren Einsätzen schon nass oder schmutzig geworden und froh gewesen, sich dann umziehen zu können und so machte er es auch diesmal. Allerdings gab es ihm einen Stich als er die Tüte mit Ben´s Sachen danebenliegen sah. Wo war der und wie ging es ihm? Warum hatten die Typen ihn mitgenommen? Hatten sie ihn erkannt und das war vielleicht ein persönlicher Racheakt, oder war er ein Zufallsopfer? Würden bald irgendwelche Lösegeldforderungen eingehen, oder würde Ben für immer verschwunden bleiben?
    Semir hoffte nur, dass der Arme nicht gerade gefoltert wurde, denn das hatte er im letzten Jahr leider mehrfach erleben müssen und war immer noch nicht drüber weg, wie Semir sehr wohl bemerkt hatte. Allerdings hoffte er, dass die Zeit, die ja angeblich alle Wunden heilte, für Ben arbeiten würde und dass die nahende Geburt seines Kindes ihn auf andere Gedanken bringen würde.


    Bevor er Sarah informierte, ließ Semir sich in die PASt bringen und ihr Spezialist fertigte am Computer nach Semir´s Angaben ein Phantombild des Verbrechers vom Rastplatz an, das sie dann durchs System jagten, allerdings ohne Erfolg. Die Kennzeichen des Wagens waren anscheinend Doubletten, denn das Fahrzeug, das darauf zugelassen war, war ein roter Skoda Fabia und als dort Uniformierte vor der Tür standen, führte der Besitzer des Fahrzeugs die Beamten zu seinem um die Ecke geparkten Wagen, der aber völlig unversehrt und mit Originalkennzeichen versehen war.
    Während es Semir immer mehr vor dem Gespräch mit Sarah graute, schwärmten einige uniformierte Polizisten in die umliegenden Dörfer aus und befragten die Menschen, ob sie den Mercedesbus am Mittag gesehen hatten, allerdings war der niemandem aufgefallen. Auch die Suche nach Fingerabdrücken an der Fahrertür war vergeblich, vermutlich hatten die Täter Handschuhe getragen. Soviel konnte Hartmut nämlich anhand der Spuren herauslesen-es waren mindestens zwei Täter gewesen und irgendwie war Semir fast froh darüber. Wie peinlich wäre das gewesen, wenn er und Ben von einem einzelnen Mann überwältigt worden wären! Einige Schuhabdrücke hatte man sichergestellt, aber sonst traten die Ermittlungen gerade auf der Stelle. Ben´s Mercedes wurde nach der Spurensicherung vom Geländewagen aus dem Morast gezogen und ein Polizist brachte ihn zur PASt zurück. Kim Krüger war auch sehr besorgt um ihren Mitarbeiter und bot sich an, mit Semir zu Sarah zu gehen, aber der schüttelte den Kopf. „Nein Frau Krüger, das ist meine Aufgabe!“ sagte er bestimmt und machte sich schweren Herzens-inzwischen war es früher Abend geworden-in seinem BMW auf den Weg.

  • Als Sarah die Wohnungstür öffnete, stand Semir mit Leichenbittermiene vor ihr. „Semir, was ist passiert?“ fragte sie erschrocken und der sagte, weil man ein solches Gespräch schließlich nicht zwischen Tür und Angel führen konnte: „Kann ich reinkommen, Sarah?“ und sie trat einen Schritt zurück und machte damit die Wohnungstür frei. Gerade wollte Semir, der sich auf der ganzen Fahrt hierher die passenden Worte zurechtgelegt hatte, der überlegt hatte, ob das Kind wohl schon groß genug war, um zu überleben, wenn es zur Frühgeburt kam und was genau er Sarah eigentlich sagen sollte, was nicht all zu pessimistisch klang, loslegen, da erstarrte er beinahe zur Salzsäule, denn in diesem Moment bog Ben um die Ecke. Semir verschlug es einen Augenblick die Sprache, er meinte, seinen Augen nicht trauen zu können und musste dieselben erst einmal schließen, um sie dann nochmal aufzumachen, nur um dasselbe Bild immer noch vor sich zu haben. Sarah, der das Entsetzen ihres Freundes bei Ben´s Anblick durchaus auffiel, sagte: „Semir, was ist los, du schaust aus, als hättest du einen Geist gesehen?“ und der ließ sich nun völlig geschafft aufs Sofa fallen. Ben, der augenblicklich ein fürchterlich schlechtes Gewissen hatte, beeilte sich zu sagen: „Semir, ich hätte dich jetzt dann gleich angerufen, aber als ich heimgekommen bin, hatte Sarah gerade das Essen fertig und das wollte ich nicht kalt werden lassen!“ und nun verschlug es Semir endgültig die Sprache.


    Sarah, die von einem zum anderen geblickt hatte, zog nun Ben mit sich, der nun ebenfalls auf der Sitzecke Platz nahm. „Raus mit der Sprache, was ist mit euch beiden los?“ begehrte sie nun zu wissen, denn man konnte die Spannungen in der Luft spüren. „Sarah, ich wollte dich nicht beunruhigen, deshalb habe ich erst nichts gesagt, ich hätte es dir jetzt aber schon erzählt. Semir und ich haben heute zwei Männer in einem Fahrzeug verfolgt und da habe ich mich auf einem Waldweg festgefahren. Während Semir versucht hat, das Auto anzuschieben, haben die uns beide überwältigt und mich mitgenommen!“ erklärte er und vermied das Wort Entführung, denn das klang irgendwie so krass.
    „Und wie kommst du jetzt hierher und tust so, als wäre nichts gewesen, sitzt gemütlich mit deiner Partnerin beim Essen, während draußen die halbe Kölner Polizei nach dir sucht und ich und die Besatzung der PASt vor lauter Sorgen graue Haare kriegen?“ wurde Semir nun mit jedem Wort lauter. Zum Schluss schrie er beinahe: „Bin ich dir nicht einmal einen kleinen Telefonanruf wert, so zum Beispiel: „Semir, es geht mir gut, du musst dir keine Sorgen machen, ich bin da und da und du kannst mich abholen-oder so was in der Art!“ steigerte er sich nun noch im Tonfall und Ben blickte, halb schuldbewusst, aber dann doch wieder zornig zu Boden, während er nervös seine Hände rieb. „Ich habs dir ja schon gesagt, ich hätte dich jetzt dann gleich angerufen, aber ich wollte Sarah nicht beunruhigen!“ verteidigte er sich und nun sahen beide Männer auf sie, die schützend ihre Hände auf ihren Bauch gelegt hatte. „Schreit hier nicht so rum, das tut dem Baby nicht gut!“ mahnte sie leise und Ben sprang auf und beugte sich über sie: „Geht´s dir gut Schatz?“ wollte er wissen. „Leg dich ein wenig hin, auf den Schreck!“ riet er und drehte sich dann wütend zu Semir um. „Schau, was du angerichtet hast! Genau das wollte ich vermeiden!“ fuhr er ihn an und nun blieb Semir der Mund offen stehen. Er versuchte nach Worten zu ringen, aber Ben sagte nur grob: „Geh jetzt, ich muss mich um meine Familie kümmern. Ich komme morgen früh ins Büro und da erzähle ich euch, was passiert ist und wo ich gesteckt habe. Aber jetzt sind andere Dinge wichtig!“ und bis Semir sich versah, stand er im Hausflur vor Ben´s Wohnung und murmelte fassungslos: „Jetzt hat er mich auch noch rausgeschmissen!“


    Kurz überlegte er noch, aber dann drehte er sich um und ging langsam die Treppe hinunter.Im Auto angekommen, zückte er sein Handy und rief Frau Krüger an: „Chefin, sie können die Fahndung nach Ben abblasen!“ teilte er ihr mit und die verstand erst gar nicht, was Semir ihr mitteilen wollte. „Warum sollen wir die Suche einstellen?“ wollte sie nun von ihrem Kollegen wissen. „Weil der zuhause gemütlich auf dem Sofa sitzt, während wir hier alle Hebel in Bewegung setzen, vor Sorgen beinahe eingehen und Magenschmerzen kriegen bei der Suche nach ihm!“ rief Semir nun in aggressivem Ton ins Telefon. Die Chefin kriegte gerade das Fett ab, das eigentlich Ben zugestanden hätte, aber sie hatte durchaus Verständnis für Semir´s Sorge und Wut. „Das ist aber merkwürdig!“ sagte sie nachdenklich, ohne auf seinen Tonfall einzugehen. „Wo war er dann die ganze Zeit und wie ist er nach Hause gekommen?“ wollte sie wissen, aber Semir konnte ihr nur erklären, was Ben ihm mitgeteilt hatte. „Gut, dann machen sie jetzt ebenfalls Feierabend Herr Gerkhan, ich werde die Suche beenden und dann werden wir morgen im Büro hören, was er uns zu erzählen hat!“ sagte sie und Semir ließ das Telefon sinken. Einen Moment überlegte er noch, ob er nochmals raufgehen sollte, aber dann versteinerte seine Miene und er startete stattdessen den Motor und verließ mit durchdrehenden Reifen den Parkplatz vor Ben´s Haus.


    Der hatte Sarah inzwischen eine Wolldecke und eine Wärmflasche gebracht, denn die hatte sich wirklich aufgeregt und er sah nun hinter der Gardine seinem Kollegen nach, wie der davonbrauste.„Ben und ich will jetzt wissen, was genau dir passiert ist!“ begehrte Sarah nun auf und seufzend setzte Ben sich neben sie aufs Sofa, strich ihr liebevoll eine Haarsträhne aus dem Gesicht und erzählte ihr-na ja, zumindest einen Teil- der Wahrheit.
    „Ich wurde von zwei Typen niedergeschlagen und in deren Kleinbus gezerrt. Als ich wenig später wach wurde, haben sie das Fahrzeug in einer Feldscheune versteckt und sind dann abgehauen. Mich haben sie drinnen gefesselt zurückgelassen, aber irgendwann konnte ich mich befreien und bin dann per Anhalter und öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause zurückgefahren.“ erzählte er die Kurzform und Sarah sah ihn entgeistert an: „Und warum hast du Semir nicht verständigt?“ wollte sie wissen. „Wie ich ihm schon gesagt habe, ich wollte dich nicht beunruhigen und hätte das dann gleich erledigt, er kam lediglich ne Minute zu früh!“ verteidigte sich Ben und nun war sein Tonfall schon ein wenig schuldbewusst. „Lass mal sehen-wohin hast du denn den Schlag auf den Kopf gekriegt!“ befahl Sarah und richtete sich auf. Folgsam präsentierte ihr Ben seine Beule an der Schläfe, aber als Sarah die betastete, konnte sie nichts Auffälliges feststellen. „War´s dir danach mal schlecht, oder hast du Kopfschmerzen?“ wollte sie nun wissen, denn manchmal konnte ein Schädel-Hirn-Trauma solche merkwürdigen Verhaltensweisen hervorrufen, aber Ben verneinte. So gingen sie bald zu Bett und Ben konnte erst ganz gut einschlafen, aber in den frühen Morgenstunden lag er wieder, wie immer die letzten Wochen, wach neben Sarah und wünschte sich irgendwas, damit er wieder schlafen konnte-so wie in der Scheune. Er wurde von Stunde zu Stunde unruhiger, vermied es aber, sich da allzu detaillierte Gedanken darüber zu machen. Verdammter Mist, wo war er da nur hineingeraten?

  • Am nächsten Morgen standen Sarah und Ben auf und gingen nacheinander duschen. „Und, wie hast du geschlafen?“ fragte Sarah. Ihr war es nicht entgangen, dass Ben immer in den letzten Wochen bereits wach war, wenn sie langsam und genüsslich aufwachte. Früher hatte er immer länger geschlafen als sie und war oft nur mit Mühe wach zu kriegen gewesen. Er hatte den Wecker ausgeschaltet, sich einfach umgedreht und dann weitergeschlafen. Von Semir, der da oft der Leidtragende war, hatte er deshalb einen riesigen altmodischen Aufziehwecker im Retrostyle geschenkt gekriegt, der mit Donnergetöse loslegte, so dass sie vor Schreck beinahe aus dem Bett gefallen wäre, als der plötzlich morgens losging, als sie mit Ben erst kurz zusammen gewesen war. Ben hatte den auch noch so aufgestellt, dass man ihn vom Bett aus nicht erreichen konnte, sondernd zwingend aufstehen musste, um ihn zum Schweigen zu bringen, denn wie er ihr gebeichtet hatte, waren sonst schon mehrere Vorgängermodelle an der Wand zerschellt. Seinen Wecker im Handy pflegte er im Unterbewusstsein auszuschalten-wenigstens das schmiss er nicht durch die Gegend.
    Nun aber war er seit längerem immer schon wach, wenn sie erwachte. Sie schlief üblicherweise schon gut, hatte auch mit dem Aufstehen keinerlei Probleme, aber seitdem sie schwanger war, verlangte ihr Körper auch nach wesentlich mehr Schlaf als sonst und so hatte sie es auch nicht als verwunderlich empfunden, dass Ben meistens schon vor ihr wach war. Nur selten schlief er aber so fest, dass er nicht erwachte, wenn sie nachts aus dem Bett krabbelte, um zur Toilette zu gehen-leider auch eine Nebenwirkung der Schwangerschaft. Früher war er nicht einmal wach geworden, wenn ihr Wecker vor der Frühschicht geläutet hatte, was meistens so gegen 4.30 Uhr der Fall gewesen war, aber jetzt hatte er einfach einen viel leichteren Schlaf, warum auch immer!


    Obwohl-wenn sie so darüber nachdachte, war das eigentlich so, seitdem sie beide im Wellnessurlaub beinahe getötet worden wären und Ben dabei furchtbare Qualen hatte ertragen müssen. Die Monate vorher hatte sich das schon angebahnt, auch da war er entführt worden und in einer alten Burg schwer misshandelt worden, aber so einigermaßen hatte er sich danach wieder gefangen, auch weil er sich so wahnsinnig auf ihr gemeinsames Kind freute. Die letzten Wochen allerdings waren happig gewesen. Nun war er ja krankgeschrieben gewesen und hatte dann manchmal am Nachmittag ein kurzes Nickerchen auf dem Sofa gemacht und dann hatte es sie auch nicht sonderlich gewundert, wenn er abends erst mal nicht einschlafen konnte, so ging ihr das auch oft. Dann allerdings schob Sarah die trüben Gedanken zur Seite und bereitete das Frühstück vor und während Ben nur lustlos in seinem Müsli herumstocherte, aber mehrere Tassen Kaffee dafür trank, genoss sie die erste Mahlzeit des Tages.


    „Kannst du mich vielleicht zur Arbeit fahren?“ fragte er sie dann und Sarah bejahte ein wenig verwundert. Wenn er seinen Dienstmercedes nicht dabei hatte, holte ihn normalerweise Semir ab, denn es war für den kein großer Umweg auf dem Weg zur Arbeit bei ihnen vorbeizukommen. Allerdings konnte Sarah das jetzt schon verstehen, dass sich Ben ein wenig genierte nach dem Auftritt gestern und so zog sie sich nach dem Frühstück sorgfältig an und beschloss im Anschluss gleich noch ein paar Einkäufe zu erledigen. Ben hatte, obwohl es ein warmer Tag zu werden versprach, ein langärmliges weißes Shirt an und die Lederjacke hing über seinem Arm. So stiegen sie in Sarah´s Polo und wenig später ließ sie ihn vor der PASt raus. Ben hatte sich, bevor sie losgefahren waren, verstohlen umgesehen, aber nichts weiter entdecken können. Allerdings war er sich nicht ganz darüber im Klaren, ob das jetzt gut oder schlecht war. Dann war er auch abgelenkt, weil er ja nun ein unangenehmes Gespräch mit Semir und der Chefin vor sich hatte und damit waren seine Gedanken nun beschäftigt und ließen kaum Raum für etwas anderes.


    Kaum in der PASt angekommen, was fast gleichzeitig mit Semir geschah, der immer noch zornig war und ihm nicht mehr als ein kurzes „Morgen!“ zukommen ließ, bat die Chefin die beiden Mitarbeiter in ihr Büro und forderte sie auf, Platz zu nehmen. „Also Herr Jäger-erst einmal schön, dass sie wieder da sind-da haben sie uns gestern ja einen ganz schönen Schrecken eingejagt!“ sagte sie freundlich, denn sie würde sich jetzt erst einmal anhören, was ihr Kollege zu erzählen hatte, bevor sie ihn irgendwie verurteilte. Dass die Stimmung zwischen Gerkhan und Jäger nicht die Beste war, konnte jeder spüren, der sich in deren Nähe aufhielt, aber das würde sich schon wieder einrenken-da war die Krüger sich fast sicher. Die beiden waren sonst wie Pech und Schwefel und diese kleine Verstimmung würde wohl auszuräumen sein.
    „Und jetzt erzählen sie uns mal, wo sie gestern den ganzen Nachmittag gesteckt haben!“ forderte sie ihn auf und Ben begann zu berichten: „Als ich mich auf dem Waldweg festgefahren hatte, war ich schon beinahe wieder draußen. Semir hat geschoben wie ein Stier und es fehlte nur noch ein kleiner Ruck und dann wären wir wieder flott gewesen, aber plötzlich kam von hinten kein Schub mehr und das Auto ist zurückgerollt. Ich bin erst mal furchtbar erschrocken, weil ich befürchtet hatte, Semir wäre irgendwie unter das Fahrzeug gekommen und dort eingeklemmt und wollte gerade aussteigen, als mir plötzlich die Tür aus der Hand gerissen wurde und ich mit einem Schlag gegen die Schläfe ausgeknockt wurde. Als ich wieder erwachte-viel Zeit kann gar nicht vergangen sein seitdem-lag ich gefesselt in dem Mercedesbus und ein maskierter Mann im Anzug hielt mich mit einer Waffe in Schach. Wenig später ist das Auto in einem freistehenden Feldstadel versteckt worden und nachdem meine beiden Entführer noch ihre Fingerabdrücke überall abgewischt hatten, haben sie mich dort zurückgelassen und sind mit einem anderen Fahrzeug, von dem ich aber nur das Motorengeräusch hören konnte, verschwunden.“ erzählte er. Inzwischen war ihm nämlich klar geworden, was der unmaskierte Mann da aufgeführt hatte und das war beileibe kein Tanz gewesen, wie er im Drogenrausch zunächst gedacht hatte.
    „Nachdem ich mehrere Stunden versucht habe, mich zu befreien, ist mir das auf einmal gelungen und so bin ich aufgestanden und zur nächsten Straße gelaufen. Dort hat mich ein Mann per Anhalter mitgenommen und als ich in seinem Dorf ausgestiegen bin, hat sich gerade dessen Nachbar nach Köln zur Nachtschicht aufgemacht und mich gleich einsteigen lassen. Irgendwie war ich von dem Schlag auf den Kopf noch so verwirrt, dass ich ohne groß nachzudenken mitgefahren bin und dann mit U-Bahn und Bus schneller zu Hause war, als ich meine Gedanken ordnen konnte. Da hatte meine Lebensgefährtin gerade das Essen fertig und weil ich die nicht beunruhigen wollte, habe ich erst mit ihr gegessen und wollte mich dann gerade in der Zentrale melden, als plötzlich Semir vor der Tür stand und mir eine Standpauke gehalten hat. Es tut mir auch leid-inzwischen weiss ich, dass ich mich sofort hätte melden sollen, aber ich war wirklich noch ein wenig verwirrt von dem Schlag auf den Kopf!“ entschuldigte er sich und wies auf eine Beule an der Schläfe, die sich inzwischen blau verfärbt ausmachen ließ. „Hat sich das ein Arzt angeschaut?“ wollte die Krüger wissen, aber Ben schüttelte den Kopf. „Meine Freundin hat sich das angesehen und wenn die mich nicht ins Krankenhaus schleppt, ist das halb so schlimm!“ gab er Bescheid und da musste ihm Semir innerlich schmunzelnd, zustimmen.


    Er war inzwischen wieder besänftigt, denn Ben ließ Reue erkennen und hatte inzwischen wohl eingesehen, dass er sich sofort hätte melden sollen. „Meinen sie, sie finden die Scheune, wo sie versteckt waren?“ fragte nun die Chefin und Ben nickte. „Ich denke schon!“ sagte er und die Chefin sah Semir und ihn nun auffordernd an. „Dann machen sie sich mal auf den Weg dorthin und wenn sie was gefunden haben, soll Hartmut das Fahrzeug und sein Versteck auf den Kopf stellen!“ ordnete sie an und Semir und Ben nickten. Im Hinausgehen zeigte Semir seinem Freund noch das Phantombild seines unmaskierten Entführers und Ben konnte den darauf sofort erkennen. „Das ist sehr realistisch!“ lobte er, aber innerlich hatte er ein ganz komisches Gefühl dabei.
    „Der verunglückte Drogenkäufer war übrigens in der Szene als Dealer bekannt. Aus der Toilette konnten leider keine Spuren des Pulvers geborgen werden, denn als sie uns vom Mercedes aus den Tipp gegeben haben, welche Kabine das war, hatte die Toilettenfrau leider ihr Dienstgeschäft schon wieder aufgenommen und sorgfältig alle Spuren weggeputzt. Wir wissen also nicht, um welche Drogen es sich gehandelt hat und bisher konnten wir auch keine Verbindung des Toten mit den Entführern nachweisen!“ rief ihnen die Chefin noch nach, aber dann machten sich Semir und Ben, diesmal im BMW, auf, um nach dem Versteck des Busses zu suchen.

  • Ben kannte ja den Namen des Dörfchens, bis wohin ihn der Bauer mitgenommen hatte und von dort folgten Semir und er der wenig befahrenen Landstraße. „Jetzt tu langsam-da irgendwo müsste ein Weg weggehen!“ befahl Ben und tatsächlich hatten sie wenig später die Feldscheune entdeckt. Vorsichtig musterten Semir und Ben die Umgebung, gaben sich beim Aussteigen gegenseitig Deckung, aber anscheinend war niemand in der Nähe. Ihre Schutzwesten hatten sie vorsichtshalber auch angelegt, aber es wäre unnötig gewesen, denn die Scheune war verlassen und als die beiden Polizisten durch das nicht völlig verschlossene Schiebetor ins Innere schlüpften, stand dort auch der Mercedesbus mit den geöffneten hinteren Türen, wie Ben ihn am Vorabend verlassen hatte. Semir zückte sein Telefon. „Susanne, wir haben das Fahrzeug und das Versteck, wo Ben gefangen gehalten wurde, du kannst Hartmut auf den Weg schicken!“ sagte er und gab noch die genauen Koordinaten durch, damit Hartmut auch die richtige Abzweigung an der Straße finden konnte. Ohne etwas zu berühren sahen sich die beiden Männer noch um und Ben musterte eine ganze Weile das in der Ecke aufgeschichtete Stroh. Gestern hätte er schwören können, dass das lebte und sich bewegt hatte, aber heute lagen da nur einige Büschel und das wars. Er war beinahe versucht, Semir von seinem gestrigen Drogenrausch zu erzählen, aber dann sagte er doch nichts-warum, wusste er eigentlich nicht. Für ihn war auch dieser Ort überhaupt nicht negativ belastet, sondern hier hatte er die geilste Erfahrung seines Lebens gemacht, nur würde das schwer sein, seine Freunde und Kollegen dafür zu begeistern.
    In Ben wohnten zwei Seelen. Die eine war der korrekte Polizist, der sein Leben dem Kampf gegen das Verbrechen verschrieben hatte und der andere-dieser private Ben, war ein Mensch mit Stärken und Schwächen, mit Fehlern und Gefühlen, der gestern zum ersten Mal seit langem wieder so etwas wie Frieden und Glück empfunden hatte. Das sollte sein persönliches, privates Geheimnis bleiben, beschloss er. Er würde dankbar sein, dass er sowas hatte erleben dürfen und so feststellen konnte, dass das Leben durchaus noch schön und lebenswert war. Er atmete tief durch und als Hartmut kam, erzählte er ihm und dessen Helfer genau, wo er gefesselt gewesen war und wie er frei gekommen war. Hartmut, der immer noch gehetzt und unkonzentriert wirkte, und sein Technikerkollege machten ihren Job und nachdem ihnen die beiden Polizisten dabei nicht helfen konnten, meldeten sie sich wieder zur Verfügung und gingen ihrer normalen Arbeit auf der Autobahn nach.


    Ben ertappte sich, dass er immer wieder sehnsüchtig auf die Uhr sah, wann denn endlich Feierabend wäre. Semir, dem das auffiel fragte: „Ben, was ist los-warum hast du´s denn so eilig nach Hause zu kommen?“ wollte er wissen und Ben gab vor, nun doch noch Kopfschmerzen zu haben. So fuhren sie ein wenig früher als sonst zur PASt zurück, Ben übernahm wieder seinen Dienstmercedes und es war noch nicht 16.00 Uhr, da bog er in seine Straße ein und öffnete mit der Fernbedienung das Tor zur Tiefgarage. Wie ein Schatten löste sich eine Gestalt aus der dunklen Ecke bei den Mülltonnen, die dort anscheinend auf ihn gewartet hatte. Es war der unmaskierte Mann, der ihn gestern mit entführt hatte. Seelenruhig ging er an dem Fahrzeug vorbei voraus in die Tiefgarage, die sehr wenig frequentiert war, da die zwanzig Stellplätze dort ja nur den Wohnungseigentümern gehörten, die aber zu sehr unterschiedlichen Zeiten kamen und gingen und Ben folgte ihm mit dem Wagen. Das Tor schloss sich wieder hinter ihnen, denn Ben konnte über eine Treppe mit seinem Schlüssel direkt ins Haus gelangen und er wusste selber nicht, warum er nicht sofort zum Telefon griff, seine Kollegen verständigte und den Mann festnahm. Der öffnete die Beifahrertür und schlüpfte zu Ben ins Fahrzeug.


    „Wie geht´s dir?“ wollte er wissen, aber Ben schwieg eine Weile beharrlich, bis er dann sagte. „Der Bus wird gerade untersucht-ich habe meine Kollegen dorthin geführt!“ aber der Mann zuckte nur mit den Schultern. „Das haben wir auch nicht anders erwartet, das ist auch in Ordnung und falls wir trotzdem irgendwelche Hinweise auf unsere Identität dort vergessen hätten, wirst du die verschwinden lassen!“ stellte er fest und Ben wollte gerade aufbegehren, aber dann schwieg er. „Ich habe hier was für dich!“ sagte der Mann und zog langsam eine gefüllte Spritze aus seiner Tasche. Ben´s Atem ging schneller-er wollte das eigentlich nicht, aber andererseits war das Ding, was der Mann in der Hand hielt der Schlüssel zu seinem persönlichen Glück. Er hatte widerstehen wollen, aber sein Atem ging nochmals schneller und unbewusst leckte er sich mit der Zunge über die Lippen. Einmal-nur ein einziges Mal noch frei sein-in der Nacht gut schlafen können-warum sollte er sich das nicht gönnen? Wie in Trance schob er seinen Ärmel hoch und präsentierte seinen Arm, aus dem durchs Training die Venen wie Wasserschläuche hervortraten, dem Mann auf dem Beifahrersitz. Der nahm einen Stauschlauch aus der Tasche, nahm die Schutzhülle von der Nadel und versenkte die in Ben´s Arm. Als er wenig später die Stauung löste und wieder aus dem Wagen schlüpfte, nicht ohne zuvor Ben´s Schlüssel zur Schließanlage kurz an sich genommen zu haben, sank Ben mit glasigen Augen und glücklichem Gesichtsausdruck in die Polster seines Wagens zurück. Der andere Mann sperrte die Tür zum Treppenhaus auf, hielt sie mit einem herumliegenden Ziegelstein kurz geöffnet, kam dann wieder zu Ben zurück, legte ihm den Schlüssel auf den Beifahrersitz und stellte sogar den Fahrersitz ein wenig flacher, um dann wieder durch den Hausflur zu verschwinden. „Bis morgen!“ hatte er ihm zum Abschied noch zugerufen, aber er war sich nicht sicher, ob Ben das gehört hatte, der gerade wieder auf Wolke sieben schwebte.


    Ben wurde wieder von dem allumfassenden Glücksgefühl gefangen gehalten. Diese Tiefgarage war ein wundervoller Ort-er hatte sich dort schon immer wohl gefühlt! Mit tiefen Atemzügen atmete er die süßeste Luft ein, die er je gerochen hatte, in seinem Kopf sangen abwechselnd Engelschöre und harte Rockbands. Kurt Cobain spielte mit seinem unnachahmlichen Riff ein Gitarrensolo und sang mit seiner wunderbaren Stimme dazu, dass Ben vor Vergnügen erschauerte und diesmal hatte er das Gefühl, das Armaturenbrett seines Wagens würde leben. Als die ersten Hochgefühle abflauten, sah er auf die Uhr. Eine halbe Stunde hatte sein Trip gedauert und als er nun ausstieg, war er schon noch ein wenig unsicher auf den Beinen. Er ging trotzdem nach oben, aber als Sarah ihn zur Begrüßung küssen wollte, wies er sie ab und sagte. „Tut mir leid Schatz, aber ich habe fürchterliche Kopfschmerzen und möchte mich ein wenig hinlegen!“ was er auch gleich machte. In Jeans und Shirt legte er sich aufs Sofa und war wenige Sekunden danach tief und fest eingeschlafen. Sarah sah ein wenig ratlos auf ihn, aber als er auch nach zwei Stunden immer noch fest schlief, aß sie alleine von dem Grillhähnchen mit Salat, das sie mitgebracht hatte und machte dann den Fernseher an. In der Nacht zog Ben ins Schlafzimmer um, aber sonst schlief er bis zum nächsten Morgen durch und Sarah hatte ihn schon lange nicht mehr so erholt gesehen.„Tut mir leid Schatz, dass ich gestern kein guter Gesellschafter war, aber ich hatte so Kopfschmerzen und war so müde, ich musste mich einfach hinlegen!“ entschuldigte er sich und Sarah lächelte ihn an. „Ich hoffe, du hast mal wieder richtig ausgeschlafen!“ sagte sie, denn Ben war tatsächlich über vierzehn Stunden richtig weg gewesen und er nickte bestätigend mit dem Kopf. Im ersten Moment hatte Sarah sogar gedacht, er wäre betrunken gewesen, weil seine Augen ein wenig glasig erschienen waren, aber weil sein Atem nicht nach Alkohol gerochen hatte, hatte sie diese Theorie dann schnell verworfen. Immerhin war er am Vortag erst entführt worden, warum sollte er sich nicht endlich mal richtig ausruhen? Sie gönnte es ihm ja und hatte ebenfalls selig geschlafen, obwohl das Kind in ihrem Bauch einmal nächtliche Leberhaken verteilt hatte. Aber irgendwann war auch das Baby wieder zur Ruhe gekommen, obwohl heute sein Papa nicht seine Hände auf ihren Bauch gelegt hatte, was sonst hervorragend funktionierte und das Kind immer schnell beruhigte. So war Sarah immer noch völlig ahnungslos, als sich Ben nach drei Tassen Kaffee, aber ohne etwas zu essen, in die Arbeit verabschiedete.

  • In der PASt lief der Alltag weiter, als ob nichts geschehen wäre. Semir fiel auch heute wieder auf, dass Ben unkonzentriert wirkte und gerade am Nachmittag häufig auf die Uhr sah. „Hast du heute noch was vor?“ fragte er ihn deshalb, aber Ben verneinte. Als sie am frühen Abend zurück in die PASt kamen, wurden alle Mitarbeiter zu einer Lagebesprechung zusammengetrommelt. Ein fremder Mann, der ihnen allen unbekannt war, wurde von der Chefin vorgestellt. „Das hier ist Herr Bauer vom Drogendezernat, er möchte sie gerne auffordern, die Augen offen zu halten-aber den Rest wird er ihnen selber erzählen!“ führte sie ihn ein. Der Zivilbeamte dankte ihr mit einem Nicken und hob dann an zu sprechen. „Wie ihnen wahrscheinlich bereits bekannt ist, hat das organisierte Verbrechen in Europa Köln und Umgebung zu einem großen Umschlagplatz für Drogen, vor allem Heroin, ausgebaut. Die Ware kommt über vielerlei Handelswege zu uns-teilweise über den Rhein auf Schiffen-und eben auch über die Autobahnen. Wie bei dem Fall vorgestern, als zwei ihrer Mitarbeiter zu Zeugen einer Drogenübergabe wurden und danach überwältigt und entführt wurden-was ja Gott sei Dank ein gutes Ende genommen hat“ erwähnte er mit einem Blick auf Semir und Ben und nickte ihnen lächelnd zu-er hatte sie nach den Fotos sofort erkannt-„werden anscheinend verstärkt Rastplätze entlang der Autobahn als Übergabeorte gewählt. Wir werden jetzt schwerpunktmäßig Razzien dort durchführen, werden mit Drogenspürhunden stichpunktartig die geparkten Fahrzeuge überprüfen, uns verdächtige LKW´s vornehmen und möchten sie allgemein bitten, auf ihren kriminalistischen Spürsinn zu vertrauen. Herr Jäger-Herr Gerkhan, würden sie ihren Kollegen vielleicht erzählen, warum sie gerade auf diese Drogenübergabe aufmerksam wurden?“ bat er die beiden und nach kurzem Räuspern antwortete Semir, während Ben beharrlich schwieg. „Ich kann nicht sagen, warum uns die beiden Männer aufgefallen sind, aber der eine der beiden, der später getötet wurde, hat sich ein wenig furchtsam umgesehen, das hat unser Interesse geweckt!“ erklärte er kurz und Ben nickte bestätigend dazu.


    „Wenn es so einfach wäre, verdächtige Personen herauszufiltern, dann wären wir den Drogenkartellen immer einen Schritt voraus, aber genauso wie wir uns immer neue Strategien ausdenken, werden auch die Schmuggler und die Zwischenhändler immer raffinierter. Uns ist über Informanten zu Ohren gekommen, dass demnächst wieder eine große Ladung im Raum Köln umgeschlagen werden soll, aber etwas Näheres wissen wir darüber noch nicht. Interessant ist auch, dass dieser Mann-nun wurde das Phantombild von Ben´s Entführer, das nach Semir´s Angaben erstellt worden war an die große Computerwand projeziert-bisher noch nicht in Erscheinung getreten ist. Wir wissen nicht, wer das ist und im Polizeicomputer ist er auch bei Interpol nicht aufzufinden. Herr Jäger, haben sich ihre Entführer eigentlich unterhalten, als sie in deren Gewalt waren?“ wollte er nun von Ben wissen. „Ja, aber über was, weiß ich nicht mehr, ich war durch den Schlag gegen den Kopf ziemlich benommen!“ schwindelte Ben, „sie sprachen aber akzentfreies Hochdeutsch!“ und der Beamte nickte. „Das ist gut zu wissen, also sind mal ausnahmsweise keine Russen oder Asiaten in den Handel verstrickt. Übrigens hat ihr Kollege Herr Freund ihnen auch noch etwas zu erzählen, was das Fahrzeug, das zu dem Deal eingesetzt wurde, uns noch alles preisgegeben hat und warum wir vom Rauschgiftdezernat nun dazu gezogen wurden!“ und nun erhob sich Hartmut, der bisher unscheinbar im Hintergrund gesessen war.


    „Der Mercedes Vito wurde vor einigen Tagen im Raum Nürnberg gestohlen. Die Originalkennzeichen wurden entfernt und durch Doubletten ersetzt. Wir haben das Fahrzeug anhand der Motorennnummer identifizieren können. Anscheinend wurden mit ihm größere Mengen Drogen transportiert, denn wir haben in den Radkästen und im Motorraum mehrere Verstecke gefunden, die man auch bei einer Routinekontrolle des Fahrzeugs ohne Hund nicht entdeckt hätte. Im Innenraum konnten wir auch Spuren eines sehr reinen Heroins finden, was eher ungewöhnlich ist, denn das wird normalerweise ja mit Strychnin, also Rattengift und Milchzucker gestreckt. Wenn nun ein Junkie sich seine normale Dosis drückt, dann ist das eine viel größere Drogenmenge als er erwartet und es hat vermutlich bereits drei Drogentote in der Region dadurch gegeben. Vielleicht sind die Leute, die dieses reine Heroin in Vertrieb bringen, selber da nicht so firm oder neu im Geschäft, denn natürlich sind die Gewinnspannen umso größer, je mehr man die Grundsubstanz streckt-das würde also alten Hasen nicht passieren. Deshalb haben wir das Drogendezernat dazu gerufen!“ endete Hartmut ein wenig nervös und setzte sich wieder.
    „Darum jetzt die besondere Bitte an sie alle-Augen offen halten und wenn wir in den nächsten Tagen von einem unserer Informanten den Tipp bekommen, dass und wo eine große Lieferung umgeschlagen werden soll, dann werden wir sie um ihre Unterstützung bitten. Vielleicht gelingt es uns gemeinsam, diese neuen Verteiler festzusetzen und so unsere Stadt, unsere Straßen und Autobahnen wieder ein klein wenig sicherer zu machen. Halten sie bitte die Augen offen und informieren sie uns beim kleinsten Verdacht, auch wenn sich der dann als unbegründet herausstellt und jetzt danke ich ihnen für ihre Aufmerksamkeit!“ schloss Bauer und die zuhörenden Polizisten klopften gegen ihre Stühle oder an ihre Schreibtische und erhoben sich dann, um teilweise Feierabend zu machen, oder ihrer üblichen Tätigkeit nachzugehen.


    Als sie die PASt verließen, fragte Semir: „Gehst du noch mit auf ein Bier-ich geb´dir eins aus?“ aber Ben verneinte und so fuhr jeder in Gedanken versunken nach Hause. Ben war innerlich schon sehr unruhig und ging aufs Gas, um bald zuhause zu sein-na ja, nicht ganz-ehrlich gesagt hoffte er sehnsüchtig, dass der Mann wieder auf ihn wartete und so war es auch. Wie am Vortag folgte er ihm in die Tiefgarage und als er lächelnd zu Ben ins Auto stieg, platzte der gleich damit heraus. „Sie müssen vorsichtig sein-das Drogendezernat hat ihr Phantombild und das ist wirklich gut getroffen. Uns ist gerade mitgeteilt worden, dass verstärkt Razzien und Überprüfungen entlang der Autobahn stattfinden werden-und außerdem ist das Heroin sehr rein, das ihr vertickt!“ sagte er und nun lächelte der blonde Mann. „Brav gemacht, da wird mein Chef sehr zufrieden sein und du hast dir eine kleine Belohnung verdient!“ sagte er und zog die Spritze aus der Tasche. „Jetzt musst du aber lernen, dir das selber zu injizieren!“ sagte er, gab Ben seinen Stauschlauch und leitete ihn an. Wenig später hatte sich Ben zum ersten Mal den Schuss selber gesetzt und lag wieder zugedröhnt in seinem Autositz, während der Mann verschwand.

  • Der blonde Mann war in seinen Wagen, der um die Ecke geparkt war, verschwunden und damit schnurstracks zu seinem Komplizen gefahren. Der hatte ein luxuriöses Appartement in bester Lage gemietet und betrieb dort seit Langem eine Firma: „Heimer´s In-und Export“ und war damit auch im Handelsregister eingetragen. Durch einen Zufall waren sie bei Geschäften in Laos an einen Zwischenhändler geraten, der für eines der Drogenkartelle im Goldenen Dreieck neue Abnehmer für den Verkauf ihrer Ware in Europa suchte. Sie importierten aus dieser Gegend wunderschöne, handgefertigte Taschen, mit denen sie unter anderem eine exclusive Boutiqenkette belieferten. Seit neuestem wurden diese Taschen mit einem speziellen Inhalt befüllt, bevor sie aufs Schiff verladen wurden und die Container dann via Rotterdam nach einer mehrwöchigen Seereise dann über den Rhein zum Containerhafen in Köln kamen. Die Importfirma, die sich auf hochwertige Kleidung und Accessoires aus der ganzen Welt spezialisiert hatte, hatte einen guten Leumund und bisher war noch nie eine Kontrolle auf Drogen erfolgt. Allerdings waren in den letzten Jahren die Gewinne zurückgegangen, da viele Einzelhändler gerade Kleidung sehr billig in vielen Ländern, vor allem des indischen Subkontinents, direkt einkauften und so das Interesse an teurerer Ware stetig nachließ, wenn man das ganze doch in manchen Ländern, in denen sehr niedrige Löhne gezahlt wurden, für ein Butterbrot haben konnte. So waren die Gewinne eingebrochen und die Firma hatte zu schwanken begonnen. Dabei war die Kleidung, die sie in der ganzen Welt einkauften sehr hochwertig und mit diesem Billigramsch aus Bangladesh usw. nicht zu vergleichen. Trotzdem wären sie vielleicht über kurz oder lang pleite gegangen, wenn sich nicht durch einen Zufall bei einem Einkauf vor Ort, die Kontakte ergeben hätten.


    Nun bekamen sie immer wieder Ware nach Köln oder Düsseldorf geliefert, die wurde in Lagerhäusern umgepackt, bevor sie an die Kunden weiterging und nur er und sein Komplize wussten von dem kleinen Zusatzgeschäft, das aber mehr abwarf, als der Kleiderhandel. Sie hatten allerdings das Problem, dass sie sich in diesem Metier bisher überhaupt nicht auskannten und auch kein Labor hatten, wo sie das Heroin auf Reinheit prüfen konnten, sondern sie hatten bisher das Zeug einfach persönlich entnommen, in einer Garage zwischengelagert und versucht sich hier vor Ort Absatzmärkte zu schaffen. Es war ein gefährliches Pflaster, da sie ja nicht nur von der Polizei, sondern auch von der Konkurrenz bedroht waren und nur die Tatsache, dass sie das nur im kleinen Rahmen ohne viele Mitwisser durchgezogen hatten, hatte sie bisher vor Entdeckung geschützt. Natürlich hatten sie sich Waffen auf dem Schwarzmarkt besorgen müssen und inzwischen hatten sie auch das Schema mit den geklauten Fahrzeugen, die kurzzeitig zum Transport der Drogen zu ihren Abnehmern benutzt und dann wieder irgendwo stehen gelassen wurden, wo sie durch Zufall Wochen später gefunden wurden und dann meist an die Besitzer von der Polizei zurückgegeben wurden, professionalisiert, aber es wurde nun immer wichtiger einen Spitzel bei der Polizei zu haben, der sie auf Razzien und ähnliches aufmerksam machte. Der Zufall hatte ihnen dabei in die Hände gespielt und als sich diese beiden Polizisten da festgefahren hatten, hatten sie spontan beschlossen, dass das die Gelegenheit war, sich die benötigten Informationen zu beschaffen.


    Nachdem sie die beiden bewusstlos geschlagen hatten, hatten sie kurz beratschlagt, welchen der beiden sie nehmen sollten, sich dann aber für den Jüngeren entschieden. „Der Kleine sieht irgendwie so aus, als wäre der unbestechlich, er erinnert mich irgendwie an einen Terrier!“ hatte sein Komplize gefunden und da hatte er ihm zustimmen müssen. Blöd war jetzt allerdings, dass sein Gesicht bei der Polizei bekannt war, aber alleine diese Information mit dem zu reinen Heroin war es schon wert, dass sie diesen Jäger angefixt hatten.
    Sie beide nahmen selber keine Drogen, denn sie hatten gesehen, was die in kurzer Zeit aus ihren Konsumenten machen konnten, allerdings hatten sie sich im Ursprungsland in die Geheimnisse der Zubereitung und der Verabreichung einweisen lassen. Dieser Jäger war ein williges Opfer gewesen und klar hatten sie auf Risiko gespielt, aber es war gut gegangen und er war nicht festgenommen worden, als er ihm Drogennachschub besorgt hatte und dem Polizisten nun auch noch gezeigt hatte, wie man spritzte. Morgen würde er ihm noch die Telefonnummer eines Wegwerfhandys und einen kleinen Drogenvorrat geben, denn er hatte sich bisher als vertrauenswürdig erwiesen und dann brauchte er selber nicht mehr in Erscheinung zu treten. Er würde eine Weile untertauchen und in einer Klinik am Bodensee sein Aussehen verändern lassen-er fand seine Tränensäcke sowieso zu groß-und die Haarfarbe ändern.


    Sie hatten jetzt auch mehrere Zwischenhändler aufgetan, so dass sie persönlich bei den Endverbrauchern nicht mehr aufzutauchen brauchten-allerdings waren die Informationen, was die Polizei so plante, einfach Gold wert und verschaffte ihnen einen Vorsprung vor der Konkurrenz. Er würde diesem Jäger noch drohen, sich an seinem kleinen hochschwangeren Frauchen zu rächen, falls der nicht mehr mitspielen wollte. Er hatte die Wohnung gleich am ersten Tag beobachtet und festgestellt, dass dort auch Jägers schwangere Partnerin wohnte. Das war ein gutes Argument, den Polizisten in der Spur zu halten und sein Komplize konnte dann alles Weitere in die Hand nehmen, während er sich operieren ließ.


    Als er das Büro betrat, sah sein Geschäftspartner, der im edlen Zwirn vor dem Computer saß, auf. „Hat alles geklappt?“ wollte er wissen und er teilte ihm nun die neuesten Erkenntnisse mit und der holte dann die Nummer des alten Handys heraus, das er auf dem Schwarzmarkt erstanden hatte und das nicht auf ihn registriert war. „Die gibst du ihm und sagst, er soll mich jeden Abend um 18.00 Uhr anrufen, egal ob er Neuigkeiten hat, oder nicht, da schalte ich das Teil dann immer kurz ein-und dir wünsche ich einen schönen Aufenthalt am Bodensee!“ sagte er mit einer Grimasse und der blonde Mann nahm die Handynummer und ein Päckchen mit fünf Schuss für Ben entgegen. Dann verschwand er in seiner Wohnung und begann seinen Koffer für den Klinikaufenthalt zu packen, den er schon länger geplant hatte-zu bekannt war sein Gesicht jetzt in der Szene.
    Der Exporteur streckte noch am selben Abend das Heroin, das er noch eingelagert hatte mit Milchzucker und rechnete sich durch, um wie viel höher nun sein Gewinn sein würde. Das Anfixen des Polizisten begann sich schon jetzt zu rentieren und in den nächsten Tagen erwartete er wieder eine größere Lieferung-das Geschäft begann ihm Spaß zu machen!

  • Ben war wieder eine ganze Weile in seinem Autositz gehangen, bevor er sich auf den Weg nach oben machte. Das Hochgefühl war schon wieder am verblassen und nun musste er sich etwas einfallen lassen, damit Sarah keinen Verdacht schöpfte. Als er die Tür aufsperrte, rief er nur kurz: „Guten Abend Schatz!“ in den Raum, um dann in die Toilette zu stürzen. Er gab ein paar Würgegeräusche von sich, aber als Sarah erschrocken nachsehen wollte, was ihm fehlte, hatte er die Tür hinter sich abgeschlossen. Ben zog ab, ging dann ans Waschbecken warf sich kaltes Wasser mit den Händen ins Gesicht, stützte sich dann am kühlen Porzellan des Designerwaschtischs auf und starrte sich im Spiegel an. Sein Haar war zerzaust, seine Augen glasig und irgendwie sah er nicht ganz fit aus.


    Er vermied es streng, sich über die Konsequenzen seines Tun´s Gedanken zu machen. Er hatte heute zum ersten Mal eine Spritze in der Hand gehabt und sie sich selber verabreicht. Gut-sowas tat jeder Diabetiker mehrmals täglich, aber er hätte zuvor nicht geglaubt, dass er das fertigbringen würde, sich selber eine Nadel in den Arm zu stecken. Allerdings hatte sein Körper nach der Droge gegiert und er wagte gar nicht daran zu denken, was das bedeutete. Dann atmete er tief durch. Das musste ein Ende haben! Das hier war sein letzter Konsum gewesen-er hatte ja schließlich nur mal wieder richtig schlafen wollen und war sich auch sicher, das würde heute wieder problemlos klappen. Wenn morgen der Mann wieder bei ihm auf der Matte stand, würde er ihn einfach wegschicken. Er, Ben Jäger war doch kein Junkie! Er überlegte noch, was er so bereitwillig erzählt hatte, ohne an die Konsequenzen zu denken, aber dann kam er zum Schluss, dass er bisher keinen Geheimnisverrat begangen hatte. Dass der Mann polizeilich gesucht wurde, hatte sich der selber denken können. Zu viele Zeugen, er und Semir eingeschlossen, hatten ihn am Rastplatz gesehen. Und wegen der Reinheit des Heroins-na das hatte der sicher schon lange gewusst. Diese Leute hatten doch sicher ein Labor irgendwo-da konnten sie das ja einfach feststellen. Und dass entlang der Autobahn Razzien und Überprüfungen schwerpunktmäßig geplant waren-na das war so eine Neuigkeit, als wenn er gesagt hätte: „In den nächsten Tagen wird es irgendwann regnen!“-das war eigentlich völlig normal.
    Nein er hatte sich bisher nichts zuschulden kommen lassen, er hatte Semir zu seinem Versteck und dem Fahrzeug geführt, damit die polizeiliche Ermittlungsarbeit weiterlaufen konnte und jetzt hatte er in einem Anflug von Blödheit diesen Mann freiwillig an sich heran gelassen. Morgen würde er ihm erklären, dass er sich verpissen solle. Es war vielleicht sogar gut gewesen, einen Drogenselbstversuch zu starten. Gerade in seinem Job konnte man gar nicht zu viele Informationen haben! Aber das war das letzte Mal gewesen und das brauchte auch niemand zu erfahren. Genau-er würde ihm Geld geben, dann war seine Rechnung bezahlt und er war denen nichts mehr schuldig!


    Zufrieden mit seinen Gedankengängen ging er nun zur Tür, vor der Sarah angstvoll rief: „Ben, bist du umgefallen? Sag doch was oder muss ich die Tür aufbrechen? Warum schließt du denn überhaupt ab, wenn dir nicht gut ist? Du weisst doch-ich bin so einen Anblick gewöhnt und du musst dich doch vor mir nicht genieren!“ und nun sperrte er auf. Mit dem Handrücken wischte er sich über den Mund und sagte: „Entschuldige Schatz, mir war nur so schlecht, wie schon den halben Tag. Ich habe abgesperrt, ohne nachzudenken-ich werds nicht wieder tun. Ich denke, ich muss mich gleich ein wenig hinlegen!“ versuchte er sie zu beruhigen und steuerte das Sofa an. Sarah legte ihm eine kühle Hand an die Stirn. „Hast du Fieber-und auch Durchfall, oder hast du was Unrechtes gegessen?“ fragte sie. „Ich denke ja!“ nahm Ben willig den Ball an, den sie ihm zugespielt hatte. „Ich war mittags mit Semir an so ner Dönerbude und das Fleisch hat ein wenig merkwürdig geschmeckt und seitdem ist mir schlecht!“ erklärte er und Sarah schüttelte den Kopf. „Da bist du selber schuld! Du weisst, dass ich fast jeden Tag was Ordentliches koche, das Kind muss schließlich auch wachsen. Du brauchst dir nur ein paar Brote für Mittag mitnehmen und dann abends mit mir warm essen. Stattdessen pfeift ihr euch ständig dieses Fast Food, Döner und Currywurst rein, wo das doch so ungesund ist. Eigentlich geschieht´s dir Recht, wenn du kotzen musst!“ ereiferte sie sich mit Genugtuung und Ben stimmte ihr gespielt voller Überzeugung zu.

    Er legte sich flach, Sarah brachte ihm fürsorglich eine Wolldecke und kochte ihm dann einen Kamillentee, den er ihr zuliebe mit Todesverachtung hinunterwürgte. Wenn man da noch nicht krank war, musste man´s werden, bei so einem Gesöff! Dann allerdings ergriff wieder diese wohltuende Müdigkeit von ihm Begriff. Er schloss die Augen und war wenig später eingeschlafen. Sarah seufzte. Es schien ja nicht gar so schlimm zu sein bei Ben-allerdings konnte er sich das abschminken, dass er, wenn das Kind erst einmal da war, nach der Arbeit bloß aufs Sofa liegen und pennen könnte. Er würde sich dann mit seinem Kind beschäftigen, da bestand sie drauf. Aber nun sollte er erst mal wieder gesund werden und wenn es morgen nicht besser war, würde sie ihn zum Hausarzt schleppen, ob es ihm passte oder nicht, da kannte sie keinen Spaß!

  • Ben hatte wieder gut geschlafen. Er war so gegen eins vom Sofa ins Schlafzimmer umgezogen, wo Sarah schon friedlich in Morpheus Armen lag, hatte dort weiter gepennt und als sie ihn morgens musterte, als er die Augen aufschlug, schenkte er ihr ein Lächeln. „Wie geht´s dir?“ wollte sie wissen und er sagte: „Ist wieder alles gut!“ und nun war Sarah zufrieden. Ben ging duschen und als Sarah währenddessen ins Bad kam, um Wäsche in den Abwurf zu schmeißen, drehte er sich so weg, dass sie auf keinen Fall die Einstichstellen an seinem Arm sehen konnte. Als sie danach am Frühstückstisch saßen, trank Ben wieder nur Kaffee-irgendwie hatte er gar keinen Appetit. Als er so nachdachte, fiel ihm auf, dass er eigentlich seit drei Tagen kaum etwas gegessen hatte. Aber er hatte einfach keinen Hunger. Semir hatte ihn ganz merkwürdig angesehen, denn sonst war er ja immer derjenige, der ständig Ausschau nach irgendeinem Imbiss hielt, sich hier nen Schokoriegel reinstopfte und da im Vorbeigehen mal eben ein paar Pommes schnabulierte. Aber ehrlich gesagt, fehlte ihm jegliches Hungergefühl. Er hatte auch dem gegenüber behauptet, ein wenig Magengrummeln zu haben und so war Semir genauso zufrieden gewesen, wie Sarah. Die konnte es verstehen, dass er am Morgen nach einer Magenverstimmung nichts essen wollte, rügte allerdings, dass er sich doch mehrere Tassen Kaffee aus dem Automaten zog. „Es wäre viel gesünder, du würdest mit mir einen Tee trinken, statt immer deinen Kaffee auf ´nen gereizten Magen!“ sagte sie, aber Ben erwiderte: „Du weißt genau, dass ich morgens sonst nicht wach werde und darf ich dich mal dezent daran erinnern, dass du die größte Kaffeetante Kölns warst, bevor unser Nachwuchs sich angekündigt hat?“ fragte er und nun musste Sarah ihm Recht geben-ok, sie verzichtete auch nur des Kindes wegen auf das braune Gesöff und war früher morgens auch nicht in die Puschen gekommen, wenn sie es nicht gehabt hatte. Das war eben beinahe eine Sucht, diese Kaffeetrinkerei, aber man konnte sehen, dass man auf alles verzichten konnte, wenn die Motivation nur groß genug war!


    „Du denkst schon daran, dass wir heute um 18.00 Uhr ´nen Termin beim Gynäkologen haben?“ fragte sie ihn. Sie hatte extra den letzten Abendtermin zur Vorsorgeuntersuchung wahrgenommen, damit Ben auch dabei sein konnte, der immer voller Faszination auf das Ultraschallbild starrte und sich auch jedes Mal einen Ausdruck mitgeben ließ und dann ständig bei sich trug. Seitdem Sarah eine gefährliche Messerstichverletzung in den Bauch erlitten hatte, galt sie als Risikoschwangere und musste alle zwei Wochen zum Arzt und dort wurde auch jedes Mal ein Ultraschall gemacht, um irgendwelche Entwicklungsverzögerungen am Fötus sofort erkennen zu können. Beim letzten Termin waren sie im Anschluss noch bei dem Gefäßchirurgen in der Klinik gewesen, der sie damals operiert hatte und der hatte ihr nach verschiedenen Strömungsmessungen mitgeteilt, dass sie sich ab sofort wieder als gesunde Frau fühlen dürfe, die auch normal entbinden dürfe. Anfänglich war nämlich nicht klar gewesen, ob das Loch in ihrer Bauchaorta, das ihr und dem Kind beinahe das Leben gekostet hätte, wieder problemlos zuheilen würde, aber nun bestand keine Gefahr mehr, dass sich bei Wehen und beim Pressen irgendetwas lösen könnte-sonst hätte man einen geplanten Kaiserschnitt machen müssen.
    Ben stutzte einen Moment, als sie ihm die Frage stellte, beeilte sich aber dann zu sagen: „Natürlich habe ich dran gedacht! Ich hole dich dann um 17.30 Uhr hier ab!“ sagte er und dachte dabei schon fieberhaft nach, wie und wann er dem blonden Typen erklären konnte, dass er nun kein Interesse mehr an dem Zeug hatte. Gut er würde zuvor noch bei seiner Hausbank vorbeifahren und da ein paar Tausend Euro holen und ihm kurz geben, dann würde der schon zufrieden sein-irgendwie würde das schon klappen!


    Er verabschiedete sich danach mit einem Kuss von Sarah und bemerkte selber, wie fahrig und nervös er war. Auf dem Weg zur Arbeit rief er seinen Banker an und wies ihn an, sofort 5000 € für ihn bereitzuhalten, er würde das Geld dann im Laufe des Tages abholen und der nahm den Auftrag gerne entgegen. Ben war ein guter Kunde und in diesen Kreisen gingen andere Summen über den Schreibtisch, als bei Otto Normalverbrauchern. Als Ben weiterfuhr, hätte er beinahe einen vorfahrtberechtigen PKW übersehen und konnte nur mit einer Vollbremsung verhindern, einen Unfall zu bauen. In der PASt angekommen nahm er mit Semir ihren Tagesplan entgegen und sagte gleich: „Ich muss heute sehr pünktlich, am besten ein wenig eher, hier raus-Sarah hat einen Vorsorgetermin und ich möchte da gerne mitgehen!“ und die Chefin versprach mit einem Lächeln, das zu berücksichtigen. Sie selbst hatte zwar keine Kinder, aber sie fand es rührend, welch begeisterter werdender Vater Jäger doch war. Früher hatte sie immer gedacht, bei ihm würde keine Beziehung länger als ein paar Wochen dauern, aber nun begann der doch langsam erwachsen zu werden. Sie konnte sich inzwischen wirklich gut vorstellen, wie er mit seinem Kind auf dem Fussboden herumkroch und mit der elektrischen Eisenbahn spielte. Auch dass er einen Kinderwagen schob, war vorstellbar, allerdings kam ein Windelwechsel in ihren Gedanken irgendwie nicht in Frage-aber man würde sehen-er hatte sie schon öfter überrascht in den letzten Monaten.


    Semir und Ben gingen ihrer Arbeit nach, aber Ben war irgendwie nicht bei der Sache. Er konnte nicht stillsitzen, sah häufig auf die Uhr und außer ein paar Tassen Kaffee nahm er nichts zu sich. „Na hör mal, man könnte ja meinen, du müsstest heute selbst zu irgendeiner unangenehmen Untersuchung, so nervös wie du bist-oder ist bei Sarah irgendwas nicht in Ordnung?“ fragte Semir alarmiert, aber Ben beteuerte, dass es wirklich nur eine Routinesache sei. An einer Raststätte sahen sie, wie einige Kartons mit Elektronikgeräten, Handys und Laptops umgeladen wurden und als sie den auffälligen Vorgang-eine Raststätte war da wohl nicht ein üblicher Ort, wenn das eine legale Sache war- heimlich beobachten wollten, fiel Ben seine Waffe aus der Hand und beinahe wären die Täter, die tatsächlich geklaute Ware weitergaben, deswegen entkommen. Nur Semir´s besonnenem Auftreten war es zu verdanken, dass sie die Diebe in Schach halten konnten, bis die Uniformierten zur Stelle waren und die Männer abführten. Als sie danach in der PASt ihren Bericht schrieben und Semir die Täter vernahm, die allerdings geständig waren-zu offensichtlich war die Beweislage-hielt sich Ben im Hintergrund, denn inzwischen hatte er immer wieder Schweißausbrüche und seine innere Unruhe wurde stärker und stärker. „Wenn dir sowas passiert, wenn wir eine Drogenrazzia durchführen, reißt dir die Krüger höchstpersönlich den Kopf ab!“ sagte Semir, den sein Kollege heute ziemlich nervte. Mann da wäre er ja lieber alleine unterwegs gewesen, Ben war heute eher eine Belastung, als eine Hilfe.


    Gegen 16.00 Uhr schickte Semir ihn dann mit Einverständnis der Chefin nach Hause. „Schau du, dass du zu deiner Sarah kommst, ich schaff das hier alleine!“ sagte er und Ben griff sofort nach seiner Jacke und verschwand. Er fuhr gleich noch bei seiner Bank vorbei, nahm die 5000 € in einem neutralen Briefumschlag entgegen und als er in die Tiefgarage fuhr, hielt er schon aufgeregt Ausschau nach dem blonden Mann. Verdammter Mist-heute war er echt zu früh, denn der war noch nicht da. Ben ging deshalb auf die Straße, achtete sorgsam darauf, dass er von Sarah, falls die aus dem Fenster sah, nicht gesehen werden konnte und mit jeder weiteren Minute wuchs seine Nervosität. Vielleicht sollte er nur noch ein einziges Mal?...aber dann war er sauer auf sich selber, wegen dieser Gedanken. Seine Handflächen waren feucht und als er den Blonden dann um die Ecke biegen sah, atmete er innerlich vor Erleichterung auf. Gott sei Dank, es war erst 17.00 Uhr, also hatte er noch Zeit, das mit dem zu bereden. Allerdings war er gerade sehr unschlüssig, was er ihm nun sagen sollte, denn mit jeder Minute wuchs sein Verlangen nach dem Zeug mehr und mehr. Das konnte doch nicht sein? Aber er war wahrscheinlich wirklich wegen Sarah´s Arzttermin so aufgeregt-man wurde ja schließlich nicht jeden Tag Vater!


    Gerade wollte er etwas sagen, da zog der Mann, der ihm in die Tiefgarage gefolgt war, eine kleines Päckchen heraus. „Da drin sind fünf Schuss und eine Handynummer!“ sagte er. „Du wirst jeden Abend Punkt 18.00 Uhr auf dieser Nummer anrufen und deine neuesten Erkenntnisse bezüglich Polizeirazzien etc. durchgeben. Wenn nicht, wird dein Kind nicht auf die Welt kommen, sondern du kannst deine blonde Frau dann auf dem Friedhof besuchen, haben wir uns verstanden?“ fragte er autoritär. „Wenn du allerdings kooperativ bist, wirst du ein sorgenfreies Leben haben und jederzeit etwas, worauf du dich freuen kannst!“ fügte er mit einem Lächeln hinzu und drückte Ben das Päckchen in die Hand. „Ach ja-hier ist noch ein kleines persönliches Geschenk!“ sagte er dann und legte noch einen Stauschlauch mit Leopardenmuster dazu, bevor er sich umdrehte und Ben mit einer Kopfbewegung aufforderte, auf den Tiefgaragenöffner zu drücken. Wie in Trance machte Ben das und blieb mit seinem Umschlag voller Geld und dem Päckchen hilflos zurück.

  • Was sollte er tun? Wenn er seinem Verstand gehorchte, dann sollte er jetzt sofort seine Kollegen rufen und den Blonden festnehmen lassen. Er könnte dann behaupten, er hätte diese Drogenübergabe fingiert, damit er ihn überführen konnte, aber da sprachen mehrere Dinge dagegen. Erstens und am Wichtigsten: Er brachte Sarah und sein Kind damit in Gefahr! Natürlich könnte man sie in eine Schutzwohnung bringen, aber die wollte schließlich nicht irgendwo heimlich ihr gemeinsames Kind zur Welt bringen und sich mit dem monatelang nicht mit dem Kinderwagen auf die Straße trauen, bis man die Übeltäter überführt hatte, wenn das überhaupt gelang. Zweitens würde man bei ihm mit Sicherheit ein Drogenscreening und eine Haarprobe entnehmen und leider konnte man da sehr genau feststellen, wann der letzte Drogenkonsum erfolgt war und das eine Mal im Transporter war ja noch erklärlich, verzeihbar und nachvollziehbar, aber für die anderen Male musste er sich eine verdammt gute Erklärung einfallen lassen. Auch würde man ihn durchleuchten und wie sollte er die 5000€ erklären, die er abgehoben hatte-das sah eben auch nach einem klassischen Deal aus. Aber was am Allermeisten dagegen sprach: Er war dermaßen gierig nach dem Zeug, dass er am Liebsten sofort den Stauschlauch in Betrieb genommen und sich eine Dosis verpasst hätte. Als er dann allerdings auf die Uhr sah, packte er schweren Herzens das Päckchen, den Umschlag und den Stauschlauch hinter die Winterreifen ins Regal und trat dann mit zitternden Knien den Weg nach oben an. Irgendwann würde heute auch dieser Arzttermin zu Ende sein und dann würde er etwas haben, worauf er sich freuen konnte.


    Sarah kam gerade frisch gestylt aus dem Bad. „Prima, du bist ja ausnahmsweise mal überpünktlich!“ rief sie erfreut. „Wenn du zuvor noch was essen magst-ich habe heute einen Kuchen gebacken und habe mir gedacht, wir könnten danach ja noch zu unserem Lieblingsitaliener gehen!“ sagte sie und Ben nickte stumm. Verdammt, das würde wieder elend spät werden! Er biss einmal von einem Kuchenstück ab, aber er hatte überhaupt keinen Appetit und legte ihn dann wieder aufs Teller. „Schmeckt er nicht?“ fragte Sarah alarmiert, denn üblicherweise futterte Ben fast alleine so einen halben Schokoladenkuchen, aber der sagte nur: „Doch lecker, aber mein Magen ist noch nicht wieder so ganz in Form!“ und so strich ihm Sarah mitleidig über den Oberarm. „Wenn du noch nicht fit genug für den Italiener bist, können wir uns ja ´ne Pizza mit nach Hause nehmen!“ sagte sie und dann verschwand Ben nur noch kurz im Bad, klatschte sich kaltes Wasser ins Gesicht und benutzte ein Deo. Wenig später brachen sie auf. „Warum hast du denn den Wagen in die Tiefgarage gestellt?“ fragte Sarah überrascht „Oder sollen wir mit meinem fahren?“ und Ben nickte. „Das wäre gut, ich bin noch nicht wieder so auf dem Damm!“ sagte er und so gingen sie die paar Schritte zu Sarah´s Polo. Er hatte zwar zwei Stellplätze in der Tiefgarage gekauft, aber da standen üblicherweise der BMW und sein Porsche-Oldtimer. Sarah hatte einen Anliegerparkausweis, denn zu den Zeiten wo er heimkam, war das immer noch schwer mit den Parkplätzen, während man nachts jederzeit einen in der Nähe fand. Eigentlich hatte Ben ja erst vor wenigen Monaten eine BMW-Familienkutsche gekauft, aber damit waren sie vor Verbrechern geflohen und darin beschossen worden. Nun war Sarah abergläubisch und wollte ihr Kind nicht in diesem Fahrzeug transportieren. „Das bringt Unglück!“ hatte sie prophezeit und so stand das Fahrzeug repariert wieder beim Händler zum Verkauf und sie würden es dann durch einen anderen Kombi ersetzen.


    Sarah kurvte routiniert durch die Stadt und wenig später parkte sie auf einem freien Stellplatz des Ärztehauses. Gemeinsam fuhren sie mit dem Aufzug zur Praxis und Sarah wurde nach kurzer Wartezeit erst noch von der Arzthelferin mitgenommen, die sie wog, den Blutdruck und den Bauchumfang maß und Blut abnahm. Auch eine Urinprobe musste sie noch abgeben und Ben, der derweil alleine im Wartezimmer saß, legte den Kopf zurück an die Wand und schloss die Augen. Er war so unruhig-und dann doch wieder so müde. Ihm war leicht schlecht und er hatte immer wieder Schweißausbrüche. Als er die Hand hob, zitterte die leicht und dann bekam er auch noch Bauchkrämpfe. Gerade krümmte er sich zusammen, als Sarah zurückkam und ihn besorgt betrachtete. „Du hättest doch noch zuhause bleiben sollen heute!“ sagte sie, aber da wurden sie schon aufgerufen. Ben erhob sich mühsam und folgte Sarah ins Sprechzimmer des Arztes, wo er sich still auf einen Stuhl fallen ließ. Der Gynäkologe begrüßte die beiden mit Handschlag und konstatierte, dass die Handinnenfläche des Partners seiner Patientin unangenehm feucht war. Wie beiläufig desinfizierte er seine Hände, während er Sarah fragte, ob sie irgendwelche Beschwerden habe. Die verneinte „Eigentlich geht es sehr gut, nur wenn ich auf dem Rücken liege, wird mir schlecht!“ sagte sie, aber da konnte sie der Arzt beruhigen. „Das ist zu diesem Zeitpunkt der Schwangerschaft völlig normal!“ sagte er und erklärte, während Sarah sich frei machte, dass das Gewicht des Kindes in längerer Rückenlage die Bauchaorta abdrückte und so zu der Übelkeit führte. „Einfach auf die Seite legen!“ sagte er und studierte derweil die Werte, die die Arzthelferin erhoben hatte. „Gewichtsmäßig haben sie ja auch recht zugelegt seit ihrem letzten Besuch!“ sagte er und Sarah bekam einen roten Kopf. „Na ja, es schmeckt mir zur Zeit auch gut!“ gab sie zu, aber der Gynäkologe beruhigte sie. „Das ist völlig im Rahmen bei ihnen. Sie haben bisher sieben Kilogramm zugelegt und sind jetzt in der dreißigsten Woche, das passt schon! Wir müssen nur beobachten, ob sie zu Wassereinlagerungen neigen, damit wir da eventuell ein wenig gegensteuern können. Aber der Blutdruck war normal und so habe ich da gar keine Bedenken!“ erklärte er und betastete nun Sarah´s Beine, die aber bisher noch schlank waren. Dann bat er Ben näher zu kommen, bestrich Sarah´s Bauch mit Ultraschallgel und setzte den Schallkopf an. Ben starrte wieder gebannt auf den Bildschirm. Sein Kind wurde sichtbar und ohne dass der Arzt es erklären musste, konnte man die Ärmchen und Beinchen erkennen. Als der Kopfumfang und die Schienbeinlänge vermessen wurden, um das Größenwachstum des Föten abschätzen zu können, war das verdammt schwierig, denn das Kind flutschte wie ein Flummi davon, wenn der Schallkopf es mit dem Druck störte. „Ein sehr lebhaftes kleines Wesen!“ lachte der Arzt, während Sarah ganz verzückt auf den Bildschirm starrte. Auch Ben war zwar fasziniert, aber gleichzeitig zitterten im Stehen seine Knie und ihm war immer noch übel, so dass er sich gar nicht auf die wunderbaren Bilder konzentrieren konnte. Trotzdem bekam er den neuesten Ausdruck des Ultraschallgeräts, praktisch ein Schwarz-Weiss-Foto des Kindes und verwahrte den wieder in seinem Geldbeutel.
    Während der Arzt Sarah noch ins Nebenzimmer bat, um sie vaginal zu untersuchen und zu sehen, ob der Muttermund auch geschlossen war, sah Ben auf einem Tischchen steril eingepackte Nadeln und Spritzen liegen. Ohne groß nachzudenken packte er jeweils zwei und ließ sie in seiner Jackentasche verschwinden. Als Sarah wenig später wieder zurückkam und sich anzog, sagte der Arzt. „Ich bin sehr zufrieden. Genießen sie ihre Schwangerschaft und wir sehen uns in zwei Wochen wieder!“ und dann verabschiedete er seine Patientin und deren Partner. Gleich danach wusch er gründlich seine Hände-die schwitzigen Handinnenflächen von Ben Jäger hatten sich extrem unangenehm angefühlt. Während Sarah noch von der Arzthelferin den nächsten Abendtermin bekam, stand Ben schon ungeduldig in der Tür und wartete auf sie. Gemeinsam gingen sie zum Wagen und Sarah, die jetzt richtig Hunger hatte, fragte: „Können wir uns noch schnell wenigstens ne Pizza mitnehmen? Ich habe so verdammte Lust darauf !“und so saßen sie kurz darauf an der Theke des Lieblingsitalieners und warteten darauf, dass die fertig wurde. Sarah hatte sich so auf einen gemütlichen Abend mit ihrem Freund gefreut, aber sie sah schon-mit dem war heute nichts anzufangen. Er wollte sich auch nichts mitnehmen und so zogen sie wenig später mit der eingepackten Pizza und ´nem großen Salat ab.


    Zuhause angekommen, aß Sarah und für Ben zogen sich die Minuten zu Stunden, bis Sarah endlich müde wurde und zu Bett ging. Dann schlich er in die Tiefgarage und packte das Päckchen hinter den Winterreifen hervor. Mit zitternden Händen öffnete er es-da wären sogar Spritzen und Nadeln dabei gewesen. Bei den fünf Päckchen Pulver lagen ein Fläschchen mit Zitronensaft, ein Löffel und eine Kerze. Wie Ben es während seiner Polizeilaufbahn so oft gesehen hatte, zündete er nun die Kerze an, gab den Inhalt eines Päckchens in den Löffel, gab Zitronensaft dazu und sobald die Lösung aufgekocht war, zog er sie sorgfältig in eine Spritze auf und wenig später setzte er sich auf dem Fahrersitz seines Wagens den ersten selbst zubereiteten Schuss seines Lebens.

  • Er hatte wieder wundervolle Visionen und es war einfach das ultimative Gefühl. Ben lehnte im Sitz seines Wagens und war nur glücklich. Als sich irgendwann das Tor der Tiefgarage öffnete, rutschte er tiefer in seinen Sitz. „Mann da hat schon wieder jemand vergessen, das Licht auszumachen!“ hörte er seine Nachbarn schimpfen, die Gott sei Dank ihren Stellplatz ein Stück entfernt hatten und der Schweiß brach ihm aus. Dann allerdings wurde es finster und die Stimmen entfernten sich. Ben atmete auf-wenn die die Drogenutensilien bei ihm gesehen hätten, wäre es aus gewesen. Er machte das Licht wieder an, packte die Sachen hinter die Winterreifen und ging nach oben, wo er neben Sarah ins Bett kroch und tief und fest bis zum Morgen schlief. Er wurde erst wach, als jemand ihn rüttelte. „Ben wach auf, du hast verschlafen!“ sagte Sarah, die davon aufgewacht war, dass die Sonne sie im Gesicht kitzelte. Er fuhr aus dem Bett, putzte sich nur notdürftig die Zähne, warf sich eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht und dann raste er die Treppe hinunter.Er war gerade auf halber Strecke, da läutete sein Telefon. „Ben wo bleibst du-wir haben Besprechung!“ moserte Semir und Ben ging noch ein wenig stärker aufs Gas und rief in die Freisprecheinrichtung: „Ich bin gleich da!“ Wenig später bog er mit quietschenden Reifen in den Hof der PASt ein und hätte beinahe zwei uniformierte Kollegen überfahren, die gerade aus dem Streifenwagen ausgestiegen waren. Kopfschüttelnd musterten sie ihn, wie er den Wagen abstellte, eilends aus dem Auto sprang und an seinen Arbeitsplatz eilte. „Wenn das nicht Ben gewesen wäre, hätte ich jetzt seinen Führerschein kassiert!“ hörte er den älteren Polizisten schimpfen und erst jetzt drehte er sich um und rief: „Sorry!“ bevor er in den Besprechungsraum ging, wo gerade der Kollege der Drogenfahndung begonnen hatte, den Einsatz zu erklären.


    Semir musterte ihn und flüsterte ihm zu, während Ben sich auf den Stuhl fallen ließ, den sein Freund für ihn frei gehalten hatte: „Wenigstens frisieren hättest du dich gekonnt!“ denn Ben´s Haare standen wirr in alle Richtungen. Die Krüger warf einen missbilligenden Blick in ihre Richtung und so war Semir gleich still und lauschte den Ausführungen des Rauschgiftfahnders.„Wie wir von einem Informanten erfahren haben, ist morgen am Rastplatz Eifeltor am Vormittag eine Drogenübergabe geplant. Es soll sich um eine größere Lieferung handeln, wir wissen leider keine genaue Uhrzeit und auch sonst keine näheren Einzelheiten. Vielleicht gelingt es uns aber, durch ihrer aller Professionalität die Täter zu erkennen, festzusetzen und so die Übergabe zu verhindern. Ich möchte sie bitten, morgen in Zivil abwechselnd ein ganz normales Rastplatzleben zu simulieren. Gehen sie essen, vertreten sich die Beine und beobachten sie die Fahrzeuge, ob ihnen was auffällt. Es muss möglichst unauffällig ablaufen und natürlich dürfen nur Zivilfahrzeuge teilnehmen!“ sagte er und dann wurde im Detail festgelegt, wer von wann bis wann den Rastplatz observieren sollte. „Meine Kollegen sind sogar an der Tankstelle eingeschleust, es müsste schon nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn wir überhaupt nichts wahrnehmen würden!“ erklärte der Mann. „Und denken sie daran-die Täter sind vermutlich bewaffnet, zögern sie auch nicht, von ihrer Schusswaffe Gebrauch zu machen, wenn es notwendig sein sollte.“ schloss er seinen Vortrag noch ab und dann verteilten sich die Beamten wieder auf ihre Büros und gingen ihrer Routinearbeit nach.


    Semir schenkte Ben und sich erst mal einen Kaffee ein und sagte grinsend: „Na, wie in alten Zeiten-muss ich wieder anfangen, dich morgens abzuholen?“ fragte er und als wenig später die Chefin in ihr Büro kam, sagte sie mit einem Seitenblick auf ihren dunkelhaarigen Kollegen. „Jäger, hat morgens die Zeit nicht mal mehr zum Haare kämmen gereicht?“ und Ben griff entschuldigend nach einem Kamm, den er in seinem Schreibtisch verwahrte und floh regelrecht in die Herrentoilette. Dorthin kam Semir ihm nach und während sich Ben vor dem Spiegel kämmte, erleichterte sich Semir am Pissoir. Beim Haare kämmen war Ben´s Shirt, das eigentlich knapp über den Ellenbogen ging, nach oben gerutscht und Semir sah einen großen blauen Fleck und mehrere Einstiche. „Wie schaust du denn aus?“ fragte er und Ben wurde rot. „Ich hatte so Magenschmerzen und war deswegen gestern beim Blut abnehmen. Allerdings hat die Arzthelferin nicht auf Anhieb getroffen!“ log er und Semir lachte. „Na dann zieh das Shirt nur richtig herunter, das sieht ja aus, als wärst du ein Junkie!“ und nun war Ben ganz schlecht vor Aufregung. Ihm kam der Kaffee hoch und würgend rannte er in die Kabine und gab die drei Schlucke, die er genommen hatte, mit einem Haufen Galle wieder von sich. Semir blieb besorgt vor der Kabine stehen, während Ben über der Schüssel hing. Als nichts mehr kam, griff Semir ihm sogar unter die Achsel und führte ihn an seinen Arbeitsplatz. „Willst du nicht nach Hause gehen, wenn dir immer noch schlecht ist?“ fragte er, aber Ben nahm einen kleinen Schluck Mineralwasser und schüttelte den Kopf. „Ist schon vorbei-Sarah und ich waren gestern noch beim Italiener und ich habe Muscheln gegessen, vielleicht war da eine verdorben!“ schwindelte er und Semir nahm das schulterzuckend zur Kenntnis.Sonst lief den ganzen Tag nur Routine, aber Ben war nicht ganz bei der Sache, oft fiel ihm etwas herunter und gegen Abend meinte Semir zu sehen, dass er sogar leicht zitterte. „Ist dir kalt, wirst du krank?“ fragte er, aber Ben verneinte. Nach einem Blick auf die Uhr sagte er allerdings: „Sollen wir nicht pünktlich Feierabend machen, damit wir morgen für die Observierung frisch sind?“ und da stimmte Semir ihm zu. „Soll ich dich mitnehmen und morgen wieder abholen?“ fragte er, aber Ben schüttelte den Kopf. „Nein danke, ich muss auf dem Heimweg noch was für Sarah besorgen, ich fahre selber!“ lehnte er ab und nach einer kurzen Verabschiedung stieg Ben in den Mercedes und brauste vom Hof. Semir sah ihm sinnend nach. Irgendwas stimmte nicht mit Ben, aber was?


    Zuhause angekommen sah Ben auf die Uhr. Es war kurz vor sechs und so nahm er den Zettel mit der Nummer heraus, den er im Wagen liegen gehabt hatte und wählte mit zitternden Finger. Als am anderen Ende jemand abhob sagte er schnell: „Morgen Vormittag wird am Rastplatz Eifeltor eine Observierung durchgeführt, an der eine Menge Leute beteiligt sind!“ und nun pfiff der Mann am anderen Ende durch die Zähne. „Gut gemacht, Jäger!“ sagte er „bis morgen um dieselbe Zeit!“ fügte er dann noch hinzu und legte auf. Ben ließ aufatmend sein Handy sinken und heute bereitete er schon mit ein wenig mehr Routine den Schuss vor. Der Kick war wieder einzigartig, aber heute ließ Ben vorsichtshalber die Utensilien danach sofort unterm Sitz verschwinden. Als der erste Drogenrausch verflogen war, packte er die ganzen Abfälle in eine Plastiktüte und ging noch schnell an den Müllcontainern vorbei, wo er sie in der Tiefe versenkte. Dann ging er nach oben zu Sarah und zwang sich, wenigstens ein paar Bissen von ihrem Selbstgekochten zu essen, sonst würde die ihn tatsächlich noch zum Hausarzt schicken.


    Sarah erzählte von ihrem Tag. Sie hatte sich mit einer ehemaligen Kollegin getroffen, die einen einjährigen Sohn hatte und war ganz entzückt von dem Kleinen gewesen. „Wir haben eine Runde mit dem Kinderwagen gedreht, waren dann noch am Spielplatz mit ihm, ach der war so süß!“ schwärmte sie und Ben, der sich ja sauwohl fühlte im Augenblick, sagte lächelnd: „Warts ab-unser Kind wird noch viel süßer!“ und dann alberten sie noch eine Weile herum, bis Bettgehzeit war. Sarah schmiegte sich an Ben, der in letzter Zeit immer ein langärmliges Shirt in der Nacht trug. Sie hätte Lust auf ein wenig Sex gehabt, aber bei ihrem Partner regte sich nichts. „Komm, zieh dich aus!“ murmelte sie verführerisch, aber Ben schüttelte den Kopf-erschrocken, dass sich in seinem Tiefparterre nichts rührte. „Sarah, ich bin müde, lass uns schlafen!“ murmelte er und drehte sich weg. In der Nacht wachte er einmal auf, weil Sarah leise weinte. „Du findest mich nicht mehr attraktiv, fett wie ich bin!“ schluchzte sie, aber Ben versuchte sie nur dadurch zu trösten, dass er sie in den Arm nahm. „Das stimmt doch gar nicht!“ sagte er, aber mehr fiel ihm jetzt nicht dazu ein.

  • Am nächsten Tag bezogen Semir und Ben, wie es eingeteilt war, Stellung am Rastplatz. Wie die Kollegen vor ihnen machten sie auf ahnungslose Reisende, vertraten sich die Beine, gingen zur Toilette und einen Happen essen, aber wie Ben durchaus erwartet hatte, geschah nichts. Gegen 14.00 Uhr wurde der Einsatz abgebrochen und man traf sich noch zur Nachbesprechung und der Einsatzleiter des Rauschgiftdezernats bedankte sich bei allen für die vergebliche Mühe. „Warum die Drogenübergabe jetzt nicht stattgefunden hat, weiss der Himmel. Eigentlich ist unser Informant sehr vertrauenswürdig und er war sich sicher, dass der Deal hier und heute stattfinden sollte. Allerdings haben diese Leute ja oft ein Gespür dafür, wenn sie observiert werden, so professionell man das auch anstellt! Ich danke ihnen allen jedenfalls und hoffe, unser nächster gemeinsamer Einsatz an der Autobahn wird erfolgreicher.“ sagte er und die Beamten zerstreuten sich jetzt wieder in alle Winde.


    „Wie geht´s dir denn heute?“ fragte Semir besorgt, denn Ben gefiel ihm immer noch nicht. Er hatte zwar ganz normal seine Arbeit gemacht, aber er war einfach anders als sonst-so fahrig, schreckhaft und unkonzentriert. Semir war wie selbstverständlich wieder gefahren, was sonst immer eine Grundsatzdiskussion ausgelöst hatte, aber jetzt rutschte Ben ohne Widerworte auf den Beifahrersitz, war wortkarg und wirkte irgendwie auch traurig. Semir fuhr bei der nächsten Gelegenheit an einem Parkplatz heraus, stellte den BMW in einer ruhigen Ecke ab und drehte sich zu Ben, der wortlos in seinem Sitz saß. „Ben, sag-was ist los?“ begehrte er zu wissen. Ihm fiel jetzt auch auf, dass sein Freund abgenommen hatte. Hoffentlich war das mit dem Magen nichts Ernstes. Er hatte auch noch nie erlebt, dass Ben mehrere Tage hintereinander untertags eigentlich nichts gegessen, sondern nur etwas getrunken hatte. Auch diese Kotzerei-das war doch nicht normal!


    Ben dachte fieberhaft nach. Wie gerne hätte er sich Semir anvertraut, aber das war völlig unmöglich. Erstens würde der sofort reagieren, ihn vom Dienst suspendieren lassen und in eine Klinik einweisen und zweitens würde er dann seinen nächsten Schuss nicht bekommen-und das Allerschlimmste würde sein, dass Sarah dann in höchster Gefahr schwebte. Er wusste, diese Kerle würden nicht zögern, ihr etwas anzutun! Seiner Partnerin und ihrem gemeinsamen Kind zuliebe, musste er schweigen und so weitermachen, wie bisher, obwohl ihm ganz tief im Inneren völlig klar war, dass das nicht endlos so weitergehen konnte. Er musste aber selber versuchen, dieses Dilemma zu lösen-vielleicht konnte er es schaffen, die Identität seiner Lieferanten herauszufinden, die dann mit Geld abzufinden oder sowas? Wobei er sich inzwischen nicht mehr vorstellen konnte, wie es wäre, ohne diesen magischen Augenblick jeden Tag, wenn er die höchsten Glücksgefühle hatte und für kurze Zeit alle Sorgen vergessen konnte. Aber da würde er später drüber nachdenken-jetzt war Semir wichtig, er musste ihm sofort eine schlüssige Begründung liefern, warum er so fertig wirkte.
    Nun fiel ihm etwas ein: „Weisst du Semir, irgendwie geht´s mir ja gerade vom Magen her nicht gut, ich kriege da zwar Tabletten dagegen vom Hausarzt, aber die brauchen halt eine Weile, um zu wirken, aber ich kann nicht so richtig essen und das schwächt mich eben!“ fing er an und Semir nickte verständnisvoll, fragte aber in der selben Sekunde nach: „Warum lässt du dich denn dann nicht krankschreiben? Irgendwie bist du mir gerade keine große Hilfe!“ bemerkte er. Ben ging über diese Bemerkung hinweg und kam nun zu dem Punkt, an dem Semir sicher großes Mitleid mit ihm haben würde. „Weisst du Semir, jetzt ist mir in der Nacht etwas passiert, wovon ich bisher nur gehört habe!“ sagte er und sein Freund sah ihn fragend an. Was mochte da vorgefallen sein, dass es Ben so sehr belastete. „Sarah und ich wollten miteinander schlafen und ich habe keinen hochgebracht!“ sagte er kurz und sah dann mit rotem Kopf zur Seite. Semir starrte ihn nun verständnislos an: „Und das findest du jetzt so schlimm, dass du dich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren kannst?“ fragte er und hätte beinahe lauthals zu lachen begonnen. Ben nickte schweigend und Semir schüttelte den Kopf. „Menschenskinder Ben-werd doch endlich mal erwachsen. Sowas kommt vor-manchmal hat man einfach den Kopf mit anderen Dingen voll, oder man hat zu viel getrunken. Wir sind doch keine Maschinen. Lass dir ein wenig Zeit und geh entspannt an die Sache ran, dann klappt das schon wieder!“ riet er ihm. Ben sah ihn nun unglücklich an: „Aber Sarah denkt jetzt, dass ich sie unattraktiv finde mit ihrem Schwangerschaftsbauch und hat deswegen geweint!“ erklärte er unglücklich. „Dabei ist sie nach wie vor die schönste Frau der Welt für mich und das ist doch unser Kind, das für die paar Pfund mehr verantwortlich ist und nicht, dass sie sich gehenlässt und zur Tonne futtert. Ich finde sie doch nach wie vor hoch attraktiv, aber es geht einfach nicht!“ sagte er. Semir dachte nach. Vielleicht konnte da ein Psychologe helfen, aber als er das ansprach wies Ben ihn schroff ab: „Du glaubst doch nicht, dass ich irgendjemandem außer dir von meinen Potenzproblemen erzähle, ist mir das schon schwer genug gefallen!“ und nun schwieg Semir. Nach einer Weile seufzte er auf, startete den Motor und sagte: „Ben, das wird schon wieder, jetzt setz dich deswegen nicht unter Druck, sonst klappts erst recht nicht, aber jetzt-komm lass uns Verbrecher fangen!“ und in diesem Augenblick brauste ein Porsche mit rücksichtsloser Fahrweise und überhöhter Geschwindigkeit aus dem Parkplatz. Semir ging auf´s Gas und wenig später schnappten sie sich den Verkehrssünder.

  • Heute ging es ein wenig länger, weil Semir und Ben noch einen Verkehrsrowdie gestellt hatten. Semir beobachtete vorher schon sorgenvoll, wie Ben immer wieder schwitzte, seine Hand auf die Magengegend presste, wenn er ihn ansah und immer häufiger nervös auf die Uhr blickte. Gegen sechs zog er sein Handy aus der Tasche, lief ein ganzes Stück weg, sprach ein paar kurze Worte hinein, um dann wieder zu ihrer Arbeit zurückzukommen. Der Angerufene hatte mit einem leisen Lachen gesagt: „Gut gemacht, Jäger-sag, macht deine Frau deine Post auf?“ fragte er und Ben verneinte. „Dann wirst du morgen Abend eine Lieferung in deinem Briefkasten finden-aber ohne Zubehör!“ sagte der Mann am anderen Ende und legte auf. Ben atmete innerlich auf, denn er hatte schon begonnen sich Sorgen zu machen, wie er zu seinem Nachschub kommen sollte. Auf normalem Wege sich was zu besorgen, würde ihn bald ins Visier seiner Kollegen kommen lassen. Die V-Leute waren überall-man wusste nie, wem man vertrauen konnte! Allerdings war er trotzdem froh, dass er immerhin die 5000 € in der Tiefgarage gebunkert hatte-man wusste ja nie!


    Dann kehrte er zu Semir zurück, der immer noch den uneinsichtigen Unfallverursacher belehrte. Der hatte unter ihren Augen einen anderen Wagen dermaßen geschnitten, so dass dieser PKW, voll besetzt mit einer türkischen Familie, auch mit kleinen Kindern darin, in die Leitplanke gerauscht war. Gott sei Dank gab es nur leicht Verletzte, aber Semir hatte sich an die Fersen des Verkehrsrowdies geheftet und ihn mehrere hundert Meter weiter in den nächsten Parkplatz beordert. Während die von ihnen verständigten Rettungskräfte sich um die Unfallopfer kümmerten, behauptete der Geschäftsmann steif und fest, er habe überhaupt nichts gemacht und sie sollten ihn gefälligst weiterfahren lassen. Ben, dessen Suchtdruck von Minute zu Minute größer wurde-er musste jetzt dann einfach nach Hause- hatte sich das eine Weile angehört. Semir hatte dem Mann gesagt, dass sie zwar keine Videoaufnahmen hätten, die der sofort zu sehen verlangte, dafür aber zu zweit wären und die Aussage zweier Polizisten wohl vor jedem Richter Bestand hätte. Nun trat Ben, der zuvor die Papiere des Mannes kontrolliert hatte, näher. Ohne zu zögern packte er ihn und zerrte ihn aus dem Wagen. „Wenn du jetzt nicht sofort deinen Fehler zugibst, verpasse ich dir eine, dass du nachher nicht mehr weisst, wie dein Name ist!“ zischte er und nun knickte der Fahrer ein. Ben hatte so bedrohlich und entschlossen gewirkt, dass er richtig Angst bekommen hatte-außerdem würde sein Anwalt das nun schon richten. Sein Führerschein war ihm jetzt sozusagen sicher, denn eine Bedrohung durch einen Beamten war genau das, was er gebraucht hatte. Er gab seine Aussage zu Protokoll, durfte dann sogar weiterfahren und als Semir und Ben-es war inzwischen schon nach 19.00 Uhr- im Wagen saßen und Richtung PASt kurvten, tadelte Semir seinen Kollegen. „Ben-das war ein Blödsinn, was du da gemacht hast. Sicher hat der im Augenblick alles zugegeben, aber wenn der nen guten Anwalt hat, wird ihm gar nichts passieren, dann haben wir uns ein Eigentor geschossen. Warum bist du denn so aggressiv, sowas ist doch unser Alltag und du weisst doch, wie solche Typen ticken!“ machte er ihm Vorwürfe. „Lass mich bloß in Ruhe!“ sagte Ben wild und starrte dann bockig aus dem Fenster und sagte keinen Ton mehr, bis sie an der PASt ankamen. Semir rief ihm noch zu: „Den Bericht schreiben wir morgen!“ aber Ben stieg wortlos und ohne sich nur noch einmal umzudrehen in den Mercedes und brauste vom Hof.


    Mann ihm war so elend, er hatte inzwischen Schmerzen am ganzen Körper, er brauchte ganz dringend seinen Stoff! Er konnte jetzt nur hoffen, dass jetzt alles glatt ging, denn schon begannen Schauer über seinen Körper zu jagen. In seiner Wohnsiedlung brauste er kurz vor einer alten Omi mit Hund, die gerade über den Zebrastreifen ging, durch und die drohte ihm dann mit dem Stock, beinahe wäre sie vor Schreck gestürzt! Kaum in der Tiefgarage angekommen, nestelte er mit zitternden Fingern seine Drogenutensilien heraus und bereitete die nächste Mischung zu. Einen Teil verschüttete er beim Aufziehen und er hätte deswegen beinahe geheult. Als er die Nadel in seinem Arm versenkte, überkam ihn zwar ein Gefühl der Erleichterung, aber der Kick fehlte heute fast völlig-anscheinend war die Dosis zu gering. Allerdings wurde er durchaus ruhiger und hörte zu zittern auf. Nach wenigen Minuten konnte er zu Sarah hochgehen und normal funktionieren, aber er war innerlich unzufrieden, ein Wort gab das andere und der Abend endete damit, dass sich Sarah heulend im Schlafzimmer einsperrte und er im Wohnzimmer auf dem Sofa kampierte.Er hatte zwar ein wenig geschlafen, aber morgens um drei schlich er sich aus der Wohnung, bereitete sich den nächsten Druck zu und diesmal war es super. Ein großer Friede und ein Glücksgefühl überkamen ihn. Er hörte Engelschöre singen und die Welt war wieder wunderbar. Er schlief noch ein paar Stündchen auf dem Sofa und als Sarah morgens aufstand, die Augen immer noch verheult, entschuldigte er sich und erzählte ihr, dass er am Vortag so aufgebracht wegen der Arbeit gewesen wäre. Während sie frühstückten-diesmal konnte er sogar etwas essen-erzählte er ihr: „Stell dir vor, da hat gestern so ein rücksichtloser Geschäftsmann im Audi TT eine vollbesetzte Familienkutsche geschnitten. Die sind verunfallt und das Auto war echt voller Kinder. Stell dir mal vor, dir geschieht sowas, wenn du unseren Zwerg mit im Wagen hast. Semir hat den zwar verhört, aber nichts herausgebracht-erst als ich ihn mir zur Brust genommen habe, ist er mit der Wahrheit herausgerückt!“


    Sarah die ja gerne Frieden wollte, nickte verständnisvoll, obwohl sie lieber nicht so genau wissen wollte, was ihr Partner mit dem Fahrer wohl getan hatte, geladen wie der gestern gewesen war. Ben war aber heute so gut drauf, wie lange nicht und so verabschiedete sie sich mit einem Kuss von ihm, als der zur Arbeit fuhr. „Ach Schatz-und falls heute Post für mich kommt, nicht aufmachen-das ist eine Überraschung für dich, ich habe im Internet etwas bestellt!“ sagte Ben noch geheimnisvoll und Sarah nickte. Sie machte doch nie seine Post auf-was sollte das?


    In der PASt angekommen, war Semir schon da und als Susanne Ben erblickte, sagte sie: „Ihr beide sollt zur Chefin kommen!“ und wortlos wechselten die beiden Polizisten einen Blick. Mit vor Zorn gerunzelter Stirn saß die Chefin an ihrem Schreibtisch. „Ich habe gerade einen Anruf von höherer Stelle bekommen. Es liegt eine Beschwerde gegen sie beide vor-sie hätten gestern Abend einen unbescholtenen Geschäftsmann mit körperlicher Gewalt bedroht und ihn zu einem Geständnis bezüglich eines Verkehrsvergehens genötigt! Was haben sie mir dazu zu sagen-Bericht habe ich nämlich darüber keinen gefunden!“ wollte sie wissen. Gerade wollte Semir zu sprechen anfangen, da begann Ben schon zu reden, dem es anscheinend wieder gut ging, wie Semir erleichtert feststellte. „Frau Krüger wir haben gestern Abend an der A1 beobachtet, wie ein Sportwagenfahrer rücksichtlos ein vollbesetztes Fahrzeug, in dem auch Kinder waren, geschnitten hat, so dass das in die Leitplanke gerauscht ist. Gott sei Dank gab es nur leicht Verletzte, aber da hätte einfach alles passieren können. Wir haben den flüchtigen Fahrer verfolgt und am nächsten Parkplatz ordnungsgemäß angehalten. Er hatte erst keinerlei Einsicht in sein Fehlverhalten, das war schließlich kein Kavaliersdelikt, da hätte es Tote geben können, es waren schließlich auch kleine Kinder im Auto, aber ich habe ihm dann in aller Deutlichkeit erklärt, dass das so nicht geht und dann hat er es doch zugegeben!“ erklärte er. Die Krüger warf einen Blick auf die Notizen: „Der Anwalt des Geschäftsmanns hat angegeben, sie hätten seinen Klienten aus dem Wagen gezerrt und ihm Prügel angedroht, wenn er nicht gesteht-was stimmt nun?“ fragte sie. Ben senkte den Blick und sagte kleinlaut: „Na ja, getan habe ich ihm nichts, aber festgehalten habe ich ihn schon!“ und nun schüttelte die Chefin seufzend den Kopf. „Jäger, was soll ich nur mit ihnen anfangen-ihnen ist doch hoffentlich klar, dass sie damit dem Täter nur in die Hände gespielt haben, jetzt wird sein Anwalt die Anklage abweisen können und er hat erreicht was er wollte. Also das nächste Mal-bitte mäßigen sie sich und jetzt raus und in spätestens einer Stunde möchte ich den Bericht auf meinem Schreibtisch haben!“ sagte sie und wie zwei begossene Pudel verließen Semir und Ben das Büro. Während Semir ihnen Kaffee einschenkte sagte er genüsslich: „Du schreibst!“ und ohne Widerworte begann Ben zu tippen. „Na endlich wird der wieder normal!“ dachte Semir, während er begann, andere Akten zu bearbeiten.

  • Aus dem Goldenen Dreieck war inzwischen eine große Lieferung eingetroffen. Nachdem sein Mitwisser und Freund inzwischen operiert war, aber noch einige Zeit in der Klinik am Bodensee bleiben musste, packte der Geschäftsmann heimlich alleine die halbe Nacht das Rauschgift aus den neu eingetroffenen Designertaschen um. Seine Lieferanten hatten die Päckchen auch mit einem speziellen Duftstoff imprägniert, der Drogenhunde verwirren konnte. Außerdem führte keine einzige Spur zu seiner Firma und ihm persönlich. Er war ein unbescholtener Geschäftsmann, dessen Firma eine Weile ein wenig geschwächelt hatte, sich aber nun glänzend erholt hatte. Mit diesem Jäger als Informanten hatte er einen guten Griff getan und er beglückwünschte sich deswegen. Er hatte kurz überlegt, wie er dessen Nachschub zu ihm bringen sollte, aber dann hatte er beschlossen, den in einen normalen Umschlag zu stecken, einen Adressaufkleber drauf zu kleben, als wenn ein Paketdienst den zugestellt hätte und ihn dann in den Briefkasten zu stecken, während der in der Arbeit war und hoffentlich nach Informationen Ausschau hielt.
    Er stellte seinen luxuriösen Mercedes in der Nähe von Ben´s Haus ab, lief ein paar Schritte und wartete dann, bis ein Mitbewohner die Haustür aufsperrte. Mit einem gewinnenden Lächeln verschwand er zielsicher im Hausflur und bei der gepflegten Erscheinung im perfekt sitzenden Anzug hatte der Nachbar auch keinerlei Bedenken den fremden Mann hinein zu lassen. Der ging zur Tarnung ein paar Treppen hinauf und atmete auf, als der Nachbar in einer unteren Wohnung verschwand. Leise stieg er die Treppe wieder hinunter und hatte gerade den schmalen braunen Luftkissenumschlag in Jägers Briefkasten versenkt, da wurde neben ihm die Tür aufgesperrt und Sarah stand vor ihm. Er erkannte sie sofort, denn er hatte schließlich genügend Fotos von ihr gesehen. Hoffentlich hatte sie nicht bemerkt, dass er gerade in ihrem Briefkasten etwas hatte verschwinden lassen! Er nickte grüßend mit dem Kopf und verließ mit schnellen Schritten das Haus. Sarah wollte gerade nach oben gehen, als sie bemerkte, dass etwas in ihrem Briefkasten war. Mit der Post konnte das nicht gekommen sein, denn die war schon da gewesen und Sarah hatte den Inhalt vorhin schon mit in die Wohnung genommen. Deshalb sperrte sie den Briefkasten auf, nahm den braunen Umschlag heraus und wog ihn neugierig in ihrer Hand. Ob da wohl ihr Geschenk drin war? Sie hätte schwören können, dass der gut gekleidete Mann den vorhin eingeworfen hatte, aber das war mit Sicherheit kein Paketdienst. Seufzend stieg sie die Treppen hinauf. Mann sie musste jetzt schon immer ordentlich schnaufen, der Bauch drückte und sie wurde auch schnell müde. Deswegen legte sie sich noch ein wenig aufs Sofa und ruhte sich aus, bevor sie sich dem Haushalt widmete. Den Umschlag legte sie auf das Sideboard und dachte auch nicht mehr weiter daran.


    Heute fuhr Ben, der langsam wieder der Alte war. Es war kein Zittern zu bemerken, er wirkte konzentrierter und Semir sah auch kein einziges Mal untertags, dass er seine Hand auf den Bauch legte-anscheinend waren seine Magenschmerzen besser. Sie machten normale Streifenfahrten und unterwegs hielt Ben einmal bei einem Juwelier an und kam wenig später mit einem schmalen Päckchen wieder heraus. „Was hast du jetzt gekauft?“ fragte Semir neugierig, der im Wagen sitzen geblieben war. „Ich habe mich gestern mit Sarah gestritten. Wir haben uns zwar heute Morgen wieder versöhnt, aber jetzt möchte ich ihr eine Kleinigkeit schenken, damit sie mir nicht mehr länger böse ist!“ erklärte Ben wahrheitsgemäß. „Mann davon kann ich nur träumen-sowas gibt unser Budget nicht her-das Allerhöchste der Gefühle, wenn ich mich mit Andrea gestritten habe, ist ein Blumenstrauß zur Versöhnung!“ seufzte Semir. „Das ist eine gute Idee!“ befand Ben und als sie am nächsten Blumengeschäft vorbeikamen, ging er auch da noch hinein und kam mit zwei kleinen, aber wunderhübsch gebundenen Sträußen wieder heraus. Einen davon überreichte er feierlich Semir: „Da, der ist für Andrea-brauchst ihr ja nicht zu sagen, dass ich den gekauft habe!“ sagte er mit einem Lächeln und Semir erkannte Ben gar nicht wieder.
    Sie brachten den Arbeitstag zu Ende, wobei gegen Abend Ben schon wieder begann unruhig und unkonzentriert zu werden, aber kurz nach fünf machten sie beide Feierabend und jeder strebte mit seinem Geschenk nach Hause.


    Andrea war sehr gerührt, dass Semir ihr einfach so etwas mitgebracht hatte und nachdem die Kinder im Bett waren, machten sie sich noch einen schönen Abend. „Ach Semir-heute war der Vorarbeiter der Baufirma bei mir. Die sind jetzt mit den Böden so weit fertig, aber jetzt muss das Haus drei Wochen austrocknen. Die Firma hat Betriebsurlaub und deshalb sollen wir uns nicht wundern, wenn jetzt eine Sanierungspause ist-das sei so geplant, hat er mir gesagt. In drei Wochen geht das zügig weiter mit der Restaurierung und in etwa drei Monaten können wir dann wieder zurück in unser Haus.“ erzählte sie ihm noch und Semir nickte, bevor er sie in seine Arme zog und zärtlich küsste.


    Sarah konnte zwar an und für sich von ihrer Wohnung aus nicht auf die Tiefgarageneinfahrt blicken, aber sie hatte gegen Abend festgestellt, dass sie kein Brot mehr im Haus hatten und war noch losgegangen, um in der nahe gelegenen Bäckerei eines zu besorgen. Als sie zurück kam, hätte sie schwören können, dass Ben gerade in die Tiefgarage gefahren war, als er aber eine Viertelstunde später immer noch nicht auf der Matte stand, befand sie, dass sie sich wohl getäuscht hatte. Dort unten standen mehrere silberne Fahrzeuge und sie hatte, während sie wieder mühsam die Treppe hinauf schnaufte, auch bloß aus den Augenwinkeln gesehen, wie ein Wagen dort verschwunden war. Einige Zeit später stand Ben gut gelaunt vor ihr und überreichte ihr den Blumenstrauß. „Ist Post für mich gekommen?“ fragte er harmlos und ließ derweil seine Blicke schon hektisch durch die Wohnung schweifen. Im Briefkasten war nämlich nichts gewesen!


    Sarah freute sich sehr über den Strauß und wies mit dem Kopf zum Sideboard, während sie eine Vase holte und die Blumen dorthinein arrangierte. Ben nahm schnell den Umschlag an sich, ging damit ins Bad und schloss sich ein, wie Sarah verwundert konstatierte. Na sie würde auf ihre Überraschung schon warten können, so wichtig war das auch nicht! Männer-da benahmen sie sich wie kleine Kinder befand sie, aber sie freute sich dann doch sehr, als Ben ihr wenig später eine hübsche Halskette in einer schmalen Verpackung überreichte.
    Ben hatte im Bad hektisch den Umschlag aufgerissen und dann erleichtert aufgeatmet, als zehn kleine Päckchen heraus purzelten. Er versteckte sie vorrübergehend in einer alten Socke im Wäschepuff-später würde er sie in die Tiefgarage schaffen. Er hatte sich vorhin den letzten Schuss verpasst, um sechs seinen Anruf erledigt und war schon entsprechend unruhig gewesen, aber so waren die nächsten Tage gesichert. Als er Sarah die Kette umlegte und ihr versicherte, wie gut die ihr stand, war der Abend gerettet und nachdem sie zu Abend gegessen hatten, dösten sie Arm in Arm ein, allerdings ohne miteinander zu schlafen-das ging einfach nicht.
    Gegen Morgen stahl Ben sich wieder aus dem Bett, zog sich leise an und verschwand mit seiner Socke in der Tiefgarage. Als er sich den nächsten Schuss gesetzt hatte, kam er nach einer Weile wieder zurück ins Bett und Sarah wunderte sich im Unterbewusstsein, was er wohl so lange auf der Toilette gemacht hatte. Dann kuschelte sie sich aber wieder an ihn und bedauerte, dass er es im Augenblick vorzog in langärmligem Shirt und Shorts zu schlafen-früher war er oft nackt im Bett gelegen und sie konnte sich auch nach der ganzen Zeit, die sie schon zusammen waren, an seinem wohl geformten Körper nicht satt sehen. Aber gut-sie wurden bald Eltern, vielleicht war es einfach an der Zeit sich umzustellen, sie trug schließlich auch lieber ein Schlafshirt.

  • Am nächsten Morgen war wieder der Beamte der Drogenfahndung in der PASt. „Nachdem leider der letzte Zugriff erfolglos verlaufen ist, hat unser Informant wieder von einer erneuten Lieferung erfahren, die an einem Autobahnrastplatz am nächsten Vormittag übergeben werden soll. Darf ich sie bitten mit demselben Ablauf wie beim letzten Mal die Observierung vorzunehmen?“ forderte der Rauschgiftfahnder sie auf und nannte die genauen Daten des Einsatzes.
    Am Abend teilte Ben folgsam seine neuesten Informationen mit und der Mann am anderen Ende, dessen Stimme Ben als die des Anzugträgers identifiziert hatte, lobte ihn: „Sie machen das sehr gut Jäger, ich denke, ihr Nachschub ist gesichert. Ich werde in regelmäßigen Abständen ihre Bestände auffüllen, wenn sie sich so kooperativ verhalten, aber ich muss sie dennoch warnen: Falls sie ein falsches Spiel mit mir treiben, wird ihre Familie das büßen!“ trichterte er ihm ein und Ben ließ das Handy langsam sinken. Eigentlich müsste er sich jetzt beginnen Sorgen zu machen und Sarah in Sicherheit bringen und ein Teil seines Unterbewusstseins war sich darüber durchaus im Klaren, aber anstatt sich nun den Tatsachen zu stellen, setzte er sich den nächsten Druck und vergaß für eine ganze Zeit alle Sorgen und Nöte.


    Als er die Wohnung später betrat, war Sarah nicht da. Ben erschrak erst, aber als dann sein Sofa so einladend vor sich sah, vergaß er seine Sorge, legte sich darauf und als seine Freundin einige Zeit später von der Schwangerschaftsgymnastik nach Hause kam, fand sie ihn tief schlummernd vor. Voller Zorn rüttelte sie ihn: „Ben, wo verdammt noch mal warst du? Du weisst doch, dass immer Donnerstags der Geburtsvorbereitungskurs ist und hast mir hoch und heilig versprochen, das nächstes Mal mitzugehen. Ich habe dich auf dem Handy angerufen, aber du bist nicht rangegangen. Dann habe ich Semir erreicht und der hat mir gesagt, dass du schon seit zwei Stunden Feierabend hast!“ schrie sie ihn zornig an. Ben sah sie mit glasigen Augen ein wenig verständnislos an und sagte dann nur: „Entschuldige, ich hab´s vergessen!“ woraufhin ihn Sarah am liebsten geohrfeigt hätte. Dann fragte sie nochmal: „Wo warst du denn dann?“ und nun fiel ihr siedend heiß etwas ein. Ben hatte vermutlich eine Freundin! Wie anders ließ es sich erklären, dass er nach der Arbeit gerade immer so spät nach Hause kam. Wenn er früher mit Semir noch auf ein Bier gegangen war, oder die Muckibude aufgesucht hatte, hatte er kurz angerufen und sie hatte Bescheid gewusst.
    Mit Andrea hatte sie ebenfalls telefoniert und mit ihr das delikate Thema Sex in der Schwangerschaft besprochen. Semir hatte mit seiner Frau-obwohl man sowas ja eigentlich nicht tat- darüber gesprochen und die hatte verstehen können, dass sowas die beiden jungen Leute beschäftigte. „Weisst du Sarah, Semir und ich hatten die letzten Schwangerschaftsmonate auch keinen Sex mehr, wir haben halt gekuschelt und so, aber Semir hatte immer Angst, dass es zu einer Frühgeburt kommt und er dann schuld wäre. Auch wenn der Arzt das bis zum Schluss erlaubt und man ja auch weiß, dass es dem Baby nicht schadet, die Männer ticken halt manchmal so. Das hat meistens nichts damit zu tun, dass dein Partner dich nicht mehr attraktiv findet-im Gegenteil, die sind doch stolz darauf, dass da auch ein Teil von ihnen in deinem Bauch heranwächst, aber ich glaube, das ist völlig normal, dass die Lust auf Sex da manchmal ein wenig abnimmt!“ hatte sie versucht, Sarah zu beruhigen, aber die hatte ihr das nicht so ganz glauben können.
    Nun fügte sich in Sarah´s Kopf das eine zum anderen. Ben kam in letzter Zeit immer relativ spät von der Arbeit, er wirkte abwesend, dachte sichtlich an andere Dinge als sie und das Baby und hatte keine Lust auf Sex mit ihr. Der Abschuss war jetzt gewesen, dass er nicht mit zum Geburtsvorbereitungskurs gegangen war, obwohl er wusste, wie wichtig ihr das war. Sie hatte im Rahmen ihrer Ausbildung zwar schon mehrere Geburten gesehen, aber trotzdem hatte sie schon ein wenig Angst vor dem, was auf sie zukommen würde. Sie hatte auch vor, sich keine PDA stechen zu lassen, sondern das Kind ohne irgendwelche Betäubungsverfahren zur Welt zu bringen. Generationen von Frauen hatten das so gemacht, aber sie brauchte dabei auch ganz dringend Ben´s Beistand. Der aber interessierte sich plötzlich nicht mehr für diese ganzen Dinge, dabei war das ja der Sinn und Zweck dieser Vorbereitungskurse, dass beide Partner schon vorher erfuhren, wie sowas ablief, wie der Mann seiner Partnerin durch Massagen, Atemübungen etc. helfen konnte, so dass sie das Kind gemeinsam auf die Welt bringen konnten.
    Sicher hatte der irgendeine gut aussehende schlanke Frau kennen gelernt, mit der er sich nach der Arbeit vergnügte, bevor er dann nach Hause kam, das von ihr zubereitete Essen verzehrte, sich in der von ihr geputzten Wohnung ausbreitete und die von ihr gewaschene Wäsche anzog. Na klar, seine Unterhosen zu waschen, da war sie gut genug dafür, aber dass er auf sie Rücksicht nahm und ihre Bedürfnisse wahrnahm, das konnte man nicht verlangen! Einerseits voller Zorn und aufgebracht und im gleichen Augenblick todtraurig, schrie sie ihn an: „Wer ist sie und wie heißt sie? Pass bloß auf, dass ich sie nicht in die Finger bekomme, sonst kratze ich ihr die Augen aus!“ und Ben starrte sie nun völlig verständnislos an. Von wem redete Sarah und warum war sie nur so wütend? Sarah packte ein Sofakissen und schmiss es nach ihm. Vor Kummer und Zorn inzwischen heulend, brüllte sie: „Am besten du packst gleich deine Sachen und ziehst zu ihr-die ist sicher schlank und hübsch, hat abends keine dicken Beine und verlangt von dir auch nicht, irgendwo mit hinzugehen, wohin du nicht möchtest. Klar ist das lästig, aber für den Zwerg da drinnen bist du genauso verantwortlich wie ich. Unter diesen Voraussetzungen allerdings werde ich das Kind alleine zur Welt bringen und aufziehen-schau bloß, dass du Land gewinnst!“ tobte sie und bevor Ben sich versah, stand er draußen vor der Wohnung und hörte Sarah darin untröstlich schluchzen. Eigentlich wollte er ja zurückgehen und sie trösten, aber dann zuckte er mit den Schultern, schlich in die Tiefgarage und stellte sich im BMW den Liegesitz flach. Zunächst konnte er nicht einschlafen, aber dann drückte er sich noch eine Dosis, alle Probleme lösten sich in Wohlgefallen auf und Ben versank in die süßesten Träume.

  • Sarah hatte die Nacht beinahe durch geheult. Weil Ben sich nicht gerechtfertigt hatte und auch nicht zurückgekommen war, um mit ihr zu reden, lag sie wohl mit ihrer Vermutung richtig. Der war jetzt einfach zu seiner neuen Flamme gefahren und wälzte sich mit der im Bett, während sie voller Gram und Kummer hier zurückblieb. Wenn das wirklich wahr war, dann brauchte sie noch vor der Geburt des Kindes eine neue Bleibe-Mann hätte sie nur ihr Appartement im Schwesternwohnheim nicht aufgegeben! Als der Morgen graute, schlief Sarah vor Erschöpfung doch noch ein wenig ein und Semir wunderte sich, warum Ben sich schon wieder verspätete. Zehn Minuten nach Dienstbeginn rief er ihn auf dem Handy an, aber Ben ging nicht ran. Mann verdammt-ausgerechnet, wenn sie einen geplanten Einsatz hatten, verschlief der. Nach dem zweiten Anruf wählte Semir die Festnetznummer und nach dem dritten Läuten ging Sarah ran, an deren Stimme Semir sofort feststellen konnte, dass da etwas überhaupt nicht in Ordnung war. „Sarah, wo bleibt Ben? Hat der verschlafen?“ wollte Semir wissen, aber Sarah teilte ihm nur kurz mit: „Das weiss ich nicht und das ist mir auch egal-er hat mich gestern verlassen und ist zu seiner neuen Flamme gefahren!“ sagte sie und begann schon wieder zu schluchzen.


    Semir starrte, nachdem Sarah aufgelegt hatte, fassungslos auf sein Telefon. Das durfte doch nicht wahr sein? Konnte das stimmen? Gut, Ben war in der letzten Zeit schon anders gewesen als sonst. Er wirkte oft nervös und abgelenkt, kamen vielleicht auch die Magenschmerzen von diesem Dilemma, dem er dann wohl ausgesetzt war? Aber er hätte schwören können, dass Ben seine Sarah heiß und innig liebte-so viel hatten die in der Zeit erlebt, in der sie zusammen waren, was inzwischen auch schon wieder fast zwei Jahre waren und jetzt bekamen sie auch noch ihr Wunschkind. Zu so einem Zeitpunkt schaute man sich doch nicht nach einer anderen Frau um und die Story mit den Potenzproblemen war dann wohl auch an den Haaren herbeigezogen. Allerdings-man steckte in einem anderen Menschen nicht drin, aber wenn das so war, dann war er traurig, dass sich sein Freund ihm nicht anvertraut hatte.


    Nun stand allerdings ein anderes Problem in Person von Frau Krüger hinter ihm, die scharf sagte: „Herr Gerkan, es wird Zeit, dass sie und die Kollegen zur Rastplatzobservierung aufbrechen-wo steckt übrigens Jäger?“ fragte sie nach einem Blick auf die Uhr. „Der wird sicher gleich kommen!“ beeilte sich Semir zu versichern und kaum war die Chefin um die Ecke verschwunden, wählte er schon wieder Ben´s Nummer. Erneut ging keiner hin und nun war Semir mit ein paar raschen Schritten bei Susanne und bat sie, Ben´s Dienstfahrzeug zu orten. Nachdem alle Polizeifahrzeuge, wie auch viele LKW´s der Speditionen mit einem sehr detaillierten Ortungssystem ausgestattet waren, mittels dem man sogar neben der genauen Position den Spritverbrauch und die aktuell gefahrene Geschwindigkeit nachschauen konnte, dauerte es keine 30 Sekunden, bis Susanne ihm mitteilte: „ Ben´s Wagen steht unter seiner Wohnadresse und hat sich dort auch die ganze Nacht nicht wegbewegt!“ und nun war Semir ratlos. Wo steckte sein Freund und war der irgendwo zu Fuß hingelaufen? Aber eigentlich war Ben nicht der Typ dafür. Der nahm für jeden Meter das Auto. Wenn er laufen ging, dann im Laufdress und am Rhein entlang, aber sonst war der eigentlich überwiegend motorisiert unterwegs. Gut, vielleicht hatte er ja seinen privaten Porsche genommen, oder das Motorrad, aber wenn er so weitermachte, dann fuhr er nicht nur seine Beziehung, sondern auch gleich noch seinen Job an die Wand! Er versuchte noch einmal, seinen Freund anzurufen, aber als sich der nicht meldete, machte er sich seufzend alleine auf den Weg zum Rastplatz.


    Ben erwachte, weil jemand an die Scheibe des Mercedes klopfte: „Herr Jäger, geht´s ihnen gut?“ fragte eine Stimme dumpf und als er die Augen öffnete, stand ein Nachbar vor ihm und schaute besorgt ins Auto. Ben brauchte einen kurzen Augenblick, um sich zu orientieren, aber dann ließ er seinen Blick hektisch durchs Fahrzeug schweifen, um dann aufzuatmen. Es lagen keine verdächtigen Drogenutensilien herum. Anscheinend hatte er die in der Nacht gewohnheitsmäßig unterm Sitz verschwinden lassen, nachdem er sich den Schuss gesetzt hatte. Ben stellte den Sitz hoch und öffnete das Fenster. „Dankeschön Herr Maier, doch bei mir ist alles in Ordnung-ich hatte heute Nacht nur eine kleine Meinungsverschiedenheit mit meiner Partnerin!“ gab er ihm Bescheid und der ältere Mann lächelte wissend. Na gut, sowas kam in den besten Familien vor und dieser Polizist und seine reizende Freundin würden sich schon wieder versöhnen-immerhin bekamen die doch in Kürze ein Baby!


    Der Nachbar stieg in sein Auto und fuhr davon, während Ben seinen Blick zur Uhr schweifen ließ. Verdammt, er hatte verpennt! Vor einer Stunde war Dienstbeginn gewesen! Eigentlich sollte er jetzt ja raufgehen und sich mit Sarah aussprechen, aber das würde er nach Dienstschluss erledigen. Wenn er die Chefin verärgerte, würde die ihn nämlich zu Innendienst verdonnern und dann würde er vielleicht überhaupt nicht mehr erfahren, wann irgendwo eine Razzia stattfand. Und wenn er seinen Lieferanten und Auftraggeber nicht zufrieden stellte, dann wäre wieder Sarah in höchster Gefahr! Als er auf sein Handy sah, bemerkte er, dass er das lautlos gestellt hatte. Zwei Anrufe von Semir heute Morgen waren drauf und mehrere von Sarah am gestrigen Abend. Kurz überlegte er, doch schnell in die Wohnung zu gehen, um sich wenigstens einer Katzenwäsche zu unterziehen und frische Klamotten anzuziehen, aber dann verwarf er den Gedanken wieder. Für eine Aussprache mit Sarah fehlte jetzt die Zeit!
    Also startete er den Motor und rief, während er zügig aus der Tiefgarage fuhr, Semir an. „Ben, wo steckst du?“ fragte der besorgt, aber auch ein wenig aufgebracht, als er sah, wer da am anderen Ende war. „Semir, ich habe verschlafen-soll ich noch zur PASt kommen, oder seid ihr schon am Rastplatz?“ fragte er und Semir antwortete: „Wir sind gleich am Einsatzort, komm am besten direkt dorthin!“ und nun drückte Ben aufs Gas. Unterwegs musste er gähnen-verdammt er war noch hundemüde und alle Gräten taten ihm weh. So ein Autositz war eben doch nicht der richtige Ort, um sich im Schlaf zu erholen! Fünfzehn Minuten später kam er am Rastplatz an, der auch völlig normal aussah. Ben wusste allerdings, dass da jedes zweite Fahrzeug sozusagen nicht echt war und einige Gesichter von Beamten, kannte er vom Sehen her. Er konnte schon von Weitem Semir´s BMW erkennen und parkte direkt neben dem ein. Als er ausstieg, sah Semir ihn an. Mann wie sah denn sein Kollege aus? „Ben, erstens stinkst du und außerdem siehst du aus, als hättest du in deinen Klamotten geschlafen!“ teilte er ihm mit und Ben grinste. „Da könntest du Recht haben, aber das erzähle ich dir später, was passiert ist. Wir sind hier immerhin an einer Raststätte und das ist ein Ort, wo man sich frisch machen kann und genau das werde ich jetzt machen!“ sagte er Semir Bescheid und verschwand in den Waschräumen.


    Ein Mitarbeiter der Drogenfahndung, der auf Urlauber getrimmt mit einem Rauschgiftspürhund über den Parkplatz ging, kam zu Semir´s Wagen, um mit ihm ganz unauffällig ein paar Worte zu wechseln. Der belgische Schäferhund wedelte und Semir streichelte ihn. Dann lief er allerdings zu Ben´s Auto und zeigt durch sein Verhalten, dass er etwas gerochen hatte. „Mensch Fido-schau bloß, dass du weiter gehst-das ist ein Polizeifahrzeug!“ schimpfte sein Herrchen und schlenderte langsam durch die Reihen der geparkten Fahrzeuge, wie um seinem Hund ein wenig Auslauf zu gewähren. Dessen Nase sog die Düfte ein, aber als er an einem unscheinbaren alten Golf Kombi ankam, der am Ende des Parkplatzes stand, wurde er plötzlich sehr aufgeregt. Der Hundeführer warf einen Blick Richtung Semir und der nickte unmerklich, während der Mann mit dem Hund, nachdem er ihm ein Leckerli gegeben hatte, weiterging.
    Ben kam währenddessen wieder zurück-er hatte sich ein wenig frisch gemacht und ein Deo benutzt-wenigstens stank er nicht mehr zum Himmel und Semir, der so tat, als würde er den Ölstand seines Wagens prüfen, teilte ihm leise mit: „Verdächtiges Fahrzeug am Ende des Parkplatzes-der dunkelblaue Golf. Der Drogenhund hat angeschlagen!“ sagte er und nun wurde Ben siedend heiß. Hoffentlich konnte der Hund bei ihm nichts wahrnehmen, sonst würde er hier vor versammelter Mannschaft auffliegen! Auch war er ein wenig unruhig-er hatte doch Bescheid gegeben, dass heute die Razzia stattfinden sollte. Hatte sein Lieferant nicht richtig zugehört? Wenig später kamen zwei junge Männer, die in ein angeregtes Gespräch verwickelt waren, aus der Raststätte. Einer trug eine Reisetasche und der andere balancierte zwei Becher Kaffee zum Wagen. Semir hörte unauffällig auf sein Headset, mit dem er mit der Einsatzleitung verbunden war. Als die beiden gerade dabei waren, einzusteigen, gab der leitende Beamte den Befehl: „Zugriff!“ und schon sprangen mehrere Polizisten in Zivil zu den verdutzten jungen Männern, packten sie und drückten sie auf den Boden. Semir war mit wenigen Schritten bei ihnen und öffnete die Reisetasche, aber darin befand sich weder das erwartete Geld, noch der Stoff, sondern nur eine Menge Schmutzwäsche. Als sie sich im Wagen umsahen, konnten sie tatsächlich zwei kleine Päckchen mit einem weißen Pulver entdecken, aber so wie es aussah, hatten sie nur zwei Endverbraucher gestellt. Der Drogenhund wurde herbeordert und untersuchte das Auto, aber auch er konnte nicht mehr entdecken. Mit einem Fluch beendete der Leiter den Einsatz. Sie hatten so ein Aufhebens veranstaltet-an diesem Parkplatz würde heute kein Deal mehr stattfinden. Sie hatten sich getäuscht und wieder waren ihnen die Rauschgifthändler durch die Lappen gegangen! Die beiden Endverbraucher bekamen eine Anzeige, durften aber dann ihren Weg nach Angabe der Personalien und Beschlagnahmung der Päckchen fortsetzen. Der Drogenwischtest war nämlich negativ, also war keiner der beiden unter Drogeneinfluss gefahren und wie der Besitz der kleinen Menge Stoff zu bewerten war, würden Staatsanwaltschaft und Richter entscheiden. Die beiden hatten einen festen Wohnsitz und waren nicht vorbestraft-viel würde ihnen vermutlich gar nicht passieren!
    Während Semir und Ben mit den beiden Fahrzeugen getrennt zur PASt zurückfuhren, dachten sie beide darüber nach, was sie später ihrem Freund wohl sagen sollten!

  • Kaum waren sie an der PASt angekommen und wollten gerade in ihr Büro gehen, da kam eine Meldung herein, dass ein Raubüberfall auf eine namhafte Kölner Bank stattgefunden hatte und die Täter über die Autobahn flüchteten. Semir sprang zu Ben ins Auto und mit halsbrecherischer Geschwindigkeit jagten sie den flüchtigen Verbrechern nach. Es gab eine wilde Verfolgungsjagd, Autos stellten sich quer und Ben konnte in letzter Sekunde daran vorbeiziehen, den Tätern immer auf der Spur. Irgendwann verließen die über einen Nothalt die Autobahn und Ben konnte ihnen in letzter Sekunde folgen. Das Adrenalin jagte durch seine Adern und er fühlte sich wunderbar! Die Täter versuchten sich über Feldwege zu entfernen, sprangen letztendlich aus dem Wagen und nun setzten Semir und Ben ihnen zu Fuß nach. Ihre Beute hatten sie zurückgelassen und nach einem wilden Spurt gelang es Semir und Ben die beiden maskierten Männer einzuholen und zu überwältigen. Beide lagen am Boden, die Hände auf den Rücken gefesselt und Semir und Ben blickten sich mit blitzenden Augen, schwer atmend an. Der Einsatz war erfolgreich und ohne Verletzte über die Bühne gegangen, sogar alle Fahrzeuge waren noch heil und nachdem die Uniformierten die beiden Täter abgeführt und in die Zellen der PASt gebracht hatten, untersuchte die Spurensicherung das Fluchtfahrzeug und es wurden mehrere hunderttausend Euro sichergestellt.


    Semir und Ben fuhren langsam in ihre Dienststelle zurück und nachdem es inzwischen Mittag geworden war, machten sie noch einen kurzen Halt bei einem Fast- Food-Restaurant. Semir konstatierte verwundert, dass Ben nur eine Cola trank und einen einzigen winzigen Cheeseburger aß-sonst hatte er immer die Karte rauf und runter bestellt, aber als er ihn darauf ansprach, schwindelte er: „Weisst du, Sarah hat mir klar gemacht, dass diese Art der Ernährung total ungesund ist. Sie kocht abends immer etwas Leckeres, das zudem noch gesund ist, da brauche ich mittags nicht so viel!“ erklärte er und Semir wusste im ersten Augenblick nicht, was er darauf sagen sollte. Sollte er Ben jetzt sofort darauf ansprechen, was Sarah ihm mitgeteilt hatte, oder warten, bis er von selber damit herausrückte? Dann allerdings beschloss er, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war-sie mussten nun die Bankräuber verhören, die Berichte fertig machen-da blieb keine Zeit für ein persönliches Gespräch, aber abends nach Dienstschluss würde er ihn sich kaufen-diesmal würde er nicht auskommen!


    Als sie in ihrem Büro zurück waren, kam die Chefin mit einem breiten Grinsen um die Ecke: „Nachdem der erste Einsatz des Tages ja in die Hose gegangen ist-wofür wir aber nicht verantwortlich sind-war ihre zweite Aktion sehr erfolgreich. Frau Schrankmann hat mich gerade angerufen und ihre Arbeit lobend erwähnt. Ich würde vorschlagen, sie verhören jetzt die beiden Männer und erledigen den Schreibkram, damit die Staatsanwaltschaft die Anklage erheben kann dann können sie ein wenig früher Feierabend machen-sogar sie Jäger, aber nur dass sie´s wissen, ich habe durchaus bemerkt, dass sie heute Morgen verschlafen haben!“ sagte sie und verschwand wieder in ihrem Büro.


    Ben merkte, wie sein Suchtdruck immer größer wurde. Einmal hatte er nach der Verfolgungsjagd mit Entsetzen festgestellt, dass das Päckchen, das mit der gebrauchten Spritze unter dem Fahrersitz lag, nach vorne gerutscht war, aber er hatte es unauffällig wieder darunter schieben können. Sie begannen die beiden Verbrecher zu verhören, aber wieder, wie beim letzten Mal fiel Ben durch übergroße Aggressivität auf. Allerdings fruchtete es beim ersten Verhörten und bald hatten sie sein Geständnis aufgezeichnet. Als Semir sich an den Schreibtisch setzte, um das Vernehmungsprotokoll zu tippen, sagte er mahnend zu Ben, der sich immer wieder fahrig durch die Haare fuhr, schwitzte und keine Minute ruhig auf dem Stuhl sitzen konnte: „Verdammt noch mal, Ben-was ist denn los? Nur damit du´s weisst, ich habe heute Morgen kurz mit Sarah telefoniert und würde mich nach Dienstschluss gerne mit dir darüber unterhalten, was die mir mitgeteilt hat. Menschenskinder, Ben, ich bin dein Freund-sprich mit mir, vielleicht kann ich dir helfen!“ sagte er, aber dann kam ein Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft in ihr Büro und Semir verstummte.
    Ben stand unauffällig auf und eilte zu seinem Wagen. Er konnte es jetzt keine Sekunde mehr aushalten. Gerade hatte er den halben Inhalt der Kaffeetasse verschüttet, weil er dermaßen zu Zittern begonnen hatte. Er nahm ein Päckchen und seinen Stauschlauch heraus. Frische Spritzen hatte er sich heute in der Apotheke besorgen wollen, aber egal, das würde schon so gehen! Mit Löffel, Kerze und Zitronensäure in einer unauffälligen Plastiktüte betrat er die Waschräume der PASt und schloss sich in der Herrentoilette ein. Nachdem er den Schuss zubereitet hatte drückte er sich ihn mit der benutzten Spritze und eine große Erleichterung überkam ihn. Er lehnte sich auf der Schüssel zurück und kam erst wieder zu sich, als von draußen jemand zornig an der Klinke rüttelte: „Verdammt noch mal-hast du da drin eine Dauersitzung? Andere müssen auch mal aufs Klo!“ ertönte eine wütende Stimme und Ben beeilte sich, sein Drogenzubehör zusammenzupacken. Dann zog er ab und sagte, während er die Kabine verließ: „Mann du hattest doch sicher auch schon mal Durchfall-das dauert halt manchmal etwas länger!“ aber der Mann erwiderte da nichts darauf, sondern versperrte die Tür von innen. Ben warf sich noch ein wenig Wasser ins Gesicht und schwebte dann sozusagen auf Wolke sieben zurück in sein und Semir´s Büro. Semir war beinahe mit dem Tippen des ersten Berichts fertig und sah gar nicht auf. „Wo warst du denn so lange?“ wollte er wissen, aber Ben gab ihm keine Antwort, sondern lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück und schloss die Augen.

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