Licht und Schatten

  • Hallo liebe Leser.
    Dies ist der erste Versuch einer Cobra-11-Fangeschichte.
    Ich hoffe, sie gefällt euch und ich hoffe, sie gibt es nicht schon einmal in ähnlicher Form. Ansonsten: Viel Spaß beim Lesen!!!
    Und natürlich: Die Handlung ist frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Alle Rechte beim Lizenzgeber!


    A.f.C.11 ? Licht und Schatten

    Kapitel 1
    Der Regen tröpfelte gegen die Windschutzscheibe, fast rhythmisch und einschläfernd. Lediglich die Bewegung der Scheibenwischer unterbrachen das rhythmische Geräusch und hinderte die beiden Polizisten am Einschlafen. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass es jetzt fast Mitternacht war.


    Seit Einbruch der Dunkelheit saßen Tom und Semir nun schon im BMW auf einem Parkplatz an der A4. Tom konnte sich ein herzhaftes Gähnen nicht verkneifen, was sein Partner mit einem Grinsen quittierte.


    "Spannender Film, nicht wahr?"


    Tom verdrehte die Augen, als er antwortete: "Ja, den hätte ich haben können, wenn ich nicht an meinem freien Abend an mein Handy gegangen wäre."


    "Beruhige Dich, mich hat es auch kalt erwischt, glaub mir..."


    Jetzt konnte sich auch Tom ein Grinsen nicht verkneifen. "Ja, dass kann ich mir lebhaft vorstellen. Wolltest Du nicht an meine Rente arbeiten?"


    "Bitte verschon mich, das hatten wir ja schon mal. Wenn Du so weitermachst, wird das wohl in diesem Leben nichts mehr, denn wenn ich jedes mal dabei an Dich denken muss..."


    Jetzt mussten beide lachen.


    Das Knacken des Funkgerätes unterbrach die heitere Stimmung der beiden.


    "Cobra 11 hört...? meldete sich Tom.


    "Bei Ihnen etwas Auffälliges?" meldete sich eine Stimme am anderen Ende.


    "Nein, bis jetzt nicht. Und es wird wohl auch so bleiben, schließlich warten wir hier schon seit Stunden.", antwortete Tom.


    "Unser Informant hat uns bisher immer wertvolle Hinweise gegeben, ich habe kein Grund daran zu Zweifeln."


    Tom und Semir sahen sich an. Also hieß es weiter warten.


    "Wenn die Angaben stimmen würden, hätte der Waffendeal schon vor einer halben Ewigkeit über die Bühne laufen sollen. Irgendetwas stimmt hier nicht." Semir starrte aus der Windschutzscheibe, während er fortfuhr: "Und weißt Du, was hier besonders nicht passt?"


    "Außer dass es regnet und ich hier mit Dir statt mit einer schönen Frau sitze?" entgegnete Tom lakonisch.


    Semir lehnte sich zurück und sah seinen Partner an:" Ha, ha. Nein mal ehrlich. Warum werden wir aus heiterem Himmel zu einer Observation des LKA hinzugezogen?"


    Tom zuckte die Schultern. "Na ja, die Autobahn gehört in unser Refugium und die wollen lieber jemanden, der sich hier auskennt, dabeihaben."


    "Und das trotz der letzten Aktion mit der Drogengeschichte?" Tom sah seinen Partner grinsend an.


    Dann tauchten am anderen Ende des Parkplatzes Lichtkegel eines Autos auf, kurz darauf gesellte sich ein Pick-up dazu. Zwei Personen stiegen aus.


    Die Neugier der Beamten war geweckt. "Sieht so aus, als ob heute doch noch etwas passiert." Semir griff zum Funkgerät und gab das aktuelle Geschehen durch. Die Anweisung lautete warten und beobachten.


    Tom und Semir konnten nur leider nicht viel von ihrer Position sehen, also stiegen sie gegen die Anweisung des Einsatzleiters und gegen aller Vernunft aus und schlichen sich vorsichtig näher ran, immer mit der Gefahr, dass entweder die beiden mutmaßlichen Verdächdigen oder das LKA sie vorzeitig entdecken würden. In einem Gebüsch bezogen beide Position. "Und wenn das nicht die Verdächdigen sind?" Tom sah seinen Partner an, konnte aber wegen der Dunkelheit das Gesicht seines Partners nicht erkennen. "Und wenn doch?" entgegnete Semir. Beide wussten, dass dies hier ein Volltreffer sein und ohne richtige Deckung der Kollegen gefährlich werden konnte.


    Sie waren jetzt soweit dran und konnten zwei Männer sehen, die sich angeregt unterhielten. Wortfetzen wie "Betrug-, -doppeltes Spiel? und falscher Verdacht" drangen zu den beiden Kommissaren rüber, jedoch ohne Zusammenhang. Die beiden Männer gestikulierten wild, der Tonfall wurde lauter und die beiden konnten das Gespräch besser verstehen, auch wenn es nicht wirklich einen Sinn ergab.


    "Du spinnst, das kannst Du nicht machen."


    "Nein? Wieso nicht? Wird jetzt bloß nicht schwach!"


    "Ich will nicht mehr lügen, ich kann das nicht mehr."


    "Was willst Du mir damit sagen?"


    "Ich will raus aus der Sache. Das war nie so geplant gewesen. Und das weißt Du auch!"


    "Sag jetzt bitte nicht, dass Du auf einmal Skrupel bekommst, das ist der falsche Zeitpunkt."


    "Du kennst meine Antwort."


    "Tja, dann..."


    Dann tauchte wie aus dem nichts ein dritter Wagen auf. Nicht nur Semir und Tom blickten irritiert in die Richtung des Neuankömmlings, auch die beiden streitenden Männer verstummten.


    "Verdammt, was geht hier vor?" zischte Semir zu seinem Partner. Der war schon drauf und dran mit gezogener Waffe dieser Szene ein Ende zu setzen, zum einem, weil ihm die Nässe langsam zusetzte, aber weil auch er die Frage seines Partners beantwortet wissen wollte.


    Doch bevor beide in Aktion treten konnten, dröhnte das Wort "Zugriff" in den Ohrsteckern von Tom und Semir. Dann ertönte ein Schuss, einer der Männer sank zu Boden, der andere verschwand im Auto und brauste davon, ehe die Einsatzwagen vom SEK den Parkplatz dichtmachen konnten.


    Tom und Semir sprangen aus ihrem Versteck und schossen auf das flüchtende Fahrzeug, jedoch ohne Wirkung. Beide rannten zu ihrem Wagen, um die Verfolgung aufzunehmen. Für einen Augenblick nahm Tom das dritte Fahrzeug wahr, wie es scheinbar unbehelligt in einen Waldweg davonfuhr.


    "Träumst Du? Mach schon, sonst ist der Kerl weg!? rief Semir seinem Partner zu. Tom schüttelte den Gedanken an den Wagen ab und sprang in den BMW, der kurz darauf mit quietschenden Reifen die Verfolgung aufnahm.


    Nur nach wenigen Augenblicken tauchte die Silhouette des fl?chtenden Wagen auf, der jedoch auf das Blaulicht mit höherer Geschwindigkeit reagierte und sich waghalsig durch die Lücken wand. Fluchend blieb Semir an dem flüchtenden Wagen dran.


    "Ist weiter vorne nicht eine Nachtbaustelle?" entfuhr es Tom. Semir ahnte, worauf sein Partner anspielte und hoffte inständig, dass die Engstelle den Flüchtigen ausbremsen könnte. Für den Bruchteil einer Sekunde verschwand der Pick-up außer Sichtweite.


    "Verdammt, wo ist der hin?" entfuhr es Semir.


    Tom blickte suchend durch die Windschutzscheibe und rief:" Da vorne, Mann bleib dran."


    "Was meinst Du wohl, was ich hier mache?" gab Semir entnervt zurück.


    Kurz vor der Baustelle kam die Fahrbahnverengung, die Autos stauten sich, doch der flüchtige Wagen ließ sich nicht wirklich ausbremsen und wagte einen letzten Versuch über den Standstreifen, allerdings endete die Tour in den Barken der Autobahnmeisterei.


    Semir und Tom sprangen aus dem BMW und standen kurz darauf mit gezückten Waffen vor dem Unfallwagen.


    Innerlich angespannt riss Semir die Fahrertür auf, während Tom sicherte.


    "Und jetzt raus, aber schön langsam. Und ich will die Hände sehen!" brüllte Semir.


    Langsam krabbelte aus dem Wagen ein junger Mann samt Begleiterin raus.


    "Sorry, Jungs..." lallte der Mann und kippte dann zur Seite weg. Die junge Frau kicherte wie irre. Beide Polizisten sahen sich nur verdattert an und ärgerten sich über die vergeigte Verfolgung.


    Nachdem die Kollegen eingetroffen waren um sich um die beiden betrunkenen Unfallfahrer zu kümmern, fuhren Tom und Semir zum Autobahnparkplatz zurück.


    "Was denkst Du, wo der hin ist?"


    "Keine Ahnung. Vielleicht hatten wir von Anfang an das falsche Fahrzeug im Visier. Hast Du denn auf das Kennzeichen geachtet?"


    Semir zuckte mit den Schultern. "Tja, auf das Modell und ein Teil des Kennzeichens.."


    "Du wirst alt, Partner.", feixte Tom.


    "Hast Du es denn besser gemacht?" gab Semir zurück.


    Tom wollte schon antworten, aber in dem Moment fuhren sie auf den Parkplatz ein, der inzwischen ausgeläuchtet war. SEK-Beamten durchsuchten die Gegend, ein b?se guckender LKA-Beamter unterhielt sich mit Anna Engelhard. Beide wussten, dass das nach Ärger roch.



    Kapitel 2
    Seit jener Nacht auf dem Autobahnparkplatz war jetzt fast eine Woche vergangen. Da das Ergebnis monatelanger Recherchen und Ermittlungen ein Schlag ins Wasser war, wurde ein Untersuchungsausschuss einberufen. Auch Tom und Semir waren zu einer Anhörung vorgeladen. Keiner von beiden hatte ein gutes Gefühl bei der Sache. Eigentlich waren sie ja nur als Unterstützung vom LKA angefordert worden und befanden sich plötzlich inmitten einer Verfolgungsjagd. Ihre Chefin hatte ihnen in jener Nacht den Rücken freigehalten nach der missglückten Observation, aber sie war mit dem nichtgenehmigten Einsatz ihrer Männer sehr unzufrieden und hielt mit ihrer Meinung nicht lange hinterm Berg, als das LKA außer Hörweite war. Seitdem fuhren die beiden kreuzbrav ihre Einsätze, was mitunter keinem von beidem sehr leicht fiel.


    Nun saßen beide vorm Anhörungssaal im Gebäude des LKA und warteten darauf, ihre Aussage machen zu können. Semir hatte sein lässiges Outfit gegen einen Anzug getauscht, und spielte nun nervös mit dem Krawattenknoten.


    "Was denkst Du, werden die nun uns endgültig absägen?"


    "Wenn Du so weitermachst, besorgst Du das noch selber.", antwortete Tom und deutete auf Semirs Krawatte.


    Semir rollte die Augen und versuchte die Krawatte zu ignorieren.


    "Na ja, immerhin haben wir es dieses mal richtig in den Sand gesetzt. Die Sache mit der Drogengeschichte damals war ja eine abgekaterte Sache, aber dieses Mal..."


    Tom sah seinen Partner an: "Ja, aber es wird nicht alles so heiß gegessen wie gekocht."


    Tom blickte einer jungen Frau nach, allerdings nahm er sie nicht wirklich wahr. Bei einer anderen Gelegenheit hätte er sie vermutlich angesprochen, aber jetzt war es wirklich nicht passend.


    Dann erinnerte sich Tom an das Auto, das unbemerkt den Tatort verlassen hatte und er noch meinte, den Umriss einer Frau erkannt zu haben. Er hatte das komplett verdrängt und wollte sich die Frau doch näher angucken und war schon auf dem Sprung, aber da war sie schon weg, wie vom Erdboden verschluckt.


    Semir blieb die plötzliche Aktivität seines Partners nicht verborgen und sah ihn fragend an.


    "Wo ist sie hin?" fragte er Semir. "Wer?" erwiderte dieser nur.


    "Na die Frau, die hier eben langgegangen ist", gab Tom leicht genervt zurück. Semir fasste das falsch auf und meinte grinsend: "Wie kannst Du jetzt nur an ein Date denken?"


    Tom sah entnervt aus dem Fenster, ging hin und her und begann dann von dem Auto zu erz?hlen.


    "Semir, es gibt da etwas, das ich bis eben völlig vergessen hatte...Du erinnerst Dich noch an das dritte Auto, das kurz vor der Schießerei auf den Parkplatz fuhr und dann unbemerkt verschwunden ist?"


    Semir holte sich jenen Abend ins Gedächtnis und nickte. "Aber ich habe gar nicht mitbekommen, das sich das Fahrzeug entfernt hat."


    "Ja, mir wäre das auch fast entgangen, ich habe das auch mehr aus dem Augenwinkel gesehen. Und ich meine, eine Frau am Steuer gesehen zu haben, und die sah so aus, wie die, die hier gerade vorbeigegangen ist..." Tom sah Semir an, der seinen Ausführungen mit einem leicht belustigten Ausdruck folgte.


    "Du denkst, ich spinne." Tom sah seinen Partner direkt in die Augen. Der kratzte sich verlegen am Hinterkopf. "Na ja, nicht direkt, aber Du musst doch zugeben, es klingt schon ein wenig an den Haaren herbeigezogen."


    Noch bevor die beiden diese Unterhaltung vertiefen konnten, wurden sie in den Saal gerufen, um ihre Aussagen zu machen.


    Der Saal erinnerte die beiden eher an einen Prüfungsraum als an ein Anhörungszimmer, was jedoch keineswegs zu ihrer Erleichterung beitrug. Sie wurden zu einem Tisch in der Mitte des Raumes gebeten. Nachdem beide Ihren Bericht gemeinsam abgeben hatten, wurden auch beide befragt. Zuerst wurden routinemäßig die Personalien und Dienstnummern festgehalten, dann folgten Fragen zur jenen Nacht Anfang Juli.


    Einer der Männer im Ausschuss übernahm den Hauptteil der Fragen, seine Kollegen hakten nur bei Details nach.


    "In Ihrem Bericht geben Sie an, dass Sie vom LKA als Unterstützung bei einer Observation angefordert worden sind. Ist dies korrekt?"


    Beide Kommissare stimmten dem zu, ebenfalls bei den Rückmeldungen während der Observationen.


    "Gut, gegen Mitternacht sahen sie zwei Fahrzeuge, die auf dem Parkplatz parkten, zwei Männer unterhielten sich. Um dem Gespräch folgen zu können, näherten Sie sich den mutmaßlichen Verdächtigen. - Sie erwähnen aber mit keinem Wort, das Sie mit den Kollegen vom LKA, ihr weiteres Vorgehen abgesprochen haben. Bitte erläutern Sie mir das."


    Tom und Semir holten tief Luft und rangen nach einer Erklärung. Denn sie hatten dies in der Tat nicht getan. Semir begann als erster mit der Antwort und hoffte, sie klang irgendwie logisch.


    "Tja, wir hatten einen sehr ungünstigen Observationsplatz und da wir nicht ausschließen konnten, dass es sich hierbei tatsächlich um die mutmaßlichen Verdächtigen handelt oder um harmlose Reisende, entschlossen wir uns direkt vor Ort zu begeben, was uns in Anbetracht der Situation angebrachter erschien."


    Semir sah während seiner Ausführung die ganze Zeit direkt zum Ausschuss, was in Anbetracht der Situation gar nicht so einfach war. Er spürte, wie seine Hände feucht wurden, während sich die Männer Notizen machten. Dann wurde Tom gefragt, ob er dem noch etwas hinzufügen wollte. Er verneinte.


    "Herr Kranich, was konnten Sie dem Gespräch entnehmen?"


    Tom richtete sich ein wenig gerader auf und begann seine Aussage:


    "Tja, die beiden Männer führten eine gestenreiche Unterhaltung, jedoch konnten wir rein akustisch die ganze Unterhaltung nicht mitbekommen."


    "Was konnten sie denn der Unterhaltung entnehmen, Herr Kranich?" hakte einer der Männer nach.


    Tom rief sich kurz das Gespräch in Erinnerung und gab es kurz wieder, so, wie er es im Bericht verfasst hatte. Er vermied dabei jede eigene Meinung und hoffte inständig, weiteres Nachfragen entgehen zu können. Seine Rechnung ging auf, der Ausschuss gab sich mit der Antwort zufrieden.


    Die weiteren Fragen bezogen sich auf die Verfolgung des flüchtigen Fahrzeuges, dem aber keine größere Bedeutung zugemessen wurde, außer, das die beiden Beamten das falsche Auto gestoppt haben.


    Dann schienen sich die Männer kurz zu beraten. Weder Tom und Semir gefiel die Situation, sie waren innerlich angespannt und hofften, mit einem blauen Auge davonzukommen. Nach ein paar Minuten, die den beiden wie eine Ewigkeit vorkam, meinte schlie?lich einer der Männer abschließend:


    "Herr Kranich, Herr Gerkhan. Vielen Dank für Ihre Aussage. Eine weitere Verfolgung der Angelegenheit in dieser Sache seitens der Staatsanwaltschaft wird es nicht geben, da hier wohl -Gefahr im Verzug- war und Ihr Verhalten vermutlich keinen direkten Einfluss auf den weiteren Verlauf der Situation hatte. Jedoch möchte ich nicht versäumen, Sie eindringlich daraufhin zu weisen, dass Ihr eigenmächtiges Handeln Sie, den Einsatz, und auch andere, wahrscheinlich unbeteiligte Personen in Gefahr bringen kann. Ich werde Ihrer Vorgesetzten Frau Engelhard eine entsprechende Anweisung zukommen lassen."


    Damit war die Anhörung für Tom und Semir beendet, mit dem erhofften blauen Auge. Aber wirklich glücklich war keiner von beiden, wenn auch keiner eine gewisse Erleichterung über den Ausgang verleugnen konnte.


    Semir lockerte die Krawatte, nachdem die Tür geschlossen wurde, atmete tief durch und stubste seinen Partner an, der wie in einer anderen Welt versunken schien. Tom zuckte zusammen, denn er war in Gedanken wieder bei der Frau und dem Auto vom Parkplatz.


    "Hey, Erde an Tom."


    "Häää"


    "Alles ok, Tom?"


    "Ja, alles ok. Wie wär´s mit Frühstück?"


    "Bei mir oder bei Dir?" scherzte Semir, doch bevor die Frage geklärt werden konnte, klingelte Toms Handy.


    "Kranich... Ja, Chefin, die Anhörung ist beendet... Ja, wir sind auf dem Weg. - Ok, das Frühst?ck muss warten, die Engelhard erwartet uns in der Dienststelle."


    Semir sah nicht gerade glücklich aus: "Erst kann ich nichts essen, jetzt darf ich nicht. Hat sie gesagt worum es ging?"


    Tom sah seinen Partner mit gespieltem Mitgefühl an: "Tja, das tut mir jetzt echt leid für Dich, aber glaub mir, Du bist nicht alleine. Und nein, sie hat nicht gesagt, worum es geht, nur, das wir uns unverzüglich dort sein sollen."


    In der Tiefgarage stiegen sie in Toms CLK. Als er losfuhr, wurde er von einem Wagen geschnitten, der wie aus dem Nichts kam. Tom ging in die Eisen, fluchte erst und schien dann zu erstarren.


    "Mensch, das ist doch der Wagen vom Parkplatz."


    Semir verstand erst nicht, was sein Partner da quatschte, dann ging ihm ein Licht auf. "Tom, das wäre ja ein arger Zufall, außerdem war es dunkel, und weißt Du wie viele dunkle Sportwagen in dieser Stadt rumfahren?´"


    Tom nickte zustimmend. "Hast ja recht, aber für einen Moment dachte ich wirklich, es wäre der Wagen."


    "Ich glaube, wir sollten uns der Sache mit dem ominösen dritten Wagen mal bei Gelegenheit näher beschäftigen, ehe Du ganz durchdrehst. Und mich würde ehrlich gesagt auch interessieren, was das mit dem dritten Wagen auf sich hatte," meinte Semir versöhnlich. Semir machte sich so seine Gedanken. Fixe Ideen hatte sein Partner ja schon öfters, aber das hier machte ihm schon Gedanken.


    Tom nickte zustimmend. "Gut, dann lass uns fahren, ehe die Chefin nach uns fahnden lässt." Tom konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und gab Gas.


    Kapitel 3

    Zu Toms Erleichterung schafften sie den Weg zur Dienststelle ohne Zwischenfälle. Er hatte für heute genug Erklärungen abgeben müssen.


    "Hey, ich kann mir denken, warum die Engelhard uns sehen will."


    "Lässt Du mich an Deinem Wissen teilhaben oder muss ich dumm sterben?" entgegnete Tom.


    "Nee, aber wir sollen doch einen neuen Kollegen bekommen, der sich mal unseren Alltag so angucken soll."


    "Tja, dann hoffen wir mal, das der Kollege das überleben wird, so mit Dir..."feixte Tom.


    "Ha, Ha. Wer sagt, denn dass er mit mir auf Streife gehen wird? - Hey, Tom, is´ was?"


    Tom wandte seinen Blick wieder zu Semir und schüttelte nur den Kopf.


    "Na dann ist ja gut, dachte, Du siehst schon wieder weiße Mäuse,"antwortete Semir belustigt.


    Tom verriegelte den Wagen und behielt für sich, dass er hier auf dem Parkplatz der Dienststelle einen dunklen Sportwagen entdeckt hatte, der dem Modell ähnelte, das er zum ersten Mal in jener Nacht gesehen hatte. Vermutlich würde ihn sein Partner irgendwann doch für verrückt erklären.


    "Semir, ich komme gleich, hab noch was vergessen." Semir nickte und ging schon mal rein, während Tom zu dem Wagen ging, um ihn sich mal näher anzusehen.


    Semir schlug den Weg direkt zum Büro ein, begrüßte ein paar Kollegen und hoffte unbemerkt noch schnell in die Teeküche für eine Tasse Kaffee zu gelangen. Doch zu früh gefreut. Kaum, dass er im Großraumbüro gelangt war, hörte er, wie Anna Engelhard ihn in ihr Büro rief.


    "Wo ist Tom?"


    "Hm, tja, der wollte.." stotterte Semir, doch wie bestellt, stand sein Partner hinter ihm. Manchmal verfluchte er seinen Partner für diese Extratouren.


    "Morgen, Chefin," gab Tom mit seinem berühmten Lächeln zum Besten.


    Anna Engelhard konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Sie kannte und mochte ihre besten Männer, auch wenn sie sie mit derartigen Aktionen wie vor einigen Tagen schon manchmal zweifeln ließ, ob die beiden ihre Tätigkeit als Polizeibeamte nicht mit der als Cowboys verwechselten. Und die kommende Aufgabe würde bestimmt nicht dazu beitragen, dass die beiden sich wie professionelle Beamte der Kripo Autobahn verhalten würden. Trotzdem musste sie es riskieren.


    "Guten Morgen. Bitte kommen Sie in mein Büro."


    Die beiden Polizisten folgten ihrer Chefin. Tom schloss die Tür. Beide warteten nun, was jetzt wohl auch immer kommen möge.


    "Sie erinnern sich vielleicht noch, dass uns ein Kollege, der an der Polizeischule unterrichtet, angekündigt worden ist, der unseren Alltag beobachten soll, um den Unterricht praxisnahe zu gestalten." Tom und Semir sahen sich an und nickten. Dann fuhr Anna Engelhardt fort und deutete auf den Stuhl neben den beiden Kommissaren.


    "Meine Herren, Ich darf Ihnen für die nächsten zwei Wochen Frau KHK Denise Springer in Ihre Obhut geben."


    Erst jetzt nahmen die beiden Notiz von der jungen Frau. Sie sahen sich verblüfft an. Sollte nicht ein Kollege kommen? Tom fand als erster die Worte wieder: "Kranich. Tja, dann mal willkommen. Wir werden unser bestes tun, damit Sie hier unseren Alltag an der Autobahn kennenlernen." Tom hielt ihr zu Begrüßung die Hand hin.


    Denise Springer lächelte lediglich höflich und meinte nur: "Gut, ich bin gespannt!"


    Semir löste sich ebenfalls aus seiner Starre und stellte sich vor. Auch er bekam nur eine höfliche kurze Antwort. Tom und Semir tauschten einen kurzen Blick. "Das kann ja heiter werden," dachten beide.


    "Gut, nachdem dann die Förmlichkeiten ausgetauscht sind, erwarte ich Sie morgen hier um 9Uhr, Frau Springer. Alles andere haben wir ja bereits besprochen"


    "In Ordnung Frau Engelhard. Ich freue mich auf die nächsten zwei Wochen. Auf Wiedersehen."


    Damit verließ die Kommissarin das Büro. Tom und Semir wollten das gleiche machen, wurden aber noch von ihrer Chefin zurückgehalten: "Einen Moment noch, meine Herren. - Ich erwarte für die nächsten zwei Wochen keinerlei Extratouren. Sie halten sich bitte ausnahmsweise an die Regeln. Das bedeutet, Sie verwechseln die Autobahn bitte weder mit einer Rennstrecke noch mit einem überdimensionalen Schrottplatz. Noch werden Sie eigenmächtig irgendwelche Spuren verfolgen, kein Räuber-und-Gendarm-Spiel, nichts in der Richtung. Ich hoffe, wir haben uns verstanden."


    "Aber Chefin..." begann Semir mit einer versöhnlichen Stimme, aber ein Blick ließ ihn verstummen. Dann wechselte sie das Thema.


    "Wie war übrigens die Anhörung?"


    Beide drucksten erst ein wenig rum, dann meinte Tom: "Na ja, alles halb so wild."


    "Ja, ist ganz gut gelaufen," stimmte Semir zu.


    Anna Engelhard lehnte sich zurück und grinste. "Schön, meine Herren. Das war´s dann erst mal für den Moment."


    Tom und Semir retteten sich erst einmal in die Teeküche. "Der erste Kaffee des Tages. Du auch?" Tom goss sich eine Tasse voll ein und sah dann zu seinem Partner. Semir nickte und war schon dabei, sich eine Tasse aus dem Schrank zu holen, als Tom ihm die leere Kanne hinstellte: "Na fein, dann setz doch mal eine Kanne auf."


    Semir ersparte sich jeglichen Kommentar, ging stattdessen auf die neue Kollegin ein: "Sag mal, was hälst Du von der Kollegin Springer?"


    Tom sah seinen Partner an, überlegte kurz und antwortete schließlich: "Ich glaube, entweder werden wir nach den zwei Wochen Frostbeulen haben, oder an Einsilbigkeit leiden."


    "Wir sollen ihr ja nur den Alltag auf der Autobahn zeigen..." Semir war Tom einen vielsagenden Blick zu, jedoch schüttelte dieser nur den Kopf und verneinte heftig. "Tja, wenn Du meinst." Mit einem Blick auf die leere Kanne fügte Semir hinzu: "Was meinst Du, schaffen wir es bis in die Raststätte, um zu frühstücken?" Semir kannte seinen Partner, je mehr er ihn aufzog mit dem Thema, um so heftiger würde es abstreiten, nur um ja nicht zugeben zu müssen, dass er sich mal wieder verguckt hatte. Zu oft hatte er schon Pech gehabt mit den Frauen, jetzt war er lieber vorsichtig, ehe er es sich eingestehen wollte, dass er verliebt war. Zumindest reichlich Gesprächsstoff für die nächsten zwei Wochen. Für den Moment interessierte ihn aber eher sein Magen. Und diesen Anzug gegen seine bequeme Kleidung zu tauschen. Tom schien seine Gedanken lesen zu können und meinte: "Hat Andrea heute nicht frei? Sie macht uns doch bestimmt ein leckeres Frühstück."


    Gemeinsam verließen sie die Dienststelle.


    Kapitel 4
    "Du bist ein Idiot!" schimpfte eine Männerstimme durchs Telefon. Der Teilnehmer des Gesprächs hielt den Hörer ein Stück vom Ohr weg. Er wusste was jetzt kam. Der Deal war geplatzt und die Bullen hätten ihn fast gehabt. Daniel Garcia nahm die Tirade mit relativer Gelassenheit. Zu lange war er in diesem Geschäft, als dass er sich von jedem Rückschlag verunsichern ließ. Sicher, zu Anfang war er auch nervös und reagierte impulsiv, aber das hat sich gelegt. Wie sollte man sonst überleben"


    Erst als die Männerstimme am anderen Ende der Leitung fertig war, antwortet Garcia. Vorher h?tte es eh keinen Sinn gehabt. Er kannte seinen Gegenüber, hatte schon viele dieser Art Kommen und Gehen sehen.


    "Nichts ist ohne Risiko. Und wer konnte ahnen, dass er die Panik bekam und auf einmal mit den Bullen redet? Aber die Lücke ist geschlossen und wir können weitermachen, wenn sich der Rauch ein wenig gelegt hat."


    Garcia zog genüsslich an seiner Zigarette, während er auf die Reaktion wartete. Im Gegensatz zu seinem Gesprächspartner war er recht zufrieden mit dem Ausgang jenen Abends. Er wog sich in Sicherheit. Sein Laden war seit einiger Zeit ein angesagter Treff für gut betuchte Partyleute. Niemand würde auf die Idee kommen, dass ausgerechnet der Chef eines Szeneladens, in dem ja auch wichtige Leute aus der hiesigen Wirtschaft verkehrten, noch ein lukratives Nebeneinkommen hatte. Garcia genoss dieses Gefühl der Sicherheit. Sein Geschäftspartner hingegen hatte teilte diese Sorglosigkeit in keinster Weise und machte dies auch deutlich: "Garcia, es ist definitiv noch nicht vorbei. Auch wenn die Lücke geschlossen ist, so hat das LKA leider das Interesse noch nicht verloren."


    Auch das konnte Garcia nicht aus der Fassung bringen.


    "Die Herren ermitteln doch immer wieder mal, aber sie werden nichts konkretes finden. Ansonsten bekommen sie einfach mal ein paar Häppchen, damit die Presse und das Ego der Herren mal wieder befriedigt ist. Und wir sind aus dem Schneider. War es jemals anders?"


    Garcia drückte die Zigarette aus. Er hörte, wie am anderen Ende der Leitung nach Luft gerungen wurde. Garcia hielt das Gespräch schon für beendet und wollte auflegen, um sich einen Drink zu genehmigen, als dann doch noch eine Antwort kam.


    "So einfach ist das dieses Mal leider nicht, mein Freund." Wieder eine Pause. "Es wird wieder eine Soko ins Leben gerufen, die gleiche, wie damals. Wir laufen Gefahr, das dann alles wird wieder aufgerollt wird. Es geht um mehr als nur um das Geschäft, um viel mehr."


    Garcia rieb sich die Stirn. Er war nicht wirklich besorgt, aber der Tonfall seines Geschäftspartners beschäftigte ihn doch. Das letzte kam bei ihm fast wie eine Drohung an, ruhig und sachlich. Hätte er weitergebrüllt, hätte er dem wohl keinerlei Bedeutung beigemessen, aber das es dieses mal um mehr ging, als um den Erhalt des Geschäfts, gefiel ihm nicht. Und das die Probleme seines Geschäftspartners damit zu tun hatten, missfiel ihm besonders.


    "Hör mal,...das Geschäft ?berlass mir, alles andere ist Dein Problem und darf uns nicht touchieren. Ich hoffe, wir haben uns verstanden..."


    Es klickte in der Leitung und das Freizeichen ertönte. Das Gespräch war beendet. Garcia warf sein Handy auf die Theke und fluchte. Seine innere Ruhe war für den Moment wie weggeblasen. Er trommelte mit den Fingern auf den Tresen und überlegte, wie er größeren Schaden abwenden konnte.


    "Gibt es Schwierigkeiten, Boss?" fragte ein großer Mann, einer der Türsteher, aber auch oft Lösung vieler Probleme.


    Garcia sah ihn an und winkte dann ab: "Nichts, dass nicht wieder hinzubiegen wäre."


    Er entschloss sich, fürs erste abzuwarten, wenn auch nicht gerne. Allerdings hätte blinder Aktionismus auch keinen Zweck. Er wusste ja nicht, was sein Partner vorhatte. Sollte es aber nicht zu seiner Zufriedenheit, würde sich sein Vertrauter gerne dieses Problems annehmen.


    Kapitel 5
    Der nächste Morgen begann wie immer. Semir saß schon seit fast einer halben Stunde im Büro und ging diverse Akten durch, vervollständigte Berichte und sah inzwischen fast jede Minute auf die Uhr. Er war nervös. Gleich sollte die neue Kollegin kommen und sein Partner war nicht da. Unpünktlichkeit war fast wie Toms Markenzeichen. Vermutlich hatte er es total vergessen, was heute für ein Tag war. Als es dann an die Tür klopfte, drehte Semir sich nicht um, sondern antwortete nur: "Na endlich. Sag mal, seit wann klopfst Du denn an? Übst Du schon für die Kollegin?"


    "Ihnen auch einen guten Morgen, Herr Gerkhan."


    Semir drehte sich erschrocken um, als er eine Frauenstimme hinter sich hörte.


    "Oh...Entschuldigung...Guten Morgen, Frau Springer...ich dachte es wäre mein Partner, er steckt wohl noch im Stau..." versuchte sich Semir zu entschuldigen. Aber Denise Springer sah ihn durch ihren Pony an. Ihre lange blonden Haare hatte sie sich zu einem Zopf geflochten und trug dazu einen beigen Hosenanzug. Semir betrachtete sich Denise Springer und kratzte sich hinterm Ohr. Denise zog fragend die Augenbrauen hoch. "Geht es Ihnen gut, Herr Gerkahn?" Sie hatte sehr wohl seinen sie musternden Blick bemerkt, machte sich aber einen Spaß daraus, ihn ein wenig zu ärgern.


    "Hmm, alles ok. Kann ich Ihnen einen Kaffee bringen?" fragte Semir schließlich.


    "Tja, das wird ja wohl noch ein wenig dauern, warum nicht." Damit setzte sie sich auf einen der freien Stühle im Büro. Semir verließ das Zimmer und schloß die Tür hinter sich. Andrea sah in grinsend an: "Harte Nuss?" Semir winkte ab und ging in Richtung Küche. Dann machte er auf dem Absatz kehrt, ging zu seiner Frau und gab ihr einen zärtlichen Kuss. "Hat Tom sich schon gemeldet?" Andrea schüttelte lächelnd den Kopf. "Dass kann ja heiter werden", gab Semir resignierend zurück. "Mein armer Schatz", hauchte Andrea ihm zu. Semir rang sich zu einem Lächeln durch und ging weiter in Richtung Teeküche.


    Dort rempelte er mit Tom zusammen. Ärgerlich blitzte Semir seinen Kollegen an. Tom zuckte nur die Schultern, was sollte er auch anderes machen.


    "Sag mal, wo warst Du? Die liebe Kollegin ist schon da, in bester Eisbergmanier," zischte Semir, während er eine Tasse mit Kaffee füllte. Erst da fiel ihm ein, dass er nicht nachgefragt hatte, wie sie ihn wollte, aber das war jetzt im Prinzip auch schon egal nach dem ersten Aufeinandertreffen. "Versuchst Du sie aufzutauen?" witzelte Tom und deutete auf die Tasse.


    "Wo warst Du?" nahm Semir seine Eingangsfrage wieder auf.


    Tom lächelte seinen Partner an und meinte: "Ich konnte mich einfach nicht entscheiden, was ich heute anziehen sollte."


    "Witzbold. Los komm, sonst fährt sie noch alleine Streife."


    Zurück im Büro saß Denise immer noch auf dem Stuhl und sah ungerührt zu Tom und Semir, als sie das Zimmer betraten.


    "Guten Morgen, Frau Springer. Tja, ich würde sagen, wir zeigen Ihnen zuerst unser Einsatzgebiet." Tom nahm von ihrem Outfit nur kurz Notiz, Semir hatte ihm schon berichtet, dass er sie wohl zu genau betrachtet hatte und dafür auf wenig Gegenliebe gestoßen ist. So kam er lieber gleich zur Tagesordnung, vor allem, um auch eventuelle Fragen über seine Unpünktlichkeit zu meiden.


    Denise sah auf Ihre Uhr und meinte nur: "Zumindest ist Ihre Einsatzbesprechung schneller als Ihr Anfahrtsweg."


    "Können wir dann?" Tom wirkte irritiert. Für den Moment wusste er keine Antwort. Er wunderte sich selber ein wenig darüber, da ihm das nur selten passierte. Semir sah ihn mit großen Augen an, als sie die Dienststelle verließen, Tom schüttelte nur den Kopf.


    Semir hielt Denise die Tür des Fonds seines BMW´s. Damit schien zumindest er wieder Boden bei ihr gut gemacht zu haben. Tom stieg schweigend in den Wagen und beobachtete Denise verstohlen im Innenspiegel. Die Frau oder besser irgendetwas an ihr irritierte ihn, aber er konnte nicht sagen, was es war oder warum. Während sie die Strecken abfuhren, erklärte Semir Denise das Gebiet und umriss kurz den regulären Tagesablauf. Immer wieder wurden sie von kleineren Fahrzeugkontrollen unterbrochen. Doch zum Glück blieben größere Zwischenfälle aus, sehr zur Erleichterung der beiden Kommissare. Inzwischen entspannte sich auch Tom wieder und kehrte zur Tagesordnung zurück. Er verwarf die Gedanken über die neue Kollegin und die Vorfälle der letzten Tage und konzentrierte sich voll und ganz auf seine Arbeit.


    Bei einer der Verkehrskontrollen hielten sie eine junge Fahrerin an, die ein wenig zu langsam auf der linken Seite fuhr.


    Tom sah die sichtlich nervöse junge Frau an und versuchte es auf die lockere Art.


    Er lächelte sie an und bat um die Papiere. Er registrierte sofort, dass sie noch unerfahren im Umgang mit dem eigenen Auto und anderer Verkehrsteilnehmer war und beließ es bei einer mündlichen Verwarnung und gab außerdem noch ein paar Ratschläge.


    Tom und Semir waren zufrieden, aber ihr Schätzling sah die Situation anders und gab prompt ihren Senf dazu.


    "Das verstehen Sie also unter -professionell-."


    Tom sah in den Innenspiegel und gab im gleichen kurzangebundenen Tonfall zurück:


    "So, wie hätten Sie denn das gemacht?"


    "Nun, zuerst hätten Sie die ganze Unterweisung auch kürzer halten können. Das kam ja einer Nachschulung gleich und war somit komplett fehl am Platz. Zudem ist übermäßige Höflichkeit ebenfalls unangebracht, es könnte zu Ihrem Nachteil ausgelegt werden. Eine kurze formlose Ermahnung hätte vollkommen ausgereicht."


    "Sind Sie fertig?" fragte Tom leicht ungehalten. Ehe sie noch etwas dazu sagen konnte, fuhr er fort: "Dann möchte ich mal ganz kurz anmerken, dass Sie hier nur stille Beobachterin sind, aus guten Grund nehme ich mal an."


    Damit war das Thema vom Tisch, für´s erste zumindestens, denn ein dunkler Sportwagen, der sich an Semirs Wagen geheftet hatte, weckte ihre Neugier.


    "Der scheint Dich ja gerne zu haben."


    Semir warf einen Blick in den Spiegel und meinte dann: "Aber so viel Zuneigung mag weder ich noch mein Wagen. Den ziehen wir raus, mal sehen, was er uns zu sagen hat."


    Tom schaltete die Signallampe an, die den Wagen zum Folgen aufforderte und wollte soeben den Wagen mit der Kelle zu einer Haltebucht dirigieren, als es sich der Fahrer des Wagens anders überlegte und mit Vollgas an Semir vorbeizog. Semir machte sich fluchend an die Verfolgung.


    Der schwarze Wagen schlängelte sich gewagt durch die andere Fahrzeuge, hätte dabei fast zwei andere Autos gerammt, die im letzten Moment noch ausweichen konnten und nach einigen Drehern in der Leitplanke landeten. Semir lenkte den Wagen geschickt mit hohem Tempo weiter, konnte jedoch nicht verhindern, dass sie im Fahrzeuginneren kräftig durchgeschüttelt wurden. Für Tom gehörte es schon fast zur Alltagsroutine, die er in der vergangenen Zeit schon fast vermisst hatte. Aber für Denise war das eine sehr neue Erfahrung und hatte für einige Minuten das Gefühl, sich in einer Schleuder zu befinden.


    "Wenn der so weiter fährt, passiert noch etwas," stellte Tom fest und forderte, immer wieder unterbrochen von einem rasanten Fahrbahnwechsel, Verstärkung an und ließ von Andrea das Kennzeichen überprüfen.


    Mit gemischten Gefühlen sahen Tom und Semir einen LKW, der einen Kollegen überholte. Entweder würde der Raser ausgebremst werden oder es würde gleich einen Crash geben. Doch es kam ganz anders: Der schwarze Sportwagen bremste im letzten Moment ab, zog auf die rechte Seite und setzte seine Fahrt auf dem Standstreifen fort. Semir versuchte dem Flüchtigen zu folgen, hatte aber die Rechung ohne dem nachfolgenden Verkehr gemacht und wurde prompt gerammt. Ein unsanfter Ruck ging durch das Auto und drehte schließlich drehte der BMW sich um die eigene Achse. Semir versuchte alles, um den Wagen wieder unter Kontrolle zu bringen. Die Aktion gelang, aber durch die Drehungen wusste Semir nicht mehr genau, wo er war fuhr geradewegs in Richtung Böschung und kam dort unsanft zum Stehen. Jedoch blieben die Pirouetten nicht ohne Folgen, denn nachfolgende Autofahrer bremsten oder versuchten auszuweichen, was dazu führte, dass Fahrzeuge ineinander fuhren oder in der Leitplanke endeten. Andere Autos fuhren nahezu ungebremst in das Stauende. Nach einer halben Ewigkeit kamen die ersten Autos zum Stehen, Leute verließen, teils leicht verletzt, teils unter Schock ihre Fahrzeuge. Inzwischen waren auch die ersten Rettungsfahrzeuge vor Ort und kümmerten sich um die Opfer.


    Tom und Semir sahen sich an, dann erst warfen sie einen Blick auf die Rückbank. Wie aus einem Mund fragten die beiden: "Alles in Ordnung bei Ihnen?"


    Denise schnaubte vor Wut. Sie konnte nicht glauben, was sie da eben erlebt hatte. Sie beschloss, keine weitere Minute mehr, mit diesen Chaoten in einem Fahrzeug zu bleiben und stieg aus. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sie keine Verletzungen hatte, machte sie sich zu Fuß auf den Weg, um sich mit dem nächsten Streifenwagen mitnehmen zu lassen.


    Tom und Semir stiegen ebenfalls aus. Während sein Partner fassungslos zu den Schrottautos sah, rief Tom ihr hinterher: "Wo wollen Sie denn hin?"


    "Weit weg von hier!"


    "Etwa zu Fuss?"Tom sah sie entgeistert an.


    "Egal, besser als mit Ihnen zu fahren!" erwiederte sie laut, setzte unbeirrt ihren Weg fort und hielt dabei Ausschau nach einem Streifenwagen.


    Tom war wütend und streckte hilflos die Arme in die Luft, nur um sie gleich wieder mit viel Frust im Bauch runtersausen zu lassen. Dann sah er zu Semir, der die Szene schweigend verfolgt hatte. Beide konnten sich jetzt ausmalen, was auf sie zukam. Und das trug nicht gerade zu Besserung von Toms Stimmung bei. Allerdings hatten sie für den Moment wichtigeres zu tun, als sich um Denise Gedanken zu machen. Sie war erwachsen und brauchte keinen Babysitter, sie mussten sich jetzt erst einmal um die Unfallfolgen kümmern.


    Ein paar Stunden später standen beide Kommissare dann in Anna Engelhards Büro, die nun ihren Ärger Luft machte. Sie kannte ihre Männer und bei einer erfolgreichen Verfolgungsjagd konnte sie einen geschrotteten Dienstwagen und ein paar Blechschäden verkraften. Aber das hier überstieg das Maß der Dinge.


    Die beiden Kommissare ließen die Standpauke über sich ergehen, eine wirklich andere Wahl hatten sie ja auch nicht.


    "Ich erwarte Ihren Bericht und eine Stellungnahme zu diesem Vorfall. Ihr Verhalten war in jeder Hinsicht unprofessionell," beendete die Chefin ihren Vortrag und sah dabei kurz zu Denise. Tom und Semir ahnten, wem sie das hier zu verdanken hatten und es stimmte sie nicht glücklich, vor allem Tom.


    Die wenig erfreuliche und auch einseitige Unterhaltung wurde durch Bonrath unterbrochen: "`tschuldigung, der Beamte vom LKA ist da...?


    Anna Engelhards Gesicht hellte sich mit einem Schlag auf: "Ah, sehr gut. Schicken Sie ihn rein, wir sind hier sowieso für´s erste fertig."


    Tom und Semir waren schon im Begriff zu gehen, als sie von ihrer Chefin aufgehalten wurden: "Meine Herren, das hier betrifft Sie ebenfalls..."


    Dann wandte sie sich an den Mann, der soeben Annas Büro betrat. Sie begrüßten sich herzlich.


    "Hallo Anna. Lange ist es her, ich freue mich auf die Zusammenarbeit. Danke, dass Du mir helfen willst."


    "Hallo Markus. Das ist doch Ehrensache. Ich hoffe, dass wir Dir helfen können. " Tom, Semir, das ist Markus Dietmeier. Er ist der kommissarische Leiter der Abteilung für organisiertes Verbrechen. Er hat uns um Unterstützung in einem Fall gebeten. Markus, das sind Tom Kranich und Semir Gerkhan, ich habe Dir ja von Ihnen schon erzhählt."


    Die beiden nickten zur Begrüßung und stellten sich unweigerlich die Frage, was ihre Chefin da wohl erzählt hatte, verwarfen aber den Gedanken gleich, da ihre Neugier geweckt war, denn es kam ja nicht alle Tage vor, dass das LKA die Kripo Autobahn um Hilfe bat. Meistens war man stiller Beobachter oder wurde des Platzes verwiesen.


    Markus Dietmeier erklärte kurz die Sachlage: "Seit einiger Zeit beobachtet das LKA Geldwäscheaktivitäten aufgrund eines Hinweises eines unserer Informanten. Wir gehen davon aus, dass der Vorfall, den Sie auf dem Parkplatz beobachtet haben, damit in Zusammenhang steht, denn seit jener Nacht haben wir keinen Kontakt mehr zu unserem Informanten. Wir haben eine Soko ins Leben gerufen, die sich mit dem Fall beschäftigen wird. Allerdings fehlen uns wie immer Leute und vor allem, solche, die wie Sie Freigeister sind, wenn sich das mal so sagen darf."


    "Das ist ja schön und gut, aber was können wir da pberhaupt machen?" meldete sich Semir zu Wort.


    "Zuerst werden Sie sich mit den Akten und vorläufigen Untersuchungsergebnissen befassen. Vielleicht stoßen Sie ja auf Ungereimtheiten, oder Ihnen fällt irgendetwas anderes auf. Entsprechende weitere Ermittlungsschritte sprechen Sie bitte mit Ihrer Vorgesetzten ab. Frau Engelhard wird in ständigen Kontakt zu mir stehen und können dann weitere Schritte einleiten. Soweit alles klar für´s erste?"


    Dietmeier sah die beiden Kommissare an und dann vorbei zu Denise Springer. Den beiden Kommissaren entging der Blickwechsel zwischen den beiden nicht.


    "Herr Gerkhan, Herr Kranich. Haben Sie noch fragen?" wiederholte Dietmeier. Die beiden verneinten. Dietmeier verabschiedete sich und sagte zu, die entsprechenden Unterlagen den Beamten umgehend zukommen zu lassen. Daraufhin verabschiedete sich Dietmeier.


    Damit entließ auch Anna Engelhard ihre Kommissare wieder zur ihre Arbeit.


    Semir war schon in Richtung Büro verschwunden, als Denise zu Tom sagte: "Sie erinnern mich an eine Katze." Sie sah ihm dabei direkt in seine Augen. Er hielt ihrem Blick stand. Zwar verstand er denn Sinn ihre Bemerkung nicht, aber zum ersten Mal seit Beginn dieses Tages sah er nicht diese Kälte ihren Augen. Es gefiel ihm, aber er konnte das Gefühl nicht einordnen und das irritierte ihn ein wenig. Er sagte nichts auf ihre Bemerkung, sondern nickte nur und folgte seinem Partner in ihr Büro, um mit den unliebsamen Bericht und der Stellungnahme zu beginnen.


    Etwa zur gleichen Zeit klingelte bei Garcia das Handy. Er sah zuerst auf das Display, dann meldete er sich: "Was gibt es, mein Freund?"


    "Ich habe keine guten Nachrichten." Der Teilnehmer machte eine kurze Pause. "Die Soko ist ab sofort aktiv."


    "Das hast Du mir ja schon angedeutet," versuchte Garcia zu beruhigen.


    "Ja, ja. Aber es kommt noch schlimmer. Es wurden zwei Kommissaren von der Kripo Autobahn hinzugezogen, ausgerechnet die beiden, die uns schon einmal beinahe die Tour versaut haben. Und sie ist bei ihnen."


    Jetzt war auch Garcias Neugier geweckt. Er wusste zwar, dass sein Geschäftspartner mal in eine krumme Sache verstrickt war. Er hatte nie nachgefragt, aber jetzt wollte er doch mehr wissen.


    "Wer ist ´sie´ und inwiefern könnte das ein Problem werden?"


    Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann folgte nur ein kurzes: "Ich hoffe um ihret Willen, dass es zu keinem Problem kommen wird." Dann wechselte er das Thema: "Garcia, wann können wir die nächsten Transaktionen durchführen?"


    "Wollten wir damit nicht warten?" Garcia war ein wenig verwirrt, aber auf der anderen Seite hatte er nichts dagegen einzuwenden, wenn trotz der Ermittlungen die Geschäfte so normal wie nur möglich weiterlaufen könnten. Garcia überlegte kurz und meinte dann: "Gut, meinetwegen. Ich melde mich morgen bei Dir wegen der Details." Dann war das Gespräch beendet.


    Semir hatte von Andreas Schreibtisch Tom und Denise beobachtet und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.


    "Hübsches Paar," meinte Semir. "Ein wenig kratzbürstig, aber sonst ein hübsches Paar."


    Andrea sah ebenfalls in die Richtung und zuckte nur mit den Schultern. "Du, ich habe etwas über den schwarzen Sportwagen rausbekommen. Der Mazda wurde heute früh als gestohlen gemeldet. Die Halterin ist eine gewissen Daniela Garcia. Hier ist die Adresse." Semir nahm den Zettel und küsste seine Frau zum Dank. "Was würde ich bloß ohne Dich machen."


    Die traute Zweisamkeit wurde jäh unterbrochen, als sich Tom dazugesellte.


    "Ich will ja kein Spielverderber sein, aber wir haben noch einiges vor."


    Semir löste sich von Andrea und war ihr noch einen Luftkuss zu, ehe er Tom ins Büro folgte.


    Kapitel 6
    Tom und Semir arbeiteten ihren Bericht durch, der unangenehme Teil ihres Jobs, jedenfalls für die beiden. Denise war bereits gegangen. Bei dem Gedanken an die Kollegin musste er auch unweigerlich an den dunklen Sportwagen denken. Sicher hatten sie nun den Namen der Halterin, aber er glaubte nicht, dass es sich hierbei um den gleichen Wagen handeln würde. Trotzdem würde er den Hinweis so bald wie nur möglich nachgehen.


    Semir sah zu seinem Partner rüber und machte sich so seine Gedankenüber ihn. Er holte sich die Szene in Erinnerung, als beide vor dem Büro der Chefin standen. Sie gäben ein hübsches Paar ab, wenn sie sich nicht gerade streiten, dachte Semir. Sein Partner war schon zu lange alleine, er hatte immer wieder Pech mit Frauen und als er endlich das große Glück gefunden hatte...Der Gedanke daran tat ihm selber weh.


    Tom bemerkte den Blick seines Partners: "Ist was, Semir?"


    Er schreckte zusammen: "Hmm? äh, ne...ich habe nur gerade an den schwarzen Sportwagen denken müssen. Ist schon irgendwie komisch."


    "Ja, kann schon sein. Vielleicht war es aber nur Zufall. Wie Du schon sagtest, es gibt viele dieser Autos," meinte Tom.


    "Hmhm. Übrigens hat Andrea die Halterin des Wagens ermittelt. Der Wagen wurde heute als gestohlen gemeldet. Vielleicht sehen wir uns das mal an."


    Semir reichte ihm den Zettel. Tom überlegte kurz und sah auf seine halbfertige Stellungnahme, ergänzte ein paar Sätze und druckte dann alles aus.


    "Ok, dann lass uns mal gehen." Semir folgte seinem Partner. Auf dem Weg zum Parkplatz wurde beide jedoch von ihrer Chefin aufgehalten.


    "Wo wollen Sie denn jetzt noch hin?"


    Tom und Semir sahen sich an, begannen zu stottern, bis Tom den rettenden Einfall hatte: "Wir arbeiten gerade an unseren Berichten und wollten noch ein paar Details abklären."


    Anna hob das Kinn, sie ahnte, das die beiden etwas im Schilde führten, wollte sie aber nicht zurückhalten, denn meistens lagen sie richtig mit Ihrer Ahnung.


    "In Ordnung. Aber denken Sie dran, für einen Tag haben Sie genug Schrott produziert," ermahnte sie sie. Damit verließen beide die Dienststelle und machten sich auf den Weg nach Köln.


    Nur knappe 30 Minuten später hielten die Beamten vor einem modernen Haus mit gepflegten Vorgarten. Tom und Semir stiegen aus und sahen sich um, während sie zur Tür gingen. Semir klingelte und kurz darauf wurde die Tür von einer dunkelhaarigen Frau Anfang vierzig geöffnet.


    "Bitte?" Sie sah beide Männer fragend an.


    "Guten Tag, Gerkhan,Kripo Autobahn, mein Kollege Kranich. Wir hätten gerne Frau Garcia kurz gesprochen."


    "Steht vor Ihnen. Was kann ich für Sie tun?"


    "Es geht um den schwarzen Mazda, den Sie heute morgen als gestohlen gemeldet haben," fuhr Tom fort.


    Daniela Garcia überlegte kurz und bat dann die beiden Polizisten ins Haus.


    "Ich war für ein paar Tage verreist, und als ich heute morgen ein paar Besorgungen machen wollte, war der Wagen weg. Gestohlen aus einer eigentlich einbruchsicheren Garage. Mir ist das immer noch ein Rätsel."


    "Wer hat denn alles Zugang zu der Garage?" wollte Semir wissen.


    "Das haben mich Ihre Kollegen heute morgen auch schon gefragt, und auch nach der Sicherung der Garage und des Wagens. Unterhalten Sie sich eigentlich nicht untereinander?" ereiferte sich Daniela Garcia.


    Dieses mal ergriff Tom das Wort: "Tja, wissen Sie, wir hätten gerne die Informationen aus erster Hand, vielleicht fällt Ihnen ja noch was ein, dass Sie heute Morgen nicht erwähnt haben, da es Ihnen nicht für wichtig erschien. Zudem muss ich Ihnen mitteilen, dass sich das Fahrzeug, dass Sie als gestohlen gemeldet haben, einer Verkehrskontrolle entzogen und durch seine Flucht einen Unfall verschuldet hat."


    Daniela wurde blass. Sie versuchte sich zu erinnern, was sie den Beamten in der Früh gesagt hatte, und ob es da nicht doch etwas göbe, dass sie in der Eile vergessen hatte. Dann rekapitulierte sie kurz: "Hm, die Codes für den Alarm kennt mein Mann und natürlich ich. Außerdem ein sehr guter Freund der Familie, falls mal etwas sein sollte, aber der ist zur Zeit im Ausland geschäftlich unterwegs. Es gibt für den Wagen einen Ersatzschlüssel, den bewahre ich immer in meinem Arbeitszimmer auf. Nur mein Mann kennt das Versteck. Mehr fällt mir im Moment nicht ein, wirklich."


    "Hat sie mal jemand beobachtet, wie Sie den Code eingegeben haben oder wo Sie den Ersatzschlüssel hingelegt haben."


    Daniela dachte nach und verneinte dann.


    "Können wir uns die Garage mal ansehen?" bat Semir. Daniela war einverstanden und zeigte sie den Beamten. Sie erläuterte kurz die Bedienung des Alarms. Tom und Semir sahen sich um und begriffen schnell, warum der Raum gesichert war. Unter einer Plane waren die Radkappen eines Jaguars zu sehen.


    "Ein Schmuckstück," bemerkte Semir.


    Daniela verstand erst nicht, sah dann aber in die Richtung, in der Semir deutete und meinte dann lächelnd: "Ah, der Wagen. Er gehört meinem Mann. Ich verstehe davon nicht viel, aber der Wagen war der Grund, warum wir die Anlage eingebaut haben. Mein Mann hütet ihn wie seinen Augapfel."


    Semir und Tom wechselten einen vielsagenden Blick.


    "Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, meine Herren?"


    Die beiden Polizisten verneinten und verabschiedeten sich schließlich. Die Beiden waren fast zur Tür raus, als Daniela ihnen hinterher rief: "Entschuldigen Sie...gab es...Verletzte oder Tote bei dem Unfall?"


    Semir drehte sich noch einmal um und antwortete: "Nein, nicht schlimmes. Zum Glück nur Blechschäden und ein paar Kratzer."


    Daniela nickte erleichtert und ging dann zurück ins Haus.


    "Warum klaut jemand einen Mazda, wenn er den Jaguar hätte mitnehmen können?" Tom nickte. Auch er konnte das nicht nachvollziehen.


    "Was haben wir bisher? Eine fehlgeschlagene Observation, ein toter Informant, ein schwarzer Sportwagen, der sich vom Tatort entfernt und uns ein paar Tage später verfolgt," resumierte Tom.


    "Viele lose Enden," bemerkte Semir.


    "Wird Zeit, dass wir das ändern," antwortete Tom.


    Damit stiegen beide ins Auto und fuhren zurück zur Dienststelle.


    Daniela Garcia beobachtete vom Wohnzimmerfenster aus, wie die beiden Beamten wegfuhren, nicht ohne eine gewisse Erleichterung. Sie hatte schon befürchtet, die beiden Polizisten würden noch mehr fragen. Schon die Streifenbeamten heute früh waren sehr neugierig und beide Male hatte sie Angst, sie würde nicht glaubhaft genug sein.


    "Bist Du denn von allen guten Geistern verlassen?" donnerte eine Männerstimme von der Zimmertür her. Daniela zuckte erschrocken zusammen.


    "Was meinst Du?" entgegnete sie schließlich.


    "Na, das Du die Bullen hier ins Haus holst." Daniel Garcia war stocksauer. Nicht genug, dass sein Geschäftspartner ihn in Schwierigkeiten bringen konnte, jetzt hatte seine Frau ausgerechnet die Polizisten im Haus, die auf ihn angesetzt waren.


    Daniela zuckte nur die Schultern: "Ich weiß nicht, worauf Du hinaus willst. Ich habe nur mein Auto als gestohlen gemeldet und die beiden Polizisten hatten noch ein paar Fragen."


    Daniel lief nervös auf und ab, rieb sich die Stirn und meinte dann: "Genau diese Leute waren neulich bei der Observation und haben mich hinterher verfolgt. Und jetzt sind sie auf mein Geschäft angesetzt. Außerdem waren noch nie die Bullen in diesem Haus, und schon gar nicht zwei Mal am Tag."


    Garcia war sichtlich gereitzt. Im Moment fühlte er sich im eigenen Territorium in die Enge getrieben, und das missfiel ihm sehr. Die Ruhe, die er noch am Vortag hatte war wie verflogen.


    Daniela sah ihren Mann an, so hatte sie ihn noch nie gesehen und versuchte zu besänftigen: "Stell Dir mal vor, was passiert wäre, wenn ich den Wagen nicht als gestohlen gemeldet hätte. Die hätten dann ganz andere Fragen gestellt. Vor allem, da mein Wagen in eine Verfolgungsjagd mit den beiden Beamten verwickelt war, die gerade hier waren. So sind wir raus aus dem Schneider. Ich habe den Wagen als gestohlen gemeldet, der Rest liegt nicht mehr an uns."


    Garcia war nicht wirklich gänzlich beruhigt: "Na ja, das wird sich noch zeigen, aber zumindest haben wir ein wenig Zeit gewonnen."


    Dann ging er an den Laptop, rief ein paar Daten ab und speicherte sie auf einer CD, mit der er sich dann aufmachte. Daniela lief ihm nach: "Wo willst Du denn jetzt noch hin?"


    "Ich muss noch ein Geschäft abschließen," meinte er nur.


    Sie sah ihn besorgt an: "Deine Geschäfte werden uns noch in Gefahr bringen, vor allem, wenn gerade wieder ermittelt wird." Daniela wusste um die illegalen Geschäfte ihres Mannes. Das war es, was sie damals so an ihm gereizt hatte. Sie taten sich zusammen. Zwar gerieten sie immer wieder in brenzlige Situationen, aber das hier war ein ganz anderes Kaliber. Sie fürchtete ernsthaft, das es dieses mal nicht so einfach werden würde. Zum ersten Mal seit Jahren spürte sie wieder so etwas wie Angst.


    Garcia drehte sich zu seiner Frau um und gab ihr einen langen Kuss: "Keine Sorge, Liebling. Mein Geschäftspartner tickt zwar nicht richtig, aber er weiß, wie wir das Ding sicher über die Bühne bringen." Damit verabschiedete sich Garcia und machte sich auf den Weg zu seinem Club.


    Kapitel 7
    Am kommenden Tag brüteten Semir und Tom über den Akten des LKA. Beide verglichen Ermittlungsergebnisse, Oberservationsberichte und Vernehmungsprotokolle. Hin und wieder unterbrachen sie ihre Tätigkeit, um sich einen Kaffee zu holen. Gegen Mittag blickte Semir schließlich auf und meinte: "Wo ist eigentlich unsere hübsche Praktikantin?"


    Tom nickte nur und meinte: "Vielleicht hat sie ja genug."


    "Die Frage ist nur, von wem." Semir blickte seinen Partner dabei an, doch der schien gänzlich ungerührt und las in den Akten. Dann schien etwas seine Aufmerksamkeit geweckt zu haben. Tom hielt ihm eine Aktennotiz mit Namen verschiedener Nachtclubs hin, und deutete auf die letzte Zeile.


    Semir nahm den Zettel und verstand. Ihm war dieser Name auch schon ein paar mal aufgefallen, jedoch ohne in Zusammenhang mit einem Vorgang zu stehen.


    Er stand auf und gab den Zettel Andrea: "Andrea, mein Schatz, ich glaube wir haben da was. Kannst Du bitte alles mit diesem Begriff für uns heraussuchen?"


    "Schwarze Witwe..."las Andrea vor. Sie sah ihren Mann an und meinte, sie würde ihr bestes versuchen, woraufhin Semir ihr einen Kuss gab.


    "Tom, Semir, in mein Büro bitte,"forderte Anna Engelhard ihre beiden Beamten auf.


    Beide tauschten einen kurzen Blick und folgten ihr dann. In ihrem Büro war Markus Dietmeier, so wie Denise Springer und ein weiterer Kollege, der ihnen als KHK Martin Reiter, der Leiter der Soko vorgestellt wurde. Nach einer kurzen Begrüßung folgte die Besprechung. Reiter gab den neuesten Stand der Ermittlungen bekannt und verkündete, das einige mutmaßliche Verdächtige, die mit dem Geldwäschering zu tun haben, heute im Kölner Medienhafen anzutreffen sein würden. "Wir brauchen für den Einsatz jeden Mann. Wenn die tatsächlich was damit zu tun haben, besteht eine gute Chance, an die Hintermänner ranzukommen."


    Semir schüttelte den Kopf: "Das sind doch bestimmt kleine Fische. Das wird ein Bauernopfer, mehr nicht. So kommen wir bestimmt nicht an die Hintermänner ran."


    Tom stimmte seinem Partner zu: "Aus den Akten geht hervor, dass das jedes Mal so war. Sobald man zu nah die Drahtzieher rankam, wurden ein paar Laufburschen mit einem fingierten Geschäft beauftragt. Die Beamten haben die Verdächtigen beobachtet, während an einer ganz anderen Stelle das eigentliche Geschäft über die Bühne ging."


    Reiter musterte Tom und Semir: "Das ist mir bekannt. Haben Sie eine bessere Idee? Wenn nicht, dann erscheinen Sie bitte heute um 15Uhr im Medienhafen."


    Damit war die Besprechung beendet und Beamten vom LKA verließen das Büro. Denise folgte den beiden und ging dabei so nah an Tom vorbei, dass er ihr Parfum deutlich wahrnahm. Bei dem Gedanken an Denise, klopfte sein Herz schneller. Er atmete tief durch und versuchte sich wieder zu beruhigen. Semir war das durchaus nicht entgangen und grinste ihn schief an: "Na, alles klar bei Dir oder soll ich den Arzt rufen?"


    Tom sah ihn verständnislos an und meinte: ?Wieso, der Eisberg ist doch gerade raus aus dem Büro."


    "Wenn Du meinst...Sag mal, warum ist die eigentlich mit den Leuten vom LKA weg?"


    Tom runzelte die Stirn und meinte: "Vielleicht hat sie ja wirklich genug von uns."


    "Eigentlich schade, denn ihr beide hättet ganz gut zusammengepasst."


    "Tja, Partner, ich glaube, jetzt siehst Du weiße Mäuse.? Damit ging Tom zurück ins Büro, um seine Jacke und die Autoschlüssel zu holen.


    Eine gute Stunde später befanden sich beide im Kölner Medienhafen auf ihren Beobachtungsposten. Bei ihnen befand sich wider Erwarten Denise Springer. Keiner von Beiden hatte mit ihrem Erscheinen gerechnet, und es kam ihnen auch nicht wirklich gelegen, eine unerfahrene Beamtin bei einer Observation dabei zu haben.


    Sie hofften inständig, dass dies hier nicht wieder in einer Schießerei enden würde, denn die Situation kam ihnen nur allzu bekannt vor. Und zu allem überfluss hatten sie nun auch noch auf Ihren Schützling aufzupassen.


    Semir sah auf seine Uhr, es war bereits nach 15Uhr und niemand war zu sehen.


    "Genauso wie damals," sagte Denise.


    Tom und Semir sahen sie an. Sie begriffen nicht ganz, was sie damit meinte. Anstand aber eine Erklärung abzugeben, schnappte sie sich ein Fernglas und sah angestrengt in die Ferne. Somit erblickte sie die ankommenden Fahrzeuge zuerst. Sie empfand die Wahl des Ortes schon fast zu auffällig. Hier in diese Gegend kamen fast nie Leute. Aber das behielt sie wohlweislich für sich. Stattdessen stubste sie Tom an und deutete in die Richtung der Fahrzeuge, wie zwei Männer ausstiegen, Koffer austauschten und den Inhalt prüften. Dann kam der Befehl "Zugriff". Und von da ab ging alles ganz schnell. Dunkle schwere Fahrzeuge umkreisten die Verdächtigen, von allen Seiten kamen Männer des SEK hervor und brüllten scheinbar wie wild durcheinander. Die Verdächtigten waren in kürzester Zeit entwaffnet und wurden gefesselt in die Einsatzwagen des SEK verfrachtet.


    Weder Semir noch Tom oder Denise konnten glauben, was sie das sahen. Ihnen ging das viel zu reibungslos. Auch wenn sie nichts gegen einen gelungnen Einsatz hatten, so war dies hier doch viel zu glatt.


    Nur wenig später beobachteten die Kommissare zusammen mit Denise in einem dunklen Zimmer hinter einer Spiegelwand das Verhör. Reiter und Dietmeier redeten ohne Unterlass auf die beiden Festgenommenen ein. Hin und wieder unterbrachen sie ihren Redeschwall damit die beiden Männer die Möglichkeit hatten, zu antworten, doch sie blieben stumm.


    "Die werden nicht reden," sagte Denise fast wie zu sich selbst. Tom und Semir sahen sich an und dann zu Denise. Sie bemerkte die fragenden Blicke der beiden und meinte schließlich: "Oh, das ist vergebliche Mühe, wie sie schon festgestellt haben."


    Die Antwort war nicht das, was Tom und Semir erwartet hatten, aber für den Moment gaben sie sich damit zufrieden.


    "Warum dürfen wir eigentlich bei dem Verhör dabei sein?" Semir sah seinen Partner an. Ihm war schon das gleiche durch den Kopf gegangen, konnte sich aber darauf auch keinen Reim machen.


    "Wir waren halt nur wieder Zaungäste, oder hast Du jemals erlebt, das das LKA uns ernsthaft an Ermittlungen beteiligt hat? Das war hier doch nur Kosmetik."


    "Tja, die Frage ist nur, wofür? Die beiden sind stummer als Fische. Aus denen bekommen die nichts raus."


    "Du hast doch Andrea den Namen gegeben, vielleicht hat sie etwas herausgefunden."


    "Hast recht, hier können wir eh nichts mehr ausrichten."


    Als beide den Raum verließen, hörten sie Denise hinter sich: "Nehmen Sie mich mit? Ich würde Ihnen gerne helfen." Sie sah Tom direkt an.


    Die beiden Kommissare sahen sich verdutzt an. Zum ersten Mal hörten sie keine Arroganz raus. Sie nickten nur und verließen dann gemeinsam das LKA.


    Von der anderen Straßenseite her wurden die drei ins Visier eines Objektivs einer Kamera genommen. Es klickte leise, während sie das Gebäude des LKA verließen, zum Wagen gingen, einstiegen und vom Gelände in Richtung Dienststelle fuhren.


    Dann verschwand das Objektiv wieder im Wagen, der daraufhin Toms CLK in Sichtabstand hinterherfuhr.


    Kapitel 8
    Es war fast Abend, als sie die Dienststelle wieder erreichten. Der Gedanke an den Bericht war nicht gerade erbaulich, denn keiner von beiden liebte den Schriftkram. Aber vermutlich würde der Bericht dieses Mal ohnehin recht kurz ausfallen. Es gab ja weder eine Verfolgung noch eine Schie?erei. Und bei einem flüchtigen Blick in den Innenspiegel war Tom dieses Mal besonders froh darüber.


    Keiner von ihnen bemerkte jedoch den schwarzen Sportwagen, der unweit von ihnen parkte und sie erneute fotografierte.


    Wie erwartet hatte Andrea für die Tom und Semir erste Ergebnisse, doch leider waren die nicht unbedingt hilfreich.


    "Unter dem Begriff -Schwarze Witwe- handelt es sich wohl um eine Akte oder einen verdeckten Ermittler. Der Begriff findet sich mehrmals sowohl in den Datenbanken des BKA und des LKA."


    "Und was bedeutet das nun für uns und für den Fall?" wollte Semir wissen.


    "Das konnte ich bisher leider nicht herausfinden. Was auch immer sich dahinter verbirgt, der Zugriff darauf ist gesperrt."


    "Nur hilft uns das nicht weiter...ich danke Dir trotzdem"


    Semir folgte seinem Partner und Denise ins Büro.


    Weder Tom noch Semir hatten große Lust auf den Bericht, zu frustriert waren beide von dem bisherigen Verlauf des Falles, aber auch von der Art, wie sie eingesetzt wurden. Sie gingen schließlich die bisherigen Ermittlungen durch, angefangen bei jenem Abend auf dem Parkplatz.


    "Irgendetwas passt hier nicht zusammen, jede Spur, der wir nachgehen, bleibt ohne Ergebnis. Das ging schon bei der Observation los."


    Semir schüttelte den Kopf: "Bei der Observation ging es doch um einen Waffendeal..."


    "...der nie stattgefunden hat. Stattdessen beobachteten wir einen Streit zwischen zwei Männern," unterbrach ihn Tom.


    "Nur was für einen Zweck erfüllte dann die Observation?"


    "Vermutlich das gleiche, wie der heutige Einsatz. Das war nur Fassade für jemanden."


    "Nur für wen und warum?" Semir lehnte sich zurück und war auf die Ausführungen seines Partners gespannt.


    "Da muss ich passen. Vielleicht gibt es ja eine undichte Stelle, wäre ja nicht das erste Mal, leider. Und dann der schwarze Wagen, der tauchte bisher ja fast überall auf."


    "Nur wer führt ihn? Und der Gedanke an eine undichte Stelle gefällt mir nicht. Vor allem, weil wir nicht wissen, wo wir da ansetzen könnten. Für so etwas käme ja fast jeder in Frage."


    Tom nickte zustimmend: "Ja, aber irgendwo müssen wir beginnen. Die Akten haben uns ja nicht weitergebracht"


    "Gut, dann fangen wir bei den beiden Männern an. Wie der Tote aussieht, wissen wir ja inzwischen, aber wer war sein Mörder? Wir haben uns die Frage seit jenem Abend nicht mehr gestellt."


    "timmt, weil wir davon ausgegangen waren, das der Fall und unsere jetzigen Ermittlungen nicht zusammengehören, und die Ermittlungen ja Sache des LKA waren. Aber was, wenn doch?" Damit griff Tom zum Telefon und versuchte erfolgreich einen Zeichner zu erreichen, der sogar bereit war, noch am gleichen Abend in die Dienststelle zu kommen.


    Denise hatte die Unterhaltung still verfolgt und dabei die ganze Zeit Tom beobachtet. Sie war nerv?s, zum einem, weil er vermutlich sehr nahe an der Wahrheit dran war, aber auch, weil sie ihn vom ersten Moment an unglaublich attraktiv fand. Nur mochte sie ihm weder das eine noch das andere zeigen.


    Etwa eine Stunde später fand sich der Polizeizeichner samt seinem Laptop in der Dienststelle ein. Tom und Semir versuchten sich zu erinnern, was nicht leicht war, denn in jener Nacht hatte geregnet und der Parkplatz war nur spärlich beleuchtet gewesen.


    So gaben beide abwechselnd ein Detail ums andere dem Zeichner, der geduldig das Bild nach den Angaben von Tom und Semir in den Rechner eingab.


    Zu guter letzt hatte man ein mehr oder minder brauchbares Phantombild. Beim Anblick erschrak Denise. Sie erkannte das Gesicht, behielt aber ihr Wissen für sich, denn sie wollte auf keinen Fall damit reingezogen werden.


    Tom gab das Bild Andrea, die es durch die Datenbanken von LKA und BKA laufen ließ, jedoch ohne Ergebnis. "Wer auch immer das ist, er ist nicht registriert. Vermutlich wurde er nie erwischt."


    Inzwischen hatte sich auch Anna Engelhard dazugesellt. Sie sah sich das Phantombild an und meinte: "Ich werde es morgen Markus zeigen. Wenn die beiden Ermittlungen tatsächlich in Zusammenhang stehen, kann er vielleicht etwas mit dem Gesicht anfangen. - Bis dahin sollten wir uns alle ein wenig Ruhe gönnen, es war ein langer Tag."
    Das war das Stichwort für Andrea und Semir. Schon längere Zeit warteten sie auf einen frühen gemeinsamen Feierabend, und verließen so schnell wie nur möglich das Büro.


    Da sich die Abendschicht auf Streife befand, waren nur noch Tom und Denise im Büro. Großes Schweigen breitete sich aus, als dann aber beide etwas zur gleichen Zeit sagen wollten, mussten sie lachen. Zum ersten Mal, seit er Denise vorgestellt worden war, sah sie einfach nur hübsch aus. Er lächelte sie an und meinte: "Tja, da man uns so alleine gelassen hat, würde ich vorschlagen, wir gehen eine Kleinigkeit essen." Da sie wortlos in seine Augen sah, fügte er noch schnell hinzu: "Es sei denn, sie haben etwas anderes vor." Sein Lächeln verschwand für einen Moment. Denise überlegte, während sie weiter in diese unglaublichen Augen blickte. Eigentlich hatte sie etwas anderes vor, aber das konnte warten...


    "Ja, warum nicht. Ich bin fast am verhungern. Es gibt hier ein kleines nettes Lokal, das noch Hausmannskost anbietet und es ist nicht zu überf?llt."


    "Gut, warum nicht...dann lassen Sie uns fahren."Tom lächelte wieder und begleitete sie zu seinem Wagen, nicht ahnend, das beide wieder beim Verlassen der Dienststelle unbemerkt fotografiert wurden...
    Nachdem die Bedienung das Essen gebracht hatte, sahen sich Tom und Denise lange an. Keiner traute sich etwas zu sagen. Irgendwann lachten beide, weil ihr Verhalten doch etwas von verliebten Jugendlichen hatte. Schließlich war es Denise, die das Wort ergriff: "Also, Herr Kranich..." Beide sahen sich an und lachten wieder. Sie merkten, das die Förmlichkeit nicht mehr ganz passte.


    "Also, ich bin Tom."


    Denise hob ihr Glas: "Ich bin Denise."


    Beide prosteten sich auf den Abend zu und machten sich über ihr Essen her.


    Während sie aßen, redeten sie über alles, was ihnen so in den Sinn kam. Im Laufe des Abends lockerte sich die Stimmung immer mehr. Irgendwann bemerkten beide beim Blick auf die Uhr, wie spät es schon war. Sie konnten nicht glauben, das der Abend wie im Fluge vergangen war.


    Gegen Mitternacht parkte Tom vor Denise´ Wohnung. Tom war selten sprachlos. Er sah Denise von Seite an. Sie erwiederte seinen Blick und meinte schlie?lich: "Vielen Dank für den schönen Abend. Ich hatte schon lange nicht mehr so viel Spaß wie heute."


    Tom kannte das Gefühl zu gut. Er hatte zwar hin und wieder eine Verabredung gehabt, aber niemand war so wie sie. "Ja, dem kann ich nur zustimmen..."


    Wieder Schweigen und wieder trafen sich ihre Blicke: "So, ich muss dann mal, morgen ist wieder ein langer Tag.."


    Tom legte seine Hand auf ihre und wie von selbst näherten sich ihre Gesichter. Beide küssten sich zärtlich. Als sie sich wieder voneinander trennten, lächelten sich beide an und wünschten sich eine gute Nacht.


    Denise winkte Tom nach, während er langsam anfuhr, ehe er davonbrauste. Sie lächelte, fühlte sich leicht wie schon seit Jahren nicht mehr. Sie nahm die Post aus dem Kasten und ging dann hoch in ihre Wohnung. Sie warf Jacke, Post und Schlüssel auf die Couch und verschwand erst einmal im Bad. Nachdem sie sich erfrischt hatte, entschloss sie sich, doch noch die Briefe zu öffnen.


    Zum Schluss öffnete sie den großen braunen Umschlag. Er hatte keinen Absender und die Adresse war in großen unförmigen Buchstaben geschrieben. Sie schüttelte nur den Kopf, doch beim Anblick des Inhalts hatte sie das Gefühl, dass alles in ihr erstarrte. Mit klammen Fingern sah sie sich die Bilder an. Sie zeigten sie mit Tom und seinem Partner vorm LKA, vor der Dienststelle der Autobahnpolizei, bei der Observation und sie selber beim Einkaufen, vor ihrem Appartmenthaus und so weiter. Ihr Herz klopfte. Sie ahnte, wer die Bilder gemacht haben könnte. Nicht nur, dass es ihr nicht gefiel, nein, sie hatte Angst, denn auf einmal war die Vergangenheit, die sie versucht hatte, zu verdrängen, wieder präsent.


    Kapitel 9
    Als Tom nächsten Morgen in die Dienststelle kam, war Semir schon da und arbeitete an seinem Bericht. Er blickte auf, als sein Partner das Büro betrat. Es war bemerkenswert, dass er nicht nur pünktlich sondern unglaublich fröhlich wirkte. Semir ahnte, woran das liegen könnte und musterte seinen Partner. Der wünschte Semir nur einen "Guten Morgen" und machte sich seinerseits an seinen Bericht ohne weiter auf Semirs Blicke zu achten.


    Er dachte beim Schreiben an Denise und an den vergangenen Abend. Er dachte an ihr Lächeln und an den Kuss. Am liebsten hätte er sein Glück in die Welt hinausgerufen, aber das wollte er lieber nicht, zumindest noch nicht.


    Als er Denise vor dem Büro der Chefin entdeckte, war sein Morgen perfekt.


    "Semir, ich hole mir einen Kaffee. Magst Du auch einen?" Er nickte. Sein Partner kam ihm eigenartig vor, als er sich aber umdrehte, und sah, wie Tom und Denise sich unterhielten, wusste er, warum sein Partner unbedingt einen Kaffee wollte. Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. "Da hat es ihn mal wieder erwischt, habe ich es doch geahnt..."


    Tom und Denise standen in der Teeküche und schenkten sich Kaffee ein. Sie blickten sich von der Seite an.


    "Den gestrigen Abend sollten wir unbedingt bald wiederholen," begann Tom das Gespräch. Denise nickte lächelnd: "Ja, das war sehr schön."


    Dann dachte sie kurz an den Umschlag mit den Bildern und überlegte, ob sie Tom davon erzählen sollte. Doch dann hätte sie ihm alles erzählen müssen, und das konnte sie nicht. Tom musterte sie: "Einen Penny für Deine Gedanken..." Sie lächelte ihn an, und wollte ihm dann doch von den Bildern erzählen, als sie von Hotte unterbrochen wurden: "Die Chefin will Euch zwei sprechen, sofort."


    Tom und Denise gingen sofort in Anna Engelhards Büro. Dort wartete schon Semir.


    "Ich habe das Bild Markus gezeigt und tatsächlich hat er den Mann darauf wieder erkannt," begann Anna. "Er ist quasi ein alter Bekannter, aber man konnte ihm nie eine Verbindung zum organisierten Verbrechen nachweisen. Entsprechend wurde er noch nie verhaftet geschweige denn angeklagt oder verurteilt. Darum taucht er nicht in der Datenbank des BKA oder LKA auf."


    Die Neugier der Kommissare war geweckt. "Und wer ist denn nun unser Unbekannter?" wollte Semir wissen.


    Anna hielt ihnen eine Fotografie hin. "Es handelt sich um Daniel Garcia. Er ist der Besitzer eines der angesehendsten Nachtclubs von Köln."


    "Nach außen eine unbescholtene Persönlichkeit und dabei in miese Geschäfte verwickelt," bemerkte Tom. "Sag mal, Semir, wie hieß doch gleich die Besitzerin des gestohlenen Mazdas?"


    "Die wir neulich aufgesucht haben?...Die hieß doch auch Garcia. Ist die mit ihm verwandt?" ergänzte Semir.


    Anna nickte: "Ja, Daniela Garcia. Sie ist seine Frau und Besitzerin eines von diesen Firmen, die ihre Ware hauptsächlich über das Internet verkaufen. Es ist nicht bekannt, ob sie etwas von den Geschäften ihres Mannes weiß oder sogar damit direkt zu tun hat."


    "Na ja, neulich hat sie jedenfalls nicht den Eindruck einer Gangsterbraut gemacht," meinte Tom.


    "Hmm, ja der berühmte erste Eindruck..." stichelte Semir. Tom sah ihn böse von der Seite an, dann fragte er: "Wie geht es nun weiter?"


    "Markus möchte, dass Sie beide Daniel Garcia beschatten und über seine Aktivitäten berichten. Ach ja, und bitte keine Alleingänge, meine Herren."


    Tom und Semir nickten. Bevor sie jedoch das Büro verließen fiel Semir Toms Bemerkung von gestern wieder ein: "Hmm, Chefin, wie gut kennen sie diesen Markus Dietmeier eigentlich?"


    Anna überlegte kurz: "Wir waren eine Zeit lang Partner und sind auch privat näher befreundet. Er ist ein guter Polizist und guter Freund. Wieso wollen Sie das wissen?"


    "Nur so..." entgegnete Semir und verließ dann zusammen mit Tom die Dienststelle.


    "Frau Engelhard, da ich heute ja nicht unbedingt benötigt werde, würde ich gerne ein paar private Dinge erledigen, die ich schon länger vor mich herschiebe."


    Anna hatte nichts dagegen, zumal Tom und Semir heute mit einer Observation beschäftigt waren und für Denise gab es zumindest im Moment keine Aufgabe.


    "In Ordnung, Frau Springer. Für den heutigen Tag haben Sie frei. Ich denke, dass Herr Kranich und Herr Gerkhan sie morgen wieder mitnehmen werden."


    "Vielen Dank, Frau Engelhard. Auf Wiedersehen."


    Tom und Semir saßen im CLK vor dem Nachtclub. Gäste kamen und gingen. Mit beginnender Dämmerung nahm die Zahl der Gäste zu, ebenso die Stimmung und Lautstärke. Ab und an tauchte auch Garcia auf der Bildfläche auf und begrüßte einige Gäste persönlich.


    Die beiden Kommissare beobachteten das Treiben vor dem Laden.


    "Was ist da eigentlich zwischen Dir und Denise?" fragte Semir ganz direkt.


    "Wie meinst Du das?"


    "Na läuft da was zwischen euch beiden?" hakte Semir nach.


    "Reicht Dir Andrea nicht mehr?" Tom stellte sich absichtlich ein wenig dumm. Semir verdrehte die Augen. "Nee, im Ernst. Ist da was zwischen euch beiden?"


    Tom überlegte, ob er überhaupt jetzt schon etwas sagen sollte. Er entschied sich, das ganze ein wenig runterzuspielen.


    "Was willst Du hören, wir waren zusammen essen..."


    "Und...?"bohrte Semir weiter.


    "Nichts ?und?."Tom hoffte, dass das Thema damit erst einmal vom Tisch war.


    Semir hätte gerne noch mehr wissen wollen, doch er kam nicht dazu, denn Garcia schien den Club zu verlassen. Er blickte sich um, stieg dann in seinen Wagen und fuhr los. Tom und Semir folgten ihn, während Semir der Chefin den Stand der Dinge durchgab.


    "Cobra 11 an Zentrale."


    "ch höre Semir, was gibt es?"


    "Garcia hat den Club verlassen, wir sind an ihm dran."


    "In Ordnung, Semir. Verfolgung auf Sichtweite."


    "Gut Chefin. - Du hast es gehört, also los."


    Garcia schien nicht zu bemerken, dass er verfolgt wurde. Somit hatten Tom und Semir keine Schwierigkeiten, ihm zu folgen. Anfangs schien er kein Ziel zu haben. Die Fahrt führte sie quer durch Köln bis er endlich in Richtung Autobahn weiterfuhr.


    "Wer wohl seine Partner sind?" fragte sich Semir.


    "Denkst Du Dietmeier hat damit zu tun?"wollte Tom wissen.


    "Ich weiß es nicht, es war mehr ein Schuss ins Blaue. Falls es wirklich eine undichte Stelle geben sollte. Das war ja auch nur eine Vermutung."


    "Vielleicht ist ja alles ganz einfach..."


    "Das ist ja wohl ein Witz, seit wann war denn jemals etwas einfach?" Semir sah seinen Partner an.


    "Es gibt ja bekanntlich für alles ein erstes Mal." Tom bog auf die Autobahn ein. Nachdem Semir den neuen Standpunkt durchgegeben hatte, wandte er sich wieder an seinen Partner: "Was machen wir eigentlich, wenn wir wissen, wer mit Garcia zusammenarbeitet. Wir wissen immer noch nicht, wie die das anstellen, denn bisher haben die ja immer gekonnt alle Spuren verwischt."


    "Das wird nicht unser einziges Problem sein," bemerkte Tom mit einem Blick in den Rückspiegel.


    Semir sah nach hinten aus dem Fenster und verstand. Hinter ihnen befand sich der schwarze Sportwagen, der sie schon vor ein paar Tagen verfolgt hatte. Jetzt näherte er sich mit hoher Geschwindigkeit und rammte sie von hinten. Ein Ruck ging durch den Wagen, aber Tom schaffte es, in der Spur zu bleiben. Er gab Gas mit dem aussichtslosen Versuch, seinen Verfolger abzuhängen. Doch schon kurz darauf fuhr der Wagen wieder auf und ein noch heftigerer Ruck erschütterte den Wagen. Dieses mal gelang es ihm nur mit großer Mühe, den Wagen unter Kontrolle zu halten.


    "st der wahnsinnig geworden?" entfuhr es Semir.


    "Frag mich mal was leichteres," antwortete Tom, der gerade dabei war, einige Autos zu überholen, ohne sie zu sehr zu bedrängen. Zu allem überfluss verlor er immer wieder Garcias Wagen aus den Augen. Der schwarze Sportwagen blieb Tom und Semir auf den Fersen. Beide erwarteten jeden Moment, das der Wagen sie erneute rammte, doch statt dessen wurden sie von ihm überholt. Dabei erwischte der jedoch ein anderes Fahrzeug und drängte es von der Fahrbahn. Ein anderer Fahrer, der die Situation nicht einschätzen konnte, geriet in Panik, verriss das Lenkrad und fuhr in ein anderes Auto rein. Als Folge davon rasten andere Verkehrsteilnehmer in die verunfallten Autos, teils ungebremst, da sie in der D?mmerung den Unfall zu spät erkannten. Tom schlängelte sich mit dem CLK geschickt durch die Schrottwagen. Währenddessen forderte Semir per Funk Unterstützung und Rettungseinheiten an. Während noch weitere Autos in die Unfallstelle rasten, hat Tom Garcias Wagen ein ganzes Stück weiter vorne gesichtet, der nun von dem Sportwagen gnadenlos verfolgt wurde. Tom und Semir konnten nur hilflos das Katz-und-Maus-Spiel mit ansehen.


    Letztendlich geriet Garcias Wagen außer Kontrolle, durchbrach eine Leitplanke und schoss die Böschung herunter, wo er auf einem Versorgungsweg zum Liegen kam.


    Der schwarze Sportwagen raste ohne zu bremsen davon. Tom brach die Verfolgung ab und kam an der Unfallstelle mit einer Vollbremsung zum Stehen. Die Kommissare sprangen aus den Wagen und versuchten den Unfallwagen zu orten.


    Tom kletterte zuerst die Böschung runter und leuchtete die Umgebung mit einer Taschenlampe aus.


    Nach einiger Zeit entdeckte Tom den Wagen und nicht nur das - im Kegel der Taschenlampe bemerkte er eine dunkelgekleidete Person, die sich am Wagen zu schaffen machte.


    "Stehen bleiben, Polizei!" rief Tom.


    Als die Person sich umdrehte, stockte Tom der Atem. Er erkannte in der Person seine Denise. Und auch sie erkannte nach dem ersten Schrecken Tom. Beide blickten sich einen endlos langen Moment sprachlos an. Inzwischen hatte sich Semir zu ihnen gesellt und traute seinen Augen nicht. Keiner von beiden begriff, was sie hier zu suchen hatte und vor allem, wo sie hergekommen war. Vor allem Tom war getroffen. Hatte er sich etwa in die Falsche verliebt?


    Als oberhalb ihres Standortes Sirenen zu hören waren, sahen Tom und Semir kurz hoch. Denise nutzte die Ablenkung zur Flucht. Die beiden Kommissare bemerkten ihren Fehler, doch da war es schon zu spät.


    Semir ging schließlich auf den Wagen zu und sahen nach dem Unfallopfer. Doch er konnte nur noch den Tod feststellen. Aus einer Wunde in der Schläfe hatte sich ein Rinnsal getrocknetes Blut gebildet, er war offentsichtlich erschossen worden. Semir drehte sich zu seinem Partner um und schüttelte nur resignierend den Kopf.


    "Was sollte das? Was hat sie hier zu suchen?"Semir sah seinen Partner an. Dieser schüttelte nur den Kopf.


    "Ich weiß nicht, Semir, ich wei0 es nicht."


    "Denkst Du, sie hat ihn erschossen?"


    Tom schüttelte den Kopf: "Nein, ich habe bei ihr keine Waffe gesehen. Er könnte genauso gut von jemanden aus dem Sportwagen umgebracht worden sein."


    "Wer auch immer ihn auf den Gewissen hat, hat festgestellt, dass Garcia nicht mehr gebraucht wurde," stellte Semir fest. Als von Tom keine Antwort kam musterte er besorgt seinen Partner. Er konnte sich vorstellen, was jetzt in Tom vorging, auch wenn er nicht darüber sprach.


    "Was werden wir jetzt machen?" fragte Semir schließlich.


    Tom zuckte die Schultern: "Wir werden ermitteln." Und er hoffte inständig, dass Denise nur zur falschen Zeit am falschen Ort war und sonst nichts weiter mit dem Fall zu tun hat. Aber das behielt er für sich.


    Inzwischen waren weitere Kollegen, ein Notarzt und weitere Rettungskräfte unten angekommen. Beamten der KTU nahmen ihre Arbeit auf. Tom und Semir unterstützten die Kollegen bei der Spurensicherung und gaben den Vorfall zu Protokoll - bis auf ein kleines Detail. Sie verschwiegen, wen sie am Tatort gesehen haben. Sie wollten zuerst klären, was sie damit zu tun hatte.


    Kapitel 10
    Nachdem Tom und Semir am Tatort nichts mehr machen konnten, beschlossen sie, in die Dienststelle zurückzufahren. Andrea hatte sich gemeldet, sie hatte etwas über die Akte herausgefunden, die unter Verschluss stand. Semir war sofort Feuer und Flamme, Tom hingegen hätte sich im Moment lieber eine heiße Dusche und ein dunkles ruhiges Zimmer gewünscht. Er fühlte sich wie erschlagen nachdem er Denise am Unfallauto entdeckt hatte. Aber seinem Partner zuliebe fuhr er mit zurück.


    Während der Fahrt sprachen beide kein Wort. Semir versuchte für den Augenblick seinen Partner lieber nicht mit Fragen zu löchern. Er wusste, wenn er darüber reden möchte, dann würde er es von selber tun. Alles andere würde zu nichts führen.


    Als Tom auf den Parkplatz der Dienststelle einbog, brach Semir das Schweigen. Dieses mal war es er gewesen, der den schwarzen Sportwagen entdeckte. Tom parkte seinen Wagen und ging zusammen mit seinem Partner zu dem Fahrzeug. Sie sahen sich den Wagen an und waren verwundert, dass sie keinerlei Beschädigung vorfinden konnten. Auch sonst schien er mit dem anderen Wagen auf dem zweiten Blick keine Ähnlichkeit zu haben, er war länger und bei genauerer Prüfung stellten sie fest, das es sich um ein anderes Fabrikat handelte. Semir wollte schon gehen, aber Toms Neugier war geweckt.


    "Das ist das gleiche Modell, was sich an jenem Abend auf dem Rastplatz gesehen habe und den Wagen habe ich auch vor ein paar Tagen hier auf dem Parkplatz gesehen."


    "Bist Du Dir da sicher?" fragte Semir ungläubig.


    Tom nickte. "Ich kann mich irren, aber ich denke, jemand beobachtet uns."


    Bei dem Gedanken daran, bekam Semir eine Gänsehaut. Ihm machte so schnell nichts Angst, aber allein die Vermutung, dass ihnen jemand auf den Fersen war, ließ ihn erschaudern.


    "Wir sollten das Kennzeichen checken lassen," schlug Semir vor.


    "Das habe ich neulich schon gemacht, aber kein Ergebnis. Der Wagen ist auf eines dieser Start-up-Unternehmen zugelassen."


    "Na, dann werden wir denen mal auf den Zahn fählen."


    "Fehlanzeige, das Unternehmen hat sich als Briefkastenfirma entpuppt," antwortete Tom."Vom Gründer gibt es keine Spur. Es ist nicht einmal bekannt, was die Firma eigentlich gemacht hat."


    Semir nickte: "Tja, wir werden ihn aber auf alle Fälle im Augen behalten. Irgendwann muss der Besitzer ja mal auftauchen. Dann schlugen sie den Weg zur Dienststelle ein. Sie fühlten sich beobachtet, konnten aber niemanden entdecken.


    Anna Engelhard erwartete die Beiden bereits. Und sie war nicht alleine, Markus Dietmeier war auch dabei. Die beiden unterhielten sich bereits über den aktuellen Stand des Vorfalles, als Tom und Semir das Büro der Chefin betraten.


    "n´Abend, Chefin," grüßte Semir kurz, bei Tom reichte es nur noch für ein Nicken. Keiner von beiden hatte jetzt großartig Lust, sich über den Ausgang der Observation zu äußern. Doch noch bevor sie zu Wort kamen, ließ Dietmeier erst einmal seiner Enttäuschung über den Einsatz freien Lauf: "Das haben Sie ja prima hinbekommen. Sie sollten Garcia überwachen, und ihn nicht kaltstellen. Er war das wichtigste Bindeglied. Und jetzt sind ihm die ganzen Ermittlungen der letzten Jahre über den Jordan! Das war die Arbeit von mehreren Jahren. Und jetzt stehen wir wieder ganz am Anfang."


    Tom sah genervt zur Seite. Er musste sich arg zusammenreißen, denn am liebsten hätte er Dietmeier was an den Kopf geworfen. Der Abend war schon anstrengend genug für ihn, diese Standpauke konnte er wirklich nicht gebrauchen.


    "Wir haben ihn nicht umgebracht. Hinter uns ist ein schwarzer Sportwagen aufgetaucht, der erst uns und dann Garcia auf´s Korn genommen hat. Sie tun ja gerade so, als hätten wir ihm die Waffe an die Schläfe gehalten und abgedrückt, " giftete Semir fast ganuso laut zurück. Die Chefin sah ihn mahnend an. Das wirkte, für´s erste zumindest.


    "Ach ja, der ominöse Sportwagen, der ja rein zufällig immer passenderweise auftaucht, wenn es schwierig wird. Und wie praktisch, er gehört Garcias Frau...," fuhr Dietmeier ungerührt fort.


    "Er ist gestohlen worden," ergänzte Semir.


    "Natürlich...und vom wem?" Dietmeier funkelte Semir an, der seinem Blick standhielt.


    "Das wissen wir nicht ? noch nicht," antwortete Semir.


    Noch bevor Markus Dietmeier mit seiner Schimpftirade fortfuhr, schritt Anna Engelhard ein. Sie wollte diese Diskussion für heute Abend beenden, und denn ihrer Ansicht nach war die Stimmung derart überladen, dass sie vermutlich in eine völlig andere Richtung verlaufen würde.


    "Tom, Semir, Sie fassen bitte ihre bisherigen Ermittlungsergebnisse zusammen. Wir treffen uns dann morgen Mittag ausgeruht wieder zu einer Lagebesprechung."


    Die beiden Kommissare nickten und verließen dann das Büro ihrer Chefin.


    Markus Dietmeier ging auf und ab und schüttelte verständnislos den Kopf:


    "Ich verstehe Dich nicht, Anna. Du nimmst sie in den Schutz. Das ist schon die zweite Observation die sie in kürzester Zeit in den Sand gesetzt haben. Wenn es nach mir ginge, würden sie mindestens von dem Fall abgezogen werden. Die Vorgehensweise der beiden ist untragbar."


    Anna lächelte milde: "Nein, Du täuscht Dich. Aber mir gefiel der Art der Diskussion nicht und mal abgesehen davon kenne ich meine Männer. Wir hatten noch nie eine so hohe Aufklärungsrate, was wohl auch an ihre oft unkonventionellen Art liegt."


    "Na ja, wenn Du meinst. Ich würde mich ja gerne noch länger mit Dir unterhalten, aber ich muss leider noch in mein Büro. Schadensbegrenzung, Du verstehst? Wir sehen uns dann morgen bei der Besprechung. Gute Nacht."


    "Markus, warte bitte noch einen Moment."


    Er drehte sich um und sah Anna fragend an.


    "Sag mal, gibt es momentan im LKA intern Probleme?"


    Dietmeier sah Anna an: "Wie meinst Du das?"


    "Gibt es eine undichte Stelle bei euch?"


    "Nein, Anna, bei uns ist alles in Ordnung. Sag mal, wie kommst Du denn darauf?"


    Sie winkte ab. "War nur so ein Gedanke."


    Er nickte nur und verließ dann das Büro.


    Semir pfefferte seine Jacke auf den Stuhl. Er war sauer auf Dietmeier, auf den Unbekannten im schwarzen Sportwagen und am allermeisten auf seinen Partner.


    "Ein toller Freund bist Du, lässt mich lügen und dann muss ich Dietmeier auch noch alleine Rede und Antwort stehen, während Du in der Ecke wie eine Salzsäule stehst."


    "Was regst Du Dich so auf? Warum hast Du nicht gesagt, wer noch am Tatort war. Oder noch besser, eine Großfahndung nach ihr gestartet. Wir wissen doch gar nicht, ob sie überhaupt etwas damit zu tun hat," fauchte Tom zurück.


    "Ja, genau, Du bist nicht mehr objektiv. Wäre sie eine Fremde, dann wäre das hier gar kein Thema. Wir sollen ermitteln, aber wie erklären wir der Engelhard, dass wir zwar eine Verdächtige hätten, aber wir lieber nach einem Phantom jagen." Semir ließ sich auf seinen Stuhl sinken. Er war genervt und müde. Tom hatte nicht mehr die Energie, sich zu streiten. Müde entgegnete er: "Was würdest Du denn machen, wenn es um Andrea ginge."


    "Ist das nicht ein wenig an den Haaren herbeigezogen?" Semir konnte seinen Partner irgendwie schon verstehen, auch wenn es ihm im Moment nicht gefiel, wie sie vorgehen mussten.


    Andrea stand in der Tür und hatte den Streit mit angehört. Selten gerieten sie derart aneinander.


    "Ich störe Euch ja nur ungern, aber ich habe hier etwas über die gesperrte Akte." Als sie sich die Aufmerksamkeit von Tom und Semir sicher war, fuhr sie fort.


    "Also, viel ist es nicht, aber ich habe herausbekommen, dass der Name -Schwarze Witwe- zu einer Ermittlerin gehörte. Sie hat vor Jahren bei einer Soko mitgearbeitet. Damals wurde ein Polizist erschossen. Die Akte ist nach dem Vorfall versiegelt worden, um die betreffende Person zu schützen."


    Semir rieb sich am Kinn. Das war wirklich nicht viel und warf noch mehr Fragen auf.


    "Wusste Deine Quelle, worum es in dem Fall damals ging?"


    "Ja, aber er war sich nicht sicher. Er meinte, es ging um einen Geldwäschering. Alles andere ist unter Verschluss. Beim LKA schweigt man sich darüber aus."


    "Na klasse, jetzt müssen wir nur noch den Fall von damals mit dem von heute in Verbindung bringen und den Namen der Ermittlerin rausbekommen." Normalerweise hätte Andrea das persönlich genommen, aber sie sah, wie erschöpft ihr Mann war. "Oh, tut mir leid, Andrea. Danke mein Schatz. War bestimmt nicht leicht, an die Informationen ranzukommen." Er gab seiner Frau einen Kuss.


    "Ich geh? dann mal, Jungs. Lasst es nicht zu spät werden." Sie lächelte den beiden zu, packte ihre Sachen und machte sich dann auf den Weg.


    Tom und Semir saßen nun alleine im Büro. So ruhig war es nur selten. Sie versuchten erneut ihre Ermittlungsergebnisse zu ordnen. Inzwischen hatten sie eine Menge Informationen, aber irgendwie ergab alles keinen Sinn.


    "Also, wir haben einen Geldwäschering, einen Sportwagen der immer wieder auf der Bildfläche erscheint, einen toten Informanten, einen toten Verdächtigen. Hinzu kommen eine unbekannte Ermittlerin, und Denise am Tatort. Wie passt das alles zusammen?" Semir sah zu seinem Partner rüber, der Löcher in die Luft zu starren schien.


    "Wir brauchen den richtigen Namen der schwarzen Witwe, dann kommen wir weiter," stellte Tom fest.


    "Ich stimme Dir da schon zu, aber die Akten sind nicht zugänglich. Also, wie stellen wir das an...Tom???"


    Semir sah seinen Partner fragend an, der wie von Taranteln gestochen von seinem Stuhl aufgesprungen und zum Fenster sprintete. Lichtkegel hatten seine Aufmerksamkeit geweckt. Doch da war es schon zu spät: Tom sah nur noch die Rücklichter von dem Sportwagen. "Verdammt!" fluchte Tom. Sie hatten den Wagen total vergessen. "Den werden wir nicht zum letzten Mal gesehen haben," meinte Semir und fügte noch hinzu: "Komm, lass uns für heute Schluss machen und ein paar Stunden schlafen. Wir drehen sonst noch endgültig durch."


    Tom sah Semir an und nickte zustimmend.


    Während Semir sich auf den direkten Weg nach Hause begeben hatte, stand Tom noch eine Weile auf dem Parkplatz. Er wollte eigentlich nach Hause, aber das entsetzte Gesicht von Denise ließ ihn nicht los. Was hatte sie dort zu suchen? Warum ist sie weggelaufen? Zudem hatte er seinen Partner mit in die Sache reingerissen. Semir hatte recht, er dachte nicht mehr objektiv. Normalerweise hätte er gesagt, dass noch jemand am Tatort war und entsprechend eine Fahndung eingeleitet. Er lehnte sich in den Sitz zurück und überlegte, was er als nächstes tun sollte. Dann startete er den Motor und fuhr zu dem Appartementhaus von Denise.


    Denise war zu Fuß zurück in die Stadt gelaufen. Sie war angsterfüllt. Eigentlich wollte sie Garcia hinterher spionieren. Doch dann lief alles aus dem Ruder. Garcia war tot und ausgerechnet Tom fand sie neben der Leiche. Vermutlich hielt er sie jetzt für die M?rderin. Sie wusste jetzt nicht einmal, ob sie noch in ihre Wohnung konnte, denn dort würden die Kollegen doch bestimmt zuerst suchen. Sie hielt inne, sah sich um, denn sie hatte immer das Gefühl, verfolgt zu werden. Aber sie konnte niemanden sehen. Im Moment kam ihr jeder und alles verdächtig vor. Sie zitterte innerlich, ihre Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Sie entschied sich, auf Umwegen zu ihren Appartementhaus zu gehen um die Lage zu prüfen, nach dem Motto, dass die Hoffnung zuletzt stirbt.


    Dabei blickte sie sich immer ängstlich um, ob sie verfolgt wurde, musterte jedes vorbeifahrendes Auto aber auch alle parkende Fahrzeuge.


    In ihrer Angst bemerkte sie jedoch nicht den schwarzen Sportwagen, der ihr auf den Fersen blieb. Sie hing ihn ab, als sie in einen Seitenweg einbog, der für Autos gesperrt war. Somit war sie für den Augenblick in Sicherheit.


    Inzwischen war Tom vor Denises Appartementhaus angekommen. Das Gebäude lag im Dunkeln. Vermutlich war sie gar nicht zu Hause, weil sie davon ausging, dass nach ihr gefahndet wurde. Hier zu warten würde vermutlich nichts bringen. Also entschied er sich, doch nach Hause zu fahren. Er würde sich morgen mit seinem Partner beraten, wie sie in dem Fall weitermachen sollen.


    In dem Moment kam Denise um die Ecke. Tom wollte seinen Augen nicht trauen. Er bemerkte, wie sie um sich blickte. Er stieg aus. Gerade als er zu ihr gehen wollte, bog ein Wagen in die Straße ein. Tom erkannte das Fahrzeug, zog instinktiv seine Waffe und rief gleichzeitig: "Denise, runter!!!" Dann kam ihm alles wie in Zeitlupe vor. Er hörte Schüsse, registrierte, wie Denise auf die Knie ging, wusste aber nicht, ob sie nur in Deckung ging oder getroffen war. Er zielte auf das Auto, drückte ab und traf den Lack und eine Scheibe. Schließlich gab der Fahrer Gas und flüchtete mit quietschenden Reifen. Tom schoss weiter, traf die Rücklichter und die Rückscheibe. Der Wagen setzte unbeirrt seine Fahrt fort. Tom blickte ihm hinterher, dann ging er rüber um nach Denise zu sehen. Sie kauerte am Boden und zitterte. Tom griff nach ihren Schultern, zog sie hoch und sah sie prüfend an. Als er sich vergewissert hatte, dass sie nicht verletzt war, nahm er sie einfach nur in die Arme.


    In der Wohnung von Denise machte Tom ihr einen Tee. Sie war vollkommen durcheinander und zu gerne hätte er sie in ein Krankenhaus gebracht, aber das lehnte sie kategorisch ab. Nun saßen sie sich gegenüber am Küchentisch. Sie nippte an ihrem Tee und starrte dabei ins Leere. Tom musterte sie. Nach einer Weile durchbrach Tom das Schweigen: "Ich glaube, Du hast mir was zu erzählen."


    Denise sah ihn an. Sie wusste nicht, ob sie ihm vertrauen konnte, schließlich kannte sie ihn erst ein paar Tage. Aber andererseits war ihr Verhalten auch sehr merkwürdig, wenn nicht sogar verdächtig.


    "überwacht ihr meine Wohnung schon lange?"


    Tom schüttelte den Kopf. "Nein, das war eher Zufall, das ich zu Dir gefahren bin. Es weiß niemand, außer Semir, dass Du am Tatort warst."


    Denise rieb sich das Gesicht und raufte sich die Haare. Auf der einen Seite war sie froh, das zu hören, aber der Schütze von vorhin hing ihr noch zu sehr in den Knochen, als das sie sich wirklich darüber freuen konnte. Tom versuchte erneut, etwas von Denise zu erfahren. "Hast Du eine Ahnung, wer auf Dich geschossen hat?"


    "?Nein, da muss ich passen," log Denise. Sie wusste ziemlich gut, wer der Schütze gewesen war, auch wenn sie ihn nicht gesehen hatte. Seitdem sie mit der Post die Bilder bekommen hatte, wusste sie, dass ihre Vergangenheit sie wieder eingeholt hatte. "Bist Du Dir sicher?" bohrte Tom weiter. "Ja!"


    Tom beugte sich vor um ihr direkt in die Augen zu sehen, doch sie wich seinem Blick aus, in dem sie in ihre Tasse starrte.


    "Ok. Ich bleibe heute Nacht bei Dir, falls der Typ doch noch auftauchen sollte." Denise winkte ab. "Ich glaube nicht, das der Schütze sich heute noch einmal blicken lässt."


    "Denise, bitte rede, sag was los ist. Irgendetwas stimmt doch nicht. Erst bist Du am Tatort, dann wird auf Dich geschossen. Wenn Du mir nicht sagst, was los ist, kann ich Dir nicht helfen." Tom sah jetzt besorgt aus und griff nach ihrer Hand. Sie konnte es ihm nicht sagen, auch wenn er vertrauenswürdig wirkte, wie er sie so ansah. Zum anderen hatte sie auch Angst, ihn in diese Sache mit reinzuziehen. Das ganze war eine Nummer zu hoch. Sie wusste nicht, wem sie überhaupt davon erzählen und um Hilfe bitten konnte. Sie blickte zu Tom, der sie immer noch besorgt ansah. Sie wusste, dass sie ihn nicht so ohne weiteres loswerden könnte. Und insgeheim war sie nach der heutigen Aktion auch froh, in dieser Nacht nicht alleine zu sein.


    "Ok, ich habe zwar nur eine Couch im Wohnzimmer, aber die ist ganz bequem. Ich hole Dir noch Bettzeug."


    Tom lächelte sie erleichtert an. Zwar hüllte sie sich in Schweigen, aber er konnte zumindest diese Nacht bei ihr bleiben und sie beschützen. Und vielleicht würde sie ja doch noch reden.

  • Hier ist die Fortsetzung... wurde vom mir eingefügt um die Verwirrung zu verringern :D :baby:


    Kapitel 11
    Als Tom in der Dienststelle eintraf, war es fast Mittag.
    Er hatte sich entschuldigen lassen für den Vormittag um noch ein wenig bei Denise zu sein. Erst als er sich sicher war, dass sie soweit in Ordnung war, verließ er sie mit entsprechenden Anweisungen, dass sie ihn sofort benachrichtigen soll, wenn sie Hilfe braucht oder ßber die letzte Nacht reden möchte. Sie schwieg nach wie vor, aber er hoffte, sie würde sich entschließen, zu reden. Sie konnten jede Hilfe gebrauchen und ihn beschlich immer mehr das Gefühl, dass Denise ein wichtiger Schlüssel in diesem Fall war.
    Tom betrat das Büro und begrüßte seinen Partner. Der schien alles andere als gut gelaunt und hielt ihm einen Ordner hin.


    "Während Du heute morgen noch geschlafen hast, habe ich das hier ausgegraben."


    Beim Anblick des Wälzers verdrehte Tom die Augen: "Vielleicht kannst Du mich aufklären. Oder muss ich mich da ernsthaft durcharbeiten?"


    Semir warf den Ordner auf Toms Schreibtisch, lehnte sich zurück und begann seine Ausführungen mit einer Frage: "Was weißt Du überhaupt über unsere nette Kollegin? Hast Du Dich jemals gefragt, warum sie KHK ist, obwohl sie laut ihrer Akte nie im aktiven Dienst war? Ach ja, und dann ist da ja noch die geschlossene Akte..."


    Tom sah ihn nur verwirrt an. Er begriff nicht so recht, worauf sein Partner hinaus wollte. Semir fuhr fort: "Bis gestern haben wir noch überlegt, wer sich hinter dem Decknamen -Schwarze Witwe- verbirgt und heute morgen fand ich auf meinem Schreibtisch die Notiz, wo wir suchen können und zu Tage kam dann diese Akte."


    Jetzt war Toms Neugier geweckt, nahm sich den Ordner und +berflog die ersten Seiten. Dann sah er seinen Partner ungläubig an: "Denise ist die -Schwarze Witwe-?"


    Semir nickte: "Ja, und im wahrsten Sinne des Wortes. Sie ist für den Tod eines Kollegen während einer Ermittlung verantwortlich. Sie war damals Teil einer Soko, die einer Geldwäscheorganisation auf der Spur war. Was für ein Zufall, oder? Während eines Schusswechsels traf sie einen Kollegen tödlich. Die näheren Umstände werden nicht näher erläutert, aber der Vorfall wurde als Unfall eingestuft, die Ermittlungen für´s erste auf Eis gelegt und alle Akten, die damit zu tun haben, wurden geschlossen und versiegelt."
    Tom rief sich den Vorfall von letzter Nacht ins Gedächtnis und schüttelte den Kopf. "Was willst Du mir damit sagen? Denise ist eine M?rderin und wird durch das LKA geschätzt und ist verantwortlich für Garcias Tod?"


    Da war es wieder. Tom ertappte sich dabei, wie seine Objektivität seinem Gefühl für Denise wich. Auf der einen Seite konnte er nicht ausschließen, dass sie in irgendeiner Weise in Garcias Tod verwickelt war, aber wollte diesen Gedanken nicht wirklich zulassen. Semir sah seinen Partner prüfend an. Auf der einen Seite musste er ihn mit den Tatsachen konfrontieren, aber er spürte, dass er das nicht so direkt, wie sonst auch machen konnte.


    "Ich weiß nicht, was sie damit zu tun hat, aber ich denke, sie kann uns eine Menge über Garcia sagen und ich vermute, sie hat ihn schon auf dem Phantombild erkannt."


    Tom beugte sich zu seinem Partner rüber: "Sag? mal, hast Du Dich mal gefragt, warum diese Akte urplötzlich jetzt auftaucht? Erst versucht man sie umzubringen, und weil das nicht geklappt hat, probiert man es mit Rufmord?"


    Jetzt war es Semir, der seinem Partner nicht mehr folgen konnte, und so erzählte Tom kurz, was sich vergangene Nacht vor Denises Appartementhaus zugetragen hatte.


    "Irgendjemand fühlt sich scheinbar bedroht durch unserer Ermittlungen," stellte Semir fest. Tom nickte aber ehe sie das weiter vertiefen konnten, wurden sie zur Chefin ins Büro gerufen. Beiden fiel siedendheiß die Besprechung mit Dietmeier und ihrer Chefin ein. Sie hatten zwar im Moment gute Hinweise, aber sie waren sich einig, diese nicht zu verwenden. Also musste ganz schnell ein Plan B her.


    Jedoch stellten sie zu ihrer Erleichterung fest, dass Dietmeier nicht anwesend war. Statt dessen wartete Anna Engelhard mit Neuigkeiten auf:


    "Gestern Nacht haben Anwohner einen Schusswechsel in der Straße gemeldet, in der Denise Springer wohnt. Beamte, die vor Ort waren, haben einen Dienstwagen der Kripo Autobahn gesehen. Sie können mir nicht zufällig etwas darüber sagen?" Anna Engelhard sah die beiden Kommissare prüfend an. Mit gespielter Unschuld verneinten Beide. "Nun, gut, ich denke, sie hätten den Vorfall gemeldet. Übrigens haben die Beamten vor Ort keine weiteren Ermittlungen aufgrund der Anwesenheit des Zivilwagens durchgeführt. Sie gingen davon aus, das bereits Kollegen vor Ort waren. Tom durchlief es heiß und kalt. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, seine Chefin derart belügen zu müssen und sein Partner machte wissentlich mit.


    "Ach ja, falls Sie sich fragen, wo der Kollege Dietmeier ist, er wurde dienstlich verhindert. Er erwartet jedoch Ihren schriftlichen Bericht." Beide nickten und waren nicht wirklich enttäuscht, dass sie ihm heute keine Erklärungen abgeben mussten. Zu sehr waren sie mit dem Anschlag auf Denise und dem Zusammenhang mit dem Geldwäschering beschäftigt.


    "So, ich habe da noch etwas für Sie: Heute morgen hat sich bei uns ein anonymer Anrufer gemeldet. Es geht um die Observation von gestern. Er hat wichtige Informationen für Sie und möchte Sie unter dieser Adresse treffen." Anna reichte Semir die Telefonnotiz.


    "Ein Nachtclub? Und mehr hat er nicht gesagt?" fragte Semir und zeigte Tom den Zettel.


    Anna schüttelte den Kopf: "Nein. Gibt es da etwas, dass ich wissen sollte, meine Herren?"


    "Nein. Ich würde sagen, wir hören uns mal an, was der anonyme Tipgeber zu sagen hat. Vielleicht ist der Fall ja doch noch nicht verloren, wie Dietmeier meinte," antwortete Tom. Anna überlegte kurz und stimmte dann zu: "In Ordnung, aber seien Sie vorsichtig und keine Alleingänge. Sollte sich die Situation als zu gefährlich herausstellen, fordern Sie umgehen Verstärkung an."


    Damit verließen sie das Büro und machten sich auf den Weg zur angegebenen Adressen. Erst im Auto brachte Tom das Thema wieder auf Denise.


    "Warum hast Du gelogen?"


    "Das gleiche sollte ich Dich fragen," konterte Semir und fügte dann hinzu: "Weißt Du, auch wenn Dein Urteilsvermögen im Moment ein wenig getrübt ist, denke ich auch, dass etwas nicht stimmen kann, wenn erst auf Denise geschossen wird und dann diese mysteriöse Akte auftaucht."


    "Getrübtes Urteilsvermögen? Sag mal, was liest Du denn für´n Zeug?" scherzte Tom. Er wusste die Loyalität seines Partner sehr zu schätzen, auch wenn manchmal die Fetzen flogen.


    Semir grinste: "Also normal warst Du in den letzten Tagen nicht."


    "Und, was meint der Herr Professor, woran das liegen könnte?"


    Semir musste darauf nicht antworten, denn sie Beide wussten es. Und jeder hoffte, dass dieser Fall nicht in einer Katastrophe enden würde.
    Nur wenig später stoppte Tom vor einem Gebäude, das mit Gravitys übersät war, das Grundstück war völlig verwahrlost. Hier schien schon seit einer Ewigkeit nichts los gewesen zu sein. Tom und Semir sahen verwundert aus dem Fenster. Nur der Name über der Tür erinnerte noch an einen Nachtclub: -Schwarze Witwe-.


    "Ziemlich schräg," bemerkte Semir.


    "Das würde ich eine Untertreibung nennen."


    "Was meinst Du, was kann der Informant von uns wollen?" Semir sah zu seinem Partner rüber.


    "Lass es uns herausfinden," antwortete Tom und kontrollierte seine Waffe. Semir folgte seinem Beispiel. Dann stiegen beide aus und gingen zum Club. Der Haupteingang war wie erwartet verschlossen. Sie umrundeten das Gebäude. Auf der Rückseite kramte Tom seinen Dietrich heraus und machte sich an dem Schloss der Hintertür zu schaffen. Nach nur wenigen Augenblicken betraten beide das Gebäude. Es war dunkel, schmutzig und es roch muffig.


    Keiner von ihnen vermutete, das es hier noch Strom gab und so holten sie ihre Stifttaschenlampen hervor und verschafften sich einen Überblick mit dem spärlichen Licht. Eigentlich sollten sie nicht, aber die Neugier hatte sie gepackt wieder besseren Wissens sahen sie sich in dem Club um. Semir verschwand im oberen Stockwerk und begab sich in den Raum, der wohl einmal ein Büro war. überall lag Papier, Unrat und ein paar Möbelreste. Ein Blick in die Runde verriet ihm, dass hier niemand war. Gerade als er schon gehen wollte, hörte er ein Knacken hinter sich. Als das Geräusch sich wiederholte drehte er sich um und dann wurde es mit einem Mal schwarz um ihn herum.


    Tom sah sich unten um, allerdings konnte er außer der Tanzfläche und der Bar nichts nennenswertes entdecken. Außer Schmutz und den Spuren eines übereilten Auszugs gab es hier nichts. Tom war schon im Begriff, Semir zu sagen, dass dies hier wohl doch nur vergeudete Zeit war, als er von oben einen dumpfen Aufschlag wahrnahm. Er rannte in Windeseile die Treppe hoch und sah in einem der Zimmer Semir auf dem Boden liegen. Entsetzt beugte er sich über seinen Partner und suchte nach Lebenszeichen. Erleichtert fand er einen Puls, nur war Semir nicht ansprechbar. Tom war schon im Begriff, Verstärkung zu rufen, als er einen Schlag spürte und alles um ihn herum dunkel wurde.


    Rauch stieg die Treppe hoch und waberte langsam über den Boden. Semir hustete und drehte sich langsam auf den Rücken. Die Nase, der Hals und die Lunge brannten. Er rang nach Luft. Semir rappelte sich auf und versuchte etwas um sich herum zu erkennen. Doch au?er dem beißenden Qualm, der ihm die Sicht und den Atem nahm, erkannte er nichts.


    "Tom?...Tom?" röchelte Semir. Wie blind tastete er um sich herum. Nach einer Weile tastete er schließlich etwas Weiches. "Tom?" Semir wurde von einem Hustenanfall geschüttelt. Seine Augen tränten und so langsam begriff er, dass es im Erdgeschoss brannte. Er schüttelte seinen Partner, doch der reagierte nicht darauf. Nachdem Semir erneut husten musste, versuchte er wieder seinen Partner wachzubekommen. Mit der Zeit wurde nicht nur die Luft weniger, es wurde auch immer heißer. Semir hörte das Feuer prasseln. Er tastete sich vor zur Treppe und sah, wie die Flammen sich die Wände hochfraßen und sich langsam aber sicher den Stufen näherten. Sie hatten nicht mehr viel Zeit. Semir krabbelte zurück zu Tom und versuchte nun schon fast panisch seinen Partner zu wachzubekommen. Als das nicht gelang, sah er keine andere Möglichkeit, als ihn stützend auf die Beine zu stellen und raus aus diese Flammenhölle zu schleifen.


    Langsam ging er mit seinem Partner im Schlepptau zum Treppenabsatz. Das Feuer breitete sich schneller aus, als es Semir lieb war. Als er weiter wollte, begann Tom zu husten. Er ließ ihn runter, damit er sich einen Moment sammeln konnte.


    "Was ist passiert?" fragte Tom keuchend und sah sich verwirrt um.


    "Wir sind in eine Falle getappt...wir müssen hier ganz schnell raus...sonst gibt es morgen gegrillte Beamte." Semir blieb die Luft weg. So langsam begriff Tom, was los war, rappelte sich auf und folgte seinem Partner die Treppe runter. Unten war es jedoch wie im Vorhof zur Hölle. Sie versuchten sich zu orientieren und schlugen den Weg in Richtung Hinterausgang ein. Ein brennender Balken löste sich und verfehlte die Beamten nur knapp. Jedoch versperrte dieser den Polizisten den Weg nach draußen. Sie sahen sich nach einer Alternative um, doch außer sengender Hitze und Feuer war da scheinbar nichts.


    Dann hörten beide Scheiben klirren und konnten erkennen, wie eines der größeren Fenster der Hitze nachgaben und zu Bruch gingen. Sie nickten sich zu und nutzen diese Chance. Sie kämpften sich zu dem Fenster durch. Tom entfernte die letzten Splitter und hangelte sich dann aus dem Fenster. Semir folgte ihm mit letzter Kraft. Kurz darauf stürtzten weitere Deckenteile zu Boden, während beide Beamte hustend und nach Luft ringend vor dem Gebäude lagen.


    Wie durch einen Schleier nahmen sie Sirenen wahr. Einen Moment später beugten sich Männer in Uniform über sie. Tom und Semir wollten sich instinktiv wehren, bis sie begriffen, dass die Leute von der Feuerwehr waren und ihnen helfen wollten. Die Sanitäter verpassten ihnen Sauerstoffmasken und untersuchten sie auf Brandverletzungen. Währenddessen nahmen die beiden jeden Atemzug mit dem lebenspendenen Sauerstoff gierig auf. Mit der Zeit fühlten sie sich ein wenig besser und sahen sich entsetzt um. Hinter ihnen brannte der verlassene Nachtclub lichterloh. Jetzt erst realisierten sie, wie knapp sie dem sicheren Tod entgangen waren.


    Einer der Sanitäter bemerkte das Entsetzen in den Gesichtern der Beamten und schlug vor, dass sie sich erst einmal ins Krankenhaus zur Kontrolle begeben sollten. Nach einer kurzen obligatorischen Abwehrreaktion gaben Tom und Semir nach und ließen sich für weitere Untersuchungen in die Klinik fahren.


    Kapitel 12
    Es war bereits dunkel, als Daniela Garcia endlich wieder zu Hause ankam. Ein langer Tag lag hinter ihr, der mit der Identifizierung ihres Mannes im Leichenschauhaus begann. Als sie nach den Formalitäten in dieser Halle stand, alleine mit dem Leichnam, war ihr klar, dass sie früher oder später auch hier enden würde, wenn sie dem nicht ein Ende setzte, was er immer lapidar als Geschäft bezeichnete. Ihr Mann war klug und arbeitete stets mit einem kalkulierbarem Risiko. Aber die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen auch die Geschäftspartner. Und die Leute, mit denen ihr Mann neuerdings zusammenarbeitete, waren ihr nicht geheuer. Sie beschloss, alle Spuren und Akten, die jemals etwas mit den Geschäften ihres Mannes zu tun hatten, zu vernichten. Noch am selben Tag hatte sie einen Markler mit dem Verkauf des Nachtclubs und des Hauses beauftragt. Sie wollte die Vergangenheit begraben, zusammen mit ihrem Mann. Und das so schnell wie möglich. Sie hatte Angst, zum ersten Mal seit Jahren. Begonnen hatte es damit, dass die Polizisten vor der Tür standen wegen ihrem Auto, dann der Tod ihres Mannes. Und heute früh las sie in der Zeitung, dass ausgerechnet jene Polizisten, die gegen ihren Mann ermittelten, beinahe bei einem Brand ums Leben kamen. Sie glaubte nicht an Zufälle, nicht bei so etwas. Sie ahnte, wer ihr Auto gestohlen hatte und wer hinter dem Tod ihres Mannes steckte. Und sie bereute es, den Polizisten ihren Verdacht nicht geäußert zu haben. Aber auch dass wollte sie nachholen. Sie musste sich ja nicht gleich selbst belasten, aber zu sagen, wer dahinter steckte und somit ihre Gewissen zu entlasten, das wollte sie. Alleine der Gedanke an ihr Vorhaben tat ihr gut und ließ sie ein wenig positiver in die Zukunft blicken.


    Als sie den Leihwagen in die Garage abgestellt hatte, bemerkte sie erst wie erschöpft sie war. Der Tag war zu lang, aber sie hatte vieles erledigt. Vielen kam sie vermutlich nicht wie eine trauernde Witwe vor, aber das war ihr nicht so wichtig. Im Moment gab es Dinge, die größere Priorität hatten als Trauer. Dafür würde sie noch genug Zeit haben.


    Ihre Gedanken wurde jäh durch das Klingeln ihres Handys unterbrochen. Schon mehrmals hatte es tagsüber geläutet und es war jedes Mal derselbe Teilnehmer. Sie schüttelte entnervt den Kopf. Einige Male hatte sie heute schon mit ihm gesprochen, ihm erklärt, dass sie nicht das Erbe ihres Mannes antreten werde. Dann hatte sie das Läuten ignoriert. Eigentlich wollte sie das wieder machen, aber entschied sich, noch ein letztes Mal mit ihm zu reden, vielleicht würde er es ja irgendwann begreifen und sie in Ruhe lassen.


    "Sie sind schwer zu erreichen," ertönte eine Männerstimme am anderen Ende der Leitung.


    "Ich hatte wichtigeres zu tun und außerdem ist ja wohl alles geklärt," antwortete Daniela. Dann folgte eine kurze Pause.


    "Sind Sie sich da wirklich sicher?"


    Daniela rieb sich die Augen, sie war genervt und müde. "Ja...ich bin mir sicher. Ich habe heute schon alles Notwendige in die Wege geleitet. Es ist vorbei. Ich werde mit Ihnen keine Geschäfte machen. Das habe ich Ihnen ja schon heute Mittag erklärt." Wieder eine Pause, ehe eine Antwort folgte.


    "Ich bedauere Ihre Entscheidung sehr. Aber da sie unumgänglich zu sein scheint, bleibt mir nur noch zu sagen: "Leben Sie wohl?." Dann knackte es und kurz darauf ertönte das Freizeichen. Daniela atmete durch. Sie war froh, dass er es endlich begriffen hatte. Aber auch, dass sie ihm nicht gesagt hatte, dass sie bei der Polizei aussagen würde, sonst wäre ihr Leben keinen Pfifferling mehr wert gewesen.


    Daniela verließ den Wagen und wollte durch den Seiteneingang ins Haus. Ihr Schlüssel steckte schon, als ihr einfiel, dass sie ja noch nach der Post sehen musste. Sie ging die Auffahrt runter zum Postkasten und entnahm die Briefe. Es war das übliche wie immer in den letzten Tagen: Umschläge mit schwarzer Umrandung, Werbe- und Geschäftspost und die obligatorische Wurfsendung.


    Sie überflog kurz die Absender während sie wieder zurück zur Garage ging. Sie benutzte fast nie mehr die Haustür, seitdem sie die Garage umgebaut und einen Durchgang zum Haus eingebaut hatten.


    Sie schloss die Garagentür hinter sich, kontrollierte die Alarmanlage und den Wagen. Schließlich schob sie den Schlüssel in die Tür mit der Vorfreude auf ein heißes Bad und ein Glas Rotwein. Als sie die Tür öffnete, erschütterte ein ohrenbetäubender Knall die Nachbarschaft, dem ein allesverschlingender Feuerball folgte...


    Noch ein wenig angeschlagen betraten Tom und Semir am darauf folgenden Tag das Büro der Dienststelle. Sie hatten eine leichte Rauchvergiftung erlitten, konnten aber nach wenigen Stunden das Krankenhaus wieder verlassen. Dennoch warf ihnen jeder einen besorgten Blick zu.


    Anna Engelhard bat die beiden in ihr Büro zu einer kurzen Lagebesprechung.


    "Wie fühlen Sie sich?"


    "Na ja, wir leben noch," antwortete Semir.


    "Das ganze hätte gestern auch anders enden können. Das ist Ihnen doch hoffentlich bewusst."


    Die beiden Kommissare nickten.


    "Markus und der Kollege Reiter sind übrigens einstimmig der Ansicht, dass Sie von den aktuellen Ermittlungen ausgeschlossen werden sollten. Sie fürchten, es könnte zu gefährlich für Sie beide werden."


    "Aber Chefin...!" empörte sich Semir.


    "Kein ?Aber?, Semir. Sie beide werden einen abschließenden Bericht schreiben und alle bisherigen Ermittlungsergebnisse an das LKA weiterleiten. Außerdem haben Sie hier ja noch genug zu erledigen. Zum Beispiel die Betreuung der Kollegin Springer."


    Tom fiel Denise wieder ein. Er hatte gestern nur ihre Mailbox erreicht und ihr eine Nachricht auf Band hinterlassen. Jetzt ergriff er Partei, denn schon wegen Denise durften sie nicht von den Ermittlungen ausgeschlossen werden.


    "Chefin, wir sind den Drahtziehern vermutlich zu nahe gekommen, sonst hätte man uns die Falle nicht gestellt. Sie können uns doch jetzt nicht von dem Fall abziehen."


    "Doch Tom, ich kann. Alleine schon deswegen, weil ich nicht bereit bin, meine besten Männer wegen Ermittlungen zu verlieren, die Sache des LKA sind."


    Tom und Semir tauschten einen viel sagenden Blick, der Anna nicht entging.


    "Oh nein, meine Herren. Keine Verschwörungstheorien und keine heimlichen Ermittlungen. Der Fall ist hier und jetzt für Sie beide beendet. Und das ist kein freundlicher Hinweis, sondern ein Befehl," sagte Anna in einem Ton, der keine Widerrede erlaubte.


    Tom und Semir fügten sich dem erst einmal und verließen das Büro ihrer Chefin, um sich an den Papierkram zu machen. An Andreas Schreibtisch blieb Semir kurz stehen um ihr einen Kuss zu geben. "Hallo, mein Schatz."


    Als sie sich voneinander lösten, sah sie beide Kommissare ernst an: "Ihr hattet gestern mehr Glück als Daniela Garcia." Sie hielt ihrem Mann die Tageszeitung hin. "Hier, der Artikel ganz unten auf der Seite..."


    Semir las halb laut vor: "Tote bei Explosion in Kölner Vorstadt. Polizei und Feuerwehr gehen nach ersten Ermittlungen von einer defekten Gasleitung aus..."


    "Das war niemals ein Unfall," unterbrach Tom seinen Partner. "Bist Du sicher, dass es sich bei der Toten um Garcias Frau handelt?"


    Andrea nickte. Semir grinste: "Ich möchte lieber nicht wissen, wie Du das wieder rausbekommen hast."


    "Ich habe sie darauf gebracht," sagte eine Frauenstimme hinter ihnen. Sie drehten sich um und sahen eine sehr ängstlich wirkende Denise. Tom war zwar froh, sie zu sehen, aber gleichzeitig hatte er ein ungutes Gefühl in der Magengegend, bei dem Gedanken, warum sie wirklich hier war.


    "Wir müssen uns unterhalten. Ich kann das nicht mehr länger für mich behalten, denn ihr zwei steckt da schon zu tief mit drin."


    "Am besten gehen wir in unser Büro," schlug Tom vor.


    Denise ging voraus. Ihre Hände fühlten sich wie Eis an. Ihr war nicht wohl dabei, aber sie musste es ihnen erzählen, egal was dann passierte.


    "Wir sind ganz Ohr," meinte Semir und sah Denise direkt an. Sie atmete tief durch, während sie überlegte, wie sie beginnen sollte.


    "Bevor ich an der Polizeischule unterrichtete, war ich im Außendienst. Ich wurde einer Soko zugeteilt, die gegen einen europaweit operierenden Geldwäschering ermittelte."


    "Das wissen wir bereits, und auch dass ein Kollege durch Sie gestorben ist", unterbrach sie Semir. Sie nickte. "Woher wissen Sie das? Alle Akten sind doch unter Verschluss."


    Semir zog einen Hefter raus und reichte ihn Denise: "Das hier wurde uns kürzlich zugespielt."


    "Ach ja, der sogenannte offizielle Abschlussbericht. Der wurde soweit nach unten gelegt, in der Hoffnung, niemand würde ihn entdecken. Da fehlt doch die Hälfte. Die Sache ist damals furchtbar schief gelaufen." Denises Augen schimmerten feucht, als sie sich jene Nacht ins Gedächtnis rief. Tom entging das nicht, und am liebsten hätte er die Befragung nicht weitergeführt, aber sie waren auf ihre Hilfe angewiesen.


    "Was sollte denn in dem Bericht stehen?" fragte er ruhig.


    "Anfangs verliefen die Ermittlungen erst schleppend. Aber nach einer Weile hatten wir einen Informanten und es gab erste konkrete Ans?tze und auch ein paar Festnahmen. Aber nach einer Weile stellten sich die Festnahmen als Fakes raus."


    "So wie neulich im Medienhafen?" fragte Semir. Er erinnerte sich an ihre Bemerkung, die damals weder er noch Tom begriffen hatten. Denise nickte zustimmend. "Genau. Die Drahtzieher opferten quasi ein paar ihrer Mitarbeiter. Nur konnten wir ihnen nichts nachweisen und es gab keinerlei Hinweise zu einem organisierten Verbrechen. Und das war nicht alles: immer öfters stellten sich Hinweise als falsch heraus. Einmal hatten wir eine Razzia in einem Bürogebäude geplant. Tagelang hatten wir observiert, alle Personen überprüft und am Tag der Razzia standen wir in einem leerem Haus. Das war der vorläufige traurige Höhepunkt."


    "Das heißt, jemand hat etwas bemerkt oder war in die Aktion eingeweiht", bemerkte Semir.


    "Zu dem Schluss kamen wir auch. Wir vermuteten einen Maulwurf, der die Ermittlungen gezielt in falsche Bahnen lenkte. Und leider schien sich der Verdacht auch zu erhörten, so dass wir dem betreffenden Kollegen eine Falle stellten." Denise machte eine Pause. "Aber irgendetwas ging schief...Verdammt, wir standen in der Lagerhalle und dann drehte er sich zu mir um, er wollte mir etwas sagen, dann sah ich nur noch, wie er seine Waffe auf mich richtete, ich griff nach meiner Dienstwaffe. Er drückte ab und ich ebenfalls. Er sank zu Boden. Er war tot, ich hatte ihn erschossen. Dann war alles wie im Nebel. Sein Bruder, Reiter und Dietmeier und ein paar Beamte des SEK standen plötzlich um uns rum. Jeder redete auf mich ein. Es war furchtbar." Denise bemühte sich um Fassung, aber es gelang ihr nur schwer. Tom griff nach ihrer Hand. Weder Semir noch Tom trauten sich, weitere Fragen zu stellen. Sie kannten das Gefühl, wenn ein Polizist im Dienst umkam, aber keiner von beiden wusste, wie es war, einen Kollegen zu erschießen. Und sie hofften in dem Moment, das auch nie erfahren zu müssen.


    "Darum hast Du so komisch geguckt, als Du Reiter und Dietmeier im Büro der Chefin gesehen hast, Du kanntest sie von damals", sagte Tom nach einer Weile.


    "Ja, und ich habe auch Garcia auf dem Phantombild erkannt. Mir tut es leid, dass ich geschwiegen hatte, aber ich hatte damit abgeschlossen. Ich wollte damit nichts mehr zu tun haben. Es gab damals noch eine Anhörung, die das ganze als Notwehr wertete und mich von jeglicher Schuld freisprach. Sein Bruder hat danach den Dienst quittiert. Er hat mich immer wieder beschworen, dass sein Bruder nichts damit zu tun hatte, dass er kein Maulwurf war. Beide liebten ihren Job und es war das größte für beide, als sie in die Soko geholt wurden. Irgendwann meinte er, ich würde es bitter bereuen, dann ist er verschwunden. Eine Weile blieb ich noch bei der Soko und stellte ein paar Nachforschungen nebenher an und die schienen seinen Verdacht zu bestätigen. Aber weder Reiter noch Dietmeier schienen das zu interessieren. Ich verließ dann auch die Soko und ließ mich zur Polizeischule versetzen. Ich konnte nicht mehr so weiter machen. Die Akten wurden zu meinen Schutz und um die Ermittlungen nicht zu gefährden, versiegelt. Und kurz darauf wurde der Fall auf Eis gelegt, bis vor ein paar Wochen."


    Semir und Tom schluckten. Keiner von beiden wusste, was er sagen sollte. Sie ließen die letzten Tage gedanklich noch einmal Revue passieren.


    Tom erinnerte sich an die Schießerei vor ein paar Tagen: "Wenn es der Bruder des vermeintlichen Maulwurfs war, der auf Dich geschossen hat, dann darfst Du nicht mehr in Dein Appartement oder zumindest nicht mehr ohne Schutz. Wir brauchen den Namen für die Fahndung. Vermutlich steckt er auch hinter dem Anschlag auf uns."


    "Er heißt Thomas Rothe."


    "Tom, was bitte sollte Thomas Rothe von uns? Wir haben doch damit nichts zu tun." Tom schüttelte den Kopf. "Wer weiß denn schon, was in so einem Kopf vorgeht."


    Dann holte Denise die Bilder vor, die sie vor ein paar Tagen bekommen hatte. "Es gab keinen Drohbrief, nur diese Fotos. Ich denke, er ist wahnsinnig geworden."


    "Da stimme ich Dir zu", sagte Tom, als er die Bilder betrachtete.


    Dann ging er zu Andrea, mit der Bitte Rothe auf die Fahndungsliste zu setzen und ein paar Recherchen über ihn anzustellen.


    "Wie geht es nun weiter?" fragte Denise, als Tom wieder das Zimmer betrat.


    "Wir müssen abwarten. Und vorsichtig sein. Am besten ist, wir bringen Dich vor?bergehend woanders unter."


    "Wie wollen wir das aber der Engelhard erklären, dass wir Personenschutz benötigen? Es weiß niemand etwas von ihrer Vergangenheit und das würde einen enormen Rattenschwanz an Fragen und Problemen aufwerfen ? für uns und für Denise."


    Tom begriff, was sein Partner meinte und meinte kurz entschlossen: "Na gut, dann wohnst Du so lange bei mir, bis Rothe gefasst ist. Und tagsüber bist Du ja mit uns auf Streife. Also bist Du rund um die Uhr bewacht."


    Semir konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen: "Das gef?llt Dir, was?"


    Tom blickte seinen Partner genervt an blickte dann auf die Uhr und meinte: "Ich glaube, wir müssten so langsam mal auf die Autobahn."


    Semir erhob sich widerwillig: "Wir nehmen meinen Wagen, der ist nämlich wieder aus der Reparatur zurück."


    "Na prima, dann können wir ja wieder Karussell fahren?, entfuhr es Denise. Tom konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Noch zu gut hatte er in Erinnerung, wie sie nach der Verfolgungsjagd aus dem Wagen krabbelte und wankend über die Autobahn zu einem Streifenwagen ging.


    Wenig später fuhren sie mit Semirs BMW über die Autobahn. Es war einer dieser Tage, an denen nichts los war, ein paar Pendler, ein paar Touristen. Nichts besonderes.


    ?Wie wurde Garcia eigentlich euer Hauptverd?chtiger?? wollte Tom wissen und drehte sich zu Denise.


    "Einer seiner Mitarbeiter hat geplaudert. Und der wurde unsere wichtigste Quelle. Nach der Sache in dem Lagerhaus wurden mir Unterlagen zugespielt, die belegen, wie Garcia arbeitete und diese Geschäfte abgewickelt wurden. Ich habe sie Reiter gegeben, aber ich kann Dir nicht sagen, wie sie die Informationen gewertet haben.?


    "Dann wären Sie auch eine schöne Zielscheibe für den Maulwurf mit ihrem Wissen", bemerkte Semir.


    Daran hatte Tom noch gar nicht gedacht. Nur wussten sie nicht, wer das sein könnte. Tom lehnte sich zurück und beobachtete Denise im Innenspiegel. Sie sah blass und müde aus. Dann kam er wieder auf den Fall zu sprechen zu sprechen: "Also, ich denke, das Garcia und seine Frau nicht von Rothe umgebracht worden sind. Am Tatort war ein anderer Wagen als vor dem Appartementhaus. Ich tippe auf den Maulwurf oder einen seiner Geschäftspartner."


    Semir dachte über die Theorie nach: "Na klasse, dann haben wir es ja mit drei Wahnsinnigen zu tun. Wo sollen wir da bitte anfangen?"


    "Vermutlich geht uns Rothe zuerst ins Netz. Wenn der aus dem Verkehr gezogen ist, kümmern wir uns um die anderen."


    "Mir gefällt das trotzdem nicht. Wir hängen zwischen allen Fronten ? das LKA hat uns abgezogen, wir haben einen Maulwurf und einen durchgeknallten Ex-Kollegen, und die Chefin weiß von nichts. Wir sollten wenigstens sie einweihen."


    Tom stimmte Semir zu, doch wie würde die Engelhard reagieren? Offiziell waren sie von den Ermittlungen abgezogen worden.


    Sie vertagten die Diskussion auf später, denn im Moment forderte ein offensichtlich angetrunkener Autofahrer, der Schlangenlinien fuhr, ihre Aufmerksamkeit.


    Kapitel 13
    Tom und Semir beendeten ihren Dienst damit, die lästigen Einsatzberichte zu schreiben. Es war sonst nicht ihre Art, den Papierkram sofort zu erledigen, aber im Rahmen von Denise Praktikums wollten sie sich mal vorbildlich zeigen und fertigten die unliebsamen Berichte noch am gleichen Abend an. Dabei wechselten Tom und Denise immer wieder Blicke. Semir entging das nicht und grinste vor sich hin.


    Nachdem sie alles erledigt hatten, schlug Semir vor, noch etwas zusammen trinken zu gehen. Aber weder Denise noch Tom hatten großes Interesse, noch etwas zu unternehmen. Die vergangenen Tage steckten beiden zu sehr in den Knochen, dass sie sich einfach nach ein wenig Erholung sehnten. Also zog Semir zusammen mit Andrea los, während Tom und Denise zu ihrer Wohnung fuhren, um ein paar Sachen zu holen.


    Unbehelligt erreichten sie schließlich eine halbe Stunde später Toms Wohnung. Während Denise sich frisch machte, richtete Tom eine Kleinigkeit zum Abendessen.


    "Seit wann bist Du denn Hausmann?" hörte er sie fragen. Denise lächelte zum ersten Mal seit ihrem Abendessen vor ein paar Tagen. Tom kam es wie eine Ewigkeit vor, das er sie so gesehen hatte. Er entgegnete ihrem Lächeln.


    "Seit ich von -Hotel Mama- ausgezogen bin..."


    "Hmm, das hat bei mir nicht viel gebracht. Ich habe mich immer für andere Dinge interessiert: Sport, Ausbildung, der Job ? da kamen die berühmten hausfraulichen Dinge zu kurz." Denise biss genüsslich in eine Schnitte mit Wurst. Sie hatte einen Mordshunger. Und sie fühlte sich in Toms Gegenwart unglaublich geborgen, dass sie für den Augenblick jegliche Sorgen verga?. Beide verzehrten schweigend ihr Abendbrot, aber es war kein unangenehmes Schweigen.


    Nachdem Tom und Denise das Geschirr verräumt hatten, machten sie es sich mit einem Glas Wein gemütlich.


    Sie plauderten und scherzten. Nach einer Weile sah sie sich in dem geräumigen Wohnzimmer um.


    "Teilst Du Dir die Wohnung mit jemanden? Eine WG, oder so?"


    Tom sah für einen Moment traurig in sein Glas. Sein Herz fühlte sich an, als ob sich ein Pfeil durchbohrte und er spürte, wie sich seine Augen mit Tränen fühlten. Sie konnte davon nichts wissen und er wollte und konnte ihr es nicht erzählen, was gewesen war. Er atmete tief durch, ehe er antwortete: "Nein, ich lebe alleine hier." Dann sah er sie von der Seite an: "Und Du? Bist Du mit jemanden zusammen?" Bei dieser Frage hätte er sich am liebsten selber geohrfeigt. Es war ihm einfach so rausgerutscht. Sie lächelte ihn offen an und antwortete schließlich: "Nein, ich bin solo, aber gegen einen Freund, der sich auch mal als Hausmann betätigt habe ich nichts einzuwenden." Sie lachten beide darüber. Tom war erleichtert über ihre Reaktion. Er hatte sie sehr gerne, und für einen Moment vergaß er seine Trauer. Als sie sich von dem Lachanfall erholt hatten, trafen sich ihre Blicke. Tom berührte ihr Gesicht und küsste sie zärtlich.


    Gerade als sie den Kuss erwidern wollte, klingelte das Telefon. Tom verdrehte die Augen, vermutlich war es die Dienststelle, und im Moment hegte er keinerlei Interesse, seinen Feierabend zerstören zu lassen. Denise war es schließlich, die ihn überzeugte, doch ans Telefon zu gehen.


    "Vielleicht gibt es ja etwas neues über Rothe. Ich möchte diesen Albtraum zu Ende bringen." Sie sah ihn bittend an und so griff er schließlich zum Telefon.


    "Kranich...ja am Telefon...wer ist dran...ich höre..."


    Tom hörte gespannt, was der Anrufer zu sagen hatte. Denise wollte auch wissen, was da vorging, aber sie hatte keine Chance etwas zu erfahren, jedenfalls so lange nicht, bis er das Gespräch beendet hatte.


    "Wer war das?"


    Tom schüttelte nur den Kopf. "Keine Ahnung, er hat keinen Namen genannt. Aber der Anrufer weiß angeblich, wo sich Rothe befindet." Denise riss die Augen auf, ihr Herz klopfte. Sie hoffte inständig, das dieses Kapitel aus der Vergangenheit bald beendet sein würde.


    "Und, hat er gesagt, wo Rothe ist?" wollte Denise wissen.


    "Ja, aber mir ist das nicht ganz geheuer. Woher hat er meine Nummer? Und woher weiß er, dass wir nach Rothe fahnden?" Tom war skeptisch. Denise musste ihm beipflichten, dass hier etwas nicht zusammen passte. Ihre Hoffnung sank. "Und was sollen wir jetzt machen?"


    "Ich werde Semir anrufen, wir sollten da nicht alleine hinfahren." Tom wählte die Nummer seines Partners, doch es meldete sich nur die Mailbox. Er wartete eine Weile, doch auch dieses Mal erreichte er ihn nicht persönlich. Schließlich traf er eine Entscheidung, und hinterließ beim dritten vergeblichen Versuch eine Nachricht auf seiner Mailbox: "Semir, ich bin´s. Wir haben einen Tipp bekommen, wo sich Rothe aufhalten soll. Ich sehe mir das mal aus der Ferne an." Nachdem er aufgelegt hatte, griff er sich Schlüssel und Jacke und war schon auf dem Sprung.


    Denise sah ihn entrüstet an: "Ich komme mit, auf keinen Fall lässt Du mich hier alleine."


    "Du bist hier sicherer, als wenn Du mit mir kommst."


    "Hey, auch wenn ich nicht die große Erfahrung im Außendienst haben, bin ich trotzdem Polizistin. Und vergiss nicht, das hier geht mich auch an."


    Denise wartete eine Antwort erst gar nicht ab, sondern holte ihre Jacke. Tom war das gar nicht recht. Sie hatte keine Dienstwaffe und er wusste nicht, was sie vor Ort erwarten würde. Aber sie ließ sich davon nicht abbringen und so gab er widerwillig nach.


    Zusammen fuhren sie mit seinem Dienstwagen raus aus der Stadt. Über die Bundesstraße erreichten sie nach über einer halben Stunde eine abgelegene Landstraße. Im Dämmerlicht konnte sie erkennen, dass hier schon lange keiner mehr gefahren ist.


    Nach kurzer Überlegung bog er in die Straße ein. Der Straße wurde nach kurzer Fahrt zu einem Weg, das offene Feld wurde nach und nach zu einem kleinen W?ldchen. Irgendwo dahinter musste sich ein verlassener Hof befinden, aber er war von hier nicht auszumachen. "Ich sehe mir das mal aus der Nähe an. Du bleibst hier im Wagen." Tom kontrollierte sein Waffe. Denise sah ihn nur ungläubig an und schüttelte lachend den Kopf. "Du hast zugesagt, mich zu bewachen und jetzt willst Du mich hier alleine im Auto auf einer verlassenen Seitenstraße zurücklassen?" Tom blickte leicht genervt aus dem Fenster und überlegte, was er sich hier bloß aufgehalst hatte. Dann sah er zu Denise. Sein Herz klopfte dabei schneller. Nur zu gerne hätte er sie bei sich gehabt, aber es war zu gefährlich. Im Wagen konnte sie zur Not flüchten.


    "Du bleibst hier, keine Widerrede. Setz Dich hinter´s Steuer. Wenn irgendetwas nicht stimmt, rufe Verstärkung und verschwinde." Tom sah sie ernst an. Denise hätte ihm gerne widersprochen, aber sein Gesichtsausdruck verriet ihr, dass er nicht von seinem Standpunkt weichen würde. Also folgte sie seiner Anweisung.


    Tom warf ihr einen letzten Blick zu, ehe er sich auf die Suche nach dem, vom Anrufer beschriebenen, Hof machte.


    Semir und Andrea verließen gemeinsam nach einem vergnüglichen Abend das Lokal. Dabei sahen sie sich immer wieder verliebt an und küssten sich.


    "Das war ein schöner Abend."


    "Ja, das fand ich auch. Und nun? Zu mir oder zu Dir?"


    Andrea musste lachen. "Hey, Casanova. Lass das Deine Frau bloß nicht wissen." Andreas Lachen war dermaßend ansteckend, das Semir unweigerlich mitlachen musste. Schließlich meinte er: "Wir sollten so etwas hier öfters machen, wir haben viel zu wenig Zeit fpr uns." Andrea lächelte ihn liebevoll an und küsste ihn. Dann gingen sie Arm in Arm zu seinem Dienstwagen, der auf der anderen Straßenseite parkte. Semir und Andrea waren schon halb auf der Fahrbahn, als ein Wagen mit quietschenden Reifen und Fernlicht direkt auf sie zuhielt. Semir reagierte sofort und hechtete zusammen mit seiner vor Schreck erstarrten Frau zur Seite.


    "Bist Du verletzt?" fragte Semir, als er sich aufrappelte. Andrea schüttelte den Kopf. Sie zitterte vor Schreck. "Wer war das?" fragte sie stockend. "Das hätte ich auch zu gerne gewusst", entgegnete Semir. Er musste nicht lange auf die Antwort warten. Ein Stück weiter kam der Wagen zum Stehen und drehte um. Der Fahrer ließ den Motor aufheulen und wieder hielt das Auto direkt auf Semir zu. Er hatte eine Ahnung, bei wem es sich um den Irren handeln konnte. Kurz entschlossen schickte er Andrea zurück ins Lokal. Sie war dort für den Moment am sichersten. Er selber sprang in seinen BMW, legte den Rückwärtsgang ein und wendete den Wagen bei voller Fahrt. Sein Verfolger hatte ihn bereits eingeholt und rammte das Heck. Semir versuchte den Irren auszubremsen, aber der ergriff dabei die Flucht.


    Semir nahm fluchend die Verfolgung auf. Der Wagen vor ihm schlitterte durch enge Straßen, verlor dabei immer wieder fast die Kontrolle und rammte parkende Fahrzeuge. Semir blieb an ihm dran. Im Schein der Laternen erkannte Semir den schwarzen Sportwagen, den er zuvor schon auf dem Parkplatz der Dienststelle gesehen hatte. Er vermutete Rothe am Steuer. Über Funk gab er die Situation und Lage durch und forderte Unterstützung an. Flüchtende bemerkte, dass er Semir nicht abhängen konnte und setzte die Fahrt in Richtung Autobahn fort. Dort angekommen schlängelte er sich mit Vollgas durch die anderen Verkehrsteilnehmer. Semir setzte die Verfolgung auf dem Standstreifen fort. Zum einem wollte er nicht unnötig andere Fahrer gefährden, zum anderen hoffte er, somit den Raser einzuholen und bei nächster bester Gelegenheit den Weg abzuschneiden. Im Rückspiegel entdeckte er erleichtert die Verstärkung, die sich langsam näherte. Zu seinem Leidwesen hat sich ein Autofahrer ein Stück weiter vorne bei dem Überholmanöver des schwarzen Sportwagens verkalkuliert, bremste ab, drehte sich um die eigene Achse und rammte ein weiteres Fahrzeug. Nachfolgende Fahrzeuge, versuchten zu bremsen, rasten in die Leitplanke oder kollidierten mit anderen Autos. Funken sprühten, eines der Autos fing Feuer. Der Fahrer und seine Begleitung konnten sich gerade noch in Sicherheit bringen, als das Fahrzeug explodierte. Andere Verkehrsteilnehmer folgten dem Beispiel, flüchteten aus ihren Autos und rannten um ihr Leben. Semir konnte dem Chaos gerade noch so ausweichen.


    Allerdings hatten seine Kollegen weniger Glück, sie wurden durch die Karambolage ausgebremst.


    Semir meldete den Unfall per Funk und gab dann Vollgas. Nach ein paar Kilometern war er fast auf derselben Höhe wie der Flüchtige. Semir riss das Lenkrad rum und rammte den Sportwagen. Dieser geriet ins Schlingern und schleuderte von einer Leitplanke in die nächste. Nach einigen Metern blieb der Wagen dann liegen. Semir kam neben dem Fluchtwagen zum Stehen und sprang mit gezogener Waffe aus seinem BMW. Er riss die Fahrertür auf und brüllte: "Keine Bewegung, Sie sind verhaftet!"


    Der Fahrer sah erst in den Lauf der Waffe und entdeckte dann die Blaulichter die aus der entgegengesetzten Richtung kamen. Resignierend lehnte er sich in den Sitz zurück und ergab sich in sein Schicksal.


    Inzwischen war es dunkel geworden. Nur der Mond warf ein fahles Licht durch die Bäume. Die Schatten wirkten gespenstisch und jede Bewegung ließ Toms Puls steigen. Seit geraumer Zeit war sein Wagen außer Sichtweite, und er fragte sich, wie weit es noch bis zu dem Hof sein würde und ob es ihn überhaupt gäbe. Er wollte den anonymen Anruf schon als bösen Scherz abtun und zurückkehren, als ein Knacken im Unterholz seine Aufmerksamkeit weckte. Er leuchtete mit seiner Taschenlampe in die Richtung, aus der er das Geräusch vermutete, konnte aber nichts erkennen. Tom blickte in alle Richtungen, konnte aber weder ein Licht noch ein anderes Fahrzeug geschweige denn eine Person ausmachen. Er vermutete den Informanten, falls es ihn denn gäbe, in dem Wäldchen und entschied sich gegen besseres Wissen, die Straße zu verlassen. Mit entsicherter Waffe in der einen und der Taschenlampe in der anderen Hand schritt er langsam durch den kleinen Wald. Hier war es stockdunkel. Nur stellenweise konnte sich das Mondlicht einen Weg bahnen. Tom war schon im Begriff umzukehren, als er weiter vorne einen Weg entdeckte. Auf der Lichtung angekommen, stellte er enttäuscht fest, dass hier niemand aus ihm und ein Käuzchen zu sein schien. So beschloss er endgültig, die heutige Aktion zu beenden und morgen mit seinem Kollegen bei Tageslicht die Gegend zu erkunden.


    In dem Moment hörte er einen Schuss. Sein erster Gedanke galt Denise. Die Angst, ihr könnte etwas passiert sein, schnürte ihm die Kehle zu. Dann rannte er blindlings zurück quer durch den Wald zur Straße. Dort angekommen wurde er von Scheinwerfern geblendet und kurz darauf von einem Auto gestriffen. Er landete unsanft auf dem Boden und konnte nicht mehr aus eigener Kraft aufstehen. Er nahm noch eine Männerstimme wahr, die wütend ?"Der Boss wollte sie beide lebend." zischte und spürte schließlich etwas Kaltes in seinem Genick. Dann verlor er das Bewusstsein.


    Kapitel 14
    Semir und Anna Engelhard beobachteten Rothe durch das verspiegelte Fenster. Dietmeier und Reiter redeten auf ihn ein, aber auf keine der Fragen antwortete er.


    "Das führt doch zu nichts. Rothe ist total durchgeknallt", empörte sich Semir. Er dachte an Andrea, die sich inzwischen von dem Schock erholt hatte.


    "Prinzipiell stimme ich Ihnen ja zu, trotzdem müssen wir herausfinden, ob er auch mit den anderen Anschlägen zu tun hat."


    "Oder ob er weiß, wer der Maulwurf ist", murmelte Semir wie gedankenverloren. Anna sah ihn fragend an und er bemerkte, dass er laut gedacht hatte. Verlegen blickte er zu Boden und ärgerte sich ?ber seinen Leichtsinn. Aber Lügen wollte er auch nicht. Und sie wollten die Chefin ohnehin einweihen. "Wir vermuten, dass sich ein Maulwurf unter den Ermittlern der Soko befindet, nur leider wissen wir nicht wer, nur dass es ein Kollege sein muss", erklärte Semir. Anna blickte ihn entnervt an. Doch noch ehe sie etwas erwidern konnte, fasste er die Ereignisse der letzten Tage zusammen. Anna konnte nicht glauben, was sie da hörte. Nach einer Weile meinte sie schließlich: "Wo befinden sich die Kollegen Kranich und Springer im Moment?"


    "Vermutlich bei ihm zu Hause. Nachdem wir ja keinen Personenschutz so ohne weiteres anfordern konnten, hat Tom den Schutz für Deniseübernommen", antwortete Semir. Anna hob die Augenbrauen: ?Na dann sollten Sie die beiden hierüber informieren, dass dürfte sie sicherlich interessieren." Semir nickte und schaltete sein Handy ein. Nach der Netzsuche sah er, dass Tom versucht hatte, ihn zu erreichen. Er hörte die Nachricht ab, die sein Kollege ihm hinterlassen hatte und wählte dann seine Nummer. Aber weder über seine Handynummer noch über das Festnetz konnte er ihn erreichen. Kurzerhand wählte er die Nummer von Denise, allerdings mit dem gleichen Effekt. Semir beschlich das ungute Gefühl, dass etwas passiert war.


    "Chefin, ich glaube, da stimmt was nicht. Ich kann Tom nicht erreichen und auch über Denise Nummer meldet sich keiner von beiden"


    "Gut, Semir. Fahren Sie mit ein paar Beamten zu seiner Wohnung. Wollen wir hoffen, dass sie das Klingeln nur überhört haben. " Ach Semir, mit welchen Wagen wollen Sie eigentlich fahren?2


    Er kratzte sich verlegen am Hinterkopf. Sein Wagen hatte nach der Aktion von vorhin ja einen beträchtlichen Schaden erlitten. Anna warf ihm schließlich einen Schlüssel zu. "Hier, nehmen sie meinen, aber bitte keinen Crash. Ihr Soll ist für heute Abend hinlänglich erfüllt." Semir bedankte sich, und verließ die Dienststelle.


    Zusammen mit Bonrath und einem weiteren Beamten erreichten sie wenig später Toms Wohnung. Es lag alles im Dunkeln und wirkte friedlich. Semir fiel auf, das der Dienstwagen seines Partners nicht da war. Er beschloss dennoch, einen Blick in die Wohnung zu werfen, einfach um sicher zu sein, dass niemand verletzt war oder sonst irgendwie Hilfe bräuchte. Er benutzte den Schlüssel, dem ihn sein Partner einmal für Notfälle anvertraut hatte. Da Semir dieses hier als einen solchen empfand, öffnete er die Tür zwar mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend, aber ohne schlechtes Gewissen.


    Semir ging von Zimmer zu Zimmer, aber es war definitif keiner da. Dafür entdeckte er zwei halbleere Gläser auf dem Tisch, die darauf hindeuteten, dass sie wohl außerplanmäßig die Wohnung verlassen hatten. Inzwischen war Bonrath von der Befragung der Nachbarn zurück. "Also, soweit alles unauffällig. Nur der Nachbar von Gegenüber will gesehen haben, wie Tom und Denise die Wohnung so gegen 20 Uhr verlassen haben. Er wusste das so genau, weil der um die Zeit immer von einem Spaziergang mit seinem Hund kommt."


    "Dann wissen wir zumindest, dass sie nicht mit Gewalt verschleppt worden sind. Hat er denn sonst noch etwas bemerkt?"


    "Ja, er hatte den Eindruck, dass sie in Eile waren und dass sie im Gegensatz zu vorher nicht wie ein verliebtes Paar wirkten." Bonrath grinste vor sich hin, was Semir mit einem genervten Blick quittierte. Semir grübelte, warum Tom ohne Verstärkung einem Hinweis nachgehen würde. Ihm fielen zwei Gründe ein: Der Maulwurf oder Rothe. Aber letzterer befand sich in Gewahrsam. Für den Bruchteil einer Sekunde ertappte sich Semir, dass er Denise verdächdigte. Der Gedanke gefiel ihm nicht, auch wenn es durchaus möglich erschien.


    "Lasst uns zurück zur Dienststelle fahren, hier können wir im Moment nichts machen."


    Zurück auf der Dienststelle ging Semir direkt in den Vernehmungsraum. Er wollte sich alleine mit Rothe unterhalten. Während der Fahrt kam ihm der Verdacht, dass er eventuell doch etwas damit zu tun haben könnte. Dietmeier und Reiter waren bereits gegangen, und er hoffte, dass er ohne die Beamte vom LKA Rothe ein paar Informationen entlocken konnte.


    Als er das Zimmer betrat, blickte Rothe auf und lehnte sich zurück. Die beiden Männer musterten sich und dachten nach, was sie von dem anderen zu erwarten hätten. Schließlich brach Rothe das Schweigen: "Was können Sie noch, außer Kollegen festzunehmen?"


    "Psychopathen, wie Sie einer sind, festnageln. Warum verfolgten Sie meinen Partner und Frau Springer?" Rothe grinste nur anstelle einer Antwort.


    "Gut, vielleicht interessiert es Sie ja, was sie aktuell wegen Mordversuch an zwei Polizeibeamte zu erwarten haben."


    "Hey, Moment, ich wollte euch doch nur erschrecken. Ich bin kein Mörder wie Denise." Als er das sagte, durchfuhr es Semir heiß und kalt. Er versuchte sich einzureden, dass dies nur leere Sprüche von Rothe waren.


    "Ach, dann sollte das Feuer in der Disco unserer Unterhaltung dienen?" konterte Semir. Rothe beugte sich vor und funkelte Semir böse an: "Sagt mal, spinnt ihr Bullen denn? Ich bin doch nicht der Sündenbock für alles. So war das damals auch, alles meinem Bruder anhängen, nur weil der zur falschen Zeit am falschen Ort war."


    "Genau, und gleich erzählen Sie mir noch, dass der Tod von Garcia und seiner Frau ein bedauerlicher Unfall war."


    "Mann, das ganze war weder bedauerlich noch ein Unfall. Aber ich habe damit nichts zu tun!"


    Semir sah Rothe in direkt in die Augen. Der hielt den Blick stand. Kein zuverlässiger Lügendetektor, aber er bekam den Eindruck, dass Rothe womöglich die Wahrheit sagte.


    "Warum wollten Sie mich und meine Frau über den Haufen fahren?"


    Rothe sah Semir mit weit aufgerissenen Augen an: "Das war nicht Denise vorhin? Ich dachte..."


    "Nein, das war nicht Denise, das war meine Frau. Denise wird von meinem Partner bewacht und jetzt sind beide verschwunden."


    "Nee, damit habe ich nichts zu schaffen. Nach der Schießerei bin ich erst mal abgetaucht, bis heute ein Anruf kam. Ein Frau, so ´ne Bedienung aus dem Lokal, hat mir eine Nachricht von so´m Typen ausgerichtet."


    "Und wie lautete die Nachricht?"


    "Na ja, dass jemand, den ich suchen würde, heute da wäre in Begleitung eines Polizisten."


    Semir verstand die Welt nicht mehr. Für ihn war die Vernehmung beendet und holte einen Beamten rein, damit er Rothe zurück in die Zelle brachte.


    "Und wie geht es jetzt weiter?" rief Rothe Semir noch hinterher, doch der reagierte nicht darauf. Seine Gedanken kreisten um Tom und Denise.


    Er ging direkt zur Chefin. Nachdem er ihr von Rothes Aussage berichtet hatte, lehnte sie sich nachdenklich zurück. "Wir müssen Reiter und Markus verständigen. Wenn Rothe tatsächlich nichts mit den Vorfällen zu tun hat, gibt es womöglich doch einen Maulwurf."


    Semir war überrascht: "Ach, auf einmal?"


    "Seien Sie dankbar, dass Sie nicht in der Zelle sind. Markus hatte anfangs nämlich Sie beide in Verdacht gehabt. Nur die Tatsache, das Sie kürzlich selber beinahe ums Leben gekommen sind, hat ihn von seiner Theorie abkommen lassen. Markus geht inzwischen auch von einem Maulwurf aus. Damals hat das ignoriert, was die Kollegin Springer ihm anvertraut hatte. Er hielt das für eine Folge des Vorfalls, dass sie auf einmal hinter jedem Beamten einen korrupten Polizisten vermutete. Markus konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Beamte bestechlich sein konnten."


    "Der Gedanke ist schon ein wenig naiv, oder? Chefin, wie gut kennen Sie Dietmeier und Reiter? Sind sie vertrauenswürdig?"


    "Oh ja, absolut. Ich habe früher schon mit beiden gearbeitet. Warum fragen Sie?"


    "Weil wir jede Hilfe brauchen, um Tom und Denise wieder zu finden."


    Kapitel 15
    Eine Stunde später saßen Semir, Dietmeier, Reiter und Anna Engelhard zusammen in ihrem Dienstzimmer und redeten sich die Köpfe heiß. Sie rekonstruierten die vergangenen Stunden, verfolgten jede Spur und jeden Schritt von Tom und Denise zurück. Es gab viele Möglichkeiten aber scheinbar wollte oder konnte sich niemand zu einer Entscheidung durchringen.


    Semir ging das ganze auf die Nerven. Er wollte raus und nach seinem Partner suchen. Und er wollte herausfinden, was Denise mit der Sache zu tun hatte. Ihm ging die Bemerkung von Rothe durch den Kopf. War sie vielleicht doch eine Mörderin? Hatte sie womöglich etwas mit Toms Verschwinden zu tun?


    Er verließ frustriert das Büro und ging zu Andrea.


    "Alles in Ordnung, Semir?" Sie drückte seine Hand. Er schüttelte traurig den Kopf. "Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Auf der einen Seite könnte Denise selber der Maulwurf sein..." Semir brach mitten im Satz ab.


    "Glaubst Du das denn wirklich?" Andrea sah ihren Mann direkt an.


    "Nein, eigentlich nicht. Ich...ich weiß es selber nicht...ich mag hier nicht nur rumsitzen und warten, bis man uns vielleicht ihre Leichen präsentiert." Semir standen Tränen in den Augen, als er es aussprach. Der Tod gehörte zu dem Beruf dazu, dass wusste er, dennoch hoffte er immer, dass es niemanden aus seiner Dienststelle treffen würde. Andrea entging es nicht, wie sehr ihr Mann litt und drückte ihn von der Seite. Dabei fiel ihr Blick auf seine Hände, die nervös mit dem Telefonkabel spielten.


    "Sag? mal, ist Toms Handy an?" fragte sie. Semir sah auf, er ahnte, worauf seine Frau hinaus wollte. "Nein, aber das von Denise..." Ein Funken Hoffnung schimmerten von in seinen Augen. Andrea begab sich sofort an ihren Computer und suchte nach Signale von Denise Handy.


    Zwischenzeitlich hatten sich auch Anna und die Beamten vom LKA hinzugesellt und warteten gemeinsam auf das Ergebnis. Die Zeit schien still zu stehen.


    Als Andrea schließlich ?Ich hab sie!" rief, schreckten alle zusammen. Sie schrieb ihnen die Adresse auf. Semir griff nach seiner Jacke und der Adresse und war schon auf den Sprung, als seine Chefin ihn zurückhielt.


    "Sie wollen doch wohl nicht alleine fahren und sich auch noch in Gefahr bringen?"


    "Soll ich etwa auf´s SEK warten? Wenn wir da mit der Kavalerie auftauchen, bringen wir die beiden unnötig in Gefahr."


    "Falls sie überhaupt noch am Leben sind," bemerkte Reiter beiläufig und erntete von allen Seiten böse Blicke. "Wir sollten realistisch denken," verteidigte er sich.


    Anna ignorierte die Bemerkung und dachte kurz nach. "Ok, Semir. Sie nehmen ein paar Kollegen mit, ich verständige das SEK. Sie sollen sich in Bereitschaft halten."


    Kurz darauf befand sich Semir in Begleitung von drei Streifenwagen auf den Weg zur Adresse, die Andrea ihm gegeben hatte.


    Sein Herz klopfte vor Aufregung schneller je näher er dem Ziel kam. Er versuchte nicht daran zu denken, was er womöglich vorfinden könnte. Doch das war nicht so einfach, schließlich ging es hier nicht um einen Fremden, sondern um seinen Partner und besten Freund.


    Schließlich entdeckte Semir einen Wagen. Sein Herz setzte für einen Moment aus.


    "Bitte nicht..." flehte er innerlich. "Bitte lass es nicht Toms Wagen sein..."


    Doch sein Flehen wurde nicht erhört. Er parkte hinter dem CLK und warf einen Blick auf das Kennzeichen: -NE-LK 3470-, las Semir halblaut vor. Fpr einen Moment hatte er das Gefphl, der Boden w?rde sich unter ihm öffnen und er in darin versinken. Der Wagen war scheinbar verlassen, die Fahrertpr stand offen. Semir atmete tief durch und versuchte gegen das Gefphl der Ohnmacht anzukömpfen. Er stieg mit entsicherte Waffe und Taschenlampe aus und nöherte sich vorsichtig dem Fahrzeug. Seine Kollegen folgten dem Beispiel. Semir leuchtete in den Wagen, doch er war leer bis auf die Handtasche auf dem Beifahrersitz. Semir sah sich um und blickte letztendlich in die fragenden Gesichter der anderen Beamten. Er wusste selber nicht, wie es weitergehen würde. Er stützte sich mit der Hand am CLK ab und wich dann sofort zurück. Er hatte in etwas Klebriges gegriffen und leuchtete nun die besagte Stelle am Wagen ab: Blut. Semir durchlief es heiß und kalt. Er stellte zusätzlich die Innenbeleuchtung des Wagens an und entdeckte weitere Spuren auf dem Fahrersitz.
    "Semir, alles in Ordnung?" Anna Engelhard war inzwischen mit dem Leiter des SEK vor Ort. Sie blickte ebenfalls in den Wagen und hielt sich bestürzt die Hand vor dem Mund. Dann rang sie nach Fassung und meinte: "Vielleicht ist es ja gar nicht sein Blut." In ihren eigenen Ohren hörte sich die Aussage wie eine Lüge an. Semir blickte sie nur an. Dann fügte sie hinzu: "Die Spurensicherung soll sich den Wagen mal angucken, vielleicht finden sie ja etwas Brauchbares."


    Inzwischen deutete einer der SEK-Beamte auf den Boden. Dort befanden sich weitere Blut- und auch Schleifspuren, die sich vom Wagen entfernten.
    "Wenn einer von Ihnen verletzt ist, können sie nicht weit gekommen sein." Semir sah abwechselnd zu seiner Chefin und zu dem Leiter des SEK. Dieser nickte zustimmend, und schlug vor, die Suche zu Fuß fortzusetzen. Semir schnappte sich eine Schutzweste und begleitete den Trupp trotz des Protestes des SEK-Leiters. Er wollte dabei sein, wenn sie Tom fanden und er hatte die Unterstützung seiner Chefin.


    Kapitel 16
    "Ja Chef, alles lief nach Plan, wir warten nur noch auf Sie ? Ja ? Wir sollen was? "Aber, Sie sagten doch... " Ok Chef, machen wir.
    Dann war das Gespräch beendet. "Der Boss will, dass wir aufräumen, die Bullen sind uns auf den Fersen. Er meint, sie müssten bald hier sein."


    Sein Freund runzelte die Stirn. "Mir hat das von Anfang an nicht gefallen. Das war alles viel zu heiß. Wir hätten alles wie bisher laufen lassen sollen."


    Als Antwort bekam er nur ein Schulterzucken und sah, wie sein Kumpel das Magazin seiner Waffe kontrollierte.


    Tom kam wieder zu sich. Als er die Augen aufschlug, wusste er nicht, wo er sich befand oder wie lange er schon hier lag. Er hatte auch keine Erinnerung daran, wie er hierher kam oder was war, kurz bevor er das Bewusstsein verlor.


    Er drehte vorsichtig den Kopf, Arme und Beine konnte er nicht bewegen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Bis auf einen Spalt, durch den Licht schimmerte, war der Raum völlig dunkel. Weder Fenster noch andere Öffnungen konnte er erkennen. Stöhnend legte Tom seinen Kopf wieder hin. Sein Kopf, sein Rücken ? eigentlich alles an ihm schmerzte. Bei dem Versuch, herauszufinden, warum er bewegungsunfähig war, stellte er fest, dass man ihn gefesselt hatte. So nach und nach fiel ihm wieder ein, warum er sich in dieser Situation befand, und er ärgerte sich über seine Unvernunft. Er hätte auf seinen Partner warten sollen. Aber fü?r derartige Überlegungen war es nun zu spät. Er musste hier raus, egal wie.


    Dann dachte er an Denise. Sein Herz setzte einen Schlag an aus. Er hatte keine Ahnung, was mit ihr passiert war. Er konnte sich an den Schuss und an die Bemerkung einer der Unbekannten erinnern. Er hoffte, dass sie noch lebte. Allerdings um das herauszufinden, musste er sich erst einmal aus dieser Lage befreien, was nicht so einfach war, denn die Fesseln saßen zu seinem Leidwesen sehr fest.


    Während er versuchte, das Klebeband, mit dem er verschnürt wurde, loszuwerden, hörte er ein Geräusch. Tom blieb still liegen, um festzustellen, was das gerade war. Und er brauchte nicht lange zu warten, da drangen die Laute wieder an sein Ohr. Es klang wie ein Wimmern und kam aus der anderen Ecke des Raumes.


    "Denise?" Es war mehr ein verzweifelter Versuch, denn beim besten Willen konnte er sich nicht vorstellen, das man sie zusammen in einen Raum sperren würde. Tom wiederholte ihren Namen, dieses mal etwas lauter und bekam als Antwort wieder ein Wimmern und er meinte, seinen Namen gehört zu haben. Er ignorierte seine Schmerzen und kroch in die Richtung, aus der er das Wimmern gehört hatte. Einige Augenblicke später stieß er auf einen Körper und das Parfum kam ihm bekannt vor. Erleichterung durchflutete ihn. Sie lebte noch, schien aber verletzt zu sein.


    "Denise, wie geht es Dir?"


    "Tom...oh Gott, auf einmal waren sie da...ich konnte nicht weg...es tut mir so leid...", stammelte Denise mit dünner Stimme.


    "Shhhh, schon gut. Bleib ganz ruhig, streng Dich nicht an." Tom versuchte sie zu beruhigen, sie schien zu weinen und zitterte am ganzen Körper.


    Das Verlangen, sie endlich in die Arme zu schließen und dieses Gefängnis zu verlassen, spornten ihn an, seine Fesseln zu lösen. Jedoch saß das Klebeband fester, als ihm lieb war.


    "Kann ich Dir helfen?...Meine Hände sind frei..."


    Tom spürte Denise Hand an seinem Arm. Er dirigierte sie zu dem Klebeband. Nach einigen Minuten hatte sie die Fesseln gelöst. Nachdem Tom seine Beine befreit hatte, beugte er sich über Denise: "Wie sieht´s aus, kannst Du aufstehen?"


    "Ich weiß nicht..." Denise hielt sich an seiner Schulter, aber sie war zu schwach, um sich hochzuziehen.


    "Schon gut, wir schaffen das schon, wir kommen hier raus."


    In dem Moment flog die Tür auf und beide wurden vom plötzlich einfallenden Licht geblendet. Tom konnte nur die Umrisse einer Person entdecken.


    "Was für ein schönes Pärchen", kam es höhnisch von der T?r.


    Dann hörte Tom ein Klicken und suchte vergeblich nach seiner Waffe. Der Mann kam näher und zielte auf Tom. Er starrte in den Lauf der Waffe, sein Atem ging schneller, seine Muskeln spannten sich an und schnellte dann nach vorne. Tom stieß mit voller Wucht gegen den Mann. Dieser ging überrascht zu Boden, die Waffe flog ihm aus der Hand. Ein Schuss löste sich.


    Semir und die Männer vom SEK hörten den Schuss. Ohne zu Zögern stürmte die Einheit das Haus und stellten einen der Männer. Semir entdeckte eine offene Tür und rannte weiter, gefolgt von zwei Beamte der SEK.


    Er sicherte den Raum und entdeckte, wie Tom über seinem Entführer kniete. Semir schien eine erdrückende Last wegzufallen. Sein Partner lebte. "Wie ich sehe, hast Du alles im Griff", flachste Semir. Tom sah in böse an: "Komm, halt keine Reden, wir brauchen einen Arzt. Denise hat´s erwischt." Semir sah zu ihr rüber und alamierte umgehend die Rettung. Während die Beamten den Entf?hrer abführten, kniete Tom sich neben Denise und streichelte ihr über die Stirn. Sie atmete kaum noch.


    "Siehst Du, ich habe doch gesagt, wir kommen hier raus." Tom bemühte sich um ein Lächeln, obwohl er im Moment lieber geweint hätte.


    Denise versuchte mit letzter Kraft das Lächeln zu erwidern und verlor dann das Bewusstsein. Sanitäter und ein Notarzt kamen herein und versorgten Denise. Einer der Rettungskräfte kümmerte sich um Tom. Der nahm im Augenblick alles nur noch wie durch einen Nebelschleier wahr.


    Kapitel 17
    Stunden später saßen Tom und Semir im Warteraum des Marienkrankenhauses. Tom hatte Glück gehabt, bis auf ein paar Prellungen und einer leichten Gehirnerschütterung fehlte ihm nichts. Eigentlich sollte er liegen und sich ausruhen, aber er fand keine Ruhe, denn seine Gedanken kreisten um Denise. Sie hatte es schwer erwischt. Zur Stunde wurde sie noch operiert und weder der Arzt noch einer der Schwestern konnten etwas sagen. Tom starrte an die Wand. Er fühlte sich so hilflos wie damals.


    "Du kannst nichts dafür. Das ganze war eine Falle", versuchte es Semir.


    Tom schüttelte den Kopf. "Das sagst Du so. Ich hatte für sie die Verantwortung. Ich alleine, und ich habe es zugelassen, dass sie mich begleitet."


    "Was hättest Du denn sonst machen sollen?"


    "Ich war nicht professionell genug, ich habe mich von meinen Gefühlen leiten lassen."


    "Tom, wir sind nicht nur Polizisten, sondern auch Menschen. Vergiss das bitte nicht. Und sie ist doch auch Polizistin. Sie wusste, worauf sie sich einließ, als sie sich entschied, Dich zu begleiten."


    Tom stand auf und ging zum Fenster. Er schien ins Leere zu blicken. Er wollte gerade etwas darauf erwidern, als Semirs Handy klingelte.


    "Gerkhan. - Hallo Chefin. -- Nein, nichts neues, sie operieren noch. -- Er hält sich tapfer. --- Ja, ich höre... -- Danke, Chefin."


    Als Semir auflegte, wirkte er ein wenig enttäuscht.


    "Gibt´s was neues?" Tom drehte sich zu Semir um.


    "Nicht wirklich. Die beiden sind nur Handlanger. Sie haben ihre Anweisungen immer nur per Telefon bekommen und ihren Auftraggeber nie gesehen."


    "Das bedeutet, wir fangen wieder bei Null an", meinte Tom frustriert.


    "Nicht ganz. Die Entführer sagen, dass der Anrufer immer ein Mann war, der einen süddeutschen Akkzent hat."


    Tom überlegte: "Dann können wir Rothe ausschließen, denn der war ja außerdem schon in Haft, ebenso Reiter und Dietmeier, die waren bei der Engelhard..."


    "Und Denise ebenfalls", unterbrach ihn Semir. Tom blickte seinen Partner an, der leicht verlegen wegsah. "Na ja, für eine Weile dachte ich, sie könnte der Maulwurf sein..." Tom sagte nichts dazu, er wusste, das sein Partner nur seinen Job machte.


    "Weißt Du, was mir gerade einfällt? Reiter machte vorhin eine eigenartige Bemerkung. Er ging davon aus, dass ihr bereits tot sein würdet"


    "Vielleicht ist er nur extrem pessimistisch?" versuchte Tom die Bemerkung runterzuspielen.


    "Kann sein, aber irgendetwas passt hier nicht. Reiter war damals wie heute bei der Soko, und er war es, der Denise Recherchen über einen möglichen Maulwurf behindert hatte und er hatte auch seine Finger im Spiel, dass wir von den Ermittlungen abgezogen worden sind. Und er spricht mit einem leichten süddeutschen Akkzent."


    "Und das macht ihn zum Maulwurf?" Tom sah seinen Partner m?de an.


    "Aber es reicht aus, für ein paar gezielte Fragen. Kann ich Dich hier für eine Weile alleine lassen?" Eigentlich wäre er lieber mit auf die Jagd, denn hier konnte er nicht viel ausrichten außer Warten. Aber dieses mal wollte er sie nicht alleine lassen, egal, was am Ende stehen würde.


    "Ja, geh nur, ich warte hier. Ruf mich an, wenn sich etwas ergibt"


    Semir drückte seinen Kollegen und machte sich dann auf den Weg zur Dienststelle.


    Nachdem sein Partner die Station verlassen hatte, sah Tom wieder aus dem Fenster. Der Himmel war schwarz ohne jeglichen Stern. Am Horizont sah er ein unregelmäßig wiederkehrendes Leuchten. Ein Gewitter zog auf. "Wie passend", dachte er zynisch.


    "Herr Kranich?"Tom drehte sich um und blickte in das ernste Gesicht des Arztes. Sein Herz setzte einen Schlag aus und klopfte dann bis zum Hals. Der Arzt holte tief Luft. "Die OP ist beendet und ganz gut verlaufen. Wir haben Frau Springer in ein künstliches Koma versetzt. Für den Moment können wir nur abwarten und hoffen."


    "Kann ich zu ihr?"


    Der Arzt nickte und begleitete Tom zur Intensivstation, wo er einen Kittel bekam. Als Tom das Zimmer betrat, stockte ihm der Atem. Schläuche und Kabel führten von Infusionsflaschen und Überwachungsgeräten zu Denise. Von den Apparaten hörte er Summen und Piepen. Denise selber war kaum zu erkennen. Ihr Gesicht war blass und ausdruckslos. Er beugte sich über sie, streichelte sanft über ihre Stirn und hauchte einen Kuss darauf. Dann setzte er sich auf das freie Bett und wartete...


    Zwischenzeitlich war Semir auf der Dienststelle. Dort war es um diese Uhrzeit relativ ruhig. Er fand dort seine Chefin und Dietmeier in einer Diskussion vertieft vor, die sie sofort unterbrachen, als sie Semir bemerkten.


    Er sah seine Chefin und den LKA-Beamten fragend an.


    "Semir, wir haben wenig erfreuliche Neuigkeiten..." begann Anna Engelhard und reichte ihm dann einen dünnen Ordner. Semir überflog den Inhalt kurz und wurde dann kreidebleich.


    "Wie lange wissen Sie schon davon, Dietmeier?" fuhr er den Beamten wütend an, als er sich wieder einigermaßen gefangen hatte.


    "Der Zeuge hatte sich erst heute gemeldet, tut mir leid."


    "Warum meldet sich erst jetzt? Warum nicht schon früher?" Semir konnte nicht fassen, was er da gerade gelesen hatte und jetzt die scheinbare Gelassenheit von Dietmeier. "Wo ist der Zeuge jetzt?"


    "Wir haben ihn versteckt. Er fürchtet um sein Leben, schließlich ist er seine rechte Hand gewesen", antwortete Dietmeier.


    Dann ergriff Anna das Wort. "Wir haben da noch ein Problem..."


    Semir ahnte nichts gutes: "Reiter?"


    Anna nickte: "Er hat sich der Festnahme entzogen. Er ist weder auf der Dienststelle des LKA noch in seiner Wohnung anzutreffen. Die Fahndung läuft, aber bisher ohne Ergebnis."


    Semir riss die Augen vor Entsetzen weit auf und rannte wie von Furien gehetzt aus der Dienststelle.


    "Semir, wo wollen Sie denn hin?" rief Anna Engelhard hinter ihm her.


    "Ins Krankenhaus! Ich vermute, Reiter wird eine unliebsame Zeugin entfernen wollen." Und schon rannte er weiter.


    Tom saß immer noch bei Denise im Zimmer als sein Handy klingelte. Er schreckte hoch und verließ schnell das Krankenzimmer.


    "Semir, was gibt´s?"


    "Tom, ich bin auf dem Weg zu Dir ins Krankenhaus. Wir haben Beweise gegen Reiter. Vermutlich..." dann knackte es in der Leitung und das Gespräch war weg. Tom sah auf sein Display und musste feststellen, dass sein Akku leer war. Er sah sich um und entdeckte am Ende des Ganges ein Münztelefon. Zu seiner großen Enttäuschung war der Apparat außer Betrieb.


    Tom wollte sich gerade nach einem anderen Telefon umsehen, als er einen lauten Aufschrei gefolgt von einem metallischen Scheppern wahrnahm. Es kam von Denise Zimmer. Tom zog seine Waffe und rannte zurück. Vor ihrem Zimmer lag eine Schwester. Er bückte sich zu ihr runter. Sie war nur bewusstlos. Er richtete dann seine Waffe in das Krankenzimmer. Ehe er aber etwas ausmachen konnte, wurde er von einer Person überrannt. Tom rappelte sich auf und meinte, in der flüchtenden Person Reiter erkannt zu haben.


    Der Vorfall blieb nicht unbemerkt und schon waren Ärzte und Schwestern versammelt.


    "Kümmern sie sich um Denise!" brüllte er ihnen zu, griff seine Waffe und folgte dem Flüchtenden.


    Tom lief den Gang weiter, sicherte jedes Zimmer bis er vor einer Folie stand, die das Gebäude von dem neuen Anbau trennte. Tom ging vorsichtig durch und sicherte nach allen Seiten. Dann ging er weiter. Dieser Abschnitt war nahezu dunkel und wurde lediglich von den Blitzen erhellt. Das Gewitter schien direkt über ihnen zu sein. Tom ging weiter, als sich seine Augen einigermaßen an die spärlichen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Ein Geräusch weckte seine Neugier und ging zu dem provisorischen Treppenaufgang. Blitze erhellten den Bereich immer wieder kurz, aber Tom konnte nichts erkennen.


    Dann spürte er kaltes Metall im Genick. Er spannte sich innerlich an, als er Reiters Stimme hörte: "Das war´s, Kranich."


    Tom wollte nicht kampflos aufgeben, drehte sich blitzschnell um die eigene Achse, um dem Kontrahenten zu entwaffnen. Er verlor dabei jedoch sein Gleichgewicht und flog rücklings die Treppe runter. Tom versuchte sich an dem Holzgeländer zu halten, allerdings war der Schwung dermaßen groß, dass er das Provisorium durchbrach und unsanft auf dem nächsten Absatz landete und die Treppe weiter runterrollte. Am Ende wurde er unsanft von einer Wand gebremst. Tom stöhnte auf. Er konnte sich nicht bewegen und von seiner Umgebung nichts sehen. Er hörte aber, wie sich Schritte näherten und wie schließlich über seinen Kopf eine Waffe entsichert wurde, gefolgt von einem Schuss.


    Tom hielt unwillkürlich die Luft an. Für einen unendlich langen Moment war es still - totenstill, bis er etwas neben sich aufschlagen hörte.


    "TOM?!" Das war Semir, aber er schaffte es nicht, ihm zu antworten und verlor schlie?lich das Bewusstsein.


    Kapitel 18
    Tom schlug die Augen auf, nur um sie gleich wieder zu schließen. Sein Kopf schmerzte. Er stöhnte. Bei jeder Bewegung tat ihm alles weh.
    "Tom?" Semirs Stimme drang wie aus weiter Ferne zu ihm durch. Er drehte den Kopf langsam in die Richtung, aus der die Stimme kam und öffnete erneut die Augen. Er nahm von der Umgebung nur verschwommene Umrisse wahr. Tom erkannte aber seinen Partner und war erleichtert.


    "Oh Mann, ich bin tot und in der Hölle", flachste Tom mit schwacher Stimme.


    "Na ja, die wollten Dich da unten noch nicht." konterte Semir, obwohl ihm noch gar nicht zum Scherzen zu Mute war.


    Tom konnte seinen Partner inzwischen besser erkennen und wurde ernst.


    "Was ist passiert, Semir?"


    "Reiter war der Maulwurf. Er wollte Denise und Dich beseitigen, ihr ward ihm zu dicht auf den Fersen. Und da ist er derart nervös geworden, dass er alle Spuren beseitigen wollte."


    "Dabei hatten wir nicht einmal richtige Beweise, nur Indizien."


    "Schon, aber er war da wohl anderer Ansicht. Er hat damals Rothes Bruder erschossen, nicht Denise. Eigentlich wollte er sie schon damals beseitigen, weil sie einen Verdacht gegen ihn hatte, aber das ging schief und verfehlte sie. Genau wie heute. Übrigens ist er auch für den Tod der Garcias verantwortlich und den Anschlag auf uns in der Disco."


    "Wie geht es jetzt weiter?"


    Semir zögerte kurz, ehe er antwortete: "Nun, Reiter ist tot. Aber es wird dennoch umfassende Nachforschungen geben. Wir haben einen Zeugen und Denise hatte ja Recherchen angestellt. Sie war es übrigens auch, die Du auf dem Autobahnparkplatz, im Gerichtsgebäude und in der Tiefgarage gesehen hast."
    Tom versuchte sich an die letzten Tage zu erinnern. Sein Herz wurde schwer bei den Gedanken an Denise und musste sich durchringen, nach ihr zu fragen:


    "Wie geht es Denise?"


    "Sie lebt. Reiter hatte das falsche Kabel gezogen. Sie ist zwar noch nicht ganz über´m Berg, aber sie hat gute Chancen durch zu kommen."


    Tom war erleichtert. Sie lebte. Er atmete tief durch und wollte versuchen aufzustehen, wurde aber von seinem Partner daran gehindert.


    "Du bleibst noch ein paar Tage hier, dieses mal hat es Dich richtig erwischt."


    "Und die Arbeit? Ich kann Dich doch nicht alles alleine machen lassen."


    "Keine Angst, die Berichte nehme ich Dir schon nicht weg."


    Tom musste lachen, bereute es aber sofort, denn in dem Moment spürte er jeden einzelnen Knochen.


    Semir verabschiedete sich schließlich mit dem Versprechen, am Abend nach Dienstschluss bei ihm vorbei zu schauen.


    Tom schloss die Augen, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war. Er versuchte zu schlafen. Kurz bevor er wegdöste, spürte er, wie eine Träne über seine Wange lief.


    Epilog
    Semir stürzte ins Büro. "Tom, was ist? Unsere Runde wartet. Oder willst Du den Rowdys die Straße überlassen?"


    Sein Kollege reagierte nicht. Er war vertieft in den Inhalt einer Postkarte. Semir wollte schon protestieren, aber stoppte seine Einwände als er das Motiv der Postkarte erkannte.


    Tom blickte auf, jetzt erst nahm er Notiz von Semir.


    "Die Karte ist von Denise," sagte er leise.


    "Wie geht es ihr?" fragte Semir. Er hatte jene Nacht von vor über vier Wochen nicht vergessen, aber ganz gut verdrängt. Nur knapp waren Tom und Denise dem Tod entgangen. Der Gedanke daran war nicht gerade erbaulich. Auch nicht, dass er auf einen vermeintlichen Kollegen schießen musste, um das Leben seines Partners zu retten.


    "Na ja, es wird langsam. Sie wird wohl demnächst wieder unterrichten. Im Moment ist sie noch bei ihrer Familie und erholt sich von dem Krankenhausaufenthalt."


    "Und dann?" wollte Semir wissen.


    Tom sah ihn nur verst?ndnislos an und meinte dann ausweichend: "Wieso -und dann?-"


    Dann rang er sich zu einem Lächeln durch und griff nach seiner Jacke: "Und was ist, wollen wir die Asphalt-Rowdys den ganzen Tag warten lassen?"


    Daraufhin verließen beide scherzend die Dienststelle und hofften auf einen unfallfreie Runde.




    - ENDE -

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    Der Welt gehen die Genies aus,
    Einstein ist tot
    Beethoven wurde taub
    und ich fühle mich auch nicht gut. :D:D