Die Zeugin

  • Bevor ich das erste Kapitel schon wieder umschreibe, traue ich mich dann doch, beeindruckt von den vielen tollen Geschichten, die ich hier schon genießen durfte, und stelle endlich mal eine eigene ein. Da ich das Ganze zum ersten Mal so ausführlich mache, freue ich mich über Kommentare und Anregungen!






    Zusammengekrümmt lag er auf dem Boden. Die Hände waren vor die Brust gepresst. Ein dünnes Rinnsal Blut lief noch an seinen Armen entlang. Die Blutlache unter ihm war schon sehr groß geworden. Seine Augen waren geschlossen. Er war leichenblass. Nur wenn man sehr lange genau hinsah, konnte man noch ein schwaches Heben und Senken der Brust erkennen; dem einzigen Zeichen, dass er noch am Leben war. Er befand sich in einem dunklen Kellerraum, der mehr an ein Verlies erinnerte. Nur wenig Licht drang durch ein kleines Fenster hoch oben an der Wand in sein Gefängnis. Keine Chance, dort hinauszukommen. Die stabile Tür war auch fest verschlossen. Wie aber auch fliehen, war er im Moment doch dem Tod näher als dem Leben. Hätte er doch nur Bescheid gesagt, dann müsste er hier jetzt nicht allein sterben. Er hatte doch nur versucht, sie beschützen. Sie war so voller Angst gewesen, als sie angerufen hatte. Sie hatte geglaubt, Nieder in der Stadt gesehen zu haben. Doch wie hätte das sein können. Der saß doch noch in Untersuchungshaft.


    Wieso hatte er sie auch losziehen lassen. Er hatte ihr doch versprochen, sie nicht mehr allein zu lassen. Und anstatt Verstärkung zu rufen oder wenigstens seinem Partner Bescheid zu sagen, war er wie schon so oft einfach alleine losgefahren. Warum hatte er sie nicht überredet, das Zeugenschutzprogramm in Anspruch zu nehmen! Doch insgeheim kannte er die Antwort schon längst. Hätte sie sich dafür entschieden, hätten sie sich nie wieder gesehen. Am Anfang war auch noch gar nichts gewesen, Sympathie, mehr nicht. Doch je länger der Prozess dauerte und je mehr Zeit er mit ihr verbrachte, auf sie aufpasste, desto vertrauter waren sie sich geworden. Zuerst war ihm die Bitte des LKAs lästig gewesen, doch sie vermuteten einen Spitzel in ihren Reihen und hatten sich an ihn gewandt, um für den Schutz der Zeugin zu sorgen.


    Am Anfang waren die beiden nur freundschaftlich miteinander umgegangen, doch mit der Zeit hatte sich ihre Beziehung verändert. Eine vertraute Nähe, wenn sie sich an seiner Schulter anlehnte, gemeinsames Lachen und noch vieles mehr hatte sie einander nahe gebracht. Als die beiden schließlich merkten, wie eng sie miteinander verbunden waren, war es auch schon zu spät. Es hätte nicht passieren dürfen.


    Doch das spielte jetzt keine Rolle mehr. Er würde diesen Ort nicht wider lebendig verlassen. Doch er hatte es geschafft, zu schweigen, egal was er ihm angetan hatte. Es würde ihn das Leben kosten, doch das war ihm egal gewesen. Er hatte schon einmal versagt und dabei war ihm das Liebste genommen worden. Doch diesmal nicht. Dieser Gedanke gab ihm noch ein wenig Kraft.


    Dass sie sich freiwillig ausgeliefert hatte, um ihn zu schützen, wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht. Man hatte ihr das viele Blut gezeigt und sie war freiwillig mitgegangen, in der Hoffnung, ihn zu retten.

  • „Verdammt Leute! Er muss doch hier irgendwo sein!“ fluchte Semir. „Das ist die einzige Adresse, die noch in der Akte angegeben ist!“


    „Ja, ja, wir machen uns auch Sorgen. Bist du sicher, dass dieser Kerl ihn hat? Wie konnte das überhaupt passieren? Ich meine, er wurde doch so gut bewacht?“ fragte Bonrath.


    „Dieter, ich weiß auch nicht wer Nieder zur Flucht verholfen hat.“ antwortete Semir genervt.


    „Ich mein’ ja nur. Ben hatte doch an diesem Wochenende frei, vielleicht ist er zu seiner Schwester gefahren“ suchte Bonrath nach einer anderen Möglichkeit.


    „Mensch Dieter, meinst du es ist Zufall, dass Lea verschwunden und Ben nirgendwo zu finden ist? Ich hab’ doch gleich gewusst, dass er sich nicht darauf hätte einlassen sollen. Verdammt, sie ist die einzige Zeugen, die Nieder noch belasten kann, du weißt, in welchem Zustand sie die anderen gefunden haben…!“ fauchte er in großer Sorge um seinen Partner.


    „Tut mir leid Semir, es ist nur…. Ich will mir einfach nicht vorstellen, was dieser Kerl mit Ben gemacht haben könnte. Er war schließlich der einzige, der wusste, wo Lea ist.“ kam es zerknirscht von Dieter.


    „Ist schon gut Dieter, ich habe die Akte auch gelesen“ lenkte Semir ein, dem klar war, dass er nicht der einzige war, der sich Sorgen machte. „Ich will auch nicht daran denken, was ihm passiert sein könnte.“


    Semir blickte sich um und seufzte. Nichts. Kein Hinweis auf Ben oder Lea.


    „Wo steckst du, Partner“ fragte er sich verzweifelt.



    Zitternd vor Angst hockte Lea zusammengekauert in der hintersten Ecke des Raumes. Sie fragte sich, warum Nieder sie nicht direkt umgebracht hatte. Dann dachte sie daran, was er den ‚Verrätern’, wie er sie nannte, gemacht hatte. Wollte er das auch ihr antun? Sie hatte entsetzliche Angst. Auch um Ben. Als sie zurückkam und das ganze Blut in der Wohnung gesehen hatte, war sie in Panik geraten. Als Nieder sie dann unter Bens Nummer anrief, hatte sie keine Wahl gehabt. Es war ihre Schuld. Wenn sie nicht darauf bestanden hätte, auch einmal eine kurze Zeit für sich zu haben, wäre das alles nicht passiert. Dabei war es doch nur so kurz gewesen. Sie hatte recht gehabt, sie hatte ihn in der Stadt gesehen. Irgendwie war es ihm gelungen zu entkommen. Wahrscheinlich hatte er wieder jemanden bestochen oder erpresst. Letzteres war schon immer seine Spezialität gewesen. Immer wieder hatte er sie so zum Bleiben gezwungen. Es hatte zu lange gedauert, bis sie endlich den Mut gefunden hatte, ihn zu verlassen. Sie hatte mit eigenen Augen gesehen, wie er kaltblütig einen Menschen erschossen hatte. Sie war die einzige Zeugin, die noch aussagen konnte.

  • Jetzt war sie die einzige, die Ben noch helfen konnte. Wer hätte gedacht, dass sie noch einmal jemandem so vertrauen könnte. Zu oft war sie schon enttäuscht worden. Aber er war so ganz anders gewesen als die Männer, die sie vorher gekannt hatte. Sie hatte ihn zuerst wie jeden anderen Polizisten behandelt. Er war ihr allerdings von Anfang an sympathischer als die meisten anderen Beamten gewesen. Er hatte sie immer freundlich und höflich behandelt. Bei ihm hatte sie nie das Gefühl gehabt, sich für ihr Leben und ihre oft falschen Entscheidungen rechtfertigen zu müssen. Manchmal hatte sie den Eindruck, er wüsste genau, wie es sich anfühlt, einen Weg gegen viele Widerstände zu gehen. Und als sie dann die ersten Drohungen in der Schutzwohnung erreichten, hatte er ihr angeboten, bei sich zu wohnen. Sie war sehr überrascht gewesen, doch zu ihrem eigenen Erstaunen hatte sie sich bei dem Gedanken daran sofort wohl gefühlt. Eine Schutzhaft wollte er ihr nicht zumuten. Hätte sie bloß darauf bestanden! Dann wäre sie jetzt nicht in dieser Situation.


    Sie musste unwillkürlich lächeln, als sie an die gemeinsame Zeit dachte, in der sie sogar den anstehenden Prozess und die Drohungen vergessen konnte.


    „Hi Ben, kannst du auch nicht schlafen?“ fragte sie, als er eines Abends spät und ziemlich müde aussehend in die Küche getapert kam. Sie stand am Kühlschrank und wollte sich gerade etwas zu trinken nehmen.


    „Hmm“ brummte Ben.


    „Tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe“ sagte sie schnell und wollte aus der Küche verschwinden.


    „Was..? Nein, nein, ist schon gut. Ich kann einfach nur nicht schlafen. Außerdem habe ich Kopfschmerzen“ sagte er.


    Sie fasste sich ein Herz, denn sie mochte Ben inzwischen sehr. „Soll ich dir den Nacken und die Schultern massieren? Du bist bestimmt nur verspannt.“ bot sie ihm an.


    „Meinst du wirklich? Ich meine, macht dir das nichts aus? Ich kann auch ein Aspirin suchen.“ erwiderte Ben noch etwas zurückhaltend.


    „Ach was, komm setz dich und versuch’, dich zu entspannen“ sagte sie.


    „Es liegt bestimmt daran, dass Semir mal wieder wie ein Irrer gefahren ist. Ein Wunder, dass der Wagen diesmal heil geblieben ist“, sagte er.


    „Tja“, erwiderte sie, „so ist das wohl, wenn man Raser jagt.“


    Ben hatte sich vor sie auf den Küchenstuhl gesetzt. Sie zögerte noch einen Moment doch dann legte sie ihre Hände auf seine Schultern und begann mit der Massage. Erst sanft, dann etwas fester.


    „Hmm“, brummte Ben, was aber ganz anders als vorhin klang.


    „Du, Ben?“ fasste sie sich ein Herz. Sie konnte ihm vertrauen. Er würde ihr nicht weh tun.


    „Ja, was ist?“


    „Ich habe Angst.“ flüsterte sie.


    Ben drehte sich um und nahm ihre Hände in seine. Er sah sie ernst an uns sagte: „Das verstehe ich. Aber du brauchst keine Angst haben. Ich werde auf dich aufpassen.“


    Er stand auf und sah sie unverwandt an. Ihre Hände hielt er immer noch fest. Sie trat an ihn heran und legte ihren Kopf an seine Brust. Eine ganze Weile standen sie so da.


    „Ich will nicht allein sein.“ murmelte Lea in Bens Shirt.


    „Dann komm mit mir.“ sagte Ben. Sie gingen in sein Schlafzimmer und kuschelten sich aneinander. Lea konnte seinen Herzschlag spüren und sie fühlte seine Wärme, die so gut tat. Sie wünschte sich, es könnte immer so sein. Kurz darauf war sie eingeschlafen.

    Was würde sie jetzt dafür geben, wenn sie sich bei Ben anlehnen könnte. Doch sie befürchtete inzwischen das Schlimmste. Entgegen Nieders Versprechen hatte sie Ben noch nicht gesehen. Natürlich nicht. Wie naiv war sie schon wieder gewesen. Vielleicht war das Blut gar nicht von Ben und sie war einfach nur mal wieder, wie schon so oft, auf ihren Exfreund hereingefallen.

    Auf die Idee, dass Nieder Ben gefoltert hatte, um zu erfahren, wo sie war, kam sie nicht. Auch ahnte sie nicht, dass er sich nur wenige Zimmer weiter befand.

  • „So ein Mist, das gibt’s doch nicht!“ fluchte Semir. Sie hatten alle Stellen abgeklappert, von denen er wusste, dass sich Ben dort manchmal aufhielt. Sogar zu seiner alten Hütte am See, von der er Ben einmal erzählt hatte, waren sie gefahren, aber auch dort hatten sie kein Glück gehabt. Semir war ratlos. Er wusste einfach nicht mehr, wo er noch suchen sollte.


    „Ich fahre noch einmal zu seiner Wohnung. Vielleicht ist er ja doch inzwischen dort aufgetaucht.“ sagte er zu Hotte und Dieter, obwohl er selbst nicht so recht daran glaubte.


    „O.k., wir kommen mit.“ Erwiderten die Beiden sofort, denn ihnen war nicht entgangen, wie besorgt Semir inzwischen war und auch sie machten sich große Sorgen um Ben, den sie längst als eine Art Familienmitglied betrachteten.


    „Nein, nein, ist schon gut.“ winkte Semir ab. „Ihr habt doch schon längst Feierabend, lasst gut sein, wahrscheinlich ist er eh’ nur auf der Couch eingeschlafen“ setze er lahm hinterher.


    Die beiden sahen sich viel sagend an. „Ne, ne Semir“ entgegnete Dieter. „da musst du dir schon was Besseres einfallen lassen. Mensch, wir machen uns doch auch Sorgen. Das ist einfach nicht Bens Art. Da muss was passiert sein. Wir begleiten dich.“ Hotte nickte bekräftigend.


    Dankbar sah Semir die zwei Kollegen an. Auch wenn er vorhin so unfreundlich zu Dieter gewesen war, wusste er, dass dieser ihm das nicht übel nahm. Auch wenn sie sich manchmal etwas seltsam benahmen, man konnte sich auf sie verlassen. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.


    Dort angekommen, trafen sie auf Bens Nachbarin.


    „Den Herrn Jäger? Den hab’ ich schon länger nicht mehr gesehen.“antwortete sie auf Semirs Nachfrage.


    „Ach nicht?“ antwortete dieser verwundert. „Wann haben sie ihn denn das letzte Mal gesehen?“


    „Warten Sie mal… das dürfte etwa so vor drei Wochen gewesen sein, ich kam gerade von einem Besuch von meiner Schwester zurück…..“


    „Ja, vielen Dank“ antwortete Semir, der sich auf diese Aussage überhaupt keinen Reim machen konnte. Auch Dieter und Hotte zuckten nur ratlos die Schultern. Von wo aus war Ben dann immer zur Arbeit gekommen, wenn er Lea zur Staatsanwaltschaft gebracht hatte? Und wohin waren die beiden dann verschwunden? Semir war einfach davon ausgegangen, dass sie bei Ben gewesen wären, nachdem die Drohungen in der Schutzwohnung aufgetaucht waren. Er hätte es auch so gemacht.


    „Wollen sie denn gar nicht wissen, was ich noch gesehen habe?“ fragte die Nachbarin leicht erbost über die Unterbrechung.


    „Doch natürlich, Entschuldigung.“ sagte Semir, der sich fragte, was noch kommen könnte, aber er konnte es sich nicht leisten, auch nur den kleinsten Hinweis außer Acht zu lassen.


    „Also, als er das letzte Mal hier war, war er in Begleitung einer jungen Dame.“


    „Konnten Sie sie erkennen?“ fragte Semir schon etwas interessierter, denn langsam hörte es sich nach einem brauchbaren Hinweis an.


    „Aber ja!“ erwiderte die Nachbarin geschmeichelt über das neu geweckte Interesse. „Die beiden waren ja nicht zu übersehen. Wie sie sich an ihn ran geworfen hat. Aber ich kann Herrn Jäger ja verstehen. Bei so einer hübschen Frau. Und höflich war sie auch. Ganz freundlich gegrüßt hat sie. Endlich mal jemand mit guten Manieren. Ist ja selten geworden bei den jungen Leuten heutzutage.“sagte sie mit einem Seitenblick auf Semir. Dieser blickte nur ungeduldig drein.


    „Ist ihnen sonst noch was aufgefallen?“ fragte er.


    „Nun ja, die beiden waren nur kurz in der Wohnung und als sie wieder gingen, hatten sie zwei voll gepackte Reisetaschen dabei.“


    „Haben Sie eine Ahnung, wo die beiden hingefahren sein könnten?“ fragte er, ohne wirklich an eine brauchbare Antwort zu glauben.


    „Ach, die sind bestimmt in das Wochenendhaus vom alten Jäger gefahren. Da war er öfter mit seinen Freundinnen.“ sagte die Nachbarin leichthin.


    „Wissen Sie, wo das Haus ist?“ fragte Semir aufgeregt.


    „Nein, tut mir leid, ich….“ Aber Semir hatte sich schon umgedreht und sein Handy aus der Tasche gezogen und war auf dem Weg zum Wagen.


    „Vielen Dank für Ihre Hilfe!“ sagte Dieter noch schnell, bevor er Semir folgte.


    „Susanne?“ sprach dieser bereits mit der Sekretärin. „Die Nachbarin hat was von einem Wochenendhaus von Konrad Jäger erzählt. Kannst du das mal checken und mir dann sofort die Adresse durchgeben?“ Er wartete einen Augenblick. „Ja ich weiß, du hast was gut bei mir!“


    „Verdammt, Ben, warum hast du mir das nicht gesagt!“ dachte Semir. Doch eigentlich kannte er die Antwort. Ben hatte auch sie schützen wollen; je weniger Leute Bescheid wussten, desto sicherer war es.


    Das Klingen seines Handys riss ihn aus seinen Gedanken.


    „Ja, Susanne?“


    „Hallo Semir“ meldete sie sich etwas atemlos. „Wir haben die Immobilien von Konrad Jäger überprüft, es gibt ein Wochenendhaus am Rande der Eiffel, das ist das einzige, was etwas abseits gelegen ist. Ich schicke dir die Adresse aufs Handy“


    „Danke Susanne, wir machen uns auf den Weg“ sagte Semir und winkte seinen beiden Kollegen.


    „Soll ich euch Verstärkung schicken?“ fragte Susanne.


    „Nein, ich seh’ mich dort erst mal mit Hotte und Dieter um.“ lehnte Semir ab.


    „Ist gut Semir. Und….“


    „Ja?“


    „Findet ihn.“ sagte sie mit ernster Stimme. Sie machte sich mehr Sorgen um Ben, als sie sich eigentlich eingestehen wollte.

    Edited once, last by Danara ().

  • Mit Blaulicht und auf keine Geschwindigkeitsbegrenzung achtend fuhr Semir im BMW und dem Porsche von Dieter und Hotte im Schlepptau zur angegebenen Adresse. Zum Glück war die Strecke nicht viel befahren.


    Semir konnte nicht verhindern, dass ihm schreckliche Bilder in den Sinn kamen. Er erinnerte sich an seine erste Begegnung mit Nieder, die fast das Leben gekostet hätte. Er hatte es nur Ben zu verdanken, dass Andrea jetzt noch nicht Witwe war. Als er Nieders Waffe am Hals gespürt hatte, hatte er gedacht, alles wäre vorbei. Diesem Verbrecher bedeutete ein Menschleben gar nichts. Schon so oft hatte er Zeugen beseitigt, die von seinen Drogengeschäften wussten. Nie hatte man ihm etwas nachweisen können. Man vermutete, dass er geschützt wurde und seine Kontakte bis weit nach oben reichten. Er hatte letztendlich einfach nicht damit gerechnet, dass sich seine Freundin gegen ihn stellen würde. Als Semir und Ben Nieder verhaftetet hatten, war Semir kurz abgelenkt gewesen und von Nieder entwaffnet worden. Ein gezielter Schuss von Ben in Nieders Schulter hatte ihn gerettet.


    Doch jetzt konnte er die Bilder der Frau nicht aus dem Kopf kriegen, die Nieders letztes Opfer gewesen war. Er hatte sie übel zugerichtet. Es schien ihm einfach Spaß zu machen, Menschen wie den letzten Dreck zu behandeln. Semir durchlief ein Schauer. Dieser Kerl war zu allem fähig, vor allem, wenn er sich in die Enge getrieben fühlte. Semir schluckte bei dem Gedanken, was er mit Ben und Lea machen würde, wenn er sie in seiner Gewalt hatte. Er musste sie einfach finden.

    Endlich hatten sie das Haus erreicht. Sie parkten in einigem Abstand und näherten sich vorsichtig, auf Deckung durch die Büsche und Bäume bedacht, die das Haus umsäumten.


    „Da!“ zischte Dieter. Er deutete rechts neben den Eingang. „Bens Wagen!“


    Semir verspürte einen Anflug von Erleichterung. Endlich hatten sie einen Hinweis gefunden. Langsam näherten sie sich dem Wagen. Semir sah vorsichtig hinein, doch es war nichts Ungewöhnliches zu erkennen. Dann ging er zum Kofferraum. Er atmete tief durch und öffnete ihn. Doch außer dem Verbandkasten und Warndreieck war dieser leer.


    Er gab Dieter und Hotte ein Zeichen und sie gingen langsam in Richtung Eingangstür. Als sie näher kamen, bemerkten sie, dass dir Tür nur angelehnt war. Sofort waren sie wieder in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Mit gezogener Waffe näherte sich Semir vorsichtig dem Eingang. Sein Herz schlug bis zum Hals; was würden sie hier finden? Sein Blick wanderte zu Dieter, der sich rechts neben ihm postiert hatte. Auch in seinen Augen konnte Semir die Sorge erkennen. Hotte war ein Stück zurückgeblieben und beobachtete das Haus. Semir nickte und stieß mit dem Fuß vorsichtig die Tür auf. Er ging langsam in den Flur und sah sich nach allen Seiten hin um. Dieter folgte ihm. Semir wandte sich zu dem Raum, der das Wohnzimmer zu sein schien. Er hatte nicht das Gefühl, dass noch jemand hier im Haus war, doch er wollte nichts riskieren. Auch hier stieß er die Tür mit dem Fuß auf, die Waffe im Anschlag. Doch auf das, was er hier sah, war er nicht gefasst gewesen. Ein Laut des Entsetzens kam über seine Lippen.


    „Semir, was ist los? Ist alles in Ordnung? Was….? kam es von Dieter, doch dann versagte auch ihm die Stimme. Fassungslos blickte er auf das Szenario, was sich ihnen bot.

  • Das Wohnzimmer sah aus wie ein Schlachtfeld. Überall war Blut. Auf dem Tisch, den Stühlen, der Couch. Auf dem Boden hatte sich an einer Stelle eine große Blutlache gebildet. Dort waren auch die Stühle zur Seite geschoben worden, als hätte man Platz schaffen wollen für jemanden, der am Boden lag. Als Semir sich weiter umsah, fielen ihm auch die Blutspuren im Flur auf. Es waren bei weitem nicht so viele wie im Wohnzimmer, aber sie ließen darauf schließen, dass der Verletzte von hier weggebracht worden war. Verletzt, zwar sehr schwer, aber nur verletzt. An etwas anderes wollte Semir gar nicht denken. Ihm war klar, dass es sich um Leas oder Bens Blut handeln musste, wenn nicht gar von beiden. Was war hier passiert?
    „Also, wo ist sie? fragte Nieder in einem Ton, der keinen Widerspruch zu dulden schien. Ben verfluchte seine Unvorsichtigkeit. Wie hatte er sich nur so überrumpeln lassen können. Plötzlich hatten Nieder und seine beiden Schläger im Wohnzimmer gestanden und ihn überwältigt. Es war alles so schnell gegangen, dass er gar nicht wusste, wie ihm geschah.„Du kannst mich mal!“ antwortete er ruhig. Er wusste, dass Nieder etwas anderes hören wollte. Dieser nickte seinen Männern fast unmerklich zu und der Hüne, der vor Ben stand schlug unvermittelt zu. Er traf Ben mit voller Wucht in den Magen. Ben stöhnte auf. Er wäre in die Knie gegangen, hätte der andere Kerl ihn nicht so fest wie in einem Schraubstock gehalten. Seine Arme waren auf dem Rücken verdreht, so hatte er keine Chance, den Attacken zu entgehen, die nun unbarmherzig folgten. Sein Peiniger schlug hart zu. Immer wieder traf er ihn in den Magen und die Rippen. „Nicht so viel auf einmal, sonst kann er nicht mehr reden.“ hörte er Nieder wie durch einen Nebel sagen. „Also, ich frage dich noch einmal: Wo ist Lea?“ Selbst wenn Ben gewollt hätte, wäre er im Augenblick gar nicht in der Lage gewesen, auch nur ein Wort raus zu bringen. So sah er Nieder nur an und schüttelte den Kopf. Im selben Moment wurde er losgelassen und stürzte zu Boden. Bevor er versuchen konnte, aufzustehen, wurde er mit voller Wucht getreten. Ben glaubte, seine Rippen brechen zu hören. Schützend hob er wenigstens die Hände vor sein Gesicht, was aber nur zur Folge hatte, dass er jetzt auch noch Tritte gegen die Niederen einstecken musste. Er hatte noch nie zuvor solche Schmerzen ertragen müssen. Er wusste nicht, wie lange er das noch durchstehen würde. Er dachte an Lea und das, was er ihr versprochen hatte. Nieder fragte ihn immer wieder, wo sie sei, doch Ben schwieg.„Wartet!“ stoppte Nieder seine Schläger. „Mir ist da was eingefallen.“ Ben wurde unsanft auf den Rücken gedreht. Er verspürte einen heftigen Ruck auf seinem Oberkörper und öffnete die Augen. Nieder hockte neben ihm und stützte sich mit einem Knie auf Bens Brust ab. Mit dem anderen Knie drückte er Bens rechten Arm zu Boden, der linke lag unter Bens Rücken. Der kleinere der beiden Schläger hielt Bens Beine fest, der andere war nicht zu sehen. Keine Möglichkeit, zu entkommen oder sich zu wehren. In der Hand hielt Nieder ein Messer. „Wir werden sehen, was dir dein Schweigen wert ist.“ sagte er kalt lächelnd. Er würde nicht zulassen, dass sich der verdammte Bulle ihm widersetzte. Sein Messer näherte sich Bens Handgelenk. Als er dessen entsetzten Blick sah, lachte er kurz auf und versenkte die Klinge mit einem heftigen Stoß in Bens Schlagader. Sofort schoss ein Schwall Blut heraus und floss zu Boden. Nieder zog Bens linken Arm unter seinem Rücken hervor und stach auch hier zu. Fassungslos sah Ben, wie das Blut aus seinen Adern floss. In kürzester Zeit hatte sich unter ihm eine Blutlache gebildet. Ihm wurde kalt und schwarz vor Augen. Er schaffte es kaum noch, bei Bewusstsein zu bleiben. Nieder sah ihn an und zuckte mit den Schultern. Er stand auf und gab seinen Helfern ein Zeichen, das Haus zu durchsuchen. Ben nahm all seine verbliebene Kraft zusammen und schaffte es gerade noch, sich auf den Bauch und seine Arme zu drehen, um so die Blutung zu verlangsamen, bevor er das Bewusstsein verlor. Nieder sah ihn gedankenverloren an. Er schien eine weitere grausame Idee zu haben. „Boss? Wir haben sein Handy gefunden.“ Nieder nahm das Gerät und drückte die Wahlwiederholung. „Bringt ihn zum Wagen!“ sagte er noch, bevor am anderen Ende der Leitung der Anruf entgegengenommen wurde. „Hallo Lea!“ sagte er. „Wir treffen uns am Haus. Wir haben hier etwas, das wir dir zeigen möchten.“


    „Semir, was ist wenn…?“ fragte Hotte zögernd. Er war den beiden gefolgt und war bei dem Anblick erschrocken zurückgewichen.


    „Nein Hotte…“ sagte Semir mit leicht zittriger Stimme. Er atmete tief durch. „Nein!“ wiederholte er entschiedener. Wenn hier jemand umgebracht worden wäre, läge hier eine Leiche. Wir müssen den Rest des Hauses durchsuchen. Vielleicht finden wir noch irgendeinen Hinweis. Ruft ihr die Spurensicherung?“ Ohne eine Antwort abzuwarten verließ er den Raum und ging in die erste Etage. Er musste einen Augenblick allein sein. Er ging in ein Schlafzimmer, welches sich direkt über dem Wohnzimmer befand. Auf dem Bett lag Bens Jacke, am Stuhl hing Leas Handtasche. „Hier bist du also gewesen.“ dachte er traurig. Er setzte sich auf das Bett und schloss die Augen. „Aber wo bist du jetzt?“

  • Er versuchte, den Kopf zu heben, doch er hatte keine Kraft mehr. Zu groß war der Blutverlust gewesen. Zudem hatte er seine ganze Energie darauf verwenden müssen, die Arme so zu halten, dass die Wunden nicht wieder aufrissen. Doch er wollte nicht aufgeben. Jede einzelne Zelle seines Körpers wehrte sich dagegen. Er wusste nicht, wie er es geschafft hatte, den Attacken von Nieder und seinen beiden Gorillas immer weiter Widerstand entgegenzusetzen. Doch letztendlich hatte Nieder dann doch von ihm abgelassen. Ben fragte sich, warum er ihn am Leben gelassen hatte. Wollte er es noch einmal versuchen? Oder hatte er ihn einfach zum Sterben hier zurückgelassen? Er ahnte nicht, dass Nieder sich noch etwas ganz anderes ausgedacht hatte.


    Ben hoffte inständig, dass Semir ihn finden würde und verfluchte sich, weil er ihn nicht ins Vertrauen gezogen hatte. Warum er das eigentlich nicht getan hatte, wusste er im Nachhinein selbst nicht mehr so richtig. Vielleicht, weil er das Zusammensein mit Lea einfach ein wenig in Ruhe genießen wollte. Doch was hatte er nun davon. Er lag hier in diesem Kellerraum und wusste nicht einmal, wie er überhaupt hier hingekommen, geschweige denn, wo genau er eigentlich war. Er war mehr tot als lebendig und fragte sich, ob er Lea überhaupt je wieder sehen würde. Dass dies schon bald der Fall sein sollte, konnte er nicht wissen und hätte er geahnt, welche Folgen dies haben würde, hätte es alles dafür gegeben, um es ungeschehen zu machen.


    Bestimmt würde Semir bald darauf kommen, ihn im Haus seines Vaters zu suchen. Dort müssten dann doch Spuren zu finden sein. Selbst wenn Nieder dort alles beseitigt hatte; Semir war ein guter Polizist und Hartmut einer der besten Krimimaltechniker, den er je kennen gelernt hatte. Doch was, wenn Semir gar nicht nach ihm suchte? Wenn er das mit Lea gemerkt hatte und nun glaubte, sie wollten die Zeit vor dem Prozess nur ungestört verbringen. Oder schlimmer noch, was war, wenn Semir deswegen sauer auf ihn war? Vielleicht hatte er gar nicht mitbekommen, dass Nieder geflohen war, schließlich hatte ihre Dienststelle mit dem Fall nach Nieders Verhaftung eigentlich gar nichts mehr zu tun.


    Ben war sich mit einem Mal gar nicht mehr so sicher, ob Semir ihn vermissen würde. Sie waren inzwischen richtige Freunde geworden und schon hatte Ben ihn nicht ins Vertrauen gezogen. Langsam machte sich die Angst in ihm breit. Fast erleichtert registrierte er, dass er langsam in die Bewusstlosigkeit abdriftete.

    Lea hatte sich in die hinterste Ecke des Raumes verkrochen, als sie hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte. Die Tür öffnete sich und Nieder betrat den Raum. Er wirkte Furcht einflößend, wie er da so stand und abfällig auf Lea herabblickte. Sie fragte sich, warum sie noch am Leben war. Und…. „Lea!“ wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. „Lea, ich hoffe, du hattest hier bis jetzt eine angenehme Zeit.“


    Verwirrt sah sie ihn an. „Was hast du mir vor? Willst du mich umbringen?“ fragte sie.


    „Aber nein!“ erwiderte er mit einem heimtückischen Grinsen. „Ich kann doch nicht zulassen, dass du mich verlässt. Niemand verlässt mich. Ich entscheide so etwas.“ Vera sah ihn fassungslos an. Welches perfide Spiel trieb er mit ihr? „Ich kann es überhaupt nicht leiden, wenn man sich mir widersetzt.“ sagte er mit drohenden Unterton in der Stimme. „Ich werde dir zeigen, was es heißt, mir nicht zu gehorchen.“ Mit diesen Worten kam er auf sie zu. Lea hob schützend die Hände vor ihr Gesicht. Er hatte ihr schon einmal das Nasenbein gebrochen. Doch er warf ihr nur ihre Kleidung aus der Reisetasche vor die Füße. „Zieh dich um!“ befahl er. „Ich will nicht mit einer Frau in schmuddeligen Kleidern gesehen werden.“


    Lea nahm all ihren Mut zusammen, sie hatte nichts mehr zu verlieren. „Was ist mit Ben?“ fragte sie. „Du hast gesagt, du lässt ihn gehen, wenn ich zu dir komme.“


    „Ach der Bulle?“ entgegnete er höhnisch. „Der interessiert keinen mehr.“ Lea bekam eine entsetzliche Angst um Ben und wurde gleichzeitig wütend auf sich selbst. Wie hatte sie nur darauf reinfallen könne. Wahrscheinlich war alles nur fingiert gewesen und Ben ging es gut. Bestimmt fragte er sich, wo sie steckte und machte sich Sorgen.


    „Du lügst“ sagte sie zu Nieder. „Ben wird mich hier rausholen.“


    Nieder grinste. „Na, dann komm mal mit.“ Lea hatte keine Wahl. Sie musste mit ihm gehen.


    Sie stiegen eine lange Treppe in einen modrig riechenden Keller hinab und gingen dann einen Flur entlang, von dem rechts und links mehrere Türen abzweigten. Vor einer Tür blieb Nieder schließlich stehen. Er zog einen Schlüsselbund hervor und schloss auf.


    „Eigentlich ist das gar nicht nötig. Aber bei Bullen weiß man ja nie, wo man dran ist. Da kann man nicht vorsichtig genug sein.“ Mit diesen Worten stieß er die Tür auf. „Dann verabschiede dich mal von deinem Retter.“ Er lachte hämisch. „Aber beeil dich, der macht nicht mehr lange, wenn er nicht sogar schon von uns gegangen ist.“

  • Fassungslos stand Lea im Raum und wollte nicht glauben was sie sah. Vorsichtig näherte sie sich Ben und ging langsam in die Knie. Immer noch hoffte sie, aus diesem Alptraum zu erwachen. Ihr wurde schlecht, als sie das Blut sah und wie zusammengekrümmt Ben auf dem Boden lag. Die Augen waren geschlossen und er war so blass. Atmete er noch? „Ben?“ fragte Lea leise und nahm seine Hand. Als sie bemerkte, was Nieder ihm angetan hatte, erschrak sie zutiefst. „Was hast du mit ihm gemacht?“ fragte sie mit zittriger Stimme, obwohl sie die Antwort eigentlich nicht hören wollte.


    „Na ja“, grinste Nieder, als ob ihm die Situation großen Spaß zu bereiten schien. „Er wollte partout nicht mit uns reden und da dachte ich mir, wenn er sieht, wie sein Leben verrinnt, überlegt er es sich doch noch anders.“ Er schwieg einen Moment. „Du bist es nicht wert, zu sterben.“ fügte er dann hart hinzu. „Das hat er leider zu spät begriffen.“ Lea liefen Tränen über die Wangen. Wie hatte sie nur hoffen können, Nieder zu entkommen. Sie hatte ihr Leben verwirkt und Ben auch noch mit hineingezogen. Sanft strich sie über seine Arme. Man konnte genau erkennen, wo das Messer eingedrungen war. „Warum?“ flüsterte sie. „Na, wenn ich längs geschnitten hätte, wäre er ja sofort verblutet.“ sagte Nieder, der sich angesprochen fühlte. „Dann hätte er mir ja nichts mehr erzählen können. Und jetzt reiß dich los, wir müssen weg.“


    „Aber ich dachte, er hätte nichts gesagt?“ fragte Lea verwirrt.


    „Ach Mädchen“ entgegnete Nieder. „Du glaubst doch wohl selber nicht, dass es den Mund gehalten hat. Es hat zwar etwas gedauert, aber dann ist er mit der Wahrheit rausgerückt. Er war dann wohl doch der gleichen Meinung wie ich. Du bist es nicht wert.“


    Lea konnte nicht ahnen, welch grausames Spiel Nieder mit ihr trieb. Hätte er gewusst, was er damit in ihr auslöste, hätte er es vielleicht nicht getan. Lea strich Ben zärtlich über das verwuschelte braune Haar. „Ich vergebe dir.“ flüsterte sie und stand auf. Sie war jetzt allein. Niemand konnte ihr mehr helfen. Langsam ging sie zur Tür. Sie warf keinen Blick mehr zurück. Hätte sie es getan, hätte sie gesehen, dass Ben die Augen geöffnet hatte und zu ihr sah. In dem Moment, als Ben ihren Namen sagen wollte schloss Nieder die Tür.

    Als er die Augen öffnete, glaubte Ben, Lea erkennen zu können, die ihm den Rücken zugedreht hatte. War sie eben bei ihm gewesen? Ben glaubte, eine sanfte Berührung gespürt und ihre Stimme gehört zu haben. Er wollte ihren Namen sagen, doch die Tür hatte sich bereits geschlossen. Wie war sie hierher gekommen? Er wusste ja selber nicht einmal, wo er war. War sie es wirklich gewesen? Oder nur eine Halluzination, die ihn heimsuchte? Nein, sie konnte es nicht gewesen sein. Sie war bei Semir in Sicherheit. Dort, wo er sie hingeschickt hatte, als sie ihn angerufen hatte. Er hatte es Nieder nicht verraten. Selbst wenn er dieser noch einmal versuchen würde, es aus ihm heraus zu bekommen, würde er schweigen. Ben schloss wieder die Augen.

    Semir wusste nicht mehr weiter. In einer Mischung aus Wut und Verzweiflung hatte er sogar gerade die Chefin angebrüllt, die sicherlich genau so besorgt war wie er. „Semir?“ wurde er aus seinen Gedanken gerissen. „Ähem, ja Chefin, tut mir leid, ich meine, wir haben einfach nichts gefunden, was uns weiterbringen würde. Die Spurensicherung hat das ganze Haus auf den Kopf gestellt, aber es gibt nicht den kleinsten Hinweis, wo Ben und Lea inzwischen sein könnten.“


    „Ist schon gut Semir.“ antwortete Anna, die wusste, wie nah sich Ben und Semir inzwischen standen. „Wie sieht es denn mit den Reifenspuren aus?“ fragte sie.


    „Das sind ganz gewöhnliche Reifen gewesen.“ entgegnete Semir. „Ich glaube ehrlich gesagt auch nicht, dass wir noch etwas Brauchbares finden. Nieder ist einfach zu clever.“


    „Aber nicht clever genug!“ sagte Susanne, die währenddessen ohne anzuklopfen in Annas Büro gestürmt gekommen war. Die beiden sahen die Sekretärin erwartungsvoll an.


    „Eine Streife hat Nieders Wagen entdeckt. Sie waren wegen eines Einbruchs in die Straße gerufen worden und konnten gerade noch erkennen, wie er mit einer Frau das Haus betrat. Bismarkstraße 12. Dort sind sie jetzt noch!“ Schon als Susanne die Adresse genannt hatte war Semir aufgesprungen. „Chefin….?“ fragend blickte er in Annas Richtung. „Ja, ja fahren sie! Aber nehmen sie ein SEK mit, der Kerl ist zu allem fähig und wir wissen nicht, wer noch im Haus ist.“


    „Wird gemacht Chefin!“ rief Semir im raus laufen. Endlich hatten sie ihn! Er sprang in seinen Wagen und raste los. Während der Fahrt schossen ihm wieder die Gedanken durch den Kopf. Manches wollte er sich gar nicht vorstellen. Was war, wenn Lea Ben verraten hatte? Wenn sie sogar gemeinsame Sache mit Nieder machte? Warum sonst hätte sie mit ihm bei diesem Haus auftauchen sollen? Aber hatte sich Ben so getäuscht? Er hatte doch sonst eine gute Menschenkenntnis! Vielleicht war es ja auch gar nicht Lea gewesen. Mit diesem Gedanken kam er bei seinen Kollegen an. Sie hatten sich in sicherer Entfernung positioniert. Das SEK war ebenfalls schon eingetroffen.


    „Wie sieht es aus?“ fragte Semir den uniformierten Kollegen.

  • Bevor es weitergeht eine kurze Info: Im nächsten Kapitel folgen einige schnelle Perspektivenwechsel. Ich habe versucht, diese durch verschiedene Schriften kenntlich zu machen, ich hoffe es ist gut zu lesen. Wenn ihr bessere Ideen habt, immer her damit!




    Lea stand am Küchentisch. Ihren Augen waren auf das Messer gerichtet, das Nieder scheinbar achtlos darauf abgelegt hatte. Er grinste sie an. Wollte er sie noch mehr quälen? Doch sie fühlte nichts mehr. Sie sah das Blut, das am Messer klebte. Hatte er Ben mit diesem Messer getötet?
    „Der Verdächtige hat mit einer Frau zusammen vor etwa zwei Stunden die Wohnung betreten.“ antwortete der Streifenpolizist. „War es diese Frau?“ fragte Semir und zeigte dem Beamten ein Foto von Lea. „Ja, das ist sie gewesen. Sie hat einen völlig abwesenden Eindruck gemacht.“ „Alles klar“ erwiderte Semir und wandte sich dem Leiter des SEK zu.
    Sie war allein. Dem Mann, der Ben getötet hatte, völlig schutzlos ausgeliefert. Er war viel stärker als sie und so voller Hass und Brutalität. Sie wollte sich nicht vorstellen, wie ihr weiteres Leben mit ihm aussehen könnte. Er stand auf und kam langsam auf sie zu. Sie sah auf das Messer und wusste, dass sie nur einen Versuch hatte. Sie würde es nicht zulassen, dass er sie in seine Hände bekam. Immer nur Angst und Gewalt. Sie hatte nur noch diesen einen Gedanken im Kopf. Er kam näher. Sie nahm zum letzten Mal ihren ganzen Mut zusammen, um ihre einzige Chance zu ergreifen. Würde sie diese verpassen, würde er dafür sorgen, dass sie nie wieder die Gelegenheit dazu bekäme. Sie wollte endlich frei von Schuld sein. Er war fast bei ihr. Sie griff nach dem Messer, bekam es am Griff zu fassen, warf sich vorne und stieß mit aller Kraft zu. Sie sah, wie sich seine Augen vor Erstaunen weiteten. Das hatte er ihr nicht zugetraut.
    „Seid ihr soweit?“ fragte Semir nervös. „Wir können loslegen!“ antwortete der schwarz maskierte Mann. „Meine Leute sind in Position.“ Semir nickte. Er blickte noch einmal zu den anderen Beamten und atmete tief durch. Jetzt nur keinen Fehler machen. Dann gab er das Zeichen zum Beginn des Einsatzes. Vorsichtig näherten sie sich der Haustür. Der SEK- Beamte hatte die Tür binnen weniger Sekunden leise mit einem elektronischen Dietrich geöffnet. Langsam öffneten sie die Tür. Semirs Herz klopfte bis zum Hals und er hatte das Gefühl, ein Deja Vu zu erleben. Er hoffte nur inständig, dass er diesmal nicht so etwas Entsetzliches wie in der Villa von Konrad Jäger zu sehen bekommen würde.
    Er stand vor ihr. Immer noch. Lea konnte sich nicht rühren. Sie war wie paralysiert. Hatte sie es wirklich getan? Er sah sie verständnislos an. Sein Blick glitt nach unten und fiel auf das Messer, dass sie ihm tief in den Bauch gerammt hatte. Das Blut quoll aus der Wunde. Er sah, wie es auf den Boden tropfte. Er merkte, wie seine Knie nachgaben. Der Schmerz setzte ein. Im selben Moment spürte er aber auch eine maßlose Wut in sich aufsteigen, die ihm noch einmal Kräfte verlieh. Sie hatte es gewagt, ihn anzugreifen. Dafür würde sie büßen müssen. Er fiel nach vorne. Lea hielt das Messer immer noch fest umklammert, nicht in der Lage, irgendetwas zu tun. Er stieß mit seinem Kopf hart gegen ihre Schulter. Sie konnte ihrer beider Gewicht nicht halten und ging zu Boden. Im Fallen spürte sie, wie er ihre Hand mit dem Messer ergriff und es aus seinem Körper zog.
    Sie betraten die Wohnung. Langsam pirschten sie sich voran. Auf einmal glaubte Semir ein Stöhnen gehört zu haben. Er gab dem SEK-Beamten ein Zeichen und wies in die entsprechende Richtung. Plötzlich vernahmen sie ein polterndes Geräusch, das sich nach einem fallenden Körper anhörte. Mit höchster Aufmerksamkeit näherten sie sich schnellstmöglich der Geräuschquelle.
    Sie lag auf dem Boden, unter seinem massigen Körper begraben. Sie wollte hier weg, nur weg, doch mit der übermenschlichen Kraft eines Sterbenden hielt er sie fest. Heruntergedrückt von seinem Gewicht spürte sie kaum, wie die Spitze des Messers ihr Herz durchdrang. Sie fühlte sich nur mit einem Mal so glücklich und frei, als wäre alle Last von ihr abgefallen. Sie dachte an Ben. Wie glücklich sie doch gewesen waren.Als Semir den Raum betrat, war Lea schon tot.

  • Dann werde ich euch zumindest mal ein bisschen erlösen...




    „Oh nein!“ entfuhr es Semir beim Anblick in der Küche. Lea und Nieder lagen am Boden und rührten sich nicht. Sie lag halb unter ihm. Ohne sich um seine Kollegen zu kümmern stürzte Semir zu den Beiden. Er kniete sich auf den blutverschmierten Boden und zog Nieder von Lea herunter, ein Polizist war ihm inzwischen zu Hilfe geeilt. Semir sah das Messer in Leas Brust, für Nieder hatte er keinen Blick mehr übrig. Ihm schien, als setze sein Herzschlag aus. „Lea! Lea!“ rief er, obwohl er wusste, dass es zwecklos war. Er schüttelt leicht an ihrer Schulter. „Lea! Lea, bitte sag’ doch was! Mach die Augen auf, bitte!“ bat er verzweifelt; er wollte es einfach nicht wahrhaben, dass seine Bemühungen sinnlos waren. Aber er konnte sie doch nicht so einfach gehen lassen! Er bemerkte kaum, wie sich anderen Beamten um Nieder kümmerten, diesen wegzogen und auf den Rücken drehten. Erst als er die Hand der Chefin auf seiner Schulter spürte, begann er langsam zu realisieren, was hier gerade passiert war. „Semir?“ sprach Anna ihn an. „Wir können ihr nicht mehr helfen. Es tut mir leid.“


    „Ich weiß.“ flüsterte Semir. Er stand auf und sah sich um. „Wo ist Nieder?“ fragte er, als er feststellte, dass sich dieser nicht mehr im Raum befand. „Semir…“ begann Anna zögernd, doch er würde es sowieso erfahren, besser, sie brachte es ihm bei. „Der Notarzt versorgt ihn gerade.“


    „WAS?!“ polterte Semir los, nachdem der erste Schock nun vorüber war. Er war so auf Lea konzentriert gewesen, dass er gar nicht registriert hatte, dass Nieder von den Sanitätern rausgebracht worden war. „Das kann doch nicht wahr sein! Na warte, den Kerl kaufe ich mir! Ich werde schon aus ihm rauskriegen, wo Ben ist! Und wenn ich mit ihm fertig bin, wird er sich wünschen, dass Lea ihn besser erwischt hätte!“


    „Semir, warten Sie!“ hielt Anna ihn auf. „Nieder ist schwer verletzt und nicht bei Bewusstsein. Er wird wahrscheinlich nicht überleben“ Semir schloss die Augen. „Was ist mit seinem Wagen?“ fragte er plötzlich, als ihm ein Gedanke kam. „Der steht noch vor dem Haus, was…“ Die letzten Worte hörte Semir schon gar nicht mehr, als er aus dem Haus rannte. Anna sah ihm kopfschüttelnd nach. Doch sie kannte ihn gut und vertraute seinen Instinkten.

    In der KTU klingelte das Telefon von Hartmut. „Ach ne, nicht schon wieder“ murmelte er, als er in seiner Arbeit unterbrochen wurde. Er überlegte schon, den Anruf einfach wegzudrücken, als er sah, dass es Semir war. „He Semir, was gibt’s Neues? Habt ihr Ben schon gefunden?“ fragte er. „Nein, noch nicht Hartmut. Hör zu, ich brauche deine Hilfe. Du musst mir erklären, wie man bei einem Navi die Ausgangsadresse findet. Und bitte keine langen Vorträge, ja? Es eilt!“ „Ja, ja, das tut es immer.“ konnte sich Hartmut nicht verkneifen, bevor er Semir erklärte, was er zu tun hatte.


    Die Adresse, die das Navi ausgespuckt hatte, lag etwas außerhalb, inmitten eines verlassenen Industriegebietes. Nur vereinzelt waren hier noch intakte Häuser zu finden. Die Gegend war wie geschaffen für ein Versteck. Semir brauchte einige Zeit, bis er dort angekommen war. Er hatte sich nicht mehr bei Nieder rückversichern können, ob dies wirklich das richtige Haus war. Der Scheißkerl war nicht mehr aufgewacht und war nun auf dem Weg ins Krankenhaus. Aber wahrscheinlich hätte er ihn sowieso nur angegrinst und ihm nichts gesagt. Der Kerl war doch krank! Semirs Hände ballten sich zu Fäusten, so dass er kaum noch das Lenkrad halten konnte. Er dachte wieder an Nieders Opfer und er bekam fast Angst davor, Ben zu finden. Was sagte ihm eigentlich, dass Ben noch am Leben war? „He, komm schon!“ sagte er zu sich selbst. Lea durfte nicht umsonst gestorben sein. Tief in seinem Inneren spürte er, dass Ben noch lebte und dringend seine Hilfe brauchte. Doch hoffentlich kam er nicht zu spät. Er drückte das Gaspedal noch weiter durch.


    Einige Minuten später hatte er sein Ziel erreicht. Das Haus lag etwas von der Straße entfernt und war von hoch gewachsenen und verwilderten Hecken versteckt, so dass er fast übersehen hätte. Semir sprang aus dem Wagen und rannte auf das Haus zu. An Deckung dachte er in diesem Moment nicht. Nieder war außer Gefecht gesetzt und Bewacher hatte er mit Sicherheit nicht hier gelassen. Er hatte bestimmt nicht damit gerechnet, dass dieser Ort gefunden würde. „Ben?! Beeeeen!!!“ schrie Semir aus Leibeskräften. Er schoss ohne zu zögern das Schloss der Eingangstür auf, stürzte in den Flur hinein und sah in jedes Zimmer. Kein Ben! Semir sah sich um, wohin jetzt, Keller oder erster Stock? Semir entschied sich für den Keller.

    Ben hatte in seinem Verlies kurz die Augen geöffnet. Hatte er seinen Namen gehört? Nein, das konnte nicht sein, wahrscheinlich hatte es sich das wieder nur eingebildet, so wie den Besuch von Lea. Doch! Da war es wieder! Eindeutig wurde sein Name gerufen! Die Stimme würde er aus tausenden erkennen. Semir! Er war nicht mehr weit weg. Ben versuchte, sich bemerkbar zu machen, doch er schaffte es nicht mehr. Es bereitete ihm schon erhebliche Mühe, die Augen offen zu halten. Da hörte er, wie an der Tür gerüttelt wurde. „Ben?“ hörte er Semir rufen. Eigentlich sollte er erleichtert sein, doch selbst dazu war er zu erschöpft. „O.k. Ben, falls du da drin bist, geh' von der Tür weg!“ Im selben Moment krachte es, Holz splitterte und Semir stand im Raum. „Oh nein, Ben.“ flüsterte Semir mit entsetztem Blick und kniete sich neben seinem Partner und Freund. Vorsichtig nahm er Bens Hände und sein Atem stockte. Tiefe Schnitte zogen sich über die Unterarme, vor allem die Handgelenke waren blutverkrustet und geschwollen. Bens ganzer Oberkörper war mit Blut bedeckt, unter dem zerrissenen T-Shirt konnte Semir zahllose Blutergüsse und Prellungen erkennen, als ob jemand wie im Wahn auf Ben eingeprügelt hatte. „Was hat dieser Dreckskerl dir nur angetan!“ fluchte er leise. Ben konnte ihm nicht antworten. Seine Augen fielen zu und er spürte nichts mehr.


    Semir bemerkte, wie Bens Muskeln sich entspannten und Panik kam in ihm auf. Hektisch zog er sein Handy hervor und rief Anna an. „Chefin, ich hab’ ihn gefunden, er ist schwer verletzt, er braucht dringend einen Arzt! Dieser Mistkerl hat ihm die Pulsadern aufgeschnitten! Er wollte ihn verbluten lassen!“


    „Ich habe Ihnen den Notarzt schon hinterher geschickt.“ entgegnete Anna. „Ich werde dafür sorgen, dass Sie der Rettungshubschrauber abholt. Bleiben Sie bei ihm.“ Mit diesen Worten beendete Anna das Gespräch. Semir nickte, wohl wissend, dass sie das nicht sehen konnte. Doch er war nicht mehr in der Lage, noch irgendetwas zu sagen. Er blieb einfach neben Ben sitzen. Er traute sich nicht, ihn anzufassen, er wollte ihm nicht unabsichtlich noch mehr Schmerzen zufügen. Das einzige, was ihn etwas beruhigte, war ein kaum sichtbares Heben und Senken von Bens Brust, das einzige Zeichen, das Semir verriet, dass Ben noch am Leben war. Er musste es einfach schaffen. An etwas anderes konnte Semir nicht denken. Was weiter geschah bekam er kaum richtig mit. Wie in Trance ließ er es geschehen, dass die Sanitäter ihn von Ben wegzogen, um diesen zu versorgen. Nicht einmal, als Dieter die Hand auf seinen Arm legte und ihn ansprach, schien er das zu registrieren. Fast mechanisch folgte er mit Dieter seinem Partner, der inzwischen auf einer Trage lag und an unzählige Apparate und Infusionen angeschlossen war. Er sah, wie Ben in den Rettungshubschrauber gebracht wurde. „Semir?“ sprach Dieter ihn erneut an. „Die Chefin schickt mich. Ich fahre dich ins Krankenhaus.“


    „Was…? Ja, danke Dieter.“ antwortete Semir abwesend.


    „Sie hat Andrea angerufen. Sie kommt auch ins Krankenhaus.“ Dankbar nickte Semir und ging mit Dieter zum Wagen. So oft Anna ihn auch anschrie, so wusste er doch, dass er immer auf sie zählen konnte und sie sich um ihre Leute kümmerte. Die beiden stiegen in den Porsche und fuhren los. Hoffentlich war es nicht zu spät gewesen.

  • Wenn man mich so nett bittet (und weil heute Feiertag ist), kann ich ja nicht Nein sagen! Dafür freue ich mich dann auch über eure Feeds!


    Im Krankenhaus angekommen, mussten sie sich erst durchfragen. Als sie endlich eine Krankenschwester gefunden hatten, konnte diese ihnen auch nicht wirklich weiterhelfen.


    „Es tut mir leid, der Patient ist erst vor kurzem eingeliefert worden. Er wird im Moment noch untersucht. Sobald es möglich ist, wird ein Arzt zu ihnen kommen.“ vertröstete sie die beiden. „Wie ging es ihm denn, als er hier ankam?“ versuchte Semir ihr ein wenig über Bens Zustand zu entlocken. Doch sie schüttelte nur den Kopf. „Ich habe Herrn Jäger nur kurz gesehen, als er eingeliefert wurde, ich kann Ihnen wirklich nichts Genaues sagen. Machen Sie sich nicht zuviel Sorgen, wir haben hier die besten Ärzte.“ Mit dieser Floskel verschwand sie hinter der Tür zur Intensivstation.


    „Semir? Da hinten kommen Andrea und die Chefin.“ sprach ihn Dieter an. So schnell es der Betrieb auf einem Krankenhausflur zuließ, kamen die beiden Frauen auf sie zugeeilt. Als Andrea Semir erreicht hatte, nahm sie ihn einfach nur in den Arm. „Was ist passiert?“ fragte sie nach einer Weile leise. „Lea ist tot.“ antwortete er. „Oh nein!“ flüsterte Andrea entsetzt. „Und Ben…?“


    „Ich weiß nicht, ob er es schafft. Er ist so schwer verletzt.“ sagte er. Semir wollte Andrea nicht die ganze Wahrheit sagen, zum einen, weil er selbst kaum damit fertig wurde, zum anderen, weil er sie damit nicht belasten wollte. Die Situation war so schon schlimm genug. „Er hat kaum noch geatmet, als ich ihn fand." sagte er. "Ich war zu spät.“ setzte er dann doch noch hinzu. „Oh nein Semir, wenn Sie nicht gewesen wären, hätten wir gar nicht so schnell angefangen, nach ihm zu suchen!“ mischte sich Anna jetzt energisch ein. Sie wollte nicht zulassen, dass Semir sich Vorwürfe machte, schließlich war er es gewesen, der Ben gefunden hatte.


    „Sind Sie die Kollegen von Herrn Jäger?“ sprach sie auf einmal ein Arzt an. Erwartungsvoll blickten die vier ihn an, wenn sie auch Angst davor hatten, was er ihnen sagen würde. „Nun, wir konnten ihn soweit stabilisieren.“ begann der Mediziner. "Meine Kollegen sind noch dabei, die Schnittverletzungen zu versorgen. Was uns hier Sorgen bereitet, sind gravierende Verletzungen der Sehnen und Bänder an der linken Hand. Es ist fraglich, ob Herr Jäger sie wieder wie vorher belasten kann. Wir werden noch einen Spezialisten hinzuziehen.“ Er schwieg einen Moment, um die Informationen etwas sacken zu lassen. Es war ihm nicht entgangen, dass vor allem die letzte Nachricht für die Freunde von Herrn Jäger nicht einfach zu verarbeiten war. „Die anderen Verletzungen können wir so weit problemlos behandeln“ erklärte er weiter, ohne sich näher zu diesen zu äußern. Er hatte als Arzt schon viel gesehen, doch wie dieser Mann zugerichtet worden war, wollte er dessen Freunden lieber nicht zu ausführlich schildern. Was er ihnen schon sagen musste, war schlimm genug. „Was ihm natürlich sehr zu schaffen macht, ist der enorm hohe Blutverlust. Wenn er nicht jung und so gut in Form wäre, hätte er es nicht geschafft. Außerdem scheint er ein Kämpfer zu sein“


    „Können wir zu ihm?“ fragte Semir. „Es wird noch etwas dauern. Ich schicke Ihnen dann eine Schwester vorbei.“ Er nickte ihnen noch einmal aufmunternd zu und verschwand wieder in Richtung der Behandlungsräume.


    Anna, Andrea und Semir setzten sich auf eine Bank. Dieter machte sich auf den Weg, um Semirs Wagen abzuholen und sich um den Bericht der Spurensicherung zu kümmern. Anna hatte ihn auch gebeten, sich darum zu kümmern, dass ein würdevolles Begräbnis für Lea in die Wege geleitet wurde. Sie hatte keine Verwandten mehr gehabt, die man hätte benachrichtigen können.

  • So, hier kommt der vorletzte Teil. Zum Ostersonntag gibt es dann den Schluss und auch was nettes für Ben.


    Es dauerte noch fast drei Stunden, ehe man sie zu Ben ließ. „Aber nur ein Besucher“ hieß es. Für die drei war es keine Frage, dass Semir gehen würde. Schließlich stand er vor Bens Bett. Er war noch immer sehr blass und an viele Geräte angeschlossen. Aber Semir bildete sich ein, dass er schon ein wenig besser aussah, als zu dem Zeitpunkt, als er ihn gefunden hatte. Er schien zu schlafen, seine Augenlider zuckten hin und her. Semir setzte sich neben ihn und nahm seine Hand. „He Ben.“ sagte er leise. „Was machst du nur für Sachen.“ In diesem Moment öffnete Ben die Augen. Für einen Augenblick flackerte Angst in seinen Augen auf, er glaubte sich noch im Keller, in einer Lache seines eigenen Blutes liegend, bald tot, doch dann erkannte er Semir. „Wo bin ich?“ flüsterte er. „Du bist im Krankenhaus.“ sagte Semir erleichtert. „Alles wird wieder gut.“ Mehr brauchte Ben jetzt noch nicht zu wissen. „Es tut mir leid Semir…“ begann Ben, doch Semir unterbrach ihn. „Das lass’ jetzt mal, es ist alles in Ordnung, ruh’ dich erst mal aus und werd' wieder gesund, dann können wir über alles reden.“ Ben nickte leicht und schloss die Augen. Kurze Zeit später war er wieder eingeschlafen. Leise und etwas beruhigter verlies Semir das Zimmer, um auch Andrea und Anna zu informieren.


    Die Tage vergingen und schon bald schaffte es Ben, schon längere Zeiträume wach zu bleiben. Der Handspezialist hatte ihn untersucht und soweit Entwarnung gegeben. Es würde allerdings noch eine sehr lange Zeit dauern und viel Übung erfordern, bis Ben seine Hand wieder richtig gebrauchen können würde.


    Schließlich stellte Ben die Frage, vor der Semir sich gefürchtet hatte. „Wie geht es Lea?“ fragte ihn Ben. „Ist sie gut bei dir angekommen? Hat sie sich jetzt doch für das Zeugenschutzprogramm entschieden?“ Semir schluckte. Er hatte gewusst, dass dieser Moment kommen würde, an dem er Ben die Wahrheit sagen musste. Jetzt wurde ihm klar, warum Ben nicht eher nach ihr gefragt hatte. Es beantwortete allerdings auch seine Frage danach, ob Ben und Lea ein Paar gewesen waren. „Ben…“ begann er zögernd. In Gedanken hatte er schon oft durchgespielt, wie er Ben die Wahrheit schonend beibringen könnte. Doch dafür gab es keine Beschönigung. „Ben, Lea ist tot.“ sagte er also gerade heraus. Als er bemerkte, wie entsetzt Ben ihn ansah, wollte er den Rest so schnell wie möglich hinter sich bringen. Er wusste nicht, ob er noch einmal den Mut dafür haben würde und Ben würde es sowieso herausfinden. Es war besser, so etwas von einem Freund zu erfahren. „Nieder hat sie umgebracht. Sie ist freiwillig zu ihm gegangen, weil sie dich retten wollte. Sie hat ihn mit einem Messer angegriffen und wurde dabei getötet.“ Semir holte tief Luft. „Nieder hat überlebt und liegt im Koma. Er wird wahrscheinlich nie wieder aufwachen.“ Semir hatte getobt, als er dies erfahren hatte, wenigstens hatte man dafür gesorgt, dass Nieder in ein anderes Krankenhaus gebracht wurde. Die Ärzte gaben ihm zwar kaum eine Chance, je wieder zu erwachen, trotzdem nagte an Semir die Tatsache, dass der Kerl überlebt hatte.


    Jetzt war alles gesagt. Semir sah Ben an. Zuerst hatte ihn dieser nur fassungslos angesehen, doch jetzt hatte Semir keine Ahnung, wie es in ihm aussah.


    „Lässt du mich bitte allein“ sagte Ben mit tonloser Stimme. „Ben, ich…“ begann Semir. „Nein, bitte, ich will allein sein.“ unterbrach ihn Ben. Langsam verließ Semir das Zimmer.


    Als Ben allein war, liefen Tränen über sein Gesicht. Schon wieder hatte er versagt. Er war weder ein guter Freund, noch ein guter Polizist.

    Auf dem Flur vor Bens Zimmer traf Semir auf Susanne. „Was machst du denn hier?“ fragte er erstaunt.
    „Ich wollte sehen, wie es Ben geht. Die Chefin meint zwar, dass er schon auf dem Wege der Besserung ist, aber ich dachte, er freut sich vielleicht über Besuch und…“ sie machte eine kurze Pause. „Ich möchte ihn einfach sehen.“ fügte sie dann noch hinzu. „Du siehst so ernst aus. Ist irgendwas nicht in Ordnung?“ fragte sie Semir besorgt.
    „Ach“ seufzte Semir. „Ich musste ihm gerade das mit Lea und Nieder sagen.“ antwortete er geknickt.


    „Er hat es noch gar nicht gewusst?“ entgegnete Susanne erschrocken. „Vielleicht ist es dann besser, wenn ich ein anderes Mal wiederkomme.“


    „Aber nein.“ sagte Semir, der nun langsam begriffen hatte, woher der Wind wehte. „Ich glaube, er wird froh über deine Gesellschaft sein. Er hat mich zwar rausgeworfen, aber so ergeht es halt dem Überbringer schlechter Nachrichten.“ Er versuchte, ein wenig zu lächeln, doch er machte sich große Sorgen um Ben. Wie würde er mit dieser Situation fertig werden? Semir konnte verstehen, dass Ben sich Vorwürfe machte, auch wenn er nichts dafür konnte, dass alles so schrecklich schief gelaufen war. Man hatte immer noch nicht herausgefunden, wie Nieder an Konrad Jägers Adresse herangekommen war, geschweige denn, wer seine Spitzel waren oder wer ihm zur Flucht verholfen hatte. Die interne Ermittlungsabteilung des LKA arbeitete zwar mit Hochdruck daran, aber Semir zweifelte, dass sie es jetzt noch herausfinden würden.


    „Also gut, dann werde ich mal mein Glück versuchen.“ riss ihn Susannes Stimme aus seinen Gedanken. „Du kannst ja hier auf mich warten, vielleicht wirft er mich auch gleich raus.“


    „Ach was“ erwiderte Semir, „er wird sich wirklich freuen, dich zu sehen. Da bin ich mir sicher!“ Susanne sah ihn noch einmal leicht zweifelnd an, nickte dann aber, klopfte an die Tür und betrat dann Bens Zimmer. Nachdem sie die Tür geschlossen hatte, machte sich Semir auf den Weg zur PAST.


    „Ben?“ sprach Susanne ihn vorsichtig an. Ben wischte sich mit der rechten Hand verstohlen über die Augen und wandte sich zu ihr. Um das Handgelenk befand sich ein fester Verband. Der linke Unterarm war ganz eingegipst und lag auf der Bettdecke. „Susanne!“ sagte er überrascht. Seine Stimme klang etwas zittrig. Er räusperte sich. „Hallo, schön, dass du gekommen bist.“


    „Ich wollte selber mal sehen, wie es dir geht. Auf der Arbeit sagt einem ja keiner so richtig was, aber du weißt ja, wie das ist.“ sagte sie etwas verlegen.


    „Es geht so“ antwortete Ben ausweichend. „Hast du Semir noch getroffen? Er war gerade noch hier.“ „Nein.“ antwortete Susanne. Sie wollte Ben nicht direkt wieder an das Gespräch erinnern. „Wir haben uns wohl knapp verpasst.“ Sie deutete auf Bens linken Arm und macht einen erneuten Versuch. „Wie geht es deiner Hand?“ fragte sie ihn. „Schon etwas besser.“ antwortete er, als er merkte, dass sie wohl keine Ruhe geben würde, bis er ihr geantwortet hatte. „Morgen kommt der Gips runter und ich kann mit der Physiotherapie anfangen. Bälle zusammendrücken und so.“ setzte er mit einem leicht angewiderten Gesichtsausdruck hinterher. „Ach komm’, es gibt Schlimmeres!“ versuchte Susanne ihn aufzumuntern, biss sich aber gleich darauf auf die Lippen. Das waren nun wirklich nicht die richtigen Worte gewesen. „Stell’ dir vor, es wäre die rechte Hand gewesen.“ wagte sie einen neuen Anlauf. „So kannst du wenigstens am Schreibtisch arbeiten und bei uns im Büro sitzen.“ Ben verzog das Gesicht. Schreibtischarbeit! Es gab kaum etwas, das er weniger leiden konnte. Aber so musste er dann immerhin nicht alleine zu Hause hocken und die Wände anstarren, während er sich ganze Zeit fragte, warum alles so fürchterlich schief gelaufen war. Susanne merkte, dass Ben ganz in Gedanken versunken war „Und du kannst dabei zusehen, wie Semir von der Chefin zusammengestaucht wird, wenn er versucht, sich rauszureden, warum der Wagen schon wieder kaputt ist.“ fügte sie ihren Ausführungen hinzu. „Komm’ schon, so schlimm wird es schon nicht. Ich bin auch den ganzen Tag da und halte es ganz gut aus.“ Sie sah Ben an und versuchte, aufmunternd zu lächeln. Doch so ganz konnte sie ihn noch nicht aus der Reserve locken. Zu viel war passiert, was er verarbeiten musste. „Ich lass’ dich jetzt allein, dann kannst du dich ausruhen.“ Mit diesen Worten machte sie sich auf den Weg zur Tür, nicht ohne Ben vorsichtig über den Arm zu streichen. „Susanne?“ kam es von Ben, als sie schon zur Türklinke griff. Sie drehte sich um. „Vielen Dank für deinen Besuch.“ sagte er. „Ach, ist schon gut.“ erwiderte sie. „Nein, mir ist gerade etwas klar geworden.“ sagte er ernst. „Es war gut, dass du hier warst. Wir sehen uns dann in der PAST.“ Susanne lächelte ihn noch einmal an und verließ dann das Zimmer.

  • So, hier kommt jetzt erst mal der Schluss!


    Zwei Tage später stand sie mit ihrem Wagen wieder vor dem Krankenhaus, diesmal jedoch, um Ben abzuholen. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg ins Büro. Eigentlich wollte der Arzt Ben lieber noch zu Hause sehen, doch dieser hatte energisch darauf bestanden, seinen Dienst so schnell wie möglich wieder aufzunehmen, auch wenn er an den Schreibtisch gefesselt war. Er hatte zwar schon Fortschritte gemacht, doch an Auto fahren war aufgrund der verletzten Hand noch nicht zu denken.


    Ben war ein wenig komisch zumute, als er das Büro betrat, da er nicht abschätzen konnte, wie die Kollegen mit ihm umgehen würden. Doch dieses Gefühl war sofort verschwunden, als alle auf ihn zukamen und ihn herzlich begrüßten. Vor allem Semir strahlte ihn regelrecht an, er war heilfroh, dass Ben wieder da war. „Komm mal mit!“ grinste er und zog Ben zu ihrem Büro. „Wir haben eine Überraschung für dich!“ Als sie den Raum betraten, blieb Ben vor Staunen der Mund offen stehen. Sein Schreibtisch war picobello aufgeräumt, die Akten lagen fein säuberlich und griffbereit auf der rechten Seite. Sogar eine kleine Vase mit Osterglocken hatte neben dem Bildschirm noch Platz gefunden. „Wow!“ staunte Ben, der eigentlich sein übliches Chaos erwartet hatte. „Vielen Dank!“


    „Damit du gleich loslegen kannst.“ erklärte ihm Semir. „Weißt du, ich hab’ mir gedacht, dass du dann meine Berichte übernehmen kannst. Ich fahre ja für dich die Streife mit.“ ergänzte er mit ernstem Gesichtsausdruck. „Ne, ne Partner!“ lachte Ben. „Deine Berichte kannst du schön alleine schreiben! Ich bin nicht deine Sekretärin!“ Nun grinste auch Semir. „Na gut! Aber ein Versuch war es zumindest wert.“


    Die Tage vergingen und Ben lebte sich im Büro ganz gut ein, obwohl er natürlich viel lieber mehr unterwegs gewesen wäre. Susanne unterstützte ihn, wo es nur ging. Nach anfänglich schnellen Fortschritten hatte Ben inzwischen doch noch einige Probleme mit seiner Hand. Er konnte sie noch nicht sehr belasten, auch nach Dingen zu greifen fiel ihm immer noch recht schwer. Vor allem, dass er die anderen immer bitten musste, ihn zu fahren machte ihm zu schaffen. Es war deswegen öfter frustriert, doch Semir und Susanne schafften es immer wieder, ihn zu motivieren.


    „Sag’ mal, wo ist eigentlich Ben?“ fragte Semir Susanne an einem Montagnachmittag. „Ich weiß nicht.“ antwortete sie. „Er hat sich ein Taxi genommen. Ich dachte eigentlich, er wollte zu dir.“ „Nein.“ entgegnete Semir. „Ich habe keine Ahnung, wo er steckt.“


    Susanne sah ihn besorgt an. „Wo könnte er sein?“ Semir schwieg einen Moment, dann kam ihm eine Idee. „Mach dir keine Gedanken.“ sagte er. „Ich glaube, ich weiß, wo ich ihn finde.“


    Er ging zu seinem Wagen und fuhr zu dem Friedhof, auf dem Lea beerdigt worden war. Er hatte recht gehabt. Ben gedankenverloren stand an Leas Grab. Semir stellte sich einfach nur neben ihn. Wenn Ben reden wollte, würde er schon von sich aus anfangen. Eine Weile standen sie schweigend nebeneinander.


    „Ich hatte eine lange Zeit zum Nachdenken.“ sagte Ben schließlich in die Stille hinein. Semir erschrak. Wollte Ben aufgeben?


    „Mir ist etwas klar geworden.“ sagte er. Semir sah ihn an. „Ich wollte sie unbedingt vor diesem Mistkerl beschützen, weißt du? Sie hat es ihn ihrem Leben nicht leicht gehabt. Ihre Eltern sind früh gestorben und dann ist sie an die falschen Leute geraten.“ Er machte eine kurze Pause. Semir schwieg weiter. Er war froh, dass Ben sich ihm anvertraute. „Nieder hat sie zuerst gut behandelt. Sie hat geglaubt er würde sie lieben.“ sagte Ben mit bitterer Stimme. „Als sie dann langsam begriff, dass er sie nur besitzen wollte und in Wirklichkeit ein mieses Schwein war, war es schon zu spät.“


    „Nieder konnte sie nicht mehr gehen lassen, nicht wahr?“ fragte Semir. „Wahrscheinlich hätte er sie sowieso irgendwann getötet.“ ergänzte er. Ben seufzte. „Wahrscheinlich. Aber ich hätte es verhindern können.“ Semir wollte etwas einwenden, doch Ben ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Ich glaube, ich hatte immer noch Schuldgefühle wegen Saskias Tod. Sie ist auch gestorben, weil ich sie allein gelassen habe.“ Semir sah ihn an. Auch für Saskias Tod war Ben nicht verantwortlich gewesen, aber wie sollte er ihm das nur klar machen. Aber Ben sprach noch weiter: „Ich will jetzt aber erst mal nur nach vorne sehen. Es bringt nichts, an der Vergangenheit festzuklammern. Ich kann sie nicht mehr ändern. Aber ich kann es in der Zukunft besser machen. Das habt ihr mir in der vergangenen Zeit deutlich genug zu verstehen gegeben.“ Semir atmete erleichtert aus. Ben bemerkte dies und sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Du hast doch wohl nicht gedacht, ich würde hinschmeißen, oder?“ „Na ja…“ druckste Semir herum. Ben grinste ihn an. „Nein, ich kann doch nicht zulassen, dass du unsere Wagen nur noch alleine zu Schrott fährst!“ „Na hör mal!“ entgegnete Semir gespielt empört. Er war froh, dass Ben sich so entschieden hatte. „Schieb du erst mal so lange Dienst wie ich, dann reden wir noch mal darüber!“ Ben grinste ihn nur weiter an und die beiden machten sich auf den Weg zu Semirs Wagen, nicht, ohne noch einmal ein Blick auf das Grab zu werfen.


    „Kommst du noch mit ins Büro?“ fragte Semir Ben. „Du wirst schon sehnlichst erwartet.“ „Von wem?“ fragte Ben verwirrt. „Ach komm schon!“ flachste Semir. „Sag’ bloß, du hast noch nichts bemerkt!“ „Was soll ich denn bemerkt haben?“ fragte Ben, der nun gar nichts mehr verstand. „Und so was will Hauptkommissar sein!“ zog ihn Semir auf. „Was glaubst du eigentlich, wer deinen Schreibtisch aufgeräumt hat? Und wer kutschiert dich klaglos durch die Gegend und hilft dir im Büro?“ Langsam fiel bei Ben der Groschen. „Susanne?“ fragte er sicherheitshalber noch. „Na klar!“ strahlte Semir ihn an. „Ist dir echt noch nicht aufgefallen, wie sie dich immer ansieht? Die anderen tuscheln schon sogar darüber!“


    Ben dachte nach. Wenn Semir nun tatsächlich Recht hatte? Aber er fühlte sich dabei gar nicht unwohl. Eher im Gegenteil. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr gefiel ihm dieser Gedanke.


    „Dann wollen wir die Dame mal nicht so lange warten lassen, sie macht sich nämlich schon Sorgen wo du abgeblieben bist.“ sagte Semir und die beiden machten sich auf den Weg zur PAST.


    Erleichtert kam Susanne ihnen entgegen. „Hab’ ihn gefunden.“ sagte Semir. „Ich muss dann auch los, Andrea wartet.“ Mit diesen Worten verließ er das Büro. Ben würde schon allein zurecht kommen.


    Etwas verlegen standen sich Ben und Susanne gegenüber. „Soll ich dich nach Hause bringen?“ fragte sie ihn schließlich. „Das wäre wie immer sehr nett von dir.“ antwortete Ben. „Hast du Lust, vorher noch was mit mir trinken zu gehen?“ fasste er sich ein Herz. „Gern!“ erwiderte Susanne erfreut. „Worauf warten wir dann noch!“ sagte Ben. Gemeinsam verließen sie das Gebäude und gingen zu Susannes Wagen. Es war ein sonniger Tag im Mai. Trotz des Lärms, den die Autos machten, konnte man die Vögel singen hören.

    Holger Weber stand am Rande des Parkplatzes und beobachtete die beiden. „Du bist also der Bulle, der dafür verantwortlich ist.“ sagte er. Wenn er erst einmal die Geschäfte seines Halbbruders Jens Nieder übernommen hatte, würde er sich den Bullen vornehmen. Er würde dafür bezahlen müssen.





    So, das war es erst einmal von mir! Leider muss ich noch sagen, dass Holger Weber seinem Halbbruder in nichts nachsteht. Ich fürchte, er wird sich was Gemeines ausdenken. Es wird allerdings noch ein Weilchen dauern, da er sich ja erst mal „einarbeiten“ muss, da er längere Zeit die Geschäfte im Ausland geregelt hat.
    An dieser Stelle möchte ich mich auch für eure lieben Feeds bedanken, und dass ihr mich so nett in eurer Schreiberriege aufgenommen habt. Über abschließende Feeds würde ich mich auch noch sehr freuen! In diesem Sinne noch schöne Ostern!