Germania, Keller - 21:00 Uhr
Er hing am seidenden Faden... im wahrsten Sinne des Wortes. Sammy, der Punk aus Annies Gruppe, hatte Probleme mit dem Atmen. Sicher hatte er einige Rippen gebrochen, sein Gesicht glühte vor Platzwunden und Blutergüssen, sein Kopf dröhnte schmerzhaft von den Schlägen und Tritten, bis er bewusstlos wurde. Sie hatten ihn dann in diesen feuchten miefigen Keller geschleift, und an den Handgelenken zusammengebunden wie Schlachtvieh aufgehängt... was anderes sei er nicht, hatte ihm einer der Neo-Nazis gesagt. Er hatte sich dämlich drangestellt, das wusste er spätestens jetzt als er aufwachte, mit brutalem Stechen in den Schultern. Seine Beine waren eingeknickt wie Streichhölzer, die Fußspitzen berührten den Boden. Wenn er Kraft finden würde, könnte er seine Arme wenigstens etwas entlasten, in dem er sich aufrecht hinstellte... er wollte, er versuchte es und biss auf die Zähne.
Es war nur wenig Entlastung, aber immerhin. Seine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit um ihn herum... er war immer mal wieder wach geworden, immer mal im Dämmerschmerz Geräusche und Gestalten wahrgenommen, aber durch das verschlossene Kellerfenster hatte er jeglichen Sinn für Zeit verloren. Wie lang war er hier? Ein paar Stunden? Tage, Wochen? Nein, Wochen nicht... dann wäre er wohl längst verdurstet. Sein Shirt war blutverschmiert, ein Auge zugeschwollen und er spürte die krustigen Blutspuren überall in seinem Gesicht. Annie und die Gruppe würde ihn hier rausholen... ganz sicher...
Wieder hörte er Geräusche. Das Schlagen einer Autotür, Stimmen, Lachen, Schritte. Knarzendes Holz direkt über ihm. Das Geräusch bewegte sich weg, wieder hin und wieder weg als würde jemand unruhig Auf und Ab gehen. Dann Schritte auf der Treppe, wieder ein Rufen, doch Sammy konnte nicht verstehen, was gemeint war, wer gemeint war bis sich die Holztüre des alten Kellers, die er jetzt erst als Holztüre wahrnahm, öffnete und das Licht des Flures in den Raum fiel. An einem altmodischen Drehschalter knipste einer der Faschos, die allesamt ganz in Schwarz angezogen waren, das Licht an, im Schlepptau hatten sie einen Mann in Lederjacke und kurzen Haaren. Nur mit anderthalb Augen, eins halb zugeschwollen, versuchte Sammy die Gesichter zu erkennen.
"Na, Kleiner? Wie gehts uns denn?", fragte Breuer, der seine Frisur fast schon zynisch als extremen Seitenscheitel gegelt hatte. Er ging zu Sammy, packte ihm grob an seine geschwollene Wange und drehte den Kopf hin und her. "Oh, das sieht aber böse aus.", meinte er gespielt fürsorglich. "Ich glaube, da müssen wir ein wenig kosmetisch tätig werden." Sammy hatte die Augen zugekniffen vor Schmerz, presste den schmerzenden Kiefer aufeinander und sagte kein Wort. "Lasst den Jungen gehen! Ihr habt jetzt mich, reicht das nicht?", ereiferte sich Semir und zog ein wenig Alibimäßig an den Griffen der muskulösen Nazi-Händen. Rocky kam hinter der Gruppe herein und meinte zu Semir: "Keine Sorge... unser kleiner linker Freund wird nicht mehr lange hier sein."
Mit freundlichem Lächeln ging Rocky zu Breuer, der das Gesicht des Punks wieder losgelassen hatte und stieß den hilflosen Jungen ein wenig an, so dass der an den Füßen sofort wieder den Halt verlor. "Und weißt du auch warum? Weil es wie im wahren Leben ist. Die Deutschen müssen Platz machen für die Ausländer." In Semir stieg ein ungutes Gefühl auf... noch schlechter als das Gefühl, was er seit der Bundesstraße sowieso schon hatte. "Weißt du eigentlich, welcher Abschaum bei uns eine Marke und eine Waffe herumtragen darf?", fragte Ronny den Gefangenen an den Seilen, der nur schwer atmete. "Guck da rüber. Und genau wie jeder ordentliche Deutsche seine Wohnung für Flüchtlinge, Asylbetrüger und kriminelle Ratten ihr Haus räumen muss... so musst du jetzt diesen gemütlichen Keller räumen. Und weißt du, was mit den armen Leuten dann passiert?" Semir hatte die Hände zu Fäusten geballt, als Rocky mit seinem Gesicht dicht an Sammys Ohr heranging. "Sie erfrieren, mein Junge... sie sterben. Wie findest du das, als Deutscher... hmm?"
Sammys kleiner Körper zitterte, vor Erregung, vor Schmerz, aber auch vor Angst. Doch er würde vor diesen Typen, seine größten Feinden, Nazis und Polizisten, niemals einknicken. "Deutschland verrecke.", quetschte er unter Schmerzen heraus, eine linksradikale Parole die Semir genauso wenig teilte wie rechtsradikale Parolen. Dabei wurde ihm klar, dass solche Dinge wohl auch Kevin als Jugendlicher gerufen haben muss, und ähnlich dachte. Für den Jungen war es vielleicht noch nicht zu spät. "Was hast du gesagt?", fragte Rocky fast schon drohend, obwohl er die Worte klar vernommen hatte. "Deutschland... verrecke...", wiederholte Sammy mit zitternder Stimme. Der Neo-Nazi grinste und drehte sich zu Semir um. "Hey, Kanacke. Kennst du den Film "American History X?" Semir stand hilflos da, unfähig einzugreifen, immer noch wurde er bedroht und mehrer Hände hatten sich um seine Arme gelegt. Er schwieg zu der Frage. "Da geht es um einen amerikanischen Neo-Nazi... der geläutert wird.", erklärte Rocky mit ruhiger Stimme, und fügte ein leises "Unrealistisch" dazu. "Und da gibt es eine ganz bekannte Szene... ich werde sie dir zeigen. Schafft sie nach oben in den Hof."
Sammy war auf das Abschneiden des Seiles, an dem er hing, nicht vorbereitet und krachte zu Boden. Vier grobe Hände packten den schlaffen, sehr schmalen und leichten Körper und beförderten ihn mit Stößen und Zerren die Treppen nach oben. Semir folgte ihm auf die gleiche Weise, allerdings auf den eigenen Füßen. "Lass den Jungen gehen, verdammt. Er hat hiermit nichts zu tun.", sagte er nochmal und erkannte die Hoffnungslosigkeit seiner Worte. Diese Typen hatten einen klaren Plan, von dem sie niemand abbringen konnte. Und sie brauchten Semir im Prinzip nicht. Mag sein, dass sie etwas besonderes mit ihm vor hatten, doch wenn sie es wollten, könnten sie ihn auch einfach töten, wenn er sich wehrte. Draussen glänzte der grobe Asphalt im Hinterhof vom leichten Regen, als sie die Germania verließen. Die Gegend, wo die Kneipe war, war einsame, die alten verkommenen Wohnungen standen weitestgehend leer. Niemand würde sie hier hören, als Rocky Sammy zu Fall brachte, der dann vor einem leicht erhöhten Bordstein kniete.
Der Boden war hart, und Sammys Körper war voll Schmerzen. Er wusste nicht, wie es um ihn geschah, aber er hatte eine Hoffnung. Diese Typen würden ihn doch nicht töten. Neo-Nazis waren dumpfe Typen mit wirren Parolen, die Aufmärsche durchführten und vielleicht bei einer Schlägerei mal zu fest zu schlugen... aber sie würden ihn doch nicht einfach abknallen. Semir beobachtete die Szene, beobachtete wie Sammy auf dem Boden kniete und begann fester an seinen menschlichen Fesseln zu zerren. "Beiß in den Bordstein.", sagte Rocky leise, hinter Sammy, der diese Worte nicht fassen konnte. Eine Demütigung für einen Menschen, sich so zu unterwerfen und zynisch, dass Rocky den Ausländern in Person von Semir die Schuld dafür gab. "Na los! Beiß in den Bordstein."
Sammy hatte zu viel Angst, als dass er sich wehrte. Zuviel Angst vor Schmerzen, zuviel Angst wieder geschlagen zu werden. Er beugte sich stöhnend nach vorne, sein Gesicht kam dem Bordstein immer näher, es schmeckte nach Staub und Dreck an seiner Zunge, als er seine Zähne an die Kante des Bordsteins hielt und seine Lippen den nassen Asphalt berührten. "Hört auf damit! Hört auf damit!!", begann Semir zu rufen und Breuer, der Semir ebenfalls mit festhielt, hielt ihm eine Pistole an den Kopf. "Du bist Zuschauer, du hast kein Rederecht, Kanacke.", machte er ihm klar.
Rocky grinste ihn die Runde, als sich Sammy vor ihm erniedrigte in den Bordstein zu beißen. "Was hast du eben im Keller gesagt, Zecke?", fragte er nochmal nach unten, doch er hörte von Sammy nur ein Wimmern. "WAS HAST DU EBEN IM KELLER GESAGT?", schrie der Neo-Nazi dann und setzte seinen schweren Schuh auf Sammys Hinterkopf, seine Zähne kratzten durch den Druck über den Bordstein und ein schmerzhaftes Stöhnen entglitt dem jungen Punk. "HÖR AUF, du Arschloch!", schrie der Polizist nun, riss kräftig an seinem rechten Arm, konnte ihn sogar befreien, doch er bekam sofort einen Schlag in die Magengrube, der ihn auf die Knie fallen ließ. Er stöhnte auf und Rocky drehte sich um. "Genieß es... du wirst der Nächste sein." Dann wandte er sich wieder zu Sammy, reckte den rechten Arm in die Luft und brüllte den Gruß, wobei er ein "Für Deutschland" hinterher schmetterte, bevor er mit dem rechten Fuß, der noch an Sammys Hinterkopf ruhte, ausholte, und zutrat. "NEEEIN!", hörte er hinter sich noch Semirs Stimme, der bei dem ersten unnatürlichen Geräusch von Sammys Kiefer- und Schädelknochen die Augen zukniff und zur Seite sah. Einmal, zweimal, dreimal trat Rocky mit Wucht auf den zuckenden Kopf von Sammy, von dem kein Wort mehr aus seinem Mund kam, der nur langsam zuckend zur Seite fiel.
Als Semir die Augen wieder öffnete, weil zwei Hände von hinten seinen Kopf umfassten, und seinen Blick zwanghaft auf den Körper des jungen Punks richteten, lag dieser in seinem eigenen Blut, das aus Mund, Nase und Ohren lief. Sein Kopf hatte eine unnatürliche Form angenommen, doch genauer wollte der Polizist, der schon allerhand Unfallopfer in seinem Leben gesehen hatte, nicht hinsehen. "Ihr verfluchten Bastarde...", brachte er nur hervor, als Rocky mit blutverschmierten Schuh auf Semir zukam. "Du darfst jetzt gerne seinen Platz einnehmen.", sagte er seelenruhig und die strammen Hände rissen Semir wieder nach oben, um ihn zurück in den Keller zu verfrachten. Der Kopf der Sturmfront beugte sich zur Seite zu Heinrich. "Und ihr bringt den Kadaver dieser Zecke dorthin, wie es geplant war. Hinterlasst ihnen einen schönen Gruß von mir." Heinrich nickte mit diabolischem Grinsen.