Der Wahrheit verpflichtet

  • Hallo liebe Leser,


    jetzt geht es endlich wieder los. Die neue Story von mir erscheint einen Tag früher, als geplant. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und anschließendem Feeden ;) Es werden in dieser Story zwei Charaktere auftauchen, die einige schon von einer früheren Story bzw. früheren Folgen kennen. Wer es ist, verrat ich nicht ;) Viel Spaß
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    „Nein Semir...ich fahre und damit Basta.“, stieß Ben aus und riss seinem Freund und Kollegen die Schlüssel aus der Hand. „Hey, das ist immer noch mein Auto.“, empörte sich Semir und wollte nach den Schlüsseln greifen. „Deine Beine sind noch nicht wieder so fit, wie vor 20 Monaten. Die Chefin lässt dich noch nicht fahren.“, grinste Ben ihn an. „Das ist unfair. Ich kann wieder laufen und fahren.“, meinte Semir und tänzelte vor Ben hin und her. Der junge Hauptkommissar grinste seinen Kollegen an. „Du siehst aus, wie Rumpelstilzchen.“, lachte Ben. „Komm schon...ich durfte jetzt fas zwei Jahre nicht Auto fahren. Lass mich bitte wieder ans Steuer. Ich zittere schon. Hier...siehst du.“ Semir streckte Ben seine Hände hin und wirklich, sie zitterten. „Hmmm...dann sollte ich dich erst recht nicht fahren lassen.“, lachte der junge Hauptkommissar. Semir sah ihn geschockt an. „War ein Scherz. Aber, wickele dich nicht gleich wieder um den nächsten Baum. Nicht, dass mir Andrea den Kopf abreißt. Sie ist seit damals empfindlicher als sonst, wenn es um deine Gesundheit geht.“ Semir nickte. „Sie lässt mich kaum noch mit den beiden Kleinen im Garten spielen. Aber, sie wird sicherlich mit der Zeit wieder ruhiger werden. Jetzt lass uns endlich fahren.“ Semir brannte auf seine erste Dienstfahrt nach zwanzig Monaten des Stillsitzens. Vor sieben Monaten war seine Reha-Therapie zu Ende gegangen, doch die Chefin hielt es für besser, wenn er noch einige Monate Innendienst schob. Jetzt endlich konnte er wieder auf Verbrecherjagd gehen. Mit einem Satz schwang er sich hinter das Steuer und strich zärtlich über das Lenkrad. „Hallo mein geliebter Schatz.“, säuselte er. „Ey Gollum...können wir los oder willst du deinen Wagen noch weiter liebkosen?“, meinte Ben. Doch Semir antwortete nicht, drehte den Schlüssel rum und spielte mit dem Gaspedal rum. Der Duft von Auspuffgasen und das Geräusch des aufheulenden Motors schienen bei Semir wie eine Medizin zu wirken. Er entspannte sich sichtlich, legte den Gang ein und brauste davon. „Ich bin wieder am Start.“


    Sie fuhren ihre angestammte Strecke. „Weißt du, es tut richtig gut, die Beine wieder richtig belasten zu können.“ Ben nickte. „Ich hab deine Übungen ja gesehen. Es muss sehr schwer gewesen sein.“ „Allerdings...es gab sogar Momente, wo ich alles hinwerfen wollte. Meine Beine wollten einfach nicht mehr und meine Vernunft sagte mir...okay, akzeptier es...du bist an den Rollstuhl gefesselt. Doch dann wollte ich wieder hier sitzen und aus meinem Auto alles rausholen, was es hat.“, grinste Semir. „Und du hast es geschafft. Lange hätte ich den Dienst mit der Chefin auch nicht mehr ausgehalten.“, murmelte Ben. „Hat sie dir wieder einen Vortrag über Disziplin gehalten?“, grinste Semir schadenfroh. „Stell dir vor, sie wollte doch tatsächlich, dass ich, damit ich, so ihre Worte, von der Straße bin, den Verkehrsunterrichtsdienst bei den ganzen Vorschulklassen übernehme.“ Semir platzte laut los. „Was?“, lachte er. „Du? Du solltest den Dienst bei den Kleinen übernehmen?“, kicherte er und konnte sich kaum noch halten. „Hey, lach nicht. Weißt du, was das für eine Qual gewesen wäre? Ich mit dreißig solch kleiner Flöhe?“ „Oh ja...die armen Kinder.“, grinste Semir nur. Ben grummelte etwas in sich hinein und musste letztendlich auch lachen. Unweigerlich dachte er dabei ans letzte Mal, als er und Semir Verkehrsunterricht gaben. „Das wäre was geworden.“
    In einiger Entfernung vor den beiden Polizisten fuhr ein Lastzug auf eine Brücke zu. Der Fahrer sehnte sich nach seiner verdienten Ruhepause. Endlich einige Stunden schlafen, dachte er und merkte, wie ihm mit jeder Minute die Augen länger zufielen. Nein das wurde nichts, dachte er bei sich. In 500 Meter gab es einen Rastplatz. Da würde er sich hinstellen und dort einige Stunden schlafen. Nur noch unter der Brücke durch und dann schlafen. Er näherte sich mit seiner Geschwindigkeit von 100 Km/h der Brücke, als plötzlich etwas vor seiner Frontscheibe auftauchte. Erschrocken riss der Fahrer das Steuer rum und stieg auf die Bremse, doch der Sattelzug war zu schwer, als dass er gleich zum Stehen kam. Mit einem lauten Knall krachte er gegen den mittleren Brückepfeiler und versperrte den hinter ihm befindlichen Autos die Spur. Viele konnten nicht mehr bremsen und rasten ungehindert in den Anhänger hinein. Ein Holländer mit Wohnanhänger kracht direkt in den großen Laster hinein. „ACHTUNG SEMIR, PASS AUF!“, stieß Ben auf einmal aus. Semir schreckte auf und stieg auf die Bremse. Doch der BMW war zu schnell und so preschte er durch den Wohnanhänger und flog im hohen Bogen über die Brücke auf die andere Seite und krachte in einen aufgeschütteten Haufen Feinsand der Autobahnmeisterei. „Toller erster Tag...Willkommen Zuhause, Semir.“


    Langsam kletterten die Beiden aus dem BMW und blickten sich um. „Man, was für ein Chaos. Und das an deinem ersten Tag.“, grinste Ben und wuschelte sich den durch die geborstene Windschutzscheibe ins Auto geflogene Sand aus den Haaren. „Soll ich dir Eimer und Schaufel bringen? Dann kannste ein bisschen buddeln, während Papi die Arbeit macht.“, stichelte Semir. „Lass mal...das mach ich mit Layla am Wochenende.“, meinte Ben nur und beide gingen auf das Chaos zu. Ben besah sich den Laster und suchte nach dem Fahrer. „Semir, wir brauchen einen Krankenwagen. Schnell.“, stieß Ben aus. „Ich glaube, wir brauchen einen Leichenwagen.“, kam es mit stockender, schockgezerrter Stimme von Semir zurück. Ben zog die Augen zusammen und folgte dem Blick seines Partners. „Oh verdammte Scheiße...“ Vom Geländer der Brücke hing an einem langen, stabilen Strick ein Toter hinunter. Sein Körper hing genau in der Höhe des Lkw-Führerhauses. Kein Wunder, dass er sich so erschreckt hatte, dachte Ben und zog den verletzten Fahrer von seinem Wrack weg und überprüfte seine Vitalfunktionen. Sein Kopf zierte eine große Platzwunde und die Wangen waren durch Glas aufgerissen. „Susanne...Ben hier...schick bitte einige RTWs und die Feuerwehr zur Fußgängerbrücke bei Kilometer 32,5. Ach ja und wir brauchen den Gerichtsmediziner und die Spurensicherung.“ „Alles klar Ben. Wie sieht es mit einem Ersatzwagen aus? Braucht ihr den?“ Ben sah zu dem BMW rüber. Eigentlich war er noch fahrfähig. Er musste nur aus dem Sand rausgezogen werden. „Ähm...schick mal bitte einen Abschleppwagen.“ Susanne lachte kurz und legte auf. „So Semir...alles ist angefordert. Eigentlich können wir schon mit der Absperrung beginnen. Semir?“ Ben sah sich in alle Richtungen um, doch Semir war verschwunden. „Semir? Wo steckst du?“ „Ich bin hier oben.“, kam es von der Brücke.
    „Was machst du denn hier?“, keuchte Ben, als er den Hang hinaufgeklettert war und sah, wie sich sein Partner das Seil anschaute. „Ich sehe mich um. Mache Polizeiarbeit wie es sich gehört.“, grinste der Deutschtürke und begutachtete das Seil. „Willst du das nicht lieber Hartmut überlassen? Der kennt sich damit besser aus.“, grinste Ben und blickte am Seil zu der Leiche hinab. „Sonst machst du noch was kaputt.“ „Was soll ich denn an dem Seil schon kaputt machen?“, knurrte Semir und berührte den Knoten. Der Knoten schien nicht besonders stabil gemacht worden zu sein. Denn in dem Moment, als Semir den Knoten berührte, löste sich das Seil und der Körper schlug auf den Asphalt auf. „Das zum Beispiel. Du kriegst aber auch alles kaputt.“, kommentierte Ben nur kopfschüttelnd.


    ...

  • Christoph und Paul fuhren in ihrem Auto über die leere Autobahn. „Chef, es ist erledigt. Dieser Kaufmann ist erledigt. Wir haben ihn entsorgt.“, meinte Christoph durchs Telefon und sah Paul an. „Sehr gut...fahrt zu seiner Wohnung bringt mir alles Material, was er über uns hat. Ich will nicht, dass meine Name irgendwo auftaucht.“, forderte der Gesprächsteilnehmer. „Keine Sorge. Wir kümmern uns darum. Er hatte alles dabei, was wir brauchten. Nur die Unterlagen nicht.“ „Findet sie...wie, ist mir egal. Nur haltet meinen Namen da raus.“, kam es bestimmend aus dem Telefon. Christoph sah auf das tutende Handy. „Also Paul...dann los. Du kennst ja die Adresse.“, meinte er zu seinem Fahrer. Dieser nickte und steuerte den grauen Mercedes auf die Altstadt von Wuppertal zu. „Stell den Wagen weiter weg ab. Die Nachbarn gucken mir hier so neugierig auf die Nummernschilder.“, knurrte Christoph. Paul nickte und blickte sich um. Er entdeckte eine kleine Nische zwischen den Müllcontainern und stellte das Auto dort ab. „Die Müllabfuhr wird ja nicht vor morgen wieder kommen.“, meinte er grinsend und ließ die Zentralverriegelung einrasten. „Masken oder keine?“, fragte er. „Ohne...es ist hellerlichter Tag und wer weiß, wer uns alles beobachtet.“, erwiderte Christoph, stülpte sich aber Handschuhe über. „So, und auf geht’s.“, meinte er. Paul nickte und drückte sämtliche Klingelknöpfe durch. Die Mieter meckerten und schimpften in die Sprechanlage, doch einer drückte den Summer und schon waren beide ins Innere des Hochhauses gelangt. Auch die Wohnungstür des Toten hielt sie nicht auf. „So und jetzt...alles durchsuchen und alles mitnehmen, was unseren Boss gefährdet.“


    „Wer von euch beiden hat denn das Seil gelöst?“, fragte der Doc mit hochgezogener Augenbraue. Semir und Ben sahen sich unschuldig an. „Ähm...das war...also...“, kam es von den beiden Kommissaren gleichzeitig. „Verstehe. Keiner will es wieder gewesen sein. Nun gut...“, murmelte er und erhob sich aus der Hocke. „Was kannst du uns denn schon sagen, Wegener?“; fragte Semir nach. „Das Opfer ist ungefähr 30 oder 32 Jahre alt. Der Tod trat durch den starken Ruck beim Spannen des Seils ein.“ „Du meinst, er brach sich das Genick?!“, kam es von Ben. „Das sagte ich doch. Jedenfalls wurde gefesselt und muss sich heftig gewehrt haben.“, meinte der Pathologe. Semir nickte und beugte sich zu der Leiche runter. „Was hast du angestellt, dass man dir das angetan hat?“, fragte er den leblosen Körper mit den schon geschlossenen Augen. Semir sah sich um und erblickte Hartmut. „Schauen wir mal, was Hartmut gefunden. Wir sind hier doch fertig, oder?“, fragte Semir den Pathologen. „Allerdings...ich bin mit dem Typen aber noch nicht fertig. Ich ruf euch an, sobald ich ihn auf dem Tisch hatte.“, verabschiedete sich der Pathologe. Semir und Ben hoben kurz die Hand und gingen dann zu Hartmut rüber. „Und Feuerpinsel, hast du was interessantes für uns?“, fragte Ben gleich drauf los.
    Hartmut drehte sich zu den Beiden um und blickte Ben an. „Nur das hier. Das war in seiner Hosentasche. Mit dem Geländer sind wir noch beschäftigt, aber da werden wir kein Glück haben. Heute morgen hat es geregnet und Das Geländer ist noch nass.“ „Was ist mit Fußspuren?“, fragte Semir. „Wir haben einen sehr schönen Abdruck gleich hier in der Matschansammlung. Meine Jungs sind dran und nehmen einen Gipsabdruck.“ „Wie? Das ist alles? Hartmut, jetzt enttäuscht du mich aber.“, stichelte Ben. „Hey, der Künstler ist nur so gut, wie die Farben, mit denen er malt.“, meinte Hartmut und ging zu seinen Männern auf die Brücke. Ben sah ihm grinsend nach. „Toni Kaufmann...freier Journalist beim Rheinischen Anzeiger.“, las Semir auf dem Presseausweis. Ben blickte ihn an. „Wohnung oder Arbeitsplatz zuerst?“, wollte er wissen. „Wohnung...die Arbeit können wir uns danach vornehmen.“, meinte Semir und sah sich um. „Wo ist mein Wagen?“, fragte Semir und sah sich um. „Du hast ihn in den Sand gesetzt. Und zwar, wörtlich...“, grinste Ben. „Und? Wie sollen wir jetzt zur Wohnung kommen?“, fragte Semir genervt und strich angestrengt über seine Oberschenkel. „Geht’s noch?“, fragte Ben. „Ja...ich bin nur nicht mehr gewohnt, so lange zu stehen.“, meinte Semir. Ben nickte und sah sich nach einer Fahrmöglichkeit um. Breit wurde sein Grinsen, als ein bestimmtes Auto in seinen Blickwinkel fiel. „Hartmut, wir borgen uns deinen Wagen mal kurz aus.“, rief er nach oben. „Hey nein...nicht Lucy. Ich habe sie gerade erst frisch gewachst. Hey, lasst die Hände von ihr.“, rief Hartmut empört, doch es war zu spät. Die Türen schlugen zu und Lucy brauste mit Ben und Semir davon. „Na toll...meine arme Lucy.“, stöhnte Hartmut und strich sich durch sein Haar.


    Christoph und Paul hatten inzwischen die halbe Wohnung auseinander genommen und waren gerade im Wohnzimmer zugange. „Verdammt, hier ist aber auch überhaupt nichts zu finden.“, stieß Paul aus und pfefferte die ausgeräumte Schublade gegen die Wand. Das Holz zerbarst und die Teile krachten auf den Boden. Christoph sah sich die Trümmer an. „Hey, du hast es gefunden.“, stieß er aus und sah auf die aus den Trümmern ragende CD. Paul sah sich um und blickte in die Ecke. „Dieser gerissene Hund.“, stieß er aus und wollte danach greifen, als er Geräusche an der Tür hörte. „Verdammt, hast du die nicht richtig zu gemacht?“, stieß Christoph aus und schnappte sich die CD. „Wieso ich? Du warst doch hinter mir.“, keifte Paul los und zückte seine Waffe. Sie verteilten sich auf die einzelnen Zimmer und zogen sich die Masken über. „Jetzt nur nicht nervös werden.“, zischte Christoph Paul rüber. „Seid wann bin ich nervös?“, knurrte Paul durch die Maske und entsicherte seine Waffe. Sein Freund grinste und blickte zur Tür, durch die dumpfe Stimmen drangen.


    ...

  • „Ganz schön alter, klappriger Kasten.“, keuchte Semir. „Nicht mal einen Fahrstuhl haben die hier.“ Ben grinste. „Doch, den gibt es. Nur leider ist er kaputt. Wirst du etwa alt?“ „Quatsch, aber lass du dir mal in den Rücken schießen und lerne dann von Anfang an wieder laufen.“, knurrte Semir. Ben sah ihn an und schlug seinem Kollegen auf die Schulter. „Du bist schon ein armes Würstchen.“, grinste er und sah dann auf die Tür. „Hey, da war schon jemand vor uns da.“, stieß Ben aus und griff zu seiner Waffe. Semir nickte und zog seine Pistole aus dem Halfter. Beide gingen schrittweise auf die Tür zu und stellten sich auf den beiden Seiten des Türrahmens auf. Semir sah Ben an und dieser nickte. Der Deutschtürke wollte mit dem Bein ausholen, als ein elektrischer Schmerz durch seine Waden schoss. Sekundenlang stand der kleine Hauptkommissar da und rührte sich nicht. „Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Ben und zog seinen Partner leicht am Ärmel zu sich. Schon einmal wurde Semir durch die Tür schwer angeschossen. „Könntest du? Mein Bein will nicht so wirklich...“ Ben nickte, holte einmal kurz aus und trat gegen die Tür. Das dünne Sperrholzbrett, das eine Tür sein sollte, zerbarst und flog aus der oberen Angel. „Du sollst die Tür aufmachen und nicht das halbe Haus einreißen.“, kam es von Semir. „Wieso? Die Tür ist doch offen?“, grinste Ben und merkte nur noch, wie etwas Schnelles dicht an seinen Haaren vorbeizischte und in die Gipswand hinter ihm einschlug. „Wow...Semir Deckung.“, stieß Ben aus und warf sich gegen den Türrahmen. Die Kugeln zuckten nahe an seinem Versteck vorbei. Umherfliegende Holzsplitter nahmen ihm kurzweilig die Orientierung, doch Ben ging in die Hocke und erwiderte das Feuer. Semir drängte sich gegen ebenfalls gegen Türrahmen und wechselte sich mit seinem Kollegen beim Feuern ab.


    Christoph und Paul feuerten ihre Magazine fast leer. „Los, schnapp dir die CD und dann weg.“, stieß Christoph aus und gab seinem Freund Feuerschutz. Dieser nickte, steckte das kleine Ding in seine Jackentasche und rannte über den Flur. Die Kugel zischten um seine Ohren und schlugen irgendwo in den Möbeln ein. Dennoch schaffte er es ohne Treffer zu Christoph. „Und wie sollen wir jetzt hier rauskommen? Wir sind im dreizehnten Stock und das Ding hat nur einen Balkon. Und der Einzige Fluchtweg wird von den Bullen versperrt.“, stieß er aus und schoss erneut auf die Bullen. „Dann müssen wir improvisieren. Gib mir die CD und halt die Bullen in Schach.“, forderte Christoph. Paul reichte ihm die CD, zog sich aber zeitgleich die Maske vom Kopf. Seine grünen Augen sahen den Freund fragend an. „Was...was hast du vor?“, wollte er wissen. „Wir verschwinden über den Balkon. Ich nehme den unteren...du kletterst nach oben. Versuch, über das Dach zu entkommen. Ich gehe durch die untere Wohnung und versuche zum Auto zu kommen. Wir treffen uns bei unserem Club.“, erklärte Christoph. Paul nickte und gab seinem Freund Feuerschutz, während dieser auf den Balkon stieg und in die untere Wohnung kletterte. Paul schoss seine letzten drei Schuss ab, stieg dann aufs Geländer und erklomm an der Regenrinne den oberen Balkon.
    „Verdammt, die machen sich aus dem Staub.“, stieß Semir aus und rannte als erster in die Wohnung. Als er ins Wohnzimmer rennen wollte, konnte er der ihm entgegenschnellenden Kugel gerade noch durch einen Hechtsprung hinter die Couch retten. „Semir...man Junge.“, keuchte Ben und schoss erneut, doch die Kugeln verfehlten das, was sie treffen sollten. „Die wollen nach oben. Ich gehe aufs Dach.“, stieß Semir aus, nachdem er sich wieder erhoben hatte. „Aber nicht ohne mich.“, kam es sofort von Ben. „Was? Nein...das kann ich alleine.“, empörte Semir sich und wollte Ben aufhalten, doch der ließ nicht mit sich reden. „Du bist den ersten Tag im Einsatz, hast schon deinen Wagen geschrottet und wärst beinahe in eine Kugel gerannt. Meinst du, da lasse ich dich noch mal alleine?“ Es blieb für Semir keine Zeit zum Diskutieren. Sie mussten zwei Verdächtige durch ein unübersichtliches Mietshaus jagen. Das würde mit seinen noch nicht so belastbaren Beinen schwierig werden. Sie rannten los, zur Tür hinaus und die Stufen hoch. Über sich konnten sie die schnellen Schritte eines Mannes hören. Eines Mannes? Aber es waren doch zwei, die auf sie geschossen haben. „Ben, das ist nur einer. Der andere muss unten lang sein.“, stieß Semir aus und machte wieder kehrt. „Semir...Semir, bleib hier.“ Doch Semir hörte nicht auf ihn. „Fuck.“, fluchte Ben nur und nahm zwei Treppen auf einmal nach oben. Er musste diesen Kerl schnell kriegen und dann Semir helfen.


    ...

  • Christoph zerschlug die große Scheibe und rannte durch die Wohnung. Auf dem Flur hörte er schon die Schritte des Polizisten. Verdammt, er musste hier weg und diesen Kerl irgendwie ausschalten, dachte er und rannte zur anderen Treppe. „Polizei! Stehen bleiben...“, hörte er hinter sich. „Vergiss es, Bulle.“, stieß Christoph nur aus und schoss seine letzten Kugeln ab. Der Polizist ging in Deckung und rannte dann aber weiter hinter Christoph her. Er musste hier weg. Die Stufen nahm er schon gar nicht mehr. Er sprang einfach von Treppe zu Treppe und war kurz darauf im Erdgeschoss. Hinter ihm hörte er die Schritte des Bullen. Im Laufen überprüfte Christoph, ob er noch die CD bei sich trug. Ja...ein Glück. Christoph rannte aus der Tür und blickte sich nach einem geeigneten Versteck um. Die Mülltonnen boten sich als geeignetes Versteck an. Sofort hockte er sich dahinter und drückte sich an die großen, metallenen Container an. Aufmerksam lauschte er nach den Schritten des Bullen. Und da waren sie auch schon. Noch immer hatte Christoph seine Pistole in der Hand und richtete sich langsam auf. Seine Sinne waren mehr als geschärft. Er konnte den Bullen förmlich vor seinen Augen sehen, wie er sich an die Mülltonnen heranpirschte. Da sah er den einen Fuß und schon sprang Christoph auf. Er rammte dem kleinen Kerl seine Waffe in die Magengrube. Keuchend ging der Bulle zu Boden. Christoph schlug ihm die Pistole aus der Hand, kickte sie unter die Mülltonen und umfasste dann seine Faust. Mit brachialer Gewalt ließ er die geballten Hände auf den Rücken des Bullen niedersausen. Wie ein nasser Sack ging der Kerl zu Boden und blieb bewusstlos liegen. Christoph stieg in seinen Wagen und sauste davon. Hoffentlich schaffte es Paul auch.
    Ben rannte dem anderen Gangster hinterher. Immer die Stufen hinauf. Die Lungen des jungen Hauptkommissaren brannten, seine Beine fühlten sich bald wie schwere, bleierne Zylinder an. Ich sollte doch mehr trainieren, dachte er bei sich und rannte immer weiter. Die Flucht endete auf dem Dach. Paul rannte und rannte und fand sich an der Dachkante wieder. Von hier zum anderen Hausdach waren es gute siebzehn Meter. Das war nie und nimmer zu schaffen. Hinter ihm hörte er schon die Tür klappern. Der Bulle kam aufs Dach. Verdammt, ich muss hier weg, dachte Paul und rannte erneut los. Doch wohin er sich auch bewegte, überall war das Dach irgendwann zu ende. Als er sich wieder umdrehte und um eine Ecke rannte, sah er plötzlich nur noch Sterne und fiel nach hinten über. Ben schüttelte seine schmerzende Faust. „Man...so eine harte Nase kann man doch gar nicht haben.“, stieß er aus, drehte den Mann auf den Rücken und legte ihm Handschellen an. „Hey...sie haben mir die Nase gebrochen. Das ist Polizeibrutalität.“, stieß Paul aus und zappelte hin und her, als Ben ihn auf die Beine zog. „Na und? Du bist in meine Faust gerannt. Man guckt ja auch, bevor man um eine Ecke kommt. Das kann ganz schön gefährlich sein, wenn man nickt guckt.“, meinte Ben nur. „Außerdem hast du mit deiner Nase auch meinen Fingern weh getan.“ Ben zerrte den Kerl die Stufen runter zum Wagen. „Semir, ich hab den Kerl erwischt...Semir? Wo steckst du?“, rief Ben, als er aus dem Gebäude trat und sich nach seinem Kollegen umsah. Dann erblickte er den am Boden liegenden und bewusstlosen Körper seines Freundes. „Verdammt...SEMIR!“, schrie Ben und stieß Paul gegen die Container, dann widmete er sich Semir. „Hey Partner...komm wieder zu dir.“, stieß Ben voller Sorge aus und tätschelte immer wieder die Wangen des Deutschtürken. Langsam kam der Deutschtürke wieder zu sich und versuchte, sich aufzurichten. „Der Kerl hat mich überrascht. Ich...ich konnte mich kaum wehren.“, kam es leise von Semir. „Geht’s dir gut? Soll ich einen Arzt rufen?“ „Nein...nein, bloß nicht. Wenn Andrea davon erfährt, bin ich geliefert.“, wehrte Semir ab und zog sich an Ben und der Mülltonne hoch. „Der Kerl ist mir leider durch die Lappen gegangen.“ „Aber ich hab einen erwischt und der wird uns jetzt was zwitschern.“, meinte Ben und ging auf den Kerl zu. Paul sah die beiden Bullen an. „Aus mir bekommt ihr nichts raus.“, stieß er aus und sah sie herausfordernd an. Ben und Semir warfen sich vielsagende Blicke zu. „Sicher? Das wollen wir doch mal sehen.“, lachte der junge Hauptkommissar gehässig und grinste Semir an. Dieser verstand und beide zogen den Kerl mit sich zurück ins Haus. Paul schoss der Schweiß auf die Stirn. Was hatten die beiden Wahnsinnigen mit ihm vor?


    „NEIN!“, schrie Paul, als er über die Brüstung gehoben wurde. Ben hielt ihn an den Beinen fest. „Sag uns einfach, was wir wissen wollen und du hast gleich wieder festen Boden unter den Füßen.“, meinte Semir und hielt sich seinen Rücken wie ein gebuckelter, alter Mann. „ich weiß nichts.“, keuchte Paul nur. „Eben das glaube ich dir nicht. Was wolltet ihr hier?“, fauchte Ben und ließ kurz ein Bein los. Paul bekam einen Schreck. Unter ihm ging es tief hinunter. Würde der Bulle ihn fallen lassen, wäre er Matsch. „Wir...wir sollten eine CD holen. Mehr nicht. Der Kerl hat was geschrieben, was uns nicht gefiel.“, kam es von Paul. „Geht doch...wer ist euer Auftraggeber?“, wollte Semir wissen und stellte sich neben Ben. „Ziemlich dreckige Schuhe. Gib mal einen her. Da hat Hartmut einen Vergleichskandidaten.“, grinste der Deutschtürke und steckte den Schuh in eine Plastikfolie. „Ich...ich weiß es nicht. Ich...ich habe nie mit ihm gesprochen.“, erwiderte Paul. „War es das?“, fragte Ben und packte das andere Bein wieder. „Jaaaaaaa...ich schwöre.“, stieß Paul aus und wurde dann von Ben wieder hochgezogen. Keuchend ließ sich der Mann abführen und von den eintreffenden Kollegen in Empfang nehmen. „Hartmut, den Schuh hier bitte mit den Abdruck von der Brücke vergleichen. Ach ja, und oben die Wohnung komplett auseinander nehmen. Auch wenn nicht mehr viel zu holen ist.“, meinte Ben, als er den Feuerpinsel im großen Kastentransporter der KTU ankommen sah. Dieser nickte und ging mit seinem Team auf das Hochhaus zu. „Du weißt schon, dass uns die Aktion mächtigen Ärger einbringen kann, oder?“ „Semir, seit wann interessierst du dich für Vorschriften?“, meinte Ben frech grinsend. „Hast recht...los, lass uns Mittag machen und dann zur Redaktion des Toten. Vielleicht finden wir da das, was die Kerle hier gesucht haben.“, meinte Semir und ging mit gebeugtem Rücken auf den endlich eingetroffenen Ersatzwagen zu. „Hey Quasimodo, lass mich fahren.“ Dieses Mal gab Semir die Schlüssel ab und schon ließ Ben den Motor aufheulen.


    ...

  • Max Prahl saß vor seinem Laptop und las sich seinen letzten Artikel durch. Das war doch wieder unter seinem Niveau. Seit Wochen ließ sein Chef ihn nur noch über den unsinnigsten Quatsch berichten. Banale Dinge, die seinen Intellekt und seine Intelligenz nicht gerade forderten. „Maxe, du sollst mal zum Chef kommen.“, meinte Klara, als sie an seinem Büro vorbei kam. „Was will er denn jetzt wieder von mir?“, knurrte der junge, hochgewachsene Reporter, klappte seine elektronische Maschine zu und stiefelte hinter Klara her. „Er ist nicht allein da drin. Also sei nett zu ihm.“, lächelte die resolute und erfahrene Redakteurin und drückte Max einen Kuss auf die Wange. „Hmmm, wie wäre es, wenn wir das heute Abend fortsetzen?“, gurrte er. „Nicht frech werden. Du bist mir etwas zu jung.“, lachte Klara und ließ Max Prahl vor der Tür stehen. „Dann wollen wir mal.“ Max klopfte an und betrat nach einem knappen, aber lauten „Herein“ das Büro seines Chefredakteurs. „Herr Hansen, sie wollten mich sprechen.“ „Ja Max...kommen sie. Das hier sind die Kommissare Gerkan und Jäger. Max, unser Kollege Toni Kaufmann, wurde heute morgen ermordet.“, meinte Claus Hansen mit schwerer Stimme. „Was? Toni ist tot? Aber warum?“, stieß Max aus. „Darum sind wir hier. Wir wollen es herausfinden.“, meinte Ben und machte einen Schritt nach vorne. „Und...und was habe ich da zu tun?“ Max sah seinen Chef an. „Sie werden den Kommissaren helfen. Und sie übernehmen auch Tonis Arbeit. Egal, an was er gerade gearbeitet hat.“, meinte Claus Hansen. „Das ist nicht so einfach. Toni hat alles immer sehr gerne geheim gehalten.“, erklärte Max. „Sie finden schon einen Weg. Zeigen sie den Kommissaren erst mal den Arbeitsplatz.“ Max Prahl nickte und ging mit Semir und Ben in das letzte Büro am Ende des großen Flurs.
    „Das ist sein Büro?“, fragte Ben, als sie in einem kleinen, spärlich eingeräumten Zimmer standen. Max nickte. „Er war nie oft hier. Was er schrieb, schrieb er meist zu Hause oder in irgendeinem Café oder einer Bar. Toni war immer darauf bedacht, dass er viele Menschen um sich hatte.“, erklärte Max und lehnte sich an den Türrahmen. „Hat er viele Feinde gehabt?“ Ben drehte sich um, nachdem er auf dem Drehstuhl Platz genommen hatte. Hmm, mit der Sitzfläche stimmte aber was nicht. „Er war Journalist und immer hinter den dicksten Skandalen her. Leute haben ihn zusammenschlagen lassen, er hat dennoch weiter gemacht. Einmal wäre er beinahe im Rhein ertrunken, hätte ihn nicht ein zufällig vorbei kommendes Touristenpärchen aus dem Fluss gezogen.“, erzählte der Reporter. Ben nickte und suchte den Tisch ab. „Hat er seine Arbeiten irgendwo gespeichert? Wir bräuchten seine Artikel.“, meinte Semir. „Ich hole sie ihnen gleich und ziehe sie auf einen Stick.“, erwiderte Max, verschwand kurz und kam einige Minuten darauf mit einem Stick wieder da. „So, das sind alle Artikel.“ Semir nickte und nahm den Datenträger an sich. „Wissen sie etwas über den aktuellen Artikel? Wenn er so ein Skandalaufklärer war, könnte da womöglich die Ursache seiner Ermordung liegen.“, erklärte Ben und suchte unter dem Tisch alles ab. „Was suchst du da?“, fragte Semir. „Irgendwas...einen Stick, eine CD...er muss ja irgendwo seine Arbeiten gespeichert haben.“, kam es nur von Ben. Max grinste kurz. „Da finden sie es nicht. Da sucht doch jeder Anfänger danach.“, lachte er. Wütend drehte Ben sich um. „Ich weiß, was ich tue.“, knurrte er nur. „Sicher?“


    „Ja, da bin ich mir ziemlich sicher.“, kam es von Ben und suchte weiter unter dem Tisch nach. „Kalt...ganz kalt.“, grinste Max nur. Semir musste sich zusammennehmen. Einerseits stand er zu seinem Partner und wollte, dass er schnell etwas fand. Andererseits mühte sich Ben echt ab und die Kommentare von Max Prahl waren doch schon sehr komisch. „Okay, sie Schlauberger...“, fauchte Ben los und sprang vom Stuhl auf. „Wo sind dann seine Arbeiten?“ Max grinste erneut. „Sie sitzen ja förmlich drauf.“, lachte er, hob die Sitzfläche hoch und zog den Stick hervor, den Toni immer benutzte. „Wissen sie, was da drauf ist?“, fragte Semir nach, doch Max verneinte dies. „Toni hat immer allein gearbeitet. Er hat mir nur das Versteck verraten, im Falle ihm etwas zustoßen sollte.“ Ben nickte. „Das ist leider passiert. Sehen wir uns das mal genauer an.“, meinte er und koppelte den Stick mit dem Rechner. „Das sind Fotos von ausgebrannten Motels und Raststätten. Hier...die stand nicht weit von unserer Station.“, stieß Ben aus und zeigte auf den Bildschirm. Semir nickte nur. „Scrolle mal weiter runter. Sind da nur Bilder?“ Ben suchte auf dem Bildschirm und entdeckte tatsächlich eine Datei. „Verdammt...sie ist verschlüsselt. Vielleicht kann Hartmut was damit anfangen.“, meinte Ben. Semir nickte. „Gut, sie dürfen das Büro erst mal nicht betreten, bis die Spurensicherung hier drin war.“, wies Semir Max an. Dieser nickte und wollte mit Ben gerade den Gang hinuntergehen, als von dort jemand kam, den er hier überhaupt nicht erwartet hätte.


    ...

  • Christoph fuhr in die Stadt und blickte sich um. Er war hier in einem verlassenen, verwinkelten und nicht videoüberwachten Parkhaus. Gleich sollte er den Auftraggeber treffen. Das erste Mal in seinem Leben würde er den Mann sehen, der ihm eine viertel Million Euro für diesen Job bot. Er zog nervös an seiner Zigarette, atmete den Rauch tief eine, ehe er ihn dann vollends ausstieß. So verfuhr er Minute um Minute, bis er den kümmerlichen Rest auf den Boden warf und mit seiner Schuhspitze ausdrückte. Mit nervösen Händen wollte er sich die nächste Tabakrolle in den Mund stecken und anzünden, als ein Wagen in die Tiefgarage gefahren kam, auf ihn zuhielt und direkt neben Christoph zum Stehen kam. Das hintere, gespiegelte und vertönte Fenster wurde einen Spalt herunter gelassen und eine behandschuhte Hand streckte sich hexengleich dem Mann entgegen. „Hast du das Material?“, kam es von einer dumpfen Stimme. Christoph nickte und reichte ihm die CD weiter. „Das haben wir aus der Wohnung des Journalisten. Sonst war da nichts.“, erklärte er und reichte die aluminiumbeschichtete Scheibe an das Etwas hinter der Autotür weiter. „Gut...hier ist dein Geld. Ich rufe dich an, wenn ich wieder einen Job für dich habe.“, krächzte der Mann. Im nächsten Moment fuhr das Fenster wieder hoch und der Wagen fuhr davon. Christoph blieb allein und lebend in der Tiefgarage zurück.


    „Cem.“, stieß Semir freudig aus, als er seinen früheren Schützling um die Ecke biegen sah. „Hallo Semir...Ben...was macht ihr denn hier?“, begrüßte der junge Türke seine beiden Freunde. „Arbeit...aber erzähl mal, wieso bist du so angezogen?“, wollte Semir wissen, als er die Kurieruniform an Cem erblickte. „Nun ja...das Autohaus ist pleite gegangen. Und von irgendwas muss ich ja mich und Shirin ernähren.“, lächelte Cem und hielt seinen Rucksack fest in seiner Hand. „Cem ist hier als Fahrer angestellt.“, erklärte Max den beiden Hauptkommissaren. „Er bringt die Fotos unserer Fotografen zum Entwickeln und holt die Vordrucke aus unserer Druckerei ab.“ Semir nickte und klopfte seinem Freund auf die Schulter. „Wir müssen leider los. Cem, es freut mich, dass du gleich eine neue Arbeit gefunden hast. Ich treffe dich bei Gelegenheit auf ein Bier.“, meinte Semir und hielt seine Hand hoch. Cem schlug ein und zog den Deutschtürken kurz an sich. „Görüsürüz mein Freund.“, erwiderte Cem und blieb mit Max zurück, als Ben und Semir die Redaktion verließen.
    „Dann zeig mal die Fotos her.“, forderte Max und schob Cem sanft in sein Büro hinein. „Hier sind sie...Toni wollte sie unbedingt haben.“, erklärte Cem und sah sich um. „Wo ist er? Ich sollte ihn heute hier treffen und sie ihm persönlich geben.“, fragte Cem und blickte sich suchend um. Max sah bedrückt auf den Boden hinunter. „Cem...Toni ist heute morgen ermordet worden.“ Cems Augen weiteten sich, seine Lippe bebte. „Was? Nein...nein, das kann doch nicht wahr sein. Vor zwei Tagen hat er mir das hier gegeben.“ Cem zog aus seiner Tasche eine CD und reichte sie an Max weiter. „Schauen wir sie uns mal an.“ Kurze Zeit darauf lasen sie die ersten Absätze von Tonis neuer Story. „Wow...das ist Dynamit. Zeig mir mal die Fotos.“, forderte Max und riss Cem förmlich den Umschlag aus den Händen. „Weißt du, wer die geschossen hat?“ „Das war ich. Toni meinte, ein Fahrradkurier ist unauffällig und er hat mir diese kleine Spionagekamera gegeben.“, erklärte der junge Türke. Max nickte. „Du bist begabt. Wirklich...weißt du was? Ich brauche einen Fotografen. Hast du nicht Lust, den Job zu machen?“ Cem begann zu strahlen. Er sah den Journalisten mit offenem Mund an. „Ja...ja...klar hab ich Lust. Das Geld kann ich super gebrauchen.“ „Dann abgemacht. Ich rede gleich mit dem Chef, aber ich bin sicher, er hat nichts dagegen.“, lächelte Max. „Und dann werden wir Tonis Story beenden und damit einigen Leuten mächtig auf die Füße treten.“


    Ben sah sich jede Seite genau an. „Man...der Typ hat wirklich an Niemanden ein gutes Haar gelassen. Sieh dir das an. Den U-Bahnbauskandal, die Sache mit der neuen Müllverbrennungsanlage und der letzte Artikel, ob Kölns Oberbürgermeister nicht durch Manipulation und Unterstützung aus dem Organisierten Verbrechen im Amt bleiben konnte. Dieser Kaufmann hat wirklich nichts ausgelassen.“ Semir nickte. „Bis wir da einen Verdächtigen gefunden haben, sind mir graue Haare gewachsen.“ Ben sah seinen Partner an. „Also die ersten sehe ich jetzt schon. Heißt das dann, dass wir morgen einen Verdächtigen haben?“, grinste er und wich der Hand aus, die nach ihm schlagen wollte. „Du bist noch zu grün hinter den Ohren, als dass du mir meine grauen Haare abspenstig machen kannst. Die sind im langen Dienst ehrlich erworben. Außerdem schmücken sie mich.“, kam es von Semir und theatralisch fuhr er sich über den Hinterkopf. Ben lachte laut auf. „Statt dumme Witze zu machen, könntest du dir ja mal den aktuellen Bericht durchlesen, an dem Kaufmann gearbeitet hat. Vielleicht findet sich da ein Hinweis auf den Täter.“, knurrte Semir. „Goldlöckchen, die Datei ist verschlüsselt. Wie soll ich die denn bitteschön lesen können?“, fragte Ben grinsend und sah seinen Partner an. „Dann bringen wir den Stick zu Hartmut und machen Feierabend. Und noch eins...meine Frisur sitzt wenigstens und hängt mir nicht dauernd im Gesicht rum, wie deine Rasterlocken.“ „Wer hat, der hat. Und mein Haar bedeckt wenigstens noch meinen ganzen Kopf.“ „Frechheit.“, kam es nur von Semir.


    ...

  • Die letzte Station ihres Arbeitstages, die KTU. „Hartmut, wir sind's. Hast du was für uns?“, rief Semir durch die Halle. Hartmut kam kurz darauf hinter einer Werkbank zum Vorschein. „Hallo...wo ist meine Lucy?“, fragte der Techniker und schob seine Vergrößerungsbrille hoch. „Steht draußen...ohne Kratzer...wie versprochen.“, lächelte Ben und warf die Schlüssel Hartmut in die Hand. Der Techniker sah skeptisch durch die Tür. Tatsächlich stand aber Lucy vor der Tür ohne jegliche Beschädigung. „Man, ich bin ja positiv überrascht von euch.“, grinste Hartmut und winkte die Beiden mit sich ins Labor durch. „Hast du nun schon was?“, fragte Semir ungeduldig und sah immer wieder auf die Uhr. „Der Fußabdruck stammt von einer Größe 46.“, erklärte Hartmut und zeigte den gipsernen Abdruck. Semir blickte auf den Abdruck. Es war einer dieser modernen Sneakers, die die jungen Leute jetzt immer trugen. Semir konnte damit nicht wirklich etwas anfangen. Er trug lieber Stiefel. Die waren genauso bequem und funktional sogar noch besser, als diese Modeschuhe für pickelbesetzte Jugendliche. „Ist das alles, was du für uns hast, Hartmut?“, fragte Semir. „Die Auswertung dauert noch. Ihr kommt ja immer auf gut Glück.“ „Schön Einstein...dann haben wir jetzt etwas für dich. Dieser Stick muss ausgewertet werden. Vor allem interessiert uns die verschlüsselte Datei, die da drauf gespeichert ist.“, forderte Ben. Hartmut nickte kurz und machte sich dann an die Arbeit. „Und das bitte noch gestern, Hartmut.“ Dem Techniker blieb der Mund offen stehen. „Jungs, ich will auch mal nach Hause. Wisst ihr, wie viele Überstunden ich schon abbummeln könnte?“, stöhnte der Rotschopf auf. „Ja, nun werden es noch ein paar mehr. Außerdem, du tust einen guten Beitrag zur Aufklärung des Falles leisten. Denk doch mal dran, ohne dein Einfallsreichtum würden wir nie auf den Mörder kommen.“, meinte Ben mit einem breiten Grinsen. „Danke...wieso sagt ihr mir das eigentlich nicht immer?“ „Weil du dann abheben würdest, Hartmut. Und wir brauchen dich nun mal am Boden der Tatsachen.“, kommentierte Semir. Kurz darauf waren die beiden Kommissare wieder aus der KTU verschwunden.


    „Ben, da bist du ja.“, rief Emily freudig, als sie den Schlüssel in der Tür gehen hörte. Schwungvoll warf sie sich ihrem Verlobten an den Hals und küsste ihn leidenschaftlich. „Hey...so stürmisch wurde ich von dir bei unserem ersten Jahrestag begrüßt.“, lachte er und gleich fiel sein Lachen wieder zusammen. „Hab ich etwas vergessen?“, stieß er fragend aus. Emily lachte auf. „Nein...das...das hast du nicht. Komm, lass uns Abendessen. Dann können wir uns danach eng an uns kuscheln und ...“ Sie flüsterte Ben etwas ins Ohr. „Ohhh Emily...das...das klingt wunderbar, aber ich wollte eigentlich nur schnell etwas essen und dann in den Probenraum fahren. Die Jungs warten dort schon auf mich.“, meinte Ben. Emily wich etwas mit ihrem Gesicht zurück und blickte ihren Verlobten argwöhnisch an. „Wie jetzt? Du willst lieber Gitarre spielen gehen, als auf mir zu spielen?“, stieß sie aus und wich vollends zurück. Ben machte einen Schritt auf sie zu. „Süße, ich hab dir doch erzählt, dass ich Sänger bin. Und von Zeit zu Zeit muss ich auch mal mit meiner Band proben.“, murrte Ben. Er wusste nicht, warum seine Freundin jetzt auf einmal so zickig war. „Gut, wenn du meinst, dann geh halt.“, zischte sie und drehte sich um. „Emily...bitte...sei doch nicht böse. Komm, wir essen jetzt und nach der Probe werde ich sofort wieder hier sein und wir können es uns dann gemütlich machen.“, erklärte Ben und zog Emily dicht an sich. Sei sah ihren Ben an und lächelte dann. „Also gut...aber wir essen erst und dann gehst du proben. Aber du könntest mir nächstes Mal eher bescheid sagen.“, forderte sie mit leichtem Druck in ihrer Stimme. „Das werde ich. Es ist nur so...meine anderen Beziehungen gingen noch nie so lange, dass ich darauf hätte Rücksicht nehmen müssen.“ „Dann musst du es lernen.“, meinte Emily und zog Ben zum reich gedeckten Esstisch hinüber. Sie aßen und tranken und jeder erzählte von seinem Tag. Emily legte Ben einen Flyer auf den Tisch. „Das ist in fünf Tagen. Es wäre schön, wenn wir dahin gehen würden.“, meinte sie und schob sich den nächsten Bissen hinein. Ben blickte auf das Prospekt und schluckte vor Entgeisterung. Eine langweilige Fotoausstellung. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. „Ähm...warum nicht? Aber ich muss sehen, wie ich vom Dienst weg komme.“, lächelte er verlegen. „Bitte...lass uns hingehen. Ein bisschen Kultur kann dir auch nicht schaden.“, lachte sie und strich Ben fürsorglich über die Bartstoppeln. Letztendlich stimmte Ben doch zu. Auch, wenn er keine Lust drauf hatte, doch zur Liebe gehörten auch Kompromisse.


    Jörn Petersen saß in seinem Büro und legte seine Unterlagen für den heutigen Tag zurecht. Es war gerade einmal sieben Uhr morgens, doch für ihn war es immer wichtig, früher zu kommen, als die anderen. Das war die Grundlage seines, nein, eines jeden Geschäftes. Und gerade in der Immobilienbranche war es von existenzieller Bedeutung. Bevor er sich aber in den stressigen und wilden Alltag seines Geschäftes stürzen wollte, nahm er die Zeitung vom Tisch und schlug sie auf einer x-beliebigen Seite auf. Die Sportneuigkeiten...wie wohl sein Fußballverein gestern gespielt hatte, als er in einem wichtigen Meeting war?, dachte er nur und fuhr mit den Augen die Tabellen ab. „Super...2:1 gewonnen. Yes...“, stieß er aus und nahm einen Schluck vom bereitstehenden Kaffee, während er die Seiten weiter nach vorne blätterte. Plötzlich spie er den braunen Bohnensaft über seinen gesamten Tisch aus, als er sein Bild in der Zeitung neben dem einer ausgebrannten Motelruine an der Autobahn sah. Seine Augen waren schreckgeweitet. „Heiße Sanierung... So verschafft sich Bauunternehmer J. Petersen die Gelände für seine Unternehmungen. Ein Nachruf auf Toni Kaufmann.“, las er dick und fett in der Überschrift. Verdammt, was sollte das? Das ganze Material von dem Journalisten hatte er doch in seinem Tresor unter guter Verwahrung. Was sollte das alles? Angespannt las er den ganzen Artikel durch und suchte am Ende nach dem Kürzel des Autors. Da war es...MP. Dieses Kürzel wollte sich also an Jörn Petersen festbeißen. „Nicht mit mir, Freundchen.“, fauchte er und griff zum Telefon. „Was seid ihr eigentlich für Stümper? Haben sie mal in die Zeitung geschaut? Ich dachte, sie hätten mir alles gebracht. Machen sie sich schon mal dafür bereit, mir mein Geld zurückzugeben. Ich nehme das jetzt selbst in die Hand.“, fauchte Petersen ins Telefon und schlug den Hörer wütend auf die Gabel. Kurz darauf nahm er den Hörer aber wieder in die Hand. „Bruno, kommen Sie sofort hoch in mein Büro. Ich habe einen delikaten Auftrag für sie.“, forderte der Unternehmer. „Geht klar, Chef.“


    ...

  • Ben kam gerade durch die Tür und stellte seinem Kollegen einen Kaffee hin. „Morgen Partner...hat sich Hartmut schon gemeldet?“, fragte er und setzte sich in seinen Bürostuhl. Semir sah mit einem vollkommen harten, ernsten und wütendem Gesicht an. „Nein...“, erwiderte er und warf seinem Partner die Zeitung rüber. „Aber das braucht er auch nicht mehr. Hier haben wir das Motiv für den Mord. Lies auf Seite 4.“, erklärte Semir mit knirschenden Zähnen. Ben nahm die Zeitung in die Hand und las sich den Artikel genau durch. Auch sein Gesicht wurde immer finsterer und am Ende stieß er wütend Luft aus seinem Mund aus und warf die Zeitung vor sich hin. „Woher hat der Kerl diese Informationen? Wir haben doch alle Unterlagen mitgenommen und was in der Wohnung war, wird der zweite Gangster haben. Also wie konnte er den Artikel schreiben?“, fragte Ben. „Das wird uns Max Prahl gleich erklären. Wir fahren sofort zur Zeitung und nehmen ihn uns vor. Er hat uns einiges zu erklären.“, stieß der Deutschtürke aus, schnappte sich seine Jacke und stiefelte nach draußen. Ben folgte ihm und schon nach wenigen Minuten rauschten sie über die Autobahn zu den Redaktionsräumen
    Beim Rheinischen Anzeiger saß Max im Raum des Chefredakteurs und grinste in sich hinein. „Max...das...das ist ein absoluter Spitzenreiter, ihr Artikel. Das wird einigen Leuten ziemliches Kopfzerbrechen bereiten.“, meinte der Mann und blätterte immer wieder auf die Seite zurück. „Danke Chef...da Toni diesen Artikel nicht mehr veröffentlichen und die Story zu Ende bringen kann, werde ich das für ihn tun. Das ist mein letzter Freundschaftsdienst an Toni.“, erklärte Max. „Noch was, Chef. Ich würde gerne Cem Alady als meinen Fotografen haben.“ Claus Hansen sah seinen Reporter etwas irritiert an. „Einen Kurier als Fotografen?“ „Er ist wirklich gut und talentiert. Ich denke, ich werde gut mit ihm arbeiten können.“, erklärte Max. Der Chefredakteur zuckte mit den Schultern. „Ist gut...machen sie nur. Und hängen sie sich richtig rein in den Fall. So, gehen sie wieder an die Arbeit.“ Max nickte, stand auf und verließ das Büro. Doch draußen lief er sofort zwei bekannten Gesichtern in die Arme. „Oh hallo...hätte nicht gedacht, dass Sie mich so schnell wieder aufsuchen.“, meinte Max mit einem vorsichtigen Lächeln.


    Cem fuhr über die Autobahn und besuchte die letzte Ruine, die Toni noch fotografiert hatte. Er sollte mit den ehemaligen Besitzern sprechen. Das hatte Max ihm aufgetragen. Cem war etwas nervös und sichtlich angespannt, als er mit seinem kleinen Auto auf das Gelände fuhr und ausstieg. Die schwarzen Metallträger ragten noch aus den Trümmern hervor. Cem blickte sich um und entdeckte ein Stück verkohltes und verformtes Metall unter einigen Blechstücken hervorragen. Vorsichtig näherte er sich und versuchte, das Blech anzuheben. „Nun gucke mal da...“, kam es von Cem. Ein Benzinkanister, verrußt und leicht verformt, kam zu Vorschein. Schnell machte der junge Türke ein Foto davon und suchte in den Trümmern nach weiteren Anhaltspunkten. Hier waren aber nur noch verkohlte Reste einer ehemaligen Raststätte. Hier war nichts mehr zu holen. Cem stieg in seinen Wagen zurück und fuhr zu der von Max heraus gesuchten Adresse. Dass ihm ein anderer Wagen in gebührendem Abstand folgte, merkte Cem nicht. Zu sehr war er auf seinen neuen Job fixiert. Seine Fahrt führte ihn nach Düsseldorf, in den tiefsten Osten der Stadt.
    „Wieso gehen wir ihn jetzt nicht an?“, fragte Daniel und sah Bruno an. „Wieso drängen wir ihn nicht von der Straße und geben ihm eine Tracht Prügel?“ Bruno sah ihn an. „Nein, wir werden herausfinden, wohin er fährt. Das bringt dem Chef mehr, als nur das bloße Einschüchtern. Mit diesen angeworbenen Idioten hat der Chef nur Pech gehabt. Wenn die jetzt plaudern, dann ist er wegen Mordes dran.“, erwiderte Bruno und steuerte hinter dem Wagen des Türken her. „Das ist doch ätzend. Ich hab mir schon einen neuen Schlagring gekauft und darf ihn nicht einmal ausprobieren.“, fauchte Daniel nur los. Bruno lachte auf. Keine Sorge, du wirst bestimmt noch Gelegenheit haben, ihn auszuprobieren. Spätestens wenn wir uns diesen Journalisten hier vornehmen.“ Bruno reichte ein Bild an seinen Beifahrer weiter. „Wie bist du so schnell hinter das Kürzel gekommen?“, fragte Daniel und sah sich das Foto genau an. Bruno zuckte kurz mit den Schultern. „War leicht...ich habe einfach auf die Internetseite geschaut und das Kürzel mit der Redaktionsliste abgeglichen.“, entgegnete Bruno und blickte weiter auf Cems Wagen, als dieser vor einem Haus stehen blieb. „Scheint, als wolle er zu den Gambettis. Hoffentlich halten die den Mund.“, knurrte Bruno nur und hielt mit seinem Wagen in sicherer Entfernung. Was hatte der kleine Türke vor?


    ...

  • Semir funkelte den hochgewachsenen Mann mit den braun-grünen Augen an. „Ich habe gerade die Zeitung auf dem Tisch gehabt. Ein schöner Artikel, den Sie da geschrieben haben.“, zischte der kleine Deutschtürke. „Nur, woher haben Sie das Material dazu, wenn Sie uns gestern eher Skizzenblöcke von Kaufmann gegeben haben?“ Max sah die beiden Kommissare an. „Sie werden mich doch nicht verdächtigen, Schuld an Tonis Tod zu sein.“, stieß er aus. „Dieser Artikel lässt sie jedenfalls nicht unschuldig erscheinen.“, kommentierte Ben kühl. Max blickte die Beiden erschrocken an. „Das...das können sie gleich vergessen. Toni war mein Freund. Wir haben uns nie gegenseitig die Storys geklaut. Cem hat...hat mir die CD zusammen mit den Fotos gebracht. Toni hat sie ihm vor ein paar Tagen erst gegeben.“, erklärte Max und löste sich aus dem nachlassenden Griff des Deutschtürken. Dieser fixierte ihn aber immer noch mit seinem ernsten Blick. „Dann geben Sie uns bitte die CD. Sie ist Beweisstück und wird von unseren Technikern ausgewertet.“, erklärte Semir und hielt die Hand auf. Nervös lächelte Max und rückte sein Shirt wieder gerade. „Sicher...kommt, sie ist in meinem Büro.“, meinte er. Semir sah Ben an und nickte ihm zu. Dieser verstand. Er sollte in der Tür stehen bleiben, falls der Reporter irgendwelche Dummheiten versuchte. Obwohl Ben diesen Eindruck von Max Prahl nicht hatte, sollte doch Vorsicht bei diesem Mann angebracht sein.
    „So, hier ist die CD.“, gab Max bekannt und steckte die Hosen in die Hände. Semir nickte und nahm die Scheibe an sich. „Ich hoffe, es ist die einzige CD.“ Der Deutschtürke sah ihn eindringlich an. „Ist sie...alles andere hab ich auf meinen Stick.“, lächelte Max. Ben verdrehte die Augen. „Was soll das? Ist ihre Sensationsgeilheit so tief verwurzelt, dass sie unsere Arbeit behindern müssen? Oder sind Sie so geltungssüchtig?“, knurrte der junge Hauptkommissar den Mann an. Max Augen funkelten. „Hey, ein guter Freund von mir wurde gestern ermordet. Und Sie werfen mir vor, ich würde nur auf journalistischen Ruhm aussein? Sie haben ja nicht alle.“, fauchte Max und ging dicht vor Ben. Dieser baute sich kämpferisch auf, verbreiterte seine Schultern und schob seine Brust vor. „Vorsicht Freundchen, das ist Beamtenbeleidigung. Da reagiere ich sehr allergisch drauf. Ich rate Ihnen davon ab, weiter an dieser Story zu arbeiten.“, kam es angriffslustig von Ben. „So? Warum? Damit ich die Ermittlungen nicht gefährde? Schon mal was von Pressefreiheit gehört? Ich werde weiter an diesem Artikel arbeiten. Toni ist deshalb umgebracht worden und ich werde den Kerl zur Verantwortung ziehen. Und zwar, indem ich drüber schreibe.“, fauchte Max ebenso knurrend zurück. „Max, hören Sie, mein Partner meinte, dass es vielleicht für Sie nicht gut ist.“, schaltete sich Semir ein und zog Ben sanft ein Stück zurück. „Ihr Freund wurde wegen dieser Story umgebracht worden. Vielleicht sollten Sie das uns überlassen.“ „Nein...nichts gegen Sie persönlich, aber ich habe mich noch nie einschüchtern lassen. Und ich werde es auch nicht tun.“, meinte Max. Semir stöhnte auf, zog eine Karte aus seiner Tasche und legte sie auf den Schreibtisch. „Rufen Sie mich an, falls Sie es sich anders überlegen.“ „Wann wird die Leiche von Toni freigegeben?“, wollte Max wissen. „In drei Tagen. Dann kann er beerdigt werden.“, erwiderte Semir und verließ mit Ben die Redaktion.


    Cem sah auf die beiden älteren Menschen, die ihn mit mürrischem Blick anstarrten. „Herr Alady...was wollen Sie von uns? Wenn Sie etwas über unsere ehemalige Raststätte wissen wollen, dann können Sie das gleich vergessen. Wir reden nicht mehr darüber.“, erklärte Gino Gambetti und stellte dem jungen Türken einen Cappuccino hin. Dankend nahm Cem die Tasse und stellte das Aufnahmegerät an. „Warum wollen Sie mir nichts erzählen? Ihre Raststätte lief doch hervorragend und Sie wollten sie an ihren Sohn weiter vererben. Was ist passiert?“, fragte Cem und sah zu Anna Gambetti hinüber. Sie schien wesentlich redseliger, als ihr Mann zu sein. „Diese miesen Schweine...sie haben uns unter Druck gesetzt.“, stieß sie aus und spuckte theatralisch vor Wut auf den Boden. „Anna bitte...“, wollte ihr Mann sie zum Schweigen bringen, doch Anna ließ sich nicht aufhalten. „Nein Gino...ich habe die ganze Zeit geschwiegen. Jetzt ist es vorbei. Mein Junge...dieser Bauunternehmer wollte unsere Raststätte kaufen, damit er dort eines dieser großen Hotels hinstellen konnte. Doch wir haben nicht verkauft. Es war unser Lebenswerk.“, erklärte Anna mit emotional geladener Stimme und blickte mit feuchten Augen auf Cem. Dieser nickte kurz. „Was hat der Mann dann versucht? Hat er sie unter Druck gesetzt?“ „Ja, das hat er. Mein Sohn, Alessandro, er sollte einmal das Geschäft erben, doch diese Kerle haben ihn so zusammengeschlagen, dass sein Becken vollkommen ausgehebelt wurde. Es dauerte ganze vier Monate, bis er wieder laufen konnte. Danach wollten wir immer noch nicht verkaufen. Sie haben uns einfach die Raststätte über unsere Köpfe angezündet. Natürlich zahlte die Versicherung nur einen Bruchteil. Also blieb uns letztendlich nichts anderes übrig, als zu verkaufen.“, stieß Anna aus und wischte sich eine Träne aus dem Auge. Cem schluckte und schaltete das Diktiergerät aus. „Danke...danke, dass sie mir das erzählt haben. Ich werde mit meinem Kollegen Ihre Story schreiben. Alle Menschen sollen erfahren, was ihnen widerfahren ist.“
    Cem lief die Treppe hinunter und blickte sich vor dem Haus um. Diese alten Leute...das durfte er nicht ungerechtfertigt lassen. Max musste davon erfahren. Cem hielt das Diktiergerät in der Hand und steckte es in die Hosentasche. Nun musste er nur noch zur Redaktion zurück und es seinem neuen „Boss“ vorspielen. Er wollte gerade in seinen kleinen Smart steigen, als ihn jemand von hinten packte und ihm die Luft abdrückte. Panisch riss der junge Türke die Augen auf und wollte schreien, doch eine dicke, behandschuhte Hand presste sich auf seine Lippen. „Ganz ruhig, du kleiner Kanake. Wir werden uns jetzt etwas dort in der Gasse unterhalten.“, stieß eine maskierte Person aus. Cem stieß undefinierbare Laute durch den Handschuhknebel aus, als er mitgezogen wurde. Vor ihm erschien eine weitere Person, ebenfalls maskiert, die Cem ein Messer an die Wange hielt. „Ein Mucks und ich bohre dir ein hübsches, kleines Loch in deine Wange. Dann reiße ich dir die Zunge dadurch raus.“, stieß er aus. Der Maskierte, der noch immer hinter ihm stand, gab den Mund wieder frei und trat vor Cem. Dieser atmete heftig. Sein Herz schlug gegen die Brust und drohte fast, aus seinem Mund zu springen. „Hör zu, Junge....du solltest deinen Freund besser davon überzeugen, dass es besser wäre, wenn er seine Schmierereien für sich behält. Sorge dafür oder wir kommen wieder.“, stieß der Mann aus und rammte seine geballte Faust in Cems Magen. Dem jungen Türken blieb die Luft weg. Sein ganzer Unterleib verkrampfte sich, zog sämtlichen Sauerstoff aus seinem Lungen. Er ging in die Knie. Doch damit nicht genug. Der Mann schlug mit dem Knie gegen Cems Schläfe. Vor den Augen tänzelten lauter kleine Sterne, ehe es schwarz um den jungen Türken wurde.


    ...

  • „Hartmut, wir haben was für dich.“, stieß Semir aus, als sie in die KTU kamen. „Schön Jungs, ich wollte euch gerade anrufen. Die Nummer mit dem Stick war lächerlich. Er hat nicht einmal eine Stunde durchgehalten gegen den Superchamp.“, lachte Hartmut und hielt die entschlüsselten Daten hoch. Ben grinste ihn an. „Danke Einstein, aber den brauchen wir nicht mehr. Trotzdem danke für die Mühe. Hier, die CD muss ausgewertet werden.“, meinte der junge Hauptkommissar und reichte Hartmut die Scheibe rüber. Dieser sah entrüstet auf die beiden Kommissare. „Was? Soll das heißen, ich hab mir die Nacht völlig umsonst um die Ohren geschlagen?“, stieß er zähneknirschend aus und wirbelte seinen Kopf durch die Gegend. „Hättet ihr mich nicht anrufen und Bescheid geben können, dass ich mir hier umsonst Arbeit mache?“, knirschte er. „Hartmut, wenn es dich beruhigt, wir werden die Dateien uns auch noch anschauen. Die anderen Informationen haben wir auch erst aus der Zeitung erfahren.“, entgegnete Semir. Es schien Hartmut wirklich zu beruhigen. „In den Dateien tauchte immer wieder ein Name auf. Kennt ihr einen Jörn Petersen?“, fragte der Techniker. „Erst aus der Zeitung...“, erwiderte Semir und sah Ben an. „Ich dagegen hab durch meinen Vater einiges von diesem Herren gehört.“, erklärte er. „Dann wirst du ja sicherlich wissen, was ihm für Methoden vorgeworfen werden.“ Ben nickte auf Hartmuts Frage hin. „Allerdings...Heiße Sanierung, damit er die Grundstücke für einen Spotpreis kaufen kann. Bisher konnte ihm aber nie etwas nachgewiesen werden.“, erklärte Ben. Semir sah ihn an. „Nun, das werden wir ändern. Hartmut, schick uns alle Daten auf unsere PCs. Danke...“


    Max sah auf sein Handy. Noch immer keine Nachricht von Cem. Da stimmte doch was nicht, dachte er und fuhr seinen Computer runter. Mit schnellen Schritten verschwand er aus der Redaktion und rief Cem per Handy an. Doch der junge Türke meldete sich nicht. „Komm schon...geh ran, Junge.“, stieß Max aus und wollte in seinen Audi steigen, als ihn jemand von hinten packte und gegen die Karosserie drückte. „Falls du deinen kleinen türkischen Fotografen suchst, der liegt irgendwo in einer Gasse und versucht, die kleine Dampframme zu verdauen, die ich ihm verpasst habe.“, stieß ein Mann aus. Max bekam Panik, konnte sich nicht aus dem Druck befreien. Plötzlich versteifte sich alles, als er eine Klinge an seinem Hals spürte. Eine Zeitung wurde aufs Dach geschlagen. „Ich hoffe, wir verstehen uns. Solltest du weiter so einen Mist schreiben, werde ich dir deine Hand so wie die Zeitung ans Autodach tackern.“, knurrte der Mann und rammte das Messer direkt durch die Zeitung und das Blech des Autodaches. Max Augen weiteten sich mehr und mehr. Der Schweiß rannte ihm die Stirn runter und sein Pulsschlag ging wie ein ICE auf freier Strecke. Der Maskierte schlug ihm auf den Nacken und verschwand, ehe Max Prahl benommen am Boden neben seinem Auto lag. Der Schlag wirkte wie ein elektrischer Schlag und knockte ihn für einige Minuten vollständig aus.
    Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Max alleine wieder zu sich und blickte sich benommen um. Er lag immer noch in der Tiefgarage neben seinem Wagen. Er raffte sich auf und starrte mit Schrecken auf die immer noch mit einem Messer an seinem Wagendach befestigte Zeitung. Cem...die Kerle hatten sich Cem vorgenommen...schoss es Max wie ein Stromstoß durchs Gehirn. Mit verworrenen und unkoordinierten Bewegungen setzte er sich in seinen Audi und wollte den Schlüssel rumdrehen, als in ihm etwas passierte. Max schaffte es gerade noch, seinen Kopf aus dem Auto zu halten, als auch schon sein ganzer Mageninhalt sich nach außen stülpte. Nein, er konnte...er durfte nicht fahren. In seiner Jacke fummelte er nach seinem Handy und nach der Karte. „Gerkhan?“, meldete sich am anderen Ende eine Stimme. „Herr Gerkhan...Max Prahl hier...ich...ich brauche ihre Hilfe. Kommen sie bitte. Ich wurde...wurde angegriffen.“


    Auch Cem wurde langsam wieder von Passanten in die Wirklichkeit gerufen. „Hallo...ist mit dir alles in Ordnung, mein Junge?“, fragte eine ältere Dame, die sich auf einen Gehstock stützte, als Cem die Augen aufschlug. „Was?“, kam es benommen über seine Lippen. „Ob du okay bist? Du hast da eine dicke Beule am Kopf, mein Junge.“, meinte die Alte und hielt Cem die Hand hin. Dieser sah, dass, wenn er sie nahm, sie sich gleich neben ihm auf den Boden befinden würde, doch ausschlagen konnte er sie auch nicht. Mit seiner linken Hand raffte er sich an der Hauswand hoch, während er mit der rechten Hand den Arm der alten Frau ergriff und sich sanft daran hochzog. „Danke...“, meinte Cem und fasste sich an die Schläfe. Sofort durchzuckte ein heftiger Schmerz seinen Kopf. „Junge...das sieht übel aus. Komm mit mir. Ich werde dich säubern und dann rufen wir einen Arzt an.“, schlug die Dame vor. „Danke, aber ich...ich muss sofort zu einem Freund und ihm das hier geben.“, wiegelte Cem ab und hielt das unbeschädigte Diktiergerät hoch. Die Kerle hatten es nicht gestohlen. Ein Glück...dachte Cem. „Nein, so kann ich dich nicht gehen lassen. Du wankst ja wie ein Betrunkener. Komm...“, mahnte die Dame und drängte Cem in das Hinterhaus hinein. Für eine alte Dame mit Gehstock hatte sie noch ganz schön Kraft und Elan im Körper, dachte der junge Türke und ging schließlich mit ihr. Immerhin konnte er von dort aus Max anrufen und ihm sagen, was passiert war.


    ...

  • „Auftrag ausgeführt, Boss...“, meinte Bruno durchs Telefon. „Sehr gut. Jetzt werden sie es sich’s dreimal überlegen, ehe sie wieder was über meine Firma schreiben.“, erklärte der Gesprächspartner. „Sollen wir sie noch weiter daran erinnern?“ „Nein, lasst es erst mal. Wenn sie wieder frech werden, gehen wir härter mit ihnen um. Für den Augenblick soll es genug sein.“, meinte der Mann am anderen Ende der Leitung. „Gut, dann ziehen wir uns zurück. Aber Boss, der kleine Türke war bei den Gambettis und sicherlich haben die geplaudert.“, stieß Bruno aus. Einige Minuten war es stumm am anderen Ende. „Nun, sie scheinen es immer noch nicht gelernt zu haben. Kümmert euch darum. Wie ist mir egal. Nur schnell muss es gehen. In drei Tagen entscheidet die Bauaufsicht über den Auftrag und bis dahin will ich keinen Ärger haben.“, knurrte es durchs Telefon. Danach war die Leitung tot. Bruno grinste nur und klappte sein Handy ein. „Dann auf zu den Gambettis.“, lachte er und drehte um.


    „Sie wollten ja nicht hören.“, kam es von Ben, als er Max die Wasserflasche reichte. Dieser sah giftig zu dem jungen Hauptkommissar auf. „Sparen sie sich ihre guten Ratschläge. Die können sie meinen Kollegen vom Kummerkasten geben. Für den sind sie sinnvoll.“, erwiderte Max nur und schnellte auf. Doch schon wurde ihm wieder schwindelig und er beförderte einen neuen Schwall Magen- und Gallensäure nach draußen. Das wenige Essen von heute Morgen war schon beim ersten Brechreiz wieder hinaufbefördert worden. Jetzt kam nur noch Magensaft. Ben wich einen Schritt zurück. „Hey, meine Schuhe...können sie nicht...“, zischte er, wurde dann aber von Semir unterbrochen. „Haben sie die Angreifer erkannt?“, wollte der Deutschtürke wissen. Max verneinte dies. „Sie haben mich aufs Autodach gedrückt und außerdem waren sie maskiert. Ich...ich hatte keine Chance.“, erklärte Max und wischte sich über den Mund. Der Brechreiz stieg wieder in ihm auf, doch der Reporter versuchte ihn zu ignorieren. In diesem Moment klingelte sein Telefon. „Prahl...“, meldete er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht. „Cem! Wo steckst du? Ich hab versucht, dich zu erreichen. Was? Sag das noch mal? Okay...ich...ich komme zu dir.“ Max legte wieder auf und sah Semir und Ben an. „Das...das war Cem. Er wurde ebenfalls überfallen und niedergeschlagen.“, erzählte Max. Semir riss die Augen auf und sprang Prahl an, zog ihn aus dem Fahrzeug. „Sie wollten ja nicht auf mich hören. Wenn Cem etwas schlimmes passiert ist, nehme ich ihre Zeitung und stopfe sie ihnen so lange in den Hals, bis das Papier ihnen zu den Ohren wieder rauskommt. Wo ist er?“, fauchte Semir und vergrub seine Finger förmlich im Shirt von Prahl. „Lassen sie mich los...er...er ist in der Müllerstraße 34.“ Semir ließ ihn los. „Sie fahren mit uns.“, stieß Semir nur aus und schon zog er Prahl mit sich. Ben folgte den Beiden und schmunzelte. Jetzt war diesem Reporter das Lachen gründlich vergangen.


    Cem saß auf dem viel zu großen Sofa, von allerlei unheimlichen Porzellanpuppen angestarrt, und wartete auf Max. Am Liebsten hätte er draußen gewartet. Doch Frau Kaiser, so der Name der alten freundlichen Dame, ließ den jungen Türken nicht eher gehen, bevor sie ihn nicht mit selbst gebackenen Keksen und einer Tasse Mokka versorgen durfte. „Schmecken dir die Kekse, mein Junge?“, fragte Frau Kaiser und kam mit einer neuen Kanne des starken Bohnensaftes wieder. „Danke...sie sind sehr gut, aber ich muss jetzt wirklich gehen. Außerdem muss ich etwas auf meine Linie achten.“, erklärte Cem mit einem Lächeln auf den Lippen. Frau Kaisers Lächeln verschwand ein bisschen. „Aber warum denn? Deine Freunde sind doch noch nicht da.“, erklärte sie, doch schon im nächsten Moment klingelte es an der Tür und kurze Zeit darauf standen Semir, Ben und Max im Zimmer. „Hey Junge...wie geht es dir?“, stieß Semir sofort aus und begutachtete die Verletzungen von Cem ganz genau. „Semir, mir...mir geht es gut. Wirklich...die Kerle haben mich zwar in die Mangel genommen, doch ich konnte das hier retten.“, erklärte Cem und hielt das Diktiergerät hoch. Max sah es an, als wäre es der wertvollste Rubin, den es auf der Welt gab. Vorsichtig streckte er die Hände danach aus und wollte es greifen, doch Ben war schneller. Er spulte zurück und drückte die Play-Taste. Doch ehe sie das von Cem gehörte Interview hören konnten, erschütterte eine mächtige Explosion das ganze Haus. Scheiben barsten und die Kommissare und die beiden Reporter warfen sich ebenso auf den Boden wie Frau Kaiser.
    Die Druckwelle und der Schreck währte bei allen nur kurz. Semir war der Erste, der wieder zu sich kam und sich aufrappelte. „Verdammt, was war das denn?“, stieß er aus und ging, ein wenig benommen noch, zum Fenster um nachzusehen. Direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite brannte es. „Verdammt...Ben ruf die Feuerwehr. Drüben brennt es.“, stieß er aus und rannte los. „Semir, was hast du vor?“, rief Ben ihm hinterher. „Ich will den Brand löschen.“, erklärte der Deutschtürke und holte den Feuerlöscher aus dem Auto, riss die andere Haustür auf und betrat das schon mit Rauch durchzogene Treppenhaus. Sofort wurde seine Lunge mit Rauch vollgepumpt, den er unweigerlich einatmete. Er konnte die Hand vor lauter Augen nicht mehr sehen. Zu dick war der ihn einhüllende Qualm. „Verdammt los...hust...hust alles raus hier...hust...hust sofort alles raus hier.“, schrie Semir und klingelte wie wild an den Türen, doch die meisten Bewohner waren noch gar nicht da oder hatten sich schon ins Freie gerettet. Semir kämpfte sich durch die immer heißer werdenden Qualmschwaden und stand dann vor der Wohnungstür, hinter der er schon die Flammen lodern hörte und unter dessen schmaler Schwelle dicker, dichter Rauch hervordrang. Mit einem beherzten Kick trat er die Tür ein. Sofort schossen ihm Flammen entgegen, als wollten sie ihn am Eindringen hindern. Semir hustete und hustete immer mehr. Er warf sich seine Jacke über den Kopf und wollte mit dem Feuerlöscher in die Wohnung hinein. „Semir...Semir...bist du irre? Wir müssen hier raus.“, stieß Ben aus, der seinem Partner nachgegangen war. „Ben, da drinnen könnten noch Menschen sein. Ich muss da rein.“, erklärte Semir. „Und was wird aus dir? Du hast noch deine Waffe bei dir. Was meinst, was passiert, wenn eine der Kugeln im Magazin explodiert? Was soll ich dann Andrea sagen? Komm, lass die Feuerwehr ihren Job machen.“, hustete Ben und zog seinen Partner mit sich ins Freie, wo die ersten Kameraden der Feuerwehr schon eifrig am Löschen waren. Doch auch sie konnten selbst mit ihren Atemschutzgeräten nicht weit kommen. Das Feuer war zu heiß. So konnten sie nur von außen löschen und sich langsam mit einem Schlauchtrupp durch das Treppenhaus kämpfen.


    ...

  • Das Feuer war bald unter Kontrolle, doch aus der brennenden Wohnung bargen die Feuerwehrleute zwei tote Menschen. Sie waren so stark verbrannt, dass eine Identifizierung mit bloßem Auge unmöglich war. „Wer waren die Beiden wohl?“, fragte Semir, als er die abgedeckten Körper vor sich sah. Ben sah ihn an und dann auf seinen Block. „Laut Nachbarn wohnte dort das Ehepaar Gambetti. Sie waren nicht unter den Verletzten und auch nicht unter den geretteten Bewohnern.“, erwiderte der junge Hauptkommissar. „Also können wir davon ausgehen, dass sie das hier sind.“, murmelte Semir mit schwerer Stimme. „Verdammt...“ „Semir...im Moment wissen wir noch gar nicht, wer alles zur Zeit des Brandes zu Hause und wer noch auf Arbeit war. Es kann gut möglich sein, dass sie noch kommen.“, meinte Ben beruhigend. Doch Semir schüttelte energisch den Kopf. „Mein Bauchgefühl sagt mir, dass das hier die Gambettis sind.“, erklärte er mit fester Stimme. Ben schmunzelte ihn an. „Du und dein Bauchgefühl. So viel Bauch hast du nun auch nicht.“, grinste der junge Hauptkommissar. „Ja, lach du nur. Aber es ist wirklich so. Mein Bauch irrt sich nie.“, erklärte Semir und blickte sich zu Cem um, der langsam näher kam. „Das... das ist Frau Gambetti.“, erklärte der junge Türke mit kreidebleichem Gesicht. Semir sah seinen jungen Schützling an. „Woran willst du das erkennen? Die Leiche ist vollkommen verbrannt.“ Doch Cem deutete auf das angekokelte Armband aus Gold. „Ich...ich war heute bei den Gambettis und habe ein Interview geführt. Da habe ich diese Armbandkette gesehen.“, erklärte Cem. „Gut, dann kommt ihr mit uns und wir arbeiten von nun an zusammen.“, bestimmte Semir, ehe sich Max einmischen konnte.
    Das Interview gab den Kommissaren neuen Auftrieb, denn jetzt war der Verdacht des Mordes gegeben und somit mussten sie das weitere Vorgehen erst einmal mit ihrer Chefin absprechen. Max und Cem wurden von Semir nach Hause gefahren. „Bitte denkt dran...mit den Leuten ist nicht zu spaßen. Also haltet euch mit weiteren Artikeln etwas zurück.“, forderte Semir. Doch Max sah das nicht ein. „Nein, das... das werde ich nicht. Dieser Mistkerl und seine Handlanger müssen zur Strecke gebracht werden. Ich werde einen Artikel schreiben, der ihn als Monster darstellt.“, fauchte Max und sprang aus dem Auto. Semir sah ihm nur kopfschüttelnd nach. „Du musst ihn verstehen, Semir. Er hat seinen besten Freund verloren.“, meinte Cem. „Wir beide würden doch nicht anders handeln, oder?“ Semir schmunzelte auf Cems Worte hin. Eigentlich musste er es sich sogar eingestehen, dass Max Methode eigentlich doch Vorteile hatte. Die Presse konnte immer andere Wege als die Polizei gehen. Sie besaß Presse- und Meinungsfreiheit und konnte so doch einen entscheidenden Einfluss ausüben. Noch sollte Semir nicht ahnen, wie weit die Beeinflussung gehen sollte.


    Die nächsten Tage waren ruhig und die Ergebnisse bei der Polizei ließen noch auf sich warten, so schien es. Jörn Petersen kam in sein Büro und erblickte als erstes die Zeitung. Sofort ließ er seine Post auf die Ablage fallen, stellte seinen Koffer ab und schlug die erste Seite auf. „Dieser verdammt Kerl...das glaube ich jetzt nicht.“, fauchte er los und griff sofort zum Telefon. „Bruno, kommen sie sofort nach oben.“, stieß er aus und schlug den Hörer wild auf die Gabel zurück. Wenige Minuten später stand Bruno im Büro und sah seinen Chef an. „Hier...lesen sie.“, knurrte Petersen nur. Bruno las und sah seinen Boss dann entgeistert an. „Ich dachte, sie haben ihn eingeschüchtert?“ „Das...das haben wir auch. Wir haben ihm deutlich gemacht, was passiert, wenn er sich weiter mit dem Fall befasst.“, erklärte Bruno. „Sollen wir noch mal zu ihm gehen?“, fragte er dann. „Nein...lassen sie. Das machen wir jetzt ganz anders. Gehen sie zu ihm und bieten sie ihm Geld an. Jeder ist käuflich. Es ist alles nur eine Frage des Preises.“, erklärte Jörn Petersen und ging zum Tresor, drehte einige Male am Rad und holte dann einen Umschlag hervor. „Hier...hier sind 300.000 Euro drin. Sorgen sie dafür, dass er sie annimmt.“, erklärte Petersen. „Und was, wenn nicht?“, wollte Bruno wissen. „Dann werden sie ihn los. Wie ist mir egal....und beschaffen sie mir alles Material.“, forderte Petersen. Bruno nickte und wollte das Büro verlassen, als sein Chef ihn noch mal zurückrief. „Ach, und Bruno...beseitigen sie diesen Mitwisser. Sie wissen schon, diesen Anfänger. Und dann kümmern sie sich um diesen Prahl. Niemand legt sich ungestraft mit mir an.“, kam es von Petersen.


    Max kam mit frischen Brötchen vom Bäcker zurück. Sein Chef war der Meinung, dass er nach dem gestrigen Tag zu Hause bleiben sollte. Doch Max lieferte erst seinen Artikel ab, fuhr dann zum Bäcker und parkte dann wie gewohnt vor seinem Haus. Irgendwas war aber anders. Anders, als sonst. Aber was? Max stieg aus und sah sich skeptisch um. Vielleicht sollte er seine Waffe aus dem Handschubfach mit in die Wohnung nehmen. Einige Minuten stand er an der Beifahrertür und überlegte. Doch, es wäre eine gute Idee, dachte er dann und nahm die Waffe an sich, steckte sie in seinen Hosenbund und streifte die Jacke drüber. Er nahm wieder die Brötchentüte auf und erklomm die Stufen zu seiner Wohnung. Auf der letzten Stufe blieb er stehen und stockte. Seine Wohnungstür war sperrangelweit offen und das Schloss war herausgebrochen. Also hatte ihn sein Gefühl doch nicht getäuscht. Vorsichtig griff Max in seinen Hosenbund, nahm seine Pistole hervor und drückte sich an den Türrahmen. Langsam schlich er zu seiner Tür und lugte in seine Wohnung. Aus dem Wohnzimmer drang laute Musik. Er war sich sicher, das Radio nicht angelassen zu haben. Max setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und überschritt seine Schwelle. Sein Atem ging schwer und das Adrenalin schoss durch seinen Körper. Sein Puls war auf 180, wenn nicht mehr. Er fühlte sich wie ein Formel-1-Motor auf äußerster Kraft. Schritt um Schritt näherte er sich dem Wohnzimmer. Die Waffe hielt er dabei dicht an seinen Kopf gepresst. Das Parkett knarrte leicht unter seinen Stiefeln, doch Max war sicher, es war zu leise, als dass jemand es hören konnte. Doch plötzlich merkte er einen Druck im Nacken. Sofort erstarb jegliche Bewegung in ihm. Mit einer schnellen Bewegung wurde ihm die Waffe aus der Hand gerissen. „Dachtest wohl, ich höre dich nicht, was?“, raunte ihm eine Stimme ins Ohr. Langsam hob Max die Hände und wurde dann vorwärts gestoßen. Seine Wohnungstür wurde ins Schloss geworfen. Das alles hier war eine Falle...wollte man ihn beseitigen? In Max stieg Angst auf. Was hatten die Kerle mit ihm vor?


    ...

  • „Morgen Semir...wo geht’s hin?“, fragte Ben, als er zu seinem Partner ins Auto stieg. „Ich will heute mal zu diesem Petersen. Mal sehen, was er zu den ganzen Anschuldigungen aus der Zeitung sagt.“, erklärte Semir und fuhr auf die Autobahn rauf. Bis zum Firmensitz von Petersen brauchten sie nicht lange. „Kann ich ihnen helfen?“, wollte eine ältere, missmutig dreinblickende Frau hinter einem Schreibtisch wissen. „Können sie...Gerkhan und Jäger von der Kripo Autobahn. Wir würden gerne mit Herrn Petersen sprechen.“, erwiderte Semir nur und zeigte seinen Ausweis vor. Die Dame beäugte das Foto und dann fixierte sie mit ihren Augen den kleinen türkischen Polizisten. „Neues Ausweisfoto wäre mal vielleicht vonnöten.“, meinte sie nur. Semir sah sie mit einem kurzen Blick an und knuffte dann seinen vor sich hin kichernden Partner in die Seite. „Herr Petersen telefoniert gerade. Wenn sie sich einen Moment gedulden würden.“, kam es dann nach einen Blick auf die Sprechanlage von der Frau. „Danke...wir warten hier.“, entgegnete Semir und deutete auf die Couchecke. Die beiden Kommissare gingen auf die Möbel zu. Semir beäugte seinen Ausweis und strich sich über die Barthaare an seinem Kinn. „Meinst du, ich sollte mir ein neues Foto in den Ausweis schweißen lassen?“, fragte er Ben. „Auf jeden Fall. Ich meine, das sieht aus, als würde der Ausweis deinem jüngeren Bruder gehören.“, grinste Ben. „So schlimm sehe ich ja nun nicht aus. Ich altere mit Würde...“ „Und mit allen Gebrechen, die dazu gehören.“, fügte Ben hinzu und konnte Semirs Hand nur knapp ausweichen.
    „So, Herr Petersen ist jetzt frei. Sie können zu ihm rein.“, erklärte die Sekretärin und hielt die Tür zum Büro auf. „Danke...“, entgegnete Semir und schob seinen Partner an der Frau vorbei. „Meine Herren Polizisten...was kann ich für sie tun?“, fragte ein Mann hinter einen gläsernen Schreibtisch. „Herr Petersen...mein Name ist Gerkhan...das ist mein Kollege Ben Jäger...wir sind hier, weil wir den Tod von Toni Kaufmann untersuchen.“, erklärte Semir und nahm vor dem Schreibtisch Platz. Petersen sah den Deutschtürken an und blickte zu Ben hinüber. „Toni Kaufmann? Der Name sagt mir nichts. Jedenfalls im Moment nicht.“, erwiderte Petersen und wollte gerade wieder zu seiner Zeitung greifen. „Er hat für einen gegen sie gerichteten Artikel recherchiert.“, meinte Ben und blickte den Grundstückshändler an. „Sie sind Konrad Jägers Sohn, oder?“ Ben nickte auf die Frage hin. „Ich kenne ihren Vater von einigen Geschäften. Ein guter Geschäftsmann...nur warum sind sie zur Polizei gegangen?“ „Ich wollte nicht so einen schmutzigen Anzug wie sie tragen.“, erwiderte Ben. Petersen schnaubte verächtlich und drehte sich zu Semir. „Also, woher sollte ich den Herren denn kennen? Ich meine, über meine Firma haben in letzter Zeit sehr viele Journalisten geschrieben.“, erklärte Jörn und lehnte sich herablassend zurück. „Das glaub ich gerne...Zumal sie den letzten haben aufknüpfen lassen...an der Autobahnbrücke.“


    Max saß in einem Sessel und blickte angsterfüllt in die Augen der Männer, die vor ihm standen. „Hör zu, Schreiberling. Du wirst mit deinen Schmierentheater aufhören oder sonst ist dein nächster Artikel auch dein letzter.“, fauchte der jüngere der Beiden. Dann aber wurde er vom Älteren beiseite geschoben. „Hör zu...mein Boss bietet dir Geld an...hier sind 300.000 Euro...Cash.“, meinte Boris und warf eine Tüte auf den Couchtisch. Mehrere Bündel mit großen Euroscheinen schlidderten über die glatte Fläche. Max Augen weiteten sich. Das...das war ein richtiges Vermögen für ihn. „Also, bist du so vernünftig und nimmst das Geld?“, fragte Boris und blickte den hochgewachsenen Reporter an. Max schluckte. Innerlich focht er einen energischen Kampf mit sich selbst. Sollte er das Geld nehmen und dafür seine Story, seine Ideale und sich selbst aufgeben? Oder sollte er weitermachen? Doch, was würden die beiden Kerle dann mit ihm anstellen? „Na was ist? Wir sind nicht mehr ewig so geduldig.“, knurrte Boris und packte den Mann an der Kehle.
    Max sah ihn an. „Ich nehm das Geld.“, erwiderte er dann. Der Druck um seine Gurgel ließ nach und der Mann entfernte sich langsam von ihm. „Eine weise Entscheidung.“, meinte Boris, nahm die Tüte mit den Geldscheinen und drückte sie Max auf die Brust. „Sollten sie allerdings unsere Abmachung vergessen, kommen wir wieder.“, drohte der Mann, tätschelte die Wange des Reporters und verschwand dann mit seinem Kompagnon, ohne jedoch Max aus den Augen zu lassen. Endlich fiel die Tür ins Schloss und Max war allein in seiner Wohnung. Erst jetzt begann sein ganzer Körper zu zittern. Langsam blickte er auf seinen Bauch hinunter. Da lag es...das Geld mit dem er seinen Freund, seine Ideale und, am Schlimmsten, sich selbst verraten hatte. Wie war das...30 Silberlinge...für 30 Silberlinge hatte Judas Jesus damals verraten. Max war ein Judas und die 300.000 Euro waren seine 30 Silberlinge. Andererseits...die Kerle waren skrupellos und hatten Toni schon umgebracht. Ob sie ihm auch Geld angeboten haben? Sicher hat dieser Idealist abgelehnt. Max wollte so nicht enden. Nein, so nicht. Nicht an einer Brücke baumelnd und dann doch nichts erreicht. Er nahm das Geld und stand auf. Die Tüte verschwand hinter seinem Schrank. Das war ein gutes Versteck. Er würde das Geld ab und zu anrühren. Wenn er mal ... warum nicht? Nach Ägypten wollte er schon längst einmal. Die Pyramiden sehen, die Sphinx besteigen und einfach mal den Nil hinunterfahren. Mit dem Geld konnte er das jetzt doch. Mit etwas besserer Laune hob Max seine immer noch im Flur liegende Waffe auf und schloss sie weg. Danach holte er sich ein Bier aus dem Kühlschrank und leerte die Flasche in einem Zuge. Wieso musste er sich so verrückt machen? Er hatte richtig gehandelt. Im Flur blieb Max vor seinem großen Spiegelschrank stehen und blickte unwillkürlich hinein. Was ist aus dir geworden, Max Prahl...schien sein Ebenbild zu fragen. Er konnte sich selbst nicht mehr in die Augen blicken. Es schien, als wende sich sein Spiegelbild von ihm ab. Max erschrak. Er war zu einem korrupten Monster mutiert. Mit heißer Wut im Bauch feuerte er die leere Bierflasche in den Spiegel hinein. „Ich kann mich nicht mehr sehen.“, stieß er angewidert aus.


    ...

  • Leute, wo bleiben denn eure Feeds? Sied ihr eingeschlafen oder ist euch die Story sooo langweilig?
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    Petersen lachte auf. „Ich bin Geschäftsmann und kein Auftragsmörder.“, erwiderte er. „Nein...sie lassen nur Restaurants anstecken, die auf Grundstücken stehen, die sie gerne hätten.“, kam es prompt von Ben. Mit wütenden Augen blickte Petersen den jungen Hauptkommissaren an. „Das ist eine infame Unterstellung. Haben sie Beweise dafür?“, zischte Jörn Petersen. „Wir haben eine Tonbandaufnahme eines Ehepaares, dessen Raststätte sie haben abbrennen lassen.“, erklärte Semir nur und blickte den Unternehmer an. „So, dann würde ich doch gerne diese Aufnahme hören.“, meinte der Mann nur. Semir nahm das Aufnahmegerät aus seiner Tasche und drückte die Play-Taste. Der Unternehmer hörte sich das Ganze ohne Widerstand oder Zwischenworte an. Als das Gespräch endete lehnte sich der Mann zurück. „So? Und das soll nun ihr großer Beweis sein? Da kann ich ihnen nur sagen, das ist ein Witz. Sehen sie, die Gambettis haben bei mir einen Privatkredit aufgenommen. Und als es an das Zurückzahlen ging, habe ich natürlich meine Leute geschickt. Doch die Leute konnten nicht zahlen. Irgendwann haben sie dann ihr Restaurant selbst in Brand gesteckt, einen Unfall vorgetäuscht und so versucht, die Versicherung zu betrügen.“, erklärte Jörn Petersen. Ben schnaubte verächtlich. „Sicher...das haben sie sicherlich getan.“, zischte er. „Sie können gerne die Berichte der Versicherung lesen. Im Übrigen bitte ich sie jetzt, zu gehen. Meine Zeit ist kostbar und ich habe schon genug an sie verschwendet. Bitte gehen sie.“, forderte Petersen. Semir und Ben erhoben sich. „Wir gehen...aber wir kommen wieder. Das verspreche ich ihnen.“, kam es drohend von Semir. „Tun sie, was sie nicht lassen können.“, erwiderte Petersen und widmete sich wieder seiner Arbeit.
    „Was für ein Kotzbrocken. Wie kann man so eiskalt und profitgeil sein?“, stieß Ben angewidert aus und spie vor den Wagen, der auf Petersens Parkplatz stand, aus. Semir konnte nur zustimmend nicken. Sein Handy klingelte. „Ja Susanne, was gibt es denn?“, wollte der Deutschtürke wissen. „Dieser Paul hat den Namen seines Komplizen verraten.“ „Wie? Einfach so?“, fragte Semir erstaunt. „Nun ja... letzte Nacht sind ihm wohl die Mithäftlinge etwas zu nahe gekommen. Nun will er eine Einzelzelle für seine Informationen. Die Staatsanwältin hat schon zugestimmt. Der Name des Komplizen ist Christoph Streicher.“, erklärte Susanne. „Aha, und hast du auch die Adresse?“ „Sicher...ich bin ja keine Anfängerin...Krönleingasse 29 in Köln.“, erwiderte sie. „Danke Susanne...du bist einfach die Beste.“, lächelte Semir und legte wieder auf. „Na, wohin geht’s?“, fragte Ben nur. „In die Krönleingasse 29. Da finden wir jemanden, er uns sicher einen schlagkräftigen Beweis gegen Petersen liefern kann.“, erklärte Semir seinem Partner. „Na dann...worauf warten wir noch?“, grinste Ben nur und schwang sich auf den Beifahrersitz des BMWs. Semir ging hinters Lenkrad und startete den Motor.


    Cem stand vor dem Haus und blickte nach oben. Was war denn los? Max machte einfach nicht auf, obwohl er doch zu Hause war. „Max!“, rief Cem nach oben und blickte zu den Fenstern hinauf. Doch keine Antwort. Cem klingelte nun schon zum fünften Mal. Doch dieses Mal reichte es ihm. Er schlug einmal mit der ganzen Hand drauf und drückte fest zu. Irgendjemand würde ihm schon aufmachen. Tatsächlich ertönte auch kurz darauf der Summer. Cem schlüpfte durch die Tür und rannte förmlich die Stufen nach oben. „Max...mach doch auf. Max...bitte...“, stieß Cem aus und hämmerte gegen die Tür. „Ruhe da draußen...“, schrie es aus einem Stockwerk höher. „Oder ich hole die Polizei.“ „Ja man, ist ja gut...“, fauchte Cem und lehnte sich gegen die Wohnungstür seines Freundes. Just in diesem Moment gab die Tür nach und Cem lag fast in der Wohnung, hätte er nicht den Türrahmen zu fassen bekommen. „Max?“, rief er kurz darauf und betrat den Flur. „Cem?“, hörte er aus dem Wohnzimmer. Der junge Türke folgte den Rufen, kam am zertrümmerten Spiegelschrank vorbei und stand dann im abgedunkelten Wohnzimmer. „Was...“ Cem suchte nach dem Lichtschalter. „Nein, bitte...lass es dunkel. Ich...ich will mich nicht mehr sehen.“, kam es mit heiserer und benommener Stimme von Max. Cem jedoch stellte das Licht an. Er sah einen halb auf der Couch liegenden, betrunkenen und vollkommen unzurechnungsfähigen Max Prahl vor sich. „Max...was...was hast du angestellt?“, fragte Cem und räumte mehrere leere Flaschen Bourbon beiseite. „Cem...ich...ich habe was furchtbares gemacht.“, erklärte Max mit schwerer Stimme und begann zu erzählen.
    Cem atmete schwer, als er das Geld sah, welches ihm Max entgegenstreckte. „Du...du hast dich kaufen lassen?“, stieß er aus und packte das Geld, riss es Max aus der Hand. „Du hast dich wirklich kaufen lassen? Du Verräter...“, stieß Cem aus und warf die Scheine quer durch den Raum. „Cem...bitte...versteh doch...sie...sie hätten uns das Leben zur Hölle gemacht. Vielleicht sogar getötet.“ „Und deswegen gibst du alles auf? Man Max...weißt du was? Mach, was du willst, aber ich werde nicht mehr mit dir arbeiten. Du hast Toni und du hast mich verraten. Aber am allerschlimmsten...du hast dich verraten. Wie kannst du nur? Kalles...“, stieß Cem aus, spie vor Max auf den Boden und rannte aus der Wohnung. „Cem...Cem, bleib hier...“, rief Max ihm nach, doch der junge Türke war weg. Erst jetzt begriff Max, was er zu tun hatte. Er taumelte ins Badezimmer und beugte sich über die Kloschüssel und kurz darauf erklang ein selbst hervorgerufenes Würgen. Max spie den ganzen Alkohol, den er sich selbst eingeflößt hatte, wieder aus. Dass auch sein Mageninhalt dabei flöten ging, war dem Reporter vollkommen gleich. Max erhob sich wieder und wankte aus dem Badezimmer. Er sammelte vorsichtig das Geld ein, riss seine Jacke vom Haken uns schlüpfte in seine Stiefel. Schnell war er in ein Taxi gestiegen und fuhr zum Firmensitz von Petersen. In der Tasche, das Geld für seinen Verrat.


    ....

  • „Etwas herunter gekommen, oder?“ „Kann ja nicht jeder in so einem Luxusappartement wie du wohnen.“, grinste Semir nur und schlug die Autotür zu. Sie standen vor einem großen, herunter gekommenen Hochhaus. „Na los...gehen wir rein und holen uns den Verdächtigen.“, meinte Semir und ging auf den Eingang zu. Zwei Männer in dunklen Anzügen kamen ihnen entgegen und einer rempelte absichtlich an. „Schon mal was von Augen auf gehört oder bist du blind, du Fußgängerpanzer?“, fauchte Ben wütend. Doch der Mann reagierte nicht und lief einfach weiter. „Blöder Idiot...“, knurrte der junge Hauptkommissar und ging weiter. Semir sah auf das Klingelschild. „Wir haben Glück...der wohnt im zweiten Stock.“, lächelte der Deutschtürke und drückte irgendeinen Klingelknopf. „Ja, was denn nun schon wieder?“, fauchte eine Stimme aus der Gegensprechanlage. „Können sie nicht mal woanders klingeln?“ „Sorry, aber ich müsste mal an ihre Briefkästen. Würden sie mich bitte reinlassen...“, bat Semir und drückte schon gegen die Tür. Der Summer ertönte und die beiden Hauptkommissare stiegen die zwei Treppen hinauf. Vor der Wohnung blieben sie stehen und blickten sich um. „Klingeln oder Überraschung?“, fragte Ben seinen Kollegen. „Versuchen wir es mal so.“, meinte Semir und drückte auf den Klingelknopf. Erstaunt blickte Ben seinen Partner an. „Wieso klingelst du? Ich habe deutlich jemanden schreien gehört.“, grinste er und holte seine Dietrichtasche hervor. „Nein Ben...dieses Mal nicht.“, mahnte Semir seinen Kollegen. „Verdirbst mir ja auch jeden Spaß.“, murmelte Ben geknickt. Semir lachte auf und blickte auf die Tür. Niemand machte auf. „Okay...du darfst öffnen. Aber bitte leise.“ „Klar...bin ja kein Anfänger.“
    Leise knarrte die Tür auf und gab den Weg ins Innere der Wohnung frei. „Scheint niemand da zu sein.“ Semir nickte kurz und zog seine Waffe. „Gehen wir lieber auf Nimmer sicher. Du die Türen auf der rechten Seite und ich nehme die auf der linken Seite.“, wies der Hauptkommissar seinen Partner an. Ben nickte und zückte ebenfalls seine Waffe. Gemeinsam betraten sie die Wohnung. Jeder nahm sich seine Seite vor, stieß die Türen auf und blickten in die Zimmer, doch sie waren leer. Bis auf eins. „Semir...hier im Wohnzimmer...“, stieß Ben erschrocken aus. Sofort stand Semir neben seinem Partner und blickte zur Decke hinauf. Ihm kam fast das Mittagessen wieder hoch. „Oh verdammt...“ Schnell nahm Semir einen Stuhl und versuchte, die noch zappelnden Beine wieder auf eine feste Unterlage zu stellen. Ben suchte in aller Eile ein Messer und als er keins fand, kam er mit dem Küchenbeil wieder. „Schneid ihn ab...schnell.“, stieß Semir aus. Ben stieg auf die Lehne des Stuhls und hieb das Seil durch. Sofort sackte der Körper nach vorne. Beherzt packten beide Kommissare zu und legten den Mann vorsichtig auf den Boden. Die Augen quollen bereits aus den Augenhöhlen und das Gesicht war blau angelaufen. „Verdammt...ruf schnell einen Arzt.“, stieß Semir aus und löste die Fesseln des Mannes, dessen ganzer Körper zuckte und zitterte. Irgendwann hörte das aber auf. Nichts rührte sich mehr. „Zu spät.“


    Eine halbe Stunde später waren die KTU-Mitarbeiter, die Kollegen und der Pathologe vor Ort. „Er wurde nicht freiwillig an den Lampenhaken gehängt.“, meinte Dr. Wegener und sah nach oben. „Dass der Haken gehalten hat, ist ein Wunder.“, murmelte er. „Woran kannst du erkennen, dass er gewaltsam aufgehängt wurde?“, wollte Semir wissen. Der Pathologe hob die Hand des Toten hoch. „Hier...das sind Hautreste. Ich wette, er hat seinen Angreifer gekratzt, als sie gekämpft haben.“, erwiderte der Pathologe und stand auf. „Ich schicke euch den Bericht zu.“, meinte er und verließ die Wohnung. Ben kam zu Semir ran. „Also...Hartmut meint, die Tür könnte mit einem Dietrich geöffnet worden sein, doch da wir danach im Schloss herumgefummelt haben, kann er das nicht mehr feststellen.“, murmelte Ben. „Na toll... ein Mord und wir haben nichts. Haben die Nachbarn wenigstens was gemerkt?“, wollte der Deutschtürke wissen. „Der Nachbar, der uns reinließ, wurde von zwei Kerlen hochgeklingelt. Sie wollten rein, sagten aber nicht, warum. Er hat sie dann nicht reingelassen. Als er dann doch den Summer hörte, hat er durch den Spion gesehen. Beide trugen dunkle Anzüge und schwarze Handschuhe. Die Gesichter konnte er nicht erkennen.“, kam es von Ben. Als er seinen Text aufgesagt hatte, fiel es Ben wie Schuppe von den Augen. „Hey...die Kerle, die uns beinahe umgerannt hatten, sahen so aus.“, stieß er aus. Semir nickte zustimmend. „Dann lass uns in die PASt fahren und Phantombilder anfertigen, bevor wir es wieder vergessen.“, meinte Semir und verließ mit seinem Partner die Wohnung.


    Jörn Petersen stieg gerade in seinen Wagen, als er von hinten gepackt wurde. „Hilfe...“, schrie er erschrocken auf und wollte sich wehren, doch er wurde umgedreht und sah, wer ihn da anging. Max blickte ihn mit Zorneswut an. „Sie wissen, wer ich bin, oder?“, fauchte er. Der Reporter konnte sich kaum auf den Beinen halten, doch die Wut beflügelte seine Kraft und seinen Willen. Petersen sah den Mann an. „Sie...sie haben diese Hetzartikel gegen mich verfasst.“, stieß Petersen aus und grinste dann triumphierend. „Sind sie hergekommen, um mich um noch mehr Geld zu bitten? Oder wollen sie eine Immobilie kaufen?“, verhöhnte der Mann den Reporter. Doch Max sah ihn nur an und holte mit der Faust aus. Doch er schlug den Mann nicht. Im Gegenteil...er presste Petersen sein dreckiges Geld auf die Brust. „Hier...hier haben sie ihr Geld wieder. Ich will es nicht. Und eins merken sie sich. Sie können mich nicht mehr einschüchtern. Ich werde so lange weiter Artikel gegen sie schreiben, bis sie entgültig aus dem Verkehr gezogen wurden. Sie haben meinen Freund Toni umbringen lassen und auch die Gambettis wurden von ihnen eingeäschert.“, fauchte Max und stieß den Mann wieder gegen den Wagen. Mit einem aufflammenden Hass in den Augen entfernte sich Max von Petersen, ohne ihm den Rücken zuzukehren. Erst als er hinter einer Säule verschwunden war, rannte er davon. Petersen folgte ihm, bog um eine Ecke, doch der Mann war verschwunden. Noch immer hielt er das Geld in der Hand. Einzelne Scheine flogen auf die Erde. „So...du willst also nicht mitspielen. Gut, das kannst du haben.“, murmelte Jörn Petersen und ging zu seinem Wagen zurück. Er warf das Geld auf den Beifahrersitz und stieg in den Wagen. „Hallo Bruno. Der Reporter spielt nicht mit. Nein...keine überstürzten Handlungen. Wir warten ab. Kümmert euch erst mal um den Anderen. Prahl nehmen wir uns nach der Beerdigung vor. Und dann machen wir entgültig Schluss mit dem Kerl.“, zischte Jörn Petersen und legte auf. Das lief nicht alles so, wie er es sich vorgestellt hatte. Eigentlich sollte alles anders laufen. Doch das war jetzt auch egal. Jetzt musste er nur dafür sorgen, dass dieser Reporter schwieg, und zwar für immer. Und diese Bullen kamen ihm auch langsam zu nahe. Vielleicht musste man da auch etwas machen. Aber nur vielleicht...nur nichts überstürzen.


    ...

  • Das Grab war umrundet von Freunden und Wegbegleitern, als der Sarg mit Tonis totem Körper langsam von den Sargträgern in die Tiefe gelassen wurde. Max stand neben Cem, mit dem er sich, nach einer Aussprache abseits der kleinen Kapelle, wieder versöhnt hatte. Etwas abseits standen Semir und Ben und sahen auf die ganze Gruppe rüber. „Er scheint ja ziemlich beliebt gewesen zu sein.“, meinte Ben. Semir nickte zustimmend. „Es wird Zeit, dass wir handfestere Beweise gegen Petersen in die Hand kriegen. Fahren wir am Besten gleich zu Hartmut. Er soll uns sagen, was er in der Wohnung des Toten von vorgestern gefunden hat.“, kam es voller Tatendrang von Semir. Sie entfernten sich vom Friedhof, stiegen in Bens Mercedes und brausten davon. Wenn sie geahnt hätten, was gleich passieren sollte, wären sie geblieben. Max ging mit Cem den langen Friedhofsweg entlang. „Soll ich dich ein Stück mitnehmen?“, fragte der Reporter den jungen Türken, doch dieser schüttelte nur mit dem Kopf. „Ich muss mich etwas um meine Freundin kümmern. Und da sind noch einige Fotos, die ich auswerten muss.“, erwiderte Cem. Max lachte auf. „Wenn das in der Reihenfolge bleibt, wird das eine sehr lange Beziehung. Dann bis morgen, Cem.“, verabschiedete sich Max, stieg in seinen Wagen und fuhr auf die nahe gelegene Autobahn auf. Dass sich ein schwarzer Audi hinter ihn setzte, fiel dem in seine Trauer versunkenen Mann nicht auf. Monoton hielt er seinen Alfa auf der Spur. Plötzlich zog ein straffer Lufthauch an seinem Ohr vorbei und spürte einen starken Schmerz an seinem Hinterkopf. Erschrocken riss Max das Steuer zur Seite und brach durch die Leitplanke. Er versuchte, durch die dichten Bäume zu manövrieren, als einer seiner Reifen zerbarst. Mit immer mehr Panik im Gesicht versuchte Max seinen Wagen unter Kontrolle zu halten, was mehr und mehr schwieriger wurde. „Verdammt...“, stieß er schreiend aus, als der Alfa über eine Bodenwelle in die Luft abhob, brutal auf die Erde aufkam und sich mehrmals überschlug, ehe er auf den Rädern wieder zum Stehen kam.
    Bruno und Daniel hielten ihren Wagen an und stiegen aus. Nach wenigen Schritten durch den Wald sahen sie schon das Wrack auf dem Acker liegen. „Das war es dann wohl mit ihm.“, meinte Daniel mit einem hämischen Grinsen, ließ das leere Magazin aus seiner Waffe schnellen und lud ein neues nach. „Schauen wir nach, ob er auch wirklich tot ist. Der Boss will keine bösen Überraschungen mehr erleben.“, entgegnete Bruno und ging auf den Wagen zu. Doch dann schlug eine Kugel in seinen Oberarm ein. „Shit...verdammt... der Kerl lebt noch.“, stieß Bruno aus und ging hinter einem umgefallenen Baumstamm in Deckung. „Ziel auf den Tank...dann jagen wir ihn in die Luft.“, stieß Bruno aus. Daniel nickte und zielte auf den Tank. Dieser Kerl würde nicht mehr allzu lange leben.


    Max hielt erschrocken das Lenkrad fest, als sein Alfa wieder in der richtigen Position stand. Alles in ihm zitterte und war mehr als angespannt. Langsam fuhr seine Hand zum linken Ohr. Es war vollkommen blutig und seine Ohrmuschel schien abgerissen zu sein. Ein elektrischer Schmerz durchzuckte ihn, als er das geschundene Hörorgan berührte. Verdammt...vorsichtig drehte er sich um und sah dann, wie die beiden Typen aus dem Wald kamen. Jetzt wollten sie ihm wahrscheinlich den Rest geben. Nicht mit mir, Freunde...dachte er und griff ins Handschubfach. Wie gut, dass er die Waffe wieder aus der Wohnung mitgenommen hatte. Geistesgegenwärtig riss er die Tür auf, zielte und schoss. Er hörte einen Aufschrei und wusste, dass die Kugel nicht ins Leere ging. Doch er brauchte Hilfe...nur woher? Da...die Karte des Polizisten. Sie muss ihm bei dem Sturz aus der Jacketttasche gefallen sein. Sie lag direkt neben seinem Handy. Eine Fügung des Schicksals...dachte Max und griff zum Telefon. Immer wieder warf er einen Blick durch die Heckscheibe. Er legte sich im Fahrraum vollkommen lang, um vor den Kugeln wenigstens etwas Schutz zu haben, und wartete auf eine Antwort.
    Ben legte den nächsten Gang ein, nachdem er den Hilferuf von Max Prahl empfangen hatte, und rauschte die Auffahrt rauf, wendete und brauste die entgegengesetzte Richtung entlang. „Ja Susanne...ich bin es. Schick bitte sofort zwei Einsatzwagen zum Kilometer 38 auf der A54. Dort wird eine Person angegriffen.“, forderte der junge Hauptkommissar über Funk. Er war auf dem Weg zur PASt, als ihn Max Notruf erreicht hatte. Und Ben wollte heute alleine zur Arbeit kommen. Also hieß es, auf sich allein gestellt sein. Kurze Zeit später war Ben an der Stelle, die er vorher per Funk an Susanne weitergeleitet hatte. Mit flinken Füßen stieg er aus und folgte der Spur der Verwüstung, bis er Schüsse hörte. Die Kerle konnten nicht weit von ihm sein. Geduckt und mit gezückter Waffe schlich Ben voran und ging hinter einem großen Baum in Deckung, als er den ersten der Beiden vor sich sah. Er umklammerte die Waffe mit beiden Händen und machte vorsichte und bedachte Schritte nach vorne. Er presste die Mündung den Mann in den Rücken. „Wenn du jetzt auch nur einen Rülpser machst, puste ich dir eine zweite untere Körperöffnung.“, zischte er. Der Mann versteifte sich und nahm die Hände vorsichtig über den Kopf. Schnell wurde er entwaffnet und wollte ihn mit Handschellen festnageln. „So, und nun... wo ist dein Komplize?“, fragte Ben. Im nächsten Moment begann ein Striemen an seinem Arm heftig zu brennen. Blut lief an seiner Jacke entlang. Der Schlag war so heftig, dass Ben taumelte und ins Gras fiel. „Suchst du mich?“, fragte Bruno und zielte mit der Waffe auf den am Boden liegenden Hauptkommissaren. Ben blickte den Mann an und schluckte. Die Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Würde er ihn eiskalt erschießen? Ein Schuss durchpeitschte die Luft. Erschrocken fuhr er zusammen und blickte an sich hinunter. War er getroffen? War das sein Ende?


    ...

  • Max kam langsam aus seinem Wagen hervor. Er roch den bereits austretenden Sprit ganz deutlich. Er musste zu einem der dicken Büsche rüberkommen. Nur dann war er vor der drohenden Explosion sicher. Er riskierte einen Blick zu seinen Mördern und gab ein oder zwei Schüsse ab. Dann glitt er aus dem Wagen und rannte los. Er spürte die Kugeln um sich herum vorbei zischen, doch alle anvisierten Projektile verfehlten ihn um haaresbreite. Seine Flucht war fast perfekt, doch dann erwischte ihn eine am Unterschenkel. Max strauchelte, fiel und rollte sich einige Male auf dem Boden ab, ehe er sich kriechend weiter bewegte. Endlich waren die schützenden Büsche erreicht. Sein Herz schlug bis zum Hals hinauf und der Puls raste wie auf einer Achterbahn. Blut tropfte von seinem zerschossenen Ohr auf die Schulter und lief weiter den Ärmel entlang, als er langsam zu seinem Bein hinunterblickte. Die Wunde schien nicht tief zu sein. Wahrscheinlich nur eine Fleischwunde, doch sie brannte höllisch und ließ kaum eine Bewegung zu. Doch Max musste aus dieser Todesfalles raus, musste die Kerle irgendwie überlisten. Er schleppte sich dicht am Boden entlang und hörte dann stimmen, plötzlich ein Schuss und wieder stimmen.
    Er kroch weiter und sah den anderen Kerl vor etwas stehen, die Waffe auf das Etwas gerichtet. Max zog sich an einem Baum hoch, nahm seine Pistole in die Hand und legte an. Dann hörte er aber ein Klicken hinter sich und spürte etwas metallisches an seinem Hals. „Lass es lieber...wirf das Ding weg.“, knurrte ein Mann. Max hob seine Hand und ließ seine Pistole ins Gras fallen. Verdammt...er hatte vollkommen den zweiten Mann außer Acht gelassen. „Los...vorwärts...“, stieß er aus und schob Max durch das Gebüsch. „Bruno...ich hab ihn.“, stieß Daniel aus. Der Angesprochene drehte sich um, ließ aber nicht von Ben ab. In der Ferne waren die Sirenen schon zu hören. „Verdammt...die sind zu früh. Los, nimm den Reporter...ich nehme den Bullen. Wir beseitigen sie später. Jetzt müssen wir erst mal weg von hier.“, stieß Bruno aus, zog Ben auf die Beine und fesselte ihm die Hände mit seinen eigenen Handschellen auf den Rücken. Danach durchsuchte er ihn und warf dessen Handy ins Gras. Daniel nahm Max am Kragen und zerrte ihn zum Wagen. Dass der Reporter humpelte war ihm egal. Ben wurde in den Kofferraum verfrachtet, während Max auf der Rückbank platz nehmen musste. Die Kerle waren mit den Beiden weg, ehe die Kollegen eintrafen. Was würden sie aber nun mit Ben und Max machen?


    Ben schallte sich selbst. Wie konnte er dem Kerl vergessen, die Handschellen anzulegen? War doch klar, dass er bei der erstbesten Gelegenheit türmte. So war es ja dann auch. Als ihn der Schuss traf, suchte der Kerl das Weite, nur um dann Max am Kragen packen zu können. Nun lag er in diesem stinkenden, viel zu kleinen Kofferraum und das Blut tropfte langsam von seiner Armwunde, auf der er auch noch lag, auf die Unterlage. Da seine Hände auf den Rücken gefesselt waren, konnte er sich nicht einmal anders hinlegen. Er musste in der Stellung ausharren, bis sie dort waren, wo die Kerle mit ihnen hin wollten. Ben wurde mehr und mehr unruhig. Warum musste der Tag denn nur so beschissen beginnen? Heute morgen waren er und Emily gemeinsam aufgewacht, hatten ein wunderbares Frühstück genossen und nun? Nun lag er hier in einem engen Kofferraum und lief langsam aus. Wenn die Wunde nicht behandelt wurde, das wusste er, könnte sie sich entzünden und er den Arm oder schlimmer noch, sein Leben verlieren. Der junge Hauptkommissar merkte, wie der Wagen seine Fahrt verlangsamte, abbog und dann auf einen scheinbaren unebenen Untergrund fuhr. „Hey...fahrt doch mal vorsichtiger da vorne.“, schrie Ben und hämmerte mit seiner gesunden Faust gegen die Rücklehne. Als keiner reagierte, hämmerte er zusätzlich mit den Füßen gegen die Wände des Kofferraums. Doch noch immer reagierte keiner auf ihn. Verdammt...und kein Handy bei sich zum Orten. Wie sollten ihn die Kollegen und Semir da bloß finden?


    Semir rauschte mit seinem BMW über die Autobahn, nachdem er den Funkspruch bekam, dass man Bens verlassenes Auto und sein Handy neben einer kleinen Blutlache gefunden habe. In Gedanken malte er sich die schlimmsten Bilder aus. Was war das passiert? Und wieso lag Bens Handy im Gras? Viel wichtiger war die Frage, warum blutete sein Partner? Er wusste von Susanne, dass Ben ein Hilferuf von Max Prahl aufgefangen hatte. Endlich erreichte er die Unfallstelle, wo die Feuerwehr wieder unverrichteter Dinge wieder abzog. „Der Wagen ist hochgegangen. Wir konnten nichts mehr retten.“, meinte der Feuerwehrhauptmann, als er Semirs fragenden Blick sah. Dieser nickte nur und ging dann der Spur der Verwüstung nach. „Hallo Dieter...hallo Jenny...“, begrüßte er die beiden Kollegen. „Hallo Semir...hier, das ist Bens Handy. Wir fanden es hier bei den Wurzeln.“, erklärte der langgewachsene Polizist. Semir nickte und blickte sich um. Das Gras war deutlich zertreten und an einigen Stellen klebte Blut auf den Grashalmen. In der Ferne rauchte noch das Wrack des Alfas. Semir ließ seine Blicke wieder auf den Boden gleiten und ging der Blutspur nach. Sie führte durch den Wald direkt zur Straße zurück und endete neben Semirs BMW. Sein Kollege wurde also verschleppt. Das heißt, wenn es Bens Blut war. „Habt ihr schon Blutproben genommen?“, fragte Semir Hartmut. „Das habe ich. Ich werde mich auch gleich an die Analyse machen. Willst du mitkommen? Es dauert nur eine gute halbe Stunde.“ Semir sah den Techniker mit einem entgeisterten Gesicht an, woraufhin dieser lachte. „Okay, für dich schaffe ich es in 15 Minuten.“, grinste Hartmut. „Das ist ein Wort.“


    ...

  • Gemeinsam fuhren sie in die KTU und Hartmut machte sich sofort an die Analyse. Semir lief hinter seinem Rücken wie ein Tiger auf und ab. „Semir, setz dich hin. So geht das auch nicht schneller.“, meinte Hartmut nur und machte weiter die Analyse. Semir aber blieb stehen und beschleunigte seinen Gang noch zusätzlich. „Hartmut, beeil dich. Wer weiß, wie schwer verletzt Ben ist.“, stieß der Deutschtürke aus und sah immer wieder über Hartmuts Schultern. „Ich würde sagen, nicht schwer. Das Blut is zu wenig, um aus einer großen oder tiefen Wunde zu stammen.“, erwiderte der Techniker. „Woher willst du das wissen?“, zischte Semir nur angespannt zurück. Hartmut erwiderte nichts, widmete sich weiter seiner Analyse und erhob sich, als er fertig war. „Das Blut stammt von Ben...aber die beiden anderen Proben sind nicht von ihm. Und da ich kein Vergleichsmaterial habe, kann ich nicht sagen, von wem es ist.“ Semir ließ resignierend den Kopf hängen. „Danke Hartmut...danke trotzdem...“ Er verließ die KTU und fuhr zur PASt zurück. Er musste versuchen, Ben zu finden. Nur wo sollte er ansetzen?


    „Semir, wie...wie konnte das passieren?“, fragte Kim, als ihr der Deutschtürke berichtet hatte, was passiert war. „Ich weiß es nicht, aber eins weiß ich. Dahinter steckt dieser Petersen. Ganz klar...das waren seine Leute. Wer sonst sollte am Verschwinden von Max Prahl interessiert sein?“, stieß er wütend aus. „Semir, das können sie niemals beweisen.“ „Und ob ich das kann...ich werde es aus ihm rausquetschen.“; stieß Semir aus und verließ wütend das Büro. „Semir...Semir, bleiben sie hier.“, rief die Chefin hinter ihm her, doch es war zwecklos. Der Hauptkommissar ließ sich nicht von seinem Vorhaben abhalten. Er rauschte zum Firmensitz von Jörn Petersen und sprach bei der Sekretärin vor. „Der Chef ist gerade außer Haus gegangen.“, erklärte sie. „Ist er...ist er lange weg?“, fragte Semir sichtlich ungeduldig. „Keine zwei Minuten. Wenn sie sich beeilen, können sie ihn in der Tiefgarage noch erwischen.“, erklärte sie. Dankend nickte Semir und rannte die Treppen runter, warf sich gegen jede Tür und rannte weiter. „Petersen...“, schrie er, als er eine Tür schlagen hörte. Er stand in der Tiefgarage und sah, wie zwei Scheinwerfer aufblitzten. Der Wagen rauschte auf Semir zu. „Hey...halt...stehen bleiben.“, stieß dieser aus und machte einen Satz zur Seite. Gerade im richtigen Moment. Eine Sekunde später und Semir wäre überrollt worden. Verdammt, dachte er nur und rappelte sich wieder auf. Mit neuer Energie rannte der Deutschtürke weiter aus der Tiefgarage, sprang in seinen Wagen und verfolgte den Kerl, der ihn gerade über den Haufen fahren wollte.
    Jörn Petersen sah in seinen Rückspiegel. „Na, na, na...Herr Gerkhan, sie wollen mir doch nicht zu nahe kommen.“, lachte Petersen und schaltete einen Gang höher. Doch der BMW hinter ihm schien sich nicht abschütteln zu lassen. „Oh...sie wollen also Spielchen mit mir spielen.“, grinste Petersen und legte einen Gang zu. Sein Verfolger aber setzte sich neben Petersen und rammte den dicken Rover in die Seite. „Na...das lass mal lieber. Ich bin stärker, als du.“, stieß Petersen aus und hielt seinen Wagen in der Spur. Er wartete, bis Semir neu ausholen musste, bremste ab und rammte das Heck des BMWs mit präziser Genauigkeit. Das silberne Auto drehte sich und schlug in die rechte Leitplanke ein. „So...das hast du jetzt davon.“, murmelte Petersen und rauschte weiter über die Autobahn. Doch so leicht ließ sich der Hauptkommissar nicht abschütteln. Der BMW war nur einige hundert Meter zurückgeworfen worden und holte seinen Abstand immer wieder auf. „Der kommt ja schon wieder. Da muss ich wohl deutlicher werden.“, zischte Petersen, zog seine Waffe aus dem Regenmantel und ließ das Fenster runter. Ohne jegliche Skrupel schoss er auf Semirs Vorderreifen. Er brauchte nur wenige Versuche, bis einer saß. Der Reifen des BMWs platzte bei voller Fahrt und der Wagen begann zu schlingern, brach nach links aus und schoss durch die Leitplanke in den Gegenverkehr. Es kam einem Wunder gleich, dass Semir unbeschadet vor zwei großen Schwerlastern vorbeischrammen konnte, ohne von denen erwischt zu werden. Doch das Chaos hinter sich konnte er nicht verhindern. Autoreifen quietschten, Metall kreischte und Glas splitterte, als mehrere Fahrzeuge ineinander fuhren. Der Rover mit Jörn Petersen war natürlich weg.


    Semir umklammerte das Lenkrad und hielt es mit brachialer Kraft fest in den Fingern. Er manövrierte seinen Wagen auf einen Sandhaufen zu und hielt seine Hände schützend vors Gesicht, als er in den Haufen einschlug. Sein Kopf knallte aufs Lenkrad. Sofort platzte die Haut an einer Stelle auf und Blut rann über die Stirn des Hauptkommissaren. Langsam kam Semir wieder zu sich und stieg aus seinem BMW etwas taumelnd aus. Das würde ihm Petersen büßen. Erst wollte er ihn überfahren und dann auch noch das. So nicht...nicht mit Semir Gerkhan. Doch jetzt war der Kerl weg und Semir nicht in der Lage, ihm zu folgen. Die Autobahn war dicht und er musste erst einmal auf die Kollegen waren, bis alles wieder frei war. Das würde Ben und Max wertvolle Zeit kosten. Hoffentlich ging es Beiden gut, dachte er und griff zum Funkgerät. „Susanne...ich bin's. Ich...hatte ein kleines Missgeschick. Könntest du mir einen Ersatzwagen zum Kilometer 96 auf der A54 schicken. Ach ja...und schicke gleich noch Feuerwehr und RTW mit. Es gab hier einen etwas größeren Unfall.“ „Alles klar Semir...“


    ...

  • Feuerwehr und Rettungswagen trafen einige Minuten später ein und machten sich daran, das Chaos auf der Autobahn zu beseitigen. „Semir, hier ist dein Wagen.“, meinte Dieter Bonrath und reichte den Ersatzschlüssel an Semir weiter. „Danke Dieter...“, meinte er und stieg in den Wagen ein, ließ seinen schon verbundenen Kopf nach hinten fallen. Wie? Wie sollte er eine Spur von Ben und Max finden? Moment mal...vielleicht...vielleicht war da noch Max Handy. Wenn es die Entführer noch nicht entdeckt haben, dann blieb noch eine geringe Chance. Semir griff zum Handy und wählte Susanne an. „Susanne ich bin es...orte bitte folgende Nummer.“, fing Semir an und gab die Nummer von Max Prahl durch, die er auf Bens Handy gefunden hatte. „Geht klar Semir...ich mache mich sofort ran. Übrigens, die Chefin will wissen, wo du bist.“, erwiderte die Sekretärin. „Sag ihr, ich fahre in die Firma von Petersen und stelle dort alles auf den Kopf.“, meinte er nur und legte dann auf. Das Handy verstaute er wieder in der Brusttasche seiner Jeansjacke und startete den Motor. Er fuhr die Strecke zurück und überlegte sich, was er im Büro suchen könnte. Irgendwo mussten es Aufzeichnungen geben. Aufzeichnungen, die vielleicht einen Hinweis auf das Versteck enthielten, wo man Ben und Max hin verschleppt hatte. Denn Semir war sich sicher, dass die Beiden nicht allzu lange am Leben bleiben würden, wenn Petersen dort eintraf. „Halt...sie...sie können hier nicht durch. Das geht nicht.“, stieß die Sekretärin aus und wollte Semir den Weg versperren. Doch dieser stieß sie einfach beiseite und drehte sich in der Tür um. „Doch das kann ich. Und wissen sie warum? Weil mein Kollege und ein Freund von ihrem Chef und seinen Männern verschleppt wurden. Deshalb darf ich da rein.“, zischte Semir mit Zähneknirschen und schlug die Tür hinter sich zu. Schnell zog er weiße Handschuhe über und machte sich daran, das Büro zu durchsuchen. Hier musste sich doch irgendwas finden lassen.


    Der Wagen hielt endlich an und Ben hörte, wie die Türen schlugen. Jetzt kommen sie, dachte Ben und machte sich bereit. Doch fiel würde er sowieso nicht ausrichten können. Wie auch, mit gefesselten Händen und einer Schusswunde am Arm? Die Kofferklappe öffnete sich und ehe Ben etwas unternehmen konnte, wurde ihm eine Mündungsöffnung auf die Nase gedrückt. „Eine falsche Bewegung und ich puste dir dein Riechorgan durch den Kopf.“, zischte Daniel. Ben nickte nur und ließ sich widerstandslos aus dem Kofferraum hieven. Max stand am Wagen gelehnt und warf dem jungen Hauptkommissar einen kurzen Blick zu, ehe sie dann in das heruntergekommene Haus gestoßen wurden. Die beiden Gangster führten ihre Geiseln durch die Holzträgerhalle und stiegen mit ihnen eine halb verfallene Treppe hoch. „So, das hier wird euer neues Zuhause. Zumindest für die nächsten Stunden. Danach werdet ihr ein paar Meter in die Tiefe stürzen, doch dann habt ihr schon das Bewusstsein verloren.“, grinste Bruno nur und nahm aus der Ecke einen Kanister mit Benzin, während Daniel die Wunden der Beiden verband. „Ihr sollt ja nicht gleich krepieren.“, lachte er. „Wie fürsorglich...“, knurrte Ben nur und zerrte an seinen Fesseln, als er mit Spanngurten auf den Stuhl gefesselt wurde. „Beschwer dich ruhig. Es werden sowieso deine letzten Worte sein.“, stieß Daniel aus und widmete sich dann Max. Dieser wehrte sich gegen den Griff, stieß den Mann mit einem Schulterkick fast die Treppe runter. Doch sofort war Bruno bei ihm und schlug mit dem Kanister in die Magengrube des Reporters. „Das würde ich nicht noch einmal versuchen.“, zischte er und fesselte dann Max an den zweiten Stuhl. Daniel kam auf den Reporter zu und schlug noch einmal zu. Max Kopf flog zur Seite. Blut schoss aus seiner Nase und benetzte dessen Kleidung. Bruno sah die beiden Männer an und horchte auf. Draußen war deutlich Motorengeräusch zu hören. „Der Boss ist da. Nun ist es gleich soweit.“, höhnte Bruno. Ben rüttelte an seinen Fesseln. Er ahnte, dass ihnen jetzt etwas sehr schlimmes bevorstand.


    Jörn Petersen stieg aus seinem Wagen und ging direkt auf das alte, verlassene Gebäude zu. Das hier war das letzte Stück Grund, was ihm noch fehlte um endlich das großzügige Hotel mit Golfanlage, überdachter Schwimmhalle und mehreren Fitnesshallen zu errichten. Ja, das würde sein großes Projekt werden. Sein Lebenswerk. Mit den zuständigen Behörden war schon alles geklärt. Wie viel Geld hatten ihn die Genehmigungen gekostet? Zu viel dachte er schließlich. Doch es war ihm egal. Das alles würde sich später sehr gut auszahlen. Durch einen Mittelsmann würde er zu 65 Prozent am Gewinn des Hotels beteiligt. Das würde seinen Ruhestand finanzieren, neben seinen anderen Geschäften. Doch jetzt musste er erst einmal die Zeugen loswerden. Wie gut, dass alles schon bereit war. „Wie sieht es aus?“, fragte Petersen Bruno, als er die letzte Stufe genommen hatte. „Sie sitzen dort auf den Stühlen inmitten des Raums und warten auf ihren feurigen Abgang.“, erklärte Bruno und schüttete den letzten Rest des dritten Kanisters über die Holzbohlen aus. Petersen ging auf die beiden Gefesselten zu und baute sich vor ihnen auf. „So Herr Prahl...sie wollten ja unbedingt ein Held sein und mein Geld nicht haben. Jetzt kriegen sie die Rechnung dafür.“, erklärte Jörn Petersen. Max grinste ihn nur an. „Glauben sie nicht, dass sie mich damit zum Schweigen bringen können. Die Öffentlichkeit wird erfahren, was für ein Schwein sie sind.“, fauchte Max und versuchte, sich aus den Fesseln zu befreien. „So? Meinen sie?“, kam es gleichgültig von Petersen. „Sie glauben doch nicht, dass ihr Abwischblatt über die Stadt hinauskommt? Und hier in der Stadt sind alle einflussreichen Persönlichkeiten auf meiner Seite. Also sehen sie es ein, ich bin am längeren Hebel. Oder sollte ich sagen...ich sitze am wärmeren Feuer? Ach nein...“ Petersen erhob sich und nahm das Feuerzeug aus seiner Tasche. Mit einem Wink dirigierte er Daniel und Bruno nach draußen. Er selbst ging zur Treppe. „Da werden sie jetzt sitzen.“, lachte er, entzündete die Flamme und ließ das Zündgerät fallen. Mit einem Zischen entzündete sich das Benzin und binnen weniger Sekunden stand der gesamte Raum rings um Ben und Max in Flammen. „Verdammt...jetzt wird es wirklich heiß.“, dachte Ben nur laut.


    ...

  • Semir sah sich im Papierchaos um, was er veranstaltet hatte. Hier waren alle Unterlagen der Unternehmungen Petersens auf dem Boden verteilt, durchsucht und durchgelesen. Und Semir hatte trotzdem keinen Spur, wo sich Ben und Max aufhalten könnten. Er stöhnte auf und ließ sich in den Bürostuhl fallen. „Semir, was hast du denn da gemacht?“, stieß Hartmut erschrocken aus, als er dem Ruf des Deutschtürken gefolgt und das Chaos auf den Boden sah. „Was denn? Ich habe etwas gesucht. Immerhin geht es um das Leben von Ben. Wer weiß, was dieser Kerl anstellt mit ihm?“, erwiderte Semir mit knurrender Stimme. Hartmut sah ihn an. „Es geht um Ben? Dann mal los.“, erwiderte der Rotschopf und machte sich gleich mit seinem Team an die Arbeit. Semir sah sich um. Hier war für ihn erst mal nichts mehr zu tun. Oder doch? „Semir...hast du den Tresor schon gesehen?“, fragte Hartmut. Der Angesprochene drehte sich um. Tatsächlich...hinter einem großen Spiegel kam ein Tresor zum Vorschein. „Mach ihn auf und nimm alles mit. Ich werde mit der Sekretärin sprechen. Vielleicht weiß sie ja etwas.“, erklärte Semir und war in den Vorraum verschwunden.
    „Frau Klein...sie sind die Sekretärin von Petersen. Wenn sie mir nicht sagen, wo er ist, dann sperre ich sie ein. Und zwar, wegen Beihilfe zum Mord. Also reden sie endlich.“, fauchte Semir die Frau an, die ängstlich auf ihrem Bürostuhl kauerte und an ihren Fingernägeln knabberte. Dieser kleine, vor ihr immer wieder auf und ab springende Polizist war ihr nicht geheuer. „Ich...ich weiß doch nichts. Mein Chef erzählt mir auch nicht alles.“, erwiderte sie und sah den Mann mit den funkelnden Augen an. „Aber...aber...ich könnte mir vorstellen, dass er noch einmal zu diesem heruntergekommenen Motel gefahren ist. Das direkt vor der neuen Eisenbahnbrücke nahe Dortmund.“, erklärte sie. Semir schlug kurz auf den Tresen und rannte zu seinem Wagen. „Chefin...ich bin es. Ich denke, ich weiß, wo Ben ist.“ „Wir auch, Semir. Jedenfalls wissen wir, wo dieser Max Prahl ist. Susanne hat die Peilung endlich verfolgen können.“, erklärte Kim. „Gut, dann schicken sie bitte ein SEK-Team dorthin. Ich weiß nicht, was dieser Kerl mit Ben und Max anstellen wird, aber mir schwand übles.“ Semir ahnte noch nicht, wie recht er behalten sollte.


    Cem stand in seiner Küche und versuchte schon zum vierten Mal Max zu erreichen. Shirin kam in die Küche. „Cem Süßer...warum kommst du denn nicht mehr ins Wohnzimmer? Du wolltest doch nur Kaffee aufsetzen.“, meinte sie mit ruhiger Stimme. „Ich komme gleich. Aber ich wollte Max noch mal sprechen. Er war so komisch nach der Beerdigung.“, erklärte er und legte das Handy weg, als wieder nur die Mailbox ranging. „Wo kann er nur stecken?“, murmelte der junge Türke laut vor sich her. Shirin funkelte ihn an. „Du hast in letzter Zeit nur noch Gedanken für ihn und nicht mehr für mich.“, zischte sie und stieß ihren Freund von sich. Cem umklammerte sie, zog sie wieder an sich und küsste sie, doch sie wehrte sich. Am Anfang, aber dann ließ sie die Leidenschaft zu, umklammerte Cem und verfing sich mit ihren Fingern in seinen Haaren. Der junge Türke hob seine Freundin hoch und ging mit ihr zum Tisch hinüber. Schnell waren die wenigen Dinge von der Oberfläche gefegt und Shirin auf das Holz gelegt. Voller Feuer verfingen sich die Lippen der beiden jungen Menschen immer heftiger in einem liebevollen Beiß- und Saugspiel. Das Liebesspiel erreichte seine nächste Phase, als sich die Beiden ihrer Kleidung entledigten und heftig den Küchentisch zum Beben brachten. All der Ärger oder die Anspannung der letzten Tage, Stunden, Minuten war vergangen. Jetzt gaben sie sich voll und ganz dem Spiel ihrer Sinne und ihrer Leidenschaft hin. Vergessen war auch die Sorge um Max. Jedenfalls fürs Erste.


    Max sah entsetzt auf die sich immer mehr um sie herum fressenden Flammen, die an den Balken und auf die Strohsäcke hoch züngelten. Der Rauch biss in seiner Kehle und seinen Augen. „Wir...wir müssen hier raus.“, stieß Max hustend aus und versuchte, die Striemen irgendwie abzustreifen, die ihn fest am Stuhl und an Ben hielten. „Das...hust...hust...das wird schwierig...“, keuchte Ben zurück und stemmte sich gegen die Riemen. Auch ihm brannte der Rauch in den Lungen. Langsam machte sich auch der aufkommende Blutverlust bemerkbar. Durch das ewige hin und herschütteln trat nur noch mehr Blut aus der Wunde. Schon längst war der provisorische Verband der Gangster mit Blut durchzogen. Und die Gurte hielten ihn noch immer an Max und am Stuhl fest. Unter ihnen ächzte schon das Holz. Sicherlich fraß sich das Feuer gerade durch die Decke und brannte ihnen eine schöne Fallgrube unter den Hintern. „Verdammt...das wird langsam ernst hier...“, stieß Max aus und besah sich sein Bein. Auch dessen Wunde blutete noch immer. Was anderes machte ihm aber viel mehr Sorge. Der Rauch...er merkte, wie der Rauch in seine Lungen kroch und einen unausstehlichen Hustenreiz verursachte. „Ich...ich kann nicht mehr lange...durchhalten.“, stieß Max aus und merkte, wie ihm die heiße Luft jeden Sauerstoff entzog. „Hey...machen sie...hust...hust...machen sie jetzt gar nicht schlapp...“, stieß Ben aus und drehte sich hektisch zu Max um, doch dieser driftete wirklich langsam in die Bewusstlosigkeit ab. „Verdammt...diese bescheidenen Fesseln...“, fluchte Ben und stemmte sich mit ganzer Kraft gegen die Spanngurte. Um ihn herum loderten die Flammen immer stärker auf. Würde er sich rechtzeitig befreien können?


    ...

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