Versteck – 09:15 Uhr
Es war schwer für Semir, mit anzusehen wie die Gedanken Kevin quälten. Seit Becker den Raum verlassen hatte, hatte der junge Kommissar geschwiegen, während Semir versucht hatte, auf ihn einzureden. „Kevin! Kevin, rede mit mir.“, hatte der türkische Polizist immer wieder gesagt, doch er hatte das Gefühl dass sein Kollege entweder vom Hass oder von dem Rest Drogen berauscht war. Doch dagegen sprach, dass sein Blick klar schien, seine Augen strahlten Konzentration aus, und er starrte auf die Tür, als könne er sie mit der Macht seiner Gedanken öffnen. Der junge Kommissar war am Ende, psychisch gebrochen. Er hörte Semir weit weg, doch etwas hörte er ganz nah… die Schreie seiner Schwester, als würde sie neben ihm stehen und ihm panisch ins Ohr schreien. „Hilfe… Kevin, helf mir.“ Der Kevin, dem früher nichts zu schwer fiel, der alle Herausforderungen auf sich nahm, der ein optimistischer Mensch war und immer der Fels in der Brandung für eine kleine Schwester… er lag hilflos am Boden, er sass hilflos auf diesem verdammten Stuhl. „Kevin!“, Semirs konzentrierte Stimme vermischte sich mit der von Janine, doch Kevins Blick wich nicht.
Es tat Semir in der Seele weh, denn er spürte, wie Kevin litt… innerlich litt. Er wusste nur, dass sein junger Partner etwas schrecklich durchmachen musste vor Jahren, mit ansehen musste wie ein Mensch, der ihm wichtig war, umgebracht wurde von diesem Kerl. Er konnte seinen Ausdruck verstehen…
Semir wurde aus seinen Gedanken gerissen, als sich wieder Stimmen und Schritte näherten. Die Tür schwang auf, Kerler trat ein, gefolgt von dem immer noch diabolisch grinsenden Becker. Sein Erscheinen ließ Kevin aufzucken und die Hände wieder zu Fäusten ballen. Der junge Polizist hatte ein hasserfülltes Funkeln in den Augen, und sein rationales Denken stellte sich fast vollständig ein. Doch hinter Kerler und Becker erschien noch eine dritte Person. Der Mann war großgewachsen, trug ein Hemd und ein recht feines Jackett, seine Haare waren grau und sein Gesicht ein wenig faltig. Kevin kannte ihn nicht, er konzentrierte sich auch gar nicht auf ihn, sondern ließ Becker nicht aus dem Blick. Doch Semir wusste genau wen er vor sich hatte. „Guten Morgen, Herr Gerkhan… es ist lange her.“, sagte seine Stimme, die Semir vor 14 Jahren fast nicht hören konnte, weil betreffender Mann damals so sehr erkältet war, dass er nicht sprechen konnte beim kurzen Verhör. „Horn…“, war Semirs kühle und berechnende Antwort, gefolgt von einem kurzen Kopfschütteln. „Sie erinnern sich.“, stellte sein Gegenüber fest, während er sich gemächlich und in aller Ruhe Lederhandschuhe über die Hände zog. „Allerdings. Sie haben lange gebraucht, um sich zu rächen.“, meinte der türkische Kommissar. Er wollte sich nicht damit abfinden, dass hier alles zu Ende war, doch die Hoffnung schwand diesmal, es sah düsterer aus als sonst. André und Ben hatten keinerlei Anhaltspunkte, Kevin war ihm in seinem jetzigen Zustand auch keine Hilfe. Was sollte die beiden noch retten? „Wissen sie…“, sagte Horn in aller Seelenruhe, während sich Becker und Kerler hinter ihm im Hintergrund hielten… „eine Rache will wohl überlegt sein. Einfach ein paar Männer auf sie ansetzen schien mir all die Jahre zu einfach.“ Er kam näher zu Semir, der zu Horn aufblickte und ihn böse ansah. „Alles nur wegen Carlos Berger?“, fragte er. Horns lockere Miene verfinsterte sich und er bedachte den türkischen Kommissar mit einem fürchterlichen Schlag ins Gesicht, so dass dieser aufstöhnte. „NUR?“, schrie Horn, dessen Fassade schnell einbrach. „Carlos war wie ein Vater für mich!“, hörte Semir die Stimme seines Widersachers. Es musste Horn sehr ernst sein, er ging ein großes Risiko ein, als Kopf eines Verbrechersyndikats sich so einer Gefahr auszusetzen. Daran erkannte Semir, wie wichtig ihm es war, diese Rache selbst durchzuführen. Sein Atem ging schnell als er sah, wie Horn sich von Kerler eine Waffe geben ließ und sie mit Kraft gegen Semirs Schläfe drückte, so dass dieser den Kopf ein wenig zur Seite neigen musste. Ein Blick auf Kevin verriet ihm, dass dieser den Blick zu Semir gerichtet hatte, ihn aber ohne Ausdruck ansah. Resignation. Er konnte ihm auch nicht helfen. „Ein letzter Wunsch, Bulle? Den hatte Carlos nicht…“ Das harte kantige Metall der Waffe drückte sich in Semirs Haut an der Stirn, und er nickte. „Ja… eine Frage.“ Eine Frage, die Semir auf der Seele brannte, eine Frage die er gerne beantwortet haben wollte, so klar er gerade noch denken konnte. „Welche Rolle spielt André.“ Horn grinste, als hätte er gewusst dass diese Frage kommen würde. Semir sah ihn von schräg unten an. Es würde ihm nichts mehr nützen, ob André nun sein Freund oder Verräter war, aber er wollte es wissen. „Fux war mir eine große Hilfe, allerdings unbewusst. Ich hatte gehofft, dass er zu ihnen Kontakt aufnimmt, wenn sein Freund Timo hier in Deutschland, hier in Köln zu Tode kommt. So, oder so ähnlich war es auch gekommen.“ Semirs Seele wusste nicht, ob sie sich freuen oder traurig sein sollte. André wurde reingelegt, doch letztendlich hatte er Horn geholfen. Aber er hatte nicht gelogen… aber war es richtig, dass er ihm vertraut hatte? „Ich hoffe, der Wunsch ist erfüllt.“, sagte Horn höhnisch und entsicherte die Waffe. „Sie werden nicht entkommen, Horn…“, drohte Semir. Sooft hatte er eine Waffe am Kopf, die kurz davor war, abgedrückt zu werden, so oft passierte etwas, was ihn rettete. Doch was sollte jetzt passieren?
Mit einem heftigen Gepolter wurde die Tür aufgerissen. Einer von Horns Männer stürzte herein und berichtete atemlos: „Zwei Bullen sind da, und einen Hubschrauber habe ich auch schon gehört. Sie haben uns gefunden.“ Kerler verlor alle Gesichtszüge, Peter Becker sah ebenfalls erstmals überrascht drein. Horn drehte sich zu dem Berichterstatter, und schrie: „Wie konnte das passieren?“ Semir stieß sich mit letzter Kraft aus seinen schwachen Füßen vom Boden weg, um den Stuhl nach vorne kippen zu lassen und nutzte die Unachtsamkeit, und das kurzzeitige Chaos. Mit Wucht rammte er Horn die Stirn in den Magen, wie ein Fussballer einem Flugkopfball verwandelt. Es lag eine Kraft eines kräftigen Karatetritts dahinter, der Stuhl ächzte unter der Last und zwei Beine brachen unter lautem Holzkrachen vom Rest des Stuhls. Horn klappte vor Semir zusammen und war für den türkischen Kommissar kurzzeitig ein Schutzschild, als im Erdgeschoss der großen Industriehalle die ersten Schüsse zu vernehmen waren. Kerler verlor die Nerven, er riss Horn an den Schultern nach oben als er sah dass dem die Waffe zu Boden fiel und er seinen Chef schützen wollte. Er sah nicht, dass Semir die Waffe nicht aufheben konnte. „Los Boss, wir müssen raus.“ Horn japste durch den Schlag nach Luft.
Kevin saß in diesen turbulenten Sekunden stocksteif, konnte er doch nichts tun, außer Peter Becker beobachten. Der schien kurzzeitig zu überlegen… doch er konnte Semir nicht töten, das würde Horn ihm nicht verzeihen. Und Kevin wollte er nicht töten, das war nie seine Absicht… er wollte ihn leiden sehen, wie er seine Geister der Vergangenheit, seinen Dämon niemals loswerden würde, für immer mit sich herumschleppen würde, bis in alle Ewigkeit. Bevor er hinter den anderen beiden den Raum verließ, spie er Kevin entgegen: „Du wirst mich bis an dein Lebensende jagen… und deine Schwester doch niemals rächen.“ Die Schüsse oben wurden immer lauter. Semir atmete hörbar und versuchte sich aufzurappeln. Teile des Stuhls hingen immer noch an seinen Knöcheln und Handgelenken, doch dadurch dass der Stuhl durchgebrochen war, waren die Ketten loser. Mit tauben Gefühl stand er auf und wankte zu Kevin. "Los, mach mich los.", schrie dieser, der sah wie Becker sich wieder weiter von ihm entfernte. Becker hatte Kevin zum Glück mit Klebeband, nicht mit Ketten am Stuhl fixiert, die Semir versuchte eilig abzureißen. "Ganz ruhig.", versuchte der den jungen Kollegen zu beruhigen, doch kaum hatte der die Arme frei, riss er sich das Klebeband mühevoll von den Füßen. Die Schmerzen kamen etwas zurück, wurden jedoch sofort vom Adrenalin nach unten gedrückt, als Semir ihn am Arm festhielt. "Wir bleiben zusammen. Kevin, wir sind unbewaffnet!" Der erfahrene Kollege ahnte fast schon, dass Kevin blind dem Mörder seiner Schwester hinterherstürzen wollte. "Lass mich los Semir! Er darf mir nicht entkommen!", schrie er und versetzte Semir einen Stoß, der aufgrund der nur langsam abklingenden Taubheit in den Beinen nach hinten torkelte und den Griff um Kevin loslassen musste. Der stürzte durch die Tür, Semir versuchte ihm leicht humpelnd zu folgen.