Sternenhimmel

  • Doch bereits am Mittag hielt er es dort nicht mehr aus, auch wenn Andrea ihr Bestes tat, um ihn zum Bleiben zu überreden. Er musste sich wieder an die Arbeit machen. Eine innere Unruhe trieb ihn an, er konnte nicht untätig hier rum sitzen. Doch auch im Büro hatte sich nichts Neues ergeben. Von der Spurensicherung würden sie frühestens morgen etwas hören, vorher brauchte Semir da gar nicht aufkreuzen, sonst hielt er die Leute da nur von ihrer Arbeit ab. Aber nur warten wollte er auch nicht, also fuhr er noch mal zu Janas Wohnung. Was er da genau wollte, wusste er eigentlich auch nicht, aber vielleicht hatte er bei seinem ersten Besuch etwas übersehen, ein kleines Detail, das ihm bei seiner Suche weiterhelfen könnte. Außerdem fiel ihm Moment nichts Besseres ein und er konnte so den Blicken der Kollegen ausweichen. Gespräche über seinen psychischen Zustand fehlten ihm gerade noch.
    Als er Janas Wohnung, zu der er sich inzwischen den Schlüssel besorgt hatte, öffnete, wunderte sich, warum nicht abgeschlossen war. Versiegelt war sie zwar nicht gewesen, da hier kein Tatort war, aber verschlossen sollte sie doch zumindest sein. Normalerweise dachten die Kollegen doch an so etwas… Aber als Semir das Wohnzimmer betrat, stellte er schnell fest, dass er ihnen Unrecht getan hatte, denn vor ihm stand mitten im Raum eine junge Frau, die sich suchend umsah. In ihrer linken Hand hielt sie einen Schlüssel, mit dem sie anscheinend hineingekommen war. Blitzschnell überschlug Semir die Möglichkeiten. War sie eine Freundin von Jana? Das war am wahrscheinlichsten, denn warum sonst sollte sie einen Schlüssel haben? Aber was hatte sie hier zu suchen? Oder hatte sie etwas mit dem Unfall zu tun? Jana hatte weder Papiere noch Schlüssel bei sich gehabt, als man sie gefunden hatte. Die konnten natürlich auch bei dem Unfall verloren gegangen sein, aber man konnte ja nie wissen. Hatte die Frau dort vielleicht sogar etwas mit dem Unfall zu tun? Diese und tausend andere Fragen schossen Semir durch den Kopf, doch ihm wurde es abgenommen, sich für eine Variante zu entscheiden, denn die Frau drehte sich um und sah ihn an.
    Sie schien nicht erschrocken zu sein, sie musterte ihn eher neugierig aus dunkeln Augen heraus. „Hallo, bist du auch ein Freund von Jana?“ fragte sie. Semir nickte. „Ja, ich wollte sie hier treffen, weißt du wo sie ist?“ versuchte er es einfach. Mal sehen, was dabei heraus kam. Doch sein Gegenüber schüttelte den Kopf. „Leider kann ich dir da nicht weiterhelfen. So weit ich weiß, wird es in nächster Zeit wohl schwierig werden, sie zu erreichen.“ Diese Worte versetzten Semir in höchste Alarmbereitschaft. Sie schien zu wissen, was passiert war, es schien sie aber nicht weiter zu stören. Er beschloss, das Spielchen erst einmal weiter zu spielen, um zu sehen, wie viel sie wusste. „Woher kennst du Jana?“ fragte die Frau. „Durch eine Arbeitskollegin. Sie ist mit Jana befreundet.“ Das entsprach sogar der Wahrheit und trotzdem gab er nicht zu viel preis. „Sie hat dich eingeladen, nicht wahr?“ stellte sie ihre nächste Frage. „Wie kommst du darauf?“ fragte Semir zögernd zurück. Er hatte keine Ahnung, worauf das gerade hinauslief, aber es schien ihm angemessen, erst einmal so zu tun, als würde er wissen, wovon sie sprach. Die Frau lächelte. „Es ist gut, dass du vorsichtig bist.“ Doch dann wies sie auf den Schlüssel in Semirs Hand. „Jana hätte ihn nie jemandem gegeben, den sie nicht für würdig erachtet hätte.“ Semir wunderte sich über die seltsame Wortwahl und nickte also nur.
    In seinem Kopf arbeitete es. Wo war Jana da nur hineingeraten? Hatte Ben ihr vielleicht helfen wollen und war ihm das zum Verhängnis geworden? Er musste unbedingt herauszufinden, was dahinter steckte und setzte alles auf eine Karte.

  • „Ich wollte unbedingt dabei sein, kannst du mich da reinbringen?“ fragte er also. Die Frau sah ihn einen langen Augenblick lang prüfend an und Semir hoffte inständig, dass er die richtigen Worte gewählt hatte.
    Doch dann kann sie auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen, die Semir nach kurzem Zögern ergriff. Ihr Händedruck war unerwartet fest und energisch, dass hätte er bei einer so zarten Person wie ihr nicht erwartet. Sie war insgesamt sehr schmal und zierlich, was durch das lange Kleid, das sie trug, noch mehr betont wurde. „Ich bin Neria“, stellte sie sich vor. ‚Was für ein seltsamer Name’ dachte Semir, sagte aber nichts. „Ich bin Salvatore“ antwortete Semir, dem es irgendwie ratsamer erschein, nicht seinen richtigen Namen zu nennen. Salvatore Regano war vor vielen Jahren einmal sein Deckname gewesen, als er undercover ermittelt hatte, vielleicht musste er ja noch einmal auf diese Tarnidentität zurückgreifen. „Ich würde vorschlagen, dass du heute Abend um 22 Uhr einfach zu unserem Treffpunkt kommst. Kai wird dich abholen. Sei pünktlich“, wies Neria Semir an. „Ich weiß nicht, wo das ist; Jana wollte es mir noch sagen“, log Semir. Neria nickte, anscheinend hatte er sich damit nicht verraten. „Am Parkplatz unter der Rheinbrücke. Weißt du, wo das ist?“ Semir nickte. Neria sprach weiter. „Ich denke, du kannst erst einmal einige Tage bei uns bleiben, pack am Besten ein paar Sachen zusammen. Du hast Glück, es wird bald etwas Besonderes geben.“ Sie nickte ihm zu und verschwand.
    Semir atmete tief durch, die Anspannung fiel von ihm ab und er ließ sich auf einen Stuhl fallen. Mit so etwas hatte er nun gar nicht gerechnet. Wie sollte er das nur der Chefin erklären? Aber das würde er schon hinkriegen, denn für ihn war klar, dass er heute Abend dort auftauchen würde. Auch wenn es anscheinend so sein würde, dass er wohl etwas länger abtauchen musste, immerhin hatte sie von mehreren Tagen gesprochen. Andrea würde nicht gerade begeistert sein, aber wenn er nur den Hauch einer Chance hätte, etwas über Bens Schicksal herauszufinden, musste er das unbedingt machen, da führte kein Weg dran vorbei. Immerhin hatte er jetzt endlich einen konkreten Anhaltspunkt. Worum handelte es sich wohl bei der besonderen Sache, von der sie gesprochen hatte? Was ging da überhaupt vor? Es war gerade schon eine seltsame Situation gewesen, er hatte sich dabei richtig komisch gefühlt. Normalerweise ging es ihm eigentlich nicht so, aber diese Frau und ihr Verhalten waren einfach merkwürdig gewesen. Semir versuchte, alle Informationen noch einmal zu sortieren, um Ordnung in seinem Kopf zu bekommen. In Gedanken ging er das Ganze noch einmal durch.
    Neria gehörte anscheinend einer Gruppe an, die sich im Geheimen traf und in die man erst durch die Einladung eines Mitgliedes aufgenommen werden konnte. „Ist ja fast wie bei facebook“, murmelte Semir, dem diese ganzen Netzwerke höchst suspekt waren. So wie sich Neria aufgeführt hatte, schien es ihm fast so, als könnte es sich um eine Sekte handeln, die ja bekannt dafür waren, nicht gerade zimperlich mit ihren Mitgliedern umzugehen. Er fragte sich nur, was sie in Janas Wohnung zu suchen gehabt hatte, da sie doch anscheinend wusste, dass Jana nicht mehr zurückkommen würde. Er sah sich um und dann fiel ihm auf, was fehlte. Neria hatte anscheinend das einzige Foto, auf dem Mike zu sehen war, mitgenommen! Nun war Semir endgültig klar, dass dieser Kerl Dreck am Stecken hatte und irgendwie in die ganze Sache verwickelt sein musste. Wie genau würde er noch herausfinden. Er würde heute Abend als Salvatore Regano zu diesem Treffen gehen, um Janas Mörder zu finden, den er inzwischen in diesen Reihen vermutete. Vielleicht war es Mike selber gewesen, aber das würde sich dann zeigen. Jetzt musste er erst einmal die Chefin von seinem Plan überzeugen. Aber er konnte sich nicht vorstellen, dass sie ihn nicht gehen lassen würde, dazu schienen ihm seine Vermutungen zu stichhaltig und er hoffte, Frau Krüger würde das genau so sehen. Auch Andrea würde ihn ziehen lassen, sie würde ihn nicht aufhalten, wenn er die Möglichkeit sah, etwas über Ben oder den Unfall herauszufinden. Froh, endlich etwas Konkretes tun zu können, machte er sich auf den Weg ins Büro.

  • An einem anderen Ort…


    „Hallo? Ist da jemand? Hallo!“ Doch es kam keine Antwort auf diese Frage, wie schon viele Male zuvor. Er versuchte sich aufzusetzen, doch es wurde ihm direkt wieder so schwindelig, dass er die Waagerechte vorzog, auch wenn der Untergrund alles andere als bequem war. Er lag auf einer brettharten Matratze, ihm tat einfach alles weh, am Schlimmsten waren diese elenden Kopfschmerzen. Er konnte kaum klar denken. Vorsichtig bewegte er wieder einmal die Hand zur Stirn, nur um festzustellen, dass sich dort kaum etwas geändert hatte. Dort schien eine ziemlich große Platzwunde gewesen zu sein, die aber versorgt worden war. Vorsichtig blinzelte er und schaffte es zum ersten Mal, sich etwas in diesem Raum zu orientieren. Die etlichen Male zuvor, wenn er wach geworden war, hatte er kaum die Augen öffnen können, so sehr hatte ihn immer das Licht geblendet und die Kopfschmerzen waren so schlimm gewesen, dass er immer sofort wieder weggedämmert war. Jetzt schien das aber etwas besser geworden zu sein und er begann, sich langsam umzusehen, doch nichts in diesem Zimmer kam ihm auch nur annährend bekannt vor. Es sah aus wie in einem einfachen, sehr einfachen Hotelzimmer, was auch die Qualität des Bettes auf dem er lag, erklären würde. Aber wahrscheinlich war es überhaupt nicht so unbequem und nur sein körperlicher Zustand ließ ihn das glauben. Wenn er nur wüsste, was passiert war! Das letzte, woran er sich erinnern konnte war, dass er die Nacht auf der Couch verbracht hatte, weil er sich mit Susanne gestritten hatte. Sollte er davon so einen Muskelkater haben? Das konnte doch eigentlich nicht sein. Und wie war er hierher gekommen, er kannte diesen Ort definitiv nicht. Auch die Platzwunde am Kopf konnte er sich nicht erklären. Susanne würde ihm doch wohl kaum eins mit der Bratpfanne übergezogen haben, so sauer konnte sie doch gar nicht gewesen sein. Ben grinste angesichts der Vorstellung, Susanne könnte wie eine Furie auf ihn losgegangen sein und schüttelte leicht den Kopf, doch allein schon diese Bewegung reichte aus, dass ihm schlecht wurde. „Oh man“, murmelte er, während er bemerkte, dass er schon wieder entsetzlich müde wurde. Ohne weiter über seine Situation nachdenken zu können, schlief er ein.
    Als er erneut wach wurde, war es bereits dunkel. Ben musste sich zuerst einmal wieder orientieren, um schließlich nur festzustellen, dass sich an seiner Lage nichts geändert hatte. Ihm tat immer noch alles weh, die Kopfschmerzen waren allerdings etwas weniger geworden. Vorsichtig tastete er mit der Hand nach dem Pflaster auf seinem Kopf. Er hatte das Gefühl, dass es gewechselt worden war. Wie lange hatte er geschlafen? Seit wann war er hier? Wo war er überhaupt? Er drehte den Kopf Richtung Tür, als er auf einmal bemerkte, dass sich noch jemand im Raum aufzuhalten schien. Er kniff die Augen zusammen, doch mehr als einen Schatten konnte er nicht ausmachen. „Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir? Was ist passiert?“ fragte er. Denn dass es sich bei dieser Person um niemanden handeln konnte, den er kannte, war ihm sofort klar gewesen. Der unbekannte Besucher schien den Kopf zu schütteln. „Na, na, na Ben, so viele Fragen auf einmal“, war die Antwort. Ben stutzte, irgendwie kam ihm die Stimme bekannt vor, doch er konnte sie nicht einordnen, Er überlegte angestrengt, wo er diesen Mann schon einmal getroffen haben könnte, doch es wollte ihm nicht einfallen. „Es muss dir genügen zu wissen, dass du bis auf weiteres unser Gast bist“, sprach der Unbekannte weiter. „Unser Ehrengast, um genau zu sein.“ Er lachte leise und verließ dann ohne ein weiteres Wort das Zimmer. Das einzige, was Ben noch hörte war, wie die Tür verriegelt wurde. Er war noch ratloser als vorher.
    Langsam setzte er sich auf und versuchte dabei, seinen Kopf so wenig wie möglich zu bewegen. Er wollte verdammt noch mal wissen, wo er war. Da ihm weder schlecht noch schwindelig wurde, ging er langsam zu dem Fenster des Zimmers, doch es war zu dunkel, um draußen etwas zu erkennen, außer der Tatsache, dass sich davor stabile Gitterstäbe befanden. Außerdem ließ das Fehlen jeglicher Außenbeleuchtung darauf schließen, dass er sich fernab der Zivilisation zu befinden schien. So einfach hier rausspazieren konnte er nicht, so viel war schon mal klar. Er ging zurück zum Bett, denn dieser kurze Weg hatte ihn über die Maßen angestrengt. Warum war er nur so fertig? Kurz bevor er wieder einschlief, kamen ihm plötzlich Bilder von Jana in den Sinn, aber nicht von dem gemeinsamen Abendessen; nein, es war eine Jana, die neben ihm im Auto saß und schrie, als ein Schlag gegen seinen Wagen zu spüren war. Aber das konnte doch nicht sein! Er würde doch nie freiwillig mit Jana in ein Auto steigen, oder doch? Ben jetzt vollends verwirrt, doch seine Müdigkeit war stärker als er und so konnte er nicht mehr darüber nachdenken.

  • Als Ben wieder erwachte, war es taghell. Langsam fühlte er sich etwas besser, die Kopfschmerzen waren auf ein erträgliches Maß gesunken, er konnte sich sogar langsam bewegen, wenn er vorsichtig genug war, ohne dass ihm schlecht oder schwindelig wurde. Er begann erneut, das Zimmer zu erkunden. Es schien sich tatsächlich um ein einfaches Hotelzimmer zu handeln, zumindest was die Ausstattung des Raumes und des benachbarten Badezimmers betraf. Das einzige, was den Eindruck störte, waren die vergitterten Fenster. Doch bevor Ben sich weiter darüber Gedanken machen konnte, wurde die Tür geöffnet und eine Frau in Begleitung zweier Männer betrat den Raum. Der eine kam ihm bekannt vor, doch er wandte sich ab, so dass Ben ihn nicht richtig erkennen konnte, zumal seine ganze Aufmerksamkeit der Frau galt. Sie war eine seltsame Erscheinung. Das hieß, eigentlich sah sie ganz normal aus mit ihren langen dunklen Haaren und dem lilafarbenen Kleid, was vielleicht nicht ganz der neusten Mode entsprach, aber zu ihr passte. Doch die Art, wie sie sich bewegte und von ihren beiden Begleiten flankiert wurde, war seltsam. Auch die Art mit der sie ihn musterte, kam ihm komisch vor, obwohl eigentlich die ganze Situation komisch war. „Was ist?“ fragte er genervt. Er hatte keine Lust mehr auf dieses Spielchen.
    Sie lächelte, doch ihre Augen blieben kalt. „Ich merke schon, es geht dir wieder besser, das ist gut.“ Sie schwieg einen Moment und machte dann einen Schritt auf ihn zu, um ihm ihre Hand auf die Brust zu legen. „Du bist etwas ganz besonderes, weißt du?“ Ben wollte die Hand wegstoßen, doch er konnte gar nicht so schnell gucken, wie die beiden Männer hinter ihm waren und ihn festhielten. Sie sah ihn mit einem merkwürdigem Lächeln an und sagte: „Du solltest dankbar für die Möglichkeit sein, die wir dir hier eröffnen. Das Schicksal hat etwas Besonderes mit dir vor. Wir sind froh, dich gefunden zu haben.“ Ben wand sich unter den harten Griffen der Männer, doch er hatte keine Chance. „Was soll der ganze Scheiß, verdammt noch mal?!“ fluchte er. Ihm wurde das Ganze langsam unheimlich. Er wurde das Gefühl nicht los, dass die Leute hier nicht alle Tassen im Schrank hatten und das konnte ziemlich gefährlich werden, wenn man hier nicht mit normalen Maßstäben kalkulieren konnte. Er musste raus finden, was hinter dem Ganzen steckte. „Ich merke schon, dass du noch nicht ganz so weit bist, ich werde später noch einmal vorbei schauen.“ Sie nickte kaum merklich und ihre Helfer ließen Ben los und standen wieder neben ihr. „Hören Sie, ich weiß nicht, wer Sie sind und was sie vorhaben, aber es wird niemand Lösegeld für mich bezahlen und falls Sie es noch nicht wissen sollten, ich bin Polizist und meine ganze Dienststelle ist auf der Suche nach mir“, versuchte Ben sie aufzuhalten. Die Frau schien genau zu wissen, wer er war, es war nicht notwendig, seine Identität zu verschleiern, sie musste wissen, worauf sie sich eingelassen hatte. Ben war sich sicher, dass Semir jeden Stein umdrehen würde, um ihn zu finden. Doch wieder war da nur dieses merkwürdige Lächeln als Reaktion. „Wir werden dich bald eines Besseren belehren.“ Sie drehte sich um und verschwand mit ihrem Gefolge. Die Tür wurde wieder verriegelt.
    Ben brauchte jetzt erst mal eine kurze Pause. Das Ganze hatte ihm doch erheblich zugesetzt. Er ließ sich aufs Bett fallen und barg das Gesicht in seine Hände. Jetzt war er sich ziemlich sicher, wer der eine Mann gewesen war. Er glaubte, Mike erkannt zu haben, den Freund von Jana. Bens Kopfschmerzen wurden wieder stärker, doch er zwang sich, sich zu konzentrieren und langsam, wenn auch nur bruchstückhaft, kam die Erinnerung zurück. Der Streit mit Susanne, die Nacht auf der Couch und dann am Morgen der Anruf von Jana. Sie war vollkommen aufgelöst gewesen und hatte irgendetwas von Mike erzählt, doch nichts von dem, was sie gesagt hatte, hatte für Ben einen Sinn ergeben. Er hatte nur begriffen, dass sie große Angst gehabt hatte. Er hatte gar nicht anders handeln können, als ihrem Wunsch nachzugeben, sich mit ihr zu treffen.

  • Nachdem Ben Jana abgeholt hatte und sie zu einem ruhigen Ort unterwegs gewesen waren, hatte er nicht bemerkt, dass sie verfolgt worden waren, mit so etwas hatte er überhaupt nicht gerechnet und dementsprechend auch nicht darauf geachtet. Als sie dann in eine Seitenstraße zum Rheinufer hin abgebogen und schon zum Stehen gekommen waren, war es auch schon zu spät gewesen. Er konnte sich an den Aufprall und Janas Schrei erinnern; daran, wie er mit dem Kopf gegen die Scheibe geknallt war, denn er hatte seinen Gurt schon gelöst gehabt, um auszusteigen. Und er wusste immer noch nicht, wovor Jana solche Panik gehabt hatte, denn sie hatte erst fernab von allem reden wollen, doch dazu war es nicht mehr gekommen. Er hatte den Wagen noch kurz aus dem Augenwinkel gesehen, doch dann war es auch schon zu spät gewesen und es hatte geknallt. Bevor er bewusstlos geworden war, hatte er noch schemenhaft mitbekommen, wie Jana vom Beifahrersitz gezerrt worden war. Er hatte keine Ahnung, was mit ihr passiert war, er hoffte, dass es ihr soweit gut ginge. Vielleicht war sie ja auch irgendwo hier untergebracht. Eins war zumindest sicher: ihre Angst, wovor und vor wem auch immer, war berechtigt gewesen.
    Die nächsten zwei Tage sah Ben keine Menschenseele und das war ihm eigentlich auch ganz Recht. Einerseits wollte er hier unbedingt raus, andererseits war er froh, wenn er sich nicht mehr als nötig bewegen musste, was eine Flucht bei seinem gut gesicherten und wohl auch bewachten Aufenthaltsort so gut wie unmöglich machte. Den Weg ins Bad und zurück schaffte er inzwischen ganz gut, aber zu viel mehr war er noch nicht in der Lage. Die Kopfschmerzen waren weniger geworden, auch der Rest seines Körpers schmerzte nicht mehr so sehr, auch wenn Ben sich insgesamt noch ziemlich fertig fühlte. Doch so langsam fragte er sich, ob er hier ewig allein bleiben sollte. Er fand zwar jeden Morgen eine Tagesration Essen und Wasser in seinem Zimmer, bekam aber nie mit, wie es gebracht wurde.
    Endlich jedoch machte sich wieder jemand an der Tür zu schaffen und die Frau, die schon einmal bei ihm gewesen war, betrat erneut das Zimmer. Begleitet wurde sie diesmal von einer jungen, schüchtern wirkenden Frau, die Ben noch nicht kannte. Er war sich jedoch sicher, dass die beiden anderen Begleiter vom letzten Mal vor der Tür standen und sofort eingreifen würden, sollte er etwas versuchen. „Ist er das, Neria?“ fragte die junge Frau ehrfürchtig an die andere gewandt. Neria, aha, so nannte sie sich also. Ben konnte sich kaum vorstellen, dass dies ihr richtiger Name war, wer würde sein Kind schon so nennen. Obwohl, Verrückte gab es ja genug, das konnte er hier zu Genüge feststellen. Die Angesprochene nickte. „Was soll das alles hier?“ fragte Ben genervt. „Er weiß es noch nicht?“ fragte ihre Begleiterin verwundert. Neria schüttelte den Kopf. „Nein, noch nicht.“ Dann wandte sie sich an Ben. „Du bist hier, um deine Bestimmung zu erfüllen. Ich habe dir ja schon gesagt, dass du etwas Besonderes bist.“ Ben wurde langsam wütend. „Hören Sie, ich weiß nicht, was in ihrem Kopf vorgeht, aber es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis mein Partner mich gefunden hat und dann können Sie sich auf was gefasst machen, das können Sie mir glauben. Er ist nämlich ein verdammt guter Polizist!“ Neria lächelte nachsichtig. „Ich hoffe wirklich für ihn, dass er in seinem Beruf besser ist als du, so leicht wie du dich hast überwältigen lassen.“ Ben schwieg zähneknirschend, denn leider hatte sie nicht ganz Unrecht. Er hätte wirklich wachsamer sein müssen. „Aber das zeigt auch nur, dass dein Unterbewusstsein bereit dafür war“ fuhr sie fort. „Du wirst dich schon bald wohl bei uns fühlen, immerhin erhältst du eine besondere Stellung, um die dich viele hier beneiden werden. Wie dem auch sei, du brauchst weder auf deinen Partner noch auf sonst jemanden zu warten. Die Welt da draußen hat sich von dir verabschiedet, du kannst dich ganz auf uns konzentrieren.“ Sie nickte der ihrer Begleiterin zu, die vortrat und einige Zeitungsausschnitte auf den Tisch legte. Dabei sah sie Ben an und er konnte erkennen, wie unwohl sie sich in ihrer Haut zu fühlen schien. Als sie bemerkte, wie er sie musterte, zog sie sich rasch wieder hinter Neria zurück. „Erhol dich etwas, heute Abend werde ich dich den anderen vorstellen.“ Mit diesen Worten verschwanden die beiden wieder und die Tür wurde hinter ihnen verriegelt.

  • Ben runzelte die Stirn. Die Welt hatte sich also von ihm verabschiedet? Was sollte das denn nun schon wieder bedeuten? Es half alles nichts, er musste sich ansehen, was sie ihm mitgebracht hatten.
    Er ging zum Tisch und griff sich den ersten Zeitungsartikel. Leider war das Datum entfernt worden, so dass er nicht herausfinden konnte, wie lange er eigentlich schon hier war. Er überflog den ersten Artikel. Was er dort las, ließ ihm die Knie weich werden. Er taumelte einige Schritte zurück und ließ sich auf den Stuhl fallen. Neria hatte die Wahrheit gesagt. Niemand würde mehr nach ihm suchen, zumindest nicht nach ihm in lebendigen Zustand. Er griff nach den anderen Artikeln, um sich davon zu überzeugen, dass dies kein übler Scherz war, doch in allen stand im Prinzip das Gleiche, mal mehr, mal weniger reißerisch, je nach Art des Blattes. Ungläubig drehte und wendete er die Papiere, doch sie schienen echt zu sein.

    …wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch noch die Leiche des Hauptkommissars Ben Jäger gefunden wird… Familie war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen… aus noch unbekannten Gründen von der Straße abgekommen und in den Fluss gestürzt… weibliche Leiche Ende zwanzig, Anfang dreißig… keine Hoffnung mehr, ihn noch lebend zu finden… Suche soll bald eingestellt werden… Gedenkfeier geplant….


    Unzählige Textfragmente schwirrten durch Bens Kopf, während er versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, was ihm aber nur ansatzweise gelang. Schlimm war auch das Foto von seinem Wagen, oder vielmehr von dem, was von ihm übrig geblieben war. So würde bestimmt niemand mehr glauben, dass er noch am Leben sein könnte, auch nicht Semir. Sie beide hatten schon zu viele Unfälle gesehen, als dass Semir hier noch an ein glückliches Ende denken würde. Es war, als lege sich eine eiserne Hand um Bens Herz, als er begriff, dass neben Semir auch Susanne und seine Familie glauben mussten, dass er nicht mehr am Leben sei. Sie würden annehmen, dass er so wie Jana bei dem Unfall gestorben war. Die Frau, die in den Artikeln erwähnt worden war, konnte nur Jana gewesen sein. Ben war über diese Tatsache sehr erschüttert. Er war relativ glimpflich davon gekommen, doch sie war tot. Das war alles nur seine Schuld, er hätte besser aufpassen müssen! Er überlegte, ob sie bei dem Unfall ums Leben gekommen war, aber dann hätte es ihm doch auch schlechter gehen müssen, oder? Vielleicht hatte man bei ihr ja noch etwas nachgeholfen.
    Ben durchlief ein Schauer, als er erkannte, wie skrupellos diese Leute hier ihre Vorhaben durchsetzten, auch wenn er immer noch nicht wusste, worauf das hier hinauslaufen sollte. Heute Abend würde er vielleicht klarer sehen, doch eigentlich wollte er das gar nicht. Sein Bedürfnis danach, zu verschwinden wurde immer größer, doch er hatte keine Ahnung, wie er eine Flucht bewerkstelligen sollte. Man schien sehr gut auf ihn aufzupassen, er schien wichtig für die zu sein. Zudem ging es ihm einfach noch nicht gut genug, um einen wahrscheinlich riskanten Fluchtplan zu schmieden oder gar in die Tat umzusetzen. Doch er musste unbedingt hier weg!
    Denn niemand würde kommen und ihn hier rausholen, er war völlig auf sich allein gestellt und diese Tatsache machte ihm mehr Sorgen, als er sich eingestehen wollte. Er zwang sich mit aller Gewalt, nicht an Susanne zu denken und an das, was sie gerade durchmachen musste, sonst würde er noch durchdrehen. Auch Semir, seinem Vater und seiner Schwester ging es wahrscheinlich auch nicht besser. Seine Freunde und Familie mussten schnell erfahren, dass es ihm gut ging und er zumindest im Moment noch ziemlich lebendig war. Denn wenn er ehrlich war, musste er sich eingestehen, dass er große Angst hatte, genau so zu enden wie Jana. Er konnte einfach nicht einschätzen, was die hier mit ihm vorhatten. Doch das sollte er schon bald erfahren.

  • Nach einem weiteren ereignislosen, sich wie Kaugummi dahin ziehenden Tag, wurde Ben am Abend von zwei Männern abgeholt. ‚Einer hätte auch gereicht’ dachte Ben ironisch, denn er fühlte sich immer noch nicht fit genug, um etwas zu versuchen. Im Hintergrund lauerte immer noch der Schmerz im Kopf, es schien eine recht heftige Gehirnerschütterung gewesen zu sein. Und auch der Rest seines Körpers war noch lange nicht wieder auf der Höhe. Es fiel ihm sogar schwer, ihr Tempo mitzuhalten, doch er wurde unerbittlich mitgezogen. Von seiner Umgebung bekam er nichts mit, da man ihm die Augen verbunden hatte. Deswegen hatte er sehr damit zu kämpfen, dass ihm nicht wieder schwindelig wurde. Er hatte sich verkniffen, Fragen zu stellen, da er sich er sicher war, sowieso keine Antworten zu erhalten. Auch wehrte er sich nicht gegen die Behandlung, da dies sowieso aussichtslos war und er genug damit zu tun hatte, auf den Beinen zu bleiben. Er musste sich seine Kräfte einteilen, vielleicht ergab sich gleich noch eine günstige Situation, immerhin war es das erste Mal, dass er das Zimmer verließ, in dem man ihn bist jetzt festgehalten hatte.
    Als sie schließlich in einem größeren Raum angekommen waren, wurde die Augenbinde entfernt und Ben sah sich, flankiert von seinen beiden Begleitern, einer ganzen Reihe in schwarz gekleideten Menschen gegenüber, die ihn mit einer Mischung aus Neugier und Aufregung anstarrten. Ben konnte im ersten Moment nicht anders, als zurückzustarren, begann dann aber, sich in dem Raum umzusehen, nur um festzustellen, dass es hier weder Fenster, noch eine zweite Tür gab. Also erst einmal keine Möglichkeit für ihn, einen Fluchtversuch zu starten. Niemand sagte ein Wort oder gab ein Geräusch von sich, es war regelrecht unheimlich. Doch dann betrat Neria den Raum und alle Augen richteten sich sofort auf sie. Ben schwieg, er wollte endlich wissen, was der ganze Schwachsinn hier zu bedeuten hatte, obwohl sein Gefühl ihm inzwischen sagte, dass es sich hier um eine Art Sekte handeln musste. Dieser Verdacht bestätigte sich, als Neria zu sprechen begann:
    „Jünger von Nebra“, waren ihre ersten Worte und Ben kamen sofort verschiedene Assoziationen zu diversen Sekten in den Sinn, von denen ihm keine wirklich gefiel. Salbungsvoll sprach sie weiter. Wäre das alles nicht so ernst gewesen, hätte man es für eine Parodie halten können. „Endlich ist es soweit; das Schicksal hat uns gesandt, wonach wir so lange gesucht haben.“ Sie wies auf Ben. „Die Sterne haben ihn ausgewählt und zu uns geführt. Sein Leben steht unter der Weisung der Plejaden. Mit seinem Blut werden wir unsere Opfer darbringen und das Universum gnädig stimmen. Es wird uns so auf ewig in seinen Lauf einbinden.“ Sie schloss die Augen, „Morgen wird es soweit sein, die Sterne stehen günstig. Macht euch bereit für die Zeremonie.“ Sie öffnete die Augen, warf noch einen Blick auf Ben und verschwand.
    Ben schwirrte der Kopf, er war regelrecht paralysiert. Was hatte sie gerade für einen Unsinn verzapft? Sterne, Plejaden und das Universum? Was hatte das Ganze mit ihm zu tun? Und was meinte sie damit, dass sie sein Blut opfern wollte? Wollte sie ihn umbringen? Wie krank war diese Frau eigentlich? Doch dann fielen Ben die Symbole ein, die mit Tierblut an die Bäume gezeichnet worden waren. Wollten die das etwa mit seinem Blut machen? Das wäre immerhin eine Chance, dass man dahinter kommen könnte, dass er am Leben war. Obwohl, in dieser Hinsicht hatten sich die Leute hier als sehr geschickt erwiesen, immerhin hatten sie es geschafft, dass man ihn für tot hielt, da würden sie doch nicht so einen Fehler machen, oder? Vielleicht sollte er doch hier sterben, dann war es auch egal, wenn man sein Blut fand. Hoffentlich ließen sie seine Leiche nicht irgendwo verschwinden, damit er wenigstens ein anständiges Begräbnis bekam und die anderen Abschied von ihm nehmen konnten.

  • Während die Gedanken in Bens Kopf nur so hin und her schossen, leerte sich der Raum langsam. Alle die gingen, starrten Ben mit einem seltsamen, verzückten Blick an, so dass er bald der Überzeugung war, dass sich hier definitiv kein normaler Mensch mehr im Raum befand. Er wandte seinen Blick ab, er konnte das nicht ertragen. Und so bekam er nicht mit, dass die junge Frau, die bereits einmal in seinem Zimmer gewesen war, ihn mit einem Blick musterte, der eher forschender Natur war. Auch wirkte sie nicht mehr so schüchtern, sondern eher neugierig. Doch das sah Ben nicht, dafür aber verschiedene Messer und Dolche, die an einer Wand aufgehängt und wohl mehr als nur Dekoration waren, betrachtete man die toten Tiere, die davor auf einem Tisch lagen. Es schien sich um einen Marder und eine Katze zu handeln, doch Ben bekam keine Gelegenheit mehr, sich das Ganze näher anzusehen, denn erneut wurden seine Augen verbunden und er wurde wieder in sein Zimmer geführt. Er war dankbar, als er endlich wieder allein war und versuchte nun in Ruhe, seine Situation zu überdenken.
    Er schien also in die Fänge einer dubiosen Sekte geraten zu sein, die sich die Jünger von Nebra nannten. Ben dachte angestrengt nach, irgendwo war ihm dieser Begriff schon mal untergekommen. Sterne, es hatte etwas mit Sternen zu tun. Natürlich, die Himmelsscheibe von Nebra! Dieser sensationelle Fund vor einigen Jahren, bei dem es sich um eine uralte Bronzescheibe handelte, die aber bereits den Sternenhimmel richtig darstellte. Das Ganze hatte mit einem Aufsehen erregenden Diebstahl in Verbindung gestanden, nur deshalb hatte sich Ben es überhaupt gemerkt. Am Ende hatte die Scheibe dann doch den Weg ins Museum gefunden, aber es war viel in der Presse berichtet worden und anscheinend hatten sich diese Leute ihre eigene Interpretation zu diesem Artefakt zusammengereimt. Und wer wusste schon, was sonst noch Einzug in ihre Gedanken gefunden hatte. Nur eins stand für Ben ziemlich sicher fest: Sie waren nicht zimperlich, was es anging, ihrer Ziele durch zu setzten und er würde das hier wohl nicht lebendig überstehen. Was hatte Neria noch mal gefaselt? Die Sterne hatten ihn ausgewählt und es wäre morgen so weit? Doch wie waren sie überhaupt auf ihn gekommen?
    Aber Ben musste nicht lange überlegen, bis er die Antwort kannte. Das hatte er eindeutig Jana, oder vielmehr ihrem Freund Mike zu verdanken, dessen Interesse an seinem Geburtsdatum im Nachhinein jetzt einen Sinn machte, sofern man hier überhaupt davon sprechen konnte. Obwohl er nicht gut auf Jana zu sprechen war, schien sie letztendlich auf seiner Seite gewesen zu sein, doch jetzt war sie tot. Und zwar wahrscheinlich deswegen, weil sie versucht hatte, das Alles hier zu verhindern. Sie hatte ihn angerufen und Ben nahm an, dass sie ihn hatte warnen wollen. Ihm war nicht ganz klar, wie tief sie schon in dieser Sache drin gesteckt hatte, oder wie sehr Mike sie unter Druck gesetzt hatte. Aber am Ende hatte sie das Richtige getan und dafür mit dem Leben bezahlt. Jetzt erinnerte sich Ben auch daran, wie unwohl sich Jana bei ihrem letzten gemeinsamen Treffen gefühlt zu haben schien. Ganz im Gegensatz zu ihrem eigentlichen Naturell war sie sehr still gewesen. Er hatte diesen Umstand darauf geschoben, dass sie ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte, da sie sich ihm gegenüber nicht wirklich nett verhalten hatte und er hatte nicht im Traum daran gedacht, ihr die Sache leichter zu machen. Außerdem war sie ja damit beschäftigt gewesen, Mike anzuhimmeln. Aber danach musste sie etwas erfahren haben, dass ihr die Augen geöffnet und sie wahrscheinlich sehr erschreckt hatte. Denn immerhin hatte sie dann den Mut gefunden, ihn anzurufen und war dafür gestorben. Aber wahrscheinlich hätten diese Leute sie sowieso umgebracht versuchte Ben sich zu beruhigen, denn er hatte ein richtig schlechtes Gewissen.
    Doch ehe er diesen Gedankengang noch weiter vertiefen konnte, öffnete sich überraschend die Tür. So langsam fand Ben dieses Ausgeliefert sein wirklich zum Kotzen und wollte diesmal zu einer bissigen Bemerkung ansetzten, die er sich jedoch verkniff, als er sah, wer das Zimmer betreten hatte.

    Edited once, last by Danara ().

  • Es war die junge Frau, die schon einmal in Nerias Begleitung da gewesen war, doch diesmal war sie allein. Sicherlich standen vor der Tür noch die Wachen, sie würden sie wohl kaum allein mit ihm lassen. „Hallo, ich bin Marla“, kam es schüchtern von ihr. Sie war recht blass und schien trotz ihres Alters schon irgendwie eine gebückte Haltung zu haben. Sie schien genau der Typ zu sein, der auf eine charismatische Führungsperson hereinfallen würde. „Hallo, ich bin Ben“, antwortete er erst einmal nur, denn er war sich nicht sicher, worauf das hier hinauslaufen würde und er wollte sich alle Möglichkeiten offen halten. Der leichte Anflug eines Lächelns huschte über ihr hageres Gesicht. „Ja, ich weiß“, antwortete sie. „Du hast Schmerzen, nicht wahr?“ fragte sie ihn während sie sich neben ihn setzte. Ben nickte. „Ja, ich hatte einen Autounfall und bin noch nicht wieder ganz fit“, sagte er. „Ich sehe so etwas, weißt du?“ meinte Marla. „Ich war lange Zeit im Krankenhaus“, sagte sie dann leise. Sie schwieg eine Weile. Ben sagte nichts, er hätte auch nicht gewusst, was. „Da habe ich auch Neria kennen gelernt“, erklärte sie dann. „Sie hat dort jemanden besucht. Aber sie hat sich dann um mich gekümmert, ich habe ja niemanden mehr. Sie hat mich auch Mike vorgestellt.“ Ben begann zu verstehen. Es war die klassische Geschichte. Ein Mensch, der einsam, verlassen und dazu noch krank war, geriet unter den Einfluss einer starken Person und begann so, sich wieder mehr wert zu fühlen, beachtet, vielleicht sogar geliebt. Ben konnte sich gut vorstellen, wie Neria und wahrscheinlich auch Mike es geschafft hatten, Marla gefügig zu machen. Doch dann sagte Marla etwas, dass Ben mehr als überraschte und Hoffnung in ihm aufkeimen ließ. „Aber jetzt weiß ich nicht mehr, ob es richtig ist, was sie hier macht.“ Ben überlegte fieberhaft, was er jetzt sagen sollte, es war extrem wichtig, die richtigen Worte zu finden. Marlas Zustand schien sehr labil zu sein; ein falsches Wort könnte schon wieder ihre Meinung ändern. „Was will sie denn machen?“ fragte er also vorsichtig. Marla sah ihn erstaunt an. „Aber das hat sie doch eben gesagt“, antwortete sie verwundert. „Ja“, sagte Ben, „aber was bedeutet das genau?“ „Ja, natürlich“, entgegnete Marla verständnisvoll. „Du kennst unsere Gebote ja noch nicht. Woher solltest du auch. Mir hat sich das alles auch erst vor kurzer Zeit offenbart. Du bist unter einem speziellen Sternbild an einem bestimmten Ort geboren worden, so dass deine Geburt unter einem besonderen Sternzeichen stand.“ Ben nickte nur, besser, wenn er dazu nichts sagte. „Sie braucht all dein Blut, um die Opfer durchzuführen, wenn die Sterne wieder günstig stehen“, erklärte Marla dann sachlich und Ben durchlief ein Schauer. Wie selbstverständlich sie darüber sprach! „Es müssen alle Sternzeichen an den heiligen Stätten in der Nacht des Plejadensturms dargebracht werden. Sie braucht viel von deinem Blut, die Zeichen müssen groß sein.“
    Ben hatte es die Sprache verschlagen. Sie meinte das alles tatsächlich ernst. „Aber ich weiß nicht, ob das richtig ist“, sprach Marla einfach weiter, als ob sie Bens Reaktion überhaupt nicht bemerkt hätte. Sie war ganz in ihren Gedanken versunken. „Wenn wir dein Blut noch weiterhin brauchen sollten, wäre es falsch, dich jetzt zu töten. Ich finde, es könnte jetzt auch reichen, nur so viel von dir zu nehmen, dass du weiter leben könntest. Das wäre sicherer.“ Sie machte eine kurze Pause. „Ich werde mit Neria reden.“ Sie wollte aufstehen, um zu gehen, doch Ben legte geistesgegenwärtig seine Hand auf ihren Arm. Sie durfte keinesfalls gehen, dann hätte er keine Chance mehr und sein Schicksal wäre besiegelt. Das hier war anscheinend seine letzte Gelegenheit, daran etwas zu ändern. Und Marla schien bereit zu sein, ihm dabei zu helfen, denn warum sonst war sollte sie zu ihm gekommen sein?

  • „Marla, warte mal kurz“, bat er. „Ich denke, du hast Recht.“ Erwartungsvoll sah sie ihn an. Ben musste jetzt höllisch aufpassen, was er sagte, damit die Sache nicht nach hinten losging. Auf keinen Fall durfte er Neria oder Mike schlecht machen. „Auch wenn ich unter einem besonderen Stern geboren wurde, gibt es noch keinen Grund für mich zu sterben, ich glaube nicht, dass es schon jetzt mein Schicksal ist. Die Plejaden werden wiederkommen.“ Im Stillen beglückwünschte sich Ben, dass er in der Schule mal aufgepasst hatte und wusste, dass dies jedes Jahr geschah. Marla sah ihn interessiert an und Ben war ein kleines bisschen erleichtert, doch auch seine nächsten Worte wählte er mit Bedacht. „Ich weiß, dass mein Platz nicht hier ist, zumindest jetzt noch nicht“, ergänzte er, als er Ablehnung in Marlas Blick zu erkennen glaubte. Doch dann nickte sie. „Ja, ich glaube, du hast Recht, aber was ist mit Neria?“ fragte sie. „Sie braucht nichts davon zu erfahren“, sagte Ben. „Wenn du mir hilfst, von hier zu verschwinden, bewahrst du Neria davor, eine falsche Entscheidung zu treffen. Vielleicht hat sie jemand falsch beraten. Sie wird dir dankbar sein“, setzte er alles auf eine Karte. Er konnte es kaum glauben, aber Marla nickte. „Ich denke, es stimmt, du hast Recht, ich werde dir helfen“, sagte sie mit relativ entschlossen klingender Stimme. Man konnte ihr jedoch deutlich anmerken, dass sie es nicht gewohnt war, solche Entscheidungen zu treffen. Ben wusste, dass er es unbedingt hinkriegen musste, dass sie ihrer Sache sicher war, zumindest so lange, bis er den Rest auch alleine schaffen könnte.
    Marla stand auf und hielt Ben ihre Hand hin. „Wenn wir gehen wollen, müssen wir es jetzt tun, sonst ist es zu spät“, sagte sie ernst. Ben nickte und stand auf. Vorsichtig öffnete Marla die Tür und sie traten hinaus. Es waren tatsächlich keine Wachen vor der Tür. So leise wie möglich gingen sie den Flur entlang, doch es war niemand zu sehen. Es war wohl so, wie Neria angeordnet hatte; jeder bereitete sich auf diese ominöse Zeremonie vor. Doch das Wichtigste dafür war gerade im Begriff, von hier zu verschwinden. Ben musste bei diesem Gedanken grinsen, er war unglaublich froh, endlich was tun zu können. Auch wenn sich das im Moment nur darauf beschränkte, Marla zu folgen, denn er hatte keine Ahnung, wie er hier rauskommen sollte. Sie führte ihn sicher an allen anderen, die sich noch im Gebäude aufhielten vorbei und ungesehen gelangten sie an eine Art Hinterausgang, der sie schließlich ins Freie führte. „Wohin jetzt?“ fragte Ben, der bemerkt hatte, dass seine Begleiterin an der Türschwelle kurz gezögert hatte. Er durfte nicht zulassen, dass sie es sich noch auf den letzten Metern anders überlegte. „Erst einmal weg vom Haus und nicht in die Nähe des Zugangsweges“, meinte Marla. „Sie werden bald merken, dass wir nicht mehr da sind und werden uns dann suchen.“ Ben sah sich um. „Können wir hier nicht irgendwo ein Auto auftreiben?“ fragte er. Marla schüttelte den Kopf. „Sieh dich doch mal um. Früher war das Haus ein Hotel, aber dann stand es lange leer und alles ist zugewachsen. Zum Haus führt nur noch ein schmaler Fußweg. So verirrt sich auch selten jemand hierher. Wir bleiben gern unter uns. Alles, was wir brauchen, tragen wir durch den Wald hierher. Auch dich“, fügte sie hinzu, als sie die Frage in Bens Augen erkannte. Na prima, er war also wie eine Jagdbeute durch den Forst geschleppt worden, eine schöne Vorstellung! „Und wie sieht es mit einem Telefon aus?“ wollte er dann noch wissen. Doch Marla schüttelte den Kopf. „So etwas hat nur Neria. Die alten Telefonleitungen funktionieren nicht mehr. Wir müssen durch den Wald. Dort werden sie uns nicht so leicht finden.“

  • Ben nickte. Das machte Sinn und es war außerdem nicht schwierig, hinter Bäumen zu verschwinden, wenn man fast vollständig von ihnen umgeben war. Was für eine extravagante Idee, ein Versteck zu tarnen, aber auch sehr effektiv, das musste er zugeben.
    Hätte Marla ihn nicht auf den Weg hingewiesen, hätte er diesen nicht einmal bemerkt. Wenn er nicht allzu weit von zuhause entfernt war, musste es sich hier um einen Teil der Eifel handeln, aber wer wusste schon, ob er sich nicht auch ganz woanders befand, immerhin hatte er nicht mitbekommen, wie er hierher verfrachtet worden war. Das hielt er allerdings für unwahrscheinlich, allein schon wegen der Zeitungsartikel, die der lokalen Presse entnommen gewesen waren. Marla war bereits losgegangen und Ben beeilte sich, ihr zu folgen.
    Bereits nach einigen Metern hatte er das Gefühl, vom Wald verschluckt worden zu sein, so dicht war hier der Bewuchs. Zudem war es hier drin bereits wesentlich dunkler und Ben befürchtete schon, die Nacht hier drin verbringen zu müssen, wenn sie nicht bald Hilfe fanden.
    „Sag mal, wie weit ist es eigentlich bis zur nächsten Straße?“ fragte er schließlich, nachdem sie schon eine Weile gegangen waren, wobei er sich ziemlich verbissen darauf konzentrieren musste, einen Fuß unfallfrei vor den anderen zu setzten. Er merkte nur allzu deutlich, dass er noch längst nicht wieder fit war und so war er auch nicht in der Lage gewesen, darauf zu achten, wo sie eigentlich langgingen, geschweige denn, sich sonst wie zu orientieren. Er folgte einfach seiner Begleiterin in der Hoffnung, dass sie ihn tatsächlich hier raus bringen würde. „Es dürften etwa noch fünf Kilometer sein, mitten durch den Wald ist es weiter als über den Weg“, antwortete Marla, doch ihre Stimme klang alles andere als sicher. „Was?!“ stieß Ben entsetzt aus. Normalerweise stellte eine solche Strecke für ihn kein Problem dar, aber bei diesem Weg, sofern man ihn überhaupt als solches bezeichnen konnte und dem immer schwächer werdenden Licht, so dass er immer wieder über Wurzeln stolperte, die er nicht sah, schien es ihm kaum möglich, diese Entfernung noch in dieser Nacht zu überbrücken. Zu allem Überfluss machte sich bei ihm die Erschöpfung angesichts dieser Strapazen deutlich bemerkbar. „Ich glaube nicht, dass wir das heute noch schaffen“, meinte er also an Marla gewandt. Auch wenn es ihn nervte, er war auf ihre Hilfe angewiesen, sie kannte sich hier wenigstens etwas aus und wusste vielleicht, wo sie die Nacht einigermaßen geschützt verbringen konnte. Außerdem fühlte er sich ihr gegenüber auch irgendwie verantwortlich, sie hatte einiges für ihn riskiert und er wollte ihr helfen, wieder in ein normales Leben zurück zu finden, wenn sie das hier überstanden hatten.
    Sie sah ihn nachdenklich an und schien mit sich zu ringen. „Ja, du hast Recht“, antwortete sie schließlich. „Wir sollten morgen weiter suchen.“ Im ersten Moment glaubte Ben, sich verhört zu haben. „Suchen? Heißt das, du kennst den Weg überhaupt nicht?“ fragte er ungläubig. Marla schüttelte den Kopf. „Nein, ich kann mich nicht mehr erinnern. Aber sorge dich nicht, die Sterne werden über uns wachen.“ Ben konnte nur noch den Kopf schütteln. Er hatte das untrügliche Gefühl, vom Regen in die Traufe geraten zu sein. Wahrscheinlich würde er elendiglich in diesem Wald verrecken; bei Neria wäre ihm vermutlich ein schnelles Ende gegönnt gewesen. Er schüttelte erneut den Kopf und zwang sich, diesen Gedanken zur Seite zu schieben. Sie würden sich ein trockenes Plätzchen suchen und wenn sie morgen früh wieder erkennen konnten, wo sie lang gingen, dann würden sie schon hier rauskommen, auch wenn Ben im Moment das Gefühl hatte, keinen Schritt mehr weiter gehen zu können.

  • „Ich halte es für keine gute Idee, wenn sie dort heute Abend alleine hingehen“, hatte Frau Krüger zweifelnd gesagt, aber ihr war klar gewesen, dass sie Semir nicht davon abhalten konnte. Außerdem hatte er Recht, es war die einzige Möglichkeit in der Mordermittlung weiterzukommen und so vielleicht auch herauszufinden, was mit Ben geschehen war. Also hatte sie sich seufzend dazu bereit erklärt, sich um die Details der Tarnidentität zu kümmern und hatte auch alles andere in die Wege geleitet. Sie würden Semir über sein Handy orten, eine Wanze war ihm zu riskant, zu groß war seine Sorge gewesen, man könnte sie entdecken und dann wäre alles umsonst gewesen. Ein Telefon trug heutzutage schließlich jeder mit sich herum und selbst wenn man es ihm abnehmen würde; Hartmut hatte dafür gesorgt, dass man es auch in ausgeschaltetem Zustand finden konnte.
    Und so stand er jetzt an dem Treffpunkt und wartete darauf, abgeholt zu werden. Sein Pulsschlag beschleunigte, als ein dunkelblauer Kombi auf ihn zuhielt. Er bemühte sich, seine Anspannung so gut wie möglich zu verbergen. Ein ihm unbekannter Mann stieg aus und bedeutete ihm zum Fahrzeug zu kommen. Bevor er jedoch einsteigen konnte, wurde er durchsucht und man nahm ihm wie erwartet sein Handy ab. Erleichtert bemerkte Semir, dass es jedoch nur auf den Beifahrersitz gelegt wurde. Nachdem er schließlich eingestiegen war, sah er, dass der Mann, der sich als Kai Wenger vorgestellt hatte, eine schwarze Kapuze in der Hand hatte. Auch das noch! Doch Semir fügte sich in sein Schicksal und die Fahrt ging los. Die Kollegen würden ihn schon finden. Was er allerdings nicht mehr sah, war, dass die Scheibe am Beifahrersitz heruntergelassen wurde und sein Handy in hohem Bogen in den Rhein geworfen wurde. Semir war ohne es zu wissen auf sich allein gestellt.
    Sie brachten ihn in eine Wohnung, die weit außerhalb der Stadt lag. Er hatte geglaubt, dass es nun direkt zu einem Versteck gehen würde, doch da hatte er sich sehr getäuscht, seine Begleiter schienen sehr misstrauisch zu sein, oder ihr Boss war sehr vorsichtig. Sie wollten anscheinend sichergehen, dass ihnen niemand gefolgt war. Semir hatte das Gefühl, dass eine große Sache am Laufen war und so verhielt er sich einfach ruhig, er hatte auch kaum eine andere Wahl. Außerdem hatte er nichts zu verlieren, also hieß es einfach Geduld haben. Nachdem sie ihn mit verbundenen Augen hierher bugsiert hatten, hatte Semir eigentlich mit mehr gerechnet, aber es passierte gar nichts und die Zeit zog sich wie Kaugummi dahin. Das einzige, wobei er sich inzwischen sicher war, war die Tatsache, dass es sich bei diesen Leuten um eine Sekte handeln musste, anders war der ganze Aufwand hier nicht zu erklären. Und nach zwei endlos langen Tagen tat sich endlich etwas. Seine Begleiter waren wohl zu der Überzeugung gelangt, dass sie ihm trauen konnten. Semir war nur froh, dass die Kollegen nicht eingegriffen hatten. Er konnte ja nicht ahnen, dass diese keine Ahnung hatten, wo er sich befand und auf der Suche nach ihm waren, weil sie mal wieder einen riskanten Alleingang von ihm befürchteten.
    In der Wohnung herrschte nun Aufbruchsstimmung. Sven, der größere der beiden kam zu Semir. „Wir werden uns jetzt auf den Weg in unser endgültiges Quartier machen“, kündigte er an. „Die Überprüfung hat ergeben, dass du in Ordnung bist.“ Auf welche Art und Weise er zu diesem Schluss gelangt war, ließ er im Dunkeln und Semir fragte auch nicht weiter. Er war nur froh, dass es endlich voran ging. Und so saß er mit offenen, aufmerksamen Augen im Wagen, als man sich am späten Nachmittag des dritten Tages auf den Weg machte. Natürlich hatte er angenommen, dass es nun unmittelbar zu dem Versteck gehen würde, doch er hatte nicht damit gerechnet, dass auch noch eine Wanderung auf ihn warten würde. Nachdem der Wagen nach einer längeren Fahrt hinter einigen Büschen versteckt am Rande eines großen Waldgebietes geparkt worden war, folgte ein langer, anstrengender Fußmarsch durch einen relativ schmalen Pfad im Wald. Früher schien an dieser Stelle ein breiterer Fahrweg gewesen zu sein, doch der war mit der Zeit zugewachsen. Und endlich hatten sie ihr Ziel erreicht.

  • Inzwischen war es dunkel geworden, so dass Semir nicht mehr viel von dem, was um ihn herum war erkennen konnte. Er befand sich in einem ziemlich großen Haus, das mit recht altmodischen Interieur bestückt war. Was ihn allerdings wunderte, war die Tatsache, dass sich niemand für ihn zu interessieren schien. Nach der Vorgeschichte hatte er einen anderen Empfang vermutet. Doch dann bemerkte er die weiteren Bewohner des Hauses, er konnte aufgeregte Stimmen hören, die sich langsam näherten, die Stimmung schien sehr angespannt zu sein. Seine Vermutung bestätigte sich, als ein Sektenmitglied, das er noch nicht kannte auf sie zukam und seinen Begleitern leise etwas mitteilte. Diese sahen sich kurz an, dann wandte sich Sven an Semir. „Sieh dich hier ruhig um, aber bleib im Erdgeschoss, wir sind bald zurück.“ Dann machte er sich mit seinem Kompagnon auf den Weg, doch Semir konnte noch einige Worte, die er an diesen richtete, aufschnappen. „Wie konnte das denn überhaupt passieren? Sie wusste doch genau, dass die Kleine so labil ist. Kein Wunder, dass sie auf solche Ideen kommt. Warum hat sie Marla eigentlich mit zu ihm genommen? Und was soll denn jetzt aus dem Ritual werden?“ Die Tür schlug zu und Semir war allein. Was das nur zu bedeuten hatte? Und wer war Marla? Was hatte sie getan? Na, in ihrer Haut wollte er nicht stecken, alle schienen auf der Suche nach ihr zu sein und das gab ihm die Gelegenheit, nach Ben zu suchen. Er begann, sich systematisch umzusehen. Im Erdgeschoss hielt er sich nur kurz auf, die interessanten Dinge schienen weiter oben zu finden zu sein. Er wunderte sich auf dem Weg dorthin, wie leer es im Haus war, doch ein Blick aus dem Fenster verriet ihm, dass sich sehr viele Leute draußen aufhielten, es schien eine Suche organisiert zu werden. Wahrscheinlich ging es um diese Marla, von der vorhin die Rede war. Sie schien die Gruppe verlassen zu haben, aber es wunderte Semir, dass deswegen so ein Aufwand betrieben wurde. Vielleicht hatte sie etwas mitgenommen, was wichtig war und wiederbeschafft werden musste. Oder was mochte dahinter stecken? Doch über so etwas konnte er sich auch noch später Gedanken machen, jetzt musste er erstmal seine eigene Suche fortsetzen. Er machte sich auf den weg in den ersten Stock.
    Nachdem er dort einen Blick in etliche leere Zimmer geworfen hatte, konnte er feststellen, dass es sich bei dem Haus anscheinend einmal um ein Hotel gehandelt haben musste. Alle Räume besaßen neben einem Schlafzimmer noch ein kleines Bad. Es war wie geschaffen für den Aufenthalt einer solchen Gruppe. Sicherheitshalber überprüfte Semir alle Zimmer auf diesem Flur, doch er fand nichts Auffälliges. Erst als er den letzten Raum betrat, der etwas abseits am Ende des Flures lag, fand er etwas, das den Verdacht, dass Ben hier sein könnte, erhärtete. Vor dem Zimmerfenster waren Gitter angebracht worden und auch die Tür war um einiges stabiler als die anderen. Außerdem war hier im Gegensatz zu den anderen Zimmern nichts Persönliches zu finden, was auf den Bewohner schließen ließ. Das Bett war eindeutig benutzt worden, so dass die Möglichkeit ausschied, dass dieser Raum derzeit unbewohnt war. Oder ob diese Marla hier untergebracht gewesen war? Aber wie hätte sie dann von hier verschwinden sollen? Wenn jemand aus diesem Raum entkommen war, musste er oder sie mindestens einen Helfer gehabt haben, davon war Semir überzeugt, als er zudem entdeckte, dass von außen auch noch ein Riegel an der Tür angebracht worden war. Oder war er völlig auf der falschen Fährte? Wollte er einfach nur nicht wahrhaben, dass Ben tot war und jagte jetzt einem Phantom hinterher?

  • Semir schüttelte energisch den Kopf, was sollten jetzt diese Gedanken? Er musste sich konzentrieren. Hier würde er nicht mehr herausfinden, er musste woanders weitersuchen. Er ging zur Treppe zurück und blieb von leisen Stimmen gewarnt gerade noch rechtzeitig stehen, um nicht von zwei Männern entdeckt zu werden, die soeben das Haus betreten hatten.
    „… und im Keller war auch nichts? Nicht mal im Versammlungsraum?“ hörte er den einen fragen. „Hab’ ich dir doch schon gesagt“, antwortete der andere genervt. „Wir holen nur die Taschenlampen, dann teilen wir uns auf und durchsuchen den Wald. Aber ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass wir sie finden. Das Gebiet ist zu groß und wer weiß, wie viel Vorsprung sie schon haben.“ Sein Gegenüber schien ebenfalls dieser Meinung zu sein, denn er sagte nichts, sondern schien nur zu warten, während der andere verschwand, um die besagten Lampen zu holen. Bereits nach kurzer Zeit war er wieder zurück. „Was machen wir mit ihnen, wenn wir sie doch finden?“ wurde er dann gefragt. „Was mit Marla passiert, entscheidet Neria. Und wofür wir den Mann brauchen, weißt du ja selber.“ Mit diesen Worten verließen sie das Haus und Semir war noch angespannter als vorher. Ob er von Ben gesprochen hatte? Etwas anderes konnte doch gar nicht möglich sein. Er musste die beiden also vor den anderen finden. Sonst würde das Ganze böse enden, da war er sich sicher. Er hatte zwar keine Ahnung, was diese Leute hier vorhatten, doch es konnte nichts Gutes sein.
    Inzwischen war er sich fast sicher, dass es sein Partner gewesen sein musste, der in diesem Raum festgehalten worden war. Er musste es einfach sein! Kein Wunder, dass er sich nicht hatte melden können, wahrscheinlich war er bei dem Autounfall auch verletzt worden. Semir hoffte inständig, dass er inzwischen so weit in Ordnung war, aber sonst hätte er wohl kaum eine Flucht versuchen können. Er musste sich beeilen. Um möglichst viel Deckung bemüht, was durch die vielen Bäume nicht weiter schwierig war, machte auch er sich auf den Weg in den Wald. Er versuchte, den Stimmen zu folgen, was nicht so ganz einfach war, da immer weniger Worte fielen, da man sich anscheinend so gut abgesprochen hatte, so dass keine Kommunikation mehr notwendig war. Das letzte was er noch gehört hatte war, dass jemand bereits an der Hütte gewesen war, dort aber niemanden und auch keine Spur gefunden hatte. Diese Information half ihm allerdings nicht weiter und er musste sich nun für eine Richtung entscheiden und wählte die, welche in der Nähe des Weges vom Haus weg führte. So musste er irgendwann zu der befahrbaren Straße kommen. Semir war sich sicher, dass es Ben auch so gemacht hätte. Doch es verging eine geraume Zeit, in der er seiner Meinung nach eigentlich gut vorwärts kam, bedachte man vor allem die schlechten Lichtverhältnisse. Doch er konnte nichts entdecken. Langsam begann er unsicher zu werden, als er plötzlich vor sich etwas bemerkte. Er kniff die Augen zusammen und meinte, zwei Gestalten erkennen zu können. Eine davon verharrte auf der Stelle, die kleinere bewegte sich. Semir ging näher, es war schwierig, etwas Genaues zu erkennen. Er schob einen Ast zur Seite und erblickte eine Frau und einen Mann, den er zwar nur von hinten sehen konnte, doch er glaubte diese Silhouette zu erkennen. Die braunen, verwuschelten Haare bestärkten nur seine Vermutung. Doch der Mann drehte sich nicht um, sondern machte einen Schritt von ihm weg. Doch dann schien irgendetwas zu passieren, er blieb ruckartig stehen und ging dann zu Boden. Alle Vorsicht vergessend wollte Semir nach ihm rufen, er musste einfach wissen, ob er Recht hatte, doch bevor er jedoch einen Laut von sich geben konnte, traf ihn etwas hart an der Schläfe und er ging zu Boden.

  • „Lass uns hier lang gehen“, sagte Marla auf einmal unvermittelt. „Ist dir wieder eingefallen, wo es lang geht?“ fragte Ben leicht hoffnungsvoll, obwohl er eigentlich nicht daran glaubte. „Ich kenne hier eine Hütte ganz in der Nähe“, sagte sie, ohne die Frage zu beantworten, ihre Aussage war Ben jedoch Antwort genug. Nun ja, für die kommende Nacht ein Dach über dem Kopf zu haben, war auch nicht so schlecht, es hätte schlimmer kommen können. „Ist es noch weit?“ wollte er wissen. Einen längeren Fußmarsch traute er sich einfach nicht mehr zu. „Nein, nein, es ist ganz in der Nähe, komm, wir müssen hier lang.“ Mit diesen Worten dirigierte sie ihn in die entsprechende Richtung. „Wir müssen nur acht geben, in dem Bereich hier sind Fallen aufgestellt und…“ Doch bevor Ben wirklich registriert hatte, was sie da gerade gesagt hatte, war es auch schon zu spät. Er spürte noch kurz das Metall unter seinem Fuß, bevor die Zacken der unter dem Laub unsichtbar verborgenen Falle zuschlugen. Ben zog scharf die Luft ein, als sich die Spitzen in sein Bein bohrten. Im ersten Moment verspürte er nur einen extrem starken Druck, doch dann setzte der Schmerz ein und er ging mit einem Keuchen zu Boden. Es tat so unglaublich weh, dass er sich einfach nur wünschte, bewusstlos zu werden, doch den Gefallen tat ihm sein Körper nicht. Er war so voll mit Adrenalin und auf Flucht ausgerichtet, dass er eisern darum kämpfte, wach zu bleiben. Von seiner Umwelt bekam Ben allerdings kaum noch etwas mit, er spürte nur noch, dass er auf dem kalten Waldboden lag und das Blut an seinem Bein entlang lief. Neben dem Schmerz fühlte er entsetzliche Angst davor, was die Falle bei seinen Muskeln, Sehnen und Bändern angerichtet hatte. Den Knochen schien sie nicht gebrochen zu haben, das hätte er gemerkt. Nur bruchstückhaft bekam er mit, dass Marla in zwischen Gesellschaft bekommen hatte.
    „Verdammt, musste das sein!“ fauchte Mike stinksauer. „Ich hatte keine andere Wahl, ich glaube, er wäre sonst alleine abgehauen, ich wusste ja nicht, dass du schon in der Nähe bist, wie hätte ich ihn denn sonst aufhalten sollen?“ stammelte Marla. Ben stöhnte auf. Wie hatte sie nur auf eine solche Idee kommen können? Hatte sie nicht gemerkt, dass er völlig fertig war und freiwillig keinen Schritt mehr getan hätte? Aber er hatte ja gewusst, dass sie nicht ganz normal tickte, doch das half ihm jetzt auch nicht weiter.
    Plötzlich spürte er, wie der Druck auf seinem Bein nachließ. „Hoffentlich ist keine Arterie verletzt, ich bin noch nicht soweit, noch ist nicht Vollmond, der Termin ist erst in einer Woche“, hörte Ben Mike fluchen, und ohne den Sinn dieser Worte erfassen zu können, verschwanden sie erst einmal aus seinem Bewusstsein. Ben wurde hochgehoben und über den Boden geschleift. Wie lange er diese Tortur ertragen musste, wusste er nicht, aber er war immer noch bei Bewusstsein, als er merkte, wie er auf einen Holzboden gezogen und dort hingelegt wurde. Dann machte sich jemand an seinem Bein zu schaffen. „Ist wohl nicht so schlimm, wie es aussieht“, hörte er Mike sagen, der sich nun an der Wunde zu schaffen machte. Der hatte gut reden, dachte Ben, ihn hatte es schließlich nicht erwischt. „Pass auf Marla, du gehst jetzt zurück zu den anderen und machst es so, wie wir besprochen haben“, wies Mike seine Begleiterin an. „Du sagst ihnen, dass du gesehen hast, wie er in ein Auto gestiegen und weggefahren ist. Jeder wird dir glauben, dass er dich überwältigt hat, als du ihm das Essen gebracht hast. Du wirst sagen, dass du vergessen hast, den Jungs Bescheid zu sagen, weil du ihn auch nicht für gefährlich gehalten hast. Sag, dass es dir leid tut. Ich habe eben auch noch einen von diesen Neuen ausgeschaltet, der kann deine Geschichte bestätigen, denn wer sonst als dieser Jäger soll ihn niedergeschlagen haben. Soweit alles klar?“

  • Marla nickte. Wie souverän er doch war. Immer hatte er alles im Griff, auch wenn die Situation aussichtslos schien. Es war faszinierend, ihm zuzusehen und mitzuerleben, wie er in extremer Lage die Nerven behielt. Marla bewunderte ihn zutiefst und sie würde alles tun, was er ihr sagte, denn er war derjenige, der sie zur Erlösung führen konnte, was wussten schon Neria und all die anderen. Nur Mike kannte die Wahrheit und nur er wusste, was zu tun war, um sie retten und zur Erlösung zu führen. Und so machte sie sich zurück auf den Weg zum Haus. Zur Hütte würde niemand mehr gehen, wenn sie ihre Geschichte erzählt hatte. Und wenn Mike dafür gesorgt hatte, dass Ben nicht verschwinden konnte, würde auch er wieder zu ihnen stoßen. Dann müssten sie nur noch sieben Tage warten und dann wäre es endlich soweit.
    Mike hatte inzwischen Bens Wunde provisorisch versorgt, so dass sie wenigstens nicht mehr blutete. Der Schmerz hatte sogar ein wenig nachgelassen und Ben hatte es gewagt, kurz die Augen zu öffnen, was er allerdings sofort wieder bereut hatte, als er in Mikes kalte Augen geblickt hatte. „Keine Sorge, du stirbst mit hier schon nicht weg, ich brauche dich noch“, grinste er, als er Ben ansah. Dieser schloss wieder die Augen und Mike entfernte sich ein Stück, kam jedoch sofort zurück und befestigte eine Fußfessel an Bens gesundem Bein, von der es unmöglich loszukommen war, wie Ben nach einem kurzen Blick darauf feststellte.
    „Wir sehen uns dann“, sagte Mike und verschwand, nicht ohne auch noch die Tür zu verriegeln. Er ließ Ben einfach auf dem Boden der Hütte zurück. Der würde schon klar kommen, wenn der Schmerz nachgelassen hatte. Weg konnte er jedenfalls nicht und Hilfe würde auch nicht kommen. Mike konnte also beruhigt seine Tarnung in der Gruppe weiter aufrecht erhalten. Wenn er nur schon an die Gesichter der anderen dachte. Die hatten doch alle keine Ahnung und waren es nicht wert, gerettet zu werden. Nur er wusste, wie er das Ritual durchzuführen hatte, nur er würde die Erlösung finden. Doch noch musste er sich gedulden, es durfte jetzt nichts mehr schief gehen.
    Und so lag Ben auf dem dreckigen Untergrund, denn es fehlte ihm einfach noch die Kraft, sich zu bewegen. Er hoffte inständig, dass diese bald zurückkehren würde. Dann würde er sich auch Gedanken darüber machen, wie er hier wieder raus kam.



    Als Semir wieder aufwachte, war bereits eine geraume Zeit vergangen, wie er nach einem schnellen Blick auf die Uhr feststellte. Zu sehen war natürlich niemand mehr und er konnte auch keine Spur mehr von Ben entdecken. Das bedeutete immerhin, dass ihm anscheinend nicht allzu viel passiert sein konnte. Semir begann, sich weiter umzusehen, musste jedoch schnell feststellen, dass dies keinen Sinn mehr machte. Es wurde immer dunkler und er konnte kaum noch etwas erkennen. Die Kopfschmerzen, die er noch von dem Schlag hatte waren auch nicht gerade hilfreich. Jemanden auf der Autobahn verfolgen, ja, das konnte er, aber Spuren im Wald zu lesen gehörte nicht zu seinen Stärken. Er fragte sich, wer ihn niedergeschlagen und vor allem, warum man ihn zurückgelassen hatte. Aber eigentlich war ihm das jetzt auch egal, er musste Hilfe holen und zwar schnell, allein kam er nicht mehr weiter. Sie mussten Ben hier raus holen. Er orientierte sich kurz und machte sich dann auf den Weg zur Straße. Dort angekommen meinte das Schicksal es endlich einmal gut mit ihm und er traf auf eine Gruppe von Tagesausflüglern, die sich bereit erklärten, ihn mit in die Stadt zurück zu nehmen. Sie waren sogar so nett, ihn bis zum Büro zu bringen, auch wenn er ihnen ansah, dass sie es ihm nicht so recht abkauften, dass er Polizist war. Aber anscheinend waren sie der Meinung, dass es nicht verkehrt sein konnte, ihn bei der Polizei abzuliefern.

  • Immer noch aufgeregt erreichte Semir schließlich das Büro. Ohne sich um die verwunderten, teilweise auch erschrockenen Blick der Kollegen zu kümmern, stürzt er regelrecht in das Büro von Frau Krüger. Er registrierte nur am Rande, dass sich noch eine weitere Person im Raum befand, sondern redete sofort los: „Chefin, ich bin eben im Haus dieser Sekte gewesen, in der Jana war! Die haben Ben und werden wer weiß was mit ihm anstellen, ich habe ihn kurz im Wald neben dem Haus gesehen, er war auf der Flucht, aber ich glaube nicht, dass er es geschafft hat! Ich wurde niedergeschlagen und konnte ihm nicht helfen, wir müssen sofort los…“ Doch an dieser Stelle stockte er, als er bemerkte, wie ihn Frau Krüger ansah.
    Sie war sehr ruhig gebelieben, viel zu ruhig nach Semirs Geschmack und sah ihn jetzt mit einer Mischung aus Mitleid und Verwunderung an. Gut, er hatte nicht erwartet, dass sie ihm sofort glauben würde, er hatte sich dafür gewappnet, noch ein wenig Überzeugungsarbeit leisten zu müssen, denn auf dem Weg hierher war ihm klar geworden, dass seine Geschichte ziemlich abenteuerlich klingen würde, vielleicht hätte er vorhin auch anders anfangen müssen, aber es war einfach alles aus ihm herausgesprudelt, ohne dass er etwas dagegen hätte tun können. Doch jetzt schien alles noch völlig anders zu laufen. Als er erneut zum Sprechen ansetzten wollte, hob Frau Krüger die Hand und wies auf ihre Besucherin, die weiterhin still auf einem der beiden Sessel saß und Semir interessiert zu beobachten schien.
    „Darf ich Ihnen Frau Nerling vorstellen?“ sagte Frau Krüger mit sanfter Stimme. „Es passt gut, dass Sie gerade jetzt kommen, ich habe Frau Nerling gebeten, sich mit Ihnen zu unterhalten und nach Ihren Worten zu urteilen, ist dies auch noch dringender notwendig, als ich bisher geglaubt habe.“ Die Chefin musterte Semir genau, sie hielt es für besser, ihn jetzt nicht damit zu konfrontieren, dass sich alle große Sorgen um ihn gemacht hatte, nachdem sie das Signal verloren hatten. Die gesamte Mannschaft war auf der Suche nach ihm gewesen, ob im Dienst oder privat. Aber er schien zumindest körperlich in Ordnung zu sein. Was seine Psyche anging stand auf einem anderen Blatt, aber sie hatte für Hilfe gesorgt, auch wenn diese nun anscheinend in eine andere Richtung gehen würde, als sie vermutet hatte.
    Einigermaßen verwirrt betrachtete Semir die Besucherin genauer. Irgendwie hatte er das Gefühl, es sei besser, nicht weiter von seinen Erlebnissen zu berichten bevor er nicht genau wusste, was hier los war. Argwöhnisch musterte er die adrett gekleidete, wenn auch ein wenig spießig wirkende Frau, die er auf Mitte vierzig schätze. Sie erhob sich, kam auf ihn zu und bot ihm die Hand zur Begrüßung an, die Semir, wenn auch recht zögerlich, ergriff. Denn so langsam beschlich ihn eine Ahnung, in welcher Rolle Frau Nerling hier fungierte und er solle mit dieser Vermutung Recht behalten.
    „Herr Gerkhan, Sie haben ein sehr traumatisches Erlebnis hinter sich gebracht, genauer gesagt, scheinen Sie sich immer noch darin zu befinden“, begann sie und ließ jetzt erst Semirs Hand los. „Bitte setzten Sie sich doch kurz zu mir.“ Semir war klar, dass er aus der Nummer nicht einfach so rauskommen würde und beschloss daher, erst einmal mitzuspielen, vielleicht würden sie ihm dann zuhören. Dass Frau Krüger seinen zugegeben recht unglaubwürdigen Bericht für eine Ausgeburt seiner Phantasie hielt, war mehr als deutlich zu merken gewesen. Sie schien seinem Urteil inzwischen insgesamt nicht mehr zu trauen, denn sonst hätte sie kaum diese Psychotante herbestellt. Er setzte sich also in der Hoffnung, das Ganze bald hinter sich gebracht zu haben. Er musste jetzt nur sehr gut aufpassen, was er noch sagte.
    „Ich lasse Sie beide dann am Besten mal allein“, sagte Frau Krüger, verließ das Büro und schloss die Tür hinter sich, um die anderen darüber zu informieren, dass wenigstens Semir gesund und munter zurück gekehrt war.

  • Aufmerksam sah Frau Nerling Semir an, der sich immer unwohler fühlte und nicht so recht wusste, was jetzt von ihm erwartet wurde. „Hören Sie, ich weiß nicht, was das Ganze hier soll, aber mir geht es gut und ich habe eigentlich gar keine Zeit für das hier“, sagte er schließlich, als ihm das Schweigen auf die Nerven zu gehen begann. „Ja, ich habe Ihre Geschichte gehört“, sagte die Psychologin. „Ihr Partner ist trotz des Autounfalls, der seine Beifahrerin getötet hat, noch am Leben und befindet sich in der Gewalt einer Sekte, das heißt, er konnte inzwischen entkommen und befindet sich jetzt in irgendeinem Wald auf der Flucht.“ Semir schwieg. Wenn sie das alles so nüchtern und sachlich vortrug, klang das alles schon irgendwie komisch, so ganz anders, als er es erlebt hatte. Es war kein Wunder, dass man dieser Geschichte keinen Glauben schenkte.
    „Herr Gerkhan, Sie waren mehrere Tage spurlos verschwunden. Niemand weiß, wo Sie sich in dieser Zeit aufgehalten haben oder mit welchen Leuten Sie zu tun gehabt haben.“ Aufmerksam studierte sie die Mimik und Körpersprache ihres Gegenübers und kam zu dem Schluss, dass sie mit diesen Vermutungen richtig gelegen hatte. Der Mann brauchte wirklich dringend ihre Hilfe, bevor sein Zustand noch schlimmer wurde. Sie machte also weiter. „Manchmal, wenn wir uns nicht eingestehen können, dass wir jemanden verloren haben, wenn wir nicht loslassen können, dann beginnen wir, diese Person überall zu sehen.“ „Nein!“, brauste Semir auf und sprang hoch. „Nein, er war es, da bin ich hundertprozentig sicher!“ beharrte er auf seiner Meinung, auch wenn er sich insgeheim eingestehen musste, dass er sich nicht wirklich sicher gewesen war. Frau Nerling blieb völlig ruhig und gelassen. Diese Reaktion war völlig typisch. Sie deutete auf den Platz neben sich und sprach erst weiter, nachdem Semir sich wieder gesetzt hatte. „Sie waren mit Menschen in Kontakt, die andere manipulieren, denn das ist die existentielle Aufgabe einer Sekte. Können Sie sicher sein, dass Sie nicht in irgendeiner Art und Weise beeinflusst worden sind? Haben Sie vielleicht unbemerkt etwas zu sich genommen, was diese Vorstellung ausgelöst haben könnte?“ Semir schwieg, denn er konnte ihr nicht widersprechen. Alles, was sie sagte, hatte Hand und Fuß und klang so erschreckend logisch. Doch er war noch nicht bereit, ihren Ausführungen zu folgen und vor allem den Schlüssen, die sie daraus zog.
    Sie sprach weiter: „Es ist unmöglich, dass Sie Herrn Jäger tatsächlich gesehen haben. Er ist definitiv bei dem Autounfall ums Leben gekommen und hoffentlich wird man ihn irgendwann finden.“ Sie beobachtete Semirs Reaktion genau. Trotz aller Professionalität hatten ihr die letzten Worte, die sie hatte sagen müssen, leid getan, aber es hatte sein müssen. Die psychische Verfassung dieses Mannes war doch labiler, als man ihr berichtet hatte, was bei der Vorgeschichte aber auch kein Wunder war. Sie musste ihn unbedingt dazu bringen, loszulassen, denn sonst konnte sich das Ganze zu einer regelrechten Psychose und der Besessenheit den Partner zu finden, ausweiten. Und dann würde es weit schwieriger werden, ihm zu helfen. Doch dann bemerkte sie, wie es in ihm arbeitete und dann konnte man förmlich dabei zusehen, wie er regelrecht in sich zusammenfiel.



    Da ich morgen nicht dazu kommen werde, etwas einzustellen, gibt es heute Abend noch ein Kapitel!

  • Semir fühlte sich auf einmal so entsetzlich müde. Wenn sie nun doch Recht hatte? War das alles nicht real gewesen, was er erlebt hatte? Hatten seine Sinne ihm einen grausamen Streich gespielt, weil er einfach nur wollte, dass Ben noch am Leben war? Weil er den Tod seines Partners nicht akzeptieren konnte? War es wirklich Ben gewesen, den er da gesehen hatte?
    Aber es war nur von hinten und aus größerer Entfernung bei wenig Licht gewesen. Es gab wahrscheinlich viele Menschen, die aus dieser Perspektive wie Ben aussehen konnten, vor allem, wenn man dies einfach sehen wollte. Semir wusste nicht mehr, was er denken sollte, er wusste nur, dass er am Ende seiner Kräfte war und einfach nicht mehr konnte. Und je länger er darüber nachdachte, was ihm diese Frau gerade gesagt hatte, desto wahrscheinlicher kam es ihm vor, dass sie Recht hatte, auch wenn er das eigentlich gar nicht wollte. Aber das war wahrscheinlich das Problem. Er wollte nicht, dass Ben tot war, aber das lag nicht in seiner Macht.
    „Ich weiß nicht mehr, was ich noch denken soll“, sagte er leise. „Ich kann Ihnen dabei helfen“, antwortete Frau Nerling ebenso leise und mit einfühlsamer Stimme. Semir nickte nur. „Gehen Sie nach Hause, Herr Gerkhan“ fuhr sie in sanftem Ton fort. „Gehen Sie zu ihrer Familie und erholen Sie sich etwas. Ich werde auch morgen für Sie hier sein.“ Aufmunternd sah sie ihn an und erhob sich. Auch Semir stand auf. Sie schüttelte ihm die Hand und verließ das Büro. Wie in Trance verließ auch Semir das Zimmer. Von seiner Aufregung und dem dringenden Wunsch, zurückzukehren und Ben da raus zu holen war nichts mehr übriggeblieben. Zu sehr hatte ihm das alles zugesetzt, er konnte wirklich nicht mehr. Die Blicke der anderen nahm er erneut nicht wahr. Wie er schließlich nach Hause gekommen war, wusste er dann auch nicht mehr genau, er war nur froh, dass er anscheinend keinen Unfall gebaut hatte. Er war wirklich völlig fertig. Andrea hatte ihn bereits erwartet. Sie schien zu wissen, was geschehen war und Semir war froh, nichts erzählen zu müssen. Er war erleichtert, dass sie ihm keine Vorwürfe machte, dass er einfach verschwunden gewesen war. Sie musste sich große Sorgen um ihn gemacht haben, das wurde Semir erst jetzt klar. Wie egoistisch er mal wieder gewesen war! Er nahm sich fest vor, das alles wieder gut zu machen. Und so gab er sich an diesem Abend ganz seiner Rolle als Familienvater hin.


    Während Semir es sich mit seiner Tochter gemütlich machte, suchte Ben in der Hütte, in der er gefangen war, nach einer einigermaßen bequemen Position, die die Schmerzen in seinem Bein erträglich machte.


    Während Semir mit seiner Familie zu Abend aß, ließ Ben sein karges Mahl, in dem er Drogen oder Schlafmittel vermutete erst einmal stehen, bis ihn der Hunger und vor allem der Durst doch schwach werden ließen.


    Während Semir und Andrea zu Bett gingen und sich aneinander kuschelten, versuchte Ben, die Schmerzen zu verdrängen, ebenso wie seine Sorge, jämmerlich an einer Infektion zu Grunde zu gehen.


    Während Semir schließlich ruhig einschlief, klammerte sich Ben mit letzter Kraft an sein Bewusstsein mit der Angst, am nächsten Morgen nicht mehr aufzuwachen.


    Während Semir schließlich zum ersten Mal seit langem wieder erholt erwachte, begann für Ben der nächste Tag in Einsamkeit und Verzweiflung.



    Fortsetzung folgt am Dienstag!

  • Es war nun knapp eine Woche her, nachdem das alles passiert war. Semir hatte in dieser Zeit tagtäglich lange Gespräche mit Frau Nerling geführt und inzwischen fühlte er sich tatsächlich ein wenig besser. Dennoch hatte er sich noch einmal auf den Weg in den Wald gemacht und so stand er schließlich wieder hier, diesmal aber am helllichten Tag und unter ganz anderen Umständen. Er war wichtig für ihn gewesen, diesen Ort noch einmal aufzusuchen, um mit allem abschließen zu können. Und wenn er genau in sich hineinhorchte, war da auch noch immer dieser letzte Zweifel, ob Ben wirklich tot war. Semir hatte niemandem gesagt, dass er hierher fahren wollte, er war sich nicht sicher, ob ihm das nicht irgendjemand wieder ausgeredet hätte. Doch er war fest entschlossen, sich noch einmal hier seinen Gefühlen und Gedanken zu stellen, um danach endgültig nach vorn blicken zu können.
    Er sah sich um. War es wirklich erst wenige Tage her gewesen, dass er des nachts hier herumgeirrt war? Er konnte es sich kaum noch vorstellen. Bei Helligkeit und vor allem in Ruhe wirkte alles ganz anders als in der Nacht, in der er Ben zu sehen geglaubt hatte. Es musste ihm schlechter gegangen sein, als sich eingestehen wollte, wie sonst hätten ihm seine Sinne diesen grausamen Streich spielen können. Und wer wusste schon, ob er während seiner Anwesenheit bei der Sekte nicht etwas zu sich genommen hatte, was all dies verursacht hatte. Die Psychologin hatte schon Recht, wenn sie diesen Leuten die Verwendung von Drogen und Halluzinogenen unterstellte. Anders war es wohl wirklich nicht zu erklären.
    Während Semir einfach nur vor sich hinstarrte und seinen Gedanken nachhing, bemerkte er nicht einmal, dass ihm Tränen über das Gesicht liefen. Er hätte nicht gewusst, wann er das letzte Mal geweint hatte, aber er wäre ihm auch egal gewesen. Er wusste nicht, wie lange er hier gestanden hatte, doch als er sich endgültig zum Gehen wandte, war ihm zumindest eins klar geworden. Es war hier und jetzt vorbei, er musste jetzt in sein altes und zugleich neues Leben zurückkehren, um dort weiterzumachen, wo er aufgehört hatte. Er drehte sich um und wollte schweren Herzens losgehen, als er halb versteckt unter einem Farn etwas Silbernes glitzern sah. Seine Neugierde war geweckt und so kniete er sich auf den Boden, um genauer nachzusehen, was es war. Er griff nach dem Gegenstand, bei dem es sich um eine Art Anhänger handelte. Er konnte erst nichts genaues erkennen, erst als er sein Fundstück vollständig vom Schmutz befreit hatte, drang langsam in sein Bewusstsein, was er da in der Hand hielt und diese Erkenntnis traf ihn wie der Schlag.
    Es war unverkennbar, dass es sich um den gleichen Anhänger handelte, den Ben immer trug. Und wie groß war schon die Wahrscheinlichkeit, dass jemand anders als Ben diesen hier verloren haben könnte! Und das wiederum bedeutete, dass er irgendwann hier gewesen sein musste! Semir hatte also doch Recht gehabt! Es war keine Einbildung gewesen! Er hatte ihn wirklich gesehen… Langsam stand Semir auf. Er merkte kaum, wie sehr seine Knie zitterten, denn sein schlechtes Gewissen meldete sich nun mit voller Wucht. Warum hatte er nicht darauf beharrt, bei dem zu bleiben, was er gesehen hatte? Er war doch sonst so hartnäckig, warum hatte er dieses Mal aufgegeben? Doch tief in seinem Inneren wusste Semir die Antwort. Ein Teil von ihm hatte geglaubt, Ben sei nicht mehr am Leben und der Rest von ihm war nicht stark genug gewesen, denn ihm hatte die Unterstützung von seinem Partner gefehlt um gegen alle anderen zu bestehen. Doch jetzt wusste Semir genau, was er zu tun hatte. Er würde Ben finden und wenn es das Letzte wäre, was er täte! Das war er seinem Freund und Partner schuldig, auch wenn dieser jetzt doch tot sein sollte. Er hatte wertvolle Zeit verloren, als er sich von dieser Psychologin hatte bequatschen lassen.

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