Mein Partner, sein Auftrag und ich

  • Hy Leute, ich weiß, ihr wartet schon ungeduldig auf unsere neue Story. ;) Nun dann, hier ist sie. Sie wird humorvoll, abwechslungsreich und äußerst spannend. Wir haben einige Überraschungen für euch vorbereitet :) Viel Spaß.





    I. Die Frau ist ein Mann



    drei Wochen zuvor



    Köln, kurz nach Sonnenaufgang an einem Frühlingsmorgen. Die Stadt lag noch in einem sanften Schlummer. Die Straßen waren ungewöhnlich leer. Nur einer fuhr mit seinem 40 Jahre alten Porsche durch die Straßen. Ihn drängte ein bestimmtes Ziel: Schlafen, nur noch schlafen. Drei Nacht- und zwei Tagesschichten hatte er mit seinem Kollegen durchgemacht, um diese Bande von Autoschiebern endlich dingfest zu machen, hinter denen sie schon drei ganze Monate her waren. Nun war es endlich soweit, der Bericht abgeschlossen und auf dem Weg zur Staatsanwaltschaft. Nur nach Hause, waren seine Gedanken und die ließen ihn, obwohl die Augen den Sekundenschlaf schon suchten, sicher in seinem Appartement ankommen.
    Sofort entledigte er sich allen Kleidern, die er nun schon fast vier Tage trug, stellte sich unter die wohltuende, heiße Dusche und ließ sich dann wie ein Stein ins Bett fallen. Welch Glück, dass er und sein Kollege von der Chefin zwei Tage Urlaub bekommen hatten. Er hatte ihn auch nötig, das bekam er jetzt zu spüren. Seine Knochen taten überall weh und einige Stellen waren blau unterlaufen. Schnarchend fing er an zu schlafen, nicht wissend, dass es nur wenige Stunden werden sollten.



    Schrill klingelte sein Handy und riss ihn aus dem wohlverdienten Schlaf. "Wer auch immer es ist, ich bring ihn um.", fauchte er verschlafen und drückte den grünen Knopf. "Jäger?", stieß Ben wütend ins Handy, die Decke noch halb über seinem Kopf hängend. "Ben, tut mir Leid, aber aus unseren beiden Urlaubstagen wird nichts.", meinte Semir kleinlaut vom anderen Ende der Leitung. Ben schloss wütend die Augen. Wer hasste ihn, dass er ihm das antat? "Ben, Hallo?" "Ja, was gibt es denn?", fragte er geladen. "Weibliche Leiche am Rastplatz vor Rheinbach. Ich hol dich in fünfzehn Minuten ab.", erklärte Semir und legte auf.
    "Das gibt es doch nicht.", fauchte er und schwang sich wieder aus seinem warmen Bettchen. Grummelnd ging er zum Schrank, nahm sich saubere Sachen und stiefelte ins Badezimmer. In nur zehn Minuten stand er fertig, mit Pistole und Handy bewaffnet vor seiner Haustür und wartete auf den silbernen Flitzer seines Kollegen. Semir kam auch einige Sekunden später um die Ecke gebogen und beide fuhren zum Fundort.


    Der Doc und die Kollegen waren schon vor Ort und hatten mit ihrer Arbeit begonnen. Semir parkte den Wagen direkt hinter dem des Gerichtsmediziners. "Hey Schlafmütze, wir sind da.", meinte er gut gelaunt, obwohl er auch nur wenige Stunden geschlafen hatte. Von Ben kam nur ein bedrohliches Brummen.
    Beide stiegen aus und gingen direkt zum Gerichtsmediziner. "Morgen Doc, kannst du uns schon was sagen?", fragte Semir und zog sich die weißen Latex-Handschuhe über. "Was ich euch sagen kann ist, das Fundort nicht gleich Tatort ist.", begann der Mediziner und untersuchte die Leiche weiter. "Sie ist weiblich, ungefähr Ende zwanzig." "Papiere?", kam es gedrückt und müde von Ben. "Keine, entweder hatte sie keine bei sich oder..." "Der Mörder muss sie mitgenommen haben.", beendete Semir den Satz und warf einen Blick auf die junge Frau. "Wie ist sie gestorben?", wollte er wissen. "Kurzer, präziser und kraftvoller Messerstich ins Herz.", meinte der Doc und widmete sich dem Kopf. Dabei fiel ihm eines auf, was dem Fall eine entscheidende Wendung bringen sollte.
    "Moment mal...", meinte er und ergriff die Haare. Vorsichtig zog er sie nach hinten und zum Vorschein trat die schwarze, kurzgeschorene Frisur eines jungen Mannes. "Das ist ein Kerl.", stellte er erstaunt fest. "Was?", kam es gleichzeitig von Semir und Ben und sofort waren sie beim Doc.


    ...

  • II. Eine grandiose Idee


    Drei Wochen später


    Seufzend sass Ben an seinem Schreibtisch und rieb sich über die Augenlider. Es war neun Uhr morgens. Sie hatten alles probiert. Er und Semir. Seit drei Wochen, suchten sie schon den Mörder dieses seltsamen Types, der sich als Frau verkleidet hatte. Sie hatten keine Spur, nichts. In Amerika wäre diese Leiche als "Jon Doe", bezeichnet worden. Doch bei ihnen, galt sie nur als "unbekannt". Ein Mensch ohne Name, ohne jegliche Indentität. Jeden Tag hatten sie die Zeitungen durchsucht. Doch nichts. Keine Vermisstenanzeige, keine Aufrufe. Dieser Mensch war ein Rätsel und sie müssten es lösen. Die Frage war nur - wie?
    "Morgen", begrüsste Semir Ben, nachdem er in das Büro trat. "Morgen", gab Ben grummelnd zurück und klappte die Akte zu. "Hast du etwa die Nacht durchgemacht?", fragte der Deutschtürke entsetzt und Ben nickte, während er gähnte. "Irgendwann müssen wir doch was finden!" Semir grinste und zog ein Boulevardblatt hervor. "Ich könnte deine Rettung sein!" Ben zog eine Augenbraue hoch und nahm die Zeitschrift entgegen. "Seit wann bist du unter die Klatschtanten gegangen?" Semir überhörte diesen Kommentar gekonnt und wies auf das Eselsohr. "Mach mal auf", befahl er und Ben tat, wie ihm geheissen. Er fand sich in einem Artikel über eine Amusement wieder. "Transvestitenshow der Extraklasse", murmelte er und Semir zeigte mit dem Finger auf eine Person, die auf der Bühne stand. "Unser Opfer! Christian Sanders alias "Kelly die Superfrau!"" Ben lächelte. "Aller Achtung!"


    Semir reichte Ben ausserdem noch ein Brötchen, dass er von der Bäckerei mitgebracht hatte. "Ich habe dort vorhin angerufen. Der Besitzer und Cheftransvestit ist sofort zum Doc gefahren um die Obduktion zu machen." "Und?" fragte Ben neugierig und Semir hob die Schultern. "Er ist es! Ich bin doch einfach zu gut für diese Welt!" "Eigenlob stinkt!", gab Ben sarkastisch zurück und Semir roch an seiner Kleidung. "Ich riech nichts." Ben atmete tief durch. "Damit sind wir zwar ein wenig weiter, aber so weiter auch wieder nicht. Wir wissen zwar wo der Tote gearbeitet hat und was er getan hat, aber mehr auch nicht!" Semirs Gesicht wurde auf diesen Kommentar ernst. "Was ist los?" "Ben, Sanders wurde vor seinem Tod zwei Wochen lang vermisst. Und rate mal, vor zwei Wochen war wieder ein Tänzer verschwunden!" Bens Augen weiteten sich. "Ein Serienmörder?", dachte er laut. "Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen aber, könnte doch gut möglich sein." Semirs Stimme war ungewohnt tief und ernst. "Aber wie sollen wir das rausfinden? Die Typen halten doch zusammen wie Weiber!" Semir stand auf und ging auf Ben zu. "Schön sprichst du das an", sagte er mit zweideutiger Stimme und Ben zog eine Augenbraue hoch. "Wieso habe ich die Angst, dass da was im Busch ist!" Semir klopfte Ben auf die Schulter. "Na überleg' doch mal! Du singst doch so toll und mit deinen durchtrainierten Beinen imponierst du so manchen Kerl!" Mit weit aufgerissenen Augen drehte sich Ben um.


    "Spinnst du?", kreischte er entsetzt und Semir musste sich die Ohren zuhalten. "Ich als Transe sag' mal bei dir ist wohl 'ne Schraube locker?" Semir legte den Kopf schief. "Und wie wollen wir dann sonst an die Informationen kommen hä? Du hast doch selbst gesagt, die halten zusammen wie Weiber!" Ben stand auf und ging zum Fenster. "Dann prügeln wir es eben aus ihnen heraus! Oder wir setzten sie unter Druck was weiss ich!" Semir liess nicht locker. Sein Blick war an Bens Augen gehaftet. "Komm' schon Semir, ich müsste meinen Bart abrassieren!"
    "Der wächst nach!", gab Semir mit Leichtigkeit zurück und Ben formte seine Augen zu Schlitzen. "Die Krüger weiss noch nichts davon!" Ben sah Semirs Lächeln. Und er stöhnte. "Sie weiss es?" Semir nickte. "Oh, das ist sicherlich nur als Retourkutsche weil ich sie angebaggert habe!" Semir setzte sich an seinen Schreibtisch. "Wir gehen nachher zu dem Chef dieses Amusements, er hat mir seine volle Zustimmung gegeben. Er wird dich noch in Sachen "Tanz" einen Crashkurs geben." Ben hob eine Augenbraue. "Schön, dass ich auch noch gefragt werde!"
    "Komm schon Ben!" Er atmete tief durch. "Meinetwegen", stöhnte er "und das mit dem Tanzen, dank meinem Vater, der hatte mich nämlich in eine Tanzschule geschickt. Das Bein heben, kann ich also knapp noch!" Semir lächelte. "Ich wusste doch, dass ich mich auf dich verlassen kann!"


    Semir: Du blutest übrigens!
    Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
    Semir: Alex...
    Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
    Semir: Alex...
    Alex: WAS?!
    Semir: Ich hab dich lieb...
    Alex: Ja schönen Dank auch!

  • III. Mondschein-Sonate



    "Wissen wir wenigstens, wer der andere Tänzer ist?", wollte Ben dann ergebend wissen, während er seinen Magen mit dem mitgebrachten Brötchen füllte. "Kevin Bergien, Spitzname: Jelena der Schwan.", las Semir von seinen Notizen vor, die er während des Gesprächs mit dem Besitzer gemacht hatte. "Tolle Spitznamen haben die.", zischte Ben und biss in sein Brötchen. "Tja, das kannst du laut sagen. Bin ja mal gespannt, wie deiner dann ist.", stichelte Semir und wich dem bösen, stechenden Blick seines Kollegen aus. "Sehr witzig, Herr Gerkhan. Wissen wir auch, wo er zuletzt gesehen wurde oder wenigstens seine Adresse?" "Hältst du mich für einen Anfänger?", fragte Semir gespielt beleidigt. "Nö, dafür bist du nun wirklich schon zu alt.", konterte Ben. "Was?", fragte Semir sofort. "Nichts.", entgegnete Ben.


    Kevin saß ängstlich auf einem Stuhl, sein ganzer Körper zitterte vor Kälte. Er wusste nicht mehr, wie lange er schon hier war. Er wusste nicht einmal mehr, was passiert war. Seine Kleider hatte man ihm ausgezogen. Er saß nur noch in seinem Hemd und seiner Unterwäsche auf dem kalten Holzstuhl. Seine Hände fühlte er schon gar nicht mehr. Die Füße waren durch den harten, feuchten Betonboden schon ganz blau. Mit glasigen Augen sah er an sich hinunter. Dieser Irre hatte ihn geschlagen und durch ein wahres Martyrium von Schmerzen gejagt und immer wieder mit dieser tod-traurigen Musik. Er müsse dafür büßen, hatte er zu Kevin gesagt, als er ihn mit dem Lederriemen schlug. Wofür sollte er büßen? Er hatte doch niemandem etwas getan. Immer war er doch derjenige, der von anderen geschlagen, angespuckt und angefeindet wurde, weil er anders war, als die anderen Jungs.
    Dann hörte er sie wieder, diese Musik. Sein Puls schlug schneller, sein Herz raste. Er wusste, was jetzt kam. "Beethovesn Mondschein-Sonate" sie war in den vergangenen Tagen ein Synonym für die erduldeten Grausamkeiten geworden. Sein Gegner baute sich vor ihm auf, in der Hand ein glänzenden Metallgegenstand. "Tue Buße, für das, was du meinem Bruder angetan hast.", zischte er und holte aus. Kevin merkte, wie das Messer sich in sein Herz bohrte, bevor er tot in seinen Fesseln hängen blieb.
    "Fahr in die Hölle, du gottlose Kreatur.", kam es von der dunklen Gestalt, die dann damit anfing, den Leichnahm loszubinden, ihn zu waschen und ihn wieder in seine Sachen zu stecken, in der er ihn entführt hatte.


    Bevor Ben und Semir jedoch aufbrechen konnten, wurden sie von Kim in ihr Büro gerufen. "Meine Herren, da ich ihren Verdacht, auf einen Serienmörder teile, habe ich einen Freund beim BKA um Hilfe gebeten.", fing sie an. "Och Chefin, trauen sie uns nicht zu, dass wir diesen Fall alleine lösen können?", fragte Semir leicht angesäuert über diese Entscheidung. "Doch, allerdings frage ich mich, in welchem Zustand sie dann die Kollegen des Toten hier zurücklassen.", meinte sie vielsagend. Ben und Semir sahen sich nur an. "Als ob wir jemals etwas ..." "Sprechen sie es lieber nicht aus, Herr Jäger.", unterbrach sie Ben, der nur grinsend dasaß.
    "Chefin, da ist ein Herr von Schwarzenberg für sie.", unterbrach Susanne das Gespräch. "Ja, schicken sie ihn bitte rein, Frau König.", bat sie und stand auf. Neugierig wendeten Semir und Ben den Blick zur Tür. Ein junger Man mit aufgestyltem Haarpony, einer ausgewaschenen, cremefarbenen Lederjacke und Sneakers betrat den Raum. "Meine Herren, darf ich ihnen Johann von Schwarzenberg vorstellen?" "Einfach Jo reicht.", meinte der junge Mann, der knapp zwei Jahre älter als Ben war. "Er ist der beste Profiler, den das BKA zur Verfügung hat. Seine Ausbildung hat er bei Interpol und Scotland Yard absolviert." "Nicht beim FBI?", fragte Ben schnippisch. "Da war ich nur kurz, bis ich merkte, dass mir die Fälle da drüben nicht liegen. Und hübsche Kerle gab es da auch nicht.", erwiderte er und machte damit Ben und Semir sprachloser, als sie je hätten sein können.


    ...

  • IV. Ein Profiler, Schminke und „die geilste Transe der Welt“


    Zusammen sassen sie im Auto, dass Semir fuhr. Zuvor hatten Sie ihre Idee der Chefin und Jo mitgeteilt. Während Jo selbst die Idee, mit seinen eigenen Worten, ein wenig „kosmisch“ fand, sah man der Krüger sichtlich an, dass sie sich ein Lächeln verkneifen musste, obwohl sie die Idee schon kannte. Semir hatte es so nur offiziell gemacht. „Dass Sie sich so was trauen, aller Achtung“, lobte Jo und Ben sah auf diesen Kommentar hin zu Semir, der prustete und versuchte, seinen Blick auf der Strasse zu halten. „Nun ja, ich liebe nun mal meinen Beruf! Nur an dem Partner muss man noch ein wenig feilen!“ Beim letzten Teil des Satzes wurde Bens Stimme lauter. Semir liess sich davon, aber nicht beeindrucken. „Können Sie den überhaupt tanzen?“ „Man Vater hatte mich in eine Tanzschule geschickt. Bis ich meine Ausbildung zum Polizist begann, bestand mein Leben aus Tangotanz und Rhythmus!“ Jo verschränkte die Arme. Er sass auf dem Rücksitz und führte dieses Gespräch mit Ben durch den Rückspiegel. „Was hatte Sie eigentlich wieder zurück ins BKA gebracht, wenn Sie schon in den USA ermittelt haben!“ Jo hob die Schultern. „Ich kam mit den amerikanischen Ansichten von Gerechtigkeit nicht mehr klar! Ich hatte meine Zeit in Amerika verbracht, als Bush an der Macht war.“ Semir rollte mit dem Augen. „Ich denke, dann hätte ich es auch nicht lange ausgehalten“, fügte er seiner Geste hinzu. „Nun bin ich wieder im BKA und bereue nichts. Ausserdem hätte ich unseren Herrn Jäger dann nicht in Frauenklamotten gesehen!“ Semir sah zu Ben, der allmählich nur noch aus Röte im Gesicht bestand. „Was habe ich Gott getan“, stockte er hervor, „dass er mich so bestraft!“


    Semir fuhr auf die umgebaute Villa zu, wo ein Mann mit beleibter Statur stand und an einer Zigarette zog. Semir stieg aus und öffnete seinen Begleitern die Türe. „Hauptkommissar Gerkhan“, begrüsste die Person ihn und sie gaben sich die Hand. „Danke, dass Sie so mit uns kooperieren Herr Meier.“ Maximilian Meier. Ein Mann mittleren Alters und Führer des Amüsements. „Das ist selbstverständlich!“ Er sah zu Ben. „Das ist also ihr Partner?“ Ben nickte und reichte ihm die Hand. „Jäger, freut mich“, sagte er erzwungen und Jo tat es ihm gleich. „Haben Sie schon Erfahrung im Tanz?“ Ben wiederholte seine Worte nochmals. „Sehr gut! Ich hoffe, Sie können auch noch einigermassen singen!“ Semir nickte bei diesem Punkt zustimmend. „Er singt wunderbar Herr Meier! Deshalb habe ich ihn auch sofort vorgeschlagen!“ Ben fühlte sich zugleich geehrt als auch peinlich berührt. „Sehr gut, dann sehen wir doch gleich, ob das überhaupt klappt. Der Bart muss natürlich ab. Wir sind keine billige Bude!“ Angewidert über diesen Gedanken, rümpfte Ben die Nase. Doch folgte er Meier und hörte, wie Semir und Jon noch einige Details des Falles austauschten.


    Meier wies Ben ins Bad. „Dort machen Sie bitte ihre Gesichtsbehaarung weg. Danach überprüfen wir mal, ob Sie empfindlich gegen die Schminke sind!“ Ben tat wie ihm befohlen. Mit einem traurigen Gesicht, rasierte er sich den Dreitagebart weg. Sein ganzer Stolz. Er ging wieder zurück zur Gruppe, die im Flur stand. Semir konnte nicht anders. Er fuhr darüber. „Sanft wie ein Babypopo!“, scherzte er und Ben zog eine Augenbraue hoch. „Gut“, Meier wies zu einem offenen Zimmer, wo die Schminktische schon sichtbar wurden, „dann sehen wir mal, was man aus Ihnen machen kann!“ Man bat Ben, sich zu setzten und Meier begann ihn zu schminken. „Sie sind ein Erdentyp Herr Jäger! Sie haben wunderschöne braune Augen!“ Ben erwiderte nichts. Der Geschmack von Lippenstift fand er abstossend und beim Versuch, Eyeliner und Mascara aufzutragen, tränten seine Augen einige Male. „Ich bitte Sie, draussen zu warten“, meinte Meier zu Semir und Jo und die Beiden gingen nach draussen. „Wieso dürfen wir nicht zusehen?“, fragte Jo verwirrt. „Überraschungseffekt!“, antwortete Semir und machte eine zweideutige Handbewegung. Der berühmte, Knick mit der Hand. „Wie konnten Sie Herrn Jäger zu bewegen? Richtig begeistert sieht er meiner Meinung nach nicht aus!“ Semir zuckte die Achseln. „Er kann bei mir doch einfach nicht nein sagen!“ Jo musste auf diesen Kommentar lächeln.


    Es dauerte noch eine Stunde, bis Meier aus dem Raum kam. „Wollen Sie es sich ansehen?“ „Ist laut Lachen erlaubt?“, fragte Semir zurück und aus der Garderobe kam ein lautes, „Vergiss es!“ Semir ging zur Garderobe und verkniff sich das Lachen. Ben trug ein rückenfreies Top, dass mit einem Rock kombiniert war, der nur bis knapp zu den Knien ging. Seine Füssen waren in High-Heels verpackt, auf denen Ben erstaunlich sicher stand. Seine Lippen wurden mit einem hellen Braun geschminkt und die Wimpern mit einem starken Schwarz betont. Über sein natürliches Haar, hatte man eine Perücke gestülpt. Eine Perücke, die das lange braune Haar, zu Bens Aussehen hergab. „Sag‘ nichts!“, zischte er und Semir umkreiste seinen Partner mit einem Lächeln. „Soll ich dir was sagen?“ „Hast du vorhin nicht zugehört?“, erwiderte Ben auf Semirs Frage. Dieser überhörte dies, klopfte auf Bens Schulter. „Du bist die geilste Transe, die ich je gesehen habe!“

    Semir: Du blutest übrigens!
    Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
    Semir: Alex...
    Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
    Semir: Alex...
    Alex: WAS?!
    Semir: Ich hab dich lieb...
    Alex: Ja schönen Dank auch!

  • V. Die Suche hat begonnen


    Semir wich einem Wurf von Ben mit dem Makeup aus und rannte zu Jo, der gerade sehr aufgeregt telefonierte. "Alles bleibt bitte, wie es ist. Wir sind schon auf dem Weg.", zischte er durch sein Handy. Semirs Lachen verschwand langsam, als er das bedrückte Gesicht des jungen Kollegen sah. "Es wurde noch eine Leiche gefunden.", erklärte er und sofort hatte sich Semirs Gesichtsausdruck gewandelt. Er ging nochmal zu Ben zurück. "Ben, du weißt, was du zu tun hast? Es wurde gerade noch eine Leiche gefunden." "Warte, ich komm mit.", begehrte er und wollte an Semir vorbei, der ihn allerdings aufhielt. "Glaubst du nicht, die Kollegen würden etwas schief gucken, wenn ich da mit einer 1,80 großen Brünetten auftauchen würde?", fragte Semir schelmisch grinsend. Ben konnte über diesen Kommentar gar nicht lachen. "Deine Arbeit beginnt hier.", meinte Semir dann ernst und nickte Meier zu, während er Ben aufmunternd auf die Schulter klopfte. Ohne ein weiteres Wort ließ er seinen zur Frau verwandelten Partner neben Meier stehen und fuhr mit Jo davon.


    Semir und Jo kamen nach wenigen Minuten am Rastplatz an und gingen sofort auf den an der Leiche knieenden Doc zu. "Hey, wo hast du denn Ben gelassen?", begrüßte er Semir und sah Jo etwas verwirrt an. "Keine Sorge, der hat gerade genug um die Ohren.", lächelte Semir vielsagend, während Jo sich ein Bild von der Leiche machte. "Kannst du uns schon was sagen?", wollte der Deutschtürke wissen.
    "Direkter Stich ins Herz, wahrscheinlich von einem Filetiermesser.", begann Jo, bevor der Doc überhaupt Luft geholt hatte. Beide, der Gerichtsmediziner und Semir, sahen ihn wortlos an. "Die Leiche ist gewaschen worden, bevor sie hier abgelegt wurde.", Jo nahm die Hand des Toten und roch kurz daran. "Lavendelblüten.", dachte er laut und sah die Beiden an, die etwas verstört zu dem Profiler hinuntersahen. "Wieder ein Transvestit. Er wurde außerdem brutal misshandelt. Mit einer Peitsche oder einem Lederriemen.", kam es nun endlich vom Doc. "Irgendwelche Spuren?", wollte Semir wissen. Der Meidiziner schüttelte den Kopf. "Durch das Waschen, wie der junge Kollege schon richtig bemerkte, sind alle verwertbaren Spuren verwischt worden.", erwiderte er. Semir atmete schwer ein. "Also haben wir nichts."


    Auf dem Rückweg zur PASt sah Semir immer wieder zu Jo, der angestrengt nachdachte. "Was hast du?", wollte er dann endlich wissen, um das Schweigen zu durchbrechen. "Ich überlege, ob mir so ein Fall schon einmal vorgekommen ist.", erwiderte er und sah dann zu Semir hinüber. "Er ist ja ganz süß.", dachte er leise und lächelte, sah sich den Deutschtürken von oben bis unten an. "Aber sein Partner ist noch viel süßer." "Und?", unterbrach Semir den Gedankengang des Profilers.
    "Leider nein.", meinte Jo dann leicht verlegen. "Hoffentlich hat er nicht bemerkt, dass ich ihn angestarrt habe.", waren seine Gedanken, bevor er sich dann wieder in die Arbeit vertiefte. "Gut, der Täter hat scheinbar Spaß daran, seine Opfer zu quälen.", fing Semir an. "Eher unwahrscheinlich. Dann hätte er ihnen mehr Schmerzen zugefügt, als diese paar Schläge dort.", entgegnete der Profiler. "Ich denke, er will seine Opfer für irgendwas bestrafen. Wahrscheinlich für etwas, was er selbst erlebt hat." "Aber warum das Waschen?", fragte Semir dann. "Es scheint sich hier um ein Ritual zu handeln. Entweder kommt der Mörder aus dem gleichem Millieu wie die Opfer oder er will so nur den Anschein erwecken. Eins steht fest, wir haben es hier mit einem Mörder zu tun, dessen IQ sehr hoch zu sein scheint.", erklärte Jo und machte sich allerlei Notizen auf seinem kleinen, tragbaren Notebook.
    "Wenn der Mörder wirklich aus der Szene kommt, ist Ben nicht gerade in Sicherheit.", meinte Semir laut und machte sich schon wieder Sorgen um seinen jungen Partner und Freund, den er zu diesem Undercover-Einsatz förmlich gedrängt hatte.


    ...

    Edited once, last by Christopher007 ().

  • VI. Ein Mann Namens Larry


    Meier kam auf Ben zu, der vor dem Schminkspiegel sass und sich noch immer nicht mit diesem Anblick anfreunden konnte. Er sah in den Augen des jungen Polizisten Zweifel und Angst. "Wie Sie da sicher auf den High-Heels stehen", begann der Besitzer und setzte sich neben Ben, "aller Achtung!" Zum ersten Mal seit dem Ben dieses Amüsement betreten hatte, lächelte er. "Ich habe eine jüngere Schwester, deren Leidenschaft das Spielen von Prinzessinenschlösser und Abschlussballs war. Und ich musste immer die beste Freundin spielen. Was habe ich den Tag gefeiert, als meine Füsse zu gross für die Schuhe meiner Mutter war." Meier musste lächeln. "Sie sind ein wahrer Mann Herr Jäger, durch und durch. Deshalb rechne ich es Ihnen gross an, dass Sie hier undercover arbeiten, um den Mörder unseres treuen Christian zu finden!" In Meiers Augen hatten sich Tränen gesammelt. "Waren Sanders und Sie etwa ein?" Meier verneinte. "Nein, ich bin seit kurzem mit meinem langjährigen Freund verheiratet aber, ich habe Christian praktisch aufgezogen. Seine Eltern kamen mit seinem "Lebensstandart" nicht klar. Schmissen ihn aus dem Haus und bis Heute haben Sie keinen Kontakt mit ihm gehabt!" Ben schluckte. Auch wenn er sich selbst niemals als Homosexueller vorstellen konnte, akzeptierte er und respektierte er sie vollkommen. Sein Vater war weltoffen und hatte ihn und seine Schwester so erzogen. "Ist es bei den meisten hier so?" Meier wusch sich mit einem Taschentuch die Tränen aus den Augen. "Eigentlich nicht. Ich würde sagen, es ist halb halb." "Ich muss mir wohl auch noch so einen Namen suchen oder?" Über Meiers Lippen huschte ein Lächeln. "Allerdings, sonst werde ich sie nicht ansagen können. Wir werden heute proben. Ohne Probleme. Morgen machen wir erst wieder auf!"



    Meier nahm ein Blatt Papier aus einer der Schubladen und zog aus seiner Overalltasche einen Kugelschreiber. "Als normalen Namen würde ich Sie gerne Sandro Köstner nennen." Ben zog die Augenbrauen hoch. "Sandro wollte ich immer mein Kind nennen und Köstner, weil ich die Komikerin so mag." "Meinetwegen. Damit kann ich leben. Aber meinen Künsterlnamen möchte ich auswählen." Meier nickte und wartete. "Liv, Liv die Amazone!" Meier legte den Kopf schief und grinste. "Langsam kommen Sie in Fahrt Herr Jäger. Das gefällt mir. Ich habe gehört Sie können gut singen. Und ich wollte schon immer in meinem Amüsement das Marylin Monroe Lied "Diamonds are a girls best friend", zum Besten bringen. Kennen Sie das Lied?" Ben bejahte. Wer ein gesundes Allgemeinwissen hatte, kannte es. Und dank seinem Vater, konnte Ben das Lied auswendig singen. "Sehr gut! Also, ich schlage vor, wir gehen mal zur Bühne, dann können Sie sich damit vertraut machen." Ben lief Meier hinterher und sah die kleine Varieté-Bühne. Klein, aber gemütlich. "Wie werde ich begleitet?" Meier wies auf das Klavier. "Ich bin langsam zu alt, um als sexy verkleidete Frau eine Nummer zu geben. Ich habe inzwischen die Rollen als alte Frau an den Komödientagen. Und so kann ich den Pianist sparen. Ich werde Sie begleiten Herr Jäger, wie bei allen Anderen. Wollen wir zusammen eine Kür erstellen, oder sind sie einer, der gerne improvisiert?" Bei zweitem nickte Ben. "Gut, dann beginnen wir doch mal!"



    Meier übergab Ben eine Diamantenkette, bevor er sich an das Klavier setzte und ein Intro zu spielen begann. Ben tänzelte auf die Bühne und stellte einen Stuhl in die Mitte. Innerlich fühlte er sich wie an Karneval. Doch Äusserlich musste er wirklich wie ein Transvestit-Künstler wirken. Denn Meier hatte ein zufriedenes Gesicht. Ben räkelte sich erotisch um den Stuhl und pries mit seinem Gesang, die künstliche Diamantenkette an. Als Meier aufhörte, stand er auf und ging zu Ben. "Ich habe überhaupt keine Zweifel, dass sie das schaffen Herr Jäger. Sie sind ja ein kleines Talent!" Ben lächelte verlegen. "So, dann werde ich sie abschminken." Ben sah auf. "Wo werde ich überhaupt übernachten und neue Sachen..." "...Herr Gerkhan hat alles schon organisiert. Jeder meiner Künstler lebt hier. Alle sind heute zu Christians Leiche. Deshalb konnte ich Sie hier ein wenig einführen. Ich werde Ihnen noch alle Räumlichkeiten und ihr Zimmer zeigen." Sie standen auf und Meier sah zu, wie Ben sich abschminkte. Zusammen gingen Sie in den obersten Stock. "Im Mittleren Stock sind nur Schlafzimmer. Ihres ist hier oben. Damit Sie auch mal mit Herr Gerkhan Kontakt aufnehmen können." Ben nickte dankend. Meier öffnete ihm die Tür zu seinem Zimmer und Ben nahm sofort den Geruch von Holzmöbeln auf.



    Das Zimmer war hell, voll Sonnenlicht. Es gab einen Schreibtisch, worauf schon ein Laptop stand. Ein Badezimmer, Bett und Fernseher. "Es ist zwar kein Luxus, aber man kann damit leben", tat Meier das schöne Zimmer ein wenig ab. "Aber nein, es ist wunderschön", winkte Ben ab und ging hinein. Auf dem Bett war schon eine Sporttasche mit Kleidung von Ben. "Der ist einfach in meine Wohnung eingebrochen", zischte Ben leise und packte die Sachen aus. "Maximilian?" Ben und Meier sahen sich um und erblickten einen Mann, zärtlicher Statur. "Wer ist denn das?" Meier ging auf den Jungen zu. "Das ist Sandro Köster, ein Neuer." Der Junge ging auf Ben zu und dieser begutachtete ihn genau. Der Mann hatte ziemlich weibliche Gesichtszüge. Seine Augen waren rot vor Weinen. Doch streckte er mit einem Lächeln die Hand aus. "Freut mich. Ich bin Larry. Hoffe, dir gefällt es bei uns." Ben reichte ihm ebenfalls die Hand. Unwissend, dass er mit diesem Jungen noch viele Stunden verbringen würde.

    Semir: Du blutest übrigens!
    Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
    Semir: Alex...
    Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
    Semir: Alex...
    Alex: WAS?!
    Semir: Ich hab dich lieb...
    Alex: Ja schönen Dank auch!

  • VII. Erste Anhaltspunkte


    Semir und Jo waren im Büro angelangt und sofort stellte Jo seine gewonnenen Erkenntnisse zusammen, so wie er es bei Scotland Yard und Interpol gelernt hatte. Zwar eine umständliche Methode im Zeitalter der Technologie und des Fortschritts, wie er fand, aber so behielt man immerhin den Überblick.
    "Wir sollten uns umgehend mit dem Umfeld der beiden Opfer näher befassen.", meinte er, während er seine Notizen neben die einzelnen Bilder der Opfer hängte. Semir sah seinen Kollegen vom BKA mit schiefem Kopf an. "Klar, von mir aus sofort.", entgegnete der Deutschtürke und wollte schon wieder seine Wagenschlüssel greifen, als ihn Jo davon abhielt. "Jetzt noch nicht. Ich möchte das hier erst fertig machen.", erklärte er und widmete sich weiter seiner Profiler-Arbeit. Still setzte sich der Autobahnpolizist an seinen Platz, stützte seinen Kopf mit seinen Händen und sah Jo dabei aufmerksam zu, denn seine Neugier war doch geweckt worden. Er sah Jo dabei zu, wie er immer wieder neue Notizen zu den jeweiligen Bildern der Opfer hang, dann aber auch viele Klebezettel auf die Seite mit dem großen Fragezeichen setzte.


    Irgendwann hielt Semir die Stille nicht mehr aus. "Fassen wir doch mal zusammen, was wir bisher über den Mörder wissen.", forderte er und sofort drehte sich Jo mit einem konzentrischen, fast unheimlichen Blick zu Semir um, der bei den Augen seines Kollegen einen kleinen Schauer im Nacken zu verspüren dachte.
    "Gut, scheinbar kennt unser Mann seine Opfer oder zumindest kann er sie gut überwältigen.", fing Jo an. "Richtig, der Doc hatte keinerlei Abwehrspuren gefunden.", fuhr Semir dazwischen, was Jo mit einem müden Lächeln kommentiere. "Weiterhin muss er eine unbändige Wut auf diese Leute haben, dass er sie erst quält und dann eisklat mit einem Stich ins Herz tötet." "Vergessen wir nicht das Waschen." "Richtig, das Waschen. Eine der Tatsachen, die mir Rätsel aufgibt.", meinte Jo stirnrunzelnd und sah auf seine Aufzeichnungen. "Warum das?", wollte Semir wissen. "Es ist einfach ungewöhlich für einen Serienmörder seine Opfer noch einmal nach der Tat zu berühren. Ich meine, Sexualmörder vergehen sich an den Leichen nach der Tötung, aber hier ... Nichts. Er wäscht sie, um keine Spuren zu hinterlassen.", meinte Jo. Semirs Verstand arbeitete dabei auf Hochtouren. "Was, wenn das Waschen für ihn schon alleine eine sexuelle Erregung ist?" "Da könntest du recht haben.", erwiderte Jo. "Komm, lass uns in die Wohnungen der beiden Opfer fahren. Hast du die Adresse?", wollte der Profiler wissen.


    "Ja, die hab ich hier.", meinte Semir und griff in seine Aktenablage. Schlagartig gingen die Augenbrauen nach oben. "Die Opfer hatten alle ein eigenes Zimmer in dieser Villa, wo wir vorhin waren.", meinte er. "Oh, das dürfte interessant werden.", lachte Jo vielsagend. Semir überlegte kurz, grinste dann aber ebenfalls. "Willst du oder soll ich Ben verhören?", fragte er aus Scherz. "Das mach ich schon.", lachte Jo. Beide machten sich auf den Weg in die Villa, wo nach und nach alle anderen Künstler wieder eintrafen, bis auf einen.


    ...

  • VIII. Eine Leiche mehr


    Meier rief Abends zur Versammlung auf. Ben schritt die langen Stufen hinunter, wo Larry bereits am Fussende wartete. Er hatte Ben mit dem Auspacken von seinen Sachen geholfen und auch einige Worte mit ihm gewechselt. Alles in allem wirkte der Junge recht freundlich und offen. Seine Tendenz zum Schweigen führte Ben auf den Tod von Sanders zurück. Schliesslich waren sie Kollegen. "Na, hast du dich eingerichtet?", fragte Larry mit einem Lächeln und Ben nickte. "Dank dir ist es schneller gegangen. Vielen Dank für deine Hilfe!" Larry winkte ab. "Hey, du gehörst nun zur Familie, und der Familie soll man helfen richtig?" "Richtig!", bestätigte Ben und so ging er mit dem Jungen in den Speisesaal, wo jeder Mitarbeiter zu Abend ass. Insgesamt, Ben und Larry mitgezählt, waren Sie zehn Leute. Meier galt als elfte Person. Als Chef. Er sass am Kopf eines gewaltigen Tisch aus Holz. Larry wies Ben auf einen Stuhl. "Du kannst dich neben mich setzten", sagte er mit einem Zwinkern und Ben lächelte dankend. Das Essen war gerade aufgetischt worden. Paniertes Schnitzel mit Pommes und Erbsen. Meier räusperte sich kurz. "Zuerst möchte ich euch Sandro Köstner, unseren Neuen vorstellen." Alle nickten lächelnd zu Ben. "Er wird ab nun den Part vor der Pause übernehmen. Wir hatten ja schon abgemacht, dass wir jemand neues Suchen!" "The Show must go on", bemerkte Larry leise und sarkastisch.


    "Aber lasst uns eine Schweigeminute für Christian durchführen. Zum Stillen Gebet!" Alle falteten die Hände und es wurde eine Minute lang geschwiegen. Als Meier laut einatmete und einen guten Appetit wünschte, wurde gegessen. "Hoffentlich gefällt es dir bei uns. Trotz dem Zwischenfall!" Ben sah zu Larry, der ihn anlächelte. "Nun ja, was könnt ihr denn dafür, wenn ein Wahnsinniger das Leben eines Unschuldigen geraubt hat?" "Meine Rede!", stimmte ein muskulöser Typ Ben zu. Das laut schmatzend, so dass er einen mahnenden Blick von Meier bekam. "Sagt mal, wo ist eigentlich Markus? Sollte der nicht hier sein?" Meier sah Larry fragend an. "Ich dachte, der wär mit euch zur Kevins Leiche gegangen?" Alle verneinten. "Er wollte alleine sein! Er hatte uns versichert, rechtzeitig wieder hier zu sein!" Ben atmete tief durch. Das war gar nicht gut! "Nach dem Essen sollten wir nach ihm suchen gehen", schlug Meier vor, nach dem er Bens Blick gesehen hatte. "Wer kommt mit?" Alle hoben freiwillig die Hand. "In der momentanen Situation ist es eh besser, wenn niemand alleine geht!"


    Tatsächlich versammelten sich alle vor dem Gebäude und hatten sich fertig gekleidet gehabt. "Na dann, wollen wir doch mal los!" Sie teilten sich in Zweiergruppen auf. Ben ging, natürlich, mit Larry zusammen. Dieser sah sich immer wieder um und fixierte manchmal seinen Blick auf das Licht von Bens Taschenlampe. "Ich hasse Köln bei Nacht", murmelte er und Ben zog eine Augenbraue hoch. "Dann ist doch erst richtig Stimmung", murmelte er und Larry schüttelte mit dem Kopf. "Nicht für mich! Einmal von so einer Anti-Homo-Gruppe verprügelt zu werden hat mir gerreicht!" Ben schluckte. "Meinst du es waren die, die Kevin getötet haben?" Larry sah Ben mit einem steinernden Blick an. "Ich verurteile keine Menschen Sandro. Nicht, bevor ihre Schuld bewiesen ist. Vielleicht ist das auch ein schlechter Charakterzug von mir aber den streife ich gewiss nicht ab!" Ben lächelte. "Also ich mag ihn", sagte er und Larry errötete. Gemeinsam schritten sie weiter. Bis Larry aufschrie. "Was ist denn?", fragte Ben und folgte dem ausgestreckten Zeigefinger Larrys. Eine Blutspur wurde sichtbar. Sie war verwischt, glänzte aber noch im Licht der Taschenlampe. "Die Spur ist noch ganz frisch. Anscheinend muss jemand weggeschleift worden sein!" Sie folgten der Spur bis zu einem dichten Busch. Und was die Beiden dort sahen, liess ihnen das Blut in den Adern gefrieren.

    Semir: Du blutest übrigens!
    Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
    Semir: Alex...
    Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
    Semir: Alex...
    Alex: WAS?!
    Semir: Ich hab dich lieb...
    Alex: Ja schönen Dank auch!

  • IX. Ein Trittbrettfahrer?


    Ben blickte in ein Paar schreckverzerrte, leere Augen, die sich in den Nachthimmel erhoben. Das Gesicht war mit Schlägen verunstaltet worden, die zart scheinende, gepflegte Haut mit einem Messer aufgeschlitzt worden. "Wie grauenvoll.", stieß Larry aus und fiel fast nach hinten in Ohnmacht. Ben konnte ihn auffangen. "Hey, vorsicht Junge.", meinte er mit freundlich lächelndem Gesicht. Was er nicht wusste, Larry genoss diesen Blick und die warmen Hände von Ben an seinem Körper. Langsam fing er vielsagend zu lächeln an, was Ben die Situation schlagartig klar machte, doch wenn er jetzt zurückwich, würde seine Tarnung vielleicht ins Wanken geraten. So machte er gute Miene zum bösen Spiel und lächelte ebenfalls, half dann Larry wieder auf die Beine und hielt ihn an den Schultern fest. "Wir müssen die Polizei anrufen.", meinte Ben und griff an seine Taschen. Doch er hatte es nicht bei sich. Es lag, wider Erwarten, auf seinem Zimmer, weil ja eigentlich Abendessen und keine Suchaktion angesetzt war. "Ich habe ein Handy.", meinte Larry und reichte es an Ben weiter. Dieser nickte kurz und wählte dann den Notruf an.


    Semir und Jo waren auf dem Weg zur Villa, als sie ein Anruf von Susanne erreichte. "Ja Susanne, was gibts?", wollte Semir wissen. "Ben hat gerade bei der Notrufzentrale einen weiteren Leichenfund gemeldet. Nicht weit von der Villa entfernt.", gab sie durch. Sofort schwenkten die Blicke der beiden Kommissare aufeinander und jeder sah dem anderen vielsagend in die Augen. "Okay, wir sind schon auf dem Weg.", beendete Semir das Gespräch und schaltete die Lichtanlage am Wagen ein.
    Die Beiden mussten sich durch die Schaulustigen drängeln, die sich vor den Absperrbändern und den Polizisten versammelt hatten. Unter den Zuschauern konnte Semir deutlich die Wuschelhaare seinen Partners. Vielsagend warf er ihm einen Blick zu, wandte dann aber seine Augen sofort wieder Jo zu, der sich schon wieder neben dem Doc gesellt hatte. "Ich glaube, der steht auf dich.", meinte Larry, denn der Blick von Semir war ihm nicht verborgen geblieben. Ben, von dieser Bemerkung leicht irritiert, winkte nur schnell ab. "Glaub ich kaum. Der ist mir auch zu klein."


    "Hallo, hätte nicht gedacht, dass ich euch zu so später Stunde noch wiedersehe.", begrüßte der Arzt die Beiden, als er vom Leichnahm aufsah. "Tja, ich auch nicht.", meinte Semir und zog sich seine weißen Handschuhe an. Jo war schon sichtlich bei der Arbeit.
    "Wieder ein Stich ins Herz?", wollte er wissen. Der Doc schüttelte den Kopf. "Dieses Mal hat er die Kehle durchtrennt und das Gesicht mit einem scharfen Messer entstellt.", erwiderte der Pathologe. "Kannst du schon sagen, ob ihm die Wunden vor oder nach dem Tod zugefügt wurden?", wollte Semir wissen, kassierte dafür aber ein vielsagendes, negatives Grinsen. "Nach der Obduktion.", stellte der Autobahnpolizist eigenhändig fest. "Genau, aber, der Tod trat so um 18 Uhr ein, plus minus dreißig Minuten.", meinte der Mediziner. "Also vor gut zwei Stunden.", dachte Jo laut und sah auf seine Uhr. Nachdem der Doc das Feld geräumt hatte, ging Jo seiner Tätigkeit als Profiler nach und untersuchte die Leiche.
    "Keinerlei Abwehrspuren erkennbar.", dachte er laut und hob die Arme des Opfers an. "Meinst du, es war derselbe Täter?", stellte Semir die Frage. "Ich meine, die beiden ersten Opfer wurden tagelang gefoltert und hier sieht alles nach einer Kurzschlussreaktion aus." "Du meinst, hier war ein Trittbrettfahrer am Werk?", spezifizierte Jo Semirs Annahme. Dieser nickte nur. "Der Modus Operandi eines Serienkillers mag sich ändern, aber es gibt unausweichliche Merkmale.", meinte er und schnupperte kurz. "Riechst du das?", fragte er und Semir schnupperte ebenfalls dicht über der Leiche herum. "Lavendel.", stieß er sofort aus. "Genau, ein Indiz, dass der Mörder ein und derselbe ist." "Gut, dann werde ich mich mal um die Zeugen kümmern.", meinte der Deutschtürke und schritt auf Ben und die anderen zu.


    ...

  • X. Larry und sein Anliegen


    Semir ging direkt auf Ben und Larry zu. Letzterer begann, nervös an seiner Kleidung zu zupfen. "Nur keine Panik", begann Ben und lächelte, "der beisst nicht!" Larry sah ihn an. "Woher willst du das wissen bitte?" Ertappt musste sich Ben schnell eine Ausrede überlegen. "Ich hab' so ein Gespür weisst du." Semir lächelte. "Gerkhan, ich bin Ermittler in diesem Fall. Ich habe gehört Sie haben die Leiche gefunden?" Er nahm seinen Notizblock hervor und Ben nickte. "Allerdings. Sandro Köstner und das hier ist mein Kollege Larry Hoffmann!" Semir spielte perfekt mit, zu Bens Erleichterung. "Wir haben Sie ungefähr um 21.00 gefunden." Semir schrieb sich das Detail auf. "Ich hatte ein Gespräch mit Ihrem Boss, da erfuhr ich, dass schon seit zwei Wochen ein Mann vermisst wird." Larry nickte zustimmend und wusste, worauf Semir hinauswollte. "Das ist er nicht", begann Larry mit heiserner Stimme und Ben sah, wie sich seine Augen mit Tränen füllte, "der Tote ist nicht der Verschwundene. Das hier ist Markus Därstetter. Er war erst seit kurzem bei uns. Er war mit Kevin, ebenfalls tot, zusammen. Wollte alleine sein und wir haben ihm die Ruhe gegeben." Er begann zu schluchzen und vergrub sein Gesicht in den Händen. Ben umarmte ihn tröstend. "Ich werde mich noch morgen mit ihrem Chef treffen. Aber im Moment denke ich, dass das reicht, solange der genaue medizinische Bericht vorliegt." Larry nickte und Ben schenkte Semir noch einen kurzen Blick. Dieser nickte und entfernte sich.


    "Ich denke, wir gehen besser", sagte Ben leise und verständnissvoll. Larry folgte ihm langsam und wusch sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen. Ben suchte in seinen Taschen nach Papiertschentücher. Und tatsächlich fand er welche. "Komm' her", sagte er und gab Larry ein Taschentuch. "Danke", schniefte dieser und fuhr fort. "Gehen wir noch was trinken Sandro? Ich halte es nicht aus!" Ben nickte. "Ich lad' dich sonst ein", fügte er seiner Geste hinzu und Larry lächelte durch das tränenreiche Gesicht. "Da kann ich doch schlecht nein sagen oder?" Sie liefen an den Stadtrand, wo sich ein kleines Café befand. Sie gingen hinein und bestellten sich je eines, der koffeinhaltigen Getränke. Larrys Augen trockneten langsam wieder. "Gehts?" fragte Ben besorgt und Larry nickte. Sein Gesicht war rötlich und er wirkte peinlich berührt. "Tut mir leid, ich weiss wirklich..." Er stockte. "Das macht doch nichts", sagte Ben und lächelte. "Alles muss raus!" Larry sah sich um. "Es hat mich einfach an Kevin erinnert. Gott, das war doch schon schrecklich genug. Nun ist auch noch Markus tot und Stefan ist noch immer verschwunden! Was, wenn dieser auch schon tot ist." Ben wollte es nicht ganz aufgehen, wieso Markus zuerst gefunden wurde. Stefan war schon lange entführt, wieso war er nicht der Tote?


    "Weisst du, ich...Sandro, dass was ich dir jetzt sage, erzählst du bitte nicht weiter okay? Du bist ein guter Kerl und ich vertraue dir." Ben nickte. "Schiess' los", forderte er auf. "Also. Ich und Kevin, das war nicht nur eine Geschäftsbeziehung. Wir waren schon seit vier Jahren zusammen. Viele haben uns schon als Ehepaar bezeichnet und wir wollten sogar heiraten!" Wieder sammelten sich Tränen, doch Larry blieb gefasst. "Und nun ist er tot. Ich bin wieder alleine. Kein Mann will mich doch nicht SO haben?" Ben zog eine Augenbraue hoch. "Du bist doch ein hübscher Kerl", lobte er, "wieso sollte dich keiner mehr haben wollen!" Larry lächelte traurig. "Es geht nicht um mein Aussehen Sandro, sondern um das was ich in mir habe!" Bens Augen weiteten sich. "Doch nicht etwa...?" Larry nickte. "Ja Sandro, ich bin HIV-Positiv!"

    Semir: Du blutest übrigens!
    Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
    Semir: Alex...
    Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
    Semir: Alex...
    Alex: WAS?!
    Semir: Ich hab dich lieb...
    Alex: Ja schönen Dank auch!

  • XI. Das zusammenfügende Puzzleteil


    Noch in der gleichen Nacht wurden Semir und Jo in die Pathologie gerufen, da der Doc ihnen eine wichtige Entdeckung mitteilen wollte, die er nicht gern über das Telefon besprach. "Also Doc, was hast du denn für uns?", murrte Semir leicht, denn er war doch sehr geschafft vom Tag. Jo sah auch nicht besser aus, im Gegenteil. Er war noch müder und hatte noch kleinere Augen, als Semir. "Ihr könnt gleich Feierabend machen ... oder auch nicht.", meinte der Doc lächelnd und hob das Leichentuch des "neuen" Toten an, sodass man nur den Kopf sehen konnte. Ich habe mir den Herren hier noch mal eindringlich angesehen und dabei ist mir was aufgefallen, was ich auch bei den anderen beiden Leichen gefunden habe.", fing er an und machte dann eine dramatische Pause. "Die Toten haben alle HIV-Positiv." "Aids?", kam es von Semir. Der Doc nickte. "Alle weisen unterschiedlich fortgeschrittene Krankheitsverläufe auf. Während die ersten Beiden am Anfang ihrer Erkrankung standen, hätte dieser Mann hier in den nächsten Monaten das Licht ausgepustet.", erklärte der Doc mit einer grausamen Gleichgültigkeit. "Aber sie sehen alle noch so jung aus.", meinte Semir erstaunt und mit einem Quentchen Mitleid.


    "Aids verläuft unterschiedlich. Nichtzuletzt ist das eine der heimtückisten Krankheiten, die es auf der Welt gibt.", erwiderte der Arzt und ging dann zu den anderen Beiden. "Bei beiden Leichen habe ich Rückstände von Stavudin, eines Virostatikums, gefunden. Das wird zur Milderung von Aids benutzt." "Sagte dieser Larry nicht, dass noch ein Tänzer verschwunden ist?", fuhr Jo dazwischen. Semir schlug es wie eine Faust ins Gesicht. "Stimmt, was, wenn er auch mit Aids infiziert ist?" "Dann haben wir den gemeinsamen Nenner gefunden, das zusammenfügende Puzzleteil des Serienmörders.", erwiderte Jo. "War wohl nix mit Feierabend.", murrte Semir und warf noch einmal einen Blick auf die Toten. "Danke Doc."


    Zurück im Büro rief Semir erstmal Andrea an, dass er wahrscheinlich spät in der Nacht nach Hause kommen würde. Mit einem unüberhörbaren Knurren nahm sie dies zur Kenntnis, doch als Semir ihr die Situation näher erklärt hatte, zeigte sie Verständnis dafür. Dann machten sich die beiden Ermittler wieder an die Arbeit und saßen vor der Pinnwand.
    "Also, unser Täter hat es auf Homosexuelle abgesehen, die mit dem HIV-Virus infiziert sind.", fing Semir an und lief vor der Pinnwand auf und ab. "Was für einen Grund kann er haben? Und warum nur aus dieser Gruppe der Transen?", fragte der Deutschtürke laut. "Das Motiv kann sein, dass er sich für seine eigene Infektion rächen will oder für die Infektion und den qualvollen Tod eines geliebten Menschen.", meinte Jo mit nach hintem hängenden Kopf und todmüder Stimme. "Eine dritte Möglichkeit ist, dass er sie vor einem qualvollen Schicksal erlösen will.", kam es schwach hinterher. Semir nickte zustimmend. "Also haben wir drei Möglichkeiten. Wir müssen das Zimmer des Verschwundenen durchsuchen und herausfinden, ob er wirklich ein Medikament gegen Aids nimmt." "Kann das nicht ihr Kollege machen? Wofür ist er denn vor Ort?", maulte Jo. "Richtig, soll er auch mal was tun. Ich schreib ihm sofort eine Mail und dann machen wir Feierabend.", stimmte Semir zu.


    Ben saß in seinem Zimmer und schaute in den großen Garten raus, der durch die schwarze Nacht in ein tristes Grau gefärbt war. In seinen Gedanken schwebten die Worte von Larry umher. So ein junger Mann und dann mit einer solch grausamen Krankheit gestraft. Ben konnte nicht anders, er hatte Mitleid mit dem Schicksal dieses Jungen. Doch das Piepsen seines Laptops holte ihn zurück in die Realität. "Klar, Semir stört mal wieder.", lächelte er, als er den Kopf der Mail gelesen hatte. Sein Blick trübte sich allerdings, als er die erklärenden Zeilen seines Kollegen las. "Wenn das stimmt,", dacht er und sah schlagartig zur Tür, "ist Larry vielleicht einer der nächsten Opfer." Er beschloss dann gleich, da alle schliefen, sich das Zimmer dieses Stefan mal genauer anzusehen.
    Er schlich auf leisen Sohlen aus seinem Zimmer und den Flur entlang. Das die Türen alle Namensschilder hatten, half ihm nur bei der Suche. Stefans Zimmer lag im Erdgeschoss. Ben schlich langsam die Treppe hinunter, stockte dann aber, als er Stimmen hörte, die sich aufgeregt zu unterhalten schienen.


    ...

  • XII. Larry und Sandro


    Es war Meier, mit einer noch unbekannten Stimme. Diese war aber rasend und wütend, das hörte Ben genau. "Du musst Larry rausschmeissen Boss!", sagte sie laut und Ben vernahm einen entsetzten Laut von Meier. "Wie kannst du nur so was sagen?", fragte dieser zurück. "Ist es dir denn nicht aufgefallen Maximilian? Alle die getötet wurden, waren entweder HIV-Positiv oder hatten bereits AIDS. Larry ist der Letzte von uns. Was, wenn der Mörder wahllos wird, um an Larry zukommen? Dann sind wir alle in Gefahr!" "Wir sind eine Familie!", schrie Meier zurück und Ben spürte seinen Magen immer mehr zusammenschnüren. "Nein, das sind wir nicht Maximilian, schon lange nicht mehr!" Lautes Getrampel, dann hörte Ben ein leises Atmen hinter ihm. Er drehte sich um und erblickte direkt in Larrys Gesicht. Der zarte Knabe biss sich auf die Unterlippe und kämpfte wieder sichtlich mir den Tränen. "Du hast es wohl gehört", flüsterte Ben und Larry nickte. "Das war Patrick! Ein absolutes Arschloch! Ich hasse den Kerl", zischte Larry und Ben ging zu ihm. "Komm' wir gehen besser!" Ben stiess Larry in sein Zimmer und schloss die Türe. Larry ging zum Fenster und sah hinaus. "Ich hasse den Kerl. So ein selbstverliebter, arroganter Idiot! Meint was er ist, nur weil er den Hauptakt spielt!" Ben sah, dass sein Laptop noch offen war und Semirs Mail einem direkt ins Gesicht sprang. Ben ging sofort auf das Gerät zu und klappte es zu, bevor Larry überhaupt einen Blick darauf werfen konnte. "Die wollen mich alle loswerden", begann Larry mit heiserner Stimme und rieb sich über die nackten Oberarme, sein Schlafanzug bestand aus einem Kurzarmhemd und einer Trainingshose, genau wie bei Ben, "alle. Jeder hasst mich!" Ben lächelte. "Ich hasse dich nicht!"


    Larry drehte sich um. "Du hast doch nur Mitleid mit mir", murmelte er betrübt und Ben schüttelte mit dem Kopf. "HIV-Positiv zu sein ist keine Schande. Es gibt Menschen, die das verurteilen! Für viele sind es nur wir Schwulen, oder Wichser, die sich mit dem Virus anstecken können, dabei stimmt das nicht." Larry nickte und schluckte kurz. "Ausserdem ist das kein Todesurteil. Menschen bei denen das Virus noch nicht ausgebrochen ist, können doch alt werden." Larry sah hinaus. Es begann zu regnen. "Doch jeder Winter ist eine reine Zitterpartie, wenn die Menschen sich wieder erkälten und Grippeviren in sich tragen." Ben seufzte und stand auf. "Larry", er legte beide Hände auf die Schultern des Jungen und sah, wie diese Bewegung dem Kleinen wieder wohltat, "du bist doch ein guter Kerl. Lass' dich nicht durch diesen....Zustand runtermachen lassen!" Larry schnalzte mit der Zunge. "Das sagt sich so einfach, wenn man gesund ist!" Ben wusste nichts zu erwidern. "Sandro, ich weiss du meinst es gut, aber damit muss ich alleine klar kommen! Ich war schon immer ein Ausgestossener, also werde ich auch mit dieser Situation klar kommen!" Ben sah den Jungen ernst an. "Aber ich kann dich immer noch gegen diesen Mörder beschützen!" Zum ersten Mal war Larrys Lächeln warm. "Na dann bin ich aber beruhigt", sagte er mit voller Ehrlichkeit.


    Larrys Blick richtete sich zu Bens schwarzen Gitarre. "Kannst du das wirklich spielen?" Ben grinste frech. "Nein, ist nur Dekoration!", antwortete er ironisch und Larry nahm die Gitarre. "Zu komisch. Spielst du mir was vor?" Ben zuckte mit den Achseln. "Okay", murmelte er und begann das Lied Layla, von Eric Clapton zu spielen. Larry setzte sich aufs Bett und schaukelte zur Musik mit.
    Beide wussten nicht, dass sie beobachtet wurden. Und das nächste Opfer schon bestimmt wurde.

    Semir: Du blutest übrigens!
    Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
    Semir: Alex...
    Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
    Semir: Alex...
    Alex: WAS?!
    Semir: Ich hab dich lieb...
    Alex: Ja schönen Dank auch!

  • XIII. gefährlicher Nebel


    Dieser braunäugige Kerl, der Neue, versperrte ihm den Weg zu seinem nächsten Opfer. Er kochte innerlich. Ihm selbst blieb nicht mehr viel Zeit zum Handeln. Sein Immunsystem wurde mit jedem Tag schwächer und schwächer, doch seine Mission, auf die Gott ihn gesandt hatte, war noch nicht vorbei. Er musste die Rache für seinen Bruder und sich beenden, bevor er ins heilige Paradies einkehrte und für immer seine Ruhe finden würde. Stefan war schon tot. Bestimmt würde man auch diese Leiche sehr schnell finden, doch er hatte wieder keine Spuren hinterlassen. In dieser Hinsicht war er perfekt und unfehlbar. Jetzt war nur noch dieser kleine Junge übrig und dann würde er sich in Frieden zum Sterben zurückziehen können. Keiner würde je auf seine Spur kommen und wenn doch, war es zu spät. Die Ärzte hatten ihm nicht mal mehr einen Monat gegeben und diese Zeit wolle er noch gänzlich ausnutzen.
    Doch jetzt musste er erstmal diesen Typen von Larry weglocken. Nur wie? Da kam ihm eine Idee. Ja, das würde klappen. Sein nächstes, geplantes Opfer würde einfach warten müssen. Schonfrist, dachte er teuflisch lächelnd. Jetzt musste er sich erstmal mit diesem Störenfried befassen. Dazu bot sich die nächste Nacht perfekt an. Es war Nebel angesagt und da das Haus in Wassernähe lag, würde es sicher von dieser Wassersuppe eingehüllt werden. Ein perfekter Plan. Noch ahnte er nicht, wer sein Gegner in Wirklichkeit war.


    Der nächste Tag brach mit ungewöhnlicher Kälte an. Der Rastplatz war leer und vom morgentlichen Nebel eingehüllt, als sich ein LKW-Fahrer zum Austreten hinter ein Gebüsch zurückziehen wollte. Doch dazu kam er nicht. Erschrocken fuhr er zurück, als er in die entstellte und ihn mit kalten Augen ansehende Leiche einer jungen Frau fand. Hastig rannte er zu seinem LKW zurück und verständigte über Funk die Polizei.


    Semir stand mit seinem BMW schon abwartend vor Jo's Wohnung und wartete auf den Spezialisten. "Mit der Pünktlichkeit hat er es aber auch nicht so, was?", fragte sich Semir selbst leicht genervt und blickte dann auf seine Armbanduhr. Er warf einen Blick nach oben und sah das geöffnete Fenster, aus dem lauter Gesprächskrach, der sich nach einem Streit anhörte, zu kommen schien.
    "Karsten, er ist nur ein Kollege. Er bedeutet mir nichts.", versicherte Jo seinem Lebensgefährten. "Ach ja? Ich habe deinen Blick gesehen, als er dich gestern nach Hause gefahren hat.", schrie Karsten ihn an. Der junge Mann war vielleicht in Bens Alter, doch von schmächtiger Statur. Seine blauen Augen stachen hinter den langen, goldblonden Haaren hervor. "Liebling, du weißt doch, dass es nur einen Menschen auf der Welt für mich gibt und das bist du.", entgegnete Jo und wollte Karsten in den Arm nehmen, doch dieser fauchte nur, er solle ihn in Ruhe lassen und rannte dann an Semir vorbei aus dem Haus.
    Der Deutschtürke sah dem Mann verwundert nach und erblickte dann Jo, der aufgeregt zu sein schien. "Alles in Ordnung mit dir?", wollte Semir wissen. "Was? Ja, geht schon. Nur ein bisschen Ehekrach.", meinte er und stieg dann ein. Semir verstand erst nicht, sah dann dem jungen Mann hinterher. Jetzt macht es klick. Schulterzuckend stieg er ein und fuhr mit Jo zum Fundort.


    Derweil hatte sich Ben aus seinen Federn erhoben und wollte aus dem Fenster schauen, doch dichter Nebel vergönnte ihm das Vergnügen, auf den Rhein hinauszusehen. Plötzlich drehte er sich zur Tür um. Jemand hatte geklopft. "Ja, herein.", meinte Ben und zog sich schnell sein Pullover über. Doch nichts. Stattdessen kam nur ein Zettel unter der Tür durch.
    Verwundert ging Ben zur Tür und öffnete das Stück Papier. "Muss mit dir unbedingt reden. Komm in einer halben Stunde in den kleinen Park, hinter der Bank. L.", las Ben und stutzte. Wieso wollte Larry mit ihm reden? Ben ahnte nicht, dass dies nur ein ausgelegter Köder für eine Falle war, in die er tappte.


    ...

  • XIV. Rettung


    Larry sah, wie Ben aus dem Haus ging. Irgendwas war da doch faul. Er mochte ihn, aber ein Gefühl sagte ihm, dass er nicht das zu sein schien, was er vorgab. Denn immer wenn er Ben, für ihn Sandro, berührte, war es für ihn zwar wohltuend, doch dieses Gefühl wurde nicht erwidert. Als Ben hinausgegangen war, machte er sich auf, in Bens Zimmer und erblickte den Laptop, der nur auf Stand-By war. "Tut mir leid Sandro, aber ich will wissen, wer du bist!" Er klappte das Gerät auf und sofort wurde Semirs Mail sichtbar. Larry wirkte nicht sonderlich überrascht. In seiner Heimat, Amerika, sah man ja lauter solcher Filme, wo Polizisten undercover ermittelten. Aber Bens Worte waren aufrichtig gewesen und das zählte für ihn. Er sah sich die Anrede an. "Ben also", murmelte er und sah auf einen Zettel, der neben dem Laptop lag. Es war der Zettel, den Ben zum Treffpunkt beorderte. "Gezeichnet L?" Larry schaltete sofort. "Scheisse!", zischte er und rannte in sein Zimmer. Er zog sich sofort um und lief hastig aus dem Haus. Es war ihm egal, dass die Anderen in hören könnten, es war ihm auch egal, dass Ben ein Polizist war. Sein Leben war nun in Gefahr. Die Nacht war kalt und Larry war ihm klaren, dass er sich nun einer grossen Gefahr begab. Er war HIV-Positiv. Jeder Virus, war gefährlich für ihn. Eine Lungenentzündung, konnte bereits seinen Tod bedeuten. Doch Larry wollte Leben. Er ging auf den Park zu, in dem es totenstill war. Ein eiskaltes Gefühl, beschlich sein Herz. Er ging weiter und erblickte die Bank, mit dem riesigen Strauch im Hintergrund. "Bitte nicht", flüsterte er und sah eine maskierte Person fortlaufen. "Stehen bleiben!", schrie er und wollte hinterher gehen, als ein Stöhnen ihn aufhielt.


    Er ging hinter den Strauch und erblickte Ben. Das eine Auge blau, über der linken Augenbraue eine Platzwunde und am rechten Unterarm befand sich ein riesiger Schnittwunde. Larry nahm sein Handy hervor und wählte eine Nummer. "Maximilian, ich bins! Ja ich weiss dass es spät ist, aber es ist ein Notfall! Ben wurde verletzt. Na welcher Ben? Verarsch mich nicht ich hab's rausgefunden! Kannst du gleich kommen? Ja, Zuhause werde ich ihn richtig versorgen!" Er hängte auf und zog seine Jacke aus, legte sie behutsam unter Bens Kopf. Dieser kniff die Augen zusammen und öffnete sie leicht. "Larry?", fragte er heiser und dieser nickte. "Du wurdest richtig verarscht!" Ben verzog das Gesicht. "Jemand hat sich als dich ausgegeben", begann er und Larry nickte, "ich weiss. Du kennst ja meine Handschrift nicht! Wieso solltest du es dann wissen?"
    Es dauerte keine zwei Minuten und Maximilian Meier kam herbei. Er erschrack zuerst bei Bens Anblick, half ihm aber dann, zum Haus zu kommen in dem er ihn stützte. Larry war zu klein. Sicherlich kleiner als Semir.


    Leise betraten sie das Haus und gingen in Bens Zimmer. Behutsam wurde er aufs Bett gelegt. Larry holte in der Zwischenzeit einen Erstehilfekoffer. Ben fühlte sich schwach. Der Schlag auf dem Kopf war hart und aus der Schnittwunde war eine Menge Blut geflossen. Es geschah, als er sich abwehren wollte. Eiskalt fuchtelte dieser Typ mit dem Messer um sich. Er konnte sich einfach nicht mehr erinnern.
    Maximilian ging aus dem Zimmer und nickte Larry zu, als dieser das Zimmer betrat. Er legte den Koffer zu Bens Füssen und nahm Tupfer mit Jod hervor. Ben erblickte, durch den Schmerzschleier, das der Laptop aufgeklappt war. "Du bist mir nachgelaufen", stiess er hervor und Larry nickte. "Ich bin einfach zu neugierig, ich kann nichts dagegen machen!" Er tauchte eine der Tupfer in Jod und nahm zart Bens Arm, so wie es dieser nur von einer Frau kannt. "Dann weisst du auch, wer ich wirklich bin!" Larry lächelte. "Wenn du Hetero bist, habe ich keine Probleme damit!" Ben grinste, langsam klärte sich der Schleier, doch zuckte er auf, als Larry mit dem Jod die Wunde säuberte. "Ich bin Hetero. Ich habe aber auch keine Probleme, dass du schwul bist!" Larry hob die Schultern. "Das weiss ich! Ich habe ein gutes Menschengespür Ben. Ich habe noch nie einen so gutaussehenden Heteromann getroffen, der so offen zu Schwulen war." Ben sah, mit welcher Liebe und Sorgfalt, Larry die Wunden verband. "Du solltest in ein Krankenhaus. Die Wunden sind zwar nicht schwer, aber man weiss ja nie!" Ben schüttelte mit dem Kopf. "Du kannst das schon gut!" "Ich war Sanitäter, bevor ich vor vier Jahren von Amerika hier her zog."


    "Du bist Amerikaner?", fragte Ben verblüfft. "Allerdings. Ich bin aus meiner Heimat geflohen. Du weisst ja, wie meine Landsleute zu meiner Einstellung stehen. Besonders bei dem, was ich nun habe!" Ben nickte und sah, dass Larry Handschuhe anhatte. "Übertreibst du nicht?", fragte er und Larry sah ihn erstaunt an. "Ich bin informiert Larry. Ich weiss, wann HIV übertragbar ist. Du bist doch kein wandelnder Tod! Lass' dir das von den Anderen nicht einreden!" Larry verschloss den Verband um Bens Unterarm. "Ich weiss, aber die Angst bleibt. Bleibt noch die Wunde am Kopf. Gegen dein blaues Auge, hilft nur Make-Up!" Beide lachten. "Ben ich will dir helfen!", begann Larry und atmete tief durch, "Der Mörder hat meinen Freund getötet. Und nun will ich ihn aufhalten." Ben zog ein nachdenliches Gesicht. "Ich werde mich diskret halten. Aber ich denke, du kannst jemanden gut gebrauchen, der ein wenig Ahnung, im Leben der Homosexuellen hat."

    Semir: Du blutest übrigens!
    Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
    Semir: Alex...
    Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
    Semir: Alex...
    Alex: WAS?!
    Semir: Ich hab dich lieb...
    Alex: Ja schönen Dank auch!

  • XV. DNA lügt nicht


    Während Larry seine Wunde gesäubert hatte, sah Ben, dass er unter einem seiner Fingernägel etwas rotes hatte. Mit vorsichten Bewegungen betrachtete er sich seinen Fingernagel. Seine Augen leuchteten auf. Scheinbar hatte er den Angreifer gekratzt. Welch ein Glück, dachte er sofort und fing an, triumphierend zu lächeln. Larry sah ihn fragend an. "Was hast du?", wollte er wissen. Doch Ben erwiderte nichts, ging nur zu seinem Laptop und schrieb Semir sofort eine Nachricht, die er auf sein Handy schickte. "Ben, was hast du?", fragte Larry weiter.
    "Ich habe den Angreifer scheinbar verletzt.", erwiderte der enttarnte Kommissar. "Und?" "Und, somit habe ich seine DNA unter meinem Fingernagel. Wenn wir die analysieren, dann haben wir einen großen Schritt in Richtung Lösung des Falles getan.", erklärte er und Larry verstand. "Wie lange würde das etwa dauern?", wollte er wissen. "Einige Tage mindestens. Aber unser Doc ist da ganz schnell. Dennoch müssen wir vorsichtig sein.", mahnte Ben und schickte die Mail los.


    Semir und Jo verbrachten die Autofahrt über hin mit Schweigen. "Willst du mir nicht sagen, was das vorhin war?", fragte Semir neugierig und versuchte hinter diese Fassade des Profilers zu sehen. Denn obwohl sie schon einige Tage zusammenarbeiteten, konnte er sich noch kein so rechtes Bild von dem Mann machen, der bei Scotland Yard und Interpol gearbeitet hatte.
    "Ach, es war nichts. Nur ein Streit unter Eheleuten, wie er sicherlich in deiner Familie auch vorkommt.", meinte Jo und sah Semir schief an. Dieser schwenkte seinen Kopf zustimmend hin und her. Doch das befriedigte seine Neugier kaum. Bevor er jedoch eine neue Frage abschießen konnte, kam ihm Jo schon zuvor. "Mein Mann meint halt, als er uns gestern zusammen gesehen hat, dass ich dir schöne Augen machen würde." Semir sah ihn irritiert an. "Wie war das?" "Ja, Karsten kann ziemlich zickig und eifersüchtig sein. Dabei ist er so süß und kann sowas von gut kochen.", schwärmte Jo dann und sah schlagartig zu Semir, als dessen Handy piepte. "Eine Nachricht von Ben.", sagte er nur und las den Text. Sein Gesicht änderte sich von einer Minute auf die andere. "Schnell, wir müssen zur Villa fahren.", stieß er aus und riss das Steuer rum. "Was ist denn los?", fragte Jo und konnte sich nur mit Mühe festhalten. "Ben wurde angegriffen.", erwiderte Semir kurz und drückte das Gaspedal bis zum Anschlag durch.


    Während die anderen noch schliefen, schlichen Semir und Jo die Treppen zu Bens Zimmer hinauf. "Mensch Ben, was hab ich dir gesagt?", kam es gleich anklagend von Semir, doch Ben winkte nur ab. "Mir ist ja nichts passiert.", meinte er nur. "Ein Glück auch.", erwiderte der Deutschtürke und nahm vorsichtig die Hand von Ben, wo das Beweismaterial unter seinem Fingernagel haftete. Mit einer Pinzette nahm er vorsichtig die Hautfetzen hervor und steckte sie in ein kleines Röhrchen. "Das soll sich der Doc mal ansehen."
    "Habt ihr schon was neues herausgefunden?", wollte Ben dann wissen und sah zu Larry, der mit herunterhängenden Schultern am Fenster stand. "Wieder wie bei den anderen.", meinte Jo und sah dann ebenfalls zu Larry, ging zu ihm und stellte sich hinter den Jungen. "Eine weitere Leiche wurde heut morgen gefunden. Wieder entstellt und gewaschen.", erklärte Semir. "Das sind doch schon vier Tote.", zählte Ben auf und ballte die Fäuste. Er empfand Wut gegenüber diesem Kerl. "Wir müssen ihn stellen, Semir." "Keine Angst, hiermit haben wir eine reelle Chance.", entgegnete er und hob das Röhrchen kurz an. "Du weißt doch, DNA lügt nicht.", lächelte er. "Du hast recht. Mal sehen, heute abend ist meine erste Show. Ich werde mal die Augen auf eine frische Kratzwunde aufhalten.", flüsterte er seinem Partner zu. "Du meinst, es könnte einer von hier gewesen sein?", fragte Semir erstaunt. "Möglich, ich habe gestern ein Gespräch zwischen Meier und noch einem belauscht. Es wäre immerhin denkbar.", meinte Ben.


    ...

  • XVI. Ein Verdacht?


    Als Ben am nächsten Morgen aufwachte, dröhnte sein Kopf unerträglich und er hielt sich eine Hand an die Schläfe. Er stöhnte leicht und vernahm ein leises Geräusch neben sich. Die Tür öffnete sich und Larry trat herein. "Morgen", sagte er leise, da er sah, wie Ben sich mit den Kopfschmerzen abmühte. "Morgen", gab Ben zurück und beugte sich vor.
    Der Amerikaner hatte in seiner Hand ein Glas Wasser, mit einer seltsamen weissen Flüssigkeit. "Ich habe eine Aspirintablette aufgelöst", begann er und rührte mit einem Löffel nochmals durch. "Einfach runter damit. Dann sollte es dir besser gehen!" Ben nahm dankend das Glas entgegen und kippte die Flüssigkeit mit zusammengekniffenen Augen in einem Zug runter. "Und? War's so schlimm?" Larry nahm das Glas und stellte es auf den Tisch, der neben Bens Bett stand. "Geht so", antwortete dieser murmelnd. "Darf ich nach deiner Wunde sehen?" Ben sah Larry an und nickte. Er hatte keine Handschuhe an. Behutsam, machte Larry den Verband ab und hob behutsam die Gaze an. "Okay, sie scheint sich nicht zu entzünden." Larry nahm aus dem Koffer, der noch immer auf Bens Schreibtisch stand, neues Verbandszeug hervor und verband die Wunde neu. "Danke dass du mir vertraust." Larry sah Ben mit fragendem Blick an. "Du hast keine Handschuhe an!" "Ich denke, du bist es wert!" Ben legte den Kopf schief und grinste. "Danke, dass ist sehr nett von dir!" Ben atmete tief durch. "Wie sollen wir bloss das den Anderen erklären?" Larry zwinkerte. "Das habe ich schon abgeklärt. Du bist die Treppe runtergefallen, weil du geschlafwandelt hast! Maximilian hat das Alles schon eingefädelt!"


    Das Frühstück bestand aus einem grossen Buffet. Jeder konnte sich das nehmen, was er konnte. Die Stimmung am Tisch war bedrückt. Manche sagten gar nichts. Nur Ben und Larry unterhielten sich. Larry spielte perfekt mit. Kein einziges Mal versprach er sich. Ein perfekter Darsteller. Auf einmal schlug einer, der mächtig aussehenderen Kerle, mit den Fäusten auf den Tisch. "Jetzt reicht's!", schrie er und alle erschraken sichtlich. "Maximilian, nun sage ich es vor allen, es ist mir scheiss egal! Larry soll verschwinden endgültig!" Ben richtete sich auf. "Wow langsam, wieso das denn?" Der Mann funkelte ihn gehässig an. "Ein Frischling sollte die Klappe halten, Sandro!" "Nicht wenn ich hier einen direkten Fall von Mobbing sehe! Hast du denn Angst vor Larry?" Der Mann beugte sich drohend nach vorne, doch Ben wich nicht zurück. "Und wie ich das habe! Der Kerl hat AIDS!" Er hatte Bens T-Shirtkragen gepackt, doch Benn griff sich den Arm und schlug ihn weg. "Erstens hat der "Kerl", wie du ihn nennst, einen Namen und zum Zweiten ist er HIV-Positiv! Ich weiss nicht wie es dir geht, aber für mich ist das ein grosser Unterschied!"


    "Sag' mal wie sprichst du mit mir!" Maximilian wollte aufstehen, doch Ben hielt ihn zurück und der Amüsementbesitzer begriff. "Ich spreche mit dir so, wie ich mit jeder Person spreche, die jeglichen Respekt vor den Menschen verloren hat!" "Für wen hälst du dich?" Ben hob die Schultern. "Ich halte mich für jemanden, der seine Menschen in den eigenen Reihen nicht verrät und sie nur auf etwas reduziert, dass sie nicht sind!" Der Mann holte mit dem Arm aus und umgriff fest Bens verletzten Unterarm. Ben zuckte und biss sich auf die Unterlippe. Er wurde dicht an ihn herangezogen, hörte aber schon die Stimmen hinter ihm, die für ihn sprachen und den Mann beschworen, loszulassen. "Merk' dir eines! Niemand legt sich mit Patrick an! Nicht mal so ein Neunmalkluger Schisser wie du!" Ben wurde zurückgestossen und fiel auf sein Gesäss. Larry beugte sich sofort zu ihm. Patrick ging aus dem Raum. "Du mieser Penner!", schrie Larry noch hinterher, doch Patrick war schon lange verschwunden.

    Semir: Du blutest übrigens!
    Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
    Semir: Alex...
    Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
    Semir: Alex...
    Alex: WAS?!
    Semir: Ich hab dich lieb...
    Alex: Ja schönen Dank auch!

  • XVII. Heiße Spur


    Semir und Jo waren derweil beim Pathologen und hatten die DNA-Probe abgegeben. "Gut Jungs, ich werde sie gleich durch den Computer jagen, aber das kann dauern.", meinte er. "Wie lange etwa?", wollte Semir wissen. Der Doc machte eine wage Handbewegung. "So etwas um die 40 Stunden.", erwiderte er. "Wie lange?", fragte Jo erstaunt. "Tja Jungs, ich hab noch mehr zu tun, als eure Serienmorde.", erklärte er und widmete sich dann wieder den anderen Leichen, die von den anderen Kollegen hergebracht wurden.
    Semir und Jo verließen den Pathologiesaal und steuerten auf den Wagen zu. "Und was machen wir jetzt?", wollte Jo wissen. "Tja, wir tappen ziemlich auf der Stelle. Im Moment können wir nur hoffen, dass es der Mörder nicht noch einmal versucht, bis wir die DNA-Probe analysiert haben.", erwiderte Semir und setzte sich an den Steuer des BMWs und fuhr mit dem Kollegen zurück zur PASt.


    Ben und Larry hatten sich nach dem Essen in Bens Zimmer zurückgezogen und redeten über diesen Patrick. Irgendwie beschlich Ben das Gefühl, dass dieser Kerl etwas wusste, wenn nicht sogar eine wichtige Information verschwieg.
    "Kannst du mir irgendwas über diesen Patrick erzählen, Larry?", drängte Ben seinen neu gewonnenen Freund. Larry überlegte kurz. "Patrick ist vor etwas anderthalb Jahren zu uns gekommen. Anfangs hatte er sich von uns abgekapselt, wollte nichts mit uns zu tun haben, doch so langsam hat er sich bei uns eingelebt. Er hat eine sehr einnehmende Persönlichkeit weswegen auch Maximilian eher einen Bogen um ihn macht, wenn er seine Launen hat.", erklärte der Amerikaner. "Weißt du, wieso er zu euch gekommen ist? Hat er irgendwas aus seiner Vergangenheit erzählt?", fragte Ben weiter. "Er scheint einen Bruder gehabt zu haben, doch er spricht nicht über ihn. Ich war mal bei ihm im Zimmer und hatte das Bild in der Hand. Er kam herein und hat mich zu Boden geworfen, schrie mich an, dass ich nie wieder dieses Bild anfassen sollte.", erzählte Larry. "Das klingt doch alles interessant.", meinte Ben nachdenklich. "Kannst du mir einen Gefallen tun?", fragte er dann und Larry sah ihn abwartend an. "Ich will mich im Zimmer von diesem Patrick ein wenig umsehen. Du musst für mich Schmiere stehen und mir Signal geben, wenn er kommt." "Geht klar.", zwinkerte Larry und beide machten sich auf den Weg.


    Das Zimmer von Patrick lag direkt unter dem Dach mit Blick auf den Rhein. Ben öffnete die nicht abgeschlossene Tür vorsichtig, für den Fall, dass der Zimmerinhaber anwesend war. Glück gehabt. Keiner da. "Okay, du wartest hier und gibst mir Signal, falls er kommt.", meinte Ben leise zu Larry und dieser nickte, stellte sich sofort an das Treppengeländer und sah nach unten.
    Ben drückte sich durch den engen Türspalt und lehnte sie nur an. Jetzt war nur die Frage, wo er mit der Suche beginnen sollte. "Hm, unter der Matratze wird ja gerne was versteckt.", dachte er und ging auf das Bett zu. Vorsichtig hob er die Bettmatratze an und tatsächlich entdeckte er etwas sehr interessantes. "Das es sowas noch gibt.", lächelte Ben und nahm ein kleines, mit schwarzem Leder eingeschlagenes Buch in die Hand."Eindeutig ein Tagebuch.", dachte er und ging damit zum Licht hin. Er sollte bald feststellen, dass dies kein normales Tagebuch war. Doch auch die Schwierigkeiten sollten schnell wieder auf ihn zurollen, als er sich das gewünscht hätte.


    ...

  • XVIII. Erster Auftritt


    Larry klopfte, als er Patrick unten im Flur hörte und Ben legte sofort das Taschenbuch zurück. Er hatte sich die letzten Seiten angesehen und diese sagten schon viel. Er ging zusammen mit Larry in dessen Zimmer, das Ben nun zum ersten Mal betrat. Im Gegensatz zu Larry selbst, wirkte es sehr neutral und nur als Mittel zum Zweck eingerichtet. Einzig allein am Spiegel, hängten Fotos von Freunden und Verwandten. Es waren nicht viele, doch waren sie mit Liebe an den Spiegel geklebt worden. "Das war knapp", keuchte Larry und Ben grinste. "Das ist nicht komisch!", zischte der Amerikaner und Ben verschränkte die Arme. "Ich mache das jeden Tag Larry." "Ja aber ich nicht!" Larry und Ben sahen sich um, als sie eine laute Glocke schlagen hörte. "Oh, die Standuhr! Wir sollten nach unten, die Auftritte werden vorbereitet." Gemeinsam liefen sie nach unten, wo Maximilian schon wartete. "Sehr gut. Larry und Sandro, ihr bereitet euch gemeinsam vor. Dann seit ihr schneller." Ben und Larry nickten. Es war besonders letzterer, der Ben zurechtmachte. Als er damit fertig war, lächelte er. Ben zischte kurz. Aber auch mit einem Lächeln, als er Larry im Frauenoutfit sah. "Ich habe einen Tipp, wegen dem Verband." Larry öffnete seine Schublade und zog ein paar lange Handschuhe hervor. "Ich habe sie immer für meine Marylin Performance gebraucht!" Er zwinkerte kurz und Ben legte sie um. "Danke", sagte er und bewegte den verletzten Arm. "Tut's sehr weh?" Ben schüttelte mit dem Kopf. "Was erwarten mich eigentlich so für Zuschauer." Larry lachte. "Nicht das, was du in Stripclubs siehst. Viele kommen wirklich nur, um schön zu essen und eine tolle Show zu sehen. Schliesslich sind wir ein Amüsement und kein Stripclub alles bleibt an!"


    Vor Ben war Patrick dran. Als dralle Blondine, zeigte er eine Nummer von Marylin Monroe. "Die hat er mir geklaut", zischte Larry und atmete heftig durch die Nase. "Zeig ihm was du drauf hast Ben! Mach die flotte Moulin Rouge Nummer! Wie Nicole Kidman!" Ben zwinkerte und atmete tief durch. Es ist nur ein Auftrit, sprach er sich immer wieder zu, wie bei der Band. Als er angesagt wurde, hörte er, wie einen der Bühnenarbeiter den Stuhl auf den Tisch stellte und Meier ihn anzusagen begann. Sein Herz schlug gegen den Brustkorb. "Lampenfieber?", fragte Larry mit neckender Stimme und Ben zuckte mit den Achseln. "Du kannst das Ben! Ich weiss das!" Ben lächelte dankend und hörte, wie Meier schon begann das Intro zu spielen. Ben schaltete sein Mikrophon ein und begann auf den High-Heels und der langen Robe, mit offener Seite, auf die Bühne zu laufen.


    The French were bred to die for love
    They delight in fighting duels
    But I prefer a man who lives
    And gives expensive jewels


    Als er das Intro sang, hörte er Männer begeistert klatschen und spürte die verwunderten Blicke über einen neuen Tänzer. Doch er führte seine Show auf. Immer mehr waren die Leute begeistert und Ben fühlte Patricks neidischen Blick in seinem Nacken. Das war seine Art der Retourkutsche. Larry sah dies mit einem glänzenden Blick an. Es war wunderschön in seinen Augen. Als Ben die Bühne, nach langen Verbeugungen, die Bühne verliess, klatschte sich der Junge in die Hände. "Einfach traumhaft!", lobte er und Ben setzte sich an seinen Spiegel. "Danke", keuchte er und begann sich abzuschminken. Die Perücke hatte er abgenommen. Nur das Haarband, das seine Haare oben behielt, hatte er noch an. Er hörte ein schmatzendes Geräusch hinter sich. "Aller Achtung!" Er drehte sich um und sah in den giftigen Blick Patricks. "Nicht schlecht!" Ben lächelte und legte gekonnt seinen Arm um ihn. "Du wirst dich noch wundern, was ich so alles kann", sagte er und Patrick löste sich sofort von ihm, um wutentbrannt aus dem Saal zu stürmen. Larry lächelte. "Das war toll!"


    Der Abend brach an und Larry hatte sich mal wieder in Bens Zimmer eingenistet. Ben schrieb Semir, dass er herausgefunden hatte, dass Patricks Bruder mit dem HIV-Virus infiziert war. Es wurde nicht geschrieben, ob er schon Aids hatte. Doch er hoffte, dass Semir diese Informationen weiterhalf. Er gab Patricks Daten ein und versendete sie.
    "Du warst wirklich toll", seufzte Larry und Ben drehte sich zu ihm um. "Du wiederholst dich!", sagte er mit einem Lächeln und sah Larrys Gesicht. Er hatte wieder Tränen in den Augen. Doch dieses Mal war es nicht die gewohnte Pein, die er in seinen Augen sah, es war was anderes. "Larry?" Er ging zu ihm und beugte sich zu ihm. "Alles in Ordnung?" Larry biss sich auf die Unterlippe und schüttelte mit dem Kopf. Er nahm aus seiner Hosentasche einen Zettel. Er war total zusammengeknüllt. Ich hatte meine übliche Blutprobe abgeben und heute ist das Ergebnis gekommen. Ben faltete das Blatt auf und las es durch. "Es ist ausgebrochen Ben!" Ben atmete tief durch und sah Larry an der zu schluchzen begann. "Ich habe Aids!"

    Semir: Du blutest übrigens!
    Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
    Semir: Alex...
    Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
    Semir: Alex...
    Alex: WAS?!
    Semir: Ich hab dich lieb...
    Alex: Ja schönen Dank auch!

  • XIX. nächtliche Bedrohung


    Langsam kam Ben auf Larry zu und tat etwas, was dieser nicht erwartet hatte. Er umarmte den kleinen Amerikaner und rieb ihn brüderlich über den Rücken. Nach einer Weile, die Larry sehr genoss, ließ Ben von ihm ab. "Danke, das tat gut.", meinte Larry und lächelte, obwohl er Grund zur Trauer hatte. Dann wandte er sich zum Gehen ab, drehte aber in der Tür auf dem Absatz wieder um und sah Ben mit einem leichten Augenzwinkern an. "Gehen wir nachher einen Trinken? Ich habe das dringende Bedürfnis der Wirklichkeit zu entfliehen." Ben lachte kurz auf. "Okay, zufällig kenn ich eine nette Bar, die einem Freund von mir gehört.", erwiderte Ben. "In einer halben Stunde?" "Klar, warum nicht. Ich hol dich dann ab.", erwiderte der Polizist und setzte sich an seinen Laptop. Er konnte ja nicht wissen, dass dieses Gespräch belauscht worden war.


    Er hatte alles genau gehört und sah darin seine Chance, diesen Kerl das Licht auszupusten und seinen Plan dennoch zu vollenden. "Nur noch dieser eine Mord.", dachte er und dann könne er sich in aller Ruhe zum Sterben zurückziehen. Die Krankheit war in den letzten Wochen immer schlimmer geworden. Selbst die starken Schmerzmittel halfen ihn nicht mehr wirklich. Er musste einfach den Plan vollenden. Schon allein wegen seinem Bruder. Er war es ihm einfach schuldig.
    Sie sollten zahlen. Dafür, dass sie ihn mit dieser tödlichen Krankheit angesteckt hatten. Dafür, dass sie seinen Bruder auf dem Gewissen hatten, der noch nicht einmal schwul war. Er hatte nur rumprobiert, seine sexuellen Grenzen gesucht und dann das. Vor einigen Wochen war er gestorben, qualvoll. Sein Körper war zu schwach gewesen. Jetzt hatte er, sein älterer Bruder, es übernommen, diesen wandelnden Toten den heiligen Krieg zu erklären. Auch wenn er damit allein stand. Nur Gott war auf seine Seite.


    Ben und Larry machten sich auf dem Weg zu besagter Kneipe, dessen Inhaber Ben gut kannte, hatte er doch was mit Larry gemeinsam. "Hey Ben, altes Haus.", stieß Daniel aus, als er seinen alten Freund durch die Schwenktür treten sah und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu. "Hy, Daniel. Schön, dich wiederzusehen.", meinte Ben, umarmte seinen alten Freund und dieser drückte dem Kommissar einen Kuss auf die linke und einen auf die rechte Wange.
    "Was bringst du mir denn da für ein schnuckeliges Kerlchen?", fragte er und deutete auf Larry, der ein wenig unbeholfen dastand. "Daniel, das ist Larry, ein guter Freund von mir.", stellte Ben seinen Begleiter vor und Daniel drückte dem Jungen jeweils einen Kuss auf die Wange. "Freunde von Ben sind hier immer willkommen.", meinte er und Larry nickte etwas verlegen. Jetzt verstand er, dass Ben keinerlei Vorurteile hatte. Einer seiner besten Freunde war auch schwul und Ben machte es überhaupt nichts aus. Beide wurden direkt an die Bar geführt und sofort wurden sie von Daniel mit Fragen nur so gelöchert.


    Sie alle wussten nicht, das sie von außerhalb der Bar beobachtet wurden. Eine dunkle Gestalt wartete vor der Bar auf seine Chance. Dieses Mal würde es klappen. Es musste einfach klappen.


    ...

  • XX. Verschwunden


    "Ach sooo", Daniel hatte den Thresen einer Bedienung überlassen und zog sich mit Larry und Ben zurück, "ihr wollt mir nichts genaues sagen! Polizistenarbeit!" Das letzte Wort hatte der Barbesitzer gekonnt leise ausgesprochen und Ben nickte zustimmend. "Wenigstens ist's schön zu sehen, dass du nicht nur mit mir so lieb bist!" Ben lehte sich zurück und faltete die Hände hinter dem Kopf. "Du kennst mich, ich bin sehr offen erzogen worden und für das bin ich meinem Vater und meiner Mutter, Gott habe sie selig, sehr dankbar." Larry sah Ben an. "Deine Mutter ist tot?" Ben lächelte traurig und nippte kurz an seiner Flasche Bier. "Gebärmutterkrebs", sagte er leise und Larry seufzte schwer. "Grausamer Tod!", sagte er knapp und trank einen Schluck seiner Bloody Mary. "Die Welt ist manchmal ungerecht", begann Daniel, "Bens strahlende Mutter zu früh gestorben, mein Vater hatte sich von meiner Mutter scheiden lassen, weil diese mit meiner sexuellen Neigung nicht klar kam..." "...und ich werde es auch nicht mehr lange machen!" Daniel sah Larry mit grossen Augen an. "Biste krank?", fragte er ein wenig unsensibel, da er ja nicht wusste, was der arme Junge hatte. Larry musste lächeln. Daniels Stimme war einfach zu quirlig und zu lustig. Ein richtiger Kneipenbesitzer halt. "Aids", sagte er knapp und Daniel schlug die Hände vor den Mund. "Gott das tut mir leid", konnte der Junge durch die Fingerritzen hören. "Ist schon okay!" Ben legte wieder eine Hand auf den Rücken. Er streichte kurz darüber. "Herrgott, die Welt ist echt ungerecht! So ein nettes Kerlchen wie du!"


    Noch zwei Stunden, wurde über die Welt und Gott geredet, als Larry Ben bat, langsam wieder zurückzukehren, da er ziemlich müde wurde. "Also Daniel", begann Ben und kramte seine Geldbörse hervor, "was bin ich dir schuldig?" Nun rutschte Bens Pullover nach oben und Daniel erblickte den dickend Verband. "Heillige Scheisse, was ist denn da passiert?" Larry grinste. "Ach und über das Pflaster hast du dich noch nicht gewundert?", fragte er und deutete auf Bens Augenbrauenbereich. "Ben rauft sich doch ständig!" Der Angesprochene zog eine Schnute. "Gar nicht wahr." Er deutete die Geldbörse an. "Lass' stecken Kumpel", winkte Daniel ab, "geht auf's Haus! Hoffe du kommst nun öfters mit Ben Larry, bist ein flotter Typ!" Larry nickte dankend und ging mit Ben aus dem Lokal. "Das war wirklich toll", jauchzte Larry und streckte die Arme in den Himmel, wo der dunkelblaue Samt mit weissen Sternen beschmückt war. Larry drehte sich vergnügt und ging mit Ben die einsame Strasse hinunter. Ben fand's einfach zu niedlich. Der Junge war schon eine Marke für sich. "Lass' uns was singen, Ben-Boy!" "Was denn?", fragte Ben neugierig und Larry begann zu schnipsen und sang aus voller Kehle.


    Oh! Ohhhh yeeeh
    I used to think maybe you loved me now baby I'm sure
    And I just cant wait till the day when you knock on my door
    Now everytime I go for the mailbox , gotta hold myself down
    Cos I just wait till you write me your coming around


    Ben lachte. Jede Zeile von Larry klang pure Lebensfreude. Anscheinend hatte die Kur in der Bar mit Daniel ziemlich alleine. Er war nun nicht alleine, dass schien der Amerikaner nun zu spüren. Er tanzte und balancierte auf dem Bürgersteigeabsatz und immer wieder schnipste er mit den Fingern. Das dunkelblonde Haar, flog mit den Bewegungen mit und war kaum noch zu bremsen. Larry sang ausgezeichnet. Ben konnte überhaupt nicht begreifen, wieso Patrick die Hauptaktraktion war. Larry konnte singen. Patrick war ein altender Singvogel mit kaum stimme. Larry sah, dass Ben sich Gedanken machte und lachte laut. "Komm' Ben, der Refrain, der kannst du auch, da bin ich mir absolut sicher!" Larry sang nochmals die letzten Zeilen und zeigte auf Ben, damit dieser den Einsatz kannte.


    I'm walking on sunshine , wooah
    I'm walking on sunshine, woooah
    I'm walking on sunshine, woooah
    and don't it feel good!!


    Sie sangen beide aus voller Kehle. Tanzten und konnten sich vor Lachen nicht mehr einkriegen. Und das war nicht der Alkohol. Das war der Zauber einer anbahnenden Freundschaft. Einer Freundschaft, die Larry schon immer brauchte. Eine Seele, die hinter ihm stand und ihn nicht wegen seiner sexuellen Richtung demütigte. Das hatte er schon genug gehabt. Nein Ben war anders. Ben war ein Original, wie er selber. Ein Mensch, der sich nie unterkriegen liess. Eine Eigenschaft, die er bewunderte. Der Mond strahlte hell und Larry wollte, dass dieser Augenblick nicht mehr vorbei ginge. Doch irgendwann würde er vorbeigehen. Irgendwann wäre der Fall gelöst und Ben für immer weg. Seine grösste Angst. Ben für immer verschwunden. Doch da was in den dunkelbraunen Augen des Kommissaren die sagten: "Ich lasse dich nicht alleine!"


    Beide schreckten auf, als es knackte. "Hast du das auch gehört?" Ben nickte auf Larrys Frage und als Beide sich umdrehen wollte, spürte Ben einen harten Schlag auf den Kopf und hörte nur noch Larrys entsetzten Schrei, bevor er auf den Boden schlug.

    Semir: Du blutest übrigens!
    Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
    Semir: Alex...
    Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
    Semir: Alex...
    Alex: WAS?!
    Semir: Ich hab dich lieb...
    Alex: Ja schönen Dank auch!