Kalter Schnee, heißes Blut

  • Diese Geschichte ist der sechste Teil der "Mordkommission Helsinki"-Serie. Die anderen Teile kannst du hier nachlesen:



    1.Fall: Der Finne - Das ewige Lied des Nordens
    2.Fall: Eiskalte Rache … entkommen wirst du nie!
    3.Fall: Auf dünnem Eis
    4.Fall: Pirun palvelijan - Diener des Teufels
    5.Fall: Blackout
    6.Fall: -
    7.Fall: Vertrauen
    8. Fall: Grüße aus St. Petersburg
    9. Fall: Kalter Abschied

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    Ben saß unter den wachsamen Augen von Zar Alexander II. und blickte über die imposanten Freitreppen hinauf zum strahlend weißen Dom von Helsinki. Auf dem Platz wimmelte es nur so von Leuten. Einige rannten ihren Reiseführern hinterher, andere genossen die ruhigen Mittagstunden auf den Treppen vor dem wohl bekanntesten Bauwerk der Stadt und verfolgen wie er, wie der Seewind den leichten Puderschnee aufwirbelte.



    Er sah auf, als ihm jemand ein Brötchen vor die Nase hielt. „Ist vom Markt drüben am Hafen. Ganz frisch“, sagte sein Gesprächspartner und lächelte dabei breit. Ben konnte nicht anders als das Lächeln zu erwidern. Er war froh, dass er es endlich mal wieder geschafft hatte, nach Finnland zu kommen, um Mikael zu besuchen. Mikael. Einen Freund aus Schultagen, den er tot geglaubt hatte, der dann aber vor knapp sechs Jahren vor seiner Haustür gestanden hatte. Seit dem hatten sie viel durchgemacht und all diese Erlebnisse hatten sie noch enger zusammengeschweißt. Vor allem ein Unfall seines Freundes vor drei Jahren hatte ihre Beziehung zueinander gestärkt. Nach einem Sturz hatte er sich eine schwere Schädelverletzung zugezogen, hatte mehrere Wochen im Koma gelegen und lange gebraucht, bis er wieder seine alte Stelle als Hauptkommissar der Mordkommission annehmen konnte. 20 Monate nach dem Zwischenfall hatte man ihm eine Stelle als Dozent in der Polizeiakademie angeboten, seit einem Jahr war er wieder in der Mordkommission. Inzwischen hatte er eine Frau und zwei Kinder. Ein Junge und ein Mädchen. Eine Familie, die er zuweilen an seiner Seite sehr vermisste. Er scheitert bereits daran, die richtige Frau für dieses Projekt zu finden.
    Ben nahm den ersten Bissen von seinem Brötchen, während sich Mikael neben ihm hinsetzte. „Entschuldige, dass ich so lange gebraucht habe. Einige Deutsche waren nicht fähig den Weg zum Dom zu finden.“ Er begann laut und ergiebig zu lachen, so dass einige der Umherstehenden sie überrascht anblickten. „Nicht dass die Helsingin tuomiokirkko vom Hafen aus zu übersehen wäre.“ Mikael lehnte sich zurück. „Worauf hast du heute Lust? Seurasaari, die Uspenski-Kathedrale, Suomenlinna oder das Sibelius-Monumentti?“ Der deutsche Kommissar zog eine Augenbraue hoch. „Ähh… ich habe eigentlich keine Ahnung, wovon du überhaupt redest.“ Mikael zeigte auf ein kleines unscheinbares Gebäude gegenüber von ihnen an einer Ecke des Platzes. „Wir könnten auch in das Sederholm-Haus. Das ist das älteste Steingebäude in der Innenstadt und jetzt ein kleines Museum. Ich war dort mal mit Oskari.“ Der Finne schüttelte leicht den Kopf. „Nein…wobei, das ist nichts für dich Ben. Du würdest dich langweilen und ich will ja nicht, dass sich mein Gast in dieser Stadt langweilt.“ Mikael war aufgestanden. „Komm, ich weiß genau das Richtige für dich. Wir nehmen am besten die Raitioliikenne …“ Er schien Bens fragenden Blick zu bemerken und korrigierte sich. „…die Straßenbahn. Die Haltestelle ist gleich da drüben, an der anderen Seite des Senaatintori.“ Mikael zeigte in einer Richtung und der Braunhaarige begann zu nicken. Er stand nun ebenfalls auf und folgte Mikael über den Platz. „Wie Sie meinen Herr Stadtführer. Ich folge Ihnen auf Schritt und Tritt!“
    „Das will ich auch hoffen, bei deinem Finnisch wärst du ja ohne mich hoffnungslos verloren.“
    „Ihr könnt ja zum Glück alle sehr gut Englisch“, konterte Ben und lachte. Es war lange her, dass sie einen solchen entspannten Tag genossen hatten.
    „Nun, da hast du natürlich Rech …“



    Mikael kam nicht dazu, seinen Satz zu beenden. Kurz bevor sie die Haltestelle erreicht hatten, durchzog ein ohrenzerreißender Knall das vorherrschende Sprachenwirrwarr. Eine Explosion. Ben spürte, wie die Druckwelle seinen Körper durchzog und ihn schlagartig von den Füßen riss. Er wurde einige Meter durch die Luft geschleudert, bevor ich unsanft auf Kopfsteinpflaster aufschlug. Glassplitter und Metallfetzen flogen durch die brennende Luft. Schreie hallten über den Platz. Bens Ohren klingelten von der Explosion, er hatte furchtbare Kopfschmerzen. Die Hitze des Feuers brannte unangenehm auf der Haut. Er richtete sich mühsam hoch und sah sich um. Dicker, beißender Rauch war um ihn gehüllt. Es roch nach verbranntem Fleisch. Weit entfernt hörte er eine Stimme nach ihm rufen und wenig später saß Mikael vor ihm. „Ben? Bist du okay?!“ Ohne dass Ben es wirklich wahrgenommen hatte, hatte sein Freund ihn hochgezogen und ein paar Meter weiter entfernt wieder zu Boden gelassen. „Mikael“, brachte er leise heraus, ehe der beißende Qualm ihn zum Husten brachte. Er spürte, wie die Hände des Finnen ihn nach einer Verletzung absuchten. „Tut dir was weh?“, fragte er nach einer Weile erneut. Er versuchte, sich zu konzentrieren. „Mein Kopf und mein Arm“, murmelte er schließlich. Er vernahm ein Nicken. „Bleib hier ganz ruhig sitzen. Es wird sicherlich nicht mehr lange dauern, bis die ersten Rettungskräfte eintreffen.“ Kurz, nachdem sein Freund den Satz ausgesprochen hatte, war er auch schon wieder aufgesprungen und in den dichten Rauch verschwunden. Ben kniff die Augen zusammen und öffnete sie nach einer Zeit wieder. So langsam begriff er das Ausmaß der Situation. Einer der Touristenbusse schien explodiert zu sein und stand nun lichterloh in Flammen. Überall lagen Glassplitter von den Scheiben des explodierten Busses. Irgendwo in dem Durcheinander, vor ihm, konnte er Mikaels Stimme wahrnehmen. Er sprach mal finnisch, mal englisch, mal deutsch. Ab und an stützte er einen der Verletzten und ließ ihn nur unmittelbar neben Ben nieder. Dann vernahm der Deutsche einen kurzen prüfenden Blick auf seine Person, ehe Mikael wieder verschwand. Dabei war es doch eher seine Aufgabe den Überfürsorglichen zu spielen.



    Ben wusste nicht, wie lange es gedauert hatte, aber plötzlich wimmelte es auf den Platz von Polizei, Feuerwehr und Rettungskräften. „Perkele“, hörte er eine bekannte Stimme durch das aufgeregte Stimmengewusel fluchen und wenig später hatte sich ein junger Mann mit auffälligen grünen Strähnen in dem sonst schwarzen Haar vor ihm niedergelassen. Veikko. Einer von Mikaels Kollegen bei der Mordkommission. Intelligent, begnadeter Techniker, der ohne Probleme mit Hartmut mithalten konnte und ebenfalls seit einigen Jahren ein guter Freund von ihm. Wie Mikael zuvor suchte er ihn nach einer schlimmeren Verletzung ab, ehe Ben seine Arme fest umgriff. „Das-das hat Mikael schon gemacht“, nuschelte er leise.
    „Wie geht’s dir Ben? Wo ist Mikael?“
    „Ich weiß nicht, er-er ist irgendwo da drüben. Hilft den Verletzten…mein Kopf dröhnt. Meine Schulter tut weh und es rauscht fürchterlich in den Ohren.“
    Veikko lächelte unsicher und rief etwas auf Finnisch durch das Chaos des Platzes. „Keine Sorge. Es kommt gleich ein Sanitäter und guckt sich das an.“ Wenig später hatte sich eine weitere Person neben dem jungen Kommissar niedergelassen und Ben verfolgte, wie er einige Worte mit Veikko wechselte, ehe er sich zu ihm wandte. Nur wenig später löste er seine Hände wieder und redete erneut mit Veikko. Er konnte ein Nicken des Finnen vernehmen. „Er sagt, du hast wahrscheinlich ein paar Prellungen und eine Gehirnerschütterung. Sie werden dich auf jeden Fall mit zu einer Untersuchung mit ins Krankenhaus nehmen“, richtete er sich nun wieder an Ben. „Ich soll was? Ich…wenn es nur das ist, brauch ich nicht in ein Krankenhaus.“ Veikko zog eine Augenbraue hoch. „Ben, du solltest dich wirklich untersuchen lassen. Der Sanitäter hat nur einen kleinen Check gemacht. Er kann nicht ausschließen, dass du noch schlimmere Verletzungen hast.“ Der deutsche Kommissar blieb zunächst stumm. „Okay, wenn es denn sein muss“, schimpfte er schließlich und gab sich geschlagen, immerhin pochte es doch schon ganz schön in seinem Schädel.



    „Ich möchte, dass ihr den Platz großräumig absperrt“, orderte Mikael einige der Polizisten an. „Sorgt mir dafür, dass keiner der lästigen Journalisten innerhalb der Absperrung auftaucht. Er zeigte auf einige der Uniformierten. „Du, du und du, ihr übernehmt die Befragung der ansprechbaren Zeugen.“ Er wandte seinen Blick über den Platz. Die Panik und Angst, die in der Luft lag, war noch spürbar. Das Chaos hatte sich seit dem Knall kaum gelegt und es war schwer sich überhaupt einen Überblick zu verschaffen. Beißender Rauch hatte sich in seinen Lungen festgesetzt. Sein Kopf dreht sich zu der Stelle, wo er Ben niedergelassen hatte. Er atmete auf. Veikko war bei ihm, und wie es schien, war Ben zumindest so weit in Ordnung, dass er bereits über irgendetwas diskutieren konnte. „Ist das dein Blut oder das der ganzen Leute?“, holte ihn eine Stimme zurück ins Hier und Jetzt. Vor ihm hatte sich sein Kollege, Antti Heikkinen, aufgebaut. Seine blauen Augen schienen ihn regelrecht zu durchbohren. Mikael blickte zum ersten Mal an sich herunter. Seine Klamotten waren an einigen Stellen zerrissen und man konnte einige tiefe Schnittwunden erahnen. Erst jetzt bemerkte er den ziehenden Schmerz und ließ seine linke Hand über seine rechte Seite gleiten. Das Blut sickerte langsam durch seine Finger. „Es ist also deins“, antworte Antti selbst, ohne auf seine Antwort zu warten. „Du solltest das untersuchen lassen.“ „Es geht mir gut“, sprach er leise. „Das ist das Adrenalin. Wenn das vergeht, kippst du um. Geh es untersuchen, ehe du noch mehr Blut verlierst.“ Er wollte erneut Gegenwehr leisten, doch Antti hatte nicht lange gezögert und ihn zu einem der Krankenwagen gezerrt. „Keine Widerrede. Das ist eine Anweisung von deinem Vorgesetzten.“ Antti blickte zu einem der Sanitäter. „Schau dir das an und wenn es schlimm ist, lass ihn ja nicht wieder laufen.“

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  • Es dauerte nicht lange und Antti fand Veikko. „Ben ist in ein Krankenhaus gefahren. Ich habe einen Kollegen gebeten, ihn zu begleiten“, empfing ihn sein jüngerer Kollege und blickte dabei auf den ausgebrannten Bus. „Die Kollegen haben da drin mehr als 15 Leichen gefunden. Alle verbrannt.“ Antti nickte. „Meinst du, dass man noch irgendwelche Spuren finden kann, Veikko?“
    Sein Gesprächspartner lachte sarkastisch auf. „Was das Feuer nicht zerstört hat, hat die Feuerwehr mit ihrem Schaum vernichtet. Wenn wir was finden, können wir uns glücklich schätzen.“
    „Wir wissen immerhin, dass es ein deutscher Bus war“, hörten sie eine Stimme hinter ihnen sagen und die beiden wandten sich um. Mikael stand hinter ihnen und hatte die Hände in den Taschen seines Pullovers versenkt, während er auf den ausgebrannten Bus schaute. „Du warst nicht einmal fünf Minuten weg Mikael. Sicher, dass du dich ordentlich untersuchen lassen hast?“, fragte Antti misstrauisch. „Er hat einen Druckverband gemacht. Das wird fürs Erste reichen.“ Antti sah ihn skeptisch an. „Das heißt also, du hättest viel mehr machen sollen…“ „Er wollte es im Krankenhaus nähen lassen, ja, aber das kann ich auch noch später machen…die Busfirma hieß Schäfer und kam aus Köln“, wechselte Mikael das Thema.
    „Und das weißt du woher? Der komplette Schriftzug ist weg“, meldete sich Antti zu Wort. „Ich saß knapp 15 Minuten am Denkmal. Ich hatte Zeit genug, um mir jeden einzelnen Bus zu merken.“ Mikael sah zu Veikko. „Hast du dich um Ben gekümmert?“
    „Er ist ins Krankenhaus. Ein Kollege ist bei ihm. Ich hab gesagt, dass er ihn dann später ins Präsidium fahren soll.“
    Mikael fuhr sich mit der Hand durch die schwarzen Haare. „Denkst du, es war ein Anschlag? So mitten auf dem Senatsplatz?“, hörte er Veikko fragen. „Ich weiß es nicht. Momentan sieht alles danach aus, aber wie heißt es so schön: Manchmal kann der Schein trügen. Wir brauchen auf jeden Fall eine Liste aller Insassen des Busses. Soweit ich das beurteilen kann, wurde auf dem Platz niemand ernsthaft verletzt.“ Mikael drehte seinen Körper zu der Traube von Journalisten. Er war lange genug dabei, um jedes einzelne Gesicht einem Namen und der zugehörigen Zeitung zuzuordnen. Als er das Gesicht entdeckte, was er suchte, setzte er sich in Bewegung. „Ich werde kurz mit Max reden. Vielleicht ist bei den Medien ja irgendetwas angekommen“, ließ er seine Kollegen wissen und begab sich zur Absperrung.


    Gekonnt ignorierte er die Fragen, die unmittelbar nach Erreichen der Absperrung auf ihn einprasselten. „Es wird eine Pressekonferenz geben, sobald mehr bekannt ist“, ließ er die Journalisten wissen und wandte sich dann zu einem blonden, großgewachsenen Mann, der nur wenige Meter von ihm entfernt stand. „Hagenström komm hier rüber“, rief er mit bestimmter Stimme und der Mann kroch sofort unter der Absperrung her. Die beiden entfernten sich ein Stück. „Was weißt du Max? Gab es irgendwelche Andeutungen?“ Der Journalist zog die Schultern hoch. „Nein, es gab überhaupt nichts.“ Der Blonde ließ seinen Blick von oben nach unten schweifen. „Warst du dabei als das Ding in die Luft ging?“ „Du wirst mir kein Augenzeugenkommentar entlocken Max, dass weißt du“, schimpfte Mikael leise. „Ich mache mir nur Sorgen. Dein ganzes T-Shirt ist voller Blut. Überhaupt…alles an dir ist voller Blut und Dreck. Dir ist klar, dass dich das morgen aufs Titelblatt bringen wird, so nahe, wie du gerade vor den Fotografen rumtanzt?“ „Das ist mir gerade so ziemlich egal. Hier ist eine Bombe hochgegangen und ich habe keine Ahnung warum!“, er sah seinen Gesprächspartner eindringlich an. „Und du weißt wirklich nichts?“ „Nein, sagte ich doch“, kam jetzt etwas bedachter die Antwort. Mikael nickte und machte kehrt. „Ey, ein paar Informationen kannst du einem alten Freund schon geben“, rief Max Hagenström ihm nach, doch er hob nur die Hand. „Geh zur PK, wie alle anderen auch Max.“


    *


    Ben hatte keine große Mühe den richtigen Weg in den Labyrinth von Gängen zu finden. Er war oft genug hier, um Mikaels Büro auszumachen. Es herrschte eine Totenstille. Das ganze Präsidium schien wegen der Explosion auf den Beinen zu sein. Als er dem Büro seines Freundes näher kam, hörte er jedoch eine ihm sehr bekannt Stimme und wenig später erblickte er Kasper Kramsu, der sich gemeinsam mit Mikael einen Raum teilte. Er hob kurz zu Begrüßung die Hand, ehe wieder sein Telefongespräch die volle Aufmerksamkeit genoss. Ben ließ sich auf Mikaels Stuhl fallen und verfolgte stumm jeden von Kaspers Schritten. Kasper war das neuste Mitglied in dem Team, zumindest aber Mikael und Veikko kannte er bereits seit der Polizeischule, wenn sie jedoch dort nicht besonders eng befreundet waren. Anders als Mikael und Veikko trug er eine kurze Frisur, die ihn älter erscheinen ließ, als er eigentlich war. Den adretten Anzug, den er das letzte Mal trug, als Ben mit den Finnen zu tun hatte, schien er aber wohl bereits abgelegt zu haben. Zumindest heute trug sein Gegenüber nur ein Shirt und eine Jeans.


    Nach einigen Minuten hatte Kasper das Telefon aufgelegt und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. „Das war Mikael…Was hat das Krankenhaus gesagt?“, fragte er. „Leichte Gehirnerschütterung und eine Prellung an der Schulter. Sonst nur ein paar Schnittwunden.“ Der Finne hatte sich während seiner Aufzählung vom Platz erhoben und stellte Ben nun ein Glas auf den Tisch, das er wenig später mit Wasser füllte. „Kannst du dich an irgendetwas erinnern?“ Ben schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht…“, brachte er schließlich mit kratziger Stimme heraus. Er nahm einige Schlucke aus dem Glas. Das kühle Nass fühlte sich jetzt mehr als gut an. „Versuch von Anfang an zu erzählen, vielleicht kommt es dann wieder“, sagte Kasper nach einer Weile erneut und hatte sich wieder auf seinen Platz fallen gelassen. „Wir waren bei dieser Statue da, haben überlegt was wir anfangen sollten mit dem Tag. Mikael schien eine Idee zu haben und sagte, dass wir die Straßenbahn nehmen würden...“, er stockte, „danach war da dieser Knall. Überall Rauch, Flammen, Geschrei.“ Ben spürte, wie seine Kopfschmerzen wieder größer wurden und massierte sich die Schläfen. „Es tut mir leid. Ich glaube ich bin keine große Hilfe.“ Kasper lächelte. „Das ist aber doch immerhin schon einmal etwas“, versuchte er den Deutschen aufzuheitern. „Hör auf Kasper. Ich bin selbst Polizist. Alles was ich gerade beschrieben habe, könnt jede x-beliebige Explosion sein“, murrte Ben leise und griff erneut nach dem Wasserglas.


    Kasper sah ihn an und wackelte mit dem Drehstuhl seicht hin- und her. „Mikael glaubt, dass es ein deutscher Reisebus war, der in die Luft gegangen ist. Kannst du dich an den Reisebus erinnern?“, durchbrach der Finne schließlich erneut die Stille. „Sehe ich aus, als würde ich mir Namen und Herkunft von Reisebussen merken, wenn ich irgendwo sitze?“, murmelte Ben etwas genervt. Es ärgerte ihn, dass er nicht so multitaskingfähig war wie Mikael. Der hatte sich sicherlich noch alle Gespräche der Leute um sie herum gemerkt und er? Er wusste nicht einmal, wie viele Busse überhaupt auf den Platz gestanden haben. Kasper schien den Grund für seine gereizte Stimmung bemerkt zu haben. „Also ich mache das auch nicht, wenn es dich beruhigt“, sagte er schließlich, während er wieder aufgestanden war und nun aus dem Fenster blickte. Wenig später zog er eine Packung aus seiner Tasche und entnahm eine Zigarette, die er vor dem offenen Fenster anzündete. „Ich hoffe du behältst darüber Stillschweigen. Mikael killt mich sonst. Er hasst es, wenn ich hier rauche.“



    Es war schon später Nachmittag als Mikael das Büro betrat. Er hatte die Sachen von Vormittag gewechselt, schien den Dreck und das Blut aber nur notdürftig abgewaschen haben. Zumindest im Gesicht konnte Ben noch einiges erahnen. Mikael ließ sich erschöpft gegen die Fensterbank fallen. „Was ein Albtraum-Tag. Nichts mit entspanntem Sightseeing.“ Sein Blick blieb auf Ben haften und der deutsche Kommissar fühlte sich mehr als unwohl. Wie ein Vieh, was begutachtet wurde. Es herrschte einige Zeit Stille, ehe sich Mikaels Stimme abermals erhob. „Du solltest zu uns nach Hause fahren. Du siehst müde aus.“ Er hielt ihm einen Schlüssel hin. „Lass einfach später die Terrassentür angelehnt. Ich weiß noch nicht wann ich hier wegkomme.“ Ben sah ich skeptisch an. „Ich soll jetzt einfach so nach Hause fahren? Ich kann sicherlich helfen. Du siehst auch nicht viel besser aus.“ „ Nein, nein. Du weißt, dass ich riesen Ärger bekommen würde. Du bist kein finnischer Kollege und hast keine Berechtigung hier mitzuwirken.“ Widerwillig nahm Ben die Antwort hin und erhob sich von seinem Platz. „Was soll ich deiner Frau sagen?“, frage er ohne dass man den bissigen Unterton überhören konnte. „Dir fällt schon was ein Ben. Sag es geht mir gut und das es länger dauern kann.“ Der Deutsche nickt wieder und verließ den Raum.


    Kasper wartete, bis die Tür sich geschlossen hatte. „Das Blut sickert durch“, kommentierte er kurz und wusste, dass sein Kollege ihn verstanden hatte. Mikaels Hand fiel sofort auf seine rechte Seite und er spürte das warme Blut unter seinen Fingerkuppen. „Perkele“, nuschelte er leise, während er das Shirt ein paar Zentimeter hochzog und den vom Blut durchtränkten Verband ansah. „Ben hat nichts gemerkt“, ließ Kasper nach einer Weile folgen. „Ich nehme an, er sollte es nicht merken. Du hast ihm Gegenüber zumindest keine tiefe Schnittwunde erwähnt.“ Mikael nickte nachdenklich. „Du solltest ins Krankenhaus fahren und das nähen lassen.“ „Das weiß ich auch Kasper!“, murmelte der Schwarzhaarige leise, während er mit der Hand immer noch die Wunde betastete. „Ich hab keine Zeit. Scheiß drauf, ich geh zu Muranen.“ Kasper entglitten alle Gesichtszüge bei der Erwähnung des Namens. „Du kannst doch nicht in die Gerichtsmedizin gehen, um dir das nähen zu lassen!“ „Warum nicht? Er hat genauso Medizin studiert und er näht tagtäglich an Menschen rum.“ „Die sind tot!“, erwiderte Kasper, doch er war zu spät. Mikael war bereits wieder aus dem Zimmer verschwunden.

  • Als Ben die Tür zur Wohnung geschlossen hatte, wurde er von Mikaels Frau, Eva, empfangen. Ihre langen blonden Haare waren zu einem Zopf gebunden und ihre blauen Augen weiteten sich, als sie Mikael nicht an seiner Seite sah. „Antti hat mich angerufen und erzählt, was passiert ist. Geht es dir gut Ben? Was ist mit Mikael, warum kommt er nicht auch nach Hause?“, fragte sie nervös. Ben lächelte unsicher. „Ja nur eine Gehirnerschütterung und eine Prellung an der Schulter. Mikael muss noch arbeiten.“ Ihr Blick veränderte sich und Ben wusste, dass ihr seine Antwort überhaupt nicht gefiel. „Er hat doch Urlaub“, brachte sie empört heraus, lächelte dann aber. Doch Ben war sich sicher, dass das was sie ihm zeigte, nur gute Miene zum bösen Spiel war. „Er hatte sicher keine andere Wahl. Das ist einfach furchtbar. Eine Bombe mitten in Helsinki. Nicht auszudenken, wenn ihr Oskari mitgehabt hättet.“ Unweigerlich fiel der Blick des deutschen Kommissars auf den vierjährigen Jungen, der vor dem Fernsehgerät hockte und sich eine Kindersendung ansah. Er und Mikael hatten erst überlegt ihn mitzunehmen, damit Eva ein paar ruhige Stunden mit ihrer Tochter Viivi verbringen konnte, sich schließlich aber dagegen entschieden. Zum Glück, wie sich jetzt herausstellte. „Und Mikael geht es auch wirklich gut?“, holte ihn Eva zurück aus den Gedanken. „Ja. Ihm ist nichts passiert. Mach dir keine Sorgen.“


    Die junge Frau löste sich aus ihrer Position. „Du solltest dich hinsetzen. Ich werde dir was zu Essen machen. Du bist sicher müde und hungrig. Ja?“ Ben hielt einige Zeit. Der Schock vom Vormittag und die stressigen Stunden danach hatten ihn bisher keinen Hunger spüren lassen. Schließlich nickte er aber dennoch. So würde sie ihn wenigstens nicht mit Fragen löchern. Leichtfüßig begab sich Eva in die Küche und er folgte ihr und setze sich auf einen der Stühle am Essenstisch. Sein Blick schweifte nachdenklich durch das Zimmer, ohne dabei die Umgebung überhaupt wahrzunehmen. Musste er Semir anrufen und ihm davon berichten? Würde er einen Bericht von einer Bombe überhaupt mit ihm in Verbindung bringen? Klar war er in Helsinki, aber wie groß war letztendlich die Wahrscheinlichkeit, dass er genau zu diesem Zeitpunkt an dem Ort war, wo die Bombe gewesen war? ‚Nicht so klein‘, korrigierte er sich schließlich selbst. Immerhin hatte in das Mistding ja erwischt.


    „Woran denkst du?“, holte ihn Eva wieder ins Hier und Jetzt. „Ob ich Semir anrufen sollte“, antwortete er ihr, während er beobachtete, wie sie Nudeln in einen Topf gab. Ihr Kopf wandte sich zu ihm. „Ich denke schon. Wenn er das im Fernsehen sehen wird, macht er sich sicherlich Sorgen um dich. So ging es zumindest mir, als ich davon erfahren habe und wusste, dass ihr in die Innenstadt seit“, gab sie ihm zu bedenken. Er nickte. „Du hast wahrscheinlich Recht. Ich werde ihn gleich anrufen.“ Er stand auf und begab sich auf die Terrasse.


    Es hatte nicht lange gedauert, ehe am anderen Ende der Leitung die Stimme von Semir erklang. Er hatte sich also wirklich Sorgen gemacht. „Es kam heute Mittag in den Nachrichten. Einfach furchtbar. Geht es euch gut?“, sagte der Deutschtürke. „Ja. Nur ein paar Schrammen und eine leichte Gehirnerschütterung. Mikael hat nichts abbekommen.“ Semir schwieg lange, ehe er antwortete. „Gibt es schon Hinweise oder ähnliches?“ „Mikael hat mich nach Hause geschickt. Er sagt, er bekommt Ärger, wenn ich ohne Genehmigung mit ermitteln würde.“ Ben versuchte die Enttäuschung über diese Tatsache so gut es ging zu verstecken. Doch es misslang ihm, Semir hatte ihn einmal mehr durchschaut. „Er hat es sicherlich gut gemeint Ben. Im Grunde bin ich überrascht, dass der Kleine anscheinend doch noch Dienstregeln beachtet.“ Semir begann zu lachen und auch Ben musste leicht grinsen. Mikael war dafür bekannt, dass er es mit Regeln nicht immer so ernst nahm.


    *


    „Rautianen will dich sprechen“, wurde Mikael von Kasper empfangen, als er wieder das Büro betrat. Der junge Kommissar machte sofort kehrt und verließ das Zimmer wieder. Würde er heute überhaupt noch einmal fünf Minuten Ruhe bekommen? „Achja“, hörte er Kasper hinter sich herrufen. „Mäkinen ist auch da!“ Er strich sich mit der Hand durchs Gesicht. Ausgerechnet Mäkinen, Oberster Dienstherr der Helsinkier Polizei. Er fuhr mit dem Fahrstuhl einen Stock runter und begab sich in Richtung des Büros seines Chefs. Vor der Tür wurde er von Antti empfangen. „Muranen. Du bist verrückt Mikael. Ich meinte eine Untersuchung im Krankenhaus und nicht zwischen toten Menschen! Ich hoffe es hat wenigstens ordentlich wehgetan.“ Der junge Kommissar nickte nur. Es waren teuflische Schmerzen gewesen. Aber er hatte es ja überlebt. „Du siehst blass aus. Ich bin mir sicher, du hast einiges an Blut verloren durch die Wunde und solltest hier nicht so rumhüpfen“, ließ sein Kollege nach einer Weile folgen. Mikael atmete erleichtert ein, als sich die Tür zum Büro des Chefs öffnete. Das würde ihn zumindest davor bewahren, dass Antti ihn weiter bemuttern konnte.


    Rautianen wies auf die beiden Stühle und sie setzen sich. Neben seinem Chef hatte sich Heikki Mäkinen niedergelassen und betrachtete sie eindringlich. „Ich muss euch sicherlich nicht sagen, dass die Stadt…ganz Finnland in Aufruhe ist. Es geht jetzt darum schnell zu handeln. Schuldige zu finden. Ich bin mit Mäkinen darüber in Einkunft gekommen, dass wir eine Sonderkommission einrichten werden“, begann Rautianen seine Ausführungen. Danach hielt er kurz inne, als wolle er sie die gerade mitgeteilten Informationen verarbeiten lassen. „Mäkinen und ich haben uns darauf geeinigt, dass ihr zwei als Teamleiter fungieren werdet.“ „Ich?“ Mikael blickte irritiert von Mäkinen zu Rautianen. „Vor nicht einmal einen Monat war ich laut eurer Meinung noch zu unerfahren für so was und jetzt-“ er stockte, als sein Verstand die Antwort bereits gefunden hatte. „Ich soll nur nett daneben stehen. Der kleine Bulle, der dabei war. Nach dem Motto ‚Einer von euch‘“, schnaubte er. Er wäre liebend gerne aufgesprungen und hätte den Raum mit einem lauten Türknallen verlassen, doch Anttis Hand, die seinen Arm schon fast schmerzhaft umgriff und ihn auf den Stuhl drückte stoppte ihn. Mäkinen lächelte ihn schief an und legte einen Ausdruck auf den Tisch. „Die Onlineausgabe des Helsingin Sanomat und ihr Bild ganz groß über den Artikel.“ „Und?“, schimpfe er, ohne dem Papier nur den kleinsten Blick zu würdigen. „Die Leute werden ihnen Vertrauen schenken. Sie haben genau so gelitten wie sie. Sie waren dabei, als man Helsinkis Glauben an Sicherheit einen Stoß versetzt hat.“ „Und sie denken, ich mache bei ihrem Marketingscheiß einfach so mit?“ Rautianen blickte ihn entsetzt an, als wolle er nicht glauben, was er gerade von sich gegeben hatte. Mäkinen hingegen lächelte stumpf. „Ich könnte sie auch ganz von dem Fall abziehen lassen. Ihr Chef hat mich wissen lassen, dass sie verletzt wurden“, sagte er. Mikael seufzte geschlagen. „Okay. Ich mach es ja.“ Nun ergriff wieder Rautianen das Wort. „Da es sich um einen deutschen Bus handelt, kommen wir nicht darum auch die deutsche Polizei mit einzubeziehen. Ich habe darum gebeten, dass man uns Herrn Jäger und Herrn Gerkhan zur Seite stellt. Die Zusammenarbeit lief in der Vergangenheit gut und das wird uns in einer solchen Situation sicherlich von Nutzen sein. Dazu kommt noch Solheim mit zwei Beamten aus seinem Team.“ Mikael spürte, wie Anttis Druck auf ihn bei der Erwähnung von Solheims Namen wieder stärker wurde, als hätte sein Kollege Angst, dass er gleich die Fassung verlieren würde. Mit diesem Mann konnte und würde er nie gut zusammenarbeiten können. „Geht klar Boss“, hörte er Antti für sie beide Antworten und schließlich zog ihn sein Kollege mit hoch und aus dem Raum, als das Gespräch beendet war.

  • Mikael stand an dem Bürofenster und blickte in die dunkle Nacht. Der leichte Puderschnee, der am Morgen noch die Straßen von Helsinki bedeckt hatte, war über den kurzen Tag bereits wieder geschmolzen. Doch er wusste, es würde nicht lange dauern und die Dunkelheit würde diese Stadt fest im Griff haben und diesen erst im nächsten Frühjahr wieder lockern. Sein Telefon klingelte und er ging zum Tisch. „Hallo“, meldete er sich und ärgerte sich schon kurz danach über seinen abweisenden Tonfall. „Vielleicht sollte ich später anrufen“, sagte die Stimme am anderen Ende. „Eva. Es tut mir leid. Ich dachte, es wäre ein Kollege mit schlechten Neuigkeiten.“ „Du solltest nach Hause kommen. Es ist bald 22 Uhr“, die Sorge in ihrer Stimme war nicht zu überhören. „Es ist wohl etwas später geworden, als ich dachte“, murmelte er leise. „Ist noch jemand von den anderen da?“ „Nein. Sie sind schon gegangen.“ „Dann komm nach Hause“, wiederholte sie nun noch einmal mit mehr Nachdruck. „Hast du vergessen, dass wir einen Gast haben?“ Er nickte, obwohl er wusste, dass sie es überhaupt nicht sehen konnte. „Ich komme bald“, versprach er und legte das Telefon wieder auf.


    Sein Blick blieb auf den Akten haften. Sie enthielten den vorläufigen Bericht der Spurensicherung. Er hatte ihn vor einer halben Stunde kurz überflogen, ohne dass er ihn zufriedenstimmte. Derzeit konnte man noch nicht einmal sagen, ob es sich um einen Fern- oder Zeitzünder gehandelt hatte. Seine Hand glitt durch seine Haare und er versank wieder in Gedanken. Wer zur Hölle jagt einen ganzen Bus in die Luft ohne sich später damit zu schmücken. Es gab nichts. Keine terroristische Gruppe hatte sich seit dem gerührt. „Scheiß Fall“, entkam es ihm laut. Er seufzte und griff nach seiner Jacke. Es war Zeit sich endlich etwas Schlaf zu gönnen. Als er Zuhause angekommen war, waren die Lichter bereits ausgeschaltet und er fand niemanden mehr vor. Die Uhr zeigte 23:44 an. Er schien nach Evas Anruf noch länger in Gedanken gewesen zu sein, als ihm bewusst gewesen war. Er schaltete den Fernseher ein in der Hoffnung endlich nicht mehr an den Fall denken zu müssen. Doch er wurde enttäuscht. Die Spätnachrichten befassten sich ausführlich mit der Explosion auf dem Senatsplatz. Die Länge des Berichts stand dabei im Gegensatz zu der Tatsache, dass es überhaupt nichts Neues gab. Heikki Mäkinen sprach auf der Pressekonferenz ein paar nichtssagende Sätze, die er selbst schon in so vielen Situationen aus seinem eigenen Mund gehört hatte, um die Presse zumindest für einige Zeit ruhig zu stellen. Sein Chef Ville Rautianen saß neben ihm im Blitzlichtgewitter der Fotografen und schien sich mehr als unwohl zu fühlen. Rautianen war noch nie ein Mann gewesen, der Gerne im Mittelpunkt des Geschehens stand. Er sah sich noch die Sportnachrichten an ohne etwas davon wirklich wahrzunehmen. Seine Gedanken kreisten zwischen der Explosion, der Tatsache, dass es kein Bekennerschreiben gab. Das es eigentlich überhaupt nichts gab.


    Er versuchte die Informationen vom Senatsplatz aufzuarbeiten. Gesprächsfetzen von vor der Explosion zu sortieren, Personen und Fahrzeuge vor seinem inneren Auge zu platzieren. Letztendlich jedoch gab er auf. Er war zu müde. Er hatte fürchterliche Kopfschmerzen. Seit der Explosion war er pausenlos auf den Beinen gewesen. Hatte eine Unterhaltung nach der anderen führen müssen. Er hoffte, dass er schlafen konnte, die Gedanken ihn nicht zu sehr umgarnen würden. Er stand auf, wusch sich und zog sich das Schlafshirt über. Er wollte gerade die Tür zum Schlafzimmer öffnen, als er eine Person wahrnahm. Leise zog der die Tür zum Schlafzimmer wieder zu und begab sich auf die Terrasse.


    „Du bist noch wach“, sagte er und ließ sich neben Ben auf die Bank fallen. Ben schwieg eine Weile. „Ich konnte nicht schlafen“, antworte er schließlich. „Du warst noch lange im Büro. Jetzt weiß ich wie Eva sich fühlen muss.“ „Es gab viel zu klären. Rautianen hat Amtshilfe aus Deutschland angefordert. Er hat dich und Semir vorgeschlagen.“ Ben schwieg, als würde er das eben gesagte innerlich sortieren. „Semir und mich?“, antworte er leicht irritiert. „So was fällt doch überhaupt nicht unsere Zuständigkeit.“ Mikael blickte in den sternenklaren Himmel. „Wegen positiver Zusammenarbeit in der Vergangenheit, sagt er. Ben du musst das nicht machen. Du hast Urlaub, wolltest ausspannen. Einmal nicht an die Arbeit denken. Du kannst Nein sagen. Ich will, dass du das weißt.“ Ben lächelte unsicher. „Es ist okay. Ich kann den Urlaub sicher später noch nachholen.“


    Sie schwiegen eine Weile. „Du hast mich belogen. Ich hab den Verband gesehen, als du dich umgezogen hast“, durchbrach Ben die Stille. „Es ist nichts Schlimmes“, murmelte Mikael leise und ärgerte sich, dass man seine Müdigkeit in seiner Stimme so deutlich heraushören konnte. „Das sah aber ganz anders aus, als du den rechten Arm hochgehoben hast.“ „Es ist nur eine Schnittverletzung. Nichts worum du dich Sorgen müsstest Ben.“ Der deutsche Kommissar betrachtete ihn skeptisch. „Du weißt, dass du das nicht vor Eva verheimlichen kannst.“ Ein müdes Lächeln, mehr erhielt Ben nicht als Antwort.


    *


    „Keine Verletzungen?“ Eine Zeitung knallte auf den Tisch und Ben zuckte erschrocken zusammen. „Das sieht ganz anders aus!“ Mikael begann zu lächeln. „Ich kann das erklären Scha-“ „Und ich wundere mich noch, warum du dich heute im Bad anziehst“, unterbrach Eva ihn, ehe er aussprechen konnte. „Eva. Wirklich. Es ist nicht so schlimm, wie es auf diesen Fotos aussieht. Ich mein das ganze Blut ist ja auch von anderen Leut-“ Ihre Hand griff in seine Seite und er stöhnte leise auf. „Nicht so schlimm, wie es aussieht. Aha!“ Mikaels Blick wandte sich hilfesuchend an Ben, doch der deutsche Kommissar schüttelte nur den Kopf. „Nein, nein. Das hast du dir selbst eingebrockt. Nicht einmal mir hast du davon erzählt.“


    „Eva wirklich. Es ist nicht so schlimm, ich war bei Muranen und er hat es genäht…“ er verstummte, als er seinen Fehler bemerkt hatte. Ihre Augen weiteten sich. „Wie bitte? Du kannst doch nicht in die Gerichtsmedizin gehen, um so was nähen zu lassen.“ „Du warst WAS!?“, schaltete sich nun auch Ben ein, der zuvor davon ausgegangen war, dass Mikael sich in einem Krankenhaus durchchecken lassen hatte. Mikael war aufgestanden und griff nach einem der Brötchen. „Wir sollten jetzt los Ben. Ich habe einen Haufen Besprechungen.“ Er gab Eva einen eiligen Kuss auf die Wange, griff nach seiner Jacke und verschwand aus dem Haus, ehe seine Frau Widerworte geben konnte. Er saß einige Minuten im Auto, ehe auch Ben aus der Haustür trat. Der Braunhaarige sah ihn verwirrt an, als er sich neben ihm auf den Beifahrersitz nieder ließ. „Cleverer Schachzug der Herr. Der Diskussion aus dem Weg gehen.“ Mikael ließ den Motor an. „Bis heute Abend ist ihre Wut verflogen. So ist das immer.“ Der deutsche Kommissar betrachtete ihn missmutig. „Ihre vielleicht schon meine allerdings nicht. Du bist unvernünftig. Du solltest in ein Krankenhaus fahren und das richtig untersuchen lassen.“ „Scheiße Ben, ich weiß was ich tue. In meiner Stadt ist eine Bombe hochgegangen. Ich weiß nicht warum und ob es noch einmal passieren wird. Überall hocken Journalisten, gehen einem auf die Nerven und einfach ALLES dauert viel zu lange. Also würdest du bitte aufhören mich wie ein kleines Kind zu behandeln. Ich weiß sehr gut, was ich tue“, fauchte Mikael gereizt zurück. „Dann Benimm dich nicht wie ein Kind“, nuschelte Ben mit zusammengepressten Zähnen und wandte seinen Blick aus dem Fenster. Die restliche Fahrt sprachen sie kein Wort miteinander.

  • Ben und Mikael betraten um acht das große Polizeipräsidium von Helsinki. Einige uniformierte Kollegen grüßten sie, und auch wenn Ben sie nicht kannte, hob auch er die Hand zum Gruß. Doch die Ruhe wehrte nicht lange. Noch ehe sie das Büro betreten hatten, kam ihnen Kasper entgegen. „Es gibt zu tun. Ein Auto ist vor dem Sibelius-monumentti hochgegangen.“ Erstaunt weiteten sich Mikaels Augen. „Um diese Uhrzeit?“ „Zu unserem Glück. Bisher können wir nur von einem Toten ausgehen.“


    Als sie am Tatort angekommen waren, hatte sich bereits eine Traube von Journalisten eingefunden. Alle auf der Jagd nach der besten Story. Während Kaspers Weg zu einer jungen Streifenpolizistin führte, die wohl als Erste vor Ort war, folgte Ben Mikael durch das Stimmengewirr der Reporter zu dem ausgebrannten Auto. Auch wenn er kein Wort verstand, war er sich doch sicher, dass sie darauf hofften dem Kommissar eine Stellungnahme zu entlocken. Mikael begab zu einem Mann, den Ben um die 50 schätze. „Huomenta Muranen“1, hörte Ben seinen Freund wenig später sagen und stöhnte innerlich auf, als ihm klar wurde, dass er von dem Gespräch kein einziges Wort verstehen würde. Dieser Muranen schien zunächst einige Fakten aufzuzählen. Wenig später schienen sie zu persönlichen Dingen übergegangen zu sein. Ben sah, wie der Gerichtsmediziner auf Mikaels Seite zeigte und dabei die Worte „Miten menee?“2 über seine Lippen gingen. „Hyvin menee“3, folge es kurze Zeit später von Mikael, der sich danach von Muranen verabschiedete und sich nun wieder zu Ben wandte. „Er kann noch nichts sagen. Die Explosion war wohl um halb acht. Er geht davon aus, dass das auch die Todesursache war.“ „Denkst du, dass hängt zusammen mit gestern?“, frage Ben, während er sich umblickte, um sich einen Überblick zu verschaffen. Mikael zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Das passt alles nicht wirklich zusammen.“


    „Mikael. Tule tänne!“, rief eine Stimme über den Platz und holte sie aus ihren Überlegungen. Sie wandten sich um und sahen Veikko, der wild mit den Armen fuchtelte, als könne er dadurch ihre Schnelligkeit beeinflussen. Ben folgte Mikael. „Seit wann bist du hier?“, fragte der Schwarzhaarige kurz. „Da wart ihr irgendwo mit eurem Gedanken, nur nicht im Hier und Jetzt.“ Veikko lächelte und zog etwas aus dem Auto. „Das ist der Zünder. Er ist besser erhalten, als beim Anschlag gestern.“ „Und?“ „Da ist etwas eingeritzt. Es ist schwer zu erkennen, aber es ist da.“ Die Neugier war geweckt und sie starrten Veikko erwartungsvoll an. „Huumediileri steht dort.“ Während Mikael sofort nach dem Gesagten wieder in Gedanken versank, zog Ben die Augenbraue hoch. Die einzige Tatsache, die ihm verriet, dass das Wort alles verkomplizieren würde, war Mikaels abwesender Gesichtsausdruck. „Es heißt Drogendealer, Ben“, klärte ihn Veikko schließlich auf. Nun das war definitiv eine Neuigkeit.


    Es hatte nicht lange gedauert und Mikael erhob wieder das Wort. „Lass das Kennzeichen überprüfen Veikko. Ben, ich werde dich ins Präsidium fahren, du musst die deutschen Akten von der Bus-Explosion durchgehen.“ Er scannte den Platz. „Wo ist eigentlich Antti?“ „Der ist Semir abholen. Liegt ne Memo auf deinem Schreibtisch“, antwortete Veikko kurz. „Gut, dann sag es halt Kasper. Er soll sich darum kümmern, dass er die Familie des Toten benachrichtigt, sobald ihr die Identität habt.“ Mikael setzte sich in Bewegung. „Kommst du Ben?“ Der deutsche Kommissar sah fragend auf Veikko. „Keine Ahnung. Frag mich nicht, was er hat“, flüsterte er leise und wandte sich dann wieder seiner Arbeit zu.


    Mikael brachte den Wagen vor dem Präsidium zu stehen. „Ich muss da noch was nachprüfen. Ich komm später wieder“, sagte er, ohne das Ben dabei der nachdenkliche Unterton seines Freundes verborgen blieb. „Ich kann doch mitkommen“, versuchte er, doch Mikael schien seine Entscheidung schon getroffen haben. „Du kannst kein Finnisch Ben. Du wärst keine Hilfe.“ „Du grenzt mich aus. Wo willst du hin?“, fragte er mit mehr Nachdruck. Doch er hatte keinen Erfolg. Mikael hatte sich über ihn gebeugt und die Tür mit seiner Hand geöffnet. „Bitte Ben. Du kannst wirklich nicht helfen. Im Gegenteil. Du wärst sogar im Weg, wenn du mitkommen würdest. Kümmere dich einfach um die Akten. Verwandte. Freunde. Vorstrafen. Sowas halt.“ „Ich bin nicht erst seit gestern Polizist, dass weißt du aber schon“, schimpfte Ben leise, als er den Sicherheitsgurt löste und aus dem Auto stieg. „Was soll ich Antti sagen, wenn er mit Semir kommt?“ „Das ich was nachprüfen bin. Nichts weiter.“


    *


    Ben seufzte auf. Er hatte bereits Stunden am Telefon verbracht und eine Liste von Personen abgearbeitet, die mit den Opfern aus dem Bus in Verbindung standen. Doch er erfuhr nichts Neues. Keiner der Personen am anderen Ende der Leitung konnte ihm etwas Sinnvolles sagen. Einzig Viktor Müller gab ihm derzeit noch Rätsel auf. Der Mann hatte ein Verfahren wegen Drogenhandel in seiner Akte verzeichnet, wurde jedoch nie verurteilt. War diese Information der Grund, warum Mikael ihn vorhin so stehen lassen hatte. Einfach abgehauen war? Er war sich sicher, dass der Finne die Akten sicherlich bereits gestern Abend überflogen hatte und ihn nur beschäftigen wollte. Er lehnte sich zurück und tippte die Nummer von Mikaels Handy ein. Es war ausgeschaltet. „Wo zum Teufel treibst du dich rum?“, schimpfe er laut.


    „Wo treibt sich wer rum?“ Eine bekannte Stimme riss ihn aus den Gedanken und er schreckte von seinem Stuhl hoch. Erst jetzt bemerkte er, dass Antti und Semir in der Tür standen. Ben stand auf und schloss seinen Partner in die Arme. „Endlich jemand den ich auch verstehe. Nach nur einem Morgen finnisch bin ich fix und foxy.“ „Ich mag dich auch Partner.“ Semir sah sich um. „Bist du ganz alleine hier? Hat man dich zu Strafarbeit verdonnert?“ Ben fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. „Kasper und Veikko sind wohl noch am Tatort vom letzten Bombenanschlag und Mikael, frag mich nicht. Der hat mich abgesetzt und ist noch was ‚erledigen‘“ Bei den letzten Worten hob er den Zeige- und Mittelfinger seiner Hände und formte Anführungszeichen in seiner Luft. Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie Antti sich das Handy ans Ohr hielt. „Er hat es ausgeschaltet“, ließ Ben ihn wissen und Antti löste das Gerät wieder von seinem Ohr.


    „Und er hat wirklich nicht gesagt wo er hin wollte?“, fragte Antti nach einer Weile erneut. Der stämmige Finne spielte die ganze Zeit nervös mit seinem Handy und hatte sicherlich schon mehr als drei Mal versucht Mikael anzurufen. „Es ist unüblich, dass er sein Handy abschaltet, wenn er zu einer Befragung geht.“ Semir legte seine Hand auf Anttis Schulter. „Antti mach dir keine Sorgen. Er wird sicherlich seine Gründe haben.“ „Du hast Recht“, hörte Ben den Finnen sagen, doch er wusste, dass Antti keinesfalls aufgehört hatte sich zu sorgen. Mikael war seine Familie. Er war zu Mikaels Vaterfigur geworden seitdem die beiden bei der Mordkommission waren.





    1) Hyvää huomenta = Guten Morgen!
    2) Miten menee = Wie geht's
    3) Hyvin menee = gut

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  • Mikael stand vor dem Gebäude und sah die Fassade hoch. Eine große Leuchtschrift zierte die Wand. Kristalli stand dort geschrieben. Als er das Haus betrat, kam ihm ein muffiger Geruch nach Rauch entgegen. Es dauerte nicht lange und seine Präsenz wurde bemerkt. „Mikael Häkkinen“, ertönte eine kratzige Stimme aus dem Hinterzimmer, das durch einen dichten, mit Perlen behangenen Vorhang vom restlichen Raum abgetrennt war. Ein Mann mit einer Narbe, die über die rechte Wange ging, trat heraus. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich noch einmal in meinen vier Wänden sehen würde.“ Er grinste ihn an. „Willst du mir ein Willkommensgeschenk dalassen, wo ich jetzt wieder draußen bin oder was treibt dich hier her? Habe gehört bist schon lange nicht mehr bei der Drogenfahndung. Wird mir eine Menge Ärger ersparen.“ Seine Hand glitt unter den Tresen und er zog zwei Gläser hervor, die er mit Wodka füllte. Er schob es ihm direkt vor die Nase. Er schob es zunächst wieder in Richtung seines Gesprächspartners, als das Glas sich jedoch wieder in seine Richtung bewegte, trank er es hastig aus. „Gibt es Streit in der Drogenszene Nieminen?“, fragte er schließlich und beobachtete dabei, wie der Mann sein Glas erneut füllte. „Es gibt immer Streit, dass solltest du wissen, Häkkinen, und wer sagt, dass ich noch aktiv bin. Vielleicht habe ich mich ja zur Ruhe gesetzt, nachdem du mich eingebuchtet hast?“ Mikael griff nach dem vollen Glas und schwenke es in seiner Hand hin und her. „Mach mir nichts vor Nieminen. Natürlich bist du wieder aktiv.“ „Und wenn. Ihr wisst, dass ihr mir nichts könnt. Habe gehört bist beim Mord, nachdem dich deine ganze Abteilung gefickt hat. Muss ein Scheißgefühl sein, von allen hintergangen zu werden.“ Das hatte gesessen! Nichts setzte ihn mehr zu als die Gedanken an diese Zeit, als Freunde plötzlich zu Feinden wurden. Sein damaliger Chef hatte ihn jahrelang benutzt und hintenherum Deals mit den ganz Großen der Szene gemacht. Und nicht nur das: Am Ende hatte sich herausgestellt, dass mehr als 60 Prozent des Teams ebenfalls in der Sache drinstecken. Die Abteilung wurde komplett aufgelöst, jeder musste einen Spießrutenlauf durch die Interne Ermittlung hinter sich bringen. Mikael hob das Glas an seine Lippen und ließ den Wodka die Kehle runter gleiten.


    „Heute Morgen ist ein Auto hochgegangen. Auf der Bombe war Drogendealer eingeritzt. Klingelt es da bei dir Nieminen?“ Sein Gegenüber vermied den Blickkontakt. Ein Zeichen dafür, dass er was wusste. „Wir bekommen eh raus wer der Mann ist Nieminen. Deshalb bin ich nicht hier. Was ich wissen will, ist, ob jemand noch offene Rechnungen mit diesem Mann hatte!“ Jukka Nieminen blieb stumm, füllte Mikaels Glas dabei erneut mit der durchsichtigen Flüssigkeit. „Nein, er war eine kleine Nummer. Der hat niemanden ans Bein gepinkelt“, sagte er schließlich. „Was ist mit Viktor Müller?“ Nieminen lachte laut auf. „Nein oder? Müller ist tot. Es scheint doch einen Gott zu geben.“ „Also?“ „Müller war jemand vor dem du dich in acht nehmen musstest. Er war clever und hatte vorzügliche Kontakte. Er war ein Phantom, was die Polizei nie geschnappt hat“. Nieminen schüttete den Wodka in seinen Mund. „Wobei, du hättest ihn vielleicht bekommen, immerhin hast du ja auch mich irgendwie hinter Gitter gebracht. Aber rächst ja jetzt lieber die Toten und damit nun ironischerweise auch Müller“ Er zeigte auf das Glas. „Trink aus Kleiner.“ Mikael betrachtete das Glas und leerte es schließlich. Eins mehr oder weniger machte nun auch keinen Unterschied mehr.


    Er löste sich von dem Tresen. „Ich muss jetzt gehen, Nieminen. Lass uns ein anderes Mal über alte Zeiten reden.“ Nieminen begann zu lachen. „Wir beide wissen, dass du erst wieder hier auftauchen wirst, wenn du Informationen haben willst.“ „Vielleicht komme ich ja auch das nächste Mal, um deinen Mord zu rächen? Wer weiß das schon Nieminen. Moikka!“ Als er wieder aus der Tür trat, nahm er einen großen Zug der kalten, frischen Helsinkier Luft. Wahrscheinlich hatte seine Kleidung schon den unangenehmen Zigarettengestank angekommen, als er drin war. Er zog den Autoschlüssel aus seiner Jackentasche, steckte ihn jedoch sofort wieder ein. Nein, dass konnte er nicht machen. Er musste wohl die Straßenbahn nehmen.
    Als er in der Straßenbahn saß, schaltete sein Handy ein. Er hatte mehr als fünf Anrufe verpasst. Die meisten davon waren von Ben und Antti. Er musste sich ein paar gute Sätze zurecht legen, wo er war und vor allem warum er ohne sein Auto zurückkam. Seine Gedanken schweiften ab. Waren diese Anschläge gezielt auf Mitglieder der Drogenszene? Wozu dann all diese anderen Toten? Er schreckte auf, als sein Handy klingelte. „Ja.“ Er hörte ein Atmen am anderen Ende. Danach wurde das Gespräch wieder beendet.




    „Antti wartet auf dich. Seine Laune ist nicht gerade auf dem Höhepunkt.“, empfing ihn Kasper, der vor dem Präsidium stand und rauchte. „Wo ist überhaupt dein Auto?“ Er trat näher heran. „Du stinkst nach Alkohol. Wo hast du dich rumgetrieben.“ „Bei einem alten Bekannten. Ich musste was nachforschen.“ Kasper zog seine linke Augenbraue hoch. „Und dafür muss man sich besaufen?“ „Wenn es der Wahrheitsfindung dient.“ Sein Gegenüber pustete ihm den Qualm seiner Zigarette ins Gesicht. „Damit wirst du Antti nicht abspeisen können. Du kannst froh sein, dass Rautianen nicht mitbekommen hat, dass du fehlst.“


    ‚Laune ist nicht gerade auf dem Höhepunkt‘ – Das war also damit gemeint. Er hatte gerade erst den Raum betreten und schon hatte Antti losgepoltert. „Was denkst du dir eigentlich dabei? Ich dachte über die Jahre hättest du das Wort Teamwork endlich in deinen Wortschatz aufgenommen Mikael.“ Sein Gesicht war nur noch weniger Zentimeter von seinem entfernt. „Noch dazu schaltest du dein Handy ab. Was denkst du eigentlich. Das ich mir keine Sorgen mache? Das ich mich mit den Informationen von Ben zufrieden geben?“ Er machte eine Pause, starrte ihn als, als würde er auf eine Erklärung von seiner Seite warten. Als diese nicht kam, fuhr er selber fort. „Und noch dazu stinkst du, als hättest du die Nacht unter einer Brücke verbracht!“ „Ich musste was nachprüfen“, sagte er schließlich. Ging dann an Antti Heikkinen vorbei und setze sich auf seinen Bürostuhl. „UND DAS WÄRE? Klär uns auf. Wir sind ganz Ohr!“ Sein Blick schweifte durch den Raum. Ben stand am Fenster gelehnt und sein Gesichtsausdruck verriet, dass er nicht weniger sauer war, als Antti. Neben ihm stand sein Kollege, Semir. Er schien die Situation noch nicht ganz fassen zu können. Vermutlich war er erst wenige Stunden in Helsinki. Veikko saß auf Kaspers Schreibtisch und schob sich genüsslich Salat rein, als würde er einen guten Film verfolgen, der soeben seinen Höhepunkt erreichte. „Ich war bei jemand aus der Drogenszene. Okay. Reicht das für den Herrn? Ich wollte nachprüfen, ob man da vielleicht was weiß.“ Die Wahrheit schien Antti nur noch mehr in Rage zu bringen. Er blickte ihn ungläubig an. „Du kannst doch nicht einfach…alleine…du weißt, dass dir das Ärger einbringen könnte bei deiner Vergangenheit!“ Mikael zuckte mit den Schultern. „Du tust gerade so, als wäre ich ein Junkie…meine Vergangenheit.“ „DU WEIßT, WIE ICH DAS MEINE!“


    Antti fuhr sich mit der Hand durch die Haare und schüttelte den Kopf. „Weißt du was. Ich gebe es auf. Lass uns einfach weiterarbeiten. Veikko und Kasper haben die Identität des Opfers herausgefunden. Veeti Mäkelä. Kleiner Drogendealer.“ Veikko nickte und setzte die Gedanken von Antti fort. „Auf den ersten Blick würde ich behaupten, dass die Zündungen von beiden Anschlägen verschieden sind. Es könnte sich also durchaus um zwei verschiedene Attentate handeln. Dafür spricht auch die vollkommen unterschiedliche Vorgehensweise. Der erste Mord ist auf einem überfüllten Platz passiert. Beim zweiten Anschlag war es so früh, dass noch keine Touristenbusse am Monument waren.“ Veikko schien seinen nachdenklichen Gesichtsausdruck zu bemerken. „Du glaubst nicht, dass es verschiedene Täter sind?“ Er sah kurz auf. „Ich weiß es nicht. Es kommt mir komisch vor. Kannst du versuchen noch irgendwie vom ersten Zünder was herzustellen?“ „Ich kann es mit verschiedenen chemischen Verfahren versuchen, ja. Aber ich kann nicht versprechen, dass wir da noch was rausholen können.“ Er nickte. „Versuch es trotzdem.“


    „Okay Veikko. Kümmer du dich um den Zünder. Semir und ich werden derweil alles über Veeti Mäkelä herausfinden, was es zu finden gibt. Danach werde ich Solheim informieren. Morgen werden wir die erste Teamsitzung abhalten. Kasper, Ben und du. Ihr werdet euch um die restlichen Akten und Informationen vom Bus kümmern.“ Es dauerte nicht lange und der Raum hatte sich wieder geleert. Jeder schien scheinen Aufgaben nachzugehen und stürzte sich voller Arbeitseifer in den restlichen Tag.



    *


    Ben versuchte sich irgendwie auf die Akten zu konzentrieren, doch es misslang ihm. Immer wieder fiel sein Blick auf Mikael. Er hatte die Arme auf den Tisch verschränkt und den Kopf darauf gebettet, als würde er schlafen. Doch er wusste, dass dem nicht so war. „Hast du Kopfschmerzen?“, durchbrach er schließlich die Stille. Mikael sah nicht auf, doch Ben war sich sicher, dass er ihn gehört haben musste. „Ja, ein bisschen“, hörte er ihn schließlich murmeln. Am Ende des Raumes konnte er ein Lachen von Kasper vernehmen. „Das kommt davon, wenn man mit Drogenbossen säuft.“ „Es kommt nicht davon okay“, nuschelte Mikael genervt. „Es waren nur drei Gläser Wodka. Dieser verdammte scheiß Fall ist schuld!“


    „Vielleicht sollten wir nach Hause fahren, wenn du dich nicht gut fühlst“, gab Ben zu bedenken. Er bekam keine Antwort. „Wie du meinst. Schweig halt weiter da rum und mach…was immer du da machst.“ Ben lehnte sich in seinen Stuhl zurück und wartete auf eine Reaktion, ohne dass diese kam. Missmutig wandte er sich wieder den Akten zu, blickte jedoch bald wieder auf. „Bei wem warst du überhaupt?“, fragte er. „Wieso interessiert dich das? Du kennst den Namen ohnehin nicht“, hörte er Mikael murmeln. Ben wandte seinen Blick zu Kasper, welcher sich nicht großartig an Mikaels schlechter Laune zu stören schien und seelenruhig über seine Akten hing. Er lächelte Ben an. „So ist er immer, wenn es nicht vorwärtsgeht. Ignoriere ihn einfach.“

  • Semir blickte von seinem Computer auf, als Antti ihn ansprach. „Willst du eigentlich im Hotel schlafen oder bei uns zwei knackigen Junggesellen?“ Der Finne sah dabei auf Veikko, der konzentriert über den Untersuchungsbericht der Spurensicherung vom Morgen hockte und einige Stellen markierte. Semir vermutete, dass er sie später wohl noch selbst überprüfen würde. Da Veikko bis vor wenigen Jahren selbst in der Technik angestellt war, dürfte es zumindest kein Problem für ihn darstellen. „Wie meinst du das? Euch zwei?“
    Antti lachte. „Sag bloß, ich habe dir nicht erzählt, dass ich ihn vor ein paar Wochen aufgenommen habe.“
    „Nicht direkt.“
    „Er ist aus seiner Wohnung geflogen.“
    „So kann man das nicht sagen“, mischte sich Veikko ein.
    Antti zog die Augenbraue hoch. „Genau so kann man das sagen. Du hast die alte Wohnung gekündigt, ehe du den Vertrag für die neue unterschrieben hattest.“
    „Jaja ist ja gut“, winkte der Jüngere ab. Veikko war inzwischen aufgestanden und steckte sein Handy in die Hosentasche. „Wie dem auch sei. Ich muss noch runter in die Technik. Ein paar Dinge nachprüfen. Wird sicher ne Nachtschicht. Also, ich hab nichts dagegen, wenn du zu uns stößt, Semir.“ Der junge Ermittler griff noch schnell nach einem Apfel, den er auf dem Tisch platziert hatte, und verschwand schließlich aus dem Raum. Semir lehnte sich zurück. „Gut, wenn es euch zwei wirklich nicht stört, niste ich mich bei euch ein.“ Antti nickte. „Lass uns das noch durchgehen und dann Schluss machen.“


    *


    Ben begann langsam zu glauben, dass Mikaels furchtbare Laune mit dieser elenden Dunkelheit zusammenhing. Bereits um 15:30 Uhr hatte sich die Sonne gesenkt und die Tatsache, dass sie sich erst wieder gegen neun Uhr erheben würde, machte es nicht gerade besser. Er strich über die Tasten des Klaviers, das in Mikaels Wohnzimmer stand. Es war hoffnungslos verstimmt, wahrscheinlich hatte schon seit Jahren keiner mehr darauf gespielt. Seine Gedanken schweiften immer wieder zu dem Fall ab. Sie hatten nichts Neues erfahren. Als sie nach Hause aufgebrochen waren, war Veikko noch in der Technik gewesen und hatte mir irgendwelchen Chemikalien gespielt. Dadurch wollte er irgendwie den Schriftzug auf dem ersten Zünder sichtbar machen, wenn es denn einen gab. Noch gingen die Ermittlungen in alle Richtungen. Er sah zu Mikael. Der Schwarzhaarige saß auf dem Sofa und hatte den Kopf nach hinten gelehnt. Seine Augen hatte er geschlossen. Ben war sich sicher, dass er in Mikaels Gesichtsausdruck sehen konnte, dass er noch immer Kopfschmerzen hatte. Auch die Tatsache, dass er Ben das Auto von diesem ominösen Club bis hier fahren ließ, sprach dafür.


    Er hörte, wie Oskari und Viivi schrien. Die beiden spielten dick eingepackt mit Eva im Schnee, der sich in den letzten Stunden auf der Erde niedergelassen hatte. Nach gut einer Stunde hatte die blonde Frau die beiden jedoch wieder ins Haus gescheucht und kämpfte nun damit sie ins Bett zu bekommen. Ben sah, wie sie ab und an zu Mikael rüber blickte, als sie jedoch keine Reaktion von ihm vernahm, sich wieder voll den Kindern zu wandte und sie nach oben in ihre Zimmer brachte. Ob er selbst wohl ein guter Familienvater wäre? Wahrscheinlich wäre er maßlos überfordert. Aber andererseits. Veikko hatte eine zehnjährige Tochter, und obwohl er so chaotisch war, kam er Ben wie ein guter Vater vor. Manchmal ertappte er sich dabei, wie er überlegte, ob ihm etwas fehlte. Er war so dumm gewesen, Mikael danach zu fragen. Natürlich hatte er geantwortet, dass ihm ohne Eva und die Kinder etwas im Leben fehlen würde, aber anders als er, hatte Mikael vorher nie eine richtige Familie gehabt.


    Ben schloss den Deckel des Klaviers und erhob sich langsam. „Ich hol mir was zu essen. Willst du auch was Mikael?“ Mikael schüttelte leicht den Kopf, öffnete jedoch nicht die Augen, als Ben an ihm vorbei ging.


    *


    Die Kopfschmerzen trafen ihn wie ein Vorschlaghammer. Er kniff die Augen zu, obwohl er wusste, dass es keinen Sinn hatte. Er sogar dankbar sein sollte, dass es nicht noch schlimmer war. Wie lange war es jetzt her? Genau, drei Jahre. Vor drei Jahren hätte sein Leben vorbei sein können. Er war einen Hang runter gestürzt, als er einen Kriminellen überführen wollte. Hatte eine schwere Kopfverletzung davon getragen. Er hätte tot sein können, aber er war es nicht. Souvenir von diesem Tag waren die Kopfschmerzen, die ihn gerne in den ungünstigsten Situationen heimsuchten. Gar dafür gesorgt hatten, dass er fast eineinhalb Jahre Innendienst schieben musste. Zumindest diese Zeit hatte er hinter sich gebracht.


    „Was ist Mikael?“ Er hörte Evas Stimme. „Nichts“, sagte er. „Du hast eine Grimasse gezogen“, begann sie erneut. „Ach?“ „Als ob du Schmerzen hättest. Hast du Schmerzen?“ „Hm“ „Hast du Schmerzen, habe ich gefragt.“ „Nur wenn ich mich ruckartig bewege“, murmelte er. Sie nahm seinen Kopf in ihre Hände und er öffnete die Augen, als sie ihre kalten Finger auf seiner Wange spürte. Sie trug ein warmes Lächeln im Gesicht. „Ist es die Verletzung von der Explosion oder dein Kopf?“ „Mein Kopf“, er versuchte seine Stimme so klar wie möglich klingen zu lassen, doch es misslang ihm. „Dann solltest du dich schlafen legen“, sagte sie und küsste seine Stirn. Wie gut ihre kalten Lippen taten. „Ich kann nicht. Da ist soviel, was mir nicht aus dem Kopf geht.“ „Wenn dein Kopf es nicht aufnehmen kann, bringt es doch nichts.“ Sie strich einige Strähnen aus seinem Gesicht, löste sich dann jedoch von ihm und ließ sich ebenfalls auf dem Sofa fallen. „Die Kinder haben gefragt, ob sie einen neuen Hund bekommen dürfen“, begann sie nach einer Weile. „Hm“ „Das ist keine Antwort Mikael. Ich denke, ein neuer Hund würde uns allen gut tun. Toivo ist nun schon drei Monate nicht mehr und ich vermisse etwas im Haus, du etwa nicht?“ „Schon“, nuschelte er leise und schloss die Augen wieder. „Vielleicht sollten wir morgen ins Tierheim fahren“, sagte sie. Er brauchte die Augen nicht öffnen, er wusste aus ihrer Tonlage zu deuten, dass sie es ohnehin vorgehabt hatte. „Ich habe keine Zeit“, antwortete er. „Wir könnten am Abend fahren“, sie versuchte ihre Enttäuschung zu verstecken, doch sie war hörbar. „Dann ist es doch dunkel. Du wirst die Hunde nicht mehr richtig sehen können.“ „Vielleicht.“ „Ganz bestimmt“, antwortete er mit kräftiger Stimme, in der Hoffnung dadurch die Diskussion beenden zu können. Er hörte Schritte. Ben musste seinen Streifzug durch den Kühlschrank beendet haben. Vielleicht hatte er auch nur gewartet, bis sie ihr Gespräch beendet hatten um nicht zwischen die Fronten zu geraten.


    Mikael hatte die Augen wieder geöffnet und sah zu, wie Ben sich die letzten Reste von seinem Brot in den Mund schob. „Ich frage mich, wieso du nicht über Kopfschmerzen klagst. Du bist derjenige mit der Gehirnerschütterung“, schimpfte er. Ben lächelte ihn breit an. „Ich war beim Arzt, der hat mir Tabletten gegeben. Du warst nur bei einem Gerichtsmediziner.“ „Ich bin bei der Explosion nie auf den Kopf gelandet Ben“, sagte er. „Aber Tabletten hast du genug. Nimm doch einfach eine.“ „Ich will nicht ewig Tabletten schlucken. Das nervt.“ „Wenn es aber anders nicht geht“, schaltete sich nun auch Eva ein. Er lehnte sich wieder zurück und blickte an die Decke. „Es geht sicherlich von alleine wieder weg. Von den scheiß Dingern wird man immer so müde.“

  • Am nächsten Morgen versammelten sie sich im Konferenzraum zur Teambesprechung. Ben hatte sich bereits gesetzt und blickte aus dem Fenster. Er verfolgte das Treiben auf den Straßen von Helsinki. Schneeregen zog sich durch die frühen Stunden des Tages. Eine Tatsache, die wohl nicht nur die Bürger Kölns zu überfordern schien. Einige Fußgänger kamen beim Überqueren der Straße ins Rudern und erreichten nur mit Mühe und Not die andere Seite. Er wandte seinen Blick ab und studierte die Personen, die nach und nach eintrafen. Antti unterhielt sich angeregt mit Semir. Veikko war damit beschäftigt einen Tennisball gegen die Wand zu schmeißen. Die Spuren auf der weißen Tapete zeugten davon, dass es wohl eine Art Ritual zu sein schien. Kasper kritzelte nachdenklich etwas in seine Unterlagen. Mikael schien ebenfalls mit den Gedanken abwesend zu sein. Der Schwarzhaarige sah, wie er es selbst noch vor wenigen Minuten getan hatte, aus dem Fenster und spielte dabei mit seinem Kugelschreiber. Gegenüber von Ben saß ein Mann, den er nicht kannte. Er schien so um die Mitte 50 zu sein und hatte einen nichtssagenden Blick.


    „Ich denke wir sollten anfangen“, durchbrach nach einer Zeit Anttis kräftige Stimme die Stille. Jeder der Anwesenden unterbrach seine Tätigkeit und setzte sich, wenn er es nicht bereits getan hatte, an den Tisch. „Ich habe gestern noch in der Technik gearbeitet. Es handelt sich in beiden Fällen um den gleichen Zünder. Die Worte Huumediileri sind jeweils mit einem feinen Schraubenzieher oder Messer eingeritzt worden“, begann Veikko. „Dazu haben die Jungs von der Technik noch kleine Nummern entdeckt. Beim Bus die Eins, bei dem Auto am Monument die Nummer zwei.“ „Das könnte dafür sprechen, dass noch weitere Taten geplant sind“, hörte Ben den ihm unbekannten Kommissar sagen. Alle am Tisch nickten. „Ben hat die Insassen aus dem Bus gecheckt. Es gibt nur bei einem Mann etwas Verdächtiges. Sein Name ist Viktor Müller. Ein kleiner Drogenkurier aus Köln“, fuhr Veikko fort.


    „Ich denke, wir sollten die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es sich hier vielleicht nicht um Attentate gegen Finnland handelt, sondern gegen einzelne Personen.“, kam es nun von Mikael, der bisher geschwiegen hatte. „Und warum?“ Ben spürte, dass sich der alte Kommissar gegenüber von ihm nur mühsam beherrschte. Sein bissiger Unterton war nicht zu überhören. „Ich weiß nicht. Es passt nicht zusammen“, antworte Mikael und erntete ein hämisches Grinsen. „Genau. Sie wissen nichts, womit Sie genauso viel wissen wie wir alle: Nichts!“


    Mikael war aufgestanden und an das Fenster getreten. Ben sah, wie sich seine Stirn in Falten legte, als würde er über seinen nächsten Schritt nachdenken. „In beiden Explosionen sind Menschen aus dem Drogenmilieu umgekommen. Ich halte das für einen zu großen Zufall. Vielleicht will jemand durch die anderen Toten von seinen eigentlichen Zielen ablenken? Eine aufkommende Panik in der Stadt würde ihm nützen.“ „Dann können Sie ja froh sein, dass Sie nicht dem Beispiel ihres Vaters gefolgt sind…Hansen Junior“, zischte der alte Kommissar leise. Mikael nahm seinen Blick nicht vom Fenster. Ben konnte sehen, wie sich seine Hand zu einer Faust formte. Der deutsche Kommissar konnte die Anspannung im Raum regelrecht spüren. Jeder schien auf eine Reaktion von Mikael zu warten. Wenn es eins gab, wobei Mikael die Beherrschung verlor, war es, wenn er mit seinem Vater in Verbindung gebracht wurde. Ihn gar mit dessen Namen ansprach. Hansen. Über Jahre die Nummer eins im deutschen und finnischen Drogengeschäft, bis der Tag kam, an dem er übertroffen wurde und ein Mann ihn erschoss.
    Mikaels Faust knallte auf den Tisch. „Was glauben Sie eigentlich wer Sie sind Solheim?“, schrie er so laut, dass Ben unweigerlich zusammenzuckte. „Meinen Sie nur weil Sie Mäkinen in den Arsch kriechen, können Sie sich hier aufführen, als gehöre ihnen dieses verdammte Präsidium. Einen Scheiß können Sie! Denken Sie, ich sitze den ganzen Tag nur an meinem Tisch und mache hintenherum Geschäfte mit den alten Geschäftspartnern meines Vaters? Amüsiere mich über die Scheiße, mit der wir uns hier tagtäglich rumschlagen müssen? Denken Sie das wirklich? Wenn ja. Gehen Sie zu Mäkinen. Sagen Sie ihm, dass sie mit dem kleinen Nichtsnutz von Kommissar, den Sie für die Ausgeburt des Bösen halten, nicht zusammenarbeiten wollen. Damit würden Sie uns beiden einen großen Gefallen tun!“ Solheim saß wie erstarrt auf seinem Platz und auch die anderen Personen um den Tisch schienen für einige Sekunden sprachlos. Bevor sie die Gelegenheit hatten sich wieder zu sammeln, ging Mikael zielstrebig in Richtung Ausgang und hatte den Raum mit einem lauten Knall geschlossen.


    Ben blickte in das Gesicht von Semir. Sein Partner war sich offensichtlich nicht sicher, ob er nun über diese Situation lachen sollte, oder ob er über den plötzlichen Ausbruch von Mikael geschockt war. Schließlich war Semir aber der Erste im Raum, der sich wieder zu fangen schien. „Ich werde in Köln anrufen und beim Drogendezernat alle Informationen über Viktor Müller anfordern. Eine Spur ist ein Spur, so wage sie auch sein mag.“ Ben sah, wie Antti nickte. Veikko und Kasper blickten indes aus dem Fenster und der Jungkommissar konnte nicht anders, als ihren Blicken zu folgen. Mikael hatte seine Wut an die frische Luft getragen. Nun saß er auf einer der Treppen vor dem Präsidium und schien sich nicht großartig daran zu stören, dass der Schneematsch seine Kleidung durchnässte. Es schien als hätte sich diese Teambesprechung zu einem Gespräch der erfahrenden Kommissare gewandelt. Zumindest er hatte schon seit Minuten nicht mehr wirklich zugehört und irgendwann den Anschluss verloren.


    Ben wusste nicht, wie lange sie noch in dem Besprechungsraum gesessen hatte, doch irgendwann war es endlich vorbei und alle gingen ihren Aufgaben für den Tag nach. Als Ben sich erheben wollte, hielt Antti ihn mit seinem Arm zurück. „Ben. Ich möchte, dass du runtergehst und mit Mikael sprichst. Er soll aus der Kälte kommen, sonst holt er sich noch was.“ „Ich weiß nicht ob ich wirklich der Richtige dafür bin Antti. Seine Laune ist derzeit nicht wirklich auf dem Höhepunkt und ich bin schon einige Male mit ihm aneinandergeraten“, antwortete er, doch Antti lächelte nur. „Sieh das als Befehl von deinem Teamleiter an.“ Antti warf einen Blick aus dem Fenster und wandte sich dann wieder zu ihm. „Sein Ärger ist ohnehin schon wieder verflogen.“


    „Ist alles okay?“, fragte Ben, als er vor dem Haupteingang des Präsidiums angekommen war. „Es war unprofessionell die Fassung zu verlieren“, hörte er Mikael antworten. Er setzte sich neben ihm auf die Treppe, obwohl ihm der nasse Schnee zuwider war. „Dieser Solheim scheint kein besonders netter Kerl zu sein. Was hat er gegen dich?“ Mikael sah ihn kurz an, schien zu zögern. „Keine Ahnung. Wir kamen nie besonders gut miteinander aus“, antworte er schließlich, doch Ben wusste, dass es nur die halbe Wahrheit war. Da musste mehr sein. „Das ist alles?“, harkte er nach. Sein Gesprächspartner war aufgestanden und begab sich in Richtung des Komplexes. „Das ist alles Ben. Lass uns wieder reingehen. Es gibt sicher noch einen Haufen Arbeit.“ Der deutsche Kommissar folgte ihm. „Ich weiß, dass du lügst. Das da mehr ist“, sagte er, doch Mikael antwortete nicht mehr. Er schien ihre Diskussion mit Stillschweigen beenden zu wollen.


    „Solheim denkt, dass ich für den Tod seines Sohnes verantwortlich bin“, brachte Mikael dann schließlich jedoch heraus und war wieder stehen geblieben, sodass Ben fast in seinem Rücken gelandet war. „Wieso?“ „Ich…als wir 16 waren, hat mich Pekka, also Solheims Sohn, gefragt, ob ich ihm Drogen besorgen kann.“ Ben war sich sicher, dass er Schuld in Mikaels Stimme wahrnehmen konnte. „Du hast es gemacht?“ „Ich habe es zu einer Party mitgebracht. Wir haben ein paar Lines gezogen. Ja. Pekka kam von dem Zeug nicht mehr los. Zwei Jahre später hat er sich eine Überdosis gespritzt. Solheim ist damit nie fertig geworden.“ Ben sah ihn mit großen Augen an. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ausgerechnet Mikael Drogen besorgt hatte.
    Mikael schien seinen überraschten Gesichtsausdruck zu registrieren. „Dachtest du, ich war immer der brave Junge von nebenan?“ „Ich weiß nicht.“ „Der ist in Köln gestorben Ben. Ich habe lange gebraucht, um wieder den richtigen Weg zu finden. Es gibt einen Grund, warum manche Leute diese Stadt auch liebevoll ‚Hellsinki‘ nennen.“ Ben sah ihn nur an, sortierte die Dinge, die er soeben zu ihm gesagt hatte. „Du hast davon nie etwas erzählt“, begann er. „Hätte das etwas geändert?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein natürlich nicht.“ Mikael nickte. „Lass uns reingehen. Weiterarbeiten.“

  • Der Notruf war genau um 18:03:34 Uhr eingegangen. Ben gehörte mit Mikael zu den Ersten, die vor Ort waren. Der deutsche Kommissar blickte sich um, saugte die Umgebung regelrecht in sich auf. Er wusste, dass Mikael genau das Gleiche tat, auch wenn sich sein Freund das nicht anmerken ließ und gleichzeitig den Worten des Gerichtsmediziners lauschte. Aber den konnte Ben ohnehin nicht verstehen, also konzentrierte er sich nur auf die eine Aufgabe. Plötzlich erregte eine Person Bens Aufmerksamkeit. Der Mann stand etwas im Hintergrund der Menschenmenge hinter der Absperrung und hielt eine Videokamera in der Hand. „Mikael, sieht du den Typen“, flüsterte er leise und wenig später vernahm er ein Nicken. „Verhalte dich unauffällig“, murmelte er zurück. Doch sie waren bereits aufgeflogen und der Mann suchte mit eiligen Schritten das Weite. Mikael war bereits losgesprintet und Ben folgte ihm nur wenig später.


    „Hallo!“, rief Mikael. Der Mann reagierte nicht und drehte sich auch nicht um. „Hallo, warten Sie“, rief er und rannte hinter ihm her. „Hallo warten Sie. Polizei!“ Wieder keine Reaktion. Stattdessen bog der Verfolgte in eine Seitengasse ab. „Du folgst ihm Ben, ich renn außenherum!“, hörte er Mikael schreien und bog wenig später in die Gasse ein. Ben spürte, wie ihm langsam der Atem ausging, aber das Adrenalin trieb ihn weiter. Das könnte der entscheidende Schritt sein! Ben lächelte innerlich, als er dem Mann vor ihm immer näher kam. Er schien lange nicht so gut in Form zu sein, wie es zunächst den Anschein hatte und wurde immer langsamer. Ben holte noch einmal alles aus sich heraus und riss die Person schließlich zu Boden. Der Mann schrie überrascht auf. Er kniete sich auf seinen Rücken und drückte den Kopf auf den Asphalt. „Police, don’t move!“


    Es dauerte nicht lange und Mikael hatte sie von der anderen Seite der Gasse erreicht. Ben sah kurz hoch und zog den Mann schließlich, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, nach oben. Ben konnte hören, wie der Mann sofort anfing auf Finnisch loszuschimpfen. Er hatte es bereits gemacht, als er auf dem Boden lag, es aber schnell bleiben gelassen, als er gemerkt hatte, dass Ben ihn ohnehin nicht verstand. Mikael antworte irgendetwas, was die Person in seinen Händen dazu bewegte ruhig zu werden. „Lass uns ins Präsidium fahren“, sprach Mikael schließlich auf Deutsch in sein Richtung und setzte sich bereits in Bewegung. Ben nickte und folgte dem Schwarzhaarigen zurück zum Auto.


    *


    Der Verhörraum 3 des Helsinkier Polizeipräsidiums wirkte einfach. Neben einem kleinen Tisch und zwei Stühlen, war er nur mit einer Kamera für Videoaufzeichnungen ausgestattet. Auf dem Tisch war ein kleines Mikro angebracht. Fenster gab es außer der riesigen Spiegelwand keine. Alles in allem wirkte der Raum eher trostlos und war genau deshalb ein beliebter Verhörraum bei einigen Kommissaren. Hier gaben sich einige der Verhörten der Hoffnungslosigkeit hin und berichteten von ihren vergehen.


    Ben, Mikael und Antti beobachteten den Mann am Tisch durch die Spiegelwand. Der Mann sah öfters in Richtung Spiegel. Er schien zu wissen, dass sie ihn beobachteten, aber das sollte ihnen Recht sein. „Scheint ziemlich nervös zu sein, dieser Akseli Rautio“, brach Antti schließlich das Schweigen. „Ich glaube nicht, dass er etwas mit den Anschlägen zu tun hat“, merkte Mikael gedankenverloren an. „Wie erklärst du dir dann sein Verhalten am Tatort?“, entgegnete Antti. „Stimmt“, mischte sich jetzt Ben ein, „das ist alles zu offensichtlich. Er hat gefilmt! Als Beweis haben wir ja das Band.“ Antti nickte und lehnte sich an die Wand. „Er war total nervös, als Ben ihn überrumpelt hatte. So benimmt sich keiner der Bombenanschläge plant!“, gab Mikael zu bedenken und verschränkte die Akte vor seiner Brust. Antti nickte mit dem Kopf. „Es ist Zeit reinzugehen Mikael. Ich vertraue auf dich. Wenn der Typ was weiß, bekomm es aus ihm raus.“ Der Schwarzhaarige setzte sich in Bewegung und öffnete die Tür zum Verhörraum, um hineinzutreten.


    Er lächelte dem Mann kurz zu, legte die Akte auf den Tisch und setzte sich auf einen der Stühle. „Sie sind sich sicher, dass sie auf einen Anwalt verzichten wollen Herr Rautio?“ „Ja, ich habe nichts verbrochen“, antworte der Mann, trommelte dabei jedoch nervös auf dem Tisch herum und wippte leicht mit den Füßen.
    „Sie haben hinter einer Absperrung gefilmt. Das macht Sie für uns verdächtig Herr Rautio“, begann Mikael schließlich und lehnte sich in seinen Stuhl zurück und wartete auf die Antwort des Mannes, die nicht lange auf sich warten ließ.
    „Worauf läuft das Ganze hinaus? Was soll das. Ich habe nichts verbrochen.“
    „Die Wahrheit. Es läuft immer auf die Wahrheit hinaus.“
    „Ich habe bereits gesagt, dass ich nur aus Neugier gefilmt habe. Heutzutage filmt doch jeder hinter solchen Absperrungen. Was hätte ich für einen Grund zu lügen?“
    „Erzählen Sie mir von ihrem Abend“
    „Wozu?“
    „Sie brauchen ein Alibi.“
    „Was soll ich denn erzählen?“
    „Na was Sie gemacht haben. Vielleicht waren Sie mit jemand aus, haben einen Anruf aus ihrer Wohnung getätigt. All so was halt.“
    Sein Gegenüber musterte ihn von oben und unten, als würde er anzweifeln, dass es sich bei der Person vor ihm wirklich um einen Kommissar handelte. „Und, wo waren sie am Abend?“, wiederholte er nach einer Weile und schlug dabei die Akte auf. Viel stand darin nicht, aber gewöhnlich verfielen bei dieser Geste einige Befragte in Nervosität.
    „Ich war aus“, sagte Rautio schließlich.
    „Wohin?“
    „Spielt das eine Rolle?“
    Mikael lächelte und klappte die Akte wieder zu. „Alles spielt eine Rolle, Herr Rautio.“
    „Ich wollte mit einer Freundin einen Wein trinken gehen, in der kleinen Bar unten am Hafen, aber sie hat mich versetzt, also bin den Hafen hoch und runter gelaufen.“
    „Haben Sie Zeugen?“
    „Bestimmt. Aber ich bezweifle, dass sich jemand an mich erinnert.“
    „Was haben Sie dann gemacht?“
    „Ich bin nach Hause gegangen und auf dem Weg dahin, waren sie da an diesem ausgebrannten Auto.“ Der Mann sah ihn an, als wäre es nun seine Schuld gewesen, dass er hier saß.
    „Und da haben Sie einfach eine Videokamera genommen und alles gefilmt?“
    „Himmel! Hören Sie mir eigentlich zu? Das habe ich bereits gesagt. Ja, ich habe einfach gefilmt. Ich wollte es später ins Internet stellen oder eine Zeitung anrufen. Heutzutage bekommt man doch für allen Scheiß mächtig Kohle!“, fauchte der Mann nun sauer und verschränkte die Arme, wie ein trotziges Kind, vor seiner Brust.
    Mikael stand auf und lehnte sich gegen die Wand neben dem Spiegelfenster. Er hielt einige Minuten inne, sortierte das Gesagte in seinem Kopf. Dem Mann am Tisch schien die Stille unangenehm zu sein. Er zappelte nervös hin und her.
    „Haben Sie auch bei den anderen Attentaten gefilmt?“, fragte er und lief dabei im Raum auf und ab.
    „Nein, wieso sollte ich das?“
    „Wieso haben Sie dann dieses Attentat gefilmt?“
    „Das sagte ich doch gerade erst! Wegen des Geldes. Es war eine fixe Idee von mir. Nicht mehr und nicht weniger!“
    „Sie kommen doch auf dem Weg zu ihrer Wohnung dort gar nicht vorbei. Es kann kein Zufall gewesen sein, Herr Rautio.“
    „Was soll das hier eigentlich werden? Wollen sie mir diese Attentate in die Schuhe schieben? Suchen sie ihren Mörder woanders! Ich habe damit nichts zu tun!“
    Mikael setzte sich wieder auf seinen Stuhl. „Sie machen es sich unnötig schwer. Sagen Sie uns doch einfach, warum Sie sich dazu entschlossen haben, eine Route nach Hause zu wählen, die so viel weiter ist.“ Der Mann gegenüber von ihm seufzte auf und gab sich geschlagen. „Ist ja gut. Ein Mann hat mich am Hafen angesprochen. Mir viel Geld geboten, damit ich dahin gehe und für ihn filme.“
    Mikael wurde hellhörig. „Jemand hat ihnen Geld dafür geboten?“
    „Ja.“
    „Wie sah der Mann aus?“
    „Na, normal halt. Kurze Haare, Kapuzenpulli, Jeans.“
    „Augenfarbe?“
    „Was weiß ich, interessierte mich nicht!“
    „Ein Mann bietet ihnen Geld für ein Video und Sie erzählen mir, dass sie sich nicht gemerkt haben, wie er aussieht?“
    „Das nächste Mal werde ich ein Foto machen, von Menschen denen ich zufällig begegne, Herr Kommissar, wenn es ihnen hilft!“
    „Wie sollten Sie ihm das Video zukommen lassen?“
    „Keine Ahnung, er sagte, er würde sich melden.“
    „Das ist alles?“
    „Das ist alles. Kann ich dann jetzt gehen?“
    Mikael spielte mit seinem Kuli und machte einige Notizen in der Akte. „Ja, aber halten Sie sich zu unserer Verfügbarkeit und berichten uns sofort, wenn der Unbekannte sich bei ihnen meldet.“ Der Mann stand auf und hielt ihm seine verschwitzte Hand hin. „Auf Wiedersehen!“

  • Lächelnd deutete Eva auf das Sofa und Ben setzte sich, während Mikael in der Küche Brote schmierte. „Und wie war der Tag?“ Er seufzte. „Finnisch macht mich fertig. Ich verstehe überhaupt nichts, noch dazu ist Mikaels Laune nicht gerade gestiegen, seitdem dieser Solheim am Fall mitar-“ „Moment! Solheim?“, funkte Eva dazwischen, ehe er zu Ende berichtet hatte. „Ähh ja“ „Na dann ist es ja kein Wunder, dass er so mies drauf ist“, murmelte sie leise. „In dem Fall gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Mikael denkt, dass es was mit Drogen zu tun hat. Frag mich nicht…ich kann mir aus überhaupt nichts mehr einen Reim machen.“ Sie nickte und blickte durch die Tür auf ihren Freund. „Hat er dir von Solheims Sohn erzählt?“ „Diesem Pekka, ja hat er.“ „Er gibt sich noch immer die Schuld.“ „Er ist ihm an die Gurgel gesprungen im Teammeeting“, erzählte Ben jetzt, obwohl Mikael ihn eindringlich gesagt hatte, über diesen Vorfall nichts gegenüber seiner Frau zu erwähnen. Es herrschte lange Stille, bis sie antwortete. „Versprich mir, dass Mikael keine Dummheiten macht.“ Er zog die Augenbrauen hoch. „Wie meinst du das? Was sollte er anstellen?“ „Versprich es mir einfach Ben.“ Er nickte unsicher. „Danke.“



    In der Küche legte Mikael das Messer zur Seite. Er sah auf das Handy in seiner Hand. Du wirst sterben Hansen, stand dort geschrieben. Er versuchte sich einzureden, dass das alles ein schlechter Scherz war, doch alles sprach dagegen. Seit Tagen bekam er Anrufe, wo entweder niemand dran war oder nur den Namen Hansen sprach, um dann wieder aufzulegen. Bei der Festnahme hatte Rautio exakt diese Worte ausgesprochen. Wort für Wort. Du wirst sterben Hansen. Aber Rautio war gekauft, wusste überhaupt nichts über seinen Auftraggeber und hatte sie in die nächste Sackgasse gelenkt, ihnen wertvolle Zeit geklaut. Er könnte mit Antti darüber sprechen oder vielleicht Ben. Er schüttelte den Kopf. Nein, sie würden ihm nicht mehr von der Seite weichen. In dieser Sache war er wohl vollkommen auf sich alleine gestellt. Er musste diesen Mann finden, ehe er ihn fand oder vielleicht sogar seiner Familie etwas antun konnte.


    „Ist alles in Ordnung?“ Er schreckte hoch und das Handy glitt ihm zu Boden. „Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken.“ Ben hatte sich runter gekniet und das Handy aufgehoben. Er hielt es ihm entgegen und er griff danach. „Du zitterst ja“, stellte Ben fest und er verfluchte sich dafür, dass er seinen Körper vor lauter Aufregung nicht im Griff hatte. „Ich…ich…ich habe Kopfschmerzen. Das ist alles.“ Sein Gegenüber sah ihn skeptisch an. „Wirklich?“ „Ja.“ Der Braunhaarige schien ihm die Lüge nicht abzukaufen. „Du weißt, dass du mit mir über alles reden kannst, oder?“ Mikael schlang sich an ihm vorbei. „Ja, das weiß ich Ben“, murmelte er leise und trat aus der Küche. Eva sah die beiden mit großen Augen an. „Schatz, wolltest du nicht Essen machen?“, fragte sie, als sie keinen der Beiden mit einem Teller sah. Er lief mit gesenktem Kopf an ihr vorbei. „Ich habe keinen Hunger“, presste er hervor. „Ich geh schlafen. Mein Kopf … er gibt keine Ruhe.“



    Ben sah Mikael fragend hinterher. Er wusste, da war irgendetwas, doch er konnte es nicht packen. „Was hat er denn?“ Er wandte sich zu Eva. „Wenn ich das wüsste. Er stand da und hat auf sein Handy gestarrt. Als ich ihn angesprochen habe, ist er erschrocken hochgefahren und hat was von Kopfschmerzen geredet.“
    „Hmm.“ Eva sah auf die Treppe, die hoch in das Schlafzimmer führte.
    Es war später Abend, als Ben feststellte, dass sein Freund wohl doch keinen erholsamen Schlaf gefunden hatte. Als er sich etwas zu trinken aus der Küche holen wollte, saß Mikael am Tisch und sah in eine qualmende Teetasse, als würde sie ihm bei diesem Fall wertvolle Tipps geben können. Ihm kam der Tagesverlauf wieder in den Sinn und die Tätigkeit, die er unternommen hatte, als das Verhör beendet war. „Mikael? Was hat der Mann heute zu dir gesagt, als wir ihn festgenommen haben?“ Sein Freund sah von seiner Teetasse hoch und sah ihn fragend an. „Wie kommst du auf so eine Frage?“ Ben setzte sich an die andere Seite und betrachtete ihn. Mikael wirkte müde und erschöpft. Irgendetwas beschäftigte ihn. „Ich weiß nicht…ich habe eins der Wörter nachgeschaut, was ich mir merken konnte. Es heißt sterben.“ Mikael blieb lange stumm. „Du hast dich vermutlich vertan. Das hat er sicherlich nicht gesagt.“ Ben sah, wie Mikael seinem Blick auswich. ‚Natürlich hat er das nicht gesagt, erzähl das deinem Opa!‘ Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Was hat er dann gesagt?“ „Das habe ich mir nicht gemerkt.“ „Willst du mich verarschen. Du merkst dir die Herkunft von beschissenen Bussen, aber willst jetzt behaupten, du weißt nicht mehr, was der Mann gesagt hat?“ Mikael zog seinen Stuhl nach hinten und stand auf. „Soll vorkommen. Seit dem Unfall ist mein Kopf nicht immer auf Höchstleistung.“ „Rennst du jetzt schon wieder vor mir davon? Seit wir diesen Fall angenommen haben, bist du komisch“, bemerkte Ben trocken und wartete auf eine Reaktion. Mikael wandte sich zu ihm um. „Ich will dich nur nicht in Schwierigkeiten bringen Ben“, murmelte er leise, verließ dann aber das Zimmer, um weiteren Nachfragen des deutschen Kommissars aus dem Weg zu gehen. Ben sah ihm perplex hinterher. Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Ihn nicht in Schwierigkeiten zu bringen? Er seufzte und versuchte sich abermals an die Festnahme zu erinnern. Er war sich ganz sicher, dass er dieses Wort herausgehört hatte, warum also leugnete Mikael das?


    *


    Veikko stopfte sich ein Stück Pizza in den Mund, während er den Stuhl mit den Füßen etwas nach hinten kippte. „Das ist doch zum verrückt werden. Uns fliegt seit Tagen ganz Helsinki um die Ohren und wir haben Nichts!“, schimpfte er. „Immerhin wissen wir, dass die Toden alle aus dem Drogenmilieu kommen“, warf Semir ein, während er ebenfalls nach einem Pizzastückchen griff. „Ja aber ohne Muster. An dem einen Tag stirbt ein hohes Tier, an dem anderen Tag eine kleine Nummer. Ich kann mir da keinen Reim daraus machen. Die Opfer haben keine sichtbaren Verbindungen – abgesehen von der Drogenszene.“ Sein Stuhl kippte wieder nach vorne und er umschlang mit seinen Fingern die Bierflasche. „Mikael verheimlicht etwas“, brachte er leise heraus. „Wie kommst du darauf?“, mischte sich jetzt Antti ein. „Er benimmt sich komisch. Er ist dauernd mit den Gedanken woanders und heute, heute sitzt er plötzlich da und durchblättert alte Akten, die mit seinem Vater zutun hatten.“ „Und du erzählst mir erst jetzt davon, weil?“, schimpfte Antti und Semir kam nicht herum, zu bemerkten, wie die Stimme des Finnen vor Wut bebte. „Deshalb. Weil du dich aufregst!“, murrte Veikko leise und schüttete das Bier in sich hinein. „Zu Recht! Weil anscheinend niemand in meiner verdammten Abteilung die Notwendigkeit sieht, mich über Dinge zu informieren!“ „Jetzt tust du so, als könnte ich etwas für Mikaels Heimlichkeiten“, gab Veikko Konter. „Du kannst was für deine Heimlichkeiten, Veikko Henrik Lindström. Du hättest es mit einem Wort erwähnen können!“ „Ich bin mir sicher, dass es dafür eine Erklärung gibt“, versuchte Semir die erhitzen Gemüter zu beruhigen. „Welchen Grund sollte er dafür haben?“, blaffte Antti und trommelte wütend mit den Fingern über den Tisch. „Ich werde mir ihn morgen vornehmen. Er wird sich nicht so einfach rausreden können!“

  • Mikael erwachte mit einem Schrei. Er richtete sich im Bett auf, versuchte seine Atmung zu kontrollieren. Er war am ganzen Leib in Schweiß gebadet. Mit klopfendem Herzen sah er sich um. Eva lag friedlich schlafend neben ihm. Wie er sie manchmal darum beneidete! Seit damals hatte er selten eine ruhige und traumlose Nacht gehabt. Immer und immer wieder musste Joshua in seinen Träumen sterben. Als wäre er in einer Endlosschleife gefangen.


    Plötzlich wurde ihm übel und er sah Doppelbilder. Er musste raus! Er sprang aus dem Bett auf, hechtete durch den Flur, riss die Toilettentür auf und erbrach sich keuchend. Er blieb zitternd über die Kloschüssel gebeugt sitzen, umklammerte sie geradezu um nicht zusammenzubrechen. Als sich sein Magen geleert hatte, ließ er sich erschöpft gegen die Fliesen sinken. Ihm war immer noch schlecht und sein Kopf dröhnte furchtbar. Er presste die Hände gegen die Schläfen auch wenn er aus Erfahrung wusste, dass es nicht viel helfen würde gegen den dumpfen Schmerz. „Was für ein Scheißtraum“, murmelte er leise und versuchte sich an der Wand hochzudrücken. Doch seine Beine wollten ihm nicht gehorchen und er sank wieder zu Boden. Es dauerte nicht lange und er hing wieder über der Kloschüssel, um sich abermals zu erbrechen.
    Er schloss die Augen. Heute war der Traum besonders schlimm gewesen. Er hatte das Blut seines Freundes fast riechen können. Er löste die Hände von der Toilettenschüssel und betrachtete sie, um sicher zu gehen, dass kein Blut daran klebte. Er holte tief Luft und stand dann abermals auf. Mit noch leicht unsicherem Gang lief er in Richtung der Waschbecken. Er drehte den Hahn auf, wusch sich die Hände und spritzte sich eiskaltes Wasser ins Gesicht. Sein Blick fiel in den Spiegel. Sein Gesicht war blass. Schon fast unnatürlich blass. Sein Blick matt und ausdruckslos. Als er sich sicher war, dass er es schaffen würde, ging er zurück in das Schlafzimmer. Er legte sich so vorsichtig wie möglich wieder neben seine Frau. Der Mond warf ein trübes Licht in den Raum. Eva rührte sich nicht. Sie atmete gleichmäßig und schien zu schlafen. Er hob seine Hand und entfernte eine Strähne aus ihrem Gesicht und führte die Hand später an die Stelle, wo ihr Herz war, um ihren gleichmäßigen Herzschlag zu spüren.


    Die Worte, die ihn nun seit einigen Tagen begleiteten schwirrten durch seinen Kopf. Er musste den Typen dringend noch einmal verhören, rausbekommen wieso er es gesagt hatte. So was sagt man doch nicht nur wegen des Geldes, oder doch? Er atmete tief durch. Er wusste, dass er mit Antti reden musste oder vielleicht Ben, doch er konnte es nicht. Er schaffte es einfach nicht. Was, wenn er sie dadurch in Gefahr brachte? Er hatte sich doch geschworen, dass er niemals wieder einen Freund verlieren würde. Sein Herz begann wieder schneller zu schlagen. Ruhig bleiben, sagte er sich, ruhig bleiben.


    *


    Semir stiefelte so leise wie es möglich war, doch dann stockte er. In Anttis Schlafzimmer brannte noch Licht. War er etwa noch wach? Der deutsche Kommissar blickte auf seine Armbanduhr. Es war ein Uhr in der Nacht. Vielleicht war er einfach über der Arbeit eingeschlafen. Semir wollte weitergehen, da hörte er ein Geräusch aus dem Raum. Also war Antti tatsächlich noch wach. Er drehte sich wieder zur Tür und klopfte an, ehe er die Tür aufzog. Der blonde Finne saß an seinem Schreibtisch über eine Akte gebeugt. „Du bist noch wach? Wegen dem Fall?“
    Antti sah auf. „Ja und Nein.“
    „Das heißt?“ Semir ging auf seinen Freund zu und setzte sich auf einen Sessel, der in der Ecke stand.
    „Ich mache mir nur Gedanken, kann deshalb nicht schlafen. Vielleicht ist es albern.“
    „Wegen Mikael?“
    Antti nickte.
    „Du glaubst, dass er etwas verschweigt oder nicht?“
    „Ja.“
    „Etwas das mit dem Fall zu tun hat.“
    „Er macht so etwas nicht mit Absicht. Er …“ Antti raufte sich durch die Haare. „Es ist in ihm drin. Er will einfach alle beschützen. Glaubt, dass er niemanden mehr verliert, wenn er alles alleine löst.“
    „Wegen Joshua?“
    „Ich sehe, wie ihn das kaputt macht und doch kann ich es nicht ändern. Alles was ich tun kann, ist ihm sagen, dass er professionelle Hilfe braucht. Aber du kennst ihn, er will es nicht einsehen.“
    Semir lächelte. Ja Mikael war nicht gerade leicht. „Es wird nicht mehr lange dauern und es wird zwischen ihm und Ben zu einer Explosion kommen. Ben wird sich nicht ewig auf das Spielchen einlassen und es ist mehr als deutlich, dass Mikael mit etwas hinter dem Berg hält.“
    Der Finne seufzte. „Ich rede morgen mit ihm. Wenn wir etwas Ruhe haben.“
    „Er muss verstehen, dass wir jetzt alle an einem Strang ziehen müssen, um diese Typen zu finden.“
    „Ich weiß.“
    „Du kannst in diesem Fall nicht darauf Rücksicht nehmen, ob du ihn vielleicht verletzt, Antti. Er vertraut dir, er wird verstehen, dass du nur das beste für ihn willst.“

  • Mikael schloss die Augen und massierte sich mit den Fingerspitzen die Schläfen. Seit er am Morgen wach geworden war, quälten ihn diese Kopfschmerzen, so dass er sofort nach der Teambesprechung vor das Präsidium geflüchtet war, mit der Hoffnung dass die frische Luft daran etwas ändern würde. Er hörte, wie immer wieder Kollegen an ihm vorbei liefen. Er hielt inne, als eine Person offensichtlich vor ihm stehen blieb. „Hansen“, ertönte es dumpf durch seine Ohren und er hob die Lider. „Solheim, was willst du“, fauchte er. Edvin Solheim lächelte nur stumpf. „Du bist der Teamleiter und ich habe schon seit einer Stunde versucht dich zu erreichen Hansen, also habe ich nach dir gesucht.“ „Es heißt Häkkinen!“ Er beachtete seine Korrektur nicht. „Wenn du Kopfschmerzen hast, solltest du nach Hause gehen Hansen. So bist du zumindest keine große Hilfe bei diesem Fall.“ Er versuchte sein Temperament in Schach zu halten. Solheim wollte, dass er die Kontrolle verliert. Er provozierte ihn mit voller Absicht. „Verdammte Scheiße Solheim, was soll das Kindertheater. Wir sind erwachsene Männer. Es wird ja wohl kein Problem sein ein paar Stunden am Tag miteinander auszukommen!“ Solheim lachte höhnisch auf. „Wirklich, du denkst, dass wir miteinander klar kommen könnten? Du hast meinen Sohn auf dem Gewissen, Hansen!“ Mikaels rechte Hand formte sich zur Faust. Er kaute wütend auf seiner Unterlippe. Nur Augenblicke später donnert er seine Faust gegen Solheims Nase. Ein unangenehmes Geräusch ertönte, Solheim taumelte einen Schritt zurück. Blut lief über sein Gesicht. „Bist du noch von allen guten Geistern verlassen Hansen!“, schrie er wütend auf und hielt sich mit der Hand die Nase, aus der langsam Blut floss. Mikael packte den Blonden an seinem Anzug und drückte ihn gegen eine der Säulen des Präsidiums. „Wir können das gerne so oft wiederholen, bis du es endlich verstanden hast Solheim. ES HEIßT HÄKKINEN!“ Sein Knie landete in Solheims Bauch und wieder stöhnte der Mann auf. „Und ich habe Pekka nicht auf dem Gewissen. Er hat schon vorher Drogen genommen. Vielleicht weil du so ein Scheißvater bist?“
    Mikael wollte abermals zuschlagen, doch dann wurde er an der Kapuze seiner Jacke gepackt. „Verdammt Mikael, bist du verrückt. Was machst du da.“ Anttis kräftiger Arm zog ihn einige Meter von Solheim weg. „Wenn du dein Hündchen nicht im Griff hast, solltest du es nicht auf die Menschheit loslassen Heikkinen!“, schnaubte Solheim laut, während er ein Taschentuch aus seiner Tasche zog und gegen die Nase hielt. „Du wirst dafür büßen!“ Antti zog seinen Kollegen näher an sich, als er merkte, wie er sich wieder losreißen wollte. „Denk nicht einmal daran Mikael“, knurrte er leise und wartete, bis Solheim aus der Sichtweite war.


    Antti drehte ihn zu sich. „Was hat das zu bedeuten. Was ist hier vorgefallen?“ Mikael zog seine Arme aus der Umklammerung des Kollegen. „Er hat mich provoziert!“, schimpfte er laut. „Und?“ „Was und?!“ Er wollte wütend davon stampfen, wurde jedoch von dem älteren Kollegen zurückgezogen. „Wenn du das wusstest, warum schlägst du dann zu? Warum zur Hölle bist du überhaupt so neben der Spur seit ein paar Tagen?“ „Lass mich Antti!“ Antti presste seine Hände auf die Schultern seines Gegenübers. „Nein, ich werde dich nicht lassen! Du bist meine Familie Mikael und ich verstehe nicht, warum du dich seit einigen Tagen so abkapselst. Was ist passiert? Was verschweigst du?“ „Nichts!“ Er schüttelte ihn ab. „Und jetzt lass mich endlich, Antti!“ „Nichts?! Komm schon, dass ist nicht NICHTS! Du hast auf Solheim eingeprügelt. Hat das mit seinem Sohn zu tun?“ „Nein.“ Antti verschränkte die Arme vor der Brust. „Okay, du willst nicht mit mir darüber reden. Meinetwegen. Aber dann geh zu Veikko oder Ben, oder wenn du magst auch Kasper. Sprich aber mit irgendwem und friss das nicht in Häkkinen-Manier in dich hinein.“ Anttis Augen durchbohrten ihn. „Du weißt, dass du ein Ultimatum hast? Du willst zu keinem Psychiater, aber Rautianen wird sich das nicht ewig ansehen. Du bist ein Schatten deiner selbst!“ Der Ältere seufzte. „Du solltest zu ohnehin zu Rautianen gehen und ihm die Sache erklären, wenn es noch nicht zu spät ist. Du weißt, dass Solheim sicherlich nicht gezögert hat, das hier zu melden!“


    Wenig später stellte sich heraus, das Solheim genau das getan hatte. Gerade als oben in den Büros angekommen war, wurde er zum Chef zitiert. Ville Rautianen sah in streng an und wies auf einen der Stühle. „Mäkinen und ich sind zu der Überzeugung gekommen, dass es das Beste für dich ist, wenn wir dich vorübergehend beurlauben“, presste sein Chef hervor und Mikael wurde klar, dass ‚Mäkinen und ich‘ wohl nur Mäkinen hieß. Er nickte stumm. „Du musst verstehen, dass ich nichts für dich tun konnte. Du bist ausgerastet vor den Kollegen. Solheim behauptet du seist überfordert, würdest unter Kopfschmerzen leiden.“ Er blieb weiter stumm, unter anderem, um sich nicht erneut zu einer unbedachten Äußerung hinreißen zu lassen. Er legte seine Dienstwaffe und den Ausweis auf den Tisch und stand auf, um den Raum zu verlassen. „Weißt du Mikael. Ich war es damals, der die Ermittlungen im Fall von Pekka Solheim geleitet hat“, ertönte Rautianens Stimme, kurz bevor er die aus der Tür trat. Er wandte sich um. „Warum erzählst du mir das? Denkst du ich kann mich nicht an dein Gesicht erinnern? Du hast mich befragt und das nicht nur einmal.“ Sein Chef zuckte mit den Schultern. „Vielleicht, um dir zu zeigen, dass ich auf deiner Seite stehe. Ich weiß, dass es falsch ist, wie Solheim dich behandelt“, er machte eine Pause. „Du weißt hoffentlich, dass mir die Hände gebunden waren.“ „Ja, das weiß ich.“ „Das ist gut.“ Mikael hielt an und blickte sich zu seinem Chef um. „Ich weiß auch, dass du damals keinen Eintrag in meine Akte gemacht hast.“ Rautianen lächelte. „Hätte ich das tun sollen?“ Er zog die Schultern hoch. „Vielleicht, dann wäre ich zumindest kein Polizist geworden und müsste mich jeden Tag mit dieser Scheiße rumärgern.“ „Was wärst du dann geworden?“ „Keine Ahnung. Mechaniker, Betriebswirt…vielleicht Arzt oder das was mein Vater immer für mich vorgesehen hatte: Drogenboss.“ Sein Chef begann zu lachen. „Nein Mikael, du bist genau das geworden, was du werden solltest und nun geh nach Hause. Ich werde das in Ruhe mit Mäkinen klären, sobald etwas Gras über die Sache gewachsen ist.“


    Er atmete schwer aus, als er das Büro seines Chefs verlassen hatte. Er musste dringend mit Ben reden. Er brauchte eine zweite Meinung, die das Durcheinander in seinem Kopf sortierte. Als er das Stockwerk erreicht hatte, wo sein Büro lag, begann sein Handy zu klingeln. „Ja“, meldete er sich. Er hörte jemanden schwer atmen am anderen Ende der Leitung. „Hallo. Wer ist denn da?“ „Komm zum Kristalli, Hansen. Und komm alleine!“ Danach hörte er ein Knacken. Der Mann hatte wieder aufgelegt. Er steckte das Handy wieder ein und bog in Richtung der Fahrstühle ab. Was hatte er schon für eine Wahl? Er wollte wissen, wer dieser Mann war, der ihn schon seit Tagen mit diesen dämlichen Anrufen belästigte.



    Antti sah seinem jungen Kollegen durch die geöffnete Tür seines Büros aufmerksam hinterher. Er war nach dem Gespräch mit Rautianen offensichtlich hier hochgekommen, um mit Ben zu reden, aber nun war er umgekehrt und lief stattdessen wieder in Richtung des Treppenhauses. Antti seufzte, sagte kurz Semir Bescheid und begab sich selbst zu dem Büro, das sich am Ende des Flures befand.


    „Ben. Kommst du mal bitte.“ Der deutsche Kommissar hob den Kopf von dem Vernehmungsprotokoll, welches er sich noch einmal vorgenommen hatte. Antti stand in der Tür und musterte ihn mit ernstem Gesicht. Ben erhob sich und folgte dem Finnen in den Flur. „Was ist?“ „Ich möchte, dass du diesen Papierkram beiseitelegst und stattdessen Mikael folgst.“ „Ich soll was? Wo ist der überhaupt? Ich habe ihn seit Stunden nicht gesehen“, fragte Ben und verschränke die Arme vor der Brust. „Er ist beurlaubt. Es gab da einen Zwischenfall mit Solheim.“ Bens Augen weiteten sich. „Was für einen Zwischenfall?“ „Darum geht es jetzt nicht. Ich weiß nicht, was er mir verschweigt, aber er verschweigt etwas. Also möchte ich, dass du ihm folgst und herausfindest was.“ Er nickte. „Und was mache ich, wenn er mich entdeckt?“ „Denkst du dir etwas aus.“


    Ben seufzte, griff dann aber dennoch nach seiner Jacke und folgte Mikael. Zu seinem Glück, schien er ihn zu keinem Augenblick wirklich zu bemerken. Ben stutze. Er kannte diesen Weg, den sie fuhren. Einige der Gebäude und Straßennamen kamen ihm bekannt vor. Sie waren ihn gefahren, als sie Mikaels Auto abends abgeholt hatten. Nach etwa 20 Minuten ließ Mikael den Wagen am Straßenrand stehen und lief zu Fuß weiter. Ben folgte ihm in eine Gasse und da war er plötzlich weg. Er sah sich um, doch hatte keinen Erfolg. Als er sich umdrehte und wieder gehen wollte, stand Mikael plötzlich vor ihm. „Warum verfolgst du mich Ben?“, fragte er. Der deutsche Kommissar schluckte. Die Wut war Mikael deutlich anzusehen. „ANTWORTE MIR!“ Ben löste Mikaels Arm langsam von sich. „Du reitest dich immer tiefer in die Scheiße. Warum ermittelst du alleine? Du bist beurlaubt.“ Mikael blieb stumm. „Warum sprichst du nicht mit mir ? Warum lässt du dir nicht helfen? Sind wir etwa keine Freunde?“ „Du solltest gehen Ben.“ „Ich meine es ernst. Du kapselst dich ab. WAS ZUR HÖLLE IST LOS MIT DIR?!“ Der Finne wendete sich ab. „Du solltest wieder ins Präsidium fahren. Ich erkläre es dir später“, murmelte er leise. „Was ist los mit dir? Warum benimmst du dich so komisch?“ „Ich kann darüber nicht sprechen. Jetzt nicht, später. Später erkläre ich es dir.“ Er wollte gehen, doch Ben hielt ihn zurück. „Bitte Mikael. Rede mit mir!“ Mikael reichte ihm sein Handy, lief dann jedoch stumm weiter. Er sah verwirrt auf das Smartphone, entsperrte es aber schließlich. Vielleicht hatte er ihm eine Nachricht hinterlassen. Die letzte Nachricht in seinem Posteingang erweckte Bens Aufmerksamkeit. Dort stand irgendetwas mit Hansen und diesem Wort, welches er gestern gehört hatte. „Verdammter Idiot!“, entfuhr es im laut, als er die Puzzleteile zu etwas zusammengefügt hatte. Ben wollte gerade in die Richtung laufen, in die sein Freund verschwunden war, als ihn ein Schlag am Kopf traf. Ohne dass er Gegenwehr leisten konnte, ging er ohnmächtig zu Boden.


    Der Mann griff nach dem Handy, das in der Hand des Bewusstlosen lag, und steckte es in seine Tasche. Danach griff er nach seinem eigenen und wählte eine Nummer aus seinen Kontakten. „Edvin, ich bin es Hugo. Komm zum Kristalli. Ich habe eine nette Überraschung für dich. Bald wird Hansen Geschichte sein.“ Er lachte und drückte anschließend den roten Telefonhörer. Sein Blick wandte sich zu dem Club und er verfolgt mit einem Lächeln, wie der junge Mann durch die Tür ging, ehe wenig später ein lauter Knall durch die Straßen hallte. Er setzte sich in Bewegung, ohne dem gerade Niedergeschlagen noch einen Blick zu würdigen. Er musste sicher gehen, dass sein Plan funktioniert hatte.

  • Als Ben wieder zu sich kam, drang der beißende Geruch von Feuer in seine Nase. Erschrocken fuhr er hoch und rannte zum Ursprung. Dieser Club, wo er mit Mikael war, stand in Flammen! Eine Frau, die einige Meter von ihm stand und das Flammeninferno ebenfalls ansah, redete aufgeregt einige Worte auf Finnisch. „You need to call an ambulance…and the police!“, rief er ihr zu, während seine Beine ihn in Richtung des Gebäudes trugen und er ohne zu zögern die Tür aufriss. Durch den Qualm beinahe blind, stolperte er in den Raum. „Mikael! Bist du hier irgendwo?“, schrie er. Er wusste, dass sein Freund hier irgendwo sein musste. Es konnte nicht viel Zeit vergangen sein, seitdem er niedergeschlagen wurde. Er musste einfach hier sein. „Mikael!“, rief er erneut, doch er bekam keine Antwort. Seine Verzweiflung stieg. „Mikael. Bitte, antworte!“ Dicht an ihm vorbei fielen mit Krach mehrere Holzbalken und Holzlatten herab. Der Qualm tat in seiner Lunge weh und er begann zu husten. „Mikael!!“


    Bens Augen weiteten sich, als er eine leblose Person entdeckte. Ohne auf die Gefahr zu achten, rannte er los. Er atmete erleichtert auf, als er erkannte, dass der Mensch vor ihm nicht Mikael war. Eilig prüfte Ben den Puls. Kein Lebenszeichen. Der Mann war tot. Die Flammen um ihn herum wurden immer größer und die Hitze unerträglicher. „MIKAEL!!“, schrie er nun verzweifelter, doch er erhielt keine Antwort. Tränen bahnten sich ihren Weg über seine Wangen. Er musste doch hier sein! Er vernahm ein bedrohliches Knirschen und hob seinen Kopf zur Decke. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit.


    Ben suchte fast blind durch den Raum. Seine Augen tränten, als er die stickige Luft einatmete. Um ihn herum brannte es lichterloh, Balken stürzten herab, beißender Rauch umgab ihn. „Mikael!“, rief er erneut, doch er erhielt keine Antwort. Er vernahm das Geräusch eines herunter krachenden Balkens und sprang zur Seite, als ein Teil der Decke einstürzte. Seine Lungen brannten und er begab sich taumelnd zum westlichen Teil des Clubs, dem einzigen Teil, der noch unversehrt zu sein schien. Er merkte, wie seine Kräfte schwanden und seine Lungen aufgaben. Doch die Sorge um seinen Freund trieb ihn weiter an. Mikael musste hier doch irgendwo sein! Er musste einfach noch am Leben sein. Ben kämpfte sich weiter vor und rettete sich abermals vor einem fallenden Balken. Als er in dem einzigen noch intakten Gebäudeteil angekommen war, wurde er abermals enttäuscht. Sein Freund war nicht zu finden. Ein Schwindelgefühl überkam ihn und der machte erschöpft die Augen zu. Er atmete ein, hustete und keuchte, doch zwang sich weiter zu suchen. Er rannte zurück in die Flammen. Mikael war noch da drinnen. Er brauchte seine Hilfe!


    Es dauerte nicht lange und es überkam ihn erneut Schwindel. Er fiel auf die Knie. Überall um ihn herum war Rauch und Flammen. Seine Lungen zogen sich immer weiter zu. Er keuchte nach Sauerstoff, doch fand ihn nicht. Er merkte, wie ihm die Sinne langsam entflohen, die Welt um ihn schwarz wurde.


    *


    „Lass den Jungen gehen!“, hallte eine Stimme durch die Gasse. Mikael versuchte den Mann vor ihnen zu fixieren, doch alles war verschwommen. Seine Augen brannten und es fiel ihm schwer Luft in seine Lungen zu befördern. Er konnte sich noch erinnern in den Club gegangen zu sein, alles, was danach passiert war, war lückenhaft und unwirklich. Er war mit einer Waffe am Kopf wieder aufgewacht. Dieser Mann hatte ihn vor sich her aus dem brennenden Club gezerrt. „Was ist Edvin. Du wolltest, dass er dafür büßt, was er deinem Sohn angetan hat! Dummerweise hat er den großen Knall überlebt, aber nun kannst du dabei sein, wie er stirbt. Für alles Buße tut!“ Edvin? Er drückte die Augen mehrmals auf und zu und endlich wurde seine Umgebung schärfer. Tatsächlich. Edvin Solheim stand vor ihnen. Solheim trat vorsichtig näher. „Aber doch nicht indem du ihn tötest. Bitte Hugo, du hast schon genug Unheil angerichtet.“ Der Mann begann zu lachen. „Sieh ihn dir an Edvin und sag, dass du keinen Hass verspürst, wenn du in seine Augen siehst. Sag mir, dass er dir nicht zu wider ist, wie er die Karriereleiter hochstiefelt, während dein Sohn nun tot ist und das nur weil er ihn in den Drogensumpf getrieben hat!“


    Solheim versuchte Ruhe zu bewahren. Er kannte Hugo aus einer Selbsthilfegruppe, die er nach dem Tod seines Sohnes besucht hatte. Er hätte wissen müssen, dass es sein Freund war, der all diese Menschen auf dem Gewissen hatte und doch war er auf das Offensichtliche nicht gekommen. „Hugo, du weißt, dass ich dich jetzt festnehmen muss.“ Sein Gegenüber sah ihn verständnislos an. „Das kannst du nicht machen, Edvin! Mein Werk ist noch nicht beendet!“, schrie er laut und richtete die Waffe auf den jungen Kommissar in seinen Armen. Solheim konnte sehen, wie Häkkinen Probleme hatte irgendetwas zu fokussieren. Überhaupt schien er sich nur durch die Umklammerung von Hugo auf den Beinen halten zu können. Das vom Ruß verschmierte Gesicht zeugte davon, dass Häkkinen in dem brennenden Haus gewesen sein musste. Über seine Stirn zog sich eine tiefe Schürfwunde. Der Pullover war an einer Seite mit Blut verschmiert. Er erinnerte sich daran, dass der Kollege dort bereits eine Verletzung hatte, vermutlich war sie wieder aufgebrochen.


    „Bitte Hugo lass ihn gehen“, versuchte er es erneut, doch sein Freund wollte nicht hören, was er zu sagen hatte. „Er hat dir deinen Sohn genommen! Er wird dafür büßen müssen!“ Ein Schuss peitschte auf, dann noch einer. Häkkinens Augen rissen erschrocken auf. Hugo ließ den Kommissar los und er glitt unter den fehlenden Halt des Geiselnehmers zu Boden. Alarmiert griff Solheim nach seiner Waffe. „Rühr dich nicht von der Stelle Hugo!“ Sein Freund hob kurz den Kopf, rannte dann aber dennoch los und ließ ihn geschockt zurück.


    Solheim wollte ihm hinterher, doch dann hörte er ein Stöhnen von der Erde. Häkkinen lebte noch! Er rannte zu ihm und ließ sich neben dem Mann nieder. Wenn er hier sterben würde, dann wäre es seine Schuld. Blut durchtränkte die verschmutzte Kleidung. Er drückte seine Hände auf die Wunde. Heißes Blut quoll durch seine Finger und Übelkeit stieg in ihm auf. ‚Verdammt Solheim, es ist nicht deine erste Schussverletzung, reiß dich zusammen!‘ Das Gesicht des Mannes war kreidebleich geworden. Er musste irgendwie den Blutfluss stoppen. Er riss seine Jacke auf und zog anschließend sein T-Shirt über den Kopf, knüllte es zusammen und drückte es, so fest er konnte, auf die Wunde. „Alles wird gut Häkkinen, alles wird wieder in Ordnung kommen.“ Der junge Kommissar richtete seinen Blick auf ihn. „Das ist doch dein Name oder? Häkkinen. Siehst du, ich habe es mir endlich merken können“, murmelte er leise. „Versuche wach zu bleiben, hörst du. Bald kommt Hilfe.“ Er betete, dass er es schaffen würde. Mit der rechten Hand suchte er in seiner Jacke nach einem Handy. Doch dann stellte er fest, das er es vergessen hatte. Er suchte in den Taschen seines Kollegen, doch auch da wurde er nicht fündig. Also begann er einfach um Hilfe zu schreien, in der Hoffnung, jemand würde sie hören. Er blickte auf den brennenden Club. Jemand würde es bemerken, sagte er sich, jemand würde die Polizei rufen. Er musste nur ruhig bleiben.


    Er spürte, wie Häkkinen mit seiner Hand seinen Unterarm fester umschloss, als könnte das verhindern, dass er in die Bewusstlosigkeit abrutschte. „Solheim…es-es tut mir lei-“ „Nicht sprechen. Du brauchst deine Kraft“, unterbrach er ihn und drückte sein T-Shirt fester auf seinen Körper. Der Mann in seinen Armen schloss die blauen Augen. Ein Rinnsal Blut lief ihm aus dem Mund und er verfiel wieder in Panik. „Nicht aufgeben Häkkinen, bitte, nicht aufgeben!“ Solheims Verzweiflung wuchs, als die Umklammerung um seinen Arm seichter wurde. „Bitte Häkkinen, bleib bei mir!“, schrie er laut. Er spürte unter seinen Fingerkuppen, wie das warme Blut das T-Shirt bereits durchtränkt hatte. „Durchhalten. Mach mich nicht für deinen Tod verantwortlich!“ Er konnte Krankenwagen-Sirenen hören. Wer auch immer sie gerufen hatte, würde dem Jungen vielleicht das Leben retten. „Hörst du Häkkinen, die sind hier. Bald wird alles gut.“ Solheim lächelte, als sich die müden Augen des Kollegen erneut öffneten. „Alles wird gut werden. Halte noch durch.“ Immer wieder rief er laut nach Hilfe. Er hoffte, dass man sie in dieser kleinen Gasse überhaupt finden würde. Er wollte und konnte den jungen Mann hier nicht alleine liegen lassen. Er atmete erleichtert aus, als er endlich die leuchtende Kleidung der Sanitäter sah und erhob sich, als die Rettungskräfte eintrafen.


    „Schön langsam atmen“, sagte der Sanitäter und beugte sich über den Körper von Häkkinen. Solheim wolle wegsehen, damit er dem Kollegen nicht bei seinem Kampf ums Überleben zusehen musste, doch sein Blick wollte sich einfach nicht lösen. Mit jedem Atemzug begann der Mann vor ihm Blut zu husten. Solheim sah, wie sich der Brustkorb nur noch schwer und unregelmäßig hob. Jemand rief nach Sauerstoff. Häkkinens Augen schlossen sich erneut und seine Armen fielen kraftlos zur Seite. Er schien endgültig in die Bewusstlosigkeit geschlittert zu sein. Die Sauerstoffmaske wurde angesetzt und die Sanitäter hoben ihn auf eine Trage.


    Ohne dass er es beabsichtigt hatte, griff Solheim nun wieder nach der Hand des Kollegen. Sie war kälter, als noch vor wenigen Minuten. „Halte durch Häkkinen, alles wird in Ordnung kommen. Hörst du, alles wird wieder gut werden. Du wirst dich doch von so etwas nicht umbringen lassen!“ Als sie den Krankenwagen erreichten, schob ihn einer der Sanitäter sanft zur Seite. „Sie können nicht mitfahren“, beteuerte er und er nickte stumm und blieb zurück, verfolgte wie der Krankenwagen die Straße herunterfuhr.

  • Ben blinzelte mit den Augen und sah wie durch einen Nebel. Stöhnend regte er sich und spürte zugleich einen stechenden Schmerz in seiner Brust. Er schloss die Augen wieder und atmete tief ein, um seine Lungen mit Luft zu füllen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er eine Sauerstoffmaske über dem Gesicht hatte. Er blinzelte erneut und erkannte unscharf das Gesicht von Semir, der sich gespannt über ihn beugte. „Wie geht es dir Ben?“, fragte sein Kollege besorgt. „Ich…was ist passiert?“, hustete er und schob die Maske ein Stück beiseite. Er spürte, dass er in einem weichen Bett lag. „Du bist in diesen Club gelaufen, obwohl er in Flammen stand. Hätte die Feuerwehr dich nicht rechtzeitig gefunden.“ Semir schüttelte den Kopf, um den Gedanken daran zu verscheuchen. „Ich bin froh, dass es dir besser geht.“ Ben hustete wieder einige Male und nickte dann leicht. „Der Arzt sagt, du hast eine Rauchvergiftung und ein paar Abschürfungen“, klärte Semir ihn auf. „Aber du hattest viel Glück, dass hätte auch schlimmer ausgehen können.“ Jetzt sickerte es in Bens Bewusstsein, was in dem Club passiert war. „Fuck…Das Feuer…Mikael….ich, habt ihr ihn gefunden? Ist er in Ordnung? Wo ist er?“ Er fuhr hoch, doch Semir drückte in sanft wieder auf die Matratze. „Er war nicht mehr im Haus…“, begann Semir, ohne das er die Sorge in seiner Stimme verstecken konnte. „Aber?“ „Er wurde niedergeschossen Ben. Er ist noch im OP.“ Er hielt inne. „Ist es sehr schlimm? Niedergeschossen? Von wem und warum?“ „Die Ärzte haben uns noch nichts gesagt und von wem? Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Es herrschte totales durcheinander. Ich glaube, sie haben mich ganz einfach vergessen und Finnisch geredet.“ Ben nickte leicht. „Ich hab mich überrumpeln lassen. Mich hat jemand niedergeschlagen. Ich hätte Mikael aufhalten sollen, als ich noch die Chance dazu hatte!“ Semir drückte den Arm seines Partners. „Du kannst nichts dafür Ben. Mach dir keine Vorwürfe.“ Bens Hand formte sich zur Faust. „Ich wusste, dass etwas nicht stimmt und ich habe nicht mehr getan, um es herauszufinden!“


    Ben drückte sich mit zittrigen Armen hoch. „Ich kann hier nicht so rumliegen!“ Semir drückte ihn abermals runter. „Ben, beruhige dich. Alles was wir derzeit tun können ist abwarten, also ruh dich etwas aus.“ Er betrachtete stumm die Decke seines Zimmers. „Wie lange ist er schon im OP?“ „Drei Stunden.“ Ben versuchte die Tränen zu unterdrücken, doch es gelang ihm nicht. Er war zu spät gewesen! Er hatte Mikael nicht helfen können. Er spürte, wie Semir sanft seine Schulter drückte. „Er wird es schaffen Ben. Du kennst ihn doch. Unkraut vergeht nicht.“
    „Na hoffentlich hast du Recht.“
    „Ich habe immer Recht!“, empörte sich Semir und lachte. „Er hat vor drei Jahren nicht aufgegeben, dann wird er es jetzt erst Recht nicht tun.“


    *


    Eva klammerte sich zitternd an Veikko. „Ich hab solche Angst. Ich weiß nicht, was ich tun soll, ich habe solche Angst.“ Er drückte sie sanft an sich. „Es wird alles gut werden Eva. Er gibt nicht so einfach auf, dass weißt du.“ Sie umarmte ihn noch fester und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Wenn er geht, weiß ich nicht was ich tun soll.“ „Er wird nicht gehen, Eva, er wird bei dir bleiben. Er geht nicht.“ Aus dem Augenwinkel sah er auf Antti. Er saß auf einen der Besucherstühle und wippte nervös mit den Füßen. Er konnte nur vermuten, wie es in dem älteren Kollegen aussah. Für Antti war Mikael wie ein Sohn, den er nie hatte. Als der Anruf kam, dass er angeschossen wurde, war ihm das Handy aus der Hand geglitten und auf dem Boden geknallt. Kasper saß neben ihm und blickte stumm auf die Wand gegenüber von ihnen. Die Operation ging nun schon Stunden und es hatte sie noch keiner informiert.


    Es dauerte weitere endlose Stunden, bis ein Arzt aus dem OP-Trakt auf sie zutrat. „Ich will ehrlich mit ihnen sein. Sein Zustand ist kritisch. Sehr kritisch. Er hat eine Menge Blut verloren. Die Kugel hat innere Organe verletzt, so dass wir Herrn Häkkinen in ein künstliches Koma versetzen mussten, um seinen Kreislauf zu entlasten. Der Rest liegt bei ihm“, begann er das Gespräch. „Und w-was bedeutet das jetzt genau?“, stammelte Antti mit zittriger Stimme. Veikko spürte, wie Eva sich bei jedem Wort des Arztes näher an ihn drückte. „Er wird doch wieder…gesund?“, hakte Kasper nach. „Das kann ich noch nicht mit Sicherheit sagen. Wir müssen auf jeden Fall die Nacht und vermutlich auch den nächsten Tag abwarten. Wenn sich seine Vitalfunktionen soweit wieder hergestellt haben und er in der Lage ist, selbstständig zu atmen, dann können wir das künstliche Koma sicherlich schon bald wieder beenden. Aber…“ „Und wie lange wird das dauern?“, unterbrach Antti den Arzt. „Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Das hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Wir müssen abwarten, was die nächsten Tage bringen.“ „Dürfen wir…zu ihm?“, fragte Antti nun mit leiser Stimme. „Ja, natürlich. Ich werde eine Schwester bitten, Ihnen Bescheid zu geben sobald er auf seinem Zimmer ist. Langsam ließ sich Antti wieder auf den Stuhl sinken. Er fuhr sich verzweifelt durchs Haar. „Wenn ich diesen Typen finde, der dafür verantwortlich ist…wenn er stirbt…“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Hör auf, Antti!“, fuhr Veikko ihn an. „Mikael ist stark. Er schafft das!“


    Es hatte noch einmal 30 Minuten gedauert, bis eine junge Krankenschwester auf sie zugetreten war und sie informierte, dass sie nun zu Mikael konnten, sie jedoch ermahnt, dass zurzeit maximal zwei Besucher erlaubt seien. „Er braucht viel Ruhe“, hatte sie begründet. Veikko hatte bei den Worten innerlich gelächelt. Er lag im künstlichen Koma. Er war total weg und hatte all die Ruhe, die er brauchte. Er bekam ohnehin nichts mit, von dem was umhin herum passiert. Ob es nun zwei oder vier Leute waren, dürfte Mikael derzeit recht wenig interessieren. Dennoch hatte er zugestimmt und sich daraufhin mit Kasper zurückgezogen. Antti brauchte diesen Moment sicherlich mehr, als sie. „Ich brauch ne scheiß Zigarette“, murmelte Kasper und richtete sich von seinem Stuhl auf. Veikko nickte und folgte ihm vor das Krankenhaus. Er lächelte, als eine ihm bekannte Person ebenfalls vor dem Krankenhaus an einer Zigarette zog. „Max.“ Der Journalist nickte ihm zu. „Ich habe es gerade auf der Pressekonferenz gehört, wenn ihr euch auch mit Informationen mal wieder zurückhaltet…im Grunde war die einzige Information, dass ein Kollege schwer verletzt wurde im Zusammenhang mit diesen ‚Helsinki Anschlägen‘.“ Sein Blick wanderte vorwurfsvoll zwischen den beiden Polizisten. „Warum ruft mich keiner an? Das Einzige, was mir verraten hat, dass es sich um einen von euch handelte, war die Tatsache, dass ich niemanden von euch auffinden konnte! Es ist Mikael oder?“ Kasper nickte. „Wir hatten weitaus größere Probleme Max, dass musst du verstehen“, murmelte Veikko, während er sich gegen eine der Säulen lehnte und in den wolkenverhangenen Abendhimmel sah. Inzwischen hatte die Dunkelheit die Hauptstadt wieder in Beschlag genommen. „Was heißt schwer verletzt?“ „Sie haben bis gerade operiert. Er liegt im künstlichen Koma.“ Max nickte und hielt seine Hand in Kaspers Richtung, der sich gerade eine Zigarette anzündete. „Gib mir noch eine.“


    „Habt ihr einen Hinweis?“, fragte der Journalist nach einer Weile. „Wir wissen nur, dass jemand auf Mikael geschossen hat. Solheim war vor Ort, aber nachdem er die Kollegen informiert hatte, ist er spurlos verschwunden. Ein deutscher Kollege ist auch verletzt. Die Feuerwehr hat ihm in Kristalli gefunden.“ Veikko sah seinen Freund skeptisch an. „Du weißt aber, dass ich davon morgen nichts in der Zeitung lesen will.“ Max zog an seiner Zigarette. „Der morgige Artikel wird nicht von mir sein. Ich habe ihn abgegeben.“ Es herrschte einige Minuten Stille, ehe Max‘ Stimme erneut ertönte. „Du solltest dein Handy einschalten. Laura macht sich Sorgen. Sie hat bei mir angerufen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich wurde nicht angeschossen.“ „Und doch heißt es in der offiziellen Mitteilung nur, dass ein Beamter der Mordkommission angeschossen wurde, was dich mit einschließt. Ruf sie an und sag ihr, dass du bei diesem Zugriff nicht dabei warst. Das du weit weg warst.“ Er seufzte und griff nach seinem Smartphone, um sich einige Meter von seinen Freunden zu entfernen. Konnte seine Ex-Frau sich nicht denken, dass es sich nicht um ihn handelte? Sie wäre sicherlich schon längst informiert worden, wenn er derjenige war, der da drin lag.


    *


    Edvin Solheim atmete tief ein, ehe er die Klinke zu dem kleinen Zimmer runter drückte und den Raum betrat. Er hatte extra gewartet, bis Heikkinen und Häkkinens Frau weg waren. Er setzte sich auf den Besucherstuhl und betrachtete die Person im Bett. Alles an diesem Zimmer erinnerte ihn an den Augenblick, als sein Sohn sich das erste Mal eine Überdosis gespritzt hatte. Pekka hatte drei Tage auf der Intensiv gelegen und doch aus diesem Erlebnis nicht gelernt. Sein Blick schweifte über den leblosen Körper. Unzählige Kabel und Schläuche verbanden ihn mit den Geräten um ihn herum. Aus dem Mund des jungen Mannes ragte ein Intubationsschlauch, der mit einem Beatmungsgerät verbunden war. In seiner rechten Hand steckte eine Infusionskanüle. Er wusste noch von seinem Sohn, dass sie, rund um die Uhr genaue Injektionen von verschiedenen Medikamenten erlaubte. In seinem linken Arm maß ein Katheter den Blutdruck, während eine weiße Klemme an einem Finger die Sauerstoffsättigung und den Puls ermittelte. Irgendwo, unter der Bettdecke versteckt, hafteten Elektroden an seinem Körper und überwachten seinen Herzschlag. Häkkinen war furchtbar blass, so dass die kleinen Schnitt und Schürfwunden in seinem Gesicht noch deutlicher hervorstachen, als noch vor ein paar Stunden. Er raufte sich durch die Haare. Es war seine Schuld, dass der Junge hier lag und um sein Leben kämpfte. Er hätte es verhindern können! Doch er hatte sich vom Hass zerfressen lassen, war wie benebelt, als Mäkinen ihn darüber informiert hatte, dass er ausgerechnet mit diesem Kollegen zusammenarbeiten sollte. Er hatte das offensichtliche nicht sehen wollen. Er hätte Hugo festnehmen können, doch jetzt, jetzt war sein Freund – konnte er ihn überhaupt noch so nennen? – irgendwo da draußen.


    Nach dem Häkkinen angeschossen worden war, hatte er nicht die Kraft gehabt, ins Krankenhaus zu folgen. Stattdessen war er nach Hause gefahren und hatte das Zimmer seines Sohnes durchwühlt. Er hatte irgendetwas finden wollen, was die Schuld, seine Schuld, verkleinerte, doch am Ende fand er in einer kleinen Tüte, versteckt im Lüftungsschacht. Pekkas Tagebuch. Seine Hände begannen zu zittern, wenn er daran dachte, was sein Sohn geschrieben hatte. Er war schon lange vor dieser Party abhängig gewesen, hatte seinen Schulfreund am Ende nur missbraucht, um an Stoff zu kommen. Er versuchte den Mann vor sich zu hassen, doch er konnte es nicht mehr. Seine Hand bewegte sich auf das Bett zu, doch er zog sie zurück und legte sie auf sein Bein. „Halte durch Häkkinen“, murmelte er leise und stand auf. Er musste hier raus. Dieser Raum erdrückte ihn!

  • Antti sah erstaunt auf, als jemand sein Büro betrat. Er hatte gedacht, dass er in der Nacht die einzige Person hier sein würde. „Es ist meine Schuld. Ich habe es verbockt“, brachte Edvin Solheim nach einer Weile raus. Antti konnte sehen, wie die Hände des Kollegen leicht zitterten. Ihn schien diese Sache wirklich mitzunehmen. „Setz dich Solheim.“ Antti deutete auf einen der Stühle vor seinem Schreibtisch und Solheim trat langsam näher und setzte sich. Er trommelte nervös mit den Fingern auf seinem Bein herum. „Erzähl mir, was passiert ist.“ Solheim fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Ich hätte das ahnen müssen, aber ich war zu naiv. Ich habe das Offensichtliche nicht sehen wollen.“ Antti sah ihn verwirrt an. „Fang von vorne an Solheim. Ich kann dir nicht folgen.“ Sein Gegenüber nickte. „Ich weiß, wer für all diese Attentate…wer für Häkkinens Zustand…“, seine Stimme versagte und er setze erneut an. „Ich kenne den Mann, der für all diese Morde verantwortlich ist.“ Antti blieb still und wartete darauf, dass Solheim seine Ausführungen fortsetzte. Wäre er nicht so ungeheuer müde, hätte er ihm sicherlich eine reingehauen. Er hatte seinen Kollegen nicht beschützt. Er hatte zugelassen, dass Mikael verletzt war. Aber nun, nun war er zu erschöpft, um seinen Körper nur von diesem Stuhl zu erheben. „Ich habe Therapiestunden genommen, wegen der Sache mit Pekka. Dort hat Hugo…Hugo Tonteri… mich angesprochen und zu einem Essen mit Freunden, den es ähnlich, wie mir ginge, eingeladen. Diese Leute hatten den gleichen Hass. Sie haben einen geliebten Menschen wegen diesen Scheiß Drogen verloren.“ „Und du hast ihnen erzählt, Mikael ist Schuld am Tod deines Sohnes?“ Antti gab sich nicht die Mühe, seine Wut zu verstecken. Er war wütend, verdammt wütend auf diese ganze Situation, sollte Solheim es doch ruhig wissen. „Ja…ich…du musst das verstehen. Ich dachte, Pekka hätte vorher nie etwas angerührt. Ich wusste ja nicht, dass er-er…es tut mir so leid, wenn ich das alles ungeschehen machen könnte. Glaub mir Heikkinen, ich würde es machen!“ Antti sah auf das Blut auf Solheims Jacke. „Du warst da, als es passiert ist“, brachte er tonlos heraus. Bisher war ihm verbogen geblieben, was vor den Club wirklich passiert war. Das Einzige was ihm Solheim über Telefon mitgeteilt hatte, war das Mikael verletzt war und auf dem Weg ins Krankenhaus. „Er hat mich angerufen. Immer und immer wieder davon geredet, dass Hanse…ich meine Häkkinen…büßen würde. Ich habe das nicht verstanden. Er hat das vorher auch schon gemacht. Einen immer wieder gut zugesprochen, dass diejenigen büßen werden. Heute Mittag, da hat er gesagt, ich soll zum Kristalli kommen, er hätte eine Überraschung und dann…ich wollte ich aufhalten…aber er hat einfach geschossen…all das Blut. Ich-ch wollte das nicht!“ Antti stutze. Weinte Solheim etwa? „Solheim!“, sagte er mit bestimmter Stimme. Der Mann sah auf und er fuhr fort. „Was ist mit den anderen Toten?“ „Es sind alles Namen, die mit irgendjemanden aus unserer Runde zusammenhängen. Ich nehme an, Hugo arbeitet sie alle ab.“ Sein Gegenüber hielt inne. „Hast du…Polizeischutz für Häkkinen angeordnet. Hugo…ich meine…ich…er wird es sicher noch einmal…“ Antti nickte. „Ja, es stehen rund um die Uhr zwei Beamte vor der Tür. Geh nach Hause Solheim, ruh dich aus. Morgen um Zehn haben wir eine Teambesprechung.“ Die Augen seines Gesprächspartners weiteten sich. „Du willst mich nicht suspendieren lassen?“ „Du bist derjenige, der Hugo Tonteri am besten kennt. Ich wäre dumm dich jetzt vom Fall abzuziehen. Es sei denn, du möchtest das Solheim. Dann steht es dir natürlich frei.“ Solheim schüttelte energisch mit dem Kopf. „Nein. Ich bin das Häkkinen schuldig“, flüsterte er leise. Antti lächelte. „Dann geh jetzt nach Hause Solheim, du siehst erschöpft aus.“


    *


    Semir lächelte Ben an. „Du siehst schon viel besser aus, als gestern.“ Der Deutschtürke nippte an seinen Kaffee. „Ich habe leider nicht viel Zeit. Um zehn Uhr haben wir eine Besprechung. Antti sagt, dass es einige Neuigkeiten gibt.“ Ben nickte und blickte zur Decke. „Wie geht es Mikael? Gibt es was Neues?“ „Es gab bisher keine Komplikationen. Die Ärzte sagen, wenn er den Tag gut übersteht, dann ist er übern Berg“, antwortete Semir. „Machst du dir noch immer Vorwürfe?“ Ben schüttelte mit dem Kopf, doch sein Kollege wusste es besser. Natürlich machte Ben sich Vorwürfe. Er machte sich immer Vorwürfe, wen so etwas passierte. Er drückte die Schulter seines Partners. „Du hättest es nicht verhindern können.“ Ben sah in kurz an. „Aber ich hätte irgendetwas tun müssen. Stattdessen habe ich zugesehen, wie er sich immer weiter abschottet.“ „Er wollte sicher nicht, dass dir auch etwas passiert.“ Ben drückte die Hand in seine Decke. „So ein Idiot.“ „Morgen früh kannst du nach Hause, ich habe mit dem Arzt gesprochen“, versuchte Semir die Stimmung aufzuheitern. Er zog einen CD-Spieler und eine CD aus der Tasche und hielt ihn seinem Partner vor die Nase. „Finnisch für Anfänger. Was soll ich damit?“, fragte Ben leicht irritiert. Semir grinste. „Ich dachte, vielleicht könnten wir unser Finnisch etwas aufbessern.“ Der Deutschtürke bemerkte Bens skeptischen Blick. „Gut…gut die Wahrheit ist, ich habe es auf dem Flug hierher gehört. Nach zwei Lektionen habe ich aber aufgegeben. Ist mir zu kompliziert. Meine neue Taktik ist, Antti nicht von der Seite zu weichen und mir alles übersetzen zu lassen.“ Ben nahm das Geschenk entgegen und betrachtete es argwöhnisch. „Naja es könnte zumindest die Langeweile vertreiben“, sagte er schließlich.


    Als Semir gegangen war, steckte er den Player ein und begab sich in Richtung der Intensivstation. Er hatte sich bisher noch nicht getraut seinen Freund zu besuchen, doch nun wollte er es hinter sich bringen. Vor der Tür saßen zwei Beamte. Ben kannte sie von einem früheren Fall und so winkten sie ihn ohne große Umstände durch. Er setzte sich auf den Besucherstuhl und betrachtete Mikael lange Zeit. Wenn er da so lag, sah er noch um einiges jünger aus, als er eigentlich war. Die schwarzen Haare bildeten einen krassen Gegensatz zu seinem farblosen Gesicht. Er wirkte fast zerbrechlich inmitten all dieser Apparaturen und Geräte. „Du hast es schon wieder getan Mikael“, schimpfe er leise. „Du hast mit niemanden gesprochen, obwohl du Hilfe gebraucht hättest. Geht man so mit seinen Freunden um? Du bist ein Egoist.“ Er starrte ihn lange an, als würde er gleich antworten. Ihm beteuern, dass er nur sein bestes gewollt hatte. Ben schloss die Augen und öffnete sie dann wieder, als könne er dadurch für eine Änderung sorgen. Doch nichts geschah. Mikael lag weiter regungslos vor ihm. Das penetrante Saugen und Zischen des Beatmungsgerätes, das die Arbeit von Mikaels Lunge übernommen hatte, war das einzige Geräusch, welches den Raum erfüllte.


    Antti atmete tief ein, ehe er die Teamsitzung begann. Der gestrige Tag hatte alle Anwesenden im Raum gekennzeichnet und so gab es kaum jemanden, der nicht gegen die Müdigkeit kämpfe oder von dicken Augenringen gekennzeichnet war. „Ich weiß, es ist derzeit für alle schwer sich auf diesen Fall zu konzentrieren, aber wir sollten unserer bestes versuchen. Das sind wir uns selbst und Mikael schuldig.“ Er wartete, bis er ein zustimmendes Nicken von Tisch vernahm. „Wir konnten inzwischen den Täter identifizieren. Es handelt sich um Hugo Tonteri.“ Antti schaltete den Beamer an und auf der weißen Wand erschien ein Foto eines Mannes, der um die 40 Jahre alt war. Sein Haar war blond, seine Augen stechend blau. Er hatte einen Leberfleck auf dem Hals. „Hugo Tonteri ist in Espoo geboren. Als er Zehn war, zogen seine Eltern nach Helsinki. Seitdem war er nirgends anders gemeldet. Nachdem sein älterer Bruder an Drogenmissbrauch gestorben ist, hat Tonteri eine Therapiegruppe besucht. Wir müssen davon ausgehen, dass er über sie seine Opfer aussucht.“ „Das versteh ich nicht“, warf Semir ein. „Was hat das mit Mikael zu tun?“ Antti konnte sehen, wie die Augen von Veikko auf Solheim rasteten. Der junge Kollege war lange genug mit Mikael befreundet, um eins und eins zusammenzuzählen. „Ich denke, es ist ein offenes Geheimnis, wer Mikaels Vater ist und welch einen Einfluss er auf die finnische Drogenszene hatte. Mikael hat als…er war noch Jugendlicher, da hat er… jemanden-“ „Er hat dem Sohn von Solheim Drogen besorgt. Verkompliziere es doch nicht Antti“, fuhr ihm Veikko ins Wort, ohne das er seinen Blick von Solheim löste. „Hat er damit zu tun? Ist er Schuld, dass Mikael angeschossen wurde?“ Veikko sprang auf und baute sich vor Solheim aus. „Sag schon! Ist es deine verdammte Schuld!“ Antti zog ihn sachte zurück. „Veikko, dass hilft niemanden.“ Der Schwarzhaarige wollte nicht hören und riss sich los. „Ich will es aus seinem verdammten Mund hören. Ich will, dass er sagt, dass es seine Schuld ist!“ „VEIKKO HENRIK LINDSTRÖM!“ Anttis Faust knallte auf den Tisch und sofort verstummte der junge Kollege und setzte sich wieder hin. „Ja, es ist meine Schuld“, kam es nun leise von Solheim. „Ich habe Häkkinen die Schuld an der Abhängigkeit meines Sohnes gegeben. Ich habe falsch gehandelt und ja, das ist wohl meine Strafe dafür. Ich konnte nicht verhindern, dass Hugo auf ihn schießt. Ich habe ihn angefleht, aber er war blind vor Hass.“ Der Raum hüllte sich in Schweigen, bis Antti nach einigen Minuten als Erster die Stimme wiederfand. „Wir müssen davon ausgehen, dass Tonteris Feldzug noch nicht vorbei ist. Solheim hat mir berichtet, dass in seiner Gruppe etwa 15 Personen waren…er kann nicht davon ausgehen, dass in der Zeit, wo er nicht bei den Treffen war, noch weitere Personen Teil der Gruppe waren, die er nicht kennt.“ Er reichte einen Stapel Zettel rum. „Solheim hat sich heute Morgen die Mühe gemacht, mit den Mitgliedern dieser Therapiegruppe Kontakt aufzunehmen. Das hier ist eine Liste mit Personen, die Tonteri im Visier haben könnte. Ich möchte, dass ihr sie überprüft, während ich versuche irgendwie Personenschutz zu organisieren.“ Kasper lachte leise auf. „Als wenn Mäkinen zustimmt, Leute aus der Drogenszene zu schützen. Das ist ein enormer Arbeitsaufwand. Hier stehen zehn Namen.“


    „Wie heißt Du? - Kuka sinä olet?“ „Kuka sinä olet“, sprach Ben laut nach, ohne dass sich seinen Blick von Mikaels Brustkorb zu lösen, der sich rhythmisch hob und senkte. „Ich heiße Frank-Minä olen Frank“ „Minä olen Frank“, wiederholte er. „Du musst die Vokale mehr betonen.“ Ben schreckte hoch und riss die Stöpsel aus den Ohren. Veikko stand hinter ihm und grinste ihn breit an. „Wie lange bist du schon hier?“ „Lange genug, um deine miesen Sprachversuche anzuhören.“ Veikkos Blick fiel auf das Bett. „Wir wissen jetzt, wer dafür verantwortlich ist. Die Fahndung läuft und wir überprüfen gerade weitere potentielle Opfer.“ Ben nickte und wandte seinen Kopf wieder zum Bett. „Wie lange sitzt du schon hier?“, fragte Veikko nach einer Weile. „Ich weiß nicht. Seit Semir weg ist. Drei Stunden oder so….“ „Dann solltest du mit mir in die Cafeteria kommen. Macht einen ja ganz depressiv dieser Raum.“ Ben zögerte. Veikko hatte Recht. All das hier, hatte seine Laune heruntergezogen, aber er wollte Mikael nicht alleine lassen. „Komm Ben. Es ist nicht so, als das er gleich aufwachen würde. Es geht nicht schneller, wenn du ihn pausenlos anstarrst.“ Der deutsche Kommissar erhob sich und folgte Veikko mit langsamen Schritten aus dem Zimmer, in die Cafeteria, die sich im Erdgeschoss befand.


    Der Finne stellte ihm einen Teller mit einem Schokokuchen hin. „Das beruhigt die Nerven.“ Ben lächelte schwach und griff nach der Gabel. „Es hat mit Mikaels Vergangenheit zu tun, seinem Dad und der Verbindung zur Drogenszene, oder?“, fragte er nach einer Weile, ohne das er den Kuchen angerührt hatte. „Das hört sich so an, als wäre er ein Schwerverbrecher“, murmelte Veikko leise. „Er hat immerhin jemanden Drogen besorgt und…“ Veikko stopfte sich ein Stück Kuchen in den Mund. „Er hat dir von Solheims Sohn erzählt?“ „Ja.“ „Gut, dass erleichtert die Sache. Solheim war nach dem Tod von Pekka in einer Selbsthilfegruppe, die auch unserer Täter - Hugo Tonteri - besucht hat. Tonteri hat einige der verzweifelten Rufe nach Gerechtigkeit etwas zu ernst genommen und bringt Schritt für Schritt, diejenigen um, die in dieser Therapiegruppe genannt wurden.“ „Mikael liegt da, weil Solheim ihn für den Tod seines Sohnes verantwortlich macht?“, flüsterte Ben leise, doch Veikko schien ihn dennoch zu verstehen. „Gemacht hat, ich bin mir nicht sicher ob er das nach gestern noch tut. Er ist irgendwie komisch. So voller Schuld.“ Veikko sah auf Bens Teller. „Willst du das nicht? Du hast es nicht einmal probiert.“ Ben zuckte mit den Schultern. „Ich habe nicht wirklich Hunger.“ Der Jüngere griff nach dem Teller und zog ihn zu sich rüber. „Wie dem auch sei. Ich wollte dich nur auf dem Laufenden halten“, er machte eine Pause, ehe er fortfuhr, „wobei, wie ich dich kenne, wirst du dich eh kaum von Mikaels Seite lösen.“ „Was, wenn dieser Typ es noch einmal versucht?“, warf Ben ein. „Es stehen immer zwei Beamte vor seiner Tür. Da kommt niemand rein, der sich nicht vorher bei denen vorgestellt hat.“ Der deutsche Kommissar nickte nachdenklich. Veikko hielt seinen Kopf schräg und sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. „Du vertraust unseren Beamten nicht und hast vor wieder in Mikaels Zimmer zu gehen, wenn du oben bist?“ Ben wusste, dass er nicht antworten brauchte, denn sein Gesprächspartner hatte ihn schon lange durchschaut. „Wirklich Ben. Du kannst derzeit nichts für ihn tun. Wahrscheinlich würde Mikael es sogar ganz schön creepy finden, wenn du den ganzen Tag vor seinem Bett hockst. Stell dir mal vor, du schläfst und jemand hockt jede Minute an deinem Bett.“ Veikko seufzte und stand auf. „Aber ich werde es ohnehin nicht ändern können. Ich muss auf jeden Fall jetzt wieder los. Es gibt da einen Wahnsinnigen zu fangen, der Gott spielen muss. Also, Moikka Ben!“


    Der deutsche Kommissar sah Veikko hinterher und legte seine Stirn in Falten. Er würde Veikkos Handlungsweisen wohl nie verstehen. Einerseits wusste er genau, dass ihm das Schicksal von Mikael nicht egal war. Vermutlich war es sein Weg mit all dem umzugehen, sich in Arbeit zu schmeißen.

  • „Er ist wach.“ Ben sah Eva ungläubig an. Er hatte so lange auf diese Worte gewartet und jetzt schienen sie so unwirklich. Mikael hatte eine Woche im künstlichen Koma gelegen und als die Ärzte mir der Aufwachphase begonnen hatten, dachte er, dass er in wenigen Stunden aufwachen würde, doch dem war nicht so. Tatsächlich waren noch vier weitere Tage vergangen, bis Mikael vollkommen bei Bewusstsein war. So viel war in dieser kurzen Zeit passiert. Sie hatten verzweifelt versucht Hugo Tonteri aufzuspüren, doch der Mann schien vom Erdboden verschluckt. Semir war vor sieben Tagen wieder zurück nach Deutschland beordert worden, nachdem sich die Verbindung zum deutschen Reisebus in Luft aufgelöst hatte und das eigentliche Ziel von Tonteri klar war. Da damit keine direkte Verbindung mehr nach Köln bestand, wurden sie abgezogen. Ben hatte sich dazu entschieden seinen restlichen Urlaub einzureichen und war in Helsinki geblieben. Er wollte sichergehen, dass Mikael auch wirklich in Ordnung kommen würde. „Hast du verstanden Ben? Er ist wach“, wiederhole Eva erneut, als sie keine Regung von ihm vernahm. „Willst du zu ihm?“ Er wollte etwas sagen, doch es war, als wollte ihm kein Laut entkommen. So nickte er nur. Sie lächelte. „Ich werde mir einen Kaffee holen und dann in den Park gehen, du kannst ja später nachkommen.“


    Ben atmete ein und begab sich mit schnellen Schritten in Richtung Intensivstation. Als er das Zimmer betrat, saß Mikael leicht aufrecht in die Kissen gelehnt. Seine Augen waren halb geschlossen. „Hallo Schlafmütze“, begrüßte Ben ihn und trat näher an das Bett heran. „Wie geht es dir?“ Der Schwarzhaarige öffnete die Augen etwas weiter und lächelte leicht. „Mir geht es gu-“ „Wag es nicht gut zu sagen, Mikael Häkkinen. Es geht dir nicht gut“, unterbrach Ben ihn, ehe er seinen Satz beenden konnte. „Ich fühle mich elend…und schlapp“, antwortete er leise und Ben sah, wie sich die Augen des Finnen schlossen. Das Reden strengte ihn wohl ziemlich an. „Du hättest früher mit uns reden sollen, wir hätten das verhindern können!“, brachte Ben schließlich heraus, während er sich auf einen der Stühle setzte. „Ich…weiß. Es tut mir…leid, ich wollte…“ Ben versuchte die Wut zu unterdrücken, aber es gelang ihm nicht. „Jaja uns nicht in Gefahr bringen! Die Kassette kenne ich von dir schon zu genüge.“ „Du verstehst das…nicht“, nuschelte Mikael. „Ach, dann erkläre es mir!“ „Joshua ist wegen mir erschossen worden, ich will nicht, dass es nochmal passiert!“ Ben sah, wie sich Mikael hektisch mit der Handfläche durchs Gesicht fuhr, um einzelne Tränen wegzuwischen. Er stockte und hielt inne. Seit dem Tod seines Freundes, der hinterrücks erschossen wurde, hatte Mikael den Namen nur selten erwähnt und erst jetzt wurde ihm klar warum. Er hatte all die Jahre die Schuld an dessen Tod mit sich rumgeschleppt und sich niemanden anvertraut. „Du weißt, dass es nicht deine Schuld war Mikael…du hättest es nicht verhindern können“, versuchte Ben, doch sein Gegenüber schüttelte leicht den Kopf. „Bitte lass uns nicht jetzt darüber…ich kann das nicht Ben.“ Er seufzte, beugte sich aber schließlich dem Wunsch. „Hast du Schmerzen?“, wechselte er schließlich das Thema. „Es geht…die Schmerzmittel sind ziemlich hoch dosiert….“ Er wollte zur nächsten Frage ansetzen, doch dann sah er, dass Mikael die Augen wieder geschlossen hatte. Er vernahm gleichmäßiges Atmen und schloss daraus, dass er wieder eingeschlafen war. Ben lächelte und stand auf, um nach Eva zu suchen.


    *


    Eva tauchte aus dem Dunkel der Bewusstlosigkeit auf und versuchte sich zu erinnern, was passiert war. Leicht benommen fiel ihr ein, wie ein Mann sie im Krankenhauspark angesprochen hatte, ob sie die Frau von Mikael sei, sie hatte mit ja geantwortet und dann…dann musste sie einen Schlag auf den Kopf bekommen haben. „Na, ausgeschlafen?“, höhnte eine Stimme und sie kniff einige Male die Augen zusammen. Die Umrisse wurden immer schärfer und sie erkannte einen Mann vor ihrem Gesicht. Um sie herum war überall Blech, eine Schiebetür. Sie musste in einem Lieferwagen sein. „Was wollen Sie, lassen Sie mich gehen!“ „Sie halten mich wohl für dumm, oder? Sie werden schön bei mir bleiben, aber haben sie keine Angst, gleich bekommen sie Gesellschaft.“ Der Mann öffnete die Schiebetür des Lieferwagens. Ihre Augen weiteten sich, als sie Ben aus dem Krankenhaus stiefeln sah. Vermutlich hatte er sie in der Cafeteria nicht gefunden und suchte sie jetzt im Park. Sie wollte ihn warnen, rufen, doch ehe sie den Entschluss in die Tat umsetzen konnte, hatte ihr der Entführer mit einem Streifen Paketband die Lippen verschlossen. „Nana, wir wollen doch die Überraschung nicht kaputtmachen!“ Er lachte und stieg aus dem Wagen.


    Hugo Tonteri machte einige eilige Schritte zu dem Mann vor ihm. Er wusste, dass er das Überraschungsmoment nutzen musste, wenn er den Kommissar in seine Gewalt bringen wollte, aber er brauchte ihn und so nahm er das Risiko, das einer der Menschen im Park ihn bemerken könnte, auf sich. Nur noch wenige Schritte trennten die beiden. Kurz bevor er sein Opfer erreichte, ertönte hinter ihm ein metallisches Klopfen vom Parkplatz. ‚Dieses verfluchte Weib! Er hätte nicht nur ihre Hände, sondern auch ihre Beine festbinden sollen!‘ Einige Leute drehten sich um, dachten sich aber wohl nichts weiter dabei und gingen ihrer Tätigkeit nach. Tonteri lobte sich innerlich dafür, dass er den Lastwagen so geparkt hatte, dass man glauben würde, die Geräusche kämen von der nahegelegenen Baustelle. Auch sein Opfer drehte sich neugierig zum Ursprung des Geräusches. Der Mann von ihm weiterte die Augen, als er ihn erblickte. Tonteri griff in seinen Wintermantel und streichelte sanft über seine Waffe. „Keinen Mucks oder ich werde dich hier auf der Stelle abknallen!“ Ben betrachte stumm den Mann vor ihm. Hugo Tonteri, der Typ der für Mikaels Zustand verantwortlich war, stand nur wenige Zentimeter von ihm entfernt. Seine Manteltasche war ausgebeult. Ben musste kein Genie sein, um zu verstehen, was das in Verbindung mit den eben gesagten Worten bedeutete. „Sie“, zischte er verbittert und Tonteri lachte auf. „Du wirst mir jetzt ganz ruhig folgen, es sei denn, du willst das Leben von der kleinen Blonden gefährden.“ Ben schluckte. Dieser Mann hatte Eva. Er konnte nicht riskieren, dass ihr etwas passierte und so leistete er den Anweisungen folge. Er nickte und folgte dem Mann in Richtung des Parkplatzes. Immer wieder sah er sich um, doch niemand schien sich wirklich für sie zu interessieren. „Rein da!“ Unsanft stieß er Ben in die Tür und schloss den Van ab, ehe er sich auf den Fahrersitz setzte und das Fahrzeug in Bewegung setzte.


    Ben sah in Evas Augen. Sie versuchte ihre Panik vor ihm zu verstecken, aber dennoch war sie sichtbar. Ihre Pupillen waren vor Schreck leicht geweitet und sie war blass. Ihr blondes Haar war an der Schläfe mit Blut verschmiert, aber sonst schien es ihr gut zu gehen. Er riss ihr das Paketband vom Mund. „Bist du okay?“, frage er leise und sie nickte. „Er hat mich überrascht. Ich wusste ja nicht…wer ist der Typ?“ „Tonteri“, antwortete ihr Ben und sah, wie sich bei der Aussprache des Namens ihre Augen weiteten. „Ich…was will er von uns?“ Ben zog die Schultern nach oben. Wenn er ehrlich mit sich war, hatte er überhaupt keinen Schimmer was dieser Mann von ihnen wollte. Tonteri war fast eine Woche vom Erdboden verschluckt und jetzt, jetzt tauchte er auf und hatte sie in seiner Gewahrsam. „Wir müssen ihn überwältigen, sobald wir die Chance haben“, flüsterte er leise. Eva nickte leicht. „Kannst du meine Fesseln lösen?“ Sie drehte ihren Oberkörper zu ihm und Ben griff nach dem Seil. Tonteri schien überfordert mit dieser Sache, ansonsten, so glaubte Ben, hätte er sicherlich darauf geachtet, dass er sie beide fesselte.


    Ben versuchte irgendwie die Minuten zu zählen, die sie in diesem Wagen verbrachten. Mikael hatte ihm mal erzählt, dass diese bedeutende Angabe helfen würde, wenn man flüchten wolle. Eine Zeitangabe und Geräusche. Der deutsche Kommissar lachte leise auf und fing sich einen fragenden Blick von Eva ein. „Dein Scheiß Mann ist einfach zu intelligent. Ich kann mit seinen bescheuerten Tipps nichts anfangen!“, murrte er leise. Sie lächelte, obwohl sie wohl immer noch nicht recht verstand, worauf Ben eigentlich hinaus wollte. Er wollte es ihr erklären, hielt jedoch inne, als der Wagen langsamer wurde und schließlich zum Stehen kam. Ihr Augenblick war gekommen. „Ich überwältige ihn und dann suchen wir das Weite, okay?“ Sie nickte und Ben machte sich bereit.


    Als Tonteri die Tür öffnete und ihn aus den Wagen zerren wollte, griff Ben nach seinem Arm und traf mit seiner Faust die Nase des Entführers. Der Blonde stolperte zurück. Dann geschah alles innerhalb eines Augenblicks. Er wollte Eva aus dem Wagen ziehen, als ein Schuss die Luft zerriss. Sie zuckten erschrocken zusammen und wenig später stöhnte Ben auf, als das Projektil sich in seine Schulter bohrte. „Sorry, aber ich kann euch nicht gehen lassen“, rief Tonteri und zog ihn nach hinten, ehe der deutsche Kommissar der Situation Herr werden konnte. Tonteri setzte einen gezielten Tritt in Bens Rücken und zog dabei die verletzte Schulter nach hinten. Eva wollte gerade aus dem Wagen springen, als der Entführer Ben den Lauf der Waffe an die Schläfe hielt. „Versuche nichts Dummes, Prinzessin. Es war unmöglich zu deinem Gatten zu kommen, also muss er eben zu mir kommen. Was ist da ein besseres Druckmittel, als seine wundervolle Frau und ein guter Freund?“ Er zog Ben näher an sich. „Ich hätte das hier gerne vermieden, aber du hast mir keine andere Wahl gelassen.“ Ein kräftiger Hieb mit der Waffe auf den Hinterkopf ließ Bens Schädel explodieren und der deutsche Kommissar ging bewusstlos zu Boden.

  • Ville Halonen marschierte zum Kaffeeautomaten, warf ein paar Münzen hinein und kehrte mit zwei Plastikbechern zurück. Sein junger Kollege, Eetu Karjanen, hielt ihm mit einem breiten Grinsen die Hand hin. „Ahh, ein Kaffee wirkt jetzt sicher Wunder. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so verdammt müde war!“ Halonen setzte sich auf einen der beiden Stühle und stellte seinen Kaffee auf der Tischplatte ab. „Hast du Lust auf eine Runde Mau-Mau? Es ist nicht so, als würde gleich irgendetwas Aufregendes passieren.“ Ville seufzte bei den Gedanken an die letzten Tage. In seiner Polizeikarriere hasste er nichts mehr, als diese Aufpasserjobs. Stundenlang vor Türen sitzen, alle Personen kontrollieren, Buch führen und den Posten bloß nicht verlassen. Eetu zog die Schultern hoch. „Ja, klar. Warum nicht.“ Ville griff nach dem kleinen Stapel in der Mitte, um die Karten zu mischen und zu verteilen. Sobald Eetu die Karten in seiner Hand betrachtet hatte, war dem Älteren klar, dass er diese Runde vermutlich verlieren würde. Auf dem Gesicht seines Gegenübers breitete sich ein siegessicheres Lächeln aus. Er musste verdammt gute Karten haben. Ville wollte die erste Karte ablegen, als plötzlich ein lautes Krachen aus dem Zimmer kam. Die beiden Beamten wirbelten erschrocken herum und rissen die Tür auf.


    Ihre Augen weiteten sich, als ihnen klar wurde, wer für den Krach verantwortlich war. Häkkinen stand mit bleichem und schmerzverzerrtem Gesicht vor seinem Bett und hielt sich mühevoll an dem Besucherstuhl fest. Schweiß lief ihm von der Stirn und tropfte von der Nase auf dem Boden. „Wer war hier?!“, fragte er aufgelöst, panisch und hilflos zugleich. „Häkkinen, Himmel. Geh wieder ins Bett!“, schrie Ville aufgebracht und war aufgestanden. Der junge Kommissar schien sie nicht zu beachten und kämpfte sich einige Schritte vorwärts, ehe seine Beine unter ihm zusammenknickten und er auf dem Boden landete. Ville kniete sich neben ihn. „Scheiße, hol einen Arzt, Eetu“, befahl er seinem Partner und wandte sich wieder Häkkinen zu. Der Schwarzhaarige zog sich mit zittrigen Armen nach oben. „Ich muss…hier raus“, keuchte er leise hervor und schnappte nach Luft. „Was zur Hölle. Krieg dich wieder ein!“, sagte der Ältere mit eindringlicher Stimme und hielt den jungen Kommissar an den Schultern fest. „Ich…lass mich!“ Er begann, um sich zu schlagen, so dass Halonen ihn in einem kurzen Reflex wieder losließ und Mikael erneut kraftlos zu Boden ging. „Mikael, du musst ruhig bleiben. Was ist los? Warum rennst du hier rum?“ „…ich muss aufstehen, muss hier raus…!“, japste er und versuchte sich abermals hochzuziehen. Ville drückte ihn runter und fixierte ihn am Boden. „Beruhige dich, verdammte Scheiße, du reißt sonst noch die Wunde auf!“ Der junge Kommissar versuchte sich verzweifelt aus seinem Griff zu befreien. „Lass mich Halonen…ich muss…“, presste er immer wieder hervor, doch Ville konnte ihn ohne große Mühe auf der Erde halten.


    „Was ist hier passiert?“ Der Arzt ließ sich neben ihnen auf den Boden fallen. „Was weiß ich…er ist vollkommen durch den Wind.“ Der Mann neben ihm nickte. „Herr Häkkinen, verstehen Sie mich?“, fragte er nun in Richtung des Patienten. „Lasst mich…!“ Halonen spürte Mikaels Hand auf seiner Schulter, die versuchte ihn wegzudrücken, doch die Kraft des jungen Kollegen reichte nicht einmal mehr aus, um ihn auch nur ein paar Zentimeter zu bewegen. Der Arzt sah auf und sah Halonen mit ernstem Blick an. „Können Sie ihren Kollegen noch etwas ruhig halten? Ich werde gleich wieder kommen“, sagte er, verschwand und kam gleich darauf wieder zurück. In seiner Hand hatte er eine Spitze. „Ich gebe ihnen jetzt etwas zum Beruhigen, Herr Häkkinen.“ Die Pupillen des Schwarzhaarigen weiteten sich panisch und Halonen spürte, wie sein Zappeln stärker würde. „Keine Spritze…nein…ich muss, hören Sie…ich“, stammelte er. Der aufgelöste Zustand seines Patienten schien den Arzt nicht im Geringsten aufzuregen. Als wäre es das normalste auf der Welt, zog der die Spritze auf und steckte sie in den Venenkatheter. „Bleiben Sie ganz ruhig, Herr Häkkinen. Bald fühlen Sie sich besser.“


    Mikael zitterte am ganzen Körper. In ihm kochte es vor Wut. Wut, die die Schmerzen und Müdigkeit vergessen ließen. Sie sollten ihn doch nur gehen lassen! Warum wollten sie das nicht verstehen! Er musste hier raus. Einen Augenblick dachte er daran Halonen sein Knie schmerzhaft in den Magen zu rammen, doch dann siegte schließlich die Vernunft, dass es wohl nicht weit schaffen würde. Eetu stand genau hinter Halonen und so würde seine Flucht bereits nach wenigen Metern enden. Er spürte, wie das Medikament, seine Wirkung entfaltete. Sein Körper begann zu kapitulieren, gehorchte ihm nicht mehr. Es wurde so unglaublich schwer, sich auf die Dinge um sich herum zu konzentrieren. Die Stimme des Arztes und die Worte von Halonen verflossen zu einer Suppe aus nichts. Er war unglaublich müde. Müde und furchtbar erschöpft. Er tauchte in die Dunkelheit ab, seine Gedanken erloschen.


    Nachdenklich ließ Eetu Karjanen den Blick über Mikael gleiten. Nachdem der Arzt ihm ein starkes Beruhigungsmittel verabreicht hatte, war er nun am Schlafen und würde es laut dem Arzt auch noch für mindestens drei Stunden sein. Er lag wieder in seinem Bett, abermals angeschlossen an ein EKG und eine Infusion. Sein Brustkorb hob und senkte sich in gleichmäßigen, ruhigen Abständen. Nichts ließ darauf schließen, dass er noch vor wenigen Minuten ausgerastet war. „Eetu, wir haben ein Problem“, hörte er die Stimme seines älteren Partners sagen. „Hmm, was ist?“ Ville hielt ihm ein Stück Papier hin. „Das lag auf dem Fußboden.“ Er griff danach. „Fuck!“, entkam es ihm leise, als seine Augen über die Worte flogen. Ich habe deine Frau und Jäger. Komm zu mir und ich lasse sie frei. „Ich werde Antti informieren“, sagte Ville tonlos und war aus dem Zimmer verschwunden.


    Es hatte nur knapp 30 Minuten gedauert und Antti Heikkinen stand vor ihnen. Eine Ader auf seiner Stirn pulsierte vor Wut. „Mit Verlaub“, schrie er, „da stehen zwei Polizeibeamte genau vor einer Tür und dennoch gelingt es jemanden in das Zimmer von Mikael einzudringen und einen Zettel zu deponieren!“ Seine Handfläche klatsche neben Ville gegen die Wand und der Kommissar sah ihm in seine Augen. „Wie kann das sein Halonen?! Verrate es mir.“ „Ich…Heikkinen, wirklich wir waren die ganze Zeit hier und…“ Sein Gegenüber lachte. „Wirklich? Dann kannst du mir ja sicher sagen, wie es passiert ist! Das interessiert mich nämlich brennend!“ „Antti, du solltest wirklich die Ruhe bewah-“, mischte sich Veikko ein, der das Gespräch bisher stumm aus der Entfernung beobachtet hatte. „Niemand hat mir dir gesprochen, Veikko!“, unterbrach ihn der stämmige Finne sofort und richtete seine Aufmerksamkeit nun wieder auf die beiden Uniformierten. „Und dann kannst du mir auch gleich einmal erzählen, wie euch nicht auffallen konnte, dass Eva von ihrem Spaziergang nicht zurückkommt!! Wie lange war sie weg?“ Er tippte dem jüngeren der beiden Polizisten bedrohlich auf die Brust. „Ich weiß nicht…vielleicht eine Stunde oder zwei…zwischendurch war ja noch der Jäger da…und…“, stammelte Eetu leise und richtete seinen Blick zum Boden. „Antti!“, kam es nun wieder von Veikko. Der Ältere wirbelte herum. Seine blauen Augen brodelten vor Wut. „Was denn, zur Hölle!“ Veikko hielt ihm eine Liste hin. „Während du damit beschäftigst warst das ganze Krankenhaus zusammenzuschreien, habe ich einen Blick auf die Liste geworfen. Der Zettel kommt entweder von Astrid Svartson, die kleine hübsche Krankenschwester, oder Emil Likmakki, einem der Ärzte. Sonst war niemand im Zimmer.“ Antti nahm den Zettel entgegen. Veikko blickte neben Antti her auf die beiden Kollegen und lächelte ihnen entschuldigend zu. „Vielleicht solltest du deine Wut auf die Beiden fixieren.“ Der Blonde machte eine abfällige Handbewegung. „Jaja…ist ja gut Veikko. Ist ja gut.“ Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar. „Kannst du das mit Kasper übernehmen, sobald er mit seinen Zeugenbefragungen fertig ist, ich würde jetzt wirklich lieber gerne-“, er stockte, aber entnahm Veikkos Nicken, dass sein Partner ihn auch so verstanden hatte. „Pass auf, dass er nicht wieder einen Ausflug plant“, merkte Veikko an, während er nach seinem Handy griff, um Kasper über die Neuigkeiten zu informieren.



    *


    Als Ben zu sich kam, lag er rücklings auf einer Matratze. Er atmete tief ein, richtete sich auf. Allmählich nahm er Konturen wahr und er blickte sich um. An der Decke war eine Neonlampe, die den Raum mit einem schwachen Licht erfüllte. Die Wände und der Boden waren aus Beton. Neben ihm auf der kleinen schäbigen Matratze saß Eva. „Hat er dir etwas angetan?“, fragte Ben leise und studierte ihr Gesicht. Bis auf das getrocknete Blut, welches bereits vor dem Krankenhaus an ihrer Schläfe geklebt hatte, schien sie äußerlich in Ordnung zu sein. Eva lächelte müde. „Nein. Er hat mir nichts getan. Wie geht es dir?“ „Mein Schädel brummt und…“, er sah zu seiner Schulter, die Eva wohl notdürftig mit einem Stofffetzen von seinem Shirt verbunden hatte, „meine Schulter tut verdammt weh, aber sonst ist alles in Ordnung.“ Er sah sich abermals um. „Es gibt nur ein kleines Lüftungsfenster“, merkte Eva an. „Ich habe bereits alles genauestens angesehen.“ Eva lehnte sich an die Wand und Ben sah, wie eine einzelne Träne über ihre Wange rann. Sie wischte sich hastig mit dem Pulloverärmel darüber und wandte ihren Blick beschämt nach unten. „Hey“, begann Ben, „es ist okay. Wir werden hier wieder rauskommen. Wir werden das schaffen.“ Eine weitere Träne kullerte über ihre Wange. „Ich hab Angst Ben. Wir wissen beide, was Tonteri will und wir wissen auch das Mikael es ihm geben wird.“


    Ben blieb stumm. Eva hatte Recht. Es war offensichtlich, dass Tonteri sie nur brauchte, damit er an Mikael herankam. Mikael, der all die Wochen so gut bewacht war, dass es für diesen Wahnsinnigen kein durchkommen gab und er auf diesen Plan zurückgreifen musste. Ihm war klar, dass dieser Typ sie nicht gehen lassen würde, wenn er Mikael bekam, aber sein Freund neigte dazu all seinen Scharfsinn und seine Intelligenz auszuschalten, wenn es um seine Familie ging. Er würde in diese Falle laufen. Ben betastete vorsichtig seine Schulter und zuckte zusammen, als ihn ein leichter Schmerz durchzog. Das Projektil steckte noch tief im Gewebe. Er seufzte. „Mikael ist gerade erst aus dem Koma aufgewacht und als ich bei ihm war, war er noch total groggy. Er wird nicht herkommen. Er wird zu schwach sein“, versuchte er falsche Hoffnungen zu wecken. Ben wünschte, dass nur ein Funken Wahrheit in seiner Aussage steckte. Er hoffte, dass Antti dafür sorgen würde, dass Mikael sein Zimmer nicht verlässt. Dass er nicht ins offene Messer läuft.


    Ben erblickte zwei Wasserflasche und eine Tüte an der Tür des Raumes. „Er sagt, wir sollen es uns gut einteilen. Mehr würden wir bis morgen Abend nicht bekommen.“ Der deutsche Kommissar nickte und lehnte den Kopf gegen die kalte Wand. Überhaupt schien es unglaublich kalt zu sein. Er sah aus dem Augenwinkel, wie Eva leicht zitterte. Er hatte eine Jacke dabei gehabt, sie hingegen hatte sie wohl in Mikaels Zimmer gelassen, in dem Glauben, dass sie bald wieder in sein Zimmer zurückkehren würde. Er zog er seine Jacke aus und legte sie über ihre Schulter. Sie sah auf. „Du musst das nicht Ben. Es ist okay, ich bin diese Kälte gewöhnt.“ Er lächelte verschmitzt. „Achja. Du zitterst, dir ist kalt.“ Sie zog die Jacke enger an sich. „Danke.“

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  • „Lass mich gehen Antti!“ Der Angesprochene drückte seinen jungen Kollegen sanft wieder auf das Bett. Nur kurz, nachdem Mikael aufgewacht war, hatten sich die Erinnerungen und Geschehnisse der vergangenen Stunden zurück in sein Gehirn gekämpft und er versuchte sich von den Kabeln und Schläuchen zu befreien. Das Piepen des Herzfrequenzmonitors beschleunigte sich. „Verdammt, lass mich gehen!“, beharrte Mikael und versuchte sich erneut mit all seiner Kraft von den starken Händen seines älteren Kollegen zu befreien. „Versteht ihr das denn nicht, er hat Ben und Eva. Er wird ihnen etwas antun, wenn ich nicht komme!“ Er begann vor Verzweiflung zu weinen. „Das habe ich verstanden Mikael, aber du musst ruhig bleiben“, sagte Antti mit sanfter Stimme, mit der Hoffnung vielleicht doch durch die Panik seines jungen Partners durchdringen zu können. „LASS MICH!“ Mikael war ruckartig hochgeschnellt und hatte den Infusionsschlauch aus seiner Hand gerissen. Der Ältere drückte nervös den Alarmknopf am Bett. Er registrierte, wie der Herzmonitor immer schneller piepte. „Mikael, bitte atme ruhig. Du musst dich beruhigen.“
    „Er hat … Antti!“
    Es hatte nicht lange gedauert und der Arzt war in das Zimmer getreten, um Mikael erneut ein Beruhigungsmittel zu geben. „Alles wird gut“, sagte Antti, während er Mikael runter drückte. Er spürte, wie sein Kollege immer noch gegen ihn ankämpfte, sein Körper aber zunehmend kraftloser wurde. „Mikael, du musst ruhig bleiben, wir bekommen das wieder hin. Es wird alles in Ordnung kommen“, wiederholte er immer und immer wieder. „Du musst dich ausruhen, du willst doch keine ernsthaften Schäden davon tragen.“
    „Bitte Antti…ich…will das nicht…“, murmelte Mikael kraftlos, ehe es um ihn herum erneut Schwarz wurde.
    Antti löste Mikaels Finger vorsichtig aus seinem Griff und betrachtete den jungen Kollegen. Er schlief tief und fest, die Wangen waren von den Tränen noch leicht gerötet. Der Blonde verfolgte, wie der Arzt die Infusion wieder anschloss und einige Knöpfe an den Geräten drückte. Erst danach richtete sich sein Kopf nach oben und er sah Antti an. „Die Dosis war sehr hoch, er wird die nächsten Stunden durchschlafen. Ich werde dafür sorgen, dass ihr Kollege die nächsten Tage erst einmal ein starkes Beruhigungsmittel bekommt. Wir können leider nicht zulassen, dass er wieder in einen solchen Panikzustand verfällt. Es ist zu viel in seinem derzeitigen Zustand.“ Antti nickte leicht und der Arzt fuhr fort. „Ich möchte sie gleichzeitig bitten die Besuche so gering wie möglich zu halten. Er braucht jetzt vor allem eins, Ruhe!“


    Geschlagen nickte der Hauptkommissar und verließ das Zimmer, nur um dann mit jemand anderem konfrontiert zu werden. Samuel Järvinen stand an dem großen Glasfenster und schien die Szene beobachtet zu haben. „Ich werde versuchen Ihnen so gut es geht zu helfen“, sagte er der ehemalige Polizeipräsident und Vater von Eva mit dünner Stimme.
    „Wir werden Ihre Tochter finden, Herr Järvinen.“
    Sein Gegenüber nickte seicht. „Es war schlimm genug Oskari zu erklären, wieso sein Vater derzeit nicht nach Hause kommt, jetzt fehlt auch noch Eva. Zum Glück versteht Viivi das Ganze noch nicht wirklich.“
    Antti folgte Järvinens Blick auf das Bett, wo Mikael schlief. „Was ist mit dem Jungen, dass er kein Vertrauen hat? Er hätte mit mir reden können über die Drohungen!“, hörte er Evas Vater sagen.
    „Manchmal verliert man das Vertrauen, wenn einem das Leben übel mitspielt.“
    Järvinen nickte und drehte sich von dem Fenster weg. „Bitte informieren Sie mich, wenn es etwas Neues gibt. Egal wann.“



    *


    Veikko hob die Hand, als er die Person erblickte, die er suchte. Der Gesuchte erwiderte seine Geste und schritt auf ihn zu. „Ich habe sofort den nächsten Flieger genommen, als Antti mich angerufen hat. Habt ihr schon irgendetwas?“ Der Finne schüttelte leicht den Kopf. „Nein, noch überhaupt nichts. Es tut mir leid Semir.“ Er nickte und folgte Veikko zum Auto. „Wie geht es Mikael? Antti sagte, er wollte das Krankenhaus verlassen…“ Semir beobachtete, wie Veikko den Kopf leicht senkte. „Er bekommt jetzt dauerhaft ein starkes Beruhigungsmittel, nachdem er vorhin erneut versucht hat, sich von den Geräten loszureißen.“ Der Deutschtürke nickte erneut. Er konnte sich vorstellen, wie es in Mikael aussehen musste. Dieser Mann hatte Eva und Ben nur deshalb entführt, weil er ihn wollte. Er verfolgte, wie Veikko das Auto öffnete, und ließ sich auf dem Beifahrersitz fallen. „Du solltest vielleicht mal aufräumen“, merkte er leise an, als er das Chaos vor seinen Füßen erblickte. „Hmm?“ „Dein ganzes Zeug hier. Wozu hast du ein Skateboard im Dienstwagen?“ Der junge Mann lachte. „Achso…sorry.“ Er griff nach dem Skateboard und warf es in den hinteren Teil des Autos. Danach schmiss er noch ein Paar Sportschuhe und Flaschen hinterher. „Eigentlich wollte ich mit ein paar Kumpeln in die Skatehalle, aber dann kam ja diese Sache dazwischen.“ Veikko steckte den Schlüssel in das Zündschloss und Semir wandte seinen Blick aus dem Fenster. Der Deutschtürke verfolgte stumm, wie die Landschaft an ihm vorbeizog. Der Flughafen lag etwa 20 Kilometer entfernt von der Innenstadt und so würde es noch einige Minuten dauern, bis sie das Präsidium erreichten. „Glaubst du er tut ihnen etwas an?“, fragte Semir nach einiger Zeit nachdenklich und brachte damit endlich das zur Sprache, was ihn beschäftigte seitdem Antti am morgen bei ihm angerufen hatte. Tonteri hatte kaltblütig auf Mikael geschossen, was sagte ihm, dass er es nicht auch bei Ben machen würde? Er sah aus dem Augenwinkel, wie Veikko die Schultern hochzog. „Er hat bisher kein Ultimatum gestellt. Die Botschaft hieß nur, dass er Mikael im Tausch mit Ben und Eva haben will. Das könnte positiv sein.“ Der junge Finne schwieg einige Minuten. „Andererseits Tonteri hat er all diese Menschen im Reisebus getötet, obwohl sein Ziel nur eine Person war. Wir wissen beide, was das bedeutet.“


    Es dauerte etwa 30 Minuten, ehe die beiden das Polizeipräsidium von Helsinki erreicht hatten. Vor dem Gebäude, hatte sie Kasper empfangen, der nervös an einer Zigarette zog. Eine Angewohnheit, die Semir bereits beim letzten Mal, als sie mit den Finnen zutun hatten, aufgefallen war. Sobald Kasper in stressige Situationen kam, rauchte er einen Glimmstängel nach dem anderen. „Hei“, er hielt Semir die Hand hin und der Deutschtürke erwiderte die Geste. „Hallo Kasper.“ „Habt ihr was neues von der Krankenschwester?“, erhob nun Veikko das Wort. Kasper schüttelte den Kopf. „Moment, welche Krankenschwester? Du hast nichts erzählt von einer Krankenschwester“, mischte sich Semir ein. „Sie hat vermutlich den Zettel in Mikaels Zimmer gelegt. Sie ist seit dem verschwunden. Wir können sie nicht ausfindig machen“, klärte ihn Veikko auf. Semir nickte nachdenklich. „Aber das ergibt doch keinen Sinn. Dann hätte sie doch die ganze Zeit über Mikael etwas antun können…“ Er konnte in den Augen seiner Gesprächspartner sehen, dass sie genau das gleiche dachten. „Vielleicht wusste sie nicht, um was es sich bei der Notiz handelt…da Mikael überhaupt nicht ansprechbar ist, haben wir keinen Schimmer, ob sie gefaltet war oder nicht.“ Veikko seufzte. „Lass uns reingehen, es ist scheiße kalt hier Draußen.“ Kasper drückte seine Zigarette in dem großen Aschenbecher aus und grinste verschmitzt. „Du hast nur einen Pulli an Veikko, vielleicht solltest du einfach mal die Winterjacke auspacken?“


    Veikko ließ Antti mit einem kurzen Klopfen an den Türrahmen wissen, dass sie zurück waren und der stämmige Finne drückte Semir sofort an sich. „Es tut mir so leid Semir. Das hätte nicht passieren dürfen, wir werden Ben finden“, sagte er. Der deutsche Kommissar konnte die Schuld deutlich durchhören. „Du kannst doch da nichts für Antti. Niemand wusste, dass es so kommen würde. Wir werden das wieder hinbekommen“, er machte eine lange Pause, ehe er fortfuhr, „irgendwie.“ Antti deutete auf einen Stuhl und Semir ließ sich fallen, während Veikko sich hinter seinem Schreibtisch niederließ. Kasper schritt indes zur Fensterbank und lehnte sich dagegen. „Aus den Zeugenaussagen bin ich nicht wirklich schlau geworden“, berichtete Kasper nach einer Weile. „Einige sagen, sie haben ein metallisches Knallen gehört, andere können sagen, dass sie einen blonden Mann in Begleitung eines Dunkelhaarigen gesehen haben…Also im Grunde hat die ganze Aktion Null gebracht.“ Antti spielte gedankenversunken mit seinem Stift. Er ließ die Spitze des Kugelschreibers in Veikkos Richtung gleiten. „Was ist mit dem Zettel?“ „Emil Likmakki hat sich bei der Befragung nicht wirklich auffällig verhalten. Die Krankenschwester – diese Astrid Svartson – war hingegen nicht auffindbar. Ich denke, dass spricht Bände. Sie war es, die den Zettel deponiert hat. Ob bewusst oder unbewusst ist die Frage.“ „Hmm, was denkst du?“, harkte Antti nach. „Ich denke, dass sie nett zu jemand sein wollte. Was kann schon dabei sein, einen Brief zu übergeben?“ „Natürlich kann eine wundervolle Krankenschwester keine bösen Absichten haben“, murmelte Kasper leise und doch hatte ihn jeder im Raum gehört. „Was willst du damit sagen, Kasper?“, kam die genervte Gegenfrage von Veikko. Kasper zog die rechte Augenbraue nach oben. „Hattet ihr nicht ein Date, oder so?“ „Ahh, come on! Man wird noch wohl Essen gehen können…“ Antti lehnte sich an seinem Stuhl an. „Verschiebt euren Kinderkram auf später, Jungs. Ich will eine Fahndung nach dieser Krankenschwester. Findet sie. Ich habe mit Solheim geredet. Er nimmt sich gerade noch einmal alle Leute aus der Therapiegruppe vor.“



    *


    „Der kleine Bulle wird nicht kommen, Hugo“, sagte ein Mann mit Schulterlangem dunkelblondem Haar eindringlich, während er einige Drähte verlötete. Tonteri sah auf. „Er wird kommen, spätestens, wenn ich ihm ein Bild von seiner kleinen süßen Frau schicke!“ „Das glaubst du? Du hast ihn über den Haufen geschossen, unsere Informationsquelle sagt, dass er gerade erst aus dem Koma erwacht ist“, er machte eine Pause, „hättest du die Frau nicht umgebracht, könnten wir sie jetzt übrigens fragen, was dein Lieblingspolizist so treibt.“ Tonteris Augen funkelten ihn wütend an. „Sie hätte uns verraten! So macht sie keine Probleme.“ Er stand auf und lief im Raum auf und ab. „Wie weit bist du Veeti. Wann können wir zuschlagen?“ Sein Gesprächspartner seufzte „Wozu die Eile? Du hast elf Tage stillgehalten, bis du deinen nächsten Schritt gemacht hast…“ Tonteri setzte sich wieder hin und trommelte nervös mit den Fingern auf der Tischplatte. „Weil es der beste Zeitpunkt ist. Die Bullen sind viel zu sehr damit beschäftigt die Kleine und den deutschen Kommissar zu suchen. Was regst du dich überhaupt so auf, Veeti. Niemand weiß, dass es dich überhaupt gibt. Alle glauben, es ist mein Verdienst, das Helsinki bald von diesen ganzen widerlichen Drogen befreit ist.“ Er lachte laut auf. „Hast du die Kommentare unter dem Artikel im Internet gelesen? Einen Held hat mich ein User genannt. Ich bin der Held dieser Stadt, Veeti.“ Veeti rollte mit den Augen. „Vor fünf Tagen hast du dich noch über den Artikel von diesem Hagenström aufgeregt.“ Tonteris Hand formte sich augenblicklich zur Faust. „Dieser kleine Journalist und sein Mistartikel. Er hat die Tatsachen verdreht und dann schreiben auch noch alle Klatschblättchen von dem ab!“ Er lachte. „Aber bald wird auch er die Wahrheit schreiben müssen, bald wird er sich eingestehen müssen, dass ich der Held in dieser Geschichte bin und nicht dieser Hansen…dieser kleine Wicht, der glaubt sich durch die Rolle als Polizist vor seiner Verantwortung zu drücken. Er hat Solheims Sohn auf dem Gewissen und dafür werde ich ihn büßen lassen!

  • Veikko sog die kalte Winterluft tief in seine Lungen. Musik dröhnte aus seinen Kopfhörern und schnitt ihn vom Rest der Welt ab. Normalerweise hatte er beim Joggen ausgesprochen gute Laune, genoss die Ruhe und die Tatsache, dass das Telefon ihn in dieser einen Stunde, die er sich jeden Tag gönnte, nicht störte. Doch heute war es anders. Da war dieser Gedanke in seinem Kopf, den er einfach nicht fassen konnte. Irgendetwas störte ihn fürchterlich und ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Irgendetwas an diesem Hugo Tonteri stimmt nicht. Urplötzlich schien es ihn wie Schuppen von den Augen zu fallen. Er lief langsamer, blieb schließlich stehen und stemmte die Hände auf die Hüften, um nach Luft zu schnappen. „Verdammte“, entkam es ihm leise. Sie hatten all die Zeit das offensichtliche übersehen! Eilig drehte er sich um und lief in die Richtung, aus der er gekommen war. Er beschleunigte sein Lauftempo, bis er schließlich rannte. Einige andere Jogger, denen er beinahe jeden Morgen begegnete, schauten sich verwundert um, andere hatten gar einen genervten Gesichtsausdruck, als würde er durch seinen schnellen Laufschritt ihr tägliches Ritual stören. Ab und an musste er seinen Körper armerudernd abfangen, um nicht auf das gefrorenen Pflaster zu knallen.


    Eilig hastete er die Treppenstufen hinauf, nahm gleich mehrere Stufen auf einmal und zog die Haustür mit einem lauten Ruck auf. Er stolperte über sein Skateboard, das er am Abend hinter der Tür hatte fallen lassen, und fluchte. Veikko rappelte sich wieder auf und blickte in die müden Gesichter von Antti und Semir. „Weißt du, wie spät es ist Veikko? Kannst du die Uhr lesen…scheiße es ist erst Sechs!“, fluchte Antti leise und rieb sich den Schlaf aus den Augen. „Bist du nicht beim joggen?“ Er betrachtete ihn von oben nach unten. „Hast du Turbogejoggt? Du bist ganz nass!“ „Wir sind so dämlich!“, begann er aufgeregt, rannte zum Wohnzimmertisch und wühlte in einem Papierhaufen. Antti beäugte ihn kritisch. „Was machst du da, zur Hölle? Hat dich irgendwas gebissen oder so…“


    Der Schwarzhaarige schnappte nach Luft. „Hugo Tonteri ist kein Einzeltäter. Diese Bombe ist zu kompliziert, als das er sie gebaut haben könnte.“ Antti brauchte etwas, bis die schnellen Worte des jungen Kollegen in sein Gehirn drangen. „Moment…wie meinst du das? Woher willst du wissen, wie intelligent Tonteri ist. Himmel, ich bin zu müde für so was.“ Der junge Polizist lief aufgeregt hin und her. „Tonteris Lebenslauf verrät es mir. Durchschnittlicher Typ mit durchschnittlichen Schulnoten mit durchschnittlichem Job. Diese Bombe hier, die könnte vielleicht Mikael mit einer Anleitung aus dem Internet bauen, aber nicht jemand wie Tonteri!“ Seine Handfläche klatsche gegen seinen Kopf. „Ich weiß nicht, wie mir das entgehen konnte…Arggh!“ Hektisch schaltete er seinen Laptop ein und steckte einen USB-Stick in die dafür vorgesehene Öffnung. Antti sah zu Semir, der genauso verwirrt auf das Treiben des jungen Kommissars blickte. Da waren keine Ordner, keine Dateien, nur diese Abfolge von Buchstaben, Zahlen und Symbolen, die endlos über den Bildschirm liefen. Die Augen des Älteren weiteten sich. „Was machst du da, Veikko?“ „Wonach sieht es denn aus?“ „Nach etwas, wovon ich besser nichts wissen will…hackst du dich gerade in ein System?“ Veikko zog die Schultern hoch. „Willst du eine Woche warten, bis wir es über den normalen Dienstweg gelöst haben…mir dauert das zulange, aber wenn du es willst, schalte ich den Laptop jetzt aus.“ Antti stöhnte auf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Hinterlässt du wenigstens keine Spuren, die genau in meine Wohnung führen?“ Der junge Finne zog die Mundwinkel leicht nach oben. „Für wen hältst du mich Antti, für einen Anfänger?“


    Antti seufzte. „Himmel, ich brauch einen Kaffee.“ Er schritt zur Kaffeemaschine und nur wenige Augenblicke später, hörte man den Automaten laut surren. „Willst du auch einen Semir?“, fragte er in Richtung des Deutschtürken, der weiterhin Veikko fixierte. Semir drehte sich vom Wohnzimmertisch weg. „Ähm, ja. Warum eigentlich nicht. Ich glaube, bei dem was Veikko da treibt, bin ich sicherlich keine große Hilfe.“


    *


    Ben schreckte aus dem Schlaf hoch. Im ersten Moment war er vollkommen benommen und er brauchte etwas, bis ihm klar wurde was passiert war. Sie waren entführt worden, gefangen in diesem schäbigen Kellerloch. Er spürte, wie die warmen Arme von Eva ihn umschlangen. „Eva“, flüsterte er leise, „ich glaube nicht, dass dein Mann davon begeistert wäre.“ Er hörte sie leise etwas auf Finnisch murmeln, dann jedoch weiteten sich ihre Augen und sie starrte ihn an. Sie zog ihre Hände an ihren Körper. „Ben…ich…entschuldige!“ Er richtete sich auf und legte den Kopf schief, als er sah, wie sich ihre Wangen rötlich verfärbten. „Es ist okay, um ehrlich zu sein war es ziemlich angenehm in der kalten Nacht.“ Sie nickte, entfernte sich aber dennoch ein Stück von ihm und setze sich gegen die Wand. Ben tat es ihr gleich. Unterbewusst fuhr er mit seiner Hand über die Wunde an seiner rechten Schulter, zog sie jedoch sofort zurück, als ein stechender Schmerz sich in ihm ausbreitete. Eva spielte nervös mit ihrem Ehering und drehte ihn am Finger hin und her. „Wann hast du dich in ihn verliebt?“ Sie sah auf. „Wie?“ „Mikael, wann wusstest du, dass es der Mann ist, mit dem du dein Leben verbringen willst?“ Sie zog den Ehering ab und betrachtete ihn mit ihren blauen Augen. „Das ist eine furchtbar kitschige und peinliche Geschichte“, murmelte sie leise. Ben zog die Knie an seinen Körper und bettete den Kopf darauf. „Es ist ja nicht so, als hätten wir gerade in spannendes Programm. Komm erzähl…“ Er lächelte sie verschmitzt an. „Ich denke es war in der dritten Woche auf der Polizeiakademie…er hat mich mit dem Skateboard umgenietet“, sie steckte den Ring wieder auf dem Finger, „wie passend, wo er mich in all den Jahren eigentlich nie registriert hat.“ Nachdenklich strich sich Ben mit der Hand über seine Bartstoppeln. „Ach komm, ich kann nicht glauben, dass ihm eine so hübsche Frau entgangen sein soll.“ Ihr Blick fiel verlegen auf den Boden. „Ich bin nicht wirklich selbstbewusst gewesen. Bei Joshua und Mikael zählte nur eine Frau, Sina“, sie sprach den Namen mit Verachtung aus. Sie hatte ihre Freunde betrogen, hintergangen und gar versucht Mikael umzubringen. „Aber er hat dich immerhin noch früh genug bemerkt.“ Sie lächelte und Ben sah, wie sie wieder mit ihrem Ring spielte. Er wollte erneut ansetzen, ihr sagen, dass alles wieder gut werden würde, doch dann öffnete sich die Tür und er verstummte.


    Hugo Tonteri trat in den Raum und richtete seine Waffe auf sie. „Eine falsche Bewegung und ich werde schießen, verstanden?“ Die beiden nickten stumm. Tonteri hatte bewiesen, dass er nicht zögern würde, von dem Schusseisen Gebrauch zu machen. Der Geiselnehmer stellte eine Flasche Wasser auf den Boden und legte zwei Brötchen daneben, danach richtete er sich wieder auf und sah sie an. „Warum kommt euer kleiner Freund nicht?“, fragte er und fuchtelte mit seiner Waffe herum. „WARUM ZUR HÖLLE KOMMT ER NICHT!“ Ben sah aus dem Augenwinkel, wie Eva zusammenzuckte und schob sich instinktiv näher an die Finnin heran. Eine Tatsache, die von Tonteri nicht unbemerkt blieb. Er lachte auf. „Du wirst die Kleine nicht beschützen können!“ Er trat näher und richtete seine Waffe auf Eva. „Mitkommen Prinzessin!“, fauchte er. Sie zögerte, was den Geiselnehmer nur noch mehr in Rage versetzte. „Wird’s bald!“ Tonteri zog sie an ihrem Arm ruckartig nach oben. „Lass sie in Frieden!“ Ben schnellte hoch und der Finne hielt überrascht inne. „Lass sie in Frieden“, zischte er ein weiteres Mal. „Warum? Weil du dir einbildest, du hättest die Fäden in der Hand. Du bist mein Gefangener und hier gelten meine Regeln. Es wäre besser für dich, wenn du dich daran hältst.“ Bens Hand formte sich zur Faust. Er sah nichts als blanke Panik in Evas Augen. Ihre Atmung ging hektisch und Ben konnte sehen, wie sie zitterte. Sicher war Eva Polizistin, aber Ben bezweifelte, dass sie in ihren Dienstjahren in der Inneren Ermittlung jemals eine Geisel war. „Weißt du, Ich könnte die Prinzessin vor dem Krankenhaus einfach umnieten. Wie würde das eurem kleinen Freund gefallen?“ „Das würdest du nicht wagen“, zischte Ben missmutig. „Nicht? Ich könnte sie auch gleich hier abknallen, nur so zum Spaß. Du verstehst wohl immer noch nicht, wer hier das Sagen hat. Setz dich wieder hin und ich werde der süßen Maus nichts antun.“ Ben schluckte, folgte aber schließlich der Anweisung. Tonteris Mundwinkel zogen sich hämisch nach oben. „Geht doch Bulle!“


    Ben registrierte, wie sich Tonteris Gesichtsausdruck veränderte, ehe er, kurz darauf, in ein wahnsinniges Lachen verfiel. Er hörte Eva irgendetwas auf Finnisch sagen. Ihre Stimme klang panisch und es sickerte langsam zu ihm durch, was der Mann vorhatte. Tonteri drückte den Abzug bis zum Anschlag durch, die schwarze Mündung auf Eva gerichtet. Bens Innerstes schrie. Die Zeit raste und tausende Gedanken und Empfindungen durchflogen sein Gehirn im Bruchteil einer Sekunde. Dann schnellte der Bolzen nach vorne. Instinktiv schloss Ben die Augen. Er hatte versagt. Er hatte zugelassen, dass er Eva erschoss. Er hatte sie nicht beschützt. Mikael würde ihm nie verzeihen. Er hatte seinem Freund alles genommen. Seine große Liebe würde wegen ihm erschossen werden. Nur weil er sich und sein Temperament nicht in Schach hatte.


    Ein Klicken.
    Tonteris Lachen.


    Ängstlich öffnete Ben seine Augenlider wieder und er verstand: Die Waffe war nicht geladen gewesen. Eva war vor ihm zusammengesunken, ja, aber nicht weil sie getroffen wurde, sondern aus Panik. Sie schluchzte bitterlich, zitterte, hatte die Arme schützend über ihren Kopf geworfen und murmelte irgendetwas vor sich hin. Es war noch nicht zu ihr durchgedrungen, dass sie in Sicherheit war. Das Tonteri keine Patrone im Lauf hatte. Der Entführer grinste ihn schief an und kramte in seiner Hosentasche. Er zog einige Patronen raus, steckte sie in das Magazin und sah ihn an. „Nun ist sie geladen“, kommentierte er kurz, hielt die Waffe in seine Richtung und drückte erneut den Abzug. Und im gleichen Augenblick zischte eine Kugel an seiner Wange vorbei. Steinsplitter fetzten aus der Wand, wo das Geschoss aufgeprallt war. Ein weiterer Schuss folgte, streifte ihn an seiner Seite. Der Entführer lachte heiser. „Ich hoffe ihr habt jetzt verstanden, dass ich hier das sagen habe.“ Danach verließ er ohne ein weiteres Wort den Raum und schloss die Tür hinter sich ab.


    Ben fand als erstes die Fassung wieder. Ruckartig flogen seine Finger erst zur Wange und dann in die Rippengegend. Er spürte warmes Blut unter seinen Fingerkuppen. Dieser Wahnsinnige musste ein verdammt guter Schütze sein, denn Ben war sich sicher, dass er ihn dieses Mal nicht hatte ernsthaft verletzen wollen. Er hatte nur zwei Streifschüsse davon getragen. Zu vernachlässigen war das ganze jedoch nicht, besonders in seiner Seite blutete er stark. Er überlegte fieberhaft. Er brauchte irgendetwas, damit er die Wunde am Oberkörper verbinden konnte. Irgendetwas. „So ein Mist aber auch“, entkam es ihm verzweifelt. „Ben“, durchbrach eine leise Frauenstimme seine Panik und er hielt inne. Eva stand vor ihm, mit einem zerrissenem T-Shirt. Wann hatte sie? Er hatte sie überhaupt nicht bemerkt. „Halt dein T-Shirt hoch, ich werde es verbinden“, sagte sie mit zitternder Stimme und hatte sich zu ihm runter gekniet. Er nickte. „Ich…es-es tut mir leid. Ich bin so nutzlos“, flüsterte sie und Ben sah, wie Tränen erneut ihre Augen verließen. „Du bist doch nicht nutzlos“, sagte er sanft. Eine Träne tropfte auf den Betonboden. „Wäre ich nicht in eine solche Panik verfallen. Wir hätten ihn überwältigen können, dass wäre unsere Chance gewesen!“ Ben zuckte leicht zusammen, als ihre kalte Hand seine Haut berührte und sie das T-Shirt um seinen Körper band. „Hey, wir wussten nicht dass die Waffe nicht geladen war und er hat dich immerhin nicht mitgenommen. Das ist doch positiv. Wir haben ihm von seinen ursprünglichen Plan abgebracht, oder etwa nicht?“ Sie nickte leicht, doch Ben konnte ihre Zweifel sehen. Er ließ sein T-Shirt wieder runter, als sie fertig war und drückte sie fest an sich. „Wir werden hier raus kommen Eva. Wir werden das schaffen.“

  • Veikko drehte den Kaffeebecher in seinen Händen hin und her. „Ich habe mir erlaubt einige Datenbanken, Server u-“, begann der junge Kommissar, wurde zugleich von seinem Partner unterbrochen. „Wow, wow, wow. Behalte die Einzelheiten für dich. Ich will lieber nicht wissen, wozu du im Stande bist.“ Veikko grinste breit. „Wie du meinst. Alles, was du wissen musst, ist, dass es ungefähr drei Personen gibt, die ich im engeren Umkreis von Tonteri sehen würde.“ „Und die wären?“, kam es nun von Semir. Der Deutschtürke war aufgeregt. Endlich gab es einen entscheidenden Hinweis, nachdem sie die letzten Stunden im Dunkeln getappt waren. „Edvin Solheim können wir bekanntlich ausschließen, dann bleiben uns noch Niklas Hämekki und Veeti Kinnunen.“ Veikko nahm einen Schluck aus seiner Kaffeetasse, ehe er fortfuhr. „Niklas Hämekki ist 40 Jahre alt, ist mit Tonteri in eine Klasse gegangen. Ihre Kinder waren befreundet. Sie spielen noch heute gemeinsam Tennis, Hämekki sitzt im Vorstand einer großen Firma hier in Helsinki.“ Semir sah den jungen Mann vor sich mit großen Augen an. Das alles hatte er innerhalb von drei Stunden herausfinden können? „Was ist mit Kinnunen?“, hörte der deutsche Kommissar Antti fragen. „37, unverheiratet … eher ein unauffälliger Typ. Arbeitet bei einer Putzfirma, war mit Tonteri in einem Verein, der sich gegen Drogenkonsum einsetzt.“ Die beiden älteren Beamten nickten nachdenklich.


    Antti strich sich mit der Hand übers Nasenbein. „Wir sollten den beiden einen Besuch abstatten. Was sagt dein Gefühl? Wer von denen ist unser Mann?“ Veikko seufzte. „Es könnten beide Männer sein, genau das ist ja das Problem. Wir sollten uns trennen. Ich werde Kasper informieren und mir Hämekki vorknöpfen ihr zwei werde-“, er hielt inne als sein Handy klingelte. Der Schwarzhaarige nahm das Gerät in die Hand und ging ran, nachdem ein bekannter Name auf dem Display auftauchte. „Max, was gibt’s?....er hat was?“ Semir sah, wie sich die Augen des jungen Finnen weiteten und er seine Stirn nachdenklich in Falten legte. Als das Gespräch beendet war, griff er aufgeregt nach seiner Waffe, die auf der Kommode lag. „Wir müssen sofort los! Max sagt, dass Tonteri eine Email geschickt hat. Er hat sie mir vorgelesen. Es wird um 9:30 Uhr passieren!“ Semir sah ihn ungläubig an. „Hat er Details genannt? Irgendetwas?“ Der junge Kollege schüttelte den Kopf. „Aber ich habe eine Idee, wo er ist. Es gibt einen Park, er gilt als Umschlagplatz für Drogen. Seit Monaten reden die in der Politik von Aufräumaktionen, um diesen Platz von den Drogengeschäften zu befreien. Versteht ihr AUFRÄUMAKTION, genau dieses Wort hat Tonteri benutzt!“ Er wartete nicht auf eine Antwort der Beiden und war bereits aus der Haustür ins Auto gestürmt. Semir sah ihm verwundert hinterher, folgte ihm schließlich aber mit eiligen Schritten. Dicht hinter ihm lief Antti.


    Der junge Finne hatte recht behalten und sie hatten es tatsächlich vor 9:30 Uhr in den Park geschafft, was wohl mehr dem rasanten Fahrstil des Schwarzhaarigen, als dem Verkehr geschuldet war. Nun standen sie in der Mitte der großen Rasenfläche und versuchten verzweifelt einen Anhaltspunkt zu finden, wo die Bombe und Tonteri waren. Aber sie schienen wieder zu spät zu sein. Eine dröhnende Explosion erfüllte den Park und wenig später folgte das Geschrei von panischen Menschen. Veikko drehte sich um, suchte nach etwas Verdächtigem und fand es.


    „Da ist er!“ Er zeigte auf einen Mann, der sich in einem schnellen Lauftempo vom Tatort entfernte. „Den schnappe ich mir!“ Er setzte sich in Bewegung und erhöhte sein Tempo immer mehr. Die Bäume des Parks flogen geradezu an ihm vorbei. Tonteri hatte einen großen Vorsprung, doch er wusste, dass er ihn kriegen würde. Er würde ihm nicht entkommen. Nicht heute! Adrenalin wurde durch seinen Körper gepumpt und in pure Energie umgewandelt. Es dauerte nicht lange und er hatte den Park durchquert und folgte Tonteri über den großen Platz. Er glitt das Treppengeländer elegant herunter, landete gekonnt auf den Füßen, um wenig später den Brunnen in der Mitte des Platzes zu überspringen. Ein siegessicheres Lächeln huschte über sein Gesicht. Der Abstand zu Tonteri verringerte sich zunehmend. Heute würden sie den Typen endlich bekommen! Sie würden rauskriegen, wo er Ben und Eva gefangen hielt.


    Semir versuchte mit Veikko Schritt zu halten, während Antti zurückgeblieben war und sich darum kümmerte, Feuerwehr und Krankenwagen zu ordern. Der Deutschtürke sog die Luft scharf ein. Er musste sich eingestehen, dass er den jungen Finnen einmal mehr vollkommen unterschätzt hatte. Veikko legte ein unglaubliches Tempo an den Tag und überquerte Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellten mit Leichtigkeit. Während er die Treppen mühselig herunter hechtete, erledigte sich Veikko den Stufen, indem er über das Treppengeländer schlitterte oder sie einfach mit einem weiten Satz übersprang. Er bewegte sich elegant, wie eine Katze und hatte Tonteri schon fast eingeholt. ‚Reiß dich zusammen Semir! Du wirst doch die Jugend nicht so einfach davonziehen lassen’, murmelte er zu sich selbst und kämpfte sich weiter vorwärts. Jeder Luftzug begann bereits in seinen Lungen zu schmerzen. Er wollte nur eins. Eine Pause, aber das Adrenalin trieb ihn vorwärts. Dieser Mann hatte seinen Partner. Sie mussten ihn einfach festnageln! Der Deutschtürke sah, wie Veikko nun nur noch wenige Meter von Tonteri trennten. Der junge Kommissar zog seine Waffe und rief etwas, doch der Flüchtige machte keine Anstalten anzuhalten und rannte weiter, mit dem finnischen Polizisten dicht auf seinen Fersen.


    Nur noch ein paar Meter und er hatte ihn. Veikko merkte, wie Tonteri immer langsamer wurde. Er würde ihn kriegen! Veikko sprintete schneller, achtete nur darauf den Weg zu dem Mann vor ihm zu verkürzen und bemerkte zu spät seinen Fehler. Es ertönte lautes gehupe und er drehte den Kopf. Er sah einen schwarzen Audi heranrasen. Ehe sein Gehirn die Situation verarbeiten konnte, flog er in die Luft, landete mit einem lauten Knall auf der Motorhaube. Sein Instinkt hatte zwar dafür gesorgt, dass er zumindest noch den Versuch machte, sich abzurollen, dennoch fiel er hart auf den Asphalt. Schmerzen schossen durch seinen Körper, aber Schock und das Adrenalin verdrängten ihn. Er war aufgesprungen, stellte verwundert fest, dass er all die Zeit die Waffe nie losgelassen hatte, orientierte sich und schoss. Jemand schrie auf. Irgendwo vernahm er Semirs Stimme. Der Deutschtürke tauchte in seinem Blickfeld auf, schmiss sich auf den verletzten Tonteri und hielt ihn am Boden. Semir sah ihn an. „Hast du Handschellen dabei, Veikko?“ Er reagierte nicht und der deutsche Kommissar stellte die Frage erneut. „Veikko, hast du Handschellen dabei?“ Sterne tanzten vor seinen Augen. Die Schmerzen, die durch seinen Brustkorb schossen, nahmen ihm den Atem. Er sackte bewusstlos zusammen.


    *


    Der Fußboden war kalt, die Kälte drang durch die dünne Matratze und manchmal glaubte sie, dass sie direkt auf Eis saß. Sie zog die Arme enger um den Oberkörper, um sich so klein, wie irgendwie möglich zu machen. Aus dem Augenwinkel warf sie einen Blick auf Ben. Er war blass, hatte viel Blut verloren und auch wenn er es sie nicht sehen ließ, hatte er Schmerzen. Sie wünschte sie hätte einen besseren Verband um die Wunden legen können. Saubere Verbände und keine getragene Kleidung. Sie wünschte, sie hätte ihr T-Shirt nicht opfern müssen, alles was sie noch trug, war die Sweatshirt-Jacke. Sie konnte sehen, wie er leicht zitterte. Seine Augen waren geschlossen. Sie zog vorsichtig Bens Mantel von ihren Beinen und legte sie über ihn. Seine Lider öffneten sich ein Stück. „Behalte ihn, mir ist nicht kalt“, beharre er sofort, doch sie lächelte nur. „Dir ist kalt Ben, du brauchst es nicht vor mir zu verheimlichen.“ Er wollte protestieren und ihr den Mantel zurückgeben, doch sie schüttelte den Kopf. „Ich hatte ihn den gestrigen Tag, nun bist du an der Reihe“, sagte sie mit bestimmter Stimme. Sie beugte sich nach vorne und griff nach den trockenen Brötchen, die ihnen Tonteri dagelassen hatte. Eva hielt ihm eines hin. „Du solltest essen. Du musst wieder zu Kräften kommen, du hast sicherlich viel Blut durch diese Wunden verloren.“ Wortlos nahm er eines der Brötchen entgegen und nahm einige Bissen, ehe er sich wieder an die Wand lehnte und die Augen schloss. Er war furchtbar erschöpft, obwohl er den ganzen Tag nichts tat, außer hier zu sitzen und darauf zu warten, dass irgendetwas passierte. Vielleicht war es ja genau das, was ihn so müde machte? Er verneinte die Frage innerlich. Eva schien überhaupt nicht müde zu sein. Ganz im Gegenteil: Die blonde Frau war hochkonzentriert und kein Geräusch konnte ihren Ohren entgehen. Sie wolle sich wohl nicht noch einmal so überraschen lassen, wie am Morgen.

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