Countdown bis zum Tod!

  • Ich werds dann auch mal versuchen, mal sehen, obs euch gefällt!


    "Mann bin ich froh, dass wir den Schreibkram endlich hinter uns haben." Semir schob den Bericht ihres letzten erledigten Falls in die Mappe und reckte sich. "Das hat fast mehr Arbeit gemacht, als diesen Gonzales endlich hinter Schloß und Riegel zu bekommen." Tom lehnte sich in seinem Stuhl zurück und rieb sich die Augen. "Das kannst du laut sagen - ich für meinen Teil mach jetzt Feierabend." Er stand auf und schnappte sich seine Jacke. "Ach ja - kann sein dass es morgen etwas später wird. Ich hab heut Abend Klassentreffen und fahr erst morgen zurück." Semir lehnte sich grinsend zurück "Klassentreffen? - Nennt man das jetzt so?" Tom musste auch lachen. "Ne, ist wirklich ein Klassentreffen, oder besser gesagt, eine Vorbesprechung daf?r - hab mich mal wieder breitschlagen lassen. Also bis morgen. Grüß mir Andrea!" "Mach ich - und viel Spass bei deinem ?Klassentreffen?- tschau!" Semir stand auf und verließ ebenfalls die PAST. Er freute sich auf einen schönen Abend mit Andrea, was selten genug vorkam.


    Am nächsten Morgen fuhr Tom auf einer wenig befahrenen Landstraße auf dem Weg zum Dienst. Die "Vorbesprechung"war etwas ausgeartet und er hatte einen leichten Brummsch?del. Pl?tzlich sah er einen roten Kleinwagen am Straßenrand stehen und daneben eine etwas hilflos wirkende junge Frau. Ganz Kavalier, der er war, stieg er in die Eisen. "Kann ich helfen?" Das M?dchen hatte lange braune Haare und eine Superfigur. "Das wär wirklich nett, er will einfach nicht mehr und ich versteh nichts von Autos." Tom war schon ausgestiegen. "Na mal sehen, das bekommen wir schon wieder hin. öffnen sie doch mal die Motorhaube." Das Mädchen zog die Entriegelung und Tom beugte sich über den Motor, nicht ohne vorher einen Blick in die dunklen Augen der Sch?nheit geworfen zu haben. Er bemerkte nicht, wie jemand von hinten an ihn herantrat und ihn mit einem schweren Gegenstand niederschlug. Lautlos sackte er zusammen. Genauso wenig bemerkte er, wie ihm dieser Jemand den linken ?rmel hochschob und ihm etwas mit einer Spritze injizierte.


    "Semri?" Anna Engelhardt kam ins B?ro. "Kommen Sie bitte mit Kranich in mein B?ro." Suchend blickte sie sich um. "Wo steckt er denn ü?berhaupt?" Die Ungeduld in ihrer Stimme war nicht zu überhören. "Der kommt heute etwas spä?ter, hatte gestern abend Klassentreffen." schmunzelte Semir. Anna Engelhardt verzog die Mundwinkel. "Aha, er kommt etwas sp?ter, also alles wie immer. Na ja, wenn er da ist, dann kommen Sie bitte beide in mein B?ro."


    Tom spürte ein leichtes Brummen in seinem Kopf. Er wusste nicht wo er war und was passiert war. Erst allmählich, registrierte er, dass er auf dem Asphalt der Landstraße lag. Er griff sich stöhnend an den Kopf. Na, das würde eine tolle Beule werden. Er rappelte sich hoch und wusste pl?tzlich wieder, was passiert war. Das Luder hatte ihn ausgetrickst. Mit einem Blick stelte er fest, dass sein Dienstwagen mit geöffneter Tür am Straßenrand stand. Gott sei Dank, sonst hä?tte es mä?chtig Ärger gegeben. Ein Bulle, dem man den Wagen klaute....! Siedendheiss fiel ihm die Dienstwaffe ein, aber auch die war noch da. Genauso wie seine Brieftasche und das Handy. Da hatte er wohl nochmal Glück gehabt. Wahrscheinlich waren die Täter gestört worden und hatten das Weite gesucht. Noch etwas benommen setzte er sich hinters Steuer und fuhr zur PAST.


    Semir schaute auf, als Tom zur Tür herein kam. "Wie siehst du denn aus?" Die Schadenfreude in seiner Stimme war nicht zu überhören. "Das war wohl eine etwas turbulente `Vorbesprechung`. Tom hängte die Jacke an den Stuhl und betastete seinen Hinterkopf. "Sei bloss still. Mir hat heute morgen irgendjemand eine ü?bergezogen." Er erz?hlte Semir die Geschichte ausführlich. "Sag mal, wie lange bist du eigentlich schon bei der Polizei? Der Trick hat ja schon einen ellenlangen Bart. Und darauf fällst du rein?" Grinsend besah er sich Toms Beule. "Aber wenn sich unten was regt, setzt oben der Verstand aus, oder? - Da hast du dir ja ein sch?nes Ei verpassen lassen." "Sehr witzig, Partner, etwas mehr Mitgefühl hätte ich von dir schon erwartet." Semir ging zur Tür. "Wir haben keine Zeit um dich geb?hrend zu bemitleiden, die Chefin ruft...komm." Tom trottete hinter Semir zum B?ro der Chefin. Aus den Augenwinkeln heraus sah er, dass Hotte und Bonrath sich ein Grinsen fast nicht verkneifen konnte. Sch?ne Kollegen hatte er.


    Teil 2


    "Aha, da sind sie ja." Anna Engelhardt blickte Tom etwas erstaunt an. "Wie war das Klassentreffen?" Tom winkte ab. "Reden wir nicht mehr davon. Was gibts?" Anna war aufgestanden und kam um den Schreibtisch herum. "Ich wollte ihnen beiden zum erfolgreichen Abschluß des Falles Gonzales gratulieren. Endlich ist es gelungen Enrico Gonzales dingfest zu machen. Diesmal kann ihm auch sein Vater nicht mehr aus der Schlinge helfen. Das war gute Arbeit, meine Herren." Semir grinste etwas verlegen und auch Tom wusste nicht so recht, was er zu dem Lob der Chefin sagen sollte. "Ist doch nur unser Job, Chefin."


    Ehe sie etwas darauf erwidern konnte, läutete das Telefon. Sie nahm ab und als sich ihr Gegen?ber meldete, zog sie erstaunt die Augenbraue hoch. Sie drückte auf die Lautsprechertaste des Telefons, damit Tom und Semir mithüren konnten. "Herr Gonzales? Was verschafft mir die Ehre?" Tom und Semir sahen sich an. "Freut mich, Frau Engelhardt, dass es für sie eine Ehre ist, mit mir zu sprechen. Aber reden wir nicht um den hei?en Brei herum: Ich will, dass sie meinen Sohn Enrico freilassen." Im ersten Moment brachte Anna vor erstaunen kein Wort heraus. Auch Tom und Semir waren baff. Das war ja eine ganz neue Methode, jemanden aus dem Gefängnis zu holen. Glaubte Gonzales allen Ernstes, dass er damit Erfolg hatte? Oder war er so senil geworden, dass er nicht mehr wusste, was er tat? Semir tippte sich an die Stirn. Der hatte sie doch nicht mehr alle. Dann erwiderte die Chefin lächelnd: "Herr Gonzales, freut mich, dass sie noch zum Scherzen aufgelegt sind." "Das ist kein Scherz, Frau Engelhardt," kam es aus dem Lautsprecher. "Ich meine es ernst." "Und was sollte uns dazu veranlassen, Ihren Sohn freizulassen? Er hat mehrere Menschenleben auf dem Gewissen, dafür wird er zur Rechenschaft gezogen. Da können auch sie ihm nicht mehr helfen." "Oh doch, das kann ich. Ich habe etwas, wofür sie meinen Sohn liebend gerne eintauschen werden." Anna Engelhard wurde es langsam zu albern. "Herr Gonzales, wenn ihnen nichts besseres einfällt, sollten wir das Gespräch beenden. Ich habe zu tun." Sie wollte schon auflegen, als Gonzales?Stimme geführlich leise aus dem Lautsprecher drang. "Ich habe Ihren Beamten, Herrn Kranich!" Nun konnte die Chefin nicht anders, als laut zu lachen. "Wenn das so ist, dann muss ich sie enttäuschen. Herr Kranich sitzt gerade vor mir.Leibhaftig, in Lebensgröße und bei bester Gesundheit." Tom sah Semir an. "Ich glaube, der nimmt seine eigenen Drogen und ist grad auf einem Trip. Der ist doch total daneben."


    Wieder ertönte Gonzales Stimme aus dem Apparat: "Oh entschuldigen Sie, ich habe mich falsch ausgedrückt: ich habe das Leben Ihres Kollegen in den Händen. Es besteht aus einer gelblichen Flüssigkeit und befindet sich in einer kleinen Ampulle." "Was reden sie da für einen Unsinn Gonzales?"


    Teil 3:


    Weder Anna, noch Tom oder Semir konnten sich einen Reim auf das Gefasel machen, bis Gonzales fortfuhr. "Sehen sie sich doch einmal die linke Armbeuge von Herrn Kranich an. Sie werden eine Einstichstelle finden." Tom krempelte sofort seinen linken Ärmel hoch. Tatsächlich - da war eine winzige Einstichstelle zu sehen. Wieder schnarrte es auf dem Lautsprecher: "Ich habe mir erlaubt, Ihren Kollegen - sagen wir mal - zu präparieren! Ich habe ihm ein Gift injiziert, das innerhalb von 48 Stunden zum Tode führt!" Gonzales machte eine Pause. Im Büro war es einen Moment gespenstisch still. Semir starrte Tom an. Dieser saß wie erstarrt auf seinem Stuhl. "Aber da ich weiss, wie viel ihnen an ihrem Kollegen gelegen ist, bin ich sicher, dass sie alles tun werden, um ihn zu retten. Es ist ganz einfach: sie lassen meinen Sohn Enrico frei und bekommen im Gegenzug das Gegengift. Wenn sie ihm das Serum rechtzeitig verabreichen, wird er zwar ein paar unangenehme Stunden verbringen, aber ansonsten keinen nennenswerten Schaden nehmen. Das ist doch nur fair, Frau Engelhardt, oder?" Anna Engelhardt hatte die ganze Zeit unbewegt zugehört, aber das Entsetzen, das sie empfand, stand deutlich in ihren Augen. "Sie glauben doch wohl selbst nicht, dass wir darauf eingehen werden, Gonzales." Gonzales Stimme troff vor Hohn: "Wie sie wollen, aber ich bin mir sicher, dass sie ihre Meinung noch ?ndern werden. Sp?testens wenn es ihr Kollege vor Schmerzen nicht mehr aush?lt, werden sie mich anflehen, ihnen das Serum zu überlassen. Ansonsten wird Herr Kranich sterben - und der Weg dahin ist qualvoll, glauben Sie mir. Ach ja, noch etwas. Sollten sie versuchen, das Gegengift herstellen zu lassen - sparen sie sich die Mü?he, dafü?r fehlt ihnen die Zeit. Ich melde mich wieder bei Ihnen, ü?berlegen Sie es sich."


    Paolo Gonzales hatte aufgelegt. Wie in Zeitlupe legte Anna Engelhardt den Hörer auf. Semir war der erste, der sich wieder einigermaßen gefangen hatte. "Chefin, der Kerl blufft doch nur, der will uns nur mürbe machen." Tom, der wie paralysiert dagesessen hatte, räusperte sich. "Nein Semir, der blufft nicht. Jetzt ist mir alles klar. Der Überfall heute morgen.....jetzt weiss ich, warum mir nichts gestohlen wurde.....die haben mich niedergeschlagen, um mir die Injektion zu verabreichen. Das allein war der Grund...!" Anna Engelhardt kam um den Schreibtisch herum. "Als erstes brauchen wir Gewissheit. Semir - Sie fahren mit Tom ins Krankenhaus. Die sollen ihm Blut abnehmen, und eine Analyse machen. Wir müssen wissen, woran wir sind." Semir nickte. "Und .... Tom, " sie legte Tom eine Hand auf die Schulter, "machen Sie sich nicht verrückt, wir werden einen Weg finden."


    Teil 4:


    Tom folgte Semir wie in Trance durch das Büro zum Ausgang. Als sie an Bonraths Schreibtisch vorbeigingen fragte dieser: "Tom? - kannst du mal......?" aber Tom sah ihn nur kurz geistesabwesend an und ging dann hinter Semir her. Bonrath sah ihm verdutzt nach. "Was ist dem denn ?ber die Leber gelaufen? Der muss einen gewaltigen Anschiss von der Chefin kassiert haben." Anna Engelhard, die in ihrer Bürotür stand und den beiden nachsah, winkte Hotte und Bonrath zu sich. "Kommen sie mal bitte in mein Büro, ich muss etwas mit ihnen besprechen." Hotte sah Bonrath an und zuckte mit den Schultern. Sie gingen zur Chefin ins Büro und wurden von ihr über Toms Lage unterrichtet. Bonrath sah die Chefin hilflos an. "Aber Chefin, wer tut denn so was? Wir müssen Tom irgendwie helfen."


    Währenddessen war Semir mit Tom ins Krankenhaus gefahren. Dr. Friedberg, der von Anna Engelhardt inzwischen unterrichtet worden war, nahm Tom Blut ab. "So," er legte die Spritze in eine Petrischale und übergab sie einer Mitarbeiterin. "Nun müssen Sie etwas Geduld haben. Es dauert ein paar Stunden, bis wir ein Ergebnis haben. Sobald ich etwas weiss, komme ich zu Ihnen iins Büro."


    Tom und Semir gingen nebeneinander den Krankenhausflur entlang. "Und wie gehts jetzt weiter, Semir?" Toms Stimme klang rauh. Semir sah ihn von der Seite an. "Du kannst die Frau, die den Lockvogel gespielt hat, doch sicher beschreiben. Wir fahren jetzt auf die PAST und fertigen ein Phantombild an. Vielleicht haben wir Glück und kommen über die Frau weiter." Tom nickte nur. Alles war jetzt besser, als untätig auf das Ergebnis der Blutuntersuchung zu warten.


    "Das ist sie, genau so sah sie aus," Tom war mit dem Ergebnis des Phantombildes zufrieden. Die Arbeit hatte ihn abgelenkt. Semir sah sich das Foto genauer an. "Hübsch - ich kann gut verstehen, dass du auf sie reingefallen bist." Aber Tom reagierte nicht auf die gutgemeinte Ablenkung Semirs. Er stand am Fenster und sah auf den Hof. "Gut, schicken wir das mal durch den Computer, mal sehen, was dabei rauskommt." In dem Moment kam Frau Engelhardt mit Dr. Friedberg zur Tür herein. Er legte eine Mappe mit den Untersuchungsergebnissen auf Toms Schreibtisch. "Wir haben das Ergebnis, Herr Kranich." Tom drehte sich um und blickte in das ernste Gesicht von Dr.Friedberg. "Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, siehts wohl nicht so gut für mich aus, oder?" Dr. Friedberg räusperte sich. "Sie haben leider recht. Sie wurden tatsächlich vergiftet. Wir konnten allerdings noch nicht die genaue Zusammensetzung der Substanz ermitteln. Es handelt sich offenbar um ein extra zusammengemischtes Gift, das so in der Natur nicht vorkommt." Dr. Friedberg machte eine kurze Pause. Semir sah Tom an. Er wirkte auf einmal sehr gefasst. "und was heisst das genau?" "Dass es kein Gegengift daf?r gibt. Wir m?ssen zuerst eines herstellen. Aber daf?r m?ssen wir die genaue Zusammensetzung kennen - und das braucht seine Zeit." "Wie lange dauert es?" Anna Engelhardt sah Dr. Friedberg fragend an. "Das kann ich nicht genau sagen. Vielleicht zwei oder drei Wochen, vielleicht auch nur eine." Semir sah entsetzt von einem zum anderen. "Aber soviel Zeit haben wir nicht - es muss doch einen Weg geben." Einen Moment herrschte Schweigen. Tom räusperte sich. "Wie ist der Verlauf der Vergiftung, was wird auf mich zukommen?" Er wirkte überraschend gefasst. Dr. Friedberg sah unsicher zu Anna Engelhardt. "Ich weiss nicht, ob es gut ist, wenn ......" "Ich will es aber wissen," beharrte Tom, "es geht schließ?lich um mein Leben." "Gut," Dr. Friedberg nickte, "es beginnt mit Schwindelanfällen und zeitweisen Sehstörungen. Später kommen krampfartige Schmerzen dazu, die vom Bauch in den ganzen Körper strahlen." Er machte eine kurze Pause. "Im Endstadium kommt es zu sehr hohem Fieber, was schließlich.......zum Tode führt." Tom schluckte. "Danke," meinte er nur, nahm seine Jacke und verließ wortlos das Büro. Semir fühlte sich, als hätte er einen Schlag in die Magengrube bekommen. Das konnte doch nicht sein, dass Tom innerhalb von 48 Stunden sterben würde, es musste doch eine Möglichkeit geben, ihn zu retten.Er wollte Tom nachgehen, aber Anna Engelhardt hielt ihn am Arm zurück. "Noch nicht, Semir, lassen sie ihm etwas Zeit, ich glaube, er will jetzt alleine sein." Semir nickte, obwohl alles in ihm danach drängte, Tom zu folgen.

  • So, dann will ich nach der "Zwangspause" mal weiterschreiben:


    Semir sah die Chefin an. "Und was machen wir jetzt? Chefin, wir müssen Gonzales freilassen. Es geht schließlich um Toms Leben." Man konnte Anna Engelhardt ansehen, dass sie Semirs Meinung war. "Ich werde mit der Staatsanwältin reden und das regeln, Semir. In der Zwischenzeit müssen wir versuchen, das Mädchen ausfindig zu machen." Semir sah seine Chefin zweifelnd an. "Glauben Sie wirklich, dass die Schrankmann, diese Zicke, darauf eingeht?" "SEMIR", kam es mahnend von Anna Engelhardt zurück. Semir zuckte mit den Schultern. "Ist ja gut - ich seh jetzt auf jeden Fall nach Tom." Er drehte sich um und verließ das Büro um Tom zu suchen. Er brauchte nicht lange zu suchen. Schon von weitem sah er ihn auf der nahen Autobahnbrücke am Geländer. Ein paar Minuten später stand er neben ihm. Eine Weile standen die beiden Männer so nebeneinander und blickten stumm auf die Straße unter ihnen. Semir wollte Tom Zeit lassen. Plötzlich fing dieser an zu reden. "Weißt du Semir, es ist ein Scheißgefühl, zu wissen, dass man in 2 Tagen nicht mehr lebt. Ich hatte noch so viel vor, wollte eine Frau finden, Kinder kriegen.....und dann kommt dieser Scheißkerl und macht alles zunichte." Tom hatte mit der Faust wütend auf das Geländer geschlagen. Semir schaute seinen Partner an und sah, dass er Tränen in den Augen hatte. Auch ihm ging es nicht besser. Er legte einen Arm um Toms Schulter. "Mensch Junge, noch ist nicht alles verloren. Wir schaffen das - wir haben schon viele gefährliche Situationen zusammen gemeistert." Semirs Stimme klang sehr rauh, als er das sagte. "Ich lasse das nicht zu, dass du so vor die Hunde gehst!" Tom drehte sich zu Semir um. "Danke Partner. Du hast recht, aber noch keine Situation war so aussichtslos wie jetzt." Semir klopfte ihm auf die Schulter. "Wir schaffen das, ich weiss zwar noch nicht wie, aber wir schaffen das."


    Ein paar Stunden später hatte die Fahndung nach dem Mä?dchen Erfolg gezeigt. "Ich hab sie," Petra zeigte auf den PC. Sofort standen Tom, Semir und Anna Engelhardt hinter ihr. "Hier! Maria Rodriguez. Eine Landsmännin von Gonzales. Vierundzwanzig Jahre alt. Sie ist Kellnerin in einer Bar." Semir war pl?tzlich wie ausgewechselt. Endlich hatten sie eine Spur. Endlich konnten sie etwas zun. "Die Adresse, Petra." Petra gab ihnen die Adresse der Bar und der Wohnung. Semir schnappte sich die Jacke "Kommst du mit?" fragend blickte er Tom an. "Natürlich, was glaubst du denn. Noch bin ich nicht tot." Semir grinste und die beiden gingen rasch zu ihrem Dienstwagen. Bei der angegebenen Wohnungsadresse trafen sie niemanden an. "Also zur Bar," dirigierte Tom seinen Partner. Mit quietschenden Reifen fuhr Semir los.


    Kurze Zeit später waren sie am Ziel angekommen. Semir stieg aus und auch Tom schwang seine Beine aus dem Wagen. Plötzlich merkte er, wie alles vor seinen Augen verschwommen war. Um ihn drehte sich alles. Er musste sich am Türrahmen festhalten, um nicht umzukippen. Semir hatte bemerkt, dass mit Tom etwas nicht stimmte. "Tom? Was ist los? Ist dir nicht gut? Willst du lieber im Wagen warten?" Tom sch?ttelte den Kopf und rieb sich die Augen. "Nein, geht schon wieder. Mir war nur etwas schwindlig." Semir sagte nichts. Aber die Sorgen um seinen Partner steigerten sich. Sie mussten sich beeilen. ihnen lief langsam aber sicher die Zeit davon.

  • Sie betraten die Bar. Ihre Augen mussten sich erst einmal an das schummrige Licht gewöhnen. Während Semir auf den Keeper zusteuerte, um ihm das Foto von Maria Rodriguez zu zeigen, blickte sich Tom um. Plötzlich stutzte er. Da hinten! Das war doch die Frau, der er den ganzen Schlamassel zu verdanken hatte. Er schlängelte sich durch eine Reihe von Gästen und folgte der Frau durch eine der hinteren Türen. Offenbar hatte sie bemerkt, dass er sie erkannt hatte. Tom sah, wie sie durch die Tür in den Hinterhof verschwand und folgte ihr. Ein kurzer Spurt, und er konnte sie am Ämel festhalten. "Wen haben wir denn da? Na, ist der Wagen von alleine wieder angesprungen?" Die Frau wand sich unter seinem Griff und schrie. "Lassen Sie mich los, was wollen Sie von mir?" Tom hatte alle Mühe, sie festzuhalten. Währenddessen bemerkte er nicht, dass ein Hüne von einem Mann hinter ihn getreten war. Der packte ihn am Kragen, riss ihn zu sich um und knallte ihm eine stahlharte Faust in den Magen. Tom klappte zusammen, wie ein Taschenmesser und japste nach Luft. Als er wieder einigermaßen klar denken konnte, war der Riese verschwunden und Semir kam gerade aus der Tür heraus auf ihn zugelaufen. "Tom?- Was ist passiert?" Er half Tom auf die Beine, der beide Hände vor den Bauch presste. "Ist schon o.k. Ist nichts passiert. Ich hab das Mädchen gesehen. Plötzlich kam so ein Kleiderschrank und hat mir eine verpasst." Er lehnte sich an die Mauer und versuchte erstmal, wieder ohne Schmerzen zu atmen. Semir hatte sich inzwischen umgesehen, aber der Kerl und das Mädchen waren verschwunden. "Komm," er nahm Tom beim Arm. "wir fahren zurü?ck. Das Mä?dchen bekommen wir immer noch. Wir wissen ja jetzt, wer sie ist."

  • Einige Zeit später, kam Anna Engelhardt ins Büro. "Wo ist Tom?" Sie blickte sich suchend um. Semir sah von Gonzales Akte auf, die er gerade studierte, in der Hoffnung, irgendetwas zu finden, das ihnen weiterhalf. "Der ist gerade mal kurz raus, kommt gleich wieder." "Wie gehts ihm denn?" Semir sah sie an. "Beschissen, würd ich sagen. Vorhin ist er beinahe zusammengeklappt. Wir hatten die Frau gefunden, ist uns aber entwischt." Er stand am Fenster und hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben. "Wir müssen was tun, Chefin. Tom hat nur noch ein paar Stunden. Ich lass nicht zu, dass...." Er unterbrach sich, als Tom ins Büro zurückkam. Dieser blickte von der Chefin zu Semir und meinte nur. "Ihr könnt ruhig weiterreden, ich bin alt genug." Er nahm sich eine Tasse und goß sich einen Kaffee ein. Anna Engelhardt sah Semir vielsagend an. "Wie gehts ihnen Tom?" Ehe sie eine Antwort bekam, gab es einen lauten Knall, die Kaffeetasse zerschellte auf dem Fußboden und Tom krümmte sich stöhnend zusammen. Sofort waren die beiden bei ihm und stützten ihn. Semir sah Anna Engelhardt verzweifelt an. Tom krümmte sich vor Schmerzen. "Verdammt", keuchte er. "Das war heftig. ......Jetzt weiss ich, was es heisst.........ein Kind zu bekommen." Er presste die Hände auf den Leib und atmete keuchend. Semir und Anna hatten Tom auf einen Stuhl gesetzt. Als der Anfall abgeklungen war, meinte Anna besorgt: "Tom, es ist vielleicht doch besser, wenn sie in die Klinik gehen!" Tom schüttelte den Kopf. "Nein, wenigstens jetzt noch nicht. Die können mir auch nicht helfen. Ich hab nicht mehr viel Zeit und will meine letzten Stunden nicht in irgend einem Krankenbett verbringen." Semir konnte Tom gut verstehen, er würde auch nicht anders handeln. Und dennoch kroch eine furchtbare Angst um seinen Partner und besten Freund in ihm hoch.

  • Als Tom sich wieder besser fühlte, frage er seine Chefin: " Waren Sie bei der Schrankmann?" Anna Engelhardt nickte. Tom konnte schon an ihrem Gesichtsausdruck sehen, wie das Gespräch verlaufen war. "Sie wird Gonzales nicht freilassen", stellte er fest. "Ja," kam es zurück. "Es tut ihr leid, wass passiert ist, sie sagt uns jegliche Hilfe zu, aber sie kann und wird Gonzales nicht freilassen." Semir blickte entsetzt, ehe es aus ihm herausbrach. "So? Es tut ihr leid, dass Tom draufgeht? Das ist aber schön, dass es ihr leid tut! Nur können wir damit nichts anfangen!!!" Anna Engelhardt legte Semir beschwichtigend die Hand auf den Arm. "Semir! Ich kann ihre Aufregung verstehen! Aber ich kann auch die Staatsanwältin verstehen. Sie meinte, wenn wir uns darauf einlassen, dann sind wir erpressbar. Dann wird jeder Verbrecher auf diese oder eine andere Art freigepresst werden. Und damit hat sie recht! Es muss anders gehen!." Semir platzte der Kragen. Er stürmte wie von Furien gehetzt aus dem Büro. "Tom lächelte Anna Engelhardt an. "Nehmen Sie es ihm nicht übel, Chefin, er ist und bleibt ein Hitzkopf. Der beruhigt sich auch wieder. Wir werden es auch so irgendwie schaffen ...... vielleicht!" meinte Tom und lächelte etwas gequält.


    Inzwischen war es Abend geworden und Semir nahm Tom mit zu sich nach Hause. Dieser hatte sich anfangs geweigert und gemeint, er bräuchte kein Kindermädchen, doch insgeheim war es ihm recht, die vielleicht letzte Nacht in seinem Leben nicht alleine verbringen zu müssen. Semir hatte Andrea vorgewarnt und sie über Toms Zustand informiert. Er wollte sie nicht vor den Kopf stossen, indem er sie damit überrumpelte. "Wo ist Tom?" Semir kam mit einem um die Hüften gebundenen Duschtuch ins Wohnzimmer. Andrea sa? auf der Couch und sah und zeigte mit dem Kopf Richtung Kinderzimmer. "Bei Aida. Ich glaube, er verabschiedet sich von ihr." Semir musste schlucken. Er sah Andrea an, dass sie die ganze Sache ziemlich mitnahm, was ja kein Wunder war. Langsam ging er zur Kinderzimmertür, die nur angelehnt war. Tom stand vor Aidas Bett, die Kleine schlief selig. Zärtlich strich er ihr über die Wangen. "Na, meine Kleine? Wies aussieht, musst du ohne Patenonkel zurecht kommen. Tut mir leid. Ich hätte dich schon gerne aufwachsen sehen." Als Semir Toms Worte hörte, spürte er einen dicken Kloß im Hals. Leise ging er wieder zu Andrea und nahm sie in den Arm. Beiden standen Tränen in den Augen.


    Am nächsten Morgen wurde Semir durch das penetrante Läuten des Telefons geweckt. "Ja, Semir," meldete er sich verschlafen. Doch plötzlich war er hellwach. "Wo? Gut, wir kommen. In einer halben Stunde." Als er aufgelegt hatte, stand Tom vor ihm. Er sah nicht sehr gut aus, offenbar hatte er kein Auge zugetan. "Morgen Partner," Semir versuchte, optimistisch zu klingen, was ihm aber nicht gelang. "Wie gehts dir heute?" Tom fuhr sich durch die Haare. "Na, ja, eher bescheiden." Er hatte die ganze Nacht immer wieder schmerzhafte Bauchkrämpfe gehabt. Offenbar näherte er sich dem Endstadium der Vergiftung. "Hotte hat eben angerufen. Sie haben Maria Rodriguez gefunden .... tot." Tom musste schlucken. Wieder eine Spur, die keine mehr war. In diesem Fall hatte sich so ziemlich alles gegen sie verschworen. "Lass uns hinfahren, ich will sehen, ob es tatsächlich die Frau ist." Semir nickte. Die beiden zogen sich an und fuhren zum Fundort der Leiche.

  • So, nun gehts weiter.......:



    Während der Fahrt saß Tom ungewöhnlich ruhig auf dem Beifahrersitz und sah aus dem Fenster. Semir sah immer wieder zu ihm hin. Er fühlte sich hundeelend. Er hätte gern etwas gesagt, um das drückende Schweigen zwischen ihnen zu durchbrechen, aber alles was ihm einfiel, kam ihm einfach zu banal vor, also schwieg er. Plötzlich hörte er vom Nebensitz in leises Stöhnen. Wieder sah er in Toms Richtung. Tom saß da, hatte die Zähne zusammengebissen und die Hände auf den Leib gepresst. Offenbar hatte er wieder eine Schmerzattacke. "Tom!" meinte Semir besorgt, "soll ich dich nicht doch ins Krankenhaus fahren? Ich seh doch, dass es dir schlecht geht." Tom schüttelte den Kopf. Er atmete ein paar Mal tief durch und entspannte sich wieder. "Nein, wozu? Es geht schon wieder. Ausserdem sind wir gleich da." er zeigte mit dem Kopf nach vorn. Von weitem konnten sie schon die Einsatzwagen der Kollegen sehen. Sie waren am Rheinufer angekommen, wo man Maria Rodriguez gefunden hatte.


    Als Semirs Wagen zum Stehen kam, war Hotte schon im Anmarsch. Semir stieg aus, und auch Tom quälte sich aus dem Wagen. Er hatte immer noch Schmerzen, wollte Semir aber nicht beunruhigen. "Da hinten liegt sie," Hotte zeigte Richtung Ufer. Besorgt sah er Tom und Semir nach, die sich schon in Bewegung gesetzt hatten. Als sie bei der Leiche angekommen waren, hatte der Gerichtsmediziner gerade den Reissverschluss des Leichensackes geschlossen. Er war mit seiner Arbeit hier am Fundort schon fertig. "Machen sie bitte nochmal auf," bat Semir. Der Doc zog den Reissverschluss auf und meinte nur. "Für euch doch immer - bitte sehr. Das Mädchen ist ca. 20 - 25 Jahre alt. Gestorben ist sie an Genickbruch. Anschließend wurde sie in den Rhein geworfen und hier angespült." Tom stand da und sah auf das Mädchen. Semir stand neben ihm. Ihm war unbehaglich zumute. "Ist sie das, Tom?" Tom nickte. "Ja, das ist sie." Mehr sagte er nicht. Tausend Gedanken rasten durch seinen Kopf. Das Mädchen war wahrscheinlich genauso ein Opfer, wie er selbst. Sie wurde von Gonzales als Lockvogel angeheuert und anschließend umgebracht. Gonzales konnte keine Zeugen gebrauchen. Ihm war jedes Mittel recht, seinen Sohn aus dem Gefängnis zu holen.


    Tom drehte sich um und ging langsam zurück zum Wagen. Plötzlich, ohne Vorwarnung, traf ihn eine Schmerzwelle, die gewaltiger, als alle bisherigen war. Er brach stöhnend in die Knie, der Schweiss brach ihm in Sekunden aus allen Poren. Der Schmerz war überall in seinem Körper. Er lag auf den Knien, vornüber gebeugt, und hatte alle Mühe, nicht laut zu schreien. Semir, der nur ein paar Schritte hinter ihm gegangen war, war sofort bei ihm. Er kniete sich ebenfalls auf den Boden , lehnte Toms Oberkörper an sich und schlang seine Arme um ihn. Er hielt ihn fest, während Tom gegen die furchtbaren, übermächtigen Schmerzen kämpfte. "Tom!" Semir war ausser sich vor Sorge. "Tom, ich bin bei dir." Tom atmete stoßweise, vor seinen Augen tanzten bunte Lichter. "Semir," brachte er mühsam und keuchend hervor, ".....ich ......sterbe!" Wieder kamen die Schmerzen mit voller Wucht. Semir war verzweifelt - Tom litt unsagbar, und er konnte nichts für ihn tun, ausser ihn im Arm zu halten. Verzweifelt sah er zu seinen Kollegen, die inzwischen dazugekommen waren und betroffen dastanden. Hotte hatte inzwischen schon den RTW alarmiert. "Doc," rief er dem Gerichtsmediziner zu, der sich eben zu den beiden herunterbeugte. "geben Sie ihm was gegen die Schmerzen .....bitte!" Der Arzt fühlte Toms Pulsschlag und war geschockt. Das Herz raste so schnell, dass er die einzelnen Schläge nicht zählen konnte. Hoffentlich hielt das Herz der Belastung stand. " Er sah Semir an. "Ich bin Pathologe, meine Patienten brauchen keine Schmerzmittel, so was hab ich nicht bei mir. Was hat er denn überhaupt?" "Er wurde vergiftet!" Semir schrie es fast heraus. Er strich Tom über den Kopf."Tom.....halt durch!" Tom war etwas ruhiger geworden, aber sein Atem ging immer noch stoßweise. "Semir.......bring mich ....in die Klinik........es hat keinen Sinn mehr!" Wieder verkrampfte er sich. Semir konnte nur nicken. Er konnte nichts tun, als dasitzen und seinen Freund in den Armen halten, der den Tod vor Augen hatte.

  • Semir litt mit Tom, wenn auch nicht körperlich, so doch seelisch. Jedesmal, wenn sein Freund sich vor Schmerzen stöhnend zusammenkrümmte, war es für ihn, wie ein Stich ins Herz. Endlich kam der RTW um die Ecke gebogen. Semir war es vorgekommen, als wären seit Toms Zusammenbruch Stunden vergangen - in Wirklichkeit waren es nur wenige Minuten. Plötzlich breitete sich Hektik aus, der Notarzt und der Sanitäter bemühten sich um Tom. Sie schoben Semir beiseite, der sich auf einmal total verloren vorkam. Wie durch einen Nebel nahm er wahr, wie sie Tom auf eine Trage betteten und in den Krankenwagen schoben. Plötzlich konnte er wieder klar denken! Nein, er wüde es nicht zulassen, dass Tom so starb, sollte dieser verfluchte Gonzales doch freikommen, ihm war das plötzlich egal. Er würde alles tun, um an das Gegengift zu kommen - und wenn es ihn seinen Job kosten würde. Entschlossen stieg er zu Tom in den Krankenwagen. Er nahm dessen Hand, die vom Fieber förmlich glühte. "Tom - sie bringen dich jetzt ins Krankenhaus - ich komm so schnell wie möglich nach, ich muss nur noch die Freilassung von Gonzales veranlassen, dann...." Tom sah Semir an. "Aber .... die Schranke.....sie wird niemals..... das ok geben....". Semir nahm Toms Hand mit beiden Händen, er wollte ihm Zuversicht vermitteln, ihm irgendwie Stärke geben. "Das ist mir egal, Tom, ich werd es schaffen. Du musst nur durchhalten." Tom nickte schwach. Er wusste, dass Semir alles tun würde, was in seiner Macht stand, aber würde er es wirklich schaffen. Im tiefsten Innern zweifelte er daran. Semir drückte noch einmal Toms Hand, ehe er den Krankenwagen verließ. Der Sanitäter schloss die Hecktür und der Wagen fuhr mit Blaulich davon.


    Semir stand einen Augenblick verloren da, ehe Hotte und Bonrath zu ihm kamen. "Was willst du jetzt tun, Semir?" Bonrath war anzusehen, dass ihn der Zusammenbruch Toms gewaltig mitgenommen hatte. Semir straffte die Schultern. "Ich werde der Schrankmann jetzt einen Besuch abstatten - sie muss dem Austausch zustimmen, egal wie. Es geht hier schließlich um Toms Leben." Er ließ die beiden Kollegen stehen, ging zum Wagen und fuhr davon. Auf der Fahrt zur Staatsanwältin, läutete Semirs Handy. Es war Anna Engelhardt. "Semir, was ist passiert? Bonrath hat irgendwas von einem Zusammenbruch von Tom erzählt." "Tom wurde ins Krankenhaus gebracht, Chefin. Ihm geht es sehr schlecht." Einen Moment herrschte Schweigen, ehe die Chefin sich wieder meldete. "Kommen Sie in die PAST, Semir." "Nein, Chefin, ich bin grad unterwegs zur Schrankmann." Mehr sagte Semir nicht, aber Anna Engelhardt, ahnte Schlimmes. "SEMIR, überlegen Sie gut, was sie tun." "Das hab ich schon, Chefin. Es gibt nur die eine Möglichkeit, sonst ist Tom in ein paar Stunden tot." "Semir....", kam es noch einmal aus dem Lautsprecher, aber da hatte dieser schon aufgelegt.


    Zehn Minuten später betrat er das Vorzimmer der Staatsanwältin. Ohne ein Wort zu sagen, marschierte er an der Sekretärin vorbei und riss die Tür zum Büro auf. Demonstrativ baute er sich vor dem Schreibtisch der Staatsanwältin auf. Diese sah den Eindringling zuerst verdutzt und dann ärgerlich an. Aber erstaunlicherweise hatte sie sich gut in der Gewalt. "Ah, Herr Gerkhan, gibt es etwas Neues im Fall Gonzales?" Semir stützte sich mit beiden Händen auf den Schreibtisch und beugte sich zur Staatsanwältin vor. "Ja, die gibt es - Tom liegt im sterben! Sie müssen Gonzales freilassen, wir haben keine andere Wahl." Die Frau lehnte sich im Sessel zurück. "Ich dachte, das wäre geklärt. Ich habe Frau Engelhardt ......" Semir unterbrach sie. "Ich weiss, was sie Frau Engelhardt gesagt haben, aber Tom stirbt!" Die Staatsanwältin schüttelte den Kopf. "Ich kann ihn nicht freilassen, so leid mir das für Ihren Kollegen tut." "Gut, dann kommen Sie mit." Semir ging um den Schreibtisch herum, nahm den Arm der Staatsanwältin und zog sie förmlich in die Höhe. Diese war so verdutzt, dass sie aufstand und Semir folgte. "Und wohin, wenn ich fragen darf?" Semir öffnete die Bürotür . "Wir machen einen Krankenbesuch." Er ging mit Frau Schrankmann zu seinem Wagen und fuhr mit ihr Richtung Klinik.

  • Auf dem ganzen Weg zum Krankenhaus sprachen sie kein Wort. So konnte Semir seinen Gedanken nachhängen - und die waren ausschließlich bei Tom. Insgeheim fürchtete er sich vor der Ankunft. Er wusste ja nicht, was ihn erwarten würde. Ging es Tom schlechter, oder hatte sich sein Zustand stabilisiert? Oder war er schon....? Semir dachte den Gedanken nicht zu Ende!


    Er hielt genau vor dem Krankenhauseingang. Ihm war es egal, ob er hier gegen irgendwelche Regeln verstieß. Hier ging es schließlich um Leben und Tod! Immer noch schweigend gingen er und die Staatsanwältin nebeneinander her. Auf dem Flur traf Tom Dr. Friedberg. "Wie geht es ihm, Doktor?" Doktor Friedberg begrüßte Frau Schrankmann, ehe er sich Semir zuwandte. "Ich habe leider keine guten Nachrichten, Herr Gerkhan," begann er. Semir gefror fast das Blut in den Adern. Er starrte den Arzt an. "Es geht ihm sehr schlecht. Wir haben ihren Kollegen auf die Intensivstation gebracht, aber wir können nichts tun, ausser ihm das Atmen etwas durch Sauerstoffzugabe erleichtern. Wir wollten ihn ins künstliche Koma versetzen, aber Herr Kranich wollte das nicht. Er meinte, er wolle seine letzten Stunden bei Bewusstsein erleben - trotz der Schmerzen." Semir nickte, er konnte Tom verstehen. Er sah zu Frau Schrankmann und meinte nur. "Kommen Sie .... bitte." Semir fiel auf, dass sie sich verändert hatte. Von ihrer Härte, die sie sonst zur Schau stellte, war nicht mehr viel übrig geblieben. Wahrscheinlich fürchtete sie sich vor dem Besuch bei Tom, aber Semir konnte und wollte ihr das nicht ersparen. Sie waren bei der Intensivstation angekommen und zogen sich den vorgeschriebenen Kittel an. Semir öffnete leise die Tür und schob die Staatsanwältin vor sich hinein. Sie blieb bei der Tür stehen, während Semir an Toms Bett trat.


    Tom lag da, seine Haare klebten schweissnaß am Kopf. Er hatte eine Sauerstoffmaske auf, die ihm das Atmen erleichtern sollte. Trotzdem bereitete es ihm Mühe und wohl auch Schmerzen, zu atmen. Er keuchte bei jedem Atemzug, als ob es Schwerarbeit wäre. "Tom," Semir legte seine Hand auf die Hand von Tom. "Ich bin hier. Wie gehts dir?" Die Frage war eher eine Floskel, denn Semir sah auch ohne Toms Antwort, dass es ihm wirklich schlecht ging. Tom hielt Semirs Hand. "Semir.......gut ..... dass du .........da............bist." Er hatte kaum zu Ende gesprochen, da krampfte er sich auch schon wieder unter Schmerzen zusammen. "Semir......," begann er erneut, als die Schmerzwelle abgeebt war. "....sterben ist ein ............hartes ........Stück.........Arbeit." Semir konnte nichts erwidern, ihm saß ein dicker Kloss im Hals. Da wandte Tom den Kopf zur Tür. Er sah die Staatsanwältin, ihre Blicke trafen sich. Frau Schrankmann stand wie versteinert da. Sie hatte gewusst, dass es Tom schlecht ging, aber das hier hatte sie nicht erwartet. Jeder Laie sah, dass dieser Mann sterben würde, wenn er das Gegengift nicht bekam. Und er würde qualvoll sterben. Sie drehte sich um und verließ den Raum. Semir sah ihr nach. "Tom, ich bin gleich zurück." Er verließ das Krankenzimmer und trat auf den Flur. Ein paar Meter weiter stand die Anwältin an die Wand gelehnt und blickte Semir an. "Sie bekommen Gonzales, Gerkhan, aber nichts zum Austausch, sondern nur als Köder." Semir glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Ihm fiel ein Felsbrocken vom Herzen. Er ging auf Frau Schrankmann zu und nahm ihre Hand. Auf einmal war sie ihm fast sympathisch."Mehr wollte ich auch nicht, Frau Schrankmann! Vielen Dank Jetzt hat Tom eine reelle Chance." Die Staatsanwältin räusperte sich. "Ihnen ist aber schon klar, dass wir beide damit unseren Job aufs Spiel setzen, wenn das schief geht?!?" Semir lächelte. "Ja sicher, aber Toms Leben ist das allemal wert, oder?" Nun lächelte auch die Staatsanwältin. "Ja, da haben sie sicher recht, das ist es wert." Sie räusperte sich. "Ich werde jetzt gehen und alles in die Wege leiten, kommen Sie nachher zu mir ins Büro. Wir haben ja nicht mehr viel Zeit." meinte sie mit einem Blick durch die Glasscheibe in der Tür zu Tom.

  • Semir sah der Staatsanwältin nach, als sie den Flur in Richtung Ausgang ging. Er hatte eigentlich nicht damit gerechnet, dass seine "Radikalkur" bie ihr wirken würde, war jetzt aber umso erlieichterter, dass sie zugestimmt hatte. Jetzt musste schnell gehandelt werden, Tom hatte nicht mehr viel Zeit.


    Er ging noch einmal zu Tom, um ihm die gute Nachricht zu überbringen. Vielleicht half im das, durchzuhalten. Tom lag im Bett und hatte die Augen geschlossen, aber er schlief nicht. "Hey, Partner," Semir versuchte, optimistisch zu klingen. "Du wirst es nicht glaube, aber die Schranke gibt Gonzales als Köder frei." Er hatte Toms Hand genommen und spürte einen schwachen Gegendruck Toms. Tom atmete immer noch gequält. "Wie ..... hast du ..... das denn.....angestellt?" antwortete er und versuchte ein Lächeln. Semir lächelte zurück. "Na du weisst doch, dass mir die Frauen zu Füßen liegen." "Da wird.....Andrea....aber nicht.....einverstanden....sein." Trotz seines Zustandes versuchte Tom zu scherzen. Aber im selben Moment verzog er wieder vor Schmerzen das Gesicht. Semir legte ihm die Hand auf die Schulter. "Tom, ich muss jetzt weg. Ich werde es jetzt zu Ende bringen und dir das Serum besorgen. Du musst nur durchhalten! Versprich mir das!" Eindringlich sah er seinen Partner an. Der hatte wieder die Augen geschlossen und atmete schwer. "Tom, hörst du? - Ich bring dir das Serum, halt bitte durch. Es dauert nicht lange." Tom öffnete die Augen und sah Semir an. "Ja, tu das.....aber.....für den Fall.....dass ....es zu.....spät ist......" Tom hustete unter der Sauerstoffmaske, ehe er weitersprechen konnte. "......dann....vergiss .....mich....nicht ---- Freund." Wieder schloss er vor Erschöpfung die Augen. Semir sah Tom entsetzt an. "Es wird nicht zu spät sein, Tom, ich verspreche es dir." Dann ging er aus dem Krankenzimmer.


    Draussen auf dem Flur telefonierte er mit Andrea. Er wollte nicht, dass Tom alleine blieb, jemand den er kannte sollte bei ihm sein, während er das Serum beschaffte. Er erklärte Andrea alles. "Wirst du bei ihm bleiben, Andrea? Ich lass ihn ungern alleine, falls......" Er sprach nicht weiter, aber Andrea verstand. "Natürlich, ich komme sofort. Er ist auch mein Freund, mach dir keine Sorgen." Erleichtert machte er sich auf den Weg in die PAST.


    Er hatte gerade Engelhardts Büro betreten, als das Telefon läutete. Anna Engelhardt nahm ab und stellte auf laut. Gonzales war dran. "Na, Frau Engelhardt, haben Sie es sich überlegt? Nach meinen Berechnungen hat ihr Kollege nicht mehr viel Zeit. Ich denke, es geht ihm inzwischen sehr schlecht." Semir griff über den Schreibtisch und nahm den Hörer. "Sie bekommen ihren Sohn," sagte er und hatte alle Mühe, nicht die Fassung zu verlieren. "Wann und wo?" Gonzales lachte kurz auf. "Ach, Herr Gerkhan, ich wusste, dass sie alles tun würden, um ihren Partner zu retten. Wie ich höre, wollen Sie keine Zeit verschwenden. Das freut mich." Semir platzte fast der Kragen. "Reden sie nicht um den heissen Brei. Wann und wo?" Gonzales machte eine kurze Pause, ehe er bestimmt antwortete. "In 2 Stunden auf dem alten Fabrikgelände beim Flughafen. Und keine Dummheiten, sonst bekommen sie das Serum nie." "Gut, in 2 Stunden. Wir werden da sein." Semir legte auf.


    Anna Engelhardt atemete tief durch. Diese Sache zehrte auch an ihren Nerven. "Frau Schrankmann hat schon mit mir telefoniert, Semir. Wir treffen uns vor der JVA, in 15 Minuten." Sie sah Semir prüfend an. "Wie haben sie das überhaupt angestellt? Das grent ja schon an ein Wunder." Trotz allem musste Semir grinsen. Er zuckte nur mit den Schultern und meinte: "Gewusst wie, Frau Engelhardt."

  • Gemiensam fuhren sie zur JVA, wo die Staatsanwältin schon alles geregelt hatte und im Büro des Gefängnisdirektors auf sie wartete.


    Nachdem sie sich begrüsst hatten, besprachen sie die Vorgehensweise. "Ich habe das SEK bereits informiert. Sie bringen sich gerade in Stellung, damit Gonzales nichts bemerkt." Anna Engelhardt sah in die Runde. "Gerkhan, sie fahren den Wagen, ich sitze auf dem Beifahrersitz, auf der Rückbank Enrico Gonzales und Bonrath. Die anderen Kollegen folgen in einiger Entfernung - aber unfauffällig." Semir nickte. "Gut, dann holen wir jetzt Gonzales und fahren los." Er sah auf die Uhr. Ihnen saß die Zeit im Nacken!


    Semir ließ den BMW auf dem Firmengelände ausrollen. Es war alles still. Noch war nichts von Gonzales zu sehen, aber es waren noch fast 10 Minuten, bis zur vereinbarten Zeit. Semir war nervös. So nervös, wie noch nie bei einem Einsatz. Aber das hier war auch kein gewöhnlicher Einsatz, hier ging es um Toms Leben! Es durfte einfach nichts schiefgehen! Es musste klappen! Schweigend saßen sie im Wagen, als Gonzales auf der Rückbank einen Kommentar losließ: "Na, da hat euch mein alter Herr aber schwer zugesetzt? Wird wohl langsam knapp mit der Zeit, was? - Aber ein Bulle mehr oder weniger, macht ja nichts aus." Semir wäre ihm am liebsten an die Gurgel gegangen, beherrschte sich aber. "Halt die Klappe, Gonzales!" herrschte er ihn an.


    "Wo bleiben die denn?" Wieder sah er auf die Uhr, als er eine schwarze Limousine um die Ecke biegen sah. Dahinter fuhren noch zwei Wagen. Semir sah Anna Engelhardt an und atmete tief durch. Es konnte losgehen. Die Wagen waren parallel zu Semirs BMW zum stehen gekommen. Der Fahrer stieg aus und öffnete die hintere Tür. Heraus kam Gonzales. Auch Semir war ausgestiegen. Einen Moment standen sich die beiden Männer schweigend gegenüber. Gonzales Männer hatten sich bei den Wagen postiert und beobachten die Umgebung.


    "Wo ist mein Sohn?" Gonzales Stimme kam schneidend. Semir wies mit dem Kopf zu seinem Wagen. "Im Wagen. Wo ist das Serum?" Gonzales griff in die Jackettasche und hielt eine kleine Ampulle hoch. "Hier! Damit können sie ihrem Kollegen das Leben retten. Aber zuerst mein Sohn, er soll aussteigen." Semir winkte Bonrath zu, der mit Gonzales aus dem Wagen stieg. "Nehmen sie ihm die Handschellen ab." forderte Gonzales, während ein Lächeln seinen Mund umspielte. Er hatte sein Ziel fast erreicht. Semir schüttelte den Kopf. "Erst das Serum, dann können sie ihn haben." Gonzales sagte nichts. Semir sah, dass er alles genau beobachtete. Plötzlich sah er ein Aufblitzen in seinen Augen. Offenbar hatte Gonzales den Braten gerochen! Semir sah noch, wie Gonzales die linke Hand leicht anhob, da brach auch schon die Schießerei los. Semir hatte blitzschnell die Waffe gezogen und war zur Seite gehechtet. Er sah, wie zwei von Gonzales Männern getroffen zu boden gingen. Auch Gonzales hatte eine Waffe gezogen und legte auf Semir an, als ihn plötzlich eine Kugel eines SEK-Schützen traf. Er sackte zu Boden. Semir sah es. Ihm schoss nur der eine Gedanke durch den Kopf: DIE AMPULLE! Er musste die Ampulle holen. Er rappelte sich hoch und lief, ohne auf die Schießerei zu achten, die immer noch im Gange war, auf Gonzales zu. Aber noch ehe er ihn erreicht hatte, hob dieser die Hand und schleuderte die Ampulle mit letzter Kraft auf den Boden. Sie zerschellte auf dem Betonplattenboden!


    Gonzales sah Semir mit hasserfülltem Blick an. "Ihr Partner wird sterben, Gerkhan - und sie sind daran schuld!" Dann fiel sein Kopf zur Seite, er war tot.


    Semir war fassungslos. Er kniete am Boden und starrte auf die winzig kleinen Glassplitter. Anna Engelhardt war hinter ihn getreten und brachte nur ein entsetztes "Oh, nein!" heraus. Auch ihr war klar, dass diese kleinen Glassplitter Toms Todesurteil bedeuteten.

  • Semir kniete immer noch wie paralysiert auf den Betonplatten und starrte auf die Glassplitter und die Spritzer der Flüssigkeit, die Toms Leben gerettet hätte. AUS! Es war alles aus! Er hatte Tom in die Hand versprochen, ihm das Serum zu bringen -und hatte kläglich versagt! Was sollte jetzt nur werden?!?


    Plötzlich stutzte er. Da glitzerte etwas! Er schaute genauer hin. In einer Fuge zwischen den Betonplatten sah er das untere Ende der Ampulle - und darin war noch ein winziger Rest des lebensrettenden Serums. Die Starre fiel urplötzlich von Semir ab. Sein Herz klopfte vor Aufregung schmerzhaft in seiner Brust. Behutsam und ganz vorsichtig holte er den Rest der Ampulle zwischen der Fuge hervor. Mit der linken kramte er einen der kleinen Plastibeutel aus seiner Tasche, die er zur Beweissicherung immer bei sich trug. Vorsichtig, um ja nichts von der wertvollen Substanz zu verschütten, bugsierte er den kleinen Glasbehälter in die Tüte. Langsam stand er auf und hielt die Tüte wie einen Schatz vor sich. Anna Engelhardt hatte gesehen, was Semir gefunden hatte. "Kommen Sie, wir fahren damit sofort ins Krankenhaus," meinte sie zu Semir und öffnete ihm die Tür des BMW. Semir sah sie fragend an. "Soll ich nicht lieber fahren und sie halten den Beutel? Ich meine, ich....." Die Chefin unterbrach Semir. "Sie meinen, sie wären schneller in der Klinik?" Sie schmunzelte. "Lassen sie mich nur machen, Semir. Ihre Aufgabe ist es, auf das Zeug aufzupassen. Semir gab sich geschlagen und setzte sich auf den Beifahrersitz. "Festhalten" kam es von seiner Chauffeurin und schon legte sie einen Blitzstart hin, den auch Semir nicht besser hinbekommen hätte. Er wurde in den Sitz gedrückt. Er sagte nichts, seine ganze Aufmersamkeit galt der kleinen Ampulle in seinen Händen.


    Anna Engelhardt griff zum Funk "Cobra 11 an alle. Wir brauchen eine Eskorte zum Klinikum. Räumen sie die Straßen frei, wir brauchen freie Fahrt." Sie hängte das Mikro zurück, schaltete Blaulicht und Sirene ein und gab Vollgas. Es war eine abenteurliche Fahrt bis zur Klinik und selbst Semir wurde es beim Fahrstil seiner Chefin manchmal mulmig zumute. Es war etwas völlig anderes, wenn man selbst hinter dem Steuer saß und riskante Manöver fuhr, als wenn mann hilflos daneben sitzen musste. Aber es war ihm nur recht, jede Minute zählte....!


    Mit quietschenden Reifen kamen sie vor der Klinik an. Semir stieg aus und ging mit der Chefin im Eilschritt Richtung Intensivstation. Dort kam ihnen schon Dr. Friedberg entgegen, der von Bonrath über Funk informiert worden war. "Hier," Semir streckte im seinen "Schatz" entgegen. "Das ist alles, was wir haben. Wird es reichen?" Dr. Friedberg sah skeptisch auf den winzigen Rest Flüssigkeit. "Es muss....", meinte er nur knapp. "Ich werde es ihm gleich verabreichen."


    Semir betrat mit der Chefin das Intensivzimmer, in dem Tom lag. Sein erster Blick galt seinem Freund, der dort in den Kissen lag. Er sah sofort, dass es ihm wesentlich schlechter ging, als noch vor ein paar Stunden. Sein Atem ging inzwischen trotz Sauerstoff so schwer, dass Semir Angst hatte, Tom würde ersticken. Das Kopfkissen, das Laken, alles war schweissgetränkt. Tom lag mit geschlossenen Augen da und kämpfte mit dem Tod. Dann erst sah er Andrea. Sie blickte ihn an. Ihre Augen waren tränenfeucht. "Semir," sie stand auf und umarmte ihren Mann. "Semir, er stirbt! Er quält sich so furchtbar." Semir hielt Andrea von sich und sah sie an. "Andrea, wir haben das Serum. Dr. Friedberg wird es ihm gleich verabreichen." Dann beugte er sich über Tom. "Tom! Hörst du mich? Ich habe dir das Serum gebracht. Gleich wird alles gut. Halt durch!" Tom öffnete kurz die Augen. Semir konnte sehen, dass es ihn große Kraft kostete, die Lider zu heben. Seine Augen glänzten fiebrig. Seine Lippen bewegten sich, aber hören konnte Semir nichts. Er konnte nur ahnen, dass Toms Lippen seinen Namen formten. Fast zärtlich strich er ihm die nassen Haare aus der Stirn. "Halt durch, Partner, halt durch! Du kannst mich jetzt nicht alleine lassen." Er sagte die Worte ganz leise, sie waren nur für Tom bestimmt, aber auch Anna Engelhardt konnte sie hören. Nur mit Mühe unterdrückte sie ihre Tränen.

  • Da öffnete sich die Tür und Dr. Friedberg trat ein. In der Hand hielt er eine Petrischale, in der die Spritze mit dem Serum lag. Er setzte sich neben Toms Bett: "Herr Kranich, ich werde Ihnen jetzt das Serum spritzen, dann wird es ihnen bald besser gehen." Der Arzt wusste nicht, ob Tom ihn hören konnte, aber er wollte ihn trotzdem ansprechen. Routiniert band er ihm den linken Arm ab und desinfizierte die Armbeuge. Er nahm die Spritze und stach in Toms Vene. Langsam drückte er den Kolben. Semir stand auf der anderen Seite und hielt Toms Hand. Im Zimmer war es totenstill. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Unwillkürlich hielten alle den Atem an.


    "So," sagte der Mediziner, als er fertig war, "Nun können wir nur warten - und hoffen." Er stand auf und blickte Semir an. "Herr Gerkhan, kann ich sie kurz sprechen? Aber bitte draußen." Semir nickte und ging hinter Dr. Friedberg auf den Flur hinaus. Dr. Friedberg schloss die Tür. Semir sah in an. "Was ist? Wird Tom wieder gesund?" In seinen Augen lagen Hoffen und Bangen zugleich. "Ja, deshalb wollte ich sie hier sprechen. Man weiss nie, was der Patient mitbekommt." Er räusperte sich. "Machen sie sich nicht allzuviele Hoffnungen, Herr Gerkhan. Die Vergiftung ist schon recht weit fortgeschritten und dann das wenige Serum..... ich weiss nicht, ober er es übersteht." Semir starrte den Arzt an, "Aber......" Der Arzt versuchte, ihn zu beruhinge. "Herr Gerkhan, ich will ihnen keine Angst machen, ich will nur, dass sie auf alles vorbereitet sind." Semir nickte geistesabwesend, als der Arzt fortfuhr: "Herr Kranich ist jung und kräftig......wenn er die nächsten Stunden übersteht, dann hat er gute Chancen wieder gesund zu werden. Die nächsten Stunden sind entscheidend." Er gab Semir die Hand. "Danke Doktor, ich weiss, dass sie alles getan haben. Ich bleibe auf jeden Fall bei ihm, bis......." Er vollendete den Satz nicht. Der Arzt nickte: "Tun sie das, er braucht jetzt jemanden." Dann ging er weiter in Richtung Ärztezimmer.


    Semir stand vor der Tür und sah durch die Glasscheibe. Es war irgendwie alles so unwirklich. Da lag Tom, und keiner wusste, ob er morgen noch leben würde. Er wünschte sich,dass alles nur ein schlechter Traum wäre, aber es war furchtbare Wirklichkeit. Dann atmete er noch einmal tief durch und trat wieder ins Zimmer. Andrea legte gerade das Tuch beiseite, mit dem sie Toms Stirn gekühlt hatte, und kam auf ihn zu. "Semir, ich muss gehen, ich muss Aida von der Nachbarin holen," sagte sie fast entschuldigend und blickte dabei auf Tom. Semir nahm sie in den Arm. "Natürlich, du kannst sie nicht ewig bei Frau Breinich lassen. Geh nur, du hast genug getan. Aber ich bleibe bei ihm, bis er aufwacht. Ich lass ihn jetzt nicht alleine." Andrea nickte, verabschiedete sich von Frau Engelhardt und verließ den Raum. Die Chefin musterte Semir. "Semir, fahren sie nach Hause und legen sie sich etwas hin, ich bleibe bei Tom." Semir hatte sich wieder an Toms Seite gesetzt. Er schüttelte den Kopf. "Danke, das ist gut gemeint, aber ich bleibe bei Tom. Das bin ich ihm schuldig - schließlich ist er mein Partner .....und mein Freund." Dabei blickte er zur Seite, dass seine Chefin nicht die Tränen sah, die sich langsam ihren Weg bahnten. Anna Engelhardt nickte. "Gut, geben sie mir Bescheid, wenn sich an Toms Zustand etwas ändert?" "Natürlich." Anna Engelhardt verließ leise das Krankenzimmer. Sie fuhr zurück zur PAST um die Kollegen über den Stand der Dinge zu informieren.


    Nun war Semir allein mit Tom. Er saß auf dem Stuhl und sah ihn nur an. Jetzt, da Ruhe einkehrte, merkte er erst, wie fertig er war. Aber er wollte jetzt nicht schlafen, das konnte er später. Er wollte bei Tom bleiben. Der sollte spüren, dass er nicht allein war. Er nahm das Tuch aus der Schale, wrang es aus und betupfte behutsam Toms Stirn. Tom glühte immer noch vor Fieber, aber die schmerzhaften Krämpfe hatten nachgelassen. Nur ab und zu hörte Semir ein schwaches Stöhnen. Aber vielleicht war Toms Körper inzwischen auch nur zu schwach, um sich noch zu wehren. "Tom, du schaffst das, hörst du? - wir haben schon so viel zusammen geschafft. Mach jetzt nicht schlapp." Vor seinem inneren Auge sah er, wie er Tom kennengelernt hatte. Es war mitten in einem Einsatz gewesen. Er sah Tom, als er als stolzer Patenonkel Aida auf dem Arm hielt. Es gab so viele Momente in ihrer beider Leben - alles zog jetzt wie ein Film an ihm vorbei. So saß er da, Stunde um Stunde und wartete darauf, dass Tom aufwachen würde. Lange nach Mitternacht übermannte ihn dann aber doch die Müdigkeit, sein Kopf lag auf Toms Bettdecke. Er war eingeschlafen. Seine Hand hielt immer noch die von Tom.

  • "Herr Gerkhan? Herr Gerkhan!" Semir hörte wie aus weiter Ferne jemanden seinen Namen rufen. Dieser Jemand sollte doch still sein, er wollte noch etwas schlafen. Er wollte das Rufen einfach ignorieren.


    Doch plötzlich war er hellwach. Er schreckte in die Höhe. Auf einmal war ihm wieder eingefallen, wo er war. Er saß immer noch an Toms Bett. "Tom?" verwirrt blickte er um sich. Tom lag ganz ruhig da. Die keuchenden Atemgeräusche waren verschwunden. Er sah richtig friedlich aus. Semirs Augen weiteten sich vor Schreck. "TOM ?" Er beugte sich über ihn. Da bemerkte er, dass ihn jemand an den Schultern zurückhielt. "Herr Gerkhan!" Es war Dr. Friedberg, der jetzt beruhigend auf ihn einredete. Aber Semir starrte ihn nur entsetzt an. "Tom - ist er......?" Dr. Friedberg lächelte. "Nein, er ist nicht tot. Er ist über den Berg. Er schläft nur." Semir brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, was der Arzt eben gesagt hatte. Er starrte zuerst den Arzt und dann Tom an. Dann wieder den Arzt. "Er schläft? Er ist über den Berg?" Dr. Friedberg nickte lächelnd. "Ja!" Semir war so erleichtert, dass er die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Und ihm war es egal, ob Dr. Friedberg es sah, oder nicht. TOM LEBTE! Er hatte es geschafft. Das war jetzt das Wichtigste. "Herr Gerkhan, sie sollten sich jetzt auch etwas Ruhe gönnen, sie sind ja völlig fertig. Fahren Sie nach Hause und schlafen sie sich aus." Semir schüttelte den Kopf. "Nein, ich bleibe bei ihm, bis er aufwacht. Ich kann auch hier im Sessel etwas schlafen. Lassen sie mich bitte hierbleiben. Ich geb nur den Kollegen Bescheid, dass Tom es geschafft hat." Dr. Friedberg gab sich geschlagen. "Dann lass ich ihnen wenigstens eine Liege hier reinstellen. Im Sessel können sie doch nicht schlafen. " "Danke." Semir ging raus und informierte seine Kollegen über die gute Neuigkeit. Fast konnte er am Telefon hören, wie allen ein Stein vom Herzen fiel.


    Anschließend legte sich Semir auf die bereitgestellte Liege. Eigentlich wollte er ja wach bleiben, aber nach kurzer Zeit übermannte ihn doch die Müdigkeit. Und er schlief lange! Als er endlich wieder die Augen aufmachte, merkte er, dass er nicht mit Tom alleine im Zimmer war. Am Fußende von Toms Bett standen Anna Engelhardt, Andrea, Bonrath, Herzberger, Hartmut und......die Schrankmann. Zuerst glaubte er, zu träumen. Er rieb sich die Augen, aber es waren immer noch alle da. Er sah zu Tom. Der lag in seinem Bett und sah zu ihm herüber. "Na, du Schlafmütze? Endlich wach?" meinte er grinsend. Man hörte zwar, dass er immer noch sehr schwach war, aber es ging ihm hundertmal besser, als gestern. Während ihn die Kollegen angrinsten, schwang Semir die Beine von der Liege und streckte sich. "Du hast gut reden. Wer hat sich denn die letzte Nacht um die Ohren geschlagen, während du hier faul rumgelegen hast?" Dann wurde er ernst. "Mensch Tom. Mach so was nie wieder, hörst du? Ich hab Todesängste ausgestanden um dich." Er nahm Toms Hand. "Gehts dir wirklich wieder gut?" Tom nickte. "Ja! Ich fühl mich zwar noch wie eine Hundertjährige nach einem Marathonlauf, aber der Arzt meinte, das wird schon wieder. Danke für alles." Dabei sah Tom in die Runde. Sein Blick blieb bei der Staatsanwältin hängen. "Besonders ihnen, Frau Schrankmann. Frau Engelhardt hat mir vorhin erzählt, was sie getan haben. Ohne sie wäre ich nicht mehr am Leben." Für einen Moment blickte die Staatsanwältin beschämt zu Boden, hatte sich dann aber wieder in der Gewalt. "Ist schon in Ordnung, Herr Kranich. Ich hoffe sie werden es mir danken, indem sie sich zukünftig besser an die Regeln halten." Einige Sekunden war es still im Zimmer, dann prusteten alle lauthals los und konnten fast nicht mehr aufhören mit Lachen.


    Tom brauchte noch einige Zeit, ehe er sich wieder vollständig erholt hatte. Es waren aber keine gesundheitlichen Beinträchtigungen zurückgeblieben. So konnte er nach 4 Wochen Rehabilitation seinen Dienst wieder aufnehmen.