Blutiger Gewinn

  • Der silberfarbene BMW fuhr dicht am Nordfriedhof vorbei. Der Fahrer suchte eine freie Parklücke und fand, nachdem er dreimal ums Eck gefahren war, endlich eine Möglichkeit das Fahrzeug abzustellen. Er stieg aus, griff das kleine Gesteck, welches er am Sarg niederlegen wollte und betrat das Gelände des Friedhofes. Links von ihm war die Trauerhalle, vor der sich schon eine Traube von Menschen befand. Er kannte sie nicht, aber er wusste, dass der Verstorbene sehr viele Freunde hatte. Mit gesenktem Kopf ging er in die Trauerhalle und wurde von leiser Musik, die die Stimmung, die hier herrschte untermalte, empfangen. Er spürte eine leichte Übelkeit auftreten und atmete tief durch. In der ersten Reihe saßen bereits ein paar Personen und er erkannte, dass es die Familienangehörigen waren. Mit etwas schweren Schritten ging er zum Sarg, der vor den Sitzreihen aufgestellt war. Rings um den Eichensarg standen Kerzen in großen Ständern, die mit Blumengirlanden geschmückt waren. Auf dem Sarg selbst lagen rote und weiße Nelken, die sich in einem schönen Farbwechsel zeigten. Er beugte sich runter und legte das Gesteck ab. Dann stellte er sich vor den Sarg und faltete seine Hände. „Mein Freund…“ sagte er leise. Irgendwie konnte er sich gar nicht vorstellen, dass hier sein Freund lag. Er passte doch gar nicht in dieses enge Gehäuse. Das ging doch gar nicht. Die Erinnerungen an diesen Mann, kamen in seinen Kopf. Er sah ihn lachend vor sich stehen. Er sah, wie die Augen des Mannes voller Lebenskraft strahlten. Sollte das alles vorbei sein? Sollte er seine Stimme nie wieder hören? Mit einem tiefen Atemzug seufzte er auf. „Ich werde dich nie vergessen, das verspreche ich dir. Du wirst mir sehr fehlen, das weiß ich. Ich hoffe nur, dass du jetzt deinen Frieden findest.“ Er wischte sich eine Träne weg und drehte sich um. Marvin Traber, der Sohn des Verstorbenen, den er schon von Kindesbeinen an kannte, saß auf dem Stuhl. Völlig in sich gesunken und er erkannte an den zuckenden Schultern, dass die Trauer sich hier auf der natürlichsten Weise zeigte. Er ging zu ihm und überlegte sich auf den kurzen Weg, was er zu diesem Mann sagen konnte. Wie konnte er ihn trösten? Dieser Verlust, den er soeben durchmachte, war nicht wegzureden. „Marvin, ich… Es tut mir leid. Wenn ich etwas für dich tun kann, dann…“ Der Angesprochene nickte und hob den Kopf. Die Augen waren stark gerötet. „Setz dich doch, Semir…“ Er folgte dem Wunsch und ließ sich auf den Stuhl neben Marvin nieder.



    Ingo Herberg betrat die Trauerhalle. Er trug einen schwarzen, dem Anlass entsprechenden, Anzug und trat an das Rednerpult. Er räusperte sich und das Gerede in der Halle verstummte. Die Trauergäste setzten sich und sahen ihn erwartungsvoll an. Er holte tief Luft. „Wir sind unsagbar traurig. Er fehlt uns so sehr. Nichts mehr wird sein, wie früher, denn da wird immer eine Lücke bleiben, die er bisher ausgefüllt hatte. Mit Dr. Frank Traber sind wir wunderbare Wege gegangen. Wir haben gelacht, gefeiert, gehofft. Mit ihm sind wir auch durch dunkle Gassen gegangen, haben gebangt, geweint und doch wieder gehofft. Wir weinen um ihn und werden unsere Wege weitergehen. Er ist nicht mehr da und doch ist er ganz nah bei uns. Denn er wird ewig in unseren Gedanken, in unseren Erinnerungen und in unsere Herzen sein. Dort hat er nun einen Platz. Wir werden ihn nicht vergessen, denn wir sind für immer dankbar, dass wir ihn bei uns hatten.“ Er machte eine kurze Pause, denn ein tiefer Seufzer und Schluchzen aus der ersten Reihe, ließ ihn verstummen. Er sah die Ehefrau des Verstorbenen und bemerkte, dass sie schon fast hyperventilierte. Die Trauer war hier extrem und auch er musste sich zusammenreißen. Immerhin musste er noch einiges vortragen. „Da ist ein Land der Lebenden und da ist ein Land der Toten. Als Brücke dazwischen ist die Liebe, die wir Dr. Frank Traber entgegen gebracht haben und die auch nach dem Tod immer noch spürbar ist. Da ist ein Land der Lebenden. Wir haben dieses Land mit Frank erlebt. Manche von uns sind mit ihm einige Schritte gegangen, andere fast den gesamten Lebensweg. Über die Zeit im „Land der Lebenden“, gemeinsam mit ihm, haben wir viele Erinnerungen und können sehr viel erzählen. Gerade in den letzten Tagen, sind so viele dieser Erinnerungen wieder wach geworden. Uns, den Hinterbliebenen bleibt nur zu sagen. Danke! Danke für all die Liebe! Danke für alles, was du gegeben hast!“ Wieder legte er eine Pause ein. „Man sagt, dass Gott uns vor allem Unheil bewahrt und doch fragen wir uns gerade jetzt, warum er es zugelassen hat, dass Frank so leiden musste. Man kann sehr gut verstehen, dass gerade die engsten Verwandten nun am liebsten schreien würden, Gott, warum hast du ihm das zugemutet? Warum so viel unerträgliches Leid, Schmerz und Verlust? Es ist in diesem Schmerz sehr gut zu verstehen, wenn wir nun den Glauben an Gott verlieren. Man sagt, er sei für uns, wie ein Hirte für seine Schafe, doch dann muss er hören und sehen, wie verzweifelt wir sind, wie bedrückt, wie voller Trauer, Schmerz, Zweifel und Enttäuschung. Ihm und uns ist zu viel zugemutet worden. Wir können nicht mehr so einfach an den guten Gott glauben. Das Leid der letzten Tage, Wochen und Monate bedrückt uns noch. Doch nun, wo wir Abschied von Frank nehmen, sehen wir ihn nicht mehr als leidenden Mann, der er in seiner Krankheit war. So behalten wir ihn nicht in Erinnerung. Nun ist es an der Zeit, unseren Blick wieder zu öffnen und ihn so zu sehen, wie er die meiste Zeit seines Lebens war. Denn so wollen wir uns an ihn erinnern. Als Mann voller Lebenskraft, voller Liebe und Engagement. Wenn wir auf sein ganzes Leben blicken, dann sehen wir ihn auch als unbeschwertes Kind, als lebenslustigen Jugendlichen. Wir sehen die Hochzeit der Liebe, wir sehen ihn als glücklichen Vater, als Mann, der liebt und da ist, wenn man ihn braucht. Wir sehen seine Wünsche und Hoffnungen, von denen sich sehr viele erfüllten. Gemessen daran, war er nur für eine kurze Zeit ein kranker, leidender Mann, der seine Schmerzen selten zeigte. Wir durften ihn gern als einmaligen, glücklichen, starken Mann und Vater in Erinnerung behalten. Das war er. Darum sagen wir mitten in die Trauer hinein: DANKE! Danke an Gott, der ihm das Leben schenkte. Danke an Gott, der ihm begleitete, wie ein Hirte seine Schafe. Danke, dass wir ihn bei uns haben durften. Danke sagen wir ihm, dem wir nun nur noch hilflos nachblicken können. Danke, für alle Liebe! Danke, für alles, was er uns gegeben hat! Wir hätten gern mehr Zeit gehabt, ihm viel davon zurück zu geben. Wir geben ihm nun unsere Liebe ein Leben lang und sagen: Auf Wiedersehen! Lasst uns zum Abschluss das „Vater unser“ beten.“ Ingo faltete seine Hände und stellte sich vor die Trauergemeinde. Alle standen auf.

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    Der Welt gehen die Genies aus,
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    Beethoven wurde taub
    und ich fühle mich auch nicht gut. :D:D

  • Semir hörte die rührenden Worte und konnte sich nur sehr schwer zusammenreißen, nicht auch zu weinen. Diese Worte trafen voll ins Schwarze. Der Mann, der sie dort vortrug, verstand sein Fach. Semir stand auf und faltete die Hände. Er kannte das Gebet und beherrschte es, obwohl er kein Christ war. Als sie geendet hatten, wurden die Trauergäste hinaus gebeten und die Türen der Trauerhalle schlossen sich. Semir wusste, was nun kam. Man würde den Sarg nun aus der Trauerhalle tragen und auf den kleinen Transportkarren stellen, um ihn zum Grab zu fahren. Das letzte Geleit für den Verstorbenen, würde dann hinter der Trauerhalle starten, den schmalen Weg entlang gehen und vor der letzten Ruhestätte enden. Nur wenig später war es soweit. In der ersten Reihe waren Marvin und Yvonne Traber. Dann kamen Brüder, Schwestern und die anderen Verwandten. Zum Schluss kamen die Freunde. Der Marsch zum Grab lief schweigend ab, denn alle hatten ihre Köpfe gesenkt und ehrten den Verstorbenen mit ihrem Schweigen. Nach ungefähr fünf Minuten hatte sie die Grabstätte erreicht. Der Sarg wurde von vier Totengräber vom Karren gehoben und zum Grab getragen. Die Männer trugen ehrwürdige Zylinder und lange schwarze Mäntel. Sie hatten schwarze Handschuhe an und standen mit starren Blick paarweise am Grab. Nun kam wieder Ingo Herberg dazu und sprach noch einmal ein paar Worte. Anschließend wurde der Sarg langsam herab gelassen. Als erstes traten Marvin und seine Stiefmutter ans Grab. Sie nahmen jeweils eine Schaufel in die Hand und warfen einen kleinen Haufen Erde auf den Sarg. Nun traten die Trauergäste nach und nach an das offene Grab, um noch einmal persönlich Abschied zu nehmen. Einer der Totengräber stand mit einem kleinen, mit Blumen gefüllten Korb am Rand des Grabes und hielt jedem, der an das Grab trat, diesen hin. Semir griff hinein und nahm eine weiße Nelke. Er stellte sich ans Grab, sah hinein auf den Sarg und warf dann die Blume rein. Sie landete wie beabsichtigt auf dem Sargdeckel. „Leb wohl, Frank. Du warst mir ein sehr guter Freund. Ich werde dich nie vergessen.“ sagte er leise und spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete. Semir wandte sich vom Grab ab und ging zu Marvin und seiner Stiefmutter. Mit Yvonne hatte er sich zwar nie gut verstanden, aber dennoch fand er die richtigen Worte für die trauernde Witwe. „Es tut mir wirklich sehr Leid. Ich wünsche dir sehr viel Kraft, diesen Verlust zu überwinden.“ Sie lächelte ihn etwas nervös an und Semir roch den Alkohol. Von Frank wusste er, dass sie Alkoholkrank war und scheinbar, konnte sie die Beerdigung auch nur in diesem Dämmerzustand über sich ergehen lassen. Semir wandte sich an Marvin. „Wenn ich etwas für dich tun kann, dann melde dich bitte bei mir. Egal zu welcher Zeit.“ Marvin lächelte nur und nickte. Er war nicht fähig etwas zu sagen. Nun ging Semir die Reihe der Angehörigen weiter und reichte jedem die Hand. Er murmelte „Aufrichtiges Beileid. Ich wünsche euch viel Kraft.“ Dann drehte er sich weg und stellte sich nach hinten. Dort wartete er, bis sich alle verabschiedet hatten.



    Schnell hatte sich die letzte Ruhestätte von Dr. Frank Traber geleert und Semir erwischte sich dabei, wie er darüber nachdachte, dass es nur eine knappe Stunde gedauert hatte. Nur eine Stunde reichte aus, um sich von diesem hervorragenden Mediziner zu verabschieden. Eine kleine Rede, ein kurzer Marsch über den Friedhof, den Sarg versenken und ein paar tröstende Worte an die Hinterbliebenen und alles war vorbei. Er zuckte zusammen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. „Danke, dass du da warst. Mein Vater hat immer große Stücke auf dich gelegt und nun weiß ich auch warum. Danke mein Freund.“ Semir drehte sich um und sah Marvin in die Augen. „Er war mein Freund. Es ist mir eine Ehre gewesen, ihn gekannt zu haben und ich habe ihm die letzte Ehre erwiesen. Ich will es eigentlich gar nicht wahrhaben, ihn nie wieder lachen zu hören.“ Marvin lächelte leicht. „Ja, ich weiß. Für mich ist es auch nicht begreifbar. Kommst du noch mit auf einen Trunk? Wir haben eine Kleinigkeit vorbereitet, auch wenn er es nicht wollte.“ Semir dachte kurz nach und schüttelte dann den Kopf. „Tut mir leid, aber das kann ich nicht. Dieser Brauch ist etwas, dass ich nicht nachvollziehen kann und Ich denke, man sollte seinen letzten Willen respektieren und wenn er keine Feier wollte, dann sollten wir es akzeptieren.“ Marvin senkte den Kopf und stöhnte leise auf. „Ich verstehe dich sehr gut. Ich hätte es auch nicht getan, aber Yvonne wollte das. Sie meinte, es wäre eine Verpflichtung für uns, eine letzte Party zu machen. Das letzte Fell müsse versoffen werden. Bei ihr dreht sich alles nur ums Trinken. Mich würde es nicht einmal wundern, wenn sie schon einen Neuen hätte. Sie war doch eh nie für meinen Vater da. Sie hat nur sein Geld ausgegeben.“ Semir hörte die verbitterten Worte. „Marvin, wenn du lieber mit mir kommen möchtest, dann tu es. Ich denke, man kann es dir nicht verübeln, wenn du nicht dabei sein willst. Du respektierst doch damit nur seinen letzten Willen.“ Nach einer kurzen Bedenkzeit, nickte Marvin. „Ja, du hast Recht. Vielleicht können wir ja reden. Ich muss Yvonne nur sagen, dass ich nicht komme.“ Semir lächelte ihn aufmunternd zu und wartete auf den Sohn seines Freundes.

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  • Schweigend fuhren sie zu Semir nach Hause und setzten sich in die Küche. „Warum hat er nie gesagt, dass er so krank war?“ wollte Semir wissen, während er die Kaffeemaschine bediente. Er stellte Tassen auf den Tisch und sah Marvin an. Doch dieser zog nur die Schultern hoch. „Du kanntest ihn doch. Er war ein hervorragender Mediziner, wie du weißt und das war wohl auch sein Problem. Er hat sich selbst diagnostiziert. Weißt du, als er ins Krankenhaus gebracht wurde, da stand Yvonne einfach nur da. Sie hatte die Wodkaflasche in der Hand und lachte nur. Wenn ich nicht zufällig vorbei gekommen wäre, dann wär er noch zuhause gestorben. Ich habe den Rettungswagen gerufen. Sie meinte, er solle sich nicht so anstellen, denn so schlimm kann es gar nicht sein. Ich bin mit ihm ins Krankenhaus, während sie ihren Rausch vertiefte. Auf der Fahrt kam er zu sich und hielt meine Hand. *Junge, ich werde nicht wieder kommen. Ich habe mein Leben gelebt und freu mich nun auf meine ewige Ruhe. Pass auf Yvonne auf. Sie hat sonst keinen mehr*, hat er noch gesagt. Seine letzten Gedanken kreisten um diese Frau, die jetzt die trauernde Witwe spielt. Dabei wusste er sehr wohl, dass sie nur auf sein Geld scharf war. Ich habe ihm gesagt, er soll nicht so einen Blödsinn erzählen und dass er wieder auf die Beine kommt. Doch er lächelte nur und meinte, gegen den Krebs, der überall in seinem Körper ist, könne kein Arzt mehr etwas tun.“ Marvin machte eine Pause und nahm einen Schluck aus der Tasse, die Semir mit köstlichem Kaffee gefüllt hatte. „War es denn wirklich so? Hatte der Krebs seinen Körper befallen?“ Marvin nickte. „Ja, der Krebs hatte die Nieren schon halb aufgefressen, die Leber angegriffen und von seiner Prostata will ich erst gar nicht sprechen. Es gab kein Organ, in denen nicht Metastasen gefunden wurden. Ein Wunder, dass er noch so lange durchgehalten hatte. Aber die letzten Tage ging es sehr schnell bergab. Ich saß jeden Tag bei ihm am Bett und hielt seine Hand. Er sagte mir vor zwei Tagen noch, dass er sehr stolz auf mich sei. Nicht nur weil ich in seine Fußstapfen getreten, sondern auch sein Nachfolger in der Gerichtsmedizin geworden bin. Mit letzter Kraft hatte er mich an sich herangezogen und gab mir einen Kuss auf die Wange. * Ich liebe dich, mein Junge* sagte er und dann schloss er für immer die Augen.“ Marvins Stimme veränderte sich. Semir stand auf und hielt den Mann, der plötzlich in Tränen ausbrach, einfach nur fest. Als er sich beruhigt hatte, sah Semir ihn an. „Marvin, auch wenn es dir nicht viel bringt, aber wenn du dich einsam fühlst und reden möchtest, dann komm zu uns.“ Marvin lächelte ihn nervös an. „Mein Vater hatte Recht, als er sagte, dass du sein bester Freund bist. Danke Semir. Es tut mir schon gut, dass ich dich mit meinen Sorgen belasten darf. Das Reden tut mir sehr gut. Ich werde sicher eine Weile brauchen, um zu realisieren, dass er nicht mehr da ist, aber ich werde es schaffen. Denn ich habe den besten Freund, den man sich wünschen kann.“ Semir wurde etwas verlegen, doch dann nickte er. „Danke für das Lob. Ich weiß, dass du stark bist und deinem Vater sehr ähnlich. Er hat auch nie wirklich in sich blicken lassen, aber er war immer da, wenn man ihn brauchte. Das habe ich sehr an ihm geschätzt. Er wird in meinen Erinnerungen immer lebendig bleiben.“ Er setzte sich wieder und erwischte sich dabei, wie seine Gedanken in die Vergangenheit gingen. Seit er bei der Polizei in Köln war, kannte er Frank Traber. Eine Freundschaft, die nun durch den Tod beendet wurde. Marvin und er unterhielten sich noch bis weit nach Mitternacht, doch dann raffte Marvin sich auf und fuhr nach Hause. „Danke mein Freund…“ verabschiedete er sich von Semir.



    Andrea hörte, dass Marvin das Haus verließ und stand auf. Sie ging zu Semir, der gerade wieder in die Küche kam, um die Tassen wegzuräumen. „Wie geht es ihm?“ Semir sah sie an und zog die Schultern hoch. „Ich weiß nicht. Er ist wie Frank und zeigt nicht, wie es wirklich in ihm aussieht, aber er wird es schaffen. Er ist stark und er hat Freunde, die ihm helfen, die Trauer zu bewältigen.“ Sie zog ihn auf einen der Stühle und er setzte sich hin. Sie setzte sich neben ihn und legte ihre Hände in den Schoss. „Und wie geht es dir?“ Er lächelte leicht. „Ich werde damit leben müssen. Nur keine Sorge, Frank war ein sehr guter Freund von mir, aber mein Leben geht weiter. Und es ist nicht der erste Freund, dem ich die letzte Ehre erwiesen habe. Dennoch tut es weh. Frank schien mir immer gesund und kräftig. Und jetzt?“ Er stockte und stieß ein Stöhnen aus. Andrea nahm ihn in den Arm. „Es ist nie gut, wenn Freunde gehen. Ich kannte ihn nicht so gut wie du, aber ich mochte ihn sehr. Du hättest ihm nicht helfen können, auch wenn du gewusst hättest, dass er so krank war. Nun komm, du musst auch noch etwas schlafen. In weniger als fünf Stunden beginnt dein Dienst.“ Semir nickte. Andrea hatte Recht, er konnte nichts tun. Das Leben war grausam und der Tod gehörte dazu. Sie gingen ins Schlafzimmer und Andrea legte sich hin. Er selbst setzte sich auf die Bettkante und erwischte sich dabei, daran zu denken, wie es wohl war, wenn man im Sterben lag. Sah man wirklich alle Familienmitglieder, die nun tot waren, wieder? Waren seine Freunde auch dort und würden ihn erwarten? Ihn ins Paradies führen? Würde er Chris und Tom wiedersehen? Seinen Vater? Seine Mutter? Was war dran an diesen Erzählungen? Waren das alles nur Hirngespinste? Andrea stieß ihn an. „Semir, leg dich hin und versuch zu schlafen.“ Er lächelte entschuldigend und legte sich hin, doch er konnte nicht einschlafen. Ständig beschäftigte ihn der Gedanke an den Tod. Irgendwann fielen ihm die Augen zu, doch der Wecker war erbarmungslos und riss ihn nach einer Stunde wieder aus der gerade gewonnenen Ruhe. Diszipliniert stand er auf und verließ kurz vor Acht das Haus. Er fuhr mit dem BMW zur PAST und musste sich immer wieder zur Konzentration ermahnen, denn er bemerkte, dass seine Gedanken immer wieder abdrifteten. Was war los mit ihm? Warum traf ihn der Tod von Frank Traber so extrem? Er fuhr nach einer halben Stunde Fahrt auf den Parkplatz der PAST und stieg aus. Dann betrat er das Büro und sah, dass Susanne in der Küche war und Kaffee kochte. „Machst du mir auch einen mit? Einen ganz Starken bitte.“

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  • Susanne sah auf, als Semir in die Küche kam. „Ja sicher. War hart, nicht wahr?“ Semir nickte. „Ja, es ist immer schwer einen Freund die letzte Ehre zu erweisen. Weißt du, seit gestern denke ich immer wieder an den Tod. Ich frage mich, wie es ist, wenn man im Sterben liegt. Ob man dann wirklich seine Freunde und Familienmitglieder wiedersieht, die man schon verloren hat.“ Susanne zog die Schultern hoch. „Ich kann dir diese Fragen nicht beantworten. Aber ich erinnere mich, als meine Großmutter einen schweren Herzinfarkt hatte und ich sie am nächsten Tag im Krankenhaus besuchte, erzählte sie mir, dass sie meinen Großvater gesehen hatte und sogar mit ihm sprach. Ich war überrascht, denn mein Großvater war schon lange vor ihr gestorben und doch klangen ihre Erzählungen so, als wäre es wahr. Und kurz bevor sie starb, da lächelte sie mich an und meinte, sie würde nun zu ihm gehen, denn er warte auf sie.“ Sie stöhnte leise auf und rieb sich über ihren gewölbten Bauch. Semir bemerkte es natürlich sofort. „Ist alles in Ordnung?“ Susanne lächelte gequält. „Ja, sind nur die Senkwehen. Ich meine, in fünf Wochen ist es soweit. Ich bin schon ganz aufgeregt, wie es sein wird, wenn es da ist. Aber erst muss ich meine letzte Woche rumkriegen.“ Er nahm einen Schluck aus der Tasse. „Weißt du immer noch nicht, was es wird?“ Susanne lächelte. Das Geheimnis um das Geschlecht des Kindes, schien Semir sehr zu beschäftigen. „Nein…ich werde es erst erfahren, wenn es zur Welt kommt.“ Er lachte leise. „Gut, du bist jetzt allein, aber wenn du mit dem Vater zusammen wärst, dann wäre das eine Folter für ihn. Ich denke, du bekommst einen Sohn. Hast du denn schon Namen ausgesucht?“ Susanne lächelte und nickte. „Oh ja, das habe ich. Aber die verrate ich auch nicht.“ Semir sah sie an. „Okay, aber ich finde es sehr unkollegial. Ich meine, wir sind ja wie deine Familie und wir haben ja ein Recht darauf zu erfahren, was es wird und wie es heißt.“ Susanne setzte sich. „Semir, ich finde es ganz toll, das ihr so um mich besorgt seid. Wirklich…ich weiß, dass ich das nie wieder gut machen kann. Aber es ist nicht unkollegial, wenn ich das Geheimnis für mich behalte.“ „Gut, das musst du wissen. Ich frage ja nur, weil Andrea etwas kaufen wollte und dann wäre es ja gut, wenn wir wissen, was es ist. Nicht dass wir etwas Blaues kaufen und du bekommst dann ein Mädchen.“ versuchte Semir weiterhin heraus zu finden, welches Geschlecht das Kind nun hatte. „Andrea hätte mich selbst gefragt. Du musst dir da schon was anderes ausdenken.“ lachte Susanne und ging zum Schreibtisch. „Das ist trotzdem unfair!“ maulte Semir, doch dann grinste er und zwinkerte ihr zu. Er wollte gerade ins Büro, als Paul eintrat.



    „Guten Morgen Semir! Guten Morgen Susanne!“ Paul gab der Sekretärin einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange. Semir sah seinen Partner prüfend an und bemerkte, das Paul wieder einmal auf einem Kaugummi herumkaute. „Morgen Paul. Schön dass du schon da bist, dann können wir gleich auf Streife fahren.“ Paul nickte und quetschte ein „Klar doch!“ heraus. Semir schüttelte den Kopf und verließ mit ihm das Büro. Als sie am Auto standen, bemerkte Semir, dass sein Partner ihn mit kritischem Blick prüfte. „Was ist?“ wollte er daher wissen und zog die Schultern hoch. „Bist du sicher, dass du fahren kannst?“ Pauls Sorge hörte sich echt an. „Ja sicher! Warum sollte ich es nicht können?“ Sein Partner zog die Schultern hoch. „Na, wegen der Beerdigung, die du gestern hattest. Ich meine, es muss doch schlimm sein, wenn man weiß, das in so einem Holzkasten jemand liegt, den man kannte.“ Semir wog den Kopf hin und her. „Nun ja, der Tod gehört zum Leben. Eine Beerdigung ist niemals schön, aber leider unumgänglich, wenn man dem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen will. Egal ob es ein Freund oder ein Verwandter war. Der Abschied von einem solchen Menschen tut immer weh.“ Semir holte tief Luft. Paul nickte nachdenklich. „Kanntest du ihn schon sehr lange?“ Ein Lächeln von Semir folgte. „Ja, fast 25 Jahre. Er war damals der Gerichtsmediziner in Köln. Am Anfang hatten wir immer in wenig Stress, doch irgendwann wurden wir Freunde. Und diese Freundschaft hielt bis zu seinem Tod. Marvin, sein Sohn war damals acht Jahre alt. Es ist schon sonderbar, das jetzt er an seiner Stelle steht.“ Semir öffnete den BMW und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. „War er denn krank?“ wollte Paul wissen als er einstieg. Semir gab Gas und lenkte den Wagen auf die Autobahn. „Ja, er hatte Krebs. Er ist aber nie zum Arzt gegangen. Er war ja selbst einer und hat sich selbst diagnostiziert. Mich würde es nicht einmal wundern, wenn er sich selbst Medikamente verschrieben hat, um die Schmerzen zu ertragen. Aber ich denke auch, dass der Tod für ihn eine Erlösung war. Jetzt ist er bei seiner geliebten Nora. Sie wird ihm sicher den Kopf waschen, wie sie es immer gemacht hatte, als sie noch lebte.“ Semir lachte leise, als er sich an die alten Zeiten erinnerte. Damals, als Nora noch lebte und Frank sie immer neckte. „Was machen wir denn heute?“ riss Paul ihn aus seinen Gedanken. „Wir werden unsere Streife fahren. Ist zwar nicht viel los, aber wir können ja so tun, als ob. Außerdem müssen wir später noch unsere Berichte schreiben und dann geht es ins Wochenende.“ Paul nickte. „Und was machst du am Wochenende? Fährst du mit Andrea und den Kindern weg?“ Semir schüttelte den Kopf und sah in den Rückspiegel. Er wechselte auf die linke Spur und überholte eines der Fahrzeuge vor ihm. „Nein, wir werden diesmal ohne Kinder sein. Dana ist bei einer Freundin in Belgien. Ayda und Lilly sind bei den Großeltern. Andrea und ich werden in Wochenende am See verbringen.“ Er wechselte wieder auf die rechte Spur und passte seine Geschwindigkeit an. „Whow, an einem See? Wo denn?“ Semir grinste leicht. „Wir waren schon sehr oft dort. Das ist in der Nähe von Sieg. Ein schönes Fleckchen Erde. Man kann so richtig die Natur genießen und genau das ist es, was wir brauchen.“

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  • Sie fuhren über die A4 und es herrschte eine Zeit lang Schweigen zwischen den Partnern. „Und was machst du am Wochenende?“ Paul zog die Schultern hoch. „Wir haben Familientreffen. Ich bin bei meinen Eltern. Sie wollen ein Barbecue veranstalten.“ Semir pfiff leise. „Das kann doch auch was Schönes sein und das Wetter soll ja herrlich werden.“ Paul grinste etwas gequält. „Ja, du hast schon Recht. Und wann sieht man schon mal seine ganze Familie wieder. Ich denke, das wird wieder witzig werden. Hoffentlich gibt es nicht wieder Streit zwischen meinem Onkel und meinem Vater.“ Semir sah ihn kurz an. „Haben die Beiden Probleme?“ Sein Partner lachte verächtlich auf. „Probleme würde ich nicht sagen. Ich kenne es nicht anders. Die Beiden haben immer nur Streit. Ich glaub, die wissen selbst nicht einmal warum.“ Semir zuckte mit den Schultern. „Familie ist das Schönste was es gibt. Aber es ist auch wichtig, dass man Streitereien beilegt und sich verträgt, verzeiht und sich lieb hat. Egal was der Grund für Streit war, man muss sich verzeihen. Man weiß nie, was passiert und manchmal kann es zu spät sein, um zu sagen, es tut mir leid.“ Paul atmete tief ein. „Ist dir sowas schon passiert?“ Semir nickte leicht. „Ja, leider. Damals habe ich mich mit meinem Vater zerstritten. Und leider wusste ich erst, als er tot war, dass es ein dummer Grund war, zu streiten. Ich konnte ihn nicht mehr um Verzeihung bitten und bereue es sehr. Vor allem mein großer Bruder hat mir das nicht verzeihen können. Erst als wir in einem Fall wieder aufeinander trafen, konnten wir den Streit begraben. Jetzt verstehen wir uns recht gut. Aber es war eine sehr schwere Zeit. Ich wurde zu keine Familientreffen eingeladen, wenn man sich auf der Straße sah, dann war es, als würden wir Fremde sein. Grausam sag ich dir…“ Paul sah aus dem Fenster. „Kann ich mir sehr gut vorstellen. Wie habt ihr euch vertragen?“ Nun musste Semir lachen. „Das war auf der Hochzeit meiner Cousine. Dort war natürlich auch mein Bruder. Die ganze Familie war da, nur ich nicht. Und als ich dort auftauchte, gab es erst einmal eine Schießerei….also nicht mit der Familie, sondern mit einem Verbrecher, der hinter meinem Cousin her war. Ach, das ist eine sehr lange Geschichte. Irgendwann kann ich sie dir sicher erzählen.“ Paul grinste leicht. „Gut, ich werde dich mal daran erinnern, wenn wir mehr Zeit haben. Vielleicht bei einem Feierabendbier.“ „Einverstanden.“ stimmte Semir zu und lenkte den Wagen auf die Ausfahrt.




    Nach guten drei Stunden waren Paul und Semir wieder im Büro und schreiben ihre Berichte. „So, wenn die Krüger am Montag wieder da ist, dann ist die Ruhe vorbei.“ Semir stöhnte gekonnt und Paul lachte auf. „Also so stressig finde ich sie jetzt nicht. Sie ist doch ganz nett.“ Semir sah ihn an und zog eine Augenbraue hoch. „Bitte was? Du kennst sie noch nicht richtig. Schrotte einmal dein Auto und du lernst sie kennen. Die kann so richtig aufdrehen!“ Auch jetzt zog Paul wieder die Schultern hoch. „Wieso, ich hab doch schon ein Auto geschrottet, deins. Erinnerst du dich? Während du da unter diesem Schutt lagst, da hatte ich doch einen Unfall. Ich meine, als wir diesen Psychologen gejagt haben.“ Semirs Mine verdunkelte sich. „Ja ich weiß, das war mein Auto! Aber ich vergebe dir. Bin doch froh, dass du den Unfall überlebt hast. So, jetzt haben wir noch knapp 90 Minuten und dann ist Schluss. Hast du die Berichte fertig?“ Paul nickte „Ja, fast.“ Semir lehnte sich zurück. „Sehr gut. Ich bin auch gleich fertig und als stellvertretender Dienststellenleiter sage ich, um vier ist Schluss.“ Er sah auf die Uhr. Es war halb drei. Paul lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Das klingt verdammt gut. Dann geht es ins Wochenende. Du fährst mit Andrea an den See und ich mache eine Familienfeier. Mal sehen, wer sich mehr amüsiert.“ Sein Partner lachte auf. „Na ich! Ich gehe ja nicht auf eine Familienfeier. Da gibt es meistens Ärger und ich spreche aus Erfahrung.“ Wieder war Pauls Interesse geweckt. „Ach echt? Erzähl“ Semir lachte auf. „Ein anders Mal, Paul. Ich brauche jetzt erst einmal das Wochenende mit Andrea. Aber ich kann dir Geschichten über Familienfeste erzählen, da wirst du blass.“ Paul grinste breit. „Ach so schlimm, wie meine Familie kann deine gar nicht sein. Ihr seid doch immer füreinander da. Ich meine, ich kenne keine türkische Familie, die nicht eng zusammensteht.“ „Das ist aber auch manchmal nur ein Klischee. Es gibt viele türkische Familien, in denen der Haussegen schief hängt. Es sind ganz normale Menschen, mit ganz normalen Problemen.“ Für einen kurzen Augenblick herrschte Schweigen zwischen den Partnern und jeder machte seine Arbeit. Ein weiterer Blick auf die Uhr, zeigte dass es fünf vor vier war. Semir legte den Stift zur Seite, fuhr den PC runter und stand auf. „So…jetzt ist Feierabend. Ich wünsche dir ein schönes Wochenende mit deiner Familie.“ Er griff seine Jacke und verschwand nur wenig später, um mit seinem BMW nach Hause zu fahren. In wenigen Stunden würde er mit Andrea an einem wunderschönen See sitzen. Er würde sie verwöhnen, wo er nur konnte. Gut, dass die Straßen frei waren, so würde er in wenigen Minuten bei seiner Traumfrau sein.

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  • Andrea sah ihre Mutter besorgt an. „Bist du sicher, dass du noch mit den Beiden klar kommst? Sie sind nicht mehr ganz so pflegeleicht.“ Ihre Sorge war aus ihrer Sicht angebracht, denn Margot hatte bereits die 70 überschritten. „Nur keine Angst. Die beiden Mäuse werden sich pudelwohl fühlen und ich hab den Papa ja auch hier. Der ist vernarrt in die Beiden. Was meinst du, was der mit den Kindern macht. Schade nur, dass Dana nicht auch hier ist. Ich hab das Mädchen richtig lieb gewonnen.“ Andrea nickte. „Dana will zu einer Freundin nach Belgien und dort lieber Party machen. So ist die Jugend nun einmal. Ich werde die Beiden am Sonntagabend dann wieder abholen, wenn es in Ordnung ist.“ Margot nickte. „Ja, das ist vollkommen in Ordnung. Morgen werden wir mit den Beiden ins Schwimmbad gehen. Da können sie sich austoben. Sie können doch schon schwimmen oder?“ Margot sah ihre Tochter an. „Natürlich können die Beiden schwimmen. Die kriegen gar nicht genug davon. Das weißt du doch!“ bekräftigte Andrea. „Es ist sehr wichtig, dass die Kinder früh genug schwimmen lernen. Aber nun werde ich dich nicht länger aufhalten. Du musst sicher noch packen, oder?“ Andrea lachte auf. „Du kennst mich wirklich sehr gut. Ja, ich muss wirklich noch packen. Aber so wie ich Semir kenne, wird er eh später nach Hause kommen. Das hat sich leider nicht geändert. Ach Mama, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich die Scheidung rückgängig machen. Ich liebe ihn mehr denn je. Und nur durch diesen dummen nicht verzeihlichen Fehler, habe ich alles zerstört.“ Margot strich ihr über die Wange. „Es ist doch alles menschlich. Und er hat dir doch verziehen. Außerdem ist es ja auch so, dass man ein zweites Mal heiraten kann. Ich bin mir sicher, dass Semir es auch will.“ Andrea stöhnte leise auf. „Ja, du hast ja Recht. So Mama, ich muss los. Ich verabschiede mich noch schnell von den Beiden und dann fahr ich nach Hause. Danke Mama...“ Sie gab ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange und ging ins Wohnzimmer, wo die Mädchen mit ihrem Großvater kuschelten, der ihnen gerade eine Geschichte vorlas. „Ich darf mal kurz unterbrechen, Papa? Ayda, Lilly, ihr benehmt euch bitte. Ich will keine Klagen hören, okay?“ Ayda sah sie ernst an. „Aber Mama, wie sind doch immer lieb.“ Sie schüttelte verständnislos den Kopf. Andrea lächelte leicht und beugte sich dann zu ihrem Vater. „Ich danke euch.“ Hubert sah sie an. „Sieh zu, dass du den Jungen wieder bekommst! So einen gibt es nicht an jeder Ecke.“ Andrea lächelte verlegen. „Ich werde es versuchen. Der Weg dazu ist bereits eingeschlagen.“ Sie gab auch ihm einen Kuss und verschwand.



    Semir kam zuhause an und parkte seinen Wagen direkt auf der Auffahrt. Nur wenig später betrat er das Haus. „ANDREA!!“ rief er durch das ganze Haus, doch seine Exfrau schien nicht da zu sein. Auch Ayda und Lilly waren weder zu sehen noch zu hören. Nur aus Danas Zimmer kam laute Musik. Semir klopfte an die Tür, doch scheinbar hörte seine älteste Tochter nichts. Er trat ein und sah, dass sie am PC saß und chattete. Die Musik übertönte alles. Dana bekam nicht mit, dass ihr Vater hinter ihr trat. Erst als er seine Hand auf ihre Schulter legte, nahm sie ihn war. Sie zuckte so heftig zusammen, dass ihr Wasserglas umkippte und der Inhalt sich über den Schreibtisch verteilte. Sie sah ihren Vater mit weit aufgerissenen Augen an und drehte die Musik ab. „Papa!! Spinnst du? Du kannst mich doch nicht so erschrecken!“ Semir sah sie entschuldigend an. „Du hast nichts gehört und ich wollte…ähm…weißt du wo Andrea ist?“ Dana atmete tief durch. „Sie bringt die Kleinen zu Margot und Hubert.“ Semir nickte. „Und warum bist du nicht mitgefahren?“ Etwas genervt sah Dana ihn wieder an. „Weil ich gleich zum Bahnhof muss. Mein Bus nach Genf geht in zwei Stunden. Das würde Andrea niemals schaffen.“ Semir sah auf die Uhr. Dana hatte Recht. Wenn Andera von Margot und Hubert kam, dann hätte sie es nicht geschafft. „Gut, dann nehmen wir dich mit, wenn wir starten. Wann musst du am Bus sein?“ Seine Tochter sah auf das Ticket, welches sie schon ausgedruckt hatte. „Mindestens 15 Minuten vor der geplanten Abfahrt. In Genf treffe ich mich dann mit Freddy und Maurice, die mich dann zu Mia bringen.“ Semir zog eine Augenbraue hoch. „Wer ist das?“ Dana lachte laut auf. „Papa, das sind Freunde, die ich dort kennen gelernt habe, als ich im Schüleraustausch da war. Nur Freunde, wirklich! Ist das Verhör nun beendet?“ Semir stöhnte leise auf und nickte. „Entschuldige. Das ist kein Verhör und sollte sich auch nicht so anhören. Aber du weißt wie ich darüber denke.“ Dana rollte die Augen. Das Misstrauen ihres Vaters nervte sie extrem. „Papa, es sind wirklich nur Freunde. Glaubst du wirklich, dass ich mich mit einem von denen einlasse? Außerdem ist Freddy ein Mädchen. Sie heißt Frederike und sie ist eine meiner besten Freundinnen. Maurice ist ihr großer Bruder.“ Semir strich Dana über den Kopf. „Ich bin sehr froh, dass du vernünftig bist. Versprich mir, dass auch nicht gekifft wird. Ich habe absolut keine Lust, deine Freunde zu verhaften.“ Seine Tochter grinste ihn frech an. „Nur keine Sorge. In Belgien sieht man das nicht so eng. Und du könntest uns dort eh nicht verhaften.“ Semir hob mahnend den Finger, doch dann lachte er, denn er wusste genau, wie Dana es meinte. Von der Straße her, hörte er ein Auto auf die Auffahrt fahren und sah aus dem Fenster. Andrea parkte direkt neben seinem BMW. „Also gut, wir fahren dann in einer Stunde los. Du bist dann zwar früher am Bahnhof, aber ich denke es ist nicht weiter schlimm, oder?“ Dana sah ihn jetzt nicht mehr an und war wieder mit ihrem PC beschäftigt. „Nee, ist okay.“ Semir sah auf die Uhr. „Gut, dann haben wir noch etwas Zeit.“ Er sah auf den Bildschirm des PCs und seine Tochter bemerkte es sofort. Sie sah ihn mahnend an. „Würdest du bitte mein Zimmer verlassen? Ich will noch etwas chatten!“ Er verließ verständnisvoll das Zimmer. Als er unten war, hörte er den Schlüssel im Schloss drehen.

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  • Andrea betrat das Haus und war erstaunt, das Semir im Flur stand. Er grinste sie an. „Whow, du hast es wohl eilig ins Wochenende zu kommen, was?“ begrüßte sie ihn lachend. Semir zog die Schultern hoch. „Heute war nicht viel los. Außerdem ist die Krüger nicht da. Die Jungs von der Bereitschaft machen das schon.“ Er nahm sie in den Arm und küsste sie sanft. „Wir bringen Dana auf der Fahrt zur Hütte noch zum Bahnhof und dann starten wir in ein kinderfreies Wochenende.“ Andrea erwiderte den Kuss. „Okay, aber erst muss ich noch packen.“ Sie löste sich von ihm und ging nach oben, um die Koffer bzw. Reisetaschen zu packen. Sie brauchte eine gute halbe Stunde, bis sie wieder unten war. „Was hat denn so lange gedauert? Wir fahren doch nur zwei Tage weg.“ Semir grinste sie an. Doch Andrea hielt seinem Blick Stand und lachte auf. „Ich brauche halt meine Dinge. Und du doch auch, oder willst du nur mit einer Hose herumlaufen?“ Sie gab ihm einen Kuss und drückte ihn dann die Taschen in die Hand. „Trägst du sie schon raus, oder muss ich mich damit rumärgern?“ Sofort griff er zu. „Niemals!“ Er brachte die Taschen zum Auto und sah auf die Uhr. „Wir müssen noch einkaufen. Die Hütte ist sicher ohne jeden Vorrat.“ Andrea schüttelte den Kopf. „Das hab ich heute Morgen schon gemacht. Alles was das Herz begehrt, ist vorhanden.“ Er nickte anerkennend. „DANA!! Wir wollen fahren!!“ rief er die Treppe hoch. „Ja doch! Ich komme!“ gab die 17jährige zurück. Auch sie kam mit einer Reisetasche runter. Semir sah seine Tochter an. „Dana, wenn was ist, ruf bitte an! Ich möchte nicht, dass du irgendwo anders wohnst, als bei der Mia. Ist das angekommen?“ Dana reichte ihm die Reisetasche, die er sofort im Kofferraum verstaute. „Papa, ich bin bei Mia. Wir machen uns ein tolles Wochenende. Mädchenparty und solche Dinger. Außerdem sind die Eltern von Mia sehr konservativ. Jungs sind verboten. Du musst also keine Angst haben. Bleib Locker!“ Semir sah sie skeptisch an, doch Andrea stieß ihn leicht mit dem Ellbogen in die Rippen. „Nun vertrau ihr doch. Sie sagt bestimmt die Wahrheit und außerdem kann nichts passieren.“ Er hörte den Vorwurf heraus. „Also gut, ich versuche es. Dana hast du alles eingepackt, was du brauchst?“ Dana, die eben schon einsteigen wollte, drehte sich wieder zu ihm um. „Ja Papa, ich habe alles. Und du solltest auf Andrea hören und mir vertrauen.“ Semir grinste verlegen. „Ja doch..“ Nur wenig später ging es los. Semir lenkte den Wagen ruhig durch die Straßen von Köln. Nach nur zwanzig Minuten Fahrt, erreichten sie den Kölner Hauptbahnhof, wo die Reisebusse abfuhren. Semir stieg mit Dana aus und holte die Reisetasche aus dem Kofferraum. Dann sah er sie an. „Dana, ich vertraue dir. Enttäusche mich nicht.“ mahnte er sie noch und sah wie seine Tochter genervt die Augen verdrehte.



    Sie warteten noch bis Dana den Bussteig erreicht hatte und dann gab Semir Gas und fuhr nur wenig später auf die Autobahn. Andrea sah ihn kurz an. „Du solltest ihr wirklich trauen. Sie wird langsam erwachsen und man kann sie nicht einsperren. Sie muss ihre Erfahrungen sammeln. Lass ihr die Chance doch. Sie muss aus Fehlern lernen.“ Semir nickte und konzentrierte sich auf die Straße. „Ja, das weiß ich auch. Dennoch darf ich doch wohl Angst um sie haben. Ich meine, außer mir hat sie ja niemanden mehr. Und sie ist immer noch mein Kind. Ich will nicht, dass sie ihre Zukunft versaut. Wenn sie jetzt schwanger werden würde, dann ist ihr Leben doch vorbei. Sie hat keine Ausbildung und wenn ….“ Andrea lachte leise. „Aber Semir, sie nimmt doch die Pille. Es kann nichts passieren. Ich vertraue ihr doch auch. Sie hat sich sehr verändert, aber zum Positiven.“ Semir sah sie kurz erstaunt an. „Seit wann nimmt sie die Pille und warum weiß ich nichts davon?“ Andrea schmunzelte leicht. „Das ist Frauensache. Sie ist in weniger als zehn Tagen 18 und damit ist sie auch erwachsen. Natürlich nimmt sie die Pille, denn sie will nicht durch eine ungewollte Schwangerschaft ihr Leben versauen. Sie will jetzt eine Ausbildung machen. Weißt du eigentlich, was sie werden will?“ Er zog die Schultern hoch und sah in den Rückspiegel. „Nein, sie hat mir nicht gesagt, was sie machen will. Weißt du es denn?“ Andrea nickte. „Ja, ich weiß es. Sie hat mich um Rat gefragt, was die Berufswahl angeht. Sie will Reiseverkehrskauffrau werden. Ich hab da einen Bekannten, der ein Reisebüro hat und er ist gewillt, sie zu nehmen.“ „Hmmm Reiseverkehrskauffrau? Ich weiß nicht. Ich glaube, so ein Bürojob liegt ihr nicht. Warum macht sie nicht was Anderes. Krankenschwester, oder Polizistin…“ Sofort hob Andrea abwehrend die Hände. „Na, ein Bulle in der Familie reicht! Überlass es ihr. Sie wird schon wissen, was sie will. Außerdem hat sie die Möglichkeit ein Praktikum zu machen. Dann kann sie es kennen lernen und wenn es ihr nicht gefällt, dann macht sie halt was Anderes.“ Semir stöhnte leise auf. „Ich mach mir zu viele Sorgen, oder?“ Wieder sah er sie kurz an. „Nun ja, du solltest ihr auf jeden Fall mehr Freiheiten lasen. Sie ist ein sehr intelligentes Mädchen und wird sicher nicht unter die Räder geraten. Du wirst noch sehr stolz auf sie sein, das weiß ich.“ Er lachte leise auf. „Ich bin genauso stolz auf sie, wie auf Ayda und Lilly. Sie ist meine Tochter und damit ist sie etwas Besonderes.“

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  • Nach einer guten Stunde Autofahrt, kamen Semir und Andrea in Au bei Sieg an. Die Hütte lag direkt am See und war von Büschen und Bäumen umgeben. Eine wirkliche Straße gab es hier nicht und so holperte der BMW über den ungepflasterten Weg, bis direkt vor dem kleinen Holzhaus. Semir stoppte den Wagen und stieg mit Andrea aus. „Ich hoffe nur, dass wir diesmal Ruhe haben.“ Andrea nickte und stellte sich neben ihn. Sie sahen auf den See hinaus und wieder fiel der Blick auf die Hütte, die am anderen Ufer stand. „Weißt du noch…?“ fing Semir an und sah zu Andrea, die genau wusste worauf er hinaus wollte. „Ja, aber diesmal wird uns nichts stören. Die Hütte ist nicht bewohnt. Wirklich…dort ist gar keiner. Diesmal gehört der See uns allein. Was meinst du? Sollen wir heute auf den See fahren und uns den Sonnenuntergang ansehen?“ Andrea legte ihren Kopf auf seine Schultern. Semirs Hand ging hoch und strich ihr sanft über die Wange. „Wenn das Boot kein Loch hat, dann werden wir es machen.“ versprach er. Er küsste sie sanft und sie erwiderte die Zärtlichkeit. „Lass uns das Gepäck reinbringen und etwas essen.“ Gemeinsam betraten sie die Hütte. Andrea kochte Semirs Lieblingsessen, dazu gab es Rotwein und er genoss jeden Bissen. Anschließend gingen sie noch in den angrenzenden Wald und machten einen ausgedehnten Spaziergang. Gegen 20 Uhr waren die Beiden wieder an der Hütte und sahen, dass die Sonne langsam unterging. „Na dann auf zur Bootsfahrt. Kapitän Semir wird Sie geruhsam über den See fahren.“ Wieder küsste er Andrea innig. „Das will ich hoffen.“ Sie stiegen in das Boot und Semir ruderte mitten auf den See. Die Sonne hatte nun scheinbar den Rand des Sees erreicht und versank glutrot. „Ist das nicht herrlich?“ Semir holte tief Luft. „Wundervoll.“ musste er zugeben. Er setzte sich zu Andrea auf die Seite und sah einfach nur auf das Wasser. Gemeinsam genossen sie in Zweisamkeit das Naturschauspiel. Sie blieben auf dem See, bis die Sonne fast vollkommen versunken war. Dann ruderte er wieder ans Ufer und half Andrea aus dem Boot. Doch sie gingen immer noch nicht rein. Das Wetter war einfach zu schön und so setzten sie in den Sand am Ufer und Semir nahm Andrea in den Arm. „Weißt du, dass es schon sehr lange her ist, dass wir allein waren?“ fragte er nach einiger Zeit. Ein kühler Luftzug striff über seine Stirn und die Bäume bewegten sich leicht. „Ja, und ich genieße jede Sekunde mit dir. Es wird etwas frisch. Wollen wir reingehen?“ Semir nickte. Gemeinsam gingen sie in die Hütte. Während Semir den Kamin anzündete, bereitete Andrea einen letzten Imbiss vor. Nur eine halbe Stunde später saßen sie vor dem Kamin auf einen weißen Teppich. Es wurden Zärtlichkeiten ausgetauscht und die Beiden waren, wie zwei verliebte junge Menschen, die sich gerade sehr nahe kamen. Das Liebesspiel dauerte eine ganze Weile und danach lagen sie sich vor dem Kamin in den Armen und ließen den Abend gemütlich ausklingen. Erst am frühen Morgen gingen beide zu Bett und schliefen zufrieden und glücklich ein.



    In Köln ging es beim Barbecue gemütlich zu. Paul hatte all seine Verwandten begrüßt und stand nun bei Helene, seiner ältesten Cousine. Sie musterte ihn gründlich. „Du hast dich ganz schön verändert. Mensch, wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?“ Er grinste leicht. „Lass mich überlegen. Das ist jetzt gut fünf Jahre her, wenn ich mich nicht irre. Auch bei einer Familienfeier, die dann durch den Streit zwischen deinem und meinem Vater beendet wurde.“ Helene nickte. „Oh ja, ich erinnere mich. Nur kann ich mich nicht an den Grund für den Streit erinnern. Aber sie sind sich immer noch spinnefeind. Das ist schon peinlich, wie die Beiden miteinander umgehen. Dabei sind sie doch Brüder und sollten sich gern haben.“ Paul nickte nachdenklich. „Ja und scheinbar kennen sie nicht einmal den Grund. Aber ich muss sagen, dass du dich auch sehr verändert hast. Du bist richtig hübsch geworden.“ Nun errötete seine Cousine. „Danke. Nun ja, es ist viel Zeit vergangen. Was hast du denn so gemacht? Bist du immer noch bei der Polizei?“ Paul nickte und streckte stolz seine Brust raus. „Ich bin jetzt Hauptkommissar.“ Helene sah ihn erstaunt an und lachte. „Whow! Ist das jetzt gut? Ich kenne mich mit den Rängen nicht so aus. Wo machst du denn deinen Dienst?“ Paul lächelte erneut. „Ich denke schon. Nach fünf Jahren im Dienst Hauptkommissar zu sein, ist glaub ich gut. Ich bin jetzt an der Autobahn. Mein Partner heißt Semir Gerkhan.“ Helene nickte. „Schön und wie ist der Typ so?“ Paul sah sie erstaunt an. „Semir Gerkhan, ist der Bulle, der mir damals das Leben gerettet hat! Erinnerst du dich nicht? Sein Partner, also mein Vorgänger hat, um sich um etwas Persönliches zu kümmern, den Dienst quittiert und für unbestimmte Zeit Urlaub genommen. Ich bin dann dorthin versetzt worden.“ Helene nickte nachdenklich. „Und das ging einfach so?“ Paul grinste leicht. „Nein, nicht einfach so. Ich hatte meine Kontakte, die mir das ermöglicht haben. Aber nun genug von mir. Sag mir lieber, was mit dir in den fünf Jahren passiert ist.“ Helene lächelte und senkte ihren Blick. „Tja, es war bei weitem nicht so aufregend wie bei dir. Ich habe mein Studium begonnen. Bin jetzt im letzten Semester und ich werde meine Examen in Rechtswissenschaft machen. Danach, mal sehen. Eine Kanzlei hab ich noch nicht gefunden. Aber ich bin entschlossen auszuwandern. Vielleicht nach Australien oder nach Amerika. Ich bin von diesen Ländern fasziniert.“ Paul lächelte und nippte an seinem Glas. „Das ist doch schön, wenn Träume in Erfüllung gehen. Ich weiß, wovon ich spreche. Aber nun lass uns lieber zu den anderen gehen, sonst werden wieder die Löffel in der Gerüchteküche gerührt.“ Helene lachte laut auf. „Du glaubst, die meinen immer noch, dass wir verliebt sind? Nee, die Zeiten sind nun wirklich vorbei. Mensch Paul, wir waren sechs und immer zusammen. Ich bin in einer festen Beziehung und das wissen die hier auch.“

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  • Am Sonntag wachte Semir gegen Mittag auf und sah auf die, neben ihm noch schlafende Andrea. Er lächelte und beobachtete sie nur. Doch scheinbar merkte sie es und öffnete ihre Augen. Sie lächelte ihn an. „Guten Morgen …“ kam leicht verschlafen von ihr. „Guten Morgen. Weißt du, dass du für mich die schönste Frau bist?“ Andrea lächelte und schloss erneut die Augen. „Charmeur! Möchtest du Kaffee?“ Semir schüttelte den Kopf. „Nein, ich möchte dich. Ich will dich nie wieder verlieren. Und wenn es sein muss, werde ich jeden, der auch nur versucht, dich mir wegzunehmen, bekämpfen und siegen. Notfalls verhafte ich ihn und sorge dafür, dass er für immer in den Knast geht.“ Sie richtete sich auf und küsste ihn. „Das musst du nicht. Ich weiß jetzt genau, wo ich hingehöre. Ich werde das nie wieder aufgeben. So schön kann kein Mann sein. Egal wie viel Geld er hat, oder mit welchen Besitztümern er sich schmückt. Niemand kann so gut sein wie du. Niemand!“ Er nahm sie in den Arm. „Ich liebe dich Andrea. Bitte lass mich nie mehr allein.“ Auch sie drückte ihn fest an sich. „Das werde ich nicht. Ich gebe dich nie wieder her, aber weißt du was?“ Er sah sie fragend an. „Ich habe Hunger. Was hältst du von einem Frühstück direkt am See?“ Er lachte leise. „Das klingt verdammt gut. Wir machen uns gemeinsam ein Frühstück und genießen es direkt am Wasser. Ich werde nur kurz duschen und dann stelle ich den Tisch und die Stühle auf den Steg, während du die Eier kochst.“ Andrea nickte und warf die Decke zur Seite. „Dann gehe ich zuerst duschen.“ Semir stand auf und versperrte ihr den Weg zur Dusche. „Ich habe noch eine bessere Idee. Die Dusche ist so wunderschön eng und wir könnten doch gemeinsam duschen. Würde auf jeden Fall Wasser sparen.“ Andrea sah ihn tadelnd an. „Semir, wir sind doch keine zwanzig mehr.“ „Na und? In deiner Nähe fühle ich mich wie ein Teenager. Lass uns doch einfach diese Dinge machen. Ab morgen Abend sind wir wieder mit den Kindern zusammen und müssen uns zusammenreißen.“ Er legte seinen Kopf schief und sah sie mit einem Dackelblick an. Andrea lachte und küsste ihn erneut. „Dann los!“ Gemeinsam ging es duschen und nur zehn Minuten später, saßen beide im Morgenmantel direkt am See und frühstückten. „Was machen wir heute?“ „Einen ausgedehnten Spaziergang durch den Wald, eine Bootsfahrt und dann sehen wir uns wieder den Sonnenuntergang an.“ plante Semir den Tag.



    Auch der Sonntag ging viel zu schnell vorbei. Schon gegen fünf machten sich Semir und Andrea auf den Weg nach Troisdorf, um die Kinder einzusammeln. Als sie bei Andreas Eltern waren, mussten sie noch einen Kaffee trinken und Semir hörte sich die Geschichten an, die Margot und Hubert ihm erzählten. Dabei gingen sie auch auf das Thema der voran gegangenen Trennung von Andrea ein. „Weißt du Semir, die Frauen sind manchmal dumm. Das liegt in deren Natur. Sie glauben einem stärkeren zu folgen und geben das auf, was ihnen Geborgenheit und Sicherheit brachte. Nun ja. Meine Tochter hat diesen Fehler gemacht und ihn bereut. Ich hoffe sehr, dass ihr wieder so zusammen seid, wie es vorher war.“ Semir nickte. „Ich habe ihr vergeben. Wir sind zusammen und lieben uns wie eh und je.“ Hubert sah ihn ernst an. „Ja, das hab ich mir schon gedacht. Ich hoffe aber doch, dass du ihr die Leviten gelesen hast. Man muss einer Frau zeigen, wer der Herr ist.“ Semir grinste leicht. „Nur keine Sorge. Wir kriegen das auch ohne hin.“ Hubert zog die Schultern hoch. „Du musst es wissen.“ Semir sah Andrea an und dann auf die Uhr. Es war kurz vor sieben. „Wir sollten fahren, die Kinder müssen ja auch bald ins Bett.“ Andrea sah ebenfalls auf die Uhr. „Ja, du hast Recht. Also Mama, Papa. Danke, dass ihr auf die Beiden aufgepasst habt.“ Ayda und Lilly waren glücklich, dass Mama und Papa wieder da waren und freuten sich schon auf Zuhause. Als sie dort nach einer guten Stunde Fahrt ankamen, brannte in Danas Zimmer Licht. „Siehst du, sie ist schon Zuhause.“ Semir nickte. „Ja, ich hoffe auch, dass sie allein ist.“ Andrea schüttelte unverständlich den Kopf. „Mensch Semir! Sie ist fast 18!“ wies sie ihn wieder zu Recht. „Ja, aber in meinen Augen ist sie noch ein Kind!“ beharrte Semir auf seinen Standpunkt. Im Haus ging er sofort die Treppe hoch und lauschte an Danas Tür. Er hörte nichts und klopfte an. „Dana, darf ich reinkommen?“ fragte er durch die Tür. „Klar!“ kam von innen. Semir öffnete die Tür und trat ein. Dana saß auf ihrem Bett und las ein Buch. „Bist du schon lange zuhause?“ Ohne aufzusehen, gab Dana Antwort. „Nee, vielleicht eine Stunde. Wie war das Wochenende?“ Sie legte das Buch zur Seite und sah ihn fragend an. „Es war sehr erholsam.“ Dana lächelte leicht. „Freut mich für euch. Du siehst auch richtig zufrieden aus.“ Semir nickte. „Ja, das bin ich auch. Und hast du dich auch amüsiert?“ Danas Lächeln verschwand. „Ging so. War nicht so wirklich mein Ding.“ Sie wollte wieder zum Buch greifen, doch Semir hielt ihre Hand fest. „Willst du darüber reden?“ Nun schüttelte Dana den Kopf. „Nein, so wichtig ist das nicht.“ Semir ließ sie los. „Okay, aber wenn du darüber reden möchtest, dann bin ich für dich da.“ Dana griff das Buch. „Das weiß ich doch, Papa.“ Semir verließ das Zimmer und ging zu Andrea. Diese war gerade dabei, Lilly fürs Bett fertig zu machen. „Was ist?“ wollte sie wissen, als sie sah, dass er sehr nachdenklich war. „Ich weiß nicht, Dana ist irgendwie anders. Sie ist abweisend.“ „Semir, nun mach dir doch nicht immer nur Sorgen um sie. Lass sie einfach ein wenig in Ruhe und dann wird es wieder. Nicht jedes Wochenende kann mit strahlendem Lachen abgeschlossen werden.“ Semir nickte nur. Er musste Andrea Recht geben. Es brachte nichts, wenn er sich ständig Gedanken über das Gefühlsleben seiner ältesten Tochter machte.

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  • Der Montag ließ sich nicht aufhalten und damit auch nicht der Dienstantritt. Semir kam wie immer pünktlich um acht im Büro an und ließ sich von Jenny zum Kaffee einladen. Susanne war seit dem Wochenende im Mutterschutz und bereitete sich auf die Geburt ihres Kindes vor. „Hast du was von Susanne gehört?“ Jenny schüttelte den Kopf. „Bisher nicht. Aber sie hat ja noch vier Wochen Zeit. Sie wollte sich melden, wenn das Kleine da ist. Ich bin schon gespannt, was es wird. Was meinst du?“ Semir sah sie an und nahm einen Schluck aus der Tasse. „Also ich denke es wird ein… Baby …ja …es wird bestimmt ein Baby.“ Jenny lachte auf. „Ja, das weiß ich auch. Ich meine, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird.“ Nun zog der Hauptkommissar die Schultern hoch. „Nun, wir werden es erfahren. Ich würde auch gern wissen, wie es heißen soll. Weißt du, welche Namen Susanne ausgesucht hat?“ Jenny sah ihn an. „Ja, sie sagte, dass ein Mädchen wohl Laura heißen würde und ein Junge sollte Luca genannt werden. Ich habe schon ein Geschenk für sie gekauft. In einem neutralen Gelbton. Damit kann ich nichts falsch machen. Ah, Paul kommt!“ Semir sah seinen Partner eintreten und winkte ihn direkt in die Küche. „Und was denkst du?“ überfiel er ihn. Paul sah ihn etwas überrascht an. „Wenn du mir sagst, was du meinst, dann kann ich dir sagen, was ich denke.“ Semir rollte die Augen. „Was für ein Geschlecht das Baby von Susanne hat.“ „Ach so …“ Paul kratzte sich am Kopf und zog die Augenbrauen hoch. „Tja, ich weiß nicht. Aber ich mache einen Vorschlag. Wir fragen sie, wenn das Baby da ist.“ Dann grinste er breit. Auch Semir und Jenny mussten lachen. Diese unbeschwerte Art, die Paul an den Tag legte, war einfach göttlich. „Na du bist mir ein toller Partner. Willst du auch einen Kaffee?“ Doch Paul lehnte ab. „Nein. Ich hab schon ein paar Tassen intus. Lass uns lieber direkt auf Streife gehen.“ Semir stellte die Tasse ins Spülbecken und nickte. Doch bevor er die Küche verließ, sah er Jenny an. „Und du lässt es dir nicht zu langweilig werden, beim Bürodienst, oder?“ Jenny rollte die Augen. „Also ich weiß nicht, wie man so einen Job lieben kann. Ich denke, ich werde drei Kreuze machen, wenn Susanne wieder da ist.“ Semir hob die Hand und verließ mit Paul das Revier. „Der BMW ist startklar!“ Paul nickte und stieg ein, während Semir noch einmal über den Seitenspiegel strich und sich vergewisserte, dass er sauber war. Dann stieg er auch ein und gab Gas. Als Erstes ging es auf die A57 in Richtung Krefeld. Heute war die Straße ziemlich leer und das fiel natürlich auch sofort auf. „Es sind wohl einige in Urlaub. Hast du die Autobahn, seit du im Dienst bist, schon mal so leer gesehen?“ Paul schüttelte den Kopf.



    Die Fahrt verlief ruhig und Semir langweilte sich regelrecht. „Wie war denn dein Wochenende?“ wollte Paul von ihm wissen. „Einfach nur herrlich. Absolute Einsamkeit und eine schöne Frau in den Armen. Was kann daran falsch sein?“ Semir schwärmte Paul von seinem Wochenende vor und sein Partner hörte ruhig zu. „…und die Sonnenuntergänge. Traumhaft sag ich dir. Wir fühlten uns wie Teenager. Und dein Wochenende? Wie war das Barbecue?“ Semir sah kurz zu Paul. „Ach nicht besonders gut. Es gab am Abend natürlich Streit zwischen meinem Vater und meinem Onkel. Ich glaub, die werden sich niemals vertragen.“ „Okay, und man kann da wirklich nichts machen?“ Paul schüttelte den Kopf und seufzte. „Ich befürchte nein. Kannst du am nächsten Rastplatz mal anhalten?“ Semir stutzte. „Warum?“ Paul sah ihn an und stöhnte auf. „Weil ich wohl heute doch zu viel Kaffee getrunken habe. Die Blase drückt.“ Semir lachte auf und nickte dann. „Klar.“ Er fuhr nur wenig später auf die Ausfahrt zum Parkplatz mit Toilette und sah Paul nach, als dieser ausstieg und zum Häuschen ging. Semir stieg auch aus und sah sich auf diesem Platz um. Dabei fiel ihm auf, dass nicht weit von dem Toilettenhäuschen, eine Frau auf der Bank lag und scheinbar schlief. Natürlich war es keine Seltenheit, dass sich Betrunkene auf eine Bank auf einem Parkplatz legten und ihren Rausch ausschliefen, doch bei dieser Frau stimmte etwas nicht. Er konnte nicht sagen, was ihm störte, aber er fühlte, dass hier etwas im Argen lag. Er ging zur Bank und fasste die Frau an. „Hallo? Hören Sie mich?“ Er rüttelte sanft an ihr, doch die Frau reagierte nicht. Semir suchte nach dem Puls. Er schlug nur sehr schwach. Sofort griff er nach dem Handy und forderte einen Rettungswagen zum Parkplatz. Auch Paul kam wieder und stellte sich an seiner Seite. Sein Blick fiel auf die Frau. „Mandy!“ stieß er aus und Semir wandte sich um. „Du kennst sie?“ Paul nickte und schluckte. „Ja, sie … Wir… Wir waren mal zusammen. Das ist jetzt fast drei Jahre her.“ Paul fuhr sich mit den Händen durch seine Haare und stöhnte leise auf. „Okay! Und du hattest keinen Kontakt mehr?“ Semir sah ihn nur kurz an. „Nein. Ich muss allerdings gestehen, dass ich es auch nicht wollte. Sie hat mich mit meinem besten Freund betrogen. … lebt sie noch?“ Semir nickte. „Aber der Puls ist sehr schwach. Ich hab die Rettung bereits verständigt. Hol die Rettungsdecke aus dem Wagen!“ Paul rannte zum Wagen und holte das Geforderte. Mit seiner Hilfe, wickelte Semir die Frau in die Decke. „Hören Sie mich, Mandy?“ Die Augen der jungen Frau flackerten. Ein leises Stöhnen kam auf. „Nicht mehr …bitte…“ sagte sie leise. „Mandy, was ist passiert?“ Doch nun schwieg sie wieder.

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  • Die Sirenen kündigten die Rettungskräfte an. Der Notarztwagen hielt direkt vor der Bank und der Doc stieg aus. Ein Sanitäter folgte ihm. „Was ist passiert?“ Sofort wandte sich der Arzt der Frau zu. „Gerkhan, Kripo Autobahn. Das ist mein Kollege Renner. Wir sind vor ungefähr zehn Minuten hier eingetroffen und haben die Dame auf der Bank schlafend vorgefunden. Was allerdings passiert ist, ist uns nicht bekannt.“ Der Notarzt untersuchte die Frau. „ Das sieht gar nicht gut aus. Wir fahren sie umgehend ins Krankenhaus. Dort können wir mehr sagen. Scheint als hätte sie einen totalen Zusammenbruch von Herz und Kreislauf, aber den Grund können wir hier vor Ort nicht ermitteln. Haben Sie die Einstiche in der Armbeuge schon gesehen?“ Semir sah auf den Arm und bemerkte die Male, die alle leicht bläulich untermalt waren. „Drogen?“ Nun schüttelte der Arzt den Kopf. „Sieht nicht danach aus. Sieht eher aus wie ein Hypovolämischer Schock. Dazu würde der kaum tastbare Plus, die flache, schnelle Atmung und auch die Bewusstseinsstörung passen. Wir müssen sofort in die Klinik! Uniklinik! Haben Sie die Personalien von ihr?“ Der Arzt sah weder Semir noch Paul bei der Frage an. „Sie heißt Mandy Krüger, mehr weiß ich nicht.“ Die Sanitäter legten Mandy Krüger auf die Trage und wollten sie anschnallen, als sie plötzlich anfing zu zittern. Sie hatten große Mühe sie zu halten. Der Notarzt versuchte sein Bestes, doch auch er konnte nur im Rettungswagen etwas tun. Als die Trage endlich im Wagen war, kümmerte er sich umgehend um die Patientin und orderte die sofortige Abfahrt unter Sonderrechte an. Mit Blaulicht und Sirene verließ der Rettungswagen den Parkplatz.Semir wandte sich an Paul. „Wir fahren hinterher!“ legte er fest und schon waren beide wieder im BMW. Auch sie schalteten Blaulicht und Sirene an. Nach wenigen hundert Metern, stoppte der Rettungswagen auf der Standspur und schaltete das Warnblinklicht an. Dann sprang der Fahrer aus dem Wagen und stieg hinten wieder ein. Semir ahnte böses. Er hielt direkt hinter dem Wagen und stieg aus. Dann ging er zum Rettungswagen, riss die Türen auf und sah, wie der Notarzt den Defibrillator ansetzte. „Schock!!“ schrie dieser und man sah, wie sich der Körper der jungen Frau anhob. Der Sanitäter überprüfte die Vitalfunktionen. „Nichts!“ „Noch mal! Weg vom Patienten! Schock!!“ Wieder sprang der Körper regelrecht hoch. Doch auch nach dieser Aktion, schüttelte der Sanitäter den Kopf. Der Notarzt nickte und horchte noch einmal den Körper ab. Dann ging sein Blick zu Semir. Der Blick sagte alles. Semir schoss die Tür und ging zum BMW, wo Paul ihn besorgt ansah. „Was ist mit ihr?“ Semir schüttelte den Kopf. „Sie ist tot. Tut mir leid, Paul. Aber der Arzt hat alles Mögliche getan.“ Paul nickte und lehnte dann den Kopf nach hinten. „Hat sie noch Verwandte?“ wollte Semir nun wissen. „Ja. Ihre Mutter, glaub ich… Sie lebt im Pflegeheim in Pulheim. Das ist mein letzter Wissensstand.“ „Okay, wir müssen ihr auf jeden Fall die Nachricht überbringen.“ Paul nickte wortlos.



    Frauke Hankensiefer sah auf, als der BMW vor der Tür des Pflegeheims stoppte. Sie wunderte sich etwas, denn der Parkplatz für die Einrichtung lag nicht weit vom Eingang entfernt und wäre für die Männer, die dort ausstiegen, sicher kein beschwerlicher Weg gewesen. Sie stöhnte auf und verließ das Büro, um den Herren die Leviten zu lesen. Das Parken direkt vor dem Eingang, war nur Rettungskräften bzw. Krankentransportern vorbestimmt. Gerade als sie anfangen wollte, den Männern das zu erklären, zeigte der Fahrer ihr seinen Ausweis. Frauke schluckte. „Was können wir denn für die Autobahnpolizei tun? Also das einer unserer Bewohner auf der Autobahn zu schnell unterwegs war, kann ich direkt ausschließen.“Sie lächelte etwas unsicher. Der ältere Mann der Beiden sahen sie an. „Gerkhan, Kripo Autobahn. Das ist mein Kollege Renner. Wir müssten zu der Mutter von Mandy Krüger.“ erklärte er seine Anwesenheit. Frauke sah von einem zum Anderen. „Dorothea Krüger? Die ist nicht mehr hier.“ Die Männer tauschten einen Blick. „Ist sie in einem anderen Heim untergebracht? Wenn ja, wo?“ wollte der Jüngere wissen. Frauke schüttelte den Kopf und senkte ihren Blick. Sie holte tief Luft. „Dorothea Krüger braucht kein Heim mehr. Der liebe Gott hat sie zu sich geholt. Vor gut einem Jahr hatte sie einen Schlaganfall, von dem sie sich leider nicht mehr erholte. Sie starb an einer Lungenembolie.“ Die Polizisten sahen sich betreten an. „Aber ich kenne auch Mandy. Was ist denn mit ihr?“ Die Neugier von Frauke war deutlich zu hören. „Sie ist leider verstorben.“ erklärte der ältere der Beiden. Frauke sah ihn erschrocken an und hielt sich die Hand vor den Mund. „Oh mein Gott! Hatte sie einen Unfall?“Sie sah von einem zum Anderen und der Ältere antwortete erneut. „So würde ich das nicht nennen. Was wissen Sie denn noch von Frau Krüger?“ Frauke holte tief Luft. „Mandy war die einzige Angehörige von Dorothea. Mehr kann ich Ihnen leider nicht sagen. Sie war immer sehr nett und besorgte um ihre Mutter, aber ich weiß, dass sie einen Freund hatte. Der Name ist mir leider entfallen, aber er war Polizist…genau wie Sie.“ Frauke sah die Männer an. „Dann war sie immer noch mit Kilian zusammen.“ kam von dem Jüngeren und sie nickte bekräftigend. „Ja! Das stimmt! Kilian hieß der junge Mann.“ Der Ältere hielt ihr seine Hand hin und verbeugte sich leicht. „Danke für die Information.“ Sie stiegen wieder ins Auto und ließen Frauke etwas ratlos zurück. Doch nicht lange und sie nahm wieder ihre Arbeit auf.

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    Beethoven wurde taub
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  • Semir lenkte den Wagen auf die Straße und sah Paul kurz an. „Wir fahren direkt zur Gerichtsmedizin. Die sollten die Leiche von Mandy bereits angefangen haben zu untersuchen und dann sollen sie mir die Todesursache erklären.“ Paul nickte nur. Er sah aus dem Fenster und schien nicht wirklich dabei zu sein. „Ist alles in Ordnung?“ hakte Semir besorgt nach. „Ja sicher. Ich kann es nur nicht fassen. Ich meine, Mandy hat mich betrogen und verletzt, ja. Aber ich hab sie gemocht. Ich kann es einfach nicht begreifen, dass sie jetzt tot ist. Das ist doch absolut sinnlos.“ Semir legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wenn du reden willst, nur zu…“ Paul lächelte verzerrt. „Danke Semir. Nach der Pathologie sollten wir auf jeden Fall zu Kilian fahren. Ich will ihm die Nachricht selbst überbringen. Ich weiß zwar nicht, ob er noch dort wohnt, wo er vor drei Jahren wohnte, aber ich glaub Jenny könnte es mir sicher raussuchen, oder?“ Semir nickte. „Kilian ist auch Polizist?“ Paul stöhnte auf. „Ja. Er ist bei der Sitte. Wir haben uns auf der Polizeischule kennen gelernt und waren die besten Freunde. Dachte ich zumindest. Bis ich ihn mit Mandy erwischt habe. Aber wie gesagt, es ist schon drei Jahre her.“ Semir setzte den Blinker und fuhr von der Autobahn. Er hielt auf dem Parkplatz an und wandte sich dann an Paul. „Also, in welchem Revier ist Kilian?“ Nun zog sein Partner die Schultern hoch. „In Düsseldorf, glaub ich.“ Semir griff zum Mikro. „Cobra 11 an Zentrale!“ Es knackte kurz und dann ertönte das „Zentrale hört!“ von Jenny. „Ich benötige die Anschrift von einem Kollegen… Kilian…“ Er sah Paul an. „Wie heißt er vollständig?“ „Kilian Winther. Winther mit th.“ Semir gab es weiter. Anschließend musste er ein paar Augenblicke warten. „Raifeisenstrasse 49, in Düsseldorf.“ gab seine junge Kollegin durch. „Danke!“ Er hängte das Mikro ein und fuhr wieder auf die Autobahn.



    Nur wenig später betraten sie die kalten Hallen der Gerichtsmedizin und gingen in den Keller, wo die Pathologie untergebracht war. Als sie die Halle betraten, sah Semir gerade wie der Gerichtsmediziner in einen der Räume verschwand. Er erkannte ihn sofort. „Marvin! Warte mal!“ Der Mann blieb stehen und sah ihn an. „Semir! Was führt dich hier her?“ Ein kurzer aber kräftiger Händedruck folgte. „Es geht um die Tote von der Autobahn. Konntest du schon anfangen, sie zu untersuchen?“ Marvin nickte. „Ja, aber es ist ziemlich sonderbar. Die Frau hatte vielleicht noch drei Liter Blut in ihrem Körper gehabt. Ich habe aber keinerlei Austrittswunde gesehen. War am Fundort so viel Blut zu sehen?“ Semir sah ihn erstaunt an. „Nein! Da war überhaupt kein Blut. Wie kann das sein?“ Marvin dachte kurz nach. „Nun, wenn am Fundort kein Blut war, im Rettungswagen auch nicht und sie kaum Blut im Körper hatte, dann war der Fundort nicht Tatort. Ich habe mehrere blau angelaufene Einstichstellen im Arm gefunden. Die frischste ist ca. 2 Tage alt.Allerdings finde ich keinen Hinweis, dass sie Drogen konsumiert hat. Die Einstichstellen sind auf jeden Fall nicht atypisch.“ Semir nickte nachdenklich. „Und was bitte war die Todesursache?“ Marvin zog sich die Handschuhe aus. „Das war der schwere Blutverlust. Sieh mal, ein erwachsener Mensch hat fünf bis sechs Liter Blut im Körper. Sie hatte nur drei Liter. Das ist ein extremer Blutverlust, den das Herz nicht verkraften konnte.“ Semir hörte aufmerksam zu. „Das heißt sie ist verblutet, obwohl wir kein Blut gefunden haben? Sie hatte keine Wunden? Aber irgendwo muss das Blut doch sein!“Marvin verzog kurz die Mundwinkel. „Ja, irgendwo. Diese Einstichstellen könnten einen Hinweis liefern. Es sieht aus, als hätte man ihr Blut abgenommen. Aber ich bezweifle, dass ein Arzt seinen Spender so auslaugt, dass er stirbt. Mehr kann ich dir derzeit nicht sagen. Ich habe noch einige Untersuchungen zu machen.“ Semir nickte nachdenklich und ging zu Paul, der im Flur stehen geblieben war und seine tote Exfreundin nicht in dem Zustand sehen wollte. „Auf nach Düsseldorf.“

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  • Semir lenkte den Wagen sicher auf und über die Autobahn. Der Verkehr hielt sich in Grenzen und so kamen sie recht schnell durch. An der Wohnung angekommen, stiegen die Beiden aus und suchten das Klingelschild. Nach kurzem Betätigen des Klingelknopfes, ertönte der Türsummer. Als sie die wenigen Stufen zur Hochpaterrewohnung erklommen hatten, stand ein Mann in Pauls Alter am Treppenabsatz und sah sie erstaunt an. „Paul? Was machst du denn hier?“ Paul begrüßte den Mann kühl. „Hallo Kilian. Es geht um Mandy, können wir uns in der Wohnung unterhalten?“ Scheinbar spürte der Mann, dass es etwas Unangenehmes war. „Ja, sicher. Kommt rein.“ Kilian Winther ging vor und Paul folgte ihm mit Semir, der sich im Hintergrund hielt. „Kilian, ich habe keine guten Nachrichten für dich. Ich, also wir haben Mandy auf einem Parkplatz an der Autobahn aufgefunden …“ Er machte eine Pause und suchte nach den richtigen Worten. Kilian sah ihn an und schluckte sichtbar. „Hatte sie einen Unfall? Sie ist seit zwei Wochen spurlos verschwunden. Ich hab versucht sie auf Handy anzurufen, aber es ging nur die Mailbox ran. Ich dachte, sie wäre sauer auf mich und würde deshalb nicht rangehen, aber dein Gesichtsausdruck sagt, dass es nicht so ist. Was ist mit ihr?“ Paul holte tief Luft. „Sie ist tot.“ Kilian sah seinen Freund aus vergangenen Tagen an und schüttelte den Kopf. „Nein, das … das ist nicht wahr! Das kann nicht wahr sein! Das ist nicht so … du willst mich verarschen oder? Du willst ... du ... Es kann nicht sein!“ Kilian taumelte und Paul griff zu, als seinem ehemaligen Freund die Beine weg zu knicken drohte. „Komm setz dich.“ Sanft führte er Kilian zur Couch und drückte ihn nieder. Kilian Winther weinte hemmungslos und seine Schultern bebten. Paul sah Semir hilfesuchend an, doch auch er konnte nichts tun. Solche Nachrichten zu überbringen, waren immer schwer, aber sie gehörten zum Alltag eines Polizisten und diesmal schien Semir froh zu sein, es nicht selbst machen zu müssen.



    Semir sah, das Paul sich recht fürsorglich um Winther kümmerte. Dieser sah ihn mit roten Augen an. „Was ist passiert?“ Nun mischte sich Semir ein. „Das wissen wir nicht, Herr Winther. Gerkhan mein Name. Wir haben Frau Krüger auf einer Parkbank gefunden. Sie war kaum ansprechbar und ist auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben. Wir haben den Leichnam in die Gerichtsmedizin gebracht und die Todesursache ist vermutlich ein sehr hoher Blutverlust. War Frau Krüger krank?“ Kilian Winther schüttelte den Kopf. „Nein, sie war nicht krank. Sie hat ja nicht einmal Kopfschmerztabletten schlucken wollen. Paul, du weißt doch auch, dass sie gesund war. Sie war erst vor drei Wochen zur Blutspende gegangen, weil sie eine sehr seltene Blutgruppe hat. Null negativ.“ Semir sah ihn erstaunt an. „Was soll das mit ihrem Verschwinden zu tun haben?“ Kilian Winther zog die Schultern hoch. „ Wir haben uns vor zwei Wochen gestritten, weil sie in einem sehr kurzen Abstand erneut spenden wollte. Sie sagte, dass sie damit die Haushaltskasse aufbessern könne und sie ja gesund genug sei, dass der Körper den Verlust schnell aufholte. Ich habe es ihr untersagt und wir haben uns gestritten. Seit dem habe ich sie nicht wieder gesehen. Sie ging nicht ans Telefon. Gott,wenn ich sie doch nur festgehalten hätte.“ Paul setzte sich zu Kilian. „Du hättest sie eh nicht halten können. Genauso wenig wie ich. Kilian, weißt du wo sie hinwollte? Hat sie irgendetwas gesagt?“ Kilian Winther schüttelte den Kopf und brach erneut in Tränen aus. Es dauerte eine Weile bis er wieder ruhiger war. „Ich hätte sie nicht anschreien sollen!“ schluchzte er. Paul sah ihn ernst an. „Bist du auch handgreiflich geworden? Ist sie deshalb weg?“ Wieder schüttelte Kilian den Kopf. „Ich hätte sie nie verletzt. Gott Paul, ich wollte doch nur ihre Gesundheit schützen!“ Semir setzte sich in einen der Sessel. „Glauben Sie, dass sie wegen dem Streit über das Blutspenden verschwunden ist?“ Kilian sah ihn mit verweinten Augen an. „Ich weiß es nicht! Ich habe sie seit dem Abend ja nicht mehr gesehen.“ „Meinst du, es könnte damit zusammenhängen? Kilian, weißt du wo sie Blut spenden wollte? Vielleicht können wir da etwas herausfinden.“ Paul sah ihn eindringlich an. „Das erste Mal war es beim roten Kreuz, das weiß ich. Ich hab sie hingefahren und auch wieder abgeholt. Das zweite Mal, wenn sie es wirklich getan hat, weiß ich ehrlich gesagt nicht wo. Für mich war das Thema erledigt, als ich ihr sagte, dass sie es lassen soll.“ Paul und Semir wechselten einen Blick. „Okay, Herr Winther, können wir Sie allein lassen?“ Nun sah Kilian die beiden an. Die Augen waren voller Tränen und rot unterlaufen. „Ich will an den Ermittlungen teilhaben! Ich bin auch Bulle und ich will das Schwein kriegen, der ihr das angetan hat.“

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  • Paul sah kurz zu Kilian und kam dann zu Semir. Er zog ihn an der Jacke in den Flur. „Darf ich dich mal bitte sprechen? Allein!“ Semir stutzte, doch er sagte nichts und nickte nur.Paul sah noch einmal zu Kilian, der immer noch auf der Couch saß und mit seinen Fingern spielte. „Ich hoffe doch sehr, dass du das ablehnst. Er ist Bulle ja, aber er ist persönlich involviert und du weißt was das bedeutet! Wir können ihn nicht einbeziehen!“ Paul sah ihn flehend an. „Meinst du, das weiß ich nicht? Aber wenn wir ihn nicht bei uns haben, dann wird er mit Sicherheit allein ermitteln und das dürfte uns in Teufels Küche bringen! Wir hätten ihn, wenn er bei uns ist, unter Kontrolle und können auf ihn aufpassen!“ erklärte Semir. Paul lächelte leicht und dachte kurz nach. „Das heißt, du willst ihn so unter Beobachtung stellen? Hab ich das jetzt richtig verstanden?“ Semir kniepte zur Bestätigung ein Auge zu.Paul nickte anerkennend. „Clever. Muss ich zugeben. Okay, wie gehen wir jetzt vor?“ Semir sah kurz zu Winther. „Zur PAST und auf das Endergebnis der Obduktion warten. Außerdem können wir ihn und auch diese Mandy überprüfen.“ Er ging zu Kilian. „Herr Winther, auch wenn es eigentlich gegen die Vorschriften spricht, nehmen wir Sie mit. Aber, Sie werden nichts tun, ohne uns zu unterrichten! Das müssen Sie mir versprechen!“ Kilian Winther sah ihn an und nickte dann. „Ich verspreche es. Ich will einfach nur helfen, die oder den Täter zu stellen.“ „Ich vertraue Ihnen. Kommen Sie, wir fahren ins Revier und werden dort die Fakten zusammenstellen.“ Kilian lächelte dankbar und erhob sich. „Denken Sie, dass ich mich von ihr verabschieden kann?“ wollte er wissen. Semir und Paul sahen sich kurz an. „Denken Sie, dass es richtig ist? Ich glaube, Sie sollten sich den Anblick ersparen und sie so in Erinnerung behalten, wie Sie sie gekannt haben.“ Kilian lächelte verbittert, doch er schien Semir Recht zu geben. Sie fuhren gemeinsam zur PAST, wo sie von Kim Krüger erwartet wurden.



    Kim Krüger stand gerade im Großraumbüro, als Paul und Semir mit einem ihr fremden Mann rein kamen. Sie ging auf das Trio zu. „Herr Gerkhan, kann ich Sie kurz sprechen?“ Semir Gerkhan nickte und sah dann zu Kilian. „Das ist Kilian Winther, ein Kollege von der Sitte und der Verlobte von Mandy Krüger.“ Kim sah ihn bei dem Namen erstaunt an. „Wie hieß die Dame?“ „Mandy Krüger. Ist das eine Verwandte von Ihnen?“ Kim dachte nach, doch dann schüttelte sie den Kopf. „Der Name Krüger ist wie Müller, Meier, Schulz. Man ist vielleicht über tausend Ecken verwandt. Was können Sie mir über die Sache berichten?“ Nun sah Gerkhan zu Renner und Winther. „Paul, würdest du schon mal in unser Büro gehen und schauen, was wir über Mandy herausfinden können? Ich werde Frau Krüger informieren.“ Paul nickte und führte Kilian Winther in das Büro der Hauptkommissare, während Semir mit Kim Krüger in ihr Büro gingen. „Okay, was haben wir?“ wollte sie wissen, als er die Tür geschlossen hatte.„Wir wissen, dass sie kaum noch Blut im Körper hatte. Außerdem hat der Pathologe, wie auch wir, Einstichstellen in der Armbeuge entdeckt. Sie war aber laut Auskunft von Herrn Winther nicht drogensüchtig. Das konnte auch der Pathologe bestätigten. Es gab keine Drogenrückstände.“ Kim Krüger nickte nachdenklich. „Was könnte der Grund für den Blutmangel sein?“ Semir zog tief Atem ein. „Nun, Herr Winther erklärte, dass sie wohl vor drei Wochen zum Blutspenden war. Sie wollte nach einem viel zu kurzen Abstand erneut spenden, was er abgelehnt hatte. Sie haben sich gestritten und dann ist sie weg. Er hatte zwei Wochen keinen Kontakt zu ihr. Es ist gut möglich, dass sie mehr Blut gespendet hat, als gesund war. Oder aber und das vermute ich eher, dass es jemanden gibt, der Menschen mit seltenen Blutgruppen aussaugt und daraus Profit schlägt.“ Kim sah ihn erstaunt an. „Sie meine, dass Frau Krüger entführt und quasi ausgesaugt wurde?“ Semir nickte. „Herr Winther will uns bei den Ermittlungen zur Seite stehen…“

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  • Kilian setzte sich auf den Besucherstuhl, während Paul sich auf den seinen setzte. Kilian sah ihn nicht an sondern nur zu Boden. „Paul, ich… ich weiß, dass es damals ziemlich dumm gelaufen war, aber glaubst du, dass wir unsere Freundschaft noch einmal aufleben lassen können? Ich wollte dich damals nicht verletzen, das musst du mir glauben.“ Paul stieß schnaubend Luft aus. „Es hat mir verdammt weh getan, als ich euch im Bett erwischt habe. Ich dachte, ich könnte dir vertrauen und wurde schwer enttäuscht. Glaubst du, ich kann das einfach vergessen?“ Kilian schüttelte den Kopf. „Nein, das glaube ich nicht. Ich selbst würde es auch nicht tun. Paul, ich kann nur sagen, dass es mir Leid tut, aber für seine Gefühle kann man nichts. Mandy und ich hatten Gefühle füreinander. Und jetzt wurde sie mir genommen. Weißt du, ich wollte sie heiraten, aber sie wollte nicht. Sie meinte, sie könne erst glücklich werden, wenn sie dir gesagt hätte, dass es ihr genauso Leid tut. Jetzt ist es zu spät.“ Paul antwortete nicht und sah seinen damaligen Freund nur an. Kilian lächelte leicht. „Schon gut, ich verstehe schon. Du willst mir nicht verzeihen.“ Paul stöhnte leise auf und sah ihn fest in die Augen. „Da hast du verdammt Recht. Ich kann dir nicht verzeihen. Aber was spielt das jetzt noch für eine Rolle? Mandy ist tot. Was ist in den letzten Tagen passiert? Was hat sie gemacht?“ Kilian sah ihn an. Er zog die Schultern hoch und ließ sie wieder fallen. „Wir haben uns, wie gesagt vor zwei Wochen gestritten. Danach ist sie verschwunden. Ich weiß nicht, wo sie ist … war.“ Paul sah ihn an. „Hast du eine Vermisstenanzeige aufgegeben?“ Kilian stieß ein verächtliches Lachen aus. „Du weißt doch, dass man das bagatellisiert. Sie war eine erwachsene Frau und man hätte mir geraten, abzuwarten. Und jetzt ist alles vorbei. Ich bin Bulle und ich kenne den Ablauf sehr genau!“ „Dennoch hättest du es tun müssen! Dann hätten wir sie vielleicht vorher gefunden und hätten sie retten können!“ schrie Paul Kilian an. Dieser zuckte zusammen. „Hätte? Immer nur Hätte! Wir hätten, hätten hätten….was bringt das denn? Man hätte ein Bild von ihr gehabt und sie dann, wenn man sie gesehen hätte, nach Hause gebracht. Da sind mir verdammt nochmal zu viele HÄTTE drin!“ gab Kilian zurück.



    „Das werde ich nicht zulassen! Er ist persönlich involviert und somit nicht kontrollierbar, Gerkhan und das wissen Sie selbst sehr genau!“ lehnte Kim den Vorschlag von Semir laut ab. „Ja, das weiß ich. Aber es ist auch die einzige Möglichkeit, ihn von Dummheiten abzuhalten. Wenn er bei mir und Paul ist, dann steht er unter Kontrolle.“ erklärte Semir sein Vorhaben. „Nein! Und das ist mein letztes Wort. Sie werden die Ermittlungen aufnehmen und Winther wird sich nicht daran beteiligen und steht unter Arrest!“ legte Kim fest und Semir sah an ihrem Blick, dass es hier keine Worte mehr bedurfte. Deshalb stand er auf und ging zur Tür. „Ich hoffe, Sie wissen was Sie tun, Frau Krüger. Aber wenn ich an seiner Stelle wäre, würde ich alles tun, um doch an den Ermittlungen teil zu haben.“ sagte er und öffnete die Tür. „Ich hoffe sehr, dass er intelligenter ist als Sie, Gerkhan.“ Semir schluckte eine Bemerkung runter und ging ihn sein Büro, wo Paul und Kilian ihn ansahen. „Sie sind raus! Frau Krüger will nicht, dass Sie sich an den Ermittlungen beteiligen. Paul wird Sie in ihre Wohnung begleiten und bei Ihnen bleiben, damit Sie keine Dummheiten machen. In Ihrem eigenen Interesse bitte ich Sie, sich nicht einzumischen.“ gab er sachlich von sich. Kilian schüttelte den Kopf. „Ich lasse mich nicht kaltstellen und diese Krüger hat mir gar nichts zu sagen. Sie ist nicht meine Vorgesetzte!“ Semir nickte leicht. „Ich weiß. Aber sie weiß auch, wer Ihr Vorgesetzter ist und den wird sie mit Sicherheit informieren, wenn sie es nicht schon getan hat.“ stellte er fest und sah Paul an. „Bring ihn nach Hause und pass auf ihn auf. Bitte … ich werde euch Beide auf dem Laufenden halten, aber halt ihn von Dummheiten ab. Wir kennen den Gegner nicht und ich habe absolut keinen Bock darauf, dass die Chefin mich zur Sau macht.“ Paul nickte. Er stand auf und griff Kilian am Arm. „Komm! Wir gehen!“ Doch Kilian riss sich los. „Ich lasse mich nicht kalt stellen!“ fauchte er und rannte aus dem Büro. Semir und Paul setzten nach und konnten ihn auf dem Parkplatz stellen. „Kilian, das bringt doch nichts. Du kannst von hier nicht weg. Lass uns zu dir nach Hause fahren. Bitte…“ Paul sah ihn eindringlich an.

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  • Kilian ließ sich von Paul nach Hause bringen. „Das ist echt klasse! Meine Verlobte wird umgebracht und ich kann nichts tun! Und du wirst auch nicht nach ihrem Mörder suchen, weil du es gar nicht willst! Du willst dich so noch nach ihrem Tod an sie rächen, oder? Du hast sie nie geliebt!“ schrie er Paul nur wenig später im Wohnzimmer an. Der blonde Polizist ließ sich diesen verbalen Angriff gefallen und wartete bis Kilian schwieg. „Bist du jetzt fertig?“ fragte er. Kilian nickte. Paul stand auf und sah ihn wütend an. „Okay, dann will ich dir mal etwas sagen. Ich habe Mandy mehr geliebt, als du es jemals konntest! Du hast sie mir weggenommen und ich habe sehr lange gebraucht, darüber wegzukommen! Bis heute dachte ich, dass ich es geschafft habe! Und jetzt kommt alles wieder hoch! Ihr habt euch sicher sehr über mich amüsiert oder? Diesen Idioten, der euch vertraute! Ihr habt mich ausgelacht!! Und jetzt komm mir nicht mit der Laier, dass du sie geliebt hast! Weißt du was? Vom mir aus, kannst du verschwinden und nach ihrem Mörder suchen! Und wenn du mir ein Gefallen tun willst, dann lass dich umbringen!“ Paul wurde rot vor Wut und schrie sie einfach raus. Als er fertig war, atmete er heftig und trat gegen den Mülleimer der in der Ecke stand. Für eine Weile herrschte Schweigen zwischen den Männern. Kilian stand auf und schnappte seine Jacke und auch die Autoschlüssel von Paul. Bevor dieser reagieren konnte, verschwand sein ehemaliger Freund und schloss die Tür ab. Paul war eingeschlossen. Er rannte zu dem Fenster, von dem aus er die Straße sehen konnte und kletterte raus. Es war nicht besonders hoch und so sprang er kurzerhand runter. Gerade als Kilian um die Ecke bog, erreichte er den Boden und packte seine Freund an der Jacke. „Verdammt was soll das?!“ fauchte er ihn an. Kilian riss sich los und wollte seinen Weg fortsetzen. „Ich erfülle dir einen Wunsch und verschwinde! Das wolltest du doch! Lass mich los!“ Er stieß Paul zu Boden, doch der richtete sich sofort wieder auf und riss Kilian nun runter. „Du wirst hier bleiben! Ich bin für dich verantwortlich!“ Kilian schlug zu und traf Paul mit seiner Faust auf der Nase. Sofort schoss Blut aus dem getroffenen Riechorgan und Paul revanchierte sich mit einem Tiefschlag in den Magen. Kilian ging zu Boden. Er krümmte sich vor Schmerzen und Paul ging zu ihm. Doch kaum hatte er seinen ehemaligen Freund erreicht, sprang dieser auf die Beine und verpasste Paul einen heftigen Tritt in die Rippen. Paul, der mit diesem Angriff nicht gerechnet hatte, fiel um und hielt sich die Rippen. Kilian raffte sich auf und wollte Paul noch eine verpassen. Er drehte Paul auf den Rücken und hob seine Faust hoch. Bereit zu zuschlagen, doch dann sah er auf ihn. Noch einmal zuckte seine Faust, doch er schlug nicht zu. Er sah Paul an, der ziemlich benommen war. „Ich … ich hab sie geliebt! Ich wäre für sie gestorben! … Ich … wollte das doch nicht! …“ Er fing an zu weinen und sackte zusammen.



    Paul wurde wieder klar und richtete sich auf. Neben ihm hörte er Kilian schluchzen. Wie ein Häufchen Elend, lag sein ehemaliger Freund neben ihn und weinte. Gewissensbisse quälten ihn plötzlich. Kilian schien Mandy doch geliebt zu haben. Mehr als er dachte und er schien über diese Situation alles andere als glücklich zu sein. Hatte er ihn falsch eingeschätzt? „Kilian, lass uns wieder in die Wohnung gehen und über alles reden.“ Er kam auf die Beine und zog den weinenden Kilian ebenfalls hoch. Er stützte ihn und nahm ihm die Hausschlüssel ab. In der Wohnung angekommen, brachte er ihn ins Wohnzimmer und wischte sich das Blut aus dem Gesicht. „Kilian … ich … ich glaub, wir sollten über alles sprechen.“ Sein ehemaliger Freund schluchzte zunächst nur, doch er beruhigte sich langsam. „Was soll das denn noch bringen. Ich habe meinen besten Freund verloren, weil ich mich in seine Freundin verliebt habe. Es ist eine Grenze, die ich nie hätte übertreten dürfen. Die Freundin des besten Freundes ist tabu. Ich hab es wirklich eine Zeit geschafft, aber das Gefühl wurde immer stärker und auch bei Mandy war es deutlich zu sehen. Wir wollten, als du nicht da warst einfach darüber reden und uns klarmachen, dass es nicht so weiter geht. Sie sagte mir, dass sie dich informieren wollte, dass ihre Gefühle für dich nicht so stark sind. Ich hab ihr gesagt, dass sie sich das überlegen sollte. Aber sie war entschlossen mit dir Schluss zu machen. Paul, sie wollte nicht mehr mit dir zusammen sein. Ich habe mich seit diesem Tag schlecht gefühlt. Jedes Mal wenn ich gesehen habe, wie glücklich du mit ihr warst, wurde mir übel, weil ich genau wusste, dass sie es dir vorspielte. Ich…“ Wieder fing er an zu weinen. Paul senkte seinen Kopf. Ihm wurde klar, dass er einen großen Fehler gemacht hatte. Und diesen wollte er rückgängig machen. „Kilian, was ich eben zu dir gesagt habe. Das meinte ich nicht so. Wirklich. Ich wusste nicht, dass die Gefühle zwischen dir und Mandy so stark waren. Es tut mir leid. Warum hast du sie nicht als vermisst gemeldet? Hattest du denn gar kein Interesse daran, wo sie ist?“ Paul sprach leise und versuchte möglichst ruhig zu bleiben. „Natürlich hab ich Interesse daran gehabt. Aber sie war schon öfter mal für ein paar Tage weg. Sie brauchte zwischendurch ihre Auszeit und ich hab es einfach zugelassen. Sie ist in dieser Zeit für mich nicht erreichbar. Sie geht dann nicht ans Handy wenn ich anrufe. Ich dachte einfach, dass es wieder so ist.“ erklärte Kilian.

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  • Semir fuhr zum Arbeitgeber von Mandy um heraus zu finden, ob sie in den letzten drei Wochen an ihrem Arbeitsplatz erschienen war oder ob die Kollegen etwas über ihren Verbleib wussten. Von Kilian wusste er, dass Mandy als Pharmazeutische Assistentin in einer der großen Firmen tätig war. In der Anmeldung wurde er gebeten zu warten, bis der Firmenleiter zu ihm kam. Semir setzte sich in den Wartebereich und harrte der Dinge. Nach guten zwanzig Minuten wurde er von einem Mann in Anzug empfangen. „Roman Steinberg, was kann ich für die Autobahnpolizei tun? Man sagte mir, dass es Mandy Krüger geht?“ Semir stand auf und reichte dem Mann die Hand. „Gerkhan, Kripo Autobahn. Ja, das ist richtig. Es geht um Mandy Krüger.“ Roman Steinberg lächelte ihn freundlich an. „Dann folgen Sie mir am Besten in mein Büro. Dort können wir uns ungestört unterhalten.“ Semir nickte und folgte dem Mann in den Fahrstuhl. Es ging einige Etagen hoch und in das Büro, welches ziemlich protzig eingerichtet war. „Bitte nehmen Sie doch Platz. Kann ich ihnen etwas zu trinken bringen lassen?“ Semir lehnte ab. „Danke nein… War Frau Krüger in den letzten Tagen an ihrem Arbeitsplatz erschienen?“ Roman Steinberg lächelte süffig. „Nein, aber das brauchte sie ja auch nicht. Ich habe sie vor zwei Wochen entlassen.“ „Warum?“ hakte der Polizist nach. „Sie ist vier Tage unentschuldigt der Arbeit fern geblieben. Auf Telefonate hat sie nicht reagiert. Solche Mitarbeiter brauchen wir nicht.“ „Wie haben Sie sie gekündigt?“ Steinbergs Lächeln verschwand. „Sie hat doch wohl nicht die Polizei deswegen eingeschaltet oder? Die Kündigung ist per Post raus. Mit Rückschein. Aber die hat sie nicht einmal von der Post abgeholt. Wir haben den Einlieferungsbeleg und somit ist die Kündigung rechtens.“ Diesmal nicke Semir. „Interessiert es Sie, warum Frau Krüger die Kündigung nicht abgeholt hat?“ „Nicht wirklich. Ich interessiere mich nicht für das Privatleben meiner Mitarbeiter.“ Semir atmete tief durch. Er hasste solche Menschen, die sich für nichts außer für Geld interessieren. „Mandy Krüger ist tot. Sie wurde an der Autobahn aufgefunden und ist auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben.“ presste er raus. Roman Steinberg wurde blass.



    „Was ist passiert? Hatte sie einen Unfall?“ Semir schüttelte den Kopf. „Nach Aussage von ihrem Verlobten war sie gute zwei Wochen verschwunden. Können Sie sich vorstellen, wo sie gewesen sein könnte?“ Steinberg hüstelte. „Wie ich schon sagte, mich interessiert nicht, was meine Angestellten in ihrer freien Zeit anstellen. Fragen Sie doch einfach mal Sandra Lohkamp. Sie finden sie in der Forschungsabteilung Z1358.“ „Wo finde ich diese Abteilung?“ fragte Semir freundlich nach. „Sie fahren mit dem Fahrstuhl in die 11 Etage und melden sich dort im Sekretariat. Man wird Frau Lohkamp ausrufen.“ Semir bedankte sich und verließ das Büro um in den elften Stock zu fahren. Er ging, als er dort angekommen war den langen Flur entlang und suchte das Sekretariat. Als er es endlich gefunden hatte, stellte er fest, dass die Tür verschlossen war. „Mist“, fluchte er leise und sah sich suchend um. Eine junge Frau trat aus einem der anderen Räume und Semir hielt sie auf. „Entschuldigen Sie? Ich suche die Forschungsabteilung Z1358. Können Sie mir sagen, wo diese ist?“ Die junge Frau nickte. „Kommen Sie, ich bringe Sie hin.“ bot sie an und ging den Flur runter. Semir folgte ihr. Sie musterte ihn und er merkte es. „Sind Sie der neue Bürobote?“ wollte sie wissen. „Nein, Gerkhan, Kripo Autobahn. Ich bin auf der Suche nach Frau Sandra Lohkamp.“ erklärte Semir. Sie blieb stehen und sah ihn an. „Was wollen Sie denn von mir?“ „Sie sind Sandra Lohkamp?“ Sie nickte. „Ja, was kann ich für Sie tun?“ „Sie kennen Mandy Krüger?“ Wieder folgte ein Nicken. „Wann haben Sie Mandy zuletzt gesehen?“ „Das war vor knapp drei Wochen. Wir waren shoppen. Was ist mit Mandy? Sie ist jetzt schon seit zwei Wochen nicht erreichbar. Der Chef tobt schon, weil sie unentschuldigt der Arbeit fern bleibt. Sie geht nicht ans Telefon. Hat sie etwas angestellt?“ Semir sah zu Boden und schüttelte den Kopf. „Nein. Frau Krüger ist leider verstorben.“ Sandra Lohkamp sah ihn erstaunt an. „Bitte was? Das kann doch gar nicht sein.“ „Es tut mir leid, aber leider ist es so. Ich brauche Informationen über sie und man sagte mir, dass Sie eine gute Freundin von ihr waren.“

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    Der Welt gehen die Genies aus,
    Einstein ist tot
    Beethoven wurde taub
    und ich fühle mich auch nicht gut. :D:D

  • Paul ging in die Küche um Kaffee zu machen und kam nur wenig später wieder ins Wohnzimmer. Kilian saß auf der Couch und starrte auf ein Foto. „Hier!“ riss Paul ihn aus seinen Gedanken. Kilian sah auf und lächelte entschuldigend. „Danke. Paul, es tut mir leid. Ich wollte dich nicht verletzen. Eben nicht und damals auch nicht.“ Er sah ihn flehend an und Paul bemerkte, dass sein ehemaliger Freund es ernst meinte. Er wischte sich über seine Nase und grinste leicht. „Schon gut. Ich denke jeder, der in einer solchen Situation ist, wäre ausgerastet. Warum erzählst du mir nicht einfach, was damals passiert ist?“ Kilian nahm einen Schluck aus der Tasse und sah ihn erneut an. „Willst du das wirklich wissen?“ „Natürlich! Ich möchte es wissen. Also, was ist passiert?“ Kilian atmete tief durch. „Also gut. Erinnerst du dich noch an dem Tag, wo du in die Nachtschicht geschoben wurdest?“ Paul dachte kurz nach. „Ja, das war der Abend wo ich mit Mandy ins Kino wollte. Ich habe dir die Karten gegeben, weil ich es schade fand, wenn sie verfielen.“ Kilian lächelte bitter. „Genau. Wir sind ins Kino gegangen und da ist es dann passiert. Ich meine, ich kann dir nicht einmal sagen wie und warum. Es ist einfach so passiert. Wir, also Mandy und ich, hatten ein verdammt schlechtes Gewissen. Wir wussten nicht, wie wir dir das erklären sollten. Die Gefühle waren einfach zu stark und wir konnten uns nicht dagegen wehren.“ Paul sah ihn an. „Ich verstehe. Aber jetzt erklärt sich natürlich auch das abweisende Verhalten von Mandy am nächsten Morgen. Ich dachte, sie wäre immer noch sauer, weil ich Dienst hatte.“ Er lachte leicht auf. „Ich glaub wir haben beide nicht richtig gehandelt. Nun ist es leider nicht mehr zu ändern. Okay Kilian, ich will wissen, was alles passiert ist! Und ich meine wirklich alles!“ Kilian stieß Luft aus. „Wie schon gesagt, hat sie vor gut drei Wochen Blut gespendet. Beim roten Kreuz. Sie ist durch ihren Arbeitgeber angehalten, diese Termine wahrzunehmen. Spricht ja auch nichts dagegen. Sie hatte eine sehr begehrte Blutgruppe. Null negativ, glaub ich. Tja, und nach der Spende war ja auch alles gut. Sie erholte sich und ging auch am nächsten Tag wieder arbeiten. Vier Tage später sagte sie mir, dass sie noch einmal spenden wolle. Diesmal würde sie Geld dafür bekommen und das könnten wir ja auch gut gebrauchen. Ja, sicher! Wer braucht kein Geld und unsere Hochzeit stand vor der Tür. Sie wollte dazu beitragen und hielt es für eine einfache Sache.“ Kilian machte eine Pause und trank einen Schluck Kaffee.



    Sandra Lohkamp sah Semir geschockt an. „Aber ich versteh nicht. Mandy ist tot? Wie kann das sein?“ Semir zog die Schultern hoch. „Über die Todesursache kann ich leider nichts sagen. Sie hatte aber einen extremen Blutverlust erlitten. Nur war sie nicht verletzt. Können Sie das erklären?“ Semir beobachtete die Frau sehr genau. Ihm entging nicht, dass sie nervös wurde. „Oh nein!“ war die Antwort und Semir erkannte, dass es hier ein Geheimnis gab. „Sie wissen doch etwas! Sagen Sie es mir!“ Sie nickte leicht. „Lassen Sie uns in die Kantine gehen. Wir könnten einen Kaffee trinken und ich werde ihnen erzählen, was ich weiß.“ Der Polizist war einverstanden. Sie gingen in die Kantine und suchten sich einen Platz, wo sie sich ungestört unterhalten konnten. „Also, was wissen Sie?“ Sandra Lohkamp atmete tief durch und sah sich verschwörerisch um. „Also, wir, das heißt die Belegschaft unserer Firma, ist durch die Geschäftsleitung angehalten, in regelmäßigen Abständen die Blutspendetermine des roten Kreuzes wahrnehmen. Damit soll der Ruf der Firma aufgebessert werden. Ich weiß nicht, warum das notwendig ist, aber gut. Es sind für uns ja extra vier Urlaubstage, weil wir an den Tagen des Blutspenden immer frei haben.“ Semir nickte nachdenklich. „Okay, und war bei der letzten Blutspende etwas anders?“ Sandra Lohkamp nickte. „Ja, es war sehr merkwürdig. Als wir fertig waren, wollten wir raus auf die Straße und wurden von einem Mann aufgehalten. Er fragte Mandy, ob sie nicht Lust hätte, etwas Geld zu verdienen. Ich weiß, dass sie kurz vor der Hochzeit war und da braucht man ja viel Geld.“ Semir sah sie an. „Können Sie den Mann beschreiben?“ Er sah, dass Sandra nachdachte. „Ja, er trug eine blaue Jeans mit diesen Löchern. Also die, die schon drin sind, wenn man sie kauft. Und er hatte ein rotes Käppi auf. Er war ungefähr so groß wie ich.“ Semir notierte sich die Beschreibung. „Okay, was wollte er von Ihnen?“ Sandra nahm einen Schluck aus der Tasse und sah ihn an. „Nun, er hatte Mandy vorgeschlagen, dass sie noch einmal spenden könnte, diesmal aber gegen Geld. Er hat eine verdammt großartige Summe geboten. Ich glaub der wollte 500 Euro für 500 ml Blut zahlen. Sie wollte es sich überlegen und hat die Visitenkarte genommen.“ „Haben Sie auch eine Karte bekommen?“ Sandra schüttelte den Kopf. „Meine Blutgruppe ist wohl zu häufig. An mir hatte er kein Interesse.“ Semir dachte nur kurz nach. „War Mandy danach noch auf der Arbeit?“ Sandra spielte nervös mit ihren Fingern. „Ja, sie war noch drei Tage da. Dann kam sie auf einmal nicht mehr.“ Semir stand auf, bedankte sich und verabschiedete sich von der Arbeitskollegin.

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  • Kilian erzählte Paul alles was er wusste. Sein ehemaliger Freund war ein sehr guter Zuhörer, doch ihm plagte ein Zweifel. „Wie soll es denn nun weiter gehen? Ich meine, wir sitzen hier und es passiert nichts!“ Paul lächelte und zog die Schultern hoch. „Das ist nicht ganz richtig. Mein Kollege wird die Ermittlungen leiten und wir werden hier auf die Ergebnisse warten. Es dauert sicher noch eine ganze Weile, aber in der Zeit können wir uns ja vielleicht wieder etwas annähern. Mir tat der Bruch der Freundschaft sehr weh. Nicht nur, weil du mir, in meinen Augen, Mandy weggenommen hattest, sondern weil du mein engster Vertrauter warst. Gott, ich hab dir alles anvertraut und wurde zu tiefst verletzt.“ gab Paul von sich. Kilian sah ihn von unten her an. „Ich weiß. Aber das meinte ich jetzt nicht. Ich muss doch auch meinen Dienst machen. Ich meine, wenn ich im Büro bin, kann ich eh nicht ermitteln.“ Paul sah ihn an. „Nun, ich denke du wirst ab morgen wieder deinen Dienst schieben. Bis dahin passe ich auf dich auf und im Büro werden es deine Kollegen machen. So wie ich die Krüger kenne, wird sie deinen Vorgesetzten mit Sicherheit informiert haben. Wenn du willst, kann ich morgen Abend zu dir kommen.“ Kilian lächelte und nickte. „Das wäre sehr gut. Ich kann Freunde gebrauchen. Aber jetzt bin ich etwas müde. Hast du was dagegen, wenn ich mich eine Stunde aufs Ohr haue?“ Paul lächelte sanft und schüttelte den Kopf. Er stand auf und ging ins Bad. Als er zurückkam, war Kilian nicht mehr im Wohnzimmer. Er schien sich wirklich hingelegt zu haben und so machte er den Fernseher an und ließ seinen ehemaligen Freund einfach schlafen. Nach einer guten Stunde klopfte er an die Schlafzimmertür. „Kilian? Willst du nicht wieder aufstehen? Mein Partner wird sicher gleich herkommen und uns über den Stand der Dinge informieren.“ Von seinem ehemaligen Freund kam nichts. „Kilian?! Hey wach auf!“ Er öffnete die Tür und sah, dass das Bett unbenutzt war. „FUCK!“ fauchte er wütend, als er sah, dass das Fenster offen stand. Er rannte hin und sah sofort, dass sein Auto nicht mehr vor der Tür parkte. Erschrocken klopfte er sich ab und tatsächlich! Der Schlüssel war nicht in der Tasche und ihm fiel ein, dass er diesen auf den Tisch gelegt hatte. Im Wohnzimmer jedoch lag er nicht mehr. Verdammt, Kilian hatte ihn gelinkt. Es klingelte an der Tür. Paul ging hin und sah durch den Spion in das Gesicht seines Partners. Tief einatmend öffnete er. „Kilian ist weg.“ „Bitte was?!“ Semir stürmte in die Wohnung und sah sich suchend um. „Wie konnte das passieren?“ wollte er von Paul wissen. „Ich war nur fünf Minuten im Bad und er wollte sich hinlegen. Er ist ja auch ins Schlafzimmer gegangen. Als ich ihn wecken wollte, da war er weg…. und mein Auto auch.“



    „Das darf doch wohl nicht wahr sein! Wie um alles in der Welt konnte das passieren?“ Kim Krüger war wütend und Paul sah zu Boden. Sie hatten die Vorgesetzte nach ihrem Eintreffen in der PAST direkt über Kilians Flucht informiert. „Ich habe nur einen Augenblick nicht aufgepasst. Wir haben uns, nachdem wir uns geprügelt hatten, ausgesprochen. Er sagte mir, dass er müde sei, was ja nach so einem Erlebnis nicht gerade ein Wunder ist und sich hinlegen würde. Ich habe ihm vertraut. Als ich ihn eine Stunde später wecken wollte, da hab ich gemerkt, dass er mich gelinkt hat. Es war mein Fehler.“ „Allerdings! Und das ist nicht akzeptabel! Sie sind doch nicht erst seit gestern in diesem Beruf oder? Sie werden alles tun, ihn wieder zu finden! Egal was! Aber tun Sie es!“ Sie stemmte sich am Schreibtisch ab und sah ihn mit vor Wut glühenden Augen an. Paul zuckte zusammen und nickte. „Ja Frau Krüger…“ kam leise zur Antwort. Kim Krüger atmete tief durch und setzte sich wieder in ihren Stuhl. „Okay, eine Idee wo er sein kann oder warum er verschwunden ist?“ Paul schüttelte den Kopf. Nun mischte Semir sich ein. „Da kann ich vielleicht helfen. Ich habe in der Firma, wo Mandy arbeitete, nachgeforscht und bin auf eine Sandra Lohkamp gestoßen. Sie hat wohl mit Mandy zusammen gearbeitet und mir erzählt, dass sie durch die Geschäftsleitung angehalten werden, Blutspendetermine wahrzunehmen. Beim letzten soll Mandy angesprochen worden sein, Blut für Geld zu spenden. Frau Lohkamp erzählte mir, dass man ihr 500 Euro für 500 ml angeboten hat. Das würde sich dann auch wieder mit Kilians Aussage decken. Mandy soll eine Karte bekommen haben. Ich vermute mit Kontaktmöglichkeiten. Es ist gut möglich, das Kilian nun doch auf eigene Faust ermittelt.“Kim sah ihn nachdenklich an. „Dann ist Ihr Verdacht, vielleicht doch nicht so weit hergeholt. Man kauft Blutspender und saugt sie dann bis zum letzten Tropfen aus. Wer weiß, wie viele Tote es schon gab oder noch geben wird.“ stöhnte sie leise. „Nun, bisher haben wir nur eine Leiche gefunden und mir wäre es recht, wenn es dabei bleibt. Aber jetzt sollten wir uns mal um Kilian kümmern. Wir müssen ihn finden, bevor er Dummheiten macht.“ Kim stimmte Semir zu. „Kümmern Sie sich drum!“ Sie warf Paul einen warnenden Blick zu und dieser sah zu Boden. Semir nickte und zog Paul nur wenig später in ihr gemeinsames Büro.

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  • Semir schloss die Tür und drehte sich zu Paul, der an seinem Schreibtisch saß, um. „Okay Paul! Ich will wissen, was passiert ist und zwar jede Einzelheit!“ erklärte er in einem sachlichen Ton. Paul stöhnte auf. „Ich weiß es nicht genau. Wir sind in seine Wohnung gefahren und er war verdammt wütend, was ich auch verstehe. Er wurde kalt gestellt und das wurmte ihn. Er wollte abhauen aber ich habe ihn zurück gehalten. Und dann haben wir uns geprügelt. Er hatte mich sogar fast geschafft. Ich lag schon am Boden. Er hätte abhauen können, aber ich glaube, seine Wut war so groß, dass er es einfach vergessen hatte. Er saß auf mir und wollte mich schlagen, doch dann brach er weinend wie ein kleines Kind zusammen. Ich bin wieder mit ihm in die Wohnung und hab versucht ihn zu trösten. Wir haben uns ausgesprochen und wollten vielleicht sogar unsere Freundschaft wieder aufleben lassen.“ Paul lachte verächtlich auf. „Er hat eiskalt mit mir gespielt. Er hat mir den Nervenzusammenbruch vorgespielt und ich hab auch noch Mitleid mit ihm gehabt.“ Semir hörte, wie verletzt Paul war. „Weißt du, ich hab ihm gesagt, dass er morgen wieder zum Dienst könne und dort unter Beobachtung steht, damit er keine Dummheiten machen kann. Und jetzt ist er verschwunden! Wir wissen nicht, wo wir suchen sollen! Ich fühle mich so schuldig!“ Semir hörte schweigend zu und nickte als Paul geendet hatte. „Wir werden gleich zu den Kollegen der Sitte fahren. Vielleicht weiß sein Partner ja, wo er sein könnte.“ Paul sah ihn an. Semir spürte, dass sein junger Partner vor Wut kochte. „Ich hatte echt gedacht, dass er es ernst meinte. Aber er verarscht mich, genau wie damals.“ „Manche Menschen ändern sich halt nie. Du kannst ihm auch nur vor den Kopf gucken. Wie es in ihm aussieht, weiß nur er. Wie war Mandy?“ Paul lächelte leicht und schien an die Vergangenheit zu denken. „Mandy war eine tolle Frau. Sie war einfühlsam und liebevoll. Sie hatte ihren eigenen Kopf und sie wusste ihn auch so einzusetzen, dass sie einen Vorteil davon hatte.“ Er stöhnte auf und fuhr sich mit den Händen durch sein Gesicht. „Das hätte nicht passieren dürfen. Das hätte einfach nicht passieren dürfen!“ Semir sah ihn kurz an. „Beruhige dich. Jedem kann so ein Missgeschick passieren. Wir dürfen nur nicht die Nerven verlieren. Fällt dir irgendwie ein Ort ein, wo wir ihn suchen könnten?“ Paul schüttelte den Kopf. „Ich weiß es im Augenblick nicht.“ gab er zu. Sie verließen die PAST und fuhren zu dem Vorgesetzten von Kilian Winther.



    Nur eine Stunde später erreichten sie das Revier, in dem Kilian arbeitete und wurden direkt zum Dienststellenleiter gebracht. Sebastian Buchholz war Kriminaloberkommissar und hatte einen sehr guten Ruf. „Herr Buchholz, es geht um Kilian Winther…“ fing Semir an. Der Mann nickte. „Ja, ich habe bereits von Frau Krüger über das Missgeschick gehört. Ich muss sagen, dass ich doch sehr enttäuscht bin. Ich hatte Kilian nie so eingeschätzt. Die Kollegen sind bereits darüber informiert, dass sie Ausschau nach ihm halten. Ich verstehe nicht, dass er so gehandelt hat.“ Semir hörte dass der Mann sich Sorgen machte. „Wir vermuten, dass Herr Winther nach dem Mörder seiner zukünftigen Frau suchen will. Ich kann es ihm nicht mal verübeln. Ich selbst würde vermutlich sogar selbst so handeln.“ gab er zu. „Das ist nicht zu verstehen. Ich habe Herrn Winther bisher für einen sehr verantwortungsvollen und intelligenten Polizisten gehalten. Scheinbar eine Fehleinschätzung.“ meinte Buchholz nachdenklich. Paul stieß verächtlich Atem aus. „Wie lange kennen Sie Kilian denn, dass Sie ihn direkt verurteilen?“ fauchte er den Vorgesetzten seines Freundes an und bekam von Semir einen mahnenden Blick zugeworfen. „Er ist jetzt seit über fünf Jahren bei uns. Und bisher war er sehr umsichtig und gerecht. Er ist nie ausfallend geworden, was bei unserem Job nicht einfach ist. Sie können sich sicher vorstellen, mit welchem Klientel er es zu tun hat, wenn er auf der Straße ist.“ Semir nickte. „Wer ist sein Dienstpartner?“ „Das ist Manfred Horn, er befindet sich allerdings nach einem Dienstunfall in einer Reha und wird sicher noch einige Monate ausfallen. Das war auch der Grund, dass Herr Winther Innendienst hatte. Sie kennen das ja. Ohne Partner geht es nicht auf die Straße.“ Semir sah kurz zu Paul und nickte dann. „Können Sie sich einen Ort vorstellen, wo er sich verstecken könnte?“ Sebastian Buchholz zog die Schultern hoch. „Leider nein.“ gab er zu. „Okay, wenn Sie etwas von ihm hören, melden Sie sich bitte bei uns?“ bat Semir den Mann und reichte ihm eine Visitenkarte. „Selbstverständlich. Ich werde Sie informieren, sobald mir etwas zu Ohren kommt.“ versprach Buchholz. Semir und Paul verabschiedeten sich.

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