Schreckliche Wahrheiten

  • Sie lief ziellos durch die dunklen Straßen. Wind und Regen peitschten ihr ins Gesicht. Sie konnte kaum etwas sehen. Nur die Laternen links und rechts von ihr warfen ein fahles Licht ins Dunkle. Ihre Füße wurden langsam schwach, ihr Atem war schnell und stockend, ihr Herz pochte, wie verrückt. Sie sah sich panisch um, doch es war kein Mensch zu sehen. Nur ein paar Fenster waren zu dieser frühen Morgenstunde erleuchtet. Sie rannte noch ein Stück weiter und sank dann voller Erschöpfung auf eine Treppe und lehnte den Kopf an die Wand. Das eben Geschehene spielte sich wie ein Film in ihrem Kopf ab. Was sie da gesehen hatte, war grauenvoll. Sie schaute in den Himmel, der sich gerade leicht rot gefärbt hatte, da die Sonne sich endlich wieder blickten ließ. Heße Tränen schossen ihr über die kalten Wangen. Sie zitterte. Sie zitterte, weil sie nicht glauben konnte, was passiert war. Sie hoffte immer, aus dem Traum aufzuwachen, aus dem schrecklichen Traum, den sie da gerade durchlebte. Doch, dem war nicht so, sie musste das Unbegreifliche begreifen, sie musste begreifen, dass sie aus diesem Albtraum nicht einfach aufwachen würde, denn er war Realität. Plötzlich wurde sie aus ihren Gedanken gerissen, jemand hatte sie an der Schulter gepackt?

  • Sie riss ihren Kopf sofort nach hinten. Wer da vor ihr stand und sie voller Sorge anblickte, war nicht der, vor dem sie Angst hatte. Er war ein, ihr unbekannter Mann. "Was machst du denn so früh hier? Ist dir etwas passiert? Komm mit, du zitterst ja vor Kälte." Tom Kranich nahm das kleine blonde Mädchen an die Hand und führte es in seine Wohnung zurück. Sie sprach auf dem Weg dorthin kein Wort, sondern schaute nur gedankenverloren in der Gegend herum. " Möchtest du einen Tee?" Probierte Tom ein zweites Mal, sie zum Reden zu bringen, doch sie nickte nur. In der Küche schloss er schnell die Tür und rief seinen Kollegen an:" Guten Morgen Semir, du, ich kann heute nicht zum Frühdienst kommen. Bei mir vor dem Haus saß eben ein kleines Mädchen. Ich glaube, ihr ist etwas passiert. Sie redet nicht, sie steht bestimmt unter Schock. Ich würme sie hier jetzt erst mal ein bisschen und komme dann später in die Zentrale, wir treffen uns dort, okay?" Semir willigte aufgrund der Umstände ein und beschloss, alleine nach dem Rechten zu schauen. Tom ging währenddessen mit zwei Teetassen in der Hand und einer Schachtel Kekse unterm Arm zurück ins Wohnzimmer. Das kleine Mädchen schaute ihn mit starrem Blick an. Tom schätzte sie auf elf oder zwölf Jahre. Sie trug eine Sporthose, Pullover und Jacke, welche sie neben sich auf das Sofa gelegt hatte.
    " Möchtest du mir nicht erzä?hlen, wo du herkommst und was passiert ist?" Versuchte es Tom von neuem.
    " Kannst du?kannst du mir helfen? Dass er mir nichts tut? Dass mir nicht das gleiche passiert, wie?wie?!" Sie brach in Tränen aus. Tom setzte sich neben sie und nahm sie in den Arm. " Ganz ruhig, meine kleine. Ich bin ja da, ich werde dir helfen. Möchtest du mir sagen, wie du heißt?"
    " Chiara" antwortete sie mit zitternder Stimme. Kurze Zeit später hatte sie sich ein wenig beruhigt. Sie hielt Toms Hand und fixierte eine Vase auf dem Tisch. Dann erzählte sie die Geschichte, eine schreckliche Geschichte. Wenn Tom geahnt hätte, was passiert war, hä?tte er bestimmt nicht so oft nachgefragt. Doch nun musste er nicht mehr fragen. Chiara erzählte und erzählte. Tom konnte nicht glauben, was er da hörte

  • Er konnte nicht anders. Er hielt sie einfach fest, bis sie nicht mehr zitterte. " Ich werde dich jetzt mitnehmen in mein Büro, dort kannst du bleiben. Ich werde auf dich aufpassen, dir wird nichts passieren, das verspreche ich dir." Sie ging mit ihm zu seinem Auto und setzte sich auf den Beifahrersitz. Tom raste mit einem Affenzahn ins Büro. Dort angekommen riss er die Tür auf und lief sofort zu Semir, der in ihrem gemeinsamen Arbeitszimmer saß und Kaffee trank. Als er die Tür geschlossen hatte, sagte er zu seinem Kollegen:" Semir, das ist Chiara, Chiara, das ist Semir. Sie bekommt ab sofort rund um die Uhr Polizeischutz. Wir werden auf sie aufpassen, verstanden Semir?" Toms Ton war so heftig, dass Semir sich fast an seinem Kaffee verschluckt hätte. Da kam die Chefin ins Büro und donnerte los:? Kranich, können Sie mir bitte mal verraten, was los ist? Sie?? Beim Anblick von Chiara verstummte sie und bedeutete Tom, mit ihr zu kommen. ? Semir, kümmre dich bitte um sie, bis ich wieder da bin.? Er schenkte Chiara noch ein Lächeln und verschwand dann mir der Chefin in deren Büro. ? Also, was ist los, Kranich?? ? Chefin, es tut mir leid. Ich habe Chiara heute Morgen vor meinem Haus gefunden. Sie war total verängstigt und redete zuerst kein Wort. Glauben Sie mir, es hat eine ganze Weile gedauert, bis sie mir erzählt hat, was passiert ist. Chefin, wir haben es hier mit einem Mord zu tun!!!?

  • " Mord? Sie wollen doch nicht sagen, dass die kleine ? Nein! Sie hat den Mord beobachtet, sie ist Zeugin!" " Bitte, Tom, sprechen Sie bitte nicht in Rätseln." Frau Engelhardt wurde langsam ein wenig sauer, deshalb fing Tom von vorne an und erzählte, was er wusste" Chiara hat beobachtet, wie ihr Vater, ihre Mutter erstochen hat. Sie konnte nicht schlafen und wollte in die Küche um sich etwas zu Trinken zu holen. Da musste sie auch am Schlafzimmer ihrer Eltern vorbei, wo sie dann einen Mord beobachtete. Sie ist dann aus dem Haus gerannt, immer in der Angst, ihr Vater könnte sie einholen und auch umbringen." Die Chefin starrte Tom voller Entsetzten an. " Das ist wohl eine Entschuldigung, dass Sie mal wieder zu spät sind. Was machen wir denn nun mit der kleinen?" " Sie kann bei mir bleiben. Ich muss nur noch aus ihr herausbekommen, wie sie mit Nachname heit. Sonst können wir ihren Vater nie ausfindig machen." " Ja, dann mal an die Arbeit. Ihnen vertraut sie jetzt, Tom. Fragen Sie die kleine."

  • Als Tom wieder in das Büro zurückkam, lag Chiara auf der kleinen Couch und schlief. " Die kleine ist ja echt süß. Wo hast du sie denn gefunden?"Fragte Semir im Flüsterton. Mit einem Blick auf die Schlafende bedeutete Tom seinem Kollegen, ihm nach draußen zu folgen. Sie kochten sich einen Kaffee und Tom erzählte von neuem. " Jetzt müsste ich nur noch wissen, wo sie wohnt. Wir müssen ihren Vater finden und verhaften." Meinte Tom mit einem nachdenklichen Blick in seinen Kaffee. " Ja, du hast Recht." Sagte Chiara, die plötzlich in der Tür erschienen war. " Da bist du ja, mein Schatz! Hast du gut geschlafen?" Wollte Tom wissen, doch Chiara lief schon zur Tür. Tom und Semir holten schnell ihre Jacken, sagten Dieter und Hotte, dass sie mitkommen sollten und rannten ihr nach. Sie wartete an Tom´s Auto. " Du hast gesagt, du passt auf mich auf. Dann kann mir nichts passieren, stimmt´s" Ich zeig euch, wo ich wohne." Sagte sie, doch Tom konnte die Angst in ihrer Stimme hören. Er gab Semir die Schlüssel, setzte sich selbst auf den Beifahrersitz und nahm Chiara auf den Schoß. Sie fuhren quer durch die Stadt bis zu Tom´s Wohnung. Von dort aus musste Chiara den Weg beschreiben. Sie lenkte die Kommissare noch mal zehn Minuten durch die Straßen, bis ihr Blick an einem Haus hängen blieb. " Hier ist es." Sagte sie und griff nach Tom´s Hand.

  • Die beiden Kommissare blickten sich an und zogen ihre Waffen. " Okay Chiara. Du gehst jetzt zu den beiden Beamten im Auto hinter uns. Dieter und Hotte. Sie werden auf dich aufpassen, solange wir da drin sind." Chiara lief zu den Polizisten und Tom und Semir gingen auf das Haus zu. Als sie bei dem Namen Vormeier klingelten, öffnete niemand, also traten sie die Tür ein. Es führte eine Treppe nach oben zu den Schlafräumen. Dort schlichen sich die beiden nun mit erhobener Waffe hin. Im Schlafzimmer von Chiara´s Eltern war alles verwüstet. Es sah nach einem Kampf aus, doch eine Leiche war nicht zu finden. Während Semir die Spurensicherung rief, schaute Tom sich um. Er entdeckte ein Armband neben dem Bett und Blut. Chiara hatte Recht gehabt. Hier musste vor wenigen Stunden ein Kampf stattgefunden haben, der nach der Aussage des kleinen Mädchens tödlich ausging. Er fragte sich nur immer und immer wieder: Warum? Warum hatte dieser Mensch das getan? Tom verspürte einen Hass, einen Hass auf einen Ehemann, der seine Frau ermordet hatte. Einen Hass auf einen Vater, der seine Tochter miterleben ließ, wie er ihre Mutter erdolcht hatte.

  • " Tom, die Spurensicherung ist gleich da."Riss ihn Semir aus seinen Gedanken. " Ok, ich gehe runter zu Chiara und rede mit ihr." Tom eilte die Treppe hinunter und auf den Streifenwagen zu. "Chiara, wir haben alles durchsucht. Sie ist nicht da, deine Mutter ist nicht da." " Das kann nicht sein, ich habe doch selbst gesehen, wie er-" Der Rest des Satzes wurde von ihren Tränen verschluckt. " Ist ja gut meine kleine. Es wird alles wieder gut." Sagte Tom und nahm das Mädchen erneut in seine Arme. " Er hat sie bestimmt weg gebracht. Er hat sie bestimmt irgendwo versteckt."Schluchzte Chiara, " Bestimmt dort, wo sie manchmal übers Wochenende hingefahren sind. Als ich nicht mit durfte, da sind sie immer hin, wenn sie gestritten haben, um sich zu versöhnen, hat Mama immer gesagt.? "Wo ist das denn, mein Schatz?" fragte Tom sanft. " Es gibt Fotos. Ich war doch nicht dabei, wenn sie dort waren, aber sie haben immer wieder Fotos gemacht, um mir dann zu zeigen, dass sie sich versöhnt haben."" Ok, ich werde jetzt reingehen und die Fotos suchen. Du bleibst hier."Tom stand auf und lief zurück ins Haus, wo Semir sich immer noch umsah. Er hatte gerade eine Schachtel mit Fotos in der Hand. " Ja, die sollten wir mal durchschauen. Chiara hat gesagt, dass es Fotos von einem Ort gibt, an den die Eltern hingefahren sind, um sich zu versöhnen." Semir schaute Tom an und hielt ihm ein Foto unter die Nase. " Also, schau dir das Foto bitte mal an. Das ist doch eine total harmonische Familie. Hier steht: Weihnachten 2005. Das ist ja noch gar nicht lange her.""Ja Semir, aber der Schein trügt?"

  • "Tom, komm mal bitte her. Ich hab ein Tagebuch gefunden. Vielleicht hilft uns das weiter. Lies du es, die Spurensicherung ist da, sie werden hier alles durchsuchen. Ich beaufsichtige das alles hier und du ziehst dich ins Wohnzimmer zurück."Tom gehorchte und nahm das Buch mit nach unten. Das Schloss brach er mit einem Schraubenzieher auf und begann dann darin zu blättern. Er fühlte sich unwohl dabei in einem Tagebuch zu lesen, doch er wollte Chiara helfen und da musste er das Geschriebene wohl lesen. Die ersten Seiten waren für den Fall unwichtig. Insgesamt, konnte man aus dem Tagebuch nicht viel entnehmen, was zu der Lösung des Falles beitragen könnte. Tom dachte an die drei Gründe warum man jemanden umbringen könnte. Da war zuerst die Rache, doch, warum sollte sich Jochen Vormeier an seiner Frau rächen wollen. Also der zweite, Habgier, auch das traf nicht zu, da es, wie in jeder Ehe, einen Ehevertrag geben musste. Blieb Eifersucht. Und damit konnte Tom auch schon mehr anfangen, denn er hatte in dem Tagebuch zwei Seiten gefunden, die ihm noch etwas mehr Einsicht in das Leben dieser Familie gaben?

  • Da stand:" 26. Juli 1994 " Gestern war ich mit Gustav verabredet. Wir haben uns prächtig amüsiert. Zum Glück weiß mein Verlobter Jochen nichts davon. Ich glaube, er wäre sauer. Er ist doch immer gleich so eifersüchtig. Was ich eigentlich nicht verstehen kann, denn ich bin ihm immer treu gewesen. Nur eines macht mir ein wenig Angst. Ich muss gestern bei Gustav etwas viel getrunken haben, denn ich weiß nur noch, wie wir uns über meine bevorstehende Hochzeit unterhalten haben und das nächste, was ich weiß, ist, dass ich morgens mit einem dicken Schädel aufgewacht bin. Hoffentlich habe ich Gustav nichts von Jochens Eifersucht erzählt. Hoffentlich ist nicht sonst etwas passiert. Sie sind doch die besten Freunde und Gustav würde sicher Jochen erzählen, dass ich es nicht leiden kann, dass er so eifersüchtig ist." Tom blätterte weiter. Auf der nächsten Seite ging es dann weiter:"15. August 1994 " Oh, Gott, ich bin so glücklich, ich habe heute einen Schwangerschaftstest gemacht, er ist positiv ausgefallen. Ich habe mir doch schon immer ein Kind gewünscht und jetzt ist mein Traum auch noch in Erfüllung gegangen. Und dann ist auch noch Jochen, der tollste Mann meines Lebens der Vater. Ich bin so glücklich, ich könnte die ganze Welt umarmen!!!" Dass dieses Glück schon elf Jahre später zerstört war, wusste Frau Vormeier zu diesem Zeitpunkt nicht, dachte Tom und klappte das Buch zu.

  • Als er zu Semir kam, hatte der von der Spurensicherung Neuigkeiten. " Die Spurensicherung hat festgestellt, dass das Blut zu der von Chiara angegebenen Tatzeit vergossen worden war." " Wir haben ein Bild gefunden." Rief währenddessen Peter von der Spurensicherung und gab den beiden das Bild. " Ich werde Chiara fragen, ob sie sich an diesen Ort erinnern kann."Im Weggehen fügte er hinzu:" Arme Chiara." Tom nahm das Bild und ging zu dem kleinen Mädchen." " Mein Schatz, kannst du mir sagen, ob das die Hütte ist, wo deine Eltern waren?" " Ja, das ist sie." Rief das M?dchen erleichtert. "Die Hütte kenne ich. Dort bin ich schon mal vorbei gerannt, als ich mit meinem Sohn joggen war." Meinte Dieter. " Dann sag mir, wo sie ist. Ich muss dort sofort hin." Sagte Tom und setzte sich hinten neben Chiara ins Auto. Beim Losfahren rief er Semir noch zu, dass er sich beeilen sollte und ihnen hinterherfahren. Das tat er auch gleich. Sie fuhren lange hintereinander her, bis Dieter plötzlich rief:" Halt! Hier rein, da ist es!" Der Convoy kam an eine alte Hütte, die mitten im Wald stand. Ein sehr abgelegener Ort. Gut, um eine Leiche zu verstecken, dachte Tom. Wieder blieb Chiara im Auto sitzen, bei Dieter und Hotte, die ihren Kollegen gespannt nachsahen. Diese gingen mit gezückter Waffe auf das Haus zu. Als sie sich vergewissert hatten, dass keiner da war, öffneten sie die Tür. Drinnen auf einem Sofa lag etwas, das mit einem Leintuch bedeckt war, doch das Blut am Boden verriet, was Tom und Semir im nächsten Augenblick zu sehen bekommen würden.

  • Der leblose Körper einer erdolchten Frau lag auf dem Sofa. Das schlimmste hatte sich bewahrheitet. Tom wollte gar nicht daran denken, wie Chiara sich gefühlt haben musste, als sie dieses schreckliche Schauspiel miterlebt hatte. Er schloss für einen kurzen Moment die Augen, während Semir ihm ermutigend auf die Schulter klopfte, dann nach draußen ging um nun schon zum zweiten Mal an diesem Tag die Spurensicherung zu rufen. Auch Tom ging schnellen Schrittes nach draußen, um Chiara zu erzählen, was passiert war. "Habt ihr sie gefunden?" fragte sie ängstlich und schaute Tom mit großen fragenden Augen an. " Ja mein Schatz, wir haben sie gefunden." Ohne dass Tom noch etwas sagen konnte, rannte Chiara los. Semir und Tom spurteten hinterher. " Bleib hier Chiara! Du darfst da nicht rein!" Kurz vor der Tür hatte Semir sie eingeholt und hielt sie fest. Weinend fiel sie Tom in die Arme. " Ich wollte sie nur noch einmal sehen." Schluchzte sie und nahm wieder einmal Tom´s Hand. Er trug sie zurück zum Wagen und versuchte, sie zu beruhigen. Als sie endlich nicht mehr weinte, ließ er sie los und ging noch einmal zu seinem Kollegen, der mittlerweile mit der Spurensicherung zu kämpfen hatte. " Semir, kannst du mir einen Gefallen tun?" " Ja, Tom. Geh nach Hause und nimm die Kleine mit. Ich werde alles andere managen." "Danke Partner." Tom lief zu Chiara zurück, die wieder ausgestiegen war und ihm entgegen kam. Er nahm sie an die Hand und wollte sie gerade ins Auto setzen, da fiel ein Schuss-

  • Chiara klappte in Tom´s Armen zusammen, dieser hatte noch überhaupt nicht realisiert, was passiert war. Semir rannte schon mit seiner Pistole auf Tom zu. Dieser rief nur:" Einen Krankenwagen, schnell, einen Krankenwagen!!!" Chiara war bei Bewusstsein und Tom sah, dass der Schütze sie nur am Bein getroffen hatte. Doch das Blut lief unaufhörlich in die Erde hinein. Tom redete beruhigend auf das Mädchen in seinen Armen ein bis sie nach kurzer Zeit die Augen schloss. Sie war ohnmächtig. Semir kam nun aus dem Wald zurück. " Tom, ich habe den Schützen verfolgt, aber ich habe ihn nicht einholen können. Er war plötzlich verschwunden." Tom hörte nicht, was Semir sagte, er starrte nur auf das blutende Mädchen in seinen Armen. Erst die Sirenen des Krankenwagens rissen ihn aus seinem Trancezustand. Chiara wurde auf eine Trage geschnallt und notverarztet. " Wird sie es schaffen?" Fragte Tom mit einem Kloß im Hals. " Das können wir jetzt nicht mit Sicherheit sagen. Sie hat sehr viel Blut verloren. Wir tun unser bestes." Sein Tonfall klang nicht sehr überzeugend. Der Sanitäter machte die Tür des Krankenwagens zu nachdem er Tom erklärt hatte, er solle hinterherfahren, im Wagen würde er nur stören. Sie mussten Chiara nun so schnell, wie möglich ins Krankenhaus bringen. Also sah Tom dem blauen Licht nach, wie es langsam hinter den dichten Bäumen des Waldes verschwand...

  • Er konnte nicht fassen, was eben passiert war. Jetzt hatte ein Unbekannter, er konnte sich schon denken wer, auch noch auf Chiara geschossen, auf ein kleines hilfloses Mädchen, welches Zeugin eines Mordes war, einzige Zeugin. Semir holte ihn aus seinen Gedanken. "Tom, komm wir fahren ins Krankenhaus. Es bringt nichts, hier noch länger herumzustehen." Tom lief auf das Auto zu, doch es kam ihm vor, als würde alles was er tat nicht wirklich sein. Er dachte nur an Chiara. Hätte er sie nur nicht aus dem Auto herausgelassen, hätte er sie bloß im Büro gelassen. Er war verzweifelt, deshalb merkte er auch nicht, wie Semir wenig später am Krankenhaus hielt und ausstieg. " Willst du nicht mitkommen?"Fragte er seinen Partner, der ihm dann irgendwann doch folgte. An der Information erfuhren sie, dass Chiara auf der Intensivstation lag. Tom eilte die Treppen hinauf bis in den dritten Stock. Dort erkundigte er sich nach der Zimmernummer, als ihm ein Arzt entgegenkam. " Halt, Sie können da nicht rein. Sind Sie ihr Vater?" " Nein, zum Glück nicht. Ihr Vater hat ihr das doch alles erst angetan. Ich bin von der Polizei und habe mich um die kleine gekümmert. Wie geht es ihr?" " Sie schwebt momentan noch in Lebensgefahr, aber wir tun unser bestes." " Sie tun ihr bestes, sie tun ihr bestes. Ja, ja, das sagen sie doch alle." Fuhr Tom den Arzt an." Mensch, Tom. Lass ihn in Ruhe. Komm, wir setzen uns hier hin." Semir führte seinen Kollegen zu einem Stuhl. Tom setzte sich benommen hin. " Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn Chiara was passiert. Ich habe ihr versprochen, dass ihr nichts passiert. Ich habe gesagt, dass sie bei uns sicher ist. Ich bin an allem Schuld." " Nein, Tom, bist du nicht. Du kannst doch nichts dafür, dass sie jemand aus dem Weg räumen will." Rief Semir empört über die Aussage seines Kollegen. Tom hing nun seinen Gedanken nach. Als kurze Zeit später ein Arzt aus Chiara´s Zimmer kam, sprang Tom sofort auf. " Ihr Zustand ist immer noch instabil. Sie ist ins Koma gefallen. Sie können kurz zu ihr hinein, aber bitte nicht länger als zwei Minuten." Tom fühlte sich, als hätte er Metallklumpen an seinen Füßen. So mühsam war es, bis er im Zimmer stand und Chiara anschaute. Als er wieder nach draußen ging, rannte er sofort auf Semir zu und rief:" Komm, wir schnappen uns den Kerl. Hier können wir gerade nichts tun. Chiara bekommt ständigen Polizeischutz, also kann ihr das Schwein nichts antun. Wir suchen ihn jetzt, damit er endlich seine gerechte Strafe bekommt." Und mit einem, vor Wut verzogenen Gesicht lief Tom so schnell er konnte zum Ausgang.

  • Semir lief ihm hinterher und setzte sich schnell ans Steuer, damit Tom nicht auch noch einen Unfall baute. " Ich kann es einfach nicht glauben! Ich will jetzt endlich dieses Schwein finden, der Chiara das alles angetan hat. Haben wir denn endlich die Adresse von diesem Gustav herausgefunden?" Fragte Tom. "Ja, die haben wir. Sollen wir dort nun auch hinfahren?" "Ja, und dann stellen wir ihn zur Rede, vielleicht kann er uns helfen."Semir rief in der Zentrale an und fragte nach der Adresse. Die Straße, in der Gustav Mengel wohnte, war nicht gerade eine schlechte Gegend. Er bewohnte ein großes Haus mit einem schön angelegten Garten. Als ein gutaussehender Mann öffnete, fragte Tom sofort:" Sind Sie Herrn Mengel?" " Ja, der bin ich, worum geht es denn? Kommen Sie doch herein." " Wir sind von der Polizei. Können Sie uns sagen, wo sich Herr Jochen Vormeier befindet?" " Nein, das weiß ich nicht, ich habe schon lange nicht mehr mit ihm gesprochen, warum? Worum geht es denn überhaupt?" Tom sah seinen Kollegen an, bevor er die Geschichte erzählte:" Ich habe Chiara heute morgen gefunden. Sie hat mir erzählt, dass sie gesehen hat, wie ihr Vater ihre Mutter getötet hat. Wir haben die Leiche tatsächlich gefunden." Herr Mengel wurde kreideweiß. "Was? Jochen hat sie umgebracht? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Wo? wo ist Chiara jetzt?" Wollte er wissen. " Sie ist im Krankenhaus. Sie wurde angeschossen von einem Unbekannten. Wir vermuten, dass es Herr Vormeier war." Sagte Semir nun. Herr Mengel setzte sich auf einen Stuhl und starrte ins Leere. " Dieses Schwein, dieses elende Schwein. Dafür wird er büßen." Brachte er mühsam hervor." Ja, das wird er, aber wir werden dafür sorgen, nicht Sie." Beruhigte ihn Semir. Doch Gustav wollte sich nicht beruhigen. Er ging im Zimmer auf und ab, seine Stimme zitterte, als er sagte:" Wie geht es Chiara? Ist sie schwer verletzt?" " Ja, sie schwebt momentan in Lebensgefahr. Man wei? nicht, ob sie-ob sie es schafft." Antwortete Tom leise. "Können Sie uns vielleicht sagen, wie das Verhältnis zwischen den Vormeiers war? Haben sie oft gestritten, oder war einer der beiden besonders eifersüchtig?" Semir wusste die Antwort auf die zweite Frage schon, doch er wollte wissen, ob es sich mit den Jahren gebessert hatte, oder ob Jochen immer noch so eifersüchtig war. " Ja, Jochen war sehr eifersüchtig. Deshalb kam es auch immer mehr zu Streitereien." Sagte Gustav mit einer gereizten Stimme. " Hatte er denn Grund zur Eifersucht?" Fragte Tom plötzlich, was ebenso seinen Kollegen, wie auch Herr Mengel sehr überraschte. Tom hatte auf einmal einen Verdacht und wollte nun erfahren, ob er mit diesem richtig lag. Doch das, was er da nun erfuhr, war ganz und gar nicht das, was er sich vorgestellt hatte. Es war viel schlimmer-

  • " Nun ja, eigentlich ist Jochen ja selbst schuld."Begann Gustav Mengel. " Inwiefern denn?" Wollte nun auch Semir wissen. " Na, er war doch der Auslöser für das ganze Chaos." " Können Sie nun bitte einfach sagen, was los ist!" Donnerte Tom auf einmal los. "Ja, ok, schon gut. Es begann alles vor elf Jahren ungefähr. Da kam Jochen zu mir und erzählte mir, er sei zeugungsunfähig. Und Valerie, Frau Vormeier, wünschte sich doch unbedingt ein Kind. Er konnte ihr den Wunsch aber nicht erfüllen. Aus Angst, sie würde ihn verlassen, kam er dann zu mir. Er meinte, man könnte das alles doch so aussehen lassen, als wäre das Kind von ihm, aber dabei ist es von mir." " Wie meinen Sie das?" Wollte Tom nun wissen. "Valerie trank immer nur sehr wenig Alkohol und wenn sie mal zu viel trank, konnte sie sich am nächsten Tag meistens an nichts mehr erinnern. Ich sollte sie abfüllen und sie verführen. Zuerst wollte ich nicht, aber dann versprach mir Jochen einen jährlichen Geldbetrag von 10 000 Euro, also habe ich zugestimmt. Ich hatte hohe Schulden und konnte diese so begleichen."" Und Sie nahmen dafür in Kauf, dass Ihr Kind bei einem anderen Mann groß wird?" Tom war stinksauer, seine Finger zitterten vor Wut. Wie konnte jemand so herzlos sein und ein Kind und seine Mutter jahrelang belügen" " Ja, ich habe doch das Geld gebraucht. Aus heutiger Sicht würde ich das alles auch am gernsten rückgängig machen. Es tut mir so leid." " Und wie ging das dann weiter?" Fragte Semir. Doch Tom konnte es sich denken. Er hatte die Tagebucheinträge gelesen. An dem Abend mit Gustav, nachdem Valerie ein Blackout hatte, hatte sie mit Gustav ein Kind gezeugt. Und zwar Chiara. Seine Gedanken wurden von Gustavs Stimme unterbrochen. " Ich konnte es irgendwann nicht mehr mit ansehen, wie Jochen zu seiner Frau war. Er war ständig schlecht drauf und behandelte seine Familie furchtbar, wie Dreck! Vor einem Jahr habe ich Valerie dann alles gestanden. Zuerst hat sie sich von mir entfernt, doch dann wurde eine Affäre daraus. Jetzt hatte sie beschlossen, mit mir zusammen zu ziehen und bei Jochen die Scheidung einzureichen. Das wollte sie wohl gestern Abend alles tun." Sagte Gustav, der einen merklichen Kloß im Hals hatte. " Sie wollte sich also von ihrem Mann trennen, der sie ?ber alles geliebt hatte. Haben Sie denn nie daran gedacht, dass Jochen ihr oder Ihnen etwas antun könnte?" Fragte Tom entsetzt. " Nein, sonst hätte ich sie wohl nicht dazu gedrängt, ihm die Scheidung einzurechen. Ich frage mich, wie sie es so lange noch bei ihm ausgehalten hat." "Ich frage mich, warum sie zu Ihnen kommen wollte und deshalb nun tot ist. Sie sind ja auch nicht der Vorzeigevater. Schämen Sie sich denn gar nicht für das, was Sie getan haben?" Keifte Tom den Vater von Chiara nun an. " Ich habe mich in Valerie verliebt. Ich schäme mich nicht fü?r das was ich getan habe, sonst wäre ich jetzt nicht mit ihr zusammen gewesen." " Hätten Sie das nicht getan, gäbe es keine Toten!" Rief Tom und rannte nach draußen. Er konnte es nicht fassen, dass dieser A**** jetzt auch noch behauptete, er sei im Recht. Chiara hatte nun noch etwas zu verarbeiten, und zwar, dass dieser Mistkerl ihr Vater war. Und da das, was er getan hatte nicht strafbar war, konnte man ihm die kleine noch nicht einmal wegnehmen. Es war zum Heulen. Tom konnte ja noch nicht einmal genau sagen, ob Chiara den Krankenhausaufenthalt überhaupt überleben würde?

  • Semir kam auch nach draußen, da er mit der Befragung fertig war. " Herr Mengel konnte mir nur einen Ort sagen, wo sich Jochen aufhalten könnte. Komm, wir fahren dort mal hin." Sagte Semir aufmunternd. Tom folgte ihm zum Wagen und stieg ein. " Na gut. Hoffentlich finden wir ihn dort." Sagte Tom nachdenklich. Semir hatte Zweifel. " Ich glaube nicht, dass er irgendwo ist, wo Gustav ihn finden könnte. Das wäre doch zu gefährlich für ihn. Denn er sollte wissen, dass bei Herr Mengel die Polizei vorbeischaut und der würde, wie er es ja auch getan hat, der Polizei Beschied sagen." Gab Semir zu bedenken. Die weitere Fahrt verlief schweigend. Tom und Semir fuhren aus der Stadt hinaus. Gustav Mengel hatte Semir verraten, dass Jochens Eltern ein Landhaus besitzen, indem er nun Zuflucht suchen könnte. Es war schon spät am Abend, als die beiden Kommissare am Landhaus ankamen. Die Fahrt hatte circa eine halbe Stunde gedauert. Semir forderte noch schnell Verstärkung an, bevor er den Motor abstellte. Das Grundstück war sehr schön, besonders der Wintergarten mit vielen Blumen und Kakteen. Als Tom und Semir klingelten, machte niemand auf. Auch nach dem zweiten Klingeln tat sich nichts. Sie gingen um das Haus herum. Vom Balkon aus konnte man in die Stadt sehen. Es schien, als wäre keiner im Haus, doch da die Balkontür nur angelehnt war, zogen die beiden schnell ihre Waffen. Sie schlichen durch das schöne Wohnzimmer in die Küche und durch den Essbereich. Es führte eine Treppe nach oben, die Semir zuerst hinaufstieg. Oben waren Schlafräume, Bad und Toilette, doch nichts deutete darauf hin, dass jemand in den letzten zwölf Stunden hier gewesen war. Also ließen die beiden Kommissare ihre Waffen sinken und fingen an, alles zu durchsuchen. Es war sehr schwierig in so einem großen Haus am richtigen Platz zu suchen, aber man hatte es hier schließlich mit erfahrenen Polizisten zu tun. Und die mussten wissen, wo man zu suchen hatte, denn nach kurzer Zeit rief Tom seinem Kollegen zu:" Ich glaube, ich hab was."Sein Blick haftete auf einem Blatt Papier. Doch Tom´s Gesichtsausdruck war nicht einmal annährend so schrecklich, wie der Inhalt des Geschriebenen in seiner Hand-

  • Er hielt Semir den Fetzen hin, auch der las voller Entsetzen den Inhalt dieses Briefes:" Gustav, ich hoffe, du bist der Leser dieses Briefes, denn jemand anders geht das Folgende nichts an. Ich wollte dir einfach einmal sagen, wie verletzt ich über dein Handeln bin. Ich habe mich noch nie so niedergeschlagen gefühlt, wie heute. Es war ein schrecklicher Tag. Was ich dir jetzt sage, wirst du sicher irgendwie erfahren oder schon erfahren haben. Ich habe Valerie getötet, aber nur, weil es so sein musste. Du wunderst dich jetzt sicher, warum ich dieses Geständnis ablege, aber es macht sowieso keinen Unterschied mehr. Wenn du diese Zeilen liest, wird mein Werk schon vollendet sein. Ich war es auch der Chiara erschossen hat." Bei diesen Zeilen schlug Semir´s Herz ein wenig schneller, denn Chiara war nicht tot, vielleicht noch nicht? Er konnte sich nicht vorstellen, wie ein Mensch in der Lage sein konnte, ein kleines Mädchen tpten zu wollen. Dann las er weiter:" Du wirst mich verfluchen, aber das ist mir egal, du bist an allem Schuld. Meine Familie h?tte so schön weiterleben könne, wenn du dich nicht eingemischt hättest. Dafür wirst du nun büßen. Aber nicht mit dem Tod, denn das wäre zu schön für dich. Du sollst bis an dein Lebensende leiden, leiden, weil du mir und meiner Familie das alles angetan hast, leiden, weil du unsere Freundschaft verraten hast. Du sollst Höllenqualen leiden bis ins Grab. Wenn deine Augen nun mit Schrecken über das Papier wandern, ist es schon zu spät, alles ist zu spät. Komm in unseren Steinbruch, dann wirst du es sehen. Mein vollendetes Werk. In Erinnerung an Jochen, deinen ältesten und besten Freund." "Tom, denkst du, was ich denke?" Fragte Semir mit entsetztem Blick. " Ja, ich glaube schon." Antwortete dieser in Trance. Wie auf Kommando rannten sie hinaus-

  • Der Wagen raste, so schnell es ging. Währenddessen rief Tom bei Gustav an und fragte ihn nach dem Steinbruch. Er war nicht weit entfernt, also brauchten Semir und Tom auch nur eine viertel Stunde zu fahren. Es war schon sehr dunkel, und da es in dem Steinbruch keine Straßenlichter gab, sah man kaum noch die Hand vor Augen. Tom stieg aus und lief, im Licht von dem Wagen seines Partners durch die Nacht. Er dachte nur immer und immer wieder: Hoffentlich ist es noch nicht zu spät, hoffentlich können wir ihn noch aufhalten. Die Kommissare konnten fast nichts sehen, auch das fahle Licht des Autos war bald keine große Hilfe mehr. Semir hatte vor dem Losgehen noch schnell eine Taschenlampe geholt, womit er nun den Weg bescheinen konnte. Tom überlegte immer, wie Gustav in das Haus hätte kommen sollen und den Brief finden. Er konnte das doch nicht voraussetzen. Oder wusste Gustav vielleicht mehr, als er zugegeben hatte? Nein, das konnte nicht sein, denn was für ein Geheimnis sollte es denn nun noch geben? Das durfte alles doch nicht war sein. Tom und Semir liefen umher und suchten nach Jochen, doch sie konnten niemanden finden, niemanden hören und niemanden sehen. Die Vorstellung, dass er sein Werk nun vollenden wollte, war schrecklich. Er konnte doch nicht ungestraft davon kommen. Aber war der Tod nicht auch eine Strafe, war er nicht auch schlimm genug? Tom wusste es einfach nicht. Vielleicht glaubte Jochen ja an ein Leben nach dem Tod, mit seiner Familie. Wie konnte ein Mensch nur so naiv sein? Plötzlich hörten die Polizisten ein Geräusch. Semir leuchtete mit seiner Lampe in die Richtung aus der sie den Laut vernahmen und beide erstarrten?

  • Da standen doch tatsächlich Jochen und Gustav vor dem Abgrund und diskutierten. Als sie von dem Licht geblendet wurden, verstummten sie. " Ich wollte ihn aufhalten, bitte helfen Sie mir, er will seinem Leben ein Ende setzen, aber das geht nicht." Jochen lief weiter am Abgrund entlang, damit Gustav ihn nicht zu fassen bekam. " Woher wussten Sie denn, dass er hier ist?" Fragte Tom, während Semir im Schutz der Dunkelheit hinter Jochen Vormeier her schlich. " Sie wollten doch wissen, wo der Steinbruch ist, also bin ich hierher gekommen, weil ich mir gedacht hab, dass Sie hier sind und auch Jochen hier ist. Ich wollte ihn aufhalten, aber es war schon fast zu spät. Ich habe ihn in ein Gespräch verwickelt, in der Hoffnung, Sie würden bald kommen. Er hat nicht mit sich reden lassen, er hat mich nur beschimpft. Sie m?ssen mir glauben!" Beide schauten in die Richtung, in die Semir verschwunden war. Auch Tom ging ihm nun hinterher, um ihm eine Hilfe zu sein. Er lief über den dreckigen Boden, über die Steine. Tom wusste nicht, wo Semir war. Er hatte ihn aus den Augen verloren.
    Dieser verfolgte den Flüchtigen, was der wohl noch nicht gemerkt hatte. Semir konnte es nicht verstehen, warum er nicht schon in die Schlucht gesprungen war. Vielleicht war er sich nicht sicher, was sich in dem Brief jedoch nicht so anhörte. Er war nur noch wenige Meter von Herr Vormeier entfernt, als er plötzlich keinen Boden mehr unter den Füssen spürte-

  • Tom hörte einen schrecklichen Schrei in der Stille, was ihn zum schneller laufen antrieb. Er konnte fast nichts erkennen. Endlich war er dort angekommen, wo Semir geschrieen hatte. " Semir, alles klar bei dir?" Fragte Tom und griff nach der Hand seines Kollegen. "sieht das hier so aus, als wäre alles in Ordnung?"Wollte dieser dann wissen. Es war sehr schwer, Semir wieder hinaufzuziehen, doch nach einer mühsamen Minute war er endlich wieder auf sicherem Boden. " Wie konnte das denn passieren?" Wollte Tom wissen. " Ich weiß es auch nicht. Ich hab mich so auf Jochen Vormeier konzentriert, dass mir gar nicht aufgefallen ist, dass es hier nicht weitergeht, aber jetzt schnell los, wir müssen ihn finden. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät." Gemeinsam liefen sie nun weiter. Eine kleine Taschenlampe hatten sie noch, die andere hatte Semir bei seinem Sturz verloren. So weit sie auch liefen, Jochen war nicht zu entdecken. " Mensch, das kann doch nicht sein. Wo ist der denn jetzt auf einmal hin? Das darf doch nicht war sein." Schimpfte Semir vor sich hin, doch Tom hörte nicht zu. Er sah konzentriert auf den Boden, damit ihm nicht dasselbe passieren würde, wie seinem Partner und dachte nach. Es ist bestimmt schon zu spät, er ist bestimmt nicht mehr am Leben. Wie kann man nur so hirnrissig sein und sich das Leben nehmen wollen? Wieder hörten die beiden ein Geräusch. Sie blieben stehen und leuchteten in die Richtung, aus der der Laut kam. Vor Schreck blieben sie wie angewurzelt stehen. Wieder standen Jochen und Gustav da, aber dieses Mal machte Jochen Anstallten, seinen besten Freund mit in die Schlucht zu stürzen. Er hatte sich an ihn gefesselt und wollte nun in die Tiefe springen. " Herr Vormeier, das hat doch keinen Sinn, warum wollen sie sich und ihrem Freund das antun?"Wollte Tom wissen. " Ich hab jetzt eingesehen, dass wir beide für das alles verantwortlich sind. Nicht nur Gustav, deshalb werde ich ihn mit in den Tod nehmen!" Rief Jochen. Er hatte total die Kontrolle verloren, stand nur noch da, wie in Trance und starrte in den Abgrund. Gustav sagte gar nichts, aber er zitterte am ganzen Körper. " Sie können nicht springen. Ihre Tochter hat den Anschlag überlebt. Sie kann doch nicht ohne Sie beide leben, das geht doch nicht." Bemerkte Tom. Es war die letzte Chance, Jochen zur Vernunft zu bringen, dachte Tom. " Oh, nein, das darf doch nicht wahr sein! Ich wollte doch, dass sie mitkommt in den Himmel. Wie sollen wir denn ohne sie dort leben?" Mittlerweile hatten die beiden Kommissare keinen Zweifel mehr, dass dieser Mann ein echter Spinner war. Aber das brachte nun auch nichts mehr, es war zu spät-