Tödlicher Wahnsinn

  • Hallo, hier kommt mal wieder was von mir...!


    Ein Montagmorgen im April.


    Es war der erste wirklich schöne Frühlingstag in diesem Jahr, so dass Ben nicht widerstehen konnte, seine Harley aus der Garage zu schieben und mit ihr die erste Fahrt nach dem langen Winter – wenn auch nur zum Dienst in die PAST – anzutreten.


    Seine Maschine nahm Meter für Meter des grauen Asphalts vor ihm unter die Räder, in Ben´s Ohren dröhnte „Born to be wild“ von Steppenwolf. Er liebte dieses Lied, während er durch die Gegend cruiste. Die Musik, die Geschwindigkeit und der Fahrtwind, der ihm gegen die Brust drückte – es war einfach ein gigantisches Gefühl von Freiheit, so ganz ohne störendes Blech drumrum auf seiner geliebten Harley durch die Gegend zu brausen. Er musste sich schon sehr beherrschen, kurz vor der Ausfahrt zur PAST den Blinker zu setzen und die Ausfahrt zu nehmen, anstatt einfach immer weiter zu fahren. Aber Dienst war Dienst und er konnte nach Feierabend immer noch einen kleineren oder größeren Umweg nach Hause nehmen.


    Zur selben Zeit war Semir gerade auf den Parkplatz gefahren. Er war gerade aus seinem Wagen gestiegen, als er hinter sich das charakteristische Blubbern von Ben`s Harley hörte, der in immer noch rasantem Tempo auf den Parkplatz brauste und in einem gelungenen Bogen genau neben ihm zum stehen kam. Semir lehnte grinsend an seinem Wagen, während Ben den Zündschlüssel drehte, um den Motor abzustellen. Mit einem raschen Griff löste er den Verschluss seines Helms, nahm ihn ab und hängte ihn lässig über den Seitenspiegel. Semir grinste immer noch und meinte: „Guten Morgen Partner! Na, ist die Saison der Organspender wieder eröffnet? Kaum liegen die Temperaturen wieder über dem Gefrierpunkt, schon kommt ihr wieder aus euren Höhlen gekrochen.“


    Ben fuhr mit seiner rechten Hand durch seine Haare, um seinen Wuschelkopf nur noch mehr zu zerzausen und grinste von einem Ohr zum andern.
    „Oh Mann, Semir – es ist einfach herrlich. Du ahnst nicht, was du verpasst. Leih dir doch mal eine Maschine, dann machen wir mal ne Tour zusammen. Wär doch klasse.“
    Semir schüttelte dankend den Kopf.
    „Ne, ne, lass mal, Andrea würde mir den Kopf abreisen, wenn ich mich auf so ein Ding setzen würde. Ausserdem ist das nichts für mich, ich bleib lieber bei meinen vier Rädern.“
    „Quatsch,“ Ben schüttelte bestimmt den Kopf. `“ich kenn da einen Bike-Shop, der verleiht alle möglichen Modelle. Auch Pocket-Bikes, da ist für jede Größe was dabei,“ grinste Ben anzüglich und wich gleichzeitig geschickt dem angedeuteten rechten Haken von Semir aus.
    „Na, unser Jungspund ist ja ganz schön frech heute morgen. Wird Zeit, dass du Arbeit bekommst. Wir hätten noch jede Menge Berichte zu schreiben….“
    Ben zog einen Schmollmund.
    „Och nööö – nicht bei dem Wetter, das kannst du mir nicht antun, Semir.“ Der bittende Dackelblick, mit dem er seinen Partner dabei ansah, brachte Semir schon wieder zum Lachen.
    „Na gut, überredet. Dann geht’s eben raus auf die Bahn – aber auf vier und nicht auf drei Rädern, klar?“
    Die beiden Kommissare lachten und gingen gemeinsam in die PAST.

  • Keiner von beiden hatte den dunklen Van beachtet, der an der Einfahrt zur PAST stand. Und keiner der Beiden bemerkte den Mann, der kurze Zeit später ein kleines, viereckiges Kästchen an Bens Motorrad anbrachte. Genauso, wie weder Ben noch Semir ahnten, was die nächsten Stunden und Tage bringen würden.


    Victor Lerch setzte sich wieder in den Van und während er den Motor startete, murmelte er vor sich hin: „Genieß diesen Tag mit deinem Partner, Gerkhan, es wird der letzte sein.“ Dabei huschte ein diabolisches Grinsen über sein sonst wie versteinert wirkendes Gesicht.


    Für Semir und Ben brachte der Tag nichts Aufregendes – nur die übliche Routine der Streifenfahrt auf der Autobahn.
    „Hach“, Ben seufzte wohlig vor sich hin. „Gleich ist Feierabend und die Sonne scheint immer noch. Willst du wirklich nicht mit mir eine Runde drehen, Semir?“ Ben grinste seinen Partner lausbubenhaft von der Seite an.
    „Vielleicht ein anderes Mal, Ben. Ich hab Andrea versprochen, heute pünktlich zu Hause zu sein – sie hat irgend so einen Frauenabend, da muss ich bei den Kleinen bleiben. Tob dich bei der ersten Ausfahrt dieses Jahr lieber alleine aus.“
    „Dann werd ich das mal tun,“ meinte Ben schwang seine langen Beine aus Semirs Wagen, der grade auf dem Parkplatz ausgerollt war. Mit einem kurzen Winken verabschiedeten sich die beiden und Semir brauste vom Parkplatz.


    Kurze Zeit später hatte Ben wieder die Straße unter die Räder genommen und drehte beschwingt am Gashebel. Er beschloss, seine Feierabendrunde in Richtung Neuss zu fahren und die Harley mal wieder richtig zu fordern.


    Victor Lerch hatte beobachtet, wie Ben vom Parkplatz der PAST fuhr und folgte ihm in großer Entfernung. Er hatte keine Sorgen, das Motorrad aus den Augen zu verlieren – der kleine Sender, der gleichzeitig eine Bombe war, würde dafür sorgen, dass ihm der Bulle nicht entwischte. Dieser Gerkhan würde sich noch wundern. Nachdem der vor fast 10 Jahren dafür gesorgt hatte, dass er in die Irrenanstalt kam, war kein Tag vergangen, an dem er ihm nicht Rache geschworen hatte. Knast alleine hätte ihm nicht mal was ausgemacht, aber niemand nannte ihn ungestraft einen Irren – auch kein Bulle. Er würde sich auf seine Art rächen und dem Bullen gleichzeitig zeigen, dass er genau wusste, was er tat und ihn nichts und niemand von seinem Vorhaben abhalten konnte.


    Ben fuhr inzwischen auf der L380 bei Neuss. Der schwarze Van war etwa einen halben Kilometer hinter ihm. Die Straße war beinahe leer, nur ab und zu kam ihm ein Auto oder ein Motorrad entgegen, schließlich war der Feierabendverkehr um diese Zeit längst durch.
    „Genau der richtige Moment,“ murmelte Victor Lerch vor sich hin, und drückte den Knopf an dem kleinen Sendegerät, das vor ihm auf dem Armaturenbrett lag. Er konnte Ben sehen, der ein ganzes Stück vor ihm auf der Landstraße fuhr. Der Spass konnte beginnen…mal sehen, wie gut der Bulle sein Motorrad beherrschte..!

  • Ben hörte plötzlich einen Knall, der wie eine Detonation klang. Er hatte aber keine Zeit, sich über die Ursache Gedanken zu machen, denn plötzlich schlingerte seine Harley wie wild. Irgendetwas musste mit dem Hinterrad sein. Obwohl Ben ein guter Fahrer war und sich alle Mühe gab, die Maschine auf der Straße und vor allem auf den Rädern zu halten, konnte er nicht verhindern, dass er stürzte und mit seiner Maschine noch einige Meter auf dem rauen Asphalt rutschte, ehe Mann und Maschine schließlich in einiger Entfernung voneinander auf der Straße zum Liegen kamen.


    Beim Aufprall auf die Straße verspürte Ben einen scharfen Schmerz in der linken Hüfte, aber seine Gedanken kreisten nur darum, von der schweren Maschine wegzukommen, damit er von ihr nicht zerquetscht wurde. Nun lag er benommen auf der Straße. Er hatte noch gar nicht richtig realisiert, was eigentlich passiert war – alles war viel zu schnell gegangen, als dass er irgendwas hätte verhindern können. Er versuchte, sich aufzurichten, aber ein stechender Schmerz im linken Bein ließ ihn zurücksinken. In Gedanken sortierte er seine Knochen und versuchte zu lokalisieren, wo es ihm überall weh tat. Deshalb bemerkte er den Mann erst, als er bereits vor ihm stand.
    „Kann ich ihnen helfen? Sind sie verletzt?“
    Der Mann war neben ihm in die Knie gegangen und berührte ihn fürsorglich an der Schulter.
    Ben stöhnte kurz auf.
    „Ich weiss nicht ….. ich glaub nicht, dass viel passiert ist.“
    Ben rappelte sich nun doch hoch.
    „Sie könnten mir helfen, die Maschine wieder aufzustellen, mal sehen, ob sie noch läuft“, meinte Ben mit einem verzweifelten Blick in Richtung Motorrad. Seine Maschine so auf der Straße liegen zu sehen, tat ihm fast mehr weh, als die eigenen Blessuren. Seine Jeans war am linken Bein zerrissen und verdächtig rot gefärbt. Das Bein brannte wie Feuer, der raue Asphalt hatte ihm die Jeans und einen Teil der Haut wegradiert.


    „Ich glaube nicht, dass das nötig sein wird, sie kommen mit mir…..“, meinte der freundliche Helfer nur und noch ehe Ben eine Antwort geben konnte, traf ihn der Handkantenschlag des Mannes am Hals und schickte ihn ins Land der Träume. Victor Lerch sah sich kurz um, ob jemand in der Nähe war und schleifte Ben zu seinem Van, um ihn kurzerhand im Kofferraum zu verstauen. Mit quietschenden Reifen fuhr er davon. Die Harley lag einsam am Straßenrand.

  • Als Semir am nächsten Morgen ins Büro kam, war Ben´s Platz noch leer.
    „Ist der Bursche schon wieder zu spät,“ murmelte Semir kopfschüttelnd und nahm sich vor, Ben mal ordentlich die Leviten zu lesen. Es ging nun wirklich nicht, dass er fast jeden Morgen zu spät kam – und das immer mit fadenscheinigen Ausreden. Semir ließ sich auf seinen Stuhl fallen und sah missmutig auf seinen Schreibtisch. Da türmte sich die Büroarbeit, die ihm so verhasst war. Aber zur Strafe würde er Ben einen Großteil aufs Auge drücken. Er packte einen ganzen Stapel der Akten und ließ ihn grinsend auf Ben´s Schreibtisch plumpsen.
    „So mein Junge, damit bist du ne ganze Weile beschäftigt,“ dachte er befriedigt und begann mit der Arbeit.


    Kurze Zeit später streckte Susanne den Kopf zur Tür herein:
    „Du sollst zur Krüger kommen –sofort.“ Susanne machte eine Kopfbewegung in Richtung Büro der Chefin. Semir seufzte und stand auf. Nun hagelte es wohl einen Anschiss, weil Ben immer noch nicht da war. Irgendwann musste das ja mal so kommen.
    „Guten Morgen, Chefin.“
    Semir gab sich betont gut gelaunt, vielleicht konnte das die Krüger etwas milde stimmen. Aber als er sie ansah, konnte er an ihrem Blick erkennen, dass irgendwas nicht stimmte. Wenn sie wütend war, dann konnte man ihr das überdeutlich ansehen. Dann sprühten ihre dunklen Augen förmlich Blitze, aber jetzt sah sie eher besorgt aus.


    „Guten Morgen Herr Gerkhan,“
    Sie machte eine kurze Pause, ehe sie fortfuhr.
    „Ich habe gerade einen Anruf von den Kollegen in Neuss erhalten.“
    Semir zog die Augenbraue hoch, sagte aber nichts und wartete darauf, dass die Chefin ihn weiter informierte.
    „Sie haben an der L380 gestern abend ein Motorrad gefunden. Es lag herrenlos am Straßenrand.“
    Wieder machte sie eine kurze Pause, in der in Semir schon eine dunkle Ahnung hochkroch.
    „Es war Ben´s Motorrad,“ kam die Bestätigung seiner Befürchtung auch gleich von der Krüger.
    Semir blickte die Chefin entgeistert an. Was hatte Ben´s Harley in Neuss zu suchen? Da fiel es ihm wieder ein. Ben wollte gestern abend ja noch eine Runde drehen.


    „Und Ben?“


    Semirs Stimme klang rau, er machte sich auf das Schlimmste gefasst.
    „Von Herrn Jäger keine Spur. Die Kollegen haben gestern abend noch die nähere Umgebung abgesucht. Sie vermuteten, dass der Fahrer verletzt wäre und vielleicht unter Schock stehen würde und deshalb ziellos durch die Gegend läuft. Aber nichts!“


    Semir schluckte und wollte etwas sagen, aber die Chefin kam ihm zuvor.
    „Schnappen Sie sich Bonrath und Herzberger und fahren sofort da hin. Ich habe bereits veranlasst, dass die Maschine von Herrn Jäger in die KTU gebracht wird. Hartmut soll sie sich mal ansehen.“


    Semir nickte.


    „Danke Chefin,“ sagte er nur und war schon aus dem Büro. Im Laufschritt bedeutete er den beiden Kollegen, mit ihm zu kommen. Als er deren fragende Gesichter sah, meinte er nur:
    „Ich erkläre es euch unterwegs.“
    Und schon waren alle drei draußen.

  • Kim Krüger stand am Fenster und sah, wie die drei vom Hof brausten. Auch sie hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend. Ben war ein sehr guter Motorradfahrer – aber auch ihm konnte durchaus was passieren. Aber wo war er dann? Die Krankenhäuser der Umgebung waren schon informiert, aber bisher kam noch keine Meldung über einen verletzten Motorradfahrer. Sie hoffte nur, dass sich die Sache bald aufklären würde und Ben wohlbehalten vor ihr stehen und sich mit hängendem Kopf für sein Zuspätkommen entschuldigen würde. Aber so richtig daran glauben konnte sie nicht……


    Ben spürte sämtliche Knochen in seinem Leib. Sein Nacken schmerzte fürchterlich. Er wollte mit der Hand an die schmerzende Stelle greifen. Doch was war das? Er spürte etwas Schweres an seinem Handgelenk und bei jeder Bewegung klirrte es verdächtig. Urplötzlich war Ben hellwach und riss die Augen auf. Ungläubig starrte er auf seine Hände – die Handgelenke waren jeweils mit einem eisernen Ring versehen, an dem eine grobe Kette befestigt war. Auch seine Füße waren entsprechend „verziert“. Die Kette zwischen den beiden Fesseln war grade mal so lang, dass er kurze Schritte damit würde machen können. Ausserdem waren seine Fußfesseln noch mit einer weiteren, etwa 1,50 m langen Kette verbunden, die in der Wand verankert war. Sein Bewegungsradius war also stark eingeschränkt.


    „Na, Herr Kommissar, sind wir wieder munter?“


    Ben riss den Kopf herum, um zu sehen, wer ihn da so „freundlich“ begrüßte. Vor ihm stand ein Mann, der ihm irgendwie bekannt vorkam. Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: er hatte einen Motorradunfall gehabt und dieser Mann hatte ihm Hilfe angeboten.
    Aber weshalb war er überhaupt gestürzt?
    Er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern.
    Und weshalb lag er jetzt hier mit Fesseln, die ihn ans Mittelalter erinnerten?
    Wie war er hierher gekommen? Er kam sich vor, wie in einem schlechten Traum.


    Mit jeder Frage, die er sich im Stillen stellte, schmerzte sein Schädel stärker und er griff sich mit beiden Händen an den Kopf und stöhnte leise auf.


    „Kopfschmerzen?“ fragte ihn sein Gegenüber mit schadenfrohem Unterton in der Stimme.
    „Keine Angst, das wird Nebensache. Wenn ich mit dir fertig bin, wärst du froh, nur Kopfschmerzen zu haben.“
    Ben starrte sein Gegenüber an.
    „Was soll der Scheiß? Was wollen Sie von mir?“
    Wütend zerrte er an seinen Fesseln.

  • .....und hier nochmal ein kleiner Teil (damit der Anschluss nachher besser passt :D:D
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    Der Kerl stand grinsend vor ihm, ignorierte Ben´s Frage und zeigte mit der Hand auf dem Mann, der grade den Raum betreten hatte:
    „Das ist Bruno,“ stellte er den Mann vor, der wohl fast 2 m groß war und Schultern hatte, die einer Schrankwand ähnelten.
    „Ich würde mich an deiner Stelle gut mit ihm stellen. Bruno hat zwar nicht viel in der Birne, aber er tut immer genau das, was ich sage – und er ist mir treu ergeben. Nicht wahr Bruno?“ Er legte seinem Gehilfen freundschaftlich den Arm um die Schulter.


    Der Hüne nickte und grinste Ben dümmlich an. Offenbar machte ihm die Beleidigung, die sein „Chef“ da grade ausgesprochen hatte, nicht das geringste aus. Wahrscheinlich hatte er nicht mal kapiert, was gemeint war.


    „Bruno wird sich um dich kümmern – natürlich immer in der Weise, wie ich es ihm befehle. Und ich würde dir nicht raten, ihn zu provozieren. Er hat schon einigen mit blossen Händen das Genick gebrochen.“


    Ben zweifelte keinen Augenblick an der Aussage seines Entführers. Aber er wusste nun immer noch nicht, was hier eigentlich gespielt wurde. Das Hämmern in seinem Schädel raubte ihm fast den Verstand.

  • Semir war inzwischen an der Stelle der L380 angekommen, wo man Ben`s Motorrad gefunden hatte. Die Maschine war bereits abgeholt worden, aber die Kollegen aus Neuss warteten schon auf ihn. Auch Dieter und Hotte brachten eben ihren Porsche hinter Semirs Wagen zum Stehen und stiegen aus.


    „Polizeiobermeister Feldmann,“ begrüsste sie der uniformierte Kollege. Semir erwiderte den Gruß, ehe er zur Sache kam.
    „Hier haben sie das Motorrad gefunden?“
    Feldmann nickte.
    „Ja, wir wurden gestern Abend von einem vorbeikommenden Autofahrer angerufen und sind sofort hierher gefahren. Aber von dem Fahrer war weit und breit nichts zu sehen.“
    Semir blickte zuerst auf den Asphalt und dann die Straße entlang.
    „Die Straße ist doch schnurgerade. Wieso ist Ben da gestürzt? Er ist ein ausgezeichneter Motorradfahrer.“
    Semir war ratlos.
    „Das haben wir uns auch schon gefragt,“ erwiderte Feldmann schulterzuckend.
    „Irgendjemand muss das doch gesehen haben – hier fahren doch ständig Autos vorbei.“
    Feldmann schüttelte den Kopf.
    „Um die Zeit, in der der Unfall passiert ist, ist hier nicht viel Verkehr. Wahrscheinlich lag das Motorrad schon einige Zeit hier, ehe wir informiert wurden.“


    Semir ging in die Hocke und betrachtete die Stelle, an der die Lage des Motorrades markiert war. Plötzlich fiel ihm ein kleiner dunkler Fleck auf dem Asphalt auf, an den sich in unregelmäßigen Abständen weitere kleine dunkle Flecke reihten. Semir fuhr mit dem Zeigefinger über die Fläche.
    „Das ist Blut! Es ist nicht viel, aber Ben muss verletzt sein.“
    Er richtete sich auf und wandte sich an Hotte.
    „Hotte, die Spurensicherung hierher – sofort! Und startet einen Zeugenaufruf, irgendjemand muss doch was gesehen haben, verdammt noch mal.“


    Die Sorge war aus Semirs Stimme herauszuhören. Während Hotte zum Porsche rannte um alles in die Wege zu leiten, untersuchte Semir nochmals die Blutflecken. Auf einer Strecke von etwa 4 m waren immer wieder einzelne Flecke zu sehen, bis die Spur schließlich zur Straßenmitte hin plötzlich endete. Es sah so aus, als ob sich Ben hier plötzlich in Luft aufgelöst hatte – oder aber in irgend ein Auto gestiegen war. Wenn er aber mit jemanden gefahren war, wieso hatte er sich nicht längst schon gemeldet? Oder auf die vielen Anrufe geantwortet, die Semir im Laufe des Morgens bereits auf Ben`s Handy getätigt hatte?


    Irgendwas war hier mächtig faul, nur was? Er musste es schnellstens herausfinden – und er musste vor allem schnell herausfinden, wo Ben war. Bei diesem Gedanken kroch in Semir wieder das üble Gefühl hoch, das er schon oft gespürt hatte, wenn einer seiner Partner in Gefahr gewesen war – und unwillkürlich ballte er die Hand zur Faust.


    „Semir,“ Hotte war neben ihn getreten und riss ihn aus seinen Gedanken.
    „Hartmut hat gerade angerufen – er hat was an Ben`s Motorrad gefunden, was wir uns ansehen sollen.“
    Semir blickte seinen Kollegen erstaunt an.
    „So schnell? Na dann lass uns fahren. Bin gespannt, was er gefunden hat.“

  • ...und hier noch ein kleiner Teil zur besseren Nachtruhe!
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    Kurze Zeit später trafen Semir, Dieter und Hotte in der KTU ein. Als sie die Halle betraten, sahen sie schon Ben`s Maschine da stehen. Semir betrachtete das Motorrad. Der linke Spiegel war abgerissen, ebenso wie der Fußrasten und die Gangschaltung. Der Tank war auf der linken Seite übel verbeult und zerkratzt – und der Hinterreifen hatte einen Platten.


    „Oh da seid ihr ja schon.“
    Hartmut war gerade neben Semir getreten und wischte sich die Hände an einem Stück Putztuch ab.
    „Gibt es schon was Neues von Ben?,“ fragte er besorgt und musste schlucken, als er Semirs Kopfschütteln sah.
    „Was hast du herausgefunden, Hartmut?“
    Semir blickte den rothaarigen KTU-Spezialisten fragend an.
    „Na ja, wie man unschwer sehen kann, ist die Maschine auf die linke Seite gestürzt und offenbar noch ein ganzes Stück über den Asphalt geschrammt,“ dabei deutete er auf die Schäden, die Semir bereits in Augenschein genommen hatte.
    „Das hab ich auch schon gesehen, Hartmut.“


    Semir war ungeduldig und hatte absolut keine Lust, sich Hartmuts ausführliche Predigt anzuhören. Er wollte endlich wissen, warum Ben auf der schnurgeraden Strecke gestürzt war. Inzwischen war er sich fast sicher, dass da jemand nachgeholfen hatte.


    Hartmut ging neben dem Hinterrad in die Hocke und deutete auf den Platten.
    „Das hier war wohl die Ursache des Unfalls. Aber Ben ist nicht in irgendeinen Nagel oder so was gefahren……..,“ Hartmut drehte sich um und nahm einen kleinen durchsichtigen Beutel vom Tisch, den er Semir unter die Nase hielt.
    „…..hier, das war an der Hinterradfelge befestigt.“
    Semir sah sich das kleine schwarze Teil an.
    „Und was ist das? Bitte Hartmut, lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen – es geht um Ben!“


    „Entschuldige…..natürlich……also das ist sozusagen eine Minibombe mit einem Zünder, der per Fernbedienung ausgelöst werden kann. Als das Ding explodierte riss es ein Loch in den Reifen – und was das bei Tempo 100 oder drüber – ihr kennt ja Ben´s Fahrstil – heisst, das kannst du dir wohl denken.“


    Semir nickte und blickte noch mal auf das Motorrad.
    „Da hat selbst ein guter Fahrer wie Ben wohl keine Chance, die Maschine auf der Straße zu halten,“ meinte er nachdenklich.


    Hartmut nickte und vergrub die Hände in den Taschen seines grauen Arbeitsmantels.


    „Kannst du herausfinden, wo das Ding gekauft wurde?“ fragte Semir hoffnungsvoll.
    „Leider nein, es handelt sich hier um einen Eigenbau – die Teile dazu bekommst du in jedem Elektrogroßmarkt. Jeder halbwegs begabte Zehntklässler könnte dir das Ding nachbauen.“


    Dieter blickte Hartmut erstaunt an.
    „Wirklich? – Also ich wüsste nicht, wie ich das anpacken müsste.“
    Hotte gab Dieter einen Stoß in die Rippen.
    „Ist doch wahr Hotte, oder könntest du so was?“
    Hotte sagte nichts, packte seinen Kollegen am Arm und bugsierte ihn kopfschüttelnd aus der Werkstatt.


    Semir musste leicht grinsen, als er den beiden nachsah.
    „Danke, Hartmut, fürs erste wars das,“ und wandte sich zum Gehen.


    „Gern geschehen, Semir,“ Hartmut räusperte sich.
    „Seht zu, dass ihr Ben bald findet, ja?
    Semir nickte nur und klopfte dem KTUler freundschaftlich auf den Rücken.

  • Ben saß auf dem Boden mit dem Rücken an die Wand gelehnt und sah sich in seinem Gefängnis um. Es war ein kahler Raum, der Boden bestand aus blankem Beton, die Wände waren größtenteils gekachelt, wobei man genau sehen konnte, dass dieses Gemäuer schon bessere Zeiten gesehen hatte. An der Decke verliefen diverse Rohre und eine Art Schienen. Offenbar war hier früher irgendwas mit einer Art Laufkatze transportiert worden. Jetzt fiel ihm auch auf, dass die Ketten seiner Armfesseln an der Decke durch eiserne Ringe liefen und auf einer Rolle, die seitlich an der Wand stand, endeten. Fenster gab es keine, der Raum wurde durch das kalte Licht von einigen Neonröhren beleuchtet und es war saukalt. Ben fror erbärmlich. Das Ganze erinnerte ihn an eine mittelalterliche Folterkammer, wenn an den Wänden anstatt der Kacheln die blanken Backsteine zu sehen gewesen wären.


    Sein Entführer und dessen Gehilfe Bruno waren schon seit geraumer Zeit verschwunden, so dass er genug Zeit gehabt hatte, sich alles genau anzusehen. Die Wunde an seinem linken Bein brannte höllisch, aber gebrochen war anscheinend nichts. Aber er wusste immer noch nicht, was das Ganze zu bedeuten hatte. Er war gerade dabei, nach irgendeiner Möglichkeit zu suchen, um hier rauszukommen, als die Stahltür aufging und Bruno mit seinem „Herrchen“ wieder hereinkam. Bruno schleppte diverse Gerätschaften herein. Unter anderem hatte er einen großen Scheinwerfer und eine Art Stativ dabei, ausserdem eine große Kiste, die wohl diverse Kleinigkeiten enthielt.


    Ben sprang auf die Füße. Er wollte nicht vor den beiden auf dem Boden sitzen, sondern ihnen in die Augen sehen. Bei jeder Bewegung war das gruselige Kettenrasseln zu hören.


    „Na, wie geht’s uns denn? Immer noch Kopfschmerzen?“
    Die Stimme troff vor Hohn. Ein Blick in die Augen seines Entführers ließ Ben noch stärker frösteln, als er es ohnehin schon tat. Aber er durfte keine Angst zeigen.


    „Was soll der Scheiß? Was willst du von mir?“ Wütend stand er vor seinem Peiniger und ballte die Fäuste.


    Sein Gegenüber blickte ihn abschätzend an und lächelte.
    „Na dann will ich mich mal vorstellen. Ich bin Victor. Victor Lerch!“
    Als ihn Ben verständnislos ansah, fuhr er fort.
    „Du kennst mich nicht, aber dein Partner, Semir Gerkhan kennt mich umso besser. Er war der Polizist, der dafür gesorgt hat, dass ich ins Irrenhaus eingewiesen wurde. Ich – ein Genie – im Irrenhaus! Dafür wird er büßen. Niemand nennt mich einen Irren.“


    Victor Lerchs Stimme war schneidig und scharf geworden, als er das sagte. In seinem Blick lag fast schon etwas diabolisches.
    Ben war soweit vor Lerch hingetreten, wie es die Kette an seinen Fußfesseln zuließ und funkelte ihn angriffslustig an.
    „Da hat Semir völlig richtig gehandelt, wenn ich dich so ansehe. Genau da gehörst du hin – und deinen Affen hier kannst du auch gleich mitnehmen.“


    Ben wusste, dass er hoch pokerte, aber das musste einfach raus. Der Kerl hatte doch wirklich einen an der Waffel. Aber schon im nächsten Moment bereute er, dass er sich dazu hatte hinreissen lassen.

  • Auf einen Wink von Lerch, war Bruno blitzschnell hinter ihm und packte seine Arme, die nun wie in einem Schraubstock festsaßen. Der Kerl hatte Bärenkräfte und Ben nicht die geringste Chance, sich zu wehren. Nicht einmal mit den Füßen treten konnte er, da die Kette, mit der er an die Wand gekettet war, bereits gespannt war. Nach vorne war keine Bewegung mehr möglich. ‚Er sah noch, wie Lerch sich einen Schlagring überzog und spürte schon den ersten Schlag in der Magengrube – den ersten von vielen.


    Die Schläge prasselten nur so auf Ben nieder und er war zu völliger Bewegungslosigkeit verurteilt, denn Bruno machte seinen Job gut. Anfangs versuchte Ben noch, die Bauchmuskeln anzuspannen, um den Schlägen die Härte zu nehmen, aber Lerch traf ihn überall. Jeder Schlag ließ eine neue Schmerzwelle durch seinen Körper rasen.


    Irgendwann hatte Lerch sich abreagiert. Bruno ließ ihn los und Ben sackte entkräftet zu Boden. Es gab keine Stelle seines Körpers, die ihm nicht weh tat und er krümmte sich zusammen wie ein kleines Kind.


    Ben war mehr bewusstlos als wach, als sich Lerch zu ihm hinunter beugte und ihm mit zischender Stimme ins Ohr flüsterte:


    „Ich werde dich töten, Ben Jäger.
    Du bist der beste Freund von Gerkhan, und ich werde ihm seinen besten Freund nehmen. Du wirst langsam und qualvoll sterben und er wird tatenlos zusehen müssen. Und wenn ich mit dir fertig bin, werde ich den nächsten seiner Freunde holen, dann seine Frau, sein Kind…..alle werden sterben – nur er wird leben. Ich werde dafür sorgen, dass er alles verliert, was ihm wichtig ist, dass er den Verstand verliert. Diese Rache ist viel mehr wert, als ihn zu töten. NIEMAND NENNT MICH EINEN IRREN !“


    Die letzten Worte hatte Lerch mit greller, hysterischer Stimme herausgeschrien. Seine Augen traten dabei weit aus den Höhlen – sein Blick hatte nichts menschliches mehr an sich.


    Ben hatte die Worte trotz seines Zustandes gehört und auch verstanden. Ihm wurde schmerzlich bewusst, dass er sich in einer Lage befand, aus der er sich selbst kaum heraushelfen konnte, wenn nicht irgend ein Wunder geschah. Er war diesem Irren und seinem Folterknecht hilflos ausgeliefert. Er schloss die Augen und sehnte sich die gnädige Bewusstlosigkeit herbei.

  • Semir fuhr mit Hotte und Dieter wieder zurück in die PAST. Als er das Büro betrat, kam ihm Susanne mit sorgenvollem Gesicht entgegen.
    „Semir …… gibt es was neues von Ben?“


    An ihrem Gesicht konnte man ablesen, dass sie sich große Sorgen machte. Semir wusste, dass sich die beiden schon etwas näher gekommen waren, als es unter Kollegen im allgemeinen üblich war. Und er freute sich darüber, schließlich hatte auch er mit Andrea hier sein Glück gefunden, warum nicht auch Ben?


    „Nein, Susanne, leider noch nicht. Aber wir werden ihn finden, das verspreche ich dir. Wir finden ihn…..“ Semir strich ihr tröstend über den Arm.


    Susanne nickte bedrückt. „Du sollst übrigens zur Chefin kommen,“ murmelte sie und wischte sich verstohlen eine Träne aus den Augen.


    Wenig später stand Semir im Büro von Kim Krüger und berichtete ihr das Wenige, was sie in Erfahrung gebracht hatten.


    Kim Krüger stand mit verschränkten Armen am Fenster und dachte einen kurzen Augenblick nach.
    „Wir müssen Ben`s Akte durchsehen und alle möglichen Kandidaten abklappern, die er ins Gefängnis gebracht hat, und die wieder auf freiem Fuß sind. Vielleicht kommen wir da weiter – irgendetwas müssen wir ja tun.“


    Man konnte deutlich bemerken, dass auch Kim Krüger sich Sorgen um Ben machte.


    Die nächsten Stunden waren Semir, Hotte, Dieter, Susanne und auch die Chefin damit beschäftigt, zu recherchieren, wer für Ben`s Entführung verantwortlich sein könnte, aber es war keine brauchbare Spur zu finden.


    Semir lehnte sich müde zurück und strich sich übers Gesicht. Ben war spurlos verschwunden und sie wussten nicht, wo sie ansetzen sollten. Sie mussten tatenlos warten, bis irgendetwas geschah – und das machte Semir wütend. Er schlug plötzlich mit der Faust auf den Tisch, dass alle anderen erschrocken zusammenzuckten.
    „Verdammt noch mal, das gibt´s doch nicht – wir können hier doch nicht rumsitzen und warten, bis man Ben´s Leiche irgendwo findet.“


    Alle blickten ihn geschockt an – was Semir da gerade gesagt hatte, war auch ihre geheime Befürchtung – nur hatte sich niemand getraut, es auszusprechen.


    Semir erschrak selbst über das, was er eben gesagt hatte – aber er hatte ein unglaublich schlechtes Gefühl und eine furchtbare Angst um Ben.


    „Ich glaube, sie fahren jetzt besser nach Hause und schlafen ein paar Stunden, Semir, es nützt Ben auch nichts, wenn sie hier vor Erschöpfung umfallen. Sobald sich etwas ergibt, werde ich sie anrufen.“
    Semir wollte gerade protestieren, als Kim Krüger hinzufügte: „Das ist kein Vorschlag, sondern eine Dienstanweisung – raus mit ihnen.“ Zur Bekräftigung ihrer Worte zeigte sie mit dem Zeigefinger zur Tür. Ihre Mine duldete keinen Widerspruch.

  • hier noch der kleine Rest des Abschnitts......
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    Semir nickte, stand auf, nahm seine Jacke vom Stuhl und trottete mit hängenden Schultern aus dem Büro. Die Chefin hatte ja Recht, er war fix und fertig – nur ob er jetzt schlafen konnte, das wusste er auch nicht. Zu Hause angekommen, ließ er sich aufs Sofa fallen und vergrub das Gesicht in den Händen. Gestern noch war alles in Ordnung gewesen und jetzt war Ben seit über 24 Stunden spurlos verschwunden.


    Warum nur musste es immer seine besten Freunde treffen?
    Während er darüber nachdachte, fiel sein Blick, wie so oft, auf Tom`s Foto, das an seinem angestammten Platz im Regal stand. Er saß eine ganze Zeit so da und hielt stumme Zwiesprache mit seinem toten Freund. In den Jahren seit Toms Tod war ihm das zur lieben Gewohnheit geworden. Immer, wenn er einen Rat brauchen konnte, überlegte er, was Tom an seiner Stelle getan hätte – und nicht selten kam er dabei auf gute Ideen. Er sah in Toms lächelnde Augen und lächelte müde zurück. Schließlich legte er sich aufs Sofa und fiel in einen unruhigen Schlaf.

  • Ben erwachte, als ihm jemand unsanft in die Seite trat.
    „Hey, Bulle, aufstehen – das Spiel beginnt.“


    Etwas irritiert blickte Ben um sich, und war in der nächsten Sekunde hellwach. Er stand mühsam auf, da er noch immer alle Knochen im Leib schmerzhaft spürte. Bruno war gerade dabei, eine Kamera auf ein Stativ zu bauen, auf einem kleinen Tisch daneben lag ein aufgeklapptes Labtop.


    Lerch, der ihn getreten hatte, grinste ihn gefährlich an.
    „Was soll das werden?“ Ben zeigte mit dem Kopf in Richtung von Bruno. Er versuchte, seiner Stimme seine Angst nicht anmerken zu lasssen. Ob ihm das gelang, konnte er nicht so ganz beurteilen.
    „Lass dich überraschen,“ meinte Victor nur und winkte Bruno mit einer Kopfbewegung zu sich.


    „Arme nach oben,“ befahl Lerch mit harscher Stimme. Ben sah nach oben und bemerkte rechts und links von sich jeweils eine weitere Kette, die von der Decke hing. Panik stieg in ihm hoch, man wollte ihn hier stehend festketten. Verzweifelt versuchte er, sich zu wehren und trat um sich, soweit es ihm die Fussfesseln erlaubten. Er schaffte es sogar, Bruno mit einem geschickten Tritt von den Beinen zu befördern, aber im gleichen Moment drückte ihm Lerch ein Messer an die Kehle.


    „Ich würde mir das gut überlegen, Jäger. Entweder du gehorchst, oder ich steche dich hier und jetzt ab,“ zischte er.
    Ben sah in die kalten Augen von Lerch und wusste, dass dieser es durchaus ernst meinte. Der Kerl war total irre und brandgefährlich. Die Spitze des Messers, die seine Haut am Hals ritzte, tat sein übriges. Also tat Ben, was der Kerl wollte und nach kurzer Zeit waren seine Arme mit den Ketten, die von der Decke hingen, verbunden. Er stand nun mit erhobenen Armen da, unfähig sich groß zu bewegen.


    Vor ihm stand Lerch und betrachtete mit vor der Brust verschränkten Armen zufrieden sein Werk.


    „Du wolltest wissen, was das wird? Nun, ich werde es dir sagen – wir werden jetzt ein Filmchen drehen und anschließend ins Internet stellen. Dann werden wir deinen Freund informieren, dass er dich von jetzt an rund um die Uhr sehen kann. Und er wird auch sehen können, wie es dir geht. Und das wird ihm wahrscheinlich gar nicht gefallen. Er wird sich noch mehr Sorgen um dich machen.
    Er wird nicht mehr schlafen vor Sorge.
    Und irgendwann wird er um dich weinen, weil er zusehen musste, wie du stirbst.“


    Ben schüttelte ungläubig den Kopf und brachte ein hysterisches Lachen hervor.


    „Internet? Da wird es keine 2 Stunden dauern und meine Leute haben mich gefunden. Glaubst du denn, die Polizei ist blöd? Im Gegensatz zu euch arbeiten bei uns keine Irren.“


    Ben hätte sich in dem Moment am liebsten auf die Zunge gebissen. Schon wieder hatte er den wunden Punkt von Lerch getroffen. Er hatte absolut keine Lust, wieder Prügel einzustecken - zumal nicht in seiner jetzigen Lage. Er verfluchte seine impulsive Art. Konnte er denn nie die Klappe halten?

  • Aber entgegen seiner Befürchtung, dass er wieder Prügel beziehen würde, stand Lerch immer noch nach aussen hin ruhig vor ihm und betrachtete ihn. Nur an seinen Augen konnte Ben erkennen, dass dieser sich nur mühsam beherrschte.


    „Was glauben Sie denn von mir, Herr Jäger? Ich bin euch Bullen allemal überlegen. Natürlich weiss ich, dass man den Absender über den Provider feststellen kann. Und natürlich habe ich vorgesorgt – mein Provider sitzt im fernsten Osten – also keine Chance für eure schlauen Techniker.“


    Ben schluckte – er hatte so was befürchtet, aber insgeheim doch gehofft, dass es nicht so sein würde.
    Wie sollte Semir ihn hier nur finden?
    Und wann würde er ihn finden?
    Würde er so lange durchhalten?
    Ben schüttelte seine Bedenken innerlich ab.
    Er durfte nicht aufgeben!
    Er würde durchhalten – und überleben.
    Er würde diesem Irren nicht die Genugtuung geben, dass er ihn kleinbekommen hatte.
    Victor Lerch würde sich an ihm die Zähne ausbeissen!!!


    Aber Ben ahnte auch, dass das ganz und gar nicht einfach werden würde……!


    „Na dann wollen wir deinen Freund mal nicht allzu lange warten lassen. Schließlich wollen wir ihm gute Unterhaltung bieten.“
    Lerchs Stimme riss Ben aus seinen Überlegungen. Er sah zu, wie Lerch einen Scheinwerfer auf ihn richtete.
    „Damit Gerkhan auch nichts entgeht…..,“ meinte er grinsend und tat ein paar Handgriffe an der Kamera, ehe er sich wieder vor ihm aufbaute.
    „Na, dann können wir ja beginnen- ich wünsche viel Spass bei dem, was Bruno mit ihnen vorhat.“


    Ben sah, wie Lerch seinem Folterknecht einen Wink gab und dieser auf ihn zutrat. Durch das grelle Licht des Scheinwerfers sah Ben erst jetzt, dass sich Bruno eine Sturmmütze übergezogen hatte, die nur die Augen frei ließ. Natürlich sollte er auf dem Film nicht erkannt werden. In der Hand hielt er eine Lederpeitsche. Ben ahnte, was nun kommen würde und ihm brach urplötzlich der kalte Schweiss aus.


    „Sie dürfen ruhig schreien, wenn ihnen danach ist. Das macht das Ganze umso interessanter,“ meinte Lerch, der Ben´s aufkeimende Angst wohl bemerkt hatte, und drückte auf den Auslöser der Videokamera.

  • ....und hier noch ein kleiner Rest - wünsche allen eine gute Nachtruhe.....! :D
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    Bruno trat hinter Ben und riss ihm mit einem Ruck das T-Shirt vom Körper, dann holte er mit der rechten Hand, in der er die Peitsche hielt, weit aus. Ben schloss die Augen. Er versuchte sich auf den Schmerz vorzubereiten, der nun kommen würde – und er nahm sich fest vor, nicht zu schreien. Er würde Lerch diese Genugtuung bestimmt nicht verschaffen- und schon spürte er den ersten Schlag mit der Peitsche.

    Der Schmerz war gewaltig, als das Leder der Peitsche auf Ben´s Rücken traf. Einschneidend und scharf mit einem hässlichen Geräusch.


    Ben zuckte zusammen, schrie aber nicht. Er biss die Zähne zusammen, bis die Kieferknochen hervortraten. Und dann kam der nächste Hieb, und der übernächste……. Bens Hände krallten sich um die Kette, mit der er festgebunden war, dass die Fingerknöchel weiss hervortraten. Er versuchte, sich abzulenken, indem er an irgendwas dachte, aber jeder Schlag holte ihn brutal in die Realität zurück und schließlich konnte er einen Schrei nicht mehr unterdrücken, zu groß war der Schmerz. Ben wusste nicht, wie viele Schläge er eingesteckt hatte, als Lerch Bruno mit einem Wink Einhalt gebot.


    „Ich glaube, für heute reicht es. Wir wollen ja nicht, dass du schon am ersten Tag schlapp machst, nicht wahr?“
    Selbstzufrieden ging er mit der Kamera um Ben herum um sie auf den geschundenen Rücken zu richten. Er war übersät mit roten Striemen und an einigen Stellen war die Haut aufgeplatzt, so dass dünne Rinnsale Blut an Ben´s Rücken herunterliefen.


    Ben war fix und fertig und hing mehr an den Ketten, als dass er stand. Lerch zog ihm den Kopf in den Nacken und hielt die Kamera auf Ben´s schmerzverzerrtes Gesicht.


    „So, nun wollen wir deinem Freund mal die kleine Überraschung zugänglich machen. Er wird sich sicher freuen, dich zu sehen.“
    Lerchs Stimme troff vor Sarkasmus und wieder sah Ben den Blick, wie er ihn vorher noch an keinem menschlichen Wesen gesehen hatte.

  • Am nächsten Morgen fuhr Semir, nachdem er geduscht und gefrühstückt hatte, ins Büro. Unterwegs überlegte er, wie sie weiter vorgehen konnten. Er war sich sicher, dass die Kollegen immer noch kein Lebenszeichen von Ben hatten, sonst hätten sie sich gemeldet. Es war einfach zum verrückt werden. Er wusste nicht, wo sie ansetzen sollten.


    „Guten Morgen, Semir,“ begrüsste ihn Susanne. Semir nickte und erwiderte den Gruß, indem er ein knappes „Morgen“ murmelte und in seinem und Ben`s Büro verschwand. Er warf die Jacke über die Lehne seines Stuhles und sah sich hilflos um. Auf Ben`s Schreibtisch lag noch immer der Stapel an unerledigten Akten, den er ihm am Vortag voller Schadenfreude hingeschmissen hatte. Er wäre gerne bereit gewesen, alles alleine aufzuarbeiten, wenn nur Ben jetzt wohlbehalten zur Tür hereinkommen würde. Aber das war nicht der Fall. Statt dessen betrat die Chefin das Büro und auf Semirs fragenden Blick schüttelte sie nur den Kopf.


    „Wir haben keine weiteren Spuren gefunden. Die Kollegen haben alle Anwohner der näheren und weiteren Umgebung befragt – nichts. Wir haben sogar einen Aufruf im Rundfunk gestartet, in der Hoffnung, dass sich ein Autofahrer meldet, der irgend etwas gesehen hat – auch nichts“.


    Kim Krüger stand vor Semir und sah ihn hilflos an. Sie war am Ende ihres Lateins.


    „Und was machen wir jetzt?“


    Semir blickte die Chefin fragend an.


    „Wir können doch nicht einfach so dasitzen und warten, bis irgendetwas passiert. Das macht mich verrück.“


    „Ich muss zugeben, ich weiss es nicht,“ meinte die Chefin resignierend.


    Semir wollte gerade etwas erwidern, als sie einen spitzen Schrei hörten. Fast gleichzeitig ruckten ihre Köpfe herum und sie sahen, wie Susanne mit beiden Händen vor dem Gesicht panisch auf den Bildschirm starrte. Hotte und Dieter waren noch vor Semir und Kim Krüger bei ihr und standen plötzlich ebenso erstarrt und entsetzt da.


    „Mein Gott…..,“ hörte man Hotte nur murmeln, während Semir ebenfalls hinter Susanne trat. Er wollte sehen, was die Sekretärin so aus der Fassung gebracht hatte und starrte in der nächsten Sekunde ebenso geschockt auf das, was er da sah!


    Es war ein kleiner Film auf einem der vielen Videoportale, in die man seine Privatfilme einstellen konnte, damit sie die ganze Welt sah. Und was Semir da sah, ließ ihm das Blut buchstäblich in den Adern gefrieren – er sah Ben!


    Ben war angekettet und wurde von einem vermummten Mann gerade aufs brutalste ausgepeitscht. Die Großaufnahme seines Gesichts zeigte deutlich die Qualen, die er erlitt. Das Ganze war so unwirklich, dass Semir zuerst gar nicht glauben konnte, was er da sah. Der nächste Schlag der Peitsche ließ ihn zusammenzucken und gleichzeitig hörte er das gequälte Stöhnen seines Freundes. Und das zeigte ihm, dass das, was er sah, brutale Wirklichkeit war. Da folterte jemand Ben auf unmenschliche Art.


    Semir ballte unwillkürlich die Fäuste, um das Zittern, das er spürte, zu unterdrücken.
    „Woher hast du das?,“
    Semir musste sich anstrengen, um überhaupt ein Wort herauszubringen. Seinen Freund Ben so zu sehen, kostete ihn unglaubliche Kraft. Eine unbändige Wut auf den, der das getan hatte, stieg in ihm hoch.

  • „Die email….,“ stammelte Susanne.


    ,.„Ich hab gerade eine email bekommen mit diesem Link hier…….,“ wieder schlug sie schluchzend die Hände vors Gesicht. Sie zitterte am ganzen Körper.


    Immer noch starrten alle auf den Bildschirm, wo man gerade Ben´s Rücken in Großaufnahme sah. Semir drehte angewidert den Kopf weg.


    Die erste, die aus der Starre erwachte, war Kim Krüger. Sie griff nach der Mouse und öffnete den Text der email, die Susanne erhalten hatte. Es waren nur wenige Zeilen, die sie mit tonloser Stimme vorlas:


    „Hallo Herr Hauptkommissar Gerkhan!


    Sie suchen sicher schon nach ihrem Partner und Freund. Ich dachte, es würde Sie interessieren, wie es ihm geht. Wenn sie den Link öffnen, können Sie sich selbst überzeugen. Falls Sie sich fragen sollten, was ich von Herrn Jäger will, so kann ich ihnen sagen, dass ich von ihm gar nichts will. Er hat nur das große Pech, ihr bester Freund zu sein. Deshalb wird er für Sie sterben - und nach ihm nacheinander alle ihre Freunde und ihre Familie.


    Sie Gerkhan, werden auf besondere Weise dafür bezahlen, was Sie mir angetan haben. Ich werde dafür Sorgen, dass Sie den Verstand verlieren und in einer Anstalt enden.


    Ach ja: Falls Sie vorhaben, die Filme, die ich von nun an täglich aktualisieren werde, zu sperren, dann wird ihr Freund sofort sterben – ansonsten hat er wenigstens noch einige Tage zu leben, das kommt ganz auf seine Konstitution an.


    Sie können übrigens gerne versuchen, mich zu finden, aber sie werden es nicht schaffen.


    V: L.“
    Als Kim Krüger den Text zu ende gelesen hatte, war es im Büro einen Moment totenstill. Man hörte nur Susannes leises Schluchzen. Semir ließ sich auf einen Stuhl sinken und schlug die Hände vors Gesicht. Alle mussten erst einmal verdauen, was sie da soeben gehört und gesehen hatten.


    „Wer kann so pervers sein, so was zu tun,“ meinte Dieter und schüttelte dabei entsetzt den Kopf.


    Die Chefin legte Semir schweigend die Hand auf die Schulter, ehe sie sich räusperte und an Susanne gewandt, sagte: „Schicken Sie das sofort zu Hartmut. Er soll alles andere stehen und liegen lassen und versuchen, den Provider zu lokalisieren. Irgendwie müssen wir doch an den Absender kommen. Das hat höchste Priorität.“
    Als sie aber sah, dass Susanne wie gelähmt da saß und auf den Bildschirm starrte, sah Sie zu Dieter: „Bonrath erledigen Sie das.“


    Sie legte Susanne den Arm um die Schulter und meinte mit sanfter Stimme: „Kommen Sie, Susanne, Sie legen sich erstmal hin. Sie sind ja völlig fertig.“ Apathisch ließ sich Susanne von der Chefin ins Bereitschaftszimmer führen, wo eine Liege stand. Sie legte sich hin und wurde von Kim Krüger zugedeckt wie ein kleines Kind. „So, nun ruhen Sie sich etwas aus, ich sehe nachher wieder nach ihnen.“

  • Hotte schaute etwas verständnislos hinter den beiden her.
    „Die ist ja völlig fertig.“ Er blickte seinen Kollegen Dieter fragend an.
    „Natürlich ist sie fertig, sie hat ja auch gesehen, wie Ben zugerichtet wurde.“ Als bei Hotte immer noch kein Licht aufging, meinte er kopfschüttelnd: „Mann Hotte, ich glaub du bist hier wirklich der einzige, der noch nicht geschnallt hat, dass sich zwischen Susanne und Ben was anbahnt. Ich glaube wirklich, du wirst langsam alt.“
    Er drehte sich um und sah noch mal über die Schulter zu dem nun völlig verdatterten Hotte.
    „Kümmer dich um Susanne, ich erledige das mit der email.


    Semir, der immer noch total geschockt war, war der Chefin in ihr Büro gefolgt


    „Setzen Sie sich, Semir.“
    Kim Krüger deutete auf einen der Besucherstühle vor ihrem Schreibtisch.
    Semir setzte sich und blickte sie mit Augen an, aus denen man den ganzen Schmerz herauslesen konnte.
    „Wieso Ben? Wieso hat er nicht mich geholt, wenn es ihm doch um mich geht?
    Ben hat doch damit überhaupt nichts zu tun. Oh mein Gott, er wird ihn töten und ich bin schuld daran.“


    „Semir, beruhigen Sie sich. Sie können am allerwenigsten dafür. Wir müssen jetzt einen klaren Kopf behalten und herausfinden, wer der Entführer ist.
    Wer könnte Interesse daran haben, sich an Ihnen auf diese grausame Art und Weise zu rächen?
    Und warum?“


    „Ich weiss es nicht, Chefin. Mir fällt im Moment wirklich niemand ein, der so irre ist, so was zu tun.“


    Wieder strich er sich mit den Handflächen übers Gesicht. Er sah erschöpft aus, so als wäre er in den letzten Minuten plötzlich gealtert.


    „Die Nachricht war mit „V. L.“ unterschrieben, sagt Ihnen das nichts?


    Semir wollte gerade wieder den Kopf schütteln, als ihn die Erkenntnis plötzlich wie ein Blitz traf.


    „Natürlich! Ich weiss jetzt, wer das sein könnte. Wieso bin ich nur nicht gleich darauf gekommen? Es kommt nur der eine in Frage.


    Kim Krüger sah ihn fragend an. Jetzt war plötzlich wieder Leben in Semir gekommen. Er war aufgestanden und ging im Zimmer auf und ab.


    „V. L. steht für Victor Lerch. Es ist schon einige Jahre her, als ich ihn hinter Gitter gebracht habe. Er hatte mehrere Menschen anscheinend planlos und ohne Grund bestialisch ermordet. Es war wie ein Zwang für ihn. Er wurde verurteilt, kam aber nicht ins Gefängnis, sondern in eine geschlossene Abteilung einer Irrenanstalt.“


    Semir hielt kurz inne und dachte nach.

  • .....und hier noch der kleine "Restklecks", damit es wieder passt!
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    „Ich weiss noch genau, wie er mir bei der Urteilsverkündung Rache geschworen hatte. Aber er müsste eigentlich lebenslang in der Psychiatrie sitzen.“


    Kim Krüger griff zum Telefonhörer.
    „Das werden wir herausfinden. Ich lasse mir die Akte von diesem Lerch bringen.“
    Sie sah Semir an.
    „Und sie fahren nach Hause und sorgen dafür, dass ihre Familie in Sicherheit kommt. Anschließend machen wir uns an die Arbeit. Wir müssen Ben so schnell wie möglich finden.“
    Semir schüttelte den Kopf.
    „Andrea ist mit den Kindern bei einer Freundin in Bayern. Sie wollte Ende der Woche zurückkommen. Ich werde sie anrufen, dass sie noch bleibt. Dort ist sie sicher.“ Man merkte seiner Stimme an, dass er froh war, seine Familie weit weg und damit in Sicherheit zu wissen. So konnte er sich voll und ganz darauf konzentrieren, Ben zu finden. Die Zeit saß ihnen im Nacken, wer wusste schon, was der Verrückte sich als nächstes ausgedacht hatte.

  • ....und weiter gehts:
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    Ben hing immer noch an den Ketten. Er war kurz bewusstlos geworden, aber schon nach kurzer Zeit wieder aufgewacht. Sein Rücken brannte wie Feuer und die Handgelenke waren durch das Stahlarmband aufgescheuert. Er fragte sich, ob dieser Lerch und Bruno ihn tagelang in den Ketten hängen lassen wollten. Lange würde er das nicht mehr durchhalten. Die Haltung war mehr als unbequem.


    Er hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als sich die Tür öffnete und Lerch mit Bruno im Schlepptau hereinkam. Innerlich verkrampfte er sich, da er befürchtete, dass sich die beiden neue Quälereien ausgedacht hatten. Aber Bruno stellte ein Tablett mit einem Teller und einer Flasche Wasser auf den kleinen Tisch.


    „Mach in los,“ befahl Victor Lerch seinem Handlanger.
    Bruno löste die Handfesseln von den Ketten, die von der Decke hingen und Ben sackte kraftlos zu Boden. Bruno packte ihn brutal an den Armen und schleifte ihn zur Wand, wo er Ben an eine quer verlaufende Eisenstange, die in der Wand eingelassen war festkettete. . Sie war in einer Höhe angebracht, die Ben sowohl sitzende als auch stehende Haltung erlaubte. Nur hinlegen konnte er sich nicht. Einen kurzen Moment hatte Ben überlegt, die Situation zu nutzen und die beiden zu überwältigen. Aber er hatte den Gedanken sofort wieder verworfen. Er war viel zu schwach, um mit Bruno fertig zu werden. Also ergab er sich in sein Schicksal. Bruno kettete seine linke an die Stange, die rechte ließ er frei, wahrscheinlich hatte er keine Lust, Ben zu füttern.


    Victor Lerch wandte sich Ben zu.


    „So, ihr Freund hat die erste Botschaft erhalten, aber ich bezweifle, dass ihm gefallen hat, was er gesehen hat. Sie werden jetzt erst einmal was essen, schließlich sollen Sie bei Kräften bleiben, damit wir beide lange Spass miteinander haben.“


    Ben hätte Lerch am liebsten ins Gesicht gespuckt, aber er sah die Wasserflasche, die vor ihm stand und merkte plötzlich, dass er grenzenlosen Durst hatte. Es brachte ihm schließlich nichts, wenn er hier verdurstete. Noch hatte er nicht aufgegeben, seine Chance würde sicher noch kommen, und dann musste er einigermaßen fit sein. Gierig griff er nach der Flasche und trank sie beinahe halb leer.


    „Hier, iss!“ befahl Lerch und schob ihm eine Schüssel zu, in der irgendeine undefinierbare Pampe war. Ben verzog angewidert das Gesicht.
    „Den Fraß kannst du selbst essen,“ stieß er hervor und erntete dafür in der nächsten Sekunde einen Schlag in die Magengrube, die ihm fast dem Atem raubte. Der nächste Schlag traf sein Gesicht. Er spürte, wie ihm Blut an der Wange herablief. Offenbar war die Haut aufgeplatzt.


    „Du wirst essen,“ befahl Lerch und riss ihm den Kopf in den Nacken, während Bruno versuchte, Ben das Essen gewaltsam zu verabreichen. Ben nahm einen Mund voll und spuckte den Fraß prustend Lerch ins Gesicht. Obwohl ihm alles weh tat und ihm eigentlich nicht nach Lachen zumute war, grinste er sein Gegenüber triumphierend an. Lerchs Gesicht, von dem die braune Pampe herunterlief, war es wert, sich noch einmal Prügel einzuhandeln.