15:00 Uhr
Max Liebermann sah kurz in den Rückspiegel und sah, dass die beiden Mädchen immer noch schliefen. Er hatte ihnen etwas zu essen gemacht, nachdem er sich beruhigt hatte. Doch er bekam plötzlich Angst. Seine Frau war sehr labil und sie könnte ihm verraten. Die Polizei durfte ihn nicht daran hintern, was er vorhatte. Er mischte ein paar von den rezeptfreien Schlaftabletten ins Essen der Kinder und wartete einfach bis sie eingeschlafen waren. Er musste doch dafür sorgen, dass Lina die Niere bekam. Dieses ganze Gerede von Parametern die nicht passten, konnte nicht stimmen. Der Vater von Sarah konnte sich diese Niere erkaufen. Mit all seinem Geld, hatte er erreicht, das Lina das Todesurteil erhielt. Nach einer Stunde Autofahrt hatte er das kleine Haus in der Kapellenstraße in Simmerath erreicht. Er fuhr den Wagen direkt in die Garage und trug dann erst Sarah ins Haus und dann holte er Lina. Die Mädchen wurden nicht wach, als er sie ins Bett legte. Während er recht unsanft mit Sarah umging, strich er seiner Tochter liebevoll eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Mein Engel, ich werde dein Leben retten. In wenigen Stunden wird Sarah sterben und dann bist du wieder an erster Stelle. Dann wirst du die Niere bekommen und dann wirst du leben. Egal was es kostet, ich will dich aufwachsen sehen.“ Er küsste seine kleine Tochter auf die Stirn. Dann sah er zu Sarah. Das Mädchen schwitzte stark. Er fühlte ihre Stirn und bemerkte, dass sie ziemlich hohes Fieber hatte. Er kannte es ja von Lina. Wenn es ihr schlechter ging, dann bekam sie auch immer Fieber. Bei Lina würde er handeln, doch bei Sarah war es ihm egal. Er erhob sich und verließ das Zimmer. Die Tür verschloss er sorgfältig. Er lachte leise, als er daran dachte, dass der Bürgermeister und dessen Frau sicher vor Angst vergingen und auf seinen zweiten Anruf warteten. Doch er wusste auch, dass die Polizei sicher schon eine Fangschaltung gelegt hatte. So hatte er es schon mehrmals im Fernsehen gesehen. Vielleicht sollte er sich die Waffe seines Vaters, die hier im Keller lag holen. Er war immer mit seinem Vater auf der Jagd, aber davon wusste seine Frau nichts. Wenn Gaby etwas verriet, dann würde nicht nur Sarah sterben, sondern auch Lina. Notfalls würde er erst die beiden Mädchen und dann sich töten. Ohne Lina würde das Leben nicht mehr lebenswert sein.
Semir trat das Gaspedal durch. Blaulicht und Sirene waren eingeschaltet und so kamen sie gut durch den beginnenden Feierabendverkehr. Alex orderte bereits ein SEK-Team zu der von Gaby Liebermann genannten Anschrift. Sie hofften inständig noch rechtzeitig zu kommen, doch sie wussten auch, dass Max Liebermann, aufgrund seines Verhaltens und nach den Angaben seiner Frau, sehr wohl gewalttätig werden konnte. Besonders wenn er getrunken hatte, war er unberechenbar, so Gaby Liebermann. Auf die Frage allerdings, ob sie von ihm geschlagen werden würde, antwortete sie mit einem klaren Nein. In ihren Augen war Max lediglich ein besorgter Vater, dem das Wohl seiner Tochter über alles ging und für das er alles in Kauf nahm. Wenn es sein musste, auch den Tod eines kleinen unschuldigen Mädchens. „Frau Liebermann, hat Ihr Mann Waffen?“ „Waffen? Nein, Max mag keine Waffen. Aber sein Vater hatte mal Waffen. Ich glaube, sie lagern im Keller. Aber Max kann nicht damit umgehen, das weiß ich. Denken Sie, er wird den Kindern etwas antun?“ Semir sah in den Rückspiegel. „Sagen Sie uns das. Trauen Sie Ihrem Mann zu, dass er es tut?“ „Ich kenne ihn nicht mehr. Seit er von dieser Transplantation weiß, ist er wie ausgewechselt. Max ist nicht böse und ich denke er wird wieder zu sich finden, aber er wird es sicher nicht allein schaffen.“ Sie wischte sich wieder eine Träne weg. „Keine Sorge, wir werden ihm helfen. Wir werden versuchen mit ihm zu sprechen. Kennen Sie die Eltern von Sarah?“ Gaby Liebermann nickte. „Ja, wir haben uns oft im Krankenhaus gesehen, wenn Sarah an der Dialyse lag. Meistens war ich als Krankenschwester dabei, auch wenn Lina selbst an der Dialyse war. Aber wir haben uns nie wirklich unterhalten.“ Sie sah aus dem Fenster und Semir spürte, dass sie sich alles andere als wohl fühlte. „Sie haben Angst, dass Ihr Mann es nicht verstehen wird oder?“ Gaby nicke. „Er wird mich für eine Verräterin halten. Und vermutlich hat er sogar Recht damit. Ich meine, ich müsste auch alles für Lina tun. Und ich würde es auch, aber ich kann nichts machen. Mir sind die Hände gebunden. Man kann einfach nichts machen, als das Schicksal zu akzeptieren.“ Die Stimme wurde immer leiser. „Rufen Sie ihn an und versuchen Sie mit ihm zu sprechen.“
Max hatte die Waffe geladen und stellte das Gewehr direkt neben seinen Sessel. Dann stand er auf und holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Hier in diesem Haus fühlte er sich geborgen, doch er wusste auch, dass Gaby dieses Haus kannte. Sein Handy klingelte. „Ja?“ „Max… bitte sag mir wo du bist! Wo sind die Kinder?“ „Sie sind bei mir. Sarah wird sehr bald sterben und dann kann Lina die Niere bekommen. Sie wird leben!“ „Max, ich hab doch versucht dir zu erklären, dass es nicht so einfach ist. Bitte sag mir wo du bist? Bist du in Papas Haus? Ist Sarah auch bei dir?“ Max schwieg. Er spürte wie eine Träne über seine Wange lief. „Gaby, ich kann Lina nicht sterben lassen. Hilf mir doch! Bitte, ich will nicht das sie stirbt.“ „Sie wird nicht sterben. Ich bin mir sicher, dass wir bald eine Niere für sie bekommen. Aber jetzt musst du mir sagen, wo du bist. Bitte mach dich nicht unglücklich. Bitte…“ „Du weißt doch, dass ich dann ins Gefängnis muss. Dann kann ich Lina nie wieder sehen. Ich will nicht ohne sie leben. Ich kann nicht ohne sie leben.“ „Das musstdu doch auch nicht. Lina wird nicht sterben. Es ist doch noch nicht zu spät. Bitte….lass mich zu Sarah und sie ins Krankenhaus bringen.“ Max sagte nichts mehr. Er drückte das Gespräch weg und fing an zu weinen. Was war nur mit ihm los? Wie konnte er solche Dinge tun? Sarah konnte ja nichts dafür, dass sie die Niere bekommen sollte. Gaby hatte Recht, sie war unschuldig. Wieder klingelte sein Handy, doch er ging nicht ran. Er ging durch das Haus und schloss alle Läden. Die Tür im Keller verbarrikadierte er und auch die Wohnungstür manipulierte er so, dass sie nicht so einfach zu öffnen war. Dann lud er seine Waffe und setzte sich ans Fenster und sah hinaus. Gaby würde sicher mit der Polizei kommen Er war sich sicher, dass sie ihn verraten hatte. Sie war einfach zu naiv. Vielleicht wäre es besser, wenn er mit den Kindern in die Hütte fuhr, die Gaby nicht kannte. Da war er allein und da war er sicher. Nein! Er würde nicht davon laufen. Er würde hier um das Leben von Lina kämpfen!