Nothings gonna change my love for you

  • Nothing’s gonna change my love for you


    Chapter 1
    „Semir, bitte! Beeil dich!“ Flehend sah Jan seinen Kollegen an, der nur entnervt die Augen verdrehte.
    „Hör mal, Jan, das hier ist zwar ein BMW, aber Worp10 hat er trotzdem nicht. Also reg dich ab und entspann dich mal. Wir werden schon rechtzeitig das sein.“ Nun war er derjenige, der seinen Partner bittend ansah, worauf Jan nur gequält seufzte und sich angespannt in seinem Sitz zurück lehnte.
    Er hatte schließlich einen guten Grund, um nervös zu sein. Er und Semir hatten von einem anonymen Anrufer den Tipp bekommen, dass Joseph Tscherne, Jans Erzfeind, heute am Flughafen aufkreuzen würde. Eine Chance, die Jan sich natürlich nicht entgehen lassen wollte!
    Keine zehn Minuten später standen die beiden Autobahnpolizisten am Flughafen.
    „Siehst du ihn?“, murmelte Semir und sah sich suchend um.
    „Nein.“ Jan klang beinahe enttäuscht. „Also entweder kommt er noch oder unser anonymer Anrufer hat uns gehörig ver…AU!“
    Semir hatte seinen jüngeren Kollegen den Satz nicht beenden lassen, sondern hatte ihn nicht gerade sanft hinter eine künstliche Palme gezerrt.
    „Was soll das?“ Wütend machte Jan sich los. Semir deutete stumm hinter ihn und er drehte sich um, um im nächsten Moment zu erstarren. Da war er!
    Das blonde Haar war vom Wind zerwühlt und fiel ihm fast lässig in die Stirn, die schwarzen Klamotten waren gegen Jeans, T-Shirt und Lederjacke eingetauscht wurden. Trotzdem erkannte Jan seinen Erzfeind sofort.
    Automatisch wanderte seine Hand zu seiner Dienstwaffe, doch Semir hielt ihn zurück.
    „Warte. Lass uns erstmal sehen, was er überhaupt vorhat.“, flüsterte er und widerstrebend zog Jan seine Hand zurück.
    „Daddy! Daddy!“, ertönte im nächsten Moment eine Kinderstimme und Tscherne drehte sich um. Gleich darauf fiel ihm ein kleines Mädchen von höchstens 4 Jahren um den Hals. Ein fast zärtliches Lächeln legte sich auf Tschernes Gesichtszüge, als er das Mädchen hochhob.
    „Hey, Prinzessin. Wo hast du Mami gelassen?“
    „Wo die Prinzessin ist, ist die Königin nicht weit.“, erklang eine amüsierte Frauenstimme und Tscherne sah auf.
    Eine hübsche junge Frau war mit einem Lächeln an ihn ran getreten. Das braune Haar hatte sie zu einem Zopf gebunden, nur ein paar Strähnchen fielen ihr keck ins Gesicht und verbargen fast ihre freudig glitzernden, waldmeistergrüne Augen.
    Tscherne setzte das Mädchen ab und musterte die junge Frau lächelnd.
    „Nicht zu glauben. Innerhalb drei Wochen bist du noch schöner geworden.“, sagte er sanft und sie lachte auf.
    „Und du weißt immer noch, wie du eine Frau rumkriegst.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn, erst kurz, doch als er sie näher an sich zog, lange und leidenschaftlich, bevor sie den Kopf an seine Brust lehnte.
    „Du hast mir gefehlt.“, sagte sie so leise, dass Jan und Semir sie fast nicht verstanden.
    „Und du mir erst.“ Sanft strich Tscherne ihr über den Rücken und blickte über ihren Kopf hinweg – direkt in Jans Augen.
    Für einen Moment starrte er ihn an, fassungslos, fragend. Und Jan hatte selber keine Ahnung, was er tun sollte. Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit so was!
    Endlich riss Tscherne seinen Blick los.
    „Komm, lass uns gehen.“, wandte er sich an seine Freundin. Diese nickte und griff nach der Hand des kleinen Mädchens.
    „Na los, Kleines, wir wollen nach Hause.“
    Als sie an Jan und Semir vorbei gingen bohrte sich Tschernes Blick erneut in Jans und besitzergreifend legte er den Arm um seine Freundin, wie um zu sagen: Sie nimmst du mir nicht weg!
    Die Tür schloss sich hinter ihnen und es dauerte eine Weile, bis Jan sich aus seiner Erstarrung löste.
    „Das…das glaub ich ja wohl nicht…“, murmelte Semir. Auch er hatte sich während der ganzen Geschichte nicht rühren können, zu groß war die Überraschung, Tscherne so zu sehen, als liebenden Freund und Vater…
    „Komm, lass uns von hier verschwinden.“, sagte Jan leise und ohne ein weiteres Wort gingen die beiden Autobahnpolizisten zu ihrem Auto.

  • Chapter 2
    Im Auto warf Tscherne immer wieder einen nervösen Blick in den Rückspiegel.
    „Alles okay, Schatz?“ Fragend sah seine Freundin ihn von der Seite an. Er lächelte ihr beruhigend zu.
    „Sicher.“ Sanft legte er seine Hand auf ihr Knie.
    „Wie könnte jetzt nicht alles okay sein?“, fragte er. Ihr Lächeln wirkte fast erleichtert, als sie den Blick von ihm ab zum Fenster wandte.
    Tscherne stattdessen musste sich schwer zusammen nehmen, um seine Hand nicht weiter hoch wandern zu lassen, also zog er sie schnell zurück und sah erneut in den Rückspiegel. Von Richter und Gerkhan war nichts zu sehen.
    Beruhigt lenkte er den Jaguar vom Flughafen Parkplatz und hörte den begeisterten Erzählungen seiner Freundin zu.
    „Und was hast du in den drei Wochen so gemacht?“, endete sie und sah ihn neugierig an.
    Einen Geschäftsmann bedroht, sein Auto gesprengt, seine Frau verführt und ihn anschließend erschossen, schoss es Tscherne durch den Kopf. Doch stattdessen antwortete er lächelnd: „Dich vermisst.“
    „Wow, doch so viel.“
    „Spar dir deinen Sarkasmus, Liebes, das ist mein Ernst! Weißt du eigentlich, wie grausam es ist, nicht neben dir aufwachen zu können?“ Tscherne hielt an einer roten Ampel.
    Erst als seine Freundin ihm sanft die Hand auf den Oberschenkel legte wandte er ihr wieder den Blick zu.
    „Ich weiß das. Mir ging es doch auch nicht anders.“ Sie beugte sich zu ihm rüber, um ihn zu küssen. Erst als hinter ihnen jemand hupte löste sich das Paar voneinander.
    „Ignorant.“, murmelte Tscherne. Lächelnd strich er seiner Freundin eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
    „Wenn du wüsstest, wie sehr du mir gefehlt hast, Jenny…“
    Lachend hielt sie seine Hand fest und drückte einen Kuss darauf. „Und du mir erst. Ich hab gedacht, ich dreh noch durch ohne dich. Aber dann waren da noch die hübschen Franzosen, die mich abgele…aua!“
    Für diese Bemerkung hatte Tscherne ihr in den Arm gekniffen und grinsend wandte Jenny sich wieder dem Fenster zu.
    Währenddessen bog Tscherne in die Straße ein, wo die drei wohnten. „Nachher kommen übrigens noch ein paar Leute vorbei.“, verkündete Jenny, als sie aus dem Wagen stieg und darauf wartete, dass Tscherne den Kofferraum öffnete.
    „Wie viele sind ein paar?“, fragte Tscherne zurück, bereits Böses ahnend.
    „So…zehn, fünfzehn, zwanzig…“
    „Oh Jenny!“
    „Was denn?“ Unschuldig sah sie ihn an und befreite ihre Tochter von dem Sicherheitsgurt.
    „Feiern wir eine Party?“, fragte diese mit großen, glitzernden Augen.
    „Ja, aber du, mein Engel, wirst zu der Zeit friedlich bei Oma und Opa schlafen.“ Sanft stupste Jenny die Nase der Kleinen an.
    Lächelnd beobachtete Tscherne diese Szene. Er erinnerte sich noch ganz genau, wie er Jenny zum ersten Mal gesehen hatte. Sie war die Freundin von Matthias Friedwinkler gewesen und zwischen den beiden hatte es nie ganz geklappt. Dagegen hatte zwischen ihr und Tscherne gleich eine ungehörige Spannung geherrscht.
    Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie im Bett gelandet sind. Und kaum zwei Monate später hatte Jenny vor seiner Tür gestanden, mit Tränen in den Augen und hatte ihm verkündet, dass sie schwanger war.
    Zuerst hatte sie ihn angeschrieen, ihm die schlimmsten Namen an den Kopf geworfen, dann war sie weinend zusammen gebrochen. In dem Moment, als Tscherne sie fest in die Arme geschlossen hatte, war sie auf einmal nicht mehr diese energiegeladenen, junge Frau. In diesem Moment zeigte sie eine Seite, die er viel zu selten an ihr sah.
    Es kam, wie es kommen musste. Jenny wurde erneut neben ihm wach und als die beiden sich an diesen Morgen in die Augen sahen, war es Tscherne klar: Diese Frau wollte er nicht mehr gehen lassen!
    „Joseph?“ Jennys Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
    „Mh?“
    „Ob es okay ist, wenn Vany ihren neuen Freund nachher mitbringt.“ Fragend sah sie ihn an und er zuckte mit den Schultern.
    „Sicher doch.“ Ohne ein weiteres Wort griff er nach ihrem Arm und zog sie fest an sich.
    „Hey, was ist denn jetzt los?“ Lachend wollte sie sich aus seinem Griff befreien, aber er hielt sie eisern fest.
    „Ich bin so froh, dich wieder zu haben.“, murmelte er in ihr Haar und lächelnd schmiegte Jenny sich an ihn.
    Erst als ihre Tochter ungeduldig an ihrer Hose zupfte lösten die beiden sich voneinander.
    „Ich will aber mitfeiern!“, quengelte das Mädchen und mit einem Seufzer hob Tscherne sie auf den Arm.
    „Du feierst nachher mit Oma und Opa, okay? Ihr macht eine eigene Privatparty.“
    „Darf ich auch Bier trinken?“
    Jenny begann zu lachen und Tscherne schüttelte resignierend den Kopf.
    „Das hat sie nicht von mir.“, murmelte er und setzte die Kleine wieder auf den Boden. Noch immer grinsend griff Jenny nach der Hand des Mädchens und ging auf die Haustür zu.
    „Worauf wartest du noch?“, rief sie, als Tscherne keine Anstalten machte, sich zu rühren.
    „Du und Leonie, ihr seid echt das beste, was mir jemals passiert ist.“, murmelte er mehr zu sich als zu Jenny, aber sie hörte es trotzdem und ein Lächeln zauberte sich auf ihr Gesicht.
    Ohne ein weiteres Wort schloss sie die Tür auf und trat in die Wohnung. Tscherne folgte ihr und schloss die Tür hinter sich.
    Leonie rannte sofort in ihr Zimmer, Jenny dagegen stellte die Tasche lediglich auf den Boden und sah Tscherne dann forschend an.
    „Na, wie sieht’s aus? Werde ich jetzt vielleicht mal richtig begrüßt?“ Im nächsten Moment befand sie sich schon auf dem Sofa und wurde stürmisch geküsst. Hungrig erwiderte sie den Kuss und schob bereits beide Hände unter sein T-Shirt, als ein Kichern ertönte.
    Mit einem Seufzer zog Jenny ihre Hände zurück und schob Tscherne von sich runter.
    „Leo, du kannst einem die ganze Wiedersehensfreude verderben.“, verkündete sie, als sie das Gesicht ihrer kleinen Tochter erblickte, die fröhlich vor sich hin kicherte.
    Auch Tscherne lachte nun, hauchte Jenny ein „Verschieben wir das auf später…“ ins Ohr und stand auf.
    „Wann kommen denn deine ‚paar Leute’?“, fragte er.
    „So gegen acht hab ich gesagt. Aber du kennst die ja, Andy und Benni werden spätestens um sieben hier sein, damit sie auch ja genug Bier haben.“
    Tscherne verdrehte die Augen.
    „Irgendwann versteck ich die Vorräte mal vor denen.“
    „Sei nicht so hart zu ihnen, Schatz. Die wollen auch nur Bier trinken und Spaß haben.“ Sanft hauchte Jenny ihm einen Kuss auf die Lippen und verschwand dann im Badezimmer.
    Kopfschüttelnd sah Tscherne ihr nach, hob dann seine Tochter hoch und flüsterte ihr ins Ohr: „Wie sieht’s aus, Prinzessin, bereit für deine Privatparty?“
    Ein fröhliches Giggeln war die Antwort, welches Tscherne als Zustimmung einordnete und somit brachte er die Kleine rasch rüber zu Jennys Eltern.
    „Pass bitte auf, dass Jenny nicht so viel trinkt wie letztes Mal.“, bat ihre Mutter ihn und bei der Erinnerung musste Tscherne unwillkürlich grinsen.
    „Keine Angst, ich halt Andy von ihr fern.“, versprach er, fuhr Leonie noch einmal durch das blonde Haar und ging dann wieder.
    Wieder in der Wohnung angekommen warf er einen Blick auf die Uhr. Es war bereits halb sieben und Jenny stand anscheinend immer noch unter der Dusche. Frauen!
    „Wofür brauchen die bitte immer so lange?“, murmelte Tscherne.
    „Wer wozu?“, ertönte hinter ihm Jennys Stimme und mit hochgezogener Augenbraue drehte er sich zu ihr um.
    „Kann es sein, dass die Dusche noch an ist?“
    „Wa…oh scheiße!“ Mit diesen Worten stürmte Jenny zurück ins Badezimmer.
    Kopfschüttelnd sah Tscherne ihr nach.
    ‚Mein Sturmwind…’, dachte er zärtlich und verschwand dann in der Küche.

  • Chapter 3



    Ungeduldig tippte Jan mit dem Fuß auf.



    „Schatz, du siehst bezaubernd aus! Du brauchst dich nicht
    noch mehr rauszuputzen.“, sagte er schließlich verzweifelt und seine Freundin
    sah auf.



    „Du wirst uns Frauen nie ganz verstehen!“, gab sie zurück
    und wandte sich dann wieder ihrem Spiegelbild zu. Jan seufzte.



    Seit knapp zweieinhalb Wochen waren er und Vanessa jetzt
    zusammen und er konnte getrost sagen, dass sie ihm sehr viel bedeutete. Dafür,
    dass die beiden sich vorher schon gekannt hatten, hatte es erstaunlich lange
    gedauert, bis bei ihm endlich der Funke übersprang.



    Dass Vanessa schon lange in ihn verliebt war, wusste so gut
    wie jeder, nur er hatte es irgendwie nicht mitbekommen. Sie hatten sich auf der
    Polizeischule kennen gelernt und sich dort angefreundet. Aber dass das zu einer
    Beziehung werden konnte…



    Kopfschüttelnd musterte Jan Vanessa, die gerade konzentriert
    den Kajal noch einmal nachzog und dann endlich aufstand.



    „Ich bin fertig!“, verkündete sie.



    „Wird ja auch Zeit.“, meckerte Jan, lächelte dann aber und
    zog sie an sich.



    „Du siehst umwerfend aus, Schatz. Absolut umwerfend.“,
    hauchte er in ihr Ohr.



    „Danke, ich weiß.“, antwortete Vanessa lachend und gab ihm
    einen kurzen Kuss. Dann sah sie auf die Uhr und zuckte erschrocken zusammen.



    „Oh Gott, schon so spät! Jen reißt mir den Kopf ab!“



    „Na, umsonst hab ich bestimmt nicht so eine Hektik gemacht.“



    „Du…“ Drohend hob Vanessa ihren Lipgloss (A/N: Die Waffen einer Frau ;) Weicht
    zurück,
    ich habe einen Lipgloss und
    ich werde nicht zögern, ihn zu benutzen!)
    und lachend griff Jan nach ihrer
    Hand.



    „Jetzt komm endlich. Ich kann es kaum erwarten, deine
    Freundin endlich kennen zu lernen.“ Damit zog er sie hinter sich her.



    Die Fahrt dauerte nicht lange. Als die beiden bei dem
    Wohnblock ankamen hörten sie schon von draußen lautes Lachen und Musik. Vanessa
    grinste.



    „Ich seh es schon vor mir, Jen liegt bestimmt schon
    sternhagelvoll in der Ecke und Andy tut so, als könnte er nichts dafür.“, sagte
    sie und Jan lachte.



    Dann gingen die beiden die Treppen hoch und klingelten. Nur
    Sekunden später hörten sie Gepolter und dann hörte Vanessa Jenny fluchen:
    „Benni, du Vollidiot, stell doch nicht immer deinen Bierkasten in den Weg!“



    Dann öffnete sich die Tür und Jenny stieß einen schrillen
    Schrei aus. Sekunden später lagen die beiden Freundinnen sich in den Armen und
    wussten vor lauter Wiedersehensfreude nicht, was sie zuerst sagen sollten.



    „Ich…oh Gott, Jen, du siehst fantastisch aus!“, stieß
    Vanessa hervor und trat endlich einen Schritt zurück.



    Jan erstarrte. Die junge Frau, die mit einem strahlenden
    Lächeln in der Tür stand und unermüdlich auf Vanessa einplapperte…er erkannte
    sie sofort. Und als dann auch noch eine ihm wohlbekannte Stimme hinter Jenny
    ertönte war für ihn die Sache klar.



    „Schatz, Benni lässt dir ausrichten, dass du gleich den
    Bierkasten mitbringen kannst.“



    „Das kann Herr Schulze schön selber machen, ich bin nicht
    seine Bedienung.“



    „Nein, aber seine Gastgeberin.“



    „Der wohnt doch eh schon halb hier, seit ihr beide
    befreundet seid.“



    „Eifersüchtig?“ Grinsend trat Tscherne an seine Freundin ran
    und umarmte sie sanft.



    „Nein. Nur wachsam.“ Sie zwinkerte ihm keck zu und wandte
    sich dann wieder Vanessa zu.



    „Also. Das ist dann wohl dein Traumprinz.“, sagte sie und
    Tscherne sah auf.



    Für einen Moment blieb ihm die Luft weg. Und auch Jan ging
    es nicht anders.



    Die beiden Frauen merkten da nichts von, sie waren zu sehr
    damit beschäftigt, die vergangenen drei Wochen Entzug aufzuholen.



    „Also, Jan, das ist Jens Freund…“



    „Wir kennen uns.“, brachte Jan zwischen zusammen gebissenen
    Zähnen hervor und Tscherne nickte nur, den Blick hasserfüllt immer noch auf Jan
    gerichtet.



    Endlich schienen auch die beiden Frauen zu merken, dass hier
    etwas nicht stimmte. Erstaunt sah Jenny zwischen den beiden Männern hin und
    her, die sich mit ihren Blicken nun beinahe aufspießten.



    „Ähm…ja. Also…“ Irritiert sah Jenny Tscherne an, unsicher,
    ob sie ihn besser mitziehen sollte oder ob man die beiden Männer allein lassen
    sollte.



    Vanessa nahm ihr die Entscheidung ab, indem sie Jans Hand
    nahm und ihn mitzog. So blieben Jenny und Tscherne kurz allein im Flur stehen.



    „Alles okay?“, fragte Jenny leise, als sich der Blick ihres
    Freundes immer noch nicht änderte.



    Dieser atmete kurz tief durch, schloss für einen Moment die
    Augen und sah sie dann an.



    „Ja. Geht schon.“, sagte er und lächelte ihr beruhigend zu.
    Als das jedoch nichts nützte und Jenny ihn immer noch besorgt musterte, legte er
    die Hände auf ihre Hüften, drückte sie sanft an die Wand und küsste sie
    leidenschaftlich.



    „Wie könnte nicht alles okay sein, wenn du wieder bei mir
    bist?“, flüsterte er ihr zu und Jenny lächelte erleichtert. Trotzdem war sie
    noch immer unsicher. Diesen Blick…den hatte sie vorher bei ihm noch nie
    gesehen.



    „Woher kennst du Jan?“, fragte sie zaghaft und sofort
    verdüsterte sich Tschernes Miene wieder.



    „Vergiss es, geht mich nichts an.“, beeilte Jenny sich zu
    sagen und hauchte ihm einen entschuldigenden Kuss auf die Lippen. Dann machte
    sie sich von ihm los und verschwand rasch im Wohnzimmer. Tscherne blieb allein
    zurück, mit dem seltsamen Gefühl, dass er hier nicht mehr sicher war.



    „Hallo Hase!“, wurde Jenny begrüßt, kaum betrat sie das
    Wohnzimmer. Unwirsch schob sie den schon leicht angetrunkenen Benni von sich
    weg und drehte sich um. Tscherne kam ihr nicht nach. Verwirrt blieb sie einen
    Moment stehen. Hatten ihre Worte ihn eben wirklich so getroffen?



    Doch im nächsten Moment hellte sich ihr Gesicht wieder auf,
    als Tscherne ins Wohnzimmer trat und zielstrebig auf Andy zusteuerte, der schon
    breit grinsend eine Flasche Jägermeister hoch hielt. Mit einem Lächeln
    beobachtete Jenny, wie die beiden Männer sich freundschaftlich ärgerten und
    sich schließlich mit der Flasche in die Küche verzogen, wobei sie noch zwei
    weitere Freunde mitzogen.



    Kopfschüttelnd, aber immer noch lächelnd wandte Jenny sich
    wieder den anderen Gästen zu.





    Zur selben Zeit saßen Vanessa und Jan auf dem Sofa. Immer
    noch fassungslos wandte Jan den Blick nicht von Tscherne, der gerade in der
    Küche verschwand, im Schlepptau drei nicht mehr ganz nüchterne Kerle.



    „Jan?“



    Vanessas Stimme holte ihn in die Wirklichkeit zurück und
    fragend sah er sie an.



    „Ob alles okay ist.“ Der besorgte Blick seiner Freundin ließ
    den Polizisten lächeln und sanft strich er durch das blonde Haar.



    „Natürlich. Alles bestens. Ich hol mir kurz was zu trinken.“
    Mit diesen Worten stand er auf und ging auf den Balkon, wo das Bier kalt
    gestellt war. Eine Weile blieb er dort stehen, ließ sich den Wind um die Nase
    wehen und hielt das kalte Bier fest in der Hand. Erst als hinter ihm die Tür
    aufging drehte er sich um.



    Es war Tscherne, der nach der nächsten Flasche Jägermeister
    gegriffen hatte und dann stehen geblieben war, als er Jan entdeckte. Eine Weile
    sahen die beiden Erzfeinde sich nur stumm an.



    Jan brach als erster das Schweigen.



    „Nette Wohnung.“, sagte er schlicht.



    Tscherne antwortete nicht, hob nur eine Augenbraue und
    musterte den Autobahnpolizisten mit einer Mischung aus Spott und Misstrauen.



    „Deine oder ihre?“, fragte Jan weiter und nickte Richtung
    Jenny, die sich inzwischen zu Vanessa gesetzt hatte und eifrig mit ihr
    quatschte.



    „Ihre.“, antwortete Tscherne tonlos und wollte sich gerade
    umdrehen um zu gehen, doch Jans nächster Kommentar ließ ihn inne halten.



    „Wie viel musstest du ihr denn zahlen, damit sie sich mit
    dir einlässt?“



    Abrupt drehte Tscherne sich um und griff aus Gewohnheit an
    den Gürtel, wo normalerweise seine Waffe hing. Doch heute nicht. Und so sah er
    unbewaffnet in den Lauf von Jans Dienstwaffe, die der Bulle gleichzeitig mit
    seinem Kommentar gezogen hatte.



    „Wag es nie wieder, ich wiederhole: NIE WIEDER! So über mein
    Mädchen zu sprechen!“, knurrte Tscherne voller Hass und wandte den Blick nicht
    von der Pistole.



    „Und wenn ich es doch tu?“ Jan hob nur die Augenbraue



    „Ich warne dich, Richter…du hast mir schon mal ein Mädchen
    weggenommen. Noch einmal lass ich das nicht zu.“



    „Ich habe nicht vor, sie dir wegzunehmen. Irgendwann wird
    sie schon selber merken, dass du mit ihr spielst.“



    „Ich spiele nicht mit ihr!“



    „Natürlich nicht…“



    Das reichte Tscherne. Mit einer fließenden Bewegung schlug
    er Jan die Waffe aus der Hand, packte ihn am Kragen und drückte ihn an die
    Wand.



    „Sag mal, Richter, ist dir vielleicht auch nur einmal, ein
    einziges Mal in den Sinn gekommen, dass ich diese Frau lieben könnte?“, zischte
    er. Eine Weile war Jan sprachlos von der überraschenden Attacke und von
    Tschernes Worten.



    Doch er fing sich rasch wieder und machte sich ruckartig
    los.



    „Liebe? Du weißt doch gar nicht, was das ist.“, sagte er
    kalt, griff nach seinem Bier und drängte sich an Tscherne vorbei nach drinnen.



    Dieser blieb jedoch wie angewurzelt stehen und starrte Jan
    nach. Er konnte einfach nicht glauben, was Richter da eben von sich gegeben
    hatte.



    Langsam ließ er sich auf den Stuhl sinken und öffnete die
    Jägermeisterflasche. Andy würde ihn zwar dafür umbringen, aber das war ihm
    gerade so ziemlich egal.





    Jenny hatte schon von drinnen die Auseinandersetzung
    zwischen Jan und Tscherne beobachtet und als Jan schließlich wieder die Wohnung
    betrat beschloss sie, nach ihrem Freund zu sehen.



    Kaum trat sie auf den Balkon schlug ihr ein eiskalter Wind
    entgegen und fröstelnd schlang sie die Arme um den Körper.



    „Hey, starker Mann, ich friere, wärme mich.“, bat sie
    lächelnd, als sie auf Tscherne zutrat. Dieser hob den Blick, lächelte schwach
    und zog sie auf seinen Schoß.



    „Trink, das wärmt mehr durch als ne Heizdecke.“, sagte er
    und hielt ihr die Flasche unter die Nase. Angeekelt zog Jenny die Nase kraus.



    „Igitt, ich hasse dieses Zeug.“ Sie schüttelte sich, als
    Tscherne noch einen tiefen Schluck des Hörnerwhiskeys nahm und sie dann eng an
    sich zog.



    „Hör mal, Jenny…“, begann er und Jenny ahnte, was jetzt kam:
    Er hatte was getrunken, er hatte sie drei Wochen nicht gesehen…das würde ein
    sehr schnulziger Augenblick werden.



    Doch sie irrte sich.



    „Ich…ich glaub, ich bin nich gut genug für dich…“, brachte
    Tscherne hervor und sah seine Freundin mit glasigem Blick an.



    „Was? Was redest du da für einen Schwachsinn?“



    „Naja…schau ma, Mäuschen, was isn das mit uns? Du weißt, was
    passiern kann, wenn wir in ne Bullenkontrolle geraten…jederzeit kann irgendn
    Kerl vor der Tür stehn, der noch ne Rechnung mit mir zu begleichen hat…ich…ich
    will dich und Leo nich in Gefahr bringen…verstehst du das?“ Fragend sah er sie
    an.



    Fassungslos sah Jenny ihn an. Dann regte sich etwas in ihr
    so heftig, dass ihr beinahe die Tränen in die Augen traten. Sie rutschte von
    Tschernes Schoß und kniete sich vor ihn auf den Boden.



    „Und weißt du eigentlich, wie phänomenal egal mir das ist?
    Von mir aus kann eine ganze Polizeirazzia oder die Mafia hier auftauchen. Ich
    werde immer an deiner Seite stehen und dich nicht mehr gehen lassen. Und weißt
    du auch, warum?“



    Langsam und ohne den Blick von ihr zu wenden schüttelte Tscherne
    den Kopf.



    Jenny streckte sich und küsste ihn sanft.



    „Weil ich dich liebe, du Idiot.“, flüsterte sie.