Nicht Aufgeben!

  • Irgendwo in einer Penthouse-Wohnung in Düsseldorf


    Christian Wenzel saß am Frühstückstisch, den Alma, seine Haushälterin, heute Morgen auf der Dachterrasse gedeckt hatte. Von seinem Sitzplatz aus hatte er einen unvergleichlichen Ausblick auf die Skyline von Düsseldorf. Die Strahlen der Morgensonne verbreiteten eine angenehme Wärme. Der Wetterbericht versprach einen schönen Sommertag.


    Ein unerwarteter Besucher, Dr. Hans-Heinrich Hinrichsen, hatte ihm gegenüber Platz genommen. Normalerweise hasste Christian unangemeldete Besucher, doch ihm war auch klar, wenn der Rechtsanwalt schon zu solch früher Morgenstunde den Weg von Köln nach Düsseldorf gefahren war, hatte dies einen triftigen Grund. Nach der Begrüßung unterhielten sich die beiden Männer im Small-Talk über dies und das, warteten darauf, bis die Haushälterin das zweite Gedeck aufgelegt hatte, die Tür zur Dachterrasse schloss und im Inneren der Penthouse Wohnung verschwand. Schwach drang der Lärm des morgendlichen Berufsverkehrs an ihre Ohren, ansonsten herrschte Stille.


    „Was treibt dich zu solch früher Morgenstunde zu mir nach Düsseldorf, Heinrich?“, erkundigte sich der Christian Wenzel, während er sein Drei-Minuten-Ei köpfte und den ersten Löffel genussvoll zwischen die Lippen schob.
    „Deine verrückte Kroatin!“, entgegnete der Rechtsanwalt, der Mühe hatte seine Erregung zu verbergen. „Die raubt mir den letzten Nerv und den Schlaf!“
    „Gabriela?“, fragte Christian ein bisschen amüsiert, „Was ist mit ihr? Wir haben doch alle ihre Forderungen erfüllt. Brauer hat mir gestern Abend bestätigt, dass er sie mit einer neuen Identität und entsprechenden Papieren ausgestattet hat. Justin hat seine Schulden bezahlt. Diese neugierige Schnüfflerin von der Autobahnpolizei kann noch drei Tage in den Akten des BKAs stöbern, wird aber nicht den leisesten Hinweis finden. … Nicht den Hauch einer Spur, die in unsere Richtung führen könnte. Also wo liegt das Problem?“ Er schob sich den nächsten Löffel, gefüllt mit dem gekochten Ei in den Mund und schnalzte genießerisch mit der Zunge. „Alma ist eine Meisterin darin, das perfekte drei-Minuten-Ei zu kochen. Du solltest endlich mit dem Frühstück beginnen.“


    Dr. Hinrichsen ging nicht auf die Aufforderung ein und erwiderte mit einem scharfen Unterton: „Danke, mir ist der Appetit auf Frühstück vergangen! … Schaust du denn morgens keine Nachrichten?“

    Er hatte die Aufforderung seines Gastgebers verstanden, nippte an seinem Kaffee und begann das Toastbrot, welches vor ihm auf dem Teller lag, mit Honig zu bestreichen.
    „Nachrichten im Fernsehen? … Pfff….“, kam es ziemlich abfällig von Christian. „Das ist doch pure Zeitverschwendung und oft genug berichten die nur die halbe Wahrheit. Ich verlasse mich lieber auf meine eigenen Informationsquellen!“ und biss in sein mit Butter bestrichenes Toastbrot.
    „Dann schalte mal deinen Flatscreen an! Die Verrückte ist aufgeflogen. Ein SEK-Kommando hat vergangene Nacht die Villa in Köln, die ihr als Schlupfwinkel gedient hatte, gestürmt.“
    Christian Wenzel hielt mit dem Kauen inne und seine grauen Augen fingen an wütend zu funkeln. „Was meinst du mit aufgeflogen?“
    „Was ist an dem Wort Aufgeflogen nicht zu verstehen. Das SEK Kommando hat das Versteck in Merheim ausgehoben. …Verstanden!“ Mit einer entsprechenden Geste seiner Hände unterstrich der Rechtsanwalt seine Aussage.


    Der Geschäftsmann ließ seine Hand sinken und legte den angebissenen Toast zurück auf den Teller. Für einige Atemzüge herrschte Stille unter den beiden ungleichen Männern. Christian durchbrach das Schweigen. Er hatte sein übliches Pokerface aufgesetzt und sein Gesprächspartner versuchte vergeblich aus der Mimik etwas abzulesen.


    „Wozu zahlen wir ein kleines Vermögen an Brauer und Co, wenn wir nicht rechtzeitig gewarnt werden?“
    Mit knappen Sätzen berichtete der Hans-Heinrich Hinrichsen von den Ereignissen der vergangenen Nacht in Köln Merheim, soweit er sie den Presseberichten entnommen hatte und fügte erläuternd hinzu: „Das war ein Geheimkommando, das Staatsanwalt van den Bergh ohne Rücksprache mit seinen Vorgesetzten genehmigt hatte. Deswegen hat keiner etwas im Vorfeld gewusst.“


    Als der Rechtsanwalt verstummte, herrschte erneut Schweigen am Frühstückstisch. Mit einer Serviette tupfte sich Christian Wenzel die Lippen sauber und warf sie achtlos auf die Tischdecke. Er schob den Frühstücksteller in Richtung Mitte des Tisches. Ihm war der Appetit gründlich vergangen.


    „Und es ist sicher, dass Gabriela dabei umgekommen ist?“


    Der Rechtsanwalt nickte und zählte nochmals die Namen der Personen auf, die laut dem ersten Polizeibericht dem Feuersturm in der Villa entkommen waren. Fast schon mit einem ängstlichen Unterton fragte er sein gegenüber:

    „Was willst du unternehmen? Diese Russin und der Serbe, die im Krankenhaus liegen, haben mich mehrmals in der Villa gesehen, als ich mit der Kilic Gespräche führte. Die können eine Verbindung zwischen mir und Gabriela herstellen. Das sind lästige Zeugen!“
    „Und der entführte Polizist? …. Dieser Jäger? … Hat der dich auch gesehen?“
    „Nein! Weder er, noch diese Ärztin, haben mitbekommen, dass ich bei Gabriela zu Besuch in der Villa war und mehrmals mit ihr telefoniert hatte! Da bin ich mir sicher!“


    Der Geschäftsmann zündete sich eine Zigarillo an und inhalierte den Rauch tief in seine Lungen. Hinter seiner Stirn arbeitete es fieberhaft.


    Christian Wenzel war ein Mann, der die Öffentlichkeit und Presserummel scheute. Sein Firmengeflecht war über den ganzen Globus verstreut. Der Geschäftssitz seiner verschiedenen Holding-Gesellschaften war bevorzugt in Steueroasen, wo keine Behörde lästige Fragen stellte. Kaum jemand ahnte wie reich er tatsächlich war und in welche legalen und illegalen Geschäfte er weltweit verwickelt war. Einige der wenigen Menschen, die tiefere Einblicke in seine Geschäftsverbindungen hatten, waren Dr. Hans-Heinrich Hinrichsen und Gabriela Kilic. Die Kilic, so hoffte er insgeheim, hatte ihr Wissen mit ins Grab genommen. Und der Anwalt? … Er verwarf den Gedanken sofort wieder. Dr. Hinrichsen war zu wertvoll, um ihn einfach zu beseitigen.


    Denn wenn es um Profit ging, kannte Christian Wenzel keine Hemmungen. Geld regiert die Welt und verlieh ungeahnte Macht. Sein Wahlspruch war, jeder Mensch hatte seinen Preis und wenn derjenige sich nicht mit Geld kaufen ließ, gab es noch andere Methoden, um jemanden gefügig zu machen oder wenn er im Wege stand, endgültig zu beseitigen. Wer für ihn und seine Geschäfte gefährlich wurde, hatte sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Für solche Zwecke war jemand wie Gabriela Kilic eine sehr nützliche Helferin gewesen. Der stechende Blick aus seinen blauen Augen ruhte auf dem Rechtsanwalt, der seine Nervosität zu verbergen suchte.


    „Mach dir keine Sorgen Hans-Heinrich! Ich werde mich darum kümmern, dass die beiden Zeugen zum Schweigen gebracht werden. Und auch für diesen Polizisten Jäger und der Ärztin wird es im Falle eines Falles eine Lösung geben. Warten wir deren Zeugenaussage ab! Die kommen uns nicht in die Quere!“
    „Bist du verrückt, du kannst sie doch nicht alle umbringen lassen? Die Geschichte hat schon verdammt viel Staub aufgebwirbelt! Die ist in allen lokalen Nachrichtensendern. Dieser Polizist Jäger ist nicht irgendwer, sondern der Sohn von diesem Bauunternehmer Konrad Jäger! Versuche es wie sonst auch mit Bestechung … Drohungen oder …!“


    „Seit wann besitzt du solch eine zarte Seele, mein Freund? Wer mir gefährlich werden kann, stirbt!“, unterbrach ihn Christian mit einem süffisanten Unterton, der gleichzeitig eine unausgesprochene Drohung darstellte. „Außerdem … vielleicht bin ich es ja Gabrielas Andenken fast schuldig, dass ich ihren Erzfeind über die Klinge springen lasse.“


    Dr. Hinrichsen rang sich ein Lächeln ab, denn er wusste, dass es zwecklos war, mit seinem Geschäftspartner weiter darüber zu diskutieren.

  • Ben lag erschöpft mit geschlossenen Augen in seinem Bett auf der Intensivstation. Dank der verabreichten Medikamente verspürte er nur noch bei Bewegungen einen dumpfen Schmerz in seiner linken Seite. Tausend Gedanken schwirrten durch seinen Kopf. Vor allem die Erlebnisse in den letzten Stunden musste sein Geist, seine Seele erst einmal verarbeiten …. begreifen, was geschehen war.


    Anna war wie er in Sicherheit und schlief zwei Stockwerke unter ihm selig in ihrem Bett auf der Gynäkologischen Abteilung. Sie waren frei, seiner schlimmsten Widersacherin Gabriela Kilic entkommen, die vermutlich ab sofort die Radieschen von unten betrachtete. Irgendwie kam deswegen in Ben keine Genugtuung auf, denn der Preis dafür war hoch, zu hoch gewesen. Elena, die letztendlich durch ihren Mut und selbstlosen Einsatz ihm mehr als einmal das Leben gerettet hatte, lag lebensgefährlich verletzt in einem Kölner Krankenhaus. Niemand konnte ihm sagen, ob die junge Frau die schwere Schussverletzung überlebt hatte.


    Wenn er die Augenlider öffnete und zum Nachbarbett blickte, sah er seinen Freund und Partner, der beatmet wurde und so still und friedlich dalag, als würde er einfach nur schlafen. Gegensätzliche Gefühle wallten bei Semirs Anblick in ihm hoch. Zum einen war da diese unendliche Dankbarkeit, dass der kleine Türke alles riskiert hatte, um ihn und Anna zu retten. Zum anderen waren da Schuldgefühle, dass sein Freund nun schwer krank neben ihm im Krankenbett auf der Intensivstation lag. Während der Visite hatte ihm der behandelnde Chefarzt mehrmals versichert, dass Semir eine gute Prognose auf eine vollständige Heilung habe, Dank der guten Erstversorgung durch die Notärztin.


    Die Chefarztvisite hatte am späten Vormittag stattgefunden.

    Der Tross aus Ärzten, Studenten und Pflegepersonal hatte vor wenigen Minuten das Intensivzimmer verlassen. Ben war sich unter deren neugierigen Blicken wie die Attraktion in einer Varieté-Show vorgekommen. Der diensthabende Oberarzt mit dem komischen Spitzbart im Gesicht referierte regelrecht vor seinen Kollegen über das Ausmaß seiner Verletzungen und Laborwerte. Ben verstand bei all dem medizinischen Kauderwelsch nur Bahnhof und hätte in dem Augenblick einiges darum gegeben, wenn Anna im Zimmer anwesend gewesen wäre und ihm die medizinischen Fakten in verständlichen Worten erklärt hätte.


    Seine betreuende Intensivschwester zog ihm den grünen Krankenhauskittel aus und zwei der Studentinnen im Hintergrund entfuhr ein spitzer Aufschrei beim Anblick von Bens Oberkörper, was denen einen Rüffel des Chefarztes einbrachte. Mehrere Ärzte aus unterschiedlichen Fachrichtungen stellten sich nacheinander kurz vor, erklärten Ben immer, welche Untersuchungen sie gerade anstellten und gaben dann ihre Meinung vor dem Rest der anwesenden Ärzteschaft kund. Auch wenn jeder der Mediziner nur das Beste für den Patienten wollte, war Ben von der Situation irgendwann überfordert.


    Der Oberarzt, der dies an der Reaktion seines Patienten erkannte, dabei die traumatischen Erlebnisse von Ben im Hinterkopf hatte, gab seinem Chef einen unmissverständlichen Hinweis. Daraufhin wandten sich der Professor und sein Gefolge seinem Bettnachbarn Semir Gerkhan zu.


    Letztendlich war es der Oberarzt, Dr. Pohl, den Ben in Gedanken als König Drosselbart bezeichnete und der plastische Chirurg, die ihm verständlicher Form die weitere Behandlung erläuterten.


    Sein Hb-Wert, was auch immer das sein mochte, dachte sich Ben, lag im kritischen Bereich um 6.0. Man würde ihm vorerst keine Blutkonserven verabreichen, sondern angesichts seiner körperlichen Verfassung dies durch Infusionen mit Eisen-Konzentrat versuchen zu kompensieren, erklärte ihm der Oberarzt weiter. Die Blutung im Bereich der linken Niere schien von selbst zum Stillstand gekommen zu sein. Auch hier wollte man einen chirurgischen Eingriff vorerst vermeiden und zog eine konservative Behandlung mittels Bettruhe vor. So ging der Oberarzt Stück für Stück mit seinem Patienten dessen Verletzungen durch und beschrieb ihm die weitere Behandlung. Bis zum kommenden Morgen wollte man ihn weiter auf der Intensivstation überwachen und bei der Morgenvisite endgültig entscheiden, ob der junge Polizist auf Normalstation verlegt werden konnte.


    Nun kam der plastische Chirurg ins Spiel, der sich bisher dezent im Hintergrund gehalten hatte. Er untersuchte die Schusswunde am Bauch, die Brandwunden und die ehemals entzündeten Wunden am Rücken, die ihm Remzi mit der Peitsche zugefügt hatte. Kritisch beäugte der Chirurg jede tiefere Verletzung, tastete die Wundränder ab und brummte mehrmals:
    „Hmmm … Hmmm …. Naja …. Vor sich hin!“
    und trieb Ben damit am Rande der Verzweiflung. Schließlich erklärte er Ben seine Erkenntnisse und schlug dem Patienten vor, zeitnah vor allem die Brandwunden durch eine Hauttransplantation versorgen zu lassen und die Schusswunde am Bauch und die beiden großen Verletzungen an der linken Schulter nochmals operativ nachzubehandeln. Dr. Rieger wollte Ben keine Garantie geben, war sich aber sicher, dass diese Verletzungen so kaum sichtbare Narben hinterlassen würden.


    Nach dem Untersuchungsmarathon war Ben fix und fertig und wollte nur noch seine Ruhe haben. Die verständnisvolle Intensivschwester hatte nach der Visite sein Bett näher an Semirs Bett herangeschoben und so konnte Ben dessen fixierte Hand umschlingen. Auch wenn sein Freund sediert war, tat dessen körperliche Nähe dem dunkelhaarigen Polizisten unheimlich gut. Nachdem die Krankenschwester das Zimmer verlassen hatte, wandte er seinen Kopf in Richtung der kleinen Türken, redete leise mit ihm, erzählte ihm, was ihn bewegte, was er durchlebt hatte und merkte nicht, wie er vor Erschöpfung eindöste.

  • Konrad Jäger saß im Wartebereich vor der Intensivstation und wartete darauf, zu seinem Sohn geführt zu werden. Auf seine Nachfrage über die Gegensprechanlage wurde ihm mitgeteilt, dass aktuell die Übergabe zwischen dem Frühdienst und dem Spätdienst stattfinde und er möchte sich bitte gedulden, bis der zuständige Pfleger ihn ans Krankenbett seines Sohnes holt.


    Die ersten Minuten war Konrad Jäger noch unruhig umhergewandert, doch zwischenzeitlich hatte er sich auf einem der Plastikstühle niedergelassen. Seinen Hinterkopf hatte er gegen die Wand hinter sich gedrückt und die Augen geschlossen. Viele Gedanken gingen ihm durch seinen Kopf. In den letzten Tagen hatte er viel nachgedacht und sich in den Stunden des Wartens auf eine Nachricht der Polizei gefragt, warum er so viele Fehler in seinem Leben begangen hatte.

    Warum war er so stur und selbstgerecht gewesen? Warum hatte er die vielen Gelegenheiten sich wirklich mit seinem Sohn Ben auszusprechen ungenutzt gelassen?
    Stattdessen hatte er auf seinem Standpunkt beharrt, nur die materiellen Dinge gesehen und so endeten alle Gesprächsversuche seines Sohnes über dessen Berufswahl in der Vergangenheit im Streit. Seine Gedanken schweiften weiter zurück in die Vergangenheit, als seine Frau noch gelebt hatte. Er hatte das Bild einer glücklichen Familie vor Augen und er fragte sich gleichzeitig, wo war die Zuneigung geblieben, die ihm sein Sohn einst als kleiner Junge entgegengebracht hatte, als er bewundernd zu seinem Vater aufschaute.
    Konrad wusste, der plötzliche Unfalltod seiner Frau hatte vieles verändert. In seiner Trauer war er ungerecht geworden, hatte Strafen ausgesprochen, wo diese nicht gerechtfertigt waren und letztendlich hatte das einen Keil zwischen ihn und Ben geschoben.


    In den endlos erscheinenden Tagen und Nächten, als er zusammen mit Anna Beckers Vater auf den erlösenden Anruf der Polizei gewartete hatte, dass man ihre entführten Kinder gefunden hatte, hatte er mit Johann Becker sehr tiefsinnige Gespräche von Vater zu Vater geführt. Beide Väter hatten erkannt, dass man als Eltern seinen Kindern nicht seinen Willen aufzwingen kann.


    Auch Annas Vater wollte unbedingt, dass seine Tochter Betriebswirtschaft studiert und in den elterlichen Weinbaubetrieb mit einsteigt. Jedoch fühlte sich die junge Frau dazu berufen Medizin zu studieren, hatte sich mit ihren Eltern überworfen und es in Kauf genommen, dass ihr Vater und ihre Familie ihr jegliche finanzielle Unterstützung während des Studiums verweigerten. Die junge Frau war den ganz harten Weg gegangen und hatte ihr angestrebtes Ziel erreicht, sie war Ärztin geworden. Dies zollte Konrad Jäger allen Respekt ab. In diesen Gesprächen hatte auch er begriffen, dass sein Sohn in dem Job als Polizist seine Berufung gefunden hatte, egal ob er bei seinen Einsätzen, um anderen Menschen zu helfen, sein Leben riskierte oder nicht. Konrad hatte verstanden, Ben würde niemals ein Manager werden, der eine Firma leitete und seinen Arbeitsalltag hinter einem Schreibtisch oder in endlos erscheinenden Besprechungen verbringen würde.


    Konrad Jäger gestand sich ein, er hatte Fehler gemacht …verhängnisvolle Fehler gemacht. Da war diese letzte Begegnung mit Anna Becker in seinem Büro vor vielen Tagen … dieses Bild einer verzweifelten jungen Frau, die seinen Sohn suchte. Ihre Worte, die sie ihm an den Kopf geworfen hatte: Was nutze ihm Konrad Jäger all sein Reichtum, sein Besitz, seine Macht, wenn er seinen einzigen Sohn tatsächlich verloren hätte. All das hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt, ihm die Augen geöffnet, dass diese Frau tatsächlich Ben liebte. Wie hatte er nur so blind sein können?


    Und dann war da noch der Auftritt von Julias Mann Peter an jenem denkwürdigen Nachmittag gewesen. Er, der Geschäftsmann Konrad Jäger, der sich einbildete Menschenkenntnis zu besitzen, war seinem Schwiegersohn Peter Kreuzer-Jäger in den letzten Monaten sprichwörtlich auf dem Leim gegangen, hatte jedes negative Wort über Anna, die es angeblich nur auf das Vermögen von Ben abgesehen hatte, als bare Münze abgekauft. Die wenigen Minuten in seinem Büro zeigten das wahre Gesicht von seinem Schwiegersohn, offenbarten ihm, wer die Intrigen tatsächlich spann, geldgierig und machthungrig war. Bens Vater gestand sich ein, dass er daran auch zu einem großen Teil selbst schuld war. Er hatte seinen Schwiegersohn gewähren lassen, wollte die Wahrheit nicht sehen und alles nur, weil er von dem Wunsch besessen war, einen würdigen Nachfolger für seine Firma zu finden.


    Würdiger Nachfolger … innerlich lachte er ironisch auf. Doch darum wollte sich Konrad zu einem späteren Zeitpunkt kümmern.


    Vor einer Stunde hatte er zusammen mit Johann Becker dessen Tochter Anna besucht und die Gelegenheit genutzt, sich bei der jungen Ärztin in aller Form zu entschuldigen. Zu seiner Überraschung hatte die junge Frau wahre menschliche Größe gezeigt und ihm einfach verziehen. Unbewusst war seine rechte Hand dabei in die Jackentasche gerutscht. Darin befand sich ein Ultraschallbild, welches ihm Anna in die Hand gedrückt hat, mit der Bitte es Ben zu überreichen. Voller Stolz streichelte er mit seiner Fingerkuppe darüber, in dem Wissen, dass er bald wieder Großvater werden würde. Er kam nicht dazu weiter über eine mögliche Zukunft nachzudenken, denn ein Pfleger der Intensivstation sprach ihn an und brachte ihn zu seinem Sohn.

  • An der Schiebetür zum Intensivzimmer blieb Konrad Jäger beim Anblick seines Sohnes und des Bettnachbarn wie angewurzelt stehen. Frau Krüger hatte ihm zwar mitgeteilt, dass es bei der Befreiungsaktion von Anna und Ben Tote und Verletzte gegeben hatte und dass sich unter anderem Semir Gerkhan unter den Verletzten befand. Jedoch hatte ihm niemand mitgeteilt, wie schwer der Kollege seines Sohnes tatsächlich verletzt wurde, dass er sogar auf einer Intensivstation behandelt werden musste.
    Konrads Blick wanderte zwischen den beiden Intensivbetten, die nahe beieinanderstanden, hin und her. Während Ben friedlich in seinem Bett zu schlafen schien, führten von ihm zahlreiche Kabel und Schläuche zu den Maschinen und den Infusomaten, die hinter oder neben seinem Bett standen. Die sichtbaren Verletzungen, Bens ausgemergelten Gesichtszüge ließen Konrad nur im Ansatz erahnen, was sein Sohn in den vergangenen Tagen durchlebt hatte.


    Auch der Anblick des kleinen Türken ging dem Geschäftsmann durch und durch. Auch unter dessen Bettdecke kamen zahlreiche durchsichtige Plastikschläuche und Kabel hervor, die mit dem Maschinenpark hinter dem Intensivbett verbunden waren. Unzählige weiße Verbände bedeckten dessen sichtbare Hautpartien im Gesicht und an den Armen. Darüber hinaus ragte ein Plastikschlauch aus dessen Mund in die Höhe und im Hintergrund erklang monoton das leise Zischen der Beatmungsmaschine.


    Konrad drehte den Kopf in Richtung des Intensivpflegers, der sich mit Rüdiger vorgestellt hatte und fragte diesen: „Was ist mit Herrn Gerkhan?“
    Dieser hob bedauernd die Schulter und gab zurück: „Tut mir leid Herr Jäger! Sie wissen doch! …Schweigepflicht … Datenschutz … Ich darf ihnen keine Auskunft über diesen Patienten geben. Wegen ihres Sohnes kommt später der Oberarzt auf Sie zu. Ich lass Sie mal alleine mit den beiden Herren. … Wenn etwas ist, bitte einfach klingeln!“


    Mit diesen Worten wandte sich Rüdiger, der Krankenpfleger, in Richtung Gang und verschwand im benachbarten Zimmer, wo er eine weitere Patientin an diesem Nachmittag zu betreuen hatte.
    Mit einem leichten Seufzen blickte Konrad wieder auf die beiden Patienten. Dann entdeckte er, dass Ben mit seiner linken Hand die Rechte seines Partners umschlungen hatte. Die Erkenntnis, welche enge Verbundenheit zwischen den Freunden bestand, versetzte ihm einen leichten Stich ins Herz. Es wurde wirklich Zeit, dass er sich mit seinem Sohn aussöhnte. Seine väterlichen Gefühle wallten in ihm hoch. Er zog den Besucherstuhl neben Bens freie rechte Bettseite und ergriff seinerseits dessen Hand und umschlang diese. Minute um Minute verging, wo ihm keine Regung des schlafenden Patienten entging.


    *****


    Als Ben erwachte, bemerkte er als Erstes, dass jemand seine rechte Hand umschlang. Anna, durchfuhr es ihm im ersten Moment freudig. Doch dann kam die Erkenntnis, diese Hand war größer und fühlte sich völlig anders an. Als er die Augen öffnete, war es für Ben als befände er sich einem seiner bizarren Alpträume. Wahrscheinlich hatte er Fieber und er halluzinierte, denn er bezweifelte seine Wahrnehmung. War das wirklich sein Vater, der neben seinem Bett saß und seine Hand umschlungen hielt? Er blinzelte mehrmals skeptisch. Normalerweise würde sein alter Herr von einem Geschäftstermin zum nächsten hetzen und keine Zeit damit verschwenden, am Krankenbett seines Sohnes zu sitzen.


    Entsprechend ungläubig entfuhr es Ben: „Papa! … Du?“


    „Ja, Ben! Mein Junge …!“, antwortete Konrad Jäger, dessen Kehle auf einmal wie zugeschnürt war. Vergessen waren all die hochtrabenden Worte, die er sich zu Recht gelegt, die er seinem Sohn sagen wollte. „Es tut mir leid! … So unendlich leid, was in den letzten Tagen und Wochen geschehen ist! …. Was ich zu dir gesagt habe? … Ich …!“


    Die nächsten Worte erstarben auf Konrads Lippen, die er krampfhaft zusammenpresste. Nur noch ein blasser Strich war zu sehen. So sehr sich Bens Vater auch bemühte, er konnte nicht verhindern, dass ihm die Tränen in die Augen schossen.
    Dies entging auch Ben nicht, der mit weit aufgerissenen Augen in seinem Bett lag und seinen Vater beobachtete. Er verstand auf einmal die Welt nicht mehr. Was war geschehen? Hatte jemand seinen Vater verhext? Verschwunden war der eiskalte Geschäftsmann mit seinem Pokerface, stattdessen saß da der Mensch Konrad Jäger, emotional aufgewühlt, der darum rang, seine Fassung nicht zu verlieren. Nach einigen tiefen Atemzügen hatte sich Konrad wieder einigermaßen gefangen. Als er fortfuhr, vibrierte dennoch seine Stimme.
    „Ben, mein Junge! … Ich kann die Vergangenheit nicht rückgängig machen, sondern dich einfach nur bitten, mir zu verzeihen. Gib mir eine zweite Chance und lass mich ein besserer Großvater sein, als ich es als Vater jemals war.“


    Ben schaute seinen Vater verwundert an, der das Ultraschallbild, das ihm Anna gegeben hatte, aus der Tasche zog und es an seinem Sohn weiterreichte. Wie gebannt, starrte der Dunkelhaarige das schwarz-weis Bild an, auf dem sogar er als Laie die Umrisse eines kleinen Babys erkennen konnte. Nun übermannten Ben seine Emotionen und ihm schossen die Tränen in die Augen, als er seinen zukünftigen Nachwuchs betrachtete. Ungewollt schluchzte er leise auf und nuschelte:

    „Oh mein Gott! … oh mein Gott! … Mein Baby!“ Zärtlich strich er mit der Kuppe seines Daumens über die Oberfläche des Bildes.
    „Es sind Zwillinge, soll ich dir von Anna ausrichten und den beiden Babys geht es gut! … Herzlichen Glückwunsch mein Junge!“, murmelte Konrad, beugte sich etwas über seinen Sohn und zog diesen zu sich heran.

    So gut es ging, richtete sich Ben in seinem Bett auf und Vater und Sohn lagen sich in den Armen, völlig gefangen in ihren Emotionen und ließen sie ihren Tränen freien Lauf. Als sich die beiden voneinander lösten, ließ sich Ben wieder zurück auf sein Kopfkissen sinken und fragte sich in dem Moment wieder, was war nur mit seinem Vater geschehen? Was hatte ihn so verändert seit ihrer letzten Begegnung in der Uni-Klinik? Schneller als erwartet, bekam er darauf eine Antwort.


    Anfangs noch stockend, begann Konrad Jäger zu erzählen, was in den letzten Tagen passiert war. Seine Begegnung mit Anna in seinem Büro, die ihm die Augen geöffnet hatte … seine Ängste, die er während der Zeit der Entführung ausgestanden hatte und er begriffen hatte, wie sehr er seinen Sohn liebte.
    Ben lag einfach nur da und lauschte wie gebannt den Worten seines Vaters, der über seinen Krankenbesuch bei Anna sprach und dass er den Vater seiner Freundin kennengelernt hatte. Zum Schluss fiel ein Satz, von dem Ben glaubte, ihn niemals auf dem Mund seines Vaters zu hören.
    „Mein Junge, ich kann mir keine bessere Frau an deiner Seite als Anna Becker vorstellen. Wenn ihr heiraten möchtet, meinen Segen hast du und Anna wird mir als Schwiegertochter herzlich willkommen sein.“


    Diese Erklärung seines Vaters war Balsam auf das Seelenleben des jungen Polizisten und dennoch merkte Ben, wie sich sein Herzschlag und seine Atmung sich beschleunigten, die Emotionen in ihm hochkochten und seine Gefühlswelt sprichwörtlich Achterbahn fuhr. Mit tränenverhangenen Augen blickte er seinen Vater an. Mit seinem Daumen wischte Konrad die Tränen von den Wangen seines Sohnes und unterstrich seine Aussage nochmals. „Es ist mein voller Ernst, mein Junge. Ich bereue es zu tiefst, was in den letzten Monaten passiert ist, glaube es mir!“


    Konrad Jägers Blick wanderte zum Nachbarbett. Voller Sorge erkundigte er sich bei Ben nach dem Gesundheitszustand von Semir Gerkhan. Mit knappen Worten berichtete der Dunkelhaarige seinem Vater über Semirs Verletzungen und dessen kritischen Zustand, der zwar aktuell stabil war. Der Rest des Tages und der Nacht würde zeigen, ob Semir die Rauchgasvergiftung ohne Folgen überstehen würde. Die Sorgenfalten auf Konrads Stirn wurden tiefer.
    „Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, damit seine Frau so schnell wie möglich an seiner Seite ist. Versprochen Ben!“
    Bevor Vater und Sohn weitersprechen konnten, kam Rüdiger, der Krankenpfleger, ins Zimmer und bat Konrad Jäger dies zu verlassen, da er seine Patienten versorgen musste. Ben bat seinen Vater nochmals bei Anna vorbeizuschauen.

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