Kalter Schnee, heißes Blut

  • Semirs Augen weiteten sich. Aus dem Nichts war Veikko einfach in sich zusammengefallen. Er hörte Tonteri unter sich lachen und drückte den Mann stärker zu Boden. Veikko hatte den Typen am Bein einen Streifschuss verpasst, das war jetzt sein Vorteil. Er wandte sich um, sah ein Auto, was auf der Motorhaube zerbeult war. Die Bremsgeräusche, das Hupen. Er hatte den Ursprung nicht sehen können, da eine Häuserecke ihm den Weg versperrt hatte, doch nun schienen sich die Puzzleteile zu einem Ganzen zusammenzufügen. Sorge stieg in ihm auf. Eine Frau hatte sich über den jungen Finnen gebeugt, ihn sanft geschüttelt, ohne eine Reaktion zu erhalten. „Geben Sie mir die Handschellen!“, schrie Semir sie an. Sie blickte auf, schaute ihn verwirrt an und wandte ihren Kopf wieder zu dem Verletzten. Semir überlegte fieberhaft. „I’m from the police. The handcuffs, please…i need the handcuffs“, versuchte er es nun auf Englisch. Endlich schien die Frau zu begreifen und reichte ihm, was er verlangte. Mit einem klicken, machte Semir den Mann um einen Laternenmast fest und hastete zu Veikko rüber. Er warf sich neben dem leblosen Körper auf die Knie und versetze ihm leichte Schläge gegen die Wangen. „Komm schon Veikko, wach bitte auf.“ Seine Finger fühlten den Puls und dem angstvollen Blick, wich Erleichterung. Er rüttelte ihn sanft. „Veikko Henrik Lindstöm, wach endlich wieder auf!“ Nach einigen Sekunden vernahm er ein leises Stöhnen und Veikko schlug die Augen auf. „Ich hab ganz kurz die Sterne gesehen“, brummte er und Semir lächelte. „Das habe ich gemerkt. Wie geht es dir?“ Erst jetzt fielen dem Deutschtürken die zahlreichen Schürfwunden unter Veikkos zerrissenem Pullover auf. Der Schwarzhaarige wollte sich aufrichten, ließ es jedoch bleiben, als Schmerzen sich erneut ihren Weg durch seinen Körper bahnten. „Ich glaube, meine Rippen haben was abbekommen“, stieß er keuchend hervor. „Ich kann kaum atmen….“ Er drückte seine Hand auf seine Seite, als könne er damit den Schmerz Einhalt gebieten. „Scheiße“, nuschelte er leise und schloss die Augen, „mein Kopf platzt.“


    Semir zog sein Handy aus seiner Tasche und wählte eilig Anttis Nummer. Er brauchte ihn jetzt hier. Veikko musste dringend in ein Krankenhaus und irgendeiner musste sich um Tonteri kümmern. „Ja Antti…Semir hier“, meldete er sich und erkläre seinem Gesprächspartner kurz war vorgefallen war. Er konnte hören, dass Antti sich bei den Worten ‚Veikko wurde angefahren‘ in Bewegung setzte und zu seinem Auto hastete. Nur wenige Minuten später hielt der blaue Audi einige Meter von ihnen entfernt. Semir hatte es inzwischen geschafft den jungen Finnen von der Straße zu bugsieren. Er war kreidebleich und hatte die Augen geschlossen. Antti kam auf sie zugehastet. „Verdammt Veikko, was machst du für einen Scheiß“, schimpfe er und kniete sich zu seinem Partner runter. „Ich habe einen Krankenwagen gerufen. Er kommt gleich…ich habe dir ja gesagt deine komische Sportart bringt dich noch einmal um.“ Semir sah ihn fragend an. „Du glaubst doch wohl nicht, dass wir eine solche Verbrecherverfolgung in der Ausbildung lernen. Freerunning nennt sich der Spaß.“ Veikko öffnete die Augen und zog die Luft scharf ein. „Ohne den Spaß, hätten wir sicher Tonteri nicht bekommen…und außerdem habe ich das Auto einfach übersehen, das Eine hatte mit dem anderen nichts zu tun“, presste er leise hervor und zog sich in die sitzende Position, wobei er mit einem Arm seine Rippengegend fest umklammerte. „Ihr solltet ihn euch vorknöpfen. Ich…komme hier schon irgendwie klar…“ „Veikko, beim besten Willen“, begann Antti, doch der junge Kommissar fuhr ihm dazwischen. „Nein. Ben und Eva zu finden hat Priorität. Ich bin jawohl alt genug, um auf einen Krankenwagen zu warten. Es ist okay, Antti, ich habe wirklich nicht viel abgekommen.“ Antti fuhr sich nachdenklich über das Kinn. „Gut, wie du meinst. Wir werden uns Tonteri vornehmen. Aber ich warne dich, wenn du nur einen Moment daran glaubst, gegen die Anweisung des Arztes zu handeln, dann lernst du mich kennen.“ „Jaja, Papa. Ich werde brav machen, was die Leute mir sagen.“



    Hugo Tonteri saß regungslos da, starrte auf einen Punkt an der Wand. Antti, Semir und Kasper betrachteten ihn durch die Spiegelscheibe. Tonteri war bereits zwei Stunden alleine in dem Raum. Sein einziger Besuch war ein Doktor gewesen, der sich die Wunde am Bein angesehen war. Schließlich atmete Antti tief durch und betrat das Zimmer. Er ging um den Tisch herum und setze sich auf den gegenüberliegenden Stuhl.
    „Wo sind sie?“ fragte er ohne Umschweife.
    „Warum sollte ich Ihnen das sagen?“, gab Tonteri die Gegenfrage.
    „Das Spiel ist aus. Sehen Sie das doch ein. Wo haben Sie Herrn Jäger und Frau Häkkinen versteckt?“
    Tonteri starrte weiter auf den Punkt an der Wand. Antti lehnte sich in seinem Stuhl zurück, betrachtete den Mann vor sich. „Noch gibt es für Sie einen Ausweg Tonteri, wenn Sie uns jetzt helfen, dann könnte sich das positiv auf ihr Strafmaß auswirken.“
    Hugo Tonteri erstarrte, löste seinen Blick von der Wand und sah Antti direkt in die Augen. „Wie geht es ihrem kleinen Kollegen. Er hat wohl nicht aufgepasst, als man ihm im Kindergarten beigebracht hat, wie man eine Straße überquert.“
    „Hören Sie Tonteri. Sie kommen hier nicht raus, also hören Sie auf zu spielen. Sagen sie mir einfach, wo ich Herrn Jäger und Frau Häkkinen finde“, sagte Antti nun mit mehr Nachdruck.
    „Man soll niemals nie sagen.“
    „Wie?“
    „Sie haben mich schon verstanden, Herr Heikkinen“, murmelte Tonteri und sah jetzt wieder auf die Wand.
    „Ich möchte Edvin sprechen.“
    „Wir sind hier nicht bei wünsch dir was.“
    „Sie wollen ihre Kollegen finden. Holen Sie mir Edvin her.“


    Antti erhob sich aus seinem Stuhl und bewegte sich zur Tür. „Gut ich werde sehen, was ich machen kann“, sagte er, ohne sich zu Tonteri umzusehen. Als er vor die Tür getreten war, erwarteten ihn Kasper und Semir. „Du willst ihm doch wohl nicht geben, was er verlangt“, fragte der deutsche Kollege und betrachtete den Verdächtigen durch das Spiegelfenster. Tonteri grinste selbstsicher in sich hinein. „Was soll ich deiner Meinung machen? Vielleicht kann Solheim ihn zum Reden bringen. Ein Versuch ist es wert, ich werde ihn herbestellen.“ Er machte eine Pause. „Habt ihr was von Veikko gehört?“ Seine Gesprächspartner schüttelten den Kopf.


    „Sie haben mehrere Rippenprellungen, Schürfwunden und Hämatome am ganzen Körper und eine Gehirnerschütterung“, erklärte der Arzt. „Na dann kann ich ja jetzt gehen.“ Er setzte sich auf und sofort geriet seine Welt erneut in Schieflage. Ihm wurde übel und weiße Lichtpunkte tanzten vor seinen Augen. „Wohl eher nicht“, sagte der Arzt und legte seine Finger um seinen Arm. „Ich würde Sie gerne zur Beobachtung hierbehalten. Zumindest für eine Nacht.“ Er schüttelte den Kopf, bereute es jedoch sofort, als ein stechender Schmerz in sein Gehirn huschte. „Das kommt überhaupt nicht in Frage!“, protestierte er. „Herr Lindström, es ist nur zu ihrem Besten“, versuchte es der Arzt erneut. „Geben Sie mir einfach irgendwas gegen diese verdammten Schmerzen, aber ich werde nicht hierbleiben. Das ist unnötig!“ Der Mann gegenüber von ihm seufzte. „Gut, ich werde Ihrer Entlassung unter der Bedingung zustimmen, dass jemand in den nächsten zwölf Stunden bei Ihnen ist.“ „Jaja ich werde keine Minute unbeobachtet sein“, schimpfte er leise und verfolgte, wie der Arzt eine Notiz in seiner Akte machte. Er reichte ihm ein Rezept. „Ich habe ihnen ein Schmerzmittel aufgeschrieben. Sie werden es brauchen, mit Rippenprellungen ist nicht zu spaßen. Selbst die kleinste Atembewegung wird ihnen die nächsten Wochen Schmerzen bereiten.“ Veikko nickte genervt. Der Mann lächelte ihn an. Ein überlegenes Lächeln, was nichts Gutes verhieß. „Und ich bitte Sie, lassen Sie den Sport weg, bis die Schmerzen komplett nachgelassen haben.“


    „Hugo.“ Edvin Solheim setzte sich gegenüber von seinem ehemaligen Freund. „Was willst du?“
    Tonteri trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. „Ich habe gesehen, wie du immer wieder bei diesem Hansen warst“, sagte er.
    Solheim zuckte mit den Schultern. „Du hast ihn erschießen wollen, Hugo und nun hast du seine Frau und Herrn Jäger in deiner Gewalt. Sag uns, wo wir Sie finden werden. Es ist nur zu deinem Besten.“
    „Ich will Hansen und ihr bekommt die Beiden.“
    „Du weißt, dass wir auf diesen Deal nicht eingehen werden“, antwortete Solheim und Tonteri lachte. „Ihr solltet auf diesen Deal eingehen.“
    Solheim verschränkte die Arme vor der Brust. „Du lässt dein Handeln von deiner Rache vernebeln“, begann er. „Ich habe das auch gemacht und daher nicht gesehen, dass Mikael Häkkinen keinesfalls-“
    „Hansen“, unterbrach ihn sein Gegenüber sofort. „Er heißt Hansen.“
    „Dass Mikael Häkkinen keinesfalls an der Abhängigkeit meines Sohnes verantwortlich ist“, fuhr der Kommissar fort, ohne die Korrektur zu beachten.
    „Wie hat er dich rumgekriegt?“, schimpfte Tonteri leise.
    „Das warst du, als du auf den Jungen geschossen hast. Du hättest ihn fast umgebracht!“Der Verhaftete lachte auf.
    „Das ist das Problem – fast.“
    „Hugo, wo hast du seine Frau und Herrn Jäger versteckt?“
    Tonteri blieb stumm, starrte wieder gegen die Wand. „Hugo“, sagte Solheim nun erneut. „Du solltest endlich kooperieren, du wirst so oder so hinter Gitter landen. Du hast schon so viele Menschen auf dem Gewissen.“
    Der Mann sah ihn wieder an. „Wie viele sind heute im Park gestorben? Sag es mir.“ Seine Augen leuchteten.
    „Darüber werde ich dir keine Auskunft geben“, sagte Solheim.
    „Also einige. Ich sage dir Edvin, ich werde diese Stadt reinigen. Bald werden die Drogen hier ausgerottet sein! Diejenigen, die den Verfall dieser Stadt zugelassen haben, bestraft sein!“
    „DU wirst überhaupt nichts, denn du wirst Helsinki für die nächsten Jahre nicht mehr sehen!“
    Tonteri rollte mit den Augen. „Das glaubst du? Ich denke, dass ich schon sehr bald wieder rauskommen werde.“


    Veeti Kinnunen sah, wie ein junger Mann über den Vorplatz des Präsidiums schritt. Sein Opfer lief langsam und bedacht. Er hatte gesehen, wie das Auto ihn umgenietet hatte, als er Hugo verfolgt hatte. Vermutlich bereitete ihm das Gehen Schmerzen. Dummerweise hatte er da seine Waffe im Auto liegen gelassen, so dass ihm keine andere Wahl blieb, als sich im Hintergrund zu halten und nun ihren ursprünglichen Plan zu ändern. Seine Anspannung wuchs und er streichelte über seine Waffe. Er atmete tief durch und trat aus dem Schatten des Baumes. Er entsicherte seine Schusswaffe. Es war Zeit, dass er Tonteri aus den Fängen der Polizei befreite.


    Die Waffe schien aus dem Nichts zu erscheinen, ihr kalter Lauf presste sich in seine Seite und er stöhnte leise auf, als seinen Körper eine Schmerzwelle erfasste. Jemand zog seinen Kopf an den Haaren nach hinten. Eine heisere Stimme flüsterte: „Guten Tag, Herr Lindström. Es tut mir leid, aber Sie sind jetzt Hugos Fahrkarte nach draußen.“ Die Stimme wurde lauter und richtete sich nun an zwei Uniformierte, die vor ihm gelaufen waren und nun hektisch ihre Waffen gezogen hatten. „Runter damit oder ich werde ihren Kollegen auf der Stelle erschießen!“ „Hören Sie, Sie sind nicht dumm“, versuchte Veikko den Mann zu beruhigen. „Sie wissen, dass sie hier nicht wegkommen werden.“ Der Lauf der Waffe bohrte sich tiefer in sein Fleisch und er musste sich Mühe geben, nicht erneut vor Schmerzen aufzuheulen. ‚Gott muss mich hassen. Was für ein Scheißtag!‘, dachte er bei sich. Der Mann hinter ihm lachte leise. „Lass das mal meine Sorge sein“, zischte er, ehe er sein Wort wieder an die beiden Uniformierten richtete. „Ich sag es ein letztes Mal: Runter mit den Waffen!“ Die beiden Männer vor ihm ließen die Waffe verschüchtert auf den Boden gleiten und entfernten sich einige Meter.


    „Antti“, Eetu Karjanen kam in den Vorraum des Vehörzimmers gerannt. Er stützte beide Hände auf seine Knie ab und rang schwer japsend nach Luft. „…Veikko er, er…“, Eetu schnaufte einige Male schwer, „…jemand hat ihn vor dem Präsidium als Geisel genommen. Er ruft nach dir!“ Sobald der junge Kollege die Worte ausgesprochen hatte, entglitten dem Kommissar alle Gesichtszüge. Er rannte in den Konferenzraum, dessen Fenster zum Vorplatz gingen. Dicht hinter ihm hörte er Kasper mit Semir reden. Er vermutete, dass Eetu in seiner Panik Finnisch gesprochen hatte und Semir keine Ahnung hatte, was hier vorging. Er selbst hatte nicht darauf geachtet, in welcher Sprache der junge Kollege sie angesprochen hatte. Für ihn war es egal. „Fuck“, entfuhr es Antti. Dort stand ein großgewachsener, kräftiger Mann mit einer Waffe, die er in Veikkos Seite bohrte. „Antti Heikkinen, ich habe ihren Partner. Kommen Sie und ich stelle meine Forderungen“, hörte er den Mann immer wieder schreien. Er hörte Schritte hinter sich. „Was geht hier vor, Antti“, ertönte es nach wenigen Augenblicken. Rautianen stand hinter ihm. „Ich weiß es nicht…ich habe gerade erst davon erfahren.“ Er drehte sich vom Fenster weg und hechtete zum Fahrstuhl. „Kasper, ich vertraue darauf, dass du hier oben das Kommando übernimmst.“ Semir sah nervös durch das Fenster. Veikko war im Schwitzkasten dieses Mannes. Er vermutete, dass es der Komplize von Tonteri war. Sein Aussehen passte zu den Daten, die der junge Kommissar ihm am morgen noch gegeben hatte. „Er wird verlangen, dass wir Hugo Tonteri gehen lassen“, murmelte Kasper neben ihm und machte damit deutlich, dass er exakt das Gleiche dachte, wie Semir. Er stützte den Arm gegen den Fensterrahmen und stöhnte auf. „Was für eine Kacke!“ Der Deutschtürke verfolgte, wie Antti an den Mann herantrat und etwas zu ihm sagte. Kurz darauf rammte der Mann seine Waffe Veikko kraftvoll in die Seite. Er hörte den Schrei, der aus der Kehle des jungen Kommissars entwich. Veikko war auf die Knie zusammengesunken, drückte seinen Arm um seine Rippen. Der Geiselnehmer hatte ihn kurz danach wieder an den Haaren nach oben gerissen, hielt ihm die Waffe an die Schläfe und schrie etwas in Anttis Richtung. So laut, dass wohl das ganze Präsidium mithören konnte. „Was sagt er?“, fragte Semir in den Raum, mit der Hoffnung, dass ihm irgendwer antworten würde. „Er sagt, dass wir zehn Minuten haben Tonteri gehen zu lassen, ansonsten könne er für das Leben von Veikko nicht garantieren“, antworte ihm Kasper mit tonloser Stimme. Semir nickte und verfolgte, wie Antti einige Schritte zurück ging und sein Handy ans Ohr drückte. Dem Deutschtürken war klar, dass Antti der Forderung nachkommen würde, aber ihm war auch klar, dass die Leute über ihm es nicht zulassen würden. „Mäkinen wird seiner Bitte nicht nachkommen“, murmelte Kasper leise. „Wir sind am Arsch.“

  • Schmerzen rasten wie zuckende Blitze durch seinen Körper. Er verfluchte sich dafür, dass er das Schmerzmittel aus der Apotheke nicht früher genommen hatte, denn die Tablette aus dem Krankenhaus begann nach und nach seiner Wirkung zu verlieren. Seine Augen fixieren Antti, der aufgeregt telefonierte. Die Mimik seines Partners verriet ihm, dass das Gespräch nicht die gewünschte Richtung nahm. Aus dem Augenwinkel sah er, wie die Fenster des Präsidiums sich füllten. Er begann innerlich zu hoffen, dass keiner seiner Kollegen auf die Idee kam, den großen Retter zu spielen und auf den Geiselnehmer schoss. „Was ist Heikkinen. Du hast noch fünf Minuten und alles was du tust, ist telefonieren! Hol endlich Hugo her!“, fauchte der Mann und Veikko spürte wie der Druck der Waffe gegen seine Schläfe größer wurde. Antti steckte sein Handy ein. „Sie haben doch keine Chance. Sie sind von Polizisten umzingelt. Lassen sie meinen Kollegen gehen. Das wird ihnen helfen vor dem Richter.“ Der Mann lachte. „Welchem Richter!? Ich werde die nächste Zeit keinen Richter sehen!!!“ Er schlug Veikko mit dem Griff der Pistole abermals in die Seite und er sacke zusammen. „Erschieß mich doch, du Dreckskerl“, stieß der junge Kommissar trotz der Schmerzen wütend hervor. „Ist immer noch besser, als wenn dein Scheißfreund hier wieder raus kommt!“ Veikko hatte gehofft, dass er den Mann ablenken konnte, dass die Polizisten um sie herum nun die Gelegenheit bekämen, den Geiselnehmer zu überwältigen, doch der hatte seine Waffe bereits wieder auf ihn gerichtet. „Keine Bewegung. Der nächste, der mir zu nahe kommt wird das mit seinem Leben bezahlen!“ Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, gab er dem am Boden liegenden noch einen Tritt in die Seite. Veikko unterdrückte einen Schmerzschrei und keuchte. ‚Verdammt, wie konnte alleine das Atmen nur so scheiß Schmerzen verursachen?‘ Ehe er seiner Schmerzen Herr werden konnte, zog ihn der Mann abermals nach oben, drückte seinen Körper schützend vor sich. „Also Heikkinen, was ist nun?! Ich möchte, dass du mir Hugo bringst.“


    „Sie wissen, dass das nicht in meiner Macht steht“, sagte Antti beruhigend. „Willst du mich verarschen Heikkinen? Geh einfach hoch, hole ihn aus deinem Verhörraum und bringe ihn mir. Mir ist doch Scheißegal was dein Boss dazu sagt. Du willst den Kleinen hier retten, dann mache es! Jetzt hast du nur noch drei Minuten.“ Antti griff abermals nach seinem Handy. „Er wird gleich kommen. Bleiben Sie ruhig“, sagte er schließlich und steckte das Gerät wieder ein. „Das hoffe ich für Sie“, schnaubte der Geiselnehmer und strich mit dem Lauf der Waffe über Veikkos Wange. Es dauerte nicht lange und Solheim tauchte mit Tonteri am Eingang des Präsidiums auf. „Lass den Kollegen gehen und du bekommst Tonteri“, begann Antti, doch der Mann vor ihm schüttelte den Kopf. „Ich bin es, der hier die Regeln macht. Lass ihn los Edvin und ihr bekommt den Jungen unversehrt zurück.“ Solheim schüttelte den Kopf. „Das werde ich nicht machen Veeti!“


    Veikko spürte, wie der Mann bei Solheims Worten die Waffe kräftiger gegen seinen Kopf drückte. Aus dem Augenwinkel sah er, wie er die Hand in die Manteltasche steckte. Er spielte mit etwas herum. Verzweifelt versuchte er zu erkennen, was es war. Ein Autoschlüssel. Nein. Eine Fernbedienung? Nein. Aber etwas ähnliches. Etwas was dem Nahe kam. Dann plötzlich wurde es ihm klar. Veeti Kinnunen, Putzfirma, Agil Helsinki. Die sind für das Präsidium zuständig. Die Selbstsicherheit, dass er umringt von Polizei entkommen würde. Veikkos Augen weiteten sich. „Er hat eine Bombe, Antti!“, schrie er und zum ersten Mal sorgte das Adrenalin dafür, dass er seine Schmerzen für einen kurzen Moment vergessen konnte. „Er hat eine Bombe im Präsidium!“ Kinnunen hielt ihm die Hand vor den Mund. „Du kleiner Mistbulle, wirst doch unsere Überraschung nicht versauen wollen“, zischte er und wenig später knallte ein Schuss durch die Luft. Er hörte Solheim aufschreien, sah wie Tonteri sich losriss, zu ihnen rüber lief. Ein Knall, Scheiben zersprangen nach allen Seiten hin. Ein dumpfer Schlag auf seinen Hinterkopf. Seine Beine ließen unter ihm nach und er fiel zu Boden.


    *


    Der laute Knall lähmte Semir für einige Sekunden. Dichter Rauch stieg hinter ihm aus. Glassplitter flogen über ihn hinweg. „Bist du okay?“, fragte Kasper, der sich nur wenige Meter von ihm entfernt auf den Boden geworfen hatte. Er nickte. „Ich denke schon.“ Der Finne zog sich hoch. „Komm wir müssen hier raus.“ Semir spürte den beißenden Rauch in seinen Lungen. Obwohl seine Ohren noch von der Explosion dröhnten, konnte er Schreie hören. Stimmen und schnelle Schritte. Er wollte sich nicht ausmalen, wie es ihm und Kasper ergangen wäre, wenn Veikko nicht geschrien hätte. Kasper hatte ihn mit sich gerissen, war in Richtung Treppenhaus gerannt und erst als es hinter ihnen geknallt hatte, war dem deutschen Kommissar klar gewesen, was genau Veikko geschrien hatte.


    Semir musste husten. Der Rauch brannte fürchterlich in seinen Lungen. Er wollte einen Augenblick stehen bleiben, doch Kasper griff nach seinem Arm und zog ihn weiter. „Wir können jetzt nicht verschnaufen, wir müssen hier raus und das schnell!“ Weiter vorne hörte er Leute auf Finnisch etwas sagen. Er meinte Eetu und die tiefe Stimme von diesem Rautianen ausmachen zu können. Noch fünf Treppen lagen vor ihm. Es folgten weitere kleine Explosionen. Menschen stießen und schoben sich nach unten. Man könnte meinen die Polizei würde mit einem solchen Notfall umgehen können, doch dem schien wohl nicht so. Schreien, Donnern halten durch das Betongemäuer. Kasper japste vor ihm nach Luft, hielt sich müheselig an der Wand fest. Drohte in sich zusammenzusacken. Semir zog ihn wieder nach oben und der Finne flüsterte einen leisen Dank. Noch drei Treppen. Kasper verlor abermals den Halt und Semir zog ihn über seine Schultern. Der dichte Rauch machte es fast unmöglich irgendetwas zu erkennen. Er tastete sich blind nach vorne. Seine Augen tränten von dem Rauch. Seine Lungen brannten fürchterlich und seine Sicht verschwamm immer mehr. Er hörte Sirenen heulen, oder er bildete es sich ein. Er war sich nicht mehr sicher. Seine einzige Konzentration lag darauf, dass er Kasper nicht verlor. Der junge Kollege wurde immer schwerer. Noch zwei Treppen. „Los, los Kasper. Wir schaffen das“, feuerte Semir mehr sich als den bewusstlosen Kollegen an. Zischen drang aus einem Büro neben ihm. Er wurde schneller. Bald würden sie es geschafft haben. Noch eine Treppe. Seine Augen weiteten sich. Ein dichtes Feuer versperrte ihnen den Weg. Ein Uniformierter schrie ihm von oben etwas zu, doch er verstand ihn nicht. „Please, help…i don’t speak finnish“, krächzte er hervor. „There is a window in the left room, you need to jump!“, schrie er der Mann nun und hielt sich danach wieder schützend den Arm vor das Gesicht. Semir zog Kasper leicht nach oben und folgte dem Mann. Er blickte aus dem Fenster und rüttelte Kasper. „Du musst aufwachen Junge. Du musst springen. Bitte, so schaffen wir das unmöglich!“ Der Finne hob die Lider ein Stück. „Hast du mich verstanden Kasper. Wir müssen springen!“ „Hmm.“ Er wollte die Augen wieder schließen, doch Semir rüttelte ihn erneut. „Nicht einschlafen, hörst du. Wir müssen da runter. Es ist unsere einzige Chance.“ Er vernahm ein seichtes Nicken und bugsierte den Mann zum Fenster. „Okay, du springst als erstes, ich folge dir!“ Semir verfolgte, wie sein Kollege wackelig auf dem Boden landete und tat es ihm nach. Er landete mit beiden Füßen, richte sich sofort auf, zog Kasper erneut nach oben und schleppte ihn einige Meter weiter, bis er sicher war, dass sie weit genug vom Gebäude entfernt waren. Kasper sackte neben ihm zusammen und übergab sich. Er fiel neben ihm auf die Knie. Er hustete, schnappte nach Luft. Er hoffte einfach darauf, dass irgendwer auf sie aufmerksam werden würde.


    „Gott sei Dank. Ihr lebt!“ Semir hob den Kopf, als er eine bekannte Stimme vernahm. Antti kam auf sie zugerannt. Der Deutschtürke hustete einige Male und richtete seinen Blick auf das Gebäude hinter ihnen. Aus den Fenster drang Rauch und Feuer, der Vorplatz war mit Scherben übersät. „Ihr solltet in ein Krankenhaus. Die nächsten Wagen kommen gleich“, sagte Antti. Semir richtete sich unter Kraftaufwand auf und schüttelte den Kopf. „Nein…es-es geht schon. Was ist mit Tonteri?“ Der stämmige Finne sah zur Erde. „Er ist entkommen. Kinnunen hat auf Solheim geschossen, in am Arm getroffen und er hat ihn aus Reflex losgelassen. Der ganze Plan sie beide zu bekommen war spätestens dann hinüber, als es geknallt hat.“ Antti betrachtete Kasper, der sich erneut in das Gras erbrochen hatte. „Sei wenigstens du vernünftig und fahre ins Krankenhaus.“ Der junge Finne sah ihn an. „Was? Nein, ein bisschen Sauerstoff und dann geht es schon wieder. Es gibt Kollegen, die müssen sicherlich dringender versorgt werden.“ Antti nickte nachdenklich. „Okay, wie ihr meint.“ Semir machte einige wackelige Schritte, um sich weiter von dem Gebäude zu entfernen. Erst jetzt merkte er, wie jemand fehlte. „Was-was ist mit Veikko?“, fragte er ängstlich. „Er hat eins von Kinnunen auf die Rübe bekommen, aber es geht ihm gut. Er sitzt dahinten.“ Antti zeigte auf eine Treppe etwas weiter entfernt. Semir atmete erleichtert auf und setzte seinen Weg fort. Auf dem Vorplatz herrschte Chaos. Gleich mehrere Feuerwehrwagen standen auf der großen Hauptstraße. Krankenwagensirenen hallten durch die Nachmittagsluft. Leute schrien um Hilfe, andere weinten. Semir hatte für einen kurzen Augenblick darüber nachgedacht, wieder umzukehren. Er wollte helfen, doch Antti hatte diesen Gedanken in den Wind geschossen. Er würde nichts ausrichten können in seinem derzeitigen Zustand, hatte er gesagt. Er sollte sich zu Veikko setzen. Er würde sich jetzt um alles kümmern.


    „Auch auf’s Abstellgleis gestellt worden?“, fragte Veikko leise, als Semir und Kasper sich auf der Stufe neben ihm niederließen. Er lachte sarkastisch auf. „Ich hätte auf den Scheiß Arzt hören sollen, als er sagte, ich sollte eine Nacht im Krankenhaus bleiben. Was für ein verdammter Scheißtag!“ Kasper nahm eine Schachtel aus seiner Hosentasche, zog eine Zigarette heraus und nahm einen tiefen Zug. „Ist das dein ernst?“, murmelte Semir mit hochgezogener Augenbraue. „Hattest du heute nicht schon genug Rauch in deinen Lungen?“ Mit zittriger Hand nahm Kasper den nächsten Zug. „Ich muss mich beruhigen … mir ist gerade mein ganzes Büro um die Ohren geflogen …“, schimpfte er leise. „Was hat der Arzt überhaupt gesagt?“, fragte Kasper nun in Richtung Veikko. „Rippenprellungen, ein paar Schürfwunden und es wird wohl einige blaue Flecke geben. Eine leichte Gehirnerschütterung…“, er machte eine Pause, „vielleicht ist sie jetzt etwas schwerer, nachdem mir dieser Typ seine Waffe über den Schädel gezogen hat.“


    Es hatte fast zwei Stunden gedauert, bis sich das erste Chaos gelegt hatte. Die vier Kommissare standen nebeneinander und blickten auf den Hochhauskomplex vor sich. Blut hatte den Schnee um sie herum an vielen Stellen rosarot gefärbt. Rauch quoll noch immer aus den zerbrochenen Fenstern. „Sieben Kollegen haben es nicht geschafft“, nuschelte Veikko leise. „Mit Leif Bøtkernaar habe ich immer Fußball gespielt. Jeden zweiten Freitagabend.“ Semir sah aus dem Augenwinkel, wie Tränen über die Wangen des Jüngsten aus ihrer Truppe rannen. „Du hast viele Kollegen vor dem Tod bewahrt Veikko“, ertönte Anttis raue Stimme. „Hättest du nicht geschrien, wären viele noch in ihren Büros gewesen und von den Explosionen erfasst worden.“ „Ich hätte früher darauf kommen sollen…schon als wir Kinnunens Identität hatten. Ich hätte wissen sollen, dass die Reinigungsfirma des Präsidiums ist.“ Veikko zog die Nase hoch und wischte die Tränen mit dem Ärmel ab. „Du bist zu hart zu dir selbst. Das was du herausgefunden hast, hätte niemand aus diesem Gebäude herausgefunden“, versuchte nun auch Semir die Schuldgefühle von dem Kollegen zu nehmen. „Leif hatte Kinder und jetzt-jetzt…“ Er fiel auf die Knie, schlug die Hände vors Gesicht, bekam keinen Ton mehr heraus und weinte. Raue Schluchzer brachen aus ihm heraus, die nur von leisem schmerzvollen Aufstöhnen durchbrochen wurden. Alle anderen standen stumm daneben, überrascht von dem totalen Zusammenbruch des Kollegen. Kasper schien als erstes seine Fassung wiederzuerlangen und kniete sich vor Veikko, drückte ihn an seinen Körper. „Es ist okay, Veikko“, murmelte er leise. „Wir werden das Schwein bekommen und dann wird er hierfür büßen. Du kannst nichts dafür. Du hast alles getan, was in deiner Macht stand.“


    „Bringt ihn nach Hause. Und bitte Antti, sorge dafür, dass die Presse ihn so nicht zu Gesicht bekommt“, sagte eine fünfte Männerstimme, der die Anspannung ebenfalls deutlich anzumerken war. Semir und Antti hoben leicht den Kopf. Vor ihnen stand Rautianen. „Ville“, sagte Antti mit tonloser Stimme. Sein Chef lächelte müde. „Mach schon, bring ihn hier weg. Was glaubst du, wie lange es dauern wird, bis die Aasgeier den genauen Ablauf des Ganzen hier mitbekommen.“ Der Mann vor ihnen machte eine lange Pause, ehe er fortfuhr. „Ruf am besten diesen Hagenström an. Hol ihn zu dir nach Hause und lass ihn irgendwas schreiben, was uns Luft verschafft…“ Antti nickte und zog Veikko sanft nach oben, wobei dem Jüngeren ein qualvolles Stöhnen über die Lippen kam. „Komm Veikko, wir gehen nach Hause.“ Er richtete seinen Blick auf Semir und Kasper. „Ich vertraue darauf, dass ihr den ganzen Mist hier in den Griff bekommt...es wird ohnehin nicht lange dauern und die SUPO wird uns den Fall entziehen. Hier ist immerhin ein Anschlag auf die Polizei verübt worden.“ Kasper gab ihm zu verstehen, dass er seine Anweisungen verstanden hatte und Semir verfolgte, wie der Blonde Veikko durch das Chaos bugsierte.

  • Eva wachte auf, weil sie ein leises Stöhnen hörte. Sie richtete sich vorsichtig auf und legte die Hand auf Bens Stirn. Er war glühend heiß. Der Braunhaarige hatte Fieber, vielleicht hohes Fieber. Schweiß glänzte auf seinem Gesicht. Die Schussverletzung musste sich entzündet haben. Vorsichtig schob sie den Pullover runter. Sofort als sie seine Haut berührte, schrie er leise vor Schmerzen auf. „Es tut mir leid…ich muss die Wunde anschauen“, sagte sie leise er rang sich zu einem Nicken durch. Er zog die Luft scharf durch seine Zähne ein, als sie den notdürftigen Verband löste. Eva schluckte, als sie das volle Ausmaß der Verletzung saß. Sie hatte gehofft, dass es nicht so schlimm war, aber sie hatte sich getäuscht. Die Schulter war angeschwollen, die entzündeten Wundränder klafften auseinander. Vorsichtig drückte sie auf die Wunde, sofort quoll gelblicher Eiter hervor. Ben schrie auf. „Verdammt…“, nuschelte er mit zusammengedrückten Zähnen, „…geht das auch ein bisschen vorsichtiger!“ „Mikael würde sich nicht so anstellen, wie du“, sagte sie schnippisch und setzte die Untersuchung der Wunde fort. Sie konnte sehen, dass Ben damit kämpfte nicht noch einmal loszuschreien, aber der Kommentar über Mikael hatte genau das bewirkt, was sie gewollt hatte. Männer waren doch alle gleich, wollten niemanden unterliegen.


    „Die Wunde hat sich fürchterlich entzündet“, murmelte sie leise, als sie mit ihrer Untersuchung fertig war. „Ich muss sie wieder öffnen, damit der Eiter abfließt und sie dann noch einmal reinigen.“ Seine Augen weiteten sich. „Was? Nein, nein…ich halte das auch so durch.“ Sie lächelte, stand auf und kehrte wenig später mit einer Wasserflasche zurück. „Achja, du willst also riskieren, dass sich Wundbrand entwickelt? Dann kannst du deinen Arm nämlich vergessen.“ Er seufzte. „Scheiße, dann mach halt.“


    Sie atmete tief durch und zog die Wunde etwas auseinander. „Es wird nicht angenehm sein“, merkte sie an und Ben nickte mühselig. Er presste die Zähne aufeinander. ‚Nicht angenehm? DAS WAR DIE HÖLLE!‘, schrie es in seinem Gehirn. Eva betrachtete, wie Ben mit seinen Schmerzen kämpfte. Zu gerne hätte sie ihm diese Prozedur erspart, sie war sich nicht einmal sicher, ob das was sie tat, richtig war. Sie hoffte es. Sie hoffte, dass sie ihm helfen konnte. Zumindest für ein paar Stunden oder Tage. Sie war kein Phantast. Die Wunde musste professionell gereinigt und desinfiziert werden. Das einzige was sie hatte war Wasser. Sie hatte versucht ihre Hände so gut es ging vorher damit zu reinigen, aber die Flüssigkeit war kalt und so würde sie vermutlich wenig gegen die Bakterien helfen. Dazu kam die Tatsache, dass sie keine richtigen Verbände hatte. Das einzige was sie zum Verbinden nutzen konnten, waren die Klamotten, die sie am eigenen Leib trugen.


    Ben zuckte unter ihrem Druck immer wieder zusammen, gab sich jedoch Mühe sein zappeln so gering, wie möglich zu halten. Kalter Schweiß rann seine Stirn herunter, seine fiebrigen Augen starrten sie an. Sie versuchte die Wunde so schnell es ging zu reinigen. Stinkender Eiter und Blut benetzten ihre Haut und Übelkeit stieg in ihr auf. Ihre Hände zitterten, als sie die Wunde mit dem Wasser reinigte. Sie riss ein Stück von Bens T-Shirt ab und legte es als neuen Verband um die Wunde. „Das dürfte fürs erste reichen“, murmelte sie leise. Ben nickte und schloss erschöpft die Augen. „Ich habe leider nichts hier, womit ich die Kugel entfernen könnte. Es wird sicherlich nur für den Moment helfen“, sagte sie und hielt ihm die Flasche Wasser entgegen. „Du solltest etwas trinken, du hast hohes Fieber.“ Er nahm die Flasche dankend an und nahm ein paar Züge, ehe er sie ihr zurückgab. „Wie lange ist es her, seitdem der Typ hier war?“, fragte er. Sie zog die Schultern hoch. „Ich weiß es nicht. Ich würde schätzen ein paar Stunden, aber ich weiß nicht einmal, ob es morgens oder abends ist.“ Eva sah rüber und beobachte, wie Bens Lider sich immer wieder schlossen, ehe er sie wieder weit aufriss. „Du solltest schlafen. Ich werde aufpassen. Ich wecke dich, wenn etwas passiert.“ Er wollte widerrede leisten, gab es jedoch schließlich auf. Er war einfach zu erschöpft, um jetzt noch zu diskutieren. Er nickte stumm und schloss die Augen, um ihn einen unruhigen Schlaf zu sinken.


    *


    Hugo Tonteri begutachtete sein Bein. „Dieser Scheißbulle hat mich erwischt, du hättest ihn abknallen sollen“, schimpfte er. „Wozu? Du bist frei, denen ist ihr Gebäude explodiert, was willst du mehr?“, antwortete Veeti Kinnunen gleichgültig. Tonteri griff nach der Wodka-Flasche auf den Tisch und genehmigte sich einen Schluck. Er lachte leise auf. „Ich wäre zu gerne länger geblieben und hätte mir angesehen, wie sie panisch herum wuseln.“ „Schalte den Fernseher an, ich bin mir sicher, du wirst es dort auf allen Kanälen sehen.“ Er winkte ab. „Das ist überhaupt nicht das gleiche! Wie viele wohl drauf gegangen sind von diesen faulen Polizisten. Das haben sie nun davon, wenn sie so gleichgültig mit diesen Drogendelikten umgehen.“ Tonteri griff nach seinem Handy. „Ich werde der Presse gleich eine hübsche Nachricht senden. Sie warten sicherlich nur auf ein Zitat von mir.“


    Kinnunen rollte die Augen. Er hasste es, wenn Tonteri in seinen Größenwahn verfiel. Eben dieser hatte ihnen doch die Probleme am heutigen Tag eingebracht. Hätte er nicht die Mail an die Journalisten geschrieben, wären die Bullen niemals in dem Park aufgetaucht. „Was ist jetzt eigentlich mit deinem Hansen?“, fragte er schließlich. Tonteris Miene verfinstere sich, Kinnunen hatte sich auf dünnes Eis begeben. „Den bekomme ich schon auch noch.“ „Jaja, was auch immer du mit dem kleinen Bullen willst.“ Tonteri lachte. „Was ich mit ihm will? Rache, was sonst?“ „Und warum dieser Aufstand, warum wartest du nicht etwas und schiebst ihm dann eine Bombe unter, wie allen anderen?“ Er sah den anderen Mann voller Erwartung an. „Ist das nicht klar? Er steht für all die Leute, die unter seinem Vater, diesem Drogenboss, wie nannten die ihn noch gleich in Insiderkreisen…komm helf mir, wie hat Edvin ihn immer genannt?“ „König von Helsinki“, antwortete er ihm. „Genau! Er steht stellvertretend für Hansen Senior. Ich werde ihn an Stelle seines Vaters büßen lassen, denn der kann das ja nun nicht mehr, wo er schon Jahre tot ist!“ Tonteri begann zu lachen, verstummte jedoch, als Kinnunen erneut die Stimme erhob. „Und du hältst ihn für so Dumm?...ich sage dir, dass er nicht auftauchen wird.“ Sein Gesprächspartner nahm erneut einen Schluck aus der Flasche. „Es ist mir egal, dann holst du ihn halt.“ Kinnunen riss ihm die Wodkaflasche aus der Hand. „Achja? Du denkst also, ich bin so dämlich und laufe in ein bewachtes Krankenhauszimmer?“


    „Niete die zwei Bullen davor einfach um….“


    „Und wozu hast du dann die beiden Geiseln, wenn du es von Anfang an, so hättest machen können? Erklär mir das Hugo, denn ich kann deinen wirren Gedanken nicht mehr folgen!“, schrie Kinnunen den Blonden an. Tonteri war wirklich nicht zu verstehen. Manchmal fragte er sich, warum er überhaupt tat, was dieser Typ ihm sagte. Es bedeutete nur Ärger. „Wozu wohl…weißt du was das schlimmste an diesen scheiß Drogen ist. Du musst zusehen, wie die Leute leiden, die dir am wichtigsten sind. Ich werde ihn herholen und leiden lassen…er wird sich wünschen, dass ich ihn erschieße!“ „Wozu hast du den Bullen dann überhaupt vor dem Kristalli über den Haufen geschossen, wenn du jetzt eine so SUPER Idee hast.“ Tonteri sah ihn unschuldig an. „Ist das nicht klar? Die Idee ist mir erst heute gekommen. Als Heikkinen um das Leben seines kleinen süßen Bullen Angst hatte. Ich kann nicht glauben, dass mir so etwas entgangen ist. Das wird einen Spaß machen, ihn beim Leiden zuzusehen!“


    *


    Sie weinte leise in sich hinein, und nur an ihren zuckenden Schultern und an den feuchten Wangen erkannte man, dass sie weinte. Sie hatte alles getan, damit sie Ben helfen konnte und doch fühlte sie sich so klein, so unbedeutend. Sein Fieber war nicht gesunken und er wimmerte neben ihr vor sich hin. Sie wünschte, es wäre nur in ihrer Fantasie, ein schrecklicher Traum, aus dem sie bald erwachen würde. Sie wünschte Mikael wäre hier. Er hatte immer einen Ausweg gekannt. Er hätte die Ruhe bewahrt und wäre nicht in Panik versunken – so wie sie. Sie löste sich aus ihrer Kauerhaltung und legte ihre Hand auf Bens Stirn. Er war weiterhin furchtbar heiß und sie hatte all das Wasser aufgebraucht. Verzweiflung übernahm ihren Körper und sie verfiel in pure Angst. Sie preschte hoch, hämmerte gegen die Tür, trat, brülle, bis sie heißer war und ihre Schreie immer leiser wurden. Doch Tonteri schien sie nicht zuhören oder es interessierte ihn nicht. Erschöpft sank sie zu Boden. „Mikael…wo bist du?“, schluchzte sie leise und hasste sich im gleichen Augenblick dafür. Es war gut, dass er weit weg war. Es war gut, dass er nicht in Gefahr war. Es war verdammt noch einmal ein gutes Zeichen, dass er nicht in diese Falle tappte.


    „Eva?“ Sie schreckte auf und wischte sich hastig die Tränen von den Wangen. Ben hatte sich an der Wand hochgezogen und sah sie mit großen Augen an. „Ich-ich wollte dich nicht wecken“, stammelte sie leise. „Ich…wie geht es dir?“ Er hielt inne und entschied sich schließlich zur Lüge. „Besser, dank dir.“ Sie nickte und zog die Knie an ihren Körper. Ben betrachtete sie stumm. Ihre Augen waren vom Weinen gerötet, ihre Kleidung war voller Blut. Seinem Blut. Er lehnte den Kopf gegen die Wand und konzentrierte sich auf seinen Körper. Ihm war heiß und kalt zugleich. In seinem Kopf begann es in stechenden Intervallen zu hämmern. Schwindel stieg immer wieder in ihm auf. Die Schmerzen machten ihn benommen. Alles in allem waren sie in einer Scheißsituation. Er begann langsam daran zu zweifeln, dass sie Tonteri austricksen konnten. Der Mann muss sich seiner Sache verdammt sicher sein, wenn er niemanden von ihnen gefesselt hatte. Er überlegte fieberhaft, wie lange sie schon hier waren. Einen Tag, zwei oder waren es vielleicht schon drei? Wie dem auch sei, jede verdammte Stunde in diesem Drecksloch war zu viel. Was hielt die anderen nur so lange auf?

  • Mikael sah durch die Fensterscheiben in den Gang des Krankenhauses und beobachtete die Kollegen dabei, wie sie redeten, ehe einer von ihnen den Gang hinunterlief. Vermutlich um Kaffee zu holen. Er drehte den Kopf wieder weg und sah an die Decke. Er spürte, wie die Müdigkeit und Erschöpfung wieder nach ihm griffen und verfluchte den Arzt, dass er ihn ruhig stellte. Er musste doch schon viel mehr Kraft besitzen? Daran konnten nur die Medikamente Schuld sein.


    Er wolle die Augen schließen, als ein bekannter Ton seine Aufmerksamkeit erhaschte. Ein Plopen, wie von einem Sektkorken. Leise und dumpf. Für jeden normalen Menschen nicht aufregendes, für ihn jedoch bedeutete es Gefahr. Er kannte dieses Geräusch nur zu gut. Er dachte zunächst, dass ihm die Medikamente einen Streich spielten, doch dann tauchte ein Fremder in seinem Blickfeld auf. Ohne innezuhalten zog er eine Pistole mit aufgeschraubtem Schalldämpfer, zielte auf die Brust des Kollegen vor der Tür und schoss. Augenblicklich war die Müdigkeit vergessen und er war durch das Adrenalin hellwach. Mikael kämpfte gegen die Medikamente in seinem Kreislauf an und kletterte unbeholfen aus dem Bett und entfernte die Schläuche. Sein Verstand suchte nach einem Ausweg aus der Situation, doch sein Körper reagierte nicht, wie er es wollte. Seine Beine hielten seinem Gewicht nicht stand und er fiel auf den Boden. Er stellte mit erschrecken fest, dass der Mann nur noch wenige Meter von ihm entfernt war. Er war gefangen, hatte keine Waffe und sein Körper wollte einfach nicht arbeiten! Der Mann hielt die Waffe auf ihn gerichtet. „Folgen Sie mir!“, befahl er und zerrte ihn nach oben, presste ihn gegen seinen Körper. Er zog ihn durch das Zimmer, vorbei an dem blutenden Kollegen, raus in den Flur. Der Krankenhausboden fühlte sich kalt an unter den Socken, ab und an kippten seine Beine einfach unter ihm weg, doch der Fremde kannte keine Gnade zog ihn weiter. Sein Blick fiel auf einen weiteren Uniformierten. Auch er lag in einer Blutlache. Übelkeit kroch ihn ihm hoch, als der Fremde ihn hastig durch die rote Pfütze zog. Er machte den Versuch sich zu wehren, doch stellte schnell fest, dass er in seinem derzeitigen Zustand nur eine Marionette war.


    Der Mann riss ihn in das Treppenhaus, zerrte ihn die Treppen herunter. Er verlor den Halt, fiel, wurde wieder hochgezogen. Seine Sicht verschwamm immer mehr, er wollte sich nur noch fallen lassen, doch der Fremde ließ nicht zu, dass er sich erholte. Zog ihn mit sich. Ab und an dachte er Menschen im Nebel zu erkennen, doch niemand hatte den Mut dem Mann entgegenzutreten. Dieser Typ hatte immerhin gerade zwei Beamte der Polizei niedergestreckt. Kälte stieg ihn ihm aus, seine Füße traten in etwas Feuchtes, Nasses. Sie waren draußen. „Komm schon Bulle“, zischte der Unbekannte und führte ihn weg von dem Gebäude. „Du bist eine Millionen wert.“ Mikael verlor abermals den Halt und landete hart auf den Pflasterstein. Der Typ über ihm fluchte und zog ihn wieder auf die Beine, hin zu einem dunklen Jeep. Er öffnete die Tür und schmiss ihn auf die Rücksitzbank. Der Mann setzte sich auf den Fahrersitz und fuhr mit quietschenden Reifen davon. Mikaels Gehirn schaltete irgendwann auf Notbetrieb, er spürte, wie er immer tiefer in die Bewusstlosigkeit getrieben wurde, ehe alles um ihn herum Schwarz war.


    Als er wieder zu sich kam, lag er auf einem kalten Boden. Die Schmerzen hatten ihn geweckt. Seine Schussverletzung pochte und schmerzte gewaltig. Zum ersten Mal nach Tagen wünschte er sich die Beruhigungs- und Schmerzmittel her. „Hansen, schön, dass du zu uns stößt“, höhnte eine Stimme. Er sah auf, blickte in ein verachtendes Grinsen. „Tonteri“, fauchte er und sprang auf, „wo ist meine Frau, wo ist Ben! Was haben Sie mit ihnen gemacht!“ „Na, wir wollten doch nicht wieder eine Kugel erwischen!“ Tonteri hielt ihm den kalten Lauf der Waffe gegen die Stirn. Von einer Sekunde auf die andere erstarrte der Jungkommissar. „Hinsetzen, Hansen!“ Er drückte ihn an der Schulter wieder auf die Erde. „Brav…da ich nun deine Aufmerksamkeit habe. In den letzten Tagen ist mir klar geworden, dass ich kein Interesse daran habe dich zu töten“, er lächelte ihn stumpf an, „zumindest noch nicht.“ „Was zur Hölle wollen Sie!“, knurrte er. Dem Mann entfuhr ein Lachen. „Was ich will? Das hat sich nicht geändert. Rache.“ Die Mündung der Waffe wanderte von seiner Stirn, über die Wange, runter bis zu seiner Brust, rastete auf seinem Herzen. „Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast bei der Polizei zu landen, obwohl du Edvins Sohn umgebracht hast, aber du wirst dafür büßen müssen, Hansen.“ Er drückte den Lauf der Waffe tiefer in seine Haut. „Ich habe Pekka nicht umgebracht! Ich habe ihm nichts-“ Tonteri gab ihn eine schallender Ohrfeige. „Schnauze Hansen!“ „Pekka war bereits vorher abhängig…ich kann nichts dafür, ich habe ihn nicht auf dem Gewissen.“ Tonteri zog ihn mit seiner rechten Hand nach oben und drückte ihn gegen die Wand. „Hörst du schlecht? Schnauze. Genug geplaudert!“ „Sie haben mich, lassen sie Ben und meine Frau gehen. Wenn Sie nur Rache an mir wollen, wozu die beiden behalten?“ Tonteri drückte fester zu und er hasste sich dafür, dass er ihm in seinem derzeitigen Zustand nichts entgegenbringen konnte. Auch wenn die Medikamente größtenteils seinen Blutkreislauf verlassen hatten, wollte sein Körper immer noch nicht seinen Anweisungen folgen. „Was habe ich gesagt? Schnauze!“ „Bitte, wo ist meine Frau…wo ist Ben?“, fragte er erneut. Tonteris Halsschlagader quoll als dicke Linie hervor. „Was ist eigentlich dein Problem Hansen? Warum kannst du nicht für fünf Minuten dein vorlautes Maul halten?“, schrie er laut und umschlang mit der rechten Hand seinen Hals, während die Waffe auf seinen Kopf zielte. „Ich will nur für fünf Minuten reden können, ohne dass du mir dazwischenfunkst!“ Mikael blieb die Luft weg, und die Sinne begannen ihm zu schwinden. „Hast du es jetzt verstanden, Hansen?“ Er nickte und der Griff lockerte sich. Er holte tief Luft und hustete. Unbewusst fuhr seine Hand an die Stelle, wo Tonteri zugegriffen hatte.


    Tonteri lachte. „Habe ich jetzt deine Aufmerksamkeit?!“ Er nickte und lehnte sich unbewusst fester gegen die Wand, um sich aufrecht zu halten. Wenn er schon nichts ausrichten konnte, wolle er immerhin Augenkontakt mit diesem Typen haben. „Gut Hansen. Der Deal deine Frau und diesen deutschen Polizisten laufen zu lassen, ist geplatzt. Du bist nicht gekommen, irgendwann ist auch meine Geduld am Ende.“ Mikaels Blick richtete sich zu Boden. Er wollte diesen Mann nicht sehen lassen, was er fühlte. Ihm nicht zeigen, dass alles was ihn jetzt beherrschte Wut und Verzweiflung war. Tonteri umfasste Mikaels Kiefer und zwang ihn, aufzusehen. „Sieh mich an, wenn ich mit dir rede!“, befahl er. Er wehrte sich gegen den Griff. „Sieh mich an, hab ich gesagt!“ Der Griff wurde stärker, zwang ihn dazu ihn anzusehen. „Vielleicht lasse ich ja deine kleine Prinzessin und den deutschen Polizisten noch gehen.“ Hoffnung keimte in ihm auf, Hoffnung, die zugleich wieder zerschmettert wurde. „Aber noch bin ich mit dir noch nicht fertig, Hansen. Noch brauche ich deine Freunde.“ „Wo sind sie!?“ Tonteri schüttelte den Kopf. „Wann lernst du es denn endlich? Aber gut ich bin kein Unmensch. Warte ein bisschen ab und du wirst sie wiedersehen“, er machte ein Pause, „Gute Nacht, Hansen!“ Er begriff zu spät was Tonteri vorhatte und er Knauf der Waffe landete brutal auf seinem Hinterkopf.


    *


    „Dein Fieber ist glaube ich etwas runtergegangen“, sage Eva und löste ihre Hand wieder von Bens Stirn. Er lächelte. „Das ist dein Verdienst.“ „Wie sieht es mit deiner Schulter aus, wie groß sind die Schmerzen?“ „Es geht schon“, murmelte er leise. „Du lügst.“ Er seufzte. „Wir leben noch, dass ist erst einmal die Hauptsache.“ Sein Blick fiel auf die Wasserflasche am anderen Ende des Raumes. Sie war gefüllt, das war mehr als positiv. Angst bereitete ihm allerdings die Tatsache, dass weder er noch Eva mitbekommen hatten, wie Tonteri sie ausgetauscht hatte. Er betrachtete nachdenklich die junge Frau. Sie hatte die Knie eng an ihren Oberkörper gezogen, die Arme um die Beine gelegt und die Hände in den Ärmeln des Pullis vergraben. Sie fror. Er hatte ihr seine Jacke angeboten, aber sie hatte abgelehnt. „Versprich mir, dass du mir sagst, wenn es dir schlechter gehst?“, durchbrach Eva nach einiger Zeit die aufgekommene Stille. „Natürlich werde ich das.“ Sie lachte in sich hinein. „Natürlich…ein Wort, was Mikael auch so oft benutzt…natürlich sage ich dir, wenn ich Kopfschmerzen haben…natürlich sage ich, wenn es mir nicht gut geht.“ Er sah sie schief an. „Worauf willst du hinaus?“ „Das du es mir nicht sagen wirst. Das du denkst, du bist ein starker Mann und es würde uns nur aufhalten, wenn du mir erzählst, wenn die Schmerzen größer werden.“ Er sah stumm zur Decke. Sie hatte vollkommen Recht. Er hatte nicht vorgehabt ihr zu erzählen, wenn es wieder schlimmer wurde. Sie hatten genug Probleme, womit sie sich rumschlagen mussten und da würde er sich sicherlich nicht von einer kleinen Schussverletzung aufhalten lassen. Sie waren Gefangen, er durfte sich jetzt nicht den Schmerzen hingegeben. Diese Frau war Mikaels Leben. Wenn er sie verlieren würde, dann würde er darüber nicht hinwegkommen. Er musste sie beschützen. Er musste dafür sorgen, dass sie unversehrt hier wieder rauskam.


    Der Schlüssel schob sich ins Schloss und sofort waren beide in Alarmbereitschaft. Die Tür öffnete sich. Eva war von ihrer Position aufgesprungen und stellte sich schützend vor Ben. Das Fieber war zwar etwas gesunken, aber dennoch war er sicherlich nicht in der Lage einen Kampf aufzunehmen. Sie hielt inne, als niemand eintrat und stattdessen eine Person auf die Erde geworfen wurde. Ihre Augen weiteten sich. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein! Beklemmung breitete sich in ihr aus. Ihr Herz begann schneller zu schlagen und sie fiel vor ihm auf den Boden, umklammerte seinen schlaffen Körper. „Nein, bitte nicht“, stieß sie leise auf. „Scheiße, was ist mit ihm, lebt er noch?“, vernahm sie Bens panische Stimme neben sich. Er musste ebenfalls zu Mikael gehechtet sein. Ihre Hand zitterte, als sie sie langsam zum Hals schob und nach einem Puls suchte. Er durfte nicht tot sein. Sie atmete erleichtert auf, als sie seinen Puls fühlen konnte. Tränen flossen über ihre Wangen, sie presste ihn näher an sich. „Eva…er blutet“, murmelte Ben, als er sah, wie sich der Pullover der Finnin mit dem roten Lebenssaft vollsog. Sie hielt ihn erschrocken von sich. Ihr erster Instinkt sorgte dafür, dass sie seinen Pulli hochzog und die operierte Schusswunde betrachtete, dann jedoch merkte sie, dass das Blut von seinem Hinterkopf kam. Er hatte eine Platzwunde. Tonteri schien ihn niedergeschlagen zu haben.


    Er bewegte sich, starrte sie an. „Eva?“ Sie lächelte. „Ich hatte Angst um dich, all das Blut…“, sprach sie. Er schreckte hoch, seine Hand schoss an seinen Hinterkopf, ehe er sie wieder hervorzog und das Blut betrachtete. „Scheiße.“ „Das kannst du laut sagen. Das hier ist nicht gerade ein Fünfsternehotel“, kam es sarkastisch von Ben. Mikael sah auf. Ben war fürchterlich blass, unter seinen Augen waren dunkle Ringe. Seine Anziehsachen waren voller Blut – ebenso Evas. Schuld breitete sich in ihm aus. Es war seine Schuld, dass sie hier waren. „Ich…was hat er gemacht? Das ganze Blut….“ Ben lächelte schwach. „Es ist nur eine kleine Schussverletzung, nichts worum du dir Sorgen mac-“ „Es hat sich fürchterlich entzündet, die Kugel steckt noch drin und er hatte hohes Fieber“, schoss Eva dazwischen. Er funkelte sie sauer an. Musste sie ihm das hier und jetzt auf die Nase binden? Mikael sah ihn lange an, ohne dass er etwas sagte. „Warum sagst du mir nicht die Wahrheit?“, brachte er schließlich heraus. Ben seufzte. „Ist es wirklich das, worum wir uns Sorgen machen müssen? Manchmal frage ich mich, ob du wirklich so intelligent bist, wie du immer tust. Es war eine offensichtliche Falle und du trampelst da ohne nachzudenken rein! Du solltest überhaupt nicht hier sein!“, sagte er mit wütendem Unterton. „Ich bin überhaupt nichts! Da ist ein Typ im Krankenhaus aufgetaucht und hat mich hier her geschleift!“, konterte Mikael und begab sich zur Wand, wo er sich erschöpft fallen ließ. „Es tut mir leid“, nuschelte er leise. Ben sah ihn fragend an. „Was tut dir leid?“ „Ihr seid wegen mir hier, weil ich einen Fehler gemacht habe. Warum müssen immer die Leute, die mir wichtig sind für meine Fehler leiden?“ Seine Hand formte sich zur Faust und knallte gegen den Betonboden. „Wäre ich gekommen, als es gewollt hätte, dann hätte er euch gehen gelassen…“ Ben ließ sich neben ihm fallen. „Das ist totaler Schwachsinn! Er hätte uns nicht gehen lassen und das weißt du auch!“ Eva kniete sich vor Mikael und gab ihm einen sanften Kuss. „Du bist nicht Schuld Schatz, glaub das niemals. Sie werden uns finden. Sie werden uns bald finden.“ Er lachte leise auf. „Sie tappen im Dunkeln, die haben überhaupt keine Ahnung. Antti hat mir das nicht gesagt, aber ich weiß, dass sie nicht wissen, wo wir sind…ich weiß es!“

  • Semirs Blick wolle sich einfach nicht von der großen Blutlache auf dem Krankenhausflur lösen. Sie war wie ein Mahnmal. Ein Mahnmal, dass ihn darin erinnerte, dass sein Partner, dass Ben irgendwo da draußen in den Fängen dieser Wahnsinnigen war. Dass sie sich beeilen mussten, wenn sie ihn noch lebend finden wollen. Hatte Ben überhaupt noch einen Wert für sie, wo sie nun Mikael hatten? Sie hatten mit eigenen Augen gesehen, wozu Tonteri und Kinnunen fähig waren. Mit einem Schaudern erinnerte sich an Vorgestern. Noch immer war ganz Helsinki wegen dieser Sache in heller Aufregung. Alle wollten Antworten, einen Schuldigen und jeder warf den anderen der Presse als Futter vor. Antti hatte alles getan, damit sie etwas herausfanden, doch es gab nichts. Es gab keinen Hinweis, wo sich Kinnunen, geschweigenden Tonteri aufhielt. Sie hatten überhaupt nichts!


    Die Kollegen der Spurensicherung hockten in ihren weißen keimfreien Anzügen am Boden. Bewaffnet mit Pinzette und Plastikbeutel. Auf der Suche nach dem einen kleinen Hinweis. Wie durch Watte vernahm er Veikkos Stimme, die mit jemanden fachsimpelte, den er nicht kannte. Semir vermutete, dass es ein alter Kollege war, immerhin war der junge Finne jahrelang selbst bei der Spurensicherung gewesen. Der Deutschtürke war mehr als froh, dass sich der Kollege langsam wieder fing. Vielleicht war es die Arbeit, die ihn davon abbrachte weiter darüber nachzudenken, ob er am Tod seines Freundes schuldig war. „Es war der Typ, der mich vor dem Präsidium als Geisel genommen hat“, drang es schließlich klarer zu ihm durch und er blickte auf. Veikko stand inzwischen vor ihm. „Woher weißt du das? Wir haben doch die Videos überhaupt nicht gesehen.“ „Die blutigen Abdrücke. Mikael hatte keine Schuhe an, ich schätze er hat Socken getragen. Der andere Abdruck ist Schuhgröße 42. Tonteri hat Schuhgröße 44“, erklärt ihm Veikko. Semir nickte. „Er hat ihnen überhaupt keine Wahl gelassen. Sie konnten nicht einmal ihre Waffe ziehen“, sagte Veikko nachdenklich. Der Kopf des Deutschtürken wanderte wieder zur Blutlache. Einer der Kollegen war tot, der andere wurde derzeit notoperiert. Die Sache rann ihnen immer mehr aus den Fingern. Sie hatten diesen Fall nicht mehr in Griff und er entwickelte sich zu einem Selbstläufer.


    Vor der Klinik hob Antti einen Arm zum Gruß und machte ein paar Schritte auf einen blonden Mann, um die 60 zu. „Jesse“, begrüßte er ihn. Jesse Taskinen war Anttis ehemaliger Vorgesetzter gewesen. Sein Lehrer, sein Mentor und sein Vorbild. Zumindest über viele Jahre hinweg. Ein Mann, der eine beinahe legendäre Quote in Verbrechensaufklärung vorzuweisen hatte. Er hatte die Ermittlungen in diesem Fall übernommen. Das war längst über die Zuständigkeit der Mordkommission hinausgewachsen. „Schreckliche Sache, Antti“, begann der Mann vor ihm und hob seinen Blick auf das Krankenhaus. „Warst du drin?“ Er nickte leicht. „Aber nur kurz…ich…“, seine Stimme stockte. Taskinen begann zu lächeln. „Du hängst an dem kleinen Häkkinen, das ist kein Verbrechen Antti.“ Sein ehemaliger Vorgesetzter schob die Hände in die Tasche, um sich vor der Kälte zu schützen. „Danke, dass du mein Team diese Sache übernehmen lässt. Wir werden etwas finden, ich schwöre dir, wir werden Mikael finden.“ „Das hoffe ich doch. So einen talentierten Kommissar würde man missen.“ Antti zog die Augenbraue hoch. Taskinen sah ihn erstaunt an. „Was Antti, du denkst doch nicht, mir wäre eure Quote entgangen? Ich wollte ihn abwerben, aber wie sagte Häkkinen es so schön: Ich bleibe lieber da, wo meine Familie ist.“ Antti seufzte. „Na dann hoffe ich mal, das seine Familie ihn bei dieser Sache nicht enttäuscht und ihn rechtzeitig findet.“


    *


    Hugo Tonteri stand mit gezückter Waffe vor ihnen. „Prinzessin herkommen!“, schrie er laut. Mikael zog seine Frau instinktiv hinter sich. „Bleib hinter mir Eva. Rühre dich nicht von dort weg.“, raunte er ihr leise, fast unhörbar zu. Tonteris Waffe bewegte sich in Richtung Ben. „Komm schon Prinzessin, oder ich werde unseren Gast aus Deutschland umbringen müssen.“ Sie wollte sich in Bewegung setzen, doch Mikael zog sie zurück. „Sie wollen Rache an mir, ich stehe hier genau vor ihnen. Lassen Sie meine Frau aus dem Spiel.“ Der Mann lachte leise auf. „Ich habe hier das Sagen, Hansen. Also wird’s bald Fräulein!“ Eva sah zu Ben, der kräftig mit dem Kopf schüttelte. „Lass sie in Frieden“, zischte der Braunhaarige. Wieder lachte Tonteri. „Was ist euer Problem? Ich bewundere euren Beschützerinstinkt, aber Prinzessin, du solltest machen was ich dir sage. Ich werde nicht zögern ihn zu erschießen. Du weißt, dass ich nicht zögere!“ Ihre Augen fixierten Ben und sie drückte sanft Mikaels Hand, ehe sie sich in Richtung Tonteri in Bewegung setzte. Mikael umschlang ihre Hand, wolle sie zurückzerren, doch der Geiselnehmer hatte bereits nach ihr gegriffen und zog sie vor sich.


    Er drückte ihr die Pistole an die Schläfe und warf eine andere auf den Boden vor Mikaels Füße. „Heb Sie auf Hansen, oder ich werde sie erschießen!“ Mikael griff danach und überlegte für einen Augenblick einfach auf Tonteri zu schießen, doch dann siegte die Vernunft. Wenn er das machen würde, dann würde er vielleicht Eva treffen. Der Blonde lächelte zufrieden, als er seinem Wunsch nachkam. „Erschieß ihn!“, befahl Tonteri und ließ den Blick auf Ben schweifen. Es dauerte einige Sekunden, bis Ben begriff, was der Mann gerade gesagt hatte. Er wollte, dass Mikael ihn einfach abknallte. Sein Freund sollte auf ihn schießen. Ihn umbringen. „Knall ihn ab, oder ich werde deine süße Frau umbringen…es ist deine Wahl Hansen!“ Wie betäubt richtete Mikael seine Waffe auf ihn. Er sah ihn an, ihre Blicke trafen sich. In seinen Augen sah Ben pure Angst. Etwas was Mikael normalerweise selten zeigte, aber vor allem nicht in Gegenwart eines Schwerverbrechers wie Tonteri. Sein Leben lag in Mikaels Hand. Er hielt den Atem an. Er wollte irgendetwas tun, doch er war nur ein Spielstein in Tonteris verrücktem Spiel. Es war entweder er, oder Eva. Einer von beiden würde sterben. Egal wie, Mikael würde immer eine tödliche Entscheidung treffen. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Es sickerte zu ihm durch, was Tonteri plante. Er wollte sich an Mikael rächen, aber durch sie. Durch ihn und Eva. Er begann innerlich Evas Leben mit seinem abzuwiegen. Sie war der wichtigste Mensch in Mikaels Leben, sie hatte dafür gesorgt, dass er nach Joshuas Tod wieder auf die Beine kam. Sie hatten zwei Kinder zusammen. Rational betrachtet, war sie viel wichtiger. Er hingegen war unbedeutend. Er war ein Freund, aber war er wichtig für diese Welt? Vermutlich würde man ihn schnell vergessen haben. Ben sah es in Mikaels Augen. Er sah, dass er sich gerade genau die gleichen Fragen stellte. Abwog, was er tun sollte. Einen Ausweg aus einer Situation suchte, aus der es keinen Notausgang gab.


    „Knall ihn endlich ab, Hansen“, fauchte Tonteri. „Na los!“


    Mikael spürte das kühle Metall des Abzugs unter seinem Finger. „Zehn“, ertönte Tonteris Stimme. Er stand mit leicht gespreizten Beinen da, die Ellenbogen waren angelegt. „Neun“ Er konnte Eva retten, er musste nur abdrücken. Nein, er brauchte Ben, er brauchte Eva. „Acht.“ Er spürte, wie sich Schweiß auf seiner Haut sammelte. „Sieben.“ Ruhig blieben. Du findest einen Ausweg. „Sechs.“ Seine Hand begann zu zittern, die Waffe schwang vor seinem Augen leicht auf und ab. „Fünf.“ Er könnte auf Tonteri zielen. „Vier.“ Nein. Er würde Eva erschießen, bevor die Kugel in traf. „Drei.“ Wenn die Kugel ihn traf. „Zwei.“ Ben oder Eva, Ben oder Eva. „Eins.“ Er drückte ab.

  • Mikael zog die Waffe im letzten Moment hoch und der Schuss schlug in die Decke des Raumes ein, danach fuhr er blitzschnell herum und presste Tonteri die Waffe gegen die Stirn. „Lass sie gehen, du Arschloch!“, zischte er. Ein Lächeln umspielte Tonteris Mund. „Was denkst du Hansen? Das ich dir mehr als eine Patrone in die Waffe gebe?“ Wut und Frust spiegelte sich in Mikaels Augen wieder. Er drückte ab, obwohl er wusste, dass die Aussage wahr war. Das eintönige Klicken eines toten Magazins war alles, was die Stille des Raumes durchbrach. Tonteri lachte. Es war kein angenehmes Lachen, sondern ein leises, ekelhaftes Lachen. „Du hast dich also gegen deine süße Frau entschieden. Schade, ich hätte gerne noch mehr Spaß mit ihr gehabt“, säuselte der Blonde und drückte seine Waffe härter gegen die Stirn der Frau, die leicht zitterte.


    Ben war von den letzten hektischen Sekunden noch zu perplex, um so zu reagieren, wie er es sich gewünscht hat. Er stand wie angewurzelt auf der gleichen Stelle. Schweiß rann ihm über sein Gesicht. Der Schrecken steckte ihm in seinen Gliedern. Als der Knall ertönte, hatte er auf den Schmerz gewartet. Sich von der Welt verabschiedet. Er hatte fest damit gerechnet, dass Mikael ihn erschießen würde. Er hatte die Entschlossenheit gesehen, als sein Finger den Abzug durchdrückte. Er hatte geglaubt, dass sein Freund sein Leben für weniger wichtiger hielt, als das von Eva – seiner Eva. Er war zu überrascht, um zu verstehen, dass Mikael alles auf eine Karte gesetzt hatte. Er hatte sich gegen Tonteri gestellt und sich verpokert. Nun lag das Leben von Eva in der Hand des Geiselnehmers. Eines skrupellosen Killers. Sein Blick fixierte die Situation an der Tür. Mikael hielt die Waffe weiterhin an Tonteris Kopf, auch wenn klar war, dass es nun keine Drohung darstellte. „Du hast doch nicht geglaubt, ich wäre wirklich so dumm, oder?“, lachte der Bedrohte. Mikael antwortete nicht, doch Ben konnte sehen, wie seine Hand vor Zorn begann zu zittern. „Nehm mich!“, fauchte er schließlich. „Nehm mich…lass meine Frau gehen!“ Bens Blick fiel auf die blonde Frau. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Es tut mir leid Hansen, dieser Deal steht nicht zur Debatte!“, stieß Tonteri verachtend aus.


    Tonteris Blick blieb auf Ben hängen. „Geh einen Schritt zurück Hansen, oder ich werde hier auf der Stelle auch deinen deutschen Freund umbringen!“ Er begann wieder zu lachen. Wie in Trance löste sich Mikaels Griff von der Waffe und sie fiel mit einem leisen klappern zu Boden. Er mache einige Schritte nach hinten, sah zu, wie Tonteri seine Frau aus dem Raum zog. Erst als die Tür sich schloss, schien es zu ihm durchgerungen zu sein, was er gerade vor wenigen Sekunden getan hatte, oder nicht getan hatte. Er sackte auf die Knie und hob die Waffe mit zittrigen Händen auf. „Ich-ich habe Eva umgebracht“, stammelte er leise, „ich habe nicht verhindert, dass er sie mitnimmt.“


    Ben wollte irgendetwas sagen, etwas machen, doch kein Wort ging ihm über den Lippen. Verdammt! Er hatte sich geschworen, diese Frau zu beschützen und jetzt? Er war diesem Mann nicht einmal entgegengetreten. Er hatte ihn gewähren lassen! Seine Hand formte sich zur Faust und knallte schließlich gegen die Wand neben sich.


    *


    Es vergingen einige Stunden, ehe sich die Tür erneut öffnete. Tonteri warf Eva achtlos auf den Boden. „Was denkst du Hansen, wie es ist eine geliebte Person zu verlieren?“ Ehe Tonteri die Worte ausgesprochen hatte, war Mikael bereits zum leblosen Körper seiner Frau gehechtet. Suchte nach einem Lebenszeichen, etwas, was den Worten von Tonteri widersprach. Er wünschte mit ganzer Kraft, sie würde atmen, doch sie tat es nicht. Er sucht ihren Puls, doch er fand ... nichts. Panik und Angst stieg in ihm auf. In seinen Augen bildeten sich Tränen. „Warum hat sie keinen Puls? Ich kann keinen Puls fühlen“, schrie er verzweifelt. „Nein…bitte nicht. Eva…“ Er drückte sie an sich, bedeckte ihr kaltes, schmutziges Gesicht mit Küssen. „Stirb nicht, verlass mich nicht…bitte verlass mich nicht!” Mikael wiegte sie sanft in den Armen, schluchzte und strich immer wieder über ihr blondes Haar. „Eva bitte, ich brauche dich. Du kannst nicht gehen!“


    Bens Gesicht war starr vor Fassungslosigkeit. Sie war tot. Er hatte sie eiskalt ermordet. Bis zuletzt hatte er gehofft, dass Tonteri seine Drohung nicht wahrmachte. Dass es ein Bluff war, wie so oft zuvor, doch er hatte ernst gemacht. „Mikael, ich…“ Ben versuchte irgendetwas zu sagen, doch er wusste nicht was. Er wünschte er könnte ihm helfen. Sein Leid erträglicher machen, aber urplötzlich fühlte er sich hilflos der Situation ausgeliefert.


    „Du hast dich lange genug verabschiedet, Hansen“, ertönte eine Stimme. Tonteri trat näher und baute sich vor dem Finnen auf. Ben versuchte sich zu beherrschen, doch angesichts dieser Situation warf er alles über den Haufen. „Du Schwein! Du hast Eva auf dem Gewissen“, schrie er und drückte den überraschten Tonteri gegen die Mauer. „Du wirst dafür büßen!“ Tonteri lachte siegessicher. „Werde ich das?“ Jemand packte Ben von hinten, riss ihn grob hinunter auf den schmutzigen Boden. „Don’t move!“, schrie eine ihm unbekannte Stimme. Ben wollte herumwirbeln, doch der Druck des Fremden wurde größer. Schmerzen durchzogen seinen Körper. Das Knie des Unbekannten drückte in den Streifschuss in seine Seite, die Hand hatte er grob auf seine Schulter gedrückt. Bens Blick fixierte Mikael. Er wünschte sein Freund wäre fähig einen klaren Gedanken zu fassen. Nichts ließ erkennen, dass er überhaupt mitbekam, dass er sich im Schwitzkasten von diesem Typen befand. Tonteri griff nach Evas toten Körper, doch Mikael stürzte sich schützend über sie. „Nein, bitte! Bitte nehmt sie mir nicht weg!“, schrie er und schirmte sie gegen Tonteri ab. „Bitte nicht! Ich tue alles, aber nehmt mir Eva nicht weg!“ Tonteri stieß ihm mit dem Fuß in die Seite, er stöhnte vor Schmerz, hielt sie aber weiterhin fest. „Du bist erbärmlich!“ Er lachte. Leise, hämisch, gemein. Tonteri packte ihn unter den Armen, riss ihn hinten und warf ihn aufs Gesicht. Ben hörte den Mann etwas auf Finnisch sagen und kurze Zeit später löste sich der Druck auf seinen Körper und er hörte eine Tür ins Schloss fallen. Er war frei und doch nicht in der Lage etwas zu tun. Es war, als wäre sein Körper in einer Schockstarre gefangen. Ben verfolgte, wie Mikael sich mit zittrigen Händen wieder aufrichtete und zur Tür sprintete. Er hämmerte gegen die Metalltür, rammte dagegen. Er wirkte immer verzweifelter. Er schrie wie ein Wahnsinniger, prügelte auf die Tür ein. Ben sah Blut auf dem Metall – Mikaels Blut. Erst jetzt gelang es ihm, sich aus seiner Schockstarre zu lösen. Er zog seinen Freund von der Tür weg, ehe er sich selbst noch mehr Schaden zufügen konnte. Mikael wehrte sich nach Leibeskräften, schrie, rief nach Eva, tat alles um dem unbarmherzigen Griff zu entkommen. „Mikael, bitte hör auf damit!“, flüsterte Ben und drückte ihn fester an sich. „Lass mich!“ Er zappelte in Bens Armen und der deutsche Kommissar spürte einen plötzlichen, ziehenden Schmerz in seiner Schulter. Die Verletzung musste erneut aufgegangen sein. Er ließ einen Augenblick locker und sofort löste sich der Jüngere von ihm, hechtete wieder zur Tür und schlug abermals auf das dicke Metall ein, bis er schließlich erschöpft zu Boden sank und keuchend nach Luft schnappte. Ben machte einige Schritte auf ihn zu und drückte ihn abermals an sich. Diesmal ließ er ihn gewähren. Er hatte nicht mehr die Kraft sich gegen Ben aufzulehnen. Das einzige Geräusch was die Stille des Raumes jetzt noch durchdrang war ein leises Schluchzen.

  • Mikael saß neben ihm an der Wand. Er hatte seinen Blick in den letzten Stunden nicht von der dicken Eisentür gelöst. Ben hatte ihn einige Male angesprochen, aber entweder wollte er ihm nicht antworten oder er hörte ihn überhaupt nicht in seiner Trauer. Ben wollte die Augen schließen, als schließlich der Schlüssel umgedreht wurde. Er sah, wie Tonteri in den Raum trat. Ehe der Blonde reagieren konnte, war Mikael aufgesprungen und drückte ihn gegen die Wand. Wut funkelte jetzt unkontrolliert in seinen blauen Augen. „Du willst Hansen, du bekommst Hansen!“, zischte er leise und setzte den ersten Fausthieb, traf Tonteri mitten ins Gesicht. Ehe der Mann sich berappen konnte, setzte Mikael den nächsten Hieb und er ging zu Boden. „Niemand rührt die Familie von einem Hansen an, NIEMAND!“, schrie er, während seine Fäuste Tonteri nur so um die Ohren flogen.


    Ben sah wie gefesselt auf das Bild, was sich ihm bot. Mikael war kaum wiederzuerkennen. Klar, er verlor schnell mal die Fassung, aber das hier, damit hatte er sicherlich nie gerechnet. So viel Wut, so viel Hass und Tonteri saß nur in der Ecke und ließ es geschehen. „Ja, schlag mich ruhig tot, Hansen“, hörte Ben den Typen rufen. Er hörte, wie Tonteri lachte und den Schwarzhaarigen hämisch anfeuerte. Blut perlte von Tonteris Lippen. Dann jedoch fand die skurrile Situation ihr jähes Ende. Ben vernahm einen Schuss, wenig später taumelte Mikael zwei Schritte zurück. Seine Augen von Abscheu und Entsetzen gekennzeichnet blickten auf den Fremden, der unbemerkt von den dreien in das Zimmer getreten war. „In die Ecke Kleiner!“, zischte der Mann. Mikael presste die Hand auf die Wunde an seinem Arm. Zwischen seinen Fingern quoll Blut hervor. „Was wenn nicht? Erschießt du mich dann?“ Es interessierte ihn nicht. Er war es leid, hatte es satt. Wollte nicht mehr, war ausgelaugt, leer. Er lachte. „Weißt du, was mein Vater immer gesagt hat? Ein Hansen, lässt sich niemals aufhalten. Ein Hansen blendet Schmerzen aus!“ Er machte drei rasche Schritte auf den Mann zu und stand nun direkt vor ihm. „Na los, erschieß mich. Warum solange warten, wenn es das ist, was ihr wollt?“, knurrte er. Die Mundwinkel des Unbekannten zuckten. Seine Gedanken konnte Mikael nicht lesen, aber die Mimik und die erzählte ihm alles, was er wissen musste. Der Mann glaubte, dass es ein Trick war, schien sich fieberhaft zu bemühen einzuschätzen, was er wirklich wollte. Er wurde zappelig, die Hände lösten ihren Griff von der Waffe, ehe er ihn mit seinen kräftigen Händen neu umschlang. Mikael breitete die Arme vor ihm aus. „Hier bin ich, erschieß mich, denn ich werde nicht stehen bleiben!“


    Ben starrte mit ungläubigen Augen auf Mikael. Was zur Hölle tat er da? Wollte er den Mann in die Enge treiben oder meinte er alles was er sagte ernst? Wollte er wirklich sterben? Wollte er, dass der Mann ihn erschoss? Mikael konnte die Psyche anderer Menschen unglaublich gut einschätzen, aber jetzt in diesem Moment bezweifelte Ben, dass er überhaupt etwas dachte. Er zeigte die Aggression und Entschlossenheit, die er bei seinem Vater – Andreas Hansen – gesehen hatte. Er hatte immer geglaubt, dass Mikael von seinem Vater keine Charakterzüge mitbekommen hatte, aber diese Situation belehrte ihn eines Besseren. „Mikael…was…“, setzte er an, verstummte dann jedoch sofort wieder, als er sah, wie der Typ vor Mikael die Waffe ausrichtete, sich vergewisserte, dass er genau auf das Herz von dem finnischen Kommissar zielte. „Verdammte Scheiße, geh zurück!“, schrie er nun panisch. Alles was seinen Körper jetzt noch beherrscht war die Angst um seinen Freund. Seinen Freund, er in Begriff war sich selbst zu opfern. Den Gegner offen provozierte in seiner ungeheuren Wut.


    Ben wollte gerade loshechten, doch nun hatte sich wieder Tonteri eingeschaltet. Er stand neben dem Unbekannten und hatte dessen Hand nach unten gesenkt. Er grinste. „Du befiehlst uns nicht, wann wir dich zu erschießen haben, Hansen. Noch mache ich hier die Regeln.“ Mikaels Augen funkelten vor Wut. „Deine Regeln sind mir Scheiß egal!“ Der Gesichtsausdruck des Blonden war nichtssagend, schließlich zog Tonteri die Schultern hoch. „Du wirst es schon noch irgendwann verstehen Hansen“, sagte er schließlich nur und drehte sich um. Mikael packte ihn am Kragen und zog ihn zurück. „ICH BIN NOCH NICHT FERTIG!“, schrie er so laut, dass es in den Raum wiederhallte. Tonteri lachte nur und sah Ben an. „Sorge dafür, dass dein Freund zurück geht, sonst wird er sterben. Dann ist es mir egal, was mein Kollege hier mit ihm macht.“ Der deutsche Jungkommissar sah, wie der Fremde wieder den Finger auf den Abzug gelegt hatte. Ohne nachzudenken machte er einige Schritte auf Mikael zu und zog ihn von Tonteri und seinem Komplizen weg. Mikael wehrte sich mit Leibeskräften, doch Ben ließ erst los, als die beiden Männer den Raum verlassen hatten.


    Mikael wirbelte herum und schmiss ihn zu Boden. „Was soll das!“, fauchte er, „Du hättest dich nicht einmischen brauchen!“ Ben presste ihn mit Leichtigkeit von sich weg und drehte ihn auf den Rücken. Er drückte ihn auf den kalten Betonboden. „Das solltest du dich mal fragen!“ schrie er und hielt ihn mit einem kräftigen Händedruck auf seine Schultern auf der Erde. „Du bist blind vor Wut und starr vor Trauer. Du benimmst dich wie ein Selbstmordkommando auf Abruf. Was bringt es, wenn du auch noch stirbst? Was wird dann aus deinen Kindern? Was wird aus Antti?“ Mikael wollte ihn von sich drücken, doch Ben ließ nicht locker. „Ich werde nicht zulassen, wie du diesen Weg gehst…du bist mein verdammter Freund!“ Er merkte, wie Mikael langsam aufhörte sich gegen seinen Griff zu wehren. Langsam begriff, was Ben ihm sagen wollte. „Es tut mir leid, dass du den Menschen verloren hast, den du am meisten liebst, aber Mikael…wir müssen hier raus. Sie werden uns auch töten, wenn wir hier blieben. Wir brauchen einen Plan und das vorhin wäre die perfekte Situation zur Flucht gewesen, aber du hast es in deiner Wut vermasselt! “ Es herrschte lange Stille, bis Mikael das Wort ergriff. „Du hast Recht“, sagte er schließlich. Ben löste sich von ihm und ließ sich erschöpft auf die Matratze fallen. In den letzten hektischen Stunden hatte er überhaupt nicht bemerkt, wie müde er war, doch nun schlug die Erschöpfung doppelt zurück. Er fühle sich plötzlich unheimlich elend und wollte nur noch schlafen. Er spürte, wie Fieber erneut in ihm hochkroch. Er schloss die Augen und lehnte sich gegen die Wand und dämmerte langsam weg.


    Als Ben die Augen wieder öffnete, hatte Mikael seine Position nicht verändert und lag immer noch auf dem kalten Betonboden. Das einzige was anders war, war das er seinen Pulli nicht mehr trug. Er sah zu sich runter und sah, dass er ihn über seinen Oberkörper gelegt hatte. „Du solltest deinen Pullover zurücknehmen“, sagte er. Der Schwarzhaarige schüttelte den Kopf. „Du bist erschöpft, hast Fieber. Du solltest dich hinlegen und schlafen und dich warm halten.“ „Aber…“ „Nichts aber Ben. Du brauchst all deine Kraft“, antwortete ihm Mikael, ehe er seine Frage überhaupt ausgesprochen hatte. „Und du nicht?“, kontere der deutsche Kommissar sofort. Der Finne blieb stumm, gab ihm keine Antwort. „Mikael, ich rede mit dir!“, wiederholte er. „Nein, ich nicht. Ich werde dich hier raus holen.“, erklärte der Schwarzhaarige mit ernster Stimme. Ben seufzte. Es war wohl dumm von ihm gewesen, zu glauben, dass er Mikael zur Vernunft gebracht hatte. „Hast du mir gerade überhaupt zugehört?“, fragte er verdattert. „Sicher habe ich das“, murmelte sein Freund leise die Antwort. „Aha“ „Was aha?“ Ben griff nach dem Pulli und warf ihn Mikael zu. „Was hast du vor? Es wird nur in noch mehr Problemen enden, was immer du gerade planst.“ Der Schwarzhaarige warf das Kleidungsstück wieder zurück. „Du willst das nicht verstehen oder Ben? Sie ist tot! Wegen mir! Ich werde nicht zulassen, dass er dich auch noch umbringt!“ Ben schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht glauben, dass ausgerechnet du derjenige bist, der mir dauert erzählt, dass ich mir nicht immer an allem die Schuld geben soll.“ Mikael starrte an die Decke. „Weil es meine verdammte Schuld ist…ich bin für all das hier verantwortlich. Ich bin verantwortlich, dass sie nicht mehr ist…ich bin verantwortlich für deinen Zustand“, hörte Ben ihn nach einer Weile leise flüstern.

  • „Was wird das, wenn es fertig ist?“ Ben sah mit zusammengekniffenen Augen auf Mikael, der vorsichtig den Verband um seinen Bauch löste und mit seiner Hand aufrollte. „Du brauchst ihn dringender, ich habe ein Pflaster darunter und die Wunde ist ohnehin schon fast verheilt“, hörte er den Finnen sagen. Mikael betrachtete den weißen Verband in seiner Hand. Er hatte richtig gemutmaßt und der Verband war fast unberührt von Dreck. Er war aufgestanden und kniete nun direkt vor Ben. „Bind dir den sofort wieder um“, schimpfte der deutsche Kommissar, „du bist nicht mehr ganz dicht!“ Er stoppte, als Mikael seine Hand auf seine Stirn legte. „Verdammt, du bist eiskalt!“ „Das ist das Fieber, Ben … du brauchst Hilfe.“


    Ohne auf den Aufschrei des Braunhaarigen zu beachten, betrachtete Mikael die entzündete Wunde. „Wie müssen das säubern und erneut verbinden“, merkte er kurz an und begann damit die Verletzung abermals zu öffnen. Ben verfolgt mit fiebrigen Augen jeden einzelnen Schritt und versuchte den stechenden Schmerzen nicht nachzugeben. „Du…du könntest ein bisschen vorsichtiger agieren …“, murmelte er mit zusammengepressten Zähnen. „Entschuldigung, ich bin nicht meine Frau!“, fauchte Mikael. Ben verstummte augenblicklich und ließ die Prozedur über sich ergehen. Er wollte nicht in noch ein Fettnäpfchen treten. Als Mikael die Wunde verbunden hatte, zog er das T-Shirt an der Seite hoch und betrachtete den Streifschuss. „Die Verletzung ist nicht so schlimm…sieht aus, als würde es gut verheilen“, nuschelte er und ließ die Kleidung wieder runter. Ben sah ihn mit müden Augen an. „Das hättest du nicht tun sollen…immerhin ist das da“, er richtete seinen Blick auf Mikaels Seite, „eine ernste Schussverletzung.“ Der Schwarzhaarige beachtete ihn nicht und hob die Hand, um ihn zu verstehen zu geben, dass er leise sein soll. „Sie kommen…“, flüsterte er leise.


    Ben verfolgte, wie Mikael sich bereit machte, doch er stellte mit Verwunderung fest, dass sich nicht wie erwartet die Tür öffnete. Tonteri kam nicht herein, stattdessen vernahm er nur ein leises klappern am anderen Ende der Tür. Es dauerte nicht lange und Ben spürte eine seltsame Schläfrigkeit, die sich den Weg durch seinen Körper bahnte. Ihm wurde zu spät klar, dass der Typ sich wohl an den Lüftungsschacht zu schaffen gemacht hatte und irgendetwas mit der Luft in den Raum ließ. Er versuchte sich zu konzentrieren, riss die Augen wieder auf, als die tonnenschweren Lider sich schlossen. Er sah wie Mikael schwanke, ehe er zu Boden fiel…er sah ein paar schwarzer Stiefel, ehe seine Welt ebenfalls Schwarz wurde.


    *


    Das erste was sich bemerkbar machte, als sie wieder zu sich kam, waren fürchterliche Kopfschmerzen. Sie blinzelte und versuchte sich ein Bild davon zu machen, wo sie war. Fahl schimmerte sanftes Mondlicht durch die Fenster herein. Sie erkannte die Decke einer Fabrikhalle. Sie saß auf dem Boden, ihre Hände waren hinter dem Rücken an einen Stahlträger gefesselt. Wie war sie hier hingekommen? Mühsam versuchte sie die Scherben ihrer Erinnerung zusammenzusetzen. Mikael hatte auf Ben gezielt…dann hatte er Tonteri bedroht…der Typ hatte sie aus dem Raum geschleift und von da an war alles Schwarz. Nichts! Sie konnte sich nicht erinnern. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie hielt inne. Sekunden. Minuten. Erst als sie sicher war, dass sie alleine war, begann sie die Fesseln am Stahlträger auf und ab zu ziehen. Sie musste hier raus! Sie musste flüchten, ehe diese Männer zurückkamen. Die Fesseln scheuerten bei jedem Mal ihre Haut etwas mehr auf. Es brannte und schmerzte fürchterlich, aber sie bezahlte diesen Preis gerne. Das grobe Seil rieb ihr die Handgelenke wund. Tatsächlich gaben die Fesseln irgendwann etwas nach und sie zog kräftig an dem Seil, ehe es sich endlich löste. Erschöpft fiel sie auf den dreckigen Boden, richtete sich jedoch zugleich wieder auf. Sie konnte sich jetzt nicht der Erschöpfung hingeben! Schreckhaft hielt Eva in jeder ihrer Bewegungen inne. Sie wolle nicht überrascht werden, nicht schon wieder.


    Als sie das Fabrikgebäude verlassen hatte, sah sie sich hektisch um und versuchte auszumachen, wo sie war. Sie konnte in ihrer Umgebung nichts erkennen. Die Ebene war weit überschaubar kein Haus weit und breit, nichts war verbaut. Links und rechts nur Schnee…nichts als Schnee! Sie versuchte Autospuren auszumachen, konnte aber nichts erkennen. Es musste also schon länger her sein, seit sie der Typ hierher gebracht hatte. Sie sah zu sich runter. Sie hatte nur einfache Turnschuhe und eine Jeans an, aber es half nichts. Die Flucht war ihre einzige Chance und so begann sie durch den Schnee zu stapfen, ohne überhaupt zu wissen wohin.


    Es dauerte nicht lange und sie merkte, wie die Kälte ihre Glieder hochkroch. Es waren sicherlich bereits -10 Grad in der Nacht und der nasse Schnee machte das Ganze nicht wirklich besser. Sie spürte, wie ihre Beine immer tauber wurden und es immer schwieriger wurde sich in dem hohen Schnee vorwärts zubewegen. Ihre Lunge begann zu stechen. Die kalte Luft brannte in ihrer Brust und in ihren Beinen. Sie schüttelte wütend den Kopf und zwang sich den Schmerz und die Kälte zu ignorieren. Sie wollte einfach nur irgendwo hin, wo es Menschen gab!


    Sie stolperte und ging zu Boden. Sie war so erschöpft, zu erschöpft. Sie kämpfte mich nur mühsam wieder hoch und lief weiter, um wenig später erneut in den Schnee zu fallen. Ihre Beine wurden lahm und Schnee und Erschöpfung verschmolzen zu einem eisigen, bitteren Schmerz. Sie war so verdammt müde…doch sie wusste, dass sie sich diesem Verlangen nicht hingeben durfte. Wenn sie jetzt aufgeben würde, dann wäre es vorbei, dann würde sie hier und jetzt erfrieren. Und so bemühte sie sich immer weiter zulaufen. Endlich konnte sie Häuser erkennen. Licht. Sie erkannte einen spitzen Kirchturm, der angestrahlt wurde und endlich wusste sie, wo sie war. Sie konnte sich daran erinnern, wie sie sich hier mit Mikael ein Haus angeschaut hatte. Es war ein kleiner Vorort von Helsinki, hier wohnten nicht viele Menschen, aber hier wohnten immerhin Menschen! Die Erkenntnis füllte ihren Körper mit neuer Energie und sie lief eilig weiter, bis sie es endlich auf eine kleine bewohnte Straße geschafft hatte. Ohne großartig zu überlegen, hastete sie zum nächsten Haus und klingelte Sturm. „Bitte…ich brauche Hilfe!“, schrie sie. Alles verschwamm ihr vor Augen und ihre Beine gaben unter ihr nach. Ihr Finger löste sich vom Klingelknopf uns sie fiel ohnmächtig auf den Boden.

  • Eisiges Wasser lief Mikael über das Gesicht, als er langsam wieder zu sich kam. Er versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, aber alles war fürchterlich verschwommen. Er erinnerte sich nicht, was passiert war. Als ein neuer Schwall kaltes Wasser in sein Gesicht schwappte, schossen seine Augen auf. „Schön, dass du zu uns stößt Hansen“, dröhnte die Stimme von Tonteri durch den Raum. Der Blonde stand mit einem Eimer vor ihm, sah ihn emotionslos an. „Wo du nun endlich wach bist, können wir ja beginnen!“ Mikael stellte mit Erschrecken fest, dass sich Tonteri von ihm abwendete und stattdessen mit großen Schritten auf die bewusstlose Statur seines Freundes zuging. Das Adrenalin sorgte dafür, dass er prompt hellwach war. „Fass ihn nicht an!“ Er war hochgeprescht, wollte zu Ben rennen, ihn beschützen, doch etwas zog ihn bereits nach weniger als einem Meter schmerzhaft zurück. Er hörte ein klimpern und erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er gefesselt war. Seine Handgelenke befanden sich in Handschellen, die mit einer Metallkette hinter ihm an der Wand befestigt waren. Er fluchte innerlich. Dieser Typ hatte dafür gesorgt, dass er zusehen musste, dass er nichts ausrichten konnte!


    Tonteri lachte hämisch, als die Wut in Mikaels Augen sah. Er hatte ihn genau dort, wo er ihn haben wollte. Gefangen in Untätigkeit – die schlimmste Strafe, die es mitunter auf dieser Welt gab. „Du hast mir etwas zu viel Ärger bereitet Hansen. Du verstehst doch sicherlich, dass ich dafür sorgen muss, dass du nicht erneut versuchst, mich anzugreifen“, verkündete er strahlend. Er beugte sich zu Ben runter und betrachtete den Mann. „Er sieht schon jetzt nicht besonders gut aus, aber was soll’s. Ein bisschen Spaß werden wir schon mit ihm haben“, flüsterte er zynisch und schlug gegen die Wangen seines Opfer. „Komm schon Bulle, dein Schläfchen ist hiermit beendet!“ Mikael verfolgte, wie Bens Augenlider flackerten und er langsam zu sich kam. Ehe er der Situation Herr werden konnte, hatte Tonteri ihn an die Wand gedrückt. Er konnte sehen, wie Ben versuchte sich zu wehren, in den Armen des Blonden zappelte, doch es war unverkennbar, dass er den Kampf verlieren würde. Er wusste, dass es Ben schlechter ging, als er vor ihm zugegeben hatte. Das Fieber war hoch, die Wunde fürchterlich entzündet. Jede Bewegung mit dem Arm musste ihn schmerzen. Tonteris Hand fuhr in seine Jackentasche und er holte ein Skalpell hervor. Mikaels Augen weiteten sich, als er das Messer sah. „Nein!“, schrie er, „bitte lass ihn…bitte ich mache alles!“ Tonteri lächelte triumphierend, so als hätte er genau diese Reaktion erwartet. Dann drückte er die Klinge in Bens Arm und schnitt ihn der Länge nach ein Stück auf. Bens Miene veränderte sich von verwirrt in entsetzt und schließlich in schmerzverzerrt. Blut quoll heraus und dem Braunhaarigen entwich ein leiser Schrei. Es lief über den Unterarm und tropfte von dort schließlich auf den Boden. Ben wehrte sich abermals gegen den Griff von Tonteri, bäumte sich gegen ihn auf, doch seine Kraft reichte nicht aus. „Lass ihn!“ Mikael zerrte an seinen Ketten, spürte wie die Handschellen sich in seine Haut fraßen. „Bitte…es ist nur meine Schuld, meine alleine!“ Tonteri lachte und setzte einen zweiten Schnitt, doch diesmal wesentlich tiefer. „Ich kann das den ganzen Tag machen“, sagte er. „Verstehst du mich? Du bist mir ausgeliefert Hansen. Ich werde dein Leben zur Qual machen!“ Mit all seiner Kraft warf Mikael sein Gewicht nach vorne und riss an den Fesseln, er spannte die Kette mit einem harten Ruck, doch sie bewegte sich kein Stück aus der Wand. Hilflos sah er zu, wie Tonteri das Skalpell erneut über Bens Arm zog. „Du wirst dafür büßen! Wenn du Rache willst, töte mich! Ben kann nichts dafür! Bitte!“ Angst, Schuld und Panik übernahmen seinen Körper. Überkamen ihn wie eine plötzliche Flutwelle. Er wollte nicht noch einen Menschen verlieren. Er wollte nicht für den Tod eines weiteren Menschen verantwortlich sein…Joshua…Eva…er bedeute Unglück. Wegen ihm starben seine Freunde, seine Familie…


    Ein Sturm von Schmerzen bestimmte Bens Körper. Er versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, aber es war unmöglich. Immer wieder durchbrach eine neue Schmerzwelle, einen gerade aufkommenden Gedankenstrom. Seine Augen fixierten Mikael. Tonteri hatte ihn genau gegenüber an die Wand festgemacht. Er hörte, wie sein Freund flehte, bettelte und drohte. Der Finne schnappte nach Luft, war erschöpft davon, gegen die Stahlkette ankämpfen zu wollen. Er konnte kleine Bruttropfen unter ihm am Boden sehen. Mikael musste so sehr an den Ketten gezerrt haben, dass er sich selbst verletzt hatte. Ben zuckte zusammen, als die kühle Klinge erneut über seine Haut fuhr, diesmal über seine Wange. Er spürte, wie das warme Blut über sein Kinn, den Hals herablief. Wieder ertönte Mikaels verzweifelte Stimme und plötzlich handelte er instinktiv. Er konnte nicht zulassen, dass sein Freund diesen Weg ging. „Egal was du mir auch antust, du kannst mich nicht brechen“, zischte er. Um die Lippen von Tonteri spielte ein böses Lächeln. „Ich würde nicht so große Töne spucken in deiner Situation“, riet er ihm. Ben schenkte ihm keine Beachtung. Er musste zu Mikael durchdringen. Er konnte nicht zulassen, wie er sich aufgab, dass die Schuld ihn zerfraß. „Mikael…wir schaffen das. Wir kommen hier raus. Hör mir zu, es ist nicht deine Schu-“, presste er unter Schmerzen heraus, wurde jedoch von einem harten Schlag in seine Magengegend unterbrochen. Er wollte sich vor Schmerzen zusammenkrümmen, doch Tonteri zog ihn an den Haaren aufrecht. „Siehst du Hansen…das hier ist deine Strafe. Die Strafe dafür, dass du Pekka Solheim umgebracht hast…die Strafe dafür, dass du der dreckige Nachkömmling von Andreas Hansen bist“, höhnte der Blonde und drückte die Messerspitze erneut gegen Bens Körper. „Ich könnte ihn umbringen von seinem Leid erlösen, wie findest du das Hansen?“


    „Nein…bitte nicht!“, stammelte er hervor. „Es tut mir leid…ich wollte das alles nicht…es tut mir leid, dass Pekka wegen mir…bitte!“ „Mikael, du hast ihn nicht auf dem Gewissen! Hör auf. Du weiß, dass Solheim dir nicht mehr die Schuld gibt. Bitte, du weißt, dass du nichts für seine Drogensucht konntest“, fuhr Ben dazwischen und brachte den Schwarzhaarigen zum verstummen. „Wirst du wohl deine Schnauze halten Bulle!“ Ein Schlag traf Ben auf die Schläfe und ein weiterer in den Magen. Schmerzverzerrt rang er nach Luft, seine Sicht verschwamm. Ein dritter Schlag traf ihn und sein Kopf wurde nach hinten gegen die Wand geschleudert. Schwarze Punkte tanzten vor seinen Augen, und er versuchte, sie zu vertreiben, indem er die Augen zu- und auf presste. Er wollte nicht ohnmächtig werden. Er musste wach bleiben. Er musste stark sein, damit sein Freund sich nicht noch mehr verlor in Trauer und Wut. Doch trotz seines Willens wachzubleiben, wurden die schwarzen Punkte immer zahlreicher und er brach schließlich zusammen und verlor das Bewusstsein.


    Mikael hörte ein Stöhnen und erstarrte. Ben war zusammengebrochen, rührte sich nicht mehr. „Ben!“, brüllte er und riss an den Ketten. Tonteri löste sich von dem deutschen Kommissar und blickte zufrieden auf sein zweites Opfer. Wie ein wildes Tier ohne Verstand suchte der Schwarzhaarige nach einem Ausweg aus seiner Situation. Er zerrte unermüdlich an den Ketten, auch wenn das bedeutete, dass sich die Handschellen bei jedem Versuch tiefer in die Haut beißen würden. „Es ist noch lange nicht vorbei Hansen“, säuselte er, ehe er zufrieden den Raum verließ.


    *


    Hugo Tonteri setzte sich auf die Sitzbank in der Küche, holt die Wodkaflasche hervor, schraubte den Deckel auf und genehmigte sich einen Schluck, ehe er sie wieder absetzte. Er lächelte in sich hinein. Die letzten Stunden waren einfach berauschend gewesen. Hansen zerbrach mit jeder Minute mehr. Was war das doch für ein atemberaubendes Gefühl!


    Er hörte leise dumpfe Schreie aus dem Keller. Wie herrlich sie doch in seinen Ohren klingelten. Er schloss die Augen und stellte sich vor, wie Hansen an seinen Ketten zerrte, vergeblich versuchte den ohnmächtigen Freund zu erreichen. Die Angst in seinen blauen Augen. Herrlich! Der Kleine war am Ende. Ein erbärmliches Häufchen Elend. Er war verdammt glücklich, dass er seine Taktik geändert hatte, dass er ihn Leiden ließ. Sein Blick, als er seine vermeidlich tote Frau sah. Unbeschreiblich! Er setzte die Wodkaflasche wieder an und nahm noch einen großen Schluck. Er lachte bei dem Gedanken daran, dass er niemals erfahren würde, dass sie überhaupt nicht gestorben war, dass er sie versteckt hielt. Er hatte Hansen genau richtig eingeschätzt. Seine Anmerkung über ihren Tod hatte ihn in Panik verfallen lassen, dass er ihren schwachen, aber vorhandenen Puls nicht spüren konnte. Perfekt geplant! Er schwenkte die Flasche in seiner Hand. Der dumme kleine Junge hätte am Ende seine Freundin fast selbst umgebracht, als er sie nicht wieder hergeben wollte, aber sie hatten das Adrenalin noch schnell genug verabreicht, um ihre Körperfunktionen wieder voll in Gang zu setzen. Im Grunde hätte es ihn auch nicht interessiert, wären sie zu spät gekommen. Eine Tote mehr oder weniger. Vielleicht würde er sie ja noch umbringen, vor seinen Augen? Aber vermutlich erreichte er auch ohne sie sein Ziel.
    Es würde nicht mehr lange dauern und Hansen wäre am Ende. Vielleicht sollte er ihn sich selbst erschießen lassen? Er würde es mit Freude tun, wenn er ihm auch noch den deutschen Bullen nehmen würde. Tonteri schüttelte innerlich den Kopf. Nein, dann hatte er kein Druckmittel, dann würde Hansen, sobald er eine Waffe hatte, auf ihn zielen. Das konnte er nicht riskieren!


    Er hörte Schritte und sah zur Tür. Veeti Kinnunen betrat den Raum. Sein Freund schüttelte sich den Schnee aus den Haaren. „Das Mädchen ist weg“, begann er mit ernster Miene, „sie war nicht mehr da, als ich vorhin dort war.“ Tonteri sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an, zog dann aber die Schultern gleichgültig hoch. „Was soll’s. Sie hat nie gesehen, wo sie war. Sie wird sie nicht hier herführen können. Wir brauchen sie ohnehin nicht mehr. Sie war lästig.“ Er nahm einen erneuten Schluck von dem Alkohol und richtete sich auf. „Komm Veeti, wir haben noch etwas zu erledigen“, sagte er und griff nach seinem dicken Wintermantel.

  • „Der komplette Bericht der Spurensicherung ist endlich da, hilft uns allerdings nicht weiter. Veeti Kinnunen hat so gut wie keine verwertbaren Spuren hinterlassen“, begann Veikko, „er hat neues Schuhwerk benutzt, damit es keinen Hinweis auf den Ort gibt, wo sie Ben, Eva und Mikael gefangen halten.“ Antti war nervös von seinem Platz aufgesprungen und sah aus dem Fenster. Nachdem das Präsidium zum Großteil zerstört war und Renovierungsarbeiten von Nöten waren, war sein Team in der Dienstelle der Sitte einquartiert worden. Immerhin lag das Gebäude deutlich idyllischer, als der dicke Betonklotz in der Innenstadt, die Situation verbesserte der Blick auf den Park aber auch nicht. Er seufzte und wandte sich wieder in den Raum, um sich wieder hinzusetzen. „Was ist mit den Zeugenaussagen, kann man damit irgendetwas anfangen?“ Voller Erwartung sah er Kasper an. „Ich kann dir sagen, dass es ein dunkler Wagen war, mehr nicht … die Leute sind sich nicht einig“, er spielte nachdenklich mit seinem Stift, „wie immer eigentlich. Ich kann dir weder Marke noch die exakte Größe nennen. Diese Leute waren sich nicht einmal einig, ob es sich um einen Jeep oder einen Kombi handelte.“


    Veikko betrachtete den deutschen Kollegen. Semir sah erschöpft aus, zermürbt. Er hatte ihn in der Nacht gehört, als er vor Schmerzen kein Auge zubekommen hatte. Der Deutschtürke war auf und ab gelaufen, das Detail gesucht, was sie übersahen. Er wollte gerade ansetzen und Semir Mut zusprechen, als Eetu in den Raum platze. „Eva … sie haben Eva gefunden“, presste er schwer atmend heraus. Der junge Uniformierte lächelte sanft. „Sie lebt!“, fuhr er fort.


    Antti war von seinem Stuhl hochgesprungen. „Wo ist sie Eetu? Oh Gott, ich-ich muss sofort zu ihr!“ „In der Universitätsklinik. Sie hat wohl Erfrierungen, aber sie ist bei Bewusstsein, sagen die Kollegen. Man hat sie bewusstlos vor einem Haus gefunden gestern Nacht…sie ist wohl erst vor ein paar Stunden zu sich gekommen.“ Der stämmige Finne griff nach seiner Jacke. „Veikko, Kasper ihr macht hier weiter. Semir, du kommst mit!“ Der Deutschtürke nickte und folgte dem aufgeregten Kollegen aus der Tür zum Krankenhaus.


    *


    Die junge Frau lächelte müde, als sie den Raum betraten. Antti drückte sie sanft. „Ich bin so froh, dass es dir gut geht.“ Semir beobachtete die Situation mit etwas Abstand. Eva sah erschöpft aus und in ihrem Gesicht und an ihren Händen waren die Erfrierungen deutlich zu sehen. Abgesehen davon schien sie aber in Ordnung zu sein. „Kannst du dich an irgendetwas erinnern, was uns hilft Mikael und Ben zu finden?“, brachte es Antti schließlich, ohne große Umschweife, auf den Punkt. Sie schüttelte den Kopf und Semir sah, wie eine einzelne Träne ihre Wange runter lief. „Es-es tut mir leid, er hat mir die Augen verbunden, als er uns in den Keller gebracht hat“, flüsterte sie leise. „Wieso hat er dich frei gelassen?“, fragte nun Semir. Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht…er hatte…ich“, sie stockte, als die Erinnerungen hochkamen. Als sie vor ihrem inneren Auge sah, wie Mikael Ben mit der Waffe bedroht hatte. Antti drückte ihre Hand fester. „Tonteri hat mir eine Waffe an den Kopf gehalten und von Mikael verlangt, dass er sich entscheidet. Dass er Ben erschießt oder zulässt das Tonteri mich umbringt.“ Semir riss geschockt die Augen auf. Dass sie hier war, könnte das bedeuten, dass Mikael tatsächlich auf seinen Kollegen geschossen hatte? Nein, das konnte nicht sein. Mikael würde niemals Ben etwas antun. Niemals. „Er hat nicht auf Ben geschossen oder?“, murmelte Semir leise. „Nein. Er hat die Waffe im letzten Augenblick hochgezogen…aber Semir...Ben er, er Tonteri hat auf ihn geschossen. Es ist nur eine Verletzung an der Schulter, aber die Kugel steckt noch drin und so hat es sich entzündet.“ Sie begann zu weinen und Antti drückte sie an sich. „Bitte Antti…ihr müsst sie finden. Ich…ich habe solche Angst.“ Er strich ihr sanft über die Haare. „Wir werden sie finden Eva. Sie werden unbeschadet daraus kommen.“


    Semir dachte an die Worte von Veikko zurück. Er hatte sich so sicher angehört, dass er herausgefunden hätte, wo sie waren, wenn Kinnunen keine neuen Schuhe getragen hätte. „Hast du noch die Klamotten, die du anhattest?“, platzte es nervös aus ihm heraus. Eva löste sich von Antti und nickte leicht. „Ja…ich glaube im Schrank.“ Semir machte einige Schritte zu dem Möbelstück und öffnete die Türe. Tatsächlich, alles war hier. Er betrachtete die blutigen und schmutzigen Klamotten. Seine Hände begannen leicht zu zittern, als ihm bewusst wurde, dass all das Blut von Ben stammen musste. „Ich werde das zu Veikko bringen. Er soll sich das angucken und schauen, ob er irgendetwas Brauchbares findet“, sagte er. Antti stimmte ihm zu und drückte ihm den Autoschlüssel in die Hand. „Ich finde schon eine Mitfahrgelegenheit zum Revier.“


    *


    Die Ketten schmerzten an den Handgelenken. Sein Blick fixierte Ben. Er sah, wie die frische Blutlache unter seinem Oberkörper immer größer wurde. An seinem Kopf konnte er eine Platzwunde erkennen. Auf der blassen Haut seines Freundes glitzerte Schweiß. Er erhob sich und zerrte an seinen Ketten. „Bitte, bitte helft ihm doch!“, bat er, obwohl er sich sicher war, dass Tonteri nicht einmal in der Nähe war. Er atmete tief ein und versuchte erneut mit aller Kraft die Verankerung aus der Wand zu reißen. Doch es misslang. Die Haken strecken zu fest drin. Wut stieg ihn ihm auf. Er hasste es Untätig sein zu müssen. Er hasste es! Er versuchte es weiter. Immer wieder warf er sein ganzes Körpergewicht in die Ketten. Die Handschellen rissen in seine Handgelenke. Blut rann aus den Wunden. „Ben…bitte antworte!“, schrie er laut. Doch er bekam keine Reaktion. „Ich bring dich um, Tonteri!“, wütete er. „Du gottverdammtes Arschloch, du wirst für all das hier büßen!“ Jeder Muskel in seinem Körper zitterte vor Wut. Vor Wut über seine eigene Dummheit. Vor Wut auf Tonteri. Vor Wut auf all den ganzen Scheiß. Er riss erneut an den Ketten, spürte, wie die Handschellen sich tiefer in seine Haut gruben. Es dauerte nicht lange und seine zornigen Schreie reduzierten sich auf ein Husten und Keuchen. Er war am Ende, seine Kräfte reichten nicht mehr und er fiel erschöpft auf die Erde. „Warum schaffe ich es nicht meine Freunde zu beschützen? Warum!“, flüsterte er leise. Tränen rannen über seine bleichen Wangen und er wurde von heftigem Schluchzen geschüttelt. Er müsste da liegen, nicht Ben. Das war seine Strafe!


    Als Ben zu sich kam, trieb er auf einem Meer von Schmerzen. Sein rechter Arm fühlte sich an, als wäre ein Laster darüber gefahren. Sein Kopf schmerzte fürchterlich. Das grelle Licht an der Decke tat seinen Augen weh. Ihm war kalt und heiß zugleich. Er hörte ein Schluchzen. Mikael weinte. Er drückte die Augen ein paar Mal zu, um den Schwindel zu vertreiben. Der Schwarzhaarige kniete in sich zusammengekauert auf dem Boden. Weinte bitterlich, flüsterte leise Schuldeingeständnisse vor sich hin.


    „Mikael“, drang eine tonlose Stimme zu ihm durch. Er hob den Blick etwas und sah, dass Ben die Augen leicht geöffnet hatte und ihn ansah. „Ben…du-du bist wach.“ Der Dunkelhaarige rang sich zu einem Lächeln durch. „Sie finden uns, hörst du. Es wird alles gut werden“, murmelte er leise, „bitte gib dich…noch nicht auf!“ Er schüttelte vehement den Kopf. „Sie ist tot. Sie ist tot...und du…“, brach es aus ihm heraus und neue Tränen liefen über seine Wangen und tropften auf den Betonboten. „Mikael…bitte, ich weiß es ist schlimm und diese Trauer frisst dich auf…aber bitte gib dich nicht auf! Du musst stark sein…das ist doch genau das, was Tonteri will. Er will, dass du dich aufgibst!“, sprach Ben ihm Mut zu. Mikael sah ihn verständnislos an. „Du tust so, als wäre ich derjenige, den er mit einem Messer den Arm aufgeschlitzt hatte…“ Ben sah, wie sich Mikaels Gesicht bei dem gesagten veränderte. Wut wich der Trauer. „…ich hätte es sein sollen, aber ich war es nicht! Stattdessen tut er dir all das an und DU, DU bist kein bisschen sauer auf mich!“ Ben lächelte sanft. „Wir sind Freunde Mikael…und du bist…nicht Schuld“, nuschelte er mühselig hervor.

  • „Und hast du schon was?“, fragte Semir ungeduldig. Seit drei Stunden machte Veikko nichts als über den Kleidungsstücken zu hocken und jedes noch so kleine Sandkorn aufzusammeln. „So schnell geht das nicht…hab Geduld!“, schimpfte der Finne leise. Der Deutschtürke seufzte und setzte sich auf einen der Stühle. „Was ich dir sagen kann, ist das es verschiedene Erdproben gibt, die unterschiedlich sind in Farbe, Korngröße, Form, Mineralienbelag und Beimengungen“, sagte der Schwarzhaarige schließlich. Semir wurde hellhörig. „An den Turnschuhen und der Jeans war vor allem heller Sand…wahrscheinlich aus der Fabrikhalle, ich habe einen Kollegen für eine Vergleichsprobe hingeschickt.“ Er war nervös aufgesprungen und stand nun wieder direkt hinter Veikko. „Und du sagst, du hast noch nichts. Das ist doch schon einmal etwas. Was ist mit der Probe vom Pullover?“ Sein Gesprächspartner zog die Schultern hoch. „Ich kann nicht zaubern Semir. Ich konnte bisher nicht viel Auffälliges daran finden, was uns helfen kann.“ Semir strich sich mit der Hand übers Gesicht. „Warum zur Hölle ist auch niemand sonst hier von der Spurensicherung, wo treibt sich der Haufen rum?“, schimpfte er leise. Wäre Veikko nicht alleine, hätten sie sicherlich schon mehr.


    Veikko drehte sich von seinem Mikroskop weg und lehnte sich an den Tisch. Sein Blick verriet, dass es wohl einen guten Grund für das leere Labor gab. „Es gibt eine neue Leiche. Tonteri hat wieder zugeschlagen. Ein ziemlich bekannter Drogendealer.“ Ein Oh war alles, was Semir daraufhin herausbrachte. Der junge Kollege drehte sich wieder weg. „Mach dir keine Sorgen um Ben…Mikael wird nicht zulassen, dass ihm etwas passiert.“ „Das ist nicht sehr beruhigend Veikko, auf Mikael möchte ich ebenso wenig verzichten“, antworte Semir mit einem sarkastischen Unterton. Er verfolgte, wie Veikko an seinem Mikroskop drehte und dabei immer wieder Notizen in den Rechner neben sich eingab. „Ich sage nur, dass es nichts bringt sich jetzt verrückt zu machen, dadurch könnten wir wichtige Dinge übersehen…und ich übersehe nicht gerne wichtige Dinge.“


    *


    Ben spürte, wie ihn immer mehr die Kraft verließ. Er fühlte sich müde und schwach. Schmerzen durchzogen seinen Körper und er fühlte, wie die Ohnmacht wieder nach im Griff. Es war nicht mehr viel Leben in ihm, das war ihm klar, aber er würde nicht kampflos aufgeben. Er musste durchhalten für Mikael. Sie mussten einfach rechtzeitig gefunden werden. Mikaels leeren Augen starrten ihn an. Mit jeder Minute wurde der Finne nervöser, kämpfe erbitterter darum, dass er nicht die Augen schloss, dass er wach blieb. Ben war gewillt ihm diesen Gefallen zu tun. Er wusste, dass wenn er jetzt klein beigeben würde und die Augen schloss, dass er sie vermutlich nicht wieder öffnete. Er wusste, dass er jetzt noch nicht gehen konnte. Mikael würde von der Schuld zerfressen werden. Er kannte ihn und er wusste, dass er es nicht durchstehen würde. Er konnte einfach nicht zulassen, dass Tonteri seinen Plan in die Tat umsetze. Er musste weiter kämpfen.


    Ben schrecke auf, als er dumpf das Öffnen einer Tür vernahm. Jemand beugte sich über ihn, er hörte, wie Mikael schrie und wenig später tauchte Tonteris Gesicht in seinem verschwommenen Sichtfeld auf. „Du lebst ja noch Deutschland“, säuselte er und zog Ben grob an den Haaren hoch. „Du machst eine ganz schöne Sauerei hier unten und doch bist du noch am Leben…ich bin beeindruckt.“ Er lachte. „Aber das endet jetzt!“


    Einen Augenblick später realisierte er, dass Tonteri zugestochen hatte, dass er ihm das Messer zwischen die Rippen gebohrt hatte. Ein Schrei, der mit dem von Mikael zerfloss, durchdrang den Raum. Ben spürte, wie ihn die Kraft und der Mut verließ. Er dachte an den Tod. Er spürte, dass er ihm nahe war, vielleicht so nahe wie niemals zuvor. Das Ende der Schmerzen, vielleicht eine Art Erlösung…weit entfernt hörte er, wie Mikael seinen Namen rief, doch er hatte nicht mehr die Kraft ihm zu antworten. Ihm zu sagen, dass alles gut werden würde.


    *


    Er war unfähig sich zu rühren oder irgendetwas zu tun. Er fixierte Ben, hoffte auf ein Lebenszeichen, doch es kam nicht. Er lag einfach nur da und rührte sich nicht. Verzweiflung zeichnete sein Gesicht. Er schüttelte stumm den Kopf, so als könne er dadurch, dass Bild vor sich verändern…doch es änderte sich nicht. ‚Nein…Nein, das konnte nicht wahr sein!‘ „Ben!“ Seine Stimme klang für ihn selbst entsetzlich schwach, aber es war alles, wozu er im Augenblick imstande war. Er erhielt keine Antwort. „Ben!...“ Tränen bildeten sich in seinen Augen. „Ben….bitte antworte mir, bitte!“ Wieder nichts. „Er ist tot Hansen, er wird dir nicht mehr antworten“, höhnte Tonteri und lachte auf. Mikael blickte starr auf den Körper seines Freundes. Das Blut lief immer noch aus seinen Wunden. „Ben….“, hauchte er ein letztes Mal, während Tränen über seine Wangen rannen. Er war Schuld an Bens Tod. Er hatte ihn nicht beschützen können, als er ihn gebraucht hatte. Seine Frau und sein Freund waren ermordet, wegen ihm. Er hatte Pekka auf dem Gewissen…Ich hätte mit vorher ausrechnen können, dass Tonteri seine Drohung wahrmachen würde. Er hätte aus dem Krankenhaus abhauen sollen. Er hätte sich nicht von den Medikamenten aufhalten lassen dürfen! Er war Schuld…


    Tonteri stand vor ihm, blickte ihm genau ins Gesicht. Ergötzte sich an seinem Leid. Dann zog er ein feines Seil hervor und lachte laut auf. „Nun ist es auch für dich Zeit zu gehen, Hansen!“, stieß er verachtend hervor. Instinktiv versuchte Mikael sich zu wehren, doch sein Spielraum war durch die Ketten begrenzt. Er stieß mit dem Bein nach Tonteri, er stolperte zurück, stand aber wenig später lachend vor ihm. Aus dem Augenwinkel sah Mikael, wie eine zweite Person dazukam und ihn zu Boden warf. Schweiß rann über seine Stirn, als Tonteri sich über ihn beugte. Behutsam legte er das Seil um den Hals des jungen Kommissars. „Diesmal werde ich sicher gehen, dass du auch wirklich stirbst“, zischte er und zog das Seil mit einem Ruck zusammen. Der Blonde geriet in Ektase. Es war einfach wundervoll, wie Hansen um sein Leben kämpfte. Er zappelte unter ihm und versuchte seinem Peiniger zu entkommen, doch Tonteri ließ ihm keine Chance, drückte ihn hart auf den Boden und es dauerte keine 15 Sekunden und sein Opfer war in die Bewusstlosigkeit gesunken.

  • Als er wieder zu sich kam, schnappte er sofort panisch nach Luft und musste prompt husten. Alles um ihn herum war verschwommen, jede Faser seines Körpers schmerzte, als er die Augen aufschlug. Sein Körper zitterte, er war unglaublich müde. „Ruhig Mikael…du bist in Sicherheit“, hörte er eine Stimme sagen, die er unter tausenden erkennen würde. Antti. „Du bist im Rettungswagen Kleiner. Sie haben dir eine Atemmaske aufgezogen, damit du leichter atmen kannst.“


    Behutsam hob er die Lider, öffnete und schloss sie einige Male, um die Schleier vor seinen Augen zu vertreiben. Das Licht wechselte von hell in dunkel, als die Schatten der Bäume an ihnen vorbeizogen. „Alles wird in Ordnung kommen“, beruhigte Antti ihn und drückte seine Hand. Er wollte etwas sagen, doch kein Wort wollte seinem Mund entkommen. Er spürte einen seltsamen Druck am Hals. „Ich wünschte wir wären früher gekommen Mikael…er muss dich stranguliert haben. Der Notarzt sagt, dass du Glück hattest, aber sie müssen noch ein paar weitere Untersuchungen machen.“ Plötzlich kam alles wieder hoch: Evas Lebloser Körper. Tonteri wie er Ben mit dem Skalpell die Arme aufgeschlitzt hatte und schließlich das Messer in den Oberkörper seines Freundes gebohrt hatte. Das Seil um seinen Hals. Das Gefühl zu sterben. „Ben…“, krächzte er leise hervor. Der Händedruck von Antti wurde stärker. „Er ist mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen worden Mikael, er muss dringend operiert werden.“ „…aber…er…lebt?“, hauchte er leise in den Wagen. Sein Kollege nickte. „Er wird es schaffen Mikael. Er ist stark.“


    Antti sah, wie Tränen über Mikaels Gesicht liefen. Sein Blick wanderte immer wieder zum Hals. Aufgerissenes Fleisch und Blut zeugten davon, dass es mehr als knapp war. Er würde Veikko danken müssen, dass er so schnell einen Hinweis gefunden hatte, wenn ihnen auch Tonteri und Kinnunen irgendwie entkommen waren. Die beiden waren wie vom Erdboden verschluckt gewesen, als sie das Gebäude erstürmt hatten. Mit Schrecken dachte er an den Moment zurück, als er Ben und Mikael erblickt hatte. Er hatte geglaubt, sie wären zu spät gewesen. Ihm war immer noch ganz schlecht, als er daran zurückdachte. Die verzweifelten Rufe von Semir nach seinem Partner hallten immer noch in seinem Gehirn wieder. Anders als Antti hatte er nicht beim Transport in die Klinik an Bens Seite sein dürfen. Kasper fuhr ihn in das Krankenhaus, während Veikko sich um die Spurensicherung vor Ort kümmerte.


    „Eva…ist…tot…wegen mir“, durchdrang ein Flüstern seine Gedanken und er spürte wie Mikaels Hand in seiner zitterte. Wut stieg ihn ihm auf. Was hatte Tonteri nur gemacht, dass sein Kollege so etwas glaubte? Er schüttelte den Kopf und strich sanft durch Mikaels Haare. „Hör zu Junge, sie lebt. Eva lebt! Wir haben sie heute Morgen gefunden. Es geht ihr gut.“ „Sie…lebt?“ Der junge Kollege sah ihn ungläubig an. „Ich…ihr Puls...sie war…“, stammelte er und Antti sah, wie neue Tränen seine Wangen runter liefen. Er wischte sie ihm weg. „Sie ist quicklebendig Junge. Es tut mir leid, dass du geglaubt hast, dass sie tot ist. Das muss fürchterlich gewesen sein, aber sie lebt. Ihr geht es gut. Deiner Familie geht es gut. Es wird sich alles wieder zum Guten wenden.“ Er verspürte einen schwachen Händedruck des Schwarzhaarigen. „Was...ist mit…Tonteri“, presste er hervor. „Nicht jetzt. Du musst erst wieder in Ordnung kommen, dass hat jetzt Priorität.“ Er lächelte, als Mikael erschöpft wieder die Augen schloss. „Es dauert nicht mehr lange bis zum Krankenhaus“, hörte er einen der Sanitäter sagen und er nickte.


    *


    Semir kauerte vor dem OP. Sein Gesicht war blass, ihre Lippen zitterten und Angst zeichnete seine Augen. „Es wird gut. Du wirst sehen“, murmelte Kasper neben ihm und wippte dabei nervös mit dem Bein hin und her. Der Deutschtürke blickte auf seine Hände. Das Blut hatte er vor wenigen Minuten notdürftig auf der Toilette weggewaschen und doch fühlte es sich so an, als wäre es noch da, als würde es weiterhin an seinen Händen kleben. „Ich kann nicht glauben, dass uns dieses Schwein entkommen ist“, schimpfte er leise und lehnte den Kopf gegen die Wand. Er sah aus dem Augenwinkel, wie Kasper nachdenklich nickte. „Wir werden ihn schon noch bekommen. Irgendwann werden wir in diesem Spiel die Oberhand bekommen.“ „Wenn Veikko…ich mag gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn Veikko nicht durch diese Sandprobe etwas herausgefunden hätte.“ Kasper hielt inne und antwortete erst nach langen Sekunden Stille. „Wir haben sie gefunden, das ist die Hauptsache.“


    Sie verfielen wieder in Schweigen, ehe Antti in dem Gang auftauchte. „Die Untersuchungen haben Gott sei Dank keine schlimmen Verletzungen bei Mikael ergeben“, sagte er und setzte sich auf einen der Stühle. Er schnaufte laut durch. „Er dachte, dass Eva…er dachte sie sei tot.“ Semirs Kopf wandte sich zur Seite und er sah seinem finnischen Kollegen in die Augen. „Er dachte sie sei tot?“ „Er war total durch den Wind, als er zu sich gekommen ist. Er meinte irgendwas von keinem Puls und das er an all dem Schuld sei.“ Kasper löste sich von der Wand. „Wenn du magst, werde ich Eva holen lassen. Es wird im sicherlich helfen, wenn er sie in seiner Nähe hat.“ Antti nickte und er junge Kollege setzte sich in Bewegung.


    „Es ist nicht so lange her und ich habe hier gesessen und um Mikaels Leben gebangt“, begann Antti nach einer Weile. „Hab keine Angst Semir. Ich bin mir sicher, dass Ben es schaffen wird. Er muss es einfach schaffen. Er wird nicht zulassen, dass Mikael mit der Schuld für seinen Tod leben muss.“ „Ich wünschte, dass es so einfach wäre“, murmelte der deutsche Kommissar leise und seufzte. „Ich weiß, dass Ben den Willen hat zu überleben, aber reicht der Wille auch wirklich aus?“ „Wenn er das nicht würde, dann wäre er schon tot, bevor wir ihn gefunden haben.“


    *


    Mikael sah stumm auf die Uhr an der Wand. Seit zwei Stunden war er nun hier und noch hatte er keine Neuigkeiten von Ben erfahren. Seine Hand fuhr an seinen Hals. Die Ärzte hatten gesagt, dass er Glück gehabt hatte und keine schweren Verletzungen entstanden seien. Er konnte die Stelle deutlich unter den Fingerkuppen spüren. Die Haut war aufgeschürft. Um seinen Arm, wo Tonteris Komplize ihn getroffen hatte, war ein Verband gelegt. Auch hier war er mit leichten Verletzungen davon gekommen – anders als Ben. Er spürte, wie die Wut wieder von ihm Besitz ergriff und er wollte sich langsam aufrichten. Er musste endlich wissen, wie es Ben ging. Er wollte endlich zu Eva!


    Er setzte gerade die Füße auf den Boden, als eine Frauenstimme erklang: „Leg dich sofort wieder hin!“ Der Klang der Stimme war sanft, vertrauensvoll und strahlte eine bekannte Wärme aus. Er richtete seinen Blick zur Tür. „Eva…“ Seine Stimme war schwach und verletzlich. Sie trat an ihn heran und schloss ihn fest in ihre Arme. Tränen liefen über seine Wangen. „Ich dachte, dass du tot wärst…ich dachte…ich-ich“, schluchzte er hervor.


    Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen. Seine blauen Augen fanden ihre und sie küsste ihn. Die Unsicherheit, die ihn in den letzten Tagen beinahe erdrückt hatte, verblasste zu einer schwachen Erinnerung. Es fühlte sich gut an. Er fühlte sich für einen minimalen Augenblick so lebendig, wie schon lange nicht mehr. Sie war am Leben. Er hielt sie in seinen Armen, konnte ihr Parfüm riechen. Er konnte mit den Fingern durch ihr seidiges Haar streifen. Er küsste sie mit all den Gefühlen, die er nicht in Worte fassen konnte, drückte sie an sich und wollte sie nie wieder los lassen. Eva löste ihren Mund von seinen Lippen und lächelte. „Ich…bin so glücklich“, flüsterte er und drückte seine Lippen erneut auf ihre, ehe er sie abrupt löste. „Was ist?“, fragte sie, als sie seinen traurigen Blick wahrnahm. „Ich…kann das nicht…wenn Ben…“ Sie nickte und drückte ihn stärker an sich. „Er wird es schaffen Mikael. Mach dir keine Gedanken.“ „All das Blut“, entkam es leise seinem Mund. „Ich-ich…bin Schuld.“ Ihr Druck wurde fester. Sie hielt ihn an sich. „Du bist nicht Schuld Schatz. Bitte gib dir daran nicht die Schuld.“

  • Mikael starrte Semir an. Es war in den Augen des Deutschtürken abzulesen, dass er keine guten Nachrichten mitbrachte. „Er ist doch…nicht…“, fragte er ängstlich und drückte die Hand seiner Frau, die an seinem Bett saß, unbewusst fester. Semir schluckte schwer. „Der Blutverlust war sehr hoch und er hatte schwere innere Verletzungen…die nächsten Tage werden entscheidend sein.“ Erschrocken weiteten sich die blauen Augen des Finnen. „Du meinst, er-er… könnte sterben?“ Semirs Kopf richtete sich in Richtung Fußboden. „Er ist stark Mikael. Er wird es schaffen. Die Ärzte sagen, dass er gute Chancen hat.“ Mikael schwang die Beine aus dem Bett und wollte sich aufrichten, doch Eva drückte ihn wieder in die Matratze. „Lass mich! Ich muss zu ihm…Ich…“ Tränen begannen sich zu formen, er wollte Eva bei Seite drücken. „Bitte…ich…“ „Er braucht Ruhe Mikael. Du kannst morgen zu ihm“, ertönte es von einer dritten Stimme. Sein Kopf hob sich und er sah, wie Antti in der offenen Tür stand. Er drückte Eva dennoch von sich und stellte sich mit wackeligen Beinen auf. „Ich will nach Hause. Ich…wir sollten Tonteri finden…“, flüsterte er mit heiserer Stimme. Er wollte nichts mehr, als diesen Menschen für Bens Zustand büßen zu lassen. „Du wirst noch ein paar Tage hier bleiben müssen“, stellte Antti klar. „Das glaubst du doch selbst nicht. Mir geht es gut, ich will nach Hause. Du weißt genau, wie sehr ich Krankenhäuser hasse.“ Antti seufzte. „Das ist mir bekannt Mikael. Trotzdem wirst du hier bleiben und wenn ich dich an ein Bett fesseln muss. Das ist keine leere Drohung von mir.“ Er trat näher und tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Brust. Sein Blick fiel auf zwei Uniformierte, die er durch die offene Tür auf dem Flur erblickte. „Dann schick wenigstens die nach Hause, Antti.“ Der Blonde sah ihn mit großen Augen an und schüttelte den Kopf. „Sie werden hier bleiben Mikael. Ich werde dich sicherlich nicht unbewacht lassen!“ „Das hat ja beim letzten Mal so super geklappt. Schick sie nach Hause, ich möchte nicht, dass noch mehr Kollegen wegen mir…“ „Nein, nein, nein diesen Weg gehst du erst gar nicht. Du hast keinen der Kollegen erschossen, du kannst dafür überhaupt nichts.“ „Und doch sind sie tot, weil sie vor meiner Tür standen…“ Traurigkeit füllte seine Stimme, er sank wieder auf das Bett und blickte aus dem Fenster vor sich. Helsinki war in ein tristes Grau gehüllt – wie passend. Irgendwo weit entfernt, hörte er Antti auf seine Bitte antworteten. Er wolle sich darum kümmern, dass die zwei Beamten verschwinden, wenn es ihm so wichtig sei.


    Es herrschte einige Minuten Stille, oder er glaubte das zumindest. Vielleicht hatte er die Stimmen der anderen auch nicht wahrgenommen. Er war sich nicht sicher. Eva beugte sich zu ihm runter. „Schatz? Bist du in Ordnung?“, fragte sie besorgt. Ihre Hände lagen auf seinen Wangen. Sie zwang ihn dazu ihn anzusehen. „Ich…ja…“, presste er heraus.


    Antti sah auf Semir und schüttelte leicht den Kopf. Die beiden älteren Beamten verstanden sich nach all den gelösten Fällen inzwischen blind. „Wir werden raus gehen, Eva“, flüsterte Antti leise in Richtung der Frau und setzte sich in Bewegung. Dicht hinter ihm folgte Semir. „Du wirst doch nicht wirklich die Beamten von seiner Tür abziehen?“, fragte Semir, als sie sich um einige Meter von der Tür entfernt hatten. „Es reicht, wenn er das glaubt“, antwortete der stämmige Finne und lächelte leicht. „Ich werde einen Kollegen etwas weiter weg postieren. Es gibt nur einen Zugang zu dieser Station.“ Der Deutschtürke nickte. „Hat sich Veikko schon gemeldet? Gibt es etwas von Tonteri?“ „Sie haben haufenweise Spuren gefunden, aber keine davon führt auf den ersten Blick zum neuen Versteck von diesem Typen.“ Er seufzte. „Ich habe ihm gesagt, dass er zurück ins Präsidium fahren soll. Es war nicht zu überhören, dass er Schmerzen hatte.“
    Antti begab sich zu einem Kaffeeautomaten und ließ die Münze in die Öffnung gleiten. Wenig später erfüllte das Summen des Gerätes den Flur. „Du hast ihm verheimlicht, wie schlecht es wirklich um Ben steht“, sagte er schließlich und musterte Semirs bedrücktes Gesicht. „Er macht sich auch schon so viel zu viele Vorwürfe, die Tatsache, dass die Ärzte Ben nur wenig Hoffnung geben, macht es nicht besser.“


    *


    Mikael saß in sich zusammengesunken neben Bens Bett. Mit tränennassen Augen betrachtete er die bleiche Person im Bett. Ihm genügte ein Blick auf die Monitore und er verstand, dass Semir und Antti ihn belogen hatten. Es war keinesfalls sicher, dass Ben es schaffen würde. „Werd wieder gesund, Ben, bitte. Ich wollte das nicht, verstehst du?“ Mit erstickter Stimme fuhr er fort: „Es ist meine Schuld, dass du hier liegst. Ich…ich…habe nicht genug getan, um dich und Eva zu beschützen. Ich wünschte, ich könnte mit dir tauschen. Hör zu, du darfst nicht gehen. Bitte!“ Er starrte ihn lange an, wartete auf eine Antwort, doch er hörte nichts als das eintönige Piepen der Geräte neben seinem Bett. Seine Finger krallten sich in den Stoff seiner Jogginghose. Er weinte aus reiner Verzweiflung, weinte und schaffte es nicht mehr aufzuhören.


    „Herr Häkkinen?“ Jemand legte seine Hand auf seinen Arm und rüttelte ihn sanft. Er sah auf und blickte in das Gesicht einer Krankenschwester, die vor ihm stand. „Sie sollten wieder in ihr Zimmer gehen. Sie müssen erschöpft sein.“ Er nickte und stand wie in Trance auf. Er merkte, wie die Schwester ihm folgte. Vermutlich wollte sie sicher gehen, dass er wirklich in sein Zimmer ging. Er merkte, wie ihm schwindelig wurde. Das war zu viel gewesen. Sein Körper zeigte ihm mit aller Härte, dass er sich an die Grenzen begeben hatte. Er hielt sich an der Wand fest und wartete bis der Schwindel aufhörte. Die junge Krankenschwester hatte nervös gefragt, ob alles in Ordnung sei. Er hatte nur abgewunken und war anschließend weiter gelaufen, war sie jedoch erst losgeworden, als er wieder in seinem Zimmer lag.


    Als sie gegangen war, setzte er sich auf und lauschte in die Stille des Raumes. Er fuhr mit den Fingern seiner rechten Hand zunächst über die dicken Verbände an den Handgelenken und schließlich glitt die zittrige Hand an seinen Hals. Die Würgemale waren deutlich zu erfühlen. Er setzte die Füße auf den kalten Zimmerboden und stand auf, um sich ins Bad zu begeben. Lange betrachtete er sich stumm im Spiegel. Er war blass, hatte dicke Ringe unter den Augen. Wieder fuhr seine Hand auf die Stelle, an der Tonteri ihn mit dem Seil erwürgen wollte. Er wäre tot, wenn Antti nicht genau in diesem Moment gekommen wäre…Ben wäre tot und er hätte einen weiten Freund auf den Gewissen gehabt. Eine salzige Träne lief über seine Wange. Unbändige Wut übermannte ihn. Wut darüber, dass er Ben nicht hatte helfen können. Wut darüber, dass Tonteri so viele Menschen auf dem Gewissen hatte und dennoch auf freiem Fuß war. Wut darüber, dass er sich ihm gebeugt hatte, dass er so schnell aufgegeben hatte. „Du bist erbärmlich Hansen!“, schrie er außer sich und schlug so hart mit der Faust gegen den Spiegel, dass er kreisrund um seine Hand zersplitterte. Seine Handknöchel an der rechten Hand waren blutig, aber es kümmerte ihn nicht. Durch die Schmerzmittel fühlte er ohnehin nichts. Er starrte sich in den zerbrochenen Spiegel weiter an. „Du kannst nicht einmal deine Freunde beschützten“, zischte er.


    „Mikael?“ Er wirbelte erschrocken herum. Semir stand in der Tür und betrachtete ihn mit großen, verschreckten Augen. Der Blick des deutschen Kommissars wechselte zwischen ihm und den Spiegel. „Du bist nicht Schuld“, war alles was er letztendlich in seiner Überraschung rausbrachte. „Achja?“ Der Finne löste sich von dem zerbrochenen Spiegel und wollte an Semir vorbei zurück in das Zimmer gehen, doch der Deutschtürke hielt ihn zurück. „Du kannst nichts dafür Mikael…Ben wird wieder in Ordnung kommen, hörst du?“ Der Schwarzhaarige schüttelte energisch den Kopf. „Ich hätte mehr tun sollen, ich hätte kräftiger ziehen sollen, ich hätte…“, er sank zu Boden und zog die Knie an sich. „Ich konnte nur zusehen, wie er langsam verblutet, wie das Leben immer mehr aus ihm gewichen ist…ich-ich…“


    Semir kniete sich runter. „Du bist nicht schuld Mikael, wenn du dir für das alles die Schuld gibst, wird es Ben nicht helfen“, sagte er. Der Finne starrte ihn an. „Ihr habt mich belogen…ich war bei ihm. Wenn er stirbt, geht das alleine auf mein Konto!“, schrie er, musste jedoch kurze Zeit später husten. Der Deutschtürke griff nach dem Arm des jungen Finnen und zog ihn sanft nach oben. „Dann geht es auf das Konto von Tonteri und nicht auf deins und ich kann dir sagen, dass Ben es schaffen wird. Er wird sich davon doch nicht einschüchtern lassen.“

  • Semir ließ seinen Blick durchs Zimmer wandern. All diese Geräte, die Ben umgaben, lösten in ihm nichts als Beklemmung aus. Es war ein skurriles Bild seinen Partner und Freund in einer solchen Situation zu sehen. So hilflos, so zerbrechlich. Er setzte sich auf den Besucherstuhl und legte seine Hand seicht auf Bens Arm. „Ich warne dich Ben, wenn du jetzt gehst“, begann er und musste schlucken. „Mikael braucht dich. Er geht kaputt, wenn du stirbst. Du kannst ihm das nicht antun…du kannst mir das nicht antun!“ Seine Augen füllten sich mit Tränen. Warum nur hatten sie Tonteri und Kinnunen nicht schon viel früher gefunden? Sie hätten das hier verhindern können und doch hatten sie es nicht geschafft. Vor einer Stunde hatte er Bens Vater angerufen und ihn darüber informieren müssen, dass seinem Sohn etwas zugestoßen war. Nur bei den Gedanken daran krampfte sich sein Magen wieder zusammen. Konrad Jäger hatte versprochen, dass er kommen würde, sobald es ihm möglich war. Würde Mikael das aushalten? Er war sich sicher, dass die Verzweiflung von Bens Vater seine Schuldgefühle nur verschlimmern würde. Warum auch war es so kompliziert? „Du würdest die Sache erleichtern Ben, wenn du es schaffen würdest, hörst du“, flüsterte er leise in den Raum.


    Das Bild von Mikael, wie er die Faust in den Spiegel schlug, hatte sich in sein Gehirn gebrannt. Wie tief mussten sein Schmerz und seine Wut sein, wenn er sich selbst mit ‚Hansen‘ ansprach? Semir hatte ihn selbst diesen Namen nie aussprechen gehört und in dem Moment, wo er es getan hatte, war seine Stimme voller Abneigung und Ekel gewesen. Er hatte nicht mit ihm reden wollen, er war auf taube Ohren gestoßen, als er ihm gesagt hatte, dass es nicht seine Schuld war. Vielleicht lud er die Schuld seines Vaters auf seine Schultern? Er ließ seinen Blick über Bens leblosen Körper schweifen und dachte darüber nach, wie viel Mikael wirklich von den Geschäften seines Vaters mitbekommen hatte. Sicherlich war er in Deutschland noch zu jung gewesen, um wirklich zu verstehen, was sein Vater machte, aber in Finnland? Er hatte diesem Jungen … Pekka Solheim … immerhin diese Drogen besorgt. War es das einzige Mal gewesen, oder war Mikael vielleicht sogar schon dabei in diese Welt voller Drogen und dreckigem Geld, wo ein Menschenleben überhaupt nichts zählt, einzutauchen? Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er sich darüber nie Gedanken gemacht hatte. Im Grund wusste er überhaupt nichts über die Jugend von Mikael. Aber durfte er überhaupt Richter spielen? Er, der selbst kein Unschuldslamm gewesen war? „Sicherlich nicht“, sprach er laut auf und hoffte schon eine Antwort von Ben zu erhalten. Er könnte das Chaos in seinem Kopf sortieren.
    Er seufzte und erhob sich von dem Stuhl. Er brauchte frische Luft, sonst würden diese ganzen Gedanken ihn noch wahnsinnig machen. Semir drückte Bens Hand zum Abschied und verließ den Raum.


    *


    Mikael schrak nach Luft schnappend aus seinem Albtraum hoch. Er brauchte einige Zeit, um zu registrieren, dass er nicht mehr in der Gewalt von Tonteri war, sondern im Krankenhaus. Er blickte auf das Fenster und sah zu, wie die Schneeflocken dagegen flogen. Leicht benommen setzte er sich auf. Er betrachtete seine zitternden Hände und dachte mit Schrecken an den Traum zurück. Tonteri hatte Eva und Ben vor seinen Augen erschossen und er hatte ihnen nicht helfen können. Er hatte nur noch einen Gedanken. Er musste hier raus und verhindern das Tonteri seiner Familie erneut etwas antun würde. Er schlüpfte in Jeans, Schuhe und Pullover und verstaute sein Handy in seiner Tasche und betrat den langen Korridor. Über ihm leuchteten Neonlampen. Eilig schritt er durch die Gänge. Er hatte das Gefühl auf der Flucht zu sein, als würde er etwas Falsches tun. Er erreichte den Fahrstuhl und stieg ein. Die Türen wollten sich gerade schließen, als sich ein Mann herein zwängte. „Solltest du nicht im Bett sein?“ Er sah auf und blickte in das Gesicht von Edvin Solheim. „Ja“, antworte Mikael knapp. Der Mann lächelte ihn an. „Und warum bist du es dann nicht?“ „Ich habe was zu erledigen.“ Er starrte ihn an, durchbohrte ihn mit seinem Blick. „Du weißt, dass ich nicht zulassen kann, dass du dich alleine auf die Suche nach Tonteri begibst.“ „Was geht dich das an, was ich mache? Ich bin Schuld an Pekkas Tod!“ „Hat er dir das eingetrichtert?“, antwortete Solheim. „Du weißt, dass es nicht stimmt. Du hast keine Schuld an der Drogensucht von Pekka…wenn du willst, kann ich dir helfen ihn zu finden.“ „Helfen“, brummte Mikael leise. „Wozu? Ich brauche keine Hilfe. So stirbt nicht noch jemand!“ Die Türen des Fahrstuhls öffneten sich. Mikael trat in die Empfangshalle des Krankenhauses und war schon fast am Ausgang, als Solheim seinen Arm packte und festhielt. „Deine Frau und Jäger leben, Häkkinen. Sie leben! Geh nicht, er wird dich umbringen!“ „Ben ist noch nicht übern Berg…“, nuschelte er.


    Er riss sich los, doch Solheim griff erneut nach seinem Arm und zog ihn kräftig zurück. „Wir sollten wieder hochgehen“, sagte er nur und zog ihn sanft hinter sich her und war selbst etwas überrascht, dass der Jungkommissar ihm ohne erneuten Widerspruch folge leistete. „Antti hat dich auf mich angesetzt, oder?“, fragte der Mann hinter ihm nach einer Weile. „Denkst du, dass er dich unbeaufsichtigt lässt? Du bist ihm wichtig.“ Er vernahm an leises grummeln. „Tonteri ist gefährlich, gefährlicher als du vielleicht glaubst. Ich hätte genauso gehandelt, wie Heikkinen.“


    Es dauerte nicht lange und Solheim hatte ihn wieder zu dem Zimmer bugsiert und er saß auf seinem Bett. „Du kannst dich auch ruhig in einen der Stühle hier setzen, wenn du mich schon rund um die Uhr beobachtest“, sagte er schließlich. Der Blonde lächelte und setzte sich an den kleinen Tisch in der Zimmerecke. „Weißt du Häkkinen…“, begann er und atmete tief durch. „Als du angeschossen wurdest von Hugo…ich-ich war öfters bei dir am Bett. Du…ich wollte…“ Er fluchte und begann erneut. „Ich wollte mich entschuldigen, dass ich dir das Leben all die Jahre schwer gemacht habe. Du kannst nichts für die Drogensucht von meinem Sohn und das weiß ich jetzt. Ich habe es dir immer zu gesagt, als du im künstlichen Koma lagst, aber ich habe nicht den Mut gehabt, es dir auch zu sagen, als du wach warst.“ Der junge Mann starrte ihn an. In seinen blauen Augen spiegelten sich Zweifel und Unglaube wieder. „Ich meine es ernst“, sagte er nach einer Weile, „und du kannst Edvin sagen…“ Mit diesen Worten schien er zum Bewusstsein seines Gesprächspartners durchgedrungen zu sein. Er zog die Mundwinkel nach oben und hob die Beine in sein Bett. „Danke, Edvin“, murmelte er leise. Der Ältere nickte und sie verfielen wieder in Schweigen. Nach etwa einer Stunde stand Solheim auf und begab sich zum kleinen Klo auf dem Zimmer. „Das ist der Vorteil, wenn ich hier vor deinem Bett wache halte, das Klo ist bedeutet näher.“ Er zwinkerte und Mikael nickte. Er verfolgte, wie seine ‚Wache‘ die Tür schloss und ließ sich aus dem Bett gleiten. Er griff nach einem der Stühle und kippte ihn so, dass die Rückenlehne die Türklinke blockierte. Dann rannte er aus dem Zimmer. Sein Plan hatte perfekt geklappt. Er hatte Edvin Solheim überlistet.

  • Er schaute auf den Grabstein vor sich. Andreas Hansen stand dort in goldenen Buchstaben geschrieben. Er dachte an die Jahre zurück, in denen sie glücklich gewesen waren. Es waren nicht viele Jahre gewesen, vermutlich nur die Zeit, in der er noch zu jung war, um zu verstehen, wer sein Vater wirklich war und womit er all das Geld für die Geschenke verdiente. Andreas Hansen war ein guter Vater gewesen, er hatte die Wochenenden geliebt, in denen er sich nur um ihn gekümmert hatte. Wenn sie Drachen steigen waren oder am Rhein die Schiffe gezählt hatten. Dann hatte sich alles geändert. Er begann immer mehr zu verstehen, was sein Vater machte. Er erinnerte sich an den alten, kauzigen Kommissar, der ihn einmal nach der Schule abgefangen hatte, befragt hatte. Gott war der Typ einfältig gewesen! Er hatte geglaubt, über ihn an seinen Vater heranzukommen. Er hatte geschwiegen, seine Familie beschützt, auch wenn es falsch gewesen war, hatte sein Vater doch immer alles für ihn getan. Dann von heute auf morgen hatten sie das Land verlassen müssen und waren in Finnland untergetaucht. Aus Hansen wurde Häkkinen, der Familienname seiner Mutter. Es war auch die Nacht gewesen, in der er begonnen hatte, seinen Vater zu hassen, ihn zu verachten. Er hatte ihm sein glückliches Leben in Köln genommen. Seine Freunde waren dort gewesen. Seine erste Liebe: Amanda, eine blonde Schönheit. Er hasste ihn noch mehr, nachdem ein Junge aus seiner Klasse, Pekka, behauptet hatte, dass er wüsste, wie man an Drogen kam. Sein Vater würde ihn verhaften, wenn er ihm keine Drogen liefern würde. Immer und immer wieder hatte er Pekka ein Päckchen von dem Scheißzeug zugespielt. Er hasste seinen Vater dafür….nein, er hasste sich dafür!


    Nach Pekkas erster Überdosis hatte er aufgehört ihm Lieferungen zukommen zu lassen. Er hatte seinem Vater ein Ultimatum gestellt. Er würde zur Polizei gehen, wenn er seine Geschäfte nicht beendet, würde alle Einzelheiten ausplaudern. Nur sechs Tage später, verschwand sein Vater erneut von der Bildfläche. Täuschte seinen Tod und den seiner Mutter vor. Sein Körper zitterte, als er an den Tag zurückdachte, als die Polizei vor seiner Tür stand und ihm mitteilte, dass seine Eltern tot waren. Er hatte sich so alleine gefühlt. Schuldig, dass er seinen Vater in den Tod getrieben hatte. Die Jahre danach waren eine Qual gewesen. Er war von einer Wohngruppe in die andere geschickt worden, bis er endlich 18 war und selbst für sich sorgen konnte. Er ging zur Polizei und dann, plötzlich war bei einem Einsatz sein totgeglaubter Vater vor ihm gestanden. Er hatte Ben und ihn entführt, weil er Ermittlungsdaten von ihm haben wollte. Sie waren sich als Feinde gegenübergestanden und er hatte auf ihn geschossen….seinen eigenen Sohn. Seine Familie war zu einem Bild aus Lügen und Intrigen geworden. Von der glücklichen Zeit, war nichts mehr übrig gewesen, erstickt im Keim der dunklen Wirklichkeit.


    „Warum hast du das gemacht?!“, schrie er in Richtung des Grabsteins. „Warum bist du einfach gegangen, ohne mir alles zu erklären?“ Er war wütend. Rasend vor Wut, über den Mann der vorgab ihn zu lieben. „Warum tust du mir das an? Warum muss ich für deine Fehler büßen?“ Er sank vor dem Grab auf die Knie, krallte die Finger in den feuchten Schnee. „Warum hast du damals auf mich geschossen!? Du warst mein Vater! Mein Vater!“ Seine Stimme versagte und er begann zu weinen. Irgendwann ließ seine Kraft nach, das Schluchzten verebbte langsam und er blickte nur noch stumm auf den Grabstein.


    „Ich wusste, dass ich dich hier finde.“ Veikko setzte sich neben ihm in den nassen Schnee. „Wir haben versucht dich zu erreichen, Antti hat sich Sorgen gemacht“, fuhr er fort. Mikael zog die Schultern hoch. „Ich brauchte Zeit für mich“, sagte er leise. Veikkos Blick fuhr zu dem Grab. „Er hat nicht verdient, dass du immer wieder hier her kommst.“ „Er ist…mein Vater…“, nuschelte er. „Er hat Ben entführt, auf dich geschossen…“, begann Veikko, wurde jedoch unterbrochen. „Lass es Veikko, ich kenne seine Fehler.“ Er sah aus dem Augenwinkel, wie sein Freund wieder aufgestanden war. „Du solltest wieder ins Krankenhaus gehen, Mikael“, sagte er und wollte ihn hochziehen, doch er stieß ihn weg. „Lass mich! Sag Antti ich bin okay und geh.“ „Du bist nicht okay.“ Er sprang auf und funkelte seinen Kollegen wütend an. „Ich will einfach alleine sein! GEH!“ „Du willst Tonteri finden, ihn büßen lassen“, antwortete Veikko unbeeindruckt, „ich kenn dich Mikael, wir sind lange genug Freunde…“ „Und wenn es so ist?“ „Dann sage ich dir, dass es dir nicht helfen wird…Rache wird das nicht ändern können.“ Er begann zu lachen. „DU, du hast keine Ahnung Veikko…in deiner Scheißwelt ist immer alles in Ordnung.“ „Du weißt, dass das nicht stimmt!“ Mikael wollte an ihm vorbeigehen, wurde jedoch zurück gehalten, indem Veikko nach seinem Arm griff. „LASS MICH!“ „Nein, nicht bevor du wieder klar denken kannst“, gab er ihm zu verstehen. Er schubste ihn leicht weg und Veikko stöhnte auf. „Verdammt…“, murmelte er leise. Mikael sah ihn skeptisch an. Für einen Augenblick war all die Wut verschwunden. „Bist du verletzt?“ Sein Gesprächspartner hielt inne. „Ich? Ach…nein, nein…ich hab nur…ich.“ Er seufzte. „Scheiße, du erfährst es doch ohnehin. Ich hatte eine kleine Begegnung mit einem Auto, als wir Tonteri verhaftet haben.“ Mikael wurde aufmerksam. „Ihr hattet ihn verhaftet? Warum war er wieder frei? Was ist passiert? Es geht dir aber doch gut…es ist nicht schlimm oder?“ „Ich….du solltest mit Antti darüber reden, ich bin sicherlich nicht der Richtige dafür.“ „Er hat dir etwas angetan, oder? WAS!“ Veikko schüttelte den Kopf. „Wie gesagt…die Schmerzen kommen vom Unfall.“ „WAS IST ES DANN! Was zur Hölle verheimlicht ihr alle vor mir und ich weiß, dass ihr etwas verheimlicht!“, schrie Mikael jetzt. Er war es satt, dass alle meinten ihn in Watte packen zu müssen. Er hatte ein verdammtes Recht darauf, alles zu erfahren. „Er hat das Präsidium in die Luft gesprengt“, brachte Veikko heraus. „Einige Kollegen sind…du weißt schon und…Leif war…“ „Er-er ist…tot?“ Ein stummes Nicken, bestätigte seine Nachfrage. Leif war tot. Ein weiteres Opfer von Tonteri was auf seine Kappe ging. Seine Hand formte sich zur Faust. „WARUM HABT IHR IHN GEHEN LASSEN!“ „Ich…“ „Was ich!? Rück raus mit der Sprache, was war so wichtig, dass ihr einen Mann wie Tonteri einfach gehen lasst!“ Veikko sah verlegen auf den Boden. „Ich war es… Veeti Kinnunen …also der Komplize von Tonteri… hat mich als Geisel genommen und Antti damit gedroht mich zu erschießen, wenn er Tonteri nicht gehen lässt.“ Mikael fiel wieder auf die Knie. „Es tut mir leid…ich-ich, es ist alles meine Schuld.“


    Veikko zog ihn kraftvoll nach oben, gab sich Mühe die Schmerzen, die diese Aktion seinem Körper zuführte zu ignorieren. „Hör auf! Hör endlich auf dir an allem die Schuld zu geben!“, schrie er und zwang ihn dazu ihn anzusehen. „Du kannst nicht jeden retten, du kannst nicht für alles die Verantwortung übernehmen!“ Tränen bildeten sich in den Augen des Angesprochenen. „Ich habe gelogen…ich habe Pekka nicht nur einmal Drogen geliefert. Ich bin nicht besser als mein Vater. Ich habe dieses Leben nicht verdient! Ich habe nicht verdient, dass Solheim mir verzeiht. Ich habe …“ Seine Stimme versagte und das einzige was ihm noch entkam, waren laute Schluchzer. Veikko drückte ihn an sich. „Und du denkst, ich wusste das nicht? Joshua hat es mal im Suff erzählt und er hat auch erzählt, wie du Pekka in diese Entzugsklinik gebracht hast.“ „Aber…es…hat…nicht geklappt“, flüsterte die Person in seinen Armen. „Aber dennoch hast du es versucht, wie du es immer tust. Weil du nicht mit ansehen kannst, wie Leute um dich herum leiden, auch wenn du niemanden sagst, wie es dir selbst geht.“


    „Veikko?“ Mikael löste sich und sah ihn an. „Hmm?“ „Es tut mir leid.“ Ehe er verstand, was Mikael meinte, warf ihn ein Fußtritt in die Rippen um. Er schnappte nach Luft, versuchte den plötzlich aufkommenden Schmerzen Herr zu werden. „Fuck“, fluchte er leise und presste den Arm um seine Seite. Er richtete sich mühevoll wieder auf sah sich um. Mikael war verschwunden. „Arggh! Du Idiot hast ihm den Namen von dem Komplizen genannt!“


    *


    Semir sah durch das Fenster in den Park des Krankenhauses. Antti saß mit Eva auf einer Parkbank. Sie begann zu weinen und er wusste, dass ihr der Kollege gerade gebeichtet hatte, dass ihnen Mikael abhandengekommen war. Nur unweit von den Beiden spielte Veikko mit den Kindern, lenkte sie von den Dingen ab, die nur einige Meter von ihnen entfernt passierten. „Rache vernebelt einem die Sinne und sorgt dafür, dass man nicht mehr rational denkt“, hörte der Deutschtürke eine Stimme sagen und wandte sich zur Seite. Kasper hatte sich neben ihm platziert und sah ebenfalls auf die Szene vor ihnen. „Als meine Schwester umgebracht wurde, wurde ich selbst lange Zeit von Rache eingenommen“, fuhr der Finne nach einer Weile fort. „Es ist ein hässliches Gefühl, dass dich nicht erkennen lässt, was du den Menschen um dich herum damit antust.“ Semir nickte nachdenklich und sprach schlussendlich den Gedanken aus, dem ihn seit Verschwinden des jungen Kommissars beschäftigte. „Denkst du Mikael will ihn töten?“ Kasper zog die Schultern hoch. „Ich würde behaupten nein, aber ich selbst habe ihn schon in Situationen erlebt, wo er sein Gehirn ausgeschaltet hat und wenn er das tut, dann würde ich mich zumindest nicht mit ihm anlegen.“


    Der deutsche Kommissar richtete seinen Blick wieder aus dem Fenster. Antti drückte die junge Frau an sich und strich ihr sanft über die Haare. Unweigerlich drängte sich das Foto, das er am Arbeitsplatz des Finnen gesehen hatte in seine Gedanken. Sie hatten Mikael, seine Frau und die Kinder sowie Antti beim Drachensteigen gezeigt. Oskari hatte den großen Lenkdrachen stolz in die Kamera gehalten und Antti und Mikael hatten jeweils ihre Hände auf die Schultern des Jungen gelegt. Antti war Mikael unglaublich wichtig und doch schien er die Seite von sich, die alles alleine schaffen wollte nicht ablegen zu können.


    „Mikael wird Kinnunen oder Tonteri ausmachen, das ist nur eine Frage der Zeit“, holte ihn Kasper zurück ins Hier und Jetzt. „Dann sollten wir schneller sein“, murmelte Semir leise, ohne seinen Blick von der Parkbank zu lösen. „Wir haben schon einen Rückstand“, gab Kasper zu bedenken. „Wir haben Veikko. Er ist ein Genie, er wird einen von den Typen irgendwie ausmachen können.“ Der Mann eben ihm seufzte auf. „Mikael hat Kontakte, die wir nicht haben. Wenn er jemanden finden will, der untergetaucht ist, dann ist er um ein vielfaches schneller …“

  • „Das schwarze Schaf kehrt zurück! Sieh an!“ Der Mann lächelte ihn schief an, als er das Lokal betrat. „Ich brauche eine Waffe“, begann er ohne Umschweife. Der Mann lachte laut auf. „Und ich habe geglaubt Hansens Sohn wäre Polizist geworden, da sollte man doch Waffen besitzen, oder nicht kleiner?“ „Ich will das ganze Programm. Keine Seriennummer, keine Vorgeschichte … du weißt, dass ich dich bezahlen kann. Was denkst du, wer das schmutzige Geld von Hansen hat?“ Sein Gegenüber hielt inne, strich sich mit der Hand über seinen Kinnbart. „Wer steht im Fadenkreuz der Hansens?“ „Spielt keine Rolle, dein Job ist mir eine Waffe zu besorgen.“ Der Mann stellte ein Glas Wodka vor seine Nase. „Du hast aufgepasst, als dein Vater dich in seine Geschäfte eingeführt hat, das muss man dir lassen.“ „Also hast du so was?“ Er trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Tresen. „Wer sagt mir, dass du nicht als Bulle hier bist?“, kam sofort die Gegenfrage. Er zählte schweigend einige Scheine ab und legte sie auf den Tresen. „Das wird reichen, oder ich gebe den Bullen doch noch einen Tipp.“ Der Mann griff nach den Scheinen und steckte sie in seine Hosentasche. „Warte hier“, sagte er kurz und bündig und verschwand aus der Hintertür.


    Mikael griff abwesend nach dem Wodkaglas und schwang es in seiner Hand hin und her. Er wusste durch einen alten Bekannten seines Vaters, wo er Kinnunen finden würde und wenn er diesen Typen fand, dann war der Weg zu Tonteri nicht mehr weit. Er blickte auf, als der Besitzer des Lokals wieder durch die Tür trat. „Eine Walther P99. Ohne Seriennummer, ohne Vorgeschichte.“ „Munition?“ „Ein Magazin gefüllt.“ Er stand auf, steckte die Waffe in den Hosenbund und zog den Pullover darüber. Danach verließ er schweigend das Lokal. Er hatte, was er brauchte und so gab es keinen Grund sich länger an diesem Ort aufzuhalten.


    *


    Semir trat näher an das Bett heran und setzte sich auf den Besucherstuhl. „Bitte Ben, komm bald wieder zu dir. Ich könnte dich gerade wirklich gebrauchen. Alles ist so furchtbar chaotisch und du weißt doch, wie man mit Chaos umgeht.“ Er lächelte bei dem Gedanken, dass Ben, wenn er wach wäre, auf diesen Satz mehr als empört reagiert hätte. Gedankenversunken ließ er den Blick über die Geräte schweifen. Er hatte keine Ahnung, was all diese Zahlen und Linien bedeuten, ob es ein gutes oder schlechtes Zeichen war. Vorsichtig drückte er Bens Hand. „Ich fürchte Mikael baut gerade ziemlichen Mist.“ Er seufzte. Sie hatten den ganzen Tag damit verbracht Mikael zu suchen, aber gefunden hatten sie nichts. Sie waren sogar in dem Viertel gewesen, wo Hansen damals seine Geschäfte gemacht hat. Semir hatte sich unmittelbar an seine Kindheit erinnert. Ein Ort, den nicht viele verlassen. Einige hatten sie breit angegrinst oder gelacht. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass diese Menschen etwas wussten. Aber so war das in diesen Viertel. Nichts sickerte nach draußen durch.


    Veikko hatte versucht irgendwie noch etwas über Kinnunen und Tonteri herauszufinden, aber es gab keine elektronischen Hinterlassenschaften, die ihnen weiterhelfen konnte. Auch Solheims Befragungen ehemaliger Teilnehmer dieser Selbsthilfegruppe hatte nichts gebracht. Semir war vor dem Besuch im Krankenhaus bei Eva gewesen. Sie war vollkommen fertig, konnte sich aus der plötzlichen Flucht und der Tatsache, dass er sich bei niemand meldete, keinen Reim machen. Der Deutschtürke hoffte, dass sie Mikael finden würden. Er hatte mit eigenen Augen gesehen, in was für einem verwirrten Zustand der Junge war. „Du hättest es vielleicht verhindern können, Ben…du weißt immer, wie du mit ihm reden musst, damit er versteht. Ich war mit der Situation vollkommen überfordert, wusste nicht was ich sagen soll.“ Er seufzte, als er erkannte, dass er schon vor fünf Minuten bei Antti im Büro sein sollte. Nach einem letzten Händedruck stand der auf und verabschiede sich von Ben.


    Als Semir aus dem Zimmer trat, blickte er in ein bekanntes Gesicht. Er reichte dem Mann vor sich die Hand. „Herr Jäger, schön Sie zu sehen. Haben Sie schon mit den Ärzten gesprochen, gibt es etwas Neues?“ Sein Gegenüber lächelte leicht. „Die Ärzte sagen, dass er durchkommt. Sie werden ihn noch etwas im künstlichen Koma behalten … etwa vier Tage …“ Semir atmete erleichtert auf. Das waren doch endlich mal gute Neuigkeiten, nachdem sich die schlechten in den letzten Tagen gehäuft hatten. „Mikael … ich habe ihn überhaupt nicht gesehen, seitdem ich hier bin“, ertönte die Stimme von Konrad Jäger. „Er ist verschwunden“, gab Semir ehrlich zu, „ich hoffe, er baut keinen Unsinn.“ Jäger nickte. „Ich verstehe.“ Er kam nicht umhin, den Gesichtsausdruck seines Gegenübers wahrzunehmen. Der alte Jäger war nicht gut auf Mikael zu sprechen und dies war einer der Momente, in denen er es nicht versteckte. „Mikael kann nichts für Bens Zustand, Herr Jäger. Dieser Mann, der Ben gefangen gehalten hat, ist verrückt und voller Hass auf das Drogenmilieu … den Hansens.“ „Andreas Hansen“, sagte Jäger mit Verachtung in seiner Stimme, „dieser abscheuliche Kerl …“


    Semir sah aus dem Fenster. „Warum haben sie einen solchen Hass auf Mikael? Helfen Sie mir, denn ich verstehe das nicht. Ich kenne ihn jetzt schon mehr als vier Jahre und der Junge ist hochanständig und…“ „Er ist seinem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten. Wenn er vor mir steht, dann schaue ich unweigerlich in die Augen seines Vaters. Sein Vater, der meine Familie bedrohte. Sein Vater, der mir, meiner Frau und meinen Kindern so viel Leid angetan hat“, unterbrach Konrad Jäger ihn und spielte nervös mit seiner Armbanduhr. „Hören Sie, ich weiß, dass es falsch ist, aber ich kann nichts daran ändern. Ich versuche es mir nicht anmerken zu lassen und doch kommt dieser Hass oft wieder durch.“ Er löste sich aus seiner Haltung. „Entschuldigen Sie, Herr Gerkhan, ich möchte jetzt wieder zu meinem Sohn. Ich wünsche Ihnen viel Glück, dass sie Mikael finden.“


    *


    Mikael stiefelte über die schneebedeckte Straße auf die alte Fabrikhalle zu. Das war der Ort, an dem sich Kinnunen versteckt hielt. Er zog mit der rechten Hand die Waffe aus seinem Hosenbund und begab sich leise und bedacht in das große Gebäude. Es war nicht schwer den Mann auszumachen. Er saß in einem alten Sofa und kreiste eine Wodkaflasche in seiner Hand. „Man sieht sich immer zwei Mal im Leben, oder wie heißt es so schön“, rief Mikael durch den Raum und hatte sofort die volle Aufmerksamkeit des Mannes. Blitzschnell verkleinerte er den Abstand zu sich und dem Mann, der nun von seinem Sofa aufgesprungen war und ihn unglaublich ansah. Sein Finger krümmte sich um den Abzug. „Wo finde ich Tonteri!?“, zischte Mikael. „Wenn ich es verrate, bin ich ein toter Mann“, antworte Kinnunen. „Dazu bin ich ebenso in der Lage!“ Er drückte die Waffe gegen die Brust von Kinnunen, lächelte, als sich dessen Augen mit Panik füllten. Diesmal war er es, der die Oberhand hatte und sie nicht wieder hergeben würde.
    „Wo finde ich ihn?“
    „Er wird dich töten.“
    „Antworte!“, er presste die Waffe kräftiger gegen Kinnunen, der nervös auf der Unterlippe kaute.
    „Er hat ein Schiff am Hafen. Die Annabella. Dort wird er sein.“
    „Wenn du gelogen hast oder Tonteri Bescheid weiß, komme ich zurück und werde dich töten.“ Er löste die Mündung von Kinnunens Körper und begab sich rückwärts zum Ausgang des Hauses, ohne den Mann aus den Augen zu verlieren. Er lächelte. „Zurück komme ich ohnehin Kinnunen, vielleicht solltest du dich verstecken, denn ein Hansen vergisst nicht!“


    Kinnunen löste sich aus seiner Position, als der Mann das Gebäude verlassen hatte, und begab sich in den hinteren Teil der Fabrik. Er musste Tonteri vorwarnen, das er bald Besuch erhalten würde. Er hielt inne, als etwas seine Aufmerksamkeit erregte. Er machte kehrt und begab sich langsam zum Ursprung der Quelle. Seine Augen weiteten sich, als er in den Lauf einer Waffe blickte, der Finger des Mannes war dabei den Abzug durchzudrücken. „Bitte nicht!“ Veeti Kinnunen machte kehrt und flüchtete. Ohne Erfolg. Ein Schuss hallte durch den Raum. Ein einziger Schuss. Kalt und tödlich.

  • „Antti, wo finde ich Häkkinen?“, ertönte es im Raum und der stämmige Finne sah hoch. Jesse Taskinen stand im Türrahmen. Sein Blick verriet ihm, dass es sich um eine ernste Angelegenheit handeln musste. „Ich habe dir doch erzählt, dass wir ihn seit gestern nicht mehr gesehen haben“, antworte er und runzelte die Stirn. „Warum? Was ist passiert?“ Sein ehemaliger Vorgesetzter und neuer Leiter der ‚Tonteri-Ermittlungen‘ ging auf seine Fragen nicht ein, sondern stellte seinerseits neue. „Du weißt also wirklich nicht, wo ich den Jungen finde?“ „Sagte ich doch, nein….was ist passiert, Jesse?“ „Die Leiche von Veeti Kinnunen wurde vor wenigen Stunden gefunden“, begann Taskinen nun, „Mikael Häkkinen ist unser Hauptverdächtige. Mehrere Leute haben einen Mann gesehen, dessen Beschreibung genau auf ihn passt und du hast mir selbst gestern erzählt, dass du Angst hast, dass er Dummheiten anstellt.“


    Antti sprang auf und funkelte ihn wütend an. „Damit meinte ich aber nicht, dass er Menschen erschießen würde. Für Mikael lege ich meine Hand ins Feuer. Er ist kein Mörder!“ Der Ältere nickte nachdenklich. „Du kannst nicht verleugnen, dass er eine aufbrausende Person ist, hat er nicht erst vor einiger Zeit Solheim vor dem Präsidium verprügelt?“ „Nein Jesse. Ich weiß, dass Mikael keinen Mord begehen würde! Niemals!“ Taskinen sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an, zweifelte an seiner Aussage. „Antti, du hängst zu sehr an den Jungen…“ Der Blonde knallte die Hand auf seinen Schreibtisch. „Und wenn schon! Mikael ist ein guter Polizist…und dennoch schauen ihn die hohen Tiere im Präsidium an, als wäre er ein Fremdkörper. Er ist für euch nicht Mikael Häkkinen“, er lachte auf, „nein! Für euch ist er nur Hansens Sohn! Der Sohn von einem Mann, den ihr nie bekommen konnten, weil er zu clever war.“ Anttis Hand begann vor Wut zu zittern. „Er ist mein Freund und werde ihn dir nicht ans Messer liefern, denn ich weiß, dass ihr ihn gerne hinter Gitter sehen würdet, um euch daran zu ergötzen!“ „Du weißt, dass das nicht die Wahrheit ist, Antti“, konterte Taskinen. „Ach nein?! Komm schon…meinst du ich habe eure Blicke nicht gesehen? Wie ihr ihn anschaut? Hinter seinem Rücken tuschelt. Er hat damals den gleichen Weg, wie alle Kollegen aus der Hansen-Ermittlung durch die Interne genommen und dennoch vertraut ihr ihm nicht! Obwohl seine Unschuld bewiesen wurde!“ „Du solltest dich beruhigen Antti.“ „Zur Hölle…Ich will mich aber nicht beruhigen!“ Er preschte an dem Mann von der SUPO vorbei. „Und jetzt entschuldige mich, ich habe meinen Kollegen zu finden, ehe ihr das macht und ihm einen Mord anhängt, den er nicht begangen hat!“


    Jesse Taskinen sah seinem ehemaligen Schützling hinterher und griff nach seinem Handy. „Ich weiß jetzt, wo wir Häkkinen finden werden. Ich schicke euch die Adresse.“ Er drückte den roten Hörer und steckte das Gerät wieder ein. Wenn die beiden ein solch inniges Verhältnis hatten, dann war ihm klar, wo über kurz oder lang Häkkinen auftauchen würde.


    *


    Semir schreckte hoch, als er ein seichtes Klopfen an der Tür vernahm. Er hatte sich gerade hingelegt, nachdem er den ganzen Tag bei Ben im Krankenhaus gewesen war. Müde kämpfte er sich aus dem Bett und zur Tür, um diese zu öffnen. „Mikael?“, fragte er erstaunt. Der Finne rang sich zu einem müden Lächeln durch und zwängte sich an ihm vorbei. Semir sah ihm erstaunt hinterher. Mit jedem hätte er gerechnet, aber nicht mit dem ‚einsamen Rächer‘. „Ist Antti nicht da…“, murmelte Mikael, während er sich in das Sofa fallen ließ. „Oder Veikko?“ Der Deutschtürke schüttelte den Kopf. „Nein, die sind auf der Suche nach dir Verrückten! Wo warst du? Weißt du, dass man nicht sucht…du sollst Kinnunen ermordet haben.“ Er setzte sich gegenüber von Mikael in den Sessel und betrachte ihn. Er war blass, so dass die Würgemale noch mehr hervorstachen. „Ich habe Kinnunen nichts angetan“, flüsterte Mikael leise und schloss erschöpft die Augen. „Ich brauche Hilfe, Semir … ich kann nicht mehr.“ „Das fällt dir aber früh ein!“ „Wie geht es Ben?“ „Er wird durchkommen sagen die Ärzte“, antwortete Semir und vernahm ein leichtes Lächeln für Mikael. „Das-das ist gut….Semir ich, es tut mir leid, ich habe den richtigen Weg verlassen…“ Der deutsche Kommissar lächelte. „Aber dass du hier bist, zeigt, dass du ihn wieder gefunden hast.“


    Der Deutschtürke wollte gerade nach seinem Handy greifen und Antti informieren, dass Mikael bei ihm war, als die Tür mit einem Krachen aufflog. Erschrocken sprang Mikael hoch und wirbelte mit der Waffe in Richtung Tür und auch Semir war herumgefahren. Sechs schwer bewaffnete Männer standen in dem Raum. Er beobachtete, wie Jesse Taskinen in das Zimmer trat. „Pudota ase! Heti, Häkkinen!“, sagte der Mann mit bestimmter Stimme. „Pudota ase tai ammun! Pudota ase!“ Mikael senkte die Waffe. „Okei, okei!“ Wenig später wurde er von den Männern zu Boden geworfen, seine Arme schmerzhaft hinter seinen Rücken gedreht. „Lasst ihn los! Ihr könnt doch nicht…“, schimpfte Semir empört, fand jedoch keinen Ansprechpartner und wechselte ins Englische. „ Let him go! “


    Taskinen lächelte nur und zog Mikael nach oben. „He is suspected of murder.” Er wandte sich zu seinen Beamten und sagte etwas auf Finnisch, was Semir nicht verstand. Wenig später wurde die Waffe eingetütet und die Männer waren mit dem jungen Kommissar im Schwitzkasten wieder verschwunden und ließen den deutschen Kollegen erstaunt zurück. Es dauerte einige Sekunden, bis sich Semir wieder gefangen hatte. Eilig zog er sein Handy hervor und wählte Anttis Nummer. „Wir haben ein Problem“, meldete er sich und erklärte dem finnischen Kollegen die neue Situation. Er hörte Antti am anderen Ende auf Finnisch etwas fluchen. „Ich komme sofort, Semir!“, sagte er schließlich und legte auf.


    Es dauerte nicht lange und Antti stand in der Wohnung, in seinem Schlepptau hatte er Veikko und Kasper. „Was ist passiert?“ Er fuhr mit der Hand über das zerstörte Türschloss. „Die sind einfach reingeplatzt und haben ihn mitgenommen. Ich konnte nichts machen Antti. Es tut mir leid.“ Semir fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht.


    „Ich werde meinen Vater anrufen, er soll ihm einen guten Verteidiger ausfindig machen“, meldete sich Kasper zu Wort und verließ mit dem Handy am Ohr das Zimmer. Veikko war an seinen Laptop gesprungen, griff nun ebenfalls nach seinem Smartphone. „Ich werde meine alten Freunde von der Technik um einen kleinen Gefallen bitten, wäre doch gelacht, wenn wir nicht bald einen genauen Bericht der Spurensicherung haben.“ Semir nickte und verfolgte, wie sich Antti auf dem Sofa fallen ließ. „Wie soll ich dass nur Eva beibringen?“


    *


    Mikael saß im Verhörraum. Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und presste die Hände gegen die Stirn. Vor sich hatte er einen Becher Kaffee stehen, obwohl er nie um Kaffee gebeten hatte. Ihm war klar, dass Jesse Taskinen auf der anderen Seite des kleinen Glasfensters beobachtete. Er lachte innerlich auf. Wer war dieser Typ, dass er glaubte, diese beliebte Hinhaltetechnik würde auch bei Polizisten funktionieren?


    Es dauerte zwei weitere Stunden, bis sich endlich die Tür öffnete und Taskinen mit einer Akte in den Raum trat. Eine junge Polizistin war ihm gefolgt und saß nun in einer Ecke des Zimmers. Taskinen blieb einige Zeit stumm, ehe er die Grunddaten des Verhörs in das Aufnahmegerät sprach und seinen Blick auf ihn richtete. „Sie wissen warum Sie hier sind Herr Häkkinen?“, begann er und Mikael musste sich bemühen, nicht zu lachen. Natürlich wusste er warum er hier war, die Idioten hatten ihm den Grund bei der Verhaftung genannt. Er lehnte sich zurück und kippte den Stuhl leicht nach hinten, nur um Taskinen zu ärgern. Antti hatte mal erwähnt, wie sein ehemaliger Vorgesetzter das immer gehasst hatte. „Ja, ihr habt es mir schließlich gesagt … aber ich habe ihn nicht ermordet, ihr müsst leider weiter suchen.“
    „Es wäre besser für Sie, wenn sie gestehen würden, Herr Häkkinen.“
    „Warum sollte ich gestehen, wenn ich nichts gemacht habe!“, schimpfte er leise. „Ich möchte mit Antti reden.“
    Taskinen öffnete die Akte und blätterte darin herum, ehe er wieder aufsah. „Die Beweise gegen Sie sind erdrückend. Es wäre besser für Sie wenn sie kooperieren würden.“
    „Und doch habe ich ihn nicht getötet! … Reden Sie mit Antti, er kann bezeugen, dass ich zum Zeitpunkt des Todes bei ihm war!“
    Taskinen lachte laut auf. „Ich bin mir sicher, Häkkinen, Antti würde Ihnen dieses falsche Alibi auch tatsächlich geben, aber es tut mir leid … Ihr Alibi war zur Tatzeit mit mir in einer Besprechung.“
    „Gut, dann habe ich eben keines …“
    „Kinnunen hat sie aus dem Krankenhaus geholt, ihre Frau und ihren Freund bedroht. Ich kann verstehen, wenn dann ein paar Sicherungen durchbrennen.“
    „Ich habe ihn nicht getötet, wie oft wollen wir das noch durchkauen!“
    „Was wollten Sie dann bei Kinnunen?“, fragte Taskinen nun, während er sich einige Notizen machte.
    „Informationen.“
    „Was für Informationen?“
    „Wo Tonteri ist.“
    „Und haben sie welche bekommen, Herr Häkkinen?“
    „Ja verdammt …“
    Taskinen nickte. „Und dann, dann haben Sie ihn ermordet?“
    „Himmel, hören Sie mir eigentlich zu? Nein, ich habe ihn nicht erschossen. Ich wollte mir Tonteri schnappten und dann hätte ich Antti angerufen. Das ist alles. Kinnunen wäre nicht gegangen. Er wäre noch genau an der Stelle gewesen!“
    „Sie hatten also keine Rachegedanken? Wissen Sie, Antti hat mir gegenüber Zweifel über ihren geistigen Zustand geäußert. Er sagte, er mache sich Sorgen, dass Sie Dummheiten anstellen.“
    „Rachegedanken sind nicht immer gleichzusetzen mit Mord, Herr Taskinen ...“
    „Wir haben ihre DNA am Tatort gefunden, sie haben eine 9mm … wahrscheinlich die Tatwaffe … bei sich getragen bei der Verhaftung, Sie hatten ein Motiv und die Gelegenheit.“
    „Natürlich war meine DNA am Tatort, wie ich bereits sagte, ich war da! Und eine 9mm ist eine Standardwaffe!“ Er kippte den Stuhl nach vorne und sah in Taskinens Augen. „Sie wollen mir das hier anhängen … ein bisschen ihre Statistik aufmotzen oder was? Lassen Sie mich gehen, ich habe nichts verbrochen!“
    Der Kommissar gegenüber von ihm lächelte. „Sie, Herr Häkkinen haben morgen einen Termin beim Haftrichter, solange bleiben Sie hier. Sie haben die Möglichkeit einen Anwalt zu kontaktieren und ihre Familie.“
    „Das ist Schwachsinn! Sie haben überhaupt nichts!“, schimpfte er.
    Taskinen öffnete die Tür zum Verhörraum. „Das werden wir sehen, Herr Häkkinen.“
    Die junge Polizistin erhob sich, als Taskinen gegangen war. „Kommen Sie Herr Häkkinen“, sagte sie und er stand auf.


    Antti sprang von dem Stuhl hoch, als er sah, wie Taskinen aus dem Verhörraum trat. „Jesse!“, schrie er und baute sich vor dem Grauhaarigen auf. „Das kannst du nicht machen!“ Taskinen lächelte. „Ich hätte mir denken können, dass du hier auftauchst Antti“, sagte er, „die Beweise sprechen für Häkkinen, ob du es nun wahrhaben willst oder nicht.“ „Er ist unschuldig, dass weiß ich!“ Seine Hand formte sich zur Faust. Er wollte nichts, als diesem Mann eine verpassen. Er hielt inne, als eine junge Polizistin mit Mikael aus dem Verhörraum trat. Sein Kollege sah mitgenommen aus. Er hielt an, als er Antti sah. „Hei Junge“, presste Antti leise hervor, „wir stehen das durch. Du bist hier bald wieder raus. Wir werden beweisen, dass du nichts dafür kannst.“ Die Polizistin zog in unsanft weiter und Mikael drehte den Kopf über seine Schultern. „Hau ihm keine rüber Antti. Es macht die Sache nicht besser“, murmelte er leise und wendete sich dann wieder nach vorne.


    Antti löste die Faust und steckte die Hände stattdessen in seine Anzugtaschen. „Ich hätte das nie von dir erwartet, Jesse. Ich kann nicht glauben, dass ich mal zu deinem Scharfsinn aufgesehen habe.“ Seine Stimme war voll Abneigung. Er drehte sich weg und verließ das Gebäude.


    Als er das Haus verlassen hatte, erwartete ihn Semir an seinem Auto. „Dieser Idiot!“, schrie Antti und trat aufgebracht gegen den Reifen. „Ich nehme an, du hast kein gutes Gespräch führen können.“ Der Blonde schnaubte und legte die Arme auf das Dach des Audis. „Die behandeln ihn, als wäre er ein Schwerverbrecher!“ „Hast du nach der Akte gefragt?“, versuchte Semir das Thema zu wechseln. „Nein, ich war zu wütend und dann…“, er winkte ab, „vergiss es, ich weiß, wer uns die Akte auf anderem Weg besorgen kann.“ Der Deutschtürke grinste, als ihm klar wurde von wem Antti sprach. „Du weißt aber schon, dass es nicht besonders edel ist, seine Angestellten zu Verbrechen anzustiften.“


    *


    Mikael lag auf dem kleinen, unbequemen Bett der Zelle. Er hatte die Arme hinter seinem Kopf verschränkt und starrte an die Decke. Fünf Minuten hatten sie ihn mit Eva telefonieren. Fünf läppische Minuten, in denen er kaum in der Lage war, ihr zu erklären, dass alles gut werden würde. Danach war ein Verteidiger bei ihm gewesen. Kasper hatte ihn geschickt, also musste der Mann sein Handwerk verstehen. Kaspers Vater hatte als Richter immerhin die besten Kontakte.


    Er pustete sich eine lästige Strähne aus dem Gesicht. Er hatte nichts verbrochen, also konnten sie keine verfluchten Beweise haben. Andererseits…Taskinen hatte alles war er brauchte, um ihn länger in Untersuchungshaft zu behalten. Er war so dumm eine illegale Waffe mit sich rumzutragen – Bingo! Er hatte die Waffe abgefeuert, um zu testen, wie sie in der Hand lag – Schmauchspuren, Bingo! Er hatte ein verdammtes Motiv und kein Alibi. Alles im allen, er war am Arsch!


    Er stand auf, tigerte in der kleinen Zelle auf und ab. Vier Schritte vor, vier Schritte zurück, vier Schritte nach links und schließlich vier Schritte nach rechts. Minuten wurden zu Stunden, die Nacht schien sich ewig in die Länge zu ziehen. Seine Gedanken kreisten. Was sollte er nur machen, wenn Taskinen mit diesen Beweisen tatsächlich durch kam. Er vermisste Eva unendlich. Er wollte gerade nichts anderes, als sie an sich zu drücken und ihr zu sagen, dass es ihm Leid tat. Dass er überreagiert hatte, sich in seiner Wut verloren hatte. Er wollte seine Kinder in den Arm nehmen. Der Duft Viivis Shampoo stieg in seine Nase. Vanille und Cocos. Es war schon so lange her seit er sie auf dem Arm gehabt hatte. Er wollte da sein, wenn Ben wieder aufwachte. Ben…O Gott, er musste sich Sorgen machen, wenn er davon erfuhr. Glaubten seine Kollegen überhaupt, dass er nicht für den Tod von Kinnunen verantwortlich war? „Natürlich tun sie das, du Idiot“, sagte er laut zu sich selbst und setzte sich erschöpft wieder aufs Bett. Er wollte schlafen, fand jedoch keine Ruhe und wurde von seinen wirren Gedanken wach gehalten und so starrte er wieder an die Decke.


    „Der Haftrichter wartet“, ertönte eine Stimme und er sah auf. Die junge Polizistin von gestern stand in dem Raum. „Wie spät haben wir es?“, fragte er erstaunt und richtete sich auf. „Gleich zehn am morgen.“ Er nickte und folgte ihr. Er war dankbar, dass sie auf die Handschellen verzichtete, auch wenn es gegen die beißenden Blicke einiger Kollegen nicht viel brachte.

  • Mikael saß auf dem Bett seiner Zelle und starrte abwesend vor sich hin. Wie hatte es nur so weit kommen können? Es war einen Tag her, seitdem der Haftrichter wegen dringenden Tatverdachts und der ausreichenden Beweise den Haftbefehl erlassen hatte und doch hallten seine Worte immer noch in seinem Kopf wieder. Alles stürzte so unerwartet über ihn herein. Wie der Mann ihn angesehen hatte, als wäre er Abschaum, seiner Stellung nicht würdig. Er hatte jedes Wort vom Staatsanwalt geglaubt. Ihm aus der Hand gefressen. Er konnte es nicht begreifen, wie leichtgläubig dieser Mann doch war. „Was hätte er machen sollen“, schimpfte er leise zu sich selbst, „du bist selbst schuld … bei diesen Beweisen, hätte er niemanden gehen lassen.“ Die Beweise gegen ihn waren erdrückend. Seine ganzen Beteuerungen kamen nicht dagegen an, konnten niemanden überzeugen. Warum nur war er alleine zu dem Mann gegangen? Er hatte gegen alle Vernunft gehandelt, das war ihm jetzt im Nachhinein klar.


    Seine Finger strichen über das Foto in seiner Hand. Er vermisste Evas warmen Augen. Er vermisste das Lachen seiner Kinder. Es würde ewig dauern, bis der Verteidiger einen Besucherantrag beim Staatsanwalt durchdrückte und wenn er sie dann endlich sehen durfte, dann war da nichts mit trauter Zweisamkeit. Wie sollte er ihr mit einer dritten Person im Raum sagen, dass er das alles nicht wollte, ohne das es sich anhörte, als wäre er der Mörder? Er kannte die Besuchsregeln von der Zeit, als sein Vater einmal in der U-Haft gesessen hatte. Er war sich sicher, dass der Staatsanwalt niemanden seiner Kollegen zu ihm lassen würde. Verdunklungsgefahr nannten sie das. Und doch waren es seine Kollegen, die er jetzt so brauchte. Er musste wissen, dass sie etwas hatten, was ihm hier raus helfen würde. Alleine diese 24 Stunden reichten ihm schon. Er wollte hier raus!


    Die dicke Zellentür ging auf und ein Beamter trat herein. „Es ist Zeit für den Freigang, Herr Häkkinen“, sagte er und er nickte. Der Mann vor ihm musterte seinen Hals, starrte ihn an, als hätte er noch nie jemanden mit Verletzungen gesehen. „Was gibt es da zu gucken?“, fauchte er. „Der Mann, der das getan hat, ist noch frei im Gegensatz zu unschuldigen Personen.“


    *


    Veikko hielt ihnen einen Stapel Papier hin. „Das ist alles, was ich bei der SUPO ziehen konnte. Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, aber es waren einige Sicherheitssiegel auf dem Ding“, kommentierte er kurz. Semir sah seinen Gesichtsausdruck und wusste, dass ihm die nächsten Sätze des Finnen nicht gefallen würden. „Unser größtes Problem ist die Mordwaffe. Eine Walther P99 … die Waffe, die Mikael bei sich hatte, als er festgenommen wurde. Ich denke, uns ist allen klar, was der Haftrichter heute sagen wird.“ Antti wühlte nervös durch die Zettel. „Aber da muss doch irgendwo etwas sein! Irgendwo!“ Veikko schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, das ist nicht alles“, er fixierte Antti und bereitete sich darauf vor, dass sein Partner gleich die Kontrolle verlieren würde. „Ich habe einen guten Freund von der Spusi angerufen, er hat die Waffe getestet. Er sagt, er wäre sicher, dass es die Waffe war, mit dem der Mord begangen wurde.“


    Der stämmige Finne sah ihn ungläubig an. „Das-das kann nicht sein. Veikko, du weißt, was das bedeutet!“ Seine Hand schmetterte neben sich in die Wand. Semir sah stumm auf Antti, dessen Körper vor Wut und Unglaube zitterte. Er selbst wollte etwas sagen, doch er wusste nicht was. In seinem Inneren herrschte Chaos. Dieselbe Waffe? War Mikael wirklich imstande einen Menschen zu ermorden? Er war fürchterlich wütend gewesen, als er verschwunden war und sicherlich kein zimperlicher Mensch, was Gewalt anging, aber ein Mord? Er konnte und wollte das einfach nicht glauben. Er schüttelte den Kopf. Nein, er hatte damals nach Joshuas Ermordung den Schuldigen nicht erschossen, obwohl er die Chance hatte, warum sollte er es jetzt tun? „Hast du ein Protokoll von der Vernehmung?“, durchbrach er schließlich die gespenstische Stimme. Veikko nickte. „Aber dort steht nicht viel Brauchbares drin. Mikael beteuert seine Unschuld, war allerdings auch so dumm ein falsches Alibi zu nennen.“


    Semir lief nervös auf und ab. „Das Einzige, was ihm helfen kann, ist also der wirkliche Täter?“ Der junge Mann vor ihm nickte wieder, während Antti im Hintergrund leise fluchte. „Wer würde eine solche Falle stellen und vor allem wie? Wir müssen dringend mit Mikael reden!“ Antti lachte sarkastisch auf. „Kein Staatsanwalt und Richter dieser Welt würden einem von uns Besucherrecht in der U-Haft erteilen. Du wirst ihn erst sehen, wenn er als Mörder hinter Gitter sitzt.“ Semir strich sich über das Kinn. „Dann sag seinem verdammten Verteidiger, er soll uns ein Protokoll über die Zeit, wo er abgetaucht war, geben. Wir müssen wissen, wo er war und was er gemacht hat!“ „Du hast Recht, wir müssen wissen, ob jemand die Chance hatte die Waffe auszutauschen“, bestätigte ihm Veikko und griff zu seinem Handy. „Ich werde das klar machen. Kasper kann da sicherlich mit dem Verteidiger drüber reden.“ Semir wollte gerade etwas erwidern, als sein Telefon klingelte. Er machte einige Schritte von der Gruppe weg und nahm das Gespräch entgegen. An der anderen Seite meldete sich eine Frauenstimme aus dem Krankenhaus, die ihm mitteilte, dass Ben heute wach geworden war. Er legte auf. „Ben ist wieder wach“, sagte er. „Du solltest zu ihm fahren, er wird sich freuen. Wir bekommen das auch so hin.“ Er nickte. „Was soll ich ihm sagen?...Er wird nach Mikael fragen und ich, ich kann doch nicht sagen, sorry Ben, der ist in Untersuchungshaft.“ „Sag ihm, er arbeitet an dem Fall und hat keine Zeit. Das wird er zumindest für ein paar Stunden schlucken.“



    Semir atmete tief durch und riss die Tür zum Krankenhauszimmer offen. Ihm schlug sofort der typisch muffige, abgestandene Krankenzimmergeruch entgegen. Er schluckte und trat einige Schritte in den Raum. Ben lag leicht aufgerichtet auf seinem Bett und lächelte ihn schwach an. „Semir“, hauchte er leise in den Raum, als er seinen Kollegen erblickte und er erwiderte das Lächeln. „Schön, dich endlich wieder bei uns zu haben, Ben“, begann er und setze sich auf den Stuhl am Bett. „Wir haben uns Sorgen um dich gemacht. Es war knapp.“ „Du kennst mich…ich habe einen Drang zum…Theatralischem“, antwortete Ben schnippisch. Es herrschte einige Minuten Stille, ehe Ben die Stimme erneut erhob. „Was ist mit…Mikael? Geht es ihm gut?...“, die Miene des Braunhaarigen verfinsterte sich, „sie haben Eva…ermordet…einfach so.“ Semir hätte sich vor den Kopf schlagen können. Er hatte diese Sache total vergessen. Natürlich dache Ben das Eva, das sie tot war. „Eva lebt, Ben“, sagte er und beobachtete, wie sich Bens Augen weiteten. „Wie kann das sein? Sie war tot, Mikael hat ihren Puls nicht…“ Er zuckte mit den Schultern. „Wir wissen nicht wie, aber wir haben Eva kurz vor euch gefunden, es geht ihr gut.“ Sein Partner nickte und sah an ihm vorbei in Richtung Fenster. Er zog die Mundwinkel nach oben. „Wo ist er dann…? Ich dachte, er wäre einer der Ersten, der mir einen dummen Spruch reindrückt…“


    Der Deutschtürke suchte fieberhaft nach einer Ausrede. „Er-er hat zu tun, Ben. Der Fall ist noch nicht gelöst…Tonteri konnte uns entkommen und wir haben bisher keine Hinweise, wo er und sein Komplize sich aufhalten.“ Der Jungkommissar sah ihn skeptisch an, schien ihm aber seine Lüge abzunehmen. Er nickte seicht. „Fünf Minuten hätte er aber dennoch finden können …“ Semir presste ein Lächeln raus. „Du kennst ihn, wenn er sich in etwas verbeißt, lässt er nicht mehr so schnell locker.“ „Dabei würde…ich ihm gerne sagen, dass er….dass er sich nicht die Schuld geben soll … er war so verzweifelt, als der Typ mich…vor-vor seinen Augen.“ Semir drückte instinktiv Bens Hand. „Es ist vorbei, Ben. Alles wird wieder in Ordnung kommen.“ Er wünschte, dass er seinem Partner gerade die Wahrheit erzählen würde, dass wirklich alles in Ordnung kommen würde. Aber würde es das? Mikael saß in Untersuchungshaft und sie hatten nicht den kleinsten Hinweis, der den jungen Finnen da wieder rausholen würde. Ihm war klar, dass er Ben nicht ewig etwas vormachen konnte, vermutlich würde er schon morgen Verdacht schöpfen. „Bist du okay?“, holte Ben ihn wieder aus den Gedanken. „Hmm?“ „Du hast so nachdenklich geschaut …“ „Achso, jaja…alles in Ordnung, alles bestens. Ich vermisse nur die Kinder und Andrea.“ „Dafür hast du Veikko“, antworte Ben und zog verschmitzt die Mundwinkel hoch, „der ist sicherlich so anstrengend, wie deine Beiden zusammen.“ „Du sollest nett zu ihm sein…er war es der euch gefunden hat“, antwortete er ernst, brach dann jedoch in Lachen aus. „Du hast Recht…er kann fürchterlich anstrengend sein. Wenn er mit Antti streitet, wenn er laut vor sich hinliest.“ Er machte eine Pause. „Und das Beste: Er spielt doch wirklich Geige. Ich konnte meinen Ohren nicht trauen! Der Junge ist ein Rätsel in sich. Wenn du denkst, er kann dich nicht mehr überraschen, dann-“ er stockte, als er sah, wie Ben die Augen geschlossen hatte und Schlafgeräusche aus dem Bett klagen. Leise erhob er sich von seinem Stuhl und drückte Bens Hand. „Werde schnell wieder gesund, Partner.“

  • Bens Blick fiel aus dem Fenster. Seit heute Morgen lag er auf der normalen Station. Zwei Tage war es her, seit er aufgewacht war. Zwei Tage, seitdem Semir ihn mit wagemutigen Aussagen hinhielt, wo sein Freund war. Es passte nicht zu Mikael, dass er nicht im Krankenhaus auftauchte. Arbeit hin oder her, Mikael hätte die Zeit gefunden. Vielleicht war er schwer verletzt oder gar tot? Ben überfiel Traurigkeit bei dem Gedanken daran. Nein, er konnte nicht tot sein. Er hatte es geschafft, also musste Mikael es auch geschafft haben. Er hatte versucht aus Veikko etwas rauszubekommen, aber er war noch schwerer zu knacken, als Semir. Er sah zur Tür, als er ein Klopfen vernahm. Wenig später stand sein Partner im Zimmer. „Wie geht es dir heute, Ben?“, begrüßte er ihn und holte sich einen Stuhl aus der Ecke des Raumes ans Bett. „Besser, wenn du mir endlich die Wahrheit sagen würdest“, schimpfte er leise. Er löste seinen Blick von Semir und sah wieder aus dem Fenster. „Was ist wirklich mit Mikael? Ihr verheimlicht mir etwas. Ist er schwer verletzt, Semir?! Sag es mir!“


    Der Deutschtürke atmete tief durch. „Er kann nicht kommen Ben…“ „Wieso nicht?!“ „Er…Mikael…er-er ist verhaftet worden … Mordverdacht“, presste Semir schließlich heraus. Ben preschte hoch und stöhnte auf, als Schmerzen seinen Körper durchzogen. Erschöpft ließ er sich wieder ins Bett fallen. „Scheiße“, fluchte er und wartete, bis die Schmerzen endlich nachließen. „Was zur Hölle ist passiert, als ich weg war!“ Sein Partner sah ihn nicht an, blickte stattdessen auf den Boden. „Mikael ist durchgedreht und alleine auf die Suche gegangen. Kurz danach hat man die Leiche von Tonteris Komplizen gefunden. Die Technik sagt, es ist sicher, dass Mikael die Schüsse abgegeben hat.“


    Ben starrte ihn an. „Das ist ein Scherz“, brachte er schließlich mit zittriger Stimme heraus. Er sah, wie Semir den Kopf schüttelte. „Leider nicht.“ Seine Hand begann das Laken zu umklammern. „Das kann nicht sein…Semir. Mikael ist doch kein … nein, dass kann ich nicht glauben!“ Der Deutschtürke legte die Hand beruhigend auf Bens Arm. „Ben, wir geben alles, um ihn daraus zu holen …“ „Wie lange ist er schon da drin? Sag schon!“ „Vier Tage … U-Haft“, murmelte Semir verlegen. „Und ihr hatten nicht den Anstand, mir etwas davon zu erzählen! Ich kann das nicht fassen!“ „Ben beruhige dich, wir wollen nur dein bestes“, begann Semir und griff nach der Hand seines Kollegen. Der Braunhaarige löste den Griff. „Nein, lass mich! Ihr müsst etwas haben. Bitte Semir, Veikko muss doch einen Hinweis gefunden haben! Bitte ….“ Semir schluckte. „Er hat das Gutachten vom Gerichtsmediziner gesehen, aber der Satz, eine solche schlampige Arbeit, würde Mikael nicht machen, ist nicht gerade entlastend, Ben…“ „Was ist mit Schmauchspuren? Wenn Mikael nicht geschoss-“ „Er sagt in der Vernehmung, dass er die Waffe zum Test abgefeuert hat“, unterbrach sein Kollege ihn. Ben ließ den Kopf tief ins Kissen gleiten. Mikael brauchte ihn und er saß hier fest. „Habt ihr mit ihm reden können?“, flüsterte er. „Nein … der Staatsanwalt lässt niemanden von uns zu ihm.“ Ben blieb einige Zeit stumm. „Aber Eva…er darf doch Eva hoffentlich…“ „Sie darf heute zu ihm.“


    Er nickte. „Bring mir die Akten vorbei…ich möchte helfen, irgendwie.“ „Ben, ich weiß nicht ob …“, begann Semir, wurde jedoch sofort von seinem Partner unterbrochen. „Bitte. Ich muss irgendetwas tun!“ „Das meinte ich nicht, du wirst mit den Akten nichts anfangen können, Ben.“ Er sah Semir fragend an. „Lesen werde ich jawohl können!“ „Das vielleicht, aber kein finnisch. Das ist alles auf Finnisch, Ben.“ „Dann bringt mir irgendetwas anders, was ich tun kann, verdammte!“


    *




    Eva setzte sich an den Tisch und gab Mikael einen kurzen Kuss. Er war unglaublich blass, hatte dicke Ringe unter den Augen. Seine Stirn war in Falten gelegt. „Wie schlimm sind die Kopfschmerzen“, fragte sie. Wenn es etwas gab, was er nicht vor ihr verstecken konnte, waren es seine Kopfschmerzen. Er lächelte. „Schlimm“, murmelte er und rieb sich mit den Fingerspitzen die müden Augen. „Hat man dir etwas dagegen geben?“ Er nickte. „Hilft es nicht?“ „Nein, sie wollten mir kein stärkeres Mittel geben, aber lass uns nicht darüber reden, Schatz…“ Mikael griff nach ihrer Hand und bemerkte sofort die bissigen Blicke, des Beamten in der Ecke. Natürlich hatte er ausgerechnet den Beamten erwischt, der seinen Job besonders ernst nahm. „Wie geht es den Kindern?“ „Gut, sie sind bei meiner Mutter…sie denken, dass du auf einer Fortbildung bist.“ Sie hielt inne. „Oskari vermisst dich fürchterlich. Er ist sauer, dass ihr am Sonntag nicht Drachen fliegen wart.“ Er drückte ihre Hand fester. „Das war ich auch, sag ihm das. Sag ihm das ich ihn lieb habe …Was ist mit Ben?“ Ein warmes Lächeln breitete sich in ihrem Gesicht aus. ‚Endlich gute Nachrichten‘, dachte er. „Er ist seit zwei Tagen wach. Er wird heute von der Intensiv runter kommen..“ „Weiß er, dass ich…hier…?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich bin mir sicher, dass er etwas ahnt. Er ist nicht dumm.“


    „Habt ihr schon was in dem Fall…“, fragte er, wurde jedoch sofort von dem Beamten in der Ecke unterbrochen. „Keine Einzelheiten zum Tatbestand, sonst müssen Sie gehen!“ Verflucht, wie er diese dämlichen Regeln hasste. „Wart ihr schon einen Hund aussuchen?“, wechselte er das Thema. „Nein.“ „Macht es, das wird die Kinder ablenken.“ „Aber du solltest dabei sein, wir sind eine Familie…wir wollten das zusammen machen“, presste sie leise hervor. Er streichelte sanft über ihren Handrücken. „Wir sind eine Familie … ich werde bald wieder bei dir sein … bei euch!“ Eine einzelne Träne lief über ihre Wange. „Hey, nicht weinen Eva, bitte. Du musst stark sein. Für mich und die Kinder. Für uns alle. Ich verspreche dir, es wird in Ordnung kommen. Ich lasse dich nicht alleine, niemals!“ Sie wischte sich eilig die Träne weg. „Ich liebe dich.“ „Ich dich auch. Wir schaffen das, gemeinsam.“ Eva sah in seine Augen. Trotz der Müdigkeit, schien er wirklich zu glauben, was er ihr sagte. Er sagte, dass nicht so daher.


    „Du hast Recht, es wird alles wieder in Ord-“ Die Stimme des Beamten in der Ecke unterbrach sie: „Sie müssen jetzt gehen, die Besuchszeit ist vorbei!“ „Sie können meine Frau wenigstens ausreden lassen. Es ist nicht so, als würde sie jemand dafür anschwärzen, wenn sie zehn Sekunden länger redet.“ Er schien unbeeindruckt und stand jetzt hinter ihm. „So sind die Regeln. Kommen Sie bitte, Herr Häkkinen.“ Widerwillig folgte er dem Willen des Typen und erhob sich. Beim Aufstehen spürte er, wie ihm kurz übel wurde und sich sein Sichtfeld verzerrte. Er atmete tief durch. Er konnte jetzt vor seiner Frau nicht ohnmächtig werden. Auch wenn sie gewohnt war, dass es seit seinem schweren Unfall ab und passierte, war das letzte Mal schon Monate her. Sie würde sich Sorgen machen. Eilig folgte er dem Mann aus dem Raum. Erst als die Tür geschlossen war, erlaubte er sich einen Moment der Schwäche und lehnte sich an die Wand. „Kommen Sie“, forderte ihn der Beamte auf. Er schüttelte den Kopf. „Bitte. Warten Sie einen Augenblick…mir ist nicht gut.“ Er musterte ihn, schien wohl ein Einsehen zu haben. „Sagen Sie, wenn es ihnen besser geht und Sie weiterlaufen können. Ich werde Sie in die Krankenstation zu einem Arzt bringen.“


    Der Gefängnisarzt musterte ihn und drückte ihm schließlich eine Tablette in die Hand. „Sie ist etwas stärker, als die Vorherige und sollte ihnen helfen“, sagte er und hielt ihm ein Glas Wasser entgegen. „Das brauche ich nicht…“ Er nahm die Tablette in den Mund und schluckte sie runter. Der Mann lächelte. „Ich bin mir sicher, dass die Kopfschmerzen bald nachlassen werden, wenn sie ihrem Körper nicht mehr diesem Stress aussetzen. Ein vollstrecktes Gerichtsurteil hilft da oftmals Wunder.“ Mikael sah ihn fragend an. „Wenn das Urteil mich hier reinbringt, wohl kaum…“, presste er hervor und sah auf den Beamten, der ihn hierher begleitet hatte. Er schien ihn zu verstehen. „Ich werde Sie wieder auf die Zelle bringen“, sagte er und öffnete die Tür zum Arztzimmer.


    Er stand auf und folgte dem Mann still aus dem Raum über die Gänge, zurück in sein Zimmer. Als die Tür hinter sich zugeschlossen wurde, ließ er sich erschöpft auf die Pritsche fallen. Seine Hand glitt an seinen Hals. Zumindest waren die Spuren, die das Seil hinterlassen hatte, schon deutlich geringer geworden. Er starrte, versunken in ein wirres und unwirkliches Geflecht aus quälenden und kaum fassbaren Gedanken, an die Decke. „Du solltest damit aufhören“, ermahnte er sich selbst, „du schaust seit Tagen nur an die Decke. Du wirst noch ganz verblödet dabei!“ Er schloss die Augen und wartete darauf, dass die Wirkung der Tablette endlich einsetze. Vielleicht würde er endlich einmal Schlaf finden, nachdem die Kopfschmerzen und die wilden Gedanken ihn seit Stunden wachhielten.

  • „Ben du solltest wirklich noch ein paar Tage hier bleiben. Du solltest dich…“ Der Jungkommissar winkte ab und griff, mit seinem unverletzten Arm, nach der kleinen Reisetasche. „Ich habe eine ganze verdammte Woche den Ruhigen gemacht, dass reicht. Ich will hier endlich raus und euch bei dem Fall richtig unterstützen.“ Semir zog die Augen zusammen. „Aber du hattest innere Verletzungen und von den tiefen Schnittverletzungen und der Schusswunde an deinem Arm möchte ich erst gar nicht beginnen….“ „Das ist mir egal! Wir müssen Mikael helfen, er sitzt schon eine Woche da drin!“ Ehe Semir erneut etwas erwidern konnte, ging er aus dem Zimmer. Sein Partner folgte ihm dicht auf den Fersen. „Was sagt dein Vater dazu?“ „Seit wann interessiert es mich, was mein Alter sagt? Er ist ohnehin seit zwei Tagen wieder in Deutschland“, schimpfte Ben und stieg in den Aufzug. Semir schüttelte den Kopf und tat es ihm gleich. „Wirklich Ben, dass ist unvernünftig!“, begann er erneut. Sein Kollege winkte ab. „Mikael war nach seiner Schussverletzung sogar kürzer im Krankenhaus, ehe Tonteri ihn geschnappt hat. Es wird schon gut gehen.“ „Man hätte dich auch mit Beruhigungsmittel vollstopfen sollen“, schimpfte Semir leise bei sich. „Was hast du gesagt?“ Der Deutschtürke sah auf und grinste leicht. „Nichts, nichts!“


    Als sie unten angekommen waren, empfing sie Veikko mit einem breiten Grinsen. „Der Fluchtwagen parkt vor der Tür. Lasst uns aus diesem Höllenloch verschwinden!“, stieß er aus und fing sich einen bitteren Blick von Semir an. „Was ist nur los, mit der heutigen Jugend … bloß keine Schwäche zulassen oder wie?“ Er zwickte dem finnischen Kommissar leicht in die Seite, woraufhin dieser aufstöhnte. „Bist du von allen guten Geistern verlassen!“, nörgelte er. „Nein, ich wollte nur meine These untermauern“, gab Semir ihm zu verstehen. Der junge Kommissar lachte sarkastisch auf. „Sehr witzig, sehr, sehr witzig!“


    Ben ging an ihnen vorbei, ohne das Theater großartig zu beachten. Veikko schien seine Abwesenheit zu bemerken und lief ihm jetzt eilig hinterher. „Mach dir keine Sorgen Ben, wir werden ein Beweis finden, um Mikael zu helfen“, muntere er ihn auf. „Ach? Und warum haben wir dann noch nichts? Er sitzt schon eine Woche in U-Haft!“, zischte Ben wütend. „Wir haben einiges, aber das ist alles nicht verwendbar!“, wehrte sich Veikko. „Was denkst du, habe ich die ganze Woche gemacht? An meinem Schreibtisch gesessen und Däumchen gedreht?“ Ben blieb abrupt stehen. „Es tut mir leid, Veikko, ich bin etwas neben der Spur.“ „Das merke ich, lass uns ins Büro fahren, Rautianen will uns sprechen“, er seufzte, „vermutlich ermahnt er uns, weil wir den Oben auf die Pelle gerückt sind.“ Ben folgte ihm still bis zum Auto und setze sich auf die Rückbank. Erst als Veikko den Motor gestartet hatte, erhob er seine Stimme erneut. „Was genau habt ihr?“ Er sah im Rückspiegel, wie Veikko das Gesicht zu einer Grimasse verzog. „Wie gesagt, nichts was Mikael helfen könnte. Ich denke nicht, dass ein Richter dir abkauft, dass Mikael ihn direkt ins Herz getroffen hätte und nicht so schlampig drei Zentimeter daneben … ich für meinen Teil würde behaupten, dass der wahre Täter auch größer war als Mikael, aber die These wollte kein anderer Techniker unterstützen.“ Ben seufzte und lehnte seinen Kopf an die kühle Fensterscheibe. Was Mikael wohl gerade machte? Was zur Hölle treibt man überhaupt den ganzen Tag in der U-Haft? Man durfte nur mit Sondererlaubnis Besuch empfangen, hing fast den ganzen Tag in einer Einzelzelle fest. Vermutlich zermarterte sein Freund sich gerade den Kopf darüber, wie er reingelegt wurde.


    Es hatte nicht länger als 15 Minuten gebraucht und sie waren in den neuen Büros der Mordkommission angekommen. Ben fiel es immer noch schwer zu glauben, das Tonteri und sein Komplize tatsächlich das Präsidium in die Luft gesprengt hatten. Semir hätte sterben können, wenn Veikko nicht geschrien hätte.


    Er folgte still Veikko und Semir durch die Gänge des kleinen Gebäudes. Vor einer Tür machte der junge Kommissar Halt und klopfte einige Mal dagegen, ehe er sie aufzog und ihnen offen hielt. Der Chef der Mordkommission saß hinter seinem Schreibtisch, Antti und Kasper waren ebenfalls bereits da. Ben ließ sich auf einen der Stühle fallen und blickte nervös auf den Mann vor ihm. Anders als die Krüger, war Rautianen ein Chef, der sich nicht häufig in die Ermittlungen einmischte und eigentlich nur ein tägliches Update von Antti bekam. Vielleicht lag es aber auch daran, dass der Mann gleich mehrere Teams unter seinem Kommando hatte. Eine ganze Mordkommission führte. „Ich denke, ihr wisst, warum ihr alle hier seid.“ Seine Stimme klang ernst. Rautianen griff nach einem Zettel. „Es hat einige Beschwerden gegeben. Taskinen wütet herum, dass ihr in seinem Terrain wildert. Ich habe ihm gesagt, ich kümmere mich darum.“ Antti sah ihn verständnislos an. „Das kannst du nicht machen, Ville. Es geht hier um Mikael!“ Rautianen hob die Hand und Antti verstummte augenblicklich. „Darf ich dich daran erinnern, Antti, wer den Jungen zur Mordkommission geholt hat und wer derjenige war, der mir damals sagte, dass ich die Finger von Hansen Junior lassen soll…“ Ben sah rüber und verfolgte, wie Antti tiefer in seinen Stuhl sank. Er stutzte. Er hatte wohl von jedem Vorurteile gegen Mikael erwartet, nur nicht von Antti. Er erinnerte sich daran, wie Mikael ihn einmal angerufen hatte und erzählte, dass ihn die Mordkommission angefordert hatte. Dass ihm jemand Vertrauen schenkte, nachdem seine Abteilung in der Drogenkommission wegen Korruption aufgelöst wurde. „Der Spießrutenlauf hat endlich ein Ende, Ben, jetzt wird alles gut werden. Niemand wird mich mehr anschauen, als wäre ich ein Verbrecher“, hallte es in seinem Schädel wieder.


    Rautianen stand auf und schritt zu dem Fenster uns sah nach draußen in den Park. „Wir wissen alle, dass Mikael jetzt jemanden braucht, der auf seiner Seite steht. Also, passt besser auf. Wenn euch Taskinen noch einmal erwischt, dann muss ich euch suspendieren und das wollen wir doch nicht, oder?“ Antti nickte mit dem Kopf. „Wir werden uns nicht noch einmal erwischen lassen. Versprochen, Ville.“ „Gut, gut…und jetzt, sorgt ihr alle dafür, dass mein Team bald wieder vollständig ist.“ Die Kommissare nickten verlegen, als würden sie gerade eine Standpauke von ihrer Mutter erhalten. „Natürlich Ville.“


    *


    Mikael balancierte den Ball auf dem Finger und sah abwesend auf die anderen Häftlinge der Untersuchungshaft. Insgeheim musste er wohl dankbar sein, dass sie von den bereits Verurteilten getrennt waren. Einige von denen würden sicherlich nicht besonders gut auf ihn zusprechen sein. „Hansen, was ist los? Du bist mal wieder mit deinem hübschen Köpfen ganz woanders“, sprach ihn eine dunkle, kratzige Stimme an. Er sah auf, verlor dabei kurz den Ball, konnte ihn aber nach einem kurzen auftippen auf dem Boden wieder auffangen. Ein ehemaliger Handlanger seines Vaters stand vor ihm und grinste ihn schief an. „Es heißt Häkkinen, das wird sich ja nicht schwer zu merken sein – Häkkinen.“ Der Mann Gegenüber von ihm hob abwehrend die Hände. „Ist ja gut Kleiner, ist ja gut.“ Er verschränkte die Arme vor sich und sah ihn eindringlich an. „Dein Vater hat dich hiervor gewarnt …“ Mikael ließ den Basketball wieder auf seinem Zeigefinger kreiseln. Häpi hatte Recht. Sein Vater hatte ihm nicht nur einmal gesagt, dass die Bullen ihm nie vertrauen würden, wenn sie wüssten, wer er war. Er hasste es, dass er am Ende Recht gehabt hatte. Niemand hatte ihm geglaubt, dass er mit der Korruption in der Drogenfahndung nichts zu tun hatte und jetzt glaubte ihm niemand, dass er Kinnunen nicht getötet hatte. Er war verdammt Leichtgläubig gewesen, als er gedacht hatte, dass Keiner eine Verbindung zwischen sich und seinem Vater herstellen würde. „Wie nimmst du Kontakt zu draußen auf?“, fragte Mikael nach einer Weile. „Wie kommst du darauf, dass ich Kontakt hinter diese hübschen Betonwände habe?“ Er lachte leise auf. „Ich weiß, wie die Geschäfte von meinem Vater abliefen. Du bist keine kleine Nummer, du hast sicherlich eine Kontaktperson nach draußen.“ „Ja ich habe Kontakt nach draußen. Was brauchst du?…“


    Mikael ließ den Ball von seinem Finger gleiten und warf ihn in seinen Händen hin und her. „Jemand hat mich gelinkt und damit hat dieser Jemand nicht mehr meinen Schutz“, schimpft er. „Du meinst Brantkvist?“, fragte der Mann vor ihm. „Er verkauft mir eine Walther, die nur Stunden später eine Mordwaffe ist, was denkst du, wen ich meine?“ Der Typ sah ihn schief an. „Die Bullen haben ihn schon vor vier Tagen eingesackt … als sie auch mich festgenommen haben. Eine dicke Razzia im Viertel.“ Der Basketball glitt ihn auf den Händen und prallte auf den Boden auf, wo er noch einige Meter weiter rollte. „Das kann nicht sein? Warum bin ich dann noch hier!“ „Vielleicht hast du doch nicht so gute Kollegen, wie du immer glaubst? Ihr Bullen seid da ziemlich eigen. Kaum baut einer von euch Scheiße, lässt ihn der Rest der Herde stehen.“ Mikael stand auf und entfernte sich von Häpi. „Hansen, warte!“ Er hörte dumpfe Schritte hinter sich. „Häkkinen, es heißt Häkkinen“, sagte er müde. „Wie auch immer … wem deiner Kollegen soll ich die Mitteilung zukommen lassen?“ „Was nützt das jetzt noch? Vergiss einfach, dass ich gefragt habe. Ich will nicht in deiner Schuld stehen.“ Eine Hand umgriff seinen Arm und zog ihn schmerzhaft zurück. Mikael sah, wie einer der Aufseher näher an sie herantrat, sich vermutlich vergewisserte, dass alles in Ordnung war. „Ich habe gehört du warst in der Gewalt von diesem Freak … Tonteri … das er dich erdrosseln wollte … Er hat einen guten Freund von mir auf dem Gewissen. Wenn du ihn schnappst, dann ist deine Schuld beglichen …“ Mikael lachte leise auf und löste sich wieder von dem Mann. „Ich weiß, dass in euren Kreisen solche Männer nicht verhaftet werden und ich sitze hier, wie du, fest…“ „Du weißt, dass ich kein schlechter Mensch bin Mikael … erinnerst du dich, wie wir damals gemeinsam auf Skiurlaub waren? Als du noch in die Schule gegangen bist?“ Mikael drehte sich um, blickte in die Augen von Häpi. „Das war in einem anderen Leben, dass solltest du wissen.“


    „Wollen Sie sich nicht an dem gemeinsamen Sport betätigen Herr Häkkinen, Herr Häpi?“, unterbrach der Vollzugsbeamte ihre Unterredung. „Ist mir leider verboten, wissen sie, eine beschissene Schussverletzung.“ Mikael hob den Pullover und das T-Shirt hoch und zeigte auf die Verletzung an seiner Seite. „Gut, gut und sie Herr Häpi, was ist mit ihnen?“ Der Mann lächelte und lief weiter, ohne den Beamten zu beachten. „Ich? Schlimme Verstauchung am Handgelenk.“ Der Vollzugsbeamte sah ihm nach, unternahm jedoch nichts, gegen den Starrsinn des Mannes. Er sah auf Mikael. „Sie sollten sich von den Mann fernhalten, wenn sie keinen Ärger wollen“, kommentierte er kurz und ließ ihn dann alleine.



    *


    Edvin Solheim zog Plastikhandschuhe an, beugte sich über die Leiche und öffnete das Hemd, das an dem toten Körper klebte. „Ein Schuss, mitten ins Herz“, meldete sich der Mann von der Gerichtsmedizin zu Wort und er sah auf. „Wissen wir, wer der Tote ist?“ „Erik Niklas Brantkvist.“ Muranen hielt ihm einen Personalausweis hin. Solheim nickte, griff nach dem Stück Papier und entfernte sich stumm von der Leiche. Er stutzte, als er die Meldeadresse las. Er kannte dieses Viertel. Dort wurden etliche krumme Dinger gedreht. Drogen, Prostitution, Waffenhandel, man bekam dort alles, was man sich wünschte. Vermutlich war ein Streit eskaliert, so wie er es in dieser Straße oft tat. Er hatte aufgehört zu zählen, wie viele Tote sie aus diesem Viertel bereits hatten. Es waren zu viele.

Participate now!

Don’t have an account yet? Register yourself now and be a part of our community!