Beiträge von Campino

    Germania, Keller - 21:00 Uhr


    Er hing am seidenden Faden... im wahrsten Sinne des Wortes. Sammy, der Punk aus Annies Gruppe, hatte Probleme mit dem Atmen. Sicher hatte er einige Rippen gebrochen, sein Gesicht glühte vor Platzwunden und Blutergüssen, sein Kopf dröhnte schmerzhaft von den Schlägen und Tritten, bis er bewusstlos wurde. Sie hatten ihn dann in diesen feuchten miefigen Keller geschleift, und an den Handgelenken zusammengebunden wie Schlachtvieh aufgehängt... was anderes sei er nicht, hatte ihm einer der Neo-Nazis gesagt. Er hatte sich dämlich drangestellt, das wusste er spätestens jetzt als er aufwachte, mit brutalem Stechen in den Schultern. Seine Beine waren eingeknickt wie Streichhölzer, die Fußspitzen berührten den Boden. Wenn er Kraft finden würde, könnte er seine Arme wenigstens etwas entlasten, in dem er sich aufrecht hinstellte... er wollte, er versuchte es und biss auf die Zähne.
    Es war nur wenig Entlastung, aber immerhin. Seine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit um ihn herum... er war immer mal wieder wach geworden, immer mal im Dämmerschmerz Geräusche und Gestalten wahrgenommen, aber durch das verschlossene Kellerfenster hatte er jeglichen Sinn für Zeit verloren. Wie lang war er hier? Ein paar Stunden? Tage, Wochen? Nein, Wochen nicht... dann wäre er wohl längst verdurstet. Sein Shirt war blutverschmiert, ein Auge zugeschwollen und er spürte die krustigen Blutspuren überall in seinem Gesicht. Annie und die Gruppe würde ihn hier rausholen... ganz sicher...


    Wieder hörte er Geräusche. Das Schlagen einer Autotür, Stimmen, Lachen, Schritte. Knarzendes Holz direkt über ihm. Das Geräusch bewegte sich weg, wieder hin und wieder weg als würde jemand unruhig Auf und Ab gehen. Dann Schritte auf der Treppe, wieder ein Rufen, doch Sammy konnte nicht verstehen, was gemeint war, wer gemeint war bis sich die Holztüre des alten Kellers, die er jetzt erst als Holztüre wahrnahm, öffnete und das Licht des Flures in den Raum fiel. An einem altmodischen Drehschalter knipste einer der Faschos, die allesamt ganz in Schwarz angezogen waren, das Licht an, im Schlepptau hatten sie einen Mann in Lederjacke und kurzen Haaren. Nur mit anderthalb Augen, eins halb zugeschwollen, versuchte Sammy die Gesichter zu erkennen.
    "Na, Kleiner? Wie gehts uns denn?", fragte Breuer, der seine Frisur fast schon zynisch als extremen Seitenscheitel gegelt hatte. Er ging zu Sammy, packte ihm grob an seine geschwollene Wange und drehte den Kopf hin und her. "Oh, das sieht aber böse aus.", meinte er gespielt fürsorglich. "Ich glaube, da müssen wir ein wenig kosmetisch tätig werden." Sammy hatte die Augen zugekniffen vor Schmerz, presste den schmerzenden Kiefer aufeinander und sagte kein Wort. "Lasst den Jungen gehen! Ihr habt jetzt mich, reicht das nicht?", ereiferte sich Semir und zog ein wenig Alibimäßig an den Griffen der muskulösen Nazi-Händen. Rocky kam hinter der Gruppe herein und meinte zu Semir: "Keine Sorge... unser kleiner linker Freund wird nicht mehr lange hier sein."


    Mit freundlichem Lächeln ging Rocky zu Breuer, der das Gesicht des Punks wieder losgelassen hatte und stieß den hilflosen Jungen ein wenig an, so dass der an den Füßen sofort wieder den Halt verlor. "Und weißt du auch warum? Weil es wie im wahren Leben ist. Die Deutschen müssen Platz machen für die Ausländer." In Semir stieg ein ungutes Gefühl auf... noch schlechter als das Gefühl, was er seit der Bundesstraße sowieso schon hatte. "Weißt du eigentlich, welcher Abschaum bei uns eine Marke und eine Waffe herumtragen darf?", fragte Ronny den Gefangenen an den Seilen, der nur schwer atmete. "Guck da rüber. Und genau wie jeder ordentliche Deutsche seine Wohnung für Flüchtlinge, Asylbetrüger und kriminelle Ratten ihr Haus räumen muss... so musst du jetzt diesen gemütlichen Keller räumen. Und weißt du, was mit den armen Leuten dann passiert?" Semir hatte die Hände zu Fäusten geballt, als Rocky mit seinem Gesicht dicht an Sammys Ohr heranging. "Sie erfrieren, mein Junge... sie sterben. Wie findest du das, als Deutscher... hmm?"
    Sammys kleiner Körper zitterte, vor Erregung, vor Schmerz, aber auch vor Angst. Doch er würde vor diesen Typen, seine größten Feinden, Nazis und Polizisten, niemals einknicken. "Deutschland verrecke.", quetschte er unter Schmerzen heraus, eine linksradikale Parole die Semir genauso wenig teilte wie rechtsradikale Parolen. Dabei wurde ihm klar, dass solche Dinge wohl auch Kevin als Jugendlicher gerufen haben muss, und ähnlich dachte. Für den Jungen war es vielleicht noch nicht zu spät. "Was hast du gesagt?", fragte Rocky fast schon drohend, obwohl er die Worte klar vernommen hatte. "Deutschland... verrecke...", wiederholte Sammy mit zitternder Stimme. Der Neo-Nazi grinste und drehte sich zu Semir um. "Hey, Kanacke. Kennst du den Film "American History X?" Semir stand hilflos da, unfähig einzugreifen, immer noch wurde er bedroht und mehrer Hände hatten sich um seine Arme gelegt. Er schwieg zu der Frage. "Da geht es um einen amerikanischen Neo-Nazi... der geläutert wird.", erklärte Rocky mit ruhiger Stimme, und fügte ein leises "Unrealistisch" dazu. "Und da gibt es eine ganz bekannte Szene... ich werde sie dir zeigen. Schafft sie nach oben in den Hof."


    Sammy war auf das Abschneiden des Seiles, an dem er hing, nicht vorbereitet und krachte zu Boden. Vier grobe Hände packten den schlaffen, sehr schmalen und leichten Körper und beförderten ihn mit Stößen und Zerren die Treppen nach oben. Semir folgte ihm auf die gleiche Weise, allerdings auf den eigenen Füßen. "Lass den Jungen gehen, verdammt. Er hat hiermit nichts zu tun.", sagte er nochmal und erkannte die Hoffnungslosigkeit seiner Worte. Diese Typen hatten einen klaren Plan, von dem sie niemand abbringen konnte. Und sie brauchten Semir im Prinzip nicht. Mag sein, dass sie etwas besonderes mit ihm vor hatten, doch wenn sie es wollten, könnten sie ihn auch einfach töten, wenn er sich wehrte. Draussen glänzte der grobe Asphalt im Hinterhof vom leichten Regen, als sie die Germania verließen. Die Gegend, wo die Kneipe war, war einsame, die alten verkommenen Wohnungen standen weitestgehend leer. Niemand würde sie hier hören, als Rocky Sammy zu Fall brachte, der dann vor einem leicht erhöhten Bordstein kniete.
    Der Boden war hart, und Sammys Körper war voll Schmerzen. Er wusste nicht, wie es um ihn geschah, aber er hatte eine Hoffnung. Diese Typen würden ihn doch nicht töten. Neo-Nazis waren dumpfe Typen mit wirren Parolen, die Aufmärsche durchführten und vielleicht bei einer Schlägerei mal zu fest zu schlugen... aber sie würden ihn doch nicht einfach abknallen. Semir beobachtete die Szene, beobachtete wie Sammy auf dem Boden kniete und begann fester an seinen menschlichen Fesseln zu zerren. "Beiß in den Bordstein.", sagte Rocky leise, hinter Sammy, der diese Worte nicht fassen konnte. Eine Demütigung für einen Menschen, sich so zu unterwerfen und zynisch, dass Rocky den Ausländern in Person von Semir die Schuld dafür gab. "Na los! Beiß in den Bordstein."


    Sammy hatte zu viel Angst, als dass er sich wehrte. Zuviel Angst vor Schmerzen, zuviel Angst wieder geschlagen zu werden. Er beugte sich stöhnend nach vorne, sein Gesicht kam dem Bordstein immer näher, es schmeckte nach Staub und Dreck an seiner Zunge, als er seine Zähne an die Kante des Bordsteins hielt und seine Lippen den nassen Asphalt berührten. "Hört auf damit! Hört auf damit!!", begann Semir zu rufen und Breuer, der Semir ebenfalls mit festhielt, hielt ihm eine Pistole an den Kopf. "Du bist Zuschauer, du hast kein Rederecht, Kanacke.", machte er ihm klar.
    Rocky grinste ihn die Runde, als sich Sammy vor ihm erniedrigte in den Bordstein zu beißen. "Was hast du eben im Keller gesagt, Zecke?", fragte er nochmal nach unten, doch er hörte von Sammy nur ein Wimmern. "WAS HAST DU EBEN IM KELLER GESAGT?", schrie der Neo-Nazi dann und setzte seinen schweren Schuh auf Sammys Hinterkopf, seine Zähne kratzten durch den Druck über den Bordstein und ein schmerzhaftes Stöhnen entglitt dem jungen Punk. "HÖR AUF, du Arschloch!", schrie der Polizist nun, riss kräftig an seinem rechten Arm, konnte ihn sogar befreien, doch er bekam sofort einen Schlag in die Magengrube, der ihn auf die Knie fallen ließ. Er stöhnte auf und Rocky drehte sich um. "Genieß es... du wirst der Nächste sein." Dann wandte er sich wieder zu Sammy, reckte den rechten Arm in die Luft und brüllte den Gruß, wobei er ein "Für Deutschland" hinterher schmetterte, bevor er mit dem rechten Fuß, der noch an Sammys Hinterkopf ruhte, ausholte, und zutrat. "NEEEIN!", hörte er hinter sich noch Semirs Stimme, der bei dem ersten unnatürlichen Geräusch von Sammys Kiefer- und Schädelknochen die Augen zukniff und zur Seite sah. Einmal, zweimal, dreimal trat Rocky mit Wucht auf den zuckenden Kopf von Sammy, von dem kein Wort mehr aus seinem Mund kam, der nur langsam zuckend zur Seite fiel.


    Als Semir die Augen wieder öffnete, weil zwei Hände von hinten seinen Kopf umfassten, und seinen Blick zwanghaft auf den Körper des jungen Punks richteten, lag dieser in seinem eigenen Blut, das aus Mund, Nase und Ohren lief. Sein Kopf hatte eine unnatürliche Form angenommen, doch genauer wollte der Polizist, der schon allerhand Unfallopfer in seinem Leben gesehen hatte, nicht hinsehen. "Ihr verfluchten Bastarde...", brachte er nur hervor, als Rocky mit blutverschmierten Schuh auf Semir zukam. "Du darfst jetzt gerne seinen Platz einnehmen.", sagte er seelenruhig und die strammen Hände rissen Semir wieder nach oben, um ihn zurück in den Keller zu verfrachten. Der Kopf der Sturmfront beugte sich zur Seite zu Heinrich. "Und ihr bringt den Kadaver dieser Zecke dorthin, wie es geplant war. Hinterlasst ihnen einen schönen Gruß von mir." Heinrich nickte mit diabolischem Grinsen.

    Köln - 19:00 Uhr


    Nur eine Viertelstunde nachdem Ben und Kevin das Büro der Autobahnpolizei verlassen hatten, machte auch Semir Feierabend. Er gähnte, als er den Monitor in seinem Büro ausschaltete ausgiebig, es war ein harter Tag gewesen und er freute sich auf seine Couch. Als er nach draussen in die Dunkelheit trat, und er bemerkte dass es ordentlich kalt war, dachte er noch darüber nach, heute Abend ein wenig Holz herein zu holen und den Ofen anzufeuern um es vor dem Fernseher gemütlicher zu haben. Der erfahrene Polizist stieg in seinen Dienstwagen, startete ihn und drehte sofort die Sitzheizung an, bevor er das Gelände der PAST auf die Autobahn verließ.
    Die Sturmfront beobachtete ihn nun schon seit zwei Tagen. Sie kannten Semirs Weg zur Autobahndienststelle, sie kannten seine Abkürzung durch ein recht einsames Waldgebiet auf einer Landstraße. Heute hatten sie den Angriff minutiös geplant, wie eine Schlacht an der Kriegsfront... so hatte es Rocky bezeichnet. Er gab der Attacke sogar einen Namen, "Operation Brücke", so wie es viele Heeresführer im ersten und zweiten Weltkrieg getan hatten. Jedem Zug, jedem Angriff auf die Front, allen geplanten Überfällen wurden bekannte Namen gegeben, um sie voneinander abzugrenzen. Genauso tat es die Sturmfront, und ihr Anführer hatte diesen Plan, der eigentlich recht simpel war, schon vor einigen Wochen ausgearbeitet. Heute abend würde er umgesetzt werden.


    Heinrich hatte Stellung bezogen, auf der genannten Brücke. Es war eine kleine Fußgängerbrücke, die die beiden Waldstücke für Wanderer und Spaziergänger miteinander verband. Unter ihr führte die Bundesstraße hindurch, auf der jetzt wenig Verkehr war. Zwei weitere Neonazis sitzen mit Funkgeräten im Gebüsch nahe der Straße und kündigten das Kommen des silbernen BMWs an. "Beobachter an Attentäter: Er kommt jetzt.", knarzte es aus Heinrichs Funkgerät und der gab nur ein kurzes "Okay" zurück. Sie hatten nur einen Versuch an dieser Brücke, die Rückfallebene war eine Straßenbrücke 2 Kilometer später. Aber da war öfters um diese Uhrzeit noch Verkehr, so dass es schwierig war, unerkannt zu bleiben. Deswegen "Wäre es gut, wenn der erste Versuch klappt.", sagte Rocky, und seine Worte klangen wie eine Drohung bei der Vorbesprechung.
    Semir ahnte nichts. Die Bäume zogen links und rechts an ihm vorbei, und die Brücke, die ihm jetzt ins Sichtfeld gelangte, sah nicht anders aus als sonst. Ein schwarzer Bogen über der Straße, dahinter der dunkelblaue, teils mit schwarzen Wolken behangene Nachthimmel. Die dunkle Gestalt auf der Brücke, die sich mit einem großen schweren Stein nun erhob, nahm er nicht wahr. Nur das laute Krachen, als der Stein auf die Motorhaube aufschlug, um danach noch gegen die Frontscheibe zu prallen, und diese auf der Beifahrerseite splittern ließ, nahm Semir wahr. Der Schreck fuhr ihm in die Glieder, instinktiv griff er das Lenkrad fest um den Wagen nicht aus der Kontrolle zu verlieren und trat direkt auf die Bremse.


    Die Reifen frassen sich in den Asphalt, und ruckartig kam der Wagen am Straßenrand zum Stehen. "Was zum...", japste Semir und hielt sofort ein. Ein Stein, der von der Brücke kam... dann kann der Werfer noch nicht weit sein. Er löste die Gurte und riss die Tür auf, doch die Planungen der Sturmfront hatten genau das vorgesehen. Aus dem Wald kamen sie wie ein Überfallkommando, 4 oder 5 vermummte Typen mit Gewehren, die wie Sturmgewehre aussahen. Semir blickte sich um und sie zogen den Kreis um den Polizisten sofort zu. "Ein Griff zur Waffe, Türke, und wir richten dich hier und jetzt!", schrie einer drohend, als Semirs Hand langsam zu seiner Waffe an seiner rechten Körperseite wanderte. Er hielt dennoch ein... denn die Entschlossenheit in den Augen, die er durch die Schlitze der Sturmmaske erkennen konnte, machte ihm ein wenig Angst. Dieser Typ würde sofort abdrücken, und selbst wenn er es schaffen sollte ihn auszuschalten, würden seine Kollegen schiessen.
    "Was wollt ihr von mir?", rief Semir, als die Typen näher kamen, einer ihm den Lauf des Gewehrs sofort gegen die Wirbelsäule stieß, so dass der Polizist auf die Knie fiel. Der andere griff sofort zu seiner Dienstwaffe, um Semir zu entwaffnen, alles geübt. Scheinbar hatten die Kerle für diesen Auftritt trainiert, es wirkte aber nicht wie ein Training von SEK oder MEK, das Semir kannte, sondern eher wie Soldaten. Semir wurde zur Entwaffnung nicht flach auf den Boden gelegt, sondern in die Knie gezwungen. "Wir säubern unseren Staat!", gab ihm einer der vermummten zur Antwort, und sofort packten sie ihn, um ihn wieder auf die Beine zu ziehen, mit Kabelbinder wurden seine Hände auf dem Rücken fixiert.


    "Los, ab in den Wagen mit ihm.", befahl einer der Vermummten, der scheinbar das Kommando hatte. Er ging zu Semirs BMW und sah hinein... der Schlüssel steckte. Der Wortführer wies einen seiner Männer an, den Wagen wie besprochen "zu entsorgen." Währenddessen zogen und zerrten der Rest der Männer den gefesselten Polizisten in den Wald zu einem kleinen Waldweg, wo ein alter Geländewagen schon bereitstand. Dort zwangen sie ihn unter Waffengewalt zum Einsteigen. "Ihr seid die Sturmfront, das weiß ich. Ihr könnt euch die lächerliche Maskerade sparen.", keifte Semir genervt zu seinem Nebenmann, und der Wortführer, der auf der Beifahrerseite einstieg, zog sich die Maske vom Kopf. "Ihr habts gehört, Männer. Unser Staatstürke ist nicht so dumm, wie seine Landsleute." Nacheinander zogen die 4 Männer um ihn herum in dem Geländewagen die Masken vom Kopf. Neben sich erkannte er einen der Typen, die vor seiner Haustür waren, um die Nachbarin einzuschüchtern. Er wurde von hasserfüllten Augenpaaren angeguckt, und der Fahrer startete den Motor.
    "Was wollt ihr von mir? Warum lasst ihr mich nicht in Ruhe.", fragte Semir nochmal, denn er konnte sich diesen Angriff nicht erklären. Bisher war die Sturmfront gegen ihn nur mit subtilem Psychoterror vorgegangen, aber nicht mit körperlicher Gewalt. Eine Entführung? Was nützte es ihnen? Wollten sie Lösegeld erpressen? Das passte doch überhaupt nicht in die Ideologie dieser Typen. Aber warum sollten sie ihn dann entführen?


    Der Wagen schaukelte auf dem buckeligen Waldboden hin und her, der Fahrer fuhr nicht gerade langsam und alle vier mussten sich im Fahrzeug ein wenig festhalten. Nur Semir konnte nicht, seine Hände waren auf dem Rücken, eingeschnürt von scharfkantigen Kabelbinder, die sich in sein Fleisch hineinschnitten. "Wir müssen der Gesellschaft zeigen, wie wir uns unser Land vorstellen. Was wir besser machen wollen und welcher Abschaum in unseren Straßen patroullieren darf. Mit einer Marke und einer Waffe in der Hand. Und mit dir, mein kleiner türkischer Freund...", und dabei zeigte der Wortführer, Rocky, mit seiner Waffe auf das Gesicht des Polizisten. "...fangen wir an." Semir schluckte... wenn das eine große Öffentlichkeitsaktion werden sollte, dann konnte man mit dem Tod eines Polizisten mit Migrationshintergrundes gut schocken... vor allem, wenn dieser vor einigen Tagen eine Flagge einer islamistischen Terrorvereinigung gehießt hatte. Semir wurde es mulmig... es war erst Abend... Andrea dachte eigentlich, dass Semir mit Ben und Kevin noch etwas trinken geht und würde ihn wohl nicht vermissen. Sie würde ins Bett gehen, einschlafen und erst morgen früh merken, dass etwas nicht stimmt... und vorher auch nicht Ben und Kevin alarmieren. Semir war auf sich alleine gestellt...

    Jenny's Wohnung - 18:30 Uhr


    Ermittlungen, die unter der Hand verfolgt wurden, hatten einen Nachteil... sie mussten zurückstehen, wenn die Männer von Cobra 11 ihrer eigentlichen Arbeit nachgehen mussten. Ein Überfall auf einen Werttransporter, eine Verfolgungsjagd über die Autobahn, ein Unfall, drei Festnahmen... der Papier- und Schreibaufwand danach gewaltig, auch wenn die Männer, die sich nicht tollpatschiger bei der Flucht hätten anstellen können, sofort geständig waren. Niemand war wirklich bei der Sache. Semir noch am ehesten, riss er, ganz Chef-Ermittler, die meiste Arbeit an sich. Da er den Dienstwagen gefahren war bei der Verfolgungsjagd, schrieb er fast das komplette Protokoll des Einsatzes in Rekordgeschwindigkeit. Ben übernahm das Verhör der Verbrecher mit Kevin zusammen, wobei der junge Ermittler recht stumm und wortkarg nur daneben stand, während Ben Routinefragen stellte. Man rief den Haftrichter an, man verbrachte die Verbrecher zur Untersuchungshaft.
    Draussen war es bereits dunkel, und wie immer im Herbst, war diese Umstellung unangenehm. So schön es war, wenn es im Frühling immer länger hell blieb und immer früher hell war, so war es jetzt unbequem, man hatte das Gefühl der Tag sei schon am Ende, obwohl es gerade mal Feierabend war. "Wie siehts aus? Bist du fertig? Wir wollten doch noch etwas trinken gehen.", sagte Ben, als er vom Aufenthaltsraum ins Büro der Polizisten kam, wo Semir immer noch am Tippen war. "Ich brauch noch etwas... ausserdem bin ich eh tot für heute. Ich fahr gleich nach Hause." "Abscheisser.", meinte Ben trocken und blickte zu Kevin. "Aber wir schnappen noch einen." Der junge Polizist wog den Kopf hin und her... ihm lag die Sache mit dem Polizisten im Magen, aber etwas Ablenkung war jetzt nicht schlecht. "Dann lass uns zu mir in die Wohnung fahren, und ein bisschen Musik machen. Irgendwo auf viel Bla-Bla in einer Kneipe hab ich echt kein Bock." Ben fand den Vorschlag gut, und nickte sofort.


    Die beiden verabschiedeten sich von Semir, machten im Auto einen kleinen Abstecher zu Bens Wohnung, der dort seine Gitarre aus seinem Schlafzimmer nahm, und fuhren weiter zu Jennys Wohnung, wo Kevin momentan wohnte. Ben war zum letzten Mal hier, als es zu der verhängnisvollen Nacht zwischen ihm und Jenny gekommen war, womit beide schwer zu kämpfen hatten, die Sache Kevin zu erzählen der zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht mit Jenny zusammen war, die beiden hatten sich aber bereits angenährt. Doch das war vergeben und vergessen, und es gab nur noch ganz seltene Momente, in denen Kevin daran dachte. Mit Klimpern des Schlüssels sperrte er die Wohnungstür auf, und die beiden Männer traten ein. Jenny war nicht da, sie war an diesem Abend, wie angekündigt, zu ihren Eltern gefahren. Ansonsten hätte Kevin das Angebot, zu ihm zu fahren, nicht gemacht nachdem die beiden heute Morgen nicht gerade glücklich auseinandergegangen waren.
    Ben setzte sich auf das Sofa, nahm seine Gitarre und begann sie zu stimmen. "Bierchen?", fragte Kevin vom Kühlschrank aus. "Klar, wir sind doch nicht zum Spaß hier.", war die saloppe Antwort, die den melanchonischen und nachdenklichen Polizisten sofort zum Grinsen brachte. Eigentlich müssten Ben und Kevin beste Freunde sein... so unterschiedlich und so gleich waren sie gleichzeitig. So unterschiedlich in ihrer Art, der selbstbewusste Sunnyboy Ben, immer einen lockeren Spruch auf den Lippen und auf der anderen Seite der ruhige, schweigsame Kevin. So gleich aber, wenn es um das Thema Musik ging, für das sie beide lebten, um das Thema Freundschaft, was für sie beide wichtig war. Doch immer gab es irgendeinen Vorfall, der das Vertrauen zwischen den beiden zerüttete... Bens Ausraster im Krankenhaus, seine Nacht mit Jenny.


    Die beiden Männer spielten auf ihren Gitarren alte Rock-Klassiker, manchmal sang Ben ein wenig dazu, spielte oft die Leadgitarre der Songs, während Kevin die Begleitung dazu gab. Bei manchen Stücken, die Kevin besser konnte, wechselten sie die Rollen, hin und wieder spielten sie auch eine Fantasiemelodie, wobei der eine sich dem anderen anpasste. "Warum spielst du eigentlich nicht in einer Band?", fragte Ben, als sie eine kleine Pause machten und gerade das zweite Bier geöffnet hatten. "Hab ich... früher.", sagte Kevin und musste lächeln, als er sich an diese Zeit zurück erinnerte. "Aber eine andere Richtung." "Was denn? Schlager?", lachte Ben und die beiden prosteten sich zu. "Punk der einfacheren Sorte. Keine anspruchsvolle Musik, sondern einfach Krach." Der Polizist mit dem Wuschelkopf nickte, er wusste von Kevins Vergangenheit. "Warte mal..."
    Kevin stand auf und ging kurz ins Schlafzimmer. Er kam nach kurzer Zeit wieder heraus, mit seinem Karton unterm Arm. Dabei hatte er im Schlafzimmer einige persönliche Dinge und Fotos herausgeholt, und nur die Texte, die er geschrieben hatte, drin gelassen. "Hier... das ist quasi mein "musikalisches Schaffen" aus dieser Seite. Ich hab ein bisschen Gitarre gespielt, gesungen oder wie man das nennen konnte, und die Texte geschrieben." Ben nahm einige Zettel in die Hand, und Kevin fand es gar nicht schlimm, ihm diese Persönlichkeiten zu zeigen. Hätte Jenny ihn einfach gefragt, hätte er auch zu seiner Freundin nicht "Nein" gesagt. "Whoa... nagut... solche Texte würde ich jetzt vielleicht nicht singen.", meinte Ben grinsend als er gerade einen Text in der Hand hatte, der zur Gewalt gegen Polizisten und Neo-Nazis aufrief, diese beiden Personengruppen auf eine Stufe stellte. "Ja... ich heute auch nicht mehr.", sagte sein Partner dabei, und musste unweigerlich sofort an Annie denken...


    Ein Text gefiel Ben, er wollte es versuchen, mit Kevin zu spielen. Es klang, nur mit zwei Akkustikgitarren zwar nicht wie Punk, aber sie bekamen es hin und der Polizist, der nebenbei in einer Rockband spielte fand, dass Kevin gar kein so schlechter Sänger war. Der Text handelte von einem Mann, der sein Leben in einer Zeitschleife sah, mit Haus, Frau und Kindern, in dem er eigentlich glücklich war, aber doch immer mal von Zweifel geprägt. Kevin hatte den Text mit 16 geschrieben, als hätte er geahnt, dass er solche Gedanken 15 Jahre später haben würde. Im Zwischenteil heißt es:


    "Es gab da mal nen Zwischenfall, das ist schon länger her
    Und manchmal fragst du dich, wie es mit ihr gewesen wär
    Sie hatte alles was du mochtest, sie war frech, spontan und laut
    Doch sie wollte nach Australien, und das hast du dich nicht getraut."


    Ben gefiel das Lied. Ein bisschen mehr Melodie und ein bisschen langsamer, und es würde wirklich gut ins Line-Up seiner Band passen. Kevin freute es. "Ihr könnt es gerne mal spielen, wenn ihr wollt." "Wir bräuchten sowieso momentan einen Gitarristen. Unser jetziger hat ein Kind bekommen, und fällt ständig aus. Also wenn du Lust hast...", fragte Ben ein wenig vorsichtig, denn er konnte sich den Kevin, der er kannte, nicht als Stimmungskanone auf einer Bühne vorstellen. "Euer Gitarrist bekommt ein Kind?", wiederholte er in diesem Moment mit zweifelndem Gesicht, bevor er eindeutig anfing zu grinsen, und Ben boxte ihm gegen die Schulter. "Natürlich seine Frau, Doofkopp." Kevin merkte, wie schnell er sich von seinen Gedanken ablenken ließ, wenn er seine Freunde um ihn herum hatte... ob Ben, Jenny oder Semir. Auch wenn er wusste, dass die Gedanken heute Nacht zurückkommen würden.


    Ein Text fiel Ben noch in die Hände, als er das Stück Papier aufklappte und las, während sein Freund nicht genau sah, welchen Text er in der Hand hatte. "Hey, der ist aber auch toll... der passt gar nicht zum Rest.", meinte er anerkennend, und erst jetzt blickte Kevin genauer auf das Blatt. Es war nicht seine Schrift, und er erkannte den Text sofort, und sein Lachen verschwand für einen Moment. "Der ist auch nicht von mir." "Sondern?" "Von...", er verharrte kurz und biss sich auf die Lippen. "Den hat mal irgendjemand geschrieben damals... keine Ahnung." Ben spürte, dass diese Antwort Kevins ein astreines Ausweichmanöver war, doch er fragte nicht, er bohrte nicht... aber er war ergriffen von den Zeilen. "Habt ihr den gespielt?" Kopfschütteln, beinahe schon energisch.
    "Komm, lass uns dazu was schreiben... eine Melodie.", sagte Ben fast schon eifrig. Er genoß es, zu Texten ein Lied zu erfinden, eine Melodie, die ihm im Kopf herumschwebte, zu Papier zu bringen und zu spielen. Kevin sah noch ein wenig zweifelnd aus. "Also die Musik hatte damals immer jemand anderes geschrieben... das ist nicht so meins..." "Dann wird es jetzt eben deins." Eigentlich war der junge Polizist nicht so sehr begeistert, ausgerechnet jetzt zu Annies Liebestext ein Lied zu schreiben... aber er ließ sich darauf ein. Ben summte ihm eine Melodie vor, beide versuchten sie sie auf der Gitarre nach zu spielen. Sie schrieben sich die Noten auf, tranken mittlerweile das dritte und vierte Bier, spielten eine Begleitung dazu und versuchten zum ersten Mal den Text zu singen.


    Um halb 1, gerade als Jenny zur Wohnung hereinkam, und die beiden Männer mit Gitarren am Wohnzimmertisch, der gepflastert war mit 12 leeren und 2 viertelvollen Bierflaschen war, hatten sie das Lied mit einer Gesangslinie, zwei Gitarrenlinien und einem fiktiven Schlagzeug fertig. "Ich zeig das mal meinen Jungs... das wird Bombe. Und das musst DU singen.", sagte Ben, beseelt vom Alkohol, der Euphorie und dem Spaß mit Kevin zu musizieren. Sie ergänzten sich toll, musikalisch wie menschlich... wo Ben den Perfektionismus des Rockn Roll in sich hatte, hatte Kevin die Energie und die Einfachheit des Punks. Ausserdem spürten sie beide, wie nah sie sich menschlich doch sind, wie gut sie sich verstanden, und wie leicht es ihnen fiel, gemeinsam Sorgen hinter sich zu lassen.
    Jenny grinste nur und meinte, sie würde Ben besser nach Hause fahren mit gespielt kritischem Blick auf den Tisch voll Bierflaschen. Mit Handschlag verabschiedeten sich die beiden Männer, und als Jenny zurückkam, war Kevin auf dem Sofa bereits eingeschlafen. Lächelnd faltete Jenny alle Blätter mit Buchstaben und Zeilen zusammen, ohne einen neugierigen Blick darauf zu werfen, und legte alles zusammen in den Karton...

    Ausserdem auch schon Namen anderer Schauspieler, so scheint Martin Armknecht, bereits hinlänglich bekannt aus diversen Folgen, einen Doktor zu spielen.

    Hmm... wäre wirklich toll. Vielleicht Anna Engelhardt als ehemalige Ausbilderin des Polizisten Renner?

    Ich poste mal aus dem Spoiler-Thread:


    Naja...
    So wahrlich begeistert, wie nach den letzten beiden Pilotfilmen bin ich nicht wirklich. Es gab einige Sachen, die mir gefallen haben, aber nicht so sehr, dass sie den Film zu etwas besonderem machten. Ein paar Dinge fand ich extrem störend.


    + Der Humor war mehr als vorher, aber wohl dosiert. Würde sagen, ungefähr wie in der letzten Ben-Staffel. Nie niveaulos, ein paar gute Sprüche, vor allem Alex' Ausraster auf dem Dach war ganz lustig.
    + Die Aufnahmen und das exotische Flair von Albanien
    + Der albanische Kommissar hat mit spielerisch und charakterlich echt überzeugt. Hatte schon befürchtet, dass der entweder zur falschen Seite gehört, oder am Ende erschossen wird. Trat zum Glück nicht ein
    + Soundtrack war hervorragend.

    - Die Story war wirklich nichts Neues. Jemand will für einen Todesfall Rache an den Polizisten nehmen, bedroht die Familie, entführt die Famile... gab es schon 1000mal. Allein die Thematik um den albanischen Clan und den alten Brauch war neu.
    - Ich fand die Verhältnismäßigkeit wieder sehr "überrissen." Drei Polizisten hebeln den gefährlichsten Drogenclan Albaniens aus, die eine komplette Armee hinter sich haben... bitte.
    - Andrea's Rolle, bezogen auf die Gründe für die Scheidung, fand ich nicht konsequent. Sie lässt sich von Semir, u.a. aufgrund der ständigen Gefahr für ihre Familie scheiden, sie kommen wieder zusammen und geraten sofort wieder in Lebensgefahr... aber trotzdem ist alles okay, sie ist wieder die starke Frau? Hat mir nicht gefallen. Zumindest ein paar Zweifel hätten da hin gemusst.
    - Wie in den mittleren Ben-Staffeln, zuviel MG-Geballer, was niemanden interessiert. Alex legt die halbe Stadt in Schutt und Asche, die Menschen stehen interessiert herum. Semir läuft mit einer gezückten Knarre (!) durch eine deutsche Schule, die Schüler sitzen auf den Pausenbänken und denken sich nichts dabei.
    - Danas Rolle gefällt mir einfach nicht... jedesmal spielt sie zu Beginn die verzogene Göre, jedesmal gerät sie dann in Gefahr, jedesmal kommt sie am Ende zur Vernunft, damit das gleiche Spiel in der nächsten Folge von vorne losgeht.
    - Dass man Sander gezeigt hat, fand ich vollkommen daneben. Genauso umgekehrt, dass die Frings überhaupt keine Erwähnung fand. Wenn man konsequent einen roten Faden verfolgen will, was man ja auch diese Staffel vorhat, dann hat das gar nicht gepasst. Alle wissen, dass Sander mit dem Tonbandgerät Dreck am Stecken hat, und die Frings wohl noch im Krankenhaus liegt. Das hätte man mal erwähnen müssen, in nem Halbsatz und Sander erstmal rauslassen müssen. Das sah aus, als wäre die Welt wieder in Ordnung.
    - (Persönlicher, aus männlicher Sicht, Minuspunkt): Jenny war nicht dabei :D


    Glaube, das wars soweit... also doch irgendwie mehr Dinge die mich gestört haben, als wirklich gut gefallen... und die positiven Dinge waren jetzt auch nicht vom Hocker hauend. Verglichen mit "Die dunkle Seite", der Doppel-Folge "Ausgelöscht" und dem letzten Staffelfinale stinkt der Pilotfilm ab.


    Weiß nicht... würde vielleicht eine 5,5/10 geben, wenn ich den Zeitraum mit den schwachen Ben-Staffeln dazu nehme. Nur auf die Alex-Zeit bezogen war das mit eine der schwächeren Folgen, der schwächste Pilot sowieso, und würde schlechter in den Punkten abschneiden.

    Lagerhalle - 02:30 Uhr


    Die Musik hämmerte aus den Boxen, den ganzen Leuten die in der Lagerhalle bei reichlich Alkohol, Drogen und dröhnendem Punk feierten waren durchnässt vom Schweiss. Jerry hatte sich echt ins Zeug gelegt, hatte mehrere, innerhalb der Szene bekannte Punkbands angeschrieben, die auftraten, hatte einen Bekannten, der Lichttechniker war, angeheuert der die alte Lagerhalle fast schon in eine Konzerthalle umbaute. Für einige Stunden verwandelte sich das "Rattenloch", wie einige es nannten, in eine Diskothek für den 18. Geburtstag seines jungen Freundes Kevin. Um 0:00 Uhr war es soweit gewesen, als die Band "Kotzreiz" mit einem schrillen Gitarrenriff zum "Happy Birthday" anstimmte, Jerry, Uwe und "Ratte", wie sich einer der Punks nannte, eine große Torte durch die Reihen trug mit Spritzkerzen, jeder Menge Alkohol und die Torte mit bunten Smarties karniert, wobei die Smarties nur äusserlich aussahen wie die bekannten bunten Schokolinsen. In Wahrheit waren es Muntermacher, LSD und Speed.
    Die ganze Halle sang, nein brüllte ein Geburtstagsständchen, bevor die Band auf der Bühne ihren unbändigen Krach und ihrer aggressiven Energie wieder freien Lauf ließ. Von der Torte wurde eher weniger gegessen, es wurde mehr damit herum geworfen und sich gegenseitig eingesaut, nur die Pillen darauf fanden ihren Weg in viele Mägen der Jungs und Mädels.


    Janine war Kevin zuerst um den Hals gefallen. "Alles Gute, Brüderchen. Jetzt bist du ein alter Sack.", sagte die 15jährige lachend und drückte ihrem großen Bruder einen Kuss auf die Wange. "Jaja, klar. Pfff.", lallte der nur, denn Kevin hatte schon einiges getrunken, war zwar noch nicht hacke aber auf dem besten Weg dahin. Ein wenig würde er sich zusammen nehmen müssen, denn er würde Janine irgendwann noch nach Hause bringen müssen. Kevins Vater schien zumindest oberflächlich auf Janine mehr Acht zu geben, als er es bei Kevin getan hatte, so war es ihm vor vier Jahren völlig wurscht wo Kevin übernachtete oder seine Zeit verbrachte, Janine musste zu Hause schlafen oder zumindest bei Kalle. Ansonsten, so drohte Erik Peters seinem Sohn, würde er höchstpersönlich die Bullen auf Kevin ansetzen.
    Jerry war der zweite Gratulant und herzte seinen Schützling, drückte ihm dabei die Schlüssel seines alten Choppers in die Hand... sein Geschenk, weil er sich vor einigen Tagen ein neues Motorrad gekauft hatte. "Wow, das ist ja irre.", freute sich Kevin und Jerry mahnte allerdings sofort. "Das war nur symbolisch. Gib mir die Schlüssel wieder, die kriegst du dann morgen früh nochmal... sonst fährst du mit dem Ding nachher noch nach Hause." Sofort zog der Junge Punk eine Schnute unter seinen wilden hellgrünen Haaren und rückte den Schlüssel widerwillig wieder heraus. Nach und nach kamen alle anderen zu ihm, drückten ihm die Hand, umarmten ihn, einige Mädels küssten ihn auf die Wange, ein junges Mädchen, dass sich die Haare bis auf einen Iro komplett abrasiert hatte, küsste ihn keck auf den Mund, weil sie in den jungen Punk verliebt war. Die einzige, die Kevin nicht gratulierte, war ein junges Mädchen, das sich den ganzen Abend schon von ihm fernhielt... Annie.


    Kevin hatte erst vor einigen Wochen Annies momentanen Freund ins Krankenhaus geprügelt. Getrieben vor Eifersucht, provoziert von ihrem Austausch an Zärtlichkeiten, benebelt von einem schlechten LSD-Trip. Er war heute zum ersten Mal seit langem wieder hier, war aber, ebenso wie Annie, nicht in Kevins Nähe gekommen. Janine beugte sich zu späterer Stunde zu ihrem Bruder, sie war ebenfalls schweissnass trotz ihres recht luftigen Tops. "Haben Annie und Zeck dich gratuliert?" "Der kann froh sein, wenn ich ihm nicht nochmal den Kopf abmontiere.", war die schmallippige Antwort des jungen Geburtstagskindes. "Du Doofkopp.", lachte Janine. "Steh doch endlich drüber und sieh ein dass Annie dich gar nicht verdient hat. Soll sie doch machen was sie will." Janine und Annie hatten sich angefreundet, als die kleine Schwester von Kevin langsam Kontakte in der Punkszene knüpfte. Die Freundschaft währte immer noch, und so fiel es ihr mehr als schwer seit der Trennung zwischen den Stühlen zu sitzen. Wenn es aber hart auf hart komme, würde sie immer zu ihrem Bruder stehen, und so hatte sie gegenüber Annie auch deutlich gemacht, dass sie es scheisse fand, wie sie sich gegenüber Kevin verhalten hatte.
    "Ich werde dich dran erinnern, wenn dich mal ein Typ abserviert.", neckte Kevin seine Schwester, die aber sofort schlagfertig konterte. "Ach hör doch auf. Als du Joey damals mit einer anderen hast knutschen sehen, hast du auch erst zugeschlagen und mich danach erst gefragt, um zu erfahren, dass wir gar nicht mehr zusammen waren." Das war wirklich peinlich für Kevin... er hatte den damaligen Freund seiner Schwester, einen 16jährigen Gymnasiast, der eigentlich überhaupt nichts mit der Szene zu tun hatte, gesehen, wie er mit einer anderen geknutscht hatte. Das Versprechen, was er ihm beim ersten Treffen gegeben hatte, "Wenn du meiner Schwester das Herz brichst, brech ich dir auch was." wollte er einhalten, und so kostete es Joey das Nasenbein. Erst später erzählte Janine, dass sie und Joey sich schon vor einer Woche getrennt hatten.


    "Es ist schon halb drei... um drei soll ich daheim sein.", sagte Janine missmutig und sah auf die Uhr. Kalle hatte Einsicht am 18ten Geburtstag, dass Janine solange wegblieb, und Kevin sollte sie dann aber nach Hause bringen. "Okay, ich sag kurz Jerry Bescheid." Er kämpfte sich schwankend durch die Menschenmenge, und schlug Jerry auf die Schulter, der sich gerade mit Timmy unterhielt. Kevins Stimme klang deutlich angetrunken als er sagte: "Du, ich bring Janine nach Hause, okay?" "Soll euch jemand begleiten? Du siehst mir nicht mehr aus, als dass du den Weg findest.", fragte Jerry grinsend und Timmy lachte. Kevin hielt nicht viel von dem Boxer, der eigentlich gar nicht ihrer Gruppe angehörte, sondern eher in der Boxschule rumhing mit anderen Typen wie Peter Becker, dessen Bruder im Ring gegen Kevin an einem Drogencocktail gestorben war vor einem Jahr. "Quatsch. Ich nehm die Abkürzung und bin in einer halben Stunde wieder da." Jerry nickte und schlug Kevin auf die Schulter.
    Die Luft draussen war warm aber erfrischend. Es war eine laue Sommernacht, beide Jugendlichen waren schweißüberströmt, kicherten und hielten sich aneinander fest, weil zumindest der Größere der beiden Gestalten nicht mehr ganz sicher auf den Beinen war. Trotzdem fühlte Janine sich sicher bei ihrem großen Bruder. Sie konnte sich auf ihn verlassen, egal in welcher Situation. Er war tatsächlich so etwas, wie der Fels in der Brandung, an dem sie sich jederzeit festhalten konnte, dem nichts zu schwer fiel, der alles irgendwie hinbekam, was er vor hatte. Janine vertraute ihm blind, auch als sie jetzt in die dunkle Gasse einbogen, in der kein Licht schien, in der es sofort etwas kühler wurde und in der ihre Stimmen ein wenig hallten, als Janine sagte: "Ich würde mich alleine ja nicht nachts durch solche Gassen trauen... aber solange du bei mir bist.", und dabei hakte sie sich fest bei ihrem großen Bruder ein.


    Sein Schrei kam unvermittelt, denn die Schritte hinter ihm hatte er nicht gehört. Ein stechender Schmerz breitete sich über seinen Rücken aus, ein Gefühl wie ein Stoß und etwas eiskaltes Drang in sein Fleisch. Sofort spürte er, wie er den Boden unter den Füßen verlor, er spürte das Gefühl, wie die Klinge des Messer wieder aus seinem Rücken glitt, um erneut, nur wenige Centimeter daneben das Fleisch zu zerteilen und erneut tief in seinen Körper einzudringen. Kevin packte mit der rechten Hand Janines Arm, mit aller Kraft, die ihm noch blieb. Das Mädchen konnte vor Schreck nicht einmal schreien, sie spürte nur, wie sie mit zu Boden gerissen wurde, als der schwerere Kevin durch den zweiten Messerstich in den Rücken in den Dreck fiel. "Kevin!! Kevin!!!", schrie sie wie wild, als sie an der Hüfte von einem Arm wie ein Schraubstock gepackt wurde, und von ihrem geliebten Bruder weggezerrt wurde.
    Sie waren viel zu stark... das Licht des Mondes fiel halb auf den stöhnenden jungen Mann im Dreck, und Janine konnte nur für einen Bruchteil erkennen, das sein Shirt am Rücken blutgetränkt war. Doch rational denken konnte das junge Mädchen in ihren letzten Minuten nicht mehr. Sie wurde von zwei Männern gegen die Wand gedrückt, sie schrie, versuchte zu schlagen und zu beißen, doch weder trafen ihre Hände, noch ihre Zähne. Dass der Typ, dem eine schwarze Strähne im Gesicht hing, ihren Rock hochriss, spürte sie nicht mehr... was sie spürte war ein stechender Schmerz im Unterleib, der sie wie wild zu schreien beginnen ließ. Dann ein Brennen im Hals... hatte sie zuviel geschrien? Wurde ihre Stimme taub, fiel sie durch den enormen Schmerz in Ohnmacht? Janine bekam Atemnot, ihr Japsen wurde kürzer und kürzer und sie erkannte noch kurz die hellblauen Augen ihres Bruders, der den Kopf zu ihr hob, das Gesicht verzerrt. Das letzte, was sie schmeckte, war der eklige Geschmack von eisenhaltigem Blut im Mund, das sie durch die aufgeschlitzte Kehle nicht mehr zurückhalten konnte...


    Kevins Schmerz verteilte sich über den kompletten Rücken, es lähmte ihn. Er spürte seine Beine nicht, seine Arme nicht, um ihn herum schien alles vor Schmerz verschwommen. Er sah nur, was mit seiner Schwester passierte, er hörte ihre Schreie, er hörte seinen Namen... und der junge Punk war unfähig etwas zu tun. Er lag einfach da, er zitterte am ganzen Körper, und konnte nur hören... Schmerzensschreie, Hilfeschreie, Verzweiflungsrufe und das unnatürliche Gurgeln, als Peter Becker Kevins Schwester das Leben abschnitt...

    Lagerhalle - 12:30 Uhr


    Schockzustand... das war das beste Wort, was Annies Gemütslage gerade beschrieb. Sie war zusammengebrochen, hatte jede Hilfe ihrer Freunde abgelehnt und es gerade noch geschafft, sich in ihr Gemach zurück zu ziehen, bevor sie von einem Weinkrampf geschüttelt wurde. Sie wusste nicht, ob sie aus Wut, Enttäuschung, Selbsthass oder Traurigkeit weinte, vermutlich war es eine Mischung aus allem. Wut auf Kevin, Enttäuschung über Kevin, aber Selbsthass weil sie es nicht schaffte, sich loszusagen von den Geistern ihrer alten Zeit... und die Traurigkeit zu erkennen, dass es eben vorbei war... es würde nie mehr so werden, wie es einmal war.
    Mit vielem, was Kevin eben gesagt hatte, hatte er Recht. Jerry war tatsächlich eine Leitfigur, nicht nur für Annie, aber ganz Besonders für Annie. Dass sie ihn verraten hatte, in dem sie Kevin quasi nur aufgrund seines Berufes wie einen Aussätzigen behandelte, hatte sie geschockt. Sollte das stimmen, was Kevin erzählte, was im Gefängnis zwischen dem Polizisten und dem Alt-Punk geschehen ist, dann hatte er wohl Recht. Jerry hatte sich mit Kevins neuem Leben arrangiert, für ihn stand der Mensch im Vordergrund, nicht dessen Beruf. Scheinbar hatte er auch gespürt, dass Kevin sich nicht verändert hatte, bevor er von dessem Polizistenjob erfahren hatte. Doch Annie merkte gleich, dass der junge Punk von damals nicht mehr so war, wie früher. Er war ruhiger, schien melanchonischer, nicht mehr das draufgängerische Energiebündel von damals. Und er hatte Janine erwähnt... seine Schwester, die er über alles geliebt hatte, und für die er vermutlich 1000 Tode gestorben wäre. Ihr Tod war für die ganze Szene ein Schock.


    Die Erkenntnisse prasselten auf die arme Annie herunter, und ließ sie ihr Gesicht tief in ihr Kissen graben. Ihre Finger krallten sich ins Laken, sie hätte am liebsten irgendetwas kaputt gemacht, ihre Wut rausgelassen, doch sie frass es tiefer in sich hinein. Sie fühlte sich müde und schlapp, zu fertig um wieder auf zu stehen. Sie wollte liegen bleiben, immer liegen bleiben, nie wieder raus in diese kalte Welt. Ein starker Arm schloß sich um ihre Hüfte, eine Hand fasste um ihren Bauch und eine Brust drückte sich an ihren Rücken, eine Schutzumarmung in die sie sich mit geschlossenen Augen hinein kuschelte. Es fühlte sich so gut an, geborgen zu sein, einen Zustand in den sie sich nie gerne hinein begab, weil sie es als Schwäche auslegte... doch es gab Momente, in denen sie diese Haltung genoß. In denen sie es genoß, dass Kevin da war, sie beschützte wie er auch seine Schwester beschützte.
    Ihre Finger strichen über Kevins Oberarm, sie drehte sich zu ihm um und beide schmiegten ihre Körper dicht aneinander. "Es tut mir so leid, Kevin...", sagte sie leise und konnte sein Herz deutlich schlagen spüren. Er erwiederte nichts... er blieb stumm. "Aber... ich... ich hab mich so gefreut, dich wieder zu sehen. Ich hab mich so sehr an die alten Zeiten erinnert, und dann ist plötzlich alles anders. Du bist ein Polizist... du hast eine Freundin, ein geregeltes Leben. Es ist... alles anders als vorher." Sanft spürte sie seine Hand durch die Kurzhaarfrisur streichen. "Ich will, dass alles so ist wie vorher... ich wünschte, ich hätte mich damals nicht gegen dich und für das wilde Leben entschieden. Entweder wären wir dann beide noch hier... oder beide dort, wo du jetzt bist." Annie spürte, dass ihre Vorbehalte gegen Kevins Beruf nur aus dem Selbsthass entstanden, und ihren Hass auf die einzelnen Polizisten, die sie schikaniert haben. Gegen die sie Steine geworfen haben. Sie hatte den Absprung verpasst, den Absprung den viele gemacht hatten.


    Natürlich hatten sie auch unter Jerry demonstriert, Nazis angegriffen, gegen die Polizei. Doch hatte Jerry dafür immer Gründe, aber auch die Weitsicht, die Polizei in Ruhr zu lassen, wenn sie eine der ihrigen Demonstrationen bewachte. Und Jerry hatte die Weitsicht, zwischen dem Menschen und dem Polizisten zu unterscheiden. In Annies blinder Wut hatte ihr die Weitsicht gefehlt... und sie bereute es. Sie hätte nicht die Mauer versprühen sollen... sie hätte mit Kevin reden sollen, über ihre Enttäuschung. Aber sie war blind... vor Wut... und vor Enttäuschung über die zurückgewiesene Liebeserklärung. Sie wünschte sich, dass sie mit Kevin wieder soetwas, wie einen Sinn gefunden hatte, in dem was sie hier tat... oder den Schlüssel nach draussen. Beides hatte sie kaputt gemacht.
    Und so verschwand die Illusion, der Traum von Kevin an ihrer Seite wieder, als sie die Augen aufmachte und merkte, dass sie unter Tränen eingenickt war. Sie spürte einen bitteren Geschmack im Mund, sie hatte Durst und richtete sich langsam wieder auf. Ein kurzes Nickerchen verursachte Kopfschmerzen, ausserdem hatte sie letzte Nacht wenig geschlafen und noch mehr getrunken. Als sie von der Matratze aufstand, hatte der Wind zugenommen und blies durch die Halle. Bald würde es unangenehm kalt werden, sie würden sich wieder mit einigen Ölöfen über Wasser halten und den Frühling herbeisehnen. Ihr Blick fiel auf die Flasche, und der Vorwurf von Kevin wurde wieder klar in ihrem Kopf. Ein Molotow-Cocktail mit ihren Fingerabdrücken. Sie sah sich in ihrem Gemach um... 1, 2, 3... da fehlte doch eine.


    "Diese Mistkerle...", knurrte Annie für sich. Sicherlich hatten die beiden Neo-Nazis eine Flasche mitgehen lassen, wussten sie doch um Annies Reaktion auf die Enthüllung um Kevin. Entweder hatten sie danach die junge Frau oder den Polizisten sowieso beobachtet, und die Gunst der Stunde genutzt, die Flasche dort hinterlassen, wo Annie die Spraydose fallen ließ, als Kevin sie überrascht hatte. Sie setzte sich auf die Matratze und starrte auf eine der Flaschen, als würde sie ihr Antwort geben auf ihre Fragen, die ihr im Kopf umher geisterten. Sollte sie Kevin anrufen? Ihm sagen, dass ihr eine Flasche fehlte, und dass die Faschos bei ihr waren? Dass die Kerle ihn verraten haben? Sich entschuldigen für das, was passiert war?
    Sie hatte auf ihrem altem Handy bereits seinen Kontakt ausgewählt, denn sie erst vor wenigen Tagen gespeichert hatte. Lange starte sie auf die Kolonne aus 8 Ziffern, die keinen Zusammenhang hatten. Statt auf die Schaltfläche mit "Nachricht schreiben" rutschte ihr Finger weiter herunter. Annie biss sich auf die Lippe. Nein, entschied sie. Es war vorbei. Kevin lebte nicht mehr in ihrer Welt, er lebte in einer anderen Welt in der es keinen Platz für sie gab. Und die kleine Möglichkeit, einen kleinen Platz in dieser Welt zu bekommen, hatte Annie sich selbst zerstört. Als die Schaltfläche "Kontakt löschen" markiert war, bestätigte sie es mit einem Tastendruck.


    Von draussen hörte sie Geräusche, Schritte hallten durch die Halle. Annie ging sofort um die dunkelblaue Plane herum um nachzusehen, und sah Ole und Matze diskutieren. "Hi Annie... gehts dir besser?", fragte Ole und die junge Frau nickte nur. "Und dir?" "Jaja... mich haut so schnell nichts um.", meinte der Punk grinsend, obwohl er sich vorhin noch in Grund und Boden schämte von einem Bullen so aufs Kreuz gelegt worden zu sein. Ausserdem schmerzte ihm immer noch der Kehlkopf. "Sag mal, weißt du wo Sammy ist?" In der Aufregung und der Wut auf ihren Ex-Freund hatte Annie gar nicht bemerkt, dass der kleine Punk heute morgen gar nicht dabei war. "Nein...", sagte sie nur langsam und zuckte mit den Schultern. "Wieso?" "Na, wir haben ihn seit gestern mittag nicht gesehen. Ist ja nicht ungewöhnlich, dass er mal wegbleibt, aber... naja, nachdem was in den letzten Tagen hier so passiert ist.", sagte Ole schulterzuckend, und seine Stimmte hallte in dem großen Gebäude nach.
    Annie dachte nach... es kam schon mal vor, dass einige über Nacht wegblieben. Sie übernachteten woanders, in besetzten Häusern, bei Freunden die eine Wohnung hatten, in der Tafel. Manchmal betranken sie sich auch, so dass sie den Weg zurück schlicht nicht fanden. Bei Sammy war es öfters so, auch wenn Annie auf den kleinen Punk so gut es ging acht gab... beinahe wie Jerry es mit dem, damals noch schmächtigen, Kevin tat. "Schaut mal im Park nach, ob er da irgendwo rumläuft. Ich klappere mal in unserm Viertel zwei Häuser ab. Er wird schon irgendwo sein." Matze und Ole nickten beide, und alle Drei machten sich auf den Weg.

    Dienststelle - 11:00 Uhr


    Eigentlich wollten sie auf Kevin warten, doch die Chefin grätschte dazwischen. Keine Ermittlungsansätze, stockende Ermittlungen, da musste die Leiterin der Autobahndienststelle wieder mal besondere Wege gehen. Sie kam mit einem Lächeln ins Büro ihrer beiden besten Männer. "Meine Herren, machen sie sich auf den Weg. Dienststelle Köln-Deutz, dort finden sie einen Kollegen Eggestein. Der war bis vor 5 Jahren noch beim Staatsschutz und ist nicht unbedingt im Frieden mit dieser Abteilung auseinander gegangen, wie ich recherchiert habe. Ich kann ihnen nichts versprechen, aber vielleicht bekommen sie da ein paar Informationen, ohne sofort eine Staubwolke in anderen Abteilungen aufzuwirbeln." Ben blickte interessiert auf, und Semir lächelte. "Danke, Chefin.", sagte er artig und fand es toll, dass die Chefin sogar Ermittlungen unterstützte, die sie eigentlich offiziell gar nicht genehmigt hatte. "Ruf am besten Kevin an, der soll direkt dorthin kommen, das ist quasi um die Ecke bei ihm."
    Auf dem Weg nach draussen hatte Ben das Handy am Ohr, mit dem er Kevin anrief. "Ja - komm zur Polizeidienststelle Deutz. Ne, da ist ein Kollege, der hat vielleicht Infos für uns. Staatsschutz und so. Ja, siehste dann. Alles klar.", sagte er, während er sich in den BMW hineingleiten ließ. Der junge Polizist hatte seit dem Gespräch mit Semir bessere Laune, auch wenn natürlich die Angst in ihm drin nicht einfach verschwunden war. Aber es war gut zu wissen, dass sein Partner Bescheid wusste, und in der ein oder anderen Situation reagieren konnte. "Hat sich nicht gut angehört.", meinte er, als Semir den BMW vom Parkplatz manövrierte, und der erfahrene Polizist nickte. "Eben auch schon nicht. Ich denke, das Gespräch mit Annie war nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte."


    Die Fahrt durch die Stadt verlief, wie immer, zähfliessend und nervenaufreibend. Als Semir den Besucherparkplatz der Dienststelle anfuhr, sah er bereits den Dienstwagen von Kevin, inklusive des Besitzers, der auf der Motorhaube saß und eine Zigarette im Mund hatte. Die Füße hatte er auf die Frontstoßstange gestützt, Kratzer im Lack schienen im hierbei herzlich egal zu sein. "Wenn das Bonrath sieht.", meinte Ben grinsend in Richtung seines Freundes, als er ausstieg, doch er merkte sofort bei Kevins Gesichtsausdruck, dass dieser gerade nicht zu Scherzen aufgelegt war.
    Bevor sie die Dienststelle betraten, kam Semir zu Kevin und griff ihn am Oberarm. "Wie wars denn da hinten?" Der junge Polizist zuckte resignierend mit den Schultern und sagte, als ginge es um etwas völlig nebensächliches: "Annie war sauer, weil sie irgendwoher erfahren hat, dass ich Polizist bin. Brauch ich also nicht mehr auftauchen da hinten. Das Tag hat sie gesprayt, die Brandflasche... ich weiß nicht. Glaube ich eher nicht, auch wenn ihre Fingerabdrücke da waren..." Semir verzog die Lippen zu einer etwas mitleidigen Grimasse. "Hmm, Scheisse. Naja, schauen wir mal, was wir hier erfahren." "Ja... schauen wir mal." Semir erkannte sofort in Kevins Stimmlage, dass ihn nicht das Abhandenkommen einer möglichen Informationsquelle zu schaffen machte, sondern der offenbare Bruch mit Annie. Kevin hatte ihm in der Wohnung von dem Verhältnis erzählt, und wie er sich fühlte, sie wieder zu sehen. Nichts davon hatte er allerdings von Annies Brief gesagt, denn den hatte er erst später bekommen... Semir ging nur von einem Bruch der alten Bekanntschaft aus, und das schien Kevin auf dem Magen zu liegen, als die drei Polizisten zu dritt die Polizeidienststelle betraten.


    Es sah anders aus, als bei der Autobahnpolizei. Altmodischer irgendwie, gemütlicher, weniger hektisch. Im Empfangsraum war eine Art Theke, wo man sich anmelden konnte. Hier gab es keine Flatscreens an Wänden, Dutzende von Computern und eine Videowand mit den Überwachungskameras der Autobahn. Hier standen altmodische Telefone auf dem Schreibtisch, zwei Computer pro Raum und auf einem Tisch stand sogar eine alte Schreibmaschine. Ben würde es nicht wundern, wenn die sogar noch benutzt wird. Ein ältere Mann in Uniform kam zur Theke, als dort die drei, etwas ungleich wirkenden Männer erschienen. "Na, was kann ich für sie tun, meine Herren?", fragte er mit deutlichen kölschen Dialekt. Alle drei zogen ihre Dienstausweise und bei allen dreien war der Mann in Uniform überrascht, dass es sich um Polizisten handelte. "Wir würden gerne mit Herrn Eggestein reden." "Oha... sind sie von der Inneren? Hat der Otto was ausgefressen?" Scheinbar hatte er sich die Ausweise nicht ganz genau angesehn. "Nein, wir sind von der Autobahnpolizei.", verbesserte Semir ihn. "Wir haben in einem Ermittlungsverfahren einige Fragen an Herrn Eggestein." Der Mann nickte. "Gehen sie den Flur entlang, dritte Büro auf der linken Seite. Einfach anklopfen, der Otto müsste drin sein."
    Die drei Polizisten bedankten sich, und jeder dachte für einen Moment an die Vergangenheit. Auf so einem städtischen Polizeirevier hatten sie sich die Hörner abgestoßen und sind zum ersten Mal Streife gefahren, ausser Ben. Der hatte das Glück (oder Pech) in einem ländlichen Revier eingesetzt zu werden, wo, ausser einem ziemlich penetranten Hühnerdieb, der sich später als wilder Fuchs herausstellte, nichts, aber auch gar nichts passierte.


    "Herr Eggestein?", fragte Semir höflich und streckte den Kopf hinein. Otto Eggestein, auf dem besten Wege zur Pension, blickte vom Monitor auf. Graue, kurz geschorene Haare, ein markantes Gesicht, aber ein gutmütiges Lächeln, blickten Semir an. Die Schultern breit, das konnte er erkennen. "Ja?" Semir stellte sich erneut vor, ihm folgten Kevin und Ben, und der uniformierte Streifenpolizist stand auf, um allen dreien die Hand zu schütteln. Erst jetzt bemerkten sie die imposante Erscheinung, die sogar Ben und Kevin, alles andere als Zwerge, beinahe um einen Kopf überragte. Semir hätte eine Genickstarre bekommen, wenn er sich hätte im Stehen, dicht an dicht, länger mit dem Polizisten unterhalten hätte müssen. Zum Glück fanden sie alle einen Sitzplatz, Kevin auf der FEnsterbank und Otto kochte erstmal drei Tassen Kaffee. Semir schilderte so denn sein Anliegen, ließ auch nicht aus, dass er der Polizist mit der IS-Flagge war, die man ihm untergeschoben hatte.
    "Schlimme Geschichte...", stimmte Otto zu und hegte absolut kein Vorurteil gegenüber dem Polizisten mit türkischen Wurzeln. "Weiß der Staatsschutz, dass sie gegen die Sturmfront ermitteln?", fragte er. Ben blickte ein wenig unsicher, doch sein älterer Partner schüttelte sofort energisch den Kopf. "Nein. Und es wäre gut, wenn das auch so bleibt. Auf mich wurden psychische Anschläge verübt, auf meinen Partner...", wobei er auf Kevin zeigte "... ein Gewaltanschlag, wir könnten sogar von versuchtem Mord sprechen. Deswegen ermitteln wir." "Keine Angst. Von mir erfährt der Verein nichts." Dabei regte Otto Eggestein zwei Finger als Victory-Zeichen in die Luft, um seinem Versprechen Nachdruck zu verleihen.


    "Was können sie uns über die Sturmfront erzählen?", fragte Ben dann und lehnte sich interessiert im Stuhl zurück. Eggestein hatte die Hände gefaltet und die Ellbogen auf die Sitzlehne abgestützt. "Ich kann euch nur sagen, dass das ein verdammt gefährlicher Haufen ist. Nach aussen würde man meinen, man hat es mit einer Kameradschaft zu tun, die vor allem auf stumpfe Gewalt aus ist, auf Demonstrationen, wie eine Menge anderer rechter Hohlköpfe. Aber in Wahrheit sind diese Jungs verdammt gut organisiert, haben eine klare Struktur und schrecken vor Nichts zurück. Damals hatten wir sie beim Staatsschutz intensiv überwacht weil sie Verbindung zum National-sozialistischen Untergrund hatten. Ihr habt sicher von den NSU-Morden gehört." Semir und Ben nickten, Kevin sah aus dem Fenster und schien für einen Moment abwesend. "Jedenfalls war die Sturmfront nicht immer in Köln. Die sind schon in ganz Deutschland rumgekommen." "Wir bräuchten irgendetwas, wo wir ansetzen können. Wir haben die Befürchtung, dass die Truppe nicht aufhören wird, uns zu terrorisieren, warum auch immer." Otto sah Ben und Semir abwechselnd an. "Vor 5 Jahren habe ich beim Staatsschutz aufgehört. 3 Jahre zuvor bin ich von dem Fall abgezogen worden, ich kann euch also nur etwas von dem Stand vor 8 Jahren erzählen. Ein Typ namens Herner hat die Truppe damals geführt. Lasst mich mal nachdenken..." Er strich sich mit den Fingern über seine Lippen. "Breuer, ein recht bekannter Neo-Nazi war dabei. Ein Typ namens Heinrich Thomason war damals ebenfalls dabei, aber gerade neu." Den Namen "Heinrich" hatte auch Annie erfährt, dachte Kevin in diesem Moment... doch er sagte es nicht. Er würde es Semir draussen sagen... denn an irgendetwas erinnerte ihn dieser Eggestein. Er war unfähig direkt zu sagen woher... "Ich kann euch nur sagen, dass ihr aufpassen solltet euch nicht die Finger zu verbrennen. Ihr werdet diese Leute nicht einfach anklagen können."


    Ben und Semir sahen überrascht auf. "Warum nicht?" Der uniformierte Polizist presste die Lippen zusammen. "Ich will nicht sagen, dass der Staatsschutz diese Leute schützt... aber damals hatte man nur schwere Straftaten zur Anklage gebracht... was man einfach nicht vertuschen konnte. Man will diese Organisation nicht komplett aus dem Verkehr ziehen, weil der Staatsschutz über sie Informationen der NSU bekommt." "Aber die NSU existiert nicht mehr.", gab Ben zu verstehen, was Eggestein nur ein müdes Lächeln abrang. "Das sagen die Medien." "Und was sagen sie?", wollte der junge Polizist wissen. "Ich sage, dass ich es nicht weiß." "Warum haben sie eigentlich beim Staatsschutz aufgehört?", wollte Ben wissen. "Da gab es viele Gründe. Einerseits wegen beschriebener Thematik... andererseits hatte ich es satt, den Kopf hinzuhalten. Bei Demonstrationen werden wir oft als Beobachter eingesetzt... auf beiden Seiten. Wir sollten versuchen, einflussreiche Faschos, nicht von der Sturmfront sondern andere, aus dem Verkehr zu ziehen. Also sind wir auf beiden Seiten dabei... unerkannt. Dabei sind wir allerdings auch den Gefahren ausgesetzt." Kevins Blick war auf Otto Eggestein gerichtet, beinahe gefesselt, und seine Beine kribbelten, fühlten sich taub an. Es war, als könne der Polizist vorausahnen, was er jetzt erzählte, und sofort wusste er, wo er diese Statur und dieses Gesicht her kannte. "Ich habe mehrmals mit erlebt, wenn um dich rum Steine fliegen. Das ist nicht angenehm. Ein Kollege von mir wurde vor 13 oder 14 Jahren von Autonomen mit einem Pflasterstein am Kopf getroffen. Schädel-Basisbruch... der Mann ist heute Frührentner und... ich will nicht sagen ein Pflegefall... aber es hat sein Berufsleben, seine Karriere, ein Teil seines Lebens zerstört. Den Steineschmeißer hat man nie gefaasst... das wollte ich nicht mehr miterleben."
    Semir und Ben nickten mit Anteilsnahme. Die Frage nach dem damaligen Hauptquartier der Sturmfront, die Antwort dass es sich um ein damaliges Musikgeschäft handelte, bekam der Steinewerfer, der vor 13 Jahren mit dem Pflasterstein genau auf den Beamten, der neben Eggestein stand und der ihn ein halbes Jahr vorher mit einem Schlagstock bei einer Hausräumung zusammengeschlagen hatte, gezielt hatte, und jetzt mit seinen Freunden Semir und Ben auf der Fensterbank in Eggesteins Büro saß, nur durch einen Schleier mit...

    Und fertig

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    Naja...

    So wahrlich begeistert, wie nach den letzten beiden Pilotfilmen bin ich nicht wirklich. Es gab einige Sachen, die mir gefallen haben, aber nicht so sehr, dass sie den Film zu etwas besonderem machten. Ein paar Dinge fand ich extrem störend.

    + Der Humor war mehr als vorher, aber wohl dosiert. Würde sagen, ungefähr wie in der letzten Ben-Staffel. Nie niveaulos, ein paar gute Sprüche, vor allem Alex' Ausraster auf dem Dach war ganz lustig.
    + Die Aufnahmen und das exotische Flair von Albanien
    + Der albanische Kommissar hat mit spielerisch und charakterlich echt überzeugt. Hatte schon befürchtet, dass der entweder zur falschen Seite gehört, oder am Ende erschossen wird. Trat zum Glück nicht ein
    + Soundtrack war hervorragend.

    - Die Story war wirklich nichts Neues. Jemand will für einen Todesfall Rache an den Polizisten nehmen, bedroht die Familie, entführt die Famile... gab es schon 1000mal. Allein die Thematik um den albanischen Clan und den alten Brauch war neu.
    - Ich fand die Verhältnismäßigkeit wieder sehr "überrissen." Drei Polizisten hebeln den gefährlichsten Drogenclan Albaniens aus, die eine komplette Armee hinter sich haben... bitte.
    - Andrea's Rolle, bezogen auf die Gründe für die Scheidung, fand ich nicht konsequent. Sie lässt sich von Semir, u.a. aufgrund der ständigen Gefahr für ihre Familie scheiden, sie kommen wieder zusammen und geraten sofort wieder in Lebensgefahr... aber trotzdem ist alles okay, sie ist wieder die starke Frau? Hat mir nicht gefallen. Zumindest ein paar Zweifel hätten da hin gemusst.
    - Wie in den mittleren Ben-Staffeln, zuviel MG-Geballer, was niemanden interessiert. Alex legt die halbe Stadt in Schutt und Asche, die Menschen stehen interessiert herum. Semir läuft mit einer gezückten Knarre (!) durch eine deutsche Schule, die Schüler sitzen auf den Pausenbänken und denken sich nichts dabei.
    - Danas Rolle gefällt mir einfach nicht... jedesmal spielt sie zu Beginn die verzogene Göre, jedesmal gerät sie dann in Gefahr, jedesmal kommt sie am Ende zur Vernunft, damit das gleiche Spiel in der nächsten Folge von vorne losgeht.
    - Dass man Sander gezeigt hat, fand ich vollkommen daneben. Genauso umgekehrt, dass die Frings überhaupt keine Erwähnung fand. Wenn man konsequent einen roten Faden verfolgen will, was man ja auch diese Staffel vorhat, dann hat das gar nicht gepasst. Alle wissen, dass Sander mit dem Tonbandgerät Dreck am Stecken hat, und die Frings wohl noch im Krankenhaus liegt. Das hätte man mal erwähnen müssen, in nem Halbsatz und Sander erstmal rauslassen müssen. Das sah aus, als wäre die Welt wieder in Ordnung.
    - (Persönlicher, aus männlicher Sicht, Minuspunkt): Jenny war nicht dabei :D


    Glaube, das wars soweit... also doch irgendwie mehr Dinge die mich gestört haben, als wirklich gut gefallen... und die positiven Dinge waren jetzt auch nicht vom Hocker hauend. Verglichen mit "Die dunkle Seite", der Doppel-Folge "Ausgelöscht" und dem letzten Staffelfinale stinkt der Pilotfilm ab.

    Weiß nicht... würde vielleicht eine 5,5/10 geben, wenn ich den Zeitraum mit den schwachen Ben-Staffeln dazu nehme. Nur auf die Alex-Zeit bezogen war das mit eine der schwächeren Folgen, der schwächste Pilot sowieso, und würde schlechter in den Punkten abschneiden.

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    Was mir jetzt nach 30 Minuten in der Gesamtstory um die Trennung/Comeback von Semir und Andrea nicht so sonderlich gefällt ist, dass Andrea sich von Semir u.a. deswegen getrennt hat, weil Semir die Familie schon so oft durch seinen Job in Gefahr bringt.

    Ich finde es unklug, jetzt die Familie wieder ins Fadenkreuz zu stellen, denn eigentlich müssten diese Gedanken bei Andrea sofort zurückkommen. Bin mal gespannt, ob sie wie früher alles als die tapfere Ehefrau erträgt, und somit wieder ein unlogischer Sinneswandel eintritt, wie schon damals so extrem zwischen der letzten Folge als Semir Ben erschiessen sollte, und der Folge "Auferstehung" direkt danach, oder ob man das realistischer abhandelt... ne Stunde ist ja noch Zeit :D

    Gerade am Gucken.

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    Nach der, meiner Meinung nach, ziemlich bescheidenen Szene in der Pathologie zwischen Alex und der Pathologin, sowohl von dem Dialog, als auch dem Schauspielerischen her, kam zumindest ein Spruch, der mich auflachen ließ von Semir.

    "Lassen sie sich ruhig Zeit, ich schau dem Strauß so lange weiter beim Welken zu."

    Lagerhalle - 10:30 Uhr


    Die Situation war völlig surreal. Annie und Kevin standen sich gegenüber, hinter Annie einige Punks, kampfbereit, gewaltbereit. Andere hielten Kevin fest, so dass der gegen einen eventuellen Angriff wehrlos war, doch noch hatte der Polizist nicht das Gefühl, dass seine Ex-Freundin wirklich jeglichen Skrupel verlor. Kevins Worte schienen Eindruck zu hinterlassen, denn ihre Lippen zitterten, ihre Hände ebenfalls, doch sie wollte sich vor ihren Freunden, die sie als Älteste akzeptierten keine Blöße geben. "Nein, Kevin. Ich habe dich als Mensch gesehen. Ich habe dich als den gesehen, den ich damals geliebt habe und den ich immer noch liebe. Aber du hast mir etwas vorgespielt.", sagte sie mit erstickender, und zittriger Stimme. Ihr tat es weh, im Herzen tat es weh doch ihre Gefühle waren voll Hass. Kevin schüttelte den Kopf. "Ich bin aber nicht mehr der, der ich damals war, verstehst du? Die Zeiten ändern sich, Menschen ändern sich und trotzdem kannst du sie nicht einfach in Schubladen stecken, wie es dir passt!"
    Die Jungs und einige Mädchen, die dort standen und sich ansahen, waren sich unsicher. Annie hatte ihnen gesagt, dass sie wohl von einem Bullen getäuscht wurde, einige Heißsporne wollten Kevin persönlich auflauern, doch die Älteste hatte gesagt, dass er bestimmt nochmal hierher zurückkommen würde. Dass sie ihn durch ihre missglückte Sprayer-Aktion allerdings herlocken würde, hatte sie nicht geplant. Doch jetzt standen sie sich gegenüber, und sie fühlte, dass er ihr mental überlegen war. Er war wütend, er war sicher auch erschüttert... aber nicht verzweifelt, er schien auch keine Angst zu haben... weil er Annie vertraute? Weil er ihr nicht zutraute, dass sie die Meute über ihn herfallen ließe?


    Hass und Liebe fochten in Annies Herzen einen umbarmherzigen Kampf aus. Hass auf das System, Liebe zu Kevin. Sie wollte ihn am liebsten entzwei schneiden, die Polizisten-Hülle abstreifen und den abenteuerlustigen Kevin wieder haben. "Das ist also jetzt dein Leben, hmm? Und deine Freundin? Auch eine Polizistin?", meinte sie verächtlich, doch es klang nicht mehr überzeugend, das spürte Kevin. Er spürte Annies Unsicherheit, sie war bei früheren Streitigkeiten immer so sehr von sich selbst überzeugt, mit welcher Überzeugung sie ihren Standpunkt vertrat. Davon war jetzt nicht viel zu spüren... als wüsste sie, dass sie im Unrecht war, als mache sich Enttäuschung darüber breit, dass Kevin tatsächlich so war, wie er jetzt war. "Schön um 7 Uhr zur Arbeit, um 16 Uhr nach Hause, Haus bauen, Kinder kriegen, im Schosse des Staates." Sie zählte genau das auf, über was sich Kevin gestern noch Gedanken machte, ob er dieses Leben wirklich wollte, Annie legte den Finger in die Wunde. "Alles, wogegen du damals gesungen und geschrien hast. Alles, was wir uns damals abgeschworen haben, du und ich.", schrie sie ihm ins Gesicht.
    Hätte Kevin ihr sagen sollen, wie er darüber nachdachte? Dass er tatsächlich unsicher war, ob er das wollte, was sie ihm vorwarf? Aber wollte er das, was Annie gerade verkörperte wirklich? Seine Wahrnehmung eines abenteuerlichen Lebens hatte nichts mehr mit den linken Idealen zu tun, denn es würde auch bedeuten, seine jetzigen Freunde zu verraten. Er schüttelte den Kopf, und seine Stimme war nun ruhiger, ohne Aufregung, und dass ihm 15 gewaltbereite Punks gegenüber standen, schien ihm keine Angst zu machen. "Annie, wach auf. Ich bin nicht mehr der Punk, der ich mit 18 war.", sagte er und in ihm schien etwas zu sterben... und in Annie auch.


    "Warum bist du überhaupt hierher gekommen, Bulle?", fragte ihn ein Junge, der in etwa so groß war wie Kevin selbst und direkt neben ihm stand, ein Eisenrohr in der rechten Hand. "Ich wollte Annie ihre Spraydose zurückbringen.", sagte er und sah, nachdem er den Typ kurz angeblickt hatte, wieder zu der rothaarigen Frau. Keine Regung in ihrem Gesicht, keinerlei Anstalten den "Anschlag" abzustreiten. "Und wolltest du mich auch verhaften?", fragte sie provokant, worauf hin Kevin wieder seelenruhig mit dem Kopf schüttelte. "Für die Spraydose nicht. Wenn du aber deinen Molotov-Cocktail benutzt hättest, wäre mir wohl keine Wahl geblieben." Jetzt war das Zucken in Annies Gesicht, die Veränderung ihres provokanten Blicks hin zu einem überraschenden Ausdruck, unübersehbar. "Molotov-Cocktail?", fragte sie erst verwundert und sah dann kurz in die Masse hinein, während der Kerl neben Kevin ihn an seinem Jackenkragen packte. "Was willst du Annie da anhängen, du scheiss Bulle!" "Dann frag Annie doch mal, was sie gestern alles dabei hatte! Auf der Bierflasche, die hier massenhaft rumstehen, sind ihre Fingerabdrücke.", sagte der Polizist und behielt Annies Gesicht im Blick. Es blieb ausdruckslos, blieb unbeweglich doch ihre erste Reaktion ließ Kevin vage vermuten, dass sie entweder nicht wusste, was sie tat... oder den Cocktail selbst nicht dabei hatte.
    "Was machen wir jetzt mit ihm?", schallte es aus dem Block hinter Annie, und ihre Augen richteten sich wieder direkt auf Kevin. Der musste, ob dieser skurrilen und zugleich gefährlichen Situation auflachen. "Was? Bist du die Richterin, Annie? Und das hier sind deine Henker? Willst du jetzt das Urteil verkünden, ob der scheiss Bulle vom Volk tot geschlagen werden kann?", fragte er laut und wurde von seinem Bewacher mit einem aggressiven "Halts Maul, Bullenschwein", angefahren.


    Doch Kevin blieb nicht ruhig. Er hatte die Schnauze voll. Vorgestern und gestern, als er hier zum ersten Mal seit langem war, hatte er nostalgische Gefühle, erinnerte sich an seine tolle Zeit in einer, wenn auch gewalttätigen Gemeinschaft zurück... aber es war eine Gemeinschaft. Klar, sie waren alle gegen die Polizei, sie waren alle gegen Rechts, sie waren zum Großteil kriminell und sie scheuten fast alle keine Gewalt. Aber sie waren eine verschworene Truppe, es gab keinen Anführer, mit Jerry höchstens eine Art "Papa", der der Einzige war, der auch in andere Kreise Kontakte hatte. Diese Jungs hier waren vielleicht befreundet und verschworen, aber mit dem Geist der damaligen Bewegung hatte es nichts zu tun. "Toleranz" hatte sich der Punk immer auf die Fahnen geschrieben... das hier waren keine Punks mehr. Es war ein Art Extremismus, gegen den Jerry sich immer versperrt hatte.
    "Ich sag dir mal was, Annie.", begann der Polizist, und wieder zerrte er ein wenig an seinen menschlichen Fesseln. "Wenn Jerry wüsste, was aus dir geworden ist... er würde sich schämen. Und ich weiß, dass er immer ein Vorbild für dich war, und du immer zu ihm aufgeblickt hast." Die Aggressivität aus Annies Blick wich, ihre Augen wurden größer, als würde sie die Erkenntnis treffen... und trotzdem wollte sie Sie nicht hören. "Sei still, Kevin.", sagte sie leise, doch der schüttelte nur den Kopf. "Als er im Knast erfahren hat, dass ich ein Bulle bin, weißt du was er getan hat? Weißt du, was er da gemacht hat?", fragte Kevin laut und die Meute um ihn wurde unruhig. "Er hat mir das Leben gerettet im Knast! MIR! Einem SCHEISS BULLEN! Aber der scheiss Bulle war immer noch sein Freund, verstehst du?"


    Die Stimme des Polizisten wurde immer lauter und unbeherrschter, sein Blick wütender und seine Kraft, mit der er an seinen Armen zerrte, unbändiger. Genauso wurde sein Bewacher unruhiger, und er herrschte Kevin zum zweiten Mal an, endlich die Klappe zu halten, während Annies Knie zitterten, ihre Hände sich zu Fäusten ballten. Langsam schüttelte sie den Kopf, um sich gegen eine Erkenntnis zu wehren, die Kevin ihr gerade entgegen schleuderte. "Sei bitte still!", sagte sie erneut, aber statt wie Kevin lauter zu werden, wie es früher war, wurde sie immer leiser. "Jerry hätte jedem Freund, der hierher zurück gekommen wäre, geholfen. Egal ob Bulle, Politiker oder Arbeitsloser, weißt du das! Ich hatte bei ihm auch erst Angst zu sagen, dass ich ein Bulle bin. Weil ich, genau wie bei dir, nicht wusste wie er reagiert. Und ich habe es bei ihm bereut, nicht ehrlich gewesen zu sein, denn ich hätte es können." "Halt endlich dein Maul, du Penner!!", bekam er ins Ohr geschrien. "Schlag ihn endlich tot, Ole!", erklang eine Stimme von der Seite und Annie war nicht mehr in der Lage auf den Mob einzuwirken.
    "Du hast Jerry's Ideale, die er in diese Gemeinschaft gebracht hat, verraten, Annie! Du grenzt Menschen aus, aufgrund von Äusserlichkeiten, ihrem Beruf. Wenn dich zwei Bullen unter Gewalt aus einem besetzten Haus zerren und verprügeln, dann ist auch der Bulle ein Arschloch, der dich geliebt hat und dich vielleicht immer noch liebt!" Auch Kevin dachte über die Wörter, die er gerade in seiner mentalen Situation sagte, nicht mehr sonderlich nach, und bei diesem Satz schossen Annie Tränen in die Augen, den sie hatte ihn ganz genau verstanden. "Ihr seid das, wogegen wir früher gekämpft haben! Ihr seid genauso Faschisten, gegen die ihr demonstriert!!", schrie Kevin, und bekam endlich seinen rechten Arm frei.


    Es war höchste Eisenbahn, denn gerade als er seinen letzten Satz herausgespuckt hatte, und damit Annie bis ins Mark erschütterte, hatte Ole genug und wollte mit der Eisenstange zuschlagen. Kevin schüttelte seinen rechten Arm frei, und schlug sofort mit dem linken Ellbogen zu dem Zeiten Typ, der ihn festhielt. Ihm gelang ein Treffer, und in Sekundenbruchteilen konnte er sich unter Oles Schlag hinwegducken. Die junge Rothaarige riss die Augen weit auf, der Mob begann zu rufen, wie bei einer Demonstration, doch die Zuversicht war nicht von langer Dauer. Wo Jerry früher die Jungs hier teilweise trainiert hat, um sie abzuhärten falls sie mal einem Nazi oder Polizisten gegenüber stehen, war bei Ole nur rohe Gewalt zu erkennen. Sein zweiter Hieb ging ins Leere, Kevin griff blitzschnell zu und drehte ihm die Arme mit der Eisenstange auf den Rücken. Ein Schmerzensschrei, und der Punk musste die Hände öffnen, so dass der Polizist ihn entwaffnen konnte, wobei er ihm mit der freien Hand einen Schlag auf die Leber versetzte, was Ole auf die Knie gehen ließ und Kevin ihm von hinten die Eisenstange gegen den Kehlkopf drücken, das Knie in den Nacken stemmen und Ole so in eine ziemlich unangenehme Situation kommen ließ. Es war reiner Selbstschutz, denn zwei Punks wollten bereits angreifen. "Wenn sich einer näherte, ich breche ihm das Genick!", sagte Kevin drohend und sah sich um... scheinbar hatte er sich mit den beiden schnellen Griffen doch ein wenig Respekt verschafft, aber auch Annie, bekam nur ein leises "Hört auf.", heraus. Sie wusste aber wohl, dass die Jungs nicht auf sie gehört hätten, ohne Kevins Drohung.


    Der Polizist atmete heftig, und er hielt den Griff aufrecht. Ole hatte die Eisenstange gepackt, um sie vom Kehlkopf wegzudrücken und besser Luft zu bekommen, doch es gelang ihm nicht. Kevin blickte zu Annie, in ihre wässrigen, rötlichen Augen. "Ich bin keiner von den Bullenschweinen, die ich selbst mit Steinen beworfen habe. Das war ich nie, und werde ich auch nie sein.", sagte er, nun ruhiger aber mit schwerer Stimme. "Ich bin Polizist, weil ich Menschen helfen will, und Leute aus dem Verkehr ziehen will, die anderen sowas antun, wie mir und Janine angetan wurde. Aber das ist nur ein Beruf. Wie es in meinem Herzen und in meinem Kopf aussieht, das weißt du nicht, Annie." Sein Blick aus seinen hellblauen Augen ging der jungen Frau durch Mark und Bein. Die Erkenntnis, dass er Recht hatte, hatte sie vollständig ergriffen und die Erkenntnis dass sie mit dem Hass auf Kevin unrecht hatte ebenfalls. Sie hatte ihn verloren, bevor sie ihn gewonnen hatte, und das war der Grund für ihre Tränen. "Denn wenn du es wüsstest...", sagte Kevin ein wenig leiser. "... dann wärst du gestern Abend zu mir gekommen... und hättest mit mir geredet."
    Annie brachte nur ein leises, beinahe schon flehentliches "Verschwinde endlich, Kevin." heraus, und scheinbar wussten ihre Freunde überhaupt nicht, wieviel Hass sie in ihrem Herzen trug, was sie belastete. Kevin war immer noch erschrocken... der Schock zu welchem Hass Annie fähig war, ließ sein Herz lähmen, in dem Bereich, wo Annies Stachel noch tief saß. Er ließ den Griff um Ole los, so dass dieser begann zu husten und die Luft tief ein zu atmen. Die Eisenstange fiel mit einem lauten Krachen auf den Boden, dass durch die Stille hallte. "Wie du willst...", sagte der Polizist leise und drehte sich um. Er wusste nicht warum er dieser Frau auch nur eine Sekunde vertraute, dass sie den Punk, der ihn jetzt doch hinterrücks niederstechen würde, noch zurückhielt... aber er wusste auch, dass Annie den Molotov-Cocktail nicht mitgebracht hatte. Sie hätte auch die Meute nicht auf ihn losgelassen, denn er bildete sich ein, ihre Skrupel gesehen zu haben.


    Er erreichte unbeschadet den Ausgang der Halle, und auch den Dienstwagen. Dort nahm er zuerst das Handy in die Hand, um Semir anzurufen. "Ich bin wieder raus.", sagte er, und seine Stimme hörte sich unendlich müde an. "Und, was hast du rausgekriegt?" "Das erzähl ich dir, wenn ich wieder zurück bin, okay?" "Alles klar." Der Polizist warf das Handy auf den Beifahrersitz, legte den Kopf an die Stütze, die Hände aufs Lenkrad und schloß die Augen. Innerlich zog an ihm ein Film vorbei... Annie und er früher, Annie vorgestern, gestern... und die andere Annie heute. Sein Gefühl ihr gegenüber, als er ihre Zeilen gelesen hatte, und sie in den Arm genommen hatte. Und das Gefühl, als sie ihn eben "scheiss Bulle" genannt hatte. "Scheisse!!", schrie er plötzlich und schlug mit beiden Händen auf sein Lenkrad ein, bevor er, ein wenig schneller atmend, das Lenkrad umklammerte, die Augen wieder offen und versuchte, seine Gefühle zu beruhigen... seine Emotionalität zu unterdrücken. Und Annie aus seinem Kopf zu streichen...