Racheengel

  • Irgendwo in einer Lagerhalle, 40 Kilometer vor der deutsch - belgischen Grenze...



    "Los Leute, macht mal schneller. Die Ware soll heute noch zurück nach Hause.", spornte Hannes Schöffler seine Jungs an, die gerade dabei waren, Kisten und Kartons voller Feuerwerkskörper in den LKW der Spedition Schöffler zu verladen. Der an Jahre gereifte Geschäftsmann sah mit Argusaugen seinen Leuten beim Verladen zu. "Chef, das war wiedermal genial von ihnen. Ihre Idee das Schwarzpulver aus den Knallfröschen und Raketen zu entfernen und das Heroin reinzutun, wäre bestimmt keinem von uns eingefallen.", schmeichelte seine rechte Hand, Ronald Simon. "Der Zoll wird jedenfalls wieder nichts merken.", lachte Schöffler und spielte mit einem der präparierten Knallfrösche. "Was ist mit ihren Spezies von der Autobahnpolizei?", wollte dann Ronald wissen. "Die? Sollen sie doch den Laster kontrollieren. In ein Paar Wochen ist Dezember und bald sowieso Sylvester. Es ist ja nicht so, als würde das nicht in die Jahreszeit passen. Sollten sie uns dennoch Schwierigkeiten machen, werde ich mich einfach an das halten, was die Bibel sagt: Auge um Auge, Zahn um Zahn.", meinte Schöffler erbost. Manches Mal kamen ihm die beiden Cops nämlich gefährlich nahe, konnten dennoch aber nie einen Zusammenhang herstellen. "Was ist, wenn uns der LKW auch wieder geklaut wird?", fragte Ronald etwas nervös und traf damit einen empfindlichen Punkt bei seinem Chef. "Dann sollten wir schleunigst dafür sorgen, dass wir das Zeug wieder kriegen. Immerhin sitzen uns die Auftraggeber im Nacken und die verstehen keinen Spaß. Und was dieses Phantom angeht, hat sich die Polizei darum zu kümmern. Allerdings, sollte mir diese Ladung auch gestohlen werden, wird zur Jagd geblasen.", meinte Schöffler und warf den Knallfrosch wutentbrannt wieder in die Kiste zurück. Seit einigen Wochen machte ein Unbekannter systematisch Jagd auf Drogenkuriere und schaffte es immer irgendwie an die wertvolle Ladung samt Fahrzeug zu kommen. Einige Tage später fand man das ausgebrannte Fahrzeug mitsamt vernichteter Ladung in einem Waldweg und dazu an einem Baum ein Bekennerschreiben, dass immer mit einem großen "P" unterschrieben war. "Dieses Mal darf nichts schief gehen, oder wir können uns gleich eine passende Grabstelle suchen.", meinte Schöffler und stieg in seinen Wagen, als die Kisten alle verladen waren. Langsam setzte sich der Laster in Bewegung und näherte sich schnell der deutschen Grenze.


    Derweil auf einen Rastplatz auf der A44 ...


    "Och Ben, du hast die Serviette vergessen.", maulte Semir, als er mit seinen von Pommes fettigen Händen in der Tüte herumkramte. Ben rollte nur die Augen, zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche, griff Semirs Handgelenk. "Warte, Onkel Ben befreit das kleine Schutzferkel gleich von dem bösen Fett.", meinte er und schrubte Semirs Finger ab, was dieser mit einem wundernden Blick kommentierte. "Danke, Onkel Ben.", meinte Semir nur lächelnd und schlürfte seine Cola, als plötzlich sein Blick auf einen LKW fiel, der auf den Rastplatz fuhr.


    ...

  • Semir erkannte den Schriftzug auf dem Laster und stieg sofort aus, warf seine Cola in den nächsten Abfalleimer und rannte förmlich hinüber zum LKW. Ben sah seinem Kollegen verwundert hinterher, stieg dann aber ebenfalls aus. "Nicht mal in Ruhe Mittag halten kann man hier.", fluchte er hinter Semir her. Doch dieser ließ sich nicht von seinem Vorhaben abhalten, winkte das große Gefährt mit der Kelle auf den nächsten freien Parkplatz und ging zügig, nachdem der Laster abgestellt war zum Fahrerhaus. So schnell konnte Ben gar nicht gucken, wie Semir sich an die Arbeit machte. "Gerkhan, Kripo Autobahn. Könnt' ich mal bitte Führerschein und Fahrzeugpapiere sehen.", forderte Semir mit eindringlicher Stimme, als die Tür vom Führerhaus aufging. "Ach, der Herr Gerkhan.", kam es vom Beifahrersitz geflogen. Semir erkannte nicht, wer ihn da so begrüßte. Erst, als Schöffler seinen Kopf weiter nach links herausstreckte, konnte Semir diese Stimme zuordnen. Sofort stiegen dem Kommissar die Gedanken an einen zurückliegenden Fall in den Kopf. Vor einigen Jahren hatten er und Tom schon einmal versucht, diesem windigen Spediteur Geschäfte und Transport von Drogen nachzuweisen. Einer der leitenden Angestellten wollte auch aussagen, doch bevor Semir und Tom den Zeugen in eine Schutzwohnung bringen konnten, fanden sie den Mann erhängt an einem Baum im Garten. Das LKA kam zu dem Schluss, dass er sich dem Druck nicht gewachsen fühlte und schloss diese Akte als Selbstmord, wie er in Deutschland an die 10.000 Male vorkommt. Ohne diese einzig belastende Aussage mussten die Ermittlungen gegen Schöffler eingestellt werden. "So sieht man sich wieder. Es muss ja Jahre her sein.", meinte Schöffler mit perfidem Grinsen im Gesicht. "Nicht lange genug, Schöffler. Was haben sie hinten drauf?", fauchte Semir und sah in die Papiere. "Och, ein bisschen Knallzeug für Sylvester." "Das will ich sehen.", meinte Semir. Nun kam auch Ben dazu, zog seinen Partner beiseite und meinte, dass es dafür gar keinen Verdacht gab. "Ben, ich weiß, dass dieser Mann Dreck am Stecken hat. Vertrau mir.", erwiderte Semir und sah ihn mit seinen braunen Augen an. Schöffler stieg aus und ging zu den Ladeklappen des langen Gefährts, entsicherte die Verriegelung und zog die schwere Tür im Beisein der beiden Kommissare auf. Semir kletterte mit leichter Hand in den Wagen, riss eine Kiste auf und fand wirklich nur Feuerwerk der feinsten Qualität, doch damit gab er sich nicht zufrieden. "Okay, ich weiß, dass sie Koks, Heroin oder sonstigerlei transportieren. Sagen sie mir lieber gleich, wo es ist, oder ich zerpflück ihnen hier einen Karton nach dem anderen.", meinte Semir erregt vor Wut diesen Mann wieder fahren lassen zu müssen. "Haben sie dafür einen Durchsuchungswisch oder irgendeine konkrete Annahme?", fragte Schöffler und war sich seiner Sache sicher, nicht umsonst hatte er neben Betriebswirtschaft einige Semester Jura studiert, was aber ewige Zeiten zurücklag, wie er gern selbst immer erzählte. Semir musste schweigen und sah hilfesuchend zu Ben, doch der wusste in dem Moment auch keine Finte, die er sonst immer parat hatte. "So, dann würde ich sie bitten aus meinem Laster zu kommen und mich die Ware ausliefern lassen.", forderte Schöffler stinkfreundlich und reichte Semir sogar noch siegessicher die helfende Hand. Der Kommissar schlug sie erbost weg und kletterte alleine von der Ladefläche. "Schöne Fahrt noch.", kam gedrückt von ihm. Schöffler verschloss die Türen wieder. "Anstatt hier unschuldige Bürger zu überprüfen, sollten sie sich lieber um diesen Spinner kümmern, der LKWs klaut und sie dann samt der Ladung in Brand setzt.", meinte Schöffler zum Abschied und gab seinem Fahrer das Zeichen zum Weiterfahren und ließ einen wütenden und einen verwirrten Polizisten auf dem Rastplatz stehen. Innerlich schäumte Semir vor Wut, als er den Laster wieder auf die Autobahn fahren sah.


    "So, könntest du mir bitte mal erklären, was das sollte? Sonst bin ich doch immer derjenige, der zu forsch und stürmisch vorgeht.", meinte Ben und forderte von Semir eine Erklärung.


    ...

  • "Erklär ich dir auf dem Weg zum Revier.", meinte Semir forsch und schloss den Wagen auf. Wundernd und abwartend blickte Ben seinen Kollegen auf der Fahrt an. "Nah los, erzähl schon.", forderte er von Semir. "Pass auf, es war vor drei Jahren...", fing Semir an zu erzählen und Ben hörte aufmerksam zu. Der junge Kommissar konnte nicht glauben, was er dort hörte. Jetzt konnte er Semirs Wut auf diesen Mann durchaus nachvollziehen. "Und ihr konntet ihn dennoch nicht überführen?", fragte Ben nachdenklich nach. "Nein, das ist ja das Schlimme. Die Aussage hätte ihn für Jahre hinter Gittern gebracht. Selbstmord aus Angst, wers glaubt wird seelig.", meinte Semir. Zweifel über die damaligen Endergebnisse des LKAs waren deutlich in seiner Stimme zu hören. In Bens Kopf arbeitete es indes gewaltig. Ihm war so ein ähnlicher Fall schon einmal zu Ohren gekommen, doch noch konnte er sich keinen Reim darauf machen. Ihr Autrag lautete, das Phantom zur Strecke zubringen, was seit mehreren Wochen ständig Lastwagen kaperte.


    Langsam wurde es schummrig draußen und der Rastplatz kurz vor Köln hüllte sich langsam in Dunkelheit. Aus einem sicheren Verstekc heraus, beobachtete ein junger, sportlich aussehender und addret gekleideter Mann, der gar nicht auffallen würde, den ankommenden LKW. "Da ist er.", murmelte er und ging hinter einem Gebüsch in die Hocke. Aus seiner Jackentasche zog er einen Schnurrbart zum Ankleben und ein braunes Perrückentoupét mit grauen Alterssträhnen, damit man sein wahres Alter nicht an seinen gepflegten hellblonden Haaren nicht erkennt. Mit geübter Hand klebte er sich den Schnurrbart an seine Oberlippe. "Dann wollen wir mal.", sagte er und ging langsam über den leeren Parkplatz.


    Schöffler sprang aus dem Fahrerhaus und lief in Richtung Rastsätte. "Ich geh kurz mal austreten. Dann werde ich unsere Auftraggeber informieren, dass wir kurz vorm Ziel sind. Pass du mir gut auf unser Schätzchen auf.", mahnte Schöffler mit gefährlichem Unterton. Der Fahrer nickte, schnappte sich eine Zeitung und las darin. Er merkte nicht, wie sich von hinten einer näherte und am LKW entlang schlich. Plötzlich klopfte es an die Fahrertür. Der Fahrer öffnete kurz die Tür und sah zu einem älteren Herren runter. "Entschuldigen sie, dass ich sie belästige.", keuchte der scheinbar alte Mann. "Aber ich glaube, ihr Tank ist undicht.", meinte er und deutete etwas nach hinten. "Was?", entfuhr es dem Fahrer und sofort, ohne nachzudenken, sprang er aus dem Führerhaus und lief damit direkt in die Falle. Als er den Tank erreichte, bückte er sich und untersuchte mit seinen Augen akribisch jeden Zentimeter. "Ich sehe hier nichts, sind sie sicher, dass...", seine Worte verstummten und er sank, von einem Schlag getroffen, auf den Asphaltboden. Sofort wurde er zwischen zwei Mülleimern geschleift und dort liegen gelassen. "Da, wo du hingehörst.", meinte der alte Mann und kletterte in das Fahrerhaus. Mit kräftigem Ruck drehte er den Schlüssel um und startete den tonnenschweren Laster.


    Schöffler kam gerade aus der Raststätte und wollte noch einen Zigarillo rauchen, als er seinen eigenen Laster an sich vorbeifahren sah. Mit offenem Mund stand er da, der Zigarillo fiel ihm heraus. "Hey, hey, mein Laster! Halt! Verdammter Mist!", rief er aus und lief zu Lutz, dem Fahrer, der langsam wieder zu sich kam. "Lunger hier nicht rum.", fauchte Schöffler und zog seinen Mitarbeiter brutal hoch. "Los, organisier uns einen Wagen. Wir müssen hinterher.", befahl er mit harschen Ton.


    ...

  • Lutz schaute sich schenllstens auf dem Parkplatz um und entdeckte dann einen grauen Mercedes, aus dem gerade jemand ausstieg. Sofort rannte er hin, stieß den Fahrer beiseite und schnappte sich das Auto. Der Fahrer war so erschrocken, dass er gar nicht wusste, wie ihm geschah. Er sah nur noch, wie der dickliche Mann mit seinem Mercedes davonfuhr, kurz anhielt und dann wieder weiter fuhr. "Ihr Scheißkerle !!", rief er dann urplötzlich wie ein Urschrei heraus und kramte in seinen Taschen nach seinem Handy.


    Schöffler sprang in den Mercedes und Lutz trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Da dies ein Automatikwagen war, brauchte er nicht einmal zu schalten. "Bleib ja am LKW dran. Wir müssen ihn wiederkriegen.", fauchte Schöffler und ließ dabei seine Unterlippe gefährlich vibrieren. "Wie konnte das eigentlich passieren?", fragte der Beifahrer und sah mit scharfem Blick zu Lutz rüber. "Ein alter Mann sagte mir, dass der Tank undicht sei, also bin ausgestiegen und dann lag ich auch schon zwischen den Mülltonnen.", erzählte Lutz kleinlaut. "Du hast dich von einem alten Opa reinlegen lassen? Bete Lutz, bete, dass wir die Ladung wiederkriegen. Ansonsten kannst du dich von deinem Kopf verabschieden.", brach Schöffler vor Zorn aus und war fast soweit, ihm den Hals zuzudrücken. Lutz trat noch mehr das Pedal durch und zog den Wagen immer wieder nach rechts oder links, um die Autos zu überholen. "Da vorn, da ist er.", rief er plötzlich aus.


    Semir und Ben wollten gerade zum Ende ihrer Schicht die Ausfahrt zur PASt runterfahren, als ein Einsatz über den Funk hallte. "Zentrale an alle verfügbaren Fahrzeuge in der Nähe des Kölner Nordrastplatzes ... Ein grauer Mercedes Baujahr 2002 wurde als gestohlen gemeldet und fährt wie wild über die Autobahn Richtung Neuss.", kam aus dem Gerät. "Na war ja klar, immer wenn man nach Hause darf.", meinte Ben missmutig. "Wartet doch keiner auf dich, oder?", meinte Semir und schaltete das Blaulicht ein. Mit kurzem Sprint drängte er den Wagen wieder auf die Autobahn und fuhr dem Rastplatz entgegen. Schnell passierte er den Rastplatz und Ben sah schon, wie ein aufgeregter Mann vor den Kollegen hin und hersprang. "Das muss der bestohlene Fahrer sein.", dachte er bei sich grinsend. Semir fuhr wortkarg weiter und lenkte seinen BMW durch das Wirrwahr von Berufsverkehr.


    Nach drei weiteren riskanten Überholmanövern fuhr Lutz genau neben seinem LKW, der noch mehr Gas zu geben schien. "Fahr links neben ihm und versuch die Position zu halten. Ich versuch mal, ob ich da rüber komme.", meinte Schöffler und wollte wirklich das Fahrzeug wechseln. Sein Mitarbeiter sah ihn entsetzt an, tat jedoch dann, was von ihm verlangt wurde. Schöffler wollte gerade aus der Tür heraus auf den LKW, als er im rechten Rückspiegel das Blaulicht bemerkte. "Immer, wenn man denkt, es kann nicht schlimmer kommen.", fluchte er und setzte sich wieder hin. "Was machen wir jetzt, Chef?", fragte Lutz etwas aufgeregt und merkte dann, wie der LKW langsam nach links rüberzog.


    ...

  • Schöffler sah im Rückspiegel, wie Semirs BMW immer näher kam. "Wir sollten uns aus dem Staub machen.", meinte Lutz und wollte gerade auf die Bremse steigen, als Schöffler ihn davon mit einem harschen "Nein" abhielt. "Da drüben fahren eine Million Euro, die werde ich mir nicht entwischen lassen.", fauchte er und zog seine Waffe. Er zielte aus dem Fenster auf den BMW. "Erstmal die Bullen loswerden.", meinte er, legte ruhig und zielsicher auf den Reifen an. Mit einem eiskalten Blick drückte er ab und erwischte wirklich den Reifen. Allerdings war es nicht der Wagen von Semir, sondern ein unbeteiligten, der sofort ausbrach. Der Wagen schlidderte vor Semir und Ben hin und her und riss noch mehr Verkehrsteilnehmer mit.


    "Verdammt, was macht der denn?", fluchte Ben und klammerte sich an das Amaturenbrett. Semir hatte Mühe den anderren ausbrechenden Fahrzeugen auszuweichen. Doch dann wich ein Fahrzeug direkt in seine Fahrbahn und der Kommissar musste ausweichen und bremsen. Neben und hinter ihm hörte er nur noch Bremsen und vereinzelt das grobe Scheppern von Blech und Metall. Semir schloss seine Augen und verharrte, das tat auch Ben. Dann ein Aufprall und der Wagen machte einen Satz nach vorn. Beide sahen durch die Rückscheibe und ein großer Geländewagen hatte sich in ihren Kofferraum gebohrt. "Och nö.", stieß Semir vor Wut aus und schlug aufs Lenkrad. "Da hat uns einer als Prellbock benutzt.", meinte Ben außer sich.


    "So, das hätten wir.", meinte Schöffler lächelnd und wandte sich wieder Lutz zu. "Nu drück auf die Tube und hol auf.", befahl er seinem Fahrer. Sofort drückte Lutz aufs Gaspedal. "Nein warte, wir fahren ihm hinterher und schnappen ihn uns, wenn er anhält.", meinte Schöffler dann und sofort wurde der Wagen wieder langsamer. Der Fahrer des LKWs bog, den Verfolger nicht bemerkend, von der Autobahn ab. Der Weg führte über eine einsame Waldstraße. Noch immer bemerkte er den Verfolger nicht, da dieser sich einige Meter hinter dem LKW verbarg und das Licht ausgeschaltet hatte. "Immer dran bleiben.", meinte Schöffler mit ruhiger Stimme zu seinem Fahrer. "Er fährt in den Wald.", beobachtete Lutz. "Dann fahr hinterher.", maulte sein Chef. Sofort erfüllte Lutz diesen Befehl und steuerte das erbeutete Fahrzeug in den Waldweg. Der LKW fuhr auf eine Lichtung, der Mercedes hielt hinter eienr dichten Baumgruppe und beide Insassen stiegen aus und beobachteten das Treiben auf der Lichtung.


    Der vermeintlich alte Mann stieg mit leichtem Fuß aus dem Laster, ging zum hinteren Teil des LKWs und fummelte eine lange Schnur in den Tank. "So, jetzt geht das schöne Zeug hoch und wird keinen Schaden bei anderen Leuten anrichten.", meinte der Mann, zog sich Bart und Perrücke ab. Schöffler schien den jungen Mann zu erkennen, doch er wusste das Gesicht nicht zuzuordnen. "Wir müssen schnell was tun.", meinte Lutz. "Okay, wir schnappen ihn uns, bevor er das ganze Zeug hochjagen kann.", erwiderte Schöffler.


    Derweil hatten Ben und Semir wieder ein neues Fahrzeug und nahmen wieder die Verfolgung auf. Sie konnten nur ungefähr ahnen, wohin der Mercedes und der LKW gefahren waren. "Verdammt, die müssen doch irgendwo sein.", meinte Ben und schaute in die Gegend.


    ...

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  • Semir steuerte den Streifenwagen, den sie sich von den Kollegen "geborgt" hatten, von der Autobahn runter und genau die gleiche Waldstraße lang, wie der LKW auch gefahren ist. Ben regte seinen Kopf dicht an die Seitenscheibe, und hielt nach eventuellen Spuren aus, die so ein riesiger Tonner nun mal hinterließ. Semir sah zur anderen Seite hin und behielt gleichzeitig die kurvenreiche Straße im Blick. "Stopp, halt an. Da, da ist er!", rief Ben aus und und packte Semir dabei fest am Arm, dass dieser gleich auf die Bremse stieg. "Wo denn?" "Fahr zurück." Semir tat es und Ben ließ ihn vor einer Waldeinfahrt halten. "Schau die tiefen Spuren im Waldboden." "Stimmt, sieht nach einem schweren Fahrzeug aus. Dann lass uns mal ein bisschen Ärger stiften.", meinte Semir und fuhr mit dem silberblauen Polizeiwagen in den Weg hinein.


    Schöffler und Lutz näherten sich wie zwei Katzen und gerade als der Dieb den LKW anzünden wollte, pakte ihn Lutz am Kragen, zog ihn hoch und nahm ihn in den Würgegriff. "Sieh an, sieh an, sieh an. Wolltest meinen Laster in den Luft jagen, ja?", meinte Schöffler gefährlich leise und sah in ein jugendlich überraschtes Gesicht. Dann jedoch verfinsterte sich das Gesicht und spuckte seinem Gegenüber an. Schöffler wischte sich angewiedert den Speichel vom Auge, holte aus und schlug den Mann mit kräftiger Wucht nieder, sodass er aus Lutz Umklammerung zu Boden gerissen wurde. "Ich weiß, was wirklich in den Kisten ist. Sie werden sich an diesem Zeug nicht bereichern können.", fauchte der junge Mann und wischte sich das Blut vom Mund ab. "Woher weißt du das?", fragte Schöffler und kam dem Junge gefährlich nahe. Er packte ihn am Kragen und hielt ihm seine Waffe ans Kinn. Doch der Junge machte keine Anstalten ihm eine Antwort zu geben. "Na los, oder wir beenden es hier und jetzt.", schrie Schöffler. "Chef, da kommt wer.", rief Lutz aus und deutete auf den Weg. Hannes Schöffler sah sich um und erblickte das blausilberne Auto. "Los, wir hauen hier ab und ihn nehmen wir mit.", befahl Hannes zu Lutz. "Was wird mit dem LKW?" "Den lassen wir uns von unserem Spezi Gerkhan bringen, dafür sorge ich schon. Jetzt müssen wir erstmal hier weg.", erwiderte der Spediteur und zog den jungen Mann hoch. Alle drei verschwanden rechtzeitig von der Lichtung, leider mussten sie ihre Flucht zu Fuß antreten, da der Mercedes genau dort geparkt war, wo Semir und Ben auftauchten.


    "Da steht das Monster.", meinte Semir nur. "Hm, und hier der Mercedes.", entgegnete Ben und deutete auf die linke Seite. Tatsache, in einer Mulde war der Mercedes ordnungsgemäß abgestellt worden. "Okay, lass uns das mal genauer unter die Lupe nehmen.", meinte Semir und stieg aus. Ben, noch schnell die Kollegen informierend, stolperte über einige Wurzeln hinterher. "Bäh, Natur. Welch eine Wohltat um diese Jahreszeit.", maulte er. Semir stand indes interessiert und mit den Armen in die Hüften gestemmt vor der Ladefläche des LKWs, öffnete die Türen und kletterte hinein. Da es draußen langsam schummrig wurde, knipste der Kommissar seine Taschenlampe an und sah auf einige, von der Fahrt durchgeschüttelten und aufgebrochenen Kartons herab. "Na sieh mal an, was haben wir denn hier.", dachte sich Semir erfreut und kniete neben einem zerbrochenen Raketengehäuse. Doch anstatt schwarzem Schießpulver war weißes Pulver über den ganzen Boden zerstreut. "Ben, ich hab hier was.", rief er raus. "Oh, ein Feuerwerk der Extraklasse. Damit man besonders schöne Farben sieht.", meinte der junge Kommissar. "Ja und es war die perfekte Tarnung. Aber jetzt hab ich ihn.", erwiderte Semir triumphierend.


    Schöffler und Lutz beobachteten das Treiben aus sicherer Entfernung genau. "Was machen wir jetzt? In zwei Tagen müssen wir die Ware liefern und jetzt auch noch das.", klagte der Fahrer. "Immer mit der Ruhe, wie ich schon sagte, Gerkhan wird uns den Stoff wiedergeben.", beruhigte Hannes seinen Mitarbeiter. "Ja, und wie? Willst du ihn etwa anrufen und darum bitten." "So in der Art. Nach allem, was ich gehört habe, hat er Familie und an seinem neuen Kollegen scheint ihm auch gelegen zu sein. Ich sag ja, man sollte sich immer einen Trumpf bereithalten.", lachte Hannes teuflisch. Danach verschwanden die drei aus dem Wald. Wenn Semir wüsste, was nun auf ihn zugerollt käme...


    ...

  • Ben und Semir warteten nur noch auf die Kollegen und da sie sich langweilten, sprachen sie über alltägliche Dinge. "Und, hast du schon was für Andrea zu Weihnachten?", fragte Ben, setzte sich auf die Ladefläche und ließ die Füße baumeln. "Och, ich hab da eine wunderbare Halskette ins Auge gefasst, die super zu ihrem Armband passt, die sie zum Geburtstag bekommen hat.", erwiderte Semir und lächelte vergnügt. "Ah ja.", bemerkte Ben und schaute in den Wald hinein. "Und was machst du an den Feiertagen?", erwiderte Semir die Frage und schaute gespannt auf die Antwort seines Freundes. "Weiß noch nicht, würde eigentlich gerne nach Hause fahren, aber dann gibt es Heiligabend wieder Stress mit meinem Vater. Werd wahrscheinlich dem Schnee hinterher fahren.", erwiderte Ben überlegend. Dann hörte er Motorengeräusche und sah, wie sich eine Kolonne von drei Polizeifahrzeugen näherte. "Ah, die Kollegen.", meinte Semir und drehte sich den Fahrzeugen zu.


    Inzwischen waren Hannes Schöffler, Lutz und ihr "Gast" in ihrem Versteck angekommen. "Los, setz ihn da auf den Stuhl und sorg dafür, dass er drauf sitzen bleibt.", fauchte Schöffler und warf Lutz einen Strick zu. Sofort wurde der Junge an den Stuhl derart verschnürt, dass er nur mit Mühe ein- und wieder ausatmen konnte. "So, wollen doch mal sehen, wer mir da einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.", meinte Schöffler und zog das Portemonnaie aus der Tasche der Geisel. In ihm suchte er nach dem Personalausweis oder dem Führerschein, irgendwas wo die Identität des Mannes festgehalten war. Dann fand er ihn und hielt ihn weiter ins Licht, seine Augen waren nicht mehr die Besten. "Sieh mal an, Tobias Halmer. So heißt du also, du mieses, kleines Dreckschwein.", fauchte der Spediteur und baute sich demonstrativ überlegen vor Tobias auf. Dieser sah nur abwertend zu ihm hoch. "Wenn hier einer das Schwein ist, dann bist du es, Schöffler.", fauchte der junge Mann und spuckte seinem Gegner wieder ins Gesicht. Dieses Mal traf er genau die rechte Wange unterhalb des Auges. Sofort holte Lutz aus und schlug Halmer mit der geballten Faust derart ins Gesicht, dass dieser nach hinten umfiel. Blut spritzte aus Nase und aus der geplatzten Oberlippe. Benommen saß Tobias Halmer auf seinem Stuhl und wurde im gleichen Moment wieder aufgerichtet. Ein zweites Mal angewiedert von den Spuckattacken, wischte sich Schöffler den Speichel von der Wange, holte aus und schlug mit seiner Faust Tobias in den Magen. Keuchend lehnte sich Tobias vor, doch die engen Fesseln verhinderten dies ohne Gnade. "Ich fahre jetzt nochmal ins Büro. Sicher werden die Bullen da schon alles auf den Kopf stellen. Dennoch. Sorg du dafür, dass er hier ruhig ist, und vor allem, nicht mehr spucken kann.", befahl Hannes. Lutz tat wie ihm befohlen wurde. Er steckte dem Kerl unter großen Protest ein Tuch in den Mund und fixierte es mit einem anderen hinter seinem Kopf.


    Derweil hatten die Kollegen vor Ort alle Spuren aufgenommen und Semir und Ben waren auf dem Weg zurück zur Wache. Dort angekommen wurden sie gleich von Anna ins Büro gebeten, die natürlich über die neue Lage, und den geschrotteten Dienstwagen, bescheid wusste.


    ...

  • "Ben, Semir, kommen sie sofort in mein Büro.", hallte ihre Stimme durch das Großraumbüro. Beide zuckten bei der Tonlage der Stimme zusammen und lenkten ihre Schritte in das Büro ihrer Chefin. "Chefin, egal, was im Bericht steht, ich war dieses Mal nicht schuld.", fing Semir an sich zu verteidigen. "Genau, der hat uns einfach als Parkmulde verwendet.", fügte Ben hinzu. Doch Anna hob stoppend die Hand und beide schwiegen. "Es ist immer wieder erstaunlich, wie sie meine Nerven aufs Äußerste reizen.", meinte sie nur und strich sich mit ihrer Hand über die Stirn, während sie sich setzte. "Der Vorteil ist, dass wir die Staatskasse nicht mehr belasten, aber dennoch. Ich bin sicher, ihr Freund Holmes wird sich freuen, wenn er die Rechnung präsentiert bekommt.", meinte Anna zu Semir. "Ich glaube, er nimmts mit Humor. Außerdem kann er es verschmerzen, bei den Umsätzen, die er einfährt.", erwiderte Semir und grinste etwas. "Schwamm drüber, was ist mit dem Fall der drei ausgebrannten LKWs?", wollte Anna dann wissen. "Wir haben gerade einen LKW aus dem Verkehr ziehen können, der scheinbar das nächste Opfer werden sollte.", fing Ben an zu berichten. "Allem Anschein nach, wurde er dabei von uns oder jemand anderes gestört. Wir verfolgten heute den LKW, mussten aber die Verfolgung abbrechen, nachdem uns die Autos um die Ohren flogen.", entgegnete Semir. "Wissen wir etwas über den Besitzer des Lasters?" "Das ist noch das interessanteste. Der Wagen gehört der Spedition Hannes Schöffler. Anscheinend haben sie Feuerwerk transportiert, aber in Wahrheit war das ein getarnter Drogentransport." "Dann ist Schöffler also wieder aktiv. Okay, ich kümmere mich um den Durchsuchungsbefehl und sie schreiben erstmal den Bericht.", erwiderte die Chefin.


    Schöffler war gerade in seinem Büro in seiner Spedition, als das Telefon klingelte. "Ja, was gibts?" "Schöffler, schön ihre Stimme zu hören.", sofort stockte ihm der Atem und sein Blut gefror, als er die nicht ganz akzentfreie Stimme seines Gesprächspartners vernahm. "Signore Modena, was kann ich für sie tun?", fragte er und versuchte seine Nervösität herunterzuspielen. "Schöffler, ich wollte sie nur informieren, dass unser Deal zwei Wochen früher über die Bühne geht. Sie haben also noch drei Tage, um alles vorzubereiten.", meinte der Italiener. Schöffler schwieg. Ihm stand förmlich der Mund offen. Nur drei Tage, dachte er bei sich. Das wars mit meinem Leben, lebe wohl. "Ist ihnen nicht gut, Hannes?", klang die besorgte, doch auch raue Stimme des Italieners durch den Hörer. "Doch doch, alles bestens. Ich habe nur überlegt, aber das müssten wir hinkriegen." "Gut, denn unsere Organisation kennt beim Versagen keine Gnade. Nur damit sie bescheid wissen.", waren die letzten Worte, bevor das Gespräch beendet war. Schöffler blieb der Atem weg, nur drei Tage um alles wieder zu beschaffen. Schnell musste er handeln. Er griff sich die wichtigsten Akten, seinen Terminplaner und seinen Laptop und machte einen schnellen Abgang aus dem Büro, bevor die Polizei eintraf und alles auf den Kopf stellte.


    "So, Feierabend.", meinte Semir und streckte seinen Körper. "Wieso, wo willst du denn hin?", fragte Ben neugierig. "In die Stadt und die Halskette für Andrea holen. Außerdem noch andere Geschenke für die Weihnachtsfeier." "Oh, darf man fragen, was ich bekomme?", fragte Ben ganz ungeniert. "Sei nicht so neugierig. Wirst es schon noch früh genug erfahren.", erwiderte Semir frech grinsend und verließ das Büro. Auf dem Parkplatz stieg er in den Ersatzwagen und fuhr Richtung Köln. Zwar waren es noch einige Wochen bis Weihnachten, dennoch wollte er das mit den Geschenken schon vor dem alljährlichen Ansturm der Schnäppchenjäger und der Weihnachtskäufer machen. Aus dem Radio klang jedoch schon das alljährlich viel zu früh einsetzende Ritual der Weihnachtslieder. "Och nö Leute, es ist noch nicht mal der erste Advent.", maulte er und schob eine CD rein. Den Kopf zur Musik wiegend, bemerkte er nicht, wie ihm schon seit geraumer Zeit ein schwarzer BMW folgte, der einigen Abstand zu Semir hielt. Doch Semir war viel zu sehr mit seiner Musik und der Straße vor ihm beschäftigt. Wer ihn da wohl verfolgte?



    ...



    Feeds please :rolleyes:

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  • Semir parkte den Wagen in einem öffentlichen Parkhaus. Seine Verfolger fuhren hinterher, parkten aber etwas versteckt, um nicht aufzufallen. "So, der Chef hat gesagt, erst mal nur beobachten. Er entscheidet, wann wir zuschlagen sollen.", meinte Ronald Simon zu seinen drei Männern. Die nickten nur. Soweit so gut. Jetzt beobachteten sie jeden Schritt des Kommissars.


    Semir lief durch das große Kaufhaus und sah sich die vielen bunt geschmückten Schaufenster an. Vor einigen verharrte er und sah sich die Auslage genau an. Er merkte nicht, wie ihn Ronald Simon und ein weiterer Mann immer auf den Fersen blieben. "Wir müssen irgendwie an seine Adresse kommen. Meinst du, du schaffst es unbemerkt an seinen Personalausweis?", fragte Ronald seinen Bekannten. "Hey gelernt ist gelernt. Lass mich mal nur machen.", meinte der junge Mann und pustete sich einmal in die Hände, grinste frech und näherte sich dann Semir. Dieser stand nachdenklich vor dem Schaufenster des Juweliers und sah sich neugierig die dort ausliegenden Halsketten an. "Man, man, man, ganz schön teuer so'n Flitterkram.", meinte Semir nachdenklich und strich über seinen Bart. Plötzlich wurde er in seinen Überlegungen unterbrochen und angerempelt. "Hey, passen sie doch auf. Haben sie keine Augen im Kopf?", fauchte Semir und sah dem jungen Mann nach. Dann widmete er sich wieder dem Schaufenster. Entschlossen betrat er nun den Laden.


    "Hast du sie?", fragte Simon seinen Freund. Dieser hielt nur das braune Lederportemonnaie hoch und grinste. "Gut, gib schnell her. Lass uns den Ausweis abfotografieren und dann bringen wir ihm das Ding zurück, bevor er etwas merkt.", meinte Simon zog sein Fotohandy hervor und knipste schnell ein paar Bilder des Personalausweises. "Okay, und jetzt...", er sah sich um. "Verdammt, wo ist er hin?", fluchte Ronald Simon. "Wahrscheinlich in das Juweliergeschäft.", meinte seine Begleiter und deutete in die Richtung, aus der er gekommen war. "Okay, geh du zum Wagen zurück. Ich mach das schon.", meinte Ronald und betrat das Juweliergeschäft.


    Semir war gerade dabei, sich von einem Mitarbeiter beim Kauf der Halskette beraten zu lassen. "Die sieht wunderbar aus und passt bestimmt zu meiner Frau.", meinte Semir begeistert. "Wünschen sie, dass ich ihnen die Kette einpacke?", fragte der Mann hinter dem Thresen. "Nein, ich nehme sie bitte so mit.", erwiderte Semir und lächelte zufrieden. Der Mann nahm den Scanner und wischte einmal kurz damit über das Preisschild und den Strichcode. "Das wären dann 829 Euro und 45 Cent.", meinte der Mann. Semir fiel fast aus allen Wolken. "Was tut man nicht alles für die Liebe.", meinte er und griff in seine Gesäßtasche. Plötzlich hörte er einen dunpfen Aufschlag hinter sich. "Oh, ist das ihre?", fragte Ronald freundlich und hob scheinbar das Portemonnaie, dass er gerade unauffällig fallen ließ, wieder auf. "Danke, ja, das ist sie. Ich muss mir angewöhnen, sie in die Jacke zu stecken.", meinte Semir und nahm seine Börse wieder an sich. Ronald verließ wieder das Geschäft und sah wie Semir seine EC-Karte dem Verkäufer reichte. "So Bürschchen, du bist bald fällig.", meinte Ronald Simon und ging zurück zur Tiefgarage.


    "Ronald, Hannes hier. Ihr habt freie Hand für den Besuch bei unseren Spezies.", meldete sich Schöffler kurz und legte aber sofort wieder auf. Jetzt waren die Würfel gefallen. Würde Semir vor den Gangstern zu Hause sein?


    ...

  • Es war ein indirektes Rennen der beiden Wagen. Von Ampel zu Ampel schnellten sie, mal hatte Semir einen Vorsprung, mal die anderen. Semir dachte sich nichts weiter dabei, er hatte das bekommen, was er für Andrea gesucht hatte und lauschte nun wieder seiner Lieblings-CD. Immer wieder fuhren beide Wagen gleichzeitig an und mussten vor der nächsten roten Ampel halten. Dann endlich lag die Innenstadt hinter ihnen und nun konnte Ronald den Wagen voll ausfahren. Doch Semir bog ab, während er selbst geradeaus weiter fuhr. "Wo will der denn noch hin? Na, umso besser.", dachte er laut und grinste schon triumphierend. "Nach 500 Meter links abbiegen.", meldete ihm das Navi. Ronald gehorchte seinem elektrischen Gerät und setzte den Blinker. Doch plötzlich stand er vor einer weiß-rot gestreiften Baulatte, die mit einem großen Einfahrt-verboten-Schild die ganze Straße absperrte. "Verdammt, du unnützes Stück Billig-Technik.", fluchte er und setzte wieder zurück.


    Semir hingegen kannte die Straßen hier gut und wusste, dass sein eigentlicher Weg nach Hause seit Wochen wegen Ausgrabungen gesperrt war. Wahrscheinlich, so vermutete er, hat irgendeiner dort vor Jahrzehnten sein scheußliches Hochzeitsservice vergraben und jetzt denken die, es wären antike Tonscheiben. Er machte sich keine Gedanken darüber, war er doch so um zehn Minuten schneller in seinem warmen Häuschen bei seiner Familie. Jetzt hieß es, das kleine verräterische Kästchen bis Weihnachten vor Andreas neugierigen Blicken zu verstecken. "Hm, im Werkzeugkoffer wird meine Frau bestimmt nicht nachsehen.", meinte er, als er in der Garage stand und nach einem geeigneten Aufbewahrungsort suchte. So schnell hatte er den Entschluss gefasst und das Kästchen verstaut, dass er den schwarzen BMW, der auf dem Bordstein gegenüber stand, kaum wahr nahm.


    "Verdammt, er hat es geschafft.", fauchte Ronald und fuhr unauffällig weiter, als er sah, dass sich der Kleine zur Straße wendete. "Was machen wir nun Chef? Sollen wir trotzdem zuschlagen?", fragte einer seiner Gorillas. Simon sah ihn böse durch den Rückspiegel an. "Nein, ihr beide beobachtet unauffällig das Haus. Freddy und ich werden uns erstmal seinen Kollegen krallen. Das wird ihn sicher rauslocken. Danach holt ihr euch die Frau und das Kind.", erwiderte Simon, hielt in der nächsten Seitenstraße, damit seine Mitarbeiter aussteigen konnten und fuhr dann wieder los. Inzwischen fing es zu schneien an, was das Stehen in der schon winterlichen Kälte nicht besonders angenehm für die beiden machte. Sie stellten sich hinter eine dichte Hecke aus kleinen Tannen und warteten.


    Ben hatte inzwischen auch Feierabend gemacht. Er hatte sich nochmals eindringlich mit den LKW-Diebstählen beschäftigt, bei denen Laster und Ladung in Flammen aufgingen. Hartmut, den er wegen der Schriftanalyse der Briefe angerufen hatte, bestätigte ihm seine Ahnung, dass die Briefe von ein und demselben Täter, einem Linkshänder, geschrieben wurden. Außerdem wurde Ben stutzig als er sich die Zulassungen der LKWs noch einmal durchgesehen hatte. Einige davon fuhren als Freifahrer bei verschiedenen Unternehmen, doch sie waren alle auf einen Hannes Schöffler zugelassen. Ben teilte das umgehend der Chefin mit und fragte ob er Semir deswegen anrufen sollte. "Das hat auch Zeit bis morgen. Bei dem Wetter bringen sie mir bloß wieder eine Schrottsammlung zurück, sollten sie in eine Verfolgungsjagd geraten.", hatte sie etwas genervt erwidert. Und so verließ Ben Jäger die PASt, wickelte seinen Schal fest um seinen Hals und fuhr in seine Wohnung, wo er sich erstmal ein schönes, heißes Bad gönnen wollte. Er ahnte ja nicht, dass sein Vorhaben vereitelt werden würde.


    ...

  • Ben trat gut gelaunt und vor sich hinpfeifend aus seinem Fahrstuhl und schritt, mit der Hand seine Schlüssel suchend und ordnend, auf die heimische Wohnungstür zu. Plötzlich hielt er inne und betrachtete die Tür. Sie war nur angelehnt. Instinktiv griff er nach seiner Waffe und seinem Handy. "Semir, Ben hier. Hör mal, ich steh vor meiner Wohnung. Scheinbar ist eingebrochen worden." "Okay, ich komme. Bin gleich bei dir.", tönte es vom anderen Ende der Leitung. Ben schlich langsam vorwärts und betrat seine Wohnung. Mit seinem linken Fuß stieß er die Tür einen Spalt auf und ging hinein. In ihm stieg ein ungutes Gefühl hoch, so als ob er beobachtet werden würde. Er drehte sich seiner Küche zu, verlor dann aber das Bewusstsein. Ein harter Handkantenschlag traf ihn völlig unerwartet und schickte ihn schnurstracks ins Reich der Träume. "So, den hätten wir. Hoffen wir, das die anderen ebenso erfolgreich waren.", meinte Ronald Simon und rieb sich seine Hand. "Und wie kriegen wir ihn jetzt hier raus ohne gesehen zu werden?", fragte Freddy und sah auf den leblosen Körper, der schwer atmete. "Schau mal, ob hier irgendwo eine große KIste, Truhe oder ähnliches zu finden ist. Ich sorge inzwischen dafür, dass er uns nicht davonläuft.", meinte Ronald und zog einige Kabelbinder aus der Tasche. Freddy machte sich also auf die Suche und fand im Band einen großen und langen Bastkorb. Er schmiss die Schmutzwäsche auf den Boden und kehrte zur Tür zurück.


    Inzwischen hatte Semir die Hälfte des Weges zurückgelegt. Beunruhigt wählte er immer wieder Bens Handy an, doch es meldete sich keiner. Semir machte sich inzwischen Sorgen um seinen Partner. "Hotte, ja ich bins. Hör mal schick mir sofort einige Kollegen zu Bens Wohnung." "Steckt er in Schwierigkeiten?" "Ja, ich brauch die bestimmt nicht zum Kartenspielen.", erwiderte Semir und legte wieder auf. Sofort gab er seinem motorisiertem Gaul noch mehr die Sporen.


    Währenddessen hatte Andrea Aida bettfertig gemacht und legte sich, in eine Decke eingemummelt, auf die Couch und schaltete den Fernseher ein. Ein Krimi flimmerte über die Mattscheibe. Andrea verfolgte sehr aufmerksam, wie eine finstere Gestalt über den Gartenzaun kletterte und sich dann am Terrassenfenster zu schaffen machte. Sie ahnte nicht, dass dies im Moment zeitgleich mit ihrem Kellerfenster geschah. Die Frau ließ sich einfach von der Spannung übermannen und hörte nicht das leise Knarren der Kellertreppe und die dumpfen Schritte im Flur. Plötzlich schreckte sie hoch und stieß einen kurzen Schrei aus. Doch da war es schon zu spät.


    Semir hielt genau vor Bens Haustür. Schnell sprintete er zur Tür. "Ha, offen.", dachte er, huschte durch und wollte den Fahrstuhl nehmen. "Oh man, der fährt. Dann eben heute sportlich.", meinte er und hechtete die Treppen hinauf. Er konnte ja nicht ahnen, dass Ben, in seinem eigenen Wäschekorb gesperrt und verschnürt, in die Tiefgarage gebracht wurde, wo ihn Freddy und Ronald in ihren schwarzen BMW luden. "Man, ist der schwer.", pustete Freddy und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Plötzlich wackelte der Korb hin und her. "Hey, was soll der Scheiß? Lasst mich hier raus.", schrie Ben durch den Wäschekorb. "Ach sei ruhig.", ranzte Ronald den Cop an und schlug den Kofferdeckel zu. Semir war inzwischen auf Bens Etage angelangt und sah die offene Tür. Auch er ergriff seine Waffe und schlich durch die Tür. "Ben?", machte er sich bemerkbar, doch es kam keine Antwort. "Verdammt, wo steckt der Kerl bloß?", fragte er sich und ging nervös von Raum zu Raum.


    ...

  • Nur wenige Minuten später trafen die Kollegen ein. "Okay, macht euch sofort an die Arbeit. Ich will wissen, was hier passiert ist.", meinte Semir in großer Sorge um seinen jungen Kollegen. Sofort gingen die Kollegen an die Arbeit und sicherten sämtliche Spuren an der Wohnung. Semir sah sich ebenfalls um und entdeckte im Badezimmer den umhergeworfenen Haufen Wäsche. "Was ist das denn?", fragte er sich. Dann fiel ihm der fehlende Wäschekorb auf. "Verdammt, er wurde entführt.", fluchte Semir und schlug sich an den Kopf. "Semir, wir haben da was gefunden.", meinte Hartmut und holte den Hauptkommissar zur Tür. "Was ist, Hartmut?" "Wir haben Spuren eines Werkzeugs an der Tür gefunden. Definitiv wurde sie aufgebrochen.", meinte Hartmut und zeigte mit seinen weiß behandschuhten Fingern auf das Türschloss. "Danke, Hartmut.", erwiderte Semir und griff nach seinem Handy. Er wollte Andrea anrufen und sagen, dass es später werden würde. Doch sie meldete sich nicht. Unbehagen stieg in ihm auf und ein Gefühl, dass er am Liebsten wieder verworfen hätte. Mit immer schneller werdenden Schritten lief er zu seinem Wagen. Mit eingeschaltetem Blaulicht fuhr er zu seinem Haus zurück.


    Andrea wurde durch einen dunklen Kellergang geführt. Die Angst stand ihr ins Gesicht gemalt. Man stieß sie in einen Raum, in denen nur eine einzelne Lampe hing, unter der Lampe stand ein Wäschekorb, der hin- und herzappelte. Vom schummrigen Licht wurden einzelne Instrumentenkoffer angestrahlt. Ein älterer Mann kam durch eine Seitentür in den Keller, sagte nichts und sah sie nur mit einem wertenden Gesicht an. Schöffler ging zum Wäschekorb und schob den Riegel beiseite. Sofort sprang Tom, wütend und puterrot vor Zorn, aus dem Wäschekorb. "Okay ihr Dreckskerle, ihr habt einen großen Fehler gemacht, wenn ihr glaubt einen Polizisten entführen zu können.", fauchte er und kassierte dabei nur desinteressierte Blicke des Spediteurs. "Sind sie fertig?", fragte er und schlug ihn dann in den Magen. Keuchend brach Ben zusammen und fiel samt Korb nach vorne über. Sofort war Andrea bei ihm und half dem Kommissar wieder auf die Beine so gut es mit gefesselten Händen ging. "Was wollen sie von uns?", fragte sie dann. "Nur sichergehen, dass ihr Mann alles richtig macht. Er hat etwas, was ich unbedingt liefern soll und sie beide dienen mir als Versicherung sozusagen.", erwiderte Schöffler und blieb dabei höflich, was bei Andrea nur noch mehr Angst hervorrief.


    "Sie sind bis auf weiteres meine Gäste. Es ist zwar nicht so komfortabel wie in ihren Behausungen, aber es ist ja auch nicht für lange.", meinte Schöffler dann lächelnd. "Ach ja, bis sie uns umbringen, meinen sie wohl?", entgegnete Ben und sah ihn herausfordernd an. "Sind sie eigentlich immer so vorlaut?" "Ja, eigentlich immer.", erwiderte Ben und kassierte die nächsten Schläge. "Hören sie auf.", schrie Andrea und wollte auf Schöffler losgehen, wurde jedoch von Ronald Simon abgefangen und festgehalten. Sie musste zusehen wie Ben von Schöffler und zwei weiteren Gorillas bearbeitet wurde.


    Semir bremste derart, dass die Reifen qualmten. Sofort sprang er raus, riss die Tür seines Hauses auf und suchte im ganzen Haus rufend nach seiner Frau. "Andrea?", schrie er und ging von Raum zu Raum. Dann bemerkte er das offene Kellerfenster. Ihm schwanten üble Gedanken im Kopf rum, die sich mit jeder Sekunde mehr bewahrheiteten. "Andrea?", rief er und bemerkte dann Schreie, die aus dem Kinderzimmer kamen. Sofort wandte er sich dahin und fand seine kleine Aida vor, die sich schreiend im Bett wandte. "Na komm, der Papa ist ja da.", sagte er und nahm seine Tochter hoch. Sofort beruhigte sie der vertraute Geruch des väterlichen Rasierwassers und wenige Augenblicke später war sie ruhig. Doch Semir war es nicht. Starr vor Angst hatte er jeden Raum im Haus durchsucht, doch nirgends war Andrea zu finden. Geschafft, erledigt und völlig mit den Nerven am Ende ließ er sich aufs Sofa fallen, seine Tochter noch immer an der Schulter haltend. Da klingelte das Telefon.


    ...

  • Zögernd hob Semir den Hörer an sein Ohr. "Andrea?", fragte er, doch es lachte nur am anderen Ende. "Nein, nicht ganz. Aber es ist schön, ihre Stimme wieder zu hören.", meinte Schöffler lachend. "Schöffler? Was wollen sie?", fauchte Semir und war im Begriff wieder aufzulegen. "Spielen sie nicht die Unschuld. Sie wissen genau, was ich will. Ich schlage ihnen ein kleines Tauschgeschäft vor. Meinen Laster mitsamt der Ware gegen ihre Frau und ihren Kollegen.", hohntriefend hörte Semir die Stimme des Spediteurs und konnte es nicht fassen. "Sie haben meine Frau entführt? Schöffler, ich schwöre ihnen, dieses Mal bringe ich sie um, sollte meiner Frau und meinem Kollegen irgendwas zustoßen.", schrie er in den Apperat. "Oh, solche Drohungen wirken sehr schlecht, Herr Gerkhan." "Sie sind verrückt, wenn sie glauben, ich lasse mich von ihnen erpresen.", Semir versuchte den Starken zu spielen, doch innerlich hätte er am Liebsten Ja zu allem gesagt.


    "SIe wollen doch wohl nicht, dass ihr Kollege oder gar ihre Frau unter ihrer Störrigkeit leiden muss?", fragte Schöffler und ging langsam auf Andrea zu. Ruckartig packte er ihre Haare und zog ihren Kopf derart in den Nacken, dass sie einen kurzen, schmerzverzerrten Schrei ausstieß, der laut durch den Keller hallte. "Hören sie auf.", schrie Semir und konnte nicht anders. "Also gut, sie kriegen, was sie wollen.", ergab er sich. "Sehr vernünftig. Sie haben zwei Tage Zeit um die nötigen Maßnahmen zu treffen. Zeit und Ort der Übergabe erfahren sie schon noch. Ach, und sollten sie mit irgendjemandem über dieses Gespräch oder über unsere Vereinbarung reden, können sie einen von beiden demnächst aus dem Rhein fischen.", drohte Schöffler leise und legte auf. Semir saß da und hatte immer noch den Hörer in der Hand. Er konnte nicht glauben, dass Andrea als Pfand gegen ihn verwendet wurde.


    "Na, das scheint ja zu klappen.", meinte Ronald grinsend. "Dieser Gerkhan scheint ja ganz schön den Schwanz vor ihnen eingekniffen zu haben, Chef." Doch Schöffler schüttelte nur den Kopf. "Nein, der ist nicht so hilflos wie er tut. Glaub mir, ich kenne ihn. Er wird alles versuchen, um uns hinter Schloss und Riegel zu bringen. Aber ich bin auch nicht von ohne. Und in drei Tagen ist von denen hier nichts mehr übrig.", meinte er und lachte teuflisch, als er den Raum verließ und die schwere Tür hinter sich zuzog.


    Andrea und Ben sahen sich ängstlich an. "Was werden die mit uns machen, Ben?" Doch Ben wollte irgendwie diese Frage nicht beantworten. Er wollte Andrea die schmerzende Wahrheit nicht sagen. "Ich weiß es nicht, aber eins steht fest, Semir wird uns irgendwie hier finden.", sprach er ihr Trost zu. Dann drehte er sich um und streckte seine Hände ihr entgegen. "Könntest du mal so lieb sein. Ist ganz schön unbequem.", meinte Ben und versuchte dabei etwas die Stimmung aufzulockern. Andrea tat ihr Bestes und suchte nach einem scharfen, spitzen Gegenstand mit dem sie Ben helfen konnte. Dann fand sie in dem Theatergerümpel eine kleine Feile, mit der sie die Kabelbinder so gut es ging durchfeilte. "Gut, jetzt gib mal her. Ich will versuchen, ob wir damit die Tür aufkriegen.", meinte Ben, als er die schmerzenden Dinger los war. Er nahm Andrea die kleine Feile aus der Hand, ging zur Tür und fummelte damit im Schloss herum.


    Semir saß noch immer auf dem Sofa und war sprachlos. Dann aber weckte sich sein Kampfgeist und er war zu allem entschlossen. Er schnappte sich einige Sachen seiner Tochter, Aida selbst und fuhr mit ihr zu seinen Schwiegereltern, lieferte die Kleine mit der kurzen Bitte "Kümmert ihr euch einige Tage um die Kleine" bei ihnen ab und fuhr dann ins Büro zurück. Er wollte alles über Schöffler herausfinden. Irgendwo musste ein Anhaltspunkt zu finden sein.


    ...

  • Semir saß als einziger in seinem Büro. Die kleine Tischlampe spendete ihm ein wenig Licht. Nach einigen Stunden des Wälzens taten ihm seine Augen weh. Er holte sich einen Kaffee aus der Küche und traf dort auf die Chefin. "Ah Semir, was ist mit Ben passiert?", fragte sie und goss sich eine Tasse ein. Semir sah sie besorgt und entsetzt an. Er musste ihr sagen, was passiert war. Alleine, das wusste er, hatte er nicht den Hauch einer Chance. "Chefin, Ben und Andrea sind von Schöffler entführt worden.", fing er an und sah sie mit seinen großen, braunen Augen an. Ihr fiel fast der Becher aus der Hand. "Was? Aber warum?", fragte sie und war entsetzt. "Er will die Drogen wiederhaben, die wir im LKW sichergestellt haben. Ansonsten tötet er beide.", erwiderte Semir und war der Verzweiflung nahe. "Semir, sie können mit unserer vollen Unterstützung rechnen." "Chefin, ich darf diese Hilfe nicht annehmen. Schöffler hat mir gedroht, sollte ich mit irgendeinem reden, bringt er Ben oder Andrea um.", blockte Semir die Hilfe ab. Doch irgendwie schien Anna zu spüren, was die nächsten Schritte des Kommissars waren. "Semir, ich bitte sie, machen sie nichts, was außerhalb ihrer Kompetenz und des Gesetzes ist." Doch diese Worte konnte er im Moment nicht brauchen. Wie ein Vulkan brach er aus. "Es geht um meine Familie, verdammter Mist nochmal.", fauchte er, knallte seine Tasse auf den Tresen und verließ die Küche.


    Im Büro atmete er tief durch, sah zum Fenster raus. Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel und bedeckten Autos, Parkplatz und Mülleimer. Tief überlegend fiel sein Blick auf die Personalakte von Schöffler. Besonders fiel ihm eine Detail ins Auge. Schöffler war verheiratet, seine Frau reichte vor zehn Jahren die Scheidung ein, und beide hatten einen Sohn. In Semirs Kopf arbeitete es. Sollte er versuchen, mit diesem Sohn Kontakt aufzunehmen, um so den Vater zu beeinflussen. Notfalls würde er ihn dazu zwingen. Semir schrieb sich die Adresse auf. Er wollte morgen als allererstes dort hinfahren und mit ihm reden.


    Derweil war Ben immer noch mit der Feile dabei, das Türschloss zu bearbeiten, doch es gab nicht nach. Eher tat es die Feile. Mit einem kurzen Aufschrei fiel der Kommissar aus der Hocke nach hinten und hielt den Stiel des kleinen Gerätes in der Hand. "Verdammt. Wäre ja auch zu schön gewesen.", meinte er. Andrea war inzwischen etwas eingeschlafen. Ben sah sie kurz an und merkte, dass sie fror. Ohne lange zu zögern, zog er seine Jacke aus und legte sie Andrea über den zitternden Oberkörper. Danach griff er sich eine der alten, modrig riechenden Decken, faltete sie auf und legte sich auch ein wenig hin. Es sollte eine kurze, unruhige Nacht werden.


    Im Nebenzimmer saßen Hannes Schöffler und Ronald Simon, tranken ein Bierchen. "Was passiert eigentlich mit denen, wenn wir die Ware haben?", fragte Ronald Simon. "Nun, ich bin Gentleman. Wir tauschen die Frau natürlich aus. Der andere wird mit Halmer zusammen hier bleiben. In zwei Tagen wird das hier sowieso gesprengt und unser Problem hätte sich damit von alleine gelöst.", erwiderte Schöffler und trank genüßlich sein Bier. "Werden denn nicht nur die oberen Stockwerke gesprengt?" "Das schon, aber so oder so sind die erledigt. Es werden über 50 Tonnen Beton und Schutt auf diesem Keller landen. Die Luft wird denen dann so dünn vorkommen, wie dieses Bier hier.", erwiderte Hannes Schöffler und lachte triumphierend.


    Der nächste Morgen begann mit Schneegestöber und dicken weißen Flocken. Semir fuhr schon früh in die Stadt zur angegebenen Adresse und beobachtete das alte, fein restaurierte Mietshaus, in dem überwiegend Studenten wohnten. "Semir, was machst du bloß hier?", fragte er sich und hatte Gewissensbisse. Dann sah er das Foto von Andrea in seinem Portemonnaie. Er musste sie aus den Klauen dieses Irren befreien. Und wenn er dafür die gleichen Mittel wie sein Gegner anwenden musste, dann soll es so sein. Plötzlich ging die grün gestrichene Haustür auf und ein junger, schmächtig aussehender Mann mit braunen Haaren und sichtbaren Bartstoppeln, tief in Winterkleidung gehüllt, das Haus verließ. "Das muss er sein.", dachte sich Semir und sah sich das Foto der Akte an. Er zog seinen Schal fest, öffnete die Wagentür und ging in Richtung des jungen Mannes zu. Würde Semir es wirklich wagen?


    ...

  • Semir ging mit schnellen Schritten hinter den jungen Mann her, der in Eile zu sein schien. "Hallo, entschuldigen sie bitte.", rief Semir hinter ihm her. Der junge Mann drehte sich um und jetzt sah Semir erst, dass dieser etwas Schweres auf dem Rücken trug. Erstaunt sah Semir an dem Kontrabasskasten auf. "Ja bitte?", fragte er und sah den kleinen Kerl abwartend an. In Semir arbeitete es. Ihn kam es vor, als sähe er in das Gesicht von Schöffler in seinen besten Jahren. Doch der hier hatte ein viel wärmeres Gesicht, lächelte freundlich und nicht teuflisch. Semir sah in ihm das genaue Gegenteil von Schöffler Senior. Dennoch musste er unweigerlich an Andrea und Ben in diesem Augenblick denken. "Mein Name ist Gerkhan, Kripo Autobahn. Könnt ich sie einen Moment sprechen?", fragte Semir und rang innerlich mit sich selbst. "Das ist ganz schlecht im Moment. Ich komm sowieso schon zu spät zur Probe.", erwiderte Schöffler junior, schob den Ärmel seines grauen Mantels und sah auf seine Uhr. "Müssen sie weit. Ich kann sie im Wagen mitnehmen, dann können wir uns wenigstens im Warmen unterhalten.", meinte Semir und zeigte auf seinen schon recht zugeschneiten Wagen. Der Student sah in Richtung Straßenbahnhaltestelle, die mit Menschen nur so überfüllt war. Da kam ihm das Angebot eines geheizten und bequemen Wagens gerade recht.


    "Warum nicht. Gerne.", erwiderte Schöffler junior und ging mit Semir mit. Der Kommissar half ihm dabei den weißen schweren Koffer mit dem Instrument auf die Rückbank zu wuchten. Dann stiegen beide ein und Semir brauste mit seinem Gast los. Er sah den jungen Studenten immer wieder an und überlegte, wie er weiter vorging. "Also, sie wollten mich sprechen. Darf ich wissen, warum?", fing der junge Mann an. Semir wusste nicht, wie er anfangen sollte. "Es geht um ihren Vater.", fing Semir an. "Er hat meine Frau und meinen Kollegen entführt und erpresst mich damit.", erzählte er weiter. Alexander, so der Name des Schöffler-Sprösslings, dachte er hört nicht richtig. Zwar wusste er, was für Geschäfte sein alter Herr auf dem Kerbholz hatte, aber das er zu so etwas fähig war, wollte er nicht glauben. "Und wie kann ich ihnen helfen?", fragte Alexander etwas bedrückt. "Wissen sie vielleicht, wo sich ihr Vater aufhält? Bitte, ich muss es wissen.", flehte Semir und sah den jungen Mann abwartend an. Alexander überlegte und zog sich, wie eine Schlidkröte dabei, in den Kragen seines Mantels zurück. Semir wartete ungeduldig auf die Antwort und darauf, dass es grün wurde.


    In der Zwischenzeit waren Andrea und Ben vom knarrenden Öffnen der schwere Eisentür aufgeschreckt. "So, das Frühstück.", meinte Ronald Simon und kam mit einem großen Tablett zur Tür rein. Hinter ihm Schöffler. "Guten Morgen, meine lieben Gäste.", begrüßte er die beiden grinsend. "Sparen sie sich ihr falsches Getue, Schöffler. Sie werden so oder so im Knast landen.", fauchte Ben und wollte die Situation der offenen Tür nutzen. Sobald die beiden nahe genug vor ihm standen, wollte er Ronald das Tablett mit dem scheinbar heißen Kaffee über den Körper schlagen und dann Schöffler einen Tritt verpassen. Er sah entschlossen zu Andrea, die fast dicht neben ihr saß. Sie verstand, was er vor hatte. Blind suchend tastete sie nach einem Gegenstand zum Schlagen. Dann war Ronald wirklich dicht genug vor ihm. Ben tat so, als wäre er noch gefesselt, um seinen Gegner in Sicherheit zu wiegen. Dann trat er zu. Schreiend ging Ronald Simon zu Boden, als er auch noch von Andrea etwas mit einer Geige verpasst bekam. Schöffler stand da, wollte zu seiner Waffe greifen, wurde aber von Ben dadurch daran gehindert, indem er ihm einen gekonnten linken Haken gab. "Schnell, bevor die wieder zu sich kommen.", rief Ben, packte sie am Arm und rannte aus der Tür raus.


    Alexander saß immer noch neben Semir und überlegte. Dann wandte er sich an den verzweifelten Kommissar. "Wenn ich ihnen helfe, werden sie ihn für lange Zeit wegsperren?", fragte er und hatte dabei einen hasstiefen Blick in seinen grünen Augen. Semir nickte nur. Insgeheim hatte er nicht mit dieser Antwort gerechnet.


    ...

  • Ben und Andrea rannten durch den langen, verwinkelten Keller, doch sie schienen sich immer im Kreis zu bewegen. "Verdammt Ben, hier waren wir doch schon mal.", meinte Andrea außer Atem und lehnte sich gegen die graue Betonwand. "Ja, scheint so. Aber wir dürfen jetzt nicht schlapp machen. Die sind bestimmt schon längst hinter uns her.", erwiderte Ben, der trotzt Kondition doch etwas schwerer atmete und sich nach vorne auf seine Knie stützte. Plötzlich spürte er einen metallischen Gegenstand, der sich in sein Rückrad bohrte. "So, genug Frischluft geschnuppert.", meinte eine dumpfe Stimme. Sofort schreckte Andrea hoch und erblickte Schöffler, der mit blutiger Nase hinter Ben stand. Just in diesem Moment wurde auch sie am Arm gepackt, Ronald Simon sah sie zornig an. "Das hättest du besser nicht getan, Puppe.", fauchte er und ließ mit einem metallischen Klicken sein Messer ausfahren. Andrea wollte vor dem immer näher kommenden Messer zurückschrecken, doch der feste Griff von Simon verhinderte dies. "Lass sie in Ruhe, du Schwein.", rief Ben aus und wollte Andrea schützen, bekam jedoch einen kräftigen Hieb von Schöffler in die Magengrube, sodass er keuchend zu Boden ging. "Ronald, steck das Messer weg. Sie ist schließlich wertvoll für uns.", befahl Schöffler und sein Kompagnon gehorchte ihm. Dann zog er Ben hoch. "Du kannst deine Wut an dem hier auslassen.", meinte er und stieß den Kommissar in seine Richtung.


    Derweil saß Alexander immer noch neben Semir und grübelte über seinen alten Herren nach. Semir war außer sich vor Sorge. "Hören sie, haben sie eine Ahnung, wo ihr Vater sein könnte?", fragte Semir ungeduldig. "Mein Vater bis vor zehn Jahren ein Theater besessen. Er musste es aus Insolvenzgründen verkaufen. Danach hat er sich im Speditionsgeschäft etabliert.", erzählte Alexander und sah den Kommissar an. "Und was ist jetzt damit? Wird es noch benutzt?", fragte Semir und war ungeduldig. "Es soll die nächsten Tage gesprengt werden.", erwiderte Alexander. Entsetzt sah Semir ihn an und griff dann zu seinem Handy. "Chefin? Ja, ich bins. Ich brauch sofort eine SEK-Einheit zum alten Stadttheater. Schöffler hält sich da mit großer Wahrscheinlichkeit versteckt.", bat Semir. Dankend sah Semir den Studenten an, ließ ihn bei der Uni raus und reichte ihm dankend die Hand. Noch während der Fahrt kamen ihm Rachegefühle hoch und schienen ihn völlig einzunebeln.


    Schöffler und Simon hatten derweil ihre Gäste wieder in die Rumpelkammer zurückgebracht und schlossen nun gut die Tür hinter sich, selbst wenn sie mit im Raum waren. Simon krallte sich Ben, der nun wieder gefesselt war und malträtierte ihn mit Schlägen. Ben konnte dem Trommelfeuer der Fäuste nichts entgegenzusetzen. Andrea musste der Prozedur zusehen. Sie drehte sich immer wieder weg, doch Schöffler drehte ihren Kopf immer wieder in Bens Richtung. "Sieh zu, das ist nur ein Vorgeschmack von dem, was euch das nächste Mal erwartet, wenn ihr wieder verrückt spielt.", fauchte Schöffler und hielt Andreas Kopf fest. Plötzlich klingelte sein Handy und er ließ ab. "Ja, was gibts denn?", fauchte er in den Hörer. "Er hat was?", schrie er.


    ...



    Feeds please ;)

  • Schöffler kochte vor Wut. Semir war irgendwie an sein Versteck gekommen und jagte ihn nun. "Ronald lass, wir verschwinden hier.", rief er seinem Vertrauten zu, der immer noch auf Ben einschlug. Sofort ließ er ab und wandte sich seinem Chef zu. "Wir wurden verraten. Los, hol den Wagen. Ich werde das hier noch erledigen.", meinte Schöffler und warf ihm die Wagenschlüssel zu. Dann zog er seine Waffe aus dem Hosenbund, lud durch und legte auf Ben an. Andrea sah mit schreckverzerrtem Gesicht auf den Lauf. Auch Ben sah mit schweißgebadetem Gesicht und schloss die Augen. "Es hat mich gefreut, Herr Jäger.", meinte Schöffler und drückte ab.


    Semir fuhr so schnell er konnte durch die schneeverwehten Straßen Kölns. Er musste verdammt auf die anderen Verkehrsteilnehmer aufpassen, da doch einige noch mit Sommerreifen ausgestattet waren und dadurch auf die Kreuzungen rutschten. "Mensch, macht euch weg.", schrie Semir während er die Hupe durchdrückte. Mit quietschenden Bremsen, wich er den Fahrzeugen aus und gab wieder Gas. Er musste einfach dieses Schwein kriegen. Wut stieg in ihm auf und sein Blick fiel kurz auf das Bild an seinem Armaturenbrett. Andrea und er mit Aida bei einem Ausflug. Wie gern würde sie mit ihm in den Winterurlaub waren, so richtig in eine abgelegene Berghütte. "Andrea, ich verspreche dir, wir werden über Weihnachten wegfahren, wenn das hier vorbei ist.", sagte er zu der Fotografie und streichelte einmal kurz drüber.


    Vor Schmerzen windend brach Ben zusammen und krümmte sich. Andrea stand der Mund offen, so erschrocken war sie. Schöffler hatte auf den Bauchbereich gezielt, jedoch so, dass kein lebenswichtiges Organ beschädigt zu sein schien. Er wollte diesen Bullen jämmerlich verbluten lassen. "Wenn Gerkhan sie findet, wird es zu spät sein, mein Lieber.", meinte er triumphierend zu Ben, griff Andrea am Arm und zog sie aus dem Raum hinaus. Die Tür wurde zugeschlossen und Ben seinem Schicksal überlassen. Immer noch wandte er sich vor Schmerzen, er fühlte wie sein Blut den Pullover benetzte und langsam an seinem Bauch herunterlief. Schöffler und Simon stiegen mit Andrea in ihr Auto und fuhren durch die zweite Einfahrt vom Gelände.


    Semir schoß durch die erste Einfahrt auf das Theatergrundstück und wurde gleich durchgeschüttelt, denn der Boden war schon aufgerissen. Holpernd brachte er mit scharfem Bremsen den Wagen neben dem Eingang zum Stehen. Nur einige Minuten später traf das SEK ein und sofort verteilte Semir die Beamten und drang mit ihnen ins Gebäude ein. Würden sie Ben rechtzeitig finden?


    ...

  • Semir rannte in das Gebäude, seine Nerven wie auch der Hahn seiner Waffe waren gespannt, dicht gefolgt von drei Beamten der Spezialeinheit. Er stand in einem ausgeräumten Foyer, in den Pfeilern fielen ihm die winzig kleinen Bohrungen ins Auge. Das gesamte Gebäude war bereit zur Sprengung. "Okay, wir teilen uns auf. Ihr zwei nehmt die vorderen Bühnenräume und wir sehen im Keller nach.", teilte Semir die Männer auf. Und schon ging die Suche los, doch Semir musste sich schnell eingestehen, dass es sehr, sehr lange dauern konnte, bis sie Andrea und Ben gefunden hatten. Anscheinend war der Keller als Labyrinth gestaltet worden, was nicht besonders hilfreich bei der Suche war. Dann fiel ihm ein kleiner, fast winziger roter Fleck auf dem Boden auf. "Was ist das?", fragte sich Semir und ging in die Hocke. "Das ist getrocknetes Blut. Wir müssen richtig sein.", meinte Semir und rannte mit dem SEK-Beamten weiter.


    Ben versuchte sich, trotzt gefesselter Hände und der immer noch stark blutenden Schusswunde, irgendwo anzulehnen. Doch die Schmerzen schienen ihn zu übermannen. "Mach jetzt bloß nicht schlapp, Ben Jäger.", maßregelte er sich und biss sich instinktiv auf die Lippen um nicht wegzukippen. Dann wäre er vielleicht nicht mehr aufgewacht. So rappelte er sich auf und rutschte auf seinem Hintern zu seinem Wäschekorb und lehnte sich gegen. Diese für einen gesunden, ausgewachsenen Kerl kaum nennenswerte Prozedur, hatte ihn doch eine Menge an Kraft gekostet. Er spürte, wie die Wunde wieder stark zu bluten anfing. Ben sah an sich hinunter. "Den Pullover kann ich wohl wegschmeißen.", meinte er laut und ließ seinen Kopf nach hinten fallen. "Hoffentlich nur den Pullover.", dachte er dann und ließ, ganz unwissentlich sein Leben an sich Revue passieren. Er sah wie er sich mit seinem Vater überwarf. Wie er vor ihm wie ein gift- und gallespuckender Zwerg auf- und abhüpfte. Dann ihr erster Fall. "Man, das war was.", dachte er bei sich. Plötzlich stutzte er. Hatte er da ein Geräusch gehört. "Semir? Semir ich bin hier.", rief er mit allerletzter Kraft aus.


    Schöffler und Simon waren inzwischen mit Andrea weit vom Theater entfernt. "So so, der Kleine will sich also mit mir anlegen? Das kann er haben.", fauchte Schöffler und schlug aufs Armaturenbrett. "Wie willst du das machen?", fragte Ronald. "Wir werden ihm klar machen, dass er nur eine Wahl hat. Die Drogen oder seine Frau.", erwiderte Schöffler und blickte sich zu Andrea um, die ängstlich in der hintersten Ecke der Rückbank zu sitzen schien. Sie zitterte am Ganzen Körper. "Oh Semir, du dummer Kerl. Gib ihnen doch, was sie wollen.", dachte sie fluchend und schloss ihre Augen. "Wo fahren wir jetzt hin?", fragte Simon. "Erstmal raus aus der Stadt und dann in die Waldhütte.", erwiderte Schöffler und griff zu seinem Handy.


    Derweil war Schöffler Junior noch immer am Grübeln über das Versprechen, dass er dem Polizisten gegeben hatte. Zwar hasste er seinen Vater aus tiefster Seele, doch er wollte das nicht der Polizei überlassen. Während der Probenpause schnappte er sich seinen Kontrabass und verschwand nach Hause, holte unter seinem Bett einen alten Zigarettenkasten hervor und sah sich die Fotos daraus an. Es gab neben dem Theater nur noch einen weiteren Ort, wo sich sein Vater verstecken konnte. Überlegend blieb er auf dem Bett sitzen, ging dann aber zur Landkarte, die über seinem Arbeitsplatz hing.


    ...

  • okay, okay, ich seh schon. Für heute etwas mehr. (als Ausnahme) ;) :D



    Abrupt blieb Semir stehen und lauschte. Ihm war, als hätte er Bens Stimme gehört. "Ben?", erwiderte er rufend. Seine eigene Stimme hallte durch die engen Gänge wieder. Dann lauschte er und vernahm wirklich ein Rufen, es war sehr schwach und gedrückt, aber er kannte die Stimme ganz genau. "Ich bin hier.", drang Bens Stimme an sein Ohr. "Hier lang.", befahl er dem SEK-Beamten. Schnell rannten die beiden den Gang hinunter und standen vor einer großen, rostigen Eisentür. Vorsichtig umfasste Semir die Klinke und drückte sie langsam runter. Er hatte keine Ahnung, ob sie mit einer Sprengfalle oder einer anderen Teufelei gesichert war. Er wollte nur seinem Kollegen helfen. Semir musste sich gegen das rostige Ding werfen, damit sie sich bewegte. Ruckartig stand der Kommissar im Raum und sah Ben am Korb lehnend. Der Boden war blutig, ebenso wie Bens Pullover und die Jeans inzwischen auch. Der SEK-Beamte reagierte sofort und rief über Funk einen Arzt zu seiner Position. "Ben, endlich.", meinte Semir und kniete sich neben seinen Kollegen. Ben, der nur noch durch kleine Schlitze und blinzelnd seine Umgebung wahrnahm, hob den Kopf. "Semir? Du hast mich gefunden.", gab er kleinlaut von sich. "Das Schwein hat eiskalt auf mich geschossen.", gab Ben von sich und verzog das Gesicht vor Schmerzen. "Ganz ruhig, bleib ganz ruhig. Der Arzt kommt gleich.", meinte Semir und sah sich die Schusswunde an. Sie blutete zwar nicht mehr, aber der Pullover zeigte Semir, dass Ben ziemlich viel Blut verloren hatte. "Wo ist Andrea? Ben, was haben die mit meiner Frau gemacht?", fragte Semir und sah seinen Kollegen eindringlich an.


    Andrea wurde inzwischen auf ein Bettgestell geworfen und sollte sich von dort nicht wegrühren. Als Schöffler und Simon die Hütte hinter sich abgeschlossen hatten, sah sich Andrea um. Die Hütte schien lange nicht benutzt worden zu sein. Es roch modrig und nach verfaultem Holz. Auch der Staub tanzte hier einen scheinbaren Dauerwalzer. Andrea zog die Beine an, als sie eine kleine Maus über den Boden flitzen sah. Draußen standen Ronald und Hannes, teilten sich zum Schutz vor der Kälte eine Zigarette miteinander, und diskutierten, was nun weiter passieren sollte. "Was machen wir jetzt? Beim Bullen ist doch dauernd besetzt.", wollte Simon wissen und zog hastig an der wärmenden Zigarette. "Wir warten. Ich werde es gleich nochmal versuchen.", meinte Schöffler und nahm seinen Freund die Zigarette aus der Hand. "Keine Angst, wir kriegen schon, was wir wollen. Immerhin haben wir seine Frau und die wird Gerkhan nicht so leichtsinnig aufs Spiel setzen.", spekulierte Schöffler, warf den Stummel in den Schnee. Zischend erlosch die letzte Glut des Stengels. Dann griff er zu seinem Handy und wählte die Nummer von Semir erneut.


    "Gerkhan?", meldete sich Semir, als Ben auf einer Trage sicher in einen RTW verfrachtet wurde. "Herr Gerkhan, ich dachte, ich hätte mich klar genug ausgedrückt - Keine Tricks.", meinte Schöffler am anderen Ende. "Ihretwegen musste ihr Kollege Schmerzen erleiden.", fügte er hinzu, bevor Semir etwas entgegnen konnte. "Schöffler, du dreckiger Bastard, ich mach dich sowas von fertig, wenn ich dich in die Finger kriege." "Das höre ich aber gar nicht gerne. Soll ich mich mal mit ihrer Frau unterhalten?", drohte der Spediteur zwar mit höflichem Ton, aber doch energisch. "Nein bitte, ich tue was sie wollen.", bat Semir und wollte das Schlimmste von seiner Frau abwenden. "Gut so, passen sie auf. Sie werden alles in die Wege leiten und uns unseren Laster mit meiner Ware bringen. Ort und Zeit erfahren sie noch.", dann legte Schöffler auf. Semir stand hilflos mit seinem Handy am Ohr da und rührte sich nicht. Dann kam einer der Beamten zu ihm. "Semir, wir haben in einem Nebenraum eine männliche Leiche gefunden.", meinte er.


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  • Semir sah den Polizisten verwundert an und ging mit ihm mit. Und wirklich, in der kleinen Kammer neben dem Raum, wo Ben gefunden wurde, lag eine junger Mann mit einer ziemlich hässlichen Schusswunde in der Schläfe. "Wissen wir schon, wer es ist?", fragte Semir und sah den vermummten Polizisten fragend an, doch der konnte nur den Kopf schütteln. "Na, dann ab in die Gerichtsmedizin mit dem Kerl.", meinte Semir und verließ den Raum. Er hatte jetzt erstmal mit der Chefin zu reden, damit er den LKW bekam, um Andrea auszulösen. Semir stieg in seinen BMW und brauste richtung Revier.


    Stürmend betrat er das Büro und sah schon, wer bei Anna im Büro stand. Staatsanwältin Schrankmann hatte von der Entführung erfahren und war, wie könnte es auch anders sein, nicht gerade wieder erfreut darüber, dass ein Polizeibeamter erpresst wurde. Als Semir das Büro betrat, fiel sie gleich über ihn her wie ein Rudel Löwen über eine zu Tode gehetzte Antilope. "Herr Gerkhan, stimmt das etwa, dass ihr Kollege und ihre Frau entführt wurden, um die Drogen freizupressen?", fauchte sie und sprang fast vor Wut auf und ab. "Leider Ja.", erwiderte Semir etwas kleinlaut. "Ja und?", fragte sie dann fast schreiend. Semir schien gleich die Beherrschung zu verlieren, doch bevor die geschah, griff Anna ein. "Frau Schrankmann, wir brauchen ihre Hilfe. Die Entführer verlangen den von uns sichergestellten LKW.", meinte Anna. "Sie wollen doch wohl nicht allen ernstes die Drogen denen in den Rachen werfen?", fragte sie wütend und drehte sich zur Chefin um. "Das ist unsere Absicht.", erwiderte Anna. Schrankmann lachte bloß verholen. "Ich glaub wohl, ich hör nicht richtig." "Frau Schrankmann, ich bitte sie, es geht um meine Frau. Sie werden sie töten, wenn ich ihnen nicht gebe, was sie verlangen.", bat Semir und sah sie flehend an. Doch dieser Blick schien keine menschliche Regung bei dieser Frau hervorzurufen.


    "Herr Gerkhan, ihnen muss ich ja meine Position in solchen Angelegenheiten nicht klar machen. Der Staat und besonders seine Polizeibeamten dürfen sich nicht erpressen lassen. Sollte publik werden, dass es einige schaffen, indem sie kurzerhand die Lebenspartner unserer Beamten entführen, sind wir dauerhaft erpressbar. Das kann ich und das werde ich nicht zulassen." "Das Leben meiner Frau ist ihnen also egal?", entfuhr es Semir dann schreiend und mit voller Wut, dass sogar die Staatsanwältin etwas zurückwich. "Es tut mir Leid, um ihre Frau, aber es bleibt bei der Entscheidung.", meinte sie dann und wandte sich zur Tür. Sie blieb kurz im Rahmen stehen, drehte sich dann zu Semir und Anna um. "Und sollte mir irgendwie zu Ohren kommen, dass sie sich über diese Anordnung hinweggesetzt haben, sorge ich persönlich für ihre Versetzung nach Ostfriesland.", fauchte sie und schlug die Tür kräftig zu.


    "Semir, es tut mir Leid.", meinte Anna dann nach einer Minute des Schweigens. Ihr Beamter nickte mit geknickten Ohren. "Ich wünschte, es hätte mich, anstatt Andrea getroffen. Schöffler ist unberechenbar und schreckt vor nichts zurück.", meinte Semir und war der Verzweiflung noch nie so nahe wie in diesem Augenblick. "Was ist mit Ben?", fragte Anna. "Der ist auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Doc meinte, er hätte zwar eine Menge Blut verloren, aber seine Blutgruppe ist nicht gerade selten und die Bauchverletzung schien keine Organe betroffen zu haben. Er wird durchkommen." "Semir, ich weiß, offiziell dürfte ich ihnen das nicht raten, aber es gibt nur einen Mann, der uns in dieser Situation mit seinen Beziehungen helfen kann. Sie wissen, wen ich meine.", spielte Anna an. "Chefin, er ist zwar mein Freund, aber ich bezweifle, dass er mir hier helfen kann.", erwiderte Semir und schien den Wink nicht ganz zu verstehen. "Immerhin hat er gute Kontakte. Und wenn die es fertig bringen, einen Mörder vor uns zu finden, dann schaffen sie es auch, uns den LKW zu entwenden und ihnen irgendwie zukommen lassen.", entgegnete Anna und hielt Semir den Telefonhörer hin. "Na gut, ich werd mit ihm sprechen.", meinte der Kommissar und wählte die Nummer.


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