Beiträge von Yon

    Hoffentlich bekommt Alex im Krankenhaus Auskunft. Und Sander findet es eine gute Gelegenheit, an Semirs Dienstfähigkeit zu zweifeln, ich hoffe doch sehr, Kim widerspricht ihm endlich. Nur der Stalkerin Sind sie noch nicht näher gekommen.

    Showdown

    Alex und Ben hatten sich kaum getrennt, als ein scharrendes Geräusch ihre Aufmerksamkeit erregte. Verursacht wurde es von einem Kanaldeckel, der über Kopfsteinpflaster gezogen wurde. Semir war es nicht gelungen, den Deckel lautlos zurück an seinen Platz zu bewegen, um so zu vermeiden, Torres sein Versteck im Untergrund zu verraten. Nun war Torres ihm mit seinem Komplizen, der gerade den Kanalschacht wieder freilegte, dicht auf den Fersen.

    Ben und Alex sahen sich nur kurz an und rannten dann gemeinsam in die Richtung des Geräuschs. Sie kamen gerade rechtzeitig, um den Kopf des letzten Mannes in der Öffnung verschwinden zu sehen.Als Ben gerade auf der Leiter stand, um den Abstieg zu beginnen, hörte er Schüsse aus mehreren Waffen in der Kanalisation. Mist, Semir und der Junge waren in höchster Gefahr.

    „Gerkan, wir wissen, dass Sie hier unten sind, besser Sie geben auf! Ihre Freunde sind schon tot!“, versuchte der Bolivianer Semir zu entmutigen. Beim letzten Satz zog sich Semirs Brust zusammen, aber er glaubte Torres nicht. Dem Gangster war nicht zu trauen, das konnte er sich auch ausgedacht haben, nur um ihn einzuschüchtern.

    Wieder peitschten Schüsse durch das Gewölbe. Sie verrieten Ben und Alex die Richtung, in die sie sich wenden mussten, um Semir zu helfen. Sie tasteten sich voran. Hinter der nächsten Biegung sahen sie sie. Zwei Männer hatten ihnen den Rücken zugekehrt. Links stand Torres. Er gab wieder Schüsse in den Gang ab, in dem er Semir vermutete. Die Antwort ihres Partners folgte auf dem Fuß. Dann gab seine Waffe nur noch ein „Klick“ von sich, das untrügerische Zeichen, dass das Magazin leer war. Semir war jetzt unbewaffnet und konnte nichts weiter tun, als in Deckung zu bleiben. Er kauerte in einer Mauernische so vor Finn, dass der Junge eingeklemmt zwischen der Mauer und Semirs Rücken saß.

    Der Südamerikaner hielt sich dicht an der Wand und schritt nach vorne. Er gab dabei eine weitere Schussreihe ab.

    Ben blickte den dunklen Gang entlang, wo irgendwo Semir hocken musste, er hörte von seinem Partner nichts mehr. Sollte ihm seine Munition ausgegangen sein? Er und Alex mussten Torres und seinen Komplizen überwältigen, bevor sie Semir erreichten. Ben sah, dass Alex die gleiche Idee hatte und machte sich selbst auch zum Angriff bereit.

    Alex hatte sich langsam dem anderen Mann von hinten genähert, sprang ihm katzengleich auf den Rücken und drehte ihn so, dass er hinter ihm Deckung vor Torres fand. „Torres!“, schrie Alex den Gangsterboss an, als Ben direkt hinter dem Südamerikaner stand „es ist vorbei!“ – „Ach ja? Wer sagt das?“ Torres drehte sich bei diesen Worten zu Ben und Alex um, blickte in deren zwei Waffen und kehrte dabei Semir den Rücken zu. „Brandt“, stieß er wütend aus. „Lassen Sie Ihre Waffe fallen, Torres. Sie kommen hier nicht raus. Geben Sie auch nur noch einen einzigen Schuss ab, sind Sie ein toter Mann!“, befahl Ben.

    Während Torres seine Arme ausstreckte und seine Waffe fallen ließ, erhob sich Semir langsam und schob sich mit seinem Rücken an der Mauer in den Stand. Mit einer Hand bedeutete er Finn in der Nische hocken zu bleiben. Torres hob seine Hände über den Kopf in seinen Nacken. „Keine Bewegung!“, rief Ben und machte einen Schritt auf Torres zu.

    Semir sah es als erster, aber noch bevor sein Mund die Warnung formulieren konnte, hatte der Bolivianer ein Messer hinter seinem Kopf hervorgezogen und auf Ben eingestochen, der überrascht von dem Angriff und dem plötzlichen Schmerz in seinem rechten Oberarm, einen kurzen Augenblick abgelenkt war, Zeit, die Torres zu nutzen wusste, indem er sich kurzerhand zu Boden warf, seine zuvor weg geworfene Waffe ergriff und nun in Richtung Alex schoss.

    „Ben“, schrie Semir vor Entsetzen, als er sah, dass sich auf dessen Oberarm ein blutiger Fleck ausbreitete.

    Alex hatte durch einen Befreiungsversuch des Komplizen, den er im Arm hielt, nur für einen winzigen Augenblick die Deckung verloren und bot Torres ein freies Schussfeld. Nur der Bewegung im Kampf ist es zu verdanken, dass Alex lediglich einen Streifschuss an der Hüfte erlitt. Er schlug seinem Gegner kurzerhand die Waffe an den Kopf, so dass dieser bewusstlos zusammensackte, dann zielte er wieder auf Torres, der sofort nach seinem Schuss herumgefahren war und nun auf Semir anlegte, der nur einige Meter entfernt stand. Zum Abdrücken kam er aber nicht mehr, denn Ben hatte schon reagiert, mit der Hand des unverletzten linken Arms seine Waffe gefasst und Torres in den Rücken geschossen.

    Nun blickte er über den gestürzten Torres hinweg direkt auf Semir, der vor Erleichterung an der Wand lehnte und sich auf einem kleinen Mauervorsprung niederließ, und senkte langsam den Arm mit der Pistole. Ihre Augen trafen sich. „Semir, bist du in Ordnung? Finn auch?“ – „Ja, puh, das war knapp.“ Semir drehte seinen Kopf in Richtung der Mauernische um. „Finn, du kannst rauskommen, es ist vorbei!“ Der Junge ließ sich von ihm in den Arm nehmen. „Jetzt kommst du wieder nach Hause.“

    Ben erblickte das vom Blut getränkte T-Shirt von Alex. „Alex!“, entfuhr ihm, doch der winkte ab, „Ist nur ein Streifschuss. Was ist mit Torres, ist er tot?“

    Ben trat zu dem unbeweglich am Boden liegenden Südamerikaner und drehte ihn auf den Rücken. Seine Augen waren gebrochen. Tot. Vom Mörder Walter Paulsens und der Familie Heinrich ging keine Gefahr mehr aus. Sein Racheplan an Semir und Alex ist ihm nun selbst zum Verhängnis geworden.

    Ben nickte Alex zu. „Ja, Torres ist tot.“ Er ging rüber zu Semir und Finn.

    Vom Erdboden verschluckt

    So schnell sein verletztes Bein es zuließ, lief Semir mit Finn an der Hauswand entlang. Hinter ihm hörte er die dröhnende Stimme Torres‘: „Er hat den Jungen! Schnappt ihn euch!“ Semir bog um eine weitere Hausecke, gerade als eine Kugel in diese einschlug und einige Steinbrocken sich aus dem getroffenen Ziegel lösten. Finn schrie erschrocken auf und Semir drückte dessen kleine Hand fester. Sein linker Arm schmerzte, aber er musste diese Hand für Finn benutzen, denn in seiner rechten Hand hielt er seine Pistole. Er drehte sich blitzschnell um und gab schnell zwei oder drei Schüsse ab. Einer ihrer Verfolger fiel auf den Asphalt und regte sich nicht mehr, Torres‘ zweiter Komplize kümmerte sich einige Sekunden um seinen Kumpel, Sekunden, die Semir einen kleinen Vorsprung einbrachten und ihn eine kleine Gasse erreichen ließ, in der er mit Finn verschwand.

    Torres, den es selbst nichtkümmerte, einen seiner Leute verloren zu haben, scheuchte seinen übrig gebliebenen Mann weiter. „Er ist tot! Gerkan lebt! Also kümmre dich um ihn und finde ihn. Er kann ja schließlich nicht vom Erdboden verschluckt sein“, drang sein südamerikanischer Akzent polternd durch die Nacht an Semirs Ohr. ‚Das ist es!‘, dachte der Hauptkommissar. Finn, immer noch an seiner Hand, zitterte vor Angst. Er schaute hoch zu Semir, doch dessen Blick suchte die Gasse ab, bis er gefunden hatte, wonach er Ausschau hielt. „Komm Finn“, sagte er leise, „ich weiß, wohin wir gehen.“ Er zog den Jungen hinter sich her und stoppte mitten auf der Straße, wo er sich hinkniete, seine Waffe auf das Kopfsteinpflaster legte und die Finger in die Löcher eines Kanaldeckels versenkte. „Los, Finn, du musst mir helfen, ich schaffe es nicht mit einer Hand.“ Mit vereinten Kräften schafften Sie es, den Kanaldeckel zu heben und auf die Seite zu schieben. „Wollen Sie da etwa runter?“ – „Ja, Finn, und du zuerst!“ Finn zögerte, aber Semir trieb ihn an. „Es ist unsere einzige Chance, zu entkommen. Hier oben kriegen sie uns, ich bin nicht schnell genug.“

    Der Junge kniete sich am Kanalschacht nieder und ertastete rückwärts mit seinen Füßen die oberste Sprosse der Eisenleiter, die in die Kanalisation führte. Semir wartete und hielt die Gasse im Blick. Dann tat er es Finn gleich und kletterte ebenfalls in den Schacht. Mit seiner unverletzten Hand zog er den Kanaldeckel noch zurück, was ihm mit größter Anstrengung auch gelang. Aber der Versuch, seine linke Hand auch zu benutzen, dankte sein frisch operierter Arm und seine Schulter mit einem stechenden Schmerz, der ihn bewog seinen linken Arm an seinen Oberkörper zu pressen. Kurz meinte er Sterne zu sehen, konnte dann aber mit einigen langen Atemzügen bei geschlossenen Augen dem Schmerz Paroli bieten.

    Semir stieg hinab zum Grund des Kanalschachts, wo ihn nicht nur Finn, sondern auch der feuchte modrige Geruch der Kanalisation erwartete. Gemeinsam gingen sie den unterirdischen, gemauerten Gang entlang. „Vom Erdboden verschluckt, genau wie Torres sagte“, sprach Semir leise zu dem Jungen. In einer Mauernische setzten sie sich und verschnauften.

    Semir zog sein Handy aus der Jackentasche: Mist! Kein Empfang!

    Als Ben und Alex den von Kugeln durchlöcherten Wagen sahen, erschraken sie. Die Reifen und Scheiben waren zerschossen, das Blech von unzähligen Kugeln durchsiebt und Martino Alvarez tot in sich zusammengesunken, die Arme nach oben gestreckt wie zu einem letzten Gruß, erschossen von seinem Cousin Mario Torres oder einem seiner Leute.

    „Was ist hier passiert? Semir?“, stieß Ben aus und Alex setzte die Fragenreihe fort: „Wo ist Finn?“ – „Torres ist hinter ihm her“, mutmaßte Ben, „der will sich jetzt Semir und den Jungen holen.“ – „Wo können sie sein?“ Ben und Alex lauschten in alle Richtungen. „Wir teilen uns auf“, beschloss Ben. „Du willst mich allein lassen?“, fragte Alex mit gespielt entsetztem Gesichtsausdruck. Ben antwortete trocken:

    „Bedenke Alex: Erst auf sich allein gestellt, zeigt sich der wahre Held!“

    „Das hast du sehr schön gesagt, Ben. Du links, ich rechts?“ Sie fesselten die Festgenommen und ließen sie neben Alvarez im Auto zurück.

    Ja, das Verhör war sehr gut beschrieben und auch gut von Semir und Kevin ausgeführt worden. Viele Informationen haben sie zwar nicht bekommen, aber der Typ sitzt erst mal.

    Nicht zum Lesen hier

    Während Semir im Keller Finn befreite, durchsuchten Ben und Alex leise das Erdgeschoß des Mehrfamilienhauses. Sie fanden zwar ein Matratzenlager vor und Getränkekisten, aber Personen hielten sich dort nicht auf. Als sie die Treppen in die obere Etage hinauf schlichen, hörten sie, wie Semir und Finn das Haus verließen. Ben atmete auf, Finn war aus der Schusslinie, dachte er bei sich. Aber als kurz darauf eine polternde Stimme durch das Haus schallte, nämlich als Mario Torres Semir und Finn auf der Straße entdeckt hatte, zischte er: „Fuck“ und verstärkte den Griff um seine Waffe, jederzeit damit rechnend, sich einem die Treppe hinab stürzenden Gegner stellen zu müssen. Aber es kam niemand. Stattdessen hörten sie mehrere Stimmen und laute Tritte in der oberen Wohnung. Mit wie vielen Gegnern hatten sie es hier zu tun? Mario Torres und vier weitere Männer, so wie ihnen Alvarez im Wagen verraten hatte, oder doch mehr?

    Als sie vor der Tür der oberen Wohnung standen und sich zum Stürmen bereit machten, klangen Schreie und Schüsse von der Straße zu ihnen hinauf. Alex lief noch bis zur Tür zur Feuertreppe und blickte hinaus. Er hob drei Finger in Bens Richtung. „Drei Männer sind draußen“, flüsterte er, als er wieder bei seinem Partner war, „vielleicht nur noch zwei hier“. Ben nickte. Das hoffte er auch. Und er hoffte auch, dass es Semir noch gelungen war, Verstärkung zu rufen und vor allem mit dem Jungen zu entkommen. Dann ging er drei Schritte zurück, um mit Anlauf die Tür einzutreten.

    Mit Alex gemeinsam stürmte er in die Wohnung. Die Überraschung war auf ihrer Seite. „Hände hoch, Polizei!“, schrie Alex, „Waffen weg!“ Er unterstrich seine Worte mit einem Warnschuss in die Decke und einem weiteren dicht neben einem Mann der ihm im Flur entgegen kam. Ben rannte an diesem vorbei und warf einen schnellen Blick in die weiteren Räume der Wohnung. Im Wohnzimmer lauerte ein weiterer Mann hinter der Tür und griff ihn an.

    Während Alex kein Problem hatte, seinen Gegner auszuschalten und ihm Handfesseln anzulegen, zu groß war dessen Angst vor Alex‘ Waffe und doch so sehr klein sein Mut in der Abwesenheit von Mario Torres, entfachte sich zwischen Ben und dem anderen ein erbitterter Kampf. Ben hatte Mühe, die Oberhand zu gewinnen und musste einige empfindliche Schläge einstecken.

    Gerade als Alex seinen Gegner kampfunfähig gemacht hatte und Ben zu Hilfe eilen wollte, rollte dieser mit seinem Kontrahenten über den Fußboden und stieß dabei so heftig gegen ein Bücherregal, dass sich eine Lawine von Taschenbüchern über die Kämpfenden ergoss und eine Staubwolke in Richtung Decke schickte. Alex griff den Komplizen von Mario Torres am Kragen und befreite Ben von dessen Griff. „Jetzt ist Schluss“, befahl er, „wir sind schließlich nicht zum Lesen hier!“

    Ben rappelte sich rasch auf und konnte den Mann übernehmen und ebenfalls fesseln. Die Suche nach weiteren Gangmitgliedern im restlichen Haus blieb ohne Ergebnis. So führten Alex und Ben die beiden Festgenommenen aus der Wohnung.

    Auf die Aussagen von Täter und Opfer bin ich auch mal gespannt, wahrscheinlich wird der eine aus Angst nichts sagen und der andere, um sich und seine "Gruppe" zu schützen. Die Vernehmung wird interessant.

    Finn

    Die Kellertreppe war aus Beton. Semir schlich nach unten und fand sich in einem Gang wieder, zu dessen beiden Seiten sich Raum an Raum reihte, welche von den vorherigen Mietern als Abstellfläche genutzt wurden, jetzt aber leer standen. Die Türen, sofern überhaupt noch vorhanden, bestanden aus grob zusammengezimmerten Holzlatten und gaben den Blick in die einzelnen Räume frei. Am Ende des Gangs war eine einzige massive Tür, die geschlossen und mit drei vorgeschobenen Riegeln gesichert war. Das musste es sein.
    Semir lauschte angestrengt, aber er war überzeugt davon, alleine im Keller zu sein. Er öffnete die Riegel und zog die Tür auf.

    Ihm schlug ein modriger Geruch entgegen. Der Raum war feucht, und durch die geschlossene Tür war kein regelmäßiger Luftaustausch möglich. „Finn?“, fragte Semir leise, dann noch einmal etwas lauter. „Finn? Bist du hier?“

    Finn kauerte in einer Ecke des kleinen und fensterlosen (ganz wie Alvarez ihnen sagte) Kellerraums. Jetzt musste es schon Stunden her sein, dass zuletzt jemand bei ihm war. Er drückte auf den kleinen Knopf an seiner Armbanduhr und las die Uhrzeit vom beleuchteten Display ab: 2:15 Uhr. So spät war er noch nie wach gewesen, jedenfalls nicht solange er sich zurück erinnern kann. Nun war er schon zwölf Stunden hier eingesperrt.

    Als er mittags Schulschluss hatte, war ein Mann auf ihn zugekommen und hatte ihn gefragt, ob er Finn Schubert sei. Er hatte bejaht. Dann sagte der Mann, er wäre von Finns Mutter geschickt worden, um ihn von der Schule abzuholen. Warum hatte er ihm nur geglaubt? Warum war er in das fremde Auto eingestiegen? Hatte seine Mutter ihn nicht immer wieder gewarnt, er solle nicht mit Fremden mitgehen? Aber heute hatte er nicht nachgedacht, und jetzt saß er hier. Zwei Mal war ein Mann zu ihm gekommen, hatte ihm etwas zu essen und zu trinken gebracht und ihn die Toilette benutzen lassen. Er hatte versucht zu schlafen, das hat aber nicht geklappt. Stattdessen hatte er seine Beine an seine Brust gezogen, mit seinen Armen umschlungen und seinen Kopf auf seine Knie gebettet. Plötzlich war ihm, als hätte er etwas gehört, und er hob seinen Kopf. Aber das musste er sich eingebildet haben. Wer sollte schon um diese Zeit kommen? Da wieder! Er bildete es sich doch nicht ein, da war jemand vor seiner Tür und machte sich an den Riegeln zu schaffen. Finn rückte ein wenig weiter in die Ecke. Dann schwang die Tür auf er hörte eine Stimme fragen: „Finn? Finn? Bist du hier?“

    Das war keiner der Männer, die er bislang gehört oder kennen gelernt hatte. Diese Stimme klang sanft im Vergleich zu jenen anderen, welche eher polterten und ihn auch nicht beim Namen nannten. Außerdem bräuchten die nicht nach ihm zu fragen, die wussten doch, dass er hier unten war, hatten sie ihn doch selbst hier unten eingesperrt. Vielleicht doch jemand, der ihn hier rausholen will?

    „Ja“, antwortete er zögernd, nicht sicher, ob er überhaupt für den nächtlichen Besucher zu hören war. Er räusperte sich und wiederholte, nun etwas lauter: „Ja, ich bin hier.“ – „Finn, hab keine Angst, ich hol dich hier raus. Ich mache jetzt die Taschenlampe an.“ Semir knipste die Lampe an und sah sich in dem Kellerraum um. Vormals weiß getüncht, waren die Wände nun mit einer grau-braunen Staubschicht und vielen Spinnenweben übersäht, hinzu kamen Stockflecken, die auf die Feuchtigkeit im Mauerwerk hindeuteten. Der Raum war unmöbliert. Finn Schubert saß auf einer dünnen Decke und blickte ihn aus ängstlichen Augen an. Semir wusste, dass er den Jungen blendete und dieser ihn gegen das Licht nicht sehen konnte, und er richtete das Licht schnell wieder auf die Seite. Dann sprach er weiter auf ihn ein: „Du musst mir jetzt vertrauen. Ich bin Polizist und komme von deiner Mutter und werde dich zu ihr bringen. Ich heiße Semir. Bist du verletzt? Haben die dir etwas getan?“ Finn schüttelte den Kopf. „Nein, nur eingesperrt. Semir?“ – „Ja?“ – „Was ist denn das für ein Name?“ – „Und Finn? Was ist das für ein Name?“, Semir musste schmunzeln, „Komm, wir müssen uns beeilen.“

    Semir reichte ihm seine Hand. Finn griff danach und stand auf. „So, wir verlassen den Keller ganz leise. Ich kann dich nicht festhalten. Du musst alleine gehen, bleib dicht hinter mir. Verstanden?" Finn nickte und tat, was Semir von ihm wollte. Der hatte seine Waffe jetzt wieder in der Hand, bereit sich und den Jungen gegen jeden zu verteidigen, der sich ihm in den Weg stellen würde. Aber sie gelangten ohne Probleme die Kellertreppe hinauf und auf den Bürgersteig.

    Zwei Etagen über ihnen erhob sich Mario Torres aus seinem Sessel und reckte sich. „Wir sollten zu Bett gehen. Morgen werden wir zuschlagen. Das wird die letzte ruhige Nacht für die Bullen werden.“ Er schlenderte zum Fenster und blickte in den Nachthimmel. Dann wurde sein Blick von zwei Gestalten auf der Straße angezogen, die ihm seltsam vertraut vorkamen. „Moment. Das ist der Junge! Was macht der auf der Straße? Und der Mann da, … ich glaube es nicht! Das ist doch Gerkan! Sollte der nicht im Krankenhaus sein? Die Schlampe hat uns angelogen! Du und du“, er zeigte auf zwei seiner Männer, „ihr kommt mit mir, die schnappen wir uns. Und ihr beiden durchkämmt das Haus. Gerkan ist bestimmt nicht alleine hier!“

    Mario Torres stürmte mit den beiden Auserwählten zur Wohnungstür hinaus und den Treppenflur entlang zur Feuertreppe, die dort an der Außenwand die oberen Stockwerke mit dem Innenhof verband.

    Semir erreichte mit Finn den Dienstwagen und schob den Jungen gerade über den Fahrersitz auf die Beifahrerseite, als die ersten Schüsse ins Blech schlugen und die Reifen getroffen wurden. Semir warf sich hinter Finn ins Auto und öffnete die Tür auf der anderen Seite, indem er sich über den Jungen legte. Die Fensterscheiben zerbarsten und Glassplitter rieselten auf sie herab. Hier konnten sie nicht bleiben. Das Auto würde zum Sieb werden. Sie mussten hier raus. Semir schob Finn auf der von Torres abgewandten Seite nach draußen. Dann ließ auch Semir sich so gut es mit seinem ruhig gestellten Arm ging auf den Bürgersteig rollen. Er überlegte noch, auch Alvarez aus dem Wagen zu helfen, aber die immer wieder auf den Wagen abgegebenen Schüsse waren deutlich: der Junge und das Entkommen waren jetzt wichtiger. In gebückter Haltung entfernten sie sich vom Auto, während sich Torres und seine Männer dem Mercedes von der anderen Seite her weiter näherten. Semir blickte sich nur noch einmal kurz um und sah, dass Alvarez mittlerweile augenscheinlich leblos auf der Rücksitzbank hing, die Arme immer noch mit den Handschellen am Haltegriff über der Tür befestigt. Dann verschwand er mit Finn um eine Hausecke und fiel in einen gemäßigten Laufschritt, soweit es sein lädiertes Bein zuließ.

    Dass sich Dana nun endlich Andrea öffnet, gefällt mir. Das war gut beschrieben, die beiden müssen jetzt zusammenhalten!
    Alex und Kim kommen wahrscheinlich ohne die Hilfe der Medien zurzeit nicht weiter, mal sehen, was der nächste Tag bringt.

    Während Ben noch krank geschrieben ist, fahren Semir und Kevin nachts Streife. Der Ruf, den Kevin hört, klingt nicht nach einer freundlichen Unterhaltung, ich weiß zwar nicht, was "Fidschi" in diesem Zusammenhang bedeutet oder wer "Fidschi" ist, "gute Reise" würde ich aber auch als den Tod deuten. Also nichts wie hin, vielleicht können sie noch einen Mord verhindern oder zumindest wichtige Beobachtungen machen.

    Fahrt ins Versteck

    „Industriegebiet West“, kam kleinlaut aus dem Mund des Bolivianers. „Na bitte, geht doch“, sagte Semir, „sehen Sie es doch mal so: Ihr Cousin will Alex Brandt und Semir Gerkan. Dann lässt er den Jungen gehen, oder? Alex Brandt sitzt genau vor Ihnen und ich höre auf den Namen Semir Gerkan. Ihr Cousin bekommt also, was er will, und unser Fahrer“, bei diesen Worten drehte sich Ben kurz um, „ist quasi der Notar, der sicherstellt, dass der Austausch funktioniert und Finn Schubert wirklich freikommt. Denn wir trauen Mario Torres nicht so ganz über den Weg. Ben, du kannst losfahren, die genaue Adresse wird Señor Alvarez uns dann ganz sicher verraten, wenn wir näher dran sind, nicht wahr?“ Martino Alvarez sah aus dem Fenster und sagte keinen Ton mehr. Ben startete den Wagen und rollte durch die Altstadt und über die Severinsbrücke Richtung Kölns Westen.

    Sie erreichten das Industriegebiet kurz nach Mitternacht. Alvarez zeigte Ihnen tatsächlich den Weg. Es blieb ihm auch nichts anderes übrig, wollte er dieses Auto irgendwann lebend wieder verlassen. Im Industriegebiet war zu dieser Uhrzeit alles dunkel, die Parkplätze wirkten verlassen. Es gab nur wenige Betriebe, die auch Nachtschichten fuhren, aber die lagen nicht in dem Bereich, den die Polizisten jetzt ansteuerten. Als sie schon beinahe im Begriff standen, das Industriegelände wieder zu verlassen, deutete Alvarez nach links, dort befand sich ein dreistöckiges Wohngebäude, welches den Abschluss des Gewerbegebiets bildete. Gegenüber schloss sich eine normale
    Stadtbebauung mit mehrstöckigen Mietshäusern an. Ben fuhr an dem Gebäude vorbei und lenkte den Mercedes an den Straßenrand.

    „So, Alvarez!“, Ben drehte sich auf dem Fahrersitz zu ihrem Fahrgast um, „Wo finden wir Mario Torres? Wie viele sind noch im Haus? Und wo ist der Junge?“, versuchte Ben, die erforderlichen Informationen aus dem Gastwirt des casa verde heraus zu quetschen. „Was ist mit Verstärkung?“, fragte Alex, der schon in der Tür des Dienstwagens stand. „Später, wenn wir jetzt mit einer Hundertschaft stürmen, steht Finn in der Schusslinie“, gab Ben zu bedenken, „wir haben Alvarez, vielleicht ist Blut auch für Torres dicker als Wasser. Was meinst du, Semir?“ Ben sah seinen älteren Partner an. „Du hast recht, Ben, ein Schusswechsel würde den Jungen nur in große Gefahr bringen.“ Semir wandte sich Alvarez zu: „Wenn Sie den heutigen Tag überleben wollen, Señor Alvarez, sollten Sie uns vielleicht verraten, wo wir Sie gleich besser nicht als Schutzschild einsetzen sollten.“

    Alvarez‘ Augen wanderten über das Gebäude vor ihnen. Im zweiten Obergeschoss brannte gedämpftes Licht. Es war nicht zu erkennen, ob sich Menschen in den Räumen aufhielten. Vielleicht schliefen Sie? Schließlich war es mitten in der Nacht.

    Dann begann der Wirt tatsächlich zu sprechen. „Der Junge ist im Keller eingeschlossen. Ein direkter Bewacher ist nicht dabei, der Raum ist fensterlos und durch mehrere Riegel gesichert. Die anderen sind alle oben. Neulich waren es außer Mario noch vier Männer.“

    Ben sah zwischen Alex und Semir hin und her. Dann blieben seine Augen auf Semir ruhen. „Vielleicht solltest du dich um den Jungen kümmern und Torres und seine Gang uns überlassen? Du bist nicht so gut zu Fuß.“ – „BITTE?“, entrüstete sich Semir, „was willst du damit sagen, Ben?“ – „Nur, dass du vielleicht heute Nacht nicht unbedingt einen Hundert-Meter-Lauf bestreiten solltest.“ – „Ben hat recht, Semir. Du holst den Jungen aus dem Keller und bringst ihn zum Wagen und in Sicherheit. Dann rufst du das SEK.“

    Diesen Argumenten musste sich schließlich auch Semir beugen. Er war wirklich gerade kampfunfähig und sollte sich in diesem Zustand nicht einem schießwütigen Mario Torres stellen. Nachdem sie sich noch vergewissert hatten, dass Alvarez im Auto gut gefesselt war, überquerten die drei die Straße und gingen langsam zur Eingangstür. Sie hatten zu keinem Zeitpunkt vorgehabt, Alvarez tatsächlich mitzunehmen, zu groß erschien ihnen die Gefahr zu sein, der Wirt könnte seinen Cousin warnen.

    Die Tür zu dem Wohnhaus stand einen Spalt offen, ein Schloss war nicht mehr vorhanden. Zu ihrer Erleichterung glitt sie lautlos auf und ermöglichte so den Männern den Zutritt zum Treppenhaus.

    Links direkt hinter der Eingangstür befand sich eine schmalere aus Holz, die ebenfalls nicht geschlossen war und den Blick auf die Kellertreppe freigab. Semir nickte den anderen zu, zog seine Waffe, zwängte sich durch den Türspalt und tastete sich die Kellertreppe hinab, während Ben und Alex sich zur Treppe in die oberen Stockwerke begaben. Sie ließen sich Zeit, eine Eskalation mit Mario Torres wollten sie erst dann provozieren, wenn Semir mit Finn in Sicherheit wäre.

    Ja, das wird Semir schnell merkwürdig vorkommen, dass ihn niemand am Krankenbett besuchen kommt, denn auch wenn ein Unfallopfer bewusstlos ins Krankenhaus eingeliefert wird, ist doch die Identität meistens schnell sichergestellt, anhand von Papieren, Autokennzeichen usw. Und jetzt wo er aufgewacht ist, wird er nach seiner Familie seinen Kollegen fragen. Mal sehen, was Schwester Ines ihm erwidern wird.

    Der Cousin

    Die Polizisten stellten ihren Wagen in der Nähe des casa verde in der Altstadt-Süd ab. Diesmal betrat Ben die Kneipe und ließ Semir im Dienstwagen sitzen. Eigentlich wäre es ihm lieber gewesen, Semir hätte sich heute ganz rausgehalten und wäre im Krankenhaus geblieben oder mit Andrea gemeinsam ins Schutzhaus geflogen, aber das vorzuschlagen, hatte er sich gleich aus dem Kopf geschlagen, es wäre auch vergebliche Liebesmühe gewesen, denn die Antwort von Semir konnte er sich gleich ausmalen. Er konnte zwar weder schnell laufen noch kämpfen, selbst Auto fahren dürfte ihm nicht ohne Probleme möglich sein, aber nur aus der Ferne zuzuschauen, darauf hätte sich Semir niemals eingelassen.

    Alex verließ gleichzeitig mit Ben den Wagen und stellte sich auf den Bürgersteig an eine Hauswand, unweit vom Eingang der Gaststätte entfernt.

    Semir griff zu seinem Handy und rief Maria Schubert im Krankenhaus an. „So Frau Schubert, es kann losgehen. Sie wissen noch, was Sie sagen sollen?“ – „Ja, Herr Gerkan.“ – „Dann los, und lassen Sie sich nichts anmerken. Denken Sie an Finn! Sie schaffen das!“
    Ben nahm an einem Tisch in der Nähe der Tür Platz und gab vor, sich für den Aufsteller zu interessieren, der Getränke und Tapas anpries. Tatsächlich aber beobachtete er den Wirt genau. Als dieser gerade mit seinem kleinen Block und einem Kugelschreiber um den Tresen herumkommen wollte, um Bens Bestellung aufzunehmen, klingelte das Wandtelefon. Martino Alvarez hob ab, meldete sich mit „Casa verde. Sie wünschen?“, lauschte einige Sekunden und verschwand dann mit dem Telefonhörer in einen hinteren Raum. Ben konnte nichts mehr von dem hören, das er sprach, aber das war auch gar nicht nötig, da Maria Schubert sie gleich nach dem Anruf über die Inhalte des Gesprächs informieren würde.

    Maria Schubert hielt sich genau an die Absprache. „Schubert hier. Gerkans Zustand hat sich in den letzten Stunden plötzlich verschlechtert und sein Kollege hält jetzt Wache vor seiner Tür. Im Krankenhaus wimmelt es von Polizei.“ – „Frau Schubert, das klingt ja gar nicht gut. Dann wird Ihr Sohn wohl noch etwas länger bei uns bleiben müssen, solange bis Sie uns eine Information geben, mit der wir etwas anfangen können.“ – „Kann ich mit meinem Sohn sprechen? Warum lassen Sie ihn nicht gehen? Er hat Ihnen doch nichts getan! Bitte!“, bettelte Maria. „Frau Schubert, gestatten Sie mir eine Gegenfrage? Hätten Sie uns die Informationen gegeben, wenn wir Ihren Sohn nicht in unserer Gewalt hätten?“ Schweigen in der Leitung. „Sehen Sie? Also bleibt Ihr Sohn bei uns, bis wir haben, was wir wollen. Sie melden sich morgen früh wieder bei uns, okay? Vielleicht kommt dann auch Ihr Sohn mal an den Apparat.“

    Damit legte Martino Alvarez auf, und Maria Schubert ließ ihr Telefon sinken. Ihr Mann, der neben Maria saß, nahm sie in seinen Arm und versuchte, seine Frau zu trösten, was ihm aber nicht so recht gelingen wollte. Erst eine halbe Stunde nach dem Anruf nahm sie zögerlich einen Schluck von ihrem Tee und schnäuzte sich die Nase. Eine schlaflose Nacht des Bangens, Hoffens, Wartens und der Tränen lag vor dem Ehepaar Schubert.

    Alvarez rief anschließend, noch von der Küche aus, seinen Cousin Mario Torres an und gab ihm den Anruf von Maria Schubert nahezu wortgleich wieder. Dieser beorderte ihn zu sich, sie hätten die nächsten Schritte zu planen. Der Wirt bat seinen Angestellten, der in der Küche arbeitete, für kurze Zeit seinen Platz im Gastraum zu übernehmen und kam mit einer Jacke über dem Arm aus dem hinteren Bereich der Kneipe wieder in Bens Sichtfeld. Dann ging er zügig zum Ausgang.

    Ben folgte ihm. Als Martino Alvarez an seinem 911er stoppte, um den Sportwagen aufzuschließen, zog Ben seine Waffe, trat von hinten an ihn heran und bohrte ihm den Lauf seiner Walther zwischen Hals und Schulter. „Hände aufs Wagendach!“, befahl er ihm, „Wo ist Finn Schubert, Señor Alvarez?“ Der Wirt zuckte zusammen. „Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?“ – „Von Ihnen nichts weiter als eine Adresse und Ihre Begleitung“, antwortete Ben betont ruhig auf Alvarez‘ hektische Fragen. „Wo finden wir Finn Schubert und Ihren Cousin Mario Torres?“ – „Das kann ich Ihnen nicht sagen, mein Cousin bringt mich um, wenn ich es Ihnen sage.“ – „Ich bringe Sie um“, Alex war zu Ben getreten und übernahm das Gespräch, „wenn Sie es uns nicht sagen. Suchen Sie sich die Alternative aus, die ihnen besser gefällt!“ Alex durchsuchte Martino Alvarez nach Waffen, während Ben seine eigene kein Stück vom Hals des Gastwirts entfernte, und förderte eine Pistole und ein Springmesser zutage.

    „Die dazugehörenden Waffenbesitzkarten finden wir bestimmt in Ihrer Brieftasche, oder?“ Alvarez sah unbekümmert zu Boden. Natürlich besaß er kein Papier, welches ihn berechtigt hätte, diese Waffen bei sich zu tragen. „Kommen Sie mit, bevor irgendein Passant hier die Polizei ruft. Dahinten der graue Mercedes.“ Martino Alvarez nahm seine Hände von seinem Porsche und ging eingerahmt von Ben und Alex zu dem Wagen, auf dessen Rücksitz Semir bereits wartete. Sie fesselten ihren neuen Fahrgast mit Handschellen an den Handgriff über der Tür, so dass dieser beide Arme nach oben strecken musste. Semir hielt seine Waffe in der rechten Hand. Nachdem Ben hinter dem Lenkrad und Alex auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatten, fragte Semir seinen Sitznachbarn. „Sagen Sie uns nun den Weg?“ Alvarez machte keine Anstalten. Semir spannte den Hahn, hob die Waffe auf Alvarez‘ Kopfhöhe und bekräftigte sein Anliegen. „Also, WOHIN?“