Montessori-Gymnasium - 8:40 Uhr
Der böige Wind zerrte an Felix' Jacke, als er aus dem besetzten Haus trat. Seine Schläfen pochten ein wenig, der Anfall heute Nacht war stark und wie immer hatte er am Morgen entsprechende "Nachwehen". Doch im Vergleich zum Anfall war das nicht mehr als eine Notiz am Rande, ein kleines Klopfen an die Schläfe im Vergleich zu einem Presslufthammer. Die frische Luft hatte ihm gestern abend schon gut getan, wenn sie auch die Attacke nicht beendet hatte. Jetzt wollte er sich auf den Weg zum Montessori-Gymnasium machen, um weiter nach der Nadel im Heuhafen zu suchen. Der Junge hatte sich seine Mütze über den Kopf gezogen, dass nur ein Teil seiner längeren Haare rundherum noch zu sehen waren, natürlich auch seine Strähne die ihm ein wenig über dem Auge hing, und er, wie in einem mechanischen Vorgang, mit dem Finger zur Seite schob. Er merkte diese Bewegung schon gar nicht mehr.
Eine Stimme hielt ihn am Ausgang kurz zurück: "Hey? Wo soll es denn hingehen, so früh am Morgen?", rief Jakob gegen den Wind, so dass sich Felix nochmal umdrehte. "Weitersuchen. Du weißt ja.", meinte er kurz angebunden, so dass man denken konnte, er würde es abweisend oder böse meinen. Doch das war einfach mal Felix' Art, und der blond gefärbte Junge ließ sich davon auch nicht abschrecken. Mit schnellen Schritten holte er den suchenden Bruder ein. "Wo willst du weitersuchen?" "Ich klappere die Schulen ab. Gymnasium für Gymnasium. Irgendwo werde ich sie schon finden.", sagte er und versprühte trotz seines angestrengten Gesichtsausdrucks so etwas wie Optimismus.
"Soll ich mitkommen? Vier Augen sehen mehr als zwei. Und ich kann dich rausboxen, falls du in Schwierigkeiten gerätst." Dabei machte Jakob tänzelnde Schritte wie ein Boxer und landete einen schmerzlosen Hieb gegen Felix' Schulter, was den schweigsamen Jungen sogar zum Lachen brachte. Jakob wertete das als Erfolg und stimmte in das kurze Auflachen mit ein. "Danke für das Angebot. Aber es ist schon auffällig, wenn ein Schüler, den kein Lehrer kennt, zwischen den Stunden in den Pausenhallen rumlungert. Wenn das dann zwei sind, die optisch nicht ins Gymnasium passen... ich weiß nicht." Obwohl Felix es ernst meinte, und damit auch deren beider Outfit ansprach, mit dem sie wohl auch auf einem Kostümfest nicht unbemerkt geblieben wären, lachte Jakob erneut auf. "Na gut!", meinte er glucksend. "Sehe ich ein. Aber heute nachmittag sehen wir uns. Ich kenne eine Einkaufsmeile in Köln, die bei den jungen Mädels sehr beliebt ist. Wenn deine Schwester gerne shoppen geht, werden wir sie da sehen." Felix nickte dankend, und die beiden Jungs verabschiedeten sich mit Handschlag, bevor der Jüngere der beiden sich zu Fuß auf den Weg machte. Mit seinem Handy konnte er sich leicht zur Schule manövrieren, der Fußmarsch dauerte knapp eine halbe Stunde und Felix sah durch jede Einkaufsgasse, die er passierte, warf Blicke in jeden Bus, der an ihm vorbeifuhr und wo Schüler drin saßen, um vielleicht ein Mädchen zu sehen, dass wie seine Schwester auf dem Bild aussah. Als er am Schultor des Montessori-Gymnasiums ankam konnte er keinen Erfolg verzeichnen.
Er setzte sich wieder auf eine der zahlreichen Bänke, die auch in diesem Pausenhof des Gymnasiums bereitstanden. Er wischte die Blätter eines Kastanienbaumes, die der Herbstwind heruntergeweht hatte weg und genoß für einen Moment die Stille der Schule, bevor die Pausenklingel läutete, und der Lautstärkepegel von lärmenden Fünft- und Sechstklässler hoch getrieben wurde. Felix beobachtete auf der Bank das Gewusel und erntete ein paar Blicke von Lehrer, die unmöglich jeden Schüler kennen konnten. Irgendwann hörte er eine Stimme neben sich, die er nie zuvor gehört hatte. Als er jedoch, durchaus mit Schreck, auf ihre Worte mit dem Drehen seines Kopfes reagierte, blickte er in ein Gesicht, was ihm tief in Erinnerung geblieben ist.
"Ist da die Dose Ravioli drin, die du gestern geklaut hast?" Die Stimme klang hell, nicht piepsig oder unangenehm, und das Gesicht, das unperfekt aber trotzdem wunderschön war, blickte Felix direkt aus zwei dunkelblauen Augen an. Ihre Augen hatte der Junge gestern im Supermarkt gar nicht so sehr wahr genommen, zu schnell war die ganze Aktion. Und jetzt wusste er auf die, ohne Begrüßung und keck gestellte Frage gerade keine Antwort, als er das Mädchen, das sich wie selbstverständlich neben den Jungen setzte, anblickte. "Ich... ähm..." Um sich die Frage selbst zu beantworte, betastete sie den Rucksack, der zwischen ihnen lag und konnte deutlich die rundliche Wölbung der Dose spüren, die sich Felix für heute Abend aufgehoben hatte. Selbstbestätigend nickte sie.
"Bist du hier auf der Schule?", fragte Felix mit unsicherer Stimme und hätte sich für diese Frage selbst an den Kopf schlagen können. Natürlich war sie hier auf der Schule... warum sollte sie hier sein? Oder gab es noch mehr Leute, die an Schulen rumhingen, zu denen sie nicht gehörten. "Das Gleiche wollte ich dich fragen. Ich habe dich hier nämlich noch nie gesehen.", sagte das Mädchen mit den schwarzen Haaren und legte den Kopf schief, so dass ihr einige Strähnen übers Gesicht hingen. Sie hatte auch heute die Augen mit etwas dunklem Kajal geschminkt, ihre Hose war dagegen dunkelblau, nicht schwarz, was aber nichts an ihrem düsteren Gesamtbild änderte. Ihr Rucksack war übernäht mit Bandlogos, die höchstens Insider der Metalszene kannten, Felix kannte einige.
"Ähm... ja... also nein. Ich bin nicht hier auf der Schule.", antwortete Felix wahrheitsgemäß, denn selbst wenn er wollte, war er gerade zu perplex zu lügen. Er hatte gestern noch lange an das Mädchen gedacht, dass ihn im Supermarkt gerettet hatte, ohne jeden Grund. Er hatte aber auch nicht unbedingt gerechnet, sie nochmal wieder zu sehen... und jetzt saß sie hier neben ihm. Und wollte natürlich wissen, warum er an der Schule war, wenn er hier doch gar keinen Unterricht hatte. Auch hier war Felix in diesem Moment nicht cool genug, seine Verschlossenheit bei zu behalten. Im Gegensatz zu den Jungs gestern, wirkte sie in keinster Weise feindlich.
"Ich suche ein Mädchen.", war seine etwas unüberlegte Antwort. Seine Sitznachbarin zog die Augenbrauen nach oben, so dass ihre etwas zu hohe Stirn leichte Fältchen bekam. "Dafür gehst du zu Schulen, wo du keinen Unterricht hast?", fragte sie verständnislos. "Nein... ach quatsch.", schüttelte Felix den Kopf und hätte sich zum zweiten Mal selbst eine verpassen können. "Ich suche meine Schwester. Ich bin nicht von hier. Genauer gesagt, meine Halbschwester." Ein kurzes Nicken. "Wie heisst sie denn?" Felix biss sich kurz auf die Lippen. "Das... das weiß ich leider nicht." Genauso wie zuvor Jakob als auch Klara musste der Junge nun kurz anmerken, warum er den Namen nicht wusste und welche Umstände die Suche hatte. Das Mädchen hatte sich im Schneidersitz neben ihn gesetzt, und schaute den Jungen unentwegt an. Man konnte, durch ihre unentwegte Haltung und keinerlei Reaktionen auf Felix' Antworten, ausser dass sie die nächste Frage stellte, denken dass sie an der Unterhaltung kein Interesse hätte. Doch der Junge spürte anhand ihrer Ausstrahlung eine totale Fixierung auf seine Worte. Etwas, dass er selbst nicht beschreiben konnte, und für einen Moment vergaß er den Lärm um sich herum, andere Schüler, die sie etwas arggewöhnlich betrachteten, wie zwei Außenseiter. Auch fiel es Felix auf, dass sich keine Freundin oder Bekannte bei das fremde Mädchen saß, sie grüßte oder nach ihr rief. Er kannte das aus seiner Schulzeit anders. "Hast du ein Foto von ihr?", fragte sie dann und bekam von dem Jungen das Foto gezeigt. Ihre Reaktion war ein stummes Nicken, nachdem sie das Foto eingehend betrachtet hatte.
"Danke übrigens... also für deine Hilfe gestern.", sagte Felix als er das Foto wieder im Rucksack sicher verstaute. Das Mädchen neben ihm zuckte nur kurz mit den Schultern und brach jetzt zum ersten Mal seit einigen Minuten den direkten Blickkontakt ab. "Nein ehrlich... ich meine, der Ladendetektiv hätte dich ja danach für irgendwas behelligen können." "Hätte er nicht... das hätte er sich nicht getraut." Nun war es Felix, der einen verwirrten Gesichtsausdruck aufsetzte. "Wie meinst du das?" "Die Kette gehört meinem Vater. Und der Ladendetektiv kennt mich." Umso mehr bewunderte Felix ihr Eingreifen. "Und... gibt es da keine Probleme mit deinem Vater?" Wieder nur ein Schulterzucken. "Ich hab' doch nur eine Flasche fallen lassen.", dabei setzte sie das unschuldigste Gesicht auf, was man nur aufsetzen konnte. Doch sie lächelte nicht, fiel dem Jungen auf... sie lächelte die ganze Zeit über nicht.
"Wie heißt du eigentlich?" "Felix... und du?" "Ich bin Chloe." Felix wollte die Linas Antwort nur mit einem "Okay" bestätigen, doch sie reagierte mit scharfer Stimme darauf. "Nein, es ist nicht okay! Ich hasse diesen Namen." Innerlich zuckte der Junge zusammen, als hätte er gerade einen offenliegenden Nerv angefasst und seinem Gegenüber damit weh getan. "Entschuldige, ich...", wollte er sich reflexartig rechtfertigen, doch Chloe stand so ruckartig von der Bank auf, so dass ihm weitere Worte im Halse stecken blieben. Sie ging zwei Schritte, und es schien so, als wolle sie wortlos und beleidigt das Weite suchen, doch dann blieb sie stehen und drehte sich noch einmal um. Wieder sah Felix in die dunkelblauen Augen und hörte Linas Stimme: "Ich habe noch zwei Stunden. Wartest du nach der Schule am Haupteingang auf mich?"