Verlorene Zeit

  • Hallo! Nach dem ich bis jetzt eigentlich immer nur ein stummer Mitleser war, habe ich es jetzt auch endlich mal geschafft eine eigene FF fertig zu schreiben ;) Angefangen an der Story zu schreiben, habe ich vor fast 5 Jahren (ja ja, die Zeit rennt :D ). Jetzt habe ich sie noch ein Mal komplett überarbeitet, verändert und endlich dendlich fertig geschrieben!!


    Ich würde mich freuen, wenn euch das Ergebniss gefällt! 8)


    Viel Spaß beim Lesen!


    PinguProduktion





    Verlorene Zeit


    Schmerzen.


    Unerträgliche Schmerzen.


    Die Finger der jungen Frau krallten sich noch tiefer in das weiße Bettlaken. Sie hatte aufgehört die Stunden zu zählen und wollte, dass es endlich vorbei war.


    „Ich kann nicht mehr…“


    „Ganz ruhig… Das Köpfchen ist schon da.“ Die Hebamme lächelte ihr aufmunternd zu. „Gleich haben sie es geschafft.“ Gleich… Das sagte die Frau jetzt schon seit geraumer Zeit...


    Sie mobilisierte alle Kraft, die ihr noch geblieben war. Wenige Minuten später hörte man den Säugling schreien. Ausgelaugt und von den Strapazen der Entbindung völlig entkräftet ließ sich die junge Frau in die Kissen sinken und schloss die Augen. Der Hebamme hörte sie kaum zu.


    „Ein gesunder , kräftiger Junge… Wollen sie ihn vielleicht doch ein Mal halten?“Rasch öffnete sie die Augen und schüttelte entschieden den Kopf. Würde sie das kleine Bündel Leben jetzt in den Arm nehmen, würde sie es nicht mehr weg geben können. Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, wandte sie sich von dem Kind ab, das man ihr entgegen hielt.


    Ihrem Sohn.


    Es war das letzte Mal, dass sie ihn sah. Eine einzige stumme Träne rollte ihre Wange herunter, als die Amme mit ihrem Kind den Raum verließ.


    Vor der Tür warteten bereits die zukünftigen Eltern.Marion und Frank Wächter hatten sich seit langem Kinder gewünscht. Durch einen Unfall war Frau Wächter jedoch unfruchtbar geworden. Nun konnten beide ihr Glück kaum fassen. Zum ersten Mal hielten sie „ihren“ Sohn auf dem Arm.Die täuschungsechten, aber gefälschten Papieren wiesen ihn zwar offizielle als ihren Adoptivsohn aus, aber das brauche er ja nie zu erfahren.Obwohl er noch so klein war, schien er stark wie ein Löwe zu sein. Der


    24. Mai 1986 war der Geburtstag von Leon Wächter.



    Heute, 16 Jahre später:

    Der mittelgroße, schlanke Junge mit den strahlend blauen Augen schlenderte durch die Straßen. Er war auf dem Weg von der Schule nach Hause.


    Er hasste diese Schule. Genau so wie er den Rest von dieser beschissenen Stadt hasste. Sein Vater hatte hier jedoch eine bessere Stelle bekommen. Also waren sie vor knapp einem halben Jahr von Wien nach Köln gezogen.


    Wachsam wanderte sein Blick über den Rhein. Dabei strich er sich, wie er es andauernd tat, eine widerspenstige braune Strähne aus seinem Gesicht, dass aus weichen, freundlichen Zügen gezeichnet war.


    Auf der anderen Seite des Flusses waren viele Leute unterwegs. Kein Wunder, bei dem Wetter. Es war Anfang Juni und das Thermometer zeigte fast 33°C an.


    Seufzend ging Leon Wächter weiter. Die Menschen hier in Köln waren ganz anders als die Menschen in Wien.


    Vor allem seine Mitschüler empfand er als komisch. Er wusste, dass sie sich hinter seinem Rücken über ihn lustig machten. Seine Art zu sprechen empfanden die meisten als „ober komisch“ und wie sie ihm zusagen pflegten, „irgendwie schwul oder so“....

  • Kurze Zeit später bog er in die Straße ein, in der er jetzt mit seinen Eltern wohnte. Sie hatten eine Villa mit Aussicht auf die Donau gegen eine Villa mit Aussicht auf den Rhein getauscht.


    Leon stutzte und beschleunigte seine Schritte ein wenig. Schon von weitem sah er, dass seine Eltern hastig Taschen in den Wagen seines Vaters luden.


    Wollten sie verreisen? Die Ferien fingen doch erst in einer Woche an…


    Als seine Mutter ihn erkannte, winkte sie ihm aufgeregt zu. Die letzten Meter überwand er im Laufen.


    „Leon Schatz, schnell… such noch ein paar Sachen zusammen! Beeil dich! Wir erklären dir alles im Wagen!“ Der Junge blieb wie angewurzelt stehen.


    „Was? Aber…?“


    „Später! Wir haben keine Zeit mehr!“


    „Leon, hör auf deine Mutter!“ sein Vater lud eine letzte Tasche in den Kofferraum.


    Völlig verwirrt rannte Leon in sein Zimmer, kramte noch ein paar Sachen zusammen und lief dann wieder nach draußen, wo seine Eltern schon ungeduldig warteten.


    „Steig schon ein!“ Leon gehorchte schweigend. Schwang da in der Stimme seines Vaters etwa Angst mit? Mit quietschenden Reifen entfernte sich die der Jaguar vom Haus.

    Ein Van mit getönten Scheiben nahm sofort die Verfolgung auf. Die Insassen grinsten sich an. Es würde leichter werden, einen tödlichen Autounfall zu inszenieren als ein Ehedrama im Wohnzimmer. Zudem war die gesamte Familie vereint…

  • „Meine Güte, ist das warm!“ Tom stöhnte auf und drehte die Klimaanlage noch ein wenig höher auf. „Und wir sitzen den ganzen Tag hier im Auto! Eine Schande ist das!“ Sein Partner grinste.


    „Hättest ja Gärtner oder sowas werden können, dann wärst du jetzt an der frischen Luft“


    „Ne lass mal… das wäre mir im Winter zu kalt. Und zu nass.“ Tom lachte.


    Die beiden Polizisten fuhren auf ihrem Autobahnabschnitt auf der A4 routiniert Streife. Bis jetzt hatten sie nur zwei Tickets für überhöhte Geschwindigkeit ausstellen müssen. Auch den Rasern schien bei der Hitze die Lust am Fahren zu vergehen.


    „Ich glaube, das hat heute keinen Zweck mehr… Lass uns zur PAST zurück fahren. Ich denke, es spricht nichts dagegen, wenn wir heute etwas früher Schluss machen.“ schlug Semir vor. Tom nickte mit Begeisterung. Semir wollte den Wagen gerade auf den Verzögerungsstreifen lenken, als ihm der silberne Jaguar auffiel, der mit enormem Tempo über die Bahn heizte.


    „Hey! Zur PAST hätten wir aber hier raus gemusst!“ beschwerte sich Tom.


    „Das wird heute doch nichts mit dem eher Feierabend machen… Wirf mal einen Blick in den Rückspiegel!“ „Was…?“ Auch Tom sah jetzt den Jaguar. Jedoch nicht nur den Jaguar. Hinter dem silbernen Auto fuhr noch ein schwarzer Van, der anscheinend Jagd auf den Vorrausfahrenden machte. „Na toll… Muss das ausgerechnet heute sein?“ „Hör auf zu meckern, sonder pack lieber unser Diskolicht aufs Dach!“ Semir schaltete runter und trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch.

  • „Papa was wollen die von uns?!“ Leon starrte entsetzt aus der Heckscheibe. Der Van kam immer näher. Sein Vater antwortete nicht, sonder fuhr noch einen Tacken schneller. Frau Wächter saß auf dem Beifahrersitz und schluchzte leise vor sich hin. „Ich habe dir gesagt, du sollst deine Nase da nicht reinstecken! Hier hast du die Quittung! Die bringen uns noch um!“


    „Marion, halt endlich den Mund!“


    Leon blicke nun panisch zwischen seinen Eltern hin und her. Was zum Teufel war hier los? Er verstand überhaupt nichts mehr.

    „Tu endlich was und hol sie von der Straße!“ herrschte Manfred Gruber seinen Komplizen Tobias Neumann an, während er noch näher auf den Jaguar auffuhr.


    „Ja was denn?!“


    „Schieß sie von der Straße!“ Ohne zu zögern griff Neumann nach seiner 9mm und ließ das Fenster herunter.


    „Ach du scheiße! Beeil dich! Die Bullen sind hinter uns!“


    „Die Bullen?“ Tobias warf einen raschen Blick in den Rückspiegel. „Wo kommen die denn her?“


    „Keine Ahnung! Ist auch egal! Schieß endlich den Wagen ab!“ Neumann gehorchte.

  • „Mensch Semir! Der schießt auf den Jaguar!“


    „Danke für die Info… Mensch, das sehe ich selber!“


    „Dann mach was!“


    „Ja was denn?“ Nun zog auch Tom seine Waffe und lehnte sich aus dem Fenster. Er begann seinerseits auf den Van zu feuern.
    ***
    Leon warf sich instinktiv zur Seite und nahm die Hände schützend über den Kopf, als hinter ihm die Glasscheibe zerbarst. Seine Mutter fing an hysterisch zu schreien. Es folgten weitere Schüsse. Eine Kugel fand ihr Ziel und bohrte sich durch den Fahrersitz. Frank Wächter sackte bewusstlos hinter dem Steuer zusammen.


    Das Auto streifte die Leitplanke, geriet ins Schlingern, berührte einen anderen Wagen und begann schließlich sich zu überschlagen.


    „Yes!“ Neumann jubelte kurz. Das war geschafft! Jetzt mussten sie nur noch die Bullen los werden.
    ***
    „Mein Gott! Semir, pass auf!“ Tom schrie entsetzt auf, als der Jaguar anfing, sich zu überschlagen.


    Der schwarze Van wich geschickt aus und raste davon. Semir überlegte kurz, ob er die Verfolgung aufnehmen sollte, entschied aber, dass es zweitrangig war. Als erstes mussten sie sich um die Insassen des Jaguars kümmern… Wenn es überhaupt Überlebende gab…


    Mit quietschenden Reifen kam der BMW vor dem Wrack zum Stehen.

  • „Hallo! Junge! Hörst du mich?“ Leichte Ohrfeigen holten Leon Wächter zurück ins Leben. Tom atmete erleichtert auf, als der Junge langsam die Augen öffnete und gegen das grelle Licht blinzelte.


    „Hast du schmerzen?“ Leon brauchte einen Moment, ehe er realisierte, dass man ihm eine Frage gestellt hatte. Dann lauschte er in sich hinein. Sein Kopf schmerzte leicht und seine Rippen fühlten sich an, als ob sich ein Elefant auf seinen Brustkorb gesetzt hatte. Ansonsten fühle er nichts.


    „Nein… es geht schon.“ Der Mann, der sich über ihn beugte, lächelte.


    „Der RTW müsste gleich hier sein…“ Leon nicke abwesend. Sein Gehirn begann nun wieder rasend schnell zu arbeiten. Der Van, die Verfolgungsjagd… Sein Vater hatte die Kontrolle über den Wagen verloren und… Sein Vater! Leon setzte sich blitzartig auf, was er allerdings sofort bereute. Scharf sog er die Luft ein und begann sich panisch umzuschauen.


    Wo waren seine Eltern?


    „Langsam Junge, du solltest besser noch liegen bleiben, bis der RTW hier ist.“ versuchte Tom ihn zu beruhigen.


    „Meine Eltern… Wo sind die? Sie haben mit mir im Wagen gesessen!“ Sein Helfer sah ihn nun sehr mitfühlend an.


    „Es tut mir unendlich leid… Du hattest wahnsinniges Glück. Es ist ein Wunder, dass du noch am Leben bist, nach dem Unfall. Deine Eltern…“ Der Mann schluckte und schüttelte den Kopf.


    „Aber… aber das… Sie… Ich meine… Gerade da…“ Er stand nun vollständig auf. Einen Blick auf den Metall Haufen werfend, der mal das Auto seines Vaters gewesen war, ging er langsam von der Unfallstelle weg.


    „Warte Junge!“ Der Mann hielt ihn behutsam am Arm fest. Leon sah ihn verständnislos an.


    „Ich bin übrigens Tom Kranich. Ich bin Polizist.“ Leon nickte erneut abwesend. „Dort drüben ist mein Kollege, Semir Gerkhan.“


    „Leon Wächter.“ Ein Martinshorn verkündete das Eintreffen des RTW.


    ***

  • „Der Junge muss eine ganze Armee von Schutzengeln gehabt haben. Bis auf ein paar Prellungen und eine leichte Gehirnerschütterung fehlt ihm absolut nichts.“ Der Arzt sah noch einmal in die Richtung, in der sein Patient saß. „Es ist wirklich ein Wunder...“


    „Danke Doktor. Können wir zu ihm?“ fragte Semir.


    „Selbstverständlich. Von meiner Seite aus spricht auch nichts dagegen, wenn er das Krankenhaus noch heute wieder verlässt.“


    „Gut. Auf Wiedersehen.“ Semir reichte dem Arzt die Hand und ging dann hinter Tom her, der schon auf dem Weg zu Leon war.


    Das Kind saß auf einer Liege und starrte die Wand an. Eine einzelne Träne lief über sein hübsches Gesicht. Als er die Polizisten wahrnahm, wischte er sie schnell beiseite.


    „Hey…“ Der Polizist, der sich ihm als Tom Kranich vorgestellt hatte, setzte sich neben ihm auf die Liege. „Hast du Verwandte, die wir anrufen können? Oder Freunde?“


    Leon schüttelte den Kopf. „Nein… hier in Köln kenne ich kaum jemanden.“ Er sah Tom an. „Wir wohnen hier noch nicht sehr lange. Wir kommen eigentlich aus Wien.“


    „Oh… und da ist wirklich niemand, den wir anrufen können?“ Noch einmal schüttelte Leon den Kopf, dieses Mal entschiedener.Tom warf einen hilfesuchenden Blick zu Semir. Der zuckte mit den Schultern, lächelte den Jungen dann aber aufmuntern an.


    „Uns fällt schon was ein… Da ist aber noch was.“ Die tiefblauen Augen fixierten nun Semir. „Wenn du dich dazu in der Lage siehst, müsstest du uns noch ein paar Fragen beantworten.“


    „Okay… fragen sie.“


    „Also, was genau ist vor dem Unfall passiert?“ Leon atmete einmal tief durch und begann dann zu erzählen.


    Wie er von der Schule nach Hause kam, und seine Eltern schon dabei waren das Auto zu beladen. Sie hatten vor irgendetwas Angst gehabt. Oder vor irgendjemandem. Schon beim Losfahren war der Van hinter ihnen gewesen. Sein Vater war daraufhin in Panik geraten und seine Mutter hat ihm fürchterliche Vorwürfe gemacht.




    Gar kein Feedback mehr....? :S


    LG PP

  • „Sie hat ihn immer wieder gefragt, warum er sich einmischen musste… Den Rest kennen sie ja.“


    „Worin einmischen?“ hakte Tom nach.


    „Ich habe keine Ahnung. Das frage ich mich seitdem auch. Meine Eltern waren in den letzten Wochen nur beide immer sehr gestresst und irgendwie komisch drauf… Ich war so dumm und habe mir nichts dabei gedacht…“ Das Kind stockte und sah betreten auf den Boden.


    „Hey… du konntest doch nichts ahnen…“ Tom legte ihm eine Hand auf die Schulter.


    „Doch, ich hätte merken müssen, dass etwas nicht stimmte! Ich...“ Er hob den Kopf und sah Tom fest in die Augen. „Ich will wissen, was das war oder ist! Und wer uns gejagt hat!“ In seinem Blick lag eine Entschlossenheit und eine Kälte, die Tom einen Schauer über den Rück jagte und ihn für kurze Zeit vergessen ließ, dass er es hier mit einem 16jährigen Jungen zu tun hatte.


    „Mein Partner und ich tun alles, um die Mörder deiner Eltern zu finde. Das verspreche ich dir.“


    Semir neben ihm nickte. „Wenn es okay für dich ist, dann würden wir uns gerne mal bei dir zu Hause umschauen.“


    „Darf ich mit kommen bitte? Ich brauche ein paar Sachen…“


    Die Polizisten sahen sich kurz an. Dann nickten beide. „Das geht in Ordnung. Wir müssen uns dann nur überlegen, was wir weiter mit dir machen. Wo du erst einmal wohnst und so.“


    Gemeinsam fuhren sie zum Haus der Wächters.

  • Als sie dort ankamen, staunten Tom und Semir nicht schlecht. Es sah so aus, als ob sich der Junge zumindest über seine Zukunft kaum Gedanken machen musste. Immerhin ein kleiner Trost…


    „Wir schauen uns dann hier ein wenig um ja?“


    „Tun sie das…“ Leon war schon auf dem Weg in sein Zimmer. Als er den Raum betreten hatte, schloss er sorgfältig die Tür hinter sich ab.


    Er wollte nicht, dass die Polizisten ihn weinen sahen. Seit sie das Haus betreten hatten, war es ihm immer schwerer gefallen, die Tränen zurück zuhalten. Jetzt flossen sie in Strömen seine Wange herunter.


    Gestern Abend war noch alles in Ordnung. So schnell konnte es gehen, dass das Schicksal jemandem einen bösen Streich spielte. Von der einen auf die andere Sekunde war er zum Vollwaisen geworden. Er hatte niemand, zu dem er jetzt gehen konnte.


    „Sei stark, Leon Wächter!“ rief er sich selber zur Disziplin. „Du schaffst das!“


    Er ging ins Badezimmer und hielt seinen Kopf unter kaltes Wasser. Nach einer Weile stellte er das Wasser ab und betrachtete sein blasses Gesicht im Spiegel. Die widerspenstige Strähne fiel ihm wieder ins Gesicht. Seine sonst so weichen Gesichtszüge wirkten kalt und hart. Seine normalerweise vor Leben sprühenden Augen waren ausdruckslos.


    Er wandte den Blick ab und fuhr sich mit einem Handtuch über das Gesicht. Anschließend lenkte er seinen Schritt gen Schlafzimmer seiner Eltern. Vielleicht fand er ja etwas, dass das merkwürdige Verhalten seiner Eltern erklären würde…



    :D PP

  • „Kann einem ganz schön leid tun, der Junge…“ Semir sah sich aufmerksam im Wohnzimmer um, während Tom durch ein paar Bücher im Regal blätterte.


    „Allerdings. Aber bis jetzt steckt er es erstaunlich gut weg. Wenn du mich fragst, zu gut.“


    „Ich bin mir sicher, dass er den Starken nur spielt.“ Semir durchsuchte jetzt einen kleinen Sekretär. „Das steckt niemand so einfach weg.“


    „Hast du schon etwas gefunden?“ fragte Tom, nachdem er im Regal nichts entdeckt hatte und ins nächste Zimmer ging.


    „Nein nichts… Ein paar Rechnungen, Fotos und zwei Postkarten.“


    „Hier scheint auch nichts zu sein. Aber ich glaube, die Spurensicherung sollte das Haus noch mal gründlich auf den Kopf stellen.“


    „Ich sag Harmut bescheid. Lass uns aber oben noch mal schauen. Vielleicht haben wir ja Glück.“


    Während Semir noch telefonierte, ging Tom schon in die obere Etage vor.

    Leere.


    Er fühlte nichts als eine unendliche, alles verschlingende Leere. Da war nichts mehr in ihm. Keine Trauer, keine Wut, kein Hass… Diese Leere hatte all seine Emotionen mit einem Bissen verschlungen und nichts zurück gelassen. Ihm schossen so viele Fragen durch den Kopf, dass er nicht mehr klar denken konnte. Immer und immer wieder besah er sich die Blatt Papier in seinen Händen.


    Das konnte einfach nicht sein!


    So grausam konnte das Leben es nicht mit ihm meinen! Was hatte er getan, das das Schicksal sich ihm von seiner schlimmsten Seite zeigte? Von ganz weit weg vernahm er Toms Stimme.


    „Was ist denn los, Leon? Hast du etwas gefunden?“ besorgt kniete sich Tom neben den Jungen. Er war noch blasser geworden und in seinen Augen stand das blanke Entsetzen.

  • Plötzlich sprang er vom Bett auf und rannte den Flur entlang. Wenige Sekunden später hörte Tom, wie er sich übergab. Der Polizist griff nach den Blättern, die der Junge gerade hatte fallen gelassen. Seine Miene verdüsterte sich zunehmend.


    „Was ist denn mit ihm los?“ Semir stand in der Tür. Stumm erhob sich Tom und drückte seinem Partner die Adoptionsunterlagen in die Hand, ehe er in die Richtung ging, in die Leon verschwunden war. Semir warf einen Blick auf die Papiere. „Oh nein... Das wird ja immer schlimmer.“


    Am Ende des Flures hörte er Leons Stimme: „Ich will hier weg! Sofort!“


    ***


    „Kann ich dir noch etwas bringen?“ Tom war gerade dabei, den Tisch abzuräumen. Leon würde die Nacht erst einmal bei ihm bleiben. Auf die Schnelle war ihm und Semir nichts Besseres eingefallen. Und da auch Leon keinen Einwand gehabt hatte, waren sie schließlich zu Tom gefahren.


    „Nein danke. Ich habe alles.“


    „Wenn ich irgend etwas für dich tun kann… Sag bescheid, ja?“ Tom war hilflos. Er hätte dem Jungen gerne geholfen, wusste aber nicht, wie.


    „Mache ich.“


    „Wenn du reden willst…“ versuchte Tom es weiter.


    „Später vielleicht. Ich muss erst selber damit klar kommen, dass alles, was ich bis jetzt für fest und dauerhaft gehalten habe, nicht mehr ist. Und dass ich keine Ahnung habe, wer ich bin…“


    „Du bist derselbe Mensch, der du gestern auch warst.“ unterbrach ihn Tom. „Unser Charakter hat nichts damit zu tun, von wem wir abstammen…“ Im Stillen bewunderte Tom den Jungen. Trotz dieses Schicksalsschlages ging Leon mit einer Sachlichkeit und Objektivität an die Sache ran, die ihm selbst oft fehlte.


    „Mag sein… aber da sind so viele Fragen. Wer sind meine Eltern? Wie sehen sie wohl aus? Komme ich eher nach meiner Mutter, oder doch nach meinem Vater? Was für ein Mensch wäre ich geworden, wenn sie mich nicht weggegeben hätten? Warum haben sie mich weggegeben…“ seine Stimme verlor sich. Neben der Trauer und Verzweiflung, spürte Leon, wie ein Anflug von Hass in ihm aufstieg. Warum hatten ihn seine leiblichen Eltern verstoßen?


    „Deine Fragen kann ich dir nicht beantworten… Aber vielleicht können wir ja rausfinden, wer deine leiblichen Eltern sind. Dann kannst du ihnen diese Fragen stellen.“ sagte Tom nach einer Weile.


    „Die werden bestimmt begeistert sein, wenn ich vor ihrer Tür stehe!“ Leon stand ruckartig auf. „Ich bin müde und leg mich hin! Gute Nacht.“ Er verließ die Küche und ging in das ihm zu Verfügung gestellte Gästezimmer.


    Tom ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen. Er mochte den Jungen. Deshalb tat es ihm in der Seele weh, was er durchmachen musste und er ihm nicht helfen konnte.

  • „Morgen!“ Semir kam am nächsten Tag etwas später als normal auf der PAST an. Auf den Straßen war wieder die Hölle losgewesen. Überall Pendler! Sein Weg führte ihn direkt zur Chefin. Sie war bis gestern in Hamburg auf einer Fortbildung gewesen und mit dem neuen Fall noch nicht vertraut. Er warf einen flüchtigen Blick in sein und Toms Büro und stellte fest, das letzterer auch noch nicht da war. Das war wieder typisch. Also würde er Anna Engelhardt alleine Bericht erstatten. Nachdem er angeklopft hatte, wurde er sofort herein gebeten.


    „Morgen Semir.“ wurde er freundlich begrüßt.


    „Morgen Chefin. Wie war das Seminar?“ Er schloss die Tür hinter sich und nahm vor dem Schreibtisch seiner Chefin platz, wo er ihr die Akte „Wächter“ hinlegte.


    „Sehr informativ und lehrreich. Aber erzählen Sie mir lieber, was es hier neues gibt. Andrea sagte, wir haben einen neuen Fall?“


    „Das ist richtig… Ziemlich unschöne Angelegenheit. Zwei Tote nach einer Verfolgungsjagd. Die Täter sind flüchtig und über die Opfer wissen wir bis jetzt kaum etwas. Nur, dass sie sich seit längerem bedroht gefühlt haben und gestern Köln fluchtartig verlassen wollten.“ Seine Vorgesetzte hörte ihm aufmerksam zu.


    „Gibt es Zeugen?“


    „Allerdings. Der Sohn der Getöteten saß mit im Auto. Er hat als einziger überlebt. Tom kümmert sich um ihn. Sie müssten eigentlich jeden Moment hier auftauchen. Der Junge kann einem nur leid tun. Er ist mit seinen Elter erst vor ein paar Monaten von Wien hier nach Köln gezogen. Keine Verwandten und kaum Freunde in der Stadt“ Die Chefin sah betroffen drein.


    „Außerdem hat er kurz nach dem Unfall durch Zufall erfahren, dass es sich bei seinen Eltern nicht um seine leiblichen Eltern handelt.“


    „Oh nein… Wie alt ist er?“


    „16, macht auf mich aber einen erstaunlich reifen Eindruck für sein Alter.“


    „Haben Sie schon mir den Arbeitskollegen und Nachbarn gesprochen?“


    „Noch nicht. Das werden Tom und ich gleich als erstes machen… Sollte er heute hier noch ankommen.“


    Die Chefin grinste ihn an. „Sie kennen ihren Partner doch… Er kommt spät, aber er kommt. Meistens jedenfalls.“ Semir grinste ebenfalls und stand dann auf. „Vielleicht kann uns Andrea ja schon ein paar Informationen geben.“ Die Chefin nickte und widmete sich wieder den Unterlagen auf ihrem Schreibtisch.


    „Ach, Semir?“ Dieser blieb in der Tür stehen und drehte sich um. „Ja, Chefin?“


    „Wie war die Namen der Opfer noch gleich?“


    „Oh…“ er lächelte verlegen. „Marion und Frank Wächter.“ Er ging aus dem Büro und zu Andrea.

  • Gerade als er bei ihrem Schreibtisch angekommen war, kam auch Tom herein gestürmt, Leon im Schlepptau.


    „Sorry… der Verkehr!“ Entschuldigte er sich knapp.


    „Und der Wecker…“ murmelte Leon. In seinem Mundwinkel sah man den Anflug eines Lächelns. Die drei Erwachsenen grinsten ihn alle samt breit an. Obwohl er sie alle nicht kannte, mochte er ihre Gegenwart schon jetzt. Insbesondere die von Tom.


    „Alte Petze!“ Tom zwinkerte ihm verschwörerisch zu.


    „Tom und Ich werden jetzt die Kollegen von deinem Vater befragen. Vielleicht ist denen ja irgendetwas aufgefallen und sie können uns weiter helfen.“ sagte Semir und nahm den Zettel von Andrea entgegen, auf dem die Adresse der Firma stand. Leon nickte. „Okay, tut das.“


    „Du wartest bitte solange hier. Da bei uns im Büro ist eine Dartscheibe, in der Küche gibt es immer was zu essen und wenn du Fragen hast, wende dich einfach an Andrea, ja?“ wandte sich Tom an ihn.


    „Okay, ich werde es überleben…“


    „Gut. Bis nachher dann.“ Die beiden Cops machten sich auf den Weg zu Toms Mercedes.


    „Du bist also Leon. Andrea Schäfer.“ Die blonde junge Frau lächelte ihn freundlich an.


    „Hi, freut mich.“


    „Also wenn du was brauchst, frag einfach.“


    „Klar.“ Der Junge ging in das Büro von Tom und Semir und begann ein paar Pfeile in Richtung Dartscheibe zu werfen.

  • Die Chefin starrte noch immer auf den Punk, wo gerade noch Semir gestanden hatte. Wächter? Marion und Frank Wächter? Die Namen dröhnten in ihrem Kopf. Wie war das möglich? Das konnte nicht sein!


    Es durfte nicht sein!


    Erst jetzt griff sie nach der Akte, die Semir gerade auf den Tisch gelegt hatte. Hastig blätterte sie sie durch. Es war ein erneuter Schlag in den Magen, als sie Bilder der beiden Getöteten sah...


    Schön… noch konnte es alles ein riesengroßer Zufall sein… der Name, eine gewisse Ähnlichkeit… Anna Engelhardt blätterte noch eine Seite weiter… und erstarrte.


    Leon Wächter, geboren am 24. Mai 1986 in Wien, lächelte sie verschmitzt von dem Bild in seinem Personalausweis an. Wie vom Blitz getroffen warf sie die Akte von sich. Schwer atmend lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und schloss die Augen.


    ***


    „Schön guten Tag. Kranich, Kripo Autobahn. Das ist mein Kollege Gerkahn. Wir hätten gerne den Geschäftsführer gesprochen.“


    Tom und Semir waren derweil an Frank Wächters Arbeitsstelle angekommen. Dem Pharmaziehersteller „PharmaCon“ . Herr Wächter war hier Leiter der Versuchsabteilung gewesen.


    „Der Geschäftsführer ist zurzeit nicht im Hause. Aber ich kann Sie zu seinem Stellvertreter bringen.“ Der Herr am Empfang lächelte freundlich.


    „Das wäre sehr nett.“


    „Wenn Sie mir dann folgen möchten?“ Die Polizisten taten es. Ihr Führer geleitete sie in die oberste Etage des vierstöckigen Gebäudes. Ihr Weg endete in einem großzügigen Büro mit Aussicht über den Rhein.


    „Herr Diller? Hier sind zwei Herren von der Autobahnpolizei, die Sie gerne gesprochen hätten.“


    „Autobahnpolizei? Bin ich zu schnell gefahren?“ Wie sie diese Frage hassten. Tom und Semir verdrehten die Augen.


    „Kommen Sie doch rein, meine Herren.“


    „Guten Tag. Kranich, mein Kollege Gerkhan.“


    „Diller, angenehm.“ Er reichte den beiden die Hand. „Bitte, nehmen Sie doch Platz.“


    Tom und Semir kamen der Aufforderung nach. „Was genau kann ich denn für Sie tun?“ Der stellvertretene Geschäftsführer sah sie fragend an.


    „Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass gestern einer Ihrer Mitarbeiter ums Leben gekommen ist. Frank Wächter.“ begann Semir.


    „Was? Wächter ist tot?“ Diller riss entsetzt die Augen auf. „Wie ist das passiert?“


    „Er ist gestern mit seiner Familie auf der Autobahn verunglückt. Frau Wächter kam ebenfalls ums Leben.“


    „Mein Gott… und ihr Sohn?“


    „Ihm geht es den Umständen entsprechend. Er hatte wahnsinniges Glück.“ Diller nickte.


    :D 8)

  • „Wir hätten da noch ein paar Fragen an Sie.“


    „Warum? War es etwa kein Unfall?“


    „In der Tat nicht. Die Wächters wurden verfolgt und es wurde auf sie geschossen.“


    „Großer Gott… Fragen Sie. Wenn ich irgendwie helfen kann…“


    „Ist Ihnen in letzter Zeit etwas an Herrn Wächters Verhalten aufgefallen?“ fragte Semir.


    „Nein… nichts Ungewöhnliches. Er wirkte in letzter Zeit höchstens ein wenig gestresster als sonst. Aber wir stehen auch kurz davor, ein neues Präparat auf den Markt zu bringen und Herr Wächter ist… war Leiter unserer Versuchsabteilung.“


    „Um was für ein Präparat handelt es sich?“


    „Ein Medikament gegen eine Autoimmunkrankheit, bei der das Immunsystem die Acetylcolinrezeptoren im postsynaptischen Bereich der motorischen Endplatte angreift. Das Medikament sorgt dafür, dass die Endozytose nur sehr stark verzögert stattfindet und die Acetylcolinesterase gehemmt wird. Trotz der wenigen Rezeptoren kann dadurch eine Reizübertragung an den Muskel stattfindet.“


    „Okay…“ Tom und Semir hatten keine Ahnung, wovon der Mann sprach.


    „Es sorgt dafür, dass Menschen, die an dieser Krankheit leiden, zum Beispiel ihre Arme und Beine ohne große Einschränkungen wieder bewegen können.“ Diller lächelte.


    „Ah… aber sonst ist Ihnen an Herr Wächter nicht aufgefallen?“


    „Nein. Er war wie immer.“


    „Gut. Danke erst einmal. Könnten wir uns noch Herrn Wächters Büro oder so ansehen?“


    „Selbstverständlich. Herr Winter wird Sie dort hinbringen.“


    “Danke sehr. Wenn wir noch Fragen haben, melden wir uns noch mal. Sollte Ihnen noch etwas einfallen…“ Tom holte eine Visitenkarte hervor. „…melden Sie sich doch bitte bei uns.“


    „Natürlich… ach sagen Sie, was wird denn jetzt eigentlich aus dem Jungen?“


    „Mal schauen. Fürs Erste bleibt er erst einmal bei uns.“


    Diller nickte. „Wenn ich etwas für ihn tun kann…“


    „Das ist sehr freundlich von Ihnen. Auf Wiedersehen.“ Tom und Semir reichten ihm die Hand und wurden von Herrn Winter in Wächters Büro gebracht.


    ***


    Gruber legte auf.


    „Und, was ist?“ fragte Neumann, während er in einen Burger biss.


    „Du hast Scheiße gebaut, Tobias! Das ist los!“


    „Was..?“


    „Der Junge ist noch am Leben! Und er ist bei den Bullen“ Neumann warf sein Essen beiseite. Ihm war der Appetit vergangen.


    „Fuck! Wie konnte er das überleben? Weiß er eigentlich was?“


    „Keine Ahnung! Wir lassen es aber nicht darauf ankommen! Du wirst schön zu Ende bringen, was du angefangen hast!“


    „Gerne. Wo ist das Balg jetzt?“


    „Bei einem von den Bullen von der Autobahn…“ Sie warteten noch einen Augenblick, dann startete Manfred den Motor des Geländewagens und setzte sich unauffällig hinter den Mercedes, der vom PharmaCon- Parkplatz fuhr.


    ***

  • „Frau Engelhardt? Sabine Konstanz hier. Ich bin die Klassenlehrerin von Christina und wollte Sie darüber informieren, dass sie heute zum wiederholten Male nicht zum Unterricht erschienen ist.“


    „Nicht schon wieder…“ Anna seufzte schwer. „Das tut mir leid, Frau Konstanz. Ich werde mich da sofort drum kümmern.“


    „Ich fange langsam an, mir ernsthaft Sorgen um ihre Schwester zu machen. Wenn sie so weiter macht, könnte es passieren, dass sie die Versetzung in die neunte Klasse nächstes Jahr nicht schafft. Auch wenn das Schuljahr gerade erst angefangen hat.“


    „Ich weiß. Wie gesagt, ich kümmere mich so schnell es geht darum.“


    „Gut, tun sie das. Es ist wichtig.“


    „Danke für ihren Anruf. Auf Wiederhören.“ Anna legte auf. Der ihr gegenübersitzende Kollege, ihr Partner Max Lohr, sah sie fragen an.„Macht Christina wieder Ärger?“


    „Ja. Das war ihre Klassenlehrerin. Sie war heute wieder nicht in der Schule… Langsam weiß ich nicht mehr, was ich noch mit ihr machen soll…“


    „Wenn du willst, dann fahre ich heute mit Niemann Streife. Dann kannst du früher gehen…“


    „Danke, das ist wirklich lieb, aber Christina ist eh noch nicht zu Hause und ich kann nicht schon wieder früher weg…“ Sie stand in einer fließenden Bewegung auf und griff nach ihrer Mütze.„Komm, lass uns raus. Ich brauche frische Luft.“ Ihr Partner griff ebenfalls nach seiner Mütze und zupfte seine Uniform zurecht. „Na dann, here we go!“



    „Muss ich mir eigentlich Sorgen machen?“ Sie fuhren durch ihren Abschnitt in Richtung Domplatte.„Warum?“ Anna sah ihn skeptisch an.


    „Du siehst nicht gut aus in letzter Zeit.“


    „Es ist schon okay. Es ist nur der Stress… das gibt sich schon wieder.“ Sie versuchte ihn optimistisch anzulächeln. Es misslang kläglich.


    „Nicht, dass dir das noch alles über den Kopf wächst und ich eine neue Partnerin zugeteilt bekomme!“ „Keine Sorge, dass… Kannst du da vorne bitte mal kurz anhalten?“ Ihre Miene verdüsterte sich. Sie waren mittlerweile auf der Domplatte angekommen.„Klar doch…“ Auch Max hatte Christina erspäht.


    Die 14jährige hatte dieselben dunklen Haare wie ihre Schwester und war gerade dabei, mit Freunden eine Zigarette zu verzehren. Eine von ihren Freundinnen hatte den Streifenwagen, welcher auf sie zufuhr, entdeckt.„Oh shit! Die Bullen! Mach die Kippe aus, sonst gibt’s Ärger!“


    Christina drehte sich um.„Oh nein…“ Sie erkannte die Polizistin, die gerade dem Streifenwagen entstieg. „…das gibt Ärger…“ Sie setzte ihr breitestes Krokodillächeln auf. „Hallo Anna!“


    „Steig in den Wagen, sofort!“


    „Bin ich verhaftet?“


    „SOFORT!“ Anna packte ihre kleine Schwester grob am Arm und schleifte sie in Richtung Streifenwagen.


    „Hey! Du tust mir weh!“ beschwerte sich diese lauthals.


    „Halt den Mund und steig ein!“ Wiederwillig gehorchte Christina und ließ sich auf die Rückbank des Wagens fallen.

  • Leon langweilte sich zu Tode. Er saß seit fast einer halben Stunde in dem stickigen Büro und warf einen kleinen Ball gegen die Wand. Außerdem hatte er Durst. Deshalb stand er auf und ging zu Andrea hinüber. Die war allerdings gerade am Telefonieren. Da er sie nicht stören wollte, schlenderte er kurzerhand in Richtung Küche. Da würde es wohl etwas zu Trinken geben.


    Als er den Raum betrat, war er nicht alleine. Eine Frau stand mit dem Rücken zu ihm an den Kühlschrank gelehnt und blickte aus dem Fenster. Sie schien nicht zu bemerken, dass er den Raum betreten hatte. Hilflos sah er sich um. Wo waren hier Gläser zu finden? Auf den ersten Blick sah er keine.


    „Entschuldigung?“ Die Frau reagierte nicht. Leon räusperte sich hörbar.


    „Entschuldigung?“ Jetzt hatte ihn die Frau gehört. Sie zuckte zusammen und als sie ihn sah, fiel ihr das Wasserglas aus der Hand. Es zerbarst in 1000 Einzelteile.


    „Das tut mir leid! Ich wollte Sie nicht erschrecken!“ Sich hastig entschuldigend kniete er sich hin und begann die Scherben einzusammeln. „Das wollte ich wirklich nicht! Verzeihen Sie.“
    Anna starrte auf den Jungen, der vor ihren Füßen die Scherben aufsammelte und sich nun zum dritten Mal bei ihr entschuldigte. Sie versuchte etwas zu sagen, irgendetwas… aber es ging nicht. Sie stand einfach nur da und starrte ihn an.
    Erst als Andrea nach ihr rief, löste sie sich aus dieser Erstarrung.


    „Chefin? Der Polizeipräsident ist am Telefon und will Sie sprechen.“ Anna nickte und verließ fluchtartig die Küche. Andrea sah ihr fragend hinterher.


    „Was ist denn hier passiert?“ Leon zuckte hilflos mit den Schultern.


    „Ich habe sie erschreckt und sie hat dann das Glas fallen gelassen.“ Er sah der Frau kopfschüttelnd nach. Es war doch nur ein Glas gewesen…


    „Sie ist der Boss hier?“ fragte er in Richtung Andrea


    „Ja, Anna Engelhardt.“


    „Aha… ich dachte Semir oder Tom…“ Andrea grinste ihn an.


    „Gott sei Dank nicht, nein…“

  • ***


    „Schau einer guck… wen haben wir denn hier? Wenn das nicht unsere Junior First Lady ist…“ Tom strahlte Christina Engelhardt, die gerade aus ihrem Wagen stieg, an. Auch er war mit Semir gerade erst angekommen. Christina lächelte frech zurück.


    „Schau mal einer an… Wenn das nicht die Chaoten vom Dienst sind.“


    „Ey, ja?“ Tom zwinkerte ihr zu.


    „Ist mein Schwesterchen da?“


    „Wenn sie nicht weggelaufen ist, dann schon.“ Gemeinsam machten sie sich auf den Weg in das Gebäude.

    Vor Andreas Schreibtisch trafen sie auf Leon, der ihnen freudig entgegenblickte.


    „Und, habt ihr was rausgefunden?“


    „Nein… nicht wirklich. Der Chef deines Vaters konnte uns auch nichts sagen.“ Leon ließ die Schultern hängen.


    „Hey… wir sind doch erst ganz am Anfang…“ versuchte Tom ihn aufzumuntern.


    Der Junge warf jetzt einen Blick auf die Frau, die mit Semir und Tom herein gekommen war. Schnell musterte er ihre Gesichtszüge und die Art sich zu bewegen. Anschließend warf er einen skeptischen Blick in Richtung Büro der Dienststellenleitung. Dort konnte er allerdings niemanden sehen, da die Rollos komplett herunter gelassen waren.


    Die junge Frau lächelte amüsiert. „Gut aufgepasst.“


    „Naja, das war nicht wirklich schwer. Die Ähnlichkeit fällt einem Blinden mit Krückstock auf.“


    „Tja…“ Sie reichte ihm eine Hand. „Christina Engelhardt.“


    „Leon Wächter. Sind sie auch bei der Polizei?“ Christina lachte. „Um Gottes Willen… Nein, das wäre nichts für mich. Ist Anna gerade beschäftigt oder kann ich zu ihr?“ Die Frage war an Andrea gewandt. „Vielleicht telefoniert sie noch, aber das müsste kein Problem sein.“


    „Gut…“

  • Es klopfte und Christina steckte ihren Kopf durch die Tür, ehe Anna die Gelegenheit hatte, auf das Klopfen zu reagieren.


    „Hallo Schwesterherz, ich…“ sie stutzte. „Ist alles in Ordnung?“ Vorsichtig schloss sie die Tür hinter sich und ging auf den Schreibtisch zu.


    „Ja“, die Chefin räusperte sich. „was willst du?“


    „Sicher, das alles in Ordnung ist? Du…“


    „Christina was willst du? Ich habe zu tun.“ Die jüngere Engelhardt sah ihr älteres Ebenbild noch ein paar Sekunden perplex an, ehe sie antwortete.


    „Dich fragen, wie deine Fortbildung war und wann wir uns heute Abend treffen.“


    „Ich kann heute Abend nicht. Ein andern Mal.“


    „Anna bitte, das haben wir vor zwei Wochen ausgemacht. Wir wollten heute doch…“


    „Ich sagte, ich kann heute nicht!“ Sie war aufgesprungen. „Wenn du mich jetzt bitte in Ruhe lassen würdest? Die Tür ist da vorne!“


    „Was haben sie dir denn heute Morgen in den Kaffee getan?!“ Christina war ebenfalls aufgesprungen und wurde ihrerseits lauter.


    „Raus!“ Die jüngere funkelte ihre Schwester noch einen Moment angriffslustig an, dann machte sie auf dem Absatz kehrt und knallte die Tür hinter sich zu.

  • Vor dem Büro hatten Tom, Semir, Leon und Andrea aufgelauscht. Da sich beide Engelhardts an Sturheit und Temperament in nichts nachstanden, konnte so eine Auseinandersetzung schon mal böse enden. Christina hatte dieses Mal aber wohl nachgegeben. Wütend kam sie aus dem Büro der Chefin gerauscht.


    „Was ist mit der denn los? Habt ihr sie heute schon geärgert?“ Tom und Semir schüttelten unisono den Kopf.


    „Wir waren es nicht! Doppelschwör!“ Christina sah sie misstrauisch an. Dann lächelte sie.


    „Na gut… will ich euch mal glauben.“ Das Klingeln von Semirs Handy durchbrach die Stille.


    „Ja, Semir hier?... Hartmut, was gibt es denn? ... Alles klar, wir sind gleich da. Ciao!“ Er wandte sich an Tom.


    „Komm Partner, gibt Arbeit. Hartmut hat was im Haus der Wächters gefunden.“


    „Ich komme mit!“ Leon stand schon bereit.


    „Bist du dir sicher…?“ Tom sah ihn zweifelnd an.


    „Können wir jetzt fahren?“ Leon beachtete ihn gar nicht erst. Semir zuckte nur mit den Schultern und machte sich auf den Weg.


    Vor der PAST verabschiedeten sie sich von Christina, die sich auf den Weg nach Hause machte.


    „Pass auf, sie kommen raus.“ Neumann sah auf. Die beiden Bullen kamen gerade mit dem Jungen aus ihrer Dienststelle. Eine Frau war auch dabei. Allerdings verabschiedete sie sich sofort von ihnen und ging zu einem anderen Wagen.


    „Vielleicht können wir den Jungen jetzt schon aus dem Weg räumen… mal schauen, wo sie hinfahren.“ sinnierte Gruber und startete den Motor. Neumann zückte seine heißgeliebte 9mm.