Der Albtraum

  • Der Albtraum


    Semir ging langsam und vorsichtig, immer wieder nach allen Seiten sichernd, durch die große Lagerhalle, die mit allerlei Kisten und Containern vollgestellt war. Ihm war der Ort nicht geheuer. Es war ziemlich dunkel und roch feucht. Semir versuchte, mit allen Sinnen, irgendetwas wahrzunehmen, zu hören oder zu sehen. Aber es war unheimlich still. Er hörte nur sein eigenes Atmen und den Schlag seines Herzens. Seine Nerven waren zum Zerreissen gespannt. Tom musst irgendwo vor ihm sein. Im Licht, das durch die schmutzigen Fensterscheiben fiel, tanzten Staubpartikel.


    Plötzlich hörte Semir vor sich Schritte. Er ging an den Rand eines Containers und spähte um die Ecke. Da vorne stand Tom und starrte einen Mann an, der genau in dem Moment mit einem Bogen auf ihn anlegte.


    Semir stand starr vor Schreck. Er war einen Augenblick wie gelähmt und unfähig, sich irgendwie zu bewegen. Binnen eines Sekundenbruchteils hörte er das fiese Surren, als der Pfeil auf Tom zuschoss, gleich darauf Tom´s Schrei. Er sah Tom´s schreckgeweitete Augen, sah, wie Tom sich an die Brust griff, den Pfeil, der herausragte, mit der Hand umfasste. Mit einem Aufschrei rannte er auf seinen Partner zu. Er sah Toms verständnislosen Blick, ehe dieser zu Boden sackte und noch ehe er ganz bei ihm war, hatte Tom seinen letzten Atemzug getan. Entsetzt starrte er in Toms gebrochene Augen, die ihn wie aus einer anderen Welt anstarrten. Sein bester Freund und Partner war tot!

  • „Neeeiiiiiinnnnnn...........Toooooom!“ Andrea schrak hoch und machte Licht. Semir saß schweißgebadet im Bett und hatte die Hände vors Gesicht geschlagen.


    „Hattest du wieder diesen Traum?“ Andrea sah ihren Mann mitfühlend an und strich ihm beruhigend über den Rücken. Semir brauchte noch einen Moment, um zu realisieren, dass er nur geträumt hatte. Zitternd saß er auf dem Bett und starrte auf die Bettdecke. Schließlich nickte er. „Ja,“ brachte er leise hervor. „Wenn ich nur wüsste, was das zu bedeuten hat.“


    „Semir,“ Andrea hatte ihrem Mann beide Hände auf die Schultern gelegt. „Hast du mit Tom schon mal darüber gesprochen?“ Semir wurde seit einiger Zeit von diesem Albtraum geplagt. Immer wieder sah er Tom vor sich, der von einem Pfeil tödlich getroffen wurde. Es verging fast keine Nacht, in der er nicht schweißgebadet aufwachte und anschließend lange wach lag.


    „Nein,“ Semir schüttelte den Kopf. „Was glaubst du, was er sagen wird, wenn ich ihm erzähle, dass ich geträumt hab, dass er von einem Pfeil tödlich getroffen wird? Er würde mich auslachen. Und wenn ich ehrlich bin, würde ich das im gegenteiligen Fall auch tun. Ein Pfeil......“ Semir schüttelte den Kopf. Dann straffte er sich und schwang die Beine aus dem Bett. „Nein, wahrscheinlich bin ich nur überarbeitet, das ist alles.“ Nun war es an Andrea, den Kopf zu schütteln. „Semir, das ist doch wohl nicht dein Ernst. Du warst schon oft überarbeitet, hattest aber noch nie solche Alpträume. Wer weiss, was das zu bedeuten hat......“ Eindringlich sah sie ihm in die Augen. „Du musst mit Tom sprechen, versprich es mir.“ Geistesabwesend nickte Semir. „Mal sehen, vielleicht werd ich es tun.“


    „Morgen,“ grummelte Semir, als er das Büro betrat. Tom war erstaunlicherweise schon da und blickte von seiner Arbeit auf. „Guten Morgen, Partner.“ Tom musterte Semir, der sich ihm mit zerknittertem Gesicht gegenüber setzte. „Sag mal, wie siehst du denn aus? Hast du dir die Nacht um die Ohren geschlagen?“ Dann fügte er grinsend hinzu. „Oder hat dich Andrea nicht schlafen lassen?“


    Semir winkte ab. „Frag nicht.....ich....“ Eigentlich wäre das jetzt die Gelegenheit gewesen, mit Tom zu sprechen, aber in dem Moment kam Petra zur Tür rein. „Wie siehst du denn aus...?“ fragte sie mit einem Seitenblick auf Semir, um dann aber sofort zur Sache zu kommen. „Tom....Semir....ein Unfall auf der A4, kümmert ihr euch drum?“ Tom war schon aufgestanden und hatte seine Jacke genommen. „Wir sind schon unterwegs.....Semir?....Kommst du.......?“ Semir sah auf und nickte. „Ja sicher, bin schon da.....“ Insgeheim war Semir froh, das Gespräch mit Tom noch eine Weile aufschieben zu können, aber er wusste auch, dass er es heute noch hinter sich bringen musste. Draussen auf dem Parkplatz steuerte Tom auf seinen Dienstwagen zu. „Wenn ich dich so ansehe, Partner, ist es wohl besser, wenn ich heute fahre.“ Meinte er schmunzelnd und setzte sich hinters Steuer. Nachdem Semir auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte, ging die Fahrt los in Richtung der Unfallstelle. Semir saß schweigend neben Tom und blickte auf die Straße. „Was ist los mit dir?“ fragte Tom, nachdem auch er eine Weile geschwiegen hatte. „Irgendwas beschäftigt dich doch.....ich kenn dich doch.....also raus mit der Sprache.“ Auffordernd blickte er seinen Freund an. „Später – ich erzähls dir nachher in Ruhe, lass uns erst zu dem Unfall fahren,“ meinte Semir knapp. Tom nickte. Er wollte Semir nicht unter Druck setzen. Er würde schon reden, wenn er es für richtig hielt.

  • ....und weiter gehts......


    Draussen am Unfallort bot sich ihnen das übliche Chaos. Etliche Wagen waren ineinander geknallt. Überall lagen Autoteile herum. Ein Wagen war in Brand geraten und wurde gerade gelöscht. Hotte kam auf die beiden zu. „Hallo Tom, hallo Semir. Sieht übel aus hier, was? Nach Zeugenaussagen, war der Unfallverursacher der blaue Golf da vorne.“ Hotte deutete in die Richtung, während die drei auf dem Weg zu dem Wagen waren. „Ist nicht mehr viel übrig davon. Der Fahrer, ein gewisser Frank Weber, 29 Jahre alt, war auf der Stelle tot.“ Tom ging um den Schrotthaufen, der einmal ein VW-Golf gewesen war, herum. „Weiss man schon etwas über die Unfallursache?“ Hotte schüttelte den Kopf. „Bisher nicht. Der Zeuge sagte aus, dass der Golf von einem Mercedes überholt wurde und anschließend ins Schleudern kam, gegen die Mittelleitplanke krachte und......na den Rest seht ihr hier ja.“ Hotte zeigte mit der Rechten auf das Chaos auf der Autobahn.


    „Und der Mercedes.....?“ Semir stand da und blickte auf das ganze Durcheinander. „Ist weg.....leider hat sich niemand das Kennzeichen gemerkt.“ Hotte zuckte mit den Schultern.
    „Lass den Wagen in die KTU bringen. Ich will das Ergebnis so schnell wie möglich auf meinem Tisch.“ Semir drehte sich um und ging zurück zum Wagen. Hotte blickte Tom entgeistert an. „Was hat der denn?...Hat er seine Tage?“ Tom zuckte mit den Schultern und meinte nur grinsend. „Schlecht geschlafen, denke ich......oder wieder mal Ärger mit Andrea.......keine Ahnung.“ Dann ging er Semir nach.


    Als er ihn erreicht hatte, fasste er ihn an der Schulter und drehte ihn zu sich um. „Was sollte das denn jetzt, Semir? Wieso hast du Hotte so angefahren? Du kannst deine schlechte Laune, die du offensichtlich hast, nicht einfach an anderen auslassen. Ich will jetzt auf der Stelle wissen, was mit dir los ist. So kann ich nicht arbeiten.“


    Semir blickte in Toms fragendes Gesicht. „Tom, ich muss mit dir reden......aber du darfst mich nicht auslachen.“ Tom zog die Augenbrauen hoch. „Na los, red schon, ich werd schon nicht lachen. Was ist los?“ Semir hatte ihn jetzt neugierig gemacht. Semir räusperte sich. Er wusste nicht so recht, wo er anfangen sollte. „Na ja, ich hab seit einiger Zeit solche Albträume. Fast jede Nacht. Ich hab schon lange keine Nacht mehr durchgeschlafen....“ Tom nickte. „Das sieht man,“ bestätigte er. „Willst du nicht wissen, wovon ich immer träume?“ Tom zuckte mit den Schultern. „Du wirst es mir ja gleich sagen. Schieß los.“ Semir begann zu erzählen. Er schilderte den Traum in allen Einzelheiten. Als er fertig war, sah er Tom an. Der blickte ihn mit großen Augen an.


    Eine Weile herrschte Schweigen, bis Tom sich wieder etwas gefasst hatte. „Du hast geträumt.....dass ... dass ich mit einem Pfeil erschossen werde....?“ fragte er ungläubig. Semir nickte. Plötzlich wich Toms erstaunte Mine einem leichten Grinsen, das immer breiter wurde. Er presste die Lippen aufeinander, um nicht laut loszuprusten. „Du hast versprochen, mich nicht auszulachen....“ Semir wurde wütend. „Entschuldige Semir, aber ich.......“ nun war es um Toms Fassung entgültig geschehen. Er lachte laut los. Es dauerte einige Zeit, bis er in der Lage war, den Satz zu vollenden. „.......ich meine, wenn du träumen würdest, dass mich einer mit einer Pistole erschießt ......... mit einem Dolch ersticht.......oder mich sonst irgendwie um die Ecke bringt, ........aber ein Pfeil?“ Wieder lachte er. Semir war sauer. „Ich hätte es dir nicht sagen sollen. Genau diese Reaktion hatte ich befürchtet. Aber ich mach mir einfach Sorgen. Vielleicht hat der Traum eine Bedeutung......“ Als Tom in Semirs Augen blickte, sah er, dass sich sein Partner wirklich Sorgen machte. Nun tat es ihm leid, dass er so reagiert hatte. Aber es war auch zu aberwitzig. „Entschuldige Semir,“ wieder huschte ein Grinsen über sein Gesicht. Er schaffte es einfach nicht, ernst zu bleiben. „Ich verspreche dir, in den nächsten Tagen um jeden Indianer, dem wir begegnen, einen großen Bogen zu machen....großes Ehrenwort!“ Zur Bekräftigung hob Tom die rechte Hand zum Schwurzeichen. Semir winkte wütend ab. „Weißt du was? Vergiss einfach, was ich gesagt habe. Du hast ja Recht. Es war ja nur ein Traum.“ Dann stapfte er zurück zum Dienstwagen. Tom stand da und schüttelte immer noch grinsend den Kopf. „Semir, ich glaube, du brauchst dringend Urlaub....“ murmelte er vor sich hin, während er seinem Freund folgte.

  • Die Fahrt zurück ins Büro verlief ziemlich schweigsam. Tom sah ein paar Mal zu Semir, aber der saß nur da und schaute zum Seitenfenster hinaus. „Mensch Semir, nun sei doch nicht gleich beleidigt. Wenn du ehrlich bist, hättest du genauso reagiert, oder?“ Wieder Schweigen. Nach einiger Zeit nickte Semir. „Ja sicher, aber ich mach mir einfach Sorgen, versteh das doch. Mein Bauch sagt mir.....“ Tom unterbrach seinen Partner. „Aha, dein Bauch spricht also wieder zu dir,“ stellte er fest. Semir wurde wieder wütend. „Ja, verdammt noch mal. Und bisher war fast immer was dran, wenn ich dieses miese Gefühl hatte.....warum machst du dich lustig über mich? Es geht ja schließlich um dein Leben. Du könntest das wenigstens etwas ernster nehmen.“ Semir war jetzt richtig sauer.


    „Ist ja schon gut,“ beschwichtigte Tom. Er wollte dieses Hin und Her endlich beenden. „Ich werde mich vorsehen, reicht das?“ Semir nickte. „Vorerst ja. Und ich werde wohl noch mehr auf dich aufpassen müssen, als ich es eh schon tue.“ Damit schlich sich auch auf Semirs Miene wieder ein leichtes Grinsen. Der Streit war beigelegt. Lange hielten sie es nie aus, wenn sie aufeinander sauer waren. Es war wie in einer guten Ehe. Tom schmunzelte und konzentrierte sich auf die Fahrbahn.


    Zur selben Zeit saß der gutaussehende Enddreißiger Nick Blessing in seiner luxuriösen Maisonettewohnung in einem teuren Ledersessel und blickte versonnen in seinen bernsteinfarbenen Whiskey, den er sich eben eingegossen hatte. „Hast du alles erledigt?“ fragte er mit ruhiger Stimme sein Gegenüber. Ralf Paulsen straffte die Schultern. „Klar Chef. Alles wie wir besprochen hatten. Es war eindeutig ein Unfall. Frank hat aus unerfindlichen Gründen die Kontrolle über seinen Wagen verloren und hat das Unglück leider nicht überlebt. Niemand wird auch nur den geringsten Verdacht schöpfen.“ Blessing nickte zufrieden. „Gut gemacht.“ Ralf Paulsen war stolz, dass der Chef mit ihm zufrieden war. Er war seit kurzem die rechte Hand von Blessing und tat alles, um ihn zufrieden zu stellen. Wenn alles glatt lief, würde er hier die ganz große Karriere machen – und sehr viel Kohle. Das mit Frank Weber war ihm zwar etwas unangenehm gewesen, aber Frank hatte selbst Schuld. Mit Blessing legte man sich nicht an – und man erpresste ihn auch nicht.


    Während Tom und Semir auf Hartmuts Bericht warteten, arbeiteten sie von dem Schreibkram auf, der liegen geblieben war. Das Telefon läutete und Tom nahm ab. „Oh, hallo, Hartmut! Moment mal, ich stell auf laut, damit Semir mithören kann.“ Semir sah auf und zog eine Augenbraue in die Höhe. Er war gespannt, was Hartmut rausgefunden hatte.


    „Also Jungs....ich hab den ganzen Wagen - oder vielmehr, das was davon noch übrig war - auf den Kopf gestellt. Aber so, wie es aussieht, habt ihr damit wohl keine Arbeit. Das war eindeutig ein Unfall. Der Wagen war vollkommen in Ordnung. Tut mir leid....“


    „Danke Hartmut, das ging ja richtig flott.“ Tom legte auf und Hartmut sah am anderen Ende der Leitung erstaunt den Telefonhörer an. „Hat er jetzt wirklich „danke Hartmut“ gesagt?“ Er fing an zu grinsen und dachte: „na bitte, geht doch.“

  • So, wieder ein kleiner Happen.......
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    Tom verschränkte die Arme im Nacken. „Na bitte, war eindeutig ein Unfall. Damit hat sich uns wohl ne Menge Arbeit erspart.“ Semir sah ihn zweifelnd an. „Warten wir lieber noch den Bericht der Gerichtsmedizin ab, ehe wir die Akte vorschnell schließen. Ich fahr da mal hin. Kommst du mit?“ Tom rollte mit den Augen, ergab sich dann aber in sein Schicksal und stand auf. „Wenn du meinst, dann komm ich eben mit. Ich brauch sowieso etwas frische Luft. Ich könnte nie den ganzen Tag hinter einem Schreibtisch sitzen.“ Er nahm seine Jacke vom Stuhl und reckte sich, während er hinter Semir aus dem Büro trabte.


    Als sie in der Gerichtsmedizin ankamen, stand der Doc gerade am Waschbecken und wusch sich die Hände. „Ah....gut, dass ihr da seid. Ich hab was Interessantes gefunden.“ Tom sah Semir schulterzuckend an, während sich der Doc die Hände abtrocknete und auf den Metalltisch zutrat, auf dem die sterblichen Überreste von Frank Weber lagen. Er bot keinen schönen Anblick, aber das waren Tom und Semir inzwischen gewohnt. Er zog ein Augenlid des Toten nach oben und meinte vielsagend: „Hier, seht ihr das?“ Tom und Semir beugten sich nacheinander über den Tisch und sahen in das Auge. „Hm....sieht aus, als ob die Linse trüb wäre,“ stellte Tom nach einer Weile fest.
    „Genau, gut beobachtet,“ lobte der Doc.
    „Und was heisst das jetzt?“ fragte Semir ungeduldig.
    „Das heisst, dass der junge Mann hier geblendet wurde....er war blind!“
    „Blind?“ Semir schaute verständnislos den Doc an. „Wie konnte er da Auto fahren, wenn er nichts gesehen hat?“
    „Semir.....,“ seufzte Tom und blickte zur Decke. Manchmal saß Semir doch gewaltig auf der Leitung.
    Noch ehe Semir etwas darauf erwidern konnte, setzte der Doc zur Erklärung an.
    „Er wurde während der Fahrt geblendet, was wiederum den Unfall verursachte.“ Semir hatte schon den Mund geöffnet, um erneut eine Frage loszuwerden, aber der Doc war schneller. „Wahrscheinlich wurde er mit einem Laser geblendet. Das Auge ist regelrecht verdampft. Er muss höllische Schmerzen gehabt haben.“
    Nach einem kurzen Moment des Schweigens sahen sich Tom und Semir an. „Der Wagen, der ihn überholt hat,“ kam es von beiden fast gleichzeitig. Sie machten auf dem Absatz kehrt und gingen rasch zum Ausgang. Tom sah noch mal zurück . „Danke Doc, das war sehr hilfreich,“ rief er über die Schulter dem Kollegen zu, der nur kopfschüttelnd grummelte: „Bitte, immer wieder gern....ist doch mein Job.“


    Zurück in der PAST erstatteten die beiden der Chefin Bericht. „Tja, meine Herren, das sieht dann doch nach Mord aus – und damit nach Arbeit für sie.“ Anna Engelhardt lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und lächelte. Sie sah den beiden an, dass sie schon scharf darauf waren, in der Sache zu ermitteln. „Fahren Sie doch mal in die Wohnung des Opfers, vielleicht findet sich irgendein Hinweis auf den Täter. Petra soll ihnen die Adresse geben.“
    „Geht klar, Chefin, machen wir sofort,“ meinte Semir dienstbeflissen und stand auf, um zur Tür zu gehen. Als er merkte, dass Tom keine Anstalten machte, ihm zu folgen, drehte er sich noch mal um. „Was ist, kommst du oder soll ich das alleine machen?“ Aus Semirs Stimme konnte man immer noch leisen Groll heraus hören. Ihr Streit war anscheinend doch noch nicht so ganz verflogen.
    „Ich komm ja schon, nur mit der Ruhe.“ Tom stellte die Teetasse ab, aus der er eben noch den letzten Rest getrunken hatte und stand auf, um Semir zu folgen. Anna Engelhardt sah den beiden schmunzelnd nach. Manchmal benahmen sich die beiden nicht wie erwachsene Männer, sondern eher wie kleine Jungs. Aber gerade das liebte sie an ihren beiden zuverlässigsten Beamten.

  • ......und noch ein Stückchen:



    „Sag mal, bist du immer noch sauer?“ Tom konnte kaum mit Semir Schritt halten, der zielstrebig seinen Wagen ansteuerte. Tom hatte sich noch die Adresse von Petra geben lassen und war dann buchstäblich hinter Semir hergerannt. „Quatsch, wieso sollte ich wegen eines albernen Traums auf dich sauer sein? Aber wir haben Arbeit, also beeil dich.“ Schon saß er hinterm Steuer und Tom konnte gerade noch die Autotür schließen, ehe Semir mit quietschenden Reifen losfuhr.
    „Natürlich bist du sauer, ich merk das doch.“ Tom sah seinen Partner von der Seite an. „Mensch Semir, ich nehm das ja ernst – ich meine, es gibt vieles zwischen Himmel und Erde, was man nicht erklären kann –so ein Albtraum kann.......“
    Semir grinste seinen Beifahrer an. „Spar dir das Gesülze, Tom. Du warst schon immer ein schlechter Lügner.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Ich denke, wir sollten nach Feierabend die Friedenspfeife rauchen und zusammen einen trinken gehen, was meinst du?“ Tom war froh, dass Semir die Angelegenheit endlich ad acta gelegt hatte. „Aber immer gerne.....und wer bezahlt?“
    „Immer der, der fragt......also du!“ Semir setzte den Blinker und bog in eine Seitenstraße ein. „Hier müsste es sein.“ Er fuhr in eine freie Parklücke am Straßenrand und die beiden stiegen aus und steuerten den Eingang des Mietshauses an, in dem der Verunglückte gewohnt hatte.


    Nachdem Semir das Schloss geknackt hatte, sahen sie sich in der Wohnung um. Sie war nicht gerade edel eingerichtet, aber eigentlich ganz gemütlich. „Was suchen wir eigentlich?“ Tom stand etwas ratlos in der Mitte des Wohnzimmers und blickte sich um. Semir zuckte mit den Schulter. „Weiß ich auch noch nicht. Irgendwas eben, das uns auf die Spur des Täters bringen könnte.“


    Tom seufzte. „Na dann mal los. Nur gut, dass es hier nicht allzu viele Schränke und Schubladen gibt.“ Schweigend machten sie sich an die Arbeit. Öffneten jede Schublade und jede Tür. Nach einer halben Stunde war das Einzige, das vielleicht etwas Verwertbares enthalten konnte, der Laptop des Toten, der auf Bett gelegen hatte. „Den nehmen wir mit. Hartmut soll sich den mal ansehen. Vielleicht finden wir ja irgend einen Hinweis.“ Tom klemmte sich das Gerät unter den Arm und verließ zusammen mit Semir die Wohnung. „Die Kollegen von der Spurensicherung sollen sich hier aber trotzdem noch mal umsehen,“ meinte Semir, und versiegelte die Wohnung.

  • „Oh hallo, ihr beiden, gut dass ihr kommt. Ich hab hier was, was euch interessieren könnte.“ Hartmut hielt triumphierend ein Blatt in die Höhe und hielt es Tom und Semir entgegen.. Tom legte den Laptop auf den Tisch. „Ich hab hier auch was für dich. Kannst du dir den mal ansehen? Vielleicht ist ja was drauf, was uns weiterbringt.“ Dann endlich deutete er auf das Blatt und fragte: „Und was hast du für uns?“ Hartmut hob immer noch bedeutungsvoll das Blatt Papier in die Höhe. „Hier, alle Gespräche, die über die Nummer von Frank Webers Handyanschluss aus und eingingen..“ Semir zog fragend eine Augenbraue nach oben. „Komm zur Sache, Hartmut, wir haben nicht ewig Zeit.“ Ihn nervte es manchmal, wenn Hartmut so weit ausholte. Warum konnte er nicht geradewegs zur Sache kommen? Das war ein echter Tick von ihm.


    „Ja, ich mach ja schon.“ Entgegnete Hartmut etwas beleidigt, um gleich darauf aber schon wieder mit Eifer fortzufahren. „Hier.....in den letzten Tagen hat Weber immer wieder eine bestimmte Nummer angerufen. Auch das letzte Gespräch, das er geführt hat, ging zu dieser Nummer.“ Hartmut machte eine Künstlerpause und sah die beiden Kommissare erwartungsvoll an. „Hartmut....bitte!“ Semir verdrehte die Augen. Tom sah es und half Hartmut auf die Sprünge. „Und, wem gehört die Nummer?“ Hartmut wandte sich Tom zu. „Einem gewissen Nick Blessing. Er führt ein Fachgeschäft für Jagd- und Anglerzubehör. Jagdgewehre, Harpunen, Jagdmesser und so´n Zeugs eben. ´Barracuda` nennt sich der Laden. Ist allerdings ein reiner Online-Shop. Die verticken alles über Internet. Allerdings hat dieser Blessing einen Teil eines Lagerhauses gemietet. Irgendwo muss er seine Ware ja unterbringen....“ Hartmut sah von Tom zu Semir und wartete auf ein Lob der beiden. Stattdessen kam Semirs leicht genervte Frage. „Gibt’s zu dem Laden auch eine Adresse oder eine Telefonnummer?“ Hartmut nannte die Adresse Blessings und die des Lagerhauses. „Prima, da fahren wir jetzt mal hin und reden mit diesem Blessing. Vielleicht kann der uns weiterhelfen.“ Semir drehte sich auf dem Absatz um und zog Tom hinter sich her. „Kommst du?“
    „Bin ja schon da......“ Tom ging hinter Semir her und Hartmut schaute den beiden vor sich hinmurmelnd nach: „Bitte sehr....... gern geschehen....... ist doch mein Job........... hab ich doch gern getan.“ Dann widmete er sich seufzend dem Laptop.

  • Semir brachte den Dienstwagen vor dem Haus, in dem Blessings Penthouse-Wohnung lag, zum stehen. Tom sah beim Aussteigen an der Fassade des Hauses hoch und meinte anerkennend: „Nobel, nobel. Ich glaube, wir beiden haben den falschen Job. Wir sollten Jagdzubehör verkaufen. Muss nicht schlecht laufen, das Geschäft, wenn ich mir das hier so ansehe.“ Semir sah Tom von der Seite an. „Na, na, wer wird denn da neidisch? Ich bin zufrieden, mit dem was ich hab – Geld ist schließlich nicht alles.“ Tom nickte zustimmend. „Hast ja Recht.“ Semir drückte die Klingel und sah in die Kamera, die darüber angebracht war.
    „Ja, bitte?“ tönte es fragend aus dem Lautsprecher.
    „Gerkhan, Kripo Autobahn. Wir möchten gerne mit Herrn Blessing sprechen.“
    „Einen Augenblick bitte“, erwiderte die männliche Stimme. Es knarzte kurz im Lautsprecher.


    Ralf Paulsen wandte sich zu seinem Chef um. „Die Bullen stehen vor der Tür.“ Man merkte ihm an, dass er unruhig war. Was wollte die Polizei hier? Er hatte die Aufgabe doch einwandfrei erledigt. Es war unmöglich, dass sie ihm auf die Spur gekommen waren.
    Blessing zog kurz eine Augenbraue hoch und sah Paulsen kalt an. Er sagte zwar nichts weiter, aber Paulsen konnte sich denken, was in seinem Kopf vorging. Wenn Blessing irgendeinen Anlass fand, mit ihm unzufrieden zu sein, dann ging es ihm wie Weber – dann war sein Leben keinen Pfifferling mehr wert. Urplötzlich brach ihm der Schweiss aus allen Poren.
    „Reiss dich zusammen,“ herrschte Blessing ihn an. „Wenn man dich sieht, weiss man gleich, dass du Dreck am Stecken hast. Was soll schon passieren? Die Bullen werden eben ihren Job machen – alles Routine. Also mach schon auf....und noch mal: reiss dich zusammen!“
    Paulsen nickte und ging zur Sprechanlage, um den Auslöser zu drücken.


    Semir und Tom fuhren mit dem Aufzug bis zur Penthousewohnung, wo Ralf Paulsen sie bereits erwartete. „Kommen Sie, Herr Blessing erwartet sie .“ Tom sah zu Semir und betrat mit ihm die luxuriöse Wohnung. Hier war alles vom Feinsten – vom Boden bis zur Decke. An den Wänden hingen die unterschiedlichsten Waffen. Vom Speer bis zur antiken Pistole. Auch eine alte Armbrust war darunter. Interessiert blickte Tom sich um, während Semir direkt auf Blessing zusteuerte, der sich gerade aus seinem schweren Ledersessel erhob.
    „Kann ich den Herren Gesetzeshütern vielleicht einen Drink anbieten?“, fragte er mit einer ausladenden Handbewegung zu seiner reich bestückten Bar.
    Semir ließ sich davon nicht beeindrucken. „Nein, danke, aber sie können uns vielleicht eine Auskunft anbieten, das würde uns schon helfen.“ Ihm war dieser Schnösel unsymphatisch und er wollte so schnell wie möglich wieder hier verschwinden. Solche affektieren Typen waren ihm einfach zuwider.
    „Bitte sehr, worum geht’s denn?“ Blessing setzte sich wieder in seinen Sessel und sah die beiden Kommissare überheblich an.


    Tom erklärte Blessing, worum es ging. Er schilderte den Unfall auf der Autobahn und fragte anschließend: „Sagt Ihnen der Name Frank Weber vielleicht etwas?“
    Blessing tat so, als ob er überlegen würde. Aus den Augenwinkeln heraus, sah Semir, dass Paulsen sich sichtlich unwohl in seiner Haut fühlte. Er war die ganze Zeit etwas abseits gestanden und hatte kein Wort gesagt.
    „Weber.....hmmm ..nein, ich wüsste nicht, wer das sein sollte,“ antwortete Blessing schließlich und nippte an seinem Whiskey. „Wieso kommen sie damit gerade zu mir?“
    Semir trat einen Schritt auf Blessing zu. „Das kann ich ihnen sagen, Herr Blessing. Weber hat in den letzten Tagen mehrmals mit Ihnen telefoniert, deshalb fragen wir Sie.“ Semir ließ Blessing nicht aus den Augen. Aber der zeigte keinerlei verräterische Reaktion. Entweder er sagte die Wahrheit, oder er war ein excellenter Schauspieler.


    „Telefoniert?“ Blessing sah Semir leicht belustigt an. „Herr Kommissar.....ich führe ein Geschäft....was glauben Sie, wie viele Telefongespräche ich mit Leuten führe, die ich nicht kenne. Vielleicht wollte dieser Weber bei mir irgendetwas bestellen.“ Er tat, als ob er noch einmal nachdenken würde. „Weber.....Weber.....ja, jetzt erinnere ich mich. Ich glaube, er erkundigte sich nach einer Ausrüstung für die Hochseefischerei.“


    Semir sah Blessing an. Wollte der ihn verarschen? „So, so, Hochseefischerei.....und da ruft er x-mal an? Tut mir leid, Herr Blessing, aber das glaube ich ihnen nicht.“
    Blessing war inzwischen aufgestanden und zuckte bedauernd mit den Schultern. „Tut mir leid, die Herren, das ist dann ihr Problem. Ich glaube, Herr Paulsen sollte sie zum Ausgang geleiten, wir sind ja wohl fertig, oder?“
    „Ja, für den Moment sind wir das,“ erwiderte Tom und wandte sich Paulsen zu. „Na, dann.....geleiten sie uns mal.....sonst verlaufen wir uns noch in ihrem Palast. Auf Wiedersehen,“ Tom ging noch mal ein paar Schritte auf Blessing zu. „....und das, Herr Blessing, können sie getrost wörtlich nehmen. Ich bin nämlich ganz der Meinung meines Kollegen hier – ich glaube ihnen kein Wort.“ Tom drehte sich um und verließ mit Semir die Wohnung.

  • „Mit diesem gelackten Idioten bin ich noch lange nicht fertig.“ Semir setzte sich wütend auf den Beifahrersitz, während Tom sich hinters Steuer des Dienstwagens klemmte. „Der lügt doch wie gedruckt.“
    „Da bin ich ganz deiner Meinung, Semir. Aber reg dich nicht künstlich auf, das bringt nichts.“ Tom sah einen Augenblick auf die Straße, um dann mit seinen Überlegungen fortzufahren. „Glaubst du, dass man mit Jagdzubehör so viel verdient, dass man sich so eine schnieke Bude leisten kann? Ich jedenfalls nicht. Der Kerl hat Dreck am Stecken und macht sein Geld mit ganz was anderem, darauf wette ich.“


    Blessing stand am Fenster und sah, wie die beiden Polizisten in ihren Wagen stiegen und weg fuhren. Er nippte an seinem Whiskey und meinte nachdenklich zu Paulsen. „Wir sollten auf die beiden ein Auge haben. Sie können uns zwar nichts nachweisen, aber ich trau denen nicht. Die sind nicht blöd und tauchen mit Sicherheit bald wieder hier auf. Die letzte Lieferung will ich nicht gefährden, danach verschwinden wir sowieso von hier.“ Eindringlich sah er Paulsen an. Dieser nickte eifrig. „Geht klar, Boss. Werd ich machen. Aber die können uns wirklich nichts. Ich meine..........“ Blessing sah Paulsen scharf an und der verstummte.


    Plötzlich läutete Semirs Handy. „Ja?......Hartmut ....was gibt’s?“ Semir stellte das Handy auf ´laut´, damit Tom mithören konnte.
    „Semir, könnt ihr mal schnell vorbeikommen? Ich hab was, was euch bestimmt interessiert.“
    „Kannst du uns das nicht am Telefon sage? Tom hört mit.“
    „Ne, das müsst ihr euch ansehen, also kommt vorbei. Bis dann.“
    Semir steckte das Telefon in die Tasche und sah Tom erstaunt an. „Er hat einfach aufgelegt. Der gewöhnt sich langsam ein Verhalten an.....“ Tom grinste, während er den Wagen wendete, um zur KTU zu fahren. „Lass ihm doch die Freude. Du weißt ja, dass er es gerne spannend macht.“


    „Hartmut.....was hast du denn so Spannendes für uns?“ Tom betrat schwungvoll die KTU und steuerte auf Hartmut zu, der ihnen schon vielsagend entgegen sah. Er deutete auf das Notebook und meinte: „Auf dem Ding war die Festplatte formatiert.....alles weg.......das Ding ist so unberührt wie eine Jungfrau!“ Semir sah Hartmut entgeistert an. „Und um uns das zu sagen, jagst du uns durch die halbe Stadt???“ Seine Stimme klang leicht genervt. Auch Tom konnte einen leichten Anflug von Ärgernis nicht so ganz verdrängen. Fragend sahen die beiden Hartmut an. Der hob belehrend den Zeigefinger und fuhr fort. „Aber....und nun kommts.......ich habe im Kartenschacht eine SD-Card gefunden. Hat derjenige, der die Festplatte gelöscht hat, wohl übersehen.“ Hartmut räusperte sich und machte eine kurze Künstlerpause, ehe er fortfuhr. „Und darauf.......sind Fotos, die zeigen, wie jemand an jemanden was übergibt........“ Nun wurde auch Tom ungeduldig. „Hartmut.....bitte......was übergibt jemand an jemanden?“
    „Ja, ja, ich mach ja schon weiter......ihr seid immer so ungeduldig, Jungs, das schadet dem Herzen......also: man kann hier genau sehen, dass hier ein Waffendeal über die Bühne geht.....seht her.....“ Hartmut deutete auf den Bildschirm seines PCs. Tom und Semir waren hinter Hartmut getreten und reckten ihre Köpfe vor, um besser sehen zu können. Das Foto zeigte einen Mann, der offensichtlich gerade eine MP prüfte, daneben stand Blessing. Im Hintergrund konnte man auch Paulsen erkennen, der mit verschränkten Armen dastand und das Ganze beobachtete. Auf der Motorhaube von Blessings Wagen lag ein geöffneter Koffer. „Kannst du das mal vergrößern?“ Semir deutete auf den Koffer. „Klar doch, Moment mal.....“ Hartmut machte ein paar Bewegungen mit der Maus und schon konnte man erkennen, dass der Koffer voller Geld war.

  • „Dacht ich mirs doch. Der Kerl hat Dreck am Stecken, der dealt mit Waffen. Und das sind keine Schrotgewehre oder sonst irgendein Jagdzeugs.....das sind Kriegswaffen.“
    „Und wahrscheinlich hat Frank Weber das rausgefunden und Blessing erpresst – deshalb musste er sterben.“ Tom sah nachdenklich zu Semir. Semir nickte und wandte sich zum Gehen. „Dem Kerl werden wir jetzt noch mal einen Besuch abstatten. „Wart mal Semir, aber dieses Mal fahren wir gleich zur Lagerhalle, der hat das Zeug bestimmt nicht in seiner noblen Wohnung gelagert. Vielleicht finden wir noch was.“ Tom klopfte Hartmut anerkennend auf die Schulter. „Danke Hartmut, gut gemacht!“ und beide verließen die KTU.


    Ralf Paulsen, der mit seinem Wagen gegenüber der KTU stand, sah, wie Tom und Semir mit raschen Schritten zu ihrem Wagen gingen und losfuhren. Er folgte ihnen in sicherem Abstand. Durch den regen Verkehr, der herrschte, bemerkten die beiden nichts von ihrem Verfolger und steuerten zielstrebig den Weg zur Lagerhalle an. Als Paulsen merkte, wohin die Fahrt ging, griff er zum Telefon und rief Blessing an. „Chef, ich glaube, die beiden Bullen sind auf dem Weg ins Lager. Sieht wenigstens so aus.“
    „OK, bleib an ihnen dran. Ich werde mir was überlegen.“ Blessing legte auf. Er hatte sich gleich gedacht, dass die nicht locker lassen würden. Aber er würde ihnen einen gebührenden Empfang bereiten. Er würde sich dieses letzte lukrative Geschäft nicht versauen lassen, nicht von zwei kleinen Autobahnbullen.


    „Wir müssen gleich da sein......da vorne rechts......da müsste es sein.“ Tom steuerte den Wagen in die Einfahrt zur Lagerhalle. Das Gebäude war alt und ziemlich heruntergekommen. „Na, viel kann hier aber nicht mehr los sein, so wie es hier aussieht.“ Semir blickte sich kurz um, ehe er ausstieg. „Wahrscheinlich ist Blessing der einzige Mieter in dem Schuppen – da kommt ihm niemand in die Quere – einfach perfekt für seine Pläne.“ Tom war inzwischen auch ausgestiegen. „Na, dann wollen wir mal. Du gehst vorne rein, ich hinten.“ Semir nickte zustimmend und beide zogen ihre Waffen aus den Holstern, während sie vorsichtig weitergingen.


    Während Semir vorsichtig das alte Tor an der Vorderseite der Halle öffnete, ging Tom um das Gebäude herum und trat durch eine Tür, die nicht verschlossen war. Leise und vorsichtig betrat er die Halle. Er sah sich um, aber hier unten war nichts Verdächtiges zu sehen. Langsam stieg er die Eisentreppe hoch, die zum nächsten Stockwerk führte. Es gab zwar auch einen Lastenaufzug, aber Tom bevorzugte die Treppe. Falls Blessing hier irgendwo war, würde er durch den Aufzug zu schnell auf ihn aufmerksam werden. Ausserdem sah das Ding auch nicht gerade vertrauenerweckend aus.


    Auch Semir war inzwischen in der Halle und sah sich nach allen Seiten um. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihm breit. Der Ort hier erinnerte ihn irgendwie an seinen Traum. Auch hier herrschte gespenstisches Halbdunkel, überall standen alte Kisten herum. Sollte sich sein Albtraum hier bewahrheiten? Er musste so schnell wie möglich zu Tom. Einerseits schalt er sich selbst einen Narren, dass er hier eine Verbindung sah, aber er wollte sicher gehen. Langsam stieg er die Treppe hoch.

  • Blessing hatte die Ankunft der beiden Beamten inzwischen bemerkt. Aber er war vorbereitet. Vor ihm auf dem Tisch lag ein scharfes, gezacktes Jagdmesser, das er nun in die Hand nahm und in seinem Ärmel verstaute. Dann nahm er eine alte Armbrust und strich mit einer fast liebevollen Geste darüber, bevor er den Bolzen mit der dreiseitigen Jagdspitze einlegte. Er liebte diese Waffe. Sie war ebenso kraftvoll und effektiv, wie lautlos.
    Wenn er daran dachte, dass schon vor hunderten von Jahren die Menschen damit erfolgreich gejagt und auch Kriege ausgefochten hatten, dann erfasste ihn fast so etwas wie Ehrfurcht. Auch er hatte damit schon Wild erlegt, aber an einem Menschen hatte er die tödliche Wirkung des Bolzens noch nicht ausprobiert – das wollte er heute nachholen. Bei dem Gedanken daran, lief ein wohliger Schauer über seinen Rücken. Er nahm die Waffe und postierte sich hinter einem Stapel Kisten. Von hier aus hatte er sowohl die Treppe, als auch den Aufzug im Blick. Die Herren Polizisten konnten kommen – er war durchaus gewappnet.


    Tom war inzwischen im 3. Stock angelangt. Auch hier war nichts zu sehen. Langsam und vorsichtig stieg er die Treppe weiter hoch in den 4. und letzten Stock. Oben angelangt, stellte er mit einem Blick fest, dass es hier sein musste. Diese Etage war lange nicht so verdreckt und verstaubt, wie die unteren drei. Dort hatte man mit einem Blick gesehen, dass schon lange niemand mehr hier arbeitete. Aber hier deutete alles darauf hin, dass ständig jemand hier zu tun hatte. Langsam ging Tom weiter, immer die Waffe im Anschlag. Er ahnte nicht, dass ihn Blessing schon entdeckt hatte.


    Von der anderen Seite hatte auch Semir inzwischen die 4. Etage erreicht. Wo war Tom? Er konnte ihn nirgends entdecken. Aber er musste hier sein. Semir blieb kurz stehen und lauschte. Plötzlich nahm er auf der anderen Seite eine Bewegung wahr......!

  • Blessing griff in seinen Ärmel und schleuderte mit einer blitzschnellen Bewegung des Handgelenks das Jagdmesser in Toms Richtung. Tom sah noch, wie Blessing kurz hinter den Kisten zum Vorschein kam, aber er hatte keine Zeit mehr, um zu reagieren. Das Jagdmesser traf ihn mit voller Wucht und bohrte sich bis zum Heft in den rechten Oberschenkel. „Ahhhhh.......!“ Tom schrie laut auf, ließ seine Waffe fallen, taumelte und stürzte zu Boden. Mit schmerzverzerrtem Gesicht griff er sich an den Oberschenkel.


    Semir sah einen Schatten hinter den Kisten hervorhuschen. Er sah plötzlich Tom.......wollte ihn warnen, aber es war zu spät. Er hörte Toms Schrei, sah wie er zu Boden ging. Semir hatte nicht gesehen, womit Tom getroffen wurde, dazu war er zu weit weg, aber in seinem Kopf dröhnte nur ein Gedanke: „Der Pfeil“. Im Geiste sah er die Szene aus dem Alptraum vor sich, wie Tom getroffen zu Boden ging. Panisch rannte er auf seinen Partner zu. „TOM!“ Im Laufen sah er sich um, aber er konnte niemanden mehr sehen. Als er bei Tom angekommen war, stellte er erleichtert fest, dass dieser noch lebte. Er lag stöhnend am Boden und hielt sich sein Bein, aus dem das Heft eines Messer herausragte. Der Stoff der Hose war bereits blutdurchtränkt.


    „Tom! Kannst du aufstehen? Wir müssen hier weg. Der Kerl ist noch irgendwo hier.“ Semir hatte kaum ausgesprochen, als plötzlich Blessing vor ihnen stand, eine Armbrust im Anschlag. „Sieh an, die Herren von der Polizei.“ Stellte er süffisant fest. „Ihr habt es also herausgefunden. Das tut mir leid – für euch.“ Drohend zielte er mit der Armbrust auf die beiden. „Los. Hilf ihm hoch......und dann da rüber in den Aufzug, aber schnell.“ Semir starrte Blessing an. „Blessing, das bringt doch nichts. Geben sie auf.“ Blessing lachte lauthals. „Wieso soll das nichts bringen? Ich werde in einer Stunde mein letztes Geschäft abwickeln und dann verschwinden. Bis euch jemand findet, bin ich über alle Berge. Also los, rein in den Aufzug.“ Blessings Stimme duldete keinen Widerspruch, das merkte auch Semir. Immerhin war es besser, in den Aufzug gesperrt, als von einem Armbrustbolzen durchbohrt zu werden. Er half Tom auf die Beine, der sich stöhnend an ihm festhielt, und ging langsam mit ihm zum Aufzug, der nur wenige Meter entfernt war. Mit jedem Schritt, den Tom mühsam tat, hinterließ sein Blut eine Spur auf dem Betonboden.

  • Blessing stand da und zielte mit der Armbrust auf Semir, der ihm im Moment den Rücken zukehrte. Tom sah es, er sah auch das Aufblitzen in Blessings Augen und wusste: er würde jeden Moment abdrücken. Ohne lange zu überlegen, nahm er all seine Kraft zusammen und beförderte Semir mit einem kräftigen Stoß zur Seite, so dass dieser auf den Boden knallte. Im selben Moment sah er, wie Blessing den Schuss auslöste. Er sah den Bolzen auf sich zuschießen. Er wollte noch ausweichen, aber es war zu spät – der Bolzen traf ihn in die rechte Schulter. Ein gigantischer Schmerz durchfuhr Toms Körper. Er wurde nach hinten an die Wand des Aufzugs geschleudert und rutschte daran herunter. Vor seinen Augen verschwamm alles. Wie aus weiter Ferne hörte er noch das höhnische Lachen Blessings. „Fahrt zur Hölle, Bullen.“ Dann drückte Blessing den Knopf und der Aufzug setzte sich mit einem quietschenden Ruckeln in Bewegung. Blessing ging zu dem Steuerungskasten, der neben dem Aufzug hing und schlug mit aller Kraft mit dem Kolben der Armbrust darauf ein. Funken sprühten, der Aufzug blieb stecken. Zur Sicherheit riss er noch alle Drähte heraus. „So, das wird reichen.“ Zufrieden drehte er sich um und ging weg.


    Semir lag einen Moment benommen am Boden, ehe er sich aufrappelte und sich den Kopf hielt, mit dem er an die Wand der Aufzugkabine geknallt war. „Mensch Tom, was sollte ..........“ Er hielt inne, als er sah, dass Tom am Boden lag. Aus seiner rechten Schulter ragte ein Pfeil! In dem Moment wurde ihm schlagartig klar, was Tom getan hatte. Er hatte ihm mit dem Stoß das Leben gerettet.......und war selbst getroffen worden. Wieder rasten die Bilder des Alptraums durch seinen Kopf. War er nun doch wahr geworden? Nein, das durfte einfach nicht sein. Semir kroch auf allen Vieren zu Tom. Die Angst, dass er tot sein könnte, lähmte ihn fast. „Tom, hey......Tom!“ Vorsichtig tätschelte er ihm die Wange. “Tom……mach doch die Augen auf.” Langsam kroch Panik in ihm hoch. Tom lag vor ihm und zeigte keinerlei Regung. Semir starrte auf das Messer, auf die Blutlache, die sich langsam unter Toms Bein ausbreitete und auf den Armbrustbolzen, der aus seinem Körper ragte. Er saß da und konnte nichts tun.
    Plötzlich stöhnte Tom leise auf. Dann öffnete er die Augen. „Ahhh......verdammt tut das weh!“ Semir fiel ein Stein vom Herzen. „Mensch.....du hast mir vielleicht eine Angst eingejagt. Wieso verdammt noch mal, hast du das getan?“ Tom lächelte gequält und biss gleich darauf die Zähne zusammen, um dem Schmerz Herr zu werden. „Na.....ja.............ich konnte doch nicht ...........zulassen........dass dein Traum.........in die Binsen geht.!“ Wieder stöhnte Tom auf. Ihm war schwindlig, der Schmerz im Bein fast unerträglich. Eigenartigerweise spürte er das Messer wesentlich ärger, als den Bolzen. Semir schüttelte den Kopf. „Du verdammter Idiot........! Er zog seine Jacke aus und rollte sie zusammen, um sie Tom unter den Kopf zu legen. Dann sah er sich die Beinwunde an, die immer noch stark blutete. „Ah.......Mann tut das weh.......!“ Semir stand auf und versuchte, die Aufzugstür zu öffnen. Nach einiger Zeit gab er auf. Es hatte keinen Zweck. „Wir stecken fest, irgendwo zwischen den Stockwerken,“ stellte er schließlich fest. Mit einem Blick auf Tom fügte er resigniert hinzu: „Bis uns hier jemand findet – das kann dauern.“ Er setzte sich neben Tom auf den Boden. „Verdammter Mist, du brauchst dringend einen Arzt – was machen wir denn jetzt?“ Die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Wenn Toms Beinwunde so weiter blutete, dann wurde es brenzlig. Tom brauchte wirklich dringend Hilfe. „Das Handy....“ schoss es ihm durch den Kopf, und sofort kramte er in seiner Jackentasche danach. „Mist, kein Empfang......ist ja auch kein Wunder, wir sitzen hier ja in einem Schacht aus Stahlbeton fest.“ Niedergeschlagen steckte er das Telefon wieder ein.


    „Semir........“ kam es von Tom. „......zieh das verdammte Messer raus.....ich.....ich halte das nicht mehr lange aus.....ahhhh!“ Semir sah Tom entgeistert an. „Bis du verrückt geworden? Ich kann doch nicht einfach.....“ Wieder verzerrte sich Toms Gesicht vor Schmerzen. „Doch....du kannst........wenn du es nicht tust, dann......mach ich es eben....selbst.“ Tom machte Anstalten, nach dem Messergriff zu greifen, was aber auch nicht einfach war, weil ihm bei jeder noch so kleinen Bewegung die Schulter höllisch weh tat. So langsam spürte er auch den Armbrustbolzen. Eindringlich sah Tom Semir an. „Bitte, Semir.....zieh das verdammte Ding raus.“ Semir sah unsicher von dem Messer zu Tom und wieder zurück. „Nun mach schon......los.“ Tom hatte die Lippen zusammengepresst und die Augen geschlossen. „Ok....ich machs.....aber das wird weh tun......“

  • „Das tuts jetzt schon, glaub mir.“ Stöhnte Tom wieder.
    Semir rang mit sich. Einerseits wollte er Tom nicht noch zusätzliche Schmerzen zufügen, andererseits sah er, wie er litt......es musste sein. Er griff langsam nach dem Messergriff und umfasste ihn. Wieder sah er Tom prüfend an, der immer noch mit geschlossenen Augen und zusammen gebissenen Zähnen darauf wartete, dass Semir ihn von dem Ding erlöste. Semir atmete tief durch.....und zog mit einem schnellen Ruck das Jagdmesser aus Toms Oberschenkel. „Ahhhhhh....!!!!“ Tom schrie auf vor Schmerzen. Einen Augenblick lang starrte Semir auf die blutverschmierte Klinge des Messers – sie war verdammt lang und gezackt. Dann warf er es zur Seite und kümmerte sich um Toms Bein, aus dem nun ein Schwall Blut hervorquoll. „Ich muss das irgendwie verbinden...“ sagte er mehr zu sich selbst. Hastig zog er seine Jacke aus und danach sein T-Shirt. Er riss es in Streifen. Einen Teil davon rollte er als Polster zusammen und presste es als Druckverband auf Toms Wunde. „Kannst du das mal halten?“ Als von Tom keine Antwort kam, merkte er erst, dass der die Besinnung verloren hatte. Semir presste das Polster auf die Wunde und wickelte mehr schlecht als recht, den restlichen Stoff darum. Mehr konnte er im Moment nicht tun. Als er fertig war, kam Tom wieder langsam zu sich. „Hey, da bist du ja wieder.“ Lächelnd sah er seinen Partner an. „Das hab ich gerne, mich die Arbeit machen lassen, während du ein kurzes Nickerchen hälst.“


    Tom schloss erschöpft die Augen und meinte nur leise: „Das war heftig......aber jetzt........... geht’s besser. Danke!“ Semir blickte besorgt auf den Notverband, der sich inzwischen rot verfärbt hatte. Er sprang auf und versuchte wieder, die Tür aufzuschieben. Er schaffte es einen kleinen Spalt breit, aber ausser der Betonwand sah er nichts. Wütend schlug er mit der flachen Hand gegen die Wand. „Verdammt noch mal, irgendwie muss man doch hier raus kommen.“

  • Auf der PAST legte Petra resigniert den Hörer auf. Schon etliche Male hatte sie versucht, Semir und Tom zu erreichen – vergeblich. Keiner der beiden meldete sich. Die Handys waren offenbar ausgeschaltet, oder hatten kein Netz. „Möchte bloss mal wissen, wo sich die beiden wieder herumtreiben. Die wissen doch, dass sie sich hier regelmäßig melden müssen,“ schimpfte Petra leise vor sich hin. Sie hatte nicht bemerkt, dass die Chefin hinter ihr stand und alles mithörte. „Können Sie Tom und Semir immer noch nicht erreichen?“ Petra fuhr erschrocken zusammen. „Oh – ich hab sie gar nicht bemerkt.....nein, leider nicht. Ich hab auch nicht die geringste Ahnung, wo die beiden stecken könnten. Ich mach mir langsam Sorgen.“ Besorgt sah sie Anna an. Die lächelte und meinte beruhigend: „Die werden schon wieder auftauchen – und dann werde ich ihnen mal gehörig den Kopf waschen, in Bezug auf Dienstvorschriften und Pünktlichkeit – so geht’s ja wirklich nicht.“ Kopfschüttelnd ging sie in ihr Büro, drehte sich aber noch einmal um und meinte zu Petra. „Wenn sie in zwei Stunden immer noch nichts gehört haben, sagen Sie mir Bescheid, ja?“ Petra nickte und Anna verschwand in ihrem Büro und setzte sich hinter den Schreibtisch. Nachdenklich sah sie durch die Scheibe zu Petras Arbeitsplatz. Zwei Stunden wollte sie noch warten, aber dann mussten sie was unternehmen. So langsam machte sie sich nun doch Sorgen, sie wollte das vor Petra nur nicht zeigen. Die war schon nervös genug. Es waren jetzt immerhin schon 4 Stunden vergangen, ohne dass sich die beiden gemeldet hatten.


    Semir stand immer noch vor der Aufzugstür und hämmerte dagegen. „Mensch Semir, das bringt doch nichts. Du machst mich ganz kirre. Hilf mir lieber mal......ich möchte mich hinsetzen.“ Tom versuchte stöhnend, sich aufzurichten, was ihm aber nicht so recht gelingen wollte. Sofort war Semir an seiner Seite und half ihm vorsichtig, sich mit dem Rücken an die Wand zu lehnen. Tom atmete schwer. Die Aktion hatte ihn ziemliche Kraft gekostet, ausserdem schmerzte seine Schulter und das Bein. „Na los, setz dich hin......“ befahl er Semir. „Überlegen wir lieber, was wir tun können. Ich hab nicht vor, hier die Nacht zu verbringen.“ Leise stöhnend sog er die Luft ein.


    „Meinst du vielleicht, ich?“ Semir sah besorgt zu seinem Freund. Der blutgetränkte Verband machte ihm Sorgen – und die Wunde blutete durch die Bewegung jetzt wieder stärker. Tom saß da, mit dem Rücken an die Wand gelehnt und hatte einen Moment die Augen geschlossen.
    „Aber was sollen wir machen? Durch den Spalt da......,“ er deutete auf die leicht geöffnete Aufzugstür, „...käme nicht mal das dürrste Model. Und einen Alarmknopf gibt’s in dem alten Kasten offenbar auch nicht.“ Tom musste trotz der brekären Lage grinsen. „Und wenn es einen gäbe – wer sollte uns hören? Hier ist doch keiner mehr.“


    Semir saß da und suchte mit den Augen jeden Quadratzentimenter der Wand und der Decke ab. „Da oben – da ist eine Luke!“ Er war aufgesprungen und deutete zur Decke.
    „Na prima – da ist eine Luke. - Und wie willst du da hochkommen? Da musst du noch einen guten Meter wachsen. Und ob du das bis heute abend noch schaffst, wage ich zu bezweilfeln.“ Nun musste auch Semir zugeben, dass der Ausstieg viel zu weit oben war und damit unerreichbar für ihn. Er setzte sich wieder neben Tom. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander.


    „Wie geht’s dir denn?“ fragte Semir schließlich mit einem Blick auf Tom
    „Na ja.......wenn ich sagen würde, es geht mir blendend, dann wäre das leicht übertrieben......aber eine Weile halte ich schon noch durch......glaub ich jedenfalls.“ Semir nickte. „Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu warten, bis man uns sucht.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu. „Der Einzige, der weiss, wo wir sind, ist Hartmut – können wir nur hoffen, dass bald jemand auf die Idee kommt ihn zu fragen....“


    Auf der PAST wurde Anna Engelhardt inzwischen nervös. Die zwei Stunden waren um und immer noch keine Spur der beiden Kommissare. Sie hatten sich seit über 6 Stunden nicht mehr gemeldet. Es war Zeit, nach ihnen zu suchen. Anna erhob sich und ging zu Petras Schreibtisch. „Petra, schreiben sie den Wagen der beiden zur Fahndung aus. Die Kollegen sollen die Augen offen halten. Irgendwo müssen sie ja sein. – Und Gnade ihnen Gott, wenn sie nicht einen vernünftigen Grund haben, sich so lange nicht mehr zu melden.“ Aus Annas Stimme klang eine Mischung aus Sorge und Ärger, aber die Sorge überwog eindeutig. Sie drehte sich um und ging wieder ins Büro zurück. Petra nickte und machte sich an die Arbeit. Hotte und Dieter, die alles mitbekommen hatten, sahen sich betreten an. Hoffentlich war da nichts passiert!

  • „Weißt du Semir,......“ Tom saß an die Wand gelehnt da, hielt mit der Linken seinen rechten Arm, der in seinem Schoß lag und blickte versonnen an die gegenüberliebende Wand. „....wir beide.....wir waren doch wirklich ein tolles Team.......was wir alles zusammen erlebt haben......“ Man merkte an seiner Stimme, dass er Schmerzen hatte.
    „Ja!“ stimmte Semir zu, dann erst realisierte er, dass Tom in der Vergangenheitsform gesprochen hatte und drehte sich abrupt zu Tom um. „Wieso waren? Sind wir doch noch immer!“ Semir blickte erstaunt zu seinem Partner. Er sah sofort, dass Tom Schweißperlen auf der Stirn standen.
    „Ja......bis jetzt......“ Tom räusperte sich und fuhr fort. „Semir.....wenn das noch lange dauert....ich weiss nicht, ob ich das schaffe.......das verdammte Ding hier“, er zeigte mit dem Kinn in Richtung des Armbrustbolzens, der aus seiner Schulter ragte, „....macht mir ziemlich zu schaffen.“ Erschöpft machte Tom eine kurze Pause.


    Semir wischte Tom mit der Hand den Schweiss von der Stirn. Sie war heiss, anscheinend hatte Tom bereits Fieber. „Hey Partner...was soll das dumme Gerede? Du schaffst das – ich weiss das genau. Du darfst dich jetzt nur nicht hängen lassen....hörst du? Die kommen bestimmt bald und holen uns hier raus.“ Semir wollte Tom Mut zusprechen, aber insgeheim machte er sich große Sorgen. Ihnen lief die Zeit davon. Tom brauchte mehr als dringend endlich einen Arzt. Ein Blick auf Toms Bein bestätigte diese Sorge. Der Blutfleck auf dem Boden war wieder größer geworden.


    Semir stand auf und zog sich den Gürtel aus der Jeans. Dann legte er ihn um Toms Oberschenkel und band das Bein ab. Tom stöhnte kurz auf. „Ich muss das machen, Tom, du verlierst immer noch Blut. Ich werd das zwischendurch immer mal wieder lockern, dann wird’s schon gehen.“ Tom nickte nur. Ihm war klar, dass Semirs Bemühungen nicht wirklich was bringen würden. Er hatte schon zu viel Blut verloren. Auch Semir machte sich keine Illusionen über Toms Zustand, aber es war immer noch besser, irgendwas zu tun, als hilflos zuzusehen, wie sein Freund langsam verblutete.


    Die Kollegen waren indes unterwegs und hielten die Augen auf, um den Wagen der beiden irgendwo zu entdecken, aber nichts, rein gar nichts war zu finden. Es konnte auch niemand ahnen, dass der CLK auf dem Gelände des alten Lagerhauses stand, das von aussen nicht gut einsehbar war. Petra versuchte immer wieder, Tom oder Semir am Handy zu erwischen, aber auch da war nichts zu machen. So langsam aber sicher breitete sich auf der PAST eine Stimmung aus Hektik und Sorge um die beiden Kollegen aus.


    Tom und Semir saßen immer noch nebeneinander auf dem Aufzugboden. Semir war verzweifelt, versuchte aber, Tom das nicht spüren zu lassen. Immer wieder sah er zur Seite. Tom hatte meistens die Augen geschlossen. Das Fieber war gestiegen. Man konnte sehen, dass er von Minute zu Minute schwächer wurde. „Semir....“ kam es plötzlich leise von ihm. Semir kniete sich neben ihn. „Ja, Tom, was ist? Hast du Schmerzen?“ Tom fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen, ehe er mühsam weitersprach. „Semir.......wenn das hier.....schief geht.........“ Semir unterbrach ihn. „Tom.....red keinen Scheiss......die finden uns....“ Tom legte die linke Hand auf Semirs Unterarm. Semir spürte die schweißnasse, heisse Hand. „Semir.......bitte......wenn sie uns nicht rechtzeitig finden......dann kümmert euch um Petra, ja?“ Semir starrte seinen Freund entgeistert an und wollte schon zum Protest ansetzen, als Tom weitersprach. „Bitte Semir....versprich mir das.....nur für den Fall, dass......“ Er beendete den Satz nicht, aber Semir wusste auch so, was er meinte. Er sah Tom kurz in die Augen und nickte dann. „Ok. Ich versprechs! Aber das ändert nichts daran, dass es nicht nötig ist. Du wirst hier rauskommen....und zwar rechtzeitig!“

  • So, hier kommt noch ein Gute-Nacht-Häppchen:
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    „Hallo....“ Hartmut betrat das Büro der PAST. „....ich wollte zu Tom und Semir, wo sind die beiden denn?“ Hartmut blickte suchend zum Büro der beiden Kommissare, konnte aber durch die Scheibe feststellen, dass es leer war. Dann blickte er in die betretenen Gesichter von Hotte und Dieter. „Ist was passiert? Ihr macht ja vielleicht ein Gesicht.......“ Plötzlich fing Petra an zu schluchzen. Hartmut starrte entgeistert in die Runde. „Hab ich was falsches gesagt......?“ fragte er unsicher. „Nein Hartmut, sie können es ja nicht wissen.....“ mischte sich Anna nun ein, die dazu gekommen war. „Tom und Semir sind seit heute Vormittag wie vom Erdboden verschluckt. Wir machen uns Sorgen.“ Hartmut stand da und sah Anna verständnislos an. „Ja sind die beiden denn nicht beim Lagerhaus gewesen? Ich wollte sie fragen, ob sie was........“ Hartmut wurde von der erstaunten Anna unterbrochen. „Lagerhaus? Welches Lagerhaus? Hartmut – bitte – sagen sie uns, was sie wissen.“ In Annas Gehirn läuteten die Alarmglocken. „Na im Lagerhaus von diesem Blessing. Die beiden vermuteten, dass der in Waffengeschäfte verwickelt ist, und wollten.....“
    „Mann, Hartmut, wieso kommst du erst jetzt damit?“ Dieter klang leicht verärgert.
    Hartmut zuckte mit den Schultern und hob entschuldigend beide Hände. „Na, wenn mich keiner fragt.....woher sollte ich wissen, dass ihr die beiden sucht.“
    „Sie haben ja Recht Hartmut! Aber wo ist das Lagerhaus?“
    Hartmut erklärte den Kollegen, was er herausgefunden hatte und gab ihnen die Adresse des Gebäudes. Innerhalb von Sekunden entstand in der PAST reges Gewusel und plötzlich stand Hartmut allein da – nur Petra saß hinter ihrem Schreibtisch und weinte sich die Augen aus. Alle anderen waren aus dem Büro gestürmt um zur angegebenen Adresse zu fahren. Ausserdem hatte Anna eine SEK-Bereitschaft zu Blessings Wohnung geschickt, in der Hoffnung, ihn dort noch anzutreffen. Hartmut sah etwas hilflos zu Petra, legte ihr dann die Hand auf die Schulter und versuchte, sie zu beruhigen. „Den beiden ist schon nichts passiert, wirst sehen.“


    Semir hatte Tom wieder hingelegt, weil er in der sitzenden Position immer wieder zur Seite kippte. Er selbst saß neben ihm und sah immer wieder besorgt auf seinen Partner. Tom dämmerte vor sich hin, war kaum noch ansprechbar. Nur wenn Semir ihn ansprach, versuchte er mühsam, die Augen zu öffnen. „Tom, du musst wach bleiben, hörst du? Schlafen kannst du später.“ Immer wieder redete Semir auf seinen Freund ein, um ihm Mut zu machen, durchzuhalten.


    Die Einsatzfahrzeuge, allen voran der Wagen von Anna Engelhardt, hielten mit quietschenden Reifen auf dem Gelände der Lagerhalle. „Da vorne – da steht der Wagen!“ Dieter deutete aufgeregt nach vorne und stieg aus dem Porsche aus. Auch Hotte war erstaunlich schnell aus dem Wagen gestiegen. Die Chefin trat zu ihnen und gab ihre Anweisungen. „Gut – wir verteilen uns. Zwei hier und zwei durch den Hintereingang. Der Rest sichert das Gelände. Ich will keine Überraschung erleben. Alle zückten ihre Waffen und betraten vorsichtig die Lagerhalle. Inzwischen war es dunkel geworden und Hotte suchte und fand einen Lichtschalter. Die Neonlampen zuckten einige Male auf, ehe sich in der Halle ein kaltes Licht verbreitete. Wie schon zuvor Tom und Semir, arbeiteten sie sich langsam vorwärts, durchsuchten jeden Winkel. Schließlich kamen sie ins oberste Stockwerk. Hotte war der erste, der eine Spur entdeckte. „Chefin – hier........ich glaube, das ist Blut.“ Anna Engelhardt besah sich die Flecke, die Hotte entdeckt hatte. Sie führten geradewegs zur Aufzugstür. „Ja, das ist Blut. Irgendjemand wurde hier verletzt und hat sich in den Aufzug geschleppt. „Chefin!“ Wieder kam ein Ruf. Diesmal von Dieter. „Hier,“ er deutete auf den Steuerungskasten neben dem Aufzug. „....hier hat wohl jemand ganze Arbeit geleistet. Der ist hin!“


    Semir horchte auf. Hatte er Stimmen gehört? Oder war es nur ein Wunschgedanke, der ihm das vorgaukelte? Wieder hielt er den Atem an und horchte. Ja, das waren Stimmen. Und wenn ihn nicht alles täuschte, dann war es die Stimme von Dieter! Aufgeregt wandte er sich Tom zu. „Tom, wach auf! Sie haben uns gefunden. Tom?“ Aber von Tom kam keine Antwort. Sein Kopf war zur Seite gefallen – er hatte das Bewusstsein verloren. Semir sprang auf, hämmerte an die Tür und schrie aus Leibeskräften. „Dieter! Hier sind wir! Hier!!! Holt uns hier raus!“

  • „Chefin.....hören Sie das?......Das ist doch Semir!“ rief Dieter aufgeregt, als er die Stimme aus dem Aufzugschacht hörte. Nun lauschte auch Anna Engelhardt. Ja, eindeutig.....es war Semir, der sich da die Lunge aus dem Leib schrie. Anna nickte. „Ja, sie haben recht, Dieter, das ist unverkennbar Semir. Die stecken im Aufzug fest. Dieter machte sich an der Aufzugstür zu schaffen, wollte sie aufschieben, aber er schaffte es nicht alleine. „Mensch – Hotte – hilft mir doch mal.....“ Hotte nickte und machte sich daran, Dieter zu helfen. Mit vereinten Kräften schafften sie es schließlich, die Tür aufzuschieben. Dieter leuchtete mit der Taschenlampe in den Schacht. „Da unten....da hängt der Aufzug....genau zwischen den beiden Stockwerken.“ Auch Anna blickte hinunter.
    „Semir – Tom – sind sie da unten?“ Annas Stimme klang gespenstisch hohl in dem Schacht.
    Semir hörte Anna rufen und gleichzeitig fiel ihm ein Stein vom Herzen. Sie waren gefunden worden! „Tom – sie haben uns gefunden. Gleich kommt Hilfe!“ Aber ein Blick auf Tom verriet ihm, dass dieser immer noch bewusstlos war und regungslos dalag..
    „Sind sie verletzt, Semir?“ Wieder klang die Stimme Annas in den Schacht herunter. Semir stand an der Tür und antwortete durch den schmalen Spalt. „Nein, ich bin ok, aber Tom hats erwischt. Er braucht dringend einen Arzt! Holt uns hier raus.“


    „Und wie bekommen wir das Ding jetzt hier rauf? Der Steuerungskasten ist jedenfalls hin....“ bemerkte Hotte trocken. Anna hatte schon das Handy gezückt und rief einen Notarzt. „Herzberger, holen Sie einen Mechaniker, der das altersschwache Ding hier wieder zum laufen bringt. Aber es muss schnell gehen!“ Hotte nickte und machte sich davon. Die Nachricht, dass Tom verletzt war, brachte alle auf Trab.


    Anna trat wieder an den Schacht. „Semir – der Notarzt ist schon unterwegs – bleiben sie ruhig. Wie geht’s Tom?“ Semir drehte sich um und sah zu seinem Partner, der unverändert da lag. „Ihm geht’s beschissen – er ist bewusstlos. Beeilt euch – bitte!“ Dann trat er zurück und setzte sich neben Tom. „Hey Tom – wach auf! Gleich holen sie uns hier raus. Es dauert nicht mehr lange.“ Vorsichtig tätschelte er Tom die Wange. Und tatsächlich öffnete dieser die Augen. Semir war erleichtert. „Jetzt nicht wieder einschlafen, hörst du? Bleib wach!“ Tom versuchte ein schwaches Lächeln. „Semir.......du.......hast........mir was.......versprochen....“ Semir lächelte Tom an. „Ja, das hab ich, aber du schaffst es. Gleich bist du in der Klinik.“ Beruhigend strich er ihm über den Arm.


    Mittlerweile wurden die Kollegen oben vor dem Aufzug unruhig. „Verdammt noch mal, wo bleibt denn der Arzt?“ Anna sah nervös auf die Uhr. Es war so gar nicht ihr Ding, tatenlos hier zu stehen und zu warten, während sie nicht wusste, was da unten vor sich ging. Dann endlich kam Dieter im Laufschritt angerannte – im Schlepptau den Notarzt und einen Sanitäter. Der Notarzt war Markus Schubert. Anna Engelhard blickte ihn erstaunt an. „Sie?“ Markus nickte. „Ja, ich hab heute Notdienst. Was ist los? Wieder mal einer unserer beiden Spezialisten?“ Anna nickte. Wäre die Lage nicht so ernst gewesen, hätte sie fast lachen können über die Bemerkung von Markus. Aber so informierte sie ihn kurz und knapp über die Lage. „Es ist Tom. Semir sagt, er ist schwer verletzt. Aber wir müssen warten, bis der Mechaniker da ist. Der Aufzug steckt fest.“ Markus trat vor und blickte hinunter auf die Kabine, die in etlichen Metern Tiefe feststeckte. Er konnte die Luke erkennen, die einen Einstieg in die Kabine ermöglichen würde. Dann gab er seinem Sanitäter die Tasche und streifte sich ein paar Handschuhe über. „Ich geh da runter. Wenn ich unten bin, wirfst du mir die Tasche zu.“ Der Sanitäter nickte und alle sahen zu, wie Markus Schubert an den Rand des Schachtes trat. Einen kurzen Moment hielt er inne, dann stieß er sich von der Kante ab und landete an dem Stahlseil, an dem der Aufzug hing. Zuerst sah es so aus, als ob er den Halt verlieren würde und alle hielten den Atem an, aber dann hatte er alles im Griff und ließ sich langsam nach unten gleiten. Die Handschuhe konnten aber nicht verhindern, dass das raue Seil seine Hände aufriss, dazu waren sie viel zu dünn. Markus biss die Zähne zusammen und erreichte schließlich mit den Füßen das Dach der Kabine.

  • Markus fing die Notfalltasche auf, die ihm sein Kollege Lutz zuwarf und machte sich daran, die Einstiegsluke zu öffnen.


    Semir hörte, dass jemand auf dem Kabinendach war. Er stand auf und blickte nach oben. Es rumorte, als sich jemand an der Luke zu schaffen machte und schließlich wurde sie geöffnet. „Semir? Tom?“ hörte er es rufen. Dann blieb ihm fast der Mund offen stehen, als er sah, wie Markus zu ihnen heruntersah. Markus entfuhr ein kurzes „Verdammt“, als er Tom da liegen sah. Um sein rechtes Bein hatte sich eine große Blutlache ausgebreitet, aus seiner Schulter ragte so etwas wie ein Pfeil. „Gott sei dank, dass du hier bist. Tom geht’s miserabel.“ Semir fing die Tasche auf, die ihm Markus zuwarf und sah zu, wie dieser mit einem Sprung auf dem Boden landete. Die Aufzugkabine begann bedrohlich zu schwanken. Markus ging sofort neben Tom in die Knie und besah sich die Wunden. „Mann, Mann, Mann.....wie habt ihr das bloss wieder geschafft......ihr lasst aber auch wirklich nichts aus......gib mir mal die Tasche.“ Semir reichte ihm die Notfalltasche und sah besorgt zu, wie Markus Toms Vitalwerte prüfte. „Wie lange ist er schon bewusstlos?“, fragte er, ohne von seiner Arbeit abzulassen. Semir räusperte sich. „Ich weiss nicht genau. Vielleicht eine halbe Stunde. Er war vorher schon mal ohne Bewusstsein, ist aber zwischendurch wieder aufgewacht.“
    „Er hat schon verdammt viel Blut verloren – viel zu viel......“ murmelte Markus, während er den Notverband an Toms Bein entfernte und durch einen neuen ersetzte. Semir stand daneben und fühlte sich einfach nur hilflos.


    „Herr Schubert? Semir? Wie siehts da unten aus?“ hörten sie plötzlich Anna Engelhard rufen. Markus sah nach oben und antwortete. „Holen sie so schnell wie möglich den Aufzug hoch. Tom muss schnellstens in die Klinik. Er hat verdammt viel Blut verloren.“ Anna Engelhard sah zu dem Mechaniker, der inzwischen eingetroffen war und sich gerade den Steuerungskasten ansah. „Wie lange brauchen Sie,“ fragte sie besorgt. Der Mechaniker kratzte sich am Kopf schüttelte ihn gleichzeitig. „Das Ding ist aus dem vorigen Jahrhundert und total hin. Wenn ich das überhaupt wieder in Gang bringe, dann wird das dauern.“
    „Wie lange?“ Anna riss beinahe der Geduldsfaden. „Da unten liegt ein Kollege. Er ist schwer verletzt und muss dringend ins Krankenhaus.“ Zur Bekräftigung ihrer Worte deutete sie mit ausgestrecktem Zeigefinger in den Aufzugschacht.
    Der Mechaniker ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Wie gesagt, junge Frau, wenn überhaupt, dann dauert das mindestens 2 Stunden, eher länger. Ich kann auch nicht hexen.“ Dann drehte er sich wieder um und machte sich an die Arbeit.


    Anna gab die Auskunft an Markus weiter. Der schüttelte resigniert den Kopf. „Das ist viel zu lange. So lange hält er nicht durch.“
    „Könnten wir ihn nicht nach oben ziehen – mit einem Tragegurt?“ fragte Semir hoffnungsvoll, aber Markus schüttelte wieder den Kopf. „Nicht mit den Verletzungen, das würde er nicht überstehen.“

  • Plötzlich rastete Semir aus und schlug mit voller Wucht mit der Faust an die Wand. „Verdammt noch mal, irgendwas müssen wir doch tun. Wir können doch nicht einfach hier sitzen und zusehen, wie Tom langsam verblutet!“ Markus bemerkte, wie emotionsgeladen Semirs Stimme war. Das alles hier zehrte ziemlich an seinen Nerven. „Semri.....“ Markus war aufgestanden und war hinter Semir getreten. „Beruhige dich – es nützt Tom überhaupt nichts, wenn du die Nerven verlierst. Ich werde alles tun, um ihm zu helfen.“ Beschwörend sah Markus Semir in die Augen. Der hatte sich wieder etwas beruhigt und nickte langsam. „Gut – und was machen wir jetzt?“


    Markus kniete wieder neben Tom und besah sich die Pfeilwunde. „Eigentlich müsste das Ding so schnell wie möglich raus. Ich könnte das zur Not hier machen, aber er hat so schon zu viel Blut verloren, das wäre zu riskant. Einen weiteren Blutverlust kann ich nicht riskieren.“ Markus legte die Blutdruckmanschette um Toms linken Oberarm. Nachdem er gemessen hatte, wurde seine Mine ernster. „Er hat kaum noch Blutdruck – wir brauchen Blutkonserven, und zwar schnell. Weißt du, welche Blutgruppe Tom hat?“
    „A negativ“ kam es wie aus der Pistole geschossen von Semir.
    „Sicher?“ Markus blickte fragend zu Semir.
    Semir sah auf Tom und nickte nur. Wenn er daran dachte, dass Tom diesen Scheiß-Pfeil für ihn kassiert hatte, dann hätte er heulen können.
    „He, Lutz. Wir brauchen Blutkonserven. A positiv! – Hast du verstanden? A positiv. Mindestens 5 Beutel!“ Markus stand unter der Luke und hatte den Kopf in den Nacken gelegt. Er sah den Kopf seines Kollegen in der Türöffnung. Lutz nickte. „Geht klar!“
    „Aber beeil dich......!“ rief Markus noch nach oben, ehe er sich wieder Tom widmete. Er fühlte Toms Puls. „Hoffentlich kommt das Blut bald....“ murmelte er vor sich hin und legte eine Hand auf Toms Stirn, um die Temperatur zu prüfen. Das Ergebnis gefiel ihm gar nicht.


    Anna Engelhardt hatte Markus Anordnung mitbekommen. „Dieter – fahren Sie mit dem Sanitäter zur Klinik und holen die Blutkonserven. Mit Blaulicht und Musik......es muss schnell gehen!“ Dieter nickte und rannte mit seinen langen Beinen neben dem Sanitäter her zum Wagen. Mit quietschenden Reifen, Sirene und Blaulicht trieb er den Porsche voran in Richtung Klinik. Der Sanitäter wurde in den Sitz gedrückt und sah etwas ängstlich zu Dieter hinüber. „Fahren alle bei euch so?“ Dieter grinste. „Du bist noch nie mit Tom und Semir gefahren.......musst du bei Gelegenheit unbedingt mal machen. Das vergisst du nie!“ Dann konzentrierte er sich auf die Straße. Der Sani schüttelte etwas verständnislos den Kopf.


    Eine Weile saßen sie schweigend neben Tom. Plötzlich fing Semir an, seinen Jackenärmel aufzukrempeln. Markus sah in verdutzt an. „Was wird das jetzt?“
    „Hier, bis die Blutkonserven da sind, spende ich Tom von meinem Blut!“
    „Dazu brauchst du aber die selbe Blutgruppe!“ meinte Markus bestimmt.
    „Das weiss ich, ich bin ja nicht blöd – ich habe ebenfalls A positiv. Was glaubst du wohl, weshalb ich so genau wusste, was Tom hat?“ Semir sah Markus auffordernd an und hielt ihm seinen entblößten Unterarm entgegen.
    „Bist du dir wirklich ganz sicher, Semir? Wenn du dich irrst, dann wird ihn das umbringen!“
    Wieder nickte Semir. „Nun mach schon!“ Plötzlich kam Leben in Markus. Er kramte alles Nötige aus der Notfalltasche, darunter einen durchsichtigen Plastikschlauch. „Damit müsste es gehen.“