Wenn Freundschaft zerbricht [Fortsetzung von "Sternenhimmel"]

  • Die Sonne scheint, die Vögel singen, es wird Sommer - gute Vorraussetzungen für euch, zu verkraften was in dieser Geschichte so alles passieren wird, der Titel spricht ja schon für sich.... Viel Vergnügen, ich hoffe, sie gefällt euch, ich freue mich auf eure Meinungen!



    „Herr Gerkhan, kommen Sie doch bitte mal in mein Büro“, bat Frau Krüger mit einem ernsten Gesichtsausdruck. Semir, der eben mit Ben das Gebäude der Dienststelle betreten hatte, sah seinen Partner verwundert an. Ben dagegen grinste. „Na, was hast du kaputt gemacht?“ Semir zuckte die Schultern. „Wird schon nicht so schlimm werden. Komisch nur, dass wir nicht beide dran sind“, wunderte er sich dann doch noch. Ben hob lachend die Hände. „Also ich für meinen Teil kann damit ganz gut leben.“ Er klopfte Semir freundschaftlich auf die Schulter. „Du kannst mir ja nachher berichten, was los war, ich geh mir einen Kaffee holen.“ Semir verschwand also im Büro der Chefin, die einen ziemlich ernsten Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte, wie Ben jetzt doch mit einem Stirnrunzeln bemerkte. Irgendetwas schien anders zu sein als sonst. Hoffentlich war nichts mit Andrea oder Aida. Doch dann schüttelte Ben energisch den Kopf, was sollten denn jetzt solche Gedanken. Er seufzte und machte sich auf den Weg in ihr Büro. Semir würde ihn gleich schon darüber aufklären, was los war.
    Erschöpft ließ er sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen und gähnte herzhaft. Es war ein langer Tag gewesen und er freute sich auf einen gemütlichen Abend. Susanne war mit einer Freundin unterwegs und so hatte er heute Abend Zeit für sich. Er sah auf seinen Arbeitsplatz, der wie immer ziemlich chaotisch aussah. Wenn er es inzwischen in der Wohnung so einigermaßen schaffte, Ordnung zu halten, gelang ihm das bei seinen Unterlagen einfach nicht. Er überlegte, ob er noch einen Bericht anfangen sollte, doch er hatte einfach keine Lust mehr. Er war im Moment einfach immer noch nicht richtig fit, auch wenn er die vergangenen Ereignisse inzwischen insgesamt ganz gut weggesteckt hatte. Und es war eine Menge gewesen, das er zu verarbeiten gehabt hatte. Zuerst der Unfall, bei dem Susannes Freundin, die ihm hatte helfen wollen, gestorben war und dann seine Gefangenschaft bei dieser Sekte, die in ihm so eine Art Erlöser gesehen hatte. Nachdem Semir ihn endlich dort rausgeholt hatte, wäre es dem Anführer Mike dann doch noch fast gelungen, Ben zu töten, hätte Semir Mike nicht in letzter Sekunde erschossen und somit dem Ganzen ein Ende bereitet.
    Ben wusste nicht, was mit den anderen Sektenmitgliedern geschehen war, im besten Fall waren sie in ihr normales Leben zurückgekehrt und die Therapeuten würden nicht so schnell arbeitslos werden. Aber wenn er ehrlich war, war ihm das auch egal. Nadine Müller, die neben Mike den Ton angegeben hatte, musste einen ziemlichen Aufstand gemacht haben, als sie von seinem Tod erfahren hatte, obwohl auch sie nur von ihm benutzt worden war. Aber manche Menschen begriffen es einfach nie. Sie hatte einfach nicht verstehen wollen, dass sie für ihn nur Mittel zum Zweck gewesen war. Sie hatte Ben und vor allem Semir gegenüber etliche Drohungen ausgestoßen, war danach aber in der Versenkung verschwunden.
    Ben wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Semir das Büro betrat. Als erstes fiel Ben auf, dass Semir sehr blass war. Er sagte keinen Ton, sondern ließ sich nur auf seinen Stuhl fallen. „Was war denn?“ fragte Ben beunruhigt. „Ich bin vom Dienst suspendiert“, antwortete Semir in einem Ton, der so klang, als könne er selber nicht glauben, was er da gerade sagte. „Ne, is’ klar, zu viele Beulen in deinen Wagen gefahren, oder was?“, antwortete Ben, doch von seinem Partner kam keine Reaktion. So langsam wurde Ben klar, dass es ernst war, was Semir da gesagt hatte. „Und warum?“ fragte er ungläubig, denn er konnte sich absolut keinen Grund vorstellen, der so eine Maßnahme rechtfertigen würde. „Nun lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen, rede schon!“ drängte er Semir, der immer noch keine Anstalten machte, zu einer Erklärung anzusetzen.
    „Nadine Müller hat Anzeige gegen mich erstattet“, kam es schließlich von Semir. „Was?!“ entfuhr es Ben entgeistert. „Die Frau ist nicht abgetaucht, sie hat die ganze Zeit daran gearbeitet, etwas gegen mich zu unternehmen.“ „Und was hat sie aufgetrieben, dass man dich deswegen gleich suspendieren kann?“ wollte Ben wissen, der immer noch nicht glauben konnte, dass das alles wahr sein sollte. Nahm das denn nie ein Ende? „Weil sie mir vorwirft, Mike ermordet zu haben. Es wäre keine Nothilfe für dich gewesen, sondern eiskalte Berechnung von mir, weil ich ihn aus dem Weg haben wollte.“ Ben sprang auf. „Das darf ja wohl nicht wahr sein!“ rief er empört. „Wie kommt die Frau denn auf so eine Idee? Sie war doch überhaupt nicht dabei!“ Fragend sah Ben seinen Freund an. Semir schüttelte den Kopf. „Das nicht, aber sie hat die Berichte gelesen. Und es ist nun mal nichts an der Tatsache zu ändern, dass ich zu oft abgedrückt habe. Deswegen musste ich eh’ schon ein paar Tage warten, bis ich den Dienst wieder aufnehmen konnte und mit der Psychologin reden. Ich dachte eigentlich auch, dass damit alles ausgestanden wäre.“ Er seufzte. „Jetzt aber hat ihre Cousine, die im Justizministerium arbeitet, die Unterlagen angefordert. Gemeinsam mit der Müller hat sie dann alles so gedreht, als hätte ich aus Rache gehandelt, es klang wohl alles hieb- und stichfest. Die hatten wohl keine andere Möglichkeit, als mich aus dem Dienst zu nehmen, bis das alles geklärt ist.“ Auch wenn er Ben alles gerade so erklärt hatte, wie Frau Krüger es ihm dargelegt hatte, kam es ihm so vor, als würde er neben sich stehen und sich selbst bei diesen Ausführungen zuhören, die er eigentlich gar nicht glauben konnte.
    „Das gibt’s doch nicht! Ich rede mit der Chefin, dass können die doch nicht machen!“ Noch bevor Semir dem etwas hinzufügen konnte, war Ben bereits rausgestürmt.

  • In den nur wenigen Metern, die Ben zum Büro seiner Vorgesetzten zurücklegen musste, überschlugen sich seine Gedanken. Dass Semir suspendiert wurde gehörte mit zu den schlimmsten Szenarien, die er sich vorstellen konnte. Semir liebte seine Arbeit! Ohne diese würde er zu Grunde gehen! Das konnte doch einfach nicht wahr sein! Und alles nur wegen des Fehlverhaltens einer Justizangestellten! Ein solcher Zugriff von außerhalb auf diese vertraulichen Akten konnte doch eigentlich gar nicht genehmigt gewesen sein! Allein schon deswegen konnte aus diesem Vorwurf doch schon gar nichts werden, oder? Frau Krüger würde sicher wissen was zu tun war, aber war sie nicht auch gerade diejenige gewesen, die die Suspendierung ausgesprochen hatte?
    Ohne anzuklopfen betrat er schwungvoll ihr Büro. Sie sah nicht sonderlich überrascht aus, sondern vielmehr so, als habe sie ihn bereits erwartet. Noch bevor Ben überhaupt loslegen konnte, hob sie bereits beschwichtigend die Hand und bat ihn dann, erst einmal Platz zu nehmen. Ben kam dieser Aufforderung eher widerwillig nach, aber schließlich wollte er etwas von ihr, also musste er nach ihren Regeln spielen. „Ich kann mir schon denken, warum Sie hier sind“, begann sie. „Sagen Sie mir bitte, dass das alles nur ein Missverständnis ist und Semir wieder arbeiten kann“, unterbrach Ben seine Chefin nun doch, unfähig, noch länger zu schweigen. Frau Krüger seufzte. Im Grunde haben Sie ja Recht, der Vorwurf ist lächerlich.“ Ben nickte zustimmend. Das hörte sich doch gar nicht so schlecht an. „Aber diese Aussage, dass Herr Gerkhan jemanden aus Rache ermordet haben soll, wiegt nun einmal schwer und dem zuständigen Staatsanwalt sind Herr Gerkhan und auch Sie, vor allem Ihre Ermittlungsmethoden, schon lange ein Dorn im Auge. Er scheint nur darauf gewartet zu haben, einen von Ihnen dran zu kriegen. Auch wenn diese Anzeige so nie hätte zu Stande kommen dürfen, ändert dies erst einmal nichts am Sachverhalt. Herr Dr. Küpper wird zunächst einmal weiterermitteln, sei es auch nur, um Ihnen das Leben schwer zu machen. Ich gehe allerdings davon aus, dass Ihr Kollege keine ernsthaften Konsequenzen befürchten muss, sein Verhalten war gerechtfertigt. Er musste sicher gehen, dass Ihr Angreifer Ihnen keinen Schaden mehr zufügen konnte.“
    Bens Augen waren während ihrer Ausführungen immer größer geworden und als sie den Namen des Staatsanwaltes genannt hatte, war ihm einiges klar geworden. Die zickige Frau Schrankmann, mit der sie vorher immer zu tun gehabt hatten, war gegen ihren Nachfolger betrachtet, richtig liebenswert gewesen. Letzten Endes hatte sie doch immer akzeptiert, wie Ben und Semir zu ihren Ergebnissen gekommen waren. Schließlich war sie dann auch wegen dieser Erfolge befördert und somit versetzt worden. Herrn Dr. (auf den Titel bestand er, allein das war schon lächerlich) Küpper jedoch schienen jegliche menschlichen Gefühlsregungen fremd zu sein, zumindest was sein Arbeitsverhalten betraf. Gerüchteweise hatte Ben gehört, dass er verheiratet sein sollte, doch das konnte er sich ehrlich gesagt nicht vorstellen. Dieser große dürre Mann mit Halbglatze schien seinen Mangel an Mitgefühl mit dem penetranten Festhalten an Regeln und Vorschriften auszugleichen. Kein Wunder also, dass er etwas gegen Ben und Semir hatte. Ben hatte schon lange keinen Menschen mehr kennen gelernt, der ihm von Beginn an so unsympathisch gewesen war und betrachtete man jetzt Küppers Verhalten, schien das durchaus auf Gegenseitigkeit zu beruhen.
    „Das heißt also, es bleibt erst einmal bei der Suspendierung?“ fragte Ben dennoch sicherheitshalber. Frau Krüger nickte bedauernd. „Und Sie können da gar nichts machen?“ Erneut verneinte seine Vorgesetzte die Frage. Sie hätte sich gerne für Herrn Gerkhan eingesetzt, doch das lag nicht in ihrer Macht. Alles was sie hatte tun können, hatte sie bereits getan, doch es hatte nichts am Ergebnis geändert. Nachdenklich sah sie Herrn Jäger an. Auch für ihn war das nicht leicht; dass er sich mit dafür verantwortlich fühlte, war ihm nur allzu deutlich anzusehen. Immerhin war es sein Leben gewesen, welches durch die Tat von Herrn Gerkhan gerettet worden war. „Es tut mir leid“, sagte sie noch, während Ben wieder aufstand und ohne ein weiteres Wort verschwand.

  • Vor seinem und Semirs Büro blieb er stehen. Was sollte er nur sagen? Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, es war alles nur seine Schuld, dass Semir jetzt in diesem Schlamassel steckte. Nur wegen ihm war sein Partner in die Situation gebracht worden, einen Menschen erschießen zu müssen. Ben wusste zwar, dass eigentlich nur Mike der Schuldige war, trotzdem konnte er nicht verhindern, dass er sich dafür verantwortlich fühlte.
    Ben holte tief Luft und betrat den Raum, in dem Semir bereits dabei war, seine Sachen zu packen. Ben registrierte irritiert, dass sein Freund nicht nur die alltäglichen Dinge einpackte, sondern auch noch andere Dinge. Am meisten verwunderte Ben jedoch die Tatsache, dass Semir anscheinend sogar das Foto seiner Familie vom Schreibtisch genommen hatte. Stellte er sich etwa auf eine längere Abwesenheit ein? Das war doch gar nicht seine Art! „Sag’ mal, was wird denn das?“ fragte Ben, obwohl er eigentlich etwas ganz anderes hatte sagen wollen. „Ich packe zusammen, das ist doch wohl nicht zu übersehen, oder?“ antwortete Semir mit einem leicht aggressiven Unterton in der Stimme und ohne seine Tätigkeit zu unterbrechen. „Ja schon“, meinte Ben, „aber was soll das? Es sieht fast so aus, als würdest du hier ganz ausziehen.“ In dem Moment, in dem er das sagte, erschrak Ben selbst über seine Worte, aber das traf den Anblick, den er hier vor sich hatte, am Besten. Es sah wirklich so aus, als habe Semir nicht vor, hier bald wieder aufzutauchen.
    Der hielt kurz inne, zuckte die Schultern und meinte dann: „Es ist Freitagnachmittag und ich hab’ doch sowieso ab nächstem Donnerstag Urlaub, also was soll’s.“ Dann sah er sich noch einmal um. „So, ich denke, das ist alles, ich bin jetzt weg.“ Mit diesen Worten nahm er seine Sachen und wollte an Ben vorbei gehen, doch der hielt ihn am Arm fest. „Hör mal, das ist doch jetzt nicht dein Ernst, was du hier gerade abziehst, oder?“ fragte er ungläubig. „Du willst doch nicht einfach so still und leise von hier verschwinden, das kannst du mir doch nicht ernsthaft weismachen wollen! Wir müssen etwas dagegen unternehmen! Das machen wir doch sonst auch immer.“
    Unwirsch schob Semir Bens Arm zur Seite. „Hör zu Ben, das ist meine Sache, o.k.?“ entgegnete er. „Ich habe einfach keine Lust mehr auf den ganzen Mist, verstehst du? Ich reiße mir hier den Arsch auf und da muss nur so eine idiotische Tussi auftauchen, eine völlig unbegründete Anschuldigung heraus posaunen und schon muss ich die Konsequenzen tragen. Bei all dem, was ich auf mich nehme, um für Vater Staat meine Pflicht zu erfüllen, ist das mehr als unfair. Ich brauch’ einfach eine Auszeit. Nimm’s mir nicht übel, das hat nichts mit dir zu tun, aber ich werde erst mal in den Urlaub verschwinden und in die Türkei zu meiner Familie fahren. Es gibt da ein paar Cousins, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe, um genau zu sagen, seit meiner Kindheit nicht mehr. Es wird mal Zeit, mich dort blicken zu lassen. Und das Beste ist, dass es dort so abgeschieden ist, dass sie teilweise noch nicht einmal Handyempfang haben. Ich muss jetzt raus hier und da ist so etwas genau das Richtige. Danach sehen wir dann weiter. Wir treffen uns dann, wenn ich wieder da bin. Mach’s gut und grüß Susanne von mir.“ Mit diesen Worten ging Semir an Ben vorbei und verschwand ohne sich um die Blicke der anderen zu kümmern, oder sich noch einmal umzudrehen.
    Ben stand immer noch an der gleichen Stelle und konnte gar nicht glauben, was sich hier gerade abgespielt hatte. Vor zwanzig Minuten war noch alles in Ordnung gewesen und jetzt stellte Semir auf einmal sein ganzes Leben in Frage? Das war doch nicht der Mann gewesen, den er seinen Freund nannte! Von dem hätte er doch eher einen Wutausbruch erwartet und mindestens noch eine lautstarke Auseinandersetzung mit der Chefin. Aber einfach zu verschwinden passte so gar nicht zu ihm. Ben begann, sich ernsthaft Sorgen zu machen.

  • Während sich Ben weiterhin über das merkwürdige Verhalten seines Partners den Kopf zerbrach, war dieser bereits auf dem Weg nach Hause. Er nahm allerdings nicht den direkten Weg, sondern wählte den Umweg über die Autobahn. Wenn er einfach nur geradeaus rollen musste, konnte er normalerweise gut nachdenken. Auch er wusste gerade nicht so recht, warum er sich eben so verhalten hatte. Eigentlich war er Ben gegenüber ziemlich unfair gewesen, aber irgendwie hatte er nicht anders gekonnt, es war einfach zu viel gewesen. Doch was sollte er jetzt nur seiner Frau sagen? Er konnte es sich ja selbst kaum erklären.
    Semir steuerte den nächsten Rastplatz an, er konnte jetzt noch nicht zu Andrea, erst einmal musste er sich über einige Dinge klar werden. Er parkte den Wagen und stieg aus. Er schlenderte den Grünstreifen des Parkplatzes entlang und dachte über seine Situation nach. Trotz des schwerwiegenden Vorwurfs war er sich relativ sicher, dass ihn eine Untersuchung des Vorfalls entlasten würde. Sein Handeln hatte definitiv Bens Tod verhindert und war deswegen gerechtfertigt gewesen. Zudem gab es jede Menge Zeugen vom SEK, die bestätigen konnten, dass Ben gestorben wäre, wenn Semir nicht so gehandelt hätte, auch wenn er im Nachhinein ehrlich zugeben musste, dass wohl nicht so viele Schüsse notwenig gewesen waren.
    Doch was er nicht begreifen konnte, war die Tatsache, dass einfach irgendjemand daher kommen, eine aus der Luft gegriffene Anschuldigung in den Raum werfen konnte und er sofort Disziplinarmaßnahmen zu erdulden hatte. Das war einfach nicht gerecht. Er war schon so lange Polizist, er hatte viele Jahre gute Arbeit geleistet und doch war es so leicht, ihn einfach so aus dem Verkehr zu ziehen. Was hatte er nicht alles schon für diese Gesellschaft getan? Und jetzt? Wie wurde ihm das gedankt? Nur weil einem Vorgesetzten seine Nase nicht passte, wurde er einfach suspendiert, ohne überhaupt die Gelegenheit bekommen zu haben, sich zu der ganzen Sache zu äußern. Er hatte einfach keine Lust mehr, irgendetwas lief in diesem System falsch. Er war froh, dass er bald mit Andrea und Aida von hier verschwinden konnte; es war ihm egal, ob er zu einer Anhörung musste, sein Urlaub stand ihm zu und er musste einfach mal raus hier. Es tat ihm leid, Ben so vor den Kopf gestoßen zu haben, wahrscheinlich fühlte der sich jetzt auch verantwortlich für die Situation, aber Semir hatte einfach keine Kraft, sich mit Ben darüber auseinander zu setzten. Zumal sein Partner es wohl kaum nachvollziehen könnte, dass Semir im Moment erst einmal nur seine Ruhe haben wollte.
    Denn wenn es darum ging, gegen Ungerechtigkeit vorzugehen, konnte Ben ganz schön hartnäckig sein. Eigentlich war das eine Eigenschaft, die Semir an seinem Freund sonst sehr schätzte, mit der er aber akut nichts anzufangen wusste. Er war zu müde, um sich zu wehren. Vielleicht sah das Ganze schon wieder anders aus, wenn er einigen zeitlichen und auch räumlichen Abstand gewonnen hatte. Semir stieg wieder in seinen Wagen und fuhr weiter. Zwar wusste er immer noch nicht genau, was er Andrea sagen sollte, aber er würde schon die richtigen Worte finden.


    Ben hingegen wusste nicht, wie er Susanne das alles erklären sollte, als er abends nach Hause kam. Sie hatte den Tag über frei gehabt und so nichts von alldem mitbekommen. Sie war doch nicht unterwegs, da ihre Freundin das Treffen abgesagt hatte, aber Ben war darüber ziemlich froh, denn er wusste nicht, mit wem er sonst über diese Sache hätte reden sollen.
    „Dr. Küpper also, ja?“ fragte sie dann noch einmal nach, nachdem ihr Ben alles so geschildert hatte, wie er es mitbekommen hatte. Ben nickte. „Frau Krüger hat Recht, der Typ ist wirklich fies“, erklärte sie. "Ich hatte auch schon mit ihm zu tun. Aber es wird sich schon alles aufklären. Ich meine, es ist doch recht eindeutig, es kann doch nur eine Formsache sein, das zu regeln.“ „Ich hoffe nichts mehr als das“, stimmte Ben ihr zu. „Aber du hast nicht erlebt, wie Semir sich verhalten hat, ganz anders als sonst. Es war so, als hätte er aufgegeben, er hat mit fast Angst gemacht.“ Er schwieg einen Moment.
    „Weißt du, wenn ich mich nicht in diese Situation gebracht hätte, wäre Semir auch nicht in diese Lage gekommen…“, begann er, doch weiter kam er nicht, denn Susanne legte ihm den Zeigefinger auf den Mund und brachte ihn so zum Schweigen. „Oh nein, so brauchst du gar nicht weiterzureden. Dich trifft überhaupt keine Schuld, hör bloß auf, dir so etwas einzureden.“ Sie hatte sich während Bens Bericht schon gedacht, dass es darauf hinauslaufen würde, dass er sich die Schuld daran gab, doch das musste sie ihm so weit wie möglich ausreden, solche Gedanken würden ihn nur kaputt machen. „Semir hätte dies für jeden anderen auch getan, dass weißt du genau“, sagte sie energisch. „Du hast ja Recht“, musste Ben zugeben. „Ich hatte einfach nur das Gefühl, er wollte mir erst mal aus dem Weg gehen“, meinte er dann. „Ich glaube, er muss das alles erst einmal verdauen, das hat wahrscheinlich gar nichts mit dir zu tun“, meinte Susanne. „Bestimmt ist er auch einfach nur urlaubsreif. Gönn ihm jetzt die Ruhe. Wenn er wieder da ist, wird er sich schon bei dir melden.“ Ben seufzte. „Ist wahrscheinlich tatsächlich das Beste. Aber ich werde ihm nach dem Wochenende noch mal anrufen und ihm wenigstens einen guten Flug und ein paar schöne Tage in der Türkei wünschen, der Flieger geht ja erst Ende der Woche.“ Susanne nickte nur, auch wenn sie das für keine so gute Idee hielt. Sie war der Meinung, dass Semir erst einmal Abstand haben musste, und das diese Tatsache gar nichts mit Ben zu tun hatte, aber das würde sie ihrem Freund wohl kaum klar machen können.

  • Doch Ben hatte sich nicht mit einem Anruf begnügen wollen. Bevor sie am Montag ins Büro fuhren, machte Ben einen Abstecher zum Haus seines Partners. Da er und Susanne heute nur mit seinem Wagen fuhren, konnte ihn seine Verlobte nicht davon abhalten. Doch es erwartete ihn eine herbe Enttäuschung. Schon als er in die Straße, in der Semir wohnte, einbog, sah er, dass die Rollläden heruntergelassen waren. Und auch die Nachbarin, die gerade eine Zeitung aus Semirs Briefkasten zog, ließ nur einen Schluss zu. Andrea und Semir hatten anscheinend einen früheren Flug genommen und waren bereits in die Türkei verschwunden. Trotzdem hielt Ben kurz an, öffnete das Fenster und fragte: „Entschuldigen Sie bitte Frau Bauer, sind die drei schon weg?“ Er hatte Semirs Nachbarin vor einiger Zeit kennen gelernt und hoffte, dass sie sich auch noch an ihn erinnerte. Aber da brauchte er sich keine Gedanken zu machen, denn sie hatte ihn nicht vergessen, im Gegenteil. „Ach Herr Jäger, guten Morgen“, begrüßte sie ihn freundlich. Das war doch der nette junge Kollege, den sie neulich kennen gelernt hatte. Dabei reckte sie noch ein wenig den Hals, um auch noch einen Blick auf Susanne zu erhaschen. Hatten sich die beiden nicht verlobt? Frau Gerkhan hatte da doch so etwas erzählt…?
    „Ja, eigentlich wollten sie erst Ende der Woche fliegen, aber sie haben sich spontan entschlossen, dass Ganze vorzuverlegen, Frau Gerkhan hat es sogar geschafft, noch einen günstigen Flug zu bekommen. Na ja, die Kleine ist ja noch im Kindergarten, da ist es egal, wann sie fehlt. Komisch nur, ich dachte, Herr Gerkhan hätte erst in ein paar Tagen frei. Aber da habe ich mich wohl geirrt, oder?“ Fragend sah sie Ben an, dem eben auch wieder eingefallen war, dass Semir schon oft über die Redseligkeit seiner Nachbarin gestöhnt hatte, auch wenn er sonst ganz gut mit ihr auskam. Er nickte. „Ja, ja, er schon früher freibekommen, ich hatte nur gehofft, ihn noch persönlich zu erwischen.“ Und nicht nur dass, eigentlich hatte er fest damit gerechnet, er hätte gerne mit seinem Partner gesprochen. „Danke, dass sie sich ums Haus kümmern, auf Wiedersehen“, verabschiedete er sich dann schnell, um weiteren Monologen zu entgehen. „Ach, das mache ich doch gerne, auf Wiedersehen“, sagte Frau Bauer.
    Schweigend fuhren Ben und Susanne weiter. Sie war sich nicht sicher, was gerade in seinem Kopf vorging. Ben sah einfach nur stur gerade aus und Susanne konnte seinen Gesichtsausdruck aus dieser Perspektive nicht deuten. „Willst du ihn nicht anrufen?“ fragte sie schließlich, als sie auf dem Parkplatz der Dienststelle angekommen waren. Ben machte den Motor aus und sah sie an. „Hab ich mir auch überlegt“, meinte Ben. „Aber anscheinend will er wirklich seine Ruhe haben, sonst hätte er sich ja bei mir gemeldet, oder? Also muss ich das wohl akzeptieren.“ Er wollte es sich nicht wirklich eingestehen, aber er war sehr enttäuscht von Semirs Verhalten. Einfach so zu verschwinden war ihm gegenüber ziemlich unfair, denn auch wenn es jetzt Semir war, der den Ärger hatte, er hing da genauso mit drin. Susanne beugte sich zu ihm und umarmte ihn. „Ach Ben, es tut mir so leid. Du kannst wirklich nichts dafür, lass ihm einfach Zeit. Es sieht bestimmt alles ganz anders aus, wenn er wieder da ist. Wahrscheinlich haben sich die Vorwürfe bis dahin auch erledigt.“ Ben erwiderte ihre Umarmung und war wieder einmal froh darüber, was für eine wunderbare Frau er an seiner Seite hatte. Sie hatte so oft einen viel klareren Blick auf die Dinge und sie fand vor allem immer die richtigen Worte, die auch ihm meistens halfen, alles etwas positiver zu sehen.
    Es gab da nur eine Sache, die ihn noch zweifeln ließ, doch die konnte Susanne nicht wissen. Da war dieser Ausdruck in Semirs Augen gewesen, als er das Büro nach seiner Suspendierung verlassen hatte. Es hatte so ausgesehen, als ob er aufgegeben hätte. Ben war sich nicht wirklich sicher, dass Semir vorhatte, einfach so zurückzukehren. Doch er wollte Susanne jetzt nicht auch noch damit belasten, sie hatte schon genug damit zu tun, ihn aufzumuntern, da brauchte sie sich nicht noch zusätzlich um so etwas Gedanken zu machen. Sie würde schon früh genug damit konfrontiert werden, spätestens dann, wenn Andrea jemanden zum Reden brauchte.
    Ben küsste Susanne und sagte: „Du hast wie immer recht.“ Sie lachte. „Ja, ja, das möchte mal von dir hören, wenn du irgendwas machen musst, wozu du keine Lust mehr hast.“ Ben grinste. „Vergiss es!“ Beide lachten und machten sich in etwas gelösterer Stimmung an die Arbeit.

  • Die Tage vergingen und wie zu erwarten gewesen war, war die Anklage sehr schnell fallen gelassen worden. Es hatte im Gegenteil sogar andere personelle Konsequenzen gegeben, da gewisse Daten nach außen gelangt waren, die dort nichts zu suchen gehabt hatten. Die Cousine von Nadine Müller war auf unbestimmte Zeit beurlaubt worden und es war fraglich, ob sie ihren Posten wieder aufnehmen würde. Aber das war nicht der einzige Grund gewesen; bei näherer Betrachtung der Sachlage waren die Ermittler zu dem Schluss gekommen, dass Semir sich völlig korrekt und regelkonform verhalten hatte, auch wenn es vielleicht zu viele Schüsse gewesen waren, aber das war Sache des Ermessens. Sie hatten sogar nicht einmal für nötig gehalten, Semir selbst zu der Angelegenheit befragen. Also hatte Herr Dr. Küpper die Suspendierung zähneknirschend zurücknehmen müssen. Wahrscheinlich würde er aufmerksam auf die nächste Gelegenheit lauern, aber das war für den Moment egal, wichtig war nur, dass Semir vollständig entlastet worden war. Frau Krüger hatte sich das Grinsen nicht verkneifen können, nachdem der Staatsanwalt ihr Büro verlassen hatte. Auch wenn der Mann etliche Erfolge in der Strafverfolgung vorzuweisen hatte, hatte sie ihn noch nie leiden können. Außerdem hatte sie das Gefühl, dass er persönlich etwas gegen Herrn Gerkhan und auch, sogar vor allem gegen Herrn Jäger hatte, aber was genau das Problem sein könnte, wusste sie nicht. Eigentlich war ihr das im Moment auch egal, jetzt war es nur wichtig, Herrn Gerkhan die gute Nachricht zu übermitteln.
    Frau Krüger hatte auch schon versucht, ihn zu erreichen, doch entweder hatte er sein Handy ausgeschaltet oder es gab kein Netz. Letztere Möglichkeit erschien ihr durchaus plausibel, da sie wusste, dass seine Familie, die er besuchen wollte, recht abseits der großen Städte in bergigem Gebiet lebte. Sie würde es einfach weiterhin versuchen, irgendwann musste sie ja mal Glück haben und sie wollte ihm die gute Nachricht so früh wie möglich mitteilen, damit er seinen Urlaub noch unbeschwert genießen konnte.
    Auch Ben war heilfroh gewesen, als er die Nachricht von der Entlastung seines Partners erhalten hatte. Auch wenn Susanne ihm die ganze Zeit gut zugeredet hatte, war sein schlechtes Gewissen kaum zu verdrängen gewesen. Doch da sich jetzt endlich alles geklärt hatte, fühlte er sich schon wesentlich besser. Nun musste es nur noch der Betroffene selbst erfahren, aber Semir war einfach nicht zu erreichen. Doch er musste ja irgendwann mal wiederkommen, spätestens dann konnte auch er sich freuen.
    Und auch Ben konnte sich endlich wieder entspannen, wenn er es sich abends mit Susanne gemütlich machte. „Hm ja, genau da“, brummte Ben zufrieden, während Susannes Hände seine verspannten Schultern massierten. „Ja, das merke ich, du bist total verspannt“, bemerkte sie. „Ist ja auch kein Wunder, wenn du die ganze Arbeit allein machen musst. Es wird höchste Zeit, dass Semir wiederkommt.“ Sie beugte sich nach vorn und küsste Ben zärtlich auf die Halsbeuge. „Hm, da ist es auch gut“, murmelte Ben, der eine Gänsehaut bekam. Er schloss kurz die Augen, während Susanne von hinten ganz nah an ihn heranrückte und ihre Arme um seinen Oberkörper schlang. Ben drehte sich zu ihr, denn er hatte schon eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, wo und wie das Ganze hier weitergehen sollte und auch Susanne schien dem nicht abgeneigt zu sein, was Ben unter anderem daraus schloss, in welche Richtung sich ihre Hände nun bewegten. Doch kurz bevor er sie hochheben wollte, um sie ins Schlafzimmer zu tragen, klingelte Susannes Handy und beide zuckten zusammen. Ben bemerkte, dass Susanne aufstehen wollte und hielt sie sanft davon ab. „Musst du jetzt da ran gehen?“ fragte er. „Ich dachte, wir könnten…“ Er beugte sich vor und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Er grinste, als sie leicht errötete, doch sie entwand sich seinem Griff und stand auf. „Es gibt nicht viele Leute, die mich um diese Uhrzeit unter dieser Nummer anrufen würden, das weißt du doch auch. Es muss etwas Wichtiges sein und ich hoffe doch mal sehr, dass du mir nicht weg läufst, oder? Wir haben schließlich noch die ganze Nacht Zeit“, lächelte sie ihn an.
    Auch wenn dieses Angebot sehr verlockend klang, ließ Ben sie nur widerwillig ganz los, doch er wusste, dass sie keine Ruhe geben würde, bevor sie nicht wusste, wer da anrief. Vielleicht war es ja wirklich wichtig und sie konnten danach ja immer noch da weitermachen, wo sie eben unterbrochen wurden.
    Doch dazu kam es nicht mehr, denn kurz nachdem das Klingeln aufgehört hatte, kam Susanne bereits wieder mit dem Telefon zurück. Ihr Gesichtsausdruck schwankte zwischen Schreck und Besorgnis.

  • „Warte mal Andrea, ich stell dich auf Lautsprecher, dann kann Ben gleich mithören.“ Sie setzte sich neben ihn und angestrengt lauschten sie Andreas Worten, denn Verbindung war sehr schlecht. Es war wirklich unglaublich, was sie da zu hören bekamen, so etwas konnte auch nur wieder Semir passieren. Einiges hatten sie zwar nicht ganz verstanden, da immer wieder Störgeräusche aufgetreten waren, aber die Tatsache, dass Semir unfreiwillig in etwas verwickelt worden war, das anscheinend irgendwie mit Waffenhandel zu tun hatte, war ebenso unmissverständlich wie Andreas Bitte um Hilfe gewesen. Auch die Cousins, die Semir hatte besuchen wollen, schienen mit der Sache zu tun zu haben, so dass er von dieser Seite keine Unterstützung zu erwarten hatte, eher das Gegenteil. Er hatte es wohl versucht, sich dem Ganzen zu entziehen, doch sie hatten ihn so mit Beschlag belegt, dass er nichts dagegen ausrichten konnte ohne sich oder seine Familie in Gefahr zu bringen. So ganz klar war Ben und Susanne das Ganze nicht, aber Andrea konnte nichts Genaueres mehr sagen, als sie es ohnehin schon getan hatte. Ben hatte vergeblich versucht, die Frau seines Partners zu beruhigen und dann hatte er gar nichts anderes tun können, als ihr zu versprechen, auch in die Türkei zu kommen. Danach war die Verbindung dann endgültig abgebrochen und sie konnten keine weiteren Fragen mehr stellen.
    Nachdem sie schließlich auch aufgelegt hatten, sahen sich die beiden erst mal nur fassungslos an. „Und was wirst du tun, wenn du dort bist?“ fragte Susanne, die als erste ihre Sprache wieder fand. Ben überlegte einen Moment. Er wusste gar nicht genau, worum es eigentlich ging, aber die Sache schien sehr ernst zu sein; viel zu ernst, als dass Semir alleine damit fertig werden konnte, doch der weigerte sich anscheinend mal wieder das wahrzuhaben. „Ihm helfen, was sonst?“ antwortete Ben, obwohl er im Moment so gar keine Ahnung hatte, wie er das anstellen sollte. „Als erstes müssen wir uns darum kümmern, dass wir Andrea und Aida da raus kriegen“, meinte er dann. Susanne registrierte dankbar, dass Ben nicht im Singular sprach, sondern sie anscheinend auch mit einplante. Früher wäre ihm das nicht eingefallen, er hätte stattdessen nur einen Alleingang versucht, aber inzwischen schien er tatsächlich verinnerlicht zu haben, dass es besser war, gemeinsam etwas zu unternehmen. „Oder ist es dir lieber, wenn ich allein…“ begann Ben dann, doch Susanne unterbrach ihn schnell. „Nein, nein, ist schon gut, natürlich komme ich mit, ich werde mich um Andrea und Aida kümmern, wenn du bei Semir bist. Ich werde mich gleich mal um die Flüge und alles andere kümmern.“
    Ben nickte dankbar. Sich um alles zu kümmern zu können und vor allem den Überblick zu behalten, war definitiv eine von Susannes größten Stärken. Nur so konnte sie auch immer in der Dienststelle den Überblick behalten. Er wäre wahrscheinlich einfach zum Flughafen gefahren und hätte den nächst besten Flieger genommen, aber sie würde sich auch um ein Hotel und den Rückflug bemühen. Und was noch viel wichtiger war; sie würde es schaffen, das Ganze auch Frau Krüger so beizubringen, dass sie den „Ausflug“ ihrer halben Mannschaft tolerieren würde. Im günstigsten Fall wären sie ja auch schon in zwei Tagen wieder da. Während Susanne also telefonierte, recherchierte und organisierte, begann Ben, ein paar Sachen zusammen zu packen. Währenddessen dachte er über das nach, was Andrea berichtet hatte. Und obwohl es für ihn außer Frage stand, seinem Partner zu Hilfe zu kommen, war er immer noch etwas sauer angesichts der Tatsache, dass Semir ohne ein Wort verschwunden war. Aber ihn jetzt deswegen im Stich zu lassen, wäre eine reichlich übertriebene Reaktion gewesen. Zumal die Frau seines Freundes sehr besorgt geklungen hatte. Allein schon wegen ihr und Aida mussten sie fahren.

  • Als Susanne vom Telefon zurückkam, sah sie nicht wirklich zufrieden aus. „Was ist?“ fragte Ben nur. „Also, frei zu kriegen war das geringere Problem, ich habe noch genug Urlaub und eine Vertretung für dich habe ich auch organisiert. Kommissar Berger übernimmt deinen Job, er ist mir noch einen Gefallen schuldig.“ Ben hob fragend die Augenbrauen. „Ach, ich habe vor einiger Zeit mal meine Kompetenzen überschritten und im Polizeicomputer nach Informationen über den seiner Meinung nach dubiosen Freund seiner Tochter gesucht“, erklärte sie, während Ben versuchte, seine Überraschung zu verbergen. Er hätte nicht gedacht, dass sie so etwas tun würde, das war eine ganz neue Seite. „So, so“, meinte er. „War halb so wild, der Junge war ganz harmlos“, erklärte Susanne. „Das ist ja alles ganz interessant“, sagte er dann, „aber wo liegt denn nun das Problem?“ wollte er dann wissen. „Ich kriege keinen passenden Flug für uns beide“, seufzte sie. „In die Hauptstadt kriege ich uns beide zusammen, aber für den Anschlussflug gibt es jeweils nur noch einen Platz am Montag und am Dienstag. Das ist eine so winzige Fluggesellschaft, die diese Gegend überhaupt anfliegt, ich glaube, die haben nur so kleine Propellermaschinen, es grenzt ja schon ein Wunder, dass ich überhaupt online so etwas gefunden habe. Und das liegt auch nur daran, dass eine alternative Reisegesellschaft von dort aus Wanderungen, Vogelbeobachtungen und so weiter organisiert, sonst hätten wir wirklich ein Problem gehabt.“ Ben überlegte kurz. „Dann fliege ich am Montag und du kommst am Dienstag hinterher. Dann kann ich auch schon mal die Lage klären. Oder du bleibst in Ankara und ich schicke dir Andrea und Aida. Dann kümmere ich mich um Semir und seine Probleme und wir stoßen dann zu euch.“ Er konnte deutlich erkennen, dass Susanne nicht damit zufrieden war, aber an den Platzkapazitäten der Airlines konnte sie nun mal nichts machen. Sie seufzte erneut, nickte dann aber. „Also gut. Aber ich komme einen Tag später nach und hole euch ab.“ Ben war zwar nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass Susanne unbedingt auch dort hinkommen wollte, aber er wusste, dass er ihr das nicht würde ausreden können. Also buchte Susanne die Flüge und bereits am nächsten Tag waren sie auf dem Weg.


    In Ankara angekommen fuhren sie mit dem Taxi in die Pension, in der Susanne ein Zimmer reserviert hatte. Es war zwar spartanisch eingerichtet, aber sauber und nicht weit vom Flughafen entfernt. Eigentlich war es um diese Zeit sehr schön in der Stadt, da es außerhalb der Hauptreisezeit war und nur relativ wenige Touristen zu sehen waren. Doch für die Sehenswürdigkeiten in ihrer Umgebung hatten die beiden keinen Blick, sie verließen das Zimmer nur, um kurz zu Abend zu essen und gingen dann zu früh zu Bett, denn für Ben ging es am nächsten Morgen gleich weiter. Susanne brachte ihn zu seiner Maschine. Diese war klein und hatte nur wenige Sitzplätze. Nach Bens erstem Eindruck sah sie nicht gerade Vertrauen erweckend aus. „Ja, ja, ich weiß, du bist die Privatjets deines Vaters gewohnt“, spottete Susanne liebevoll, als sie seinen Gesichtsausdruck sah. Tatsächlich war ihr das Flugzeug auch nicht wirklich sympathisch, aber es legte diese Strecke jeden Tag zurück und war bisher jedes Mal heil gelandet. „Privatjet“, entgegnete Ben ernst. „Er hat nur einen.“ Dann zwinkerte er Susanne zu, küsste sie zum Abschied und ging an Bord. Was tat man nicht alles für seinen besten Freund. Er mochte gar nicht daran denken, dass Susanne morgen auch hier Platz nehmen würde, vielleicht könnte man es ja doch noch anders regeln.
    Wider Erwarten verlief der Flug recht ruhig und bereits nach einer knappen Stunde hatte Ben sein Ziel erreicht. Ein Taxi brachte ihn zu dem kleinen Ort am Rande der Berge, in dem ein Teil von Semirs Familie lebte. Soweit sich Ben erinnern konnte, handelte es sich um zwei Großcousins, mit denen Semir als Kind immer gespielt hatte. Da er lange nicht mehr hier gewesen war, hatte er in dem einzigen Gasthaus des Ortes ein Zimmer reserviert. Andrea hatte die genauen Namen von Ort und Unterkunft durchgegeben, so dass Ben dem Taxifahrer nur den Zettel hinhalten musste. Diese nickte, er machte häufiger mit diesen Öko-Touristen die Tour in diesen Ort und so stand Ben wenig später vor seinem Ziel.

  • Kaum hatte er das Haus betreten, kam ihm Andrea auch schon entgegen. „Oh Ben, gut, dass du da bist, ich habe gestern auch schon den ganzen Tag hier gewartet, ich hatte ja keine Ahnung, wann du kommst, warum gibt es hier auch keinen Handyempfang, Aida spielt draußen mit der Tochter eines anderen Gastes…“ An dieser Stelle stellte Ben seine Reisetasche ab und umarmte Andrea zur Begrüßung. „Hallo Andrea, schön dich zu sehen, ich bin froh, dass es dir gut geht“, sagte er. „Ach Ben, wo hab ich nur meine Manieren, es tut mir leid“, entschuldigte sich Andrea. „Komm, ich zeige dir dein Zimmer.“ Kaum, da sie dies gesagt hatte, hatte sie sich auch schon rumgedreht und war auch dem Weg in den ersten Stock. Ben nahm seine Sachen und folgte ihr. Er machte sich langsam immer mehr Sorgen, so kannte er Andrea gar nicht. Sie, die sonst immer so souverän und gelassen wirkte, war völlig durch den Wind und aufgedreht, es schien noch ernster zu sein, als er bisher angenommen hatte.
    Er folgte Andrea bis zum Zimmer 103, in dessen Tür von außen der Schlüssel steckte. Er betrat nach ihr den schlichten, zweckmäßig eingerichteten Raum und schloss die Tür hinter sich. Mangels anderer Gelegenheit hatte Andrea sich auf das Bett gesetzt, worauf Ben nun neben ihr Platz nahm.
    „Jetzt erzähl erst mal in Ruhe“, bat er Semirs Frau. „Wo ist Susanne, wollte sie dich nicht begleiten?“ fragte Andrea nervös. „Keine Sorge, sie kommt morgen nach“, tröstete Ben sie. Andrea sah ihn an. „Du glaubst gar nicht, was für ein schlechtes Gewissen ich habe, euch da mit rein zu ziehen“, sagte sie dann mit zittriger Stimme. „Aber ich wusste einfach nicht mehr, was ich sonst machen sollte.“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Ben nahm ihre Hand. „Mensch Andrea, mach dir darüber keine Gedanken, dafür sind Freunde doch da“, sagte er so aufmunternd wie möglich. „Also, in was für Schwierigkeiten steckt mein Partner jetzt schon wieder?“ fragte er dann erneut. Andrea wischte sich die Tränen weg. „Also, die beiden Cousins von Semir, die hier leben, sind in viele illegale Dinge verwickelt und zwar in solche, die weit über Einbruch, Diebstahl oder sonst etwas hinausgehen. Doch als Semir das herausgefunden hatte, war es auch schon zu spät und er steckte mitten drin. Ben, ich glaube es geht und Drogen- und Waffenhandel.“
    Sie machte eine kurze Pause und die war auch nötig, denn Ben musste ganz schön schlucken. Worauf hatte Semir sich da nur eingelassen? Andrea sprach weiter. „Er sollte sie zu irgendeinem Treffen begleiten, bei dem sie einen unbeteiligten Zeugen brauchten, wir hatten ja keine Ahnung, worauf das das hinauslaufen würde. Es klang erst so, als handele sich um ein Immobiliengeschäft, die Übergabe einer Wohnung oder so etwas in der Art, da ist es ja immer gut, wenn man jemanden dabei hat, der das Ganze neutral sieht. Es kam uns zwar komisch vor, aber man kann doch nicht nein sagen, wenn die Verwandten einen um so etwas bitten. Und vor allem nicht dann, wenn sie zuerst ganz freundlich und zuvorkommend sind. Semir hat sie dann also begleitet und sich dann irgendwie in ihre Geschäfte mit reinziehen lassen. Aber wie das genau gelaufen ist oder was überhaupt passiert ist weiß ich auch nicht. Er wollte mir nichts sagen, er meinte, es wäre besser, wenn ich nichts Genaues wüsste. Ich habe das Gefühl, dass sie etwas gegen ihn in der Hand haben, ich meine, er ist doch nicht so ein Familienmensch, der einfach alles mitmacht, was seine Verwandten von ihm verlangen, oder?“ Fragend sah sie Ben an, der sich schon denken konnte, dass das Druckmittel hier vor ihm saß. Vielleicht hatte Semir gehofft, es wäre mit diesem einen Gefallen erledigt gewesen, so dass er dann mit seiner Familie abreisen konnte, aber so wie sich das alles hier darstellte, glaubte Ben nicht daran, dass es so funktionieren würde. „Er war nach dieser Sache bei seinen Onkel, um mit ihm darüber zu reden, aber als er dann wieder kam, hatte er seine beiden Cousins im Schlepptau. Wir hatten keine Minute mehr alleine. Er hat mir dann nur gesagt, dass er noch bei einer Familienangelegenheit helfen würde, ich mir keine Sorge machen bräuchte und er wiederkommen würde, wenn alles geregelt sei. Was soll das alles nur?“

  • „Das werde ich schon raus finden“, sagte Ben. „Und ich werde ihn auch da weg holen. Das liebste wäre mir allerdings, wenn du morgen direkt mit Susanne zurückfliegst. Die Maschine, mit der sie herkommt, fliegt nachmittags wieder nach Ankara zurück, wenn ihr direkt aufbrecht, könnt ihr das gut schaffen. Dann brauchen Semir und ich uns keine Sorgen mehr um euch zu machen.“ Zweifelnd sah Andrea ihn an. „Wirklich, das wäre das Beste“, beteuerte Ben. „Denk doch auch mal an eure Tochter. Wenn es wirklich um Drogen und Waffen geht, willst du sie doch auch nicht in der Nähe von so etwas haben, sondern so weit weg wie möglich.“ Andrea nickte, diesem Argument gegenüber konnte sie sich nicht verschließen. Und sie würde ja auch nicht nach Hause fahren, sondern erst mal mit Susanne in Ankara bleiben. Und wenn Ben hier blieb und sich um Semir kümmerte, konnte sie auch halbwegs beruhigt fahren, denn er und ihr Mann waren als Team unschlagbar, auch wenn sie zurzeit einige Probleme hatten. Andrea war sich sicher, dass sie diese hinten an stellen würden. Sie konnte nicht ahnen, dass Semir das ganz anders sehen würde.
    „Also gut. Was hast du jetzt vor?“ „Wo kann ich Semir finden?“ fragte Ben. „Wo er tagsüber steckt, weiß ich nicht, aber ich habe ihn ein paar Mal gesehen, als er abends mit seinen Cousins in die Dorfkneipe gegangen ist. Aber er hat den Kopf geschüttelt, als er gesehen hat, dass ich zu ihm kommen wollte.“ Ben bemerkte, dass Andrea bereits wieder kurz vorm Weinen war. „Er wollte bestimmt nur nicht, dass du da auch noch mit rein gezogen wirst.“ Er machte eine kurze Pause. „Dann machen wir es so, wie wir es besprochen haben. Du fliegst morgen mit Aida und Susanne zurück nach Ankara und ihr macht euch dort ein paar schöne Tage, bis wir euch dort abholen. Und ich gehe hier heute Abend erst mal was trinken. So kann man doch am Besten Land und Leute kennen lernen“, sagte er augenzwinkernd zu der Frau seines Partners. Beruhigt sah er, dass Andrea schon wieder etwas lächelte. Sie stand auf und ging zur Tür. „Dann werde ich mal packen gehen“, verabschiedete sie sich. „Das mach mal“, meinte Ben. „Und dann macht ihr euch ein paar nette Mädelstage“, grinste er dann noch, um die Situation noch etwas aufzulockern.
    Nachdem Andrea weg war, atmete er erleichtert auf. Somit hatte er wenigstens schon mal ein Problem gelöst. Nun konnte er nur noch hoffen, dass sich die Abreise der Frauen ohne Probleme gestalten würde. Er sah auf die Uhr. Jetzt musste er nur noch ein paar Stunden die Zeit totschlagen, Andrea war beschäftigt und es war noch zu früh, um in einer Dorfkneipe aufzukreuzen. Die Zeit schien nur so dahin zu schleichen, doch endlich war es soweit, dass er sich umziehen und auf den Weg machen konnte. Die kleine Gaststätte lag glücklicherweise in Sichtweite des Hotels und so hatte er sein Ziel schon nach wenigen Schritten erreicht. Er betrat den recht kleinen Innenraum und sah sich um. Seine Augen mussten sich nach der Helligkeit draußen erst einmal an das schummrige Licht gewöhnen, doch bereits wenige Augenblicke später hatte er Semir entdeckt.
    Er saß in einer der hinteren Ecken und hatte Ben den Rücken zugewandt, mit ihm saßen noch vier weitere Personen am Tisch. Also verwarf Ben den Gedanken, einfach hier mit seinem Freund rauszuspazieren, schnell wieder. Das würden die seiner Meinung nach ziemlich finster aussehenden Gestalten wohl kaum zulassen, wenn sie Semir schon so unter Druck gesetzt hatten, dass er bei ihren Geschäften mitmischen musste. Obwohl; finster war nicht die passende Beschreibung, ihr Aussehen war eigentlich ganz normal. Doch der Gesichtsausdruck eines jeden einzelnen wirkte so, als ob sie bei der kleinsten Störung schon bereit wären, zuzuschlagen, auch wenn Ben diesen Eindruck nicht so richtig begründen konnte. Es war einfach sein Bauchgefühl, dass ihn vor diesen Typen warnte. Vielleicht war lag es ja auch nur daran, dass er wusste, welche „Geschäfte“ sie machten. Doch diese Gedanken halfen ihm auch nicht weiter, er musste sich jetzt mit ihnen auseinandersetzen.

  • Also trat er unter ihren misstrauischen Blicken hinter Semir, legte ihm kurz die Hand auf die Schulter und sagte: „Hallo Partner.“ Während Semir sich rumdrehte wanderten die Hände seiner Begleiter immer weiter in Richtung Jackeninnentasche und bestätigten Ben so seinen Verdacht. Wenn man genauer hinsah, konnte man gut erkennen, an welcher Stelle die Waffen verstaut waren.
    „Ben?“ fragte Semir irritiert und sah im gleichen Moment so aus, als hätte er sich am liebsten auf die Zunge gebissen. „Ben? Etwa der Sohn vom Boss?“ fragte der Mann links neben Semir. Er hatte zwar einen starken Akzent, aber man konnte ihn gut verstehen. Ben war im ersten Moment ziemlich perplex, doch dann nickte er einfach, weil ihm nichts anderes einfiel. Anscheinend war das die richtige Wahl gewesen, denn er sah, dass der Mann die Hand, mit der er nach seiner Waffe gegriffen hatte, wieder auf den Tisch legte. Die anderen taten es ihm gleich. Semir sagte immer noch kein Wort, Ben konnte den Gesichtsausdruck nicht deuten, mit dem er ihn anstarrte. Er hatte jedoch den Eindruck, dass Semir nicht gerade erfreut darüber zu sein schien, ihn hier zu sehen. Ben wusste nicht genau, was ihm das sagen sollte, doch er bekam keine Gelegenheit, seinen Freund danach zu fragen, denn der Mann, der hier anscheinend das Sagen hatte, forderte ihn auf, ihnen Gesellschaft zu leisten. „Dann setz dich zu uns, Sohn vom Boss“, sagte er. „Layla, etwas zu trinken für unseren Gast!“ rief er in Richtung der Theke und dann noch etwas auf türkisch, was Ben nicht verstand.
    Während sie warteten sprach niemand ein Wort. Ben wusste auch nicht so recht, wie er ein Gespräch in Gang bringen könnte, eigentlich wartete er darauf, dass Semir das Wort ergriff, doch von seinem Freund kam erst einmal nichts. Man konnte allerdings förmlich sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. „Wie kommst du eigentlich hierher?“ fragte er dann unvermittelt. „Mit dem Flieger, wie sonst?“ antwortete Ben. „Ich soll dich übrigens auch von deiner Frau grüßen.“ Ben hoffte, dass Semir diesen Wink mit dem Zaunpfahl verstand. Der sah ihn einen Moment lang perplex an, doch dann hatte er es anscheinend begriffen. „Ach so, ja ich verstehe, die Frauen haben mal wieder getratscht. Hat Andrea wohl doch jemanden überredet, ihr ein Satellitentelefon zu leihen. Und du konntest es wohl gar nicht abwarten, wie die Geschäfte hier laufen, was? Na, ich kann dir sagen, dass Serhat alles gut im Griff hat.“ Ben nickte, er hatte verstanden. Nach der ersten Überraschung ihn hier zu sehen, hatte Semir schnell geschaltet und ihm auf diese Weise deutlich gemacht, wer hier das Sagen hatte und in welche Art von Rolle er geschlüpft war. Und da Serhat Ben als Sohn vom Boss bezeichnet hatte, war klar, dass sie weder über Bens noch über Semirs wirklichen Beruf etwas wussten. Im Stillen beglückwünschte Ben seinen Freund dazu, dass er diesen wohl erst einmal nicht erwähnt hatte. Wahrscheinlich war er selbst auch froh darum gewesen, als er erkannt hatte, in welche Bredouille er hier hineingeraten war. Die Idee mit der Firma von Bens Vater war keine schlechte gewesen. Immerhin gab es sie wirklich und Semir kannte sich hierbei auch ein wenig aus, da Ben ihm ab und zu etwas erzählt hatte. Jetzt lag es nur an Ben, keinen Fehler zu machen. Wenn er doch nur wüsste, worum es hier eigentlich ging und was Semir damit zu tun hatte oder wie er da rein geraten war! Was Semir davon hielt, dass sein Partner hierher gekommen war, konnte Ben allerdings immer noch nicht sagen. Wenn er ehrlich war, hatte er inzwischen den Eindruck, dass er Semir lieber wäre, wenn Ben nicht hier aufgetaucht wäre, aber da konnte er sich auch täuschen. Hier schien einfach alles anders zu sein. Auf jeden Fall schien Semir sehr angespannt zu sein, was aber auch kein Wunder war, wenn man bedachte, welche Sorgen er sich wohl um Andrea und Aida machte.
    Inzwischen war die Layla zur Stelle, sie war eine ausnehmend hübsche, dunkelhaarige junge Frau, die ein Glas mit einer klaren Flüssigkeit vor Ben und die anderen hinstellte. „Vorsicht, es ist sehr stark, vor allem, wenn man es nicht gewöhnt ist“, sagte sie lächelnd. Der junge Mann gefiel ihr. Schade, dass er sich mit Serhat und seinen Leuten abgab. Vielleicht gehörte er aber auch zu dem, der erst seit kurzem dabei war. Aber auch der schien nicht so recht zu diesen Gestalten zu passen. Sie wusste noch nicht ganz so recht, was sie von ihm halten sollte. Eigentlich war er ihr sympathisch gewesen, doch wahrscheinlich war er auch in dubiose Geschäfte verwickelt. Sie würde abwarten, wie es sich mit dem neuen Besucher entwickelte. Es konnte nicht schaden, ein Auge auf ihn zu werfen, er sah gut aus und war genau ihr Typ. Als sie einige Jahre in Deutschland gelebt hatte, hatte sie einen Freund gehabt, der ganz ähnlich ausgesehen hatte. Sie zwinkerte ihm noch kurz zu und verschwand dann wieder hinter der Theke. Diese Art von Gästen wollte nicht lange gestört werden.


    Während sich Ben noch darüber wunderte, dass so viele hier in diesem Kaff deutsch sprachen, prostete Serhat ihm bereits zu. Auch Ben hob sein Glas und trank einen Schluck, was er gleich darauf wieder bereute. Er konnte den Hustenreiz nicht unterdrücken, auch wenn er sich bemühte. Was war das nur für ein Zeug?! Serhat lachte, als er Bens Reaktion bemerkte. „Keine Sorge, du wirst dich schon nach dran gewöhnen!“ Ben nickte erst einmal nur, er fürchtete, dass Serhat Recht behalten würde, denn wenn er hier nicht mithalten könnte, würde ihn niemand ernst nehmen und Semir wäre wieder auf sich allein gestellt. Das gemeinsame Trinken gehörte in diesen Kreisen einfach dazu und wer nicht mithalten konnte, wurde nicht für voll genommen. Das war hier leider nicht anders als zu hause, auch wenn Ben dieses Prinzip noch nie so ganz verstanden hatte. Aber hier war definitiv nicht der richtige Ort, um über so etwas zu diskutieren. Also nahm er wohl oder übel den nächsten Schluck. Der brannte wenigstens nicht mehr so sehr in seiner Kehle.



    Den nächsten Teil gibt es entgegen der Gewohnheit leider erst am Donnerstag, sorry!

  • „Eure Firma macht also Geschäfte mit Im- und Export?“ fragte Serhat. Ben nickte. „Und deswegen bist du hier? Um zu exportieren?“ Ben nickte erneut nur, obwohl er den lauernden Unterton in der Frage sehr wohl erkannt hatte. Doch er hielt es für angebrachter, sich erst einmal zurück zu halten. „Ist schon komisch, in der Firma mit dem Sohn vom Alten zusammen zu arbeiten, was?“ wechselte Serhat dann das Thema und wandte sich an Semir. „Hat aber auch Vorteile, nicht wahr?“ Semir warf Ben einen kurzen Blick zu und antwortete dann ausweichend: „Ist unterschiedlich, kommt drauf an, worum es geht.“
    „Na dann mein Freund, auf dein Wohl!“ Erneut prostete Serhat ihm zu und Ben merkte langsam schon, wie ihm der Alkohol in den Kopf stieg. Er musste aufpassen, dass er die Kontrolle über sich behielt. Wenigstens war die Hustenattacke diesmal schneller vorbei. Während die anderen außer Semir wieder über ihn lachten, hatte Ben kurz die Gelegenheit über die Situation nachzudenken. Semir hatte sich anscheinend eine Legende zu Recht gelegt, in der sie beide in der Firma von Bens Vater arbeiteten. Dass er ihnen nicht erzählt hatte, dass er bei der Polizei arbeitete, war klar, dann hätten sie ihn wohl schneller beseitigt als er „Hände hoch“ hätte sagen können. Jetzt musste Ben nur aufpassen, dass er auch nichts Falsches sagte. Serhat schien davon auszugehen, dass die Firma ebenso illegale Geschäfte betrieb wie er, leider hatte Ben keine Ahnung, was genau Semir erzählt hatte. Die seltsame Frage nach dem „Export“ gab Ben immer noch zu denken. Ging Serhat vielleicht davon aus, seinen Geschäftsbereich nach Deutschland erweitern zu können? Ben wusste nicht, wie er aus so einer Nummer wieder raus kommen sollte, hoffentlich fiel Semir etwas ein!


    „Du hättest nicht kommen brauchen, ich komm schon alleine klar“, riss ihn Semirs Stimme auf einmal aus seinen Überlegungen. „Na ja, wenn es um Geschäfte geht, bin ich dabei, das weißt du ganz genau“, antwortete Ben fast reflexartig, während er sich fragte, was das denn jetzt schon wieder sollte. Er wurde das Gefühl nicht los, dass Semir lieber wäre, alleine hier zu sein. Ben kam der Gedanke, dass sein Partner vielleicht einen Plan hatte, den er nun durch seine Anwesenheit durcheinander brachte. Aber hätte er dann Andrea nicht irgendwie eingeweiht? Oder war Semir immer noch auf dem Trip, dass sich die ganze Welt gegen ihn verschworen hatte und er deswegen lieber alles alleine machen wollte? Aber wahrscheinlich lag es auch daran, dass das hier eine Familiensache war. Irgendwie konnte Ben es sogar nachvollziehen, dass es seinem Partner nicht recht war, dass sich Außenstehende einmischten. Er würde es auch seltsam finden, wenn Semir ihn ungefragt bei Problemen mit seiner Schwester unterstützen würde, obwohl der Vergleich natürlich hinkte. Aber die Schwierigkeiten, die Semir hier hatte, waren nun einmal eine ganz andere Kategorie, doch anscheinend sah er das anders. Ben konnte ihm das aber nicht wirklich übel nehmen.
    „Ist wohl nicht so einfach mit ihm zusammen zu arbeiten, was?“ fragte Serhat grinsend. „Tja, mal so, mal so“, antwortete Ben ausweichend. „Aber wenn’s zählt, kann ich mich voll auf ihn verlassen.“ Er hoffte, dass Semir diesen Wink verstand, denn er wurde das Gefühl nicht los, dass Semir ihn am liebsten wegschicken würde, aber Ben war sich sicher, dass er Hilfe brauchte.
    Doch im Laufe des Abends hatte er keine Gelegenheit mehr, wirklich mit seinem Freund zu sprechen; Serhat ließ ihn kaum zu Wort kommen, er wurde anscheinend sehr redselig, wenn er betrunken war. Ben war das nur Recht, denn so war die Chance, dass er etwas Falsches sagte, wesentlich geringer. Um nicht aufzufallen, kam Ben nicht drum herum, bei den Getränkerunden mitzuhalten. Er merkte, dass der Alkohol ihm immer mehr Probleme bereitete und hoffte, dass das hier bald ein Ende hätte. Doch als es endlich so weit war, dass sich Serhat, die anderen und mit ihnen auch Semir verabschiedeten, war Ben kaum noch in der Lage sich alleine auf den Beinen zu halten. In seinem Kopf drehte sich alles und er wusste, dass er am nächsten Morgen heftige Kopfschmerzen haben würde. Aber was nahm man zur Tarnung nicht alles auf sich... Irgendwie musste er es jetzt zu seinem Hotelzimmer schaffen, denn morgen wollten sie sich wieder treffen, um zusammen ein Geschäft abzuwickeln. Ben hatte nicht alle Einzelheiten begriffen, dazu war er schon zu weggetreten gewesen; er wusste nur, dass er und Semir für die Rückendeckung sorgen sollten. Wenigstens das hatte funktioniert, er war jetzt mit dabei und konnte so versuchen, Semir zu helfen. Also versuchte er aufzustehen, doch als er einen Schritt nach vorne machen wollte, fühlte er, wie er das Gleichgewicht verlor. Er ließ sich wieder auf den Stuhl fallen und atmete tief durch. Ein leises Lachen ließ ihn in Richtung des Tresens sehen.
    Die Frau, die ihnen die Drinks serviert hatte kam mit einem Lächeln im Gesicht auf ihn zu. Sie hielt ihm ihre Hand hin. „Na komm, ich bringe dich zu deinem Hotel, ich mache den Laden jetzt eh’ zu.“ Ben sah sich kurz um, auch wenn ihm davon wieder schwindelig wurde. Es stimmte, er war der letzte Gast und auch wenn es ihm unangenehm war, würde er ihr Angebot wohl oder übel annehmen müssen.
    Sie kamen recht langsam voran, da Ben sich mehr auf Layla stützte, als das er selber ging, doch dann hatten sie es endlich geschafft und das Hotel erreicht. „O.K. vielen Dank, den Rest schaffe ich schon alleine“, meinte Ben, um wenigstens noch das letzte bisschen seiner Würde zu retten, doch Layla sah ihn nur wissend an und schüttelte den Kopf, während sie ihn in Richtung seines Zimmers zog. Der Mann gefiel ihr immer mehr, auch wenn er tatsächlich mit Serhat und dessen Leuten zu tun hatte. Aber er schien anders zu sein, er gehörte anscheinend tatsächlich zu diesem Neuen, der wohl auch nicht ganz freiwillig bei der ganzen Sache mitzumachen schien, wie sie inzwischen bemerkt hatte. Vielleicht war dieser Ben auch gekommen, um seinen Bekannten wieder von hier mitzunehmen, auch wenn dieses Vorhaben wohl gründlich fehlgeschlagen war. Sie würde sicherheitshalber diese Nacht bei ihm bleiben, wer wusste schon, wie er dieses Gelage verkraften würde. Er schien so viel Alkohol nicht gewohnt zu sein und schon allein diese Tatsache machte ihn ihr noch sympathischer. Die meisten Männer, die sie kannte, betranken sich heftig und regelmäßig. Vielleicht ergab sich mit ihm ja noch mehr, Lyla hätte nichts dagegen einzuwenden. Da war es doch gar nicht schlecht, dass er jetzt auf ihre Hilfe angewiesen war.

  • In der Nacht, die Susanne im Hotel verbracht hatte, hatte sie kaum ein Auge zugetan. Es war ihr überhaupt nicht recht gewesen, dass Ben bereits alleine losgezogen war, doch es hatte wirklich keine andere Möglichkeit gegeben. Nachdem er weg gewesen war hatte sie vor Ort noch versucht, daran etwas zu ändern, aber es war nichts zu machen gewesen. Ben hatte gemeint, sie solle es sich doch gut gehen lassen und ein bisschen die Stadt erkunden, doch dafür hatte sie wirklich keine Ruhe gehabt. Vielleicht würde sie etwas in der Richtung mit Andrea unternehmen, wenn sie und Aida hier waren. Und wenn auch Ben und Semir wieder heil zurückgekommen sein würden.
    Also war sie nach ihrer durchwachten Nacht so früh wie möglich am Flugplatz, auch wenn sie natürlich wusste, dass es so auch nicht schneller gehen würde, aber so hatte sie zumindest das Gefühl, es ginge voran. Auch heute war sie sehr skeptisch, als sie die zweimotorige Maschine sah, mit der Ben gestern geflogen war und die sie heute auch zu ihrem Ziel bringen sollte. Aber er war anscheinend heil damit angekommen, wie Susanne anhand der Flugzeugnummer erkennen konnte. Telefonisch hatte Ben sich nicht melden können, da es in dieser abgeschiedenen Gegend kein Handynetz gab. Auf die Anbindung an das normale Telefonnetz war auch kein Verlass, fast permanent gab es irgendwelche Störungen. Andrea hatte ausnahmsweise das Satellitentelefon der Hotelbetreiberin benutzen dürfen, welches diese für Notfälle angeschafft hatte. Warum hatten sich Semir und Andrea auch nur eine abgeschiedene Gegend aussuchen müssen!
    Ebenso wie Ben nahm Susanne nach dem Flug ein Taxi, dessen Fahrer sie einen Zettel mit der Adresse zeigte. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass er sie ohne Umwege zu ihrem Ziel brachte. Denn nur ohne Verzögerung würden sie es schaffen, rechtzeitig heute am frühen Mittag zum Rückflug wieder da zu sein. Susanne hoffte sehr, dass sie dann sogar schon zu fünft sein würden. Glücklicherweise wäre dies kein Problem, denn um diese Zeit wollte kaum jemand in diese Richtung fliegen.
    Nach einer guten Stunde Fahrtzeit über eine sehr holprige und staubige Straße hatte sie endlich ihr Ziel erreicht. Mit Händen und Füßen machte sie ihrem Chauffeur klar, dass er auf sie warten solle. Da er den Motor ausmachte, ging sie davon aus, dass er sie verstanden hatte. Susanne sah sich um und entdeckte das Hotel. Während sie darauf zuging, öffnete sich die Tür und Andrea und Aida kamen ihr entgegen. „Susanne, ich bin so froh, dass du da bist“, rief Andrea erleichtert und fiel ihrer Freundin um den Hals. Susanne erwiderte die Umarmung, sie war froh, die beiden gesund und munter vorzufinden.
    „Wo sind Ben und Semir?“ fragte sie Andrea dann. „Ich weiß es nicht“, musste diese zugeben. „Ben wollte sich gestern Abend mit Semir treffen, aber wo sie jetzt sind, weiß ich nicht. Mein Mann ist bestimmt wieder mit Serhat und den anderen mitgegangen. Ich hoffe nur, dass Ben noch hier ist. Oh, Susanne, ich will nur noch weg von hier!“ Susanne nickte. „Dafür bin ich ja da.“ Trotzdem war sie weiterhin in Sorge um Ben, solange sie nicht wusste, was los war. „Hol deine Sachen, wir werden gleich von hier verschwinden. Weißt du welches Zimmer Ben hat?“ Andrea nannte ihr die Nummer und sie vereinbarten, sich in fünf Minuten wieder draußen zu treffen.
    Susanne ging in das Hotel und hoffte inständig, dass Ben in seinem Zimmer wäre. Endlich stand sie im ersten Stock vor der Tür 103. Sie überlegte, ob sie klopfen sollte, entschied sich aber dann dagegen. Warum sie so handelte, wusste sie selbst nicht so genau. Sie drückte die Klinke hinunter und stellte dabei fest, dass die Tür nicht verschlossen war. Sie öffnete und machte einen Schritt in den Raum hinein. Die Vorhänge waren zugezogen, Ben schien noch zu schlafen, obwohl der Tag schon recht weit vorangeschritten war. Susannes Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, doch dann sah sie es.

  • Sie schloss kurz die Augen, doch auch danach hatte sich der Anblick nicht verändert, aber sie konnte nicht glauben, was sie da sah. Neben Ben, nein vielmehr an ihm lag eine dunkelhaarige Frau, die ebenfalls schlief. In dem Moment, in dem Susanne etwas sagen wollte, wobei sie eigentlich noch nicht wusste, was genau das eigentlich sein sollte, drehte Ben sich auf die Seite und legte einen Arm um seine „Gesellschaft“. Das Bettlaken war durch seine Bewegung etwas heruntergerutscht und so konnte Susanne erkennen, dass Ben zumindest oben herum unbekleidet war. Was die Frau trug, oder eben auch nicht, konnte sie nicht sehen. Was auch immer Susanne hatte sagen wollen, blieb ihr bei diesem Anblick förmlich im Hals stecken. Sie machte einen Schritt zurück auf den Flur und schloss die Tür. Sie lehnte sich an die Wand und ließ sich daran hinunter sinken, denn ihre Beine schienen sie nicht mehr tragen zu wollen. Sie atmete tief durch und schloss die Augen, doch dann hatte sie sofort wieder das Bild aus dem Zimmer vor sich. Also begnügte sie sich damit, die Wand vor sich anzustarren. Sie wusste nicht, wie lange sie so dagesessen hatte, bis sie hörte, dass Andrea von draußen ihren Namen rief. Da inzwischen auch aus Bens Zimmer Geräusche drangen, stand Susanne auf und ging raus. Sie wollte es sich nicht noch einmal antun, zu sehen, was in diesem Zimmer vor sich ging. Was sie darüber denken sollte, wusste sie ehrlich gesagt noch nicht, sie hatte es zwar gesehen, doch in ihrem Verstand war es anscheinend noch nicht angekommen.
    „Susanne? Stimmt etwas nicht?“ sprach Andrea ihre Freundin an. Susanne war weiß wie eine Wand und sie sah aus, als hätte sie einen Geist gesehen. „Was? Nein, nein, alles in Ordnung“, antwortete Susanne automatisch. „Ben hat noch geschlafen, er kommt gleich.“ Noch bevor Andrea weiter nachhaken konnte, trat Ben aus der Tür des Hotels. Er hatte sein Shirt wieder angezogen und war allein.
    Als er wach geworden war, hatte er im ersten Moment nicht gewusst, wo er sich befand und wie er dorthin gekommen war, doch so langsam kehrte die Erinnerung bruchstückhaft zurück. Er hatte Semir gestern Abend mit sehr zwielichtigen Gestalten angetroffen, die irgendwie zu seiner Familie zu gehören schienen und sehr krumme Geschäfte am Laufen hatten. Wie genau Semir darin verwickelt war, war Ben noch nicht ganz klar, doch dass sein Freund dringend Hilfe brauchte, war nicht zu übersehen gewesen. Wie er ihm allerdings genau helfen sollte, wusste Ben auch nicht so genau; am dringlichsten erschien ihm jetzt erst einmal, die Frauen von hier weg zu bringen, vor allem Aida musste hier weg. Aber wenigstens das war ja geregelt, Ben war froh, dass sich Susanne darum kümmern würde. Er spürte ihren warmen Körper neben sich, auch wenn er sich darüber wunderte, dass sie schon hier war und vor allem, dass sie ihn nicht geweckt hatte. Na ja, wahrscheinlich hatte sie es versucht, aber er hatte dermaßen tief und fest geschlafen, dass er es nicht mitbekommen hatte. Er war auch jetzt noch nicht ganz wach und die Kopfschmerzen, die sich langsam einstellten, machten es ihm auch nicht leichter, munterer zu werden. Er schloss noch einmal die Augen, drehte sich zu Susanne, legte seinen Arm um ihre Taille und zog sie zu sich. Dann blinzelte er kurz, war da nicht gerade jemand an der Tür gewesen? Oder war es nur ein Lichtstrahl, der durch das Fenster geblitzt hatte? Ja, so war es wohl, es war bestimmt schon spät am Morgen. Er öffnete die Augen doch wieder ganz und blickte auf dunkle Haare neben sich. Er war kurz irritiert, Susanne war doch blond?
    Doch dann fiel ihm wieder ein, was nach seiner Trinkerei noch passiert war. Er erinnerte sich, wie Layla ihm geholfen hatte, wieder zu seinem Zimmer zu kommen, als er alleine dazu nicht mehr in der Lage gewesen war. Sie hatte ihm geholfen, sein Shirt auszuziehen, auch wenn er das eigentlich noch alleine geschafft hätte und dann… was war dann passiert? Hatten sie etwa miteinander…? Nein, das konnte doch sein, das würde er doch nie tun, so einer war er nicht, war er noch nie gewesen. Aber er war betrunken gewesen und zwar so betrunken, wie schon lange nicht mehr. Er hatte früher auch schon Blödsinn gemacht, wenn zu viel Alkohol im Spiel gewesen war, also konnte er es ausschließen? Aber bei dem Restalkohol, den er auch jetzt noch spürte, konnte gestern doch gar nichts gelaufen sein, oder? Aber wie kam sie dann in sein Bett? Er wagte es nicht, unter die Decke zu sehen, wenigstens hatte er seine Jeans noch an, das beruhigte ihn doch zumindest etwas, allerdings konnte er sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal in einer Situation gewesen war, die ihm dermaßen unangenehm wie diese hier gewesen war.

  • Ohne Layla zu wecken, stand er vorsichtig auf und zog sich an. Währenddessen hörte er, dass Andrea draußen nach Susanne rief. Gut, dann war sie also hier, wenigstens dieses Problem konnte er jetzt angehen. Er trat aus der Tür des Hotels und sah dort Susanne, Andrea und Aida stehen. Als erstes fiel ihm auf, wie blass Susanne war. Er ging auf sie zu, um sie zu begrüßen, doch mehr als einen Kuss auf die Wange ließ sie nicht zu. Ben war zwar irritiert, beschloss aber, sich nichts anmerken zu lassen. „Schön, dass du da bist, die Reise war wohl ziemlich anstrengend, oder? Du siehst ganz schön k.o. aus“, meinte er besorgt. Wahrscheinlich hatte sie auch nicht gut geschlafen, das konnte sie nie, wenn sie so nervös war wie im Augenblick. Susanne nickte. „Ja, ja, es war alles sehr stressig“, antwortete sie dann. „Hattest du wenigstens eine angenehme Nacht?“ fragte sie dann. „Geht so“, antwortete Ben ausweichend. „Ich habe gestern Abend Semirs neue ‚Freunde’ kennen gelernt und sie bevorzugen den hiesigen, selbst gebrannten Alkohol. Ich musste da leider mithalten, um nicht aufzufallen. Ich glaube, ich bin immer noch etwas betrunken, einen richtigen Kater hab ich nämlich, bis auf ein paar Kopfschmerzen, noch nicht.“
    Susanne sah ihn so merkwürdig an, hinter ihrer Stirn schien es zu arbeiten. So, er war also nicht ganz nüchtern gewesen, das erklärte natürlich so einiges, aber dass er dann gleich so weit gehen würde, hätte sie nicht gedacht. Aber sie musste es genau wissen. „Und sonst war da nichts?“ fragte sie also. „Nein, was soll noch gewesen sein?“ antwortete Ben. Was sonst sollte er ihr auch sagen? Er war sich im Moment doch nicht einmal selbst im Klaren darüber, was letzte Nacht passiert war. Außerdem konnte und wollte er in Andreas und vor allem Aidas Gegenwart kaum erzählen, dass er heute Morgen mit einer ihm fast unbekannten Frau an seiner Seite aufgewacht war. Er musste das irgendwie später klären, wenn er wieder besser in der Lage war, nachzudenken. Jetzt würden sie sich erst einmal an ihren ursprünglichen Plan halten. Er bedauerte zwar sehr, dass sie nicht direkt alle von hier verschwinden konnten, aber Andrea und ihre Tochter waren augenscheinlich bereit zum Aufbruch. „Wir sollten gehen, das Taxi wartet“, sagte Susanne in diesem Moment. Ben wunderte sich zwar etwas, dass sie nicht den Versuch machte, hier bleiben zu wollen, doch wahrscheinlich wollte sie sich um Andrea und vor allem Aida kümmern.
    Doch ganz so Unrecht hatte er mit dieser Vermutung nicht gehabt. Ursprünglich hatte Susanne vorgehabt, auf keinen Fall ohne Ben und Semir zu fahren, aber jetzt sah die ganze Sache anders aus, sie wollte nur noch weg von hier und erst mal auf Abstand gehen. Sie griff also nach Andreas Tasche und ging in Richtung Taxi. Andrea war zwar etwas verwundert, folgte ihr dann aber mit Aida, jedoch nicht, sich vorher noch einmal an Ben zu wenden. „Du bringst ihn doch wieder zu uns zurück, oder?“ „Ich werde mein Bestes tun“, versprach ihr Ben. „Das Wichtigste ist jetzt erst mal, dass ihr von hier wegkommt, dann haben sie wenigstens kein Druckmittel mehr.“ Im gleichen Moment wünschte er sich schon, den letzten Satz nicht gesagt zu haben, denn er hatte währenddessen erkannt, dass Andrea dieser Aspekt erst in diesem Augenblick bewusst wurde. Doch bevor sie noch weiter darüber nachdenken konnte, schob er sie und ihre Tochter zum Taxi, welches bereits den Motor angelassen hatte. Susanne war bereits eingestiegen, so dass er sich nicht mal richtig von ihr verabschieden konnte. Er wunderte sich erneut, denn sie wussten ja beide nicht, wie lange das hier noch dauern sollte. Aber im Prinzip hatte sie ja Recht, so schnell wie möglich von hier weg kommen zu wollen, bevor sie noch jemand aufhielt. Also beschränkte er sich darauf, dem davon fahrenden Taxi nach zu blicken und noch einmal zu winken, als er sah, dass Susanne sich noch einmal rum drehte. Was er dabei allerdings nicht registrierte war, dass Layla inzwischen von hinten an ihn heran getreten war. Erst als sie ihm den Arm um die Hüfte legte, bemerkte er sie. Fast erschrocken drehte er sich um.

  • „Na, mein Lieber, ausgeschlafen?“ fragte Layla freundlich. „Ja, soweit“, antwortete Ben. „Ähm, und danke, dass du mich gestern Abend begleitet hast, alleine hätte ich es wahrscheinlich nicht in mein Zimmer geschafft. Ich meine, du hast mich doch nur begleitet, oder?“ Er kam sich zwar unendlich blöd dabei vor, eine solche Frage zu stellen, doch er wusste sich nicht anders zu helfen, denn er wollte Gewissheit haben, obwohl er sich eigentlich nicht vorstellen konnte, eine solche Dummheit begangen zu haben. Layla lachte. Er war wirklich süß! Aber dass sie keine Chance bei ihm hatte, war ihr spätestens dann klar gewesen, als er heute Morgen einfach verschwunden gewesen war. Na ja, eigentlich hatte sie es schon gestern Nacht gewusst, als er ihre Hand weg geschoben hatte. Als sie dann die blonde Frau gesehen und die Blicke, die Ben ihr zugeworfen hatte, wusste sie, dass sie es gar nicht mehr versuchen brauchte. Trotzdem war er ihr sympathisch und sie wollte ihm gerne helfen. Und wenn sie damit auch noch etwas gegen Serhat und seine Leute unternehmen konnte, war das umso besser. Sie lachte. „Nein, es ist nichts passiert, ich war nur so frei, es mir bei dir gemütlich zu machen, zum einen hatte ich so spät keine Lust mehr, noch nach Hause zu gehen, da ich etwas außerhalb wohne und zum anderen hätte es ja sein können, dass du noch Hilfe brauchst; nicht jeder verträgt beim ersten Mal dieses Gebräu.“
    Ben war ziemlich erleichtert, als er diese Erklärung hörte, allerdings war ihm das Ganze auch dermaßen unangenehm, dass er gar nicht recht wusste, was er als nächstes sagen wollte. „Ja, dann also danke“, war erst mal alles, was ihm einfiel. Nach einem kurzen, verlegenen Schweigen entschied er sich dann lieber für die Flucht. „Ich würde dann jetzt gerne kurz unter die Dusche gehen und mich dann noch mal hinlegen, ich habe heute Nachmittag noch eine Verabredung, für ich fit sein muss. Aber damit komme ich schon alleine klar“, fügte er dann noch vorbeugend hinzu. Layla lachte erneut. „Ja, das denke ich auch. Bis bald.“ Sie verabschiedete sich mit einem Augenzwinkern und verschwand anscheinend in Richtung ihres Hauses, da sie der Stadt den Rücken kehrte.
    Ben atmete erleichtert aus. Wer hätte gedacht, dass er einmal in eine solche Situation geraten würde? Es wurde endlich Zeit, dass Susanne und er heirateten, vielleicht ersparte ihm ein Ring am richtigen Finger in Zukunft solche Peinlichkeiten. Doch nun musste er sich auf andere Dinge konzentrieren, also machte er sich auf den Weg in sein Zimmer, um sich noch etwas auszuruhen.


    Im selben Moment entfernten sich Susannes Gedanken immer mehr von einer Hochzeit. Als sie sich noch einmal umgedreht hatte, nachdem das Taxi losgefahren war, hatte sie gesehen, wie diese Frau aus Bens Zimmer hinter ihm gestanden hatte. Und nicht nur das; als Susanne sich wieder nach vorne gewendet hatte, hatte sie aus den Augenwinkeln noch sehen können, wie die Dunkelhaarige ihren Arm um Ben gelegt hatte. Eindeutiger hätte es nicht sein können. Das hätte sie nie von ihm gedacht. Sie begann zu überlegen, wie oft Ben sie zu Hause auch schon angelogen hatte. Warum tat er ihr das nur an? Sie hatten doch schon viel zusammen durch gestanden. Doch vielleicht war es auch genau das und Ben suchte bei den anderen Frauen diese Unbeschwertheit, die sie nicht mehr hatten? Doch dafür hatten sie doch so viel mehr, war ihm das denn gar nichts wert? Susanne musste alle Kraft aufbringen, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken.
    Andrea war glücklicherweise zu sehr mit sich selbst und ihrer Tochter beschäftigt, als dass sie bemerkt hätte, was im Moment mit ihrer Freundin los war. Zwar nahm sie am Rande wahr, dass es Susanne ebenso wie ihr selbst nicht gut ging, aber sie nahm an, dass dies durch die Sorge um Ben und Semir begründet war. Und so hatte sie erst auch mal kein anderes Thema, als sie nach einer gefühlten Ewigkeit endlich im Hotel angekommen waren. Ben und Susanne hatten das Zimmer auf unbestimmte Zeit gebucht, glücklicherweise war das so möglich gewesen, da keine Hauptsaison mehr war. Sie hatten vereinbart, dass Ben und Semir sich hier melden sollten. Allerdings sollten Andrea und Susanne spätestens in einer Woche wieder nach Hause fliegen, wenn sie bis dahin nichts von den Männern gehört hätten. Susanne hatte anfänglich sehr gegen diesen Vorschlag protestiert, doch Ben hatte gemeint, wenn er es in dieser Zeit nicht geschafft hätte, mit Semir zurück zu kommen, würde es wahrscheinlich noch länger dauern.

  • Susanne war bei dieser Perspektive entsetzt gewesen, doch Ben hatte ganz ruhig gewirkt und schien zu wissen, worauf er sich einlassen würde. Er hatte gemeint, dass es wie eine verdeckte Ermittlung sei und solche konnten schließlich auch schon mal länger dauern. Außerdem müsste er sich keine Sorgen mehr machen, dass eine von ihnen entführt und als Druckmittel missbraucht würde. Susanne hatte sich zwar gefragt, wie sie Andrea davon überzeugen sollte, aber mit dem Hinweis aufs Aidas Sicherheit würde ihr das schon gelingen. Und wenn sie ehrlich war, wollte sie jetzt am liebsten sofort weg von hier, um den Abstand zu Ben noch größer werden zu lassen. Zu sehr war sie erschüttert darüber, was sie gesehen hatte. Ihr ganzes Leben war innerhalb weniger Augenblicke aus den Fugen geraten. Susanne überlegte, ob sie irgendwelche Anzeichen übersehen hatte, oder war es doch nur der Alkohol gewesen? Aber selbst dann konnte es mit Bens Gefühlen nicht so weit her gewesen sein, wenn schon ein paar Promille dafür ausgereicht hatten, um sie bei der erstbesten Gelegenheit zu betrügen. Allerdings hätte sie ihm dann wenigstens den Mut zugetraut, ihr die Wahrheit zu sagen. Doch sogar, als sie ihn direkt gefragt hatte, hatte er sie angelogen. Susanne spürte neben ihrer Trauer auch Wut in sich aufsteigen, auch darüber, dass Ben in einer solchen Situation, in der er sich eigentlich um Semir kümmern wollte, Zeit und Muße für so etwas fand. Allein deswegen würde sie ihn noch zur Rede stellen und wegen allem anderen auch. Ihr wurde fast schlecht, als sie darüber nachdachte, was vielleicht schon alles in Deutschland passiert war. Wollte sie das wirklich wissen?
    „Hallo, Erde an Susanne“, wurde sie plötzlich aus ihren Gedanken gerissen. Vor ihr stand Andrea und sah ihr direkt in die Augen. „Was ist los mit dir?“ fragte sie dann mit Nachdruck. „Nichts, alles in Ordnung“, antwortete Susanne eine Spur zu hastig, obwohl sie wusste, dass sie Andrea sowieso nichts vormachen konnte. „Das kannst du mir nicht erzählen“, kam dann auch prompt die Erwiderung. „Hör mal, ich habe im Moment auch genug mit mir selbst und Aida zu tun, aber ich merke doch, dass du was mit dir rumschleppst, was weit über die Sorgen um Ben und meinen Mann hinausgeht.“ Stumm blickte Susanne ihre Freundin an, die wie immer den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. „Ich kann jetzt nicht darüber reden, später vielleicht, tut mir leid“, konnte sie jedoch nur antworten. Sie war jetzt nicht in der Lage dazu, das Ganze schon in Worte zu fassen, doch sie wusste, dass sie Andreas Beistand und Rat dringend brauchen würde. „Lass uns lieber überlegen, was wir hier machen sollen, denn einfach hier nur zu sitzen und auf eine Nachricht zu warten, halte ich nicht aus“, schlug sie stattdessen vor. Andrea nickte, auch ihr war das recht. Und für Aida brauchten sie sowieso ein Beschäftigungsprogramm. Also begannen sie, einen Plan auszuarbeiten, in dem keiner von ihnen zu kurz kam. Ablenkung war für alle drei jetzt das Beste, obwohl Andrea fest davon überzeugt war, dass jetzt, wo Ben da war, alles gut werden würde. Susanne konnte diese Zuversicht zwar nicht teilen, hütete sich aber davor, dies Andrea gegenüber zu erwähnen. Also beschloss sie einfach, das Beste aus diesem Zwangsurlaub zu machen und wenn es nur die Beschäftigung von Andrea und Aida wäre.


    Während Susanne das Gefühl hatte, ihr Beziehung würde in Scherben vor ihr liegen, war bei Ben dagegen alles beim Alten. Er hatte sich zwar kurz über ihr Verhalten ihm gegenüber gewundert, dann aber auch schon wieder ad acta gelegt. Er musste zusehen, dass er wieder etwas zu Kräften kam, wenn er sich heute Nachmittag mit Semir und den anderen treffen würde. Was ihn wohl erwarten würde? Wahrscheinlich hatte es etwas mit Drogen oder Waffen zu tun. Vielleicht ergab sich ja sogar die Gelegenheit, etwas dagegen zu unternehmen, doch Semir da raus zu holen hatte oberste Priorität.
    Layla war glücklicherweise verschwunden geblieben, es war ihm mehr als unangenehm gewesen, dass sie ihm so nahe gekommen war. Ob er Susanne doch noch davon erzählen sollte? Nein, besser nicht, sie würde sich wahrscheinlich nur über sein dummes Verhalten aufregen und es war ja auch nichts passiert. Zudem würde er Layla wohl kaum wieder sehen, wenn das hier alles ausgestanden war. Doch dazu müsste es erst mal anfangen und Ben hatte das Gefühl, es würde nie 15 Uhr werden. Natürlich hatte er nicht mehr schlafen können, es hatte zu viel gegeben, über das er hatte nachgrübeln müssen, was seinen Kopfschmerzen natürlich auch nicht hatte verschwinden lassen.

  • Als es dann doch endlich kurz vor drei war, macht er sich fertig und schlenderte ohne offensichtliche Eile zur Kneipe. Es sollte nicht so aussehen, als würde er zu viel Interesse an dieser Verabredung haben und außerdem hatte er keine Lust, alleine auf Layla zu treffen. Doch seine Befürchtung erwies sich als unbegründet, denn es stellte sich heraus, dass die Bar noch gar nicht geöffnet war. Und zu pünktlich war er auch nicht, denn er wurde bereits vor dem Gebäude erwartet. Serhat grinste ihn an, Semir verhielt sich ruhig. „Na, alles gut vertragen?“ fragte Serhat neugierig. „Ja klar, kein Problem“, tönte Ben großspurig, während er bemerkte, dass sein Gegenüber über diese Tatsache etwas enttäuscht zu sein schien. „Das sah gestern Abend aber ganz anders aus“, meinte dieser dann auch. „Ach so, das“, winkte Ben ab. „Das lag nur an der Klimaänderung. Bin wieder topfit!“ Serhat nickte. „Gut. Dann können wir ja jetzt los, ich nehme an, ihr macht in Deutschland auch häufiger solche Übergaben?“ fragte er dann. „Ja, deswegen bin ich ja hier“, log Ben. „Je mehr von den eigenen Leuten dabei sind, desto besser. Semir und ich machen das immer zusammen, wir sind nämlich ein gutes Team.“ Ben sah bei diesen Worten zu seinem Partner, doch der reagierte immer noch nicht. Verdammt noch mal, was sollte das eigentlich! Ben wurde langsam doch wütend auf Semir. Hoffentlich hatten sie bald die Gelegenheit, unter vier Augen zu reden. Serhat sprach weiter. „Dann machen wir uns jetzt auf den Weg zum Treffpunkt, dort werden wir die Ware abholen. Die Damen sind inzwischen gut im Hotel Sol del Mar angekommen?“ fragte er dann. Ben lief ein Schauer über den Rücken. Wie hatte er das nur so schnell herausgefunden? Er musste höllisch aufpassen, was er als nächstes sagte. „Ja, die machen es sich dort nett und geben mein Geld aus“, scherzte er und hoffte, dass man ihm seinen Schrecken nicht angemerkt hatte. „Ja, ja, Frauen können einen teuer zu stehen kommen“ erwiderte Serhat zweideutig, drehte sich um und ging los.
    Die anderen taten es ihm gleich und folgten ihm ohne weitere Worte zu einer Art Armeejeep, dessen Ladefläche mit einer großen Plane überspannt war. „Vorne ist leider nur für drei Personen Platz, unser Besuch muss sich mit der Holzklasse zufrieden geben“, meinte Serhat und wies auf die Ladefläche. Ohne Murren stiegen die beiden ein, während Serhat sich mit seinen Leuten nach vorne begab. Ben war heilfroh, dass er so endlich einmal die Gelegenheit bekam, ungestört mit Semir zu reden. Doch der kam ihm zuvor, kaum dass das Motorengeräusch so laut wurde, dass man sie von vorne unmöglich hören konnte.
    „Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?“ fauchte Semir seinen Freund an. Sein Gesichtsausdruck ließ deutlich werden, dass er es ernst meinte. „Wie bitte?“ Ben war viel zu perplex, als dass er etwas anderes hätte sagen können. Hatte Semir ihn das gerade wirklich gefragt? Ben kam sich vor, als sei er im falschen Film. „Also, was soll das, warum bist du hier?“ fragte Semir erneut, diesmal zwar nicht so laut, aber immer noch sehr unfreundlich. „Ich bin hier, um deinen Arsch zu retten“, blaffte Ben zurück, nachdem er sich von der ersten Überraschung erholt hatte. „Das sehe ich aber ganz anders“, konterte Semir. „Du kannst froh sein, dass die noch nicht raus gefunden haben, was du wirklich machst, bei mir haben sie sich gar keine Mühe gegeben, genau hinzuschauen, ich gehöre schließlich zur Familie. Aber es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis du auffliegst. Und bisher bin ich hier prima alleine klar gekommen, aber jetzt muss ich auch noch auf dich aufpassen, das macht die Sache nicht gerade einfacher.“ Ben war fassungslos. „Ach ja? Hat mich deine Frau deswegen angerufen und um Hilfe gebeten?“ Er bemerkte mit einer gewissen Genugtuung, dass Semir ein wenig unsicher zu werden schien. „Andrea hat sich wirklich bei dir gemeldet?“ fragte er etwas ruhiger. „Ja, hat sie“, antwortete Ben. „Nur deswegen sind Susanne und ich hier. Ich lasse meinen Partner nämlich nicht so schnell im Stich.“ Die letzte Bemerkung war zwar ziemlich unnötig gewesen, doch Ben hatte sie sich nicht verkneifen können. Semir wusste genau, worauf Ben hinaus wollte, es war wirklich unfair gewesen, einfach so zu verschwinden, ohne sich zu verabschieden. Aber das war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um sich darüber zu streiten, sie hatten andere Sorgen.

  • Als Semir sich für diesen Ort entschieden hatte, hatte er sich unter Familientreffen noch etwas anderes vorgestellt. Er hatte doch einfach nur mal abschalten wollen und sich wieder so unbeschwert wie in der Kindheit fühlen wollen. Einfach nur er selbst sein, ohne seine ganze Vorgeschichte und sein eigentliches Leben. Er hatte gehofft, so wieder genügend Kraft zu tanken, um gestärkt nach Hause zurück zu kehren und den idiotischen Bürokraten den Kampf anzusagen. Dort hätte er sich dann auch vorbehaltlos über Bens Unterstützung gefreut. Aber das hier war ein Bereich, den er für sich selbst hatte behalten wollen; der nichts mit seinem Leben in Deutschland zu tun haben, ihm so eine Art Flucht ermöglichen sollte. Er hätte das einfach gebraucht, um wieder zu sich selbst zu finden, das hatte gar nichts mit Ben zu tun, doch der hatte nun darunter zu leiden, auch wenn Semir das nicht so gewollt hatte. Er hätte seinem Partner lieber mit einen anderen Teil der Familie bekannt gemacht.
    Aber wer hatte schon ahnen können, dass Serhat unter die Waffenhändler gegangen war? Semir war nur heilfroh gewesen, dass er diese Tatsache durch einen Zufall sehr schnell herausgefunden hatte. Deswegen hatte er seinen Beruf verheimlicht und sich die Geschichte mit der Firma von Bens Vater ausgedacht, da kannte er sich wenigstens etwas aus, immerhin hatte Ben ihm im Laufe der Jahre so einiges erzählt. Wenigstens hatte sein Partner gestern schnell geschaltet. Aber Semir war trotz aller anderen Überlegungen immer noch der Meinung, dass seine Anwesenheit alles nur noch schwieriger machte. Zwar hatte Serhat ihn mit dem Hinweis auf ihr verwandtschaftliches Verhältnis zu einer einmaligen Mithilfe gedrängt, aber trotzdem hätte er keine Hilfe gebraucht. Er hätte das durchgezogen, um Andrea und Aida anschließend in Sicherheit zu bringen. Dann hätte er etwas gegen die kriminellen Machenschaften seines Cousins unternommen. Dass Serhat das nicht zugelassen hätte, weil es hier genügend Beamte gab, die man bestechen konnte, konnte er nicht ahnen.
    Während er so nachdachte und eisiges Schweigen herrschte, wurde er so langsam doch wütend, wenn er an Bens letzte Bemerkung dachte. Wenn man es genau betrachtete, waren sie jetzt nur in dieser Lage, weil er Ben eben nicht im Stich gelassen hatte. Semir wusste, dass es nicht gerecht war, die Sache so zu drehen, aber er war einfach am Ende und so konnte auch er nicht anders, als Ben das ins Gesicht zu sagen. „Jetzt bin ich auch noch Schuld an der ganzen Sache, oder was?“ fragte Ben ungläubig. Immer mehr bereute er, dass er sich auf diesen Wahnsinn eingelassen hatte. Doch bevor Semir erneut zu einer Erwiderung ansetzten konnte, hielt der Jeep mit einem Ruck an, so dass beide Mühe hatten, sich auf ihren Sitzen zu halten. Kurz darauf wurde die Plane zurückgeschlagen und sie fanden sich in einer Umgebung wieder, die sich erheblich von der in der Nähe der Stadt unterschied. „Aussteigen“, befahl Serhat. Man merkte deutlich, wie sich die Stimmung verändert hatte. Seine falsche Freundlichkeit hatte er nun vollständig abgelegt. Kaum dass Ben und Semir auf dem Boden standen, drückte Sergio den Beiden Maschinengewehre in die Hand. „Ihr seid unsere Rückendeckung. Mit euch werden sie nicht rechnen. Versteckt euch hinter dem Wagen. Ich gebe euch ein Zeichen, wenn wir euch brauchen.“ Ohne eine andere Wahl zu haben, gingen Ben und Semir in Deckung, wohl wissend, dass Serhats Geschäftspartner kaum etwas von ihnen befürchten zu hatten. Sie vermieden es währenddessen, sich anzusehen.
    Sie hockten etwa zwei Minuten hinter dem Fahrzeug, als ein Motorengeräusch Besuch ankündigte. Sie konnten nicht hören, was gesprochen wurde, nachdem sich beide Parteien schließlich gegenüber standen und Ben hätte sowieso kein Wort verstanden. Schließlich schien eine Art Austausch statt zu finden, Ben sah, dass Kisten gegen Koffer getauscht wurden, als er vorsichtig hinter dem Fahrzeug zu dem Treffen hinüber schaute. Doch als Serhat mit einem der Koffer zum Jeep zurückging, passierte es. Völlig unvermittelt griffen die anderen zu ihren Waffen und begannen zu feuern. Einer von Serhats Begleitern sank sofort getroffen zu Boden. „Schießt doch endlich!“ schrie Serhat. Semir und Ben sahen sich kurz an, traten dann an die Seite des Autos und feuerten in Richtung der Angreifer; beide jedoch darauf bedacht, über deren Köpfe zu zielen. Das sollte zumindest ausreichen, um sie in Deckung zu zwingen. Währenddessen hatte auch Serhat seine Waffe gezogen und feuerte ebenfalls.

  • Die Kugeln schwirrten nur so durch die Luft, Ben war sofort in Deckung gegangen, dabei hatte er Semir allerdings aus den Augen verloren, denn sein Partner hatte sich in die andere Richtung geschlagen. Ben war sich nicht ganz im Klaren darüber, ob er das mit Absicht getan hatte oder ob es Zufall gewesen war, aber darüber konnte er später immer noch nachdenken. Jetzt musste er erst einmal zusehen, dass er mit heiler Haut hier raus kam. Wer hätte gedacht, dass die Situation so eskalieren würde? Doch wenn er ehrlich war, hätte er mit so etwas rechnen müssen, wenn man bedachte, worum es hier ging. Auf jeden Fall wollte er sich hier so weit wie noch irgendwie möglich raushalten und hatte seinerseits das Feuer eingestellt. Das letzte, was er wollte, war in dieser abgeschiedenen Gegend erschossen zu werden. Er hoffte, dass Semir ähnlich handeln würde und ihm nichts passierte.
    Und tatsächlich, einige Zeit später wurde es still. Allerdings viel zu still für seinen Geschmack. Seiner Erfahrung nach konnte das nichts Gutes bedeuten. Ben hatte keine Ahnung wie viel Zeit vergangen war. Wahrscheinlich hatte das alles nur einige Minuten gedauert, auch wenn es ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen war. Dann war das Schlagen einiger Autotüren zu hören und ein Motor wurde gestartet. Die Reifen drehten fast durch, als schwungvoll Gas gegeben wurde. Schnell entfernte sich der Wagen und war bald kaum noch zu hören. Vorsichtig wagte Ben einen ersten Blick aus seinem Versteck. Was er sah, entsetzte ihn zutiefst.
    Ein Stück entfernt von ihm lagen einige Körper auf dem Boden. Von ihnen aus liefen etliche rote Rinnsale auf die staubige Erde. Auf den ersten Blick schien niemand überlebt zu haben. Er konnte von seiner Position aus nicht erkennen, um wen es sich handelte und das machte ihn fast wahnsinnig. Doch er wagte sich noch nicht aus seiner Deckung, er wollte erst ganz sicher gehen, dass niemand sonst mehr hier geblieben war. Nachdem er jedoch noch eine Weile gewartete hatte, war er sich sicher, dass er allein war. Immer noch vorsichtig näherte er sich den Männern und er hatte recht gehabt, hier konnte er niemandem mehr helfen. Neben Serhat und seinen Leuten lag noch ein ihm unbekannter Mann. Ben schämte sich fast über die Tatsache, dass er sehr erleichtert war, dass er hier nicht Semir hatte finden müssen. Doch dieser Umstand stellte ihn vor das nächste Problem. Wo steckte sein Partner nur? War er in dem Wagen gewesen, der so schnell von hier verschwunden war? Aber warum hätten die anderen ihn mitnehmen sollen? Doch bevor er noch weiter darüber nachdenken konnte, nahm er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Bevor er sich jedoch überlegen konnte, wo er die nächst gelegene Deckung finden konnte, erkannte in der Person, die sich ihm langsam näherte seinen Partner.
    Ben war unglaublich erleichtert, ihn unverletzt zu sehen, auch wenn Semir das Entsetzten ebenso anzusehen war wie ihm selbst. „Du hat eine sehr schießwütige Verwandtschaft“, rutschte ihm heraus, bevor noch richtig darüber nachgedacht hatte, was er da gerade gesagt hatte. Doch noch bevor er sich entschuldigen konnte, hatte sich Semirs Gesichtsausdruck bereits in einen sehr wütenden gewandelt. „Was soll das denn schon wieder heißen!“ fauchte er Ben an. „Das geht dich überhaupt nichts an, du müsstest ja gar nicht hier sein, ich habe dich nicht darum gebeten; das ist, wie du bereits so treffend bemerkt hast, meine Verwandtschaft und mit der komme ich auch alleine klar!“ Ben war zusammengezuckt, als er Semirs Stimmlage vernommen hatte, aber ihm war auch schon vorher klar gewesen, dass er mit seinem Kommentar zu weit gegangen war. Es waren wirklich nicht die passenden Worte gewesen, die er gewählt hatte, doch es war ihm einfach so rausgerutscht. Doch auch wenn es Verbrecher gewesen waren, Serhat war mit Semir verwandt gewesen und jetzt war er tot.
    „Hör mal Semir, es war nicht so gemeint, es tut mir leid…“, begann Ben, doch weiter kam er nicht. „Es tut dir leid?! Was denn genau?“ schrie Semir ihn an. „Dass du einfach hier aufgekreuzt und dich ungefragt in alles eingemischt hast? Oder dass du so mich und meine Familie in Gefahr gebracht hast? Ich wäre damit sehr gut allein fertig geworden, ohne dass du dich aufdrängst. Du glaubst wohl, dass ich ohne dich nicht klar komme, aber ich kann dir versichern, dass ich auch bevor ich dich kannte, sehr gut zu Recht gekommen bin, auch wenn du dir das womöglich nicht vorstellen kannst!“

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