Verzeifelte Bitte um Vergebung

  • Tom reagierte sofort. Er stürzte sich auf den Mann und zog ihn vom Lenkrad zu sich herüber. Aus den Augenwinkeln sah er den Straßenrand näher kommen. Einige Autos wichen dem VW aus. Ein silberner Ford knallte gegen die Leitplanke. Ob Semir noch hinter ihm war wusste er nicht.
    "Was soll das? Wollen Sie uns umbringen?", schrie Tom und versetzte dem Mann einen Faustschlag ins Gesicht, der daraufhin benommen in seinen Armen hing. Hastig schob er sich an ihm vorbei und nahm das Lenkrad in beide Hände um den Wagen wieder gerade auf die Straße bringen.
    Doch Tom hatte den Mann nur für kurze Zeit außer Gefecht gesetzt. Schon kam er wieder zu sich und stürzte sich ebenfalls auf Tom. Es waren nur wenige kurze Bewegungen, doch Tom hatte etwas metallisches schimmern sehen. Sein Herz stockte als ihm klar wurde das er nicht mehr rechtzeitig zu seiner eigenen Pistole gelangen würde, um sich wehren zu können. Blitzschnell nahm er eine Hand vom Lenkrad und ließ sie nach vorne schnellen um das rechte Handgelenk des Mannes zu packen, der gerade eine Waffe aus der Jackentasche zog. Gleichzeitig versuchte er den Auto`s die reifenquitschend an ihm vorbeirasten auszuweichen. Gerade noch rechtzeitig erwischte er das Handgelenk des Mannes und drückte dessen Arm zur Seite. Mit seinem kleinen Finger löste dieser die Sicherung der Waffe und ein Schuss knallte durch den Wagen und dann durch die Heckscheibe. Angestrengt versuchte der Mann seinen Arm aus dem verkrampften Griff von Toms Fingern zu lösen. Tom musste auch die zweite Hand vom Lenkrad lassen um ihn davon abzuhalten. Doch davor drückte er noch seinen rechten Fuß auf die Bremse, die angesichts der eben noch hohen Geschwindigkeit laut kreischte. Der Wagen begann sich wild zu drehen. Tom schleuderte es gegen die Wagentür. Sein Kopf schlug hart gegen die Fensterscheibe und seine Hand löste sich von dem Mann der ebenfalls durch das Auto geworfen wurde. Mühsam drückte Tom sich nach vorne und packte den Mann an den Schultern. Dann versetzte er ihm einen weiteren Faustschlag ins Gesicht. Doch der Mann schien wild entschlossen sich zu verteidigen. Mit aller Kraft riss er sich los und schlug zurück.
    Der VW drehte sich immer noch unkontrolliert um sich selbst und schleuderte seine wild ineinander verkeilten Insassen zwischen den Vordersitzen umher. Scheinbar erst nach Stunden kam er mitten auf der Straße zum stehen. Ein anderes Auto knallte in ihre Seite. Tom der gerade versucht hatte sich von dem Würgegriff des Mannes zu befreien knallte gegen das Lenkrad. Wo der Mann war wusste er nicht. Eben war er noch über mir gewesen, überlegte Tom. Dann wurde es schwarz um ihn.


    Semir trat hart auf die Bremse um nicht ebenfalls in den VW zu krachen. Er war die ganze Zeit dicht hinter ihm geblieben und hatte beunruhigt beobachtet wie der Wagen scheinbar ungelenkt über die Fahrbahn und zwischen den hastig auseinanderfahrenden Autos dahin raste.
    Wenige Meter vor dem VW kam er zum stehen. Ein dunkelgrüner Audi war in dessen Fahrerseite gekracht. Eine wilde Angst um Tom pochte in seinem Herz. War ihm etwas passiert? Er hatte einen Schuss gehört, wenige Sekunden bevor der Wagen außer Kontrolle gerade war. Mit fahrigen Fingern öffente er den Sitzgurt und riss die Tür auf. Nur um Haaresbreite verfehlte ihn ein weiteres Auto das ebenfalls in den VW knallte. "Neeeiiinn!", schrie Semir und rannte los. Noch ein Auto fuhr ungebremst an ihm vorbei und raste in das vorherige. Semir beschleunigte sein Tempo. Das er in diesem Moment selber in großer Lebensgefahr schwebte war ihm egal. Jeder Zeit konnte ein weiteres Auto in die Barriere rasen und ihn erwischen. Doch das alles schien jetzt unwichtig. Er musste Tom da raus holen. Aus den Augenwinkeln sah er einen Mann zwischen den Autos hervor kriechen und wegrennen doch auch das war jetzt egal. Bei den vielen umgekippten und ineinander verkeilten Wagen stoppte er und begann über den grünen Audi, der ihm den Weg zu Tom versperrte, zu klettern.
    Schon konnte er Tom sehen. Er lag merkwürdig verdreht und bewusstlos auf den Vordersitzen des VW´s. An seinem Kopf hatte er eine blutige Wunde. Der Mann, der den VW ursprünglich gefahren hatte war nicht mehr zu sehen. "Tom!?" Semir machte einen großen Satz und wollte die Fahrertür öffnen, doch diese war so stark verbeult das sie sich keinen Zentimeter bewegen wollte. Er kletterte auf die andere Seite, die sich glücklicherweise öffenen ließ, als Semir kräftig daran zog. Dann kroch er in den Wagen und zog Tom vorsichtig nach oben. Das Blut aus der Wunde an seinem Kopf bahnte sich in einem kleinen Rinnsal seinen Weg über Tom`s Gesicht. Seine Augen hatte er immer noch fest geschlossen.

  • Verschwommen nahm Tom die Umrisse einer Gestalt über sich wahr. Durchdringende Worte die er nicht verstand durchbrachen sein Bewusstsein. Mühsam öffnete er die Augen. "Tom?!" Es war Semir der da über ihm kniete. Was war los? Warum lag er auf einer Straße, warum schaute Semir so besorgt aus und warum tat ihm jeder einzelne Knochen so weh. Er legte seinen Kopf auf die Seite und sah mehrere stark ineinander verkeilte Autos. Menschen liefen auf der Fahrbahn umher. Und dann fiel es ihm wieder ein. Der VW.... "Wo ist er?" Tom wollte aufspringen, doch Semir hielt ihn zurück. "Wo ist wer?", fragte er und schaute verwirrt auf seinen Freund. " Erst mal Hallo und schön das du wieder unter uns Lebenden weilst.", sagte Semir und grinste um seine Erleichterung darüber, das es Tom scheinbar einigermaßen gut ging, zu überspielen. " Na der Fahrer des VW." Tom rappelte sich auf. "Und danke für die nette Begrüßung, aber ich habe die Lebenden nie verlassen. Ich bin nur kurz weggenickt." Mit verzehrtem Gesicht rieb er sich den schmerzenden Kopf und strafte seiner Worte Lügen. Semir reichte ihm kommentarlos ein Taschentuch damit er sich das Blut aus dem Gesicht wischen konnte. Mit gerunzelter Stirn betrachtete er Tom wie dieser sich das Gesicht reinigte und dann mit forschendem Blick die Straße absuchte. "Da ist der VW." Vorsichtig stand Tom auf. "Oh man, die haben uns ganz schön erwischt!", stellte er resigniert fest während er auf die Autos zuging. "Hast du niemanden gesehen?", fragte er Semir der ihm langsam gefolgt war. "Doch, hab ich, aber das nützt jetzt auch nichts mehr, der ist längst verschwunden."
    "Hartmut muss sich den Wagen anschauen.", überlegte Tom. "Vielleicht findet er ja etwas, das uns weiterhilft." Einen Moment starrte er auf den dunklen Asphalt: "Wir hätten ihn kriegen müssen. Er hat diese Frau umgebracht und vielleicht auch Christian."
    "Hey! Du hast dein bestes gegeben und wir werden schon noch eine Spur finden.", versuchte Semir Tom zu trösten. "Ja sicher..."
    Plötzlich knallte es vor ihnen laut. Man hätte eigentlich meinen können das die Fahrbahn vollkommen versperrt sei und doch kam in diesem Moment ein dunkelblauer BMW durch die Barriere geprescht.
    "Was...", Semir blieb vor Überaschung der Mund offen stehen. Eine Autotür kam in hohem Bogen über die Fahrbahn geflogen, einige der Autos wurden mitgerissen und schlitterten über die Straße.
    Menschen rannten panisch beiseite. Auch Tom und Semir sprangen aus dem Weg als der Wagen in hohem Tempo an ihnen vorbei brauste. Sprachlos sahen sie wie der Wagen sich entfernte. "Was war das denn?", fragte Semir. "Naja, sah aus wie ein dunkelblauer BMW mit über 180kmh.", gab Tom zurück und war schon auf halben Weg zu seinem eigenen Wagen. "Was wird das denn jetzt?" Semir rannte Tom hinter her. "Ich will diesen Kerl schnappen!" "Du hattest gerade einen Unfall!" rief Semir und packte Tom an den Schultern. "Ja und mir gehts doch gut! Und jetzt komm!" Er riss sich los. Semir folgte ihm. "Na gut aber ich fahre." Schnell drückte er sich an Tom vorbei und stieg in das Auto:"Los komm du Held." Tom warf ihm einen strafenden Blick zu und setzte sich dann ebenfalls in den Wagen. "Los gehts!"
    In eben diesem Moment kam ein schwarzer Opel an ihnen vorbei geschossen. "Sag mal, spinnen die heute alle!" Semir trat aufs Gas und nahm die Verfolgung auf.

  • "Komm, komm, komm..." Tom trommelte ungeduldig auf die Klappe des Handschuhfachs. "Jetzt hör doch mal auf!", sagte Semir und warf ihm einen genervten Blick zu. "So kann ich nicht Auto fahren." "Wenn du nicht ein wenig schneller fährst dann brauchst du das auch nicht mehr, weil wir dann gefeuert werden." Tom grinste, doch als Semir ihm einen weiteren Blick zu warf, versuchte er sich zu beherrschen und ganz so auszusehen als ob er das völlig ernst meinte. "Gefeuert?!" "Ja, wegen der niedrigen Kriminelleneinbuchtungsrate." "Der was???", lachte Semir und trat das Gaspedal kräfig durch.
    Inzwischen hatte sich der Abstand zwischen ihnen und dem Golf um einiges verkürzt. Auch den BMW, der als erster an ihnen vorbei gerast war, konnten sie jetzt erkennen. "Was wird das hier? Wir jagen den Jäger und der den Gejagten?", fragte Tom der bemerkt hatte, das der Ford nicht einfach versuchte ihnen zu entkommen, sondern den BMW energisch anrempelte wie um ihn von der Fahrbahn zu stoßen. "Sieht so aus.", stimmte Semir ihm zu.
    Plötzlich tauchten vor ihnen weitere Fahrzeuge auf. "Oh nein. Wenn wir heute noch so eine Massenkambolage bauen, dann köpft uns die Engelhardt.", stöhnde Tom und starrte auf die beiden Autos die sie verfolgten und die den anderen Autos vor ihnen in kurzer Zeit immer näher kamen.
    "Na dann sollten wir uns mal aufmachen um unser Leben zu retten. Ich weiß nicht wie das bei dir ist, aber ich hänge sehr an meinem." Semir holte nun alles aus dem Mercedes. Tom neben ihm ruckte so unruhig auf seinem Sitz umher, als wollte er den Wagen mit seinen Gedanken dazu bringen schneller zu fahren. Fast als hätte jemand auf die Vorspultaste der Fernbedienung gedrückt, rauschten sie über die Straße und plötzlich waren sie gleich auf mit dem Ford. Semir wagte einen Blick in seine Richtung und erkannte einen Mann mit einem grimmigen Gesicht der ebenfalls überrascht zu ihnen herüber schaute. Ärgerlich hob Semir den Arm und winkte dem Mann zu:"Hey, anhalten! Anhaaalten!" Doch der Fahrer des Ford reagierte nicht. "Na gut. Dann ziehen wir jetzt eben andere Saiten auf.", schnaubte Semir und riss das Lenkrad herum. Mit voller Wucht krachten sie in die Seite des Ford, der von der Fahrbahn geschleudert wurde, gegen die Leitblanke knallte und dort stehen blieb. "Hey, das ist immerhin noch mein Auto.", rief Tom empört. Semir reagierte nicht, brachte den Mercedes ebenfalls zum stehen und Tom sprang aus dem Wagen. "Kümmer du dich um den BMW."rief er und ließ die Autotür hinter sich zu fallen. Er hatte sich gerade eben zwei Schritte entfernt, als er noch einmal umdrehte und die Tür öffnete: "Ach ja und lass den Wagen ganz." Dann verschwand er. "Ich hatte auch nicht anderes vor.", murmelte Semir und raste mit dem Mercedes davon.
    Tom war auf den Ford zugestürzt, der rauchend an der Leitblanke stand. Er lief um das Auto herum und riss die Fahrertür auf. Der Mann saß auf dem Vordersitz. Den Kopf hatte er an an die Rückenlehne gelegt. Aus seiner Nase lief Blut und mit starrem Blick schaute er auf Tom. "Sind Sie verletzt?", fragte Tom und zog den Mann an seinem Arm nach draußen. Am Straßenrand ließ er ihn vorsichtig auf den Boden sinken und ging dann vor ihm in die Hocke. "Können Sie mich verstehen?" Tom ließ seinen Blick forschend über das Gesicht des Mannes streifen. Dieser starrte nur zu Boden und antwortete nicht. "Können Sie mich hören?", fragte Tom noch einmal und wurde langsam ungeduldig. Warum durfte er jetzt nicht dem BMW hinterher jagen? Es war immerhin sein Mercedes den Semir da fuhr.
    Urplötzlich kam Leben in den Mann. Er sprang auf und stoß Tom, der einen Moment unaufmerksam gewesen war, von sich. Dann rannte er über die Straße davon. "Heute ist nicht mein Tag.", brummte Tom wütend und folgte dem Mann.

  • Der Mann war bereits an der anderen Straßenseite angelangt. Er sprang über die Leitplanke und war dann nicht mehr zu sehen. Als Tom zu der Leitplanke kam, konnte er sehen das der Mann einen Anhang hinunter gerutscht war und nun auf ein nahe gelegenes Waldstück zurannte. "Na toll.", stöhnte Tom, setzte über die Planke und rutschte ebenfalls den Abhang herunter. Dann rannte er los. Der Kies knirschte laut und fast wäre er über einen Stein gestolpert. Er war auf einem kleinen Feldweg, der an der Straße entlang und vor ihm in den Wald führte. Der Mann war inzwischen am Rand des Waldes angekommen und verschwand nun zwischen den vorderen Bäumen. Als Tom dort ankam blieb er kurz stehen. Er spürte die sanfte Kühle die hier unter den Bäumen herrschte und ihn fröstelte. Wachsam schaute er sich um. Da die Sonne hell schien mussten sich sein Augen erst an die Düsternis hier gewöhnen. Um ihn war es vollkommen still und er konnte den Mann auch nicht sehen. Wo war er hin? Vorsichtig trat Tom weiter in den Wald hinein und zog seine Pistole. Er hatte das unbestimmte Gefühl das der Mann hier irgendwo lauerte. Angespannt suchte er seine Umgebung ab. Ein Ast knackste. Tom´s Blick wanderte in sekundenschnelle nach rechts. Von dort war das Geräusch gekommen. Dann konnte er den Mann sehen. Er kam hinter einem Busch hervor gestürzt. Wahrscheinlich war seine Angst entdeckt zu werden zu groß gewesen, denn der Mann schaute sich panisch nach Tom um während er sich schnell entfernte. Tom folgte ihm sofort. Seine Jacke verhängte sich in einem Busch, doch er riss sich eilig los und rannte weiter. Seinen Blick hatte er fest auf den Mann gerichtet, der sich immer wieder angstvoll umschaute. Tom bemerkte wie er mit fahrigen Fingern in seiner Hosentasche herum suchte und war sofort alamiert. Sein Verdacht wurde auch recht schnell bestätigt. Der Mann hatte einen schwarzen Gegenstand aus seiner Tasche gezogen, sprang hinter einen Baum und zielte dann mit einer kleinen Pistole auf seinen Verfolger. Tom sprang zur Seite, gerade noch rechtzeitig, denn der Mann hatte die Sicherung gelöst und auf ihn geschossen. Tom fiel hart auf den Boden. Hastig rollte er sich beseite, hinter ein kleines Gebüsch. Stöhnend rieb er sich den schmerzenden Arm und lugte zwischen den Ästen zu dem Baum hinüber wo der Mann gestanden hatte. Doch er war nicht mehr zu sehen. Tom verengte die Augen zu schmalen Schlitzen und starrte auf den Baum. Nein, der Mann war nicht mehr dort. War er wieder verschwunden? Vorsichtig kroch Tom an dem Gebüsch entlang zu einer Stelle von der aus er den Baum besser sehen konnte. "Verdammt!", flüsterte er wütend, stand auf und schaute sich um.



    Semir hatte seinen Blick fest auf den dunkelblauen BMW gerichtet, der vor ihm über die Straße jagte. Er holte schnell auf und hängte sich schließlich an dessen rechten Seite. Unscharf konnte er einen Mann vor dem Lenkrad sitzen sehen, sonst war niemand in dem Wagen. Dieser schrecklich himmelblaue Pullover, er hatte ihn heute schon einmal wo gesehen und ihn fürchterlich gefunden. Wo war das nur gewesen? Und plötzlich ging ihm ein Licht auf. Es war heute morgen gewesen. Der Mann der die Leiche von Christian Berger gefunden hatte. Der hatte so einen Pullover getragen und auch einen dunkelblauen BMW gefahren. Warum war ihm das nicht gleich eingefallen? Und warum fuhr der jetzt hier wie ein Verrückter über die Autobahn? Als er ihn heute früh gesehen hatte, hatte er den Mann eher als einen spiesigen Büroheini eingeschätzt der penibel auf die kleinste Vorschrift achtete. Doch er war sich sicher. Es war Fuhrmann.

  • Fuhrmann wischte sich den Schweiß von der Stirn und schaute kurz in den Rückspiegel. Der Wagen war immer noch hinter ihm. Doch halt! Er schaute ein zweites Mal in den Spiegel. Es war nicht das Auto das ihn die ganze Zeit verfolgt hatte. Das konnte nicht der Mann sein, der ihm von dem Hof aus gefolgt war um ihn zurück zu holen. Er atmete tief durch und versuchte sich zu beruhigen. Dann schaute er ein weiteres Mal in den Rückspiegel. In dem Wagen saß ein kleiner dunkelhaariger Mann, mittleren Alters. Fuhrmann erkannte erschrocken das er zu ihm herüber starrte und winkte. Sein Mund bewegte sich schnell, als versuchte er ihm etwas zu sagen. Wieder stieg die Angst in Fuhrmann auf. Sicher war es ein weiterer Freund des Mannes, der ihn festgehalten hatte. Er wusste nicht mal dessen Name, wurde ihm bewusst. Würde er sich in Sicherheit retten können, würde er keinen Namen haben, der der Polizei etwas nutzen konnte. Die Polizei! Dort musste er jetzt hin. Und dieser Kerl in dem Wagen hinter ihm, würde ihn nicht aufhalten können. Entschlossen trat er auf das Gaspedal.
    In einiger Entfernung konnte er wieder Autos erkennen. Das war gut, dachte er. Vielleicht konnte er diesen Kerl dadurch abhängen. Er war schließlich kein schlechter Autofahrer. Er raste darauf zu, überholte das erste Auto und war schon am nächsten vorbei. Der Mercedes hinter ihm verfolgte ihn hartnäckig. Fuhrmann starrte in den Rückspiegel und plötzlich spürte er wie sein Wagen auf Widerstand traf. Das darauf folgende passierte in wenigen Sekunden, doch ihm war als lief ein Film in Zeitlupe an ihm vorbei. Er war in einen kleinen roten Ford gekracht. Doch durch sein hohes Tempo war der Wagen nicht einfach stehen geblieben, sondern flog erst über den Ford, dann über die Leitblanke,die die andere Straßenseite begrenzte und krachte dann hart auf den Asphalt der gegenüberliegenden Fahrbahn auf. Autos rasten soweit es ging hupend an dem BMW vorbei, einige konnten nur noch auf die Bremse treten und schlitterten unkontrolliert über die Straße. Weiter entfernte, aber unkonzentrierte Fahrer krachten in die Autos vor ihnen und wieder andere konnten nur noch scharf bremsen, weil die Fahrbahn mittlerweile vollkommen versperrt war.


    Semir hielt die Luft an. Genau das hatte er verhindern wollen. Die Engelhardt würde ausrasten, dachte Semir und stöhnte innerlich laut auf. Mit einen Blick in den Seitenspiegel vergewisserte er sich das frei war, dann lenkte er seinen Wagen auf den Standstreifen und hielt an. Bevor er ausstieg, griff er zum Funk: "Cobra11 ruft Zentrale.", rief er ins Funk und wartete kurz. "Semir!? Was ist los?", kam die Antwort. Es war Andrea. "Du, Schatz ich brauche sofort Rettungsfahrzeuge auf der A4 Km 93!" "Ist gut. Ist es schlimm?" "Ich weiß nicht. Tut mir leid, ich muss..." Semir legte das Funk zurück und sprang aus dem Auto. Er achtete kaum auf die vorbeifahrenden Autos und überquerte die Straße. Auf der anderen Seite sprang er behände über die Leitblanke und rannte auf den BMW zu, aus dessen Motorhaube es stark qualmte. Ohne zu zögern rannte er zur Fahrerseite und riss die Tür auf. Fuhrmann schaute ihm leicht benommen entgegen. Er blutete leicht doch sonst schien es ihm gut zu gehen. Semir packte ihn unter den Schultern. "Kommen Sie. Ich glaube der Wagen explodiert gleich." Fuhrmann reagierte nicht doch humpelte er so schnell wie ihm möglich war neben Semir, weg von dem Auto. Nur Sekunden darauf krachte es hinter ihnen. Semir wurde nach vorne geschleudert.




    "Gregor, ich bins" Heißer flüsternd drängte er sich an den Stamm einer alten Tanne. "Was ist los? Wo bist du?", kam eine wütende Stimme aus dem Telefon. "Es ist schief gegangen. Alles ist schief gegangen.", flüsterte er weiter ohne auf die wütende Stimme zu achten. "Die Bullen haben mir alles vermasselt. Ich denke, ER ist jetzt bei ihnen." Er wartete einen Moment und schaute hinter seinem Versteck hervor. Einige Meter von ihm entfernt konnte er immer noch den Mann sehen, der ihn verfolgt hatte. Grimmig schaute er zu dem Mann hinüber. Er war groß, schlank und dunkelhaarig. Und er schien immer noch nach ihm zu suchen. Er musste aufpassen. Vorsichtig lehnte er sich wieder an den Stamm. "Fast hätten sie auch mich erwischt.",flüsterte er weiter. "Ich habe kein Auto mehr." " Was kümmert es mich!", kam es als Antwort. "Sieh zu das du bald wieder hier auftauchst. Und lass dich nicht erwischen, hörst du! Wir stecken so schon tief genug in der Scheiße." "Aber wie soll ich das machen?, zichte er ins Telefon und merkte wie er zu schwitzen anfing. Doch ein durchdringendes Tuten in seinem Ohr sagte ihm das der andere bereits aufgelegt hatte. "Mist!" Wütend stopfte er sein Handy zurück in die Hosentasche und schaute sich noch einmal nach dem Mann um. Dann verschwand er leise in dem Gebüsch hinter ihm.

  • Tom erkannte resigniert, das ihm der Mann wohl entwischt war. Wütend stampfte er mit dem Fuß auf den weichen Waldboden. Dann griff er nach seinem Handy und wählte Semirs Nummer. Dieser meldete sich nach kurzem Warten leicht gestresst am anderen Ende:"Gerkhan." "Semir ich bins." "Ach du Tom." "Wärst du so freundlich und würdest mit meinem Wagen zurück kommen?" Wütend strich er sich durch sein Haar und ging langsam wieder den Waldweg zurück. "Hey was bist du denn so gereizt? Hast du den Kerl nicht erwischt?" Tom konnte deutlich den Schalk in der Stimme von Semir vernehmen. "Nein hab ich nicht. Und was ist mit dir?" "Es war Fuhrmann. Ich hab ihn von einem Kollegen zur PAST bringen lassen." Tom war inzwischen wieder am Waldrand angelangt. "Schön, und was ist jetzt mit mir?" "Nun ich denke wenn ich höre in welcher Stimmung du gerade bist komme ich besser erst später vorbei. Zu meiner eigenen Sicherheit versteht sich." Semir wartete einen Moment und konnte Tom vernehmlich stöhnen hören. "Bin gleich da.", sagte er lächelnd und legte auf. "Wie schön." Tom steckte das Handy zurück in seine Jackentasche und schaute sich ein letztes Mal um. Dann ging er zurück zur Straße und setzte sich entnervt auf die Leitplanke um dort auf Semir zu warten. Bis sein Blick auf das Auto des Mannes,den er eben verloren hatte, fiel.



    Tränen der Verzweiflung liefen über ihr Gesicht. Julie hatte die ganze Nacht, seit die anderen sie bei ihrer Wohnung abgesetzt hatten, geweint. Und die Tränen wollten nicht stoppen. Ihr Kopf schmerzte entsetzlich, aber das spürte sie kaum. Das einzige was sie die ganze Nacht beschäftigt hatte, war diese alles ausfüllende Angst, die Angst...und die Vorwürfe. Sie hatte einen Menschen auf dem Gewissen. In ihrem Kopf drehte sich alles. Immer wieder erschienen ihr die Bilder von dem Mann, dem Mann den sie umgebracht hatte. Das sie an dem Unfall nicht alleine beteiligt war, das sie den Mann nicht am Straßenrand vergraben hatte,ganz im Gegenteil, das sie dagegen gewesen war, zählte für sie nicht mehr. Nur eines war für sie von Bedeutung, und es lief wie von einem Tonband, immer wieder in ihrem Kopf ab: Sie hatte diesen Mann umgebracht. SIE! NUR SIE! SIE HATTE EINEN MENSCHEN GETÖTET! Stöhnend drehte sie sich in ihrem Bett auf die andere Seite. Das Kissen unter ihr war tränennass. Dann zog sie sich die Decke, die zerknüllt neben ihr lag, über den Kopf. Sie wollte nichts mehr sehen. Besser sie starb auch, schoss es ihr durch den Kopf. Sie hatte nicht mehr das Recht auf ein Leben, wo sie doch einem anderen Menschen eben das genommen hatte. Die Angst kroch ihr kribbelnd in die Fingerspitzen und sie krallte ihre Hände tief in die Kissen, um es nicht mehr spüren zu müssen. Was sollte sie jetzt nur tun? Ihr Leben war ein einziger Scherbenhaufen. Und niemand war da um ihr zu helfen, das wieder zu kitten. Wem konnte sie das denn schon erzählen? Wem sollte sie erzählen, was passiert war. Sie dachte an ihre Mutter. Sie hatte immer ein sehr enges Verhältniss zu ihr gehabt. Natürlich...sie konnte sich dieses Gespräch schon gut vorstellen: "Hey Mum, ich habe jemanden umgebracht. Kannst du mir bitte helfen das wieder in Ordnung zu bringen?" Ihr Bauch krampfte sich schmerzhaft zusammen, bei dieser Vorstellung. Laut schluchzend vergrub sie ihren Kopf noch tiefer unter den Kissen.



    Als Semir an der Stelle ankam, wo Tom wartete, konnte er eben diesen schon grinsend auf der Leitplanke sitzen sehen. Er brachte den Wagen zum halten und stieg aus. "Na, wie ich sehe bist du jetzt wieder besser gelaunt?", fragte er, legte den Kopf schief und lächelte Tom verschmitzt entgegen. "Ja du hast Glück.", antwortete Tom. "Ich habe etwas gefunden." Er winkte mit einer Art Kärtchen in seiner rechten Hand. Allerdings so schnell das Semir nicht genau erkennen konnte was es war. "Jetzt halt doch mal still!", rief er und packte Toms Handgelenk. Mit der anderen Hand griff er nach der Karte. Es war ein Personalausweis.

  • Eine aufgelöste Sabine Berger kam Tom und Semir entgegen, als sie das Büro betraten. Hotte eilte ihr hinterher um sie aufzuhalten:" Frau Berger, ich bitte Sie!" Höflich fasste er sie am Arm. Doch die angesprochene ließ sich nicht zurückhalten."Vergessen Sie`s, da ist Tom. Ich muss mit ihm reden.",rief sie und riss sich von Hotte los. "Tom!"Aufgeregt und wild mit den Armen fuchtelnd kam sie vor ihm zum stehen. Tom schaute überrascht. "Sabine, was ist denn los? Du solltest zu Hause sein und dich ausruhen." Inzwischen war auch Hotte bei ihnen angelangt. Entschuldigend zog er die Schultern nach oben. "Ist schon gut Hotte.", winkte Semir ab und nickte ihm dankend zu. "Kommt, gehen wir in unser Büro.", sagte er an Tom und Sabine Berger gewandt.
    Sabine setzte sich vorsichtig auf die Kante eines ihr von Tom zugewiesenen Stuhls und schaute sich unruhig um, während Semir die Tür hinter sich schloss. "Oder möchten Sie lieber allein mit Tom reden?", fragte Semir, als er sie ansah. Diese schüttelte den Kopf und eine vorwitzige Locke fiel ihr ins Gesicht, was ihren gehetzten Ausdruck allerdings noch verstärkte. "Nein, ist schon in Ordnung Herr Gerkhan. Weswegen ich hier bin...", und sie wandte sich wieder Tom zu, " ich möchte meinen Sohn wieder haben." Semir und Tom verstanden das zuerst nicht und warteten, dass sie weiter redete. "Ich möchte ihn bestatten, so wie er es verdient hat. Hier sagt man mir, dass das noch nicht möglich ist." Sie holte tief Luft. "Tom, was soll das heißen?" Tiefe Schatten lagen unter ihren Augen, als sie auffordernd hoch zu Tom schaute, der neben ihr auf der Schreibtischkante hockte. Und noch tiefer war die Traurigkeit, die in ihren Augen schimmerte, unscheinbar und doch alles ausfüllend. Tom spürte, wie ihm bei diesem Anblick schwer wurde und schluckte hart. Semir der diese Szene bisher still beobachtet hatte half seinem Freund aus. "Frau Berger, ihr Sohn ist zur Zeit noch in der Obduktion. Sobald alle Untersuchungen abgeschlossen sind wird ihr er aber sofort zur Bestattung freigegeben. Wenn es Ihnen recht ist, erkundige ich mich, wie lange das noch dauern wird." Ruhig wartete er auf eine Antwort und nahm aus den Augenwinkeln war das Tom sich wieder gefasst hatte.
    Sabine Berger lächelte tapfer. "Das wäre sehr freundlich von Ihnen. Es tut mir auch leid, dass ich hier so einen Aufzug veranstaltet habe. Ich kann es...", wieder schluckte sie," einfach nicht fassen. Ich hoffe immer wieder, dass das alles nur ein schrecklicher Alptraum ist und mir irgendwer sagt das Christian noch lebt. Er kann doch nicht einfach so gehen..., er war noch so jung. Tom, weißt du, das er auch auf die Polizeischule gehen wollte?"
    Niedergeschlagen ließ sich sich nach hinten sinken. Tränen liefen über ihr Gesicht.
    "Ich schau mal ob ich was in der Obduktion herausfinden kann.", sagte Semir leise und trat auf die Tür zu. Tom hielt ihn zurück. "Hier gib das Andrea. Vielleicht kann sie inzwischen etwas hilfreiches über diesen Kerl für uns finden." Seine Stimme war ganz trocken, als er Semir den Personalausweis des Mannes, der ihm vorns entwischt war, reichte. Semir nickte nur. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, sah er Andrea schon auf sich zu kommen: "Alles in Ordung?", fragte sie vorsichtig. "Nein, nicht wirklich. Wir müssen schnell etwas über diesen Typ hier herausfinden. Kannst du das machen? Ich muss kurz in die Obduktion." "Mach ich." Zärtlich strich sie Semir durch sein dunkles Haar. "Das wird schon wieder." "Sag das mal Tom und Frau Berger.", antwortete Semir niedergeschlagen, drückte Andrea einen Kuss auf die Lippen und verschwand.

  • Erschöpft schleppte Lukas sich über den Hof des herunter gekommenen kleinen Anwesens. Eine große Wut kochte in ihm. Warum ließ er sich das alles eigentlich von Gregor gefallen, hatte er sich immer wieder auf dem Weg hier her zurück gefragt. Per Anhalter und Straßenbahn hatte er es überhaupt nur geschafft heute noch wieder hier anzukommen. Warum war er nicht einfach nach Hause gefahren?
    Ach was soll`s, dachte er und ging langsam auf den Eingang zu. Er brauchte ja nicht lange zu bleiben. Nein, das würde er bestimmt nicht. Er würde sich anhören was Gregor von ihm wollte und dann wieder gehen. Mit diesem Entschluss betrat er das schmuddelig wirkende Hauptgebäude.
    "Lukas, das bist du ja endlich. Du kannst gleich wieder gehen. Die Straße runter ist ein kleiner Laden. Da kennt dich niemand. Das ist gut. Ich habe Hunger, also beeil dich." Gregor schaute nur kurz auf, als Lukas herein kam. Er lag jetzt nicht mehr auf dem niedergesunkenen kleinen Sofa, sondern saß an dem Tisch am Fenster. Er hatte sich eine alte löchrige Decke um die Schultern gewickelt. Vor ihm lag sein Handy. "Danke für die nette Begrüßung. Ich bin den halben Tag wegen dir durch die Pampa gewandert. Was soll das? Wenn du willst das ich wieder für dich arbeite, dann bezahl mich.", sagte Lukas wütend und ließ sich auf das Sofa sinken. "Das wirst nicht mehr nötig sein.", antwortete Gregor und starrte aus dem Fenster. "Ich habe gerade mit ein paar Freunden gesprochen. Die werden jetzt alles nötige für mich erledigen. Oder um es anders auszudrücken, alles wichtige. Wenn du allerdings trotzdem umbedingt für mich arbeiten willst werden wir bestimmt etwas für dich finden." Mühsam drehte er sich auf seinem Stuhl nach Lukas um. "Du hast mich gerade sehr enttäuscht. Du hast diesen Kerl laufen lassen. Und jetzt wirst du ihn mir wieder bringen." Seine Stimme klang hart und unnachgiebig und es war unmissverständlich das Lukas sich dieser Forderung nicht entziehen konnte. Lukas wusste würde er das tun, hätte er sofort ein paar von Gregors sogenannten Freunden auf dem Hals. So war es früher schon immer gelaufen.
    "Aber wie soll ich das machen? Er ist jetzt bei den Bullen." "Das ist dein Problem. Aber ich rate dir...", er hob drohend den Arm, "mach es diesmal richtig." Das Gespräch schien für ihn beendet, denn er drehte sich wieder um und schaute weiter nach draußen, auf etwas das scheinbar nur er sehen konnte. Lukas starrte ihn an. "Und eh du dich darum kümmerst bringst mir noch etwas zu essen. Aber schnell." Damit schickte er Lukas entgültig aus dem Raum.

  • Als Lukas das nächste Mal den Hof in Richtung Haus überquerte trug er eine bunte Plastiktüte in der rechten Hand, mit der er die Sachen für Gregor transportierte und die ihm eine hutzlige neugierig dreinblickende Frau auf seine Bitte hin gegeben hatte. Er war eine ganze Weile durch den kleinen Laden gestreift, entlang an mit allerlei Krimskrams voll gestopften Warenregalen. Währendessen hatte er immer wieder auf die große Uhr an der Wand über der Kasse geschaut und damit wohl das Misstrauen der Besitzerin geweckt, die ihn unter ihrer Hornbrille hervor aufmerksam beobachtet hatte. Sein einziges Ziel war es dabei gewesen die Zeit totzuschlagen und dabei vielleicht noch rein zufällig einen Einfall zu bekommen, wie er sich unbeschadet aus der Sache mit Gregor entziehen konnte. Er war nicht der Typ, der irgendwo einbrach und erst recht nicht in einer Polizeidienststelle um einen Mann zu kidnappen. Das war wahnwitzig und doch verlangte Gregor genau das von ihm. Sicher, er hatte schon früher für Gregor gearbeitet, aber das waren immer kleine meist ungefährliche Jobs gewesen. Oftmals hatte er einfach als Lieferant der Päckchen gedient, mit denen Gregor handelte. Was in diesen Päckchen war hatte Gregor ihm nie gesagt. Es ginge ihn nichts an und er solle seine Arbeit tun, antwortete er meistens, wenn Lukas ihn fragte. Für diese Päckchen hatte er dann jedes Mal einen Koffer Geld erhalten, den er dann wiederrum bei Gregor abzuliefern hatte und dafür einen, er war sich sicher, geringen Anteil als Bezahlung erhielt. Die Typen denen er das Geld überreicht hatte waren meist ausländische, in dunkle Anzüge gekleidete Männer mit großen Autos. Er hatte nie auch nur ein Wort mit ihnen gewechselt, das hatte Gregor ihm verboten.
    Warum er sich das alle gefallen ließ wusste er selber nicht. Vielleicht lag es daran, das er seit er seine Ausbildung zum Automechaniker abgebrochen hatte, einfach nie gewusst hatte was er mit seinem Leben anstellen sollte. Eltern, die ihn unterstützen hätten können hatte er nie gehabt. Er war im Heim aufgewachsen und wusste von seinen Eltern nicht mehr, als das sie ihn mit 3 Jahren an einer Bushaltestelle, in der Nähe des Heims und seinem zukünftigen Zuhause, ausgesetzt hatten. Lukas hatte sie nie kennen gelernt.
    Inzwischen war er 36 Jahre alt und hatte es in seinem Leben zu nicht viel mehr gebracht, als für Gregor ein paar unterbezahlte und kriminelle Jobs zu erledigen.
    Frustriert stampfte er mit dem Fuß auf den Boden. Letztendlich hatte er sich eine Packung Toastbrot und ein Stück Salami gepackt, bezahlt und war aus dem Laden gestürmt. Nun stand er wieder auf dem alten Hof, wusste das Gregor drinnen auf ihn wartete, spürte wie es anfing zu regnen und wäre am liebsten einfach nur weggerannt.



    Nach dem Semir aus der Obduktion zurück gekehrt war und gemeinsam mit Tom Sabine Berger überzeugt hatte das sie morgen noch einmal wieder kommen sollte, ließ er sich stöhnend in den Sessel hinter seinen Schreibtisch fallen: "Was für ein Tag." Vorsichtig massierte er seine Schläfen und streckte die Beine aus. "Ein Kaffee wäre jetzt nicht ganz schlecht oder?" Sein Blick fiel auf Tom der stumm am Fenster stand und durch die Ritze der Jalousien starrte. "Es regnet.", sagte er nach einem kurzen Augenblick ausdruckslos, ohne auf Semir zu reagieren. Semir stand auf und trat neben ihn. "Ich habe eine bessere Idee. Wir fahren bei Schröder vorbei. Ich hab jetzt Lust auf ne´ Currywurst." Seine Stimme klang leicht und beschwingt, allerdings fühlte er sich nicht so. Tom tat ihm sehr leid und Semir konnte sich vorstellen wie er sich jetzt fühlte. Das waren die unschönen Seiten an diesem Job, dachte er resigniert und schob Tom aus dem Büro.

  • TICK.TACK.TICK.TACK. Amliebsten hätte Julie ein Buch vom Nachtschrank gepackt und damit die Uhr von der Wand gehauen. Das Geräusch wurde ihr unerträglich. Stöhnend schob sie die schweren Decken beiseite und stand auf. Das Zimmer lag durch die herunter gezogenen Jalousien im Halbdunkel. Müde schlurfte sie auf die Tür zu und wäre dabei beinahe über die Klamotten gestolpert die sie gestern auf dem Weg zum Bett einfach hatte fallen lassen. Fluchend ging sie weiter in die Küche und begann sich einen Tee zu kochen.Nein. Sie stellte die Packung mit den Teebeuteln zurück in den Schrank und nahm stattdessen die Kaffeedose heraus. Sie musste umbedingt einen klaren Kopf bekommen. Es war inzwischen schon später Nachmittag und sie fühlte sich hundeelend, aber sie war nicht der Typ dafür hier rumzuhängen und sich gehen zu lassen. Entschlossen packte sie ein Paar Löffel mehr Kaffeepulver,als gewöhnlich in den Behälter.
    KLICK.KLACK.KLICK.KLACK. Julie hob den Kopf. Das war nicht die Wanduhr. Sie lief hinaus auf den Flur,dem Geräusch hinterher,das immer lauter wurde. Oh nein,bitte jetzt kein Besuch,dachte sie flehendlich, lehnte sich an die Wand und lauschte weiter. Einen Moment lang hatte sie das Gefühl die Schritte würden an ihrer Tür vorbei gehen,doch dann schrillte die Klingel. Julie zuckte zusammen. Nein, sie würde jetzt nicht aufmachen. Sie wollte jetzt niemanden sehen. Sollte er,wer immer es war, doch morgen wieder kommen.Sie wartete. Wieder schrillte die Klingel. Julie packte die Panik. Vielleicht hatten sie die Leiche bereits gefunden und das war jetzt die Polizei. Die wollten sie mitnehmen und einspeeren. Sie hielt sich die Ohren zu und ließ sich die Wand hinunter auf den Boden sinken.
    Plötzlich hämmerte es an der Tür. "Julie! Mach auf ich weiß das du da bist!" Julie ließ die Hände sinken und lauschte. Sie spürte wie ihr die Tränen über die Wangen liefen. Das war Cindy. Erschöpft wischte sie sich die Tränen weg und stand auf um die Tür zu öffenen.
    "Julie..." Cindy blieben die Worte im Hals stecken. Sie sah genauso fertig aus wie ihre Freundin. Unter ihren Augen lagen tiefe Schatten und ihr Haar fiel ihr wirr ins Gesicht. "Hast du geweint?",fragte sie leise. "Ach Quatsch." Julie wischte sich nochmals über die nassen Wangen. Sie schluckte: "Komm doch rein." Zögernd betrat Cindy die Wohnung und schaute sich unsicher um, als wäre sie noch nie hier gewesen. Julie schloss die Tür und starrte sie an. "Ich mach gerade Kaffee wenn du willst." Cindy schaute sie überrascht an. Julie kam es vor als hätte sie sie aus tiefen Gedanken herraus gerissen. "Was? Äh, ja danke!" Langsam folgte sie Julie in die Küche.
    Stumm setzte sie sich auf einen der Stühle und beobachtete Julie die Tassen aus dem Schrank holte und vorsichtig den Kaffee einschenkte."Schwarz oder weiß?",drehte Julie sich fragend um. "Äh schwarz.",antwortete Cindy und wartete bis Julie die Tassen auf dem Tisch abgestellt hatte und sich zu ihr setzte. "Wie gehts dir?",fragte sie dann. Julie blickte von ihrer Tasse auf, in der sie abwesend mit dem Löffel herumgespielt hatte. "Wie ich mich fühle?",sagte sie schrill. "Cindy, wir haben gestern einen Menschen umgebracht. Wir haben ihn umgebracht und dann seine Leiche verschwinden lassen. Wir sind Mörder!" Cindy schaute sie fassungslos an. "Ich fühle mich entsetzlich. Hilflos. Ich tappe im Dunkeln. Ich weiß nicht mehr weiter.Möchtest du noch etwas wissen?" Julie verstummte. Ihre Stimme schallte in ihren Ohren wider und erst jetzt merkte sie, wie laut sie gewesen war. Die Stille die jetzt in der Küche herrschte war erdrückend.
    Ruckartig stand Julie auf. Die Stuhlbeine quitschten über die Kacheln. "Es tut mir leid.",sagte sie erstickt in die Stille hinein. "Ich hatte kein Recht dich so anzuschreien." Cindy stand ebenfalls auf und trat neben sie. "Ist schon gut." "Nein!",unterbrach Julie sie. "Ich meine... im Grunde kannst du ja garnichts dafür." "Ja,du aber auch nicht." "Oh doch! Ich saß vorne. Ich hätte ihn sehen müssen. Und ich hätte die Jungs davon abhalten sollen den Mann zu vergraben." Cindy wollte etwas sagen, doch Julie hob die Hand um ihr zu bedeuten ruhig zu sein. "Ich drücke mich nicht vor meiner Verantwortung. Ich hätte das verhindern müssen. Aber jetzt ist es zu spät. Ich habe darüber nachgedacht. Ich würde zur Polizei gehen,aber dann ziehe ich euch alle mit hinein." Diesmal konnte Cindy nicht an sich halten: "Sag mal spinnst du! Deine Ehrlichkeit in allen Ehren,aber du hast den Kerl doch nicht umgefahren!" "Nein,aber ich saß doch auch mit in dem Auto." Plötzlich wurde ihr bewusst das sie zitterte. Sie setzte sich wieder an den Tisch und umkrallte ihre Kaffeetasse. Cindy folgte ihr. "Julie...mach jetzt keinen Mist hörst du?! Wir müssen jetzt ganz vorsichtig sein,abwarten und dann wird schon alles wieder gut werden. Du hilfst niemanden wenn du jetzt zur Polizei gehst." Julie antwortete erst nicht. Dann sprang sie plötzlich wieder auf und rannte hinaus auf den Flur. "Julie!" Cindy rannte ihr hinterher. "Was machst du da?",fragte sie bestürzt und beobachtete wie Julie sich die Jacke überwarf und nach den nächstbesten Schuhen griff. "Ich muss hier raus.",antwortete Julie ohne aufzusehen. "Du brauchst nicht auf mich zu warten. Ich komme bestimmt nicht so schnell wieder." Sie packte ihren Schlüsselbund von einer kleinen Kommode riss die Tür auf und verschwand, bevor Cindy sie aufhalten konnte. "Julie!!!",schrie Cindy ihr hinterher. Doch Julie war bereits weg. Stumm schlug sie die Tür zu und setzte sich in die Küche. "Oh nein...." Das alles ist sicher nur einer von diesen grässlich realen Alpträumen, dachte sie ängstlich und ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken. Doch dann besann sie sich anders ,sprang auf und stürzte aus der Wohnung.

  • "Ich habe wirklich keine Lust auf Currywurst.", sagte Tom und fuhr sich entnervt durch sein wirres Haar. "Dann nimmst du eben etwas anderes. Schröder macht auch gute Pommes Frites oder..." "Ich habe überhaupt keinen Hunger!",unterbrach Tom ihn. "Gut, reden mit einem Freund hilft manchmal auch schon. Du brauchst Ablenkung Tom.", sagte Semir behutsam und lenkte den Wagen Richtung Innenstadt. Tom schwieg und Semir warf ihm einen besorgten Blick zu. Es überraschte ihn das Tom ihm nicht widersprach. "Du wirst mir jetzt sicher gleich noch vorschlagen das ich besser zu Hause bleiben und eine Weile ausspannen sollte.", meinte Tom als er den Blick von Semir bemerkte. "Ja vielleicht.",antwortete Semir langsam. "Nein mal im Ernst.",fügte er dann hinzu. "Ich weiß das dir das nicht helfen würde." "Aber du denkst das mir eine Currywurst hilft?",fragte Tom und grinste. "Ja! Du wirst schon sehen..." "Ich sehe du kennst mich wirklich gut.",sagte Tom lachend.
    "Tja,wir arbeiten jeden Tag zusammen,fahren zusammen in den Urlaub...das ist so gut wie verheiratet zu sein."
    "Wenn das jetzt ein Antrag sein sollte, danke schön aber ich bin nicht interessiert." "Jetzt bin ich aber gekränkt. Hättest du mir das nicht einfühlsamer beibringen können?" Er warf Tom einen gespielt enttäuschten Blick zu und grinste dann.
    Doch Tom beachtete ihn nicht. "Pass auf!!!",schrie er stattdessen und wies mit der Hand nach vorne. Semir wandte den Kopf ruckartig herum und konnte gerade noch einen Körper aus dem Weg springen sehen, ehe er das Lenkrad zur Seite riss und auf die Bremse trat.Es krachte laut und kurz darauf kam der Wagen zum stehen. Leute blieben am Straßenrand stehen. Manche schienen bestürzt, andere schüttelten empört den Kopf und eilten dann weiter.
    Tom den die Wucht der Bremsen nach vorne geworfen hatte tauchte neben Semir wieder auf. "Das war der Briefkasten.",meinte er trocken. "Du machst Witze." Semir sprang aus dem Wagen und Tom folgte ihm. Vor ihrem Auto kam gerade eine junge Frau wieder auf die Beine und klopfte sich den Dreck von der Kleidung. Semir eilte auf sie zu und fasste sie am Arm um sie zu stützen. Sie war sehr blass und ihr Haar fiel ihr wirr ins Gesicht. "Ist alles in Ordnung mit Ihnen?",fragte er erschrocken. "Es tut mir leid. Ich habe Sie nicht gesehen. Soll ich Sie ins Krankenhaus bringen?" Er wies an Tom vorbei zu seinem Wagen. "Krankenhaus?" Sie blickte ihm verwirrt ins Gesicht und schüttelte dann den Kopf. "Nein danke das ist nicht nötig. Mir gehts gut." "Sind Sie sicher?",fragte Tom der sie genau beobachtet hatte. Ihm war aufgefallen wie fertig sie aussah. Fast als hätte sie eben noch geweint. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu: "Ja. Es ist ja nichts passiert." Sie zog sich die Jacke wieder enger um die Schultern und wollte weiter gehen. Doch Semir hielt sie auf:"Können wir Sie irgendwohin mit nehmen? Es würde sicher keine Umstände machen. Sie müssen mir nur sagen wohin." "Das ist wirklich nett von Ihnen, aber ich möchte einfach nur alleine sein." Mit diesen Worten ließ sie Semir und Tom auf der Straße stehen und ging davon. "Irgendetwas stimmte nicht mit ihr.", sagte Tom und schaute der Frau nachdenklich hinterher. "Hast du gesehen wie sie aussah? Sie war total fertig mit den Nerven und außerdem hatte sie einen Schlafanzug unter ihrer Jacke an." "Wirklich? Du scheinst sie dir aber ganz genau angeschaut zu haben.", antwortete Semir und als er Toms ausdruckloses Gesicht sah,fügte er hinzu: "Ich meine immerhin ist sie gerade fast über den Haufen gefahren wurden und manche haben eben ihren ganz eigenen Modegeschmack." "Du verstehst das nicht!", sagte Tom und rannte los. "Hey, wo willst du denn jetzt hin?", rief Semir ihm hinterher. "Ich will sie fragen ob wirklich alles in Ordnung ist.", antwortete Tom nur über die Schulter hinweg. "Aber das hast du doch schon.", schrie Semir, doch Tom war schon verschwunden.

  • Durch Sammyflocke ermuntert melde ich mich auch mal wieder mit einem kleinen Stück zurück!


    Es dauerte nicht lange und Tom hatte die junge Frau eingeholt. Sie hatte den Weg in den nahe der Straße liegenden Park gewählt, allerdings eher zufällig als wirklich entschlossen. Als Tom neben ihr zum stehen kam, schaute sie überascht auf: "Ist noch was?", fragte sie und strich sich eine verirrte Haarsträhne zurück hinters Ohr. Ihre blauen Augen schillerten fröhlich im Sonnenlicht das durch die Bäume fiel. Doch das täuscht, dachte Tom. Immer noch konnte man ihr ansehen wie traurig sie war. Tiefe Schatten lagen unter ihren Augen und irgendwie machte sie auf ihn den Eindruck, als hätte sie schon eine Ewigkeit lang nicht mehr gelacht. Ob sie wohl wusste wie das war? Lachen, fröhlich, ja einfach glücklich sein?!
    "Ja...bitte warten Sie!" Vorsichtig fasste Tom sie am Arm um sie aufzuhalten, doch sie schaute ihn bestürzt an und beschleunigte ihren Schritt. "Ich möchte Ihnen doch nichts tun.Nur reden...", versucht es Tom. "Reden? Was denn reden? Wir kennen uns doch garnicht!" "Sind sie sich sicher?", fragte Tom dem eben ein Gedanke gekommen war. Ja!!! Plötzlich erinnerte er sich wieder! "Sie waren doch gestern Nacht auf der A4. Ihrem Freund war es schlecht. Wissen sie nicht mehr?" "Was?!", Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. "Ja und? Was wollen sie von mir?",sagte sie dann und schritt noch schneller aus. "Nichts was mit gestern Nacht zu tun hat, falls sie das denken! Ich will Ihnen helfen!" Er schaute eindringlich zu ihr hinunter. "Ich spüre doch das es Ihnen nicht gut geht. Und ich weiß nicht warum, aber ich möchte das nicht!Ich meine ich möchte nicht das sie traurig sind." Er verstummte und plötzlich merkte er wie sie langsamer wurde und dann stehen blieb? Sie schaute ihm ins Gesicht, als wolle sie prüfen, ob er es ernst mit ihr meinte oder ein Spiel mit ihr spielte. "Warum?", fragte sie einfach nur und blickte ihm direkt ins Gesicht. Tausend Dinge schienen ihre Augen in diesem Moment zu erzählen. Sie hatte Angst, ja schreckliche Angst. Vor was, das sagten ihre Augen nicht. Sie war allein und ihre Situation völlig aussichtslos. Und sie konnte es einfach nicht begreifen wie ihr sowas passieren konnte. Sie war hineingeschlittert ohne es zu wollen. Und niemand war da um ihr zu helfen. Oder doch? In diesem Moment, als sie diesen Mann sahen, der verständnissvoll auf sie herunter blickte, der ihr helfen oder wenigstens einfach nur zuhören wollte, da sprachen diese Augen auch von Hoffnung, und sie leuchteten hell dabei.
    "Weil ich Sie verstehe."

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