Ein kleines Weihnachtsmärchen

  • Hallo zusammen. :baby: Nachdem es längere Zeit nichts eigenes von mir gab, kommt jetzt passend zu der Jahreszeit eine kleine FF von mir.
    Die Idee kam mir, als ich für das JAG-Forum einen Beitrag zu einem FF-Wettbewerb zum dem Thema "Weihnachtsgeschichte" eingereicht habe. Tja, und da habe ich angefangen, meinen Beitrag Cobra-11-tauglich umzuschreiben...et violá, nachfolgend kommt das Ergebnis.



    Viel Spaß beim Lesen. :baby: :D





    Ein kleines Weihnachtsmärchen by Wendy



    Petra stand in der Küche inmitten von Tüten aus dem Supermarkt, dem Gemüsehändler und einer Tasche aus dem Feinkostladen. Auch wenn sie eine passable Hausfrau war, so war diese Küche für sie noch neues Terrain. Erst vor wenigen Wochen hatten sie und Tom dieses Haus angemietet und nun waren sie Gastgeber für engste Kollegen und Freunde aus der Past. Petra raufte sich die Haare und hätte am liebsten die Segel gestrichen, zumal sich Tom seit dem Verrücken der Möbel am Morgen nicht mehr hat blicken lassen, aber das brachte sie dann doch nicht über´s Herz und verglich weiterhin tapfer ihre Einkäufe und glich ihre Liste ab, was noch alles bis zum Abend zu tun wäre.
    Allerdings wäre ein ruhiger Heiliger Abend, nur mit Tom alleine vor dem geschmückten Baum und bei Kerzenlicht eher nach ihrem Geschmack gewesen. Aber nun, nachdem Tom kürzlich die Idee bei einem Besuch in Frankies Bar mehr oder weniger nüchtern erzählt hatte und seine Kollegen das in kürzester Zeit mitbekamen, war es zu spät für Pläne dieser Art. Zumindest hätten sie noch den Weihnachtsfeiertag für sich alleine zum Kuscheln.


    Als sie sich umdrehte, erschrak sie. Petra hatte nicht bemerkt, das Tom in die Küche gekommen war. Beim Anblick seiner wunderschönen Augen wurden ihre Knie weich und ihr Herz schlug bis zum Hals. Tom lächelte und gab ihr einen Kuss. Als sie sich wieder voneinander trennten, fiel ihr auf, dass er seinen Anzug anhatte.
    „Tom, wieso bist Du so fein angezogen? Haben wir heute etwa Dresscode?“ Petra sah in fragend an. „Nein, weißt Du…“ Tom druckste herum. Ihr gefiel das nicht. Jedes mal, wenn er stotternd anfing, folgte ein dickes Ende. Sie sah ihn mit großen Augen an. „Tja, also ich muss noch einmal in die Dienststelle und ein paar Berichte abarbeiten. Ich möchte schließlich nicht, dass der arme Semir das ganz alleine machen muss, während ich im Urlaub bin.“ Petra verschränkte die Arme und zog eine Schnute. „Am Heilig Abend? Zumal wir ja heute nur eine Feier haben und noch endlos viel vorbereiten müssen? Du hast es doch sonst nicht so mit den Berichten.“ Dann drehte sich Petra beleidigt um und machte sich wieder an die Arbeit. Tom sah zur Decke und beobachtete dann Petra für einige Minuten bei ihrem Tun. Dann löste er sich vom Türrahmen und nahm sie von hinten zärtlich in die Arme. „Hey, ich verspreche, ich bin ganz schnell wieder da…es sind doch nur ein paar Kleinigkeiten zu erledigen, das geht ganz flott und dann helfe ich Dir bei den restlichen Vorbereitungen…“ Petra drehte ihr Gesicht zum Tom. Da war es wieder, dieses jungenhafte Gesicht, dem sie nicht widerstehen konnte und blickte dann wortlos in die andere Richtung, in der Hoffnung, dieses Mal standhaft bleiben zu können. „Bitte, es wird auch nie wieder vorkommen…“
    „…bestimmt, weil ich dafür sorgen werde, dass Du Deine Berichte in Zukunft immer sofort schreibst und so ein Abend wie heute nie wieder ohne meine Zustimmung vereinbart wird, ansonsten gehen wir wieder getrennte Wege“, unterbrach Petra und sah dabei sehr ärgerlich aus, denn sie vermutete, dass er nur einen Vorwand suchte, um sich vor der unliebsamen Arbeit zu drücken. Tom nickte und wollte ihr einen Kuss geben, doch sie wich ihm aus und so erreichten seine Lippen ganz flüchtig ihre Wange. Ein wenig beleidigt ließ er seine Arme sinken und verließ mit einem beiläufigen „Tschüss, bis später.“ das Haus.
    Petra atmete tief durch und versuchte sich wieder auf ihre Vorbereitungen zu konzentrieren. Aber nachdem die Haustür ins Schloss gefallen war, überkam sie ein eigenartiges Gefühl. Sie konnte es nicht einordnen, denn es ging ihr körperlich gut, es war eher wie eine böse Vorahnung, das etwas passieren könnte. Petra konnte sich beim besten Willen darunter nichts vorstellen, aber wenn er so weiter machen würde, dann könnte er sich bald eine neue Freundin suchen. So viel war sicher und versuchte dann das ungute Gefühl zu verdrängen, indem sie sich wieder auf die Arbeit stürzte, denn schon bald würden die ersten Gäste eintrudeln.

  • Vor der Tür musste Tom erst einmal durchatmen. Für einen Moment hatte er das Gefühl, im falschen Film zu sein und der Plan, der in der Theorie so einfach war, schien auf einmal mehr Probleme aufzuwerfen, als ihm lieb war. Mit der Schuhspitze schabte er den Rollsplitt zur Seite, der nach dem letzten Frost gestreut worden war. Er war am überlegen, ob es wirklich so klug war, ihr zu erzählen, dass er noch einmal ins Büro musste. Auch wenn es nur eine kleine Notlüge war, so fühlte er sich im Moment nicht wohl in seiner Haut, zumal er nicht wusste, was ihn mehr störte: Die kleine Notlüge oder das Petra wütend auf ihn war. Vielleicht hätte er ihr einfach sagen sollen, dass er noch ein paar Besorgungen machen wollte, das wäre wenigstens ehrlich gewesen, aber vermutlich hätte sie ihm das garantiert nicht abgenommen, vor allem, nachdem er sich bei den Vorbereitungen für die Feier so gut wie nur möglich gedrückt hatte.
    Seit sie offiziell ein Paar waren, gab es nur wenige Augenblicke, in denen sie wütend war, aber das war meistens nach wenigen Momenten aus der Welt geschaffen. Meistens waren es Belanglosigkeiten, wie der Abfall, den er nicht raus getragen hatte, aber das hier schien sie wirklich zu treffen. Immerhin waren es ihre ersten gemeinsamen Weihnachten und er wollte es zu etwas ganz besonderem machen. Er drehte sich noch einmal in Richtung Haus und blickte nachdenklich zum Küchenfenster, in der stillen Hoffnung, sie würde kurz rausblicken und ihm zuwinken, aber sie tat es nicht und spürte einen kleinen Stich, der durch sein Herz fuhr. Zum Boden blickend und völlig in sich gekehrt ging er zu seinem Wagen, den er am Straßenrand geparkt hatte.
    Dabei achtete er nicht wirklich auf den Weg, und der Person, die er noch aus dem Augenwinkel sah, konnte er nicht mehr ausweichen und so rempelten sie beide aneinander.
    Tom ging einen Schritt zurück und hob beschwichtigend die Hände und stammelte ein paar Entschuldigungen, dann erst betrachtete er sein Gegenüber genauer und musste schmunzeln. Er war mit einem älteren Mann zusammengestoßen, der eine große Ähnlichkeit mit einem Nikolaus hatte. Das einzige, was ihn davon unterschied, war die Kleidung, denn er war mit einem abgetragenen Mantel und einer ebenso alten Hose und Schuhe versehen.
    „Alles in Ordnung bei Ihnen?“ fragte Tom schließlich. Der Mann nickte nur, lächelte und nickte höflich zum Gruß. „Tja, wie gesagt, es tut mir leid, ich bin in Eile…war wirklich keine Absicht. Schöne Feiertage noch“ fuhr Tom fort, verzog den Mund zu einem Lächeln und stieg dann in seinen CLK.
    Kaum, dass er den Schlüssel umdrehen wollte, klingelte sein Handy. Tom verdrehte genervt die Augen und vermutete schon, dass er tatsächlich in seinem Urlaub zu einem Einsatz gerufen würde, als er Semirs Namen auf dem Display erkannte. Für einen Moment war er in Versuchung, das Klingeln zu ignorieren, aber immerhin war er Polizist und es konnte ja wirklich etwas passiert sein. „Hallo Partner“, meldete er sich kurz und hoffte, das Gespräch schnell wieder beenden zu können.
    „Ja hallo…na, Du scheinst ja nicht gerade in Weihnachtsstimmung zu sein“, frotzelte Semir. Tom blickte nervös auf die Uhr. Jede Sekunde war kostbar. „Nein, dank Deiner tollen Idee sitze ich wohl ziemlich tief in der Tinte.“ Tom ließ seinen Frust freien Lauf, doch das schien Semir wenig zu beeindrucken. „Was ist passiert?“ hakte Semir nach. Er wusste, dass sein Freund und Partner sich nur zu schnell in Schwierigkeiten brachte. „Hat das Zeit bis später? Ach ja, und wenn das hier heute wirklich schief geht, dann räum schon mal Dein Gästezimmer frei.“
    Tom hörte, wie Semir am anderen Ende der Leitung lachte und hätte ihm am liebsten durchs Telefon geschüttelt, aber stattdessen würgte er lieber das Gespräch ab. „Hör mal, ich muss los, wir sehen uns dann später.“
    „Ok, ist gut. Ja, bis später dann…ciao, ciao…“, doch da hörte er nur noch das Freizeichen und legte leicht beleidigt den Hörer zur Seite. Zu gerne hätte er gehört, was Tom wieder angestellt hatte, aber nun musste er auf heute Nachmittag warten. Er war neugierig, in welchen Schwierigkeiten er sich wieder gebracht hatte.


    Tom hatte das Telefonat einfach weggedrückt. Er wollte nun wirklich los und hatte, mal abgesehen vom Zeitmangel, im Moment wirklich keine Lust, sich mit Semir über sein Debakel mit Petra zu unterhalten. Zumal es nichts wichtiges zu geben schien, hatte er nicht einmal ein schlechtes Gewissen, das Gespräch einfach geblockt zu haben. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es nun höchste Zeit war, wenn er noch etwas erreichen wollte. Er startete den Wagen, blickte kurz in den Seitenspiegel und brauste mit quietschenden Reifen davon.


    Der alte Mann stand immer noch am Straßenrand und musterte Tom, wie er in den Wagen stieg und dort am Telefonieren war. Ein Schmunzeln ging über sein Gesicht. Als dieser dann mit Vollgas anfuhr und eine Ladung Dreck und altes Laub aufwirbelte, sah er nach oben, als hätte es ihm jemand befohlen, dann wanderte sein Blick auf das Haus, aus dem Tom vor wenigen Augenblicken gekommen war und entdeckte im Küchenfenster, das Gesicht einer jungen Frau, das suchend die Straßen entlangblickte. Er winkte ihr zu, doch sie schien ihn nicht wirklich wahr zu nehmen. Sie wirkte gehetzt und ein wenig unglücklich. Dann war sie wieder weg. Das Lächeln verschwand und in seinen Augen machte sich ein Gefühl von Trauer breit. Er blickte kopfschüttelnd gen Himmel und schickte ein fast lautloses „Warum?“ nach oben.

  • Hallo zusammen und einen schönen zweiten Advent.
    Hier kommt ein wenig Nachschub, viel Spaß beim Lesen. :D






    Tom fuhr durch die weihnachtlich dekorierten Straßen, die er mehr beiläufig wahrnahm. Im Moment war es ihm wichtiger, rechtzeitig in die Stadt zu kommen. Eine der Angestellten hatte ihn vorhin noch angerufen, um ihn auf geänderte Öffnungszeiten hinzuweisen. Auch so ein Detail, das nicht ganz in das Konzept passte und zu der sehr spontanen und nicht wirklich guten Notlüge geführt hatte. Bei dem Gedanken, an den Streit und Petras Reaktion, spürte er wieder diesen Stich in seinem Herzen.
    „Mann, Mann…gibt es hier denn heute nur rote Ampeln?“ fluchte er, als er erneut zum Stehen kam und nachdem die vorausfahrenden Wagen nur schleppend vorankamen, fügte er noch hinzu: „Nun kommt schon in die Gänge, schlafen könnt ihr woanders!“ und hämmerte auf das Lenkrad ein. Er blickte immer wieder auf die Uhr, und je langsamer er vorankam, desto nervöser wurde er, dass er sein Ziel nicht mehr rechtzeitig erreichen würde. Er ärgerte sich, dass er die Aachener Straße gewählt hatte, um in die Altstadt zu gelangen, aber wer konnte ahnen, dass kurz vor Ladenschluss am Heiligen Abend noch so viele Leute unterwegs sein würden.


    Irgendwann wurde es ihm zu bunt und er mogelte sich durch die Lüchen einzelner wartender Wagen hindurch, begleitet von drohenden Gebärden und Hupkonzerten einzelner besonders verärgerter Verkehrsteilnehmer. Im Moment war es ihm jedoch recht egal, denn das einzige, was im Moment zählte war die Tatsache, dass er pünktlich im Geschäft sein musste und dann auf den kürzesten Weg wieder zurück, denn er wollte Petra nicht noch mehr verärgern. Vor seinem inneren Auge sah er sich schon auf Semirs Couch nächtigen.


    Nachdem er endlich die Hauptstraße und den damit verbundenen Stau hinter sich gelassen hatte, erreichte er dann doch schneller die Altstadt, als er gedacht hatte und wurde entspannter, als er zudem auch noch in der Nähe des Geschäfts einen Parkplatz ohne größere Suchaktion gefunden hatte.
    Tom stieg aus und sah sich nach einem Parkscheinautomaten um, fand aber keinen. Das wunderte ihn wenig. ‚Wird schon keiner abschleppen’ dachte er so bei sich, schloss den Wagen ab und ging dann die wenigen Meter in Richtung des Geschäfts. Die eine oder andere kleine Flocke bahnte sich ihren Weg vom Himmel runter auf den grauen Asphalt, und landete auch auf Toms Nase. Er blickte nach oben, schüttelte aber nur den Kopf, in dem Wissen, dass auch dieses Jahr der erhoffte Schnee zu Weihnachten ausbleiben würde und setzte seinen Weg fort, entlang an festlich dekorierten Schaufenstern und verschnörkelten Schriftzügen, die auf den Inhaber oder die Bedeutung des Geschäfts selber hinwiesen. Vorbei an den schönen alten Bauten, dessen Stil mit den Jahren in Vergessenheit geraten war. Tom hatte diese kleine Gasse, die selbst an Tagen wie diesen, ein Ruhepol war, nach einem seiner langen Nächte mit Semir entdeckt und war wie magisch angezogen vor einem der Schaufenster stehen geblieben, dessen Auslage eine Auswahl der aktuellen Kollektion hatte, die der Inhaber noch selber entwarf und herstellte. Tom hatte damals in Erfahrung gebracht, dass auch individuelle Änderungen und Wünsche kein Problem darstellten. Eigentlich wollte er Petra einfach nur mit einem schönen Schmuckstück überraschen, aber Semir hatte da noch eine weitere Idee: nämlich eine kleine Feier um dem Ganzen auch einen schönen festlichen Rahmen zu geben. In seinem angeheiterten Zustand empfand Tom diesen Vorschlag einen grandiosen Einfall und malte sich den Abend in den schönsten Farben aus, aber spätestens seit heute bei der Durchführung kamen ihm Zweifel.


    Nun stand Tom wieder vor dem Laden und betrachtete die Auslagen und festlichen Dekorationen. Auch heute verfehlte dieser Charme seine Wirkung nicht und er fühlte sich im Moment wieder so gut wie vor ein paar Wochen. Und bei dem Gedanken an heute Abend und an seine Petra strahlte er von einem Ohr übers andere. Vergessen war der Streit von vor einer halben Stunde, sein Herz hüpfte und betrat er lächelnd den Laden.
    Er öffnete die Tür und das Klingeln eines Glöckchens kündigte sein Erscheinen an. Tom blickte nach oben und war fasziniert, dass es so etwas im digitalen Zeitalter noch bestand hatte. Dann sah er zu der Angestellten hinter dem Tresen, die ihn nur anstarrte und weder grüßte noch sonst irgendeine Form der Regung zeigte. Tom registrierte das merkwürdige Verhalten, schob es aber den weihnachtlichen Stress zu und lächelte weiter.
    „Guten Tag, mein Name ist Kranich. Ich hatte einen Ring in Auftrag gegeben“, begann er, aber die junge Frau hinter dem Tresen schien ihn gar nicht wahrzunehmen. Sie starrte weiter vor sich hin. Tom blickte einmal in die Runde des Ladens, dessen Einrichtung aus schwerem, dunklen Holz und Glas bestand. Nicht zu modern, aber auch nicht zu altmodisch. Nachdem er festgestellt hatte, das er der einzige Kunde in dem Geschäft war, trat er näher an die Frau ran. Ihm fiel ihre Blässe auf und dass sie zu zittern schien, konnte sich aber keinen Reim auf ihr Verhalten machen. Wieder begann er, sein Anliegen vorzutragen.
    „Entschuldigen Sie, ich hätte gerne den Ring abgeholt. Hier ist meine Kopie des Auftrags und mein Ausweis.“ Tom zog aus der Tasche ein dünnes gelbes Papier und legte es zusammen mit dem Dienstausweis auf die Glasplatte. Die junge Frau zuckte zusammen, als hätte sie ihn jetzt erst bemerkt und wurde noch eine Spur blasser. „Hm, ja, also, Herr…Herr Kranich. Ich muss mal gucken…ich glaube, der ist noch nicht fertig“, stammelte sie und versuchte zu lächeln, das aber in einer kläglichen Grimasse endete. Tom sah sie an. Er runzelte die Stirn und verstand gar nichts mehr. „Moment mal, waren das nicht Sie, die mich vorhin angerufen hat um mir mitzuteilen, dass ich noch vor 11:30Uhr da sein sollte?“ Die Angestellte öffnete den Mund, aber es kam nichts raus, dann presste sie die Lippen aufeinander und murmelte: „Es tut mir leid, aber da lag wohl ein Missverständnis vor.“ Sie sah betreten auf den Glastisch und schob den Wisch und Ausweis zurück. Beim genaueren Blick auf die Plastikkarte begriff sie, wen sie vor sich hatte. Ihre Augen und ihr Mund weiteten sich, als würde sie um Hilfe rufen wollen. Tom hingegen begriff das sonderbare Verhalten der Frau nicht. Er war in Gedanken bei Petra und das er wohl doch eine Notunterkunft brauchen würde.
    „Hören Sie, ich habe den Auftrag für den Ring vor über 2 Monaten gegeben. Er sollte schon vor einer Woche fertig sein. Wo ist ihr Chef…“ begann Tom an zu schimpfen, wurde aber immer leiser und endete schließlich mitten im Satz, als die junge Frau vor ihm fast tonlos um Hilfe bat.
    „Gehen Sie. Holen Sie ihre Kollegen. Bitte…“ Sie hatte Tränen in den Augen. Tom begriff, dass dieser Laden gerade überfallen wird und scheinbar keinen stillen Alarm hat oder dieser zerstört worden war. Tom griff nach den Unterlagen, drehte sich um in der Absicht, sich leise zurückzuziehen, denn so gern er auch den Retter in Not spielen würde, so war das Risiko einer Überzahl an bewaffneten Gangstern gegenüberzustehen doch größer. Aber er kam nicht einmal bis zur Tür. Ein metallischen Klicken hinter seinem Rücken ließ ihn erstarren.

  • Petra war inzwischen in den Vorbereitungen für die kleine Feier am Nachmittag versunken. Nachdem sie endlich ein wenig Ordnung in die Küche gebracht und einige Einkäufe verstaut hatte, gingen das Zubereiten der Platten mit Häppchen, Dips und diversen andern Leckereien wie von selber. Zwei Kuchen und den großen Kartoffelsalat nach dem Rezept ihrer Mutter hatte sie wohlweislich schon letzte Nacht gemacht. Sie war froh, dass sie sich zumindest bei der Wahl des Essens hatte durchsetzen können. Wäre es nach Tom gegangen, hätte es ein Dinner gegeben, aber nachdem sie ihm mehr im Spaß gedroht hatte, ihn zu vierteilen, würde er sich nicht beim Kochen beteiligen, hatte der dann doch dankend abgelehnt und ihr die Entscheidung überlassen.
    Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie gut in der Zeit lag und sie stellte fest, dass sie, seit dem er das Haus gegen Mittag verlassen hatte, nicht mehr an ihn gedacht hatte. Auch wenn sie noch ein wenig böse auf ihn war, dass er sich so einfach aus der Verantwortung gezogen hatte, so war sie dennoch am Überlegen, ihn in der Dienststelle anzurufen. Sie wusch sich die Hände und ging dann in den Flur, wo das Telefon aufgestellt war. Sie wählte die Nummer der Dienststelle und war schon im Begriff auf die Taste mit dem grünen Hörer drücken, als sie eine innere Stimme davon abhielt. Sie wog das Mobilteil in der Hand und überlegte, ob es wirklich so klug war, ihn anzurufen und gleich zu Anfang der Beziehung, wie das brave folgsame Weibchen zu wirken. Immerhin war er es gewesen, der unbedingt heute noch Berichte aufarbeiten wollte, und einfach ohne zu fragen abgehauen ist. Sie schüttelte mit dem Kopf, drückte die Nummer weg und widmete sich wieder den restlichen Vorbereitungen in der Küche.
    Zu ihrer Zufriedenheit stellte sie fest, dass sie schon fast alles erledigt hatte, und begann mit der Dekoration im Wohnzimmer. Zumindest hier hatte er noch geholfen, die Möbel zu verrücken, dachte sie so bei sich, während sie festliche Tischtücher und Servietten aus Papier dekorativ verteilte. Schließlich begann sie die fertigen Platten und Getränke für das Buffet ins Wohnzimmer zu tragen, so wie diverse Teller, Gläser und Bestecke. Wohlwollend betrachtete sie ihre fertige Arbeit und warf dann einen letzten prüfenden Blick in die Runde, der beim geschmückten Weihnachtsbaum endete. Ein Frösteln überkam sie und da war auch wieder dieses ungute Gefühl, dass sie vorhin auch schon hatte, als Tom das Haus verlassen hatte. Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie es somit loswerden. Ein Blick auf das gekippte Wohnzimmerfenster lieferte ihr zumindest eine logische Antwort für ihr Frieren. Sie ärgerte sich über sich selber, schloss das Fenster und ermahnte sich zur Ruhe. Vermutlich war das einfach nur die Aufregung, dass sie mit Tom zum ersten Mal als Paar eine Gesellschaft empfing und der Umzug hatte auch so seine Spuren hinterlassen. Wieder blickte sie auf ihre Uhr stellte erfreut fest, dass sie noch Zeit hatte und beschloss, sich erst einmal eine Dusche zu gönnen.
    Wenig später stand Petra im Schlafzimmer vor ihrem Kleiderschrank in einen Bademantel gehüllt, ihre Haare hatte sie ihn ein Handtuch zu einem Turban gebunden. Sie sah ihre Kleidung durch und kam dann zu dem Schluss, dass für den heutigen Abend eine Hose und eine Bluse mehr als standesgemäß waren. Sie zog die beiden Teile aus dem Schrank und dachte dabei an Tom. „Hoffentlich schafft er es rechtzeitig“, murmelte sie vor sich hin und erschrak ein wenig über das Stechen in ihrem Herz und dem Ziehen in der Magengegend, als sie das aussprach. Ihr war schwindelig und setzt sich erst einmal auf die Bettkante. Wieder schob sie es dem Stress zu und atmete erst einmal tief durch, nahm sich aber vor, nach den Feiertagen zum Arzt zu gehen.

  • Schönen guten Abend. :baby: Danke noch einmal für die lieben Feeds. Und hier kommt noch etwas zur Nacht. :D




    Tom drehte sich langsam um und hob beschwichtigend die Hände. Sein Herz raste vor Aufregung. Es war nicht das erste Mal, dass er in Schwierigkeiten steckte, aber sonst war wenigstens Semir in der Nähe. Nun war er jedoch auf sich alleine gestellt und vermutlich war die Polizei nicht alarmiert, sonst hätte die Angestellte ihn nicht um Hilfe angefleht.
    Tom blickte in das Gesicht des Mannes und versuchte wieder Herr seiner Sinne zu werden. Noch immer hielt der seine Hände leicht in die Höhe. Er wollte nichts riskieren und erst einmal die Situation besser abschätzen. Der Mann vor ihm war wesentlich größer und hatte eine Frau wie ein Schutzschild an sich gepresst, in der anderen Hand einen Revolver, der auf Toms Brust zielte. Er musterte Tom und grinste ihn dann böse an. „Sieh mal einer an, da wird es heute ja noch ein richtig gemütlicher Nachmittag.“
    „Los, nach hinten!“ befahl er dann schließlich barsch. Als Tom nicht gleich reagierte, drückte er den Lauf des Revolvers in die Seite der Frau, die darauf zu schluchzen begann. „Na wird´s bald?“ Dann wandte er sich an die Angestellte. „Und Du schließ endlich die verdammte Tür zu!“ Die Angestellte schien aus ihrer starren Haltung langsam zu erwachen und ging langsam zur Tür und schloss sie mit zitternden Händen zu. Dabei fiel ihr der Schlüsselbund aus den Händen und fiel klirrend zu Boden. „Hey, keine Zicken ja?“ fauchte er und zielte mit der Waffe auf sie. Die junge Frau nickte, hob langsam den Schlüsselbund auf und verschwand wieder hinter dem Tresen.
    Tom überlegte fieberhaft, was er unternehmen könnte, um zumindest die Frauen aus der Gewalt dieses Mannes zu bringen. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte er an Petra und hoffte, sie möge ihm verzeihen, dass er als Polizist handeln würde. Er ließ die Hände langsam sinken.
    „Wie heißen Sie?“ begann Tom schließlich und hätte sich für diese Frage ohrfeigen können, aber es war im Moment das erstbeste, was ihm eingefallen war. Der Mann sah ihn erst ein wenig überrascht, dann belustigt an, ehe sich sein Ausdruck wieder verfinsterte. „Wer will das wissen?“ kam dennoch nach einer Weile als Antwort. „Kranich. Tom Kranich.“ Der Gangster sah ihn wieder nur an und musste dann herzhaft lachen. Tom wusste konnte nicht sagen, was den Lachanfall bei ihm ausgelöst hatte, aber immerhin war es besser, als wenn er wieder mit dem Revolver jemanden bedrohen würde. Als er sich wieder beruhigt hatte, wiederholte der Gangster Toms Namen und hätte fast wieder einen Lachanfall bekommen. „Sag mal, was für ein komischer Vogel bist Du eigentlich?“ Tom überlegte, ehe er so ruhig wie nur möglich antwortete. „Kein Vogel, nur jemand, der heute noch gerne nach Hause möchte. Und Sie und die Damen vermutlich auch.“ Der Mann sah Tom erst mit großen Augen an, dann kniff er beide Augen zusammen und zischte leise: „Wer bist Du, dass Du Dir anmaßt zu wissen, was ich möchte?“
    „Jemand, der nach Hause möchte. Haben Sie Familie? Auf Sie wartet doch auch jemand, oder?“ Tom atmete tief durch und versuchte seine Nervosität zu verbergen. Dies war völliges Neuland für ihn, zumal er ja lieber ein Mann der Tat war und Gespräche wie diese das letzte mal im Rahmen der Ausbildung geführt hatte. Und nun verhandelte er mit einem Geiselnehmer und er fürchtete, das jeder Satz der endgültig letzte sein könnte. Tom musterte sein Gegenüber und versuchte herauszufinden, was der Mann empfand, aber dieser stand nur da und sah ihn weiterhin mit zusammengekniffenen Augen an. Tom wusste, er musste warten. Es war wie ein Schachspiel. Aber er mochte weder das eine noch das andere und so wurde die Situation für ihn immer unangenehmer. Schließlich streckte sich der Mann halb nach hinten und rief: „Hey, Brüderchen, komm mal her…ein Rechtsverdreher, einer von der komischen Sorte.“ Tom verstand nicht wirklich, warum er ihn mit der Berufsgruppe in Verbindung brachte und war ein wenig angesäuert. Doch so gerne er jetzt einen Kommentar dazu abgegeben hätte, so sehr hätte es vermutlich ihn oder sogar das Leben der Frauen gefährdet, also schwieg er lieber.
    Tom sah, wie hinter ihm ein weiterer Mann auftauchte. Er war kleiner, stämmig und bei weitem nicht so furchteinflößend. „Was ist los, Georg?“ fragte er und blickte dann auf Tom. „Sieh mal, ein Rechtsverdreher der komischen Sorte“, wiederholte sich Georg.
    „Nein, ich bin kein Anwalt, aber ich könnte Ihnen trotzdem helfen“, begann Tom und hoffte auf einen besseren Verhandlungsansatz. Aber dieser Satz schien bei Georg eine unangenehme Erinnerung auszulösen und fing wieder an zu brüllen. „Hey, Klappe zu, ja?! Ich brauche Deine Hilfe nicht. So ein Schlaumeier hat den gleichen Spruch gehabt und wo bin ich gelandet? Ossendorf!“
    Tom zuckte innerlich zusammen. Mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet. Vermutlich war es jetzt an der Zeit, mit offenen Karten zu spielen und griff langsam in seine Innentasche des Jackets. Georg fuchtelte wild mit der Waffe im Geschäftsraum herum, dass die Angestellte hinter dem Tresen vor Schreck in Deckung ging. „Hey, ich will Deine Hände sehen!“ brüllte Georg ihn an. „Ok, ok, schon gut. Ich hole nur meinen Ausweis raus. Keine Tricks, versprochen. Wir wollen doch heute alle noch nach Hause kommen“ versuchte Tom ihn zu beschwichtigen. „Tja, Sam und ich schon, die beiden Mäuschen vielleicht auch. Aber was machen wir mit Schlaumeiern wie Dir?“ fragte er, begleitet von einem bösen Grinsen. Tom holte unbeirrt langsam und vorsichtig seinen Dienstausweis hervor. „Ich bin von der Kripo Autobahn“, sagte er schließlich. Georg sah auf die laminierte Karte, schüttelte den Kopf und fing wieder an zu lachen. „Sam, schau Dir das an…die haben es so nötig die Staatskassen zu füllen, jetzt jagen sie schon Verkehrssünder in Geschäften. Was habe ich getan? Bin ich zu schnell gelaufen?“ prustete Georg los. Sam sah ihn ängstlich an, und einen Moment später wusste Tom den Grund: Von einem Moment auf den anderen wurde sein Gesichtsausdruck wieder ernst und sah dann um sich, wie ein Gehetzter und fuchtelte wieder mit dem Revolver herum. Er rannte zum Schaufenster und zog dabei seine Geisel erbarmungslos mit sich. Sie jammerte und stolperte immer wieder, doch das ignorierte er. Suchend sah er aus dem Fenster und ging dann wieder zum Tom, seine Geisel nach wie vor im Schlepptau, doch dieses Mal drückte er den Lauf der Waffe an Toms Hals.

  • Tom schluckte. Er dachte an Petra, und das nun alles hier und so tragisch enden würde. Der Gedanke, dass er Petra nie mehr sagen könnte, wie sehr er sie liebte, sie nie mehr in die Armen schließen und sie küssen und lieben würde können. Ihr Gesicht tauchte vor seinem inneren Auge auf und musste erneut schwer schlucken. Dann schloss er die Augen und wartete auf den Knall und das dann alles um ihn herum schwarz werden würde. Sein Herz pochte so laut bis in seinem Kopf, das er meinte, das dieser gleich platzen würde. Aber nichts passierte. Er vermutete, dass er den Schuss nicht gehört oder gespürt hatte und schon alles vorbei sein würde, aber als er die Augen wieder öffnete, war noch alles so wie vorher.
    Scheinbar war er auch hier unberechenbar. „Wo ist Deine Verstärkung? Deine Bullenkollegen, Du bist doch nicht alleine hier!“ zischte Georg und drückte Tom die Waffe noch stärker an den Hals. Er rang nach Luft und wollte antworten, aber Sam kam ihm zuvor. „Hey, Georg, komm lass das. Wir verschwinden hier, nehmen ihnen die Handys und sperren sie ein.“
    Georg ließ von Tom ab und sah seinen Bruder böse an. „Wenn ich nicht wäre, dann wärst Du weiterhin in dieser Fabrik und würdest malochen. Das hier war mein Plan…“
    „…der nicht funktioniert hat. Wie immer. Aber das ist egal, komm, lass uns das hier abblasen“, unterbrach ihn Sam und sah im Moment gar mehr so schüchtern aus. Tom war überrascht über diese Wendung. Man musste kein Experte sein, um festzustellen, dass zwischen den beiden außer den Verwandschaftsgrades keine Gemeinsamkeiten vorhanden waren. Tom überlegte, wie der die Gunst der Stunde nutzen konnte, denn Georg war durch den Streit mit seinem Bruder abgelenkt, hatte aber dummerweise noch die Geisel in seiner Gewalt. Doch noch ehe er handeln konnte, drehte sich Georg zu ihm um: „Hey, was gaffst Du denn so blöde? Ab nach hinten oder Du segnest gleich hier das Zeitliche.“ Tom wollte sich schon der Anweisung von Georg beugen, als an der Ladentür hantiert wurde. Von draußen war eine dumpfe Männerstimme zu hören und forderte Einlass. Als niemand seiner Aufforderung Folge leistete, hämmerte er gegen die Tür und rief wieder.
    Georg blickte zur Tür. Damit hatte er nicht gerechnet. Erst der Tresor, dann noch dieser Bulle, sein Bruder, der sich gegen ihn stellte und nun der Typ vor der Tür. Georg entglitt die Situation immer mehr. Er warf seine Geisel achtlos zur Seite. Die Frau kam unsanft auf dem Boden auf und krabbelte nach der ersten Schrecksekunde ein Stück weiter weg und kauerte schließlich verängstigt in einer Ecke. Georg hatte nur noch die Tür im Visier, hob den Revolver und schrie: „Wir haben geschlossen!“ und unterstützte das mit einem Schuss. Die Kugel durchschlug das Fenster und verfehlte den Mann draußen nur ganz knapp. Dieser ging erst einmal in Deckung, spähte noch einmal kurz durch das Fenster und flüchtete dann.
    Tom beschloss, dass es Zeit war, das Gespräch zu beenden und nun Taten sprechen zu lassen. Er bemerkte, dass Georg alles um sich herum ausgeblendet hatte. Er trat schnell an ihn heran, griff nach seiner Hand mit der Waffe und verpasste ihm einen Kinnhaken mit der Faust. Georg taumelte und ging zu Boden. Tom griff zu seiner Dienstwaffe und wollte dem Spektakel hier ein Ende bereiten, doch Georg hatte sich schneller wieder gefangen, als ihm lieb war. Mit einem gezielten Tritt gegen sein Schienbein, verlor Tom das Gleichgewicht. Georg rappelte sich wieder auf, immer noch den Revolver in der Hand und trat erneut zu und verpasste ihm ein paar heftige Schläge ins Gesicht. Tom schwankte stark, konnte sich aber noch auf den Beinen halten. Seine Umgebung nahm er nur verschwommen war, alles drehte sich um ihn herum. Georg erkannte die Schwäche seines Gegners und schlug Tom die Waffe aus der Hand, wovon Tom mehr überrascht war, als er sich eingestehen wollte. Georg war stärker als er angenommen hatte und verfluchte sich selber über sein unüberlegtes Handeln. Noch während er versuchte, die Situation zu erfassen, hob Georg den Revolver, holte aus und traf Tom an der Schläfe. Noch einen Moment stand er aufrecht und blickte Georg ungläubig an. Die Frau in der Ecke konnte die Anspannung nicht mehr aushalten und schrie auf. Georg zielte mit dem Lauf des Revolvers auf sie und augenblicklich verstummte sie und wimmerte schaukelnd vor sich hin. Er grinste zufrieden, wie viel Macht er über diese Leute hatte. Dann drehte er sich wieder zu Tom um und zielte mit dem Revolver auf ihn.
    Tom lag inzwischen bewustlos und aus einer Kopfwunde blutend am Boden

  • Hallo... :baby:...ich habe euch nicht vergessen...*ggg*...hier kommt ein weiteres Teilstück - viel Spaß beim Lesen. :D





    Petra stand vor dem Spiegel und prüfte ihr Aussehen. Sie drehte sich halb in die eine Richtung und dann in die andere, betrachtete dann kritisch ihr dezentes Make-up und war dann nach einigen wenigen Korrekturen mit der Puderquaste doch recht zufrieden mit sich selber. Sie legte noch ein wenig Schmuck an und begab sich dann wieder nach unten, um die Vorbereitungen abzuschließen. Immerhin mussten ja bald die ersten Gäste kommen. Petras Herz klopfte schon ein wenig vor Aufregung. Es war ihre erste Party, die sie mit Tom zusammen gab und alle Leute, die ihnen beide wichtig waren, würden da sein. Bei dem Gedanken an Tom, fiel ihr auf, dass er immer noch nicht zurück war. Sie schüttelte ein wenig ärgerlich den Kopf über die Tatsache, dass er sich nicht nur vor den Vorbereitungen gedrückt hatte, sondern nun auch zu spät kam, um die Gäste zu begrüßen. Doch bevor sie sich weiter über Toms Abwesenheit Gedanken machen konnte, standen wichtigere Dinge an. Sie überprüfte die Dekoration im Flur und schaltete die Außenbeleuchtung an, denn so langsam begann es zu dämmern. Es war nichts besonderes, aber die kleine Tanne vor dem Haus und der Türrahmen boten den perfekten Platz für eine ansprechende Lichtdekoration. Sie freute sich darüber. Früher hatte sie andere Familien immer darum beneidet, nun hatte sie sich diesen kleinen Weihnachtszauber erfüllen können. Im Wohnzimmer schaltete sie die elektrischen Kerzen des Weihnachtsbaumes an, sowie die Pyramiden, die auf der Fensterbank thronten. Sie zündete die Kerzen des Adventskranz und die Teelichter der Windlichter mit Weihnachtmotiven an. Ein letzter prüfender Blick galt dem Buffet, ob alles an seinem Platz war und nichts fehlte. Mit einem gewissen Anflug von Stolz betrachtete sie ihr Werk und schaltete schließlich das Oberdeckenlicht aus. Sofort war der Raum in ein anheimelndes Licht getaucht. Als ihr Blick zu dem Weihnachtsbaum wanderte, unter dem schon diverse kleinere und größere Päckchen auf die Bescherung warteten, dachte sie wieder an Tom und entschloss sich nach einigem hin und her ihn doch anzurufen. Wieder griff sie zum schnurlosen Telefon im Flur und wählte die Nummer der Past. Nach wenigen Augenblicken meldete sich jemand, aber es war nicht Tom.
    „Autobahnpolizei, Schwarz“, meldete sich eine junge Männerstimme. Petra war ein wenig irritiert und erst als der Polizist nachhakte, meldete sie sich. „Hm, ja schönen guten Abend. Schubert hier. Ich hätte gerne Hauptkommissar Tom Kranich gesprochen.“
    „Oh, das tut mir leid, der ist nicht da.“
    „Ach so. Ist denn die Dienstellenleitung zu sprechen? Ich bin ihre Sekretärin.“ Nach einigen Augenblicken meldete sich der junge Polizist wieder. „Frau Schubert, hören Sie? Frau Engelhardt ist schon außer Haus. Kann ich Ihnen irgendwie weiterhelfen?“
    „Nein, vielen Dank. Frohe Weihnachten noch“, wünschte sie ihm und beendete dann das Gespräch. Petra stutzte ein wenig, dachte sich aber nichts dabei. Sie dachte daran, dass er vermutlich noch irgendwo in einer Bar versackt war. Ihr fiel Frankies Bar ein, doch dort meldete sich niemand, weder unter der privaten noch unter der Geschäftsnummer. Sie wog den Hörer in der Hand und zog eine Schnute, vermutlich war er schon mit Anna auf den Weg hierher. Kurz entschlossen wählte sie schließlich Toms Handynummer. Während sie darauf wartete, dass er sich meldete, überkam ihr wieder dieses sonderbare Gefühl. Ihr Kopf fühlte sich an, als würde er taub werden und ihr Magen schien sich umzudrehen. Sie musste sich setzen und versuchte sich zu beruhigen. Doch es gelang ihr nicht wirklich. Nachdem sich auch nach dem dritten Versuch nur Toms Mailbox meldete, begann sich alles in ihrem Kopf zu drehen. Sie legte den Kopf in ihre Hände. Sie wusste nicht, was das zu bedeuten hatte und es machte ihr Angst.
    Das Läuten an der Haustür riss sie aus ihren Gedanken und für einen Moment dachte sie schon, dass es Tom wäre, der seinen Schlüssel verloren hätte oder sie einfach nur ärgern wollte. Sie sprang auf, streifte sich die Bluse glatt und warf einen letzten Blick in den Spiegel. Dort blickte ihr ein blasses Gesicht entgegen, gerade so, als hätte sie kein Make-up aufgelegt. Sie kniff sich in die Wangen um durch das Platzen kleinster Haargefäße einen Hauch von Wangenrot zu erzeugen und ging dann zur Tür. Sie setzte ihr schönstes Strahlen auf und musste sich sehr beherrschen, ihre Enttäuschung zu verbergen, als dort Hartmuth stand und ihr einen Weihnachtsstern entgegenhielt. „Oh hallo Hartmuth“, begrüßte sie ihn und nahm das Mitbringsel ab. Sie zeigte Hartmuth die Garderobe und verschwand dann kurz im Wohnzimmer, um der Pflanze einen schönen Platz zu suchen. Hartmuth sah sich um und war sichtlich begeistert von der Dekoration, doch ehe es zu einem Small Talk kam, klingelte es erneut an der Tür. Doch auch dieses Mal war es nicht Tom sondern Hotte und Dieter. Sogar Jochen hatte es geschafft zu kommen. Petra freute sich über die Gäste und darüber, für den Moment einfach abgelenkt zu sein. Kurze Höflichkeitsfloskeln wurden ausgetauscht während sie ihren Gästen das Wohnzimmer zeigte und ihnen etwas zu trinken anbot. Noch ehe sie sich in ein Gespräch vertiefen konnten, meldeten sich weitere Gäste an. So ging es weiter, bis auch Semir und Andrea mit Aida eintrudelten. Nach einem herzlichen Hallo sahen sich Semir und Andrea staunend um und hatten viele Komplimente über die Einrichtung aber auch über die festliche Dekoration. Dann fiel Semir Toms Abwesenheit auf und sah Petra fragend an. „Sag mal, hast Du Deinen Freund schon eingetauscht gegen ein besseres Modell?“ witzelte er. Petra sah in ernst an. Normal konnte sie sich über seine Witze immer ein Schmunzeln abringen, aber der hier traf sie persönlich. „Du keine Ahnung. Er wollte vorhin noch ins Büro und Berichte schreiben. Ich dachte, er würde vielleicht mit Dir und Andrea kommen.“ Semir runzelte die Stirn. Ihm fiel ein, dass das ja Toms Ausrede gewesen war, doch im Moment wusste er nicht, ob er die Überraschung seines Freundes auffliegen lassen sollte. Also zuckte er nur die Schultern und überlegte fieberhaft nach einer plausiblen Erklärung. Die Türklingel rettete ihn für den Moment, was ihm mehr als recht war.
    Petra öffnete die Tür. Dieses Mal war es die Chefin in Begleitung von Toms Vater Frank und somit waren sie komplett, bis auf Tom, der sich bisher nicht einmal gemeldet hatte noch auf ihre Anrufe reagiert hatte. Anna strahlte sie an, begrüßte sie herzlich und sah sich dann in der Diele um. „Tut mir leid, dass es nicht schneller ging, aber die halbe Innenstadt ist abgesperrt und nun gibt es überall Staus, weil der ganze Verkehr umgeleitet wird“, entschuldigte sich die Chefin und reichte Petra eine Geschenktüte. „Das macht doch nichts. Tom ist auch noch nicht wieder da. Vermutlich hängt er auch noch im Stau.“ Aber irgendetwas sagte ihr, dass etwas passiert war. Anna und Frankie sah sie erstaunt an. „Echt? Na dann, wird er wohl noch brauchen. Da hat irgendein Spinner einen Juwelier in der Altstadt überfallen, mit Geiselnahme. Das SEK ist vor Ort…“ antwortete Anna. Frankie sah Anna von der Seite ein wenig entsetzt an. „Echt? Wo hast Du denn das gehört?“ „Kam vorhin im Funk rein.“
    Semir, der den letzten Gesprächsfetzen mitbekommen hatte, wollte nun mehr wissen. „Wo genau ist der Überfall passiert?“
    „Keine Ahnung, irgendwo in der Altstadt. Wieso fragen Sie, Semir?“ Anna sah ihn fragend an, dann wanderte ihr Blick zu Frank, der ebenfalls komisch guckte. Semir druckste herum und wusste nicht, was er sagen sollte und blickte fragend zu Petra, die inzwischen leichenblass und gar nicht mehr glücklich aussah. „Na ja, er wollte noch etwas besorgen, in der Altstadt…“ begann er. Frank, der von dem Plan seines Sohne wusste, sah betreten zum Boden. Annas Blick wanderte zwischen Semir, Frank und Petra hin und her und fragte schließlich besorgt: „Petra, geht es Ihnen nicht gut?“
    Sie winkte ab. „Es ist nichts…er wollte doch nur ins Büro…er kommt sicher bald…“ sagte sie ausweichend, als hätte sie Semirs Antwort nicht gehört.
    Doch sie spürte, während sie das sagte, dass sich alles um sie herum zu drehen begann, die Stimmen um sie herum schienen immer mehr wie aus weiter Ferne zu kommen. Ihr Herz schlug immer schneller. Sie hörte es in ihren Ohren rauschen, die Stimmen um sie herum nahm sie nicht mehr wahr, der Boden unter ihr spürte sie nicht mehr. Dann wurde es schwarz um sie herum.

  • Einen schönen dritten Advent. Hier kommt ein Teilstück zum Kaffee...





    Als sie wieder zu sich kam, hörte sie Stimmen, die besorgt klangen, aber sie konnten sie keinem Gesicht zuordnen. Alles um sie herum war verschwommen. Petra schloss die Augen, atmete tief durch. Als sie sie nach wenigen Momenten wieder öffnete, erkannte sie langsam wieder mehr Umrisse. Sie zwinkerte noch einige Male um den letzten Schleier vor ihren Augen zu beseitigen. In ihrem Kopf, wo sich eben noch Nebel und Dunkelheit befanden, kam mit einem Male die Erinnerung wieder. Annas Erzählung über den Einbruch mit Geiselnahme und die betretenen Gesichter von Semir und Frank. Die böse Vorahnung, die sie schon den ganzen Tag mit sich herumgetragen hatte und nicht wusste, was sie damit anfangen konnte, nahm eine erschreckende Gestalt an. Petra wollte aufspringen und sich auf den Weg zu dem besagten Juwelier machen. Sie wollte Gewissheit, ob Tom sich dort befand oder ob das alles vielleicht ein Irrtum war. Doch kaum, das sie halbwegs in die senkrechte Position gekommen war, wurde sie von ihrem schweren Kopf und starken Händen gebremst und sank wieder zurück. Sie atmete schwer durch und vereinzelte Tränen rannen über ihre Wangen.
    „Was ist passiert?“ fragte sie mit schwacher Stimme. Es war das erste, was ihr in den Sinn kam. Zwar könnte sie ihre Frage selber beantworten, dennoch hoffte sie, dass jemand ihr eine positive Antwort geben könnte. Stattdessen bekam sie als Antwort eine Gegenfrage. „Das hätten wir gerne von Ihnen gewusst. Sie wurden auf einmal ohnmächtig.“ Anna kniete sich neben Petra, die sich langsam auf der Couch aufsetzte. Dieses Mal waren ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt, auch wenn es sich in ihrem Kopf noch drehte. Sie stützte ihren Kopf in die Hände und begann stockend zu erzählen, wie Tom das Haus verließ und vorgab ins Büro zu fahren, und dass sie seitdem immer wiederkehrende Anfälle von Übelkeit und Schwindel hatte. Anna und Semir sahen sich betroffen an. Keiner von beiden wusste so recht sie sagen oder gar davon halten sollten.
    „Egal, auch wenn ihr mich für verrückt haltet, wir müssen da hin. Ich glaube, Tom ist etwas passiert“, bat Petra mit flehendem Gesichtsausdruck. Anna schüttelte nur den Kopf. Sie wusste nicht so recht, ob das eine gute Idee und schickte stumm die Frage an Semir weiter. Er zuckte nur mit den Schultern. Auch ihm war die Sache unheimlich, aber nachdem Tom sich nicht meldete und noch immer nicht wieder zurück war, wollte auch er nicht länger tatenlos herumsitzen.
    „In Ordnung. Semir, Sie und Petra fahren mit mir zusammen zu dem Juwelier. Herzberger, Sie und Bonrath telefonieren die Krankenhäuser ab und fragen in den Dienststellen, ob Tom einen Unfall hatte oder ähnliches. Außerdem bleiben Sie hier und warten ab. Vielleicht meldet er sich doch noch oder kommt zwischenzeitlich – wäre ja nicht das erste mal, dass er zu spät kommt.“ Alle beteiligten nickten. Semir half Petra auf die Beine und hüllte sie in ihren Mantel. Dann verließen sie zu dritt das Haus und fuhren mit Semirs BMW in die Altstadt.

  • Nach einem kurzen Funkwechsel mit der Past hatte Semir in Erfahrung gebracht, wo der Überfall stattgefunden hatte und wurde auch darüber informiert, dass dort das SEK noch vor Ort sei. Semir hatte inzwischen ebenfalls ein ungutes Gefühl und hoffte, dass Tom da noch rechtzeitig herausgekommen war. Aber wirklich glauben konnte er daran nicht wirklich.
    Er lenkte den Wagen schweigend durch die Stadt. Der Stau, der sich aufgrund der Umleitungen gebildet hatte, war inzwischen aufgelöst, denn mittlerweile waren wesentlich weniger Autos unterwegs als noch vor gut einer Stunde.
    Nach knapp 20 Minuten Fahrtzeit erreichten sie die Absperrung des SEK. Semir parkte den BMW unweit davon und schaltete den Motor ab. Kaum stand der Wagen, war Petra schon im Begriff, loszulaufen, um sich Gewissheit zu verschaffen. Sie hatte, wie auch Semir und Anna Toms blauen CLK auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdeckt. Keiner von ihnen fühlte sich wohl, bei dem Gedanken, dass er mitten in den Überfall geraten sein könnte.
    „Petra, warte…so wird das nichts. Ich gehe erst einmal vor und erkundige mich nach dem Stand der Dinge“, hielt sie Semir davon ab. Anna nickte zustimmend. „Semir hat Recht. Sie würden sie niemals alleine durchlassen. Ich weiß, dass es schwer ist, aber haben sie einen Moment Geduld.“ Petra ließ sich in den Sitz zurückfallen und wieder rollten ihr Tränen über die Wange. Sie beobachtete wie aus weiter Ferne, das Semir ausstieg und zu einem der Beamten ging. Sie sah sie gestikulieren und ihre Lippen bewegen und als Semir zurückkehrte, erkannte sie an seinem Gesichtsausdruck, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.
    „Also, sie wissen nicht genau, wer sich in dem Laden aufhält. Es sollen angeblich zwei Gangster sein. Ein Kunde, der in den Laden wollte, wäre fast angeschossen worden und hat dann die Polizei geholt. Zur Zeit laufen noch Verhandlungen, um die Sache friedlich zu beenden, aber es deutet alles auf Zugriff hin.“
    „Und was ist mit Tom? Wo ist er?“ fragte Petra. Sie war inzwischen sehr aufgebracht, es interressierte sie weder die Anzahl der Geiseln noch, ob auf jemanden geschossen worden ist. Sie wollte zu ihrem Tom. Semir sah sie mitfühlend an. Er verstand ihren Kummer, aber ein Teil von ihm dachte auch als Polizist und er wusste, wie schwierig Verhandlungen bei Geiselnahmen sein können. „Petra, sie wissen nichts genaues…“
    „Ich denke, sie stehen mit den Geiselnehmern in Kontakt!?“ Petra begann zu schluchzen. „Petra, ich habe ihm die Sachlage geschildert und er will klären, ob wir mit Schutzwesten den Einsatzleiter sprechen können. Ich warte noch auf sein Ok.“ Petra saß schluchzend da und versuchte zu antworten, doch jeder Versuch endete tränenerstickt.
    Schließlich kam der SEK-Beamte mit den Schutzwesten und gab ihnen genaue Anweisungen. Semir half Petra in die Weste, dann folgten sie einem anderen Beamten durch die Absperrung zum Einsatzleiter.
    Die Gasse, der zuvor noch festlich und einladend war, wurde durch die großen Scheinwerfer in ein gespenstisches Licht getaucht. Die Läden waren evakuiert worden, überall lauerten nun Scharfschützen. Am Rande befanden sich weitere Beamte sowie Krankenwagen und ein Notarztwagen, die auf ihren Einsatz warteten. Alle standen da und warteten. Petras Herz schlug mit jedem Schritt, den sie tat, bis zum Hals. Ihre Haut schien ein Eigenleben zu haben und kribbelte bis in die Fingerspitzen. Ihr Herz krampfte sich zusammen, bei dem Gedanken, dass er sie angeflunkert hatte, weil er ihr ein schönes Geschenk kaufen wollte und sie ihn für seine Notlüge auch noch böse war und ihm den Abschiedskuss verweigert hatte. Vermutlich würde sie ihn nie wieder küssen können, ihn nie wieder in die Arme schließen und in seinen wunderschönen Augen versinken. Wieder schienen ihre Beine nicht mehr gehorchen zu wollen, doch ehe sie den Halt verlor, spürte sie von beiden Seiten starke Hände. Sie blickte dankbar Semir und dann Anna an und las auch in ihrem Ausdruck größte Sorge. Gestützt von beiden Seiten gingen sie weiter und wurden von einem alten Bekannten begrüßt. Der Einsatzleiter war Stefan Schneider, der auch schon oft für die Autobahn Einsätze hatte. Er war zwar des öfteren etwas eigenmächtig, aber ein fähiger Beamter.
    „Guten Abend, Frau Engelhardt. Ich habe gehört, Sie vermuten, dass einer Ihrer Leute sich in dem Laden befindet.“ Er reichte allen dreien die Hand zum Gruß.
    „Ja, wir vermissen Hauptkommissar Tom Kranich. Konnten Sie in Erfahrung bringen, ob ein Beamter unter den Geiseln ist?“
    Schneider schüttelte verneinend den Kopf und wollte gerade die Sachlage kurz schildern, als ein Schuss sie unterbrach. Er schien von drinnen zu kommen. Sofort gingen alle in Deckung und die maskierten Scharfschützen zerschossen die Schaufenster. Rauchbomben wurden in den Laden geworfen, wieder ertönten Schüsse, gefolgt von Schreien und kurzen Befehlen.
    Petra kauerte hinter einem der Fahrzeuge und hatte ihre Kopf schützend zwischen auf die Knie in ihre Hände gebettet. Sie sah von dem Trubel um sie herum nichts, aber sie hörte jeden Schuss, jedes Klirren, jeden Ruf und Schreie. Irgendwann wurde es alles zu einem einzigen Strudel aus lauten Geräuschen. Petra wimmerte vor sich hin und wünschte sich an einem anderen Ort, wünschte, dass das alles hier aufhören würde und jemand sie wecken würde. Sie sah Toms Gesicht vor ihrem inneren Auge, sein Lächeln und wie er sie in seine Arme schloss.
    Dann war es mit einem Mal abrupt still geworden.

  • So, speziell für Elli und alle Nachtschwärmer, und die, die es noch werden wollen, noch ein kleines Stückchen zur Nacht. :D



    Petra öffnete vorsichtig die Augen und hob langsam den Kopf. Sie blickte sich um, erhaschte Blicke auf Polizisten, die in das Geschäft gingen um es zu sichern und wieder mit gesenkten Köpfen und, soweit erkennbar, mit einem traurigen Gesichtsausdruck herauskamen. Sie stand auf um mehr sehen zu können. Die Polizisten gaben den Sanitätern und Ärzten ein Zeichen, dass sie die Räumlichkeiten betreten könnten. Petra nahm das alles um sich herum wie durch einen Nebel wahr. Das Treiben nahm nun wieder mehr zu. Polizisten unterhielten sich, tauschten sich aus und berieten mit dem Einsatzleiter. Petra tapste langsam und wackelig von ihrem Versteck in Richtung Juwelier. Niemand nahm wirklich Notiz von ihr, jeder war mit sich selber beschäftigt.
    Zwei Sanitäter kamen mit einer Trage aus dem Geschäft. Das weiße Laken war mit Blut durchtränkt. Petra riss die Augen auf, als die einem der Beamten sage hörte: „Da kam bei ihm jede Hilfe zu spät“, und zu der Trage rübernickte. Wie in Trance ging sie auf die Männer zu, die gerade dabei waren, die Trage in den Krankenwagen zu verladen. Immer schneller ging sie und fing hysterisch an zu schreien.
    Sie griff den Beamten, der eben noch sein Kommentar dazu abgegeben hatte, an der Weste und schüttelte ihn. "Wo ist er?" schrie sie ihn an, dann ließ sie ihn los und stolperte weiter zu den Santiätern. Der Beamte sah ihr nur fragend hinterher, machte aber keinerlei Anstalten ihr zu folgen.
    „Tom! TOM!!! Ich will ihn sehen, er kann es nicht sein, er wollte doch ins Büro…“ Immer weiter schrie sie und verlangte, dass man das Laken zurückzog.
    Die beiden Sanitäter sahen sich verwirrt an. Sie wussten nicht, was das Spektakel zu bedeuten hatte und gingen weiter ihrer Arbeit nach. Petra schubste den einen Sanitäter zur Seite und wollte nun das Tuch selber wegnehmen. Sie konnte das nicht mehr länger aushalten. Der andere Sanitäter konnte das gerade noch verhindern und schob sie zur Seite. Semir und Anna nahmen Petra zur Seite, doch das steigerte noch ihre Hysterie. Sie schlug um sich und weinte immer weiter.
    Anna zog Petra zur Seite, während Semir seinen Ausweis zog und den beiden Männern die Situation kurz schilderte und sich selber davon überzeugen wollte, wer die Person unter dem Tuch war. Einer der Sanitäter nickte und hob das Tuch ein wenig an, damit Semir das Gesicht sehen konnte. Er schloss beim Anblick des Gesichts die Augen und senkte den Kopf.
    Petra und Anna konnten von ihrer Position Semirs Reaktion sehen. Petra brach in einem Weinkrampf zusammen. Anna hauchte entsetzt: „Oh mein Gott.“


    Er stand ein Stück weiter weg. Keiner der Beamten oder Ärzte hatte ihn bemerkt. Er hatte die Szenerie die ganze Zeit beobachtet. Sein Herz wurde schwer, als er sie weinend und jammernd am Boden hocken sah. Er blickte zum Himmel und schüttelte traurig den Kopf.

  • Auf vielfachen Wunsch hier ein Stückchen weiter... :D :baby:



    Petra hockte weinend auf dem nassen kalten Kopfsteinpflaster. Sie konnte das alles nicht begreifen, es kam ihr wie ein Albtraum vor. Nur der kalte Wind, der ihr in Böen ins Gesicht schlug, zeigte ihr, dass sie nicht träumte. Anna hockte neben ihr, auch sie hatte Tränen in den Augen, und versuchte Petra zu trösten. Doch ihre Worte schienen sie nicht zu erreichen, sie wippte immer weiter weinend vor sich hin.
    Semir wandte sich von dem Krankenwagen ab. Er war sich nicht sicher, wen er da gesehen hatte, denn der Leichnam hatte ein entstelltes Gesicht, vermutlich das Ergebnis einer großkalibrigen Waffe. Nun ging er auf die beiden Frauen zu, die wie ein Häufchen Elend dasaßen, und er hatte auch keine wirklich guten Nachrichten für sie.
    Während er auf sie zuging, beobachtete er einen Mann, der sich den beiden Frauen näherte und sich schließlich über sie beugte und schließlich mit Petra sprach. Semir betrachtete ihn etwas genauer und vermutete, dass er wohl einer von der psychologischen Betreuung war, aber beim Anblick des Mannes kam ihm eher der Vergleich mit einem Weihnachtsmann, würde man ihn in ein entsprechendes Kostüm stecken. Dann schüttelte er den Kopf und hätte beinahe über sich selber lachen müssen. Immerhin war der Mann wohl nur ein Betreuer, aber zumindest jemand, der nicht den üblichen Charme eines Seelenklempners versprühte. Dann deutete er auf den Laden und Semir sah, wie Petra und Anna dort rüber guckten. Er folgte den Blick der Frauen und sah, wie zwei Sanitäter wieder eine Trage aus dem Geschäft trugen. Sein Herz krampfte sich zusammen, denn nachdem er den Toten nicht wirklich identifizieren konnte, konnte Tom womöglich auf jeder weiteren Trage sein. Semir wollte sich gar nicht vorstellen, wie es Petra gehen musste, wenn er sich schon so elend fühlte. Er ging in die Richtung der beiden Frauen, bis sie schließlich bei den Sanitätern angekommen waren.
    Petra blickte wie erstarrt auf das weiße Tuch. Es war sauber und langsam, eher wie in Trance wanderte ihr Blick langsam in Richtung Kopfende.
    Dort sah sie dann ein kalkweißes Gesicht, auf der einen Seite ein blutroter Streifen. Die Augen waren geschlossen. Sie sah das Gesicht genauer an. Inzwischen war sie sich nicht mehr sicher, ob sie ihn wieder erkennen würde oder im Zweifel jeden für Tom halten würde.
    Als das Gesicht die Augen aufschlug, erschrak Petra und wich einen Schritt zurück. Der Mund bewegte sich und sprach etwas, aber die Worte erreichten sie nicht. Ihr Herz klopfte bis zum Halse, als sie allen Mut zusammennahm und sich über das Gesicht bäugte. Eine bekannte Stimme hauchte ihr heiser und fast nicht hörbar: „Alles ok Liebling…ich …liebe…Dich.“ Petra nahm den Kopf ein Stück zurück und betrachtete das Gesicht genauer. Wie durch einen dicken Schleier drang es auch in ihr Bewusstsein hindurch, dass dort Tom lag und er mit ihr sprach. Er lächelte sie an, dann schloss er die Augen und sein Gesicht fiel kraftlos zur Seite.

  • Ok, überredet. :D Ich möchte ja, dass alle heute nacht schlafen können. Also hier noch ein Stückchen. ;)




    Petra schossen wieder Tränen in die Augen. Semir wandte sich an den Notarzt, der sich über Tom beugte. Er sah Semir an und meinte nur: „Er ist lediglich bewustlos. Wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung. Wir müssen die Untersuchungen abwarten.“
    „Wo bringen Sie ihn hin?“ hakte Semir nach. „Ins Marienkrankenhaus.“ Dann brachten sie die Trage zum Krankenwagen. „Darf ich mitfahren? Bitte?“ Petra sah den Notarzt aus verweinten Augen an. Dieser überlegte kurz und nickte dann. „Ausnahmsweise. Kommen Sie.“


    Wenig später saßen sie im Wartebereich der Notaufnahme und warteten auf das Ende von Toms Untersuchungen. Immer wieder gingen Ärzte und Schwestern auf und ab. Jedes Mal, wenn Petra aus dem Augenwinkel einen weißen Kittel oder OP-Kleidung sah, sprang sie in der Erwartung auf, das jemand zu ihr kommen und berichte würde, dass es Tom gut ginge. Aber nichts von alle dem passierte. Enttäuscht ließ sie sich immer wieder auf de Stuhl zurückfallen.
    Ihre Tränen waren inzwischen versiegt, dafür machte sie sich jetzt größte Vorwürfe.
    „Petra, Du kannst doch nichts dafür, was da passiert ist.“
    „Aber ich habe ihm die kalte Schulter gezeigt, und dann passiert doch so etwas meistens.“
    „Glaubst Du, da guckt jemand runter, und nimmt sich die Zeit, um Leute, die sich zum Abschied nicht küssen, ein reinzuwürgen?“ Semir sah sie an und merkte, dass sein Ton zu barsch war. „Petra, was ich meine, Du kannst nichts dafür“, fügte er milder hinzu und legte ihr die Hand auf die Schulter. Sie sah zum Boden, wieder kullerten ihr ein paar Tränen über die Wange.
    „Frau Schubert? Guten Tag, ich bin Dr. Claus.“ Ein Mann mittleren Alters reichte ihr die Hand und nickte Semir und Anna zum Gruße zu. „Was ist mit ihm? Kann ich zu ihm?“ Dr. Claus sah sie ernst an. Er kratzte sich am Hinterkopf und suchte nach den passenden Worten.
    „Tja, die Befunde aus dem CT liegen vor und sind soweit unauffällig, also kein Schädelbruch und auch keine Gerinnsel oder Hämathome.“
    „Aber…?“
    „Herr Kranich hat auf alle Fälle eine Gehirnerschütterung und im Moment sieht es so aus, als ob er aufgrund dessen in einen komatösen Zustand gefallen ist.“
    Petra schlug die Hände vors Gesicht und wankte so stark dass sie von Semir und dem Arzt gestützt werden musste.
    „Wie lange wird er sich in dem Zustand befinden?“ fragte Anna besorgt nach. Sie war eine resolute Person, aber wenn es um ihre Leute ging, war es so, als wenn es ihre eigene Familie wäre. Der Arzt zuckte nur mit den Schultern. „Tut mir leid, so etwas kann ein paar Stunden dauern, aber auch mehrer Tage oder Wochen. Wir müssen jetzt Geduld haben.“
    „Kann ich wenigstens zu ihm?“
    „Ja, sie können mit ihm reden, seine Hand halten oder einfach nur bei ihm sein. Vielleicht hilft ihm das. Eine Schwester wird gleich zu Ihnen kommen und Sie zu ihm bringen.“
    Dann verabschiedete sich der Arzt, um seine Visite fortzusetzen.
    Kurz darauf kam die Krankenschwester und zeigte den Drei zu Tom, der inzwischen auf die Intensivstation verlegt worden war. Beim Verlassen des Wartebereichs bemerkte Semir einen Mann im Augenwinkel und meinte, ihn schon einmal gesehen zu haben. Als er sich umdrehte und die betreffende Richtung sah, war da niemand. Er schüttelte nur den Kopf und schob es dem Stress zu, dann folgte er den anderen.


    Der Mann lugte hinter dem Türrahmen hervor und sah, dass er sich den beiden Frauen anschloss. Er blickte der jungen Frau lange nach. Sein Herz weinte mit ihr.

  • Hallo Zusammen...etwas für das zweite Frühstück und für Langschläfer... :baby:...und danke für die Feeds. :)




    Minuten später, die Petra wie eine halbe Ewigkeit vorkamen, standen sie vor Toms Zimmer. Die Schwester nickte höflich und entfernte sich dann mit dem Satz: „Wenn Sie etwas brauchen, können Sie sich gerne an mich wenden. Ich bin drüben im Schwesternzimmer.“
    Nun waren sie alleine vor der Zimmertür. Petras Herz schlug bis zum Hals. Wieder tauchte in ihr das Bild mit Tom auf der Trage auf. Alles in ihr verkrampfte sich und am liebsten wäre sie weggelaufen. Dann griff sie zu einem Taschentuch, wischte sich die letzten Tränen weg und putzte sich dann die Nase. Sie atmete tief durch und dachte daran, dass er auch für sie da sein würde. Sie blickte Anna und Semir an, sie blickte in Gesichter und Augen, die mit ihr fühlten.
    „Ich möchte erst alleine reingehen.“ Ihre Stimme war überraschend gefasst. Anna und Semir sahen sich kurz an und nickten dann. Sie gingen den Gang ein Stück weiter und nahmen auf einem der Stühle in einer kleinen Nische Platz.
    Petra legte ihre Hand auf die Klinke. Sie zitterte innerlich, als sie sie runterdrückte und vorsichtig en Kopf durch die Tür steckte.
    Zuerst sah sie nur ein helles Zimmer, erst auf dem zweiten Blick entdeckte sie Tom. Seine Haut war bleich, sein Gesicht ausdruckslos. Er lag da wie leblos, nur der Überwachungsmonitor mit seinem regelmäßigen Piepton zeigte das Gegenteil an. Sie musste sich sehr zusammenreißen, um nicht wieder den Boden unter den Füßen zu verlieren. Es schmerzte sie, ihn dort liegen zu sehen.
    Etwas zögerlich ging sie auf sein Bett zu. Sie war unsicher und wusste nicht wirklich, was sie nun tun sollte. In einer Ecke stand ein Stuhl, den sie etwas näher ans Bett heranzog und sich dann dort niederließ, so nah wie nur möglich bei Tom.
    Sie sah ihn lange an, Dann hob sich ihre Hand wie von selber und wanderte in Richtung Bett. Zögerlich und vorsichtig berührte sie sein Gesicht und sie war überrascht, dass sie die blasse Haut sich so warm anfühlte. Sie streichelte ihm liebevoll über die Wange, dann nahm sie seine Hand.
    Als sie eine Weile so dasaß, begann sie zu erzählen, erst leise und vorsichtig, denn sie kam sich selber eigenartig vor, mit einem Menschen zu reden, von dem sich nicht wirklich wusste, ob er sich hörte oder nicht. Mit der Zeit gewann sie an Sicherheit und sie erzählte von ihrem ersten gemeinsamen Aufeinandertreffen, wie er sich um sie gekümmert hat, als niemand mehr an sie glaubte. Sie erzählte von ihren wachsenden Gefühlen für ihn, das Herzklopfen, wenn sie in seine Augen sah oder er sie absichtlich oder versehentlich streifte. Dinge, die sie wohl nie erzählt hätte, verließen nun wie von selbst ihre Lippen. Bei manchen Erinnerungen musste sie leise lachen und vergaß kurz ihren Schmerz und wo sie sich befand.
    In einem stillen Moment lehnte sie sich zurück uns sah wie in einem Reflex zur Tür. Dort stand ein älterer Mann in einem Ärztekittel und lächelte sie liebevoll an. Petra erwiderte das Lächeln und betrachtete ihn ein wenig verwundert, denn seine Aufmachung passte nicht so recht zu dem, was er ausstrahlte. Dann schob sie aber den Gedanken zur Seite, als er anfing, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Er war überhaupt der erste, mal abgesehen von der Chefin und Semir, der sich um sie kümmerte.
    „Es ist schön, wie Sie mit ihm reden.“
    Petra lächelte etwas verlegen. „Wie lange hören Sie schon zu?“
    „Oh, nein, ich habe nicht auf das, was sie gesagt haben gehört, sondern, wie sie mit ihm gesprochen haben.“ Dann fügte er nach einer Weile hinzu: „Sie lieben ihn sehr?“
    Sie nickte und sah dann betroffen auf den Boden.
    „Was ist passiert?“ fragte er und ging näher auf sie zu. Wieder kämpfte Petra mit den Tränen und fing dann stockend an zu erzählen, von ihrer kleinen Meinungsverschiedenheit und dass sie ihm den Kuss verweigert hatte. „Ich war so ein Idiot, ich hätte es merken müssen, was er vorhatte. Ich war so egoistisch, wie konnte ich nur?“ beendete sie ihre Ausführung.
    „Aber Sie lieben ihn und er liebt Sie.“ Sie sah ihn an. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. „Die Liebe ist stärker als alles auf der Welt. Sie hat eine ungeheure Macht, die viele vergessen haben. Finden Sie diese Macht in sich und lassen Sie ihn das spüren. Und wenn Sie die Kraft der Liebe entdeckt haben, dann lassen Sie sie nie mehr los.“ Er drückte kurz und liebevoll ihre Schulter. Sie sah zu Tom und streichelte seine Hand. Als sie wieder zur Tür sah, standen dort Semir und Anna. Petra wollte etwas sagen, sah in aber nur fragend an.
    „Alles in Ordnung, Petra?“
    „Hm, da war gerade der Arzt da…“, begann sie, erntete aber nur fragende Blicke. Semir sah zu Anna, die nur mit den Schultern zuckte. „Nein, uns ist niemand begegnet“, antwortete Semir schließlich. Petra rieb sich die Augen. „Vermutlich bin ich kurz eingenickt und habe geträumt.“
    „Sollen wir Dich mitnehmen?“ fragte Semir, doch Petra lehnte ab. Sie wollte bei ihm bleiben.
    „Ok, wenn etwas ist oder Du reden möchtest…“
    „Sicher, dann rufe ich Dich an.“
    Anna und Semir drückten Petra kurz zum Abschied, dann war sie wieder alleine mit Tom und ihren Gedanken und ihrer Hoffnung. Sie legte ihren Kopf auf seine Brust. Sie spürte, wie sie sich regelmäßig hob und senkte und sie hörte wohl das schönste, was sie jemals gehört hatte: Sein Herzschlag – regelmäßig und kräftig.
    „Ich liebe Dich“, hauchte sie, schloss die Augen und träumte.

  • Und hier zu guter Letzt, der Abschluss.





    Petra zwinkerte mit den Augen. Ein Schleier umgab ihre Augen, aber auch ihr Bewusstsein war scheinbar wie in Watte gepackt. Sie rieb sich die Augen und hob langsam den Kopf. Sie versuchte sich zu orientieren. Für den Moment hatte sie nicht die geringste Ahnung, wo sie sich befand oder was passiert war. Dann betrachtete sie das Bett genauer und entdeckte Toms Gesicht am Kopfende. Sie schüttelte den Kopf und ganz langsam dämmerte ihr, was vorgefallen und vor allem, wo sie sich befand. Wie aus weiter Ferne drang das monotone Piepsen der Überwachungsmonitore zu ihr durch. Sie erhob sich, reckte sich und blickte traurig auf Tom, der immer noch reglos dalag. Sie versuchte sich an den gestrigen Tag zu erinnern. Aber die Gefühle waren viel zu intensiv, dass sie die Augen schloss und krampfhaft die Bilder wieder aus ihrem Gedächtnis drängen wollte.
    Petra sah zum Fenster. Draußen war es mittlerweile hell und ein Blick auf ihre Uhr verriet ihr, das es bereits früher Morgen war. Sie hatte tatsächlich geschlafen, aber konnte sie den gestrigen Tag nicht als Albtraum abschließen und einfach weitermachen.
    Sie ging zum Fenster. Draußen war es ungewöhnlich hell, obwohl es erst sieben Uhr war und traute ihren Augen kaum: Große weiße Flocken fielen vom Himmel herab und hatten den Parkplatz, die Dächer, Bäume und Straßen und Plätze mit einer weißen Decke bedeckt. Sie öffnete das Fenster und fasste vorsichtig in das weiße Nass, das sich vor ihr auf dem Sims ausgebreitet hat. Die Kälte verriet ihr, das sie nicht träumte. Sie betrachtete immer noch ein wenig ungläubig die Umgebung und atmete tief die Winterluft ein. Alles um sie herum war nicht nur unter einer weißen Decke gehüllt, sondern auch jeglichen Lärm scheinbar verschluckt hat.


    „Petra?“
    Eine Stimme, eher ein Flüstern nahm sie wahr und schüttelte den Kopf. ‚Nein’, dachte sie, ‚das kann nicht sein.’ Dann hörte sie wieder ihren Namen und drehte sich langsam um. Ihr Herz schlug wie wild und sie fürchtete, dass sie ihre Sinne getäuscht hätten.
    Wie in Zeitlupe bewegte sie sich zum Bett herum und schlug die Hände vor´s Gesicht. Tränen traten in ihre Augen, als sie in Toms Augen blickte. Er sah immer noch müde und blass aus, aber er sah sie an. Er hob langsam die Hand und ließ sie gleich darauf wieder kraftlos auf das Betttuch sinken. Er schloss die Augen. Petra ging näher an ihn ran. Als sie direkt über ihn stand öffnete er wieder die Augen und hob langsam die Hand. Petra schreckte ein wenig zurück, zu unheimlich war ihr das das Ganze. Schließlich griff sie nach seiner Hand. Sie fühlte sich nicht nur warm an, sondern auch wieder mit Leben erfüllt. Er drückte sie vorsichtig und rang nach einem Lächeln.
    Eine Schwester, die durch ein Signal, dass das verrutschte EKG ausgelöst hatte, in das Zimmer kam, versicherte sich diskret, dass es Tom wirklich gut ging, verschloss das Fenster und verließ wieder das Zimmer.
    Nachdem sie das Zimmer verlassen hatte, sah Petra ihn an und streichelte ihn vorsichtig über sein Gesicht. Er lächelte und wollte den Kopf heben, doch er legte seinen schmerzenden Kopf gleich wieder ins Kissen zurück.
    Sie sprachen nicht, sondern hielten sich nur bei den Händen und sahen sich lange in die Augen. Petra setzte sich auf die Bettkante, um näher bei ihm zu sein und legte dann ihren Kopf sachte auf seine Brust, spürte die regelmäßige Bewegung des Brustkorps und lauschte seinem Herzschlag. Toms Hand berührte sanft ihre Wange.
    „Petra…es ist alles in Ordnung“ kam es schließlich mit einer etwas festeren Stimme von ihm. Sie sah auf und blickte direkt in seine wunderschönen Augen. Nach einer Weile fügte er dann langsam und mit einiger Anstrengung hinzu: „Und…ich liebe Dich.“
    Petra sah in glücklich an. Tränen des Glücks kullerten über ihre Wange. „Ich liebe Dich auch.“ Dann ruhte ihr Kopf wieder auf seiner Brust und Tom legte ihr seine Hände um sie.


    Er stand am Fenster und beobachtete die beiden. Keiner von ihnen nahm Notiz von seiner Gegenwart, doch das war für ihn jetzt nebensächlich. Das Gefühl, das unsichtbare Band, das die beiden verband, erfüllte ihn mit größter Freude. Sein Herz lachte mit den beiden. Er sah aus dem Fenster zum Himmel und nickte dankbar.


    Eine Woche war seitdem vergangen und Tom hatte in seiner Genesung große Fortschritte gemacht. Die Tatsache, dass er über Nacht aus dem komaähnlichen Zustand erwacht war ohne größere Folgeschäden davongetragen zu haben, versetzte sowohl das Klinikpersonal als auch seine Kollegen und Freunde gleichermaßen in Erstaunen.
    Petra hatte ihn täglich besucht, stundenlang an seiner Seite verbracht, mit ihm geredet oder einfach nur durch den Klinikpark spaziert, damit er keinen Koller in den engen und kühlen Räumen bekommen würde.


    Nun war der Tag der Entlassung gekommen. Zusammen mit Petra packte er seine kleine Reisetasche, überprüfte den kleinen Waschraum, dass er nichts vergessen hatte, um ja nicht so schnell wieder herkommen zu müssen.
    „Schade, dass die Weihnachtsfeier ins Wasser gefallen ist und das mit der Überraschung nicht geklappt hat“, meinte er leicht missmutig, nachdem er den Reisverschluss der Reisetasche zugezogen hatte. Petra sah ihn an und nahm ihn tröstend in die Arme.
    „Du lebst und das ist viel mehr wert als jede Party und jedes Schmuckstück der Welt.“ Tom hielt sie ein Stück von sich und küsste sie dann. „Du hast ja recht…trotzdem wäre es schön gewesen.“
    „Entschuldigen Sie, ich störe ja nur ungern…“
    Tom und Petra blickten in das lächelnde Gesicht von Dr. Claus und kamen sich ein wenig wie ertappte Teenager vor und grinsten ein wenig verlegen.
    „Herr Kranich, ich hätte da ihre abschließenden Untersuchungsergebnisse und die Bilder des CT.“ Er hielt einen Umschlag und eine CD-Rom mit den Bildern in der Hand. „Es ist soweit alles in Ordnung. Sie sollten sich auf alle Fälle noch ein paar Tage ausruhen und auch im Dienst ein wenig langsamer machen, aber nach dem Stand der aktuellen Untersuchungen gibt es keine Anzeichen, dass Sie mit Folgeschäden rechnen müssen. Das CT hat den Befund noch einmal bestätigt.“ Tom nahm die Unterlagen lächelnd entgegen. Dr. Claus war schon fast zur Tür hinaus, als er sich noch einmal umdrehte und sich am Hinterkopf kratzend meinte: „Herr Kranich, ich hatte hier schon Patienten, die mit ihrer Kopfverletzung weitaus schwere Schäden davongetragen haben, immerhin war es der Schläfenlappen…Ich glaube, Sie hatten einen großen Schutzengel.“ Dann nickte er noch und verließ das Zimmer.
    Petra und Tom sahen sich an und beide wussten, dass in dieser Zeit etwas passiert sein musste, das es da eine Erinnerung gab, die tief in ihnen verborgen war, aber sie konnten es nicht in Worte fassen. Sie nahmen sich in die Arme, dann griff Tom zu seiner Tasche und verließ mit Petra die Klinik.


    Während der Fahrt sah Tom auf die Uhr. Es war bereits später Nachmittag. Die Dämmerung setzte langsam ein. Er entdeckte die ersten Leute, die lachend auf den Weg zu Partys waren.
    „Für uns gibt es wohl dieses Jahr keine Party.“
    Petra sah ihn aus dem Augenwinkel an und musste grinsen: „Hey, mal langsam. Du hast gehört, was der Doc gesagt hat.“
    „Ja, ja, ich weiß…aber nachdem es letzte Woche schon schief ging…“
    „…wäre ein ruhiger Abend bestimmt das beste, um das alte Jahr ausklingen und das neue Jahr beginnen zu lassen“, ergäntzte Petra ihn. Er nickte nur ergeben und lehnte sich zurück in den Sitz. Auch wenn er im Moment lieber auf einer Party oder mit Semir auf der Autobahn gewesen wäre, so war er doch glücklich, als Petra in ihre Straße einbog und vor dem Haus zum Stehen kam. Die Festbeleuchtung war nach wie vor dran und im Vorgarten lag noch ein Rest Schnee, den das Tauwetter der letzten Tage überlebt hatte. Er stieg aus und sah sich die Umgebung, die ihm in den letzten Monaten so vertraut geworden war, mit anderen Augen. Er fühlte sich zu Hause und endlich angekommen.
    Petra, die sich an seine Seite gesellt hatte, stupste ihn lächelnd an: „Hey, was ist? Willst Du hier Wurzeln schlagen?“ Er grinste sie an, nahm ihr dann seine Reisetasche ab und ging mit ihr Hand in Hand durch den Vorgarten zur Haustür. Petra schloss auf und verschwand im dunklen Flur. Tom war ein wenig irritiert. Er hatte das Haus heller in Erinnerung, stellte die Tasche im Flur ab, hängte die Jacke an die Garderobe und folgte Petra ins Wohnzimmer.
    „Sag mal, wieso hast Du hier alles abgedunkelt, Du wolltest doch immer…“
    Weiter kam er nicht, denn im Wohnzimmer wurde er mit einem großen Hallo empfangen. Tom staunte nicht schlecht und hatte keine Worte dafür, wie sehr er sich freute, dass seine Kollegen und auch engsten Freunde und Vertrauten da waren. Er blickte glücklich zu Petra und gab ihr einen Kuss, was mit einem wohlwollenden „Ohh“ der Gäste quittiert wurde. Dann löste er sich von ihr, wenn auch widerwillig und begrüßte jeden. Jeder war froh, ihn wieder zu sehen, ihn zu drücken und mit ihm zu reden. Mittendrin blickte er immer wieder zu Petra, die sich selber auch zu amüsieren schien.
    Petra, die jedes Mal seinen Blick zu spüren schien, sah zu ihm rüber und lächelte.


    Irgendwann, kurz vor Mitternacht nahm Semir Tom zur Seite.
    „Wie geht es Dir?“ Tom sah ihn an, wog den Kopf und meinte: „Na ja, ein wenig müde, aber glücklich“ und deutete mit dem Kopf zu Petra rüber.
    „Danke für diese Party.“
    „Kein Problem. – Ach ehe ich es vergesse…“ Semir kramte in seiner Tasche und holte eine kleine Schachtel heraus. „Das hat mir der Inhaber des Geschäfts neulich vorbeigebracht. Ich soll Dir Grüße ausrichten und Dir sagen, dass die beiden Angestellten so weit wohl auf sind und so langsam den Schock verarbeiten.“
    Tom nahm die kleine Schachtel und öffnete sie. Zum Vorschein kam ein Amulett verziert mit einer Rose aus roten Steinen und verspielten Ornamenten, den er vor Wochen in Auftrag gegeben hatte. Im Krankenhaus hatte er das völlig vergessen gehabt.
    „Wow“ hauchte Semir. Tom nickte und bat seinen Partner ihm zu helfen, die Gäste auf der Terrasse zu versammeln.
    Nach wenigen Augenblicken standen alle mit ihren Gläsern draußen und blickten in freudiger Erwartung auf das Feuerwerk in den sternenklaren Nachthimmel.
    Tom zog Petra aus der kleinen Gruppe zu sich heran und bat um Ruhe.
    „Hm, ich will es gar nicht lang machen…“ begann Tom und erntete dafür Lacher. Er hob seine Hände und hatte schnell wieder die Aufmerksamkeit seiner Gäste. „Also, ich freue mich unglaublich, dass ihr alle da seid, das ist wohl das schönste Geschenk, das man mir machen konnte, das ich heute hier mit euch feiern kann.“ Dann wandte er sich an Petra. „Eigentlich hättest Du etwas anderes verdient…“ er hielt inne und sichte nach Worten. „Petra, ich liebe Dich und ich möchte mit Dir durchs Leben gehen. Ich weiß, ich bin ein wenig chaotisch, aber…willst Du auch den Weg mit mir gehen?“
    Alle waren verstummt und blickten auf Tom und Petra. Sie beachtete die Leute um sie herum gar nicht, sie hatte nur Augen für Tom. Ihre Augen waren feucht, als sie ein „Ja..“ hauchte und ihm dann in die Arme fiel und ihn küsste, begleitet von dem Applaus und Jubel der Gäste.


    Schließlich zündeten die ersten Böllerschüsse und auch Semir machte sich daran mit Hartmuths Hilfe die Leuchtraketen in die Luft gehen zu lassen. Jeder lag sich nun in den Armen und wünschte dem anderen das Beste für das kommende Jahr.
    Petra und Tom suchten sich ein Plätzchen ein Stück weiter und blickten Arm in Arm gen Himmel zu dem farbigen Spektakel. Dann zog Tom umständlich die kleine Schachtel aus der Tasche, die Semir ihm vor wenigen Minuten gegeben hatte und öffnete sie.
    „Eigentlich wäre ein Ring angebrachter…“ begann er ein wenig verlegen. Petra nahm das Amulett und betrachtete es. Dann öffnete sie das Schmuckstück und strich sanft über die kleine braune Haarsträhne, die Tom gebeten hatte, dort befestigen zu lassen.
    Sie strahlte ihn an und küsste ihn. Er nahm sie in die Arme und erwiderte ihn leidenschaftlich. Als sie sich wieder atemlos voneinander lösten, bemerkten sie, dass es angefangen hatte, leicht zu schneien und sahen wie im Reflex zum Himmel. Dort waren inzwischen alle Sterne verschwunden, bis auf einen, der besonders hell zu strahlen und ihnen zuzuwinken schien.
    Sie lächelten und kuschelten sich verliebt aneinander.




    - Ende -