Bis an die Grenzen ...

  • Nach laaanger Zeit kommt nun auch von mir wieder mal eine Story. Hm, aber, ob sie euch wirklich gefallen wird? :huh: Mal sehen...:D
    Außerdem möchte ich mich noch einmal bei Yvonne und Elvira bedanken, die mir bei Fragen immer weitergeholfen haben und mir auch immer ihre ehrliche Meinung gesagt haben. Danke! :)
    Und nun: viel Spaß beim Lesen! :)
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    Tom lag zusammengerollt und vor Schmerzen stöhnend am Boden, der Lauf der Waffe auf ihn gerichtet, umringt von mehreren Männern, die geringschätzig auf ihn herab blickten. Ihm tat alles weh, er konnte nicht aufstehen, konnte nichts tun, er war seinen Peinigern hilflos ausgeliefert, ein Fluchtversuch unmöglich. Sein Arm schmerzte höllisch und war vermutlich gebrochen, zumindest konnte er ihn nicht mehr bewegen, ohne es vor Schmerzen kaum auszuhalten. An der Stirn hatte er eine Platzwunde, welche entstanden war, als er noch vor wenigen Augenblicken so hart gegen die Wand prallte. Er spürte wie das warme Blut an seiner Schläfe herunterlief und langsam auf den Boden tropfte.
    Doch das alles schien nicht mehr wichtig zu sein. In wenigen Sekunden würde sein Leben ein Ende haben. Es war nur mehr eine Frage von Minuten oder sogar Sekunden, bis der Kerl vor ihm abdrücken würde – und es bestand absolut kein Zweifel, dass er es tun wird! Tom hatte sich sein Leben wirklich anders vorgestellt! Vor kurzem hatte er sogar Petra, seine Frau fürs Leben, kennengelernt. Die Beiden waren frisch ineinander verliebt und ein schönes Paar. Es tat ihm in der Seele weh, wenn er daran dachte, dass er sie wohl nie wieder sehen würde. Er fragte sich wie sie wohl auf seine Todesnachricht reagieren würde und hoffte, dass sich die Kollegen auf der PAST um sie kümmern würden.


    ‚Das war’s dann wohl…’ dachte er sich. Er würde diese Welt für immer verlassen müssen. Die ganze Aktion war gründlich schief gelaufen und diesmal konnte ihm nicht einmal noch Semir helfen.
    Mit letzter Kraft drehte er sich mühsam um und sah zu Semir, der ebenfalls neben den Männern im Kreis stand und auf ihn herabblickte. Wie schön waren nur all die Jahre gewesen, in denen er mit ihm zusammen arbeiten durfte. Sie waren ein gutes Team gewesen, hatten sich immer gut verstanden und sich immer gegenseitig aus den brenzligsten Situationen befreit. Nie hatten sie einander im Stich gelassen. Doch jetzt war alles anders und noch nie war eine Lage so aussichtslos und hoffnungslos gewesen wie diese.
    Toms und Semirs Blicke trafen sich. Semirs Gesicht wirkte kalt und ausdruckslos, er verzog keine Miene. Er ließ sich nichts anmerken und es sah so aus, als wäre ihm die Situation vollkommen gleichgültig. Tom wusste jedoch, dass dem nicht so war. Dafür kannte er seinen Partner einfach zu gut. Semirs Augen verrieten etwas anderes, flehten um Verzeihung und sein Gehirn schien fieberhaft zu arbeiten, doch was sollte er auch tun? Er konnte einfach nichts machen.
    ‚Nun war es endgültig vorbei!’ schoss es Tom erneut durch den Kopf. Er würde sterben und Semir würde es mitansehen müssen. Nichts und niemand konnte ihn jetzt noch retten, es müsste schon ein großes Wunder geschehen. Er hatte noch versucht mit Anna und den Kollegen auf der PAST Kontakt aufzunehmen, aber es war bereits zu spät gewesen. Er schloss ergeben die Augen und wartete nur noch auf den Knall, den Einschlag, den Schmerz, der ihn in eine andere Welt, weit weg von dieser hier, befördern würde…

  • Wenige Tage zuvor:


    Hektik, Unruhe und tiefe Betroffenheit waren auf der PAST ausgebrochen, als die Nachricht eines erneuten Überfalls auf eine der Autobahnraststätten eingetroffen war. Die Kollegen sowie die Dienstellenleiterin Anna Engelhardt, starrten bestürzt auf die Fernsehbildschirme. Eine Reporterin war auf dem Bildschirm zu sehen, die aufgeregt über die Geschehnisse berichtete. Im Hintergrund konnte man riesige Staubwolken erkennen. Etliche Trümmerbrocken und Glassplitter lagen am Boden, dunkler Rauch von brennenden Gebäuden stieg auf, Menschen, darunter viele Kinder, liefen schreiend und panisch umher, mehrere von ihnen waren verletzt und riefen verzweifelt um Hilfe. In dem ganzen Chaos konnte man die Sirenen von Rettungswagen, Polizei und Feuerwehr hören. All das war das Ergebnis einer wilden Schießerei und anschließenden Explosion gewesen. Die Reporterin berichtete, dass es ersten Meldungen zufolge, bereits vier Tote und mehrere Verletzte zu beklagen gebe.
    Es war bereits der dritte Anschlag in dieser Woche gewesen. Eine brutale Bande, der es vermutlich nur um das Geld ging, trieb auf Autobahnraststätten ihr Unwesen und ging dabei jedes Mal nach demselben Muster vor: Die Täter fuhren mit ihren Autos auf die Raststätten, waren maskiert und hatten Waffen bei sich. Sie überfielen Geschäfte, Lokale und Tankstellen, schossen wie wild ziellos in der Gegend herum, plünderten die Kassen und warfen kurz bevor sie wieder verschwanden eine Bombe in die belebte Menge. Anschließend flüchteten sie mit ihren Autos und dem erbeuteten Geld und hinterließen jedes Mal ein Bild der Zerstörung und Verwüstung. Mehrere Versuche die Bande zu fassen waren bisher gescheitert. Trotz Semirs und Toms sofortiger Verfolgung gelang den Tätern immer die Flucht.
    Anna schloss einen Moment lang die Augen und wendete sich vom Bildschirm ab. Sie warf Petra einen fragenden Blick zu. „Wie ist der Stand der Dinge?“ „Tom und Semir haben sich bereits an sie drangehängt. Die Verstärkung ist ebenfalls unterwegs.“ antwortete diese. „Danke Petra!“ Seufzend faltete Anna die Hände und schickte ein Stoßgebet gen Himmel. ‚Hoffentlich bekommen wir die Täter diesmal.’ dachte sie nur.


    Tom und Semir versuchten währenddessen die geflüchteten Täter, die mit ihren Fahrzeugen auf die Autobahn aufgefahren waren, einzuholen. Die meisten Fahrzeuge waren bereits außerhalb ihres Sichtfeldes und hatten einen immensen Vorsprung, doch die Beiden hatten es geschafft sich an den Fahrer eines steingrauen Skodas dranzuhängen. Verbissen und fest davon überzeugt zumindest einen der Täter zu schnappen, verfolgten sie mit ihrem Mercedes das Auto, das mit überhöhter Geschwindigkeit die Autobahn entlang raste. Es war eine gefährliche Verfolgungsjagd, weil die Autobahn stark frequentiert war. Der flüchtende Skoda wechselte ständig die Spur, fuhr auf dem Pannenstreifen, überholte LKWs und PKWs von rechts und nahm keine Rücksicht auf andere Fahrer. Tom und Semir hatten alle Mühe ihn nicht aus den Augen zu verlieren.
    „Mensch Semir, der fährt genauso wie du!“ witzelte Tom, der krampfhaft das Lenkrad festhielt und es in diesem Moment gerade noch schaffte, einem kleinen VW Bus auszuweichen. „Ha, ha! Spar dir lieber diese Kommentare und schau auf die Straße! Wir müssen unbedingt den Skoda-Fahrer einholen, die Chefin reißt uns den Kopf ab, wenn wir die Bande wieder entkommen lassen.“ Tom nickte und wurde ernst. „Du hast Recht Semir! Diesmal dürfen sie uns nicht wieder entkommen! Es ist schon zu viel passiert…“

  • Der Skoda-Fahrer riss in diesem Augenblick sein Fahrzeug auf die linke Spur und kollidierte seitlich mit einem dunklen Audi. Wenige Sekunden lang fuhren beide Fahrzeuge dicht nebeneinander. Die Türen wurden leicht eingedrückt und der Rückspiegel des Audis löste sich. Schließlich scherte der Audi aus und drückte das kommende Auto, welches gerade auf der Überholspur unterwegs war, gegen die Mittelleitplanke.
    „Tom, Vorsicht!“ rief Semir als er sah, wie die beiden Fahrer die Kontrolle über ihre Autos verloren und Sekunden später stark rauchend und verbeult, beide Spuren blockierend, stehen blieben. Tom schaffte es gerade noch auf den Pannenstreifen zu wechseln und fuhr dem Skoda nach, der in der Zwischenzeit wieder Vollgas gegeben hatte und auf dem Pannenstreifen flüchtete. „Das war ja knapp!“ stellte Semir erschrocken fest und Tom konnte ihm nur zustimmen. Semir wollte gerade über Funk die Rettungskräfte anfordern, als es hinter ihnen krachte. Mehrer Fahrzeuge hatten keine Chance mehr abzubremsen und waren auf die bereits stehenden Fahrzeuge aufgefahren. Semir sah nur noch das Blechknäuel verkeilter Fahrzeuge im Rückspiegel. „Oh nein!“ entfuhr es ihm. „Semir hier! Schwerer Unfall auf der A4 bei KM 25. Schickt bitte Feuerwehr, Rettungswagen und Polizei! Ende.“ sprach er in den Funk und hängte ihn anschließend wieder ein. „Tom, gibt Gas! Wir müssen zumindest einen dieser Kerle schnappen!“ „Ja, was glaubst du denn tu ich gerade? Ich tu ja mein Bestes.“


    Der Skoda raste vor ihnen auf dem Pannenstreifen dicht gefolgt von Tom und Semir, die mit Blaulicht hinterherfuhren. Vor ihnen konnte man nun eine Baustelle erkennen, doch der Skoda-Fahrer schien sie gar nicht zu bemerken. „Hey, was macht der denn? Ist der verrückt?“ sagte Tom mehr zu sich selbst, als zu Semir. „Ja, er ist verrückt!“ antwortete Semir und sah auf das Auto, das der Baustelle immer näher kam. Ungebremst fuhr der flüchtende Täter weiterhin auf dem Pannenstreifen, plötzlich schien er das herannahende Unheil bemerkt zu haben und versuchte abrupt abzubremsen, doch es war bereits zu spät. Der Skoda krachte in die Absperrung der Baustelle und schlidderte noch ein paar Meter die Fahrbahn entlang bis er endlich zum Stehen kam. Die Motorhaube wurde völlig eingedrückt und das Glas der Frontscheibe war zersplittert, sodass man nicht mehr ins Innere des Autos sehen konnte. Das Auto hatte dutzende Kratzer abbekommen und war nun völlig verbeult.
    Tom bremste den Mercedes neben dem Skoda ab und stieg aus. „Na, der kann was erleben!“ zischte er. Semir nickte nur und stieg ebenfalls aus. Beide zogen ihre Waffen, entsicherten sie und näherten sich vorsichtig dem Wrack. Immerhin wussten sie nicht, ob der Täter möglicherweise bewaffnet war. Wütend ging Tom auf die Fahrertür zu, riss sie auf und richtete seine Waffe auf die darin sitzende Person. Auf dem Fahrersitz hing erschöpft eine maskierte Person. Tom zog ihr die Haube runter und staunte nicht schlecht, als er einen, erst ungefähr 20 Jahre alten, Burschen vor sich sah. Er blutete leicht aus einer kleinen Wunde an der Stirn schien ansonsten aber in Ordnung zu sein. „Das gibt’s ja nicht! Diese Täter werden ja immer jünger. Gerade mal 20 Jahre alt und schon sein Leben versaut!“ meinte Semir verärgert, als er auf den Burschen sah. „Los! Aussteigen!“ befahl Tom. Etwas benommen und leicht taumelnd erhob sich der Bursche von seinem Sitz und ließ sich widerstandslos festnehmen.


    Etwa eine Stunde später saßen sich die drei im Verhörraum gegenüber. Anna Engelhardt beobachtete die Szene hinter der durchsichtigen Spiegelscheibe.
    „Wie heißt du?“ fragte Tom erneut, doch der Bursche gab auch diesmal keine Antwort. „Es wäre wirklich besser für dich, wenn du endlich reden würdest! Das was ihr da abzieht ist Mord und dafür wandert man lebenslänglich in den Knast!“ ermahnte ihn Semir. „Es sei denn du hilfst uns die Bande zu fassen, dann könnten wir eventuell ein gutes Wort für dich beim Richter einlegen!“ Der Bursche reagierte nicht auf Semirs Worte. Er schwieg weiterhin und starrte in Gedanken versunken einfach nur gerade aus.

  • In diesem Moment betrat Anna den Raum. „Semir, Tom kommen Sie bitte kurz! Petra hat etwas für Sie!“ Tom und Semir nickten und folgten ihrer Chefin. Petra kam ihnen bereits entgegen und wedelte mit einer Akte in ihrer Hand. „Also, ich hab ein paar interessante Sachen herausgefunden. Der Bursche heißt Philip Sand. Da seine Eltern relativ früh bei einem schweren Autounfall ums Leben gekommen waren, hat er bei seiner Tante gewohnt. Er hat die Hauptschule in der Gaullachergasse besucht und ist sowohl in der 6. als auch in der 7. Klasse sitzen geblieben, hatte somit die Schulpflicht erfüllt und verließ nach der 7.Klasse ohne Abschluss die Schule. Seitdem ist er uns bereits mehrmals negativ aufgefallen. Er ist in unserer Kartei registriert und wurde schon einige Male festgenommen, unter anderem wegen Diebstahls, Einbruch, fahren ohne Führerschein, Aufbruch von Autos usw.“ Anna stand ebenfalls daneben und hörte Petra zu. „Danke Petra!“ sagte Tom schließlich und nahm die Akte, dabei gab er ihr einen zarten Kuss auf die Wange. Petra lächelte leicht und begab sich wieder zu ihrem Schreibtisch. Seit ein paar Wochen waren sie und Tom frisch ineinander verliebt und glücklich wie noch nie zuvor. Als sich Tom wieder umdrehte, merkte er, wie Anna und Semir ihn anstarrten. „Was denn?!“ erwiderte er verärgert. „Nichts, nichts.“ antwortete Semir und grinste nur in sich hinein.
    „Mal sehen was er dazu sagt!“ meinte Semir dann und deutete auf die Akte. Tom nickte. „Aber irgendwie kann einem der Bursche schon Leid tun...“ Die Beiden gingen wieder zu dem jungen Mann.


    „Na, hast du es dir anders überlegt? Willst du nicht doch reden, Philip?“ fragte ihn Semir. Plötzlich löste sich der Bursche aus seiner Starre und horchte auf. „Woher…Sie kennen meinen Namen?“ fragte er etwas irritiert. „Wir wissen alles! Du bist ja schon so etwas wie ein alter Bekannter für uns. Diebstahl, Einbruch, Überfälle auf Raststätten, Mord, tja die Liste wird immer länger.“ antwortete Semir. Eindringlich sah er den Burschen an und wartete auf eine Reaktion. „Ich wollte es ja nicht…“ kam es plötzlich leise schluchzend von ihm. „Ich brauchte die Kohle und diese Typen haben mir eine Menge Kohle geboten, falls ich bei ihnen mitmache, aber ich wollte nie, dass Menschen verletzt werden. Ich wollte nie, dass es soweit kommt…“ Sein Mut war plötzlich verflogen und nun saß er da wie ein kleines, weinendes Kind. „Ich brauche nun mal die Kohle um zu überleben und das war für mich ein großartiges Angebot. Was hätte ich denn tun sollen?“ „Du hättest dir zum Beispiel einen anständigen Job suchen können. Da muss man nicht gleich Menschen umbringen!“ antwortete Semir wütend. „Aber ich wollte wirklich nicht, dass jemand stirbt, das müssen Sie mir glauben, bitte…ich wollte von dort ja auch wieder weg, aber ich konnte nicht mehr…die Kerle ließen mich nicht mehr gehen…bitte, können wir das nicht irgendwie anders regeln? Ich will nicht in den Knast. Bitte…“ „Das hättest du dir aber früher überlegen müssen!“ erwiderte Semir. „Da hilft dir diese Jammerei jetzt gar nichts!“
    Tom hob beruhigend die Hand. „Lass ihn doch mal ausreden, Semir.“ Er wusste nicht warum, aber irgendwie hatte er Mitleid mit dem Burschen. Semir beruhigte sich wieder und fuhr sanfter fort: „Gut, wenn du uns hilfst, dann können wir dir vielleicht auch helfen. Also hilfst du uns?“ Der Bursche nickte und Semir fuhr fort: „Wie heißt denn dein Boss?“ „Ich weiß es nicht, tut mir Leid. Ich würde es Ihnen ja sagen, wenn ich es wüsste, aber so etwas wie Namen…die sind immer streng geheim und werden nicht verraten.“ „Hast du vielleicht eine Ahnung wann und wo ihr das nächste Mal eine Raststätte überfällt?“ mischte sich nun Tom ein. Philip schüttelte traurig den Kopf und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. „So etwas erfahren wir immer erst wenige Stunden davor, das bestimmen die ranghöheren Mitglieder. Ich weiß nur, dass…dass für diese Woche noch zwei Überfälle geplant sind.“ gab er flüsternd zu. „Na großartig!“ stöhnte Semir. „Das müssen wir unbedingt verhindern, aber wie? Wir haben doch überhaupt keine Anhaltspunkte!“ Tom nickte. „Da müssen wir uns etwas einfallen lassen Semir. Das kann so nicht mehr weitergehen!“ „Hast du vielleicht eine Ahnung wo man die Bande finden könnte? Wo habt ihr euch denn immer herumgetrieben?“ fragte Tom weiter und reichte Philip ein Taschentuch. Philip schüttelte jedoch erneut den Kopf. „Wir haben keinen bestimmten Ort, das ändert sich ständig.“ „Weißt du vielleicht irgendwas? Hast du von irgendetwas eine Ahnung? Irgendetwas muss uns ja weiterhelfen!“ fragend schaute Semir den Burschen an.

  • Philip schien jetzt einige Sekunden lang zu überlegen. „Hm, doch ich wüsste schon etwas. Aber ich weiß nicht, ob Ihnen das weiterhelfen kann.“ „Raus mit der Sprache! Jede noch so kleine Kleinigkeit kann wichtig sein!“ „Ich weiß, dass die Bande ständig auf der Suche nach neuen Mitgliedern ist. Ich bin durch einen Mann namens Norbert Kuhn da hinein gekommen. Er hat Kontakt zu diesen Menschen und schleust Interessierte ein. Er hat mich damals gefragt, ob ich Kohle bräuchte. Er erzählte, dass er einen Job für mich hätte, bei dem man sich leicht etwas verdienen könnte. Ich kann euch den Ort sagen, wo ich ihn damals gefunden habe, vielleicht findet ihr ihn ja dort. Es wird euch aber nichts nützen ihn zu verhaften, er wird euch nicht verraten wo man die anderen Typen findet. Tut mir Leid!“ seufzend sah Philip zu Boden. „Doch Philip, das hilft uns weiter! Danke, das hilft uns sogar sehr.“ Tom machte eine Pause ehe er grinsend fort fuhr: „Mir kommt da gerade eine Idee!“ Mit einem Seitenblick schielte er zu Semir hinüber, der anscheinend genau dasselbe dachte, wie er. Semir nickte. „Wir könnten uns da einschleusen, als verdeckte Ermittler.“ Philip sah Semir leicht erschrocken an. „Hey, ist das Ihr ernst?? Diese Typen sind verdammt gefährlich und brutal und die sind auch alle älter und erfahrener als ich. Unser Boss hat es gar nicht gern, wenn man ihn belügt. Ich würde das an Ihrer Stelle nicht riskieren. Ich habe da ein paar grausliche Geschichten von ihm gehört.“ „Keine Sorge Philip, wir schaffen das schon, du musst uns nur sagen, wo wir diesen Herrn Kuhn finden.“
    Anna, die das Gespräch mitangehört hatte, betrat erneut den Raum. An ihrer strengen Miene konnte man erkennen, dass sie wütend zu sein schien. „Semir, Tom! Zu mir!“ befahl sie. Tom und Semir hoben leicht ihre Köpfe und sahen sich an. „Oh, oh.“ sagte Semir nur.


    Als beide vor Anna standen räusperte sie sich kurz, ehe sie weitersprach: „Ich habe mich wohl eben verhört, oder? Sie wollen was!?“ Tom und Semir sahen sich noch immer schweigend an. Keiner von beiden traute sich etwas zu sagen. Annas zornige Stimme duldete keinen Widerspruch. Schließlich wagte Tom einen Versuch und ergriff das Wort. „Chefin, das kann so nicht mehr weitergehen! Wir müssen die Bande aufhalten und das ist unsere einzige Chance!“ Semir nickte stumm. Anna sah ihn fest an. „Tom! Sie wissen wie brutal die Täter bei ihren Überfällen vorgehen. Das ist viel zu gefährlich und kommt überhaupt nicht in Frage!“ „Chefin, Tom hat Recht! Es ist zwar ein großes Risiko, aber irgendjemand muss sie doch stoppen! Wollen Sie, dass noch mehr Menschen sterben müssen?“ kam Semir Tom zu Hilfe. „Wir müssen es einfach versuchen, nur so können wir die Täter fassen!“ kam es wieder von Tom. „Sie wissen doch, dass wir vorsichtig sein werden! Tom und ich haben doch schon so vieles erlebt und bis jetzt ist es doch auch immer gut ausgegangen! Wir konnten uns bisher noch aus allen brenzligen Situationen wieder rausboxen.“ Bei diesem Gedanken musste Anna kurz lächeln. „Soll ich wirklich darüber nachdenken, wie oft Sie beide sich nur noch in der letzten Sekunde gegenseitig retten konnten? Lieber nicht, denn irgendwann wird diese letzte Sekunde nicht mehr reichen. Irgendwann wird es zu spät sein und da ich meine beiden besten Beamten nicht so einem großen Risiko aussetzen möchte, bleibe ich auch bei meiner Antwort und die lautet: ‚Nein!’ Es muss auch eine andere Möglichkeit geben.“ „Leider nein, die gibt es nicht…“ meinte Semir und sah betreten auf die Bilder der Nachrichten im Fernsehen. „…diese Überfälle müssen endlich ein Ende haben!“ Tom trat neben Semir und sah ebenfalls auf die Bilder. Dann senkte er seinen Kopf wieder und schaute die Chefin entschlossen an: „Bitte…“ flehte er. Anna schloss die Augen und Tom merkte wie sie mit sich rang. Plötzlich sah ihr Gesichtausdruck nicht mehr so starr aus.
    „Na gut! Überredet.“ sagte sie schließlich und öffnete wieder die Augen. „Sie haben ja Recht! So wie es jetzt ist, kann es nicht mehr weitergehen.“ Tom und Semir sahen sie überrascht und zugleich erleichtert an. „Danke Chefin! Und wie geht’s jetzt weiter? Was passiert mit Philip?“ „Den werden wir einstweilen wohl hier behalten müssen. Es muss jetzt alles schnell gehen, wer weiß wann die Täter wieder zuschlagen. Die beiden Überfälle, von denen Philip sprach, müssen verhindert werden. Zumindest müssen wir dafür sorgen, dass es keine weiteren Toten mehr gibt und die Mitglieder endlich geschnappt werden. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Fahren Sie nach Hause und ruhen Sie sich aus. Ich kümmere mich um die Formalitäten und alles andere. Morgen früh werden Sie beide eine neue Identität haben, aber ich warne Sie, Sie passen auf sich auf und ich werde Sie diesmal auf keinen Fall im Krankenhaus besuchen!“ sie lächelte leicht und machte sich an die Arbeit. Tom und Semir mussten ebenfalls grinsen und fuhren nach Hause. Die kommenden Tage würden wohl anstrengend werden und sehr an ihren Nerven zerren, aus diesem Grund mussten sie unbedingt gut erholt und ausgeschlafen sein. Außerdem konnten sie auf der PAST ohnehin nichts mehr tun, als zu warten bis der nächste Funk eines Anschlags eintraf.

  • „Und du willst das wirklich tun? Ihr wollt wirklich undercover in dieser Bande ermitteln?“ fragte Andrea ängstlich und kuschelte sich tiefer in die Bettdecke. „Ich habe Angst um dich Semir! So etwas geht bei euch beiden immer schief, ich kenne euch doch!“ Semir lag neben ihr im Bett. Beruhigend legte er einen Arm um seine Frau und gab ihr einen leichten Kuss. „Nichts geht schief! Vertraue uns einfach Andrea! Wir machen das ja nicht zum ersten Mal. Das ist die einzige Möglichkeit weitere Überfälle zu verhindern…“ Er versuchte überzeugend zu klingen, weil er Andrea nicht beunruhigen wollte, aber in Wahrheit hatte auch er ein ungutes Gefühl im Magen. Solche Einsätze waren immer ein großes Risiko und er wollte gar nicht daran denken was wohl passieren würde, falls ihre wahre Identität, aus welchen Gründen auch immer, auffliegen würde. „Ich weiß aber trotzdem nicht was ich davon halten soll, wenn ich daran denke, dass du und Tom morgen als verdeckte Ermittler bei irgendwelchen extrem gefährlichen Leuten mitarbeitet, die wahllos auf Menschen schießen und sie töten, nur um ans Geld zu kommen. Schon alleine der Gedanke, dass du für mehrere Tage weg sein wirst gefällt mir überhaupt nicht!“ Semir musste schmunzeln. Er schmiegte sich näher an Andrea an. „Ich weiß und deswegen liebe ich dich auch so sehr!“ flüsterte er in ihr Ohr. „Ich liebe dich auch!“ erwiderte Andrea. Sekunden später küssten sich beide leidenschaftlich.


    Am nächsten Tag waren sowohl Tom als auch Semir bereits zeitig am Morgen in der PAST. Beide hatten sich etwas ungepflegt hergerichtet. Sie trugen dreckige und teilweise aufgerissene Jeans und einen ausgedehnten, alten Pullover. Ihre Schuhe waren an einigen Nähten aufgerissen und ihre Haare wild zersaust.
    Anna kam ihnen mit einem Lächeln auf den Lippen entgegen und musterte sie kurz. „Gut sehen Sie aus, meine Herren! Übrigens wir haben Glück! Ich bin gestern Abend noch lange hier gesessen und habe alle Hebel in Bewegung gesetzt und dutzende Telefonate getätigt um alles zu regeln. Kommen Sie bitte gleich in mein Büro.“ Anna ging voran, nahm zwei Ausweise von ihrem Schreibtisch und reichte sie den Beiden. Neugierig betrachteten die zwei ihre Ausweise. „Tom, Sie heißen ab heute ‚Raffael Fuchs’ und Semir, Ihr Name ist ‚Adrian Kraus’.“ erklärte sie. „Mensch, warum muss ich immer den Nachnamen eines Tieres haben?“ beschwerte sich Tom und zeigte auf seinen Ausweis. Anna und Semir konnten sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. „So etwas nennt man Pech, Partner, also ich bin mit ‚Kraus’ zufrieden!“ grinste er. „Na eh klar, du bekommst immer die tollen Namen und ich kann mich mit einem Fuchs zufrieden geben!“


    „So, Schluss jetzt mit lustig! Konzentrieren wir uns auf den Einsatz!“ unterbrach Anna das kleine Wortgefecht. „Sie sind übrigens zurzeit beide arbeitslos und dringend auf der Suche nach etwas Kleingeld. Vergessen Sie das nicht! Philip hat gesagt, Herr Kuhn wäre immer auf dem großen Platz in der Kollstraße anzutreffen. Sie werden ihn leicht erkennen, er sieht angeblich nicht sehr gepflegt aus. Hotte und Dieter werden euch beobachten. Außerdem habe ich mit Hartmut gesprochen, er wird euch verkabeln und einen Peilsender in eurer Kleidung verstecken.“ bestimmte sie. „Chefin, glauben Sie wirklich, dass wir es riskieren können einen Sender zu tragen?“ unterbrach sie Semir nachdenklich. „Jetzt fangen Sie nicht schon wieder mit einer Diskussion an. Wie sollen wir Sie denn beobachten, wenn Sie keinen Sender tragen?“ „Chefin, Semir hat Recht. Was ist, wenn wir durchsucht werden? Wenn diese Typen die Sender finden ist das Spiel aus, bevor es noch begonnen hat. Es ist einfach zu riskant und die Bewachung durch Hotte und Dieter ebenso. Wir dürfen durch nichts auffallen.“ meinte Tom. „Na gut, wie Sie meinen. Wenn Sie sich ohne Sender wohler fühlen, dann soll es eben so sein. Aber ich bestehe darauf, dass Sie mir regelmäßig per Handy Bericht erstatten und ihren momentanen Aufenthaltsort durchgeben!“ sagte Anna entschieden. „Ist in Ordnung Chefin!“ „Ich will über jede Kleinigkeit, über jede Veränderung, einfach über alles informiert werden! Ansonsten helfe ich Ihnen natürlich soweit ich kann. Versuchen Sie vor allem irgendwie herauszufinden, wer der Boss der Bande ist! Ich wünsche Ihnen viel Glück und passen Sie auf sich auf!“ „Danke Chefin, das werden wir!“ antworteten beide wie im Chor. „Achja, ehe ich es vergesse.“ Sie zog aus ihrer Tasche einen Autoschlüssel hervor und warf ihm Semir zu. „Es wäre wohl zu auffällig mit Ihrem Mercedes oder BMW zu fahren. Ich konnte einen alten VW auftreiben. Erschrecken sie bitte nicht, es ist nicht mehr das neueste Modell, aber wie gesagt, das Auto ist unauffälliger.“ Semir sah den Schlüssel skeptisch an. „Na das kann ja was werden! Tom, willst nicht lieber du fahren?“ „Ne, ne, ich will dir ja nicht den Spaß nehmen!“ grinste er. Sie bedankten sich noch einmal bei der Chefin und machten sich schließlich auf den Weg.

  • Auf einem großen und belebten Platz in der Kollstraße hielten sie an und stellten den VW ab. Es war schwer bei den vielen Autos einen geeigneten Parkplatz zu finden, aber nach kurzem Suchen und mehreren Runden hatten sie doch einen gefunden. „Na, dann kann es ja losgehen!“ Tom schlug die Tür zu und ging zu Semir, der gerade mühsam versuchte das Auto abzusperren. „Mensch, Tom! Dieses Auto hat nicht mal noch einen Funkschlüssel! So etwas dürfte gar nicht mehr auf der Straße zugelassen sein!“ ärgerte er sich. Tom grinste nur und betrachtete währenddessen den großen Platz mit den vielen Menschen. „Wie sollen wir denn hier diesen Herrn Kuhn finden? Hier laufen ja hunderte von Leuten herum!“ stöhnte Semir, der es endlich geschafft hatte das leicht verrostete Schloss abzusperren.
    „Komm schon! Jammern kannst du später auch noch, schauen wir uns doch mal um.“ gab Tom zurück. Die Beiden betraten den großen Platz und gingen ein Stückchen die Straße entlang. Hier waren dutzende Geschäfte, sowieso zahlreiche Restaurants und Lokale zu finden. Mehrere gutgekleidete Leute kamen ihnen mit vollen Einkaufstaschen entgegen und warfen ihnen oft abschätzige Blicke zu, andere warteten bei Haltestellen auf Straßenbahnen oder Busse um zum gewünschten Ziel zu gelangen. Sogar die U-Bahn und mehrere Schnellzüge hatten hier eine Station.
    „Und was jetzt?“ fragte Tom. „Wir warten einfach!“ Semir ging auf eine der Haltestellen zu, breitete eine, mit Löchern übersäte, Decke aus und setzte sich auf den Boden. „Wir warten, beobachten die Leute und hoffen, dass wir Herrn Kuhn unter ihnen entdecken!“ Tom sah ihn verwundert an und starrte auf die Decke. „Wo hast du die denn her?“ Semir grinste ihn an. „Die hat mir Andrea mitgegeben. Ist bei uns im Keller gelegen und haben anscheinend die Mäuse etwas angeknabbert.“ „Ihr habt Mäuse in eurem Haus?“ „Tom, jetzt tu nicht so, als hättest du noch nie welche gehabt. Halt einfach die Klappe und setzt dich her! Vergiss nicht, wir sind Penner!“


    Der Tag verging, es wurde dunkler und auch zusehends kälter. „Was meinst du, Tom? Brechen wir das Ganze ab und fahren nach Hause? Mir ist nämlich saukalt und wir sitzen hier schon den ganzen Tag rum.“ Semir wurde langsam ungeduldig. „Mir wäre es lieber, wenn wir noch etwas warten würden.“ „Vielleicht hat uns dieser Philip auch angelogen. Wer garantiert uns, dass dieser Bengel die Wahrheit gesagt hat?“ In diesem Moment war Tom eine bestimmte Person aufgefallen. „Semir, schau mal, da vorne! Könnte er das sein?“ Neugierig blickte Semir in die Richtung, die Tom ihm zeigte. Er sah eine, etwa 40 Jahre alte Person, die eine aufgebauschte, alte Hose und einen schäbigen, abgetragenen Sweater trug. Außerdem trug der Mann eine alte, abgenutzte Mütze. „Tom, du hast Recht! Ich glaube, das ist er!“


    Tom wollte gerade etwas sagen, als der Mann bereits in ihre Richtung blickte und sie anstarrte. Durch ihr schäbiges Aussehen schienen sie hier unter all den eleganten und gutgekleideten Leuten wirklich aufzufallen. Der Mann ging nun in langsamen Schritten auf sie zu und musterte die Beiden. „Seid wohl neu hier, was?“ fragte er. „Ja, ich dachte, ich komme mal hier her um zu sehen, ob der Platz mehr Kohle einbringt.“ antwortete Tom und versuchte dabei so gut es ging seine Stimme zu verstellen. „Was der hier will,“ er zeigte auf Semir, „weiß ich nicht. Hab ihn selbst erst vor ein paar Minuten kennen gelernt.“ Tom und Semir hatten beschlossen, dass es wohl besser wäre, wenn sie sich lieber nicht kennen würden und so tun, als hätten sich beide heute zum ersten Mal getroffen. „Ich bin auch auf der Suche nach etwas Kohle. Sind Sie von dieser Gegend hier?“ fragte nun Semir. Der Mann nickte. „Dann kennen Sie sich hier ja sicher aus. Wissen Sie, ob hier jemand einen Job anbietet, bei dem man sich leicht etwas verdienen kann?“ fuhr er fort. Der Mann kratzte sich mit seinen Fingern an der Wange und schien kurz zu überlegen. „Hm, ihr seht wirklich so aus, als könntet ihr etwas Geld dringend gebrauchen. Vielleicht hab ich tatsächlich etwas für euch. Kommt drauf an, was ihr denn dafür tun würdet.“ „Och, also ich wäre eigentlich für alles offen.“ antwortete Semir sofort. „Ich auch.“ fügte Tom hinzu. „Das hört sich gut an! Wirklich gut! Und der Boss bezahlt auch großartig, für euch könnte eine Menge Geld dabei herausspringen. Mit wem habe ich denn die Ehre?“ „Raffael Fuchs!“ antwortete Tom und schüttelte dem Mann die Hand. „Adrian Kraus!“ sagte Semir und gab ihm ebenfalls die Hand „Und wer sind Sie?“ „Nennt mich einfach Norbert, mein Nachname ist nicht wichtig.“ gab der Mann als Antwort. Tom wurde hellhörig, anscheinend hatten sie wirklich Glück und niemand geringerer als Norbert Kuhn stand vor ihnen. Also hatte Philip doch die Wahrheit gesagt. „Wissen Sie Norbert, ich wäre Ihnen wirklich sehr dankbar, wenn es etwas gäbe, bei dem man Kohle machen könnte. Ich würde wirklich alles dafür tun!“ wiederholte Semir nochmal um zu zeigen, wie ernst es ihm war. „Und ihr seid bereit alles dafür zu tun, egal was ich euch sage?“ „Ja!“ war Semirs Antwort. Norbert nickte. „Na dann kommt mal mit!“
    Semir und Tom folgten ihm. Dabei warfen sie sich kurz einen Seitenblick zu und beide wussten, was der andere dachte. Der erste Teil war geschafft. Sie hatten nach dem langen Warten heute Kontakt zu Norbert Kuhn, jetzt war der nächste Schritt an der Reihe.

  • Norbert ging mit ihnen die Treppen Richtung U-Bahn hinunter. Neben dem U-Bahn-Tunnel befand sich eine kleine Tür. Mit einem Wink gab er beiden zu verstehen den Raum zu betreten. Tom und Semir waren erstaunt wie groß der Raum, im Vergleich zu der kleinen Tür eigentlich war. Der Raum schien als Abstellraum zu dienen. Kübel, Besen, Putzmittel, Fässer, Kabel, Absperrungshüttchen und Bänder, sowie mehrere Tische waren darin untergebracht. An einem davon saßen fünf Männer, die nun aufsahen und neugierig zu ihnen blickten. Erst beim zweiten Hinsehen stellte Tom erschrocken fest, dass die Männer alle bewaffnet waren. An Semirs Gesichtsausdruck konnte er sehen, dass auch er es bemerkt hatte. ‚Ok, ruhig bleiben!’ mahnte er sich und atmete tief durch. Hinter ihnen schloss Norbert die Tür und sperrte sie mit einem Schlüssel ab. „Hey! Wieso sperren Sie uns ein?“ fragte Semir verwundert. „Keine Angst, das ist nur damit keine anderen Leute hier herein kommen. Euch geschieht schon nichts.“ beruhigte ihn Norbert. Trotzdem war er ein bisschen nervös.
    Norbert schob Tom und Semir weiter nach vor. „Darf ich vorstellen: Das sind Raffael Fuchs und Adrian Kraus. Die Beiden wollen bei uns einsteigen!“ erklärte er den Männern am Tisch. „Hallo…“ murmelten diese als Antwort. In diesem Augenblick verkrampfte sich Tom unwillkürlich, ihm war ein schrecklicher Gedanke gekommen! Wenn das wirklich die Bande, oder zumindest ein Teil der Bande sein sollte, die für die Überfälle auf die Raststätten verantwortlich war und die Semir und er verfolgt hatten, dann erkannten diese Männer sie womöglich wieder und wussten, dass sie Polizisten waren. Angespannt sog Tom die Luft ein und wartete auf eine Reaktion, doch es kam keine. Seine Befürchtungen schienen umsonst gewesen zu sein, die Leute haben sie nicht wiedererkannt. Erleichtert stieß er die Luft wieder aus. Das war ja knapp, an so etwas hatten sie gar nicht gedacht!
    „Wartet einen Moment, ich muss erst mit meinen Kollegen besprechen, ob wir euch überhaupt bei uns aufnehmen dürfen.“ bat Norbert sie und bot ihnen zwei Sitzplätze an, die allerdings von den restlichen Tischen weiter entfernt standen, sodass Semir und Tom in dem großen Raum nicht hören konnten über was die fünf Männer sprachen. „Setzt euch ruhig, es könnte etwas länger dauern.“ Semir und Tom nickten und setzten sich während Norbert zu seinen Kollegen ging und heftig mit ihnen zu diskutieren begann. „Hast du auch so ein komisches Gefühl?“ fragte Semir leise flüsternd Tom. Dieser nickte. „Irgendwie ist mir nicht ganz wohl bei der ganzen Sache.“ „Wir müssen nachher unbedingt die Chefin anrufen!“ erinnerte Semir. „Stimmt, müssen wir. Sie reißt uns sonst den Kopf ab, wenn wir uns nicht daran halten und uns nicht regelmäßig melden.“ grinste Tom. „Oja, das würde ich aber gern vermeiden!“ gab auch Semir grinsend zurück.

  • Endlich erhob sich Norbert wieder von seinem Platz und ging auf die beiden Kommissare zu. „Wir können tatsächlich noch einige Leute gebrauchen. Allerdings wollen wir zuerst sehen was ihr so drauf habt, bevor ihr euch uns anschließt. Hattet ihr schon einmal eine Pistole in der Hand?“ wollte Norbert wissen. Tom und Semir warfen sich einen flüchtigen Blick zu und mussten bei der Frage fast grinsen, verkniffen es sich aber und nickten. „Sehr gut! Habt ihr damit auch schon geschossen? Könnt ihr mit so einem Ding umgehen?“ „Klar! Nichts leichter als das!“ antwortete Semir, auch wenn ihm die Fragen, die Norbert stellte, überhaupt nicht gefielen. „Du auch?“ er wandte sich zu Tom. „Sicher!“ „Das ist gut, nun dann sehe ich gar keine Probleme beim Ausführen des Auftrags. Ich habe vorhin mit unserem Boss gesprochen. Ihr sollt für ihn eine Kleinigkeit erledigen, um zu sehen, ob ihr euch als würdig erweist bei uns in der Gang einzusteigen.“ klärte Norbert sie auf. „Wie heißt denn der Boss? Können wir nicht persönlich mit ihm reden?“ fragte Semir und versuchte an Informationen heranzukommen. Norbert sah ihn verständnislos an, blickte dann zu seinen Gangkollegen und alle begannen laut zu lachen. „Habt ihr gehört, was der Kleine gesagt hat? Mensch, ihr seid wohl wirklich Neulinge.“ Er lachte noch immer und konnte sich nur langsam wieder beruhigen. „Was ist denn daran so witzig? Und was sollte ‚der Kleine’??“ wollte Semir wissen, der es überhaupt nicht mochte, wenn man Anspielungen auf seine Größe machte. Hilfesuchend sah er zu Tom, der nur die Achseln zuckte. Beide standen etwas ratlos da und wussten nicht so recht, wie sie sich verhalten sollten.


    „Tut mir Leid, aber ihr seid wirklich komisch. Ihr glaubt doch wohl nicht im Ernst, dass der Boss soviel Zeit hat um sich mit euch zu beschäftigen, und Namen werden im Normalfall ohnehin keine verraten, man kann ja nie wissen.“ erklärte Norbert, nachdem er sich halbwegs wieder beruhigt hatte. „Also zurück zum Geschäft, und ihr würdest wirklich alles tun, egal was ich jetzt sage?“ wiederholte er seine Frage. „Ja, alles, egal was sie sagen.“ antwortete Tom, der bereits mit Schrecken ahnte, worum es gehen könnte. Sie mussten aber mitspielen und so tun, als wäre ihnen alles vollkommen gleichgültig nur um irgendwie an Geld zu kommen. „Nun ja, es geht um Mord. Traut ihr euch das zu? Der Boss verlangt von euch eine bestimmte Person aus dem Weg zu räumen. Wie ist dabei vollkommen egal. Seid ihr dabei oder ist euch das zu steil?“ „Mord?“ wiederholten Semir leise und Tom musste unwillkürlich schwer schlucken. Er hätte sich gewunschen mit seiner Vermutung falsch zu liegen. Obwohl beide angestrengt versuchten sich nichts anmerken zu lassen, so wurden sie trotzdem um eine Spur blasser im Gesicht.
    „Wer soll es denn sein?“ fragte Tom etwas unsicher. Er wollte es eigentlich gar nicht wissen. Egal was jetzt als Antwort kommen würde, ihm gefiel der Gedanke überhaupt nicht, aber er versuchte durch diese Frage ihre Verwunderung etwas zu überspielen. „Der Boss hatte vor langer, langer Zeit einmal Probleme mit einer, damals recht jungen, Polizistin und würde sich jetzt gerne endlich an ihr rächen.“, begann Norbert zu erzählen, „sie ist heute die Dienststellenleiterin der Kripo Autobahn Köln und heißt: Anna Engelhardt. Tötet sie und ihr seid in unserer Bande herzlich willkommen! Ich werde euch morgen Früh natürlich begleiten und unterstützen, aber ich kann euch schon mal sagen, dass ihr als Belohnung eine Menge Geld dafür bekommen werdet!“

  • Tom und Semir sahen sich wie erstarrt an und glaubten sich verhört zu haben. Die letzten Worte versetzten ihnen einen ordentlichen Schock. Auch das noch. Ausgerechnet die Chefin, wie sollten sie ihr das nur erklären? „Ist alles in Ordnung?“ fragte Norbert mitfühlend, als von den Beiden plötzlich nichts mehr kam. „Nein, nein, alles okay. Ich habe nur kurz überlegt.“ winkte Tom ab und schluckte trocken. „Also ich bin dabei!“ „Ausgezeichnet, was ist mit dir Adrian?“ „Es wird kein Problem sein! Wie sollen wir vorgehen?“ wollte Semir wissen. „Nun, das ist eure Aufgabe. Ich möchte, dass ihr zusammen arbeitet und zusammen einen Plan entwerft. Beweist uns, was ihr könnt! Beweist uns, warum wir euch bei uns aufnehmen sollten. Es ist mir egal, wie ihr es anstellt, wichtig ist nur, dass es klappt. Bedenkt aber, dass ihr vorsichtig vorgehen müsst. Engelhardt ist Polizistin und wo sie ist, sind auch ihre Kollegen. Ich möchte nicht, dass wir hinterher die Bullen am Hals haben! Gibt es noch Fragen?“ Beide schüttelten den Kopf. „Gut, dann fangt an. Ihr habt nur wenige Stunden Zeit“ „Ich bräuchte allerdings kurz etwas frische Luft um mir einen guten Plan auszudenken.“ meinte Tom. Norbert nickte ihm zu. „Meinetwegen, ihr könnt gehen. Der Schlüssel steckt, aber beeilt euch. Ich möchte, dass ihr so schnell wie möglich wieder hier seid und passt auf, dass euch niemand folgt! Unser Versteck darf unter keinen Umständen auffliegen!“ Beim letzten Satz sah er beide eindringlich an. „Verstanden?“ Die Beiden nickten und verschwanden.


    Einer der Männer ging auf Norbert zu: „Wo wollten die beiden Neuen denn hin?“ „Ich weiß es nicht, ist mir im Moment auch egal.“ gab Norbert zurück. „Traust du ihnen denn?“ wollte der kräftige Mann wissen. „Natürlich nicht Martin, aber noch sind sie ja keine Mitglieder.“ „Aber gerade deswegen ist es doch komisch, dass sie gleich wieder verschwinden.“ gab der Mann zu bedenken. „Ich weiß, aber ich möchte ihnen eine Chance geben. Sie sind neu und kennen die Regeln noch nicht. Ich möchte ihnen heute Zeit geben um sich einzugewöhnen. Bis jetzt glaube ich nicht, dass sie uns gefährlich werden könnten. Sie sahen wirklich so aus, als wäre ihnen jedes Mittel recht um an Geld ranzukommen.“ Martin nickte. „Vielleicht hast du Recht. Die Beiden könnten wahrscheinlich noch sehr nützlich sein, immerhin brauchen wieder mehr Leute, vor allem jetzt, nachdem Philip geschnappt wurde.“ „Philip“ stieß Norbert verächtlich aus, ehe er weitersprach. „So ein Taugenichts, der war ein Fehlgriff, aber glaube mir, die beiden Neuen sind besser.“ sagte Norbert überzeugt. „Trotzdem, irgendetwas beunruhigt mich. Ich habe das Gefühl, als hätte ich zumindest einen von den Zweien schon einmal gesehen, aber ich kann es nicht mit Sicherheit sagen.“ „Warten wir erstmal ab, Martin. Wir werden ja sehen wie sich die Neulinge morgen anstellen. Sollte etwas schief gehen, dann werden sie mich so richtig kennen lernen! Viel Zeit haben wir leider nicht, wie du weißt, werden wir demnächst wieder auf dem nächsten Rastplatz zuschlagen.“


    „Tom, wir haben ein Problem!“ stellte Semir fest, als sie endlich wieder an der frischen Luft waren. Es war bereits dunkel, dennoch waren unzählige Leute unterwegs. „Das hab ich auch schon bemerkt, du Schlaumeier!“ erwiderte Tom. Er seufzte und starrte auf den Boden. „Mein Gott…stell dir vor diesen Auftrag hätte jemand anderer bekommen und nicht wir. Die Chefin hätte keine Ahnung gehabt, dass sie in Gefahr schwebt. Mit so etwas hätten wir doch nie gerechnet.“ Semir nickte nur stumm. „Und was machen wir jetzt?“ fragte Tom weiter. „Wir brechen das Ganze ab!“ antwortete Semir entschlossen. „Aber Semir, da müssen wir jetzt durch! Wir sind auf dem besten Weg die Bande dingfest zu machen. Da müssen wir uns halt etwas einfallen lassen.“ „Sag mal Tom spinnst du?! Soll ich die Chefin anrufen und ihr sagen, dass sie das nächste Opfer dieser Bande ist und wir gerade erfahren haben, dass unser erster Auftrag darin besteht, sie umzubringen?!“ gab Semir aufgebracht zurück. „Haben wir denn eine andere Wahl?“ Semir seufzte. „Du hast ja Recht, aber das erklärst du der Chefin!“ Er hielt Tom sein Handy entgegen. „Na klar, die Drecksarbeit darf immer ich erledigen.“ antwortete Tom gespielt beleidigt. „Jetzt tu nicht so, ruf endlich an! Wir haben nicht so viel Zeit.“
    Tom nickte, nahm das Handy und wählte Annas Nummer.

  • „Engelhardt.“ hörte man am anderen Ende der Leitung jemanden sagen. „Hallo Chefin. Tom hier. Wir haben es geschafft diesen Norbert Kuhn zu finden. Er hat uns zu seinem Versteck mitgenommen. Es befindet sich hier in der Kollstraße, unten bei der U-Bahn, da gibt es eine kleine Tür, die der Eingang zu einem größeren Raum ist.“ berichtete er der Chefin. „Sehr gut meine Herren. Ich bin stolz auf Sie beide! Bleiben Sie dran und halten Sie mich auf dem Laufenden.“ „Äh, Chefin, es…nunja…es gibt aber ein kleines Problem.“ erklärte Tom umständlich. „Was jetzt schon?!“ Tom konnte förmlich sehen, wie sie die Augen verdrehte. „Worum geht’s denn?“ wollte sie wissen. „Naja, also…um in die Bande aufgenommen zu werden, müssen wir…es gibt da einen kleinen Aufnahmetest zu bestehen…“ druckste Tom herum. Er wusste nicht, wie er es am besten sagen sollte. „Und? Weiter?“ „Die Bande wünscht etwas…“ „Ja, und, was wünscht die Bande? Jetzt lassen Sie sich doch nicht alles aus der Nase ziehen Tom!“ Anna wurde langsam ungeduldig. Hilfesuchend sah Tom zu Semir, der nur die Schultern zuckte. „Jetzt sag’s ihr einfach!“ meinte er. „Du hast leicht reden, du telefonierst ja nicht mit ihr.“ zischte Tom bissig zurück und hielt dabei die Sprechmuschel mit seiner Hand zu. Tom holte noch einmal tief Luft, ehe er fort fuhr. „Ihren Tod Chefin...glauben Sie, wir schaffen es, dass irgendwie glaubhaft zu inszenieren?“ fragte er gleich weiter, ohne Anna zu Wort kommen zu lassen. Doch von Anna kam ohnehin nichts mehr.

    „Ihr habt den Befehl mich umzubringen?“ fragte sie nach ein paar Sekunden fassungslos „Ja, ich glaube der Anführer der Bande hat Herrn Kuhn damit beauftragt uns zu testen. Sie wollen wissen, was wir können. Wir müssen alles selbst planen und sollen zusammen arbeiten.“ erklärte Tom. „Aber, wieso gerade ich? Was hab ich denn getan?“ kam, noch immer leicht geschockt, von Anna. „Der Boss, wer auch immer das ist, will sich an Ihnen rächen, weil Sie ihm vor einigen Jahren bei der Durchführung eines Geschäftes anscheinend in die Quere gekommen sind. Mehr wissen wir leider auch nicht.“ „Hm, vielleicht kann uns diese Information aber weiterhelfen. Dann müsste er ja bei uns in der Kartei gespeichert sein.“ überlegte Anna. „Warten Sie kurz, ich gebe nur schnell Petra Bescheid.“
    Tom hörte, wie sie mit Petra sprach und sie darum bat die Akten mehrerer alter Fälle auszugraben bei denen sie involviert war. Dann wandte sie sich wieder dem Hörer zu. „Okay Tom, Sie haben mich überzeugt. Es ist zwar gefährlich, aber ich spiele mit. Wie lange haben wir denn Zeit um uns etwas einfallen zu lassen?“ „Norbert hat von morgen Früh gesprochen. Er wird uns aber dabei beobachten, das heißt wir müssen morgen eine ziemlich gute Show abliefern.“ gab Tom zu bedenken. „Gut, können Sie in die PAST kommen, damit wir alles besprechen? Lassen Sie sich etwas einfallen, um von dort zu verschwinden! Ich werde in der Zwischenzeit alles vorbereiten.“ „Es wird sicher nicht einfach, wir dürfen schließlich keinen Verdacht erwecken und nicht zu oft verschwinden, aber wir werden es versuchen Chefin.“ versprach Tom und legte auf. Semir hatte die ganze Zeit zuhören können, da Tom den Lautsprecher eingeschaltet hatte. „Siehst du Semir, so macht man das! Es hat gar nicht lang gedauert und die Chefin war damit einverstanden.“ grinste Tom. „Ja, wirklich gut gemacht! Ich hoffe du wirkst bei Norbert genauso überzeugend, wenn du ihm gleich erzählen wirst, dass wir nur noch kurz zur PAST fahren. Viel Glück dabei!“ grinste er ihn ebenfalls an. Tom sah ihn verwundert an. „Hey, so war das aber nicht gemeint.“ Dann gingen beide wieder zu dem versteckten Raum in dem U-Bahn-Tunnel zurück.


    Anna legte den Hörer auf die Gabel zurück und stöhnte kurz bei dem Gedanken am nächsten Tag „tot spielen“ zu müssen. Eigentlich war das Ganze total verrückt und sehr gefährlich. „Wie konnte ich mich nur wieder überreden lassen da mitzumachen? Wieso gebe ich immer nach?“ ärgerte sie sich. Wenn ihre beiden Kommissare schon so draufgängerisch sind, dann müsste doch wenigstens sie vernünftig genug sein und ihnen so etwas ausreden. Aber tief in ihrem Inneren wusste sie auch, dass es keine andere Möglichkeit gab. Sie wollen diese Bande fassen und darauf musste sie sich jetzt konzentrieren. Gleichzeitig erschreckte sie die Tatsache, dass jemand ihren Tod will. Sie überlegte um wen es sich handeln könnte, wer der Anführer dieser Bande sein könnte. Wenn dieser ‚jemand’ damals verhaftet werden konnte, dann müsste es eigentlich jemand sein, der erst seit kurzem wieder auf freiem Fuß ist. Aus Erfahrung wusste sie, dass Verbrecher, die so hasserfüllt waren, dass sie diejenigen, die für ihre schlechte Lage verantwortlich waren, unbedingt töten wollten, mit ihrer Rache nicht lange warten würden. Aber vielleicht irrte sie sich auch, schließlich gab sie auf. Als Polizistin hatte man einfach zu viele Feinde, es konnte so gut wie jeder sein, mit dem sie irgendwann einmal etwas zu tun gehabt hatte. Sie ließ sich von Petra eine weitere Tasse Kaffee bringen und machte sich an die Arbeit. Es würde eine lange Nacht werden.

  • Als Semir und Tom wieder im Versteck ankamen, zeigte ihnen Norbert ihren Schlafplatz. Erst jetzt bemerkten die zwei, dass es noch einen weiteren Raum gab. Norbert führte sie in ein kleines Zimmer, in dem sich mehrere alte Matratzen und Decken am Boden befanden. „Hier werdet ihr heute schlafen! Wir lassen euch nicht auf der Straße sitzen.“ er lächelte und deutete auf zwei Matratzen. „Danke.“ antwortete Tom. Dann versuchten sie Norbert einzureden, dass sie dringend noch einmal weg müssten um etwas Wichtiges für den morgigen Mord an der Polizistin zu besorgen. Gespannt warteten sie auf Norberts Reaktion, doch er lächelte ihnen nur entgegen und nickte. „Wie ihr wollt. Wenn ihr meint ihr braucht noch etwas, dann geht. Ihr müsst es ja schließlich vorbereiten und planen.“ „Es dauert auch nicht lange.“ fügte Semir hinzu, als er merkte, dass es Norbert anscheinend ganz und gar nicht passte, dass sie schon wieder verschwanden.
    Schließlich verließen die Beiden den Raum wieder und fuhren mit dem alten VW zurück zur PAST. „Läuft ja besser als ich dachte.“ murmelte Tom, der diesmal am Steuer saß, laut vor sich hin. „Was ist daran gut, wenn wir die Chefin umbringen sollen?“ fragte Semir etwas irritiert. „Naja, das nicht…aber ich meinte, dass wir gleich aufgenommen wurden oder halt kurz davor sind aufgenommen zu werden. Norbert hätte uns ja auch wieder wegschicken können.“ „Ich weiß nicht so recht Tom. Mir ist nicht so ganz wohl bei der Sache. Norbert schien mir fast etwas zu nett zu sein. Aber ich glaube, er spielt uns was vor. Wir sollten lieber nicht zu oft verschwinden.“ meinte Semir nachdenklich. Nervös drehte er sich um uns sah aus dem Fenster. „Bist du dir sicher, dass uns niemand folgt?“ fragte er erneut. „Nein, das hätte ich bemerkt. Ganz sicher nicht. Ich habe auch ein mulmiges Gefühl aber was bleibt uns denn anderes übrig? Wir müssen einfach aufpassen, dann wird schon nichts passieren.“ beruhigte Tom ihn.
    Er bremste das Auto vor der PAST ab und parkte direkt neben dem Eingang. Während die Beiden das Gebäude betraten, sah sich Semir noch einmal unsicher um. „Mensch, Semir, mach mich nicht nervös. Es ist uns niemand gefolgt, glaub mir doch!“ wiederholte Tom seine Worte. „Ein bisschen Vorsicht schadet ja nicht.“ gab Semir leise murmelnd zurück.


    Anna kam Semir und Tom bereits entgegen. Neben Petra, die damit beschäftigt war, unzählige Akten von älteren Fällen auszugraben und durchzublättern, war sie die einzige, die so spät noch in der PAST war. „Kommen Sie gleich in mein Büro, ich habe schon ein bisschen vorgearbeitet.“ Kurz darauf saßen sie Anna gegenüber. „Das ist ja ganz schön heftig, was sie da vorhaben. An diesen Gedanken muss ich mich erst noch gewöhnen.“ begann Anna und lächelte leicht. „Tut, mir Leid Chefin, aber wir können ja nichts dafür. “ „Schon gut Tom, es wird schon funktionieren.“ „Hat Petra denn schon etwas herausfinden können?“ wollte Semir wissen. „Bis jetzt noch nicht, aber sie ist dran und arbeitet auch sehr fleißig. Ich habe ja versucht sie nach Hause zu schicken, aber ich bin mir sicher, dass sie nicht eher gehen wird, bevor sie nicht etwas gefunden hat.“ lachte Anna, dann fuhr sie ernster fort. „Ich habe früher viele Menschen verhaftet und Pläne durchkreuzt, das kann also so gut wie jeder sein.“ sagte sie leise. Eine kurze Pause entstand. „Und wenn das morgen gut geht, dann sind sie tatsächlich Mitglied dieser Überfallbande?“ „Das hat Norbert Kuhn zumindest gesagt.“ antwortete Tom. „Nagut, dann wollen wir ihnen morgen auch was Ordentliches bieten!“


    Anna stand auf, holte zwei kleinkalibrige Waffen aus einem Kästchen und reichte sie Tom und Semir. „Sie enthalten Platzpatronen.“ erklärte sie, als sie Toms und Semirs verwunderte Blicke bemerkte. „Sie werden mit diesen Pistolen auf mich schießen.“ Die Beiden nickten und nahmen die Pistolen entgegen. Anna setzte sich wieder und fuhr fort: „Also ich hab mir das folgendermaßen vorgestellt: Sie fahren mit Norbert zum „Strebersdorfer-Park“. Dort angekommen stellen Sie mir bei der Parkbank unter dem großen Haselnussstrauch eine Falle. Sie rufen mich, mit dem Vorwand eine Leiche gefunden zu haben, an. Da Herr Kuhn sicherlich darauf besteht, dass ich alleine kommen soll, werden Sie bei dem fingierten Anruf auch darauf bestehen, dass außer mir niemand kommt, weil Sie sich nicht sicher sind, ob es sich wirklich um eine Leiche handelt. Ich werde allerdings selbstverständlich Bonrath und Herzberger mitnehmen. Danach nehmen Sie einen Schlafsack und ein paar Decken, legen es auf die Parkbank und richten das Ganze so her, sodass es aussieht als würde eine Person darin liegen.“ Anna nahm einen alten Schlafsack und ein paar Decken aus einem Kasten und übergab die Sachen Semir. „Wow, Chefin ich bin sprachlos. Wo haben Sie denn das ganze Zeug her?“ fragte er neugierig. Anna lächelte leicht. „Nunja, wie ich schon sagte, ich habe bereits vorgearbeitet und unterstütze Sie soweit ich kann.“ „Danke Chefin!“ „Kein Problem, also schließlich brauchen Sie nur mehr zu warten bis ich beim Park bin. Am besten Sie verstecken sich hinter dem Gebüsch auf dem kleinen Hügel hinter der Parkbank. So haben Sie eine gute Sicht nach unten auf die „Leiche“ und werden mich auch sofort kommen sehen. Herr Kuhn ist damit sicher zufrieden. Der Park ist am Vormittag außerdem fast menschenleer, es wird also kein Problem sein Ihren Plan durchzuführen. Sobald ich mit Bonrath und Herzberger dort auftauche und mich über die vermeintliche Leiche bücke, schießen Sie und ich breche zusammen. Ich trage natürlich sicherheitshalber eine Schutzweste. Gleichzeitig bringe ich den Beutel mit roter Lebensmittelfarbe, den ich unbemerkt in Herzhöhe befestigt habe, zum Platzen. Et voila, es sieht so aus, als wäre ich tödlich verwundet worden. Bonrath und Herzberger werden ein bisschen schauspielern und kurz darauf kündigen sich die uniformierten Kollegen bereits mit Martinshorn an, das heißt ihr müsst fliehen, bevor sich Herr Kuhn von meinem Tod überzeugen kann. Meine Herren, was halten Sie davon?“


    Tom und Semir hatten die ganze Zeit gespannt zugehört, sahen sich jetzt kurz an. Ihr Mund stand vor Begeisterung offen. „Chefin, das ist großartig!“ meinte Tom. „Ja, besser kann man es gar nicht planen! Das klappt bestimmt! Chefin, Sie sind die Beste!“ lobte auch Semir. Anna lächelte. „Das höre ich gern. Heißt das Sie sind damit einverstanden?“ „Na klar!“ kam es fast zeitgleich von den Beiden zurück. „Gut, dann machen wir das so! Nun schauen sie aber, dass Sie wieder zu Herrn Kuhn kommen bevor dieser noch Verdacht schöpft, warum Sie denn solange weg sind.“ gab sie zu bedenken.
    Eine halbe Stunde später klopften die Beiden an der Tür im U-Bahn-Tunnel, woraufhin Norbert ihnen öffnete. Außer Norbert war anscheinend niemand mehr wach. Sie gingen zu ihren Matratzen und legten sich schlafen, auch wenn beiden klar war, dass sie aufgrund der Nervosität und Anspannung wahrscheinlich kein Auge zumachen könnten.

  • Am nächsten Morgen wurden Tom und Semir zeitig von Norbert geweckt. „Habt ihr euch überlegt wie ihr die Engelhardt am besten in einen Hinterhalt locken könnt? Wie gesagt, ich werde euch begleiten, aber den Rest müsst ihr schon selbst erledigen! Ich will heute sehen, was ihr so draufhabt!“ fragte er, nachdem sich ‚Raffael’ und ‚Adrian’ fertig gemacht hatten. „Ja, wir locken sie in den Strebersdorfer-Park mit dem Vorwand eine Leiche gefunden zu haben und werden sie dann dort überraschen.“ gab Semir zur Antwort. „Sehr gut, das könnte klappen…gut überlegt, wenn der Rest des Tages auch so super abläuft, dann werden ich und auch der Boss, mit euch sehr zufrieden sein. Also auf geht’s! Schnappen wir uns die Engelhardt!“ „Wir werden uns Mühe geben.“ „Das hoffe ich für euch.“
    Mit Norbert’s Auto fuhren sie zusammen zum Strebersdorfer-Park. Dort angekommen, atmete Tom noch einmal tief durch, nahm das Handy zur Hand und wählte Annas Nummer. Semir bereitete währenddessen die Falle vor und erklärte Norbert seinen Plan, so wie Anna ihn vorgeschlagen hatte. Norbert war damit einverstanden und lobte ihn für die mitgebrachte „Leiche“. „Sobald Frau Engelhardt sich über die ‚Leiche’ bückt, schießen wir.“ „Ausgezeichnet. Das gefällt mir! Wirklich sehr gut.“


    Anna zuckte zusammen, als das Telefon läutete. „Engelhardt.“ meldete sie sich. „Spreche ich mit Frau Engelhardt?“ fragte der Anrufer, obwohl Anna bereits ihren Namen genannt hatte. Anna verstand, Tom wurde beobachtet. Sie spielte mit und hörte sich an was „der Unbekannte“ zu sagen hatte. Nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, blickte sie in die fragenden Gesichter von Petra, Hotte und Dieter. „Es geht los!“ sagte sie nur und stand auf. Dieter und Hotte machten sich ebenfalls auf den Weg. „Ich hoffe nur es geht alles gut und Norbert schöpft keinen Verdacht!“ meinte Petra ängstlich. „Keine Sorge, das wird es!“ beruhigte sie Anna und verließ mit Hotte und Dieter die PAST.


    Norbert, Semir und Tom hatten sich in der Zwischenzeit hinter dem Gebüsch auf dem, von Anna beschriebenem, Hügel versteckt. Jetzt brauchten sie nur noch zu warten bis ihre Chefin kam. Obwohl laut Annas gut durchdachtem Plan eigentlich nichts schief gehen dürfte, so waren sie trotzdem sehr nervös und unruhig. Gespannt warteten sie in geduckter Haltung zusammen mit Norbert darauf, dass Anna den Park betrat. „Da! Sie kommt!“ flüsterte Norbert plötzlich und zeigte mit dem Finger auf eine Person, die sich langsam der Parkbank näherte. „Und zwei Bullen hat sie auch mitgebracht, na wie schön…“ stöhnte er. Tom und Semir blickten ebenfalls in die Richtung. Tatsächlich es war Anna. „Was machen wir mit den Bullen?“ fragte Semir Norbert. „Nichts Adrian, kümmert euch um Frau Engelhardt. Sobald der Schuss gefallen ist werden die Bullen ohnehin mehr als abgelenkt sein und wir können in Ruhe verschwinden.“ Semir nickte. ‚Na hoffentlich geht das gut.’ dachte er. Tom erwiderte seinen Blick und schien seine Gedanken zu teilen.


    Anna betrat mit flauem Gefühl im Magen den Platz. Alles war so ruhig. Außer dem Gezwitscher der Vögel hörte man keinerlei Geräusche. Annas Blicke tasteten die Umgebung ab und sie tat, als ob sie etwas suchen würde. „Herr Kern?“ rief sie immer wieder, es war der Name unter dem sich Tom am Telefon vorgestellt hatte. Anna hatte die fingierte Leiche zwar sofort gesehen, hielt es aber für zu auffällig gleich direkt darauf zuzugehen. „Herr Kern? Ich bins, Frau Engelhardt von der Autobahnpolizei…wo sind Sie denn?“ Mit langsamen Schritten ging sie vorwärts, Hotte und Dieter folgten ihr. Auch wenn sie äußerlich ziemlich ruhig und gelassen wirkte, so schlug ihr ihr Herz bis zum Hals. Gleich war es soweit. Gleich würde sie „tot spielen“ müssen und zudem mussten sie alle verdammt gut aufpassen um sich durch nichts zu verraten. Es musste einfach alles perfekt klappen!

  • Die Chefin kam der „Leiche“ immer näher, doch noch war sie für Norbert zu weit weg. Norbert wollte wie besprochen warten bis die Polizistin die „Leiche“ entdeckte und auf sie zukam, erst dann könnten „Adrian“ und „Raffael“ schießen und sie auch wirklich tödlich treffen. Er wusste nicht, ob die Beiden gute Schützen waren und wollte deswegen nicht riskieren, dass der Schuss womöglich ins Leere ging.
    Tom und Semir zogen langsam, und darauf bedacht keine Geräusche zu machen, ihre Waffe aus dem Holster und richteten sie auf Anna, gleich würde sie die „Schlafsack-Leiche“ entdecken.


    „Wartet!“ flüsterte Norbert plötzlich und lies die Beiden aufhorchen. „Gebt mir eure Waffen!“ sagte er bestimmt und sah sie fest an. Da Tom und Semir ihn nur fragend anschauten, fuhr er fort: „Ihr dürft mit meinen Waffen schießen! Ich möchte sichergehen, dass jetzt ja nichts schief geht, immerhin entscheidet es, ob ihr bei uns aufgenommen werdet oder nicht. Gebt mir eure kleinkalibrige Pistole und nehmt meine Pistolen!“ Er lächelte sie an und reichte ihnen zwei Waffen. „Was?!“ Tom und Semir sahen sich entsetzt an. Ihre Augen weiteten sich. „Nein, es geht schon, ich schieße gerne mit meiner Pistole.“ versuchte Tom das drohende Unheil abzuwenden, denn wenn die Waffen getauscht werden würden, dann würde das bedeuten, dass sie mit echten Kugeln auf Anna schießen mussten. „Ich auch, die bin ich schon so gewohnt!“ fügte Semir hinzu und lächelte gequält. Doch Norbert schüttelte nur den Kopf und bestand auf den Waffentausch. Die Beiden hatten keine Wahl, es wäre mehr als schlecht für ihre Situation gewesen, wenn sie ausgerechnet jetzt, wo doch Anna schon so nah bei ihnen war, mit Norbert über die Waffen zu diskutieren begannen. Resigniert ließen sie sich von Norbert die anderen Pistolen geben.


    „Zielt auf ihren Kopf, das ist am sichersten! Es muss schnell gehen! Sie darf nicht flüchten!“ befahl Norbert. ‚Na super!’ dachte sich Semir, ‚jetzt geht natürlich wieder alles schief was nur schief gehen kann’. So unauffällig wie nur möglich stieß er Tom, der am Rand saß, mit dem Ellbogen an und brauchte ihn nur anzusehen. Tom wusste sofort was er meinte und nickte. Vorsichtig zog er sein Handy aus der Tasche und rief Anna an. Er musste sie warnen, mit diesen Pistolen konnten sie auf keinem Fall auf sie schießen, es wäre zu riskant und war außerdem nicht abgesprochen. Gleichzeitig beobachtete er Anna um zu sehen was sie tat, doch sie ging nicht an ihr Handy ran. „Mist!“ fluchte er. Ein weiterer Blickwechsel genügte und Semir wusste, dass Tom keinen Erfolg hatte. Beunruhigt nahm Semir wahr, dass Anna die „Leiche“ scheinbar entdeckt hatte. „Tom, beeil dich! Schreib Hotte eine SMS oder tu irgendwas!“ flüsterte er flehend. Tom nickte hastig und widmete sich wieder seinem Handy. Kleine Schweißperlen bildeten sich auf Semirs Stirn und panisch sah er abwechselnd zu Tom und Anna.
    Norberts Augen hingegen leuchteten triumphierend auf: „Gleich haben wir dich!“ murmelte er. Er wandte sich Tom und Semir zu: „Seid ihr bereit?“ „TOM!“ Semir formte tonlos die Buchstaben mit seinen Lippen und sah seinen Partner an, der noch immer am Tippen war…

  • Hat jetzt leider etwas länger gedauert...:S...die letzten zwei Tage waren leider etwas stressig für mich...:S



    “CHEFIN!” schrie Hotte auf einmal. „Es ist eine Falle! Kommen Sie zurück!“ Erschrocken drehte sich Anna um, die sich gerade über den „Schlafsack“ beugen wollte und sah, wie Hotte auf sie zugelaufen kam. Irritiert schaute sie in die weit aufgerissenen Augen von ihrem Kollegen. „Aber…Herzberger, was…was soll das?!“ fragte sie verwundert, Hotte wusste doch von ihrem Plan. „Chefin, hauen Sie ab!“ schrie er nur.


    Semir sah verdutzt in Toms Augen, der ihm mit einem Nicken bestätigte, dass er es geschafft hatte Hotte eine Nachricht zukommen zu lassen. Für einen Bruchteil einer Sekunde atmete Semir erleichtert auf und schloss für einen Moment die Augen, bevor er sie wieder auf Anna, Hotte und Dieter richtete. Er hoffte, dass ihnen die Flucht gelingen würde.


    Norbert schreckte jetzt ebenfalls hoch. „Die haben uns entdeckt!“ entfuhr es ihm. „Verdammt! Die wollen abhauen!“ stellte er verärgert fest. „Los schießt!“ befahl er. Tom und Semir versetzte es einen eiskalten Stich ins Herz, als sie diese Worte hörten. Ratlos sahen sie sich an. „Ihr sollt schießen! Jetzt!“ wiederholte Norbert ungeduldig. Doch die Beiden reagierten nicht. „Sie will flüchten, macht was!“ Norbert wurde wütend. Unschlüssig saßen Tom und Semir da und wussten nicht recht was sie tun sollten. Die Situation war außer Kontrolle geraten. „Worauf wartet ihr?! Schießt!“ schrie Norbert jetzt schon fast. Als erneut keine Reaktion kam, riss er plötzlich beiden die Waffe aus der Hand. „Dann muss ich es eben selbst machen!“ murmelte er und richtete entschlossen eine Waffe auf Anna. Tom und Semir waren so überrascht, dass sie gar nichts tun konnten. Verzweifelt und entsetzt sahen sie auf die Pistole in Norberts Hand, dessen Lauf auf Annas Kopf gerichtet war.


    Anna, die Norbert schreien hörte, sah jetzt hoch, erblickte die Drei im Gebüsch und sah gerade noch wie Norbert die Waffe hob und auf sie anlegte. „WEG HIER!“ schrie sie nur und begann zu laufen. Hotte bremste stark keuchend abrupt und rannte dann in die Gegenrichtung. Dieter tat es ihm gleich.


    Norbert grinste siegessicher und spähte zwischen den Blättern hervor. „Nein, du entkommst mir nicht!“ ein hämisches Lachen war zu hören und im selben Moment fielen mehrere Schüsse. Anna schrie auf und stürzte zu Boden. „Nein!“ hauchte Tom und sprang auf um besser sehen zu können. Semir starrte ebenfalls ängstlich und wie gebannt auf Anna.

  • Anna war so erschrocken, dass sie aufschrie und vor Schreck stürzte. Sie verspürte einen heftigen Schmerz im rechten Oberarm. Eine der Kugeln hatte sie dort gestreift, die restlichen schlugen dicht neben ihr in den Boden ein. Hotte und Dieter waren sofort bei ihr uns starrten auf den blutenden Arm. „Geht schon…nur ein Streifschuss…“ stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen aus. Langsam rappelte sie sich wieder auf und gemeinsam flüchteten sie hinter den nächsten Baum. Gerade noch rechtzeitig, da bereits im nächsten Moment weitere Schüsse fielen…
    „Danke, das war knapp!“ Anna sog die Luft ein und lehnte ihren Kopf an den Baum. „Was ist denn bloß schief gelaufen? Wie konnte das passieren?“ fragend sah sie Hotte an. Dieser war vom vielen Laufen jedoch völlig außer Atem und musste erstmal genug Luft bekommen. „Tom…er hat mir eine SMS geschickt…die Waffen wurden…getauscht, Norbert…er, bestand darauf. Es waren echte Kugeln…in der Pistole…und, sie hatten den Befehl…auf ihren Kopf zu zielen…“ keuchte er. Anna seufzte. „Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn das Ganze ohne Probleme abgelaufen wäre.“ stöhnte sie und schloss für einen Augenblick die Augen. „Geht’s wirklich?“ fragte Dieter besorgt und sah auf den blutverschmierten Ärmel. „Ja, es schmerzt zwar, ist aber nicht schlimm.“ „Chefin, sollen wir zurückschießen?“ fragte Hotte unsicher. „Nein, Herzberger! auf keinen Fall! Tom und Semir sind auch da oben. Wir müssen schauen, dass wir von hier weg kommen!“


    „Verdammt! Sie ist nur hingefallen!“ schrie Norbert wütend, der sich schon freuen wollte. Tom und Semir hatten hingegen erleichtert aufgeatmet. Anna war nichts passiert. Wütend sah Norbert die Beiden an. „Was war das denn?! Habt ihr kalte Füße bekommen oder was?“ stieß er vorwurfsvoll aus. Sein Geschrei wurde allerdings von den herannahenden Sirenen der Polizeiautos übertönt. „Verflucht, die Bullen kommen bereits. Wir reden später weiter!“ Er stand auf und gab den Beiden ihre Waffen zurück. „Los kommt, wir müssen hier weg, bevor uns die erwischen!“ Schweigend und geknickt folgten sie ihm. Ihr Plan war kläglich gescheitert, was würde jetzt wohl passieren?


    Kurze Zeit später betraten die Drei wieder den U-Bahn-Tunnel. Kaum wurde die Tür zum Geheimversteck geöffnet, gab Norbert den beiden einen kräftigen Stoß und sie stolperten in den Raum. Zornig knallte er die Tür zu. „Ich hoffe, ihr habt eine gute Erklärung für diese Aktion von vorher!“ schrie er sie an. „Ich…ich…es tut mir Leid…“ stammelte Tom. Norbert ging auf ihn zu und schaute ihn mit funkelnden Augen an. „Es tut dir Leid? Das ist alles was dir dazu einfällt? Ich bin wirklich wütend! Wieso habt ihr nicht geschossen? Der Plan war doch wirklich gut ausgedacht!“ Sein Blick wanderte nun zu Semir. „Was war los?!“ er war außer sich vor Wut. Doch auch Semir schwieg und blickte zu Boden. „Der Plan hätte klappen müssen! Jetzt haben wir die Bullen aufgescheucht und nichts erreicht. Der Boss wird sich freuen, wenn er das erfährt…“ „Wenn ich was erfahre?“ zischte hinter ihm plötzlich eine tiefe Stimme. Norbert hielt inne und drehte sich erschrocken um. Auch Tom und Semir blickten neugierig in dieselbe Richtung. Ein großer und kräftiger Mann trat aus dem Schatten und stand plötzlich vor ihnen, gefolgt von mehreren Männern, die neugierig das Geschehen beobachteten. „Boss? Sie sind schon da? Ich dachte…also Sie wollten doch erst später kommen?“ Norbert, der eben noch lautstark geschrieen hatte, war auf einmal ziemlich leise. „Nun wie du siehst bin ich schon hier. Ich wollte die freudige Nachricht persönlich erfahren und bin deshalb gleich hier her gekommen. Außerdem wollte ich sehen, wie sich unsere Neulinge so machen.“ dann begann er breit zu grinsen „Ist sie tot?“ fragte er erwartungsvoll und seine Augen blitzten vor Vorfreude. „Tut mir Leid Sven…ich muss dich leider enttäuschen. Die Beiden haben es vermasselt.“ antwortete Norbert leise und deutete auf Tom und Semir. Das Glitzern in Svens Augen verschwand mit einem Schlag, stattdessen verfinsterten sie sich und starrten Tom und Semir drohend an. „Wie bitte?“ zürnte er. Semir schluckte unwillkürlich, jetzt würde es ihnen wohl an den Kragen gehen.

  • „Wir…wir wurden entdeckt, noch bevor wir schießen konnten…“ brachte Semir zu seiner Verteidigung hervor und hoffte, dass sich der Boss damit zufrieden geben würde. „War es denn so?“ Sven wandte sich an Norbert, der den Kopf schüttelte. „Sie wollten nicht schießen!“ antwortete dieser leise. „Sie wollten nicht schießen?“ wiederholte Sven fassungslos. „Was hast du denn da wieder für Weicheier angeschleppt? Und warum nicht?“ seine Stimme wurde noch wütender, klang plötzlich noch drohender als sie ohnehin schon war. Norbert zuckte mit den Schultern. Tom und Semir sahen sich nur ratlos an. Sie ahnten nichts Gutes. Sven sah nicht so aus, als würde er leicht verzeihen. Aber was hätten sie denn vorhin tun sollen? Sie hätten doch nicht mit scharfer Munition auf Anna schießen können! Beide rätselten in Gedanken wie sie sich aus dieser Sache wieder herausreden konnten.


    “Was wir hier brauchen sind Leute, die gut und zuverlässig arbeiten und vor allem fähig sind bestimmte unliebsame Leute aus dem Weg zu schaffen! Ich dulde keine Waschlappen, die sich davor fürchten von ihren Pistolen Gebrauch zu machen, noch dazu bei Leuten, die sie ja ohnehin nicht einmal noch kennen!“ schrie Sven Norbert an. „Aber ich wusste ja nicht…ich dachte, die Beiden…“ stammelte Norbert leise. Sven hob die Hand. „Verschone mich mit deinen Ausreden! Du wirst schließlich dafür bezahlt, dass du deinen Job gut machst! Bisher hast du das ja auch immer getan und warst ein treuer Partner auf den man sich verlassen konnte!“ „Es tut mir Leid Sven.“ entschuldigte sich Norbert leise. „Das ist schon das zweite Mal, dass du mich enttäuscht und mir hier blutige Anfänger anschleppst. Diese hier bestehen nicht einmal noch den Aufnahmetest. Und Philip haben die Bullen auch einkassiert, der sitzt sicher schon auf dem Polizeirevier und plaudert alles aus!“ fuhr Sven mit lauter Stimme fort. „Es wird nicht wieder vorkommen.“ „Das hoffe ich. Ich hab genug Leute, die deine Aufgabe übernehmen können!“ Norbert sagte nichts mehr und blickte zu Boden.


    Dann drehte Sven sich zu Semir und Tom. „Ich verachte Loser in meiner Bande!“ zischte er. „Und damit ihr seht, wie ernst es mir ist, zeigen wir euch, was wir mit Losern machen!“ Er grinste boshaft und nickte einigen seiner Männer zu. Wie auf Kommando traten zwei hervor und rammten Tom und Semir ihr Knie in den Rücken, sodass diese durch den kräftigen Stoss nach vorne fielen. Die Männer lachten. „Verbeugt euch vor dem Boss.“ höhnte einer. Kurz darauf wurden ‚Adrian’ und ‚Raffael’ von je zwei Männern an beiden Armen gepackt und brutal wieder hochgezogen. Tom versuchte sich dem eisernen Griff zu widersetzen, schaffte es jedoch nicht. „Hey, was soll das?!“ schrie Semir nun wütend und schlug um sich. Kurz darauf traf ihn Svens Faust im Magen und nach Luft japsend, ging er erneut in die Knie. Tom zuckte zusammen. Er wollte etwas sagen, ließ es dann aber bleiben. ‚Lasst euch bloß nicht anmerken, dass ihr Freunde seit!’ mahnte er sich. Besorgt sah er zu seinem Freund, der hörbar die Luft ausstieß.
    Sven bäumte sich vor Semir auf und riss ihn mit seinen kräftigen Armen wieder hoch. „Jetzt rede ich! Du hältst besser die Klappe und hörst mir zu! Verstanden?“ Semir wollte etwas erwidern, doch bevor er auch nur einen Ton herausbringen konnte, ließ Sven ihm einen weiteren Magenhaken zukommen. Er stöhnte auf. „Du sollst die Klappe halten!“ wiederholte der Boss bestimmt. Mühsam richtete sich Semir wieder auf und bemerkte dann Toms strengen Blick, der in etwa bedeutete, dass er sich zurückhalten solle. Er nickte und schwieg daher.


    „Wenn ihr euch uns anschließen wollt, dann müsst ihr euch schon was trauen und es fertig bringen einfache Aufträge auszuführen!“ „Aber, wir wollten ja nicht…“ begann Semir erneut. Im selben Moment schlug Sven Semir mit voller Wucht mit der Faust ins Gesicht. Tom schloss für einen Augenblick die Augen. Semir schrie auf und wollte sich instinktiv mit der Hand an die zu bluten beginnende Nase greifen, wurde aber von seinen Bewachern erbarmungslos festgehalten. „Ganz genau! Ihr wolltet nicht!“ schrie Sven. „Es war unser erstes Mal, wir waren nervös…bitte geben sie uns noch eine Chance…“ stieß Semir leise aus. Sven warf ihm einen finsteren Blick zu und Semir verstummte augenblicklich. Dann schien er zu überlegen. „Nagut, du scheinst ja unbedingt zu reden wollen, also bitte, dann erkläre mir doch einmal ganz genau was der Grund eures Versagens war und warum ich euch eine zweite Chance geben sollte?“ Doch Semir sah ihn nur schweigend an.

  • „Er ist Schuld!“ sagte Tom plötzlich mit fester Stimme und versuchte trotz festgehaltener Arme auf Semir zu zeigen. Dieser starrte ihn erschrocken an. Tom wusste selbst nicht so recht was er damit bezwecken wollte und auch, dass er damit riskierte, dass Semir erneut geschlagen wurde, aber irgendetwas musste er einfach tun. Irgendwie mussten sie es schaffen den Boss zu überreden ihnen eine zweite Chance zu geben. Sie waren schon so weit gekommen, es durfte jetzt einfach nicht scheitern.
    „Dieser Zwerg ist an allem Schuld! Hat mich abgelenkt und vollgequatscht!“ wiederholte er, als keine Reaktion kam. Mit einem unmerklichen Augenzwinkern forderte er Semir auf mitzuspielen. Semir verstand sofort. „Was ich?! Du hast wohl nicht mehr alle!“ schrie Semir zurück. „Achja? Wäre ich alleine gewesen, so hätte ich es locker geschafft! Aber du…“ „Ruhe!“ schrie Sven dazwischen. „Ich hatte jedenfalls nichts damit zu tun!“ fuhr Tom leise fort. Sven sah ihn fragend an. „Willst du damit sagen, dass dein Kumpel dich daran gehindert hat zu schießen?“ „Er ist nicht mein Kumpel! Ich kenne ihn doch gar nicht!“ empörte sich Tom. „Bis gestern habe ich den noch nie zuvor in meinem Leben gesehen! Aber ja, das will ich! Bitte lassen Sie es mich noch einmal versuchen. Alleine. Ich konnte doch nichts dafür.“ fuhr er fort. „Wenn ihr den Auftrag zusammen erhalten habt, und das habt ihr, dann müsst ihr aber auch zusammen arbeiten können, egal, ob ihr euch leiden könnt oder nicht!“ erklärte Sven wütend. Tom und Semir nickten fast gleichzeitig. „Okay, dann eben zusammen…aber bitte…lassen Sie mich beweisen was ich wirklich kann…“ versuchte Tom es erneut. „Lassen Sie uns beweisen, dass wir es können.“ fügte er noch schnell hinzu.


    „Und wer sagt mir eigentlich, dass du die Wahrheit sagst? Das es wirklich nur wegen einer Ablenkung schief gelaufen ist und nicht, weil ihr Schiss hattet?“ Er drehte sich zu Norbert. „Du warst doch dabei, stimmt das was er sagt?“ Norbert ging ein paar Schritte vor und blieb neben Sven stehen. „Nunja, die zwei haben tatsächlich über irgendetwas geredet kurz bevor die Engelhardt eintraf, aber ich konnte nicht hören worum es ging. Es war mir nicht so wichtig.“ gab er leise zu. „Sicher stimmt das! Adrian hat mich vollgequatscht, weil er anscheinend die Hosen voll hatte und so war ich abgelenkt!“ wiederholte Tom. „Lügner! Du hättest auch ohne mich nicht geschossen. Und selbst wenn, du hättest mit Sicherheit nicht getroffen!“ gab Semir zurück. „Oh doch, hätte ich und ich wette mit dir, dass ich zehnmal besser schießen kann, als du!“ „Das ich nicht lache! Ohne dich wäre diese Frau längst tot!“ „Ich glaube wohl ich hör nicht richtig. Du bist doch an allem Schuld! Zu feige um zu schießen!“ „Das reicht!“ Svens tiefe Stimme überschrie das Geschrei und ließ die Beiden aufhorchen. „Ok, beweist es! Ich gebe euch ausnahmsweise noch eine Chance! Aber ihr arbeitet zusammen und wehe ihr macht einen weiteren Fehler! Die Engelhardt muss sterben, egal wie, aber es muss geschehen, bis spätestens heute Abend!“ befahl der Boss. Tom und Semir sahen ihn überrascht an. „Ist das wirklich dein ernst?“ fragte Norbert, der genauso verwundert war. „Ja, ist es! Aber es ist die letzte!“ Dann wandte er sich wieder zu Semir und Tom, die sichtlich erleichtert waren. Mit einem Wink forderte er seine Handlanger auf die Beiden loszulassen. „Heute Abend ist die Engelhardt Geschichte…und wagt es nicht, es noch einmal zu vermasseln! Nächstes Mal werdet ihr es nicht überleben!“ stieß er drohend aus. Mit diesen Worten verließ er mit seinen Handlangern den Raum. Nur Norbert und ein weiterer Mann blieben zurück.


    „Ihr habt den Boss gehört, bis spätestens heute Abend! Wir haben jetzt frühen Nachmittag, also was schlagt ihr vor?“ fragte Norbert. „Ich brauche frische Luft, dann kann ich besser nachdenken!“ meinte Tom, nickte Semir unmerklich zu und verließ den Raum. „Wenn es unbedingt sein muss, aber sei rechtzeitig wieder da!“ rief ihm Norbert nach. Dann drehte er sich zu Semir. „Du, Adrian, solltest ihm besser folgen. Vergesst nicht, ihr sollt es gemeinsam erledigen! Und wasch dir dein Gesicht! Sieht ja grauenhaft aus!“ angeekelt drehte er sich weg. Semirs Gesicht sah furchtbar aus, seine Nase blutete immer noch. Semir nickte nur und versuchte Tom einzuholen. Er war froh über diesen „Befehl“, so musste er sich keine Ausrede einfallen lassen um von hier zu verschwinden.


    Nachdem ‚Adrian’ gegangen war, wandte sich Martin an Norbert. „Soll ich ihnen diesmal folgen?“ „Ja, diesmal kannst du. Nachdem der erste Auftrag gescheitert ist, bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob die zwei eine gute Wahl waren. Außerdem wird es langsam merkwürdig, dass sie schon wieder verschwinden. Raffael scheint ja immer von hier weg zu wollen.“ murmelte Norbert nachdenklich. „Seh ich genauso.“ bestätigte Martin. „Ich möchte, dass du Raffael und Adrian unauffällig folgst! Schau wohin die Beiden gehen, was sie machen und mit wem sie reden! Ich will wissen, ob ich ihnen zu 100% trauen kann! Verstanden?“ befahl Norbert. Der angesprochene Mann nickte und ging den Beiden langsam nach.

  • In der Unterführung, die unter der Schnellbahnstrecke durchführte, wartete Tom. „Geht es dir gut?“ fragte er besorgt, als er Semir erblickte. „Wieso kannst du nicht einmal deine Klappe halten? Lass mich mal sehen!“ Er musterte Semirs Gesicht. „Es ist nicht so schlimm Tom, ruf lieber die Chefin an!“ meinte Semir ausweichend und leckte sich das Blut von der Lippe. „Das hier sieht aber anders aus! Es ist jetzt schon angeschwollen und leicht bläulich.“ Tom nahm ein Taschentuch und wischte seinem Freund vorsichtig das Blut aus dem Gesicht. „Aua, das tut weh! Pass doch auf!“ maulte Semir. „Jetzt halt mal still, dann geht’s auch einfacher!“ forderte Tom ihn auf. „Ich mach ja gar nichts!“ „Was für ein Glück, dass Andrea nicht hier ist und dich nicht sehen kann. Die würde sicher einen Schreck bekommen und davonlaufen bei so einer Visage.“ lachte Tom. „Ha, ha witzig! Diesen Boss mach ich noch fertig! Wenn ich den in die Finger bekomm, dann...“ stieß er wütend aus. „So, jetzt siehst du zumindest nicht mehr ganz so verwahrlost aus.“ grinste Tom, nachdem er fertig war. „Danke.“ „Das war ja knapp vorhin! Gerade noch mal die Kurve gekratzt, was?“ „Das kann man wohl sagen. Sag mal Tom, wolltest du mich loswerden? Hast du gesehen, wie der Typ mich angesehen hat, nachdem du sagtest, ich wäre Schuld? Ich dachte schon, der springt mir gleich an die Gurgel.“ grinste Semir. „Tut mir Leid, ich wusste nicht so recht was ich tun sollte. Aber immerhin, wir haben erreicht was wir wollten, nämlich eine zweite Chance.“ „Ja, zum Glück und wir wissen, dass der Anführer mit dem Vornamen Sven heißt und auch ungefähr wie er ausschaut, das ist doch schon mal was.“ stellte Semir fest und holte sein Handy aus der Jackentasche. „Ich ruf gleich die Chefin an.“


    „Engelhardt.“ meldete sich kurz darauf Anna. „Semir hier!“ „Gott sei Dank, ich hab mir schon Sorgen gemacht. Wo sind Sie?“ wollte Anna wissen. „Es ist alles okay. Wir sind in der Kollstraße, auf diesem großen Platz. Wie geht es Ihnen? Ist Ihnen vorhin etwas passiert?“ „Nein, Semir. Es war nur ein Streifschuss, ist halb so schlimm. Das heilt wieder.“ beruhigte ihn Anna. „Es tut uns so schrecklich Leid! Wir konnten nichts tun, Norbert hat die Pistolen ausgetauscht.“ erklärte Semir traurig. „Schon gut, Hotte hat mir alles erzählt. Wie hat Norbert reagiert? Wie geht es denn jetzt weiter?“ „Es war nicht so schlimm, wir…“ Anna bemerkte das Zögern. „Semir! Was soll das heißen? Und lügen Sie mich jetzt bitte nicht an!“ fragte sie nach. „Nunja, ich wurde etwas bearbeitet, aber hauptsache wir sind nicht rausgeflogen…das ist doch das Wichtigste.“ gab er zu bedenken. „Ich hab’s gewusst, ich hätte diesen Einsatz niemals erlauben dürfen. Es ist viel zu gefährlich! Schauen Sie, dass Sie von dort wieder wegkommen, solange es noch geht!“ Annas Stimme klang besorgt. „Chefin bitte…Sie wissen doch, es geht nicht anders…außerdem können wir jetzt nicht mehr zurück.“ bettelte Semir. „Wir haben auch gute Neuigkeiten. Wir haben den Anführer getroffen! Er heißt mit Vornamen Sven, das hilft Petra bestimmt bei der Suche!“ fuhr er fort. „Das ist wirklich eine erfreuliche Nachricht!“ „Und noch etwas…es ist noch nicht vorbei…wir haben eine neue Chance bekommen…aber, das bedeutet, dass…“ Semir wurde immer leiser. „Nein, sagen Sie mir bitte nicht, dass wir das Ganze jetzt wiederholen müssen. Ich denke, einmal knapp entkommen reicht!“ Anna schien Semirs Gedanken zu erraten. Ein Seufzer war zu hören. „Doch Chefin…bitte…diesmal funktioniert es bestimmt!“ war sich Semir sicher. „Wir haben auch gar keine andere Wahl…diesmal muss es hinhauen, sonst haben wir ein ernsthaftes Problem.“ fügte Tom leise hinzu. „Na hervorragend! Gibt es sonst noch etwas, was ich wissen sollte?“ „Naja, es muss bis spätestens heute Abend geschehen. Am besten jetzt gleich…“ antwortete Semir zögernd. „Ihr treibt mich noch in den Wahnsinn! Irgendeine Idee wie wir es machen? Noch einmal könnt ihr mich nicht durch einen Anruf hinlotsen, das wäre zu auffällig, wenn ich erneut darauf reinfallen würde.“ gab Anna zu bedenken.


    Semir überlegte kurz, sah dann Tom an. „Ich glaube ich habe eine Idee. Was ist wenn wir die Chefin auf dem Rastplatz überraschen, der vorgestern von den Kerlen überfallen worden ist? Wir sagen Norbert, dass wir durch Zufall von einem Angestellten dort erfahren haben, dass die Engelhardt gerade dort ist, weil es noch Zeugen zu befragen gibt oder noch etwas untersucht werden muss, wie auch immer. Wir fahren hin, „töten“ sie und fliehen wieder. Aufgrund des verheerenden Überfalls vorgestern, sind garantiert keine Besucher dort. Es ist ja alles abgesperrt.“ schlug er vor. „Klingt gar nicht mal so schlecht für das, dass die Idee von dir stammt.“ meinte Tom grinsend. „Da staunst du, was?“ Dann wandte sich Semir wieder dem Handy zu. „Was meinen Sie Chefin? Könnte das klappen?“ „Eigentlich eine wirklich gute Idee Semir, aber was machen wir, wenn die Pistolen wieder getauscht werden? Dann stehen wir vor dem gleichen Problem.“ „Nein Chefin. Diesmal sind Sie ja schon dort. Wir brauchen nicht zu warten. Sobald wir auf dem Rastplatz auftauchen „erschießen“ wir Sie. Wir machen das so schnell, dass Norbert gar nicht die Gelegenheit dazu bekommt die Pistolen auszutauschen. Wir warten am besten gar nicht lange.“ klärte Semir sie auf. „Ich hoffe nur, Sie haben Recht!“ meinte Anna unsicher. „Vertrauen Sie uns! Aber lassen Sie ihr Handy eingeschaltet. Wenn es läutet, dann bedeutet das, dass die ganze Aktion abgebrochen wird! So können wir Sie warnen, falls wieder etwas schief gehen sollte.“ „In Ordnung. Kommen Sie in einer halben Stunde zum Rastplatz?“ „Ja, das müsste sich ausgehen. Wir werden mit Norbert dort sein.“ „Okay und bitte seien Sie vorsichtig!“ „Natürlich Chefin, sind wir!“ Semir legte auf. „Meinst du es klappt?“ fragte er Tom. „Es muss.“ gab dieser nur zurück. „Komm, lass uns zu Norbert gehen, bevor er wieder fragt, warum wir so lange weg waren.“

  • „Herzberger, Bonrath, kommen Sie bitte zu mir!“ rief Anna quer durch die PAST. Kurz darauf standen die Beiden bei ihr im Büro. „Was gibt es denn?“ wollte Dieter wissen. „Wir müssen los!“ sagte sie nur, stand auf und holte schnell ihre Sachen. „In einer halben Stunde wiederholen wir das Ganze auf dem Rastplatz an der A4 bei KM 35. Semir und Tom haben eine zweite Chance bekommen.“ erzählte sie weiter, nahm gleichzeitig die Schutzweste und sah dabei Hotte an. „Helfen Sie mir mal kurz, bitte…“ sagte sie und sah auf den Verband an ihrem Arm. „Selbstverständlich Chefin.“ Hotte nahm sofort die Schutzweste und half Anna beim Anziehen. „Danke.“ Dann ging sie schnell zu Petra und informierte sie. „Achja, und vergessen Sie bitte nicht ihren Bruder, Markus, anzurufen. Wir brauchen ihn. Er soll später als Notarzt ebenfalls zur Autobahnraststätte kommen und seine Kollegen einweihen. Aber Sie wissen ja ohnehin Bescheid.“ Petra nickte und wünschte ihrer Chefin viel Glück. Dann wandte Anna sich wieder an Hotte und Dieter. „Den Rest erkläre ich Ihnen unterwegs. Jetzt müssen wir aber gehen.“


    Martin rannte zurück zum U-Bahn-Tunnel. Er kannte eine Abkürzung und würde mit Sicherheit um einiges früher bei Norbert sein, als Adrian und Raffael. Kurze Zeit später war er bereits da und klopfte an die Tür. Norbert öffnete ihm. „Und?“ fragte dieser. „Sie sind wieder auf dem Weg hierher. Viel konnte ich allerdings nicht herausfinden. Ich kann dir nur sagen, dass sich die zwei getroffen und ziemlich lange miteinander gesprochen haben.“ antwortete Martin. „Konntest du das Gespräch belauschen?“ „Nein, dafür war ich leider zu weit weg. Und, was vielleicht noch sehr interessant ist, sie haben mit jemandem telefoniert. Auch da konnte ich leider nichts Genaueres hören. Ich weiß nicht, mit wem sie telefoniert haben.“ „Danke. Das werden wir schon noch herausfinden.“


    Als Tom und Semir wieder beim Versteck ankamen, ergriff Tom gleich das Wort: „Ok, wir fahren! Wir haben uns abgesprochen und wissen bereits wie wir es machen werden.“ rief er Norbert zu. Dieser drehte sich um und sah ‚Raffael’ überrascht an. „Und wohin, wenn ich fragen darf?“ Er sah die Beiden fragend an. „Seid ihr euch sicher, dass alles gut geplant wurde? Noch einen Misserfolg könnt ihr euch nicht leisten!“ warnte Norbert. „Wir sind davon überzeugt, dass es klappen wird!“ war sich Semir sicher. „Nun, dann lasst mal hören.“ „Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass sich die Engelhart im Moment bei dem Rastplatz aufhält, der vor kurzem überfallen worden ist. Wir müssen uns jetzt allerdings beeilen!“ Tom wusste, dass er Norbert keine Zeit zum reagieren lassen durfte, sonst würde er sich vielleicht wieder etwas ausdenken, um ihre Pläne zu durchkreuzen. Norbert überlegte kurz. „War das also das Telefonat, das ihr geführt habt?“ Norbert sah die Beiden fest an und achtete auf ihre Reaktion. Semir und Tom zuckten unmerklich zusammen. „Ihr habt uns verfolgen lassen?“ fragte Semir leicht verärgert. „Aber wenn Sie es unbedingt wissen wollen, ja, und zwar mit einem Angestellten von dort. Dadurch haben wir die Information bekommen.“ erklärte er. „Es war eine reine Vorsichtsmaßnahme, nichts weiter. Immerhin bin ich mir nicht sicher, ob ich euch wirklich trauen kann. Wenn ihr nichts zu verbergen habt, dann sollte euch das doch egal sein.“ gab Norbert zurück und beendete damit die Diskussion. „Wir müssen jetzt aber unbedingt los, sonst ist sie weg!“ drängte Tom und ging bereits, mit Schreckschusspistole bewaffnet, los. Norbert nickte schließlich und folgte ihm.


    Kurze Zeit später erreichten die drei den Rastplatz. Der Ort war wirklich gut ausgewählt. Da fast der gesamte Platz aufgrund des Überfalls abgesperrt war, waren keine Besucher dort und somit konnte der Plan problemlos durchgeführt werden ohne jemanden zu gefährden. Tom und Semir sahen sich um und erblickten sofort ihre Chefin, die sich gerade die Überreste der abgebrannten Tankstelle besah. Auch Anna hatte ihre beiden Kommissare entdeckt und nickte ihnen unauffällig zu. Sie war bereit. „Los, kommt hier her!“ Tom zog Norbert und Semir hinter einen großen Busch, der auf einem höheren Hügel wuchs. Von dort hatten sie einen hervorragenden Blick auf den ganzen Rastplatz. Außerdem würde man sie nicht so leicht entdecken. „Da vorne ist sie!“, Tom zeigte mit seiner Hand in Annas Richtung, „Sie darf uns nicht sehen!“ Semir sah Tom an. „Machst du es?“ fragte er leise. Tom nickte, zog langsam und vorsichtig die Pistole aus dem Holster und legte auf Anna an. Norbert beobachtete ihn dabei aufmerksam. Tom holte tief Luft. ‚Bitte lass das gut gehen. Es muss klappen.“ betete er innerlich und schoss…