Rausch der Rache

  • Urlaub

    Ben war wieder zurück in der PAST-Familie und hatte sich schnell wieder in den Alltag der Autobahnpolizei eingearbeitet. Mit Alex verstand er sich gut, und Semir ließ sich, genau wie er es sich vorgenommen hatte, auch nicht ganz ins Büro verbannen, obwohl die Leitung der Polizeistation schon einige Bürozeit in Anspruch nahm, ein Umstand, der wiederum Andrea sehr gut gefiel. Obwohl Semir auch weiterhin ständig bereit war, Überstunden zu machen und Wochenenddienste zu übernehmen und gefährliche Einsätze immer noch nicht ausgeschlossen waren, so überwiegten doch mittlerweile die Tage, an denen er pünktlich Feierabend machen konnte, rechtzeitig zum Abendessen zuhause war und die Abende mit seiner Familie verbringen durfte.


    So vergingen die ersten Monate, und es nahten die Osterferien. Semir hatte sich eine Woche Urlaub genommen, um mit Andrea und den Kindern zuerst zu seinen Schwiegereltern und anschließend zu Andreas Freundin nach Freiburg zu fahren. Ben ließ es sich natürlich nicht nehmen, seinen Freund damit aufzuziehen, als sie beide in der Teeküche standen. „Du fährst freiwillig zu deinen Schwiegereltern und zu Andreas Freundin? Und was machst du für dich in deinem Urlaub?“ – „Ich fahre mit der schönsten und besten Ehefrau von allen, reicht das nicht? Nein, Ben, ich werde schon Zeit für mich finden oder mit den Kindern etwas unternehmen, außerdem sind wir bei Andreas Eltern nur einen Abend und in Freiburg haben wir eine eigene Ferienwohnung. Da bleibt schon genug Zeit für uns. Wichtig ist, dass ich hier mal wieder raus komme.“ Vom Großraumbüro drang die Stimme des großgewachsenen Kollegen Bonrath zu ihnen hinüber. „Bist du dir denn sicher, die Dienststelle hier alleine lassen zu können? Jetzt, wo du uns gerade so gut im Griff hast? Nicht, dass Ben und Alex in der Zwischenzeit die ganze Autobahn in Schutt und Asche legen.“ Bonrath bemühte sich, bei dem letzten Satz um eine naturgetreue Wiedergabe der Tonlage ihrer ehemaligen Chefin Kim Krüger. „Ach Bonrath, da habe ich keine Bedenken. Das Chaos klappt auch ohne mich, wozu habe ich hier das beste Team um mich geschart, das man sich vorstellen kann?“


    Gegen 15:00 Uhr betrat Andrea mit Ayda und Lilly im Schlepptau die Dienststelle, begrüßte alle Kollegen, die sie noch aus ihrer aktiven Zeit in der PAST kannte und blieb dann bei ihrer Freundin Susanne stehen, während ihre Töchter direkt in Semirs Büro liefen, um ihren Vater von den letzten Tätigkeiten vor dem Kurzurlaub abzuhalten. Der schaffte es aber, sie weiter zu Ben zu schicken, um die letzten Büroarbeiten zu erledigen, fuhr dann den Rechner runter, schnappte sich seine Jacke und verließ sein Büro.


    Ben beschäftigte Semirs Kinder mit Stiften und Papier, bis Semir kam, um sie abzuholen. Dann brach Familie Gerkan endlich in ihre Osterferien auf. Sie hatten die PAST schon verlassen, da fiel Bens Blick auf den Stoffhasen „Hasi“, den Lilly bei ihm auf dem Schreibtisch liegen gelassen hatte. Er sprang auf, schnappte sich das Tier und rannte hinter seinem Freund und dessen Familie her.


    Semir war schon mit dem Familienkombi rückwärts aus der Parklücke gerollt, und wollte gerade an der PAST vorbeifahren, da erblickte er seinen mit dem Stofftier winkenden Freund und bremste. Ben zog die Tür hinter Andrea auf und drückte „Hasi“ einer strahlenden Lilly in die Hand. „Was tätest du nur eine Woche ohne Hasi, Lilly?“, und zu Semir und Andrea sagte er noch: „So, jetzt seht aber zu, dass ihr hier wegkommt. Schönen Urlaub!“


    Unfall


    Etwa eine Stunde später wurden Ben und Alex an eine Unfallstelle auf der A3 gerufen. Dort zeigte sich Ben und Alex ein Bild der Verwüstung, ein LKW stand quer zur Fahrbahn und hatte offenbar zwei weitere Wagen in die Leitplanke gedrängt. „Bin gespannt, warum gerade wir hierher kommen sollten“, fragte Alex. „Hmm, ich auch. Sind doch Leute genug da.“, pflichtete Ben seinem Partner bei und deutete auf die drei Streifenwagen und Einsatzkräfte der Feuerwehr, die bereits damit beschäftigt waren, ihr Material wieder zusammen zu packen.


    Verkehrsunfälle zählten zwar auch zum Alltag der Kriminalbeamten der Autobahnpolizei, deren Aufnahme an sich aber erledigten eigentlich die Kollegen von der Streife.Ein Polizist in Uniform, den Alex und Ben nicht kannten, trat auf sie zu. „Sind Sie die Herren von der Kriminalpolizei? Mein Name ist David Niehms, ich bin neu im Revier.“ – „Brandt, guten Tag Herr Niehms, das ist mein Kollege Jäger, warum haben Sie uns gerufen? Was ist hier passiert?“


    Der junge Streifenpolizist schilderte kurz den Unfallhergang: „Der LKW-Fahrer ist aus noch nicht geklärter Ursache nach links von seiner Fahrbahn abgekommen, hat die Mittelleitplanke durchbrochen, die Gegenfahrbahn überquert und dabei den Kombi dort hinten zwischen sich und der Leitplanke eingeklemmt. In die Unfallstelle raste dann der schwarze Kleinwagen.“ – „Was ist mit den Insassen?“ – „Der LKW-Fahrer ist nur leicht verletzt, aber zur Überwachung und Blutprobenentnahme ins Krankenhaus gebracht worden. Im Kombi saß eine vierköpfige Familie, die Rettungswagen sind gerade weg. Und für den Fahrer des Kleinwagens kam jede Hilfe zu spät, er ist aus seinem Wagen geschleudert worden. Als wir nach seinen Papieren suchten, haben wir einen Koffer mit Rauschgift und recht viel Bargeld gefunden, deshalb ...“ – „…schauen wir uns den Koffer und den Kleinwagen doch mal genauer an, nicht wahr, Ben? … Ben?“


    Alex blickte sich um. Ben stand nicht mehr neben ihm. Irgendetwas an dem dunkelblauen Kombi, der vollkommen zerstört zwischen der Leitplanke und dem LKW lag, hatte ihn magisch angezogen. Alex ging ihm nach. „Merken Sie sich, was Sie noch sagen wollten“, entschuldigte er sich noch bei David Niehms.


    Der LKW hatte die Fahrerseite tief eingedrückt und den Wagen etwa zur Hälfte aufgeschlitzt. Jetzt war der schwere Transporter für die Bergungsmaßnahmen etwas zurückgezogen worden. Beide Reifen auf der linken Seite waren platt, so lag der Wagen hier tiefer. Das Dach war später von der Feuerwehr geöffnet worden, um die Insassen befreien zu können. Ein dunkelblauer Skoda Octavia, Ben musste nicht erst auf das Kennzeichenschauen, ihm reichte ein kleiner, bunter Aufkleber an der hinteren Seitenscheibe, um Gewissheit zu haben.


    Obwohl er wusste, dass der Wagen leer war, riss er die einen Spalt weit geöffnete hintere Tür ganz auf und spürte wie ein leichter Gegenstand auf seine Stiefel fiel. Er hob ihn auf und schloss seine rechte Hand um einen Stoffhasen mit langen Ohren. „Hasi?“, flüsterte er.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Glück im Unglück


    Auch Alex erkannte den Wagen und hatte im nächsten Augenblick Susanne am Apparat. „Susanne? Finde doch bitte für uns raus, wohin die Verletzten des Unfalls auf der A3 gebracht wurden. Rufst du zurück?“ Er wandte sich noch an David Niehms. „Veranlassen Sie bitte, dass alle Fahrzeuge und der Koffer zu Hartmut Freund in die KTU gebracht werden? Danke. Und entschuldigen Sie unser Verhalten, Sie haben alles richtig gemacht.“ Dann ging Alex zu Ben und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Susanne sagt uns, wo sie sind.“ Ben reagierte nicht auf die Ansprache, stützte sich mit der linken Hand am Dach des Unfallwagens ab und umfasste mit der anderen Hand den Stoffhasen. Sein Blick ging nachdenklich ins Leere…


    Ben hielt den Stoffhasen immer noch so fest umklammert, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten, als er schon längst bei Alex im Dienstwagen saß und in Richtung Krankenhaus unterwegs war. Susanne hatte ermittelt, in welche Klinik die Verletzten des Unfalls gebracht worden waren. Der Hinweis, dass es sich dabei um eine Familie mit zwei kleinen Kindern handelte, zusammen mit der Stimmlage von Alex, hatten bei ihr sämtliche Alarmglocken zum Läuten gebracht. „Alex, bitte sag mir, dass es sich nicht um Semir und Andrea handelt.“ – „Nichts würde ich lieber tun, Susanne, aber es ist definitiv ihr Auto. Wir melden uns, wenn wir mehr wissen.“ Die Fahrt verlief schweigend.


    Sie erreichten die Klinik und erfuhren am Empfang, dass Andrea und die Mädchen in einem Familienzimmer auf der Station 23 lagen, eine normale Station also, wie sie erleichtert zur Kenntnis nahmen. Semir war noch nicht auf irgendeiner Station aufgenommen worden, sondern befand sich noch im OP. Also machten sich Alex und Ben zunächst auf den Weg in den zweiten Stock zu Andrea.


    Nach leisem Anklopfen öffnete Ben die Tür und trat vorsichtig ein. Alex schlich hinter seinem Partner her, schloss die Tür und lehnte sich daneben an die Wand. Ben atmete auf, als er sah, dass Andrea wach war und fast aufrecht im Bett lag. „Ben“, sagte sie leise. Ben ging mit leisen Schritten zu Andrea, setzte sich auf die Bettkante und nahm seine gute Freundin in den Arm. Dann sah er sich um. Direkt neben Andrea lag Lilly in einem Bett und zeichnete die Linien auf der Bettdecke mit ihrem Finger nach. Sie blickte teilnahmslos auf und widmete sich wieder ihrer Beschäftigung. Im Bett an der anderen Wand lag Ayda, den linken Arm von ihrer Hand bis zur Schulter in einem Gipsverband, und schlief. Andrea selbst hatte einen Verband am Kopf. Ben musste schlucken. Der anfänglichen Erleichterung folgte langsam eine zunehmende Sorge. „Andrea, wie geht es euch?“ – „Ich weiß noch nichts von Semir. Gut, dass du gekommen bist, Ben. Und auch du, Alex.“ – „Ayda ist verletzt?“ – „Ja, ihr Arm ist gebrochen. Und Lilly steht noch unter Schock.“ – „Und du?“ – „Ich habe Kopf- und Rückenschmerzen. Aber sonst geht es“ Sie zuckte mit den Schultern.


    Ben holte aus seinerJackentasche Lillys Stoffhasen hervor und ging um Andreas Bett herum zu Andreas kleiner Tochter. „Schau mal, Lilly, wen ich hier für dich habe.“ Lilly verzog keine Miene, streckte aber ihren Arm aus und nahm Ben das Stofftier aus der Hand. „Jetzt musste ich ihn dir schon zum zweiten Mal heute hinterher tragen“, versuchte er lächelnd dem kleinen Mädchen eine Reaktion zu entlocken. Doch Lilly kuschelte nur den Hasen an sich und blickte wie zuvor auf die Bettdecke. Ben schaute besorgt fragend Andrea an, die ihrer Tochter mit ihrer Hand die Haare aus dem Gesicht strich. „Wir sollen ihr etwas Zeit geben, meinte die Ärztin, das wird schon werden.“ – „Sicher?“ – „Wir werden sehen. Die Kinderpsychologin wollte gleich vorbei kommen. Wegen …“


    Andrea brach ab, als sich die Tür öffnete und Alex einen kleinen Schritt zur Seite machen musste, um den Arzt eintreten zu lassen. „Oh, Sie haben Besuch? Frau Gerkan, ich möchte gerne mit Ihnen sprechen.“ Zu Ben und Alex gewandt fügte er hinzu: „Würden Sie bitte kurz draußen warten?“ – „Das ist nicht nötig, die gehören quasi zur Familie“, mischte sich Andrea ein, „Was ist mit meinem Mann?“ – „Er wird gerade auf die Station 7 gebracht. Die Fraktur in Arm und Schulter haben wir operativ richten können, das Bein ist gequetscht, aber nicht gebrochen. Zwei Rippen sind angebrochen, dazu kommen eine leichte Gehirnerschütterung, eine Platzwunde und diverse Prellungen. Machen sie sich keine Sorgen, es wird ihm bald besser gehen. Möchten Sie mir nicht erzählen, wie es zu dem Unfall gekommen ist?“ - „Das würde ich auch gerne erfahren“, ergänzte Ben, „und dann sehe ich nach Semir.“


    Andrea brachte sich in eine angenehmere Sitzposition, nachdem sie dem Bericht des Arztes gelauscht hatte. Mit dem Blick auf Lilly begann Sie, den Unfall vor ihrem geistigen Auge erneut zu erleben.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Rückblick Teil 1


    Semir fuhr in gemäßigtem Tempo auf der rechten Spur der Autobahn. Das Verkehrsaufkommen hielt sich noch in Grenzen, so kamen sie gut voran. Der bevorstehende Urlaub war ihr Hauptgesprächsthema.


    Ayda und Lilly wollten auf dem Trampolin springen, das Semir zu seinen Schwiegereltern gebracht hatte, nachdem die Kinder auf die aberwitzige Idee gekommen waren, es auf der Dachterrasse zum Einsatz zu bringen. Nur die gute Erziehung, die Andrea ihnen zuteil hat werden lassen, hielt sie von einer Umsetzung ihres Plans ohne vorherige Bitte um Erlaubnis ab. So konnte Semir ihnen dieses gefährliche Spiel am Abgrund des mehrstöckigen Hauses ausreden. Seitdem war das Trampolin bei Andreas Eltern beheimatet und wartete dort im Garten auf eine ausgiebige Nutzung durch ihre Enkelkinder.


    Andrea freute sich neben ihren Eltern auch auf ihre Freundin, die sie schon seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Sie hatten sich so viel zu erzählen.


    Semir hielt Abstand zum vorausfahrenden Verkehr, und auch der VW Golf hinter ihm machte keine Anstalten näher zu kommen. So aufmerksam er auch fuhr, aufdas Folgende war er dennoch nicht gefasst, und es zu verhindern, stand nicht in seiner Macht.


    Tim Talchow hatte schon seit längerer Zeit mit dem Sekundenschlaf zu kämpfen und schließlich der Müdigkeit nichts mehr entgegen zu setzen gehabt. Zudem hatte er sich an der letzten Raststätte von einem Trucker-Kollegen zum Genuss von zwei, drei Bierchen überreden lassen. Das rächte sich nun: Er schlief am Lenkrad seines 40-Tonners ein und steuerte das schwere Fahrzeug über die linke Spur seiner Fahrtrichtung, durchbrach die Mittel-Leitplanke, überquerte die Gegenfahrbahn und schob den ihm entgegen kommenden Skoda der Familie Gerkan über die Standspur gegen die Leitplanke. Schlagartig durch den Lärm wieder wach geworden, stand er mit seinem vollen Gewicht auf der Bremse und riss das Lenkrad nach links, doch es war zu spät.


    Semir hatte keine Chance ihm auszuweichen. Hätte er Gas gegeben, wäre der Aufprall wahrscheinlich wesentlich heftiger ausgefallen, so entschied er sich zum Bremsen. Noch bevor sein Wagen zum Stehen gekommen war, knallte es! Der LKW schob den Mittelklassewagen vor sich her, beide Reifen auf der Fahrerseite platzten und das Blech kreischte über den Asphalt, der PKW wurde auch dann noch weiter geschoben, als er längst gegen die Leitplanke geprallt war. Funken sprühten auf der Beifahrerseite, die Türen auf der Fahrerseite wurden fast einen halben Meter ins Fahrzeuginnere gedrückt. Dann kamen der LKW und Semirs Wagen endlich zum Stehen.


    Im Wagen der Gerkans herrschten Chaos und Angst. Andrea sah den LKW kommen, ahnte das Unausweichliche, schrie: „SEMIR! Tu was!“ Doch der war machtlos, zu schnell nahte der Truck. Er trat das Bremspedal durch, hielt das Lenkrad fest umklammert. Die eindrückende Tür klemmte ihm sein linkes Bein ein, er schlug mit Arm, Schulter und Kopf schwer an die Fahrerseite und schrie vor Schmerz auf. Wäre die Scheibe nicht gewesen, er hätte das Führerhaus des LKW berühren können, er versuchte, sich nach rechts zu werfen, wurde jedoch vom Lenkrad daran gehindert, welches ebenfalls wie die Tür in den Fahrgastraum gedrückt wurde. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.


    Ayda, die hinter Semir saß, kreischte: „Mami! Hilfe! Mein Arm!“, denn auch hinten drückte der LKW von außen gegen das Blech. Lilly saß hinten rechts in ihrem Kindersitz. Sie schrie nicht, sondern starrte die ganze Zeit auf ihren Vater, der eingeklemmt und allem Anschein nach ohnmächtig hinter dem Lenkrad hing. Andrea wollte sich gerade zu ihren Kindern umdrehen, als der VW Golf, der die ganze Zeit hinter ihnen her gefahren war, in den Skoda krachte.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Rückblick Teil 2


    Einzig dem Umstand, dass es sich bei Semirs Wagen um einen Kombi handelte, war es zu verdanken, dass eine große Menge der Aufprallenergie von dessen Laderaum aufgenommen wurde und nicht erst von der Rücksitzbank. Da der Fahrer des Golfs nicht angeschnallt war, wurde er aus dem Fahrersitz und durch die Windschutzscheibe seines Fahrzeugs geschleudert und landete blutüberströmt im Kofferraum und auf dem Rücksitz der Gerkans.


    Ayda schrie wie am Spieß und Andrea erschrak, als sie in das leblose Gesicht des Mannes blickte. Sie wollte nur noch eins: raus aus diesem Auto und zwar mit Semir und mit ihren Kindern. Doch wegen der Leitplanke auf der rechten und dem LKW auf der linken Seite, war an einem Ausstieg durch die Türen nicht zu denken. Andrea ergriff Semirs rechte Hand „Semir?“, fragte sie panisch. Dann versuchte sie Ayda zu beruhigen. „Ist gleich vorbei, Schatz, sie werden uns hier rausholen.“ – „Mama! Der Mann!“ – „Ich weiß, Ayda, schau nicht hin, bitte. Lilly?“ Ihre Jüngste reagierte nicht. „Lilly! Schnall dich ab und komm zu mir nach vorne! Ayda, hilf bitte deiner Schwester!“ Ayda schnallte Lilly ab, die daraufhin nach vorne kletterte und sich zu Andrea auf den Schoß kuschelte. Dann spürte Andrea in ihrer Hand plötzlich einen Gegendruck. Semir kam wieder zu sich.


    Jetzt bemerkte Andrea auch die ersten Menschen, die, um zu helfen, auf ihren Wagen zuliefen. Zwei von ihnen zogen den LKW-Fahrer aus seinem Führerhaus, der sich heftig wehrte, aber festgehalten werden konnte. Eine Frau telefonierte und setzte den Notruf ab. Hinter dem Auto erschienen jetzt auch Menschen, die zunächst zurückschreckten, als sie den verunglückten Golf-Fahrer sahen, dessen Beine in seinem eigenen verformten Wagen verblieben waren und dessen Oberkörper im Kofferraum des Kombis hing. Dann aber sahen sie, dass sich ein Kind auf der Rücksitzbank befand und bemerkten auch Andrea und Lilly auf dem Beifahrersitz. „Hilfe ist unterwegs, können wir Ihnen helfen? Wollen sie durch den Kofferraum raus oder auf die Feuerwehr warten? Was ist mit dem Fahrer?“ Die Ersthelfer hatten Sorge wegen der zersprungenen Heckscheibe, die beim Rausklettern den Kindern und ihrer Mutter noch weitere Verletzungen zufügen könnte.
    Semir hob langsam den Kopf und bemerkte Andrea und Lilly neben sich. Er wollte sich nach Ayda umdrehen, wurde jedoch von den starken Schmerzen in seiner Schulter davon abgehalten. „Seid ihr in Ordnung? Was ist mit Ayda?“, fragte er stockend. „Du blutest“, stellte er noch fest. „Du auch. Ayda tut der Arm weh und Lilly ist anscheinend unverletzt. Und du?“ Semir löste seine rechte Hand aus Andreas Hand und strich Lilly über den Kopf. Dann bewegte er langsam seinen Kopf hin und her. „Ich bin eingeklemmt, mir tut alles weh. Wir kommen hier nicht raus, oder?“ – „Links steht der LKW, rechts ist die Leitplanke und im Kofferraum steht ein anderes Auto, der Fahrer liegt tot zur Hälfte auf unserer Rücksitzbank. Nein Semir, wir kommen hier nicht raus. Ich hoffe, die Feuerwehr kommt gleich.“


    War es der Schock oder der offensichtlichen Aussichtslosigkeit der Situation geschuldet, dass sie ihrem Mann so ruhig ihre Lage erklärte? Sie wusste es nicht. Instinktiv hatte sie begriffen, dass Panik in diesem Moment nicht zielführendwar. Und so schilderte sie Semir, dass es am besten sei, auf die Einsatzkräfte der Feuerwehr zu warten. Sie war nur froh, dass er zwar verletzt aber zumindest ansprechbar war. Alles würde gut werden, das fühlte sie und sie wurde auch nicht müde, es ihren Kindern immer und immer wieder zu versichern.


    Mittlerweile hatten sich viele Menschen um die verunfallten Autos versammelt und fachsimpelten, wie die Feuerwehr wohl vorgehen würde. Das sollten sie schon einige Minuten später mit eigenen Augen beobachten können. Die Polizei traf fast zeitgleich mit der Feuerwehr am Unfallort ein. Die Rettungswagen kamen nur wenig später.


    Nachdem sie sich einen Überblick über die Situation verschafft hatten, beschlossen die Einsatzkräfte, die Leitplanke neben dem Wagen zu entfernen und zunächst Andrea und die Kinder aus dem Auto zu befreien, damit sie anschließend Semir versorgen konnten. Der Notarzt stellte beim Fahrer des schwarzen VW Golf den Tod fest und beorderte einen Leichenwagen an die Unfallstelle.


    Die Feuerwehr bestellte noch einen Kran, um auch den LKW von der Autobahn zu bergen. Es dauerte keine viertel Stunde, da saßen Andrea, Lilly und Ayda auf den Tragen am Rettungswagen und wurden von den Sanitätern versorgt. Der Arzt kletterte zu Semir ins Fahrzeug und versorgte ihn mit Schmerzmitteln. Dessen linker Unterschenkel war so unglücklich zwischen Lenkradsäule und der eingedrückten Tür eingeklemmt, dass eine Befreiung von der Beifahrerseite aus nicht möglich war. Sie mussten auf das große Bergungsfahrzeug warten, dem es schließlich gelang, den LKW ein bis zwei Meter zurück zu ziehen, so dass die Feuerwehr Semir anschließend aus dem Skoda schneiden konnte. Er dämmerte unter dem Einfluss der Medikamente vor sich hin und nachdem seine Schulter und das Bein fixiert worden waren, wurde er mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gefahren, wohin seine Familie bereits unterwegs war.


    Tim Talchow war bereits in Polizeibegleitung zur Blutabnahme ins Krankenhaus gefahren worden und sollte anschließend zum Unfallhergang vernommen werden.


    Die Polizei machte noch Fotos von der Unfallstelle und den Fahrzeugen und durchsuchte dann den VW Golf, um Hinweise auf die Identität des Todesopfers zu finden. Aber alles, was sie in dem Wagen fanden, war ein schwarzer Alu-Koffer, und als der Streifenbeamte die Schnappverschlüsse öffnete und den Deckel hob, pfiff er durch die Lippen, vor ihm lagen mehrere Pakete eines weißen Stoffes auf einer Lage mit Bargeld. Ein Fall für die Kripo. Er griff zu seinem Telefon.


    Während Andrea erzählte, war Lilly auf Bens Schoß geklettert und in seinem Arm eingeschlafen. Ayda war die ganze Zeit nicht aufgewacht.


    Alex, Ben und auch der Arzt hatten gebannt zugehört und kaum gewagt Luft zu holen. Alex schrak zusammen, als er plötzlich das Vibrieren seines Handys in der Hosentasche wahrnahm.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Wieder da


    Alex fischte sein Mobiltelefon aus der Tasche und meldete sich leise: „Hartmut, bleib dran, ich bin gleich ganz Ohr.“ Ben löste die schlafende Lilly aus seinen Armen und übergab sie Andrea. Dann stand er auf und verließ hinter seinem Partner das Krankenzimmer. Auch der Arzt wandte sich zum Gehen, er hatte schon viel zu viel seiner Zeit bei dieser Patientin verbracht.


    Am Ende des Flurs befand sich eine Besucherecke. Dort stellte Alex das Handy auf laut. „So Hartmut, schieß los. Ben hört auch zu.“ – „Also Jungs, der Tote aus dem Golf war Jens Neumann, polizeibekannter Zwischenhändler, im Koffer befanden sich sechs Kilogramm reines Kokain und etwa 300.000€ in bar. Aber wir haben noch mehr gefunden. Und das wird besonders dir nicht gefallen, Alex.“ Ben schaute ihn ratlos an und zog seine Stirn in Falten. „Was habt ihr gefunden, Hartmut?“ – „Fingerabdrücke, Alex. Fingerabdrücke.“ – „Von? Jetzt lass dir nicht alles aus der Nase ziehen, Hartmut!“ – „von Mario Torres.“


    Es trat eine bedrohliche Stille ein, Alex öffnete seinen Mund zu einer Antwort, bekam aber kein Wort heraus. Ihm lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Ben sah seinen Partner fragend ins Gesicht, dem jede Farbe entflohen war. Wer zum Teufel war Mario Torres, und was war er, dass alleine die Nennung seines Namens solch eine Stimmungswandlung in Alex Brandt hervorrief, einem sonst eher coolen Polizisten, den so leicht nichts aus der Ruhe bringen konnte? „Alex?“, kam es leise aus dem Lautsprecher, doch der war noch nicht wieder ansprechbar. „Ben? Seid ihr noch da?“


    „Hartmut“, rang sich Alex jetzt zu einer Antwort durch, „das kann nicht sein, du musst dich irren.“ – „Alex, ich irre mich nie! Ich habe mehrere frische, vollständige Fingerabdrücke auf einem nagelneuen Aluminiumkoffer. Kein Irrtum möglich.“ Alex musste sich an die Wand lehnen und ließ das Handy sinken. Dann startete er noch einen weiteren Versuch: „Hartmut, bitte sag, dass das nicht wahr ist!“ – „Alex, mit Mario Torres würde ich keine Scherze machen. Er ist wieder zurück! Ich schicke euch die Info aufs Handy.“


    Ben verstand kein Wort. „Sagst du mir vielleicht mal was los ist? Wer ist dieser Mario Torres? Alex?“ Doch Alex antwortete seinem Partner nicht, sondern ließ ihn stehen, beendete das Gespräch mit Hartmut und ging beinahe im Laufschritt den Krankenhausflur entlang. „Alex“, rief er ihm hinterher, „Alex, klär mich doch mal auf! Wo willst du denn hin?“ – „Zu Semir!“, kam nur zurück, dann hatte Alex schon das Treppenhaus erreicht. Ben verfiel in einen leichten Trab, stoppte aber doch noch kurz an Andreas Zimmer, um sich zu verabschieden. „Wir sehen nach Semir, ich komme dann noch mal zurück. Bis nachher.“ Dann rannte er hinter Alex her und holte ihn erst auf der Station wieder ein, die der Arzt ihnen genannt hatte. So allmählich verstand er, was Semir damit meinte, Alex sei manchmal nicht ganz einfach, was die Zusammenarbeit mit ihm anging.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Semir



    Alex hatte auf der Station bereits herausgefunden, in welchem Zimmer Semir lag. Vor der Tür blieb der Polizist stehen, atmete noch einmal tief ein und öffnete, als Ben ihn gerade erreicht hatte, leise die Tür.


    Semir war noch gar nicht ganz wach, freute sich aber über den Besuch. "Ben, Alex, schön euch zu sehen. Ward ihr bei Andrea, wie geht es ihr und meinen Mäusen?" Statt auf Semirs Frage einzugehen, kam Alex gleich auf das Telefonat mit Hartmut zu sprechen. "Du glaubst es nicht Semir. Mario Torres ist in Deutschland." - "Mario Torres? Aber Mario Torres ist tot." -"Nein, Semir, er lebt, und er ist hier." Jetzt wurde es Ben zu bunt, er fasste Alex am Arm und bedeutete ihm so, inne zu halten. Dann trat er zu seinem Freund und setzte sich auf den Stuhl am Bett seines Freunds. "Andrea und den Kleinen geht es gut, sie sind in einem Familienzimmer untergebracht und sicher bald wieder zu Hause. Und wie geht es dir? Was haben die Ärzte gesagt?" - "Wird alles wieder, meine Schulter ist kaputt, mein Bein zerquetscht, aber Mario Torres? Alex, bist zu dir sicher?" - "Hartmut ist sich sicher, und das reicht mir."


    "So, und jetzt reicht es mir, Semir, Alex, jetzt erzählt mir endlich, wer dieser Mario Torres ist oder war!" - "Okay Ben, kannst du dich an Thorben und Steffen Raisser erinnern?" - "Wie sollte ich die je vergessen?" Jetzt war es an Alex, nachzufragen. "Wer sind die?" - "Thorben und Steffen Raisser hatten damals Semirs Familie entführt und von Semir verlangt, mich zu erschießen. Nur mit viel List, Tücke und Glück sind seine Familie und ich noch am Leben." - "Und", fuhr Semir fort, "Mario Torres ist noch schlimmer. Der erschießt einen noch bevor er damit droht. Auch in den Rücken, wenn es ihm gefällt."


    "Weißt du Ben, Semir und ich hatten vor etwa einem dreiviertel Jahr mit Torres zu tun, sind ihm mächtig auf die Füße getreten, konnten seinen Rauschgiftring in Deutschland ausheben und die Anführer festnehmen. Nur Torres selbst ist uns entwischt und konnte nach Südamerika, seiner Heimat, fliehen. Das BKA hat ihn dort ausfindig machen können und ihn bei dem Versuch der Festnahme erschossen. Den Tod haben uns die Behörden damals versichert. Und wir haben es bis heute geglaubt. Bis Hartmut eben anrief und von den frischen Fingerabdrücken von ihm berichtete. Torres hatte damals damit gedroht, uns umzubringen und behauptet, wir würden ihm nicht entkommen. Wir waren froh, als uns die Nachricht von seinem Tod erreichte, das kannst du uns glauben."


    "Das glaube ich euch. Und ihr meint, Torres ist jetzt hier, um die Rache zu vollenden? Sind noch andere davon betroffen, oder nur ihr zwei?" Semir dachte nach, wie hießen noch die Kollegen, die damals dabei waren? Ihm fielen die Namen nicht ein. Auch Alex brauchte einige Zeit, die beiden Männer hatten sie nur in diesem einen Fall unterstützt und waren längst wieder in ihren alten Dienststellen, aber dann kam er drauf. "Paulsen und Heinrich! Wir sollten ihnen Bescheid geben." – „Und euch stellen wir zum Schutz Wachen vor die Tür, falls Torres vorhat, hier im Krankenhaus aufzutauchen“, Ben zog seine Waffe und reichte sie Semir, „hier, ich tausche sie beim nächsten Mal gegen deine aus, aber es ist besser, wenn du nicht unbewaffnet bleibst.“ Semir steckte die Waffe unter seine Bettdecke. Alex und Ben verabschiedeten sich von Semir.


    Während Alex mit Susanne telefonierte, um den aktuellen Aufenthaltsort der damaligen Kollegen Paulsen und Heinrich herausfinden zu lassen und den Polizeischutz für Familie Gerkan in die Wege zu leiten, löste Ben noch sein Versprechen ein und ging erneut zu Andrea, um ihr mitzuteilen, dass es Semir schon wieder recht gut ginge und es sicher nur eine Frage von Tagen sein dürfte, bis er über seinen Krankenhausaufenthalt nörgeln würde und wieder nach Hause wolle. Andrea war beruhigt, dieses zu hören. Über die sich anbahnende Bedrohung durch Mario Torres verlor Ben kein Wort, er wollte sie nicht beunruhigen, obwohl sie sich spätestens beim Verlassen ihres Krankenzimmers über die Anwesenheit von Polizisten auf der Station wundern würde.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Warnung


    Während Ben in Richtung PAST fuhr, klingelte Alex‘ Handy. „Ja, Susanne, hast du was rausgefunden?“ – „Sicher, deshalb rufe ich an. Paulsen hat Urlaub, ist aber wohl nach Aussage seiner Kollegen zuhause am Renovieren. Ich schicke euch seine Adresse und Telefonnummern. Und Heinrich ist im Dienst, im Rauschgiftdezernat, die Telefondurchwahl ist 8151 im Düsseldorfer Präsidium.“ – „Danke, Susanne.“ Alex blätterte gleich zu der Mail von Susanne, in der die Sekretärin Adress- und Telefondaten der Kollegen zusammengefasst hatte und wählte zunächst die Festnetznummer von Walter Paulsen.


    Es hob niemand ab. Auch bei der Handynummer hatte er kein Glück. Normalerweise wäre das noch kein Grund zur Sorge, jeder geht mal kurz ohne Handy aus dem Haus, aber unter den gegebenen Umständen, der bestehenden Bedrohung, war dieses durchaus ernst zu nehmen. „Gib Gas, Ben. Paulsen besuchen wir als erstes, da habe ich ein ganz ungutes Gefühl. Weserstr. 73, das ist irgendwo im Norden von Köln.“


    Alex wählte schon die Nummer von Klaus Heinrich im Rauschgiftdezernat. „K17, Heinrich“, meldete sich dieser bereits nach dem ersten Klingeln. „Alex Brandt hier, Sie erinnern sich?“ – „Brandt! Kripo Autobahn, ja natürlich. Wie geht es Ihnen und Ihrem Kollegen, wie heißt er noch gleich?“ – „Gerkan, Semir Gerkan. Danke, uns geht es gut. Herr Heinrich, Sehnsucht ist leider nicht der Grund für meinen heutigen Anruf. Wir haben stichhaltige Hinweise, dass Mario Torres wieder in Deutschland ist.“ – „Sie scherzen, Brandt! Mario Torres ist tot!“ – „Ja, das dachten wir auch bis heute Morgen. Aber alle Spuren sprechen dafür, dass er noch lebt. Ich meine, sie sollten das wissen. Seien Sie also vorsichtig. Wir wissen noch nicht, wo genau er sich aufhält und was genau er vorhat.“ – „Ich werde auf mich aufpassen, danke, dass sie mich angerufen haben. Was ist mit Paulsen?“ – „Wir sind auf dem Weg zu ihm. Wir konnten ihn telefonisch nicht erreichen. Ich melde mich wieder.“ Ben ließ den Mercedes vor der PAST mit laufendem Motor stehen und rannte ins Büro. Dort nahm er Semirs Waffe aus dem Schließfach und machte sich wieder auf den Weg nach draußen. „Semir und Andrea geht es gut, den Kindern auch“, warf er der Sekretärin noch die wichtigste Information zu, „wir sind auf dem Weg zu diesem Paulsen, Susanne. Schickst du uns Verstärkung? Ich hoffe, wir kommen noch rechtzeitig.“ Damit verließ Ben die Dienststelle und eilte mit Alex in die Weserstraße.


    Paulsen



    Ben und Alex erreichten das mehrstöckige Wohnhaus in der Weserstraße, in dem Walter Paulsen eine Dreizimmer-Wohnung im achten Stock besaß. Ben ließ Alex vor dem Eingang aussteigen und fuhr den Wagen dann auf den Parkplatz. Alex konnte ungehindert das Treppenhaus betreten, weil die Tür nur angelehnt war und drückte auf den Knopf für den Aufzug.


    Während er an die Wand gelehnt da stand und auf den Lift und seinen Partner wartete, schaute er sich im Treppenhaus um. Obwohl sich dieses Haus in einem der Problemviertel der Stadt befand, machte es auf Alex einen sehr gepflegten Eindruck. Offenbar gab es hier einen bemühten Hausmeister und eine eingehaltene Hausordnung. Nirgendwo lag Abfall herum, keine Wand war von Graffiti verschandelt, so wie sie es vor wenigen Wochen in einem baugleichen Haus in der Nachbarschaft zu diesem erlebt hatten.


    „Na Partner, wartest du auf den Aufzug?“, fragte Ben, der gerade durch die Haustür getreten war. „Nein, wie kommst du darauf? Ich warte, dass der achte Stock zu uns nach unten kommt.“ In diesem Augenblick klingelte der Aufzug und die Schiebetür öffnete sich langsam. „Und da ist er schon.“


    „Draußen auf dem Parkplatz ist nichts Auffälliges“, berichtete Ben. „Dann lass uns nach oben.“ Die Polizisten betraten den kleinen Aufzug, Alex drückte auf die 7 und die 9. „Du von unten, ich von oben. Für alle Fälle“, erklärte er seinem Partner. Ben nickte. Als der Fahrstuhl hielt, verließ er die Kabine und wandte sich dem Treppenhaus zu. Sollten sie jemanden durch ihre Ankunft überraschen, würde er ihnen in die Arme laufen, egal, ob er sich im Treppenhaus nach oben oder nach unten wenden sollte. Aber Ben schätzte die Wahrscheinlichkeit dafür sehr gering ein. Warum sollte Paulsen ausgerechnet in diesen Minuten ungebetenen Besuch haben? Wäre der Zufall nicht zu groß? Ben tastete sich langsam die Stufen zum achten Stock hinauf, Alex kam zur selben Zeit aus der Gegenrichtung auf der betreffenden Etage an.


    Dann standen sie vor der Wohnungstür. Alex hatte bereits den Zeigefinger auf dem Klingelknopf, als Ben ihn stoppte und auf den Türgriff deutete. Dort war ein verschmierter dunkler Fleck zu erkennen. Ben zog ein Taschentuch hervor und wischte ein wenig über den Fleck, der das Papiertuch rot verfärbte. Blut?


    Ben zog Semirs Waffe und entsicherte sie. Alex kramte sein Pick-Werkzeug hervor und machte sich am Schloss zu schaffen. Keine Minute später schnappte die Tür auf, was Ben einen anerkennenden Pfiff entlockte. „Bei Semir in die Lehre gegangen?“, flüsterte er grinsend. Alex nickte, zog ebenfalls seine Waffe hervor und stieß die Tür auf, die bereits nach etwa einem halben Meter an einem Hindernis abprallte und zurückschwang. Im Flur lag etwas. Alex steckte seinen Kopf durch den Türspalt und zuckte angewidert zurück. „Tot“, formten seine Lippen zu Ben gewandt, dann machte er einen Schritt in die Wohnung. Im Flur lag ein Mann in einer großen Blutlache. Auch auf der Kommode und an der Wand befand sich Blut, als ob der Sterbende sich mit letzter Kraft zur Wohnungstür geschleppt hatte und dort zusammen gebrochen war. Ben und Alex schritten vorsichtig die ganze Wohnung ab, obwohl ihnen klar war, dass sie hier zu spät kamen. Schon die Blutspur am äußeren Türknauf deutete darauf hin, dass der oder die Täter die Wohnung längst verlassen hatten. „Ist er das?“, fragte Ben, während er Semirs Waffe wegsteckte. Alex nickte zustimmend. „Ja, das ist Walter Paulsen. Wir sind zu spät.“ – „Ich rufe die Spurensicherung“, bestimmte Ben.


    Es vergingen etwa zwei Stunden, bevor der Leichnam am frühen Abend abtransportiert war und die Spurensicherung sich die gesamte Wohnung vornehmen konnte. Paulsen war durch zahlreiche Messerstiche getötet worden. Ben und Alex verabschiedeten sich von den Kollegen und fuhren zu Semir ins Krankenhaus, wo sie wohlwollend die aufmerksamen Kollegen auf der Station vor Semirs Tür bemerkten. Sie berichteten Semir von Paulsens gewaltsamen Tod, Ben tauschte noch Semirs gegen seine eigene Waffe aus. Semir war lediglich einmal kurz aufgestanden und hatte sich ins Bad geschleppt, er konnte sein linkes Bein noch nicht richtig belasten und litt auch unter Schwindel, sobald er versuchte sich zu erheben. Der Arzt ging davon aus, dass es wohl noch mindestens zwei bis drei Tage dauern würde, bevor er das Krankenhaus würde verlassen können. Andrea hatte ihn kurz in Begleitung einer Schwester besucht, sie würde ebenfalls zwei Tage im Krankenhaus bleiben und hatte bereits ihre Eltern angerufen und über den Unfall in Kenntnis gesetzt. Andreas Mutter hatte versprochen, noch am Abend nach Köln zu ihnen in die Klinik zu fahren.


    Ben und Alex beschlossen Feierabend zu machen, da fiel Ben etwas ein. „Wo willst du jetzt hin, Alex?“ – „Was meinst du? Nach Hause natürlich.“ – „Naja, ich meine, Paulsen ist tot, in seiner eigenen Wohnung ermordet, Semir steht unter Polizeischutz, Heinrich ist gewarnt. Und du willst einfach so nach Hause? Hast du keine Angst, du könntest der Nächste sein? Mario Torres weiß doch bestimmt, wo du wohnst.“ Alex rang mit sich, daran hatte er noch gar nicht gedacht. „Ben, du hast recht. An mich habe ich gar nicht gedacht. Wäre aber doch auch eine Gelegenheit, ihn zu schnappen, oder nicht?“ – „Alex! Das ist zu gefährlich. Weißt du, wie Torres vorgeht? Der ist zurzeit unberechenbar. Oder glaubst du, der war alleine bei Paulsen?“ Alex dachte nach, dann fiel ihm etwas ein. „Stimmt, Ben. Setz mich doch an der nächste S-Bahn-Station ab, ich fahre zu Lena. Die Adresse sollte Torres unbekannt sein.“

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Verfolgungswahn



    Klaus Heinrich war nervös. Der Anruf von Alex hatte ihn zutiefst erschüttert. Den ganzen restlichen Tag ging er so vorsichtig, als bewege er sich auf dünnen Glasscheiben, er traute sich nicht, mit seinem vollen Gewicht aufzutreten, vermutete hinter jeder Ecke Unheil, sah überall Augen, die ihn bedrohlich beobachteten. Hier im Präsidium war er sicher, aber es zog ihn auch nach Hause. War auch seine Familie, seine Frau Karin, sein Sohn Erik in Gefahr?


    Auch seinen Kollegen fiel die Veränderung von Klaus Heinrich nach dem Telefonat auf. Sie vermuteten aber wohl eher familiäre Probleme, da Erik gerade mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, als er vor einigen Tagen bei einem Ladendiebstahl erwischt worden war. Erik durchlebte eine schwierige Phase, das war im Rauschgiftdezernat, wo sich die Kollegen sehr gut untereinander kannten und schätzten, ein offenes Geheimnis. So wunderte sich auch niemand, als Heinrich an diesem Tag früher als üblich Feierabend machte.


    Er fuhr ziellos durch die Gegend. Hatten sie ihn schon im Visier? Saßen eventuell gerade im Auto hinter ihm bewaffnete Gangster, die nur darauf warteten, ihn vor die Flinte zu bekommen? Wie wird die Begegnung aussehen, wird er seinen Gegner in der Sekunde seines Todes zu Gesicht bekommen, oder zog dieser vor, sein Opfer aus dem Hinterhalt zu erlegen? Oder wird es ihm, Klaus Heinrich, gelingen, Mario Torres zu entkommen? Hatte es Torres überhaupt auf sie abgesehen, oder konnte es sein, dass der Südamerikaner doch nur wegen seiner Geschäfte zurück nach Deutschland gekommen war?


    Klaus Heinrich trat plötzlich scharf auf die Bremse. Beinahe hätte er die jungen Mädchen auf dem Zebrastreifen übersehen. Er schimpfte mit sich. Er durfte nicht so unkonzentriert und abwesend sein, solange er in seinem Auto durch die Stadt fuhr. Er beobachtete den nachfolgenden Verkehr. Direkt hinter ihm fuhr ein dunkler BMW, der aber in dem Moment, in dem Heinrich in den Rückspiegel blickte, in eine Seitenstraße abbog und den Blick frei machte auf einen roten Kleinwagen mit einer älteren Frau am Steuer, dahinter kam ein LKW, an dem Heinrich nicht vorbei schauen konnte.


    Er war sich sicher, unbeobachtet zu sein und atmete tief durch. „Ich leide schon unter Verfolgungswahn!“, sagte er zu sich selbst, das würde Alex Brandt büßen, wenn die Sache ausgestanden war, schwor er sich. Nichts würde passieren. Alex‘ Anruf war eine Warnung, und er war auf der Hut, aber übertrieben ängstlich, das nahm er sich vor, wollte er nun auch nicht sein. Wahrscheinlich ging Mario Torres seinen Drogen-oder-was-auch-immer-Geschäften nach und hatte seine Drohung vom letzten Jahr längst vergessen.


    Er lenkte seinen Wagen in das ruhige Wohngebiet, in dem er mit seiner Familie ein schmuckes Einfamilienhaus bewohnte, und stellte seinen Opel auf der Auffahrt ab, als ein weiterer Anruf von Alex ihn über den tatsächlichen Ernst der Lage unterrichtete. Jener erzählte ihm von der grausamen Ermordung Walter Paulsens. Damit war klar: Mario Torres hatte nichts vergessen. Er hatte bereits damit begonnen, seine Gegner von damals auszuschalten. Wie durch einen Schleier betrachtete er sein Haus. Er musste mit seiner Familie in eine sichere Unterkunft, musste sich noch heute darum kümmern, ein paar Sachen packen und in eine Schutzwohnung ziehen.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Heinrich



    Klaus Heinrich zog die Haustür hinter sich ins Schloss. „Karin? Erik?“, rief er gegen die Musik an, die aus dem oberen Stockwerk zu ihm nach unten schallte, „wir haben etwas zu besprechen!“ Ob er wohl jemals mit seinem Sohn ein Konzert besuchen würde, wie sein Kollege es neulich mit seinem gemacht hatte? Bei diesem Musik-Geschmack bestimmt nicht. Er bezweifelte sogar, in Sachen Musik jemals mit seinem jetzt 15-Jährigen auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Aber vielleicht würde sich das in den nächsten Jahren noch ergeben?


    Seine Jacke hatte er gerade an den Haken gehängt, da wurden plötzlich seine Arme von hinten gepackt und auf den Rücken gedreht. Klaus Heinrich schrie vor Schmerz und Schreck kurz auf. Dann wurde er aber schon in das Wohnzimmer geschubst, wo ihn der nächste Schock erwartete. Seine Frau und sein Sohn saßen gefesselt auf zwei Esszimmerstühlen in der Mitte des Zimmers. Karin zitterte am ganzen Körper, Tränen hatten ihr Augen-Make-Up gelöst und auf den Wangen verschmiert. Ihre Lippen bebten. Sie stand Todesängste aus. Erik ging es nicht anders, für die sonst so taffen Teenager waren mit einem Male sämtliche Albträume seiner PC-Spiele wahr geworden, auch er weinte und flehte in den Knebel hinein, den Torres ihnen im Mund verschnürt hatte.


    Hinter ihnen stand Mario Torres mit einer Pistole in jeder Hand. Das Gesicht hatte sich Heinrich im Gedächtnis eingebrannt, er hätte Torres auch erkannt, wenn ihm dieser unvermittelt in der Straßenbahn begegnet wäre. Der Bolivianer grinste den Familienvater an. „Herr Heinrich, schön, dass Sie endlich da sind. Wir haben schon ganz sehnsüchtig auf Sie gewartet.“


    „Torres …“, flüsterte Heinrich nahezu unhörbar, dann lauter: „Lassen Sie meine Familie gehen!“ Er versuchte sich gegen den Klammergriff zu wehren, hatte aber gegen Torres‘ Männer keine Chance. „So, wie Sie meine Familie verschont haben? Ich zeige Ihnen jetzt, was den Mördern meines Bruders und Neffen blüht!“ Torres fackelte nicht lange. Heinrich bekam keine Gelegenheit mehr, seine Frau und seinen Sohn zu verteidigen. Gleichzeitig drückte Torres die Abzüge beider Waffen durch, zwei Schüsse vereinigten sich zu einem einzigen Knall und hallten durch das kleine Haus. Karin und Erik Heinrich sackten zeitgleich leblos in sich zusammen, nur durch die Fesseln hinter den Rückenlehnen der Stühle am Sturz auf den Fußboden gehindert.


    Klaus Heinrich wurde weich in den Knien. „Nein!“, schrie er panisch, „Dafür werden Sie büß-“ Weiter kam er nicht, denn ein dritter Schuss ertönte, und der Polizeihauptkommissar aus dem Rauschgiftdezernat, vor einem Jahr maßgeblich am Zerschlagen von Torres‘ Rauschgiftring beteiligt, ging getroffen zu Boden. Torres und seine Männer verließen das Haus und verschwanden ungesehen in der Seitenstraße, wo sie ihren Wagen abgestellt hatten.


    Der Todeskampf Heinrichs dauerte mehrere Stunden, Stunden, in denen er, nicht fähig sich zu bewegen, seine Augen nicht abwenden konnte von seiner toten Frau Karin und seinem toten Sohn Erik. Dann folgte er ihnen endlich.


    Er würde in diesem Leben keine Gelegenheit mehr haben, mit seinem Sohn gemeinsam ein Rockkonzert zu besuchen.


    Bemerkt wurden die Leichen der Familie Heinrich nicht vor Mittag des nächsten Tages. Klaus Heinrich wurde nach Beginn der Kernzeit um 9:00 Uhr kurz vermisst. Seine Kollegen gaben ihm aber noch eine knappe Stunde, die man im Düsseldorfer Berufsverkehr schon mal an den Ampeln und Baustellen verlieren konnte, sie wunderten sich aber schon, dass ihr als sehr zuverlässig bekannter Kollege nicht zumindest durchgerufen und seine Verspätung angekündigt hatte.


    Frau Reimers im Geschäftszimmer wurde gebeten, sich telefonisch auf die Suche zu begeben. Aber weder der Anruf auf Heinrichs Mobil-, oder auf seinem Festnetzanschluss wurde beantwortet. Sie kannte niemanden in der Nachbarschaft, darum bat sie eine Polizeistreife, ihre übliche Route durch das Wohngebiet zu verlegen. Diese meldete, dass Heinrichs Wagen auf seiner Auffahrt abgestellt war, und die Kollegen schauten sich am Haus um. Der Blick durch das Wohnzimmerfenster reichte den Beamten, Großalarm auszulösen.


    Keine zwanzig Minuten später wimmelte es im Haus und auf dem Grundstück von Polizei und Beamten der Spurensicherung. Die Auffahrt und der Straßenrand waren von den Einsatzfahrzeugen zugeparkt, Nachbarn versammelten sich hinter der polizeilichen Absperrung. Obwohl sie sehr gewissenhaft vorgingen, konnten die Polizisten keine nennenswerten Spuren sichern und keine brauchbaren Zeugenaussagen erhalten. Hier war ein Kollege und seine Familie hingerichtet worden, ohne dass irgendein Hinweis auf den Täter am Tatort zu finden war.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Angst


    Alex Brandt anzurufen, daran dachte zu diesem Zeitpunkt niemand, hätte doch dieser den Ermittlern gleich einen wahrscheinlichen Täternamen nennen können.Alex hatte die Nacht in der Wohnung seiner Freundin Lena verbracht, die für eine Woche zu einem Lehrgang nach Hamburg gereist war. Trotz der Bedrohung durch den wieder aufgetauchten Marion Torres hatte er recht gut geschlafen.


    Er ließ sich von Ben einige Straßen entfernt abholen, er wollte Lenas Wohnung nicht erst ins Visier eventueller Verfolger bringen, zumal er sich sicher war, am Vortag unbemerkt das Wohnhaus erreicht zu haben, und das durfte er auf keinen Fall aufs Spiel setzen. Immerhin wollte er dort solange wohnen, bis sie Mario Torres festgesetzt hätten.


    Gemeinsam mit Ben fuhr Alex in die PAST. Sie wollten aus den Akten mögliche Aufenthaltsorte von Mario Torres herausfinden und anschließend abklappern. Vielleicht hatte er Kontakt zu einer seiner letztjährigen Wirkungsstätten aufgenommen? Obwohl das ja etwas unsinnig von ihm wäre, denn dass die Polizei dort am ehesten auftauchen würde, konnte Marion Torres sich auch denken. Aber auslassen könnten sie die Überprüfung dieser Orte auch nicht.


    So bestand der Vormittag für die beiden Hauptkommissare darin, die Akten zum Fall Mario Torres zu wälzen, und Ben bekam allmählich eine Vorstellung davon, mit was für einem Kaliber sie es hier zu tun hatten. Nachdem er den letzten Aktendeckel geschlossen hatte, wusste er, warum Semir und auch Alex solch einen Respekt vor dem Südamerikaner besaßen, ja, er war sogar geneigt, das Wort Heidenangst in diesem Fall zu bevorzugen. Mario Torres war wirklich skrupellos. Von seinen Handlangern von damals waren die meisten eines grausamen Todes gestorben, ob Mann, ob Frau oder Kind, Mario Torres war durch nichts zu erweichen. Mindestens 24 Morde konnten ihm zugerechnet werden, Morde, für die er bislang nicht zu Rechenschaft gezogen werden konnte.


    „Puh, ich brauche jetzt erst einmal einen Kaffee. Du auch?“ Ben hatte sich erhoben, seinen Kaffeebecher gegriffen und war schon auf dem Weg zur Bürotür. Alex reichte ihm wortlos seinen Becher als Antwort. Während sie ihren Koffeinhaushalt ins Gleichgewicht brachten, musterte Ben seinen Partner.


    Alex schien ganz ruhig, doch Ben hatte auch in der kurzen Zeit, die sie nun zusammen arbeiteten, gelernt, die Anzeichen dafür, dass es hinter der coolen Fassade brodelte, zu erkennen, wie das Zittern des kleinen Fingers der Hand am Kaffeebecher und das Zucken des rechten Augenwinkels. Alex war ein reines Nervenbündel, das blieb ihm nicht verborgen. „Ben, du bist der einzige von uns, den Mario Torres nicht kennt. Ich glaube, auf dich werden schwere Aufgaben zukommen, denn Semir und ich werden uns im Hintergrund halten müssen, wenn wir überleben wollen. Du kennst mich mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass ich es unter normalen Umständen nicht zugeben würde, aber ich habe eine Scheißangst und würde mich am liebsten irgendwo verkriechen.“ – „Torres wird euch nicht kriegen, Alex, das werden wir verhindern.“



    Schreck



    Die Information über die Hinrichtung der Familie Heinrich, die sie am frühen Nachmittag erreichte, trug nicht zur Aufhellung ihrer Stimmung bei. Susanne kam damit in ihr Büro. „Jungs“, lenkte sie die Aufmerksamkeit von Ben und Alex auf sich. Als Ben aufblickte, sah er in Susannes bleiches Antlitz und wusste augenblicklich, dass etwas Schlimmes geschehen war. Die Sekretärin, die gute Seele der PAST, musste sich die Worte mühsam zusammenlegen. „Klaus Heinrich und seine …“ Alex wusste was kam, doch Susanne ließ sich nicht unterbrechen, „…seine Familie sind heute Mittag tot in ihrem Haus aufgefunden worden. Es sieht nach einer Hinrichtung aus. Der Sohn und die Frau starben jeweils durch Kopfschüsse, Klaus Heinrich erlitt einen Bauchschuss und verblutete. Der Junge war…“, ihre Stimme begann zu brechen, „erst 15.“


    Alex schlug seine Hände vors Gesicht und stützte seine Ellenbogen auf seinen Schreibtisch, dann verschränkte er sie hinter seinen Kopf und starrte auf seine Schreibtischunterlage. Die dort vorhandenen Notizen verschwammen vor seinen Augen. Bevor Susanne wieder ging, legte sie Alex eine Hand auf die Schulter und drückte aufmunternd zu. Dabei blickte sie Ben allerdings ratlos an. „Wir schnappen uns das Schwein, das verspreche ich euch“, sagte Ben.


    Damit waren seit Auffinden der Fingerabdrücke von Mario Torres zwei unmittelbar an seiner versuchten Verhaftung vor einem Jahr beteiligte Polizeibeamten umgebracht worden und zwei Unbeteiligte ebenfalls Opfer des Südamerikaners geworden. Ben musste Semir über die neue Entwicklung informieren und griff zum Telefonhörer.


    „Hey Semir, wie geht es euch heute? … Das freut mich zu hören. Und dir? … Gut. Ich habe schlechte Nachrichten. Heinrich ist tot. … Erschossen … Von wem sonst? Ich wollte nur, dass du es weißt. Passt auf euch auf, ja? Ich komme nachher noch mal vorbei. … Ja, Ciao.“


    Alex hatte regungslos zugehört. Jetzt schaute er auf. „Und?“ – „Andrea kann wohl morgen schon das Krankenhaus verlassen, Ayda und Lilly auch. Semir geht es auch schon besser, ich bezweifle, dass er alleine dort bleiben wird, auch wenn seine Ärzte anderer Ansicht sind.“ – „Andrea kann nicht nach Hause, Ben.“- „Hm. Wir brauchen eine Schutzwohnung. Ich rufe die Krüger an.“ – „Krüger?“ – „Ja, sie ist noch immer Semirs Vorgesetzte, und ich kann keine Schutzwohnung organisieren, du etwa?“ – „Nein, du hast recht, Ben.“


    Das Telefonat mit seiner ehemaligen Chefin dauerte etwas länger. Kim Krüger wollte haarklein geschildert haben, was vorgefallen war, vom Autounfall der Gerkans, welcher, wie sie erleichtert zur Kenntnis nahm, relativ glimpflich für Semir und seine Familie ausgegangen war, dem Auffinden des Koffers und den Fingerabdrücken von Mario Torres. Sie konnte sich noch gut an den Fall im vergangenen Jahr erinnern, und es waren keine angenehmen Erinnerungen. Den Ernst der Lage stritt sie mit keinem Wort ab und versprach, sich umgehend um eine Schutzwohnung zu kümmern und sich dann wieder bei Ben zu melden.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Semirs Entscheidung


    „Hier wimmelt es von Polizei, Semir, kannst du mir das bitte mal erklären?“ Andrea stand in Semirs Krankenzimmer. Semir stand langsam auf, er versuchte, sein lädiertes Bein zu belasten und schaffte es, sich hinzustellen und einige Schritte im Zimmer auf und ab zu gehen. „Semir, vor wem soll die Polizei uns beschützen?“ – „Andrea, der Mann“, Semir setzte sich wieder hin, „der in unseren Wagen gefahren ist, war einer von Mario Torres‘ Leuten. Er ist wieder im Land.“ – „Oh Nein, bitte sag, dass das nicht wahr ist, Semir.“ Sie ging zu ihrem Mann uns ließ sich neben ihn auf dem Bett nieder. „Du hattest mir doch damals versichert, dass er tot ist.“ – „Bis gestern habe ich es selbst gedacht. Aber die Spuren sprechen leider eine andere Sprache.“ Semir schaute Andrea ins Gesicht. Sie hatte zu zittern begonnen, ihre Albträume vom letzten Jahr bahnten sich einen Weg hervor aus ihrem Unterbewusstsein. Er legte seinen Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. „Die Polizei wird euch in eine sichere Wohnung bringen und euch beschützen. Es wird euch nichts passieren“, versuchte er Andrea zu beruhigen.


    Noch hatte er ihr nicht vom Tod Paulsens und Heinrichs erzählt. Er wollte sie nicht noch mehr beunruhigen. Aber Andrea kam von selber darauf zu sprechen. Sie konnte sich gut an die abendlichen Sitzungen in ihrem Haus erinnern, das als Lagezentrum des Ermittlerteams gedient hatte. „Was ist mit Walter Paulsen und Klaus Heinrich, werden die auch beschützt?“ – „Andrea“, Semir suchte nach den richtigen Worten und entschied sich dafür es seiner Frau kurz und knapp mitzuteilen und hoffte, sie würde keine Details wissen wollen, „Mario Torres war schneller, sie sind beide tot.“ – „Oh mein Gott, nein! Und jetzt hat er es auf dich und Alex abgesehen?“ – „Wir befürchten genau das, Andrea.“ Eine erste Träne löste sich aus ihren Augen, und Semir drückte sie etwas fester an sich. Er wusste nichts zu erwidern. Andrea war keine Frau, die man durch einfache Worte beruhigen konnte. „Wie sind Walter und Klaus ums Leben gekommen?“ Semir holte tief Luft. Das hatte er befürchtet. „Walter wurde erstochen und Klaus erschossen.“ – „Oh Mann, die arme Frau! Hatte er nicht auch einen Sohn?“ – „Schatz, Torres hat auch Karin und Erik getötet.“ Als Andrea dieses vernommen hatte, wich auch die letzte gesunde Farbe aus ihrem Gesicht, und sie sackte in Semirs Arm zusammen. So schwiegen sie einige Minuten und dachten beide an die lebensfrohen Kollegen, mit den Semir und Alex im letzten Jahr zusammen einen Fall aufgeklärt hatten. Dann blickte Andrea auf und sah Semir in die Augen.


    „Aber du bleibst doch bei uns, Semir? In dieser Schutzwohnung?“ Semir schwieg und senkte seinen Kopf.


    „Semir? Ich habe dich was gefragt. Du kommst doch mit uns, oder?“ Semir holte tief Luft und nahm ohne Aufzublicken den Arm von Andreas Schultern und begann seine linke Hand zu kneten. „Schatz“, begann er, „ich werde mich nicht vor Torres verkriechen. Und Alex auch nicht.“ Andrea hielt es nun nicht mehr auf dem Bett. Sie stand auf und sah auf Semir hinunter. „Bitte was? Du willst dich ihm doch nicht entgegen stellen? Und dich abschlachten lassen wie Paulsen oder Heinrich?“ – „Nein, Andrea. Wir schnappen ihn uns.“ – „Du? Mit einem Bein und einem Arm, wie soll das gehen? Er wird dich töten, Semir.“ – „Andrea, das darfst du nicht mal denken. Alex und Ben werden das verhindern. Mir wird nichts geschehen.“ – „Ich habe trotzdem Angst, ich hätte dich lieber bei uns.“


    „Angst habe ich auch. Aber wie lange soll ich mich vor Mario Torres verstecken? Er wird anderen Polizisten nicht ins Netz gehen, dazu ist er zu gewieft. Alex und ich müssen ihn aus seinem Versteck locken, nur dann haben wir eine Chance ihn zu erledigen. Ich möchte doch, dass wir bald wieder alle zuhause sein können. Komm her.“


    Andrea blieb regungslos stehen. „Bitte, Schatz“, bekräftigte er und streckte seinen Arm aus. Jetzt nahm sie wieder Platz und ergriff Semirs ausgestreckte Hand.


    Es klopfte. Eine Krankenschwester streckte ihren Kopf durch die Tür. „Hier sind zwei junge Damen, die unbedingt zu Ihnen wollten“, sagte sie lächelnd und gab die Tür für Lilly und Ayda frei, die das Bett erstürmten und von Semir und Andrea in den Arm genommen wurden.
    Die waren froh, dass sich das Thema auf diese Art und Weise erst einmal vertagen ließ.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Schutz


    Kim Krüger hielt Wort und hatte eine Schutzunterkunft südlich von Köln organisiert. Der Name Mario Torres öffnete dabei alle Türen und ihr wurde die sicherste Unterkunft zugewiesen, die die Polizei in Nordrhein-Westfalen derzeit zur Verfügung hatte. Dabei handelte es sich um ein Haus auf dem Land, umgeben von 200m kurzgeschorenem Rasen auf jeder Seite, ein Hindernis, welches nicht unbemerkt überwunden werden konnte. Sechzehn gut ausgebildete Polizisten hielten 24 Stunden am Tag die Augen offen und hatten auch die Monitore der acht Kameras im Blick, welche die Umgebung ständig aufzeichneten. Das Haus war gesichert wie ein Tresor der Zentralbank. Hier waren die Gerkans vor Mario Torres sicher. Die einzige Zufahrt zum Haus endete am hohen alarmgesicherten Zaun, der nur ein Tor besaß, welches rund um die Uhr bewacht wurde. Kim Krüger war mit dieser Unterkunft sehr zufrieden und gab den Befehl, am nächsten Abend per Hubschrauber Familie Gerkan am Krankenhaus abzuholen.


    Semir ließ es nicht nehmen, Andrea und die Mädchen auf ihrer Station abzuholen. Auch Ben war gekommen. Er würde den Hubschrauber begleiten und sich über die Sicherheit vor Ort ein eigenes Bild machen. Eine Krankenschwester half Andrea beim Tragen der Taschen. Sie machte einen sehr nervösen Eindruck, aber eine solche Aktion fand schließlich nicht jeden Tag statt.


    „Willst du nicht doch mitkommen, Semir?“, versuchte Andrea, ihren Mann erneut dazu zu bewegen, seine Entscheidung zu überdenken. „Schatz, ich habe es dir doch erklärt, es geht nicht. Ich muss mich Torres stellen, sonst ist die Sache niemals ausgestanden. Du wirst sehen, in ein paar Tagen ist die Sache vorbei und wir können wieder nach Hause.“
    Er verabschiedete sich von seinen Töchtern, die den Ernst der Lage nicht verstanden und ganz aufgeregt ihrem ersten Hubschrauberflug entgegen fieberten, und nahm dann Andrea in den Arm. Sie kniff die Lippen aufeinander, versuchte die Tränen aufzuhalten, ließ sich dann aber doch von Ben zum Hubschrauber führen. Auch Semir war es eher zum Weinen zumute. War es die richtige Entscheidung? Sollte er vielleicht doch bei seiner Familie bleiben? Wird er sie wirklich in einigen Tagen wiedersehen? Er hob die Hand, als er Lilly winken sah. Dann bemerkte er Ben, der noch kurz zu ihm hinrannte, während der Hubschrauberpilot die Rotorblätter schon in Bewegung brachte. „Kopf hoch, Semir. Es wird alles gut gehen, ich hole dich in“, er sah auf seine Uhr, „vier Stunden ab, und dann begeben wir uns auf die Pirsch. Alex und ich haben schon einen Plan. Jetzt bringe ich deine Schätze in Sicherheit.“ – „Wo bringt ihr sie hin, Ben?“, fragte Semir ausdruckslos. „Das kann ich dir nicht sagen. Und ich würde es auch nicht, denn was du nicht weißt, das kannst du nicht ausplaudern, auch nicht unter Zwang. Das verstehst du doch?“ – „Sicher, Ben. Aber du schaust es dir genau an, ja?“ Ben nahm seinen Freund kurz in den Arm. „Worauf du dich verlassen kannst, Partner.“


    Als der Hubschrauber schon nicht mehr zu sehen war, stand Semir immer noch auf dem Dach des Krankenhauses. Erst die Stimme des begleitenden Polizisten brachte ihn wieder in die Realität zurück. „Herr Gerkan, Sie sollten wieder auf Ihre Station gehen.“ – „Wie bitte? Ja, lassen Sie uns wieder reingehen.“ Semir, die zwei Polizisten und die Krankenschwester bewegten sich langsam zum Aufzug, um wieder zurück in den ersten Stock zu fahren. Während Semir in sein Zimmer humpelte und die Polizisten wieder davor Platz nahmen, ging die Krankenschwester in den Aufenthaltsraum, um zu telefonieren.

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  • Informantin


    „Ja, Schubert hier … die Frau und die Kinder sind mit dem Hubschrauber weg … ja, der Mann nicht, der ist wieder in seinem Zimmer, sein Kollege kommt nachher zurück …nein eine Zieladresse ist nicht genannt worden … was ist jetzt mit Finn, lassen Sie ihn gehen? … Bitte, ich habe Ihnen alles gesagt … Ja“ Sie legte auf und setzte sich auf einen der Plastikstühle.


    Ihre Gedanken wanderten zu ihrem Sohn, der heute nicht aus der Schule nach Hause gekommen war, stattdessen hatte sich dieser Mann gemeldet und wollte Informationen zu dieser Familie Gerkan haben. Aber lieferte sie damit nicht diese Familie einem Verbrecher aus? War es richtig, was sie tat? Der Mann hatte gedroht, Finn zu töten, wenn sie ihm keine Informationen übermittelte, aber konnte sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren, wenn anstelle von Finn eine andere Familie in seine Hände gerät? Ob sie mit Gerkan oder den Polizisten vor dessen Zimmer reden sollte, vielleicht konnten sie Finn retten, ohne dass noch mehr Unheil geschah? Sie musste etwas unternehmen, auf gar keinen Fall wollte sie, dass Frau Gerkan und ihren kleinen Kindern etwas zustieß, und Profis würden ihr ihren Sohn sicher wiederbringen können. Sie stand auf und ging zu Semir ins Zimmer. Sie ärgerte sich jetzt über sich selbst, dass sie nicht mit dem Anruf gewartet hatte, und hoffte, dass es noch nicht zu spät war.


    „Herr Gerkan? Kann ich kurz mit Ihnen sprechen?“ – „Aber sicher, Frau Schubert, worum geht es denn?“ – „Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Ich glaube ich habe einen großen Fehler begangen.“ – „Sie? Das kann ich mir kaum vorstellen.“ Statt darauf zu antworten, nickte Maria Schubert nur. „Und doch ist es so. Es geht um Sie und Ihre Familie, ich habe Informationen ausgeplaudert.“ – „Was haben Sie? Und warum? Und an wen?“ – „Ich habe einen Sohn, Herr Gerkan, er ist 11 Jahre alt. Er ist heute nicht von der Schule nach Hause gekommen. Und auch bei seinen Großeltern, die auf ihn aufpassen, wenn ich tagsüber arbeiten muss, oder bei seinem Vater im Büro ist er nicht aufgetaucht. Und er hat auch keine Nachricht hinterlassen. Ich habe mir Sorgen gemacht, bis ein Mann etwa um drei Uhr bei mir anrief und für das Leben von Finn, so heißt mein Sohn, Informationen forderte. Ich habe ihnen gesagt, dass Sie hier sind und eben, dass Ihre Frau mit dem Hubschrauber weggeflogen ist.“ – „Sie haben eine Telefon-Nummer? Können Sie sie mir aufschreiben? Und haben Sie auch gesagt, dass ich noch hier bin und später abgeholt werde?“ – „Es tut mir Leid, Herr Gerkan. Ich hätte es Ihnen gleich sagen sollen.“ – „Machen Sie sich jetzt keine allzu großen Sorgen. So hätte ich an Ihrer Stelle wahrscheinlich auch gehandelt. Haben Sie einen Namen mitbekommen?“ – „Nein. Aber es war eine ausländische Stimme, er sprach mit deutlichem Akzent.“


    Maria Schubert gab Semir die Telefonnummer, die sie auf einem Notizzettel in ihrer Tasche hatte. Semir nahm sein Handy und rief Ben an. „Ben? Pass auf, Mario Torres weiß, dass ihr mit dem Heli unterwegs seid, pass bitte noch mehr auf als du eh schon planst. Er weiß auch, dass du zurückkommen willst. Es sieht aus, als sollten wir ihm schneller begegnen, als uns lieb ist. … Er hat den Sohn einer Krankenschwester in seiner Gewalt. … Ja, alles wie geplant, wir sehen uns dann. Ciao Ben“
    Er legte nur kurz auf, um gleich darauf bei Hartmut anzurufen. „Einstein, ich habe eine Telefonnummer und möchte wissen, wo sich der Apparat befindet, kannst du das?“ – „Eine meiner leichtesten Übungen, Semir, schieß los.“ Semir gab dem Kriminaltechniker die Telefonnummer durch und wartete. In der Zwischenzeit nickte er der Krankenschwester aufmunternd zu, „das wird schon, unser Apparat läuft jetzt an, und wir werden Ihren Sohn finden. Es ist gut, dass Sie zu mir gekommen sind. … Ja Hartmut? Aha, ein Telefon in einem Restaurant? Wo ist Alex eigentlich? … Gut, ich rufe ihn selber an. Danke Hartmut.“


    „Alex, wo warst du den ganzen Tag?“, begann Semir sein Telefonat mit seinem Partner. Alex hatte den Tag damit verbracht, alte Wirkungsstätten von Mario Torres aufzusuchen. Aber sein Tag war wie befürchtet erfolglos geblieben. Nirgendwo fand er eine Spur des Südamerikaners. Und das teilte er Semir nun mit, auch dass er zurzeit in Lenas Wohnung lebte und bislang keinen Verfolger entdecken konnte. „Gut Alex, kannst du dich mal im casa verde umschauen, das ist ein spanisches Lokal in der Altstadt-Süd, und wenn du dort bist, wähl doch bitte mal die Telefonnummer, die ich dir jetzt nenne und beobachte den Mann, der abhebt. Aber melde dich nicht.“ Semir sagte Alex die Nummer und erzählte auch von der Entführung des kleinen Finn. „Und dann komm hier her ins Krankenhaus, wir haben einen Plan zu entwerfen. Ich glaube, wir können Torres heute Nacht noch eine Falle stellen.“


    Semir legte sein Handy auf den Tisch und schaute die Krankenschwester an. „Frau Schubert, ich rede nicht gerne um den heißen Brei herum. Ich muss Ihnen leider sagen, dass Mario Torres, in dessen Gewalt sich Ihr Sohn befindet, einer der übelsten Verbrecher ist, mit denen die Polizei des Landes bislang zu tun hatte. Ich kann Ihnen leider nicht garantieren, dass er ihn unbeschadet laufen lässt, wenn er hat, was er möchte. Aber garantieren kann ich Ihnen, dass meine Kollegen und ich alles unternehmen werden, was in unserer Macht steht, ihn zu retten und Mario Torres festzusetzen. Wir brauchen Sie nachher noch für einen weiteren Anruf, glauben Sie, dass Sie das schaffen?“ – „Wenn es mir meinen Sohn wiederbringen kann, schaffe ich alles.“

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Der Petershof


    Während des Flugs schauten Andrea, Ayda und Lilly aus den Fenstern des Hubschraubers zunächst auf die Stadt und dann auf die Landschaft südlich von Köln. Aber während sich ihre Töchter über die Spielzeuggröße der Autos und Kühe amüsierten, hatte Andrea keinen Sinn für den Ausblick. Wie schon so oft waren sie als Familie und Semir insbesondere in Lebensgefahr. Hatte sie ihn heute auf dem Krankenhausdach womöglich zum letzten Mal gesehen? Würden sie und ihre Töchter ihn gesund wiedersehen?


    „…, Mama?“ Aydas Stimme riss Andrea aus ihren düsteren Gedanken. „Entschuldige bitte, Ayda. Ich habe nicht zugehört. Was war deine Frage?“ – „Wo fliegen wir hin, Mama? Ich dachte, es geht nach Hause.“ Wohin? Darauf hätte Andrea auch gerne eine Antwort. „Wir fliegen aufs Land und dort bleiben wir ein paar Tage, um uns von dem Autounfall zu erholen“, antwortete sie ihrer großen Tochter. Die gab sich mit der Antwort zufrieden, zu spannend war der Flug allein, als dass sich die Achtjährige weitere Gedanken machte.


    Der Hubschrauber näherte sich seinem Ziel. Ein Haus auf dem Land, gesichert wie Fort Knox, war ihnen versprochen worden. Der Pilot flog zunächst eine weite Runde um das Grundstück. Ben und ein weiterer Polizist an Bord betrachteten die Umgebung des Landhauses genau. Dann gaben sie dem Piloten ein OK-Zeichen. Der kündigte über Funk seine Ankunft an. Daraufhin öffnete sich das Dach eines kreisrunden Silo-Behälters, indem zwölf Segmente Tortenstücke-gleich nach außen gezogen wurden und einen Hubschrauberlandeplatz freigaben, auf den der Pilot die Maschine aufsetzte. Unmittelbar danach wurde das Dach über dem Hubschrauber wieder geschlossen.


    Die Passagiere stiegen aus und blieben vor dem Hubschrauber stehen. Andrea und Ben schauten sich um, aber es war keine Tür zu erkennen. Dann öffnete sich eine Klappe im Boden und ein Polizist in Uniform der SEK erschien, dahinter betrat Jenny den Landeplatz. „Hallo Ben“, begrüßte sie ihren Kollegen, „hier hast du schon mal den Autoschlüssel für deine Rückfahrt, dein Auto steht im Innenhof.“ Ben nickte und nahm den Schlüssel entgegen. „Herzlich Willkommen, Andrea. Kommt, wir gehen rein.“


    Sie alle stiegen eine Treppe unterhalb der Bodenklappe hinunter und gingen durch einen unterirdischen, aber hell erleuchteten und gut ausgebauten Gang zum Haus, wo sie über eine andere Treppe hinauf in eine Art Flur gelangten. „Willkommen auf dem Petershof“, begrüßte sie ein weiterer Polizist dort, „benannt nach dem Polizeipräsidenten Wilfried Peters, der dieses Landhaus in den 80er Jahren so umbauen ließ, wie Sie es heute vorfinden. Ich werde Ihnen gleich Ihr Zimmer zeigen und dann auch gerne den Rest vom Haus.“ – „Ich komme mit“, bestimmte Ben, der wusste, dass er Semir später in allen Einzelheiten die Schutzeinrichtung erläutern musste. „Komm Andrea“, versuchte er Andrea etwas Zuversicht zu geben, „ich habe das Gefühl, hier seid ihr sicher aufgehoben.“ – „Das kann ich Ihnen garantieren, das Haus und die Sicherheitseinrichtungen halten modernsten Bestimmungen zum Schutz von Staatsoberhäuptern stand. Als Bonn noch Bundeshauptstadt war, war das Anwesen öfters im Gespräch zur Unterbringung von Staatsgästen. Kommen Sie hier lang. Ihr Zimmer ist gleich da vorn.“


    Der Polizist stiefelte voran, ging um zwei Ecken und blieb vor einer Stahltür stehen. „Lassen Sie sich nicht von der Stahltür verunsichern. Ihr ganzes Zimmer besitzt Stahlwände, auch der Boden und die Decke sind aus Stahl, das gleiche gilt für den Raum nebenan, der uns als Sicherungsbunker dient. Selbst wenn das Haus mit Panzern angegriffen wird, würde in Ihrem Zimmer nicht einmal ein Kartenhaus in sich zusammenfallen, nicht dass wir das schon ausprobiert hätten.“ Er lachte und zog die Stahltür auf und ließ Andrea den Vortritt, die vom Anblick des etwa 6x6 Meter großen Raums angenehm überrascht war. Die Stahlwände waren mit Tapeten verkleidet. Drei Wände waren in einem hellen Braunton gestrichen, eine Wand in weinrot. Vor dieser Wand standen ein Doppelbett und ein weiteres Einzelbett, mit weißer Bettwäsche frisch bezogen. Die Wände zierten Bilder in leuchtenden Farben, die darüber hinweg trösteten, dass sie sich in einem fensterlosen Raum befanden.


    Kim Krüger hatte einiges an Kleidung und Spielzeug vorbeibringen lassen, so dass Andrea und die Kinder für einen mehrtägigen Aufenthalt gerüstet waren. Ben war zufrieden und auch Andrea meinte sich unter den gegebenen Umständen damit anfreunden zu können. Ben wäre gerne noch geblieben, aber er musste sich mit Semir und Alex zusammensetzen und einen Plan zur Ergreifung von Mario Torres schmieden. „Andrea? Ich fahre dann jetzt los. Ich denke, euch kann hier nichts passieren.“ – „Ich wünschte Semir, Alex und du könntet auch hier bleiben, bis alles vorbei ist, Ben. Ich habe ein ganz ungutes Gefühl bei der Sache.“ Ben nahm Andrea in den Arm. „Du wirst sehen, es wird alles gut gehen, ich werde auf Semir aufpassen, das verspreche ich dir, und dann kommen wir alle her und holen euch ab.“ Andrea lächelte. „An diese Hoffnung werde ich mich klammern. Alles Gute, Ben.“


    Ben ließ sich von Jenny den Weg zum Innenhof zeigen, setzte sich in den Mercedes und verließ das Grundstück über die einzige Zufahrtstraße, musste sich am Tor noch einmal als Berechtigter ausweisen, bevor er über Landes- und Bundesstraßen die Autobahn erreichte und eine Stunde später in die Tiefgarage des Krankenhauses fuhr und seinen Dienstwagen neben dem von Alex abstellte.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Casa verde


    Das casa verde war eine spanische Tapas-Kneipe, innen standen nur drei Tische mit je vier Stühlen, außen vor dem großen Fenster zwei weitere. Die wenigen Gäste lungerten am Tresen herum und tranken Bier. Als Alex durch die Tür trat, drehten sich alle Köpfe nach ihm um, geradewegs so, als ob er in eine private Veranstaltung geplatzt wäre. Er setzte sich an einen Tisch, bestellte einen Kaffee und wählte unter dem Tisch die Nummer, die ihm Semir genannt hatte. Dabei beobachtete er den Wirt, einen korpulenten spanisch aussehenden Mann, der damit beschäftigt war, die metallene Oberfläche des Tresens zu polieren, während er mit seinen Kunden diskutierte. Als die Verbindung hergestellt war, klingelte ein Wandtelefon hinter der Theke und der Wirt machte sich auf, abzuheben. Alex unterbrach die Verbindung, trank seinen Kaffee aus, stand auf und legte drei Euro im Vorbeigehen auf den Tresen. Weitere Bedienstete schien es nicht zu geben, zumindest konnte Alex niemanden ausmachen.


    Zurück im Auto rief er zunächst Semir an, um ihm mitzuteilen, wo die Anrufe der Krankenschwester ankämen und bat anschließend Susanne darum, mehr über den Inhaber des casa verde herauszufinden. Die hatte, wie schon so oft, bereits vorgearbeitet und präsentierte ihm eine kleine Biographie des Gastwirts.


    "Ich habe schon recherchiert, Alex", begann Susanne auszuführen, "Martino Alvarez kam als kleiner Junge mit seinen Eltern aus Bolivien nach Köln. Seine Eltern gehörte das Lokal costa blanca in Frechen, sie sind aber beide seit über 10 Jahren tot. Martino hat keine Geschwister, ist jetzt 56 Jahre alt und seit 8 Jahren Eigentümer vom casa verde. Die Gaststätte läuft mehr schlecht als recht, hält ihn gerade so über Wasser. Und jetzt halt dich fest, Alex: Martino Alvarez ist ein Cousin von Mario Torres und steht mit ziemlicher Sicherheit auf dessen Gehaltsliste, denn das casa verde wirft bestimmt nicht so viel ab, dass er sich einen 911er und einen Maserati leisten könnte, die auf seinen Namen zugelassen sind."


    "Danke dir, Susanne. Das sind interessante Informationen. Ich bin auf dem Weg zu Semir und Ben. Mit diesem Alvarez kommen wir Mario Torres ein ganzes Stück näher. Warum sind wir nicht bei dem Fall im letzten Jahr auf ihn gekommen?" - "Das weiß ich nicht, Alex. Da müsste man die Akten erneut prüfen. Vielleicht war er gerade in Bolivien?"


    Alex war vor Ben im Krankenhaus und stellte seinen Dienstwagen in die Tiefgarage. Er ging zu Semir, der glücklicherweise ein Einzelzimmer belegte, in dem sie sich ungestört beraten konnten. Die Krankenschwester Maria Schubert war bei ihm, auch ihr Mann Bernd war mittlerweile eingetroffen und auf dem neuesten Stand der Entführung seines und Marias Sohns gebracht worden. Alex sah Semirs fragenden Blick, wollte aber seine Erkenntnisse ungern zweimal erzählen, sondern damit warten, bis Ben ihre Runde vervollständigt hätte. Nur den einen Hinweis konnte er nicht zurückhalten. "Wir sind dicht dran. Das casa verde gehört einem Cousin von Mario Torres." Semir lächelte und lagerte sein Bein etwas bequemer. "Das ist doch mal was", er blickte das Ehepaar Schubert an, "wir werden Sie gleich bitten, heute Abend noch einmal diese Kontaktperson anzurufen und einen vorbereiteten Text zu sagen, den meine Partner und ich gleich ausarbeiten werden. Vielleicht ist dann schon bald alles vorbei." Er bemühte sich, aufmunternd zu klingen. "Meinst du, Torres tauscht den Jungen gegen seinen Cousin?", wollte Alex wissen. Semir schaute ihm direkt in die Augen, als er sagte: "Das ist unsere einzige Chance, Alex." - "Dann warten wir jetzt nur noch auf Ben."


    Sie mussten noch eine dreiviertel Stunde warten, dann trat Ben durch die Tür und nahm am Tisch Platz. "Und, Ben? Ist die Schutzwohnung sicher?" - "Da kannst du dich drauf verlassen, Semir. Ich habe noch nichts Sichereres gesehen."
    Sie planten ihren Einsatz, instruierten Maria Schubert und hofften, dass alles gut ausgehen würde. Anschließend fuhren sie mit Bens Dienstwagen zum casa verde. Es war bereits später Abend geworden.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Keine Werbung, aber auch sehenswert:


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    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

  • Herz auf vier Pfoten


    Andrea und ihre Töchter richteten sich in dem Zimmer ein, packten ihre Taschen aus und brachten die Kulturbeutel ins angrenzende Badezimmer. Dann wollten sie sich gerade auf den Weg in die Küche machen, um eine Kleinigkeit zu Abend zu essen, als eine Frau etwa in Andreas Alter an ihre Tür klopfte und ihren Kopf hindurch streckte. „Darf ich kurz stören? Ich bin Gabriele Meiners und hier Ihre Gastgeberin. Ich habe erfahren, dass Sie unsere Gäste sind und zwei Kinder mitgebracht haben. Darf ich den kleinen Damen kurz etwas zeigen?“ Andrea war etwas skeptisch aber doch neugierig. „Um was handelt es sich denn?“ – „Kommen Sie ruhig auch mit. Der Weg geht auch am Esszimmer vorbei, das Essen müsste gleich fertig sein.“ – „Sind Sie auch Polizistin?“, fragte sie, während sie sich vom Bett erhob und ihre Kleidung glatt strich. „Ich war beim SEK, bin aber aus Altersgründen ausgeschieden und jetzt Verwalterin dieses Hofs und anderer Schutzeinrichtungen des Landes.“


    Sie folgten der schwarzhaarigen Frau wieder den Flur entlang, den sie gekommen waren. „Hier links ist das Esszimmer, da können Sie gleich Platz nehmen. Erst gehen wir hier rechts. Sie kamen in einen kleinen gefliesten Raum, in dessen Mitte eine große Kiste stand. Als Gabriele Meiners zu Ayda und Lilly „Kommt rein, hier ist es“ sagte, kam ein mehrstimmiges Jaulen direkt aus dieser Kiste. Angelockt von der Stimme standen plötzlich drei Hundewelpen auf ihren tapsigen Hinterbeinen und streckten ihre Vorderpfoten und Köpfe über den Kistenrand.


    „Die sind jetzt knapp neun Wochen alt und müssen eigentlich zu ihren neuen Besitzern. Für zwei von ihnen haben wir schon ein neues Zuhause gefunden, die werden heute noch abgeholt, die Kleine hier hat sogar schon einen Namen und heißt Daisy. Sie hat eine weite Reise vor sich, bis nach Bayern. Aber für diesen hier suchen wir noch. Wollt ihr euch ein wenig mit dem Kleinen beschäftigen, wenn seine Geschwister nicht mehr da sind? Er wird sicher sehr traurig sein, alleine hier zu bleiben.“


    Damit nahm sie den kleinen schwarzen Welpen aus der Kiste und hielt ihn den Kindern hin. Andrea schloss ihre Augen und seufzte. Wenn Ayda erst diesen niedlichen Wollknäuel auf dem Arm hat, würde eine Frage nicht lange auf sich warten lassen. Und genauso war es: „Mama, schau mal, wie süß. Guck mal, und der hat noch gar keine neuen Eltern. Dürfen wir ihn nicht behalten?“ Ihre achtjährige Tochter guckte sie eindringlich an. Sie hatte schon den gleichen Dackelblick drauf wie ihr Vater, einem Blick, dem sie noch nie hatte standhalten können. Und auch Lilly schlug in diese Kerbe. „Oh ja, Mama, bitte! Bitte!“


    Und der kleine Hund auf dem Arm ihrer Tochter hatte auch alles, was selbst Steine zum Dahinschmelzen bringen könnte. Aber auch wenn die aktuelle Situation für ihre Mäuse nicht leicht war, wollte sie nicht vorschnell etwas versprechen. Doch als Ablenkung von den schwer bewaffneten Wachen an jeder Hausseite war so ein Hund sehr gut geeignet. „Ihr könnt hier mit dem Hund spielen. Und dann fragt euren Vater, wenn er kommt, ja?“ Andreas Blick wanderte zu Gabriele Meiners und nahm einen strafenden Ausdruck an. ‚Das haben Sie sehr clever eingefädelt, verehrte Frau Meiners‘, dachte sie. Innerlich hatte sie dem neuen Familienzuwachs schon längst zugestimmt, und sie wusste auch genau, dass Semir seinen Töchtern diese Bitte nicht würde abschlagen können, aber so hatte sie zumindest das Gefühl, die Verantwortung für die Entscheidung nicht alleine getragen zu haben. Aber würde Semir überhaupt wiederkommen? Nein, diesen Gedanken wollte sie jetzt nicht zulassen. Sie begab sich in das Esszimmer und aß eine Kleinigkeit zu Abend.


    Zunächst zufrieden mit der Antwort ihrer Mutter begannen Ayda und Lilly sogleich mit dem Welpen zu spielen, den es natürlich immer wieder zu seinen Geschwistern zog, der aber irgendwann zwischen Ayda und Lilly auf dem Sofa friedlich schlummerte. Klar, wer so ausdauernd gestreichelt und bespaßt wurde, der musste irgendwann zufrieden und erschöpft einschlafen.

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  • Der Cousin


    Die Polizisten stellten ihren Wagen in der Nähe des casa verde in der Altstadt-Süd ab. Diesmal betrat Ben die Kneipe und ließ Semir im Dienstwagen sitzen. Eigentlich wäre es ihm lieber gewesen, Semir hätte sich heute ganz rausgehalten und wäre im Krankenhaus geblieben oder mit Andrea gemeinsam ins Schutzhaus geflogen, aber das vorzuschlagen, hatte er sich gleich aus dem Kopf geschlagen, es wäre auch vergebliche Liebesmühe gewesen, denn die Antwort von Semir konnte er sich gleich ausmalen. Er konnte zwar weder schnell laufen noch kämpfen, selbst Auto fahren dürfte ihm nicht ohne Probleme möglich sein, aber nur aus der Ferne zuzuschauen, darauf hätte sich Semir niemals eingelassen.


    Alex verließ gleichzeitig mit Ben den Wagen und stellte sich auf den Bürgersteig an eine Hauswand, unweit vom Eingang der Gaststätte entfernt.


    Semir griff zu seinem Handy und rief Maria Schubert im Krankenhaus an. „So Frau Schubert, es kann losgehen. Sie wissen noch, was Sie sagen sollen?“ – „Ja, Herr Gerkan.“ – „Dann los, und lassen Sie sich nichts anmerken. Denken Sie an Finn! Sie schaffen das!“
    Ben nahm an einem Tisch in der Nähe der Tür Platz und gab vor, sich für den Aufsteller zu interessieren, der Getränke und Tapas anpries. Tatsächlich aber beobachtete er den Wirt genau. Als dieser gerade mit seinem kleinen Block und einem Kugelschreiber um den Tresen herumkommen wollte, um Bens Bestellung aufzunehmen, klingelte das Wandtelefon. Martino Alvarez hob ab, meldete sich mit „Casa verde. Sie wünschen?“, lauschte einige Sekunden und verschwand dann mit dem Telefonhörer in einen hinteren Raum. Ben konnte nichts mehr von dem hören, das er sprach, aber das war auch gar nicht nötig, da Maria Schubert sie gleich nach dem Anruf über die Inhalte des Gesprächs informieren würde.


    Maria Schubert hielt sich genau an die Absprache. „Schubert hier. Gerkans Zustand hat sich in den letzten Stunden plötzlich verschlechtert und sein Kollege hält jetzt Wache vor seiner Tür. Im Krankenhaus wimmelt es von Polizei.“ – „Frau Schubert, das klingt ja gar nicht gut. Dann wird Ihr Sohn wohl noch etwas länger bei uns bleiben müssen, solange bis Sie uns eine Information geben, mit der wir etwas anfangen können.“ – „Kann ich mit meinem Sohn sprechen? Warum lassen Sie ihn nicht gehen? Er hat Ihnen doch nichts getan! Bitte!“, bettelte Maria. „Frau Schubert, gestatten Sie mir eine Gegenfrage? Hätten Sie uns die Informationen gegeben, wenn wir Ihren Sohn nicht in unserer Gewalt hätten?“ Schweigen in der Leitung. „Sehen Sie? Also bleibt Ihr Sohn bei uns, bis wir haben, was wir wollen. Sie melden sich morgen früh wieder bei uns, okay? Vielleicht kommt dann auch Ihr Sohn mal an den Apparat.“


    Damit legte Martino Alvarez auf, und Maria Schubert ließ ihr Telefon sinken. Ihr Mann, der neben Maria saß, nahm sie in seinen Arm und versuchte, seine Frau zu trösten, was ihm aber nicht so recht gelingen wollte. Erst eine halbe Stunde nach dem Anruf nahm sie zögerlich einen Schluck von ihrem Tee und schnäuzte sich die Nase. Eine schlaflose Nacht des Bangens, Hoffens, Wartens und der Tränen lag vor dem Ehepaar Schubert.


    Alvarez rief anschließend, noch von der Küche aus, seinen Cousin Mario Torres an und gab ihm den Anruf von Maria Schubert nahezu wortgleich wieder. Dieser beorderte ihn zu sich, sie hätten die nächsten Schritte zu planen. Der Wirt bat seinen Angestellten, der in der Küche arbeitete, für kurze Zeit seinen Platz im Gastraum zu übernehmen und kam mit einer Jacke über dem Arm aus dem hinteren Bereich der Kneipe wieder in Bens Sichtfeld. Dann ging er zügig zum Ausgang.


    Ben folgte ihm. Als Martino Alvarez an seinem 911er stoppte, um den Sportwagen aufzuschließen, zog Ben seine Waffe, trat von hinten an ihn heran und bohrte ihm den Lauf seiner Walther zwischen Hals und Schulter. „Hände aufs Wagendach!“, befahl er ihm, „Wo ist Finn Schubert, Señor Alvarez?“ Der Wirt zuckte zusammen. „Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?“ – „Von Ihnen nichts weiter als eine Adresse und Ihre Begleitung“, antwortete Ben betont ruhig auf Alvarez‘ hektische Fragen. „Wo finden wir Finn Schubert und Ihren Cousin Mario Torres?“ – „Das kann ich Ihnen nicht sagen, mein Cousin bringt mich um, wenn ich es Ihnen sage.“ – „Ich bringe Sie um“, Alex war zu Ben getreten und übernahm das Gespräch, „wenn Sie es uns nicht sagen. Suchen Sie sich die Alternative aus, die ihnen besser gefällt!“ Alex durchsuchte Martino Alvarez nach Waffen, während Ben seine eigene kein Stück vom Hals des Gastwirts entfernte, und förderte eine Pistole und ein Springmesser zutage.


    „Die dazugehörenden Waffenbesitzkarten finden wir bestimmt in Ihrer Brieftasche, oder?“ Alvarez sah unbekümmert zu Boden. Natürlich besaß er kein Papier, welches ihn berechtigt hätte, diese Waffen bei sich zu tragen. „Kommen Sie mit, bevor irgendein Passant hier die Polizei ruft. Dahinten der graue Mercedes.“ Martino Alvarez nahm seine Hände von seinem Porsche und ging eingerahmt von Ben und Alex zu dem Wagen, auf dessen Rücksitz Semir bereits wartete. Sie fesselten ihren neuen Fahrgast mit Handschellen an den Handgriff über der Tür, so dass dieser beide Arme nach oben strecken musste. Semir hielt seine Waffe in der rechten Hand. Nachdem Ben hinter dem Lenkrad und Alex auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatten, fragte Semir seinen Sitznachbarn. „Sagen Sie uns nun den Weg?“ Alvarez machte keine Anstalten. Semir spannte den Hahn, hob die Waffe auf Alvarez‘ Kopfhöhe und bekräftigte sein Anliegen. „Also, WOHIN?“

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  • Fahrt ins Versteck


    „Industriegebiet West“, kam kleinlaut aus dem Mund des Bolivianers. „Na bitte, geht doch“, sagte Semir, „sehen Sie es doch mal so: Ihr Cousin will Alex Brandt und Semir Gerkan. Dann lässt er den Jungen gehen, oder? Alex Brandt sitzt genau vor Ihnen und ich höre auf den Namen Semir Gerkan. Ihr Cousin bekommt also, was er will, und unser Fahrer“, bei diesen Worten drehte sich Ben kurz um, „ist quasi der Notar, der sicherstellt, dass der Austausch funktioniert und Finn Schubert wirklich freikommt. Denn wir trauen Mario Torres nicht so ganz über den Weg. Ben, du kannst losfahren, die genaue Adresse wird Señor Alvarez uns dann ganz sicher verraten, wenn wir näher dran sind, nicht wahr?“ Martino Alvarez sah aus dem Fenster und sagte keinen Ton mehr. Ben startete den Wagen und rollte durch die Altstadt und über die Severinsbrücke Richtung Kölns Westen.


    Sie erreichten das Industriegebiet kurz nach Mitternacht. Alvarez zeigte Ihnen tatsächlich den Weg. Es blieb ihm auch nichts anderes übrig, wollte er dieses Auto irgendwann lebend wieder verlassen. Im Industriegebiet war zu dieser Uhrzeit alles dunkel, die Parkplätze wirkten verlassen. Es gab nur wenige Betriebe, die auch Nachtschichten fuhren, aber die lagen nicht in dem Bereich, den die Polizisten jetzt ansteuerten. Als sie schon beinahe im Begriff standen, das Industriegelände wieder zu verlassen, deutete Alvarez nach links, dort befand sich ein dreistöckiges Wohngebäude, welches den Abschluss des Gewerbegebiets bildete. Gegenüber schloss sich eine normale
    Stadtbebauung mit mehrstöckigen Mietshäusern an. Ben fuhr an dem Gebäude vorbei und lenkte den Mercedes an den Straßenrand.


    „So, Alvarez!“, Ben drehte sich auf dem Fahrersitz zu ihrem Fahrgast um, „Wo finden wir Mario Torres? Wie viele sind noch im Haus? Und wo ist der Junge?“, versuchte Ben, die erforderlichen Informationen aus dem Gastwirt des casa verde heraus zu quetschen. „Was ist mit Verstärkung?“, fragte Alex, der schon in der Tür des Dienstwagens stand. „Später, wenn wir jetzt mit einer Hundertschaft stürmen, steht Finn in der Schusslinie“, gab Ben zu bedenken, „wir haben Alvarez, vielleicht ist Blut auch für Torres dicker als Wasser. Was meinst du, Semir?“ Ben sah seinen älteren Partner an. „Du hast recht, Ben, ein Schusswechsel würde den Jungen nur in große Gefahr bringen.“ Semir wandte sich Alvarez zu: „Wenn Sie den heutigen Tag überleben wollen, Señor Alvarez, sollten Sie uns vielleicht verraten, wo wir Sie gleich besser nicht als Schutzschild einsetzen sollten.“


    Alvarez‘ Augen wanderten über das Gebäude vor ihnen. Im zweiten Obergeschoss brannte gedämpftes Licht. Es war nicht zu erkennen, ob sich Menschen in den Räumen aufhielten. Vielleicht schliefen Sie? Schließlich war es mitten in der Nacht.


    Dann begann der Wirt tatsächlich zu sprechen. „Der Junge ist im Keller eingeschlossen. Ein direkter Bewacher ist nicht dabei, der Raum ist fensterlos und durch mehrere Riegel gesichert. Die anderen sind alle oben. Neulich waren es außer Mario noch vier Männer.“


    Ben sah zwischen Alex und Semir hin und her. Dann blieben seine Augen auf Semir ruhen. „Vielleicht solltest du dich um den Jungen kümmern und Torres und seine Gang uns überlassen? Du bist nicht so gut zu Fuß.“ – „BITTE?“, entrüstete sich Semir, „was willst du damit sagen, Ben?“ – „Nur, dass du vielleicht heute Nacht nicht unbedingt einen Hundert-Meter-Lauf bestreiten solltest.“ – „Ben hat recht, Semir. Du holst den Jungen aus dem Keller und bringst ihn zum Wagen und in Sicherheit. Dann rufst du das SEK.“


    Diesen Argumenten musste sich schließlich auch Semir beugen. Er war wirklich gerade kampfunfähig und sollte sich in diesem Zustand nicht einem schießwütigen Mario Torres stellen. Nachdem sie sich noch vergewissert hatten, dass Alvarez im Auto gut gefesselt war, überquerten die drei die Straße und gingen langsam zur Eingangstür. Sie hatten zu keinem Zeitpunkt vorgehabt, Alvarez tatsächlich mitzunehmen, zu groß erschien ihnen die Gefahr zu sein, der Wirt könnte seinen Cousin warnen.


    Die Tür zu dem Wohnhaus stand einen Spalt offen, ein Schloss war nicht mehr vorhanden. Zu ihrer Erleichterung glitt sie lautlos auf und ermöglichte so den Männern den Zutritt zum Treppenhaus.


    Links direkt hinter der Eingangstür befand sich eine schmalere aus Holz, die ebenfalls nicht geschlossen war und den Blick auf die Kellertreppe freigab. Semir nickte den anderen zu, zog seine Waffe, zwängte sich durch den Türspalt und tastete sich die Kellertreppe hinab, während Ben und Alex sich zur Treppe in die oberen Stockwerke begaben. Sie ließen sich Zeit, eine Eskalation mit Mario Torres wollten sie erst dann provozieren, wenn Semir mit Finn in Sicherheit wäre.

    "Ich will mit Alex arbeiten - oder gar nicht!"

    Edited once, last by Yon ().

  • Finn


    Die Kellertreppe war aus Beton. Semir schlich nach unten und fand sich in einem Gang wieder, zu dessen beiden Seiten sich Raum an Raum reihte, welche von den vorherigen Mietern als Abstellfläche genutzt wurden, jetzt aber leer standen. Die Türen, sofern überhaupt noch vorhanden, bestanden aus grob zusammengezimmerten Holzlatten und gaben den Blick in die einzelnen Räume frei. Am Ende des Gangs war eine einzige massive Tür, die geschlossen und mit drei vorgeschobenen Riegeln gesichert war. Das musste es sein.
    Semir lauschte angestrengt, aber er war überzeugt davon, alleine im Keller zu sein. Er öffnete die Riegel und zog die Tür auf.


    Ihm schlug ein modriger Geruch entgegen. Der Raum war feucht, und durch die geschlossene Tür war kein regelmäßiger Luftaustausch möglich. „Finn?“, fragte Semir leise, dann noch einmal etwas lauter. „Finn? Bist du hier?“


    Finn kauerte in einer Ecke des kleinen und fensterlosen (ganz wie Alvarez ihnen sagte) Kellerraums. Jetzt musste es schon Stunden her sein, dass zuletzt jemand bei ihm war. Er drückte auf den kleinen Knopf an seiner Armbanduhr und las die Uhrzeit vom beleuchteten Display ab: 2:15 Uhr. So spät war er noch nie wach gewesen, jedenfalls nicht solange er sich zurück erinnern kann. Nun war er schon zwölf Stunden hier eingesperrt.


    Als er mittags Schulschluss hatte, war ein Mann auf ihn zugekommen und hatte ihn gefragt, ob er Finn Schubert sei. Er hatte bejaht. Dann sagte der Mann, er wäre von Finns Mutter geschickt worden, um ihn von der Schule abzuholen. Warum hatte er ihm nur geglaubt? Warum war er in das fremde Auto eingestiegen? Hatte seine Mutter ihn nicht immer wieder gewarnt, er solle nicht mit Fremden mitgehen? Aber heute hatte er nicht nachgedacht, und jetzt saß er hier. Zwei Mal war ein Mann zu ihm gekommen, hatte ihm etwas zu essen und zu trinken gebracht und ihn die Toilette benutzen lassen. Er hatte versucht zu schlafen, das hat aber nicht geklappt. Stattdessen hatte er seine Beine an seine Brust gezogen, mit seinen Armen umschlungen und seinen Kopf auf seine Knie gebettet. Plötzlich war ihm, als hätte er etwas gehört, und er hob seinen Kopf. Aber das musste er sich eingebildet haben. Wer sollte schon um diese Zeit kommen? Da wieder! Er bildete es sich doch nicht ein, da war jemand vor seiner Tür und machte sich an den Riegeln zu schaffen. Finn rückte ein wenig weiter in die Ecke. Dann schwang die Tür auf er hörte eine Stimme fragen: „Finn? Finn? Bist du hier?“


    Das war keiner der Männer, die er bislang gehört oder kennen gelernt hatte. Diese Stimme klang sanft im Vergleich zu jenen anderen, welche eher polterten und ihn auch nicht beim Namen nannten. Außerdem bräuchten die nicht nach ihm zu fragen, die wussten doch, dass er hier unten war, hatten sie ihn doch selbst hier unten eingesperrt. Vielleicht doch jemand, der ihn hier rausholen will?


    „Ja“, antwortete er zögernd, nicht sicher, ob er überhaupt für den nächtlichen Besucher zu hören war. Er räusperte sich und wiederholte, nun etwas lauter: „Ja, ich bin hier.“ – „Finn, hab keine Angst, ich hol dich hier raus. Ich mache jetzt die Taschenlampe an.“ Semir knipste die Lampe an und sah sich in dem Kellerraum um. Vormals weiß getüncht, waren die Wände nun mit einer grau-braunen Staubschicht und vielen Spinnenweben übersäht, hinzu kamen Stockflecken, die auf die Feuchtigkeit im Mauerwerk hindeuteten. Der Raum war unmöbliert. Finn Schubert saß auf einer dünnen Decke und blickte ihn aus ängstlichen Augen an. Semir wusste, dass er den Jungen blendete und dieser ihn gegen das Licht nicht sehen konnte, und er richtete das Licht schnell wieder auf die Seite. Dann sprach er weiter auf ihn ein: „Du musst mir jetzt vertrauen. Ich bin Polizist und komme von deiner Mutter und werde dich zu ihr bringen. Ich heiße Semir. Bist du verletzt? Haben die dir etwas getan?“ Finn schüttelte den Kopf. „Nein, nur eingesperrt. Semir?“ – „Ja?“ – „Was ist denn das für ein Name?“ – „Und Finn? Was ist das für ein Name?“, Semir musste schmunzeln, „Komm, wir müssen uns beeilen.“


    Semir reichte ihm seine Hand. Finn griff danach und stand auf. „So, wir verlassen den Keller ganz leise. Ich kann dich nicht festhalten. Du musst alleine gehen, bleib dicht hinter mir. Verstanden?" Finn nickte und tat, was Semir von ihm wollte. Der hatte seine Waffe jetzt wieder in der Hand, bereit sich und den Jungen gegen jeden zu verteidigen, der sich ihm in den Weg stellen würde. Aber sie gelangten ohne Probleme die Kellertreppe hinauf und auf den Bürgersteig.


    Zwei Etagen über ihnen erhob sich Mario Torres aus seinem Sessel und reckte sich. „Wir sollten zu Bett gehen. Morgen werden wir zuschlagen. Das wird die letzte ruhige Nacht für die Bullen werden.“ Er schlenderte zum Fenster und blickte in den Nachthimmel. Dann wurde sein Blick von zwei Gestalten auf der Straße angezogen, die ihm seltsam vertraut vorkamen. „Moment. Das ist der Junge! Was macht der auf der Straße? Und der Mann da, … ich glaube es nicht! Das ist doch Gerkan! Sollte der nicht im Krankenhaus sein? Die Schlampe hat uns angelogen! Du und du“, er zeigte auf zwei seiner Männer, „ihr kommt mit mir, die schnappen wir uns. Und ihr beiden durchkämmt das Haus. Gerkan ist bestimmt nicht alleine hier!“


    Mario Torres stürmte mit den beiden Auserwählten zur Wohnungstür hinaus und den Treppenflur entlang zur Feuertreppe, die dort an der Außenwand die oberen Stockwerke mit dem Innenhof verband.


    Semir erreichte mit Finn den Dienstwagen und schob den Jungen gerade über den Fahrersitz auf die Beifahrerseite, als die ersten Schüsse ins Blech schlugen und die Reifen getroffen wurden. Semir warf sich hinter Finn ins Auto und öffnete die Tür auf der anderen Seite, indem er sich über den Jungen legte. Die Fensterscheiben zerbarsten und Glassplitter rieselten auf sie herab. Hier konnten sie nicht bleiben. Das Auto würde zum Sieb werden. Sie mussten hier raus. Semir schob Finn auf der von Torres abgewandten Seite nach draußen. Dann ließ auch Semir sich so gut es mit seinem ruhig gestellten Arm ging auf den Bürgersteig rollen. Er überlegte noch, auch Alvarez aus dem Wagen zu helfen, aber die immer wieder auf den Wagen abgegebenen Schüsse waren deutlich: der Junge und das Entkommen waren jetzt wichtiger. In gebückter Haltung entfernten sie sich vom Auto, während sich Torres und seine Männer dem Mercedes von der anderen Seite her weiter näherten. Semir blickte sich nur noch einmal kurz um und sah, dass Alvarez mittlerweile augenscheinlich leblos auf der Rücksitzbank hing, die Arme immer noch mit den Handschellen am Haltegriff über der Tür befestigt. Dann verschwand er mit Finn um eine Hausecke und fiel in einen gemäßigten Laufschritt, soweit es sein lädiertes Bein zuließ.

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