Kalter Schnee, heißes Blut

  • Solheims Augen weiteten sich, als er die Informationen über Brantkvist las. Das konnte alles kein Zufall sein! Eilig griff er nach seinem Telefon und wählte die Nummer von Antti Heikkinen. Seine Füße zappelten ungeduldig über den Fußboden. „Heikkinen, ich hab hier was, dass vielleicht für dich interessant sein könnte.“ Unruhig berichtete er seinem Gesprächspartner, dass seine Leiche einmal einer von Hansens Leuten war. „Weißt du, was das bedeutet? Mikael kannte diesen Mann, und soviel ich herausfinden konnte, ist Brantkvist im Viertel derjenige, der dir eine Waffe besorgt“, sprach er nervös in den Hörer.


    Antti klappte sein Handy zu und bemerkte, dass alle Augen im Raum auf ihn gerichtet waren. „Solheim glaubt, er weiß, bei wem Mikael die Waffe geholt hat.“ Bens Augen begannen zu leuchten. „Und warum schaust du dann so betrübt? Das sind doch tolle Nachrichten!“ Antti schüttelte den Kopf. „Nein, leider überhaupt nicht … der Mann ist tot. Er wurde erschossen. Er kann uns nichts mehr sagen.“ Der deutsche Jungkommissar verstummte. „Wie erschossen?“, murmelte er ungläubig. Nein, dass konnte nicht sein. Ihr einziger Hinweis führte ins Leere. „Man hat ihn heute gefunden … es ist vermutlich vor zwei Tagen passiert.“ Antti setzte sich hin und massierte sich die Schläfen. „Das ist egal“, durchbrach Veikko die aufkommende Stille. „Wir gehen einfach davon aus, dass Brantkvist unser Mann ist und Mikael von ihm die Waffe hat. Er hätte uns sicherlich ohnehin nichts erzählt.“ „Und?“, fuhr ihm Kasper ins Wort, „das hilft uns, weil?“ „Unser Kernproblem ist doch, wie kommt die Mordwaffe in Mikaels Hände?“ Der junge Finne lief nervös in Richtung Tür, verschwand, um wenig später mit einem Haufen Notizen wieder durch die Tür zu stürmen. „Ich habe da doch irgendwo“, murmelte er und wühlte in seinen Papieren. „Ahh…ja hier!“ Ben trommelte mit den Fingern auf seinem Bein. Veikko wusste wirklich, wie man Spannung aufbaut. „An der Tatwaffe waren keine Fingerabdrücke.“ Ben entglitten alle Gesichtszüge und er stöhnte auf. „Das hilft uns nicht weiter, Veikko!“, schimpfte er. „Du machst so einen Wind für eine nutzlose Info.“ „Sie ist nicht nutzlos! Keine Fingerabdrücke? Das stinkt! Semir?...“ Veikko wandte sich zu dem Deutschtürken. „Hatte Mikael Handschuhe an, als er bei uns in der Wohnung war?“ Semir schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Er hatte keine an.“ Ben grinste, als er verstand, worauf der Finne hinaus wollte. „Du meinst, sie haben die Waffe erst im nachhinein ausgetauscht?“, harkte er nach. „Jep, genau! Irgendwer spielt ein doppeltes Spiel.“


    „Woher wusste er, welche Waffe Mikael bei sich tragen würde?“, warf nun Kasper ein und fuhr sich über die Haare. „Nun, es war jemand, der das Viertel kannte, der wusste wer Brantkvist war und der auch wusste, dass Mikael bei ihm auftauchen würde. Ein bisschen Geld und er dreht ihm die gleiche Waffe an, die du für einen Mord benutzt.“ Ben nickte nachdenklich. „Aber all das können wir nun nicht mehr beweisen, da dieser Brantkvist eine Kugel in der Brust hat.“ „Wir sollten die Staatsanwaltschaft trotzdem mit der Tatsache konfrontieren, dass aus irgendeinem Grund keine Fingerabdrücke an der Tatwaffe waren“, ertönte Anttis Stimme und der Blonde griff nach dem Telefon. „Veikko, Kasper … ich will das ihr in dieses Viertel fahrt und euch noch einmal umhört. Vielleicht ist den Leuten dort ja jemand von außerhalb aufgefallen und ich bin mir sicher, dort fällt jemand auf, der nicht da hingehört.“ Ben erhob sich ebenfalls, wurde jedoch von Semir zurückgehalten. „Das ist kein Ort, wo du mitgehen solltest, Partner“, beteuerte er. „Aber!“ Semir lächelte. „Nichts aber, setz dich wieder hin…“ Ben verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich denke, ich kann auf mich aufpassen. Lass mich mitgehen!“ „Benimm dich nicht, wie ein trotziges Kind … du wirst hierbleiben.“ „Wir werden auf ihn aufpassen“, mischte sich Veikko ein. „Es ist nicht so, als würde man dort auf der Straße erschossen werden.“ „Siehst du Semir … du übertreibst mal wieder!“


    *


    Hugo Tonteri sah auf die Uhr, welche an der Wand hing, seine Augen folgten dem Zeiger Minute für Minute. Sein Blick löste sich erst, als ein Mann Mitte 30 durch die Tür trat und sich neben ihn setzte. Er bestellte zwei Wodkas. „Hansen wird da nicht so schnell rauskommen, Hugo“, begann der Mann zu berichten. Tonteri lächelte in sich hinein. Es war doch tatsächlich alles so gelaufen, wie er es geplant hatte. Nachdem er gemeinsam mit Veeti geflüchtet war, hatte sein Partner kalte Füße bekommen, als er gehört hatte, dass der kleine Hansen sie suchen würde. Er wollte zur Polizei gehen. Da war der perfekte Plan in ihm gereift. Was war besser, als ihn die Strafe eines Mörders tatsächlich absitzen zu lassen? Es war schade um Veeti, aber er war sich sicher im Nachhinein hatte sein Freund dieses Opfer sicher gerne begangen. „Was ist mit seinen Freunden? Schöpfen die Verdacht?“ Der Mann neben ihm lächelte. „Sie suchen verzweifelt, finden aber nichts …“ Er lachte. „Das ist gut. Sehr gut!“ Er nahm das Glas in die Hand und schwenkte es vor seiner Nase. Er wünschte, dass er den kleinen Hansen im Knast sehen konnte. Vielleicht konnte er jemanden in die U-Haft schleusen, der dem Jungen den Aufenthalt noch etwas spaßiger machen würde? Es war auf jeden Fall wert, darüber nachzudenken.


    Er stellte das Glas wieder hin. Zunächst hatte er noch andere Pläne, die er verwirklichen wollte. Tonteri stand auf. „Kommst du, wir haben noch etwas zu erledigen. Das Verbrechen schläft nicht und es wird Zeit eine Keimzelle des Bösen aus dem Weg zu räumen.“ Sein Gesprächspartner nickte und folgte ihm aus der Tür. Er lächelte in sich hinein. Wie leicht es doch gewesen war, Veeti zu ersetzen.


    *


    Veikko drücke ihm einen Schlüssel in die Hand. Er sah verwirrt auf den Gegenstand in seinen Fingern. „Was?“ Der junge Finne zeigte auf ein Haus hinter ihnen. „Dritter Stock, links…“ „Und? Was ist da? Ich verstehe immer noch nicht, was der werte Herr von mir möchte?“ Veikko lehnte sich an das Haus. „Hansens alte Wohnung. Mikael bezahlt immer noch die Miete, also schaust du nach, ob du da was findest. Irgendwo muss er gesteckt haben, als er verschwunden war. Wir befragen ein paar Leute.“ „Erst befreist du mich aus Semirs Klauen, um mich dann auszuschließen oder wie? Ich bin mir sicher, dass ihr die Wohnung schon lange gecheckt habt.“ Seine Stimme bebte vor Empörung. Er wollte richtig helfen und nicht alte Wohnungen durchstöbern! „Sinä et puhu suomea!“, antwortete ihm Veikko. Ben sah ihn fragend an, legte die Stirn in Falten. „Och komm, der Diskussion mit Finnisch aus dem Weg gehen. Was denkst du denn?“ „Das war die Antwort auf deine Frage…“, sagte Veikko und nickte Kasper zu. „Du Wohnung, wir finnische Menschen. Jetzt verstanden?“ So langsam sickerte es zu Ben durch, was Veikko mit dem finnischen Satz andeuten wollte. Er seufzte auf. „Jaja ich habe kapiert, dass ich nicht helfen kann.“


    Während die beiden Kommissare die Straße hochliefen, betrat Ben das Haus vor sich und stiefelte die steinernen Treppen herauf, bis er im dritten Stock angekommen war. Er steckte den Schlüssel ins Schloss, drehe ihn zur Seite und zog die Wohnungstür vor sich auf und trat in die kleine Wohnung. Dafür das Hansen in Köln ein dickes Anwesen gehabt hatte, war das hier eine Bruchbude. Was war passiert? Der Mann hatte genug Geld gehabt, warum lebte er also dennoch auf so kleinsten Raum? Vielleicht wollte er unerkannt bleiben? Hier, wo man unter sich ist und niemand über den anderen ein Wort an die Polizei verliert? Er ging weiter in die Wohnung und glitt mit den Fingern über die hölzerne Kommode. Seltsamerweise fand er keinen Krümel Staub vor. Sein Blick blieb an einem Bild haften. Es zeigte Mikael und seine Eltern. Man könnte denken, dass es eine normale Familie war, wenn man es nicht besser wüsste. Er lief weiter und landete in Mikaels altem Zimmer, der einzige Raum, der fast komplett leergeräumt war. Einzig ein Bett und ein Schreibtisch standen noch drin. An der Wand hingen Poster von Eishockey-Stars. Auf dem Tisch lagen Fotos verteilt. Auf einem das ganz oben lag, erkannte er seinen Vater im Alter von vielleicht 25. Neugierig schob er das Foto das darüber lag zur Seite. Er brauchte einige Zeit, bis er verstand, das der Mann der neben seinem Vater in die Kamera grinste, nicht Mikael war, sondern Andreas Hansen. Sie sahen glücklich aus. Er legte das Bild wieder zurück und schob einige andere Bilder auf dem Schreibtisch hin und her. Den Großteil der abgebildeten Menschen kannte er nicht. Einzig Joshua, den er bei ihrem ersten gemeinsamen Fall kennengelernt hatte, konnte er auf den älteren Aufnahmen, auf denen Mikael vielleicht 16/17 war ausmachen. Ab und an meinte er auf Gruppenfotos der Polizeiakademie Veikko, Eva oder Kasper zu erkennen.


    Er löste sich von dem Schreibtisch und blickte aus dem Fenster. Helsinki wirkte von hier aus im Winter sogar noch trostloser, als ohnehin schon. Grau in Grau präsentieren sich die Häuser um ihn herum. Es war unübersehbar, dass Mikael diese Wohnung selbst putze oder putzen ließ. Was zur Hölle brachte ihn dazu, dieses schäbige Ding überhaupt noch zu behalten? Er schüttelte den Kopf. Mikael war manchmal wirklich nicht zu verstehen. In dem einen Augenblick hasste er alles, was mit seiner Vergangenheit zutun hatte, in dem anderen behielt er die alte Wohnung seiner Eltern.


    „Du wusstest nichts hiervon?“ Ben fuhr erschrocken rum. Kasper stand nur wenige Meter hinter ihm. Er schüttelte den Kopf. „Vielleicht fiel es ihm schwer, dir davon zu erzählen, nach all dem was sein Vater dir angetan hat.“ Der deutsche Kommissar nickte. „Vielleicht.“ „Er hat mir mal gesagt, dass es eine Art Mahnmal ist. An eine Zeit, in der alles begann auseinanderzufallen.“ Ben sah auf und blickte in Kaspers Augen. „Es sieht nicht so aus. Es sieht vielmehr danach aus, als wäre es eine Zeit, in der er glücklich gewesen war … diese Fotos. Das Porträt im Flur…“ Er schluckte und sah wieder aus dem Fenster. Er hörte das Klicken eines Feuerzeuges hinter sich. „Sag das bloß nicht Mikael“, murmelte Kasper leise und wenig später roch es nach Zigarettenqualm. „Weißt du Ben, als meine kleine Schwester starb, kurz danach hatten wir ein Fotoshooting, weil mein Vater irgendeinen tollen Richterposten bekam.“ „Und?“ „Es war heuchlerisch. Wir haben nett in die Kamera gegrinst, obwohl wir viel lieber geweint hätten. Ein Foto zeigt oft die Wirklichkeit, wie wir sie gerne hätten.“ Er trat näher an Ben heran. „Ich bin sicherlich nicht der Richtige hierfür, ich kenne Mikael dafür noch nicht lange genug, aber ich kann dir sagen, dass er sich in keiner Minute seines Lebens an diese Zeit zurücksehnt. Vielleicht an die Zeit, wo sein Vater wirklich ein Vater war, aber nicht an die Zeit, in der er ihm alles genommen hat.“


    „Ich weiß überhaupt nicht, was der alte Kram uns helfen soll Mikael zu entlasten!“, schimpfte Ben und drehte sich vom Fenster weg. Diese Wohnung erdrückte ihn, gab Rätsel auf, die er nicht lösen konnte. Ließ ihn daran zweifeln, ob er seinen Freund überhaupt richtig kannte. Er wollte aus dem Raum stürmen, krachte jedoch mit Veikko zusammen, der laut aufstöhnte. Der Finne krümmte sich leicht zusammen und schnappte nach Luft. „Himmel…was ist denn los?! Schau doch nach vorne…Scheiße…“ „Lasst mich einfach, okay!“ Er rannte weiter und flüchtete auf die Straße. Er zog die kalte Luft ein und schloss die Augen. Warum war auch alles immer so kompliziert? „Arrghh!“ Er ließ sich auf den Bordstein fallen und bettete den Kopf in seinen Händen. „Ben?“ Veikko setzte sich neben ihm. „Was ist los?“ „Nichts.“ „Sicher … nichts“, wiederholte der Finne mit sarkastischem Unterton. „Ich bin mir einfach nicht mehr sicher, ob ich wirklich weiß, wer Mikael ist … das ganze hier. Er kennt Leute, von denen ich nie gedacht habe, dass er sie kennt. Er hat eine Wohnung in einem der kriminellsten Viertel von Helsinki. Er … du hast ihn nicht gesehen, als er auf Tonteri los ist, als er dachte, dass Eva …“, seine Stimme stockte und er schüttelte nur den Kopf. „Das ist alles?“, fragte Veikko leicht irritiert. „Dir macht das also nichts!?“ Ben sprang auf und funkelte Veikko wütend an. „Er benimmt sich, als wäre er sein Vater!“ Der Finne schien von seinem Wutanfall unbeeindruckt. „Du steigerst dich in etwas rein Ben … all diese Sachen denkst du nur, weil du ihm gerade nicht helfen kannst…“ „Ach ja!? Dann erklär es mir!“ Veikko lächelte. „Natürlich kennt er solche Leute, sieh dich um Ben…dieses Viertel ist voll von solchen Menschen. Das kannst du nicht einfach so hinter dir lassen mit einem Fingerschnipsen. Die Wohnung hat Mikaels Tante bezahlt, bis er 18 war, danach hat er selbst darin gewohnt, bis wir die Polizeiakademie abgeschlossen hatten. Das ist ein billiges Viertel und mehr konnte er sich nun einmal auch nicht leisten und ja, Mikael rastet schnell aus, aber das kannst du kaum seinem Vater zuschreiben.“ Der Braunhaarige blieb stumm und nickte. Dann jedoch erweckte eine Erwähnung seine Aufmerksamkeit. „Mikaels Tante? Ich dachte er hat zu seiner Familie keinen Kontakt mehr…?“ „Hat er auch nicht mehr … keine Angst, er hat dich nicht belogen.“ Veikko hielt ihm die Hand hin. „Und nun, komm hoch, sonst holst du dir noch was.“ Ben stand auf und sah die Fassade hoch. „Kannst du mich zu Eva bringen … ich denke ich bin heute keine wirklich große Hilfe mehr.“ Veikko lächelte. „Sicher, sobald Kasper fertig ist, bringen wir dich zu ihr.“

  • Veikko sah in den Rückspiegel. „Du denkst immer noch darüber nach“, kommentierte er und Ben sah auf. „Ich kann mir das alles nur nicht erklären. Soll ich so tun, als würde mir das egal sein?“ Der Finne seufzte. „Er hat mit seiner Vergangenheit abgeschlossen, vielleicht solltest du das auch endlich tun, Ben Jäger.“ „Ach und deshalb treibt er sich immer noch in diesem Viertel rum, kann sich dort ohne Probleme eine illegale Waffe besorgen? Hat das Vertrauen von diesen Menschen, sodass sie euch kein Wort sagen?“, brummelte er und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du solltest nicht so auf ihn einhauen, wenn er sich nicht wehren kann“, kam es nun von Kasper. „Euch ist das also egal?!“, schimpfte er. „Wir machen nur keine Szene deshalb … egal, egal. Natürlich ist es nicht egal, dass Mikael sich eine Waffe besorgt und offensichtlich auch den Gedanken hatte, sie zu benutzen, denn sonst kaufst du dir keine Waffe ohne Nummer und Vergangenheit“, antworte ihm Veikko und brachte den Wagen am Seitenstreifen zum Stillstand. Er drehte sich um, blickte Ben in seine Augen. „Aber ich bin mir sicher, dass Mikael diesen Mord nicht begangen hat, die Frage ist, Ben, bist du es noch? Ich weiß nicht, was du plötzlich hast und welche Sicherung bei dir nach der Wohnungsbesichtigung durchgebrannt ist, aber du solltest die langsam austauschen.“ „Natürlich bin ich mir sicher, dass er kein Mörder ist!“, schrie der deutsche Kommissar. Was dachte Veikko eigentlich, wer er war, dass er ihm solche Fragen stellte? „Du bist in einem ganz anderen Umfeld aufgewachsen, Ben“, fuhr Veikko schließlich fort, „In Mikaels Umfeld bittest du nicht mal eben um Hilfe … du löst deine Probleme auf deine Weise und auch wenn er es nicht will, fällt er oft in dieses Muster zurück. Wenn er all das vor dir verheimlicht hat, dann nur um dich zu schützen.“ „Schützen vor was? Sein Vater ist tot! Er lebt nicht mehr, ich habe seine Leiche gesehen!“ Er stöhnte. „Weißt du was Veikko, fahr einfach weiter. Ich habe keine Lust mehr auf diese Diskussion!“ Veikko zog eine Grimasse und ließ den Wagen wieder an. Es dauerte keine zehn Minuten und sie hatten ihn vor Eva und Mikaels Haus abgesetzt.


    Eva lächelte ihn an, als sie die Tür öffnete. „Schön, dass du endlich das Krankenhaus verlassen konntest.“ Er nickte und verschwieg ihr, dass er sich eigentlich vielmehr selbst entlassen hatte. Sie schien seinen abwesenden Gesichtsausdruck zu bemerken. „Was ist los? Ist etwas mit Mikael?“ Er sah auf. Panik spiegelte sich in ihren Augen wieder. Er schüttelte den Kopf. „Nein, nein…es ist nur so viel, was mir nicht aus dem Kopf will.“ „Was?“ Sie zeigte auf das Sofa. „Manchmal hilft es darüber zu reden…“ Er folgte ihr und ließ sich fallen. „Weißt du, ob Mikael jemals Kontakt mit seiner Familie hatte?“, fragte er direkt. Sie schien überrascht über seine Frage. „Wieso fragst du das?“ „Ich war heute in der Wohnung in diesem Viertel und ich, ich weiß nicht…da ist dieses Gefühl, als wüsste ich plötzlich nicht mehr, wer er ist und was er mir noch alles verschweigt. Er hat mir nie von dieser Wohnung erzählt, oder das er noch immer an den alten Erinnerungen hängt.“ „Er hat zu niemand mehr Kontakt…“ Ben beobachtete, wie sie seinem Blick auswich. „Aber?“, hakte er nach. Sie blickte auf ihre Hände, spielte nervös mit ihren Ring. „Vor ein paar Monaten … es war Nachts, er dachte ich schlafe, da habe ich gehört, wie er telefoniert hat … auf deutsch und nicht mit dir oder Semir…“ Ben wurde hellhörig. Eigentlich hatte Mikael keinen Kontakt mehr zu Leuten aus Deutschland. „Mit wem hat er geredet?“ Sie zog die Schultern hoch. „Ich weiß es nicht. Er sagte nur immer wieder, dass er keiner von ihnen sei und sie aus seinem Leben verschwinden sollen. Er nichts von ihnen wissen wolle.“ Der deutsche Kommissar fuhr sich mit der Hand über das Kinn. Wen zur Hölle konnte Mikael angerufen haben? „Ich habe ihn gefragt“, ertönte Evas Stimme und er sah auf. „Aber er wollte nicht darüber reden…wie er nie über irgendetwas reden will.“ Sie lächelte müde. „Wir haben uns fürchterlich gestritten und er musste die nächsten zwei Nächte auf dem ofa verbringen.“


    Er nickte nachdenklich. Wen würde Mikael anrufen, um ihn zu sagen, dass er seine Familie in Ruhe lassen soll? „Das macht alles keinen Sinn“, murrte er sauer und ballte die Faust. Wie gerne würde jetzt einer bestimmten Person eine mitgeben, weil er schon wieder alles für sich behalten hatte und ihn mit Fragen zurückließ.


    *


    Ben ließ das Telefonat, von dem Eva geredet hatte keine Ruhe. Er musste einfach wissen, mit wem Mikael geredet hatte. Vorsichtig glitt er aus dem Bett, zog sich an und nahm leise den Autoschlüssel aus der Schale. Sein ursprünglicher Plan war es gewesen zur Dienststelle zu fahren und irgendwie in den Akten was zu finden, als sein Blick jedoch auf einem Schlüssel mit der Aufschrift „Wohnung-2“ hängen blieb, entschied er sich anders und fuhr erneut in die kleine Wohnung.


    Als er dort angekommen war, setzte er sich auf Mikaels Bett. Das Zimmer war nicht besonders groß und er vermochte sich nicht vorzustellen, dass es mit mehreren Möbeln sicherlich noch eine Ecke kleiner war. Wie groß wohl Mikaels Zelle war? Er schüttelte den Kopf. Er wollte nicht an so etwas denken. Er stand auf und schob die oberste Schublade auf. Dort lagen einige Briefe. Neugierig griff er danach und öffnete den, der oben lag. Ben erkannte die Handschrift wieder. Es war die seines Vaters.


    Ich kann deinen Wunsch verstehen, aber ich hoffe, du respektierst auch meinen. Eine Familie, wie die deine bedeutet Gefahr für Ben und Julia. Daher möchte ich, dass du nicht mit ihnen in Kontakt trittst.


    Bens Augen weiteten sich vor Unglauben. Er hatte immer gewusst, dass sein Vater nicht respektierte, dass er mit Mikael befreundet war, aber dass er ihm damals angefleht hatte, nicht mit ihm in Kontakt zu treten? Wie konnte er nur? Er hatte immer gewusst, dass Mikael lebte und es ihm all die Jahre verschwiegen. „Zu deinem Schutz Ben. Du weißt nicht, zu was diese Familie im Stande ist“, hallte die Stimme seines Vaters in seinem Kopf wieder. Er griff nach dem nächsten Brief, deren Handschrift er nicht kannte.


    Michael, du bist mein Fleisch und Blut. Ich bitte dich nimm Kontakt zu mir auf, lasse mich an deinem Leben teilhaben. Ich will nichts, als dein Bestes. Ich hoffe, du glaubst mir und rufst mich an. Ich habe jederzeit ein offenes Ohr für dich. G. Wer zur Hölle ist G.? Er öffnete noch einige andere Briefe darunter, die alle den gleichen Inhalt hatten. ‚G‘ sprach von Familie und Zusammenhalt und davon, dass er sich doch melden solle. Ben sah auf das Datum des Poststempels. Die Briefe gingen über mehrere Jahre, der letzte war gerade einmal ein paar Monate alt. Er stöhne auf. So sehr er sich auch bemühte, er kam auf keinen Namen im Mikaels Umwelt, der mit ‚G‘ begann. Frustriert wühlte er weiter in der Schublade. Vielleicht gab es noch weitere Hinweise. Sein Blick fiel auf einen Notizblock, dessen erste Seite bis zur Hälfte vollgeschrieben war. Er zog ihn heraus und setze sich auf den Schreibtischstuhl. Mühevoll versuchte er Mikaels Handschrift zu entziffern. Er stutzte. All das waren Informationen zu einem Tathergang. Genauer gesagt, dem Augenblick, als Andreas Hansen seinem eigenen Sohn in den Rücken geschossen hatte. Er legte den Block wieder zurück und sein schlechtes Gewissen meldete sich. Er hatte nie gemerkt, dass Mikael dieser Moment nie losgelassen hatte, dass er verzweifelt versuchte Klarheit zu bekommen, ob sein Vater ihn tatsächlich hatte umbringen wollen. Ihn, seinen Sohn.


    Er ließ sich auf das Bett fallen und betrachtete die Decke. Wer war dieser verdammte ‚G‘? „Du solltest Hinweise suchen, die Mikael helfen“, schimpfte er selbst mit sich. „Aber du wühlst stattdessen wieder in Mikaels Vergangenheit.“ Er richtete sich wieder auf. Es gab nur eine Person, die er kannte, die wissen konnte, wer ‚G‘ war. Eilig stieg er wieder in den Wagen. Nur 20 Minuten später war in einem der nobelsten Wohngegenden von Helsinki angekommen. ‚Ironisch‘, dachte er. ‚Von einer Welt in die andere in nur 20 Minuten.‘ Er parkte den Wagen vor einem edlen Altbau und hastete die Treppen eilig hoch, machte vor einer weißen Tür halt und drückte einige Mal kräftig den Klingelknopf. „Perkele“, hörte er jemand von drinnen fluchen und nur wenig später starrten ihn die müden Augen von Antti an. „Was zur Hölle? Ist was passiert?“ „Ich muss mit Veikko reden.“ „Um 2:00 Uhr Nachts?“, fragte Antti erstaunt, schob aber dennoch die Tür auf. Ben trat herein, wo ihn das nächste verschlafene Augenpaar empfing. „Partner, was ist los? Ist was mit Eva, oder…“ „Ich will nur zu Veikko, es ist wichtig. Was Persönliches“, presste er hervor. Antti und Semir warfen sich vielsagende Blicke zu. „Was ist denn passiert?“, fragte Semir erneut. „Wirklich, es ist was Persönliches. Etwas was ich wissen muss, es hat nichts mit dem Fall zu tun.“


    „Ben?“ Er sah auf und fand endlich die Person, die er suchte. „Veikko, ich brauche deine Hilfe. Können wir in dein Zimmer gehen?“ Der junge Finne sah ihn verwirrt an. „Ähh, ja…“ Er zog die Tür zu seinem Zimmer weiter auf und Ben huschte schnell durch, um den Blicken und Fragen der älteren Kollegen zu entgehen. Der deutsche Kommissar setzte sich auf einen Sessel in der Ecke des Raumes. „Ich war noch Mal in der Wohnung“, sagte er. Veikko setzte sich gegenüber von ihm auf das Bett. „Und?“ „Da waren so Briefe und…“ „Du liest seine Briefe?“, fuhr Veikko dazwischen. „Ich…ja sorry…ich konnte nicht anders. Auf jeden Fall, ist da immer dieser G. Er schreibt was von Familie und das sie zusammenhalten sollen. Weißt du, wer das ist? Ich meine, du und Mikael ihr kennt euch seit der Polizeiakademie und ich bin mir sicher, dass er-“ Er hielt inne, als er sah, wie Veikko den Kopf schüttelte. „Nein, ich kenn ihn nicht. Das Einzige, was ich dir sagen kann, ist das Mikael mir mal vor einigen Jahren erzählt hat, dass da dieser Mann ist, der ihm immer wieder schreibt und ihn um ein Treffen bittet. Er sagte nur, dass es jemand aus seinem alten Leben ist. Mehr nicht.“ Ben wippte nervös mit seinen Füßen. „Und, hat er ihn getroffen?“ Veikko sah ihn skeptisch an. „Hast du nicht gerade gesagt, du hast die Briefe gelesen? Sag du es mir.“ „Nein…ich denke nicht“, murmelte er. Der Finne gähnte. „Da du ja nun endlich Mikaels Vergangenheit geklärt hast, kann ich dann weiter schlafen?“ „Ich bin ein schlechter Freund, oder?“, fragte Ben nachdenklich. Veikko stöhnte. „Wie kommst du darauf?“ „Ich habe gezweifelt, an einen meiner besten Freunde. Ich habe gezweifelt, dass er mir alles anvertraut, vielleicht habe ich sogar für einen Moment geglaubt, dass er wirklich zu einem Mord im Stande ist.“ Er fuhr sich mit den Händen durch die Haare. „Und Mikael? Der sitzt im Knast und bräuchte wirklich meine Hilfe in anderen Bezügen.“ „Hör zu Ben, es ist normal auch mal zu zweifeln. Vielleicht hast du dich gesorgt, dass ihn jemand aus seinem anderen Leben irgendwo reinzieht … Mikael hält dich sicherlich nicht für einen schlechten Freund … Perkele, warum muss ich dir das überhaupt erzählen? Ich bin der Jüngere!“


    Ben nickte. „Denkst du, dass es ihm gut geht?“ „Er wird schon klarkommen Ben, mach dir keine Gedanken. Ich bin mir sicher, er wird bald wieder draußen sein.“ Er stand auf und schob ihn aus seiner Tür. „Und bitte, Ben Jäger, geh nach Hause und schlaf jetzt endlich!“

  • Er versuchte den Tagen verzweifelt einen Sinn zu geben, doch mit jedem verstrichenen Tag wurde es schwerer. Das Einzige, was seinem Tagesablauf noch eine Struktur gab, waren die Essenzeiten und der Hofgang. Von 10 bis 11 Uhr war der Hofgang. Um 12 Uhr die Mittagsausgabe. Gegessen wurde in der Zelle, als würde einen die Einsamkeit nicht ohnehin schon zermürben. Meist gab es Suppe, selten Obst oder Nudeln. Am Nachmittag war der Schichtwechsel und es wurde kontrolliert, ob doch alle in der Zelle waren. Um 17 Uhr gab es Abendbrot. Samstags und dienstags durfte geduscht werden. Die Restzeit verbrachte man hinter geschlossenen Türen in der Zelle. Nur zäh vergingen die Tage hinter Gitter. Die Minuten schienen nicht verstreichen zu wollen und manchmal hatte er das Gefühl, als das eine Stunde mehr als 100 Minuten hatte.


    Sein Blick fiel auf die dicken Aktenordner auf dem Tisch. Seine Ermittlungsakten. Inzwischen war er sie mehrere Male durchgegangen, kannte sie bereits auswendig. Geholfen hatte ihm das jedoch nicht. Den einzigen Hinweis, den er hatte, war das man keine Fingerabdrücke an der Waffe gefunden hatte. Es mussten welche daran sein, er hatte sie in der Hand gehabt! Sein Verteidiger hatte ihm gesagt, dass er einen neuen Haftprüfungstermin anordnen werde, aber seitdem hatte er nichts mehr gehört. Immerhin hatten diese elenden Kopfschmerzen vor vier Tagen nachgelassen. Das konnte man angesichts seiner Gesamtsituation, sicherlich in der Spalte ‚positiv‘ verbuchen.


    Er hörte, wie ein Schlüssel im Türschloss umgedreht wurde und wenig später stand ein Vollzugsbeamter in seiner Zelle. Er steckte kurz seinen Kopf herein und sprach nur ein Wort: „Hofgang!“ Mechanisch zog er die Schuhe an und trat in den Gang, folgte den anderen Häftlingen in Richtung des Hofes. Es war kalt und sein Atem bildete in der Luft Wolken. Er setzte sich stumm auf eine Bank und richtete den Blick auf die dicken Mauern um sich herum. Er redete sich ein, dass er bald wieder die andere Seite sehen würde, aber er begann mit jedem verstrichenen Tag die Hoffnung weiter aufzugeben. Elf Tage saß er schon hier drin. Elf Tage Einsamkeit und Langeweile. „Hansen.“ Das war nicht die Stimme von Häpi. Er sah überrascht auf. Ein Mann stand vor ihm. Er war vielleicht Mitte vierzig, hatte blondes Haar, das er nach hinten gegelt hatte. Er kannte den Mann nicht, hatte ihn noch nie zuvor gesehen. „Sind Sie Hansen?“, fragte er erneut. Er sah ihn schief an. „Nein, Häkkinen…der Name ist Häkkinen!“, fauchte er. Der Fremde grinste dümmlich. Mikael preschte hoch. „Was ist dein Problem? Suchst du Ärger, oder was!?“ Sein Grinsen wurde breiter, unheilvoller. Der Mann packte ihn blitzschnell an den Schultern und drückte ihm sein Knie mit einem kräftigen Schlag in den Bauch. Er fiel auf die Knie, als sich Schmerzen in ihm ausbreiteten. Er sog die Luft zwischen seinen Zähnen ein, gab sich Mühe keinen Schrei von sich zu geben. „Was?“, stöhnte er leise, als der Mann zu einem Tritt ansetzte. Er suchte nach Hilfe, doch der junge Beamte in seiner Nähe sah nur zu. Lächelte er? Ehe er sich hochstemmen konnte, drückte der Typ ihn zu Boden. „Schönen Gruß von Tonteri…!“, zischte er ihm ins Ohr. Dann packte er seinen Kopf und schlug ihn auf die harte, eisige Erde. Einmal, zweimal. Vor Mikaels Augen begann es zu flimmern. Dreimal. Sein Kopf dröhnte und er suchte kraftlos und blind nach dem Gegner über ihm. Viermal. „Ey! Finger weg!“, hörte er weit entfernt eine Stimme schreien.


    Der Typ über ihm wurde von jemand weggezogen. Wenig später erschien das verschwommene, vernarbte Gesicht von Häpi in seinem Blickfeld. „Häkkinen, ist alles in Ordnung?“, fragte er. Er nickte und stand langsam auf. Er taumelte, knickte wieder ein, fiel jedoch nicht zu Boden, da Häpi nach seinen Armen griff. Erst jetzt erkannte er, dass ein weiterer Vollzugsbeamter hinzugekommen war. „Was ist hier passiert?“, wollte der Ältere wissen. „Er hat einen Streit provoziert, auf den Mithäftling eingeschlagen…“, antwortete der Jüngere, der der dumm daneben gestanden hatte. „Das-das stimmt nicht!“, wehrte er sich. „Ich…“ Alles verschwamm erneut. Er spürte, wie seine Beine wiederholt nachzugeben drohten. Ohne die Hilfe von Häpi würde er sich sicherlich nicht einmal auf den Beinen halten können. „Gebe einen Bericht ab“, ordnete der Ältere seinem jungen Kollegen an. „Er braucht einen Arzt, seht ihr Flachpfeifen das nicht?“, wetterte der Mann neben ihm. „Okay, Sie stützen ihn auf den Weg zur Krankenstation“, ertönte die Stimme des älteren Wachmannes.


    Mikael begann zu zittern und nur nach wenigen Metern wurde ihm fürchterlich übel. „Mir-mir ist nicht gut“, presste er hervor und fiel auf die Knie, um sich zu übergeben. „Ja Scheiße, was eine Sauerei“, schimpfe der Beamte. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, ehe die Übelkeit nachließ. „Geht’s wieder Häkkinen?“, fragte eine dunkle, rauchige Stimme und er nickte. Er kämpfte sich hoch und spürte, wie Häpi seinen linken Arm um seine Schulter und die rechte Hand um seine Hüfte legte. „Sag, wenn die Schmerzen schlimmer werden.“ Er rang sich zu einem leisen „Ja“ durch und sie setzten ihren Weg zur Krankenstation fort. Als sie angekommen waren, ließ Häpi ihn auf der Trage nieder, ehe er auf Anordnung des Wachmannes wieder aus dem Raum verschwand und seinen Hofgang fortsetzte.


    Der Arzt fuchtelte mit einer winzigen Taschenlampe vor ihm rum und leuchte in seine Augen. „So weit, so gut“, nuschelte er gedankenverloren und verstaute das Lämpchen wieder in seiner Brusttasche. „Sie haben eine Gehirnerschütterung“, sagte er mehr zu dem Beamten in der Tür, als zu ihm. „Ich denke, sie sollte es ein paar Tage ruhig angehen. Den Hofgang streichen und in ihrer Zelle bleiben.“ Mikael bemühte sich nicht aufzulachen. Wie sollte er es hier nicht ruhig angehen lassen? Er machte doch ohnehin 23 Stunden am Tag nichts anders, als auf dem Bett zu liegen. „Heute Nacht werde ich Sie zur Beobachtung hier behalten. Der Beamte wird Sie auf die Bettenstation bringen, morgen früh können Sie dann wieder in ihre Zelle.“




    *


    Ben ließen die Briefe keine Ruhe. Seit er heute morgen im Büro aufgetaucht war, ging ihm dieser ‚G‘ nicht mehr aus dem Kopf. Er wollte nicht mehr in Mikaels Vergangenheit rumstöbern, aber doch war da dieses Gefühl, das er es musste. Er schloss die Augen und dachte an die Zeit zurück, in der Mikael noch in Köln war. Seine Mundwinkel zogen sich nach oben, als er daran dachte, wie viel Scheiß sie gemeinsam gebaut hatten. Er hielt inne. Moment! Hastig erhob er sich von seinem Platz. Kasper sah ihn schief an. „Was ist los? Du wirkst plötzlich so nervös…“ „Die Unterlagen von Andreas Hansen, habt ihr die auch auf Deutsch?“ Er lehnte sich über Kaspers Schreibtisch und sah sein Gegenüber aufgeregt an. „Sag schon, Kasper…“ „Äh, ja, ich denke schon, aber das wird kaum helfen, um Mikael aus dem Gefängnis zu ho-“ Er winkte ab. „Darum geht es mir gerade nicht, ich muss wissen, was er mir verheimlicht.“ „Du bist schon ein bisschen paranoid, oder?“, murrte Kasper leise, tippte aber dennoch auf seiner Tastatur rum. „Ich schickte dir die deutschen Unterlagen auf deinen Rechner. Was auch immer du damit willst.“


    Ben sprintete zu seinem Platz zurück und klickte nervös mit der Maus hin und her, bis endlich eine neue Mitteilung erschien. Hastig öffnete er das Dokument und flog über die Seiten. „Ich wusste es…“, stieß er aus. „Mikael hatte einen Großvater.“ „Das hat jeder, hast du bei dem Thema Sexualkunde in der Schule nicht aufgepasst“, stieß Kasper amüsiert aus. „Hää? Das meine ich nicht, ich meine der Mann ist nicht tot! Er ist quicklebendig und doch hat Mikael nie über ihn geredet.“ Ben trommelte mit den Fingern auf dem Tisch herum, als er den Namen des Mannes in seine Suchmaschine eintippte. „Mikael hat über niemanden aus seiner Familie geredet. Was ist denn nur los mit dir? Du kommst vom wirklichen Fall ab und es tut mir leid Ben Jäger, dass ich das so sagen muss, aber du benimmst dich gerade wie Mikael. Einsamer Rächer und so … klingelt da was bei dir? Hat bisher nur Probleme gebracht diese Nummer.“


    Der Braunhaarige beachtete den finnischen Kollegen nicht. Seine Augen glitten gebannt über die Worte vor ihm. Georg Hansen, 1987 Verdacht auf Drogenhandel, Verfahren eingestellt. War das der Mann mit dem Mikael gesprochen hatte am Telefon? Der ihm die Briefe geschrieben hatte? ‚G‘ wurde als Initial passen. Der Typ wohnte noch in Köln. Er notierte sich die Telefonnummer auf einem Zettel. „Kannst du mir einen Rufnummernnachweis von Mikaels Festnetzanschluss besorgten?“ Er sah auf. Kaspers Gesicht war von Verwirrung gekennzeichnet. „Wozu? Ermitteln wir nun plötzlich gegen Mikael? Denn dann würde ich das gerne wissen…“ „Ich will nur was nachprüfen.“ „Was?“ „Ob er Kontakt mit seinem Großvater hatte…nicht mehr und nicht weniger“, stieß er genervt aus. „Jaja ist ja gut, ich besorge dir den Nachweis, aber vielleicht solltest du dir klar werden, was du gerade willst, Ben.“ Er blickte auf und sah den Finnen fragend an. „Was meinst du damit?“ Kasper lachte. „Was meine ich damit, fragt er. Erst wühlst du in Mikaels Vergangenheit, dann sagst du zu Veikko, dass es dumm war Mikael nicht zu vertrauen, dann wühlst du wieder in dem alten Kram rum … das ist etwas verwirrend.“ „Ich will nur wissen, woran ich bin“, stieß er wütend aus und verließ den Raum. „Ich brauche frische Luft“, nuschelte er leise.


    Frustriert ließ er sich auf eine der Parkbänke nieder. „Was machst du denn nur Ben Jäger“, sagte er laut zu sich selbst. „Du rührst in Mikaels Vergangenheit und das ohne Grund. Warum tust du das?“ „Vielleicht, weil es eine Welt ist, die du nicht verstehst?“, ertönte eine zweite Stimmte und er drehte den Kopf hektisch zur Seite. „Semir“, entkam es ihm leise. Sein Partner setzte sich neben ihn. „Weißt du Ben, da ich selbst aus ähnlichen Verhältnissen kam, wie Mikael…“ „…dein Vater ist kein Drogenboss“, fuhr er ihm dazwischen. Semir seufzte. „Du weißt, wie ich das meine, Ben. Ich verstehe das Verhalten von Mikael. Er will dich vor all dem schützen Ben, deshalb verheimlicht er dir das ein oder andere Detail.“ Der Deutschtürke lächelte. „Ich für meinen Teil würde an Mikaels Stelle vielleicht vor dir auch verheimlichen, wenn mein Großvater zu mir Kontakt will und mich mit Briefen bombardiert … du reagierst auf den Namen Hansen allergisch.“ „Woher, weißt du? … Kasper hat es euch erzählt?“ Semir legte seine Hand auf Bens Schulter. „Natürlich hat er das. Er hat sich Sorgen gemacht. Er sagte, dass du dir nicht sicher bist auf welcher Seite du stehst und ich frage mich, warum? Warum bist du dir nicht sicher.“ „Ich bin mir sicher!“, schimpfe er wütend. „Ich will nur wissen, wen er mir verheimlicht und warum!“ „Und jetzt, wo du es weißt, fühlst du dich besser?“ Ben stutzte. „Nein…nicht wirklich…“ Semir lächelte. „Weil er den Namen Hansen trägt?“ „Semir, ich-ich versuche ja zu glauben, dass Andreas Hansen das einzige schwarze Schaf dieser Familie ist, aber warum hat Mikael dann keinen Kontakt zu dem Rest? Da ist dieses Gefühl…ach das verstehst du nicht!“ Er wollte aufstehen, doch sein Partner hielt ihn zurück. „Vielleicht ist dein Gefühl richtig, Ben, aber versuche nicht dich da in etwas reinzusteigern. Das alles kann dir nur einer erklären und der sitzt in einer Zelle. Also wenn du Antworten auf deine Fragen willst, musst du erst mit uns zusammenarbeiten und ihm helfen daraus zukommen.“ Ben seufzte. „Ich weiß, ich weiß…aber…“ „Nichts aber, Partner. Ich bin mir sicher Mikael weiß eine Antwort auf die Fragen, also solltest du dir nicht deinen hübschen Kopf zerhämmern.“

  • Um 7 Uhr kam ein Wärter und holte ihn von der Krankenstation ab. Sein Kopf pochte noch immer fürchterlich bei jeder Bewegung, aber immerhin hatten die Übelkeit und der Schwindel nachgelassen. Er lag auf seiner Pritsche und betrachtete die Decke. Wie war es Tonteri gelungen hier drin Leute zu bestechen? Bis gestern war ihm der Typ nicht wie einer vorgekommen, der solche Kontakte haben könnte. Er spitze die Ohren, als ein Schlüssel in das Schloss seiner Tür gesteckt wurde und die Eisentür wenig später mit einem leisen Knarren aufgezogen wurde. „Komm duschen!“, sagte die Stimme des jungen Vollzugsbeamten. Er starrte ihn verwirrt an. „Heute ist doch überhaupt nicht Duschtag“, murmelte er. „Willst du das Blut nicht ordentlich vom Körper haben, außerdem stinkst du nach Erbrochenem!“, stichelte der Mann vor ihm. Mikael erhob sich langsam und folgte dem Mann aus der Zelle heraus. Immer wieder sah er vorsichtig über seine Schulter. Warum zur Hölle grinste der Typ so? In seinem Kopf schrillten sämtliche Alarmglocken. Irgendetwas stimmte nicht. Er lief in eine verflixte Falle!


    „Weiter Häkkinen!“, schimpfte der Vollzugsbeamte hinter ihm. „Ich will mit ihrem Vorgesetzten reden“, sagte er. „Du wirst jetzt duschen!“ „Ich will die Duschzeit heute nicht in Anspruch…“ weiter kam er nicht. Der Mann hatte ihn in den Raum geschupst. Erschrocken sah er in das Gesicht von dem Typen, der für seine höllischen Kopfschmerzen verantwortlich war. „Dein Bodyguard kann dich jetzt nicht schützen, Hansen“, säuselte er. „Du denkst, du kannst mich einfach so überlisten. Diesmal gelingt dir kein Überraschungsangriff!“ Mikael wollte gerade auf den Typen zustürmen, als er von hinten am Pullover gepackt wurde und ihn jemand gegen die Wand schlug. Der Aufprall zog mit Schmerzen durch seinen ganzen Körper. Ohne ihn loszulassen, drückte der Wachmann ihn gegen die kalte Fliesenwand. Die Haut über einer Augenbraue war aufgeplatzt. Blut quoll hervor und lief über das Gesicht. „Dumm nur, dass du die zweite Person im Raum vergessen hast“, zischte er ihm ins Ohr. Der andere Kerl kam auf ihn zu. Er zappelte, versuchte sich aus dem Griff des Beamten zu befreien. „Das wird Konsequenzen habe. Ich mache euch fertig!“, brüllte er. „Achja, wer glaubt dir schon?“ Er wurde an seiner Kleidung von der Wand weggezerrt und mit voller Kraft erneut gegen die Wand geworfen. Diesmal schlug er mit dem Kopf gegen die Fliesen. Er schloss die Augen und holte ein paar Mal tief Luft. Er wollte jetzt nicht ohnmächtig werden. Doch er wusste, dass er dabei war den Kampf zu verlieren. Finsternis umgab ihn und ließ ihn nicht mehr los.


    „Hey, aufwachen!“ Mikael spürte einen stechenden Schmerz in der Rippengegend und in seinem Schädel. Gleichzeitig klatsche ihm eiskaltes Wasser über den Körper, drang durch die Kleider auf seine Haut. Verschwommen konnte er zwei Personen vor sich erkennen. „Na, sieh an da ist er ja wieder.“ Er spürte, wie er nach oben gezogen wurde und wenig später erneut gegen die Wand klatsche. Er rutschte auf den nassen Fliesen aus und landete auf den Knien unter der kalten Dusche. Mit zittrigen Händen versuchte er sich wieder hochzustemmen. Die beiden Männer brachen in Gelächter aus. „Dafür wirst du deinen Job verlieren!“, schrie er wütend in Richtung des Vollzugsbeamten. „Ich werde mir deinen Scheißnamen merken!“ Das eiskalte Wasser begann auf dem Körper zu brennen. „Wo liegt das Problem. Nichts stärkt die Abwehrkräfte so gut, als eine eiskalte Dusche jeden Morgen!“, jauchzte er. Er sprang auf ihn zu und drückte ihn gegen die Wand, umgriff seinen Hals. Da war sie wieder, die Angst! Bilder von Ben, wie er blutend vor ihm lag, drangen in sein Gehirn. Das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen, der Druck von dem Seil. Seine Zähne begannen zu klappern und er wusste nicht, ob es vor Panik oder Kälte war. Irgendwann ließ der Mann von ihm los und er fiel zu Boden. Sein Körper verkrampfte sich, ihm wurde übel und er drehte sich auf die Seite, um sich zu erbrechen. Er hörte das Gelächter der beiden Angreifer, wie durch Watte. „Komm Hansen, du hast genug für heute“, zischte jemand und zog ihn hoch.


    Nur am Rande bekam er mit, dass ihn der junge Vollzugsbeamte wieder zurück in die Zelle brachte. Er ließ ihn auf die Pritsche fallen. „Kein Wort zu niemanden Hansen, wir wissen, wo deine Familie wohnt!“. Er hörte wie die dicke Eisentür ins Schloss fiel und der Schlüssel umgedreht wurde. Er war alleine. Vollkommen alleine. Er wollte mit seiner rechten Hand seinen Kopf abtasten, doch jede Bewegung verursachte ihm furchtbare Schmerzen. Er ließ die Hand wieder fallen und schloss erschöpft die Augen. Er wollte nur noch schlafen und die letzten grauenhaften Tage aus seinem Gedächtnis streichen, doch seine Vernunft hielt ihn wach. „Steh auf, Idiot, du musst aus den nassen Klamotten raus“, presste er heraus und hievte sich mühevoll aus dem Bett. Sofort als er Bodenkontakt hatte, knickte seine Knie unter ihm ein. Er merkte, wie ihm erneut übel wurde. Schwermütig robbte zum Klo und erbrach sich abermals, bis nur noch Galle kam. Er war zu erschöpft und konnte den Schmerzen nichts mehr entgegenbringen. Die Umgebung verschwamm einmal mehr vor ihm und er gab sich der Müdigkeit geschlagen, sank neben dem Klo auf den Fußboden und ließ sich von der Finsternis umklammern.


    *


    Müde tastete Ben nach seinem Handy. „Ja…“, nuschelte er leise und rieb sich mit der rechten Hand den Schlaf aus den Augen. Unnötig, wie sich herausstellte, die Nachricht sorgte dafür, dass er binnen Sekunden hellwach war. „Ich, ich komme sofort!“, teilte er seinem Anrufer mit und sprang aus dem Bett und suchte seine achtlos verteilten Kleidungsstücke zusammen. Als er vor die Tür trat, starrte Eva ihn verwundert vom Frühstückstisch an, wo sie gerade Oskari Milch in seine Schüssel gab. „Ist alles in Ordnung, du wirkst unter Strom?“, fragte sie. „Äh…ja..es gab einen Anschlag…in diesem Viertel.“ Sie schluckte. „Tonteri?“ Er nickte und griff nach dem Autoschlüssel, der auf der Kommode lag. „Es tut mir leid…ich würde gerne in Ruhe mit euch Frühstücken, aber du weißt…die Arbeit.“


    Nur wenig später sah Ben eine Fassade hoch. Dicke schwarze Rußflecken zeugten davon, was hier passiert war. Ein Schauer lief ihm über den Rücken, wenn er daran dachte, dass er erst vor wenigen Stunden selbst in diesem Gebäude gewesen war. „Das ist ganz klar die Handschrift von Tonteri“, hörte er weit entfernt Veikkos Stimme. Er löste seinen Blick und drehte sich langsam im Kreis. Das Haus war nicht das einzige Ziel dieses Wahnsinnigen gewesen. Insgesamt hatte es fünf Gebäude getroffen. Er hörte Menschen auf Finnisch schreien. Einige lieferten sich Kämpfe mit den Uniformierten, die sie nicht in ihre Häuser ließen. Vermutlich war dies einer Momente, in denen sie Mikael wirklich brauchten. Er kannte diese Menschen, wusste, wie man mit ihnen redete. „Man hat bisher sechs Leichen gefunden.“ Semir stellte sich neben ihn und er nickte. „Dieses Schwein, warum entkommt er uns nur immer und immer wieder!“, zischte er leise. Ben hörte, wie sich zwei Männer aufgeregt auf Finnisch unterhielten und drehte sich in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Antti stand dort mit diesem Typen von der SUPO, der Arsch, der seinen Freund hinter Gitter gebracht hatte. Wut stieg ihn ihm auf und er machte bereits die ersten Schritte in ihre Richtung, ehe Semir ihn zurückzog. Der Deutschtürke schüttelte den Kopf. „Mach es nicht noch schlimmer, Ben.“


    „Antti, was wird das hier! Pfeif deine kleine Bande zurück. Es ist schon lange Sache der SUPO!“ Taskinen baute sich vor ihm auf. „Ach, ich dachte du bist damit beschäftigt unschuldige Polizeibeamte im Knast festzuhalten…wir wollten dir nur Arbeit abnehmen, Jesse.“ Der stämmige Finne zog den rechten Mundwinkel leicht nach oben. Grinste seinen ehemaligen Vorgesetzen schief an. „Mikael ist schuldig, Antti, es wird Zeit, dass auch du das verstehst!“ „Was ist mit den Fingerabdrücken…er hatte keine Handschuhe an, wie kommt es, dass an der Waffe keine sind!“, schrie er. „Sag du mir nicht, wer Schuldig ist! Hier wird ein falsches Spiel gespielt.“ Antti tippte bedrohlich auf die Brust seines Gegenübers. „Jemand will meinen Freund, meinen Kollegen für etwas verantwortlich machen, was er nicht getan hat.“ Taskinen sah ihn entgeistert an. „Diese Infos dürftest du nicht einmal haben…“, der Blick des Älteren blieb auf Veikko haften, „…der ist also wirklich so gut, wie behauptet wird. Naja es hat sich um einen Fehler gehandelt Antti. Auch die Technik baut mal Scheiß. Es wurde korrigiert. Häkkinens Abdrücke waren auf der Tatwaffe.“ Taskinen drehte sich weg und wollte gehen, doch Antti hielt ihn zurück. „Bei dir spielt jemand ein doppeltes Spiel! Mikael ist unschuldig, hole ihn endlich daraus!“ „Wenn du nicht deinen Job verlieren willst, Antti, lässt du mich jetzt los!“, zischte der Mann vor ihm. Der Blonde funkelte ihn wütend an. „Wir werden beweisen, dass Mikael niemanden umgebracht hat. Ihr könnt uns nicht aufhalten!“ Taskinen trat näher an ihn heran. „Ich weiß, dass dir dein Job nicht sehr viel bedeutet Antti, du kannst locker von den Millionen deines Vaters leben, aber was ist mit Lindström? Willst du, dass ich deinen fleißigen Mitarbeiter anschwärze. Einer von deinen Leuten im Knast reicht, oder denkst du nicht?!“ Antti blieb stumm, auch wenn sein Körper vor Wut zitterte. „Ich sehe wir verstehen uns. Und jetzt möchte ich, dass du dein Team einsammelst und von unserem Tatort verschwindest!“


    Antti trat wütend auf Ben und Semir zu. „Wir müssen gehen…“, presste er hervor. „Wie jetzt? Sagt das dieser Taskinen?“, hinterfragte Ben und wollte sich wieder in Bewegung setzen. Diesem Typen musste mal jemand die Meinung sagen! „Untersteh dich!“ Antti packte ihn an den Arm und hielt ihn fest. „Er hat uns in der Hand. Er weiß, wie wir an die Ermittlungsakten gekommen sind.“ Ben schluckte. „Aber…Tonteri war mal unser Fall, er er…“ „Ich weiß, aber jetzt ist er es nicht mehr. Wir werden jetzt brav zurück zur Dienststelle fahren, okay?“ Der deutsche Jungkommissar nickte und drehte sich von den verkohlten Fassaden weg. „Kasper, Veikko… Mennään vaan!“, hörte er Antti hinter sich schreien, doch das kümmerte ihn nicht mehr. Er saß bereits in seinem Auto und blickte gedankenverloren auf den Tatort. „Nimmst du mich mit?“, ertönte es neben ihm und er drehte den Kopf zur Seite. Semir hatte Platz genommen und sah ihn erwartungsvoll an. „Das ist alles so durcheinander und wir bekommen keinen Fall richtig zu fassen. Nicht Mikaels, nicht Tonteris und immer wieder kommen neue Probleme auf!“, stöhnte er mit leiser Stimme. „Wir werden Mikael daraus holen, Partner. Taskinen wird uns nicht aufhalten können. Bald haben wir sicher einen entscheidenden Hinweis gefunden!“ „Bald, bald…ich kann das nicht mehr hören! Er sitzt das schon zu lange drin und es macht mich wahnsinnig, dass ich ihm nicht sagen kann, dass alles wieder okay wird. Das ich nicht mit eigenen Augen sehen kann, dass es ihm gut geht!“ Semir legte seinem Kollegen die Hand auf den Arm. „Es geht ihm sicherlich gut Ben, er ist nicht dumm, er weiß, wie man Ärger aus dem Weg geht und er weiß, wie man sich in solchen Kreisen bewegt.“ Ben seufzte und ließ den Motor an. „Lass uns von hier verschwinden, sonst verliere ich mich vielleicht doch noch und hau dem Kerl eine rüber!“


    *


    Es waren einige Stunden vergangen, ehe er wieder wach wurde. Seine Augen richteten sich auf die Uhr an der Wand. Bald war Schichtwechsel. Er könnte dem Mann sagen, was in der vorherigen Schicht passiert war. So schnell der Gedanke aufgekommen war, so schnell verwarf er ihn wieder. Eva, er musste sie beschützen! Er schob die Handflächen flach auf den Boden, um sich aufzurichten. Er verzog das Gesicht, als stechende Schmerzen, wie von glühenden Dolchen, durch seinen Körper rasten. Du könntest dich einfach wieder fallen lassen…Nein! Eva, wenn sie etwas merken! Er erhob sich mit zittrigen Armen auf die Knie und zog sich an dem Waschbecken hoch. Es dauerte einen Moment, bis der Schwindel nachließ und seine Beine zumindest für den Moment festen Halt boten.


    Er betrachtete sich im Spiegel. Seine rechte Gesichtshälfte war mir Blut verschmiert, sein Hals ebenfalls. Er wollte das T-Shirt hochziehen und seine Oberkörper nach Verletzungen absuchen, doch ehe er überhaupt einen Versuch unternehmen konnte, zogen die Schmerzen wieder durch seinen Körper und er ließ es bleiben. Mikael griff nach dem Waschlappen und hielt ihn unter das kalte Wasser, hob ihn unter Schmerzen in sein Gesicht, um das Blut zu entfernen. Es war eine mühselige Angelegenheit, da der Großteil inzwischen getrocknet war, aber irgendwann war er mit dem Ergebnis zufrieden.


    Er löste sich langsam von dem Waschbecken und spürte sofort, wie ihn heftiger Schwindel erfasste. Sein Kopf pochte so stark, als könne er jederzeit platzen. Seine zittrigen Beine kämpfen sich mühsam bis zum Bett und er ließ sich fallen. Die Klamotten waren immer noch leicht feucht, aber er war sich sicher, dass es keiner der Beamten merken würde. Alles was jetzt noch kam war das Abendessen und die Überprüfung, ob alle in ihren Zellen waren. Er bezweifelte einfach, dass er die Kraft aufbringen konnte, sich aus diesen Klamotten zu schälen, und dann noch frische überzuziehen. Er schloss die Augen ein weiteres Mal und glitt wieder in einen unruhigen Schlaf.

  • „Ich will ihn tot sehen“, sagte der ältere Mann und drehte sich vom Fenster weg zu den beiden Männern vor ihm. Er fixierte ihre Augen und lächelte, als er Entschlossenheit sah. Eine Eigenschaft, die er liebte. Nur ein entschlossener Mann, erreichte, was er wollte. „Ich will, dass ihr nach Helsinki fliegt und diesen Mann findet. Findet denjenigen, der glaubt meine Familie und unser Werk vernichten zu können. Findet ihn und richtet ihn!“, fuhr er fort und schmiss dabei ein paar Bündel Scheine auf den Tisch. Die Augen der Männer funkelten und sie griffen hastig nach dem Geld. „Das wird reichen, um ihn aufzuspüren.“ Die Männer nickten und verschwanden aus seinem Blickfeld.


    Er stand noch einige Sekunden an der gleichen Stelle ihm Raum, ehe er sich an seinen Schreibtisch aus feinstem Eichenholz setzte. Er öffnete die oberste der vier Schubladen und hob eine kleine Flasche Whiskey heraus und schenkte die edle Flüssigkeit ins Glas ein, ehe er es an die Lippen hob. Sein Blick blieb auf einem der Bilderrahmen auf seinem Schreibtisch hängen. Er lächelte und fuhr mit seinen Fingern über den feinen, hölzernen Rahmen. Ein junger Mann war darauf abgebildet. Er kniete vor einem kleinen, blonden Mädchen und zeigte auf den See, an dessen Ufer sie standen. Daneben stand ein blonder Junge. Er schien glücklich zu sein, lachte und strahlte eine Wärme aus, die in jedes Mal wieder packte, wenn er das Foto betrachtete. Er würde diese Familie beschützen, egal wie! Niemand forderte einen Hansen heraus, ohne dafür das Opfer zu bezahlen!


    Er wurde hellhörig, als sich die Tür zu seinem Arbeitszimmer öffnete. „Georg, du solltest Essen kommen“, sagte eine Frau. Er nickte. „Keine Sorge, ich komme gleich Ella.“ Die dunkelhaarige Dame schritt wieder aus dem Raum. Er wusste, dass die Köchin es nicht gerne sah, wenn er zu spät zum Mittagstisch kam. Ohnehin war sein Arbeitstag für heute beendet, er hatte sich um alles gekümmert. Alles was nötig war in die Wege geleitet. Er war sich sicher, dass sein erste Befehl ein paar 1.000 Kilometer nördlich bereits ausgeführt wurde.


    „Ey Du!“ Häpi näherte sich mit schnellen Schritten dem Mann, der gerade vor anderen Häftlingen damit angab, was er am gestrigen Tag gemacht hatte. „Was ist dein Problem?“ Häpi grinste nur spöttisch. „Du scheinst dich nicht sehr auszukennen in unserer Szene. Ich weiß nicht, wer dich angeheuert hat, aber er hat ein paar wichtige Details vor dir verheimlicht!“ Das Klicken eines Klappmessers erfüllte die Luft. Er lachte, als er die Angst in den Augen des Mannes sah. „Du solltest doch wissen, dass es ein ungeschriebenes Gesetz ist, dass man die Familie eines Hansen nicht anrührt oder in seinem Viertel wildert.“ Er presste seine Hand auf den Mund seines Gegenübers und stach das Messer in dessen Schulter. „Wenn du Mikael Häkkinen die nächste Zeit auch nur anschaust, wird dieses Messer ganz woanders landen“, er strich ihn mit der Spitze über das Herz. „Sag das auch deinem Freund von den Schließern. Ihr habt euch die falsche Familie als Feind gesucht!“ Der Mann vor ihm nickte hastig, kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Häpi grinste. „Gut. Ich werde ich jetzt loslassen und wehe du schreist!“ Der Mann nickte wieder. „Brav!“, lachte Häpi und ging wieder seinen eigenen Weg.


    *


    Ben saß auf der Lehne der Parkbank und verfolgte das rege Treiben der Bewohner von Helsinki. Einige waren mit ihren Kindern hier hergekommen und rodelten die kleine Anhöhe herunter, andere waren mit ihren Hunden unterwegs. Wie es sich wohl anfühlte von seiner Familie getrennt zu sein? Es war schon 13 Tage her, seit Mikael das letzte Mal Besuch empfangen durfte und es würde noch fünf Tage dauern, bis jemand das nächste Mal zu ihm durfte. Das musste fürchterlich an den Nerven seines Freundes nagen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie er das durchstehen könnte. Den ganzen Tag in einer Zelle hocken, alleine mit seinen Gedanken.


    Wut bahnte sich seinen Weg an die Oberfläche, als er daran dachte, wie Antti ihnen mitgeteilt hatte, das laut Taskinen die Sache mit den fehlenden Fingerabdrücken sich geklärt hatte. Ein Fehler der Technik hatte er behauptet. Veikko hatte versprochen, nachzusehen, wer von den Kollegen die Waffe in die Technik gebracht hatte und wer von den Technikleuten die Überprüfung bearbeitet hatte. Was nutzte das noch? Die ganze Welt schien sich gegen sie verschworen zu haben. Jeder kleine Beweis war Stunden danach nichts mehr wert. Sie suchten nun schon so lange und dennoch schien es nichts, aber auch gar nichts zu geben! Er rieb sich die kalten Finger und steckte sie anschließend in die warmen Jackentaschen.


    „Ben, es gibt schlechte Neuigkeiten“, holte ihn eine Stimme zurück aus den Gedanken. Er sah erschrocken auf. Er hatte niemanden kommen gehört, so vertieft war er gewesen. „Kann es noch schlechter werden?“, murmelte er leise. Sein Partner ließ sich neben ihm auf der Bank nieder. „Kann es“, kommentierte er. „Die Krüger hat angerufen. Wir wurden offiziell abgezogen von dem Fall…wir müssen am morgigen Abend zurück nach Köln fliegen.“ Er starrte ihn ungläubig an. „Nein Semir…das-das kann nicht sein. Mikael braucht uns, wir können jetzt nicht einfach zurück und…“ Seine Hand klatschte auf das Holz der Bank. „Es tut mir leid, Ben, ich wünschte, ich könnte das ändern, aber es hilft nichts.“ Ben sprang auf. „Dann nehme ich Urlaub! Ich hab sicherlich noch Resturlaub und von den ganzen Überstunden wollen wir mal nicht anfangen!“ „Ben…“ „Ich kann nicht zurück, er braucht mich hier, hier in Helsinki!“ „Ben“, wiederholte Semir ein weiteres Mal. „Ich meine Eva, jemand muss doch auf sie Acht geben und wir müssen Beweise finden, Beweise, die ihn entlasten.“ „BEN!“ Er hielt inne und sah seinen Partner an. „Was?“ „Du wirst kein Urlaub nehmen können, wir sind unterbesetzt und…” Er sah ihn weiter an. Erst nach und nach begriff er, was sein Partner gesagt hatte. „Wie ich kann keinen Urlaub nehmen? Aber es ist mein Recht!“, wütete er. „Es ist mein verdammtes Recht!“


    Semir stand vor ihm, die Arme des Jüngeren fest umklammert. „Ich weiß Ben, ich weiß. Denkst du nicht, dass ich lieber hier bleiben würde, um zu helfen? Aber es hilft nichts. Wir müssen zurück. Vielleicht beruhigt sich die Lage ja bald und du kannst Urlaub nehmen.“ Ben sah ihn verständnislos an. „Semir … ich will ihn nicht im Stich lassen. Ich will für Mikael da sein.“ „Ich verspreche dir, auch wenn wir in Köln sind, werden wir alles für Mikael tun.“ Der Jungkommissar verfiel in Schweigen, blieb einige Minuten stumm, ehe er mit einem Lächeln Semirs Vorschlag zustimmte und sich in Bewegung setzte. Semir sah ihm verwundert hinterher. Was ging nur in seinem Partner vor? Ein solch ein plötzlicher Sinneswandel war eigentlich untypisch für Ben.

  • Sein Vater drückte ihn, wie ein Schutzschild, vor seinen Körper. Er fühlte sich unendlich kraftlos und musste sich anstrengen, damit er die Leute vor sich erkannte. Da stand Konrad Jäger und dieser kleine Polizist. Sein Vater sagte etwas zu Jäger, doch er hörte es nicht. Er konnte die Worte nicht ausmachen. Er war zu müde, sie in seinem Kopf zu verarbeiten. Konrad Jäger machte einige Schritte auf sie zu und machte dann wieder kehrt. Nur wenig später löste sich der Griff seines Vaters von ihm und er schupste ihn von sich, in Richtung der beiden Personen. Er versuchte mit seinem wackligen Beinen Halt zu bekommen, doch sein Körper war zu schwach und er fiel auf den Boden. Er machte einen Versuch sich wieder aufzurichten, stemmte die zittrigen Arme auf die Erde. Dann plötzlich, ein Schuss. Schmerzen durchzuckten ihn und er sank wieder zurück auf den Boden. Kälte kroch ihn ihm hoch. Gleisende Kälte.


    Ruckartig preschte er in seinem Bett aus dem Albtraum auf. Er drückte die Handflächen kräftig gegen seinen Kopf, als dieser von Schmerzen durchzogen wurde. Er spürte, wie er am ganzen Körper zitterte und Fieber in ihm wütete. „Du hättest diese nassen Klamotten ausziehen sollen“, ermahnte er sich selbst und ließ sich wieder in das Bett fallen. Sein Blick fiel auf das leere Tablett mit dem Abendessen vom gestrigen Tag. Er hatte es das Klo runter gespült, genau wie das Mittagessen und das Abendessen vom Tag davor. Er verspürte einfach keinen Hunger, wollte aber nicht riskieren, dass einer der Wärter seinen wirklichen körperlichen Zustand mitbekam. Es war schon schwer genug, sie für die wenigen Minuten, in denen sie einen Blick in seine Zelle warfen, glauben zu lassen, dass es ihm gut ging. Verdammt, es ging ihm nicht gut! Er wusste, dass er hohes Fieber haben musste. Das Atmen begann fürchterlich zu schmerzen und immer wieder wurde er von Albträumen eingeholt. Seine rechte Seite war von einem riesigen Hämatom gekennzeichnet, seine Kopfschmerzen wollten einfach nicht mehr gehen. Es hämmerte und pochte unaufhörlich in seinem Schädel. Er hatte dem Schließer am Morgen mitgeteilt, dass er morgen wieder am Hofgang teilnehmen könne. Himmel, er hatte keine Ahnung, ob er sich überhaupt auf den Beinen halten konnte! In den letzten Tagen waren seine Kraftreserven meist schon aufgebraucht, als er sich aus dem Bett gekämpft hatte, wie zur Hölle sollte er einen ganzen Hofgang absolvieren? „Ich kannst das schaffen“, nuschelte er leise zu sich selbst, „ich weiß, dass ich es schaffen kann.“


    *


    Ben sah auf das imposante Gebäude vor sich. Er war erst einige Stunden wieder in Köln und sein Weg hatte direkt hier hingeführt. Die weißen Fassaden und die Auffahrt wirkten edel und deuteten an, dass hier Menschen lebten, die sich um Geld keine Sorgen machen brauchten. Er lehnte den Kopf an das Fenster, ohne den Blick nur für einen Augenblick von diesem Gebäude zu lösen. Er hatte gehofft, dass er den Mut zusammenbringen würde, einfach zu schellen und den Mann zur Rede zu stellen. Wer, wenn nicht Georg Hansen selbst, wüsste eine Antwort auf seine Fragen? Doch nun, wo er vor dem Haus stand, kam es ihm absurd vor diesen Mann zu befragen. Auf welcher Grundlage? Weil er Briefe an seinen Enkel schrieb? Plötzlich schämte er sich dafür, dass er diese privaten Briefe von seinem besten Freund überhaupt gelesen hatte. Er seufzte und drehte den Schlüssel im Zündschloss um. Er wollte heute keinen Gedanken mehr an die Familie Hansen verschwenden. Er würde doch nicht schlau daraus werden.


    Nur wenige Stunden später musste er sich eingestehen, dass es schwieriger als gedacht war, den Vorsatz in die Wirklichkeit umzusetzen. Mit einer Flasche Bier in der Hand saß er auf seinem Sofa und breitete alte Fotos vor sich aus. Eine Aufnahme zeigte Mikael vor einem schwarzen Flügel. Ein Steinway D. Ben glaube sich zu erinnern, dass es irgendein großes Familienfest gewesen war. Vielleicht der Geburtstag von Mikaels Mutter, oder seinem Vater? Ben lehnte sich zurück und dachte daran zurück, wie Mikael gekonnt die Finger über die Tasten bewegt hatte. Er hatte Winterwind von Chopin gespielt. Kein wirklich einfaches Stück – er selbst beherrschte es bis heute nicht ohne das sich ab und an ein Fehler einschlich - und doch hatte er keinen einzigen Fehler gemacht. Er schien das Klavierspielen irgendwann aufgegeben zu haben. Dafür sprach zumindest dieses schrecklich verstimmte Klavier in seiner Wohnung. Überhaupt schien Mikael nicht viele Angewohnheiten von damals übernommen zu haben. Ob er sie bereits beim Umzug nach Finnland abgelegt hatte oder erst später, beim vermeidlichen Tod seins Vaters? Er gestand sich ein, dass ihm dieses Detail in den letzten Jahren eigentlich nie aufgefallen war. Nicht einmal in dem Augenblick, als er einmal zu Veikko gesagt hatte, dass er der unmusikalischste Mensch auf der Erde war. „Was für eine Lüge, Herr Häkkinen“, stieß Ben mit einem Lachen aus. Er versuchte sich vorzustellen, wie es Mikael gerade ging. Es waren nun bereits zwei Wochen gewesen, seit er in U-Haft war und Ben wusste als Polizist, dass eine U-Haft auch noch um eines länger andauern konnte. Er hoffte inständig, dass es seinem Freund gut ging und er zurecht kam. Er redete sich ein, dass Mikael wusste, wie man sich in diesen Kreisen bewegte, aber am Ende beruhigte ihn das nicht wirklich. Er wollte das mit eigenen Augen sehen. Er wollte sehen, dass es seinem Freund gut ging und er sich keine Sorgen machen brauchte. Zwei Wochen in verdammter Einsamkeit. Was macht man den ganzen Tag in einer Einzelzelle? „Er ließt vermutlich irgendwelche Psychologie-Bücher“, sagte er laut zu sich selbst. Er hatte viel von diesem Zeug bei sich zu Hause in den Regalen stehen, er war sich sicher, dass man sich damit die Zeit vertreiben konnte. Mikael war geduldiger als er selbst, er würde diese Zeit überstehen. Er würde es schaffen.


    Er schreckte aus seinen Gedanken hoch, als es an der Tür schellte. „Ben, bist du da? Mach auf, wenn du da bist!“, hörte er Semirs besorgte Stimme von der anderen Seite. Eilig rannte er zur Haustür und riss sie mit einem Ruck auf. „Ist was passiert! Ist was mit Mikael…“, stieß er hektisch aus. Sein Partner zog die Augenbraue hoch. „Nein, aber Dienstbeginn war vor einer Stunde.“ Erschrocken wandte sich Bens Blick zur großen Uhr an der Wand. Es war schon sieben Uhr, er hatte die Zeit total vergessen. „Ich…scheiße, ich war die ganze Nacht wach und habe gegrübelt…“, gab er schließlich wahrheitsgemäß zu. „Über Mikaels Vergangenheit? Oder wie wir ihn wieder aus dem Knast holen?“, harkte Semir nach und trat in die Wohnung. Sein Blick fiel auf den Wohnzimmertisch. Er ging darauf zu und nahm einige der Fotos in die Hand. „Also über seine Vergangenheit … Andreas Hansen sieht darauf aus, wie ein fürsorglicher Vater“, sagte er nachdenklich. „Hmm?“ „Na, er sieht stolz aus und seine Gestik. Er wacht über seinen Sohn.“ „Das hilft mir nicht Semir und außerdem, hast du vergessen was der Mann mit mir gemacht hat…was er mit Mikael gemacht hat?“ Der Deutschtürke legte die Bilder wieder hin. „Nein, aber das ändert auch nichts an der Tatsache, dass Andreas Hansen auch eine menschliche Seite hatte. Nur weil du in den Hansens kaltblütige Monster sehen willst Ben, ist es nicht so. Manchmal gibt es mehrere Seiten.“ „Es ist mir gerade ziemlich egal, ob der Typ mal eine gute Seite hatte“, schimpfe Ben und griff nach seiner Jacke, die er Abend zuvor achtlos über einen Stuhl geschmissen hatte. Semir hechtete hinter ihm hinterher. „Ben…nun warte doch mal!“ Der Jüngere war bereits auf der Treppe angekommen, als er ihn endlich einholte. „Was ist los? Ich dachte du hättest die Geschichte mit Mikaels Verwandtschaft endlich abgeharkt.“ Ben stöhnte. „Ich weiß … es ist nur, ich werde das Gefühl nicht los, dass Georg Hansen nicht der treusorgende Großvater ist, für den er sich ausgibt. Er war immerhin schon einmal wegen Drogen im Visier der Polizei.“ „Und? Das ändert etwas an der momentanen Situation von Mikael, weil?“ Der Jungkommissar blieb abrupt stehen und Semir wäre fast in ihn reingelaufen. „Nichts, es ändert nichts“, stieß er genervt aus. „Warum dann das ganze?“ „Vielleicht … ich hab keine Ahnung, vielleicht will ich Mikael beschützen. Vielleicht möchte ich nicht, dass noch einmal so etwas passiert, wie vor ein paar Jahren. Das er noch einmal von seiner Familie so hintergangen und verletzt wird.“


    *


    Er fühlte, wie ihn ein Schwindel erfasste, und der Boden unter ihm zu schwanken begann. Mit zittrigen Armen stemmte er sich gegen die Wand und atmete einige Male tief ein, bis sich sein Körper sich beruhigt hatte. Alles würde gut gehen, wenn er sich nicht hinsetzte bevor der Wärter kam. Er befürchtete ganz einfach, dass es sein Körper dann nicht noch einmal hoch schaffen würde. Es kam ihm, wie eine Ewigkeit vor, ehe die Türe endlich aufgeschlossen wurde und es an die frische Luft ging.


    In seinem Kopf hämmerte es immer noch unerlässlich gegen seine Schädeldecke und er absolvierte den Hofgang, wie in Trance. Er nahm die Personen um sich herum nur undeutlich wahr, und erst als er sich auf eine kleine Mauer gesetzt hatte, war er fähig die Umgebung um sich herum zu fokussieren. Er musste jetzt wachsam sein. Er konnte nicht zulassen, dass der Mistkerl ihn womöglich ein weiteres Mal überraschte. Es dauerte nicht lange und er machte diesen fiesen Typen am anderen Ende des Hofes aus. Als sich ihre Blicke trafen, schien er nervös und sah schnell weg. Sollte es nicht andersherum sein?


    „Häkkinen, grüße dich!“ Er sah ertappt nach oben. Häpi lachte. „Scheiße, minus 15 Grad und die schicken und dennoch raus … siehst noch nicht wirklich gut aus Kleiner. Bist ganz schön blass.“ Mikael zuckte mit dem Schultern. Ihm war das Wetter egal. Er war nur froh, dass er endlich wieder frische Luft in seine Lungen bekam. „Die Platzwunde über deinem Auge hattest du vor drei Tagen aber noch nicht.“ „Ich bin dumm gegen mein Waschbecken“, murmelte er leise. Sein Blick blieb auf den jungen Vollzugsbeamten haften. Wie der andere Typ, löste er sofort den Blickkontakt und begab sich nervös einige Meter weiter weg. Er sah wieder zu Häpi. „Mich wundert es, dass du immer noch hier bist“, sagte er nach einer Weile. „Ich kenne das System von meinem Vater und ich denke, dein neuer Arbeitgeber macht es nicht anders.“ Der Mann vor ihm grinste ihn schief an. „Klappt halt nicht immer das System.“


    Er nickte und verfiel wieder in Schweigen. Je länger er darüber nachdachte, umso offensichtlicher war es. „Wer zahlt dir Geld, damit du meinen Bodyguard spielst?“ Der bullige Finne sah überrascht zu ihm herunter. „Wie kommst du darauf, Kleiner?“ „Halte mich nicht für dumm! Den Fehler haben schon andere gemacht!“ Sein Gegenüber zog die Augenbraue hoch. „Du machst dir zu viele Gedanken.“ „Wer?“, fragte er erneut. Wut stieg in ihm auf. Eigentlich brauchte er keine Antwort. Er konnte sich denken, wer mächtig genug war, so etwas anzustellen. „Sag ihm, ich brauche seine Hilfe nicht. Er soll aus meinem Leben verschwinden!“ Häpi verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lächelte. „Du bist seine Familie. Seine Zukunft. Sein Fleisch und Blut.“ Der Mann zog eine Zigarette aus seiner Tasche und zündete sie sich an. Er fixierte ihn mit seinem Blick, schien auf eine Reaktion zu warten. „Ich will mit ihm nichts zu tun haben!“, schimpfte er und stand auf. Bereute es jedoch sofort, als ihm für einen Moment Schwarz vor den Augen wurde. Häpi griff nach seinem Arm und stabilisierte ihn, bis der Schwindel endlich nachließ. „Dir ist aber schon klar, dass du ohne ihn nicht lange hier drin überleben würdest?“ „SAG IHM, ICH BIN KEIN HANSEN!“, schrie er so laut, dass sich die Köpfe der umherstehenden neugierig zu ihnen wandten. Häpi hob abwehrend die Hände. „Wir wollen doch die Wachen nicht scheu machen, Kleiner.“ „Er soll aus meinem Leben verschwinden“, murmelte er ohne Stimme und löste sich von dem Mann vor ihm. „Und nenn mich nicht Kleiner!“ Er ging einige Schritte, ehe Häpi ihn abermals eingeholt hatte und stumm neben ihm herging. Er war zu müde den Kerl abermals zu ermahnen und so ließ er es geschehen.

  • Ben verbrachte Nächte schlaf- und ruhelos vor der Villa von Georg Hansen. Mittlerweile war er sich sicher, dass der Mann wusste, dass ihn jemand beobachtete. Nicht selten sah Ben den alten Herrn inzwischen am Fenster stehen. Vor weniger als einer Stunde hatte er mit Veikko telefoniert. Der hatte hektisch und aufgeregt davon berichtet, dass jemand Helsinki mit einem Fahndungsposter von Tonteri vollpflasterte. Aber nicht irgendein Fahndungsposter, nein, jemand hatte eine Belohnung auf den Tod dieses Mannes ausgesetzt. Auch von Mikael gab es wenige gute Neuigkeiten. Die finnischen Kollegen hatten zwar inzwischen eine Liste zusammenstellen können, wer für den Austausch der Waffe in Frage kam. Insgesamt seien aber noch sechs Leute übrig. Sie hatten die Staatsanwaltschaft mit ihrer Version konfrontiert, aber nichts erreicht. Ben stöhnte auf. Eine Beobachtung mit drei Leuten für sechs Verdächtige war unmöglich. Tonteri war verdammt clever. Der Mann verstand es unterzutauchen, um dann mit einem Knall wieder von sich Reden zu machen.


    Sein Blick hob sich wieder und er sah auf das Fenster, von wo ihn Georg Hansen wieder einmal zu beobachten schien. „Was soll’s.“ Er öffnete seine Autotür und stieg aus und machte einige große Schritte auf die Villa zu. Er atmete ein letztes Mal tief durch und betätigte den Klingelknopf. Mit einem leisen Surren öffnete sich die Tür und Ben trat in das Haus ein. Erstaunlich, die große Empfangshalle, hatte er genauso in Erinnerung gehabt. Der Raum war großzügig mit Marmor und farbigen Stuck ausgekleidet, die Vorhänge in einem dunklen rot gehalten. „Ben Jäger“, ertönte es von der großen Treppe und ein Mann um die 80 kam herunter. Er lächelte ihn an. „Was treibt Sie zu mir?“ „Haben Sie noch Kontakt zu ihrem Enkel?“, brachte er die Sache auf den Punkt. „Ich wünschte, ich hätte ihn, Herr Jäger, aber manchmal beruht so etwas nicht auf Gegenseitigkeit, aber all das können Sie Michael doch aus selbst fragen, oder etwa nicht?“ „Ihr Enkel ist im Gefängnis“, antwortete er, während er den Blick über die große Kommode schweifen ließ. Das waren aktuelle Bilder von Mikael! „Das ist bedauerlich zu hören, aber ich denke, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird“, ertönte es von Georg Hansen. Ben nickte stumm und nahm eines der Fotos in die Hand. „Sie beobachten ihn heimlich, nehme ich an“, murmelte er. Hansen lachte. „Ich prüfe nur, ob es ihm gut geht.“ Er stellte das Bild wieder hin. „Weiß Mikael davon?“ „Was denkst du, Ben?“, kam sofort die Gegenfrage. „Ich denke, nein“, sagte er.


    Der junge Hauptkommissar löste sich wieder von der Kommode und sah den alten Mann in die blauen Augen. „Haben Sie ihm all diese Briefe geschrieben?“ „Ja , aber er hat nie geantwortet. Er ist ein Dickschädel, wie sein Vater.“ Georg Hansen machte eine Armbewegung. „Wollen wir uns nicht in den großen Saal setzen. Dort ist sicherlich eine schönere Atmosphäre zum plaudern.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich wollte nicht stören … ich sollte dann jetzt auch gehen.“ Er machte ein paar eilige Schritte zur Tür. „Danke Herr Hansen für ihre Antworten.“


    Ben wollte gerade die Tür öffnen, als die Stimme von Georg Hansen erneut ertönte. „Es tut mir leid, was mein Sohn Ihnen angetan hat, Ben, ich möchte, dass Sie das weißt.“ Er blieb einige Sekunden, wie angewurzelt stehen und überlegte, was er darauf erwidern sollte. Schließlich nickte er nur stumm und schob eilig die Haustür auf, um in der Nacht zu verschwinden.


    Mit einem Seufzen ließ er sich wieder auf seinen Autositz fallen. Der Typ war ihm suspekt. Er konnte ihn nicht richtig fassen, wusste nicht, was er von ihm halten sollte. Einerseits schien er sich nicht auffällig zu benehmen. Andererseits, er hatte ihn nie gefragt, warum Mikael im Gefängnis war. Die Bilder zeugten davon, dass ihm Mikael nicht egal war, also warum fragte er nicht danach? „Weil er es schon wusste“, gab er sich selbst die Antwort. Er lehnte sich zurück und schloss die Augen. Die Steckbriefe in Finnland. Konnte das Georg Hansens Werk sein. Ben hoffte, dass er diese Frage verneinen könnte, aber er konnte es nicht. Wenn Georg Hansen seinem Sohn nur ein bisschen ähnelte und ebenfalls krumme Geschäfte am Laufen hatte, dann war es durchaus denkbar. Andreas Hansen wäre zu so etwas in der Lage gewesen, warum sollte es also sein Vater nicht sein?


    Er ließ den Kopf auf das Lenkrad fallen. „Das alles hat dir nicht geholfen Ben Jäger“, schimpfe er leise. „Mikael sitzt schon 17 Tage in Haft und du, du warst damit beschäftigt seinen Großvater zu überprüfen. Der hat ihn sicherlich nicht darein gebracht du Dummkopf!“



    *


    „Du hast dich mit den Falschen angelegt.“ Hugo Tonteri lächelte, während er sich den Wodka in den Rachen kippte. Sein neues ‚Hündchen‘ hatte Recht. Er hatte sich mit den falschen Leuten angelegt. Ganz Helsinki war nun vollgepflastert mit seinem Gesicht. Jeder wusste, wer er war und was er getan hatte, aber seltsamerweise kümmerte es ihn wenig. „Hast du die Sachen gekauft, womit ich beauftragt habe, Riku?“, fragte er den jungen Mann. Er nickte und hievte eine Einkaufstüte auf den Tisch. „Ich habe dir alles besorgt.“ Tonteri stand auf und zog die Tüte mit zwei Fingern etwas auseinander und warf einen flüchtigen Blick herein. Tatsächlich, er hatte ihm alles eingekauft, was er verlangt hatte. Damit würde er die nächsten Tage über die Runden kommen, ohne dass er seine vier Wände verlassen musste. Sollte die Stadt doch nach ihm suchen, sie würden ihn nicht finden.


    „Was ist mit Hansen?“, fragte er interessiert, während er die Elchwurst aus der Einkaufstasche fischte. „Er sitzt weiterhin hinter Gitter, aber sie kommen uns näher. Es wird nicht mehr lange dauern und er kommt vielleicht wieder aus dem Knast“, gab sein Gegenüber zu bedenken. „Ich dachte du hast Kontakte, Riku? Ich dachte, dass du dich darum kümmerst“, fauchte Tonteri. Der Mann sah verlegen nach unten. „Ja schon … aber es hat ein Problem gegeben. Jemand passt auf ihn auf.“


    Wut stieg in ihm auf. „Das ist mir egal, Riku“, schimpfte er, „sorgte dafür, dass er das Gefängnis nicht wieder verlässt!“ „Aber…“ „Nichts aber! Auf dich wartet eine gute Bezahlung, wenn du diesen Job erledigst, also kümmere dich um das Problem. Mir ist egal, ob du irgendwie die Mordanschuldigungen aufrechterhältst oder ein Messer in seinen Bauch rammst. Ich will ihn nur nicht mehr auf Helsinkis Straßen sehen, ist das klar!“, wütete er. „Und nun verschwinde! Ich will dich hier heute nicht mehr sehen!“ Der junge Mann nickte eingeschüchtert und verließ das kleine Appartement.


    Riku Sandell griff nach seinem Handy, als er die Straße betreten hatte. Es dauerte nicht lange und er hatte denjenigen, den er brauchte, in der Leitung. „Tonteri möchte, dass ihr Mikael Häkkinen aus dem Weg räumt … ja ich weiß, dass er vor ein paar Tagen noch was anderes gesagt hat, okay? Ich kann nichts für seine Sprunghaftigkeit. Mach es einfach und du wirst dein Geld bekommen!“

  • Seine Hand fuhr sanft über ihre Wange. „Du bist ganz kalt“, sagte Eva leise, „und fürchterlich blass.“ Ihre Finger berührten die schon größtenteils verheilte Wunde über dem Auge. „Wie ist das passiert?“ Er rang sich zu einem Lächeln durch. Er wollte nicht, dass sie sich Sorgen machte. Es würde alles in Ordnung kommen. Seit dem Zwischenfall hatten diese Typen ihn immerhin nicht mehr angerührt. „Ich bin nur dumm gestolpert“, antwortete er und war erstaunt darüber, dass sie ihm zu glauben schien. Sie schwiegen sich lange Zeit an, nicht weil sie sich nicht zu sagen hätten, sondern weil sie abwogen, welche Information von Bedeutung war, dass man damit wichtige Minuten der Besuchszeit vergeuden könnte. „Ben und Semir mussten wieder zurück nach Deutschland“, berichtete Eva und suchte seinen Augenkontakt. „Damit war zu rechnen“, murmelte er leise, ohne dabei eine Miene zu verziehen.


    „Ben hat nach deinem Großvater gefragt.“ Überrascht zog er seine Hand zurück. Warum fragte Ben nach seinem Großvater? Wieso fragte er ausgerechnet danach, wenn er hier drin saß? „Wieso?“, brachte er mit brüchiger Stimme heraus. „Er war in dieser Wohnung.“ Er nickte. Vermutlich hatte Ben die Bilder und die Briefe gesehen und seine Neugier einmal mehr nicht in Zaum halten können. Er müsste ihm wohl einiges erklären, wenn er hier raus kam…Wenn er denn jemals hier raus kam!


    Sie schien seinen betrübten Gesichtsausdruck, und den Grund dafür, zu bemerken. „Antti und die anderen geben nicht auf, Mikael. Sie werden weitersuchen, bis sie etwas gefunden haben. Bald bist du wieder bei uns.“ „Aber da ist Nichts. Kein Hinweis auf irgendwas oder irgendwen“, antwortete er. Ihre Hand griff nach seiner. „Sie werden was finden.“ Er zog seine Hand zurück und sprang wütend auf, so dass der Stuhl nach hinten kippte, und der Beamte in der Ecke ebenfalls hochpreschte. Diese Warterei trieb ihn in den Wahnsinn und er konnte die Wut darüber nicht mehr zurück halten. „DA IST NICHTS! Ich bin diese Scheißakten immer und immer wieder durchgegangen, verstehst du Eva! Ich werde hier verrotten und den Menschen da Oben ist das Scheißegal!“


    „Setzen Sie sich wieder hin“, ertönte eine strenge Stimme aus der Ecke des Raumes. Er leistete ohne Widerworte Folge, was aber mehr daran lag, dass ihm durch das schnelle hochschnellen unheimlich schwindelig geworden war und der Raum sich um ihn herum drehte. „Du zitterst, ist alles okay?“, fragte Eva besorgt. „Mikael, warum antwortest du nicht?“ Er hatte das Gefühl, in einen bodenlosen Abgrund zu stürzten, ein Muster von blitzenden Grautönen breitete sich in seinem Sichtfeld aus. Sein Magen schnürte sich zusammen. Evas Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen. „Mikael … Schatz?“, fragte sie erneut. Er drückte einige Male die Augen auf und zu, um den Schwindel zu vertreiben. Er atmete auf, als er seinen Körper endlich wieder unter Kontrolle hatte und wieder festen Boden unter sich spürte. „Was ist?“, fragte seine Frau besorgt. „Wie? Nichts…ich war nur in Gedanken.“ Sie sah ihn skeptisch an. „Ich weiß, dass du mich anlügst.“ „Es ist alles in Ordnung, können wird das jetzt lassen?“, schimpfe er laut, senkte seine Tonlage jedoch, als ein gleisender Schmerz durch seinen Schädel huschte. Inzwischen war er sich sicher, dass es keine leichte Gehirnerschütterung sein konnte, dafür begleiteten ihn die Symptome bereits zu lange. Vielleicht eine Mittelschwere? Es spielte ohnehin keine Rolle. Ihm blieb nichts anderes übrig, als das auszustehen, wenn er seine Familie nicht gefährden wollte. „Du machst es schon wieder“, Eva sah ihn mit traurigen Augen an, „du denkst, dass du alles alleine schaffen kannst und das obwohl du nicht alleine bist.“ „Ich sagte, dass es mir gut geht. Lass es.“ „Es geht dir aber nicht gut!“, widersprach sie und stand auf. Ihr Blick wandte sich zu dem Wachmann in der Ecke. „Ich möchte jetzt gehen, hier gibt es ohnehin nichts mehr zu bereden.“ Der Mann nickte und erhob sich von seinem Stuhl. Verzweifelt griff er nach ihrer Hand. „Geh nicht, bitte…wir haben doch noch ein paar Minuten!“ Sie drehte sich um und er sah, wie Tränen ihre Wange herunter kullerten. „Ich will nicht noch mehr Lügen von dir hören, Mikael. Wenn du nicht bereit bist, dich auf andere Menschen einzulassen, dann weiß ich nicht, was ich hier noch soll ….“ Ihre Hand löste sich von seiner und sie ging aus der Tür, ohne sich noch ein weiteres Mal zu ihm umzublicken. Er blickte auf die geschlossene Tür, aus der seine Frau verschwunden war. „Es tut mir leid“, murmelte er leise, „ich wollte es dir sagen, aber ich konnte nicht.“ Er war wohl wirklich nicht fähig Leute an sich zu binden, ohne sie immer und immer zu enttäuschen. Warum war auch immer alles gleich so kompliziert? Warum musste Ben herumschnüffeln? Warum hatte er Eva enttäuschen müssen, abermals?




    *


    „Erde an Ben …“ Der Jungkommissar fuhr hoch. „Was?“ Semir begann zu lachen. „Naja, es ist ziemlich verdächtig, wenn du länger als fünf Minuten für deine Pommes brauchst. Du hast sie nicht mal angerührt. Was beschäftigt dich?“ „Ist das nicht klar“, nuschelte er und stocherte weiter in seinem Essen herum. „Mikael?“, riet Semir ins Blaue. Ben seufzte und schob die Pommesschachtel von sich weg. „Eva hat mich angerufen. Sie sagt, Mikael sieht schlecht aus. Er war unheimlich blass und sie ist sich sicher, dass er wieder Schwindelanfälle hat. Der ganze Stress setzt seiner Gesundheit zu.“ Der Deutschtürke fuhr sich nachdenklich über das Kinn. Es war kein Geheimnis, dass sich unter Stress bei Mikael immer wieder eine alte Verletzung am Kopf bemerkbar machte und es war kein Geheimnis, dass der Finne dieses Zustand auch gerne ignorierte, bis zu dem Zeitpunkt, wo er ohnmächtig zu Boden sank. „Gibt es denn schon was Neues, oder telefonierst du nicht mehr jeden Tag mit Veikko?“ Ben zuckte mit den Schultern. „Doch schon, aber sie kommen einfach nicht an diese Leute heran.“ Er seufzte. „Es ist einfach alles so verzwickt, Semir! Und das alles nur, weil Mikael sich niemanden anvertraut hat, weil er dachte, dass er es alleine schafft.“ Der Deutschtürke grinste ihn schief an. „Nun, aber das ist nicht gerade eine Angewohnheit, die nur Mikael besitzt. Da muss irgendein Schlüsselerlebnis in eurer gemeinsamen Kindheit sein, denn du machst das auch.“ Er begann zu lachen, verstummte jedoch, als er nur ein sarkastisches ‚Haha‘ von Bens Seite bekam.


    „Ich war übrigens bei Georg Hansen zu Besuch“, sagte Ben nach einer Weile. „Der Typ ist komisch.“ Semir sah ihn entgeistert hat. „Du warst was? Ohne mir etwas davon zu sagen. Als hätten wir nicht gerade darüber gesprochen, wohin Einzelgänge führen können!“ Der Jüngere lächelte verlegen. „Es tut mir leid Semir, ich konnte nicht anders. Da waren all diese Fragen in meinem Kopf und ich brauchte verdammt noch einmal Antworten!“ Sein Partner verschränkte die Arme vor der Brust. „Und dann gehst du da einfach so hin und sagst, Hallo hier bin ich Herr Hansen… und das obwohl du mir erst vor ein paar Tagen erzählt hast, dass du glaubst, dass der Typ Dreck am Stecken hat? Ich fass es nicht Ben!“ „Jaja, Papa“, winkte Ben ab, „wie dem auch sei. Der wusste ganz genau, dass Mikael im Gefängnis war und da waren diese Bilder, gruselig!“ Semir zog die Augenbraue hoch. Die Worte ‚diese Bilder‘ hatten seine Aufmerksamkeit geweckt. „Was für Bilder, Ben?“ „Hmm?“ „Du hast was von Bilder gesagt“, erinnerte Semir ihn. „Er hatte auf der Kommode im Eingangsbereich so ein Bild stehen. Das war sicherlich nicht älter als ein paar Jahre … verstehst du, er lässt Mikael überwachen und als ich ihn darauf angesprochen habe“, er lachte leise auf, „da hat er so getan, als wäre es das normalste auf der Welt.“


    Ben sah seinen älteren Partner erwartungsvoll an. „Was hältst du von dem Ganzen?“ „Komisch ist es schon, aber vielleicht will er auch einfach nur etwas von seinem Enkel haben. So viel du mir erzählt hast, will Mikael wohl keinen Kontakt.“ Ben schüttelte energisch den Kopf. „Nein, ich kann nicht glauben, dass es so einfach sein soll. Dieses dicke Haus der Hansens. Sein Auftreten. Wie er mich beobachtet hat, als ich im Auto vor seiner Wohnung Wache geha-“ „Du hast was!?“, unterbrach Semir ihn. „Nun das erklärt, warum du seit einigen Tagen so übermüdet bist.“ Er hob abwehrend die Hände. „Ich musste doch sicher gehen, dass der Typ wirklich nichts am Laufen hat.“ Semir seufzte. „Und dann überwachst du den Mann, ohne jemanden davon etwas zu sagen? Ich hätte dir dabei helfen können…“ „Du hättest mich sicherlich nur davon abgehalten, Semir“, konterte Ben, „und es war ja ganz harmlos. Was hätte passieren sollen?“ Sein Gegenüber schüttelte energisch den Kopf. „Ich fass es nicht, Ben Jäger, dass du dich erst vor wenigen Minuten über die Alleingänge von Mikael aufgeregt hast und selbst niemanden irgendetwas erzählst! Was, wenn der Mann wirklich Kontakte und illegale Geschäfte am Laufen hat? Was, wenn du ihn dabei gestört hast?“ „Ich sagte doch, dass mir nichts aufgefallen ist“, murrte Ben, „können wir jetzt unsere Streife fortsetzen?“ Er schmiss die restliche Pommes in den Müll und machte einige eilige Schritte zum Auto, um so der Diskussion aus dem Weg zu gehen.

  • Ben starrte auf die Uhr neben seinem Bett. Kurz nach vier. Er seufzte. Bis zum Dienstbeginn waren es noch einige Stunden und dennoch wusste er, dass er keinen Schlaf finden würde. So war es schon in den vergangenen Nächten gewesen. Wenn er so alleine in die Stille horchte, musste er immer wieder daran denken, wie es Mikael wohl ging. Wie war es wenn man immer alleine war, kaum Besuch erhielt? Es musste trotz allem stressig sein, denn sonst würde Mikael sicherlich nicht von Kopfschmerzen und Schwindel befallen. Er dachte daran, wie Eva ihm trotzig erzählt hatte, dass Mikael es vor ihr nicht zugeben wollte. „Er denkt, er kann all seine Probleme alleine lösen. Er schließt mich aus“, halten ihre Worte in seinem Kopf wieder. „Er schließt nicht nur dich aus“, entkam es Ben mit schwerer Stimme. Er wünschte sich, dass Mikael mit ihm reden würde, doch das schien gegen die Prinzipien des Finnen zu sein. Verrückt, wo ausgerechnet Mikael immer derjenige ist, der allen sagt, dass sie sich nicht schuldig fühlen sollen. Wie konnte er sich dann so schuldig fühlen? Ben war sich inzwischen sicher, dass genau da die Ursache dafür lag, dass Mikael ihm nie davon berichtet hatte das Georg Hansen Kontakt mit ihm suchte. Schuld. Schuld daran, dass er ihn damals in die Sache mit Andreas Hansen reingezogen hatte. Ben schwang die Beine aus dem Bett und verließ sein Schlafzimmer in Richtung der Kaffeemaschine.


    Wenig später umschlossen seine Finger die wärmende Kaffeetasse und er blickte aus dem Fenster in die Nacht. Er hielt inne, als etwas seine Aufmerksamkeit an sich zog.
    Was war das? Ein Lichtpunkt unten in einem Auto?
    Das Blinken einer Alarmanlage?
    Winzig, schwach.
    Ben rieb sich die müden Augen und starrte wie gebannte auf den glühenden Punkt auf der Straße. Bildete er sich nun schon Dinge ein?
    Nein.
    Da! Da, war es wieder!
    Kurz darauf war es wieder weg.
    Das Glimmen einer Zigarette.
    Kein Zweifel.
    Da unten saß jemand und rauchte. Beobachtete er ihn womöglich?
    Ben starrte noch einige Zeit runter. Der Mann, oder war es eine Frau, rührte sich nicht. Nichts veränderte sich. Ben war inzwischen sicher, dass der oder die seine Wohnung im Visier hatte.
    Hatte Georg Hansen ihm in Blickfeld?
    Hatte er den Mann vielleicht nervös gemacht, aber womit?
    Vielleicht hatte er etwas gesehen, als er mit dem Auto vor seinem Haus gestanden hatte? Ja so musste es sein. „Vielleicht beginnst du auch nur Gespenster zu sehen, Ben Jäger“, ermahnte er sich und drehte sich vom Fenster weg. Die Uhr zeigte inzwischen sechs Uhr. Er hatte also zwei Stunden damit verbracht, den Mann auf der Straße zu beobachten. „Scheiße, Dienstbeginn ist um Sechs!“, stieß er aus und rannte eilig ins Bad um sich notdürftig frisch zu machen. Nur wenige Minuten später, saß er in seinem Auto und war auf dem Weg zur Dienststelle. Semir würde ihn umbringen. Er war einmal mehr zu spät und das nur weil da dieser Typ vor seiner Wohnung lungerte. Das konnte er nicht als Ausrede benutzen, wenn der türkische Hengst davon erfuhr, würde er krank vor Sorge werden und ihn nicht für eine Sekunde aus den Augen lassen.



    *


    Die Stunde Freigang neigte sich zum Ende zu und Mikael erhob sich langsam von seiner Position, um sich, unter den wachsamen Augen der Beamten, wieder in seine Zelle zu begeben. Wie er sich schon auf die nächsten 23 Stunden Einsamkeit freute. Alles hier nagte fürrchterlich an seinen Nerven. Er erreicht die Grenze dessen, was für ihn möglich schien. Die Hoffnung auf Freiheit hatte er inzwischen schon fast aufgegeben. Zu lange saß er schon hier fest, als das er glauben könnte, dass Antti noch etwas finden würde. Er holt tief Luft und ignorierte wie so oft das ziehen in den Lungen. Aushalten, dachte er nur, er musste aushalten damit Eva und den Kindern nichts passieren würde. Das würde er sich nicht verzeihen können. Niemals!
    Kurz bevor er das Gebäude betrat, rempelte ihn ein anderer Häftling an. Er wollte gerade frustriert einige Schimpfwörter schreien, als plötzliche Schmerzen seinen Körper durchzogen. Er fasste mit der Hand an die Stelle, von wo der Schmerz kam. Erschrocken stellte er fest, wie sich unter seine Hand etwas Warmes sammelte. Blut. Er sah auf. „Du!“, entfuhr es ihm, als ihn ein bekanntes Gesicht hämisch anlächelte. Der Typ, der ihn letztens vermöbelt hatte, stand vor ihm. In der Hand des Mannes blitzte ein Messer auf. „Stirb, Hansen!“, zischte der Mann. Mikael schaffte es den Hieb mit dem Unterarm zu blockieren. Seine Seite tat höllisch weh. Es gelang ihm den anderen Gefangenen von sich wegzustoßen, doch der Typ sprang sofort wieder auf ihn zu und griff ihn abermals an. Er spürte, wie das Messer durch seinen Pullover unterhalb der Rippen schmerzhaft in seine Seite bohrte. Es wurde wieder herausgezogen, senkte sich wenig später abermals in seinen Körper. Er drohte das Bewusstsein zu verlieren. Den Schmerz, den die erneuten Stiche hervorriefen, nahm er kaum wahr, so schmerzhaft und überwältigend waren die brennenden teuflischen Schmerzen von der ersten Verletzung. Er hörte die Rufe von heraneilenden Vollzugsbeamten, konnte aber nicht ausmachen, wo sie waren. Alles war verschwommen, von Schmerzen bestimmt. Er fiel auf den Boden, spürte etwas Warmes unter sich. Sein eigenes, verdammtes Blut.


    Der Typ kniete über ihm, den Arm zu einem weiteren Stich zurückgebogen.
    Jetzt wirst du sterben.
    Abgeschlachtet, wie ein Tier.


    Doch das Messer senkte sich nicht. Er verharrte an der Stelle und näherte sich ihm nicht. Dann trat und schlug der Typ um sich, während irgendwer oder irgendwas ihn von sich zurückriss. Finsternis griff nach ihm. Er begann zu frieren. War das das Ende? Vermutlich. Er spürte Schläge auf seine Wange und eine Stimme aus einem anderen Leben. „Häkkinen, hören Sie mich? Bleiben Sie wach … scheiße, wo bleiben die Ärzte …“ Er blinzelte und als sich die Augen öffneten, blickte er in das Gesicht eines Vollzugsbeamten. Er kannte ihn, kam jedoch nicht auf seinen Namen. Sein Gehirn war zu vernebelt von Schmerzen. „Halten Sie durch!“ Wieder spürte er leichte Schläge in seinem Gesicht. „Nicht einschlafen, hören Sie, nicht einschlafen!“ Er war müde. Er fror. Zitterte am ganzen Leib. Er wollte den Schmerzen entkommen, schlafen. „Bleiben Sie wach, verdammt!“ Sein Blick verschwamm immer mehr und die Welt um ihn herum zog sich immer weiter zurück. Er nahm die Stimmen nicht mehr wahr. Stille hüllte ihn ein. Eine wohltuende Dunkelheit breitete sich über ihn aus. Eine Dunkelheit ohne Schmerzen, ohne Leid.

  • Ville Rautianen stand mit ernster Miene in der Tür zum Büro von Antti Heikkinen. „Es gab einen Zwischenfall im Helsinkier Gefängnis. Jemand hat Mikael mit dem Messer niedergestochen“, brachte er mit schwerfälliger, ungewohnter leiser Stimme hervor. Antti reagierte nur langsam auf das Gesagte. Er saß still auf seinem Stuhl und verzog für lange Zeit keine Miene. „Antti … er lebt“, sagte er nun, als könne er die Gedanken seines ehemaligen Partners lesen. „Er lebt“, wiederhole der stämmige Finne, wie in Trance, „er lebt…“ Ville Rautianen machte einige Schritte auf ihn zu. „Sieh mich an Antti!“, befahl er mit strenger Stimme. Der Blonde sah auf. Seine angsterfüllten Augen blickten in seine. „Er hat schwerere Verletzungen, aber er kommt durch.“ Ein Nicken, nichts weiter. „Die Staatsanwaltschaft verbietet euch allerdings zu ihm zu…“ „WAS! DAS KÖNNEN DIE NICHT!“ Antti war aufgesprungen. „Er braucht uns! Er ist verletzt! Wenn ich diesen hochnäsigen Staatsanwalt in die Finger bekomme!“ Antti räumte den Aktenhaufen vom Tisch. „ANTTI!“, brüllte Rautianen und sein Freund hielt für einen Augenblick inne. „Ihr werdet ins Gefängnis fahren. In der Auseinandersetzung gab es einen Toten … die SUPO scheint sich zu fein dafür zu sein, also kam der Fall an die Mordkommission. Ich weiß, ich werde in Teufelsküche kommen, dass ich den Fall an dein Team gebe, aber nutzt diese Ermittlungen, um etwas herauszufinden.“ „Aber … ich will zu Mikael“, presste Antti hervor. „Das geht jetzt nicht. Das habe ich dir doch gesagt“, wiederholte Rautianen. „Ist-ist er…wach?“ „Das weiß ich nicht. Versuche dich auf diesen Fall zu konzentrieren. Finde heraus, wie so etwas überhaupt passieren konnte. Die Kollegen haben denjenigen, der den Mord begangen hat, bereits in Gewahrsam genommen.“ Rautianen legte seine Hände auf die Schultern von Antti. „Ich vertraue auf dich. Du schaffst das.“ Antti nickte und atmete tief durch. „Wir werden professionell arbeiten, keine Angst Chef.“


    Antti Heikkinen setzte sich an den kleinen Holztisch und legte ein Diktiergerät auf den Tisch und drückte den Aufnahmeknopf herunter. Vor ihm saß ein bulliger, blonder Mann, dessen Gesicht eine Narbe zierte. „Vernehmung mit Akseli Häpi, Wohnhaft Helsinki. Anwesende: Kriminalhauptkommissar Antti Heikkinen und Kriminalkommissar Kasper Kramsu.“
    Antti sah dem Mann vor sich in die Augen. „Sie wissen, was ihnen vorgeworfen wird?“, begann er.
    „Ich habe nur den Mann beschützt, es war Notwehr. Er wollte ihn abschlachten!“, sagte er Mann vor ihm und zündete sich ein Zigarette an.
    „Sie haben Herrn Lindslien einen Stich ins Herz verpasst. Klingt für mich nicht nach Notwehr“, konterte Antti.
    „Sollte ich zulassen, dass er den Bullen tötet?“
    Antti verstummte. Wer war dieser Mann, dass ihm etwas daran lag, ob Mikael starb oder nicht?
    „Sie wollten also“, er schluckte schwer, „Herrn Häkkinen schützen?“
    „Er hat auf ihn eingestochen, wie ein Wahnsinniger“, berichtete Häpi. „Lebt er?“
    Mehr als ein Ja brachte Antti nicht heraus. Er hatte die Fotos von der Spurensicherung gesehen. Diese riesige Blutlache. Mikael musste viel Blut verloren haben. Er wusste nichts Genaueres über den Zustand seines jungen Kollegen. Alles was er wusste, war das er lebte.
    „Das ist gut. Wäre doch schade, hätten diese Leute erreicht, was sie wollten“, holte ihn der Beschuldigte wieder zurück ins Hier und Jetzt.
    „Wie meinen Sie das?“, schaltete sich nun Kasper ein.
    „Er wurde von Lindslien und einem Wärter bedroht. Wissen Sie das etwa nicht.“
    Antti und Kasper sahen sich verwundert an. Davon war nie ein Wort zu ihnen durchgedrungen. Niemals hatte Mikael gegenüber seinem Verteidiger so etwas erwähnt.
    „In wie fern, bedroht?“, fragte nun wieder der ältere der Beiden.
    „Sie haben ihn zusammengeschlagen, Zwei Mal. Hören Sie, ich bin kein Bulle, aber für mich sah es so aus, als würde ihn jemand gerne aus dem Weg haben.“
    „Gut, gut und heute Morgen. Was ist da vorgefallen?“
    Häpi lehnte sich zurück. „Wir waren auf dem Weg von Hof wieder in die Zellen. Ich war ziemlich weit vorne, habe davon erst spät etwas mitbekommen. Ich habe Geschrei gehört und als ich mich umdrehte, war da diese Menschentraube.“
    „Und weiter?“, harkte Antti ungeduldig nach.
    „Ich bin natürlich hin. Dachte da passiert was spannendes, habe mich bis vorne durchgekämpft und da sehe ich wie der Bulle in dieser Pfütze voll Blut…er war nicht bei sich, seine Augen vollkommen von Schmerzen verzerrt…Die Wärter hatten Lindslien im Schwitzkasten, doch dann riss er sich los, griff abermals nach dem Messer. Ich konnte doch nicht zulassen, dass er ihn umbringt oder?“
    Antti nickte leicht. „Was haben Sie gemacht?“
    „Ich habe mein eigenes Messer aus meinem Stiefel gezogen und den Mann eine mitgegeben. Ich habe nur den kleinen Bullen beschützt. Wenn das die scheiß Wachen nicht können, wer soll sonst für die Sicherheit von dem Kleinen sorgen?“
    Das Diktiergerät wurde ausgeschaltet und Antti wies Kasper an den Raum zu verlassen. Erst als sich die Tür geschlossen hatte, erhob Antti erneut das Wort. „Woher kennen Sie Mikael wirklich?“
    „Spielt das eine Rolle? Ich habe ihren Kollegen gerettet, zumindest nehme ich an, dass es ihr Kollege ist, er sprach immerzu von einem Antti Heikkinen.“
    Antti erhob sich und griff nach dem Diktiergerät. „Ob Sie des Mordes schuldig sind, wird der Richter entscheiden. Auf Wiedersehen, Herr Häpi.“ „Der Vollzugsbeamte heißt übrigens Sandell“, rief Häpi ihm hinterher. „Ich habe gehört sein Bruder ist ein Bulle.“


    Antti atmete tief durch, als er die Tür hinter sich schloss. „Was wolltest du noch von ihm?“ Er sah auf und erblickte Kasper, der auf der anderen Seite des Flurs gegen die Wand lehnte. „Es kam mir komisch vor. Jemand wie Häpi kümmert doch kein junger Polizist.“ „Soll ich Hintergrundinfos zu ihm anfordern?“, hakte Kasper nach. Er nickte. „Das kann nicht verkehrt sein. Wo ist Veikko, ich muss mit ihm reden. Der Typ hat ne interessante Information durchsickern lassen.“ „Einfach so?“ Kasper hob skeptisch die Augenbraue. „Natürlich nicht einfach so. Er will den Mann ans Messer liefern und das verwirrt mich noch mehr. Normalerweise bleibt so etwas hinter geschlossenen Türen und dringt nicht außerhalb der Gefängnismauern, man könnte es schließlich noch für seine Zwecke benutzen.“ Antti seufzte. „Also, wo ist Veikko?“„Er schaut sich den Tatort an.“ Er nickte und setzte sich in Bewegung. „Dieser Beamte, der laut Häpi Mikael verprügelt hat, heißt Sandell und ist mit einem Polizisten verwandt.“ Kasper hechtete hinter ihm her. „Du meinst es könnte Riku Sandell sein, der auf unserer Liste steht?“ „Genau das denke ich und jetzt brauche ich unseren Computerfachmann um herauszufinden, wie oft und wann die beiden telefoniert haben.“ Er hielt an und dreht sich um. „Du wirst zur SUPO fahren. Hefte dich an Riku Sandell. Lass ihn für keine Sekunde aus den Augen. Sie dürfen nicht wissen, dass wir ihnen auf die Schliche kommen. Wir brauchen Tonteri und ihn.“ Der junge Kommissar nickte. „Wird gemacht, Antti!“




    *


    In Ben breitete sich ein ungutes Gefühl aus, als er auf sein Handydisplay blickte. Das Eva ihn um diese Zeit, Mitten am Tag anrief, war eigentlich selten. „Ben? Warum gehst du nicht ran?“, hörte er irgendwo weit entfernt Semirs Stimme. „Es ist Eva.“ Der Deutschtürke griff nach dem Smartphone in Bens Hand und nahm ab. „Ja, Eva. Was gibt es?“ Die Gesichtszüge von Semir gaben Preis, dass sich Bens Vorahnung bewahrheitet hatte. Es musste etwas passiert sein. „Es wird wieder in Ordnung kommen, Eva. Mach dir keine Gedanken. Er ist sicherlich in guten Händen … er wird das durchstehen …“


    Nach etwa fünf Minuten hatte Semir aufgelegt und sah Ben an. „Versprich mir, dass du dich im Zaum hast“, sagte er und hielt ihm das Smartphone wieder hin. „Was ist mit Mikael. Ihm ist etwas Schlimmes passiert oder? Ich wusste es Semir, ich wusste, dass ich nicht zurück nach Deutschland hätte fliegen sollen…Ich … was ist es?!“ „Er wurde im Gefängnis mit einem Messer niedergestochen. Sie haben operiert … sie haben Eva nur fünf Minuten zu ihm gelassen. Sie sagt, er schläft noch.“ Ben starrte ihn an. Die Worte seines Kollegen sickerten erst nach und nach zu ihm durch. „Das kann nicht sein Semir! Warum er? Warum tut ihm das jemand an? Wer war das? Haben die den Typen wenigstens?“ Semir legte seine Hand auf Bens Schulter. „Der Mann der hierfür verantwortlich ist, wurde von einem anderen Häftling erstochen.“ Tränen sammelten sich in den Augen des Jungkommissars. „Semir, bitte, ich will zu ihm. Ich muss zu ihm…“ Der Deutschtürke nickte. „Das verstehe ich, aber sie werden dich ohnehin nicht zu ihm lassen, Ben. Auch Antti und die anderen dürfen nicht auf die Station.“ „Aber…warum…wir wollen doch nur…für ihn da sein“, presste er heraus. „Ben, hör mir zu“, sagte Semir mit eindringlicher Stimme. Der Jüngere hob seinen Blick. „Mikael geht es gut, er wird das überstehen. Du weißt, dass er hart im nehmen ist. Er wird das schaffen. Bald wird es ihm wieder gut gehen und wir werden ihn auch bald daraus holen.“ „Aber…er ist nun schon so lange da drin und…Semir…was, wenn wir es nicht schaffen? Was, wenn er am Ende wegen Mordes verurteilt wird. Wenn man ihn schon in der U-Haft niedersticht. Was passiert dann, wenn er mit den ganzen Leuten in einem Trakt ist, die er hinter Gitter gebracht hat? Er wird das keine Woche überstehen! Wir müssen nach Finnland, Bitte Semir!“ Sein Partner seufzte. „Okay, Ben. Ich werde versuchen mit der Krüger zu reden, aber ich kann dir nichts versprechen. Bis dahin hältst du bitte die Füße still.“

  • Veikko schaltete den Beamer und wenig später erschien das Foto eines jungen Mannes an der Wand. „Riku Sandell, 33 Jahre, wohnhaft in Espoo, arbeitet seit einem Jahr bei der SUPO, hatte Zugang zu der Waffe und die Möglichkeit Kontakt in das Gefängnis aufzunehmen, wo sein Bruder“, er wühlte in seinen Unterlagen, „ah genau…sein Bruder Ville Sandell arbeitet.“ Ben lauschte mit großen Augen den Worten des jungen Finnen. Dafür, dass sie vor wenigen Stunden fast noch überhaupt nichts hatten, schien es nun rasant Vorwärts zu gehen. Er war mehr als dankbar, dass die Krüger es irgendwie hinbekommen hatte, zumindest ihn unter einem Vorwand nach Finnland zu schicken. Er hatte den nächstbesten Flug genommen, um so schnell wie möglich in die Ermittlungen einbezogen zu werden. Erst 24 Stunden waren seit der Messerstecherei im Gefängnis vergangen und die müden Augen von Veikko verrieten, dass er seitdem pausenlos vor dem PC gehangen hatte. „Ich war so frei und habe mir Sandells Konten angesehen“, holte Veikko Ben aus den Gedanken. „Er hat immer wieder hohe Geldsummen erhalten. Gleichzeitig gingen aber auch hohe Summen von seinem Konto wieder runter.“


    Antti nickte, als Veikko seine Ausführungen beendet hatte. „Kasper, wo war er in den letzten Stunden?“, fragte er nun in Richtung seines anderen finnischen Teammitglieds. „Nach der Arbeit war der Typ erst im Supermarkt, dann bei einem alten Gebäude etwas außerhalb der Stadt, vielleicht das Versteck von Tonteri … danach ist er nach Hause gefahren. Momentan sind Halonen und Karjanen an ihm dran.“ „Wir sollten bald zuschlagen, wir können die Typen nicht davon kommen lassen, nach all dem was sie angerichtet haben!“, mischte sich Ben ein. Was sollten sie warten, wo sie nun alle Informationen hatten, die sie brauchten? „Ich wünschte, wir könnten schon handeln Ben, aber das ist Taskinens Fall. Ich habe in einer Stunde einen Termin und werde ihm unsere Beweise vorlegen“, bremste Antti seinen Tatendrang ein. „Diesem Arsch, der wird sicher einen feucht-“, wollte Ben ihm dazwischenfahren, doch der Ältere hob die Hand und er verstummte augenblicklich. „Ich habe jahrelang mit Taskinen zusammengearbeitet, er macht auch nur seinen Job. Jeder andere hätte bei diesen Beweisen gegen Mikael ähnlich gehandelt. Er wird auf unserer Seite sein, wenn ich ihm das alles vorlege.“ Der deutsche Kommissar verschränkte mürrisch die Arme vor der Brust. „Wie du meinst, Antti, aber wenn er nicht auf unserer Seite sein sollte, dann werde ich mir Tonteri trotzdem schnappen!“ „Damit kann ich leben“, antwortete ihm der stämmige Finne in einer monotonen Tonlage und stand dann auf.


    Ben hatte das Gefühl, als würde er den ganzen Vormittag damit verbringen aufgeregt hin und her zu rennen. Die Unterhaltung von Antti und diesem Taskinen schien eine Ewigkeit zu dauern, doch der Blick auf die Uhr verriet ihm, dass Antti gerade einmal zwei Stunden weg war. „Verdammt, wo bleibt der denn“, schimpfe er laut. „Du machst mich total nervös, Ben“, hörte er Veikko sagen. Der Finne saß auf der Fensterbank und schaufelte Schokoladeneis in sich hinein. Ben hielt an und starrte ihn fassungslos an. „Die Tatsache, dass du so eine Kalorienbombe isst, zeigt, dass du es schon lange bist. Du machst das immer, wenn du nervös bist. Sachen in dich rein stopfen!“ „Immerhin besser, als auf und ab zu laufen. Es dauert seine Zeit, aber Antti wird das schon hinbekommen. Nicht mehr lange und wir haben diese Schweine“, mutmaßte Veikko, während er den nächsten Löffel Eis in seinen Mund schob.


    *


    Es war fünf Uhr am Abend, als die SUPO endlich das okay für einen Zugriff gegeben hatte. Ben legte sich gerade die schusssichere Weste an und beobachtete Veikko dabei, wie er das gleiche tat. Das Gesicht des finnischen Kollegen verzog sich kurzzeitig und Ben wurde bewusst, dass er immer noch Schmerzen von den geprellten Rippen haben musste, obwohl sein Unfall nun schon fast über einen Monat her war. Kasper und Antti standen einige Meter von ihnen entfernt und besprachen mit Taskinen und einem weitern Mann, den Ben nicht kannte, die Details.


    Wenige Minuten später stand Antti vor ihm. „Ketonen von der Karhu (Sondereinsatzkommando) sagt, dass sich auf Grund der Bilder von der Wärmebildkamera insgesamt zwei Leute in dem Gebäude aufhalten. Es ist nicht mehr bewohnt und soll in etwa einem halben Jahr abgerissen werden“, begann er, „ein perfektes Versteck also, um für ein paar Wochen unterzutauchen. Wir haben Scharfschützen auf den Dächern und am Hintereingang des Hauses.“ „Wir müssen sofort zuschlagen. Nicht, dass sie uns schon wieder entkommen!“, drängte Ben. Er wollte es endlich hinter sich bringen, diese Männer in Handschellen abgeführt sehen. Antti schüttelte den Kopf. „Du musst jetzt deinen Tatendrang in Grenzen halten. Erst wenn die Technik bestens funktioniert und jeder an seiner Position ist, werden wir zuschlagen. Du willst sicher gehen, dass sie nicht entkommen? Dann ist das die beste Möglichkeit, die du hast. Auf den besten Zeitpunkt warten.“ Ben seufzte und blickte starr auf das Gebäude vor ihm. „Und wie lange dauert das noch?“ „Etwa fünf Minuten, die Zeit wirst du haben.“


    Ben spürte, wie sein Adrenalinspiegel anstieg. Jede Fase seines Körpers bereitete sich auf dieses Einsatz vor. Auch wenn er das hier schon viele Male erlebt hatte, war es diesmal doch etwas anderes. Hier ging es um Mikaels Zukunft. In diesem Gebäude waren die Menschen, die ihm das alles angetan hatten. Dann endlich war es soweit: Taskinen gab das Zeichen und der Zugriff erfolgte!


    Mit vorgehaltener Waffe liefen sie auf das Gebäude zu und stürmten die Wohnung in der die Wärmebildkamera Tonteri und Sandell ausgemacht hatte. „Hände hoch, Polizei. Sie sind verhaftet“, rief einer der Männer. Tonteri sah erschrocken hoch, schien nicht mit einer Festnahme gerechnet zu haben. Der Mann, der so viele Morde begangen hatte, erstarrte in völliger Bewegungslosigkeit, ehe er von Antti zu Boden gerissen wurde. Riku Sandell lief wie ein Gejagter davon, doch Veikko reagierte blitzschnell und zog den Mann auf die Erde, noch bevor er die Haustür erreichen konnte. Ben sah, wie Sandell sich aus dem Griff von Veikko befreien wollte, unter den Armen zappelte, aber dann flüsterte ihm Veikko etwas ins Ohr und Sandell verharrte, ließ sich die Handschellen problemlos anlegen.


    „Das war schon fast zu einfach“, murmelte Antti, als die beiden Verdächtigen abgeführt wurden. „Stimmt“, entgegnete Kasper und sah sich in der kleinen Wohnung um. Auf dem Wohnzimmertisch lag eine Waffe. Hätten sie später zugeschlagen, dann wäre Tonteri vielleicht nicht in der Küche überrascht worden und die Verhaftung wäre um einiges schwieriger gewesen. Ben stand mit Veikko etwas abseits. „Sag mal, was hast du zu dem Typen gesagt?“, fragte er neugierig, „das er plötzlich aufgehört hat, sich zu wehren?“ Veikko lächelte. „Die Wahrheit natürlich. Das außerhalb dieser Tür ein Haufen Scharfschützen wartet und er doch kein toter Mann sein will.“ „Das ist alles“, brachte Ben enttäuscht heraus. „Das ist alles … gut, dass er ein Arschloch ist auch, aber ich denke, dass wird ihm nicht zum stillhalten bewegt haben!“


    *


    Ben sah durch das Spiegelglas in den Verhörsaal und beobachtete, wie Tonteri von Taksinen und Antti auseinander genommen wurde. Zumindest sah es danach aus, er selbst verstand von diesem Verhör kein einziges Wort, gut vielleicht ein paar, aber nichts, was für ihn einen Sinn ergeben würde. Hinter ihm an der Wand stand Kasper gelehnt. Veikko saß neben seinem Kollegen auf der Erde und bettete den Kopf auf seinen Knien. „Ich kann nicht glauben, dass der Typ da im Verhörsaal sitzt und wir ihn endlich haben …“, äußerte Ben nachdenklich. „Sag das nicht zu früh, dass letzte Mal, als wir ihn hatten, ist eine Bombe dazwischengekommen“, hörte er Kasper sagen. „Red kein Scheiß Kas“, funkte Veikko dazwischen, „das wird dieses Mal nicht passieren. Er war so dumm seinen Bombenleger umzubringen. Die Kollegen stehen ohnehin in 30 Minuten bereit, dann kommt der scheiß Typ in Untersuchungshaft!“ Kasper stieß einen genervten Ton aus. „Du sollst mich so nennen, Veikko … aber du hast sicherlich Recht. Immerhin hat Sandell schon gestanden. Damit ist Mikael aus dem Schneider … endlich ist er raus aus diesem elenden verdammten Knast!“


    Ben löste seinen Blick von Tonteri. „Ich werde vor die Tür gehen. Ich brauche etwas frische Luft“, entschuldigte er sich und verließ den Verhörraum. Nur wenige Minuten später saß er im Park auf einer Bank. „Wie oft du in den letzten Monaten hier gesessen hast“, sagte er zu sich selbst, „kaum zu glauben, dass das jetzt nicht mehr vorkommen wird.“ Er schloss die Augen und sog für einen Augenblick die Ruhe auf, die zu diesem Zeitpunkt im Park herrschte. Ein Lächeln schmückte sein Gesicht. Endlich würde alles gut werden. Nach all dieser Zeit hatten sie Tonteri dingfest gemacht und Mikael, Mikael würde wieder frei kommen. Ben fiel es schwer zu glauben, dass es in diesem schäbigen Keller war, als er Mikael zum letzten Mal gesprochen hatte. Seine Verzweiflung und Wut in der damaligen Situation, war ihm noch heute gegenwärtig.


    Ben schreckte hoch, als er zwei Schüsse aus Richtung der Dienststelle vernahm. Eilig rannte er zurück. War Tonteri erneut entkommen? Nein, das durfte nicht sein! Nicht schon wieder! Umso näher er kam, desto deutlicher konnte er eine Person am Boden liegen sehen. Blut, überall war Blut. Angst übermannte ihn. Was, wenn er wieder einen Kollegen umgebracht hatte, um so entkommen? Doch je näher er kam, umso klarer wurde es, dass der Mann auf dem Boden kein Kollege war, nein sogar ein Typ, dem er selbst gerne eine Kugel in den Schädel gejagt hätte. Er sah in die geschockten Gesichter von Antti und den anderen. „Was-was ist hier passiert?“, presste er schweratmet hervor. „Er sollte ins Gefängnis transportiert werden, doch dann … da war dieser schwarze Wagen mit getönten Scheiben, wenig später fielen Schüsse und der Tonteri, der war tot, ehe er auf dem Boden aufschlug.“


    Der Blick des deutschen Kommissars fixierte die Leiche von Tonteri. Zwei gezielte Schüsse und beide hatten getroffen. Einer in den Kopf und einer in das Herz. Vermutlich wären sie auch einzeln tödlich gewesen. Hier wollte jemand auf Nummer Sicher gehen, dass Tonteri auch wirklich das Zeitliche segnete. „Scheint als hätte Tonteris Gegner am Ende bekommen, was er wollte“, ertönte die Stimme von Taskinen und Ben stellte erstaunt fest, dass der Typ die ganze Zeit über perfektes Deutsch beherrscht hätte. Er hatte sie nur glauben lassen, dass er ihre Sprache nicht verstand. Hatte ja auch perfekt geklappt, so waren ihn die deutschen Kommissare zu keinem Moment auf die Nerven gegangen. Der Kommissar der SUPO griff nach seinem Handy und machte eilig einige Anrufe. Anschließend sah er wieder zu ihnen. „Das liegt in der Zuständigkeit von uns, ihr könnt gehen.“ Antti sah ihn ungläubig an. „Entschuldigung, aber du kannst uns nicht schon wieder einfach so abservieren.“ Taskinen lächelte. „Kümmere dich um Häkkinen, Antti. Nun kannst du ihn endlich sehen …“

  • Piepsende Geräusche drangen zu ihm durch. Rhythmisch, gleichmäßig, einem Takt folgend. Licht erreichte seine Augen. Schemenhaft bewegt sich etwas hinter einem Vorhang aus dichtem Nebel. Er versuchte sich zu bewegen. Schmerzen durchzuckten seinen Körper und er stöhnte leise auf. „Herr Häkkinen.“ Eine leise Frauenstimme drang zu ihm durch. „Eva“, krächzte er hervor. „Nein“, ertönte es wieder von der Frau, „ich bin Schwester Marit. Sie sind im Krankenhaus. Gleich kommt der Arzt und wird Ihnen erklären, was passiert ist.“ Sein Blick wird klarer und er erkennt eine blonde Frau neben seinem Bett, die ganz und gar nicht seiner Eva glich. „Hier ist etwas zu trinken.“ Er spürte eine Tasse auf seinen Lippen und nahm Schluck für Schluck von der Flüssigkeit. „Was … ist … passiert?“, stieß er leise aus und versuchte sich aufzurichten. Die Schwester hielt ihn zurück. „Bleiben Sie liegen“, ermahnte sie ihn. „Aber … ich muss wissen, was … passiert ist.“ „Warten Sie auf den Arzt. Bleiben Sie ruhig“, sagte sie abermals. Die Ereignisse drangen in seine Gedanken. Er war im Gefängnis gewesen … Mordbeschuldigter … ein Messer … Messer … Schmerzen.


    Die Schwester verließ das Zimmer und er versuchte sich wieder aufzurichten, doch ehe er hochgekommen war, öffnete sich die Tür und ein Arzt mit Gefolge betrat das Zimmer und schritt an sein Bett. „Schön, dass Sie endlich wach geworden sind, Herr Häkkinen. Sie haben uns große Sorgen bereitet.“ Er erzählte von inneren Verletzungen, einer Gehirnerschütterung, Lungenentzündung. Irgendwann hörte er auf den Worten des Mannes zu lauschen. Sein Kopf begann zu dröhnen von seiner penetranten Stimme. „ … wir werden Ihre Frau über ihren Zustand informieren. Sie hat sich in den letzten sechs Tagen regelmäßig nach Ihnen erkundigt.“ Der Arzt unterbrach seine Erzählungen abrupt, als hätte er sich verplappert und da machte es „Klick“. Das rhythmische Piepsen wurde lauter und Unruhe packte ihn. Die letzten sechs Tage! „Sechs - sechs Tage … was ist passiert? Wo ist Antti? Ich-ich will zu meiner Familie! Bitte, wo ist Eva…“ Er begann hektischer und schneller zu atmen. „Beruhigen Sie sich Herr Häkkinen, ihre wird verständigt. Sie werden sicherlich bald hier sein.“ Er presste sich hoch. „Lassen Sie mich! Ich muss … ich bin unschuldig, ich habe niemanden umgebracht.“ „Schwester, wir brauchen dringend ein Beruhigungsmittel!“, hörte er den Arzt rufen. Die Frau kam hereingestürmt und reichte dem Arzt eine Spritze. „Nein!“ Er wollte sich aus dem Bett kämpfen, doch ehe er überhaupt hochkam, hatte ihn die Schwester sanft in die Matratze gedrückt. „Ich muss doch…mein Fami…“ Das Beruhigungsmittel begann sich über seinen Verstand zu legen. Seine Panik rückte in die Ferne.


    Als er das nächste Mal aufwachte, spürte er einen sanften Händedruck. Er öffnete die Augen und lächelte, als er endlich das Gesicht sah, was er beim ersten Wachwerden so vermisst hatte. „Eva“, flüstere er. Ihre Hand strich über seine Wange. „Ich habe mir Sorgen gemacht, Schatz … ich habe mir solche Sorgen gemacht.“ Tränen liefen über ihr Gesicht. Er wollte seine Hand heben, um sie wegzuwischen, doch er brachte nicht die Kraft auf. Er war einfach noch zu müde. „Es … tut … mir leid“, sagte er ohne Stimme. „Versprech mir, dass du nie wieder etwas vor mir oder den anderen verheimlichst. Hättest du von Anfang an von den Drohungen von Tonteri erzählt, wäre das alles nie passiert.“ Er nickte mühselig. „Ich will nicht … wieder zurück … ich bin doch unschuldig …“, kämpfe er heraus.


    „Dann sei froh, dass du es auch nicht musst!“, ertönte es von einer dritten Stimme. Er suchte den Ursprung, der ihm so bekannten Stimme und machte die dazugehörige Person schließlich am Fenster aus. „Ben.“ Der Angesprochene grinste. „Wir haben Tonteri geschnappt und den Typen, der die Waffe ausgetauscht hat. Sie haben die Anschuldigungen gegen dich fallen gelassen.“ Ben kam es vor, als herrschte minutenlang Stille, ehe Mikael antworte. „Ich bin nicht mehr … verdächtig?“ Sein Kopf fiel zurück in das Kissen und er betrachtete stumm die Decke, während Eva über seine Hand strich. „Du bist ein freier Mann, Mikael“, wiederholte Ben und glaubte Tränen in den Augen seines Freundes zu sehen. „Ich dachte, dass ihr … das niemals hinbekommt. Ich dachte, dass … ich wegen Mordes verurteilt werde…“ Ben lachte und trat an das Bett. Seine Hand drückte die Schulter des Finnen. „Wir werden dich niemals in Stich lassen Mikael. Niemals, du bist unserer Freund.“ Der Mann im Bett schluckte schwer, lächelte dann aber. „Ich bin so froh, dass Tonteri … dass er nicht geschafft hat … dich umzubringen …ich hatte Angst, als du …“ Bens Händedruck verstärkte sich. „Lass uns jetzt nicht darüber reden, Mikael. Wir beide leben und das ist die Hauptsache.“


    Sie vernahmen ein Klopfen an der Tür und Antti steckte den Kopf hinein. Er grinste, als er Mikael bei Bewusstsein vorfand und zog die Tür ganz auf und Ben sah, wie im Hintergrund Veikko und Semir ebenfalls lächelten. Er war dankbar darüber, dass Semir ebenfalls für ein paar freie Tage das Okay von der Krüger bekommen hatte, so war ihm bei der ganzen Warterei immerhin nicht die Decke auf den Kopf gefallen, während die anderen ihrem täglichen Dienst nachgingen. „Ihr hättet … nicht alle kommen brauchen“, sagte Mikael mit schwacher Stimme, beinahe flüsternd. „Und ob, es ist ewig her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben“, antworte Antti und drückte die Hand seines jungen Kollegen. „Es tut gut, dich endlich wieder in Freiheit zu sehen.“ „Da kann ich … nichts Gegenteiliges behaupten.“ Mikael erwiderte den Händedruck seines älteren Kollegen. „Kasper hält die Stellung, er wird heute Abend vorbeikommen“, fuhr Antti vor und bekam als Antwort ein leichtes Nicken. „Was ist mit … Tonteri?“ „Er wird dir nicht mehr tun können.“ Ben wartete auf eine Fortsetzung von Antti, doch als diese nicht kam, war ihm klar, dass er sich entschieden hatte zunächst einmal die Halbwahrheit zu sagen. Klar war, dass sie inzwischen Hinweise hatten, dass der Auftraggeber für den Mord an Tonteri aus Köln gekommen war und da war Georg Hansen sicherlich ihr Verdächtiger Nummer eins, auch wenn sich der Mann noch clever aus der Affäre zog.


    Semir lehnte sich an das Fenster, wo vor wenigen Minuten noch Ben gestanden hatte. „Ich hoffe beim nächsten Fall hast du das mit den Alleingängen dann auch wirklich gelernt“, sagte er mit einem breiten Grinsen in Richtung des Bettes. Der Schwarzhaarige nickte schwach. „Ich habe … sicherlich keine Lust mehr in Kellern gewürgt … zu werden oder im Knast zu landen …“

  • Epilog

    „Georg.“ Er drehte sich um und blickte in die Augen des jungen Mannes vor sich. „Michael. Schön, dass du nach all den Jah-“ „Es heißt Mikael und ich bin nicht hier, um dir einen Besuch abzustatten, ich bin hier um dich zu warnen“, unterbrach er ihn. Er zog die rechte Augenbraue skeptisch hoch. „Was hat das zu bedeuten Michael?“ „Ich will, dass du dich aus meinen Leben raushältst. Ich möchte nicht, dass du meiner Frau oder meinen Kindern auch nur nahekommst!“, zischte er und trat an ihn heran. „Aber ihr seid mein eigen Fleisch und Blut. Ihr seid meine Familie.“ „Nein, wir sind nicht deine Familie, wir haben lange aufgehört eine Familie zu sein! Wenn du auch nur einen Versuch machst, mit meiner Frau oder meinen Kindern in Kontakt zu treten, dann werde ich dich zur Strecke bringen und du kannst deinen Lebensabend hinter Gittern verbringen!“ Der junge Mann baute sich vor ihm auf, seine Augen funkelten vor Wut.


    Er sah seinen Enkel eindringlich an. „Bitte, Michael…Mikael, lass mich Teil an deinem Leben haben. Ich bin ein alter Mann und ich-“ Sein Gegenüber lachte auf. „Diese Nummer klappt nicht Georg. Du bist mächtig genug einen Mörder auf Tonteri anzusetzen und Häpi Informationen in den Knast zu liefern, du bist kein alter Mann. Du bist Abschaum, wie Vater!“ Georg Hansen holte zu einer schallenden Ohrfeige aus. „Sprich nicht so über deinen Vater. Er hat immer das Beste gewollt für dich!“


    „HAT ER DAS?! Eine Narbe auf meinem Rücken sagt etwas anderes! Er hat auf mich geschossen, dass solltest selbst du mitbekommen haben!“, schrie Mikael und ballte wütend die Hand zur Faust. „Ich weiß, dass du für die Morde verantwortlich bist, an Tonteri und dem Typen aus dem Gefängnis, auch wenn man es dir nicht nachweisen konnte! Ich weiß auch, dass du Ben beschatten lässt, hör auf damit!“ Georg Hansen lächelte, aber es war kein freundliches Lächeln, sondern ein bestimmendes. Ein Lächeln, welches er von seinem Vater nur gut kannte. „Andreas hat dich damit geschützt!“, sagte Georg Hansen mit ruhiger Stimme. Die Wut in seinem Gesicht wurde durch Verwirrung abgelöst. Er starrte den Mann vor sich an, ohne dass ihm ein weiteres Wort entkam. Seine Faust löste sich und er merkte, wie er zu zittern begann. „Jemand wollte dich tot sehen Micha…Mikael. Er hatte den Auftrag dich zu töten und du weißt, dass Andreas dich mit einem Schuss hätte töten können. Ein Hansen schießt nicht daneben, niemals! Er triff immer sein Ziel!“ „Er wollte Ben töten! Meinen Freund!“ Georg lachte. „Wie konntest du wissen, ob er dein Freund ist? Ihr habt euch über zehn Jahre nicht gesehen gehabt und du hast ihn trotzdem einen Freund genannt. Die Jägers haben uns immer nur Ärger gebracht!“ Die Verwirrung löste sich wieder und Mikael war wieder fähig klar zu denken. „Nun, euch vielleicht, aber nicht mir! Ben hat so viel für mich getan und er ist mehr eine Familie für mich, als ihr es jemals sein werdet.“


    Er wollte kehrt machen und den Raum verlassen, doch Georg Hansen umgriff seinen Arm schmerzvoll. „Ich war es, der dich im Knast geschützt hat, ohne mich wärst du erstochen worden! Ich war es, der dich vor Tonteri beschützt hat, nicht Ben Jäger!“ Mikael zog seinen Arm zurück. „Lass mich los. Ich habe alles gesagt, wozu ich hergekommen bin“, schrie er und verließ eilig das Haus. „Und Halte dich daran, ich mache meine Drohungen wahr. Ich bin ein Hansen!“


    Ben verfolgte, wie sein Freund aus dem Haus trat, und beugte sich rüber, um die Beifahrertür zu öffnen. Der Finne ließ sich neben ihn fallen. „Wie ist es gelaufen?“, fragte Ben neugierig. Mikael zuckte mit den Schultern, seinen Blick weiter auf das Gebäude vor ihnen geheftet. „Was ist los? Hat er dich bedroht?“ Er schüttelte mit dem Kopf. „Nein, es ist nur … ach, es ist nicht so wichtig.“ Der deutsche Kommissar zog eine Grimasse. „Nicht so wichtig, nicht so wichtig! Mikael, vertrau mir. Friss nicht wieder alles in dich hinein.“ Ein Seufzer entfuhr seinem Beifahrer. „Er hat von damals geredet, als mein Vater auf mich geschossen hat. Er meinte, er hatte mich beschützt.“ „Und das glaubst du ihm?“ „Ich weiß es nicht Ben“, murmelte Mikael leise. „Ich weiß es wirklich nicht.“ Der Blick des Finnen löste sich von der Villa. „Lass uns fahren, ich will hier endlich weg.“


    Nur eine halbe Stunde später fanden sie sich auf einer Bank am Rhein wieder. Ben betrachtete Mikael. Seit er aus dem Haus seins Großvaters gekommen war, war er seltsam still, sogar noch stiller als üblich. „Du weißt, dass du auch über die Dinge mit mir reden kannst, die die Familie Hansen betreffen“, sagte er nach einer Weile, „du brauchst keine Angst zu haben, dass ich deswegen verurteile. Mikael sah auf. „Warum ist es so schwer die Vergangenheit ein für alle Mal hinter sich zu lassen?“, sagte er und warf einen kleinen Kieselstein ins Wasser. „Damals dachte ich, wenn ich nur clever genug bin, wird niemals jemand davon erfahren, dass mein Vater im Drogengeschäft tätig war…doch dann, als er wieder von den Toten auferstand und unsere Abteilung wegen Deals mit ihm aufgelöst wurde“, Mikael stockte und griff nach einem weiteren Stein. Ben wartete auf eine Fortsetzung, doch sie kam nicht. „Was war dann?“, harkte er schließlich nach. „Ich war für alle nur noch der Sohn von Andreas Hansen. Jeder wusste plötzlich, wer er war und was er gemacht hatte. Alle sehen dich an, alle denken, sie wüssten, wer du bist. Wie sie nicht glauben konnten, dass ich damit nichts zu tun hatte … niemand wolle mich in seinem Scheißteam haben.“ Ben legte seine Hand auf Mikaels Schulter. „Aber dann, dann hat dich Rautianen gewollt. Du hast ein tolles Team, eine tolle Familie gefunden.“ Mikael nickte seicht. „Die skeptischen Blicke der anderen sind dennoch da und diese Sache, die U-Haft … es wird sie nicht vom Gegenteil überzeugen. Ich bin gebrandmarkt!“ Der Finne ließ erneut einen Stein ins Wasser gleiten. „Ich weiß nicht, ob ich das alles noch kann. Mich diesen Blicken auszusetzen, ihnen jeden Tag aufs Neue zu beweisen, dass ich ein ehrlicher Kollege bin.“


    „Du denkst darüber nach deinen Polizeidienst zu beenden?“, fragte Ben erstaunt, als ihm klar wurde, worauf sein Freund hinaus wollte. Mikaels Augen lösten sich nicht vom Wasser und dennoch meinte Ben, Trauer in ihnen zu erkennen. „Vielleicht. Ich weiß es nicht … momentan weiß ich überhaupt nichts mehr, Ben. Ich weiß nur, dass ich mich nicht dauernd vor anderen Kollegen erklären will. Ich weiß, dass ich nicht wieder in die Situation kommen will, in der mir niemand glaubt, dass ich kein Mörder bin.“


    „Hast du jemals darüber nachgedacht, all das hier an den Nagel zu hängen?“, fragte Mikael mit gebrochener Stimme. „Manchmal, wenn wir mit einem brutalen Fall zu tun hatten. Wenn du glaubst, dass du ohnehin nichts mehr ausrichten kannst“, antwortete er schließlich ehrlich. Der Finne erhob sich von der Bank. „Wie dem auch sei. Ich habe mir erst einmal Urlaub genommen. Zusammen mit der Krankschreibung, die noch drei Wochen dauert, reicht das vielleicht, um sich im Klaren zu werden, was ich überhaupt will.“ Er lächelte. „Vielleicht kannst du mir in der Zeit ja Köln zeigen, wo es schon mit unserer Helsinki-Städtetour nicht geklappt hat.“ Ben sah ihn skeptisch an. „Du weißt aber schon, dass du hier aufgewachsen bist. Du kennst alles von Köln, durch dein Supergedächtnis sicherlich besser als ich.“ „Dann mache ich halt einmal mehr den Städteführer, was soll’s.“ Mikael setzte sich in Bewegung. „Erster Punkt auf der Tagesordnung wird der Dom sein. Bist du bereit, Ben Jäger?“ Er hechtete hinter seinem Freund her. „Wenn das hilft, deine Laune zu bessern, lasse ich mich von dir mit langweiliger Geschichte nur zu gerne voll labern!“

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