Carinas Wohnung - 19:00 Uhr
Auch nach einer Dusche, in frischen Klamotten fühlte Ben sich einfach nur müde. Nicht körperlich, trotz der anstrengenden Verfolgungsjagd hinter dem jungen Tobias quer durch das Villenviertel bis zu den Eisenbahnschienen, sondern seelisch. Der Unfall ging ihm nahe, niemand schüttelte das einfach so ab aber irgendwo waren es die beiden Polizisten auch gewöhnt, dass so etwas passieren kann. Aber dass dessen großer Bruder nun völlig im Unklaren gelassen wurde, warum er von Tobias attackiert wurde, ging Ben nicht aus dem Kopf. Als er unter der Dusche stand dachte er darüber nach, wie es ihm gehen würde, würde Semir ihn angreifen... ohne Grund, ohne Vorwarnung, und er würde niemals mehr erfahren, warum. Der Gedanke ließ ihn schaudern, obwohl das Wasser, das auf seinen nackten Körper rieselte, warm war.
Ausserdem ging ihm Jenny nicht aus dem Kopf. Ihr entsetzter Blick, mit dem sie Ben und Semir nacheinander ansah. "Ihr habt ihn aufgegeben...", hallte ihm noch im Gehörgang nach und verursachte Magenkrämpfe. Hatten sie ihn aufgegeben? Ja... zu Unrecht? Vielleicht. Ben konnte es selbst nicht sagen. Er wusste selbst nicht, ob er noch hoffen sollte, ob er noch hoffen wollte. Ob er sich an einen Strohhalm klammern sollte, der schon längst abgeknicht war, an einem Ast festhalten, der schon längst nur noch an der letzten Faser hing, bevor er abriss.
Semir schien ihm kühler und realistischer, wobei Ben darüber nicht negativ dachte... im Gegenteil. Er bewunderte seinen besten Freund oftmals dafür, dass dieser selbst so emotionale Dinge, wenn nötig, mit Distanz und Sachlichkeit bewerten konnte, und wenn nötig Abstand dazu hielt. Es gelang ihm nicht immer, aber meistens. Und der junge Polizist spürte ganz deutlich, dass Semir nicht mehr an ein Wunder glaubte, und sich dementsprechend auch nicht mehr daran klammern wollte.
Der Abend erschien ihm dunkler als die letzten, als Carina zu ihm nach Hause gekommen war. Es wäre ihm auch heute lieber gewesen, aber der jungen Frau war es etwas unangenehm, sich ständig einladen zu lassen und wollte nun, dass Ben einmal zu ihr nach Hause kam. Die Straßen waren leergefegt, als der Polizist aus der Tiefgarage seiner Wohnung fuhr, nur wenige Menschen waren bei der nassen Kälte auf der Straße. Ein Mann mit einem Hund beim Abendspaziergang, eine Frau mit einem Kind an der Hand, die vermutlich vom abendlichen Shopping aus der Innenstadt kommt, und ein auffallend hell gekleideter Mann mit blondem Pferdeschwanz auf einer Bank sitzend, gegenüber von Bens Wohnung. Der Polizist war so in Gedanken versunken, dass er niemanden der Menschen beachtete.
Bei Carina angekommen schlug dem Polizisten sofort der Duft frischen Essens entgegen, und sein Hungergefühl, dass die ganze Zeit unterdrückt wurde, meldete sich auf einmal doch. Die beiden umarmten sich innig und Carina freute sich darauf, einen weiteren Abend mit Ben verbringen zu dürfen. Doch schon während des Essens merkte die junge Frau, dass er seltsam schweigsam war. Er erzählte nur in Bruchstücken von dem Unfall des Jungen, der seinen eigenen Bruder attackiert hatte, dass sie die Beweggründe nicht kannten, aber den Fall der unheimlichen Mordserie damit wohl aufgeklärt hätten. Die Morde passierten alle auf die gleiche Art und Weise, nur diesmal war es eben schief gegangen, und Tobias wurde überrascht.
Carina hörte Ben zu, sieh saßen sich schräg gegenüber und unaufhörlich strichen ihre Finger über Bens Hand auf dem Tisch. Natürlich wusste die blonde Frau auch über das Schicksal von Bens Freund Kevin, aber sie vermied es, nachzufragen. Doch das brauchte sie nicht. Ben erzählte von sich aus, und es tat ihm gut. Der Polizist war anders als sein schweigsamer Freund, er frass selten etwas in sich hinein und war immer froh, reden zu können, sein Herz ausschütten zu können, und man musste ihn dazu nicht überreden.
Natürlich konnte er immer mit Semir reden, doch es war schwer frei von der Seele zu reden, wenn derjenige, der ihm zuhörte, selber betroffen war. Und lange Zeit war Ben alleine, hin und wieder telefonierte er mit seiner Schwester, die nicht hier lebte. Aber jetzt war Carina in seinem Leben und endlich eine Schulter, an der er sich auch mal anlehnen konnte. Die junge Frau war mental stark, war selbst Kummer gewohnt, nachdem sie jahrelang ihre schwer demenzkranke Mutter gepflegt hatte. Sie hatte auch nicht den Eindruck nun einen Mann zum Freund zu haben, der ausschließlich Sorgen und Probleme hatte, davor hatte Ben ein wenig Angst. Aber Carina gab ihm das sichere Gefühl, sich einfach fallen zu lassen, zu reden.
"Es hat weh getan, als sie gesagt hat, dass wir Kevin aufgegeben haben.", meinte er leise und seine Stimme zitterte. Soviel Emotionen sich in den letzten Tagen aufgebaut hatten fanden am späten Nachmittag bei Jenny ihren negativen Höhepunkt. "Sie will es nicht wahrhaben, was passiert ist. Und so lange man Kevins Leiche nicht einwandfrei gefunden hat, wird sie sich weiter an diesen Strohhalm klammern.", meinte Carina und zeigte auch Verständnis für die junge Polizistin. "Ich weiß... mir geht es ja nicht anders. Für einen Moment bin ich voll Hoffnung, einen Moment später denke ich... vergiss es. Wir müssen es akzeptieren." Er seufzte. "Ich weiß es selber nicht."
Doch etwas belastete Ben noch mehr... der Abschied. Das letzte Mal, als Kevin und Ben sich sahen, lag Kevin gerade mit blutender Nase am Boden, nachdem Semir ihn niedergeschlagen hatte. "Ich kann das einfach nicht vergessen. Dass wir uns nicht mehr ausgesprochen haben. Es ist, als stünde noch etwas zwischen uns, und ich kann es nicht mehr klären. Und dann noch sein Kind...", sagte Ben und blickte zu Carina auf. "Das Kind hätte ihm Halt gegeben, es hätte ihm geholfen. Er hat sich so darauf gefreut, hat Jenny gesagt." Der Gedanke, später dem Kind nur von seinem Vater erzählen zu können, statt dass er selbst bei ihm saß, versetzte dem Polizisten einen Stich nach dem anderen ins Herz.
"Ich weiß doch selbst, wie scheisse es ist mit einem Vater aufzuwachsen, der so gut wie nicht da ist. Und Kevin weiß...", er stockte kurz und musste schlucken. "Kevin wusste es auch. Er wäre so ein guter Vater geworden." Plötzlich stiegen alle Emotionen von Ben hoch, als er wieder aufsah zu Carina, die einfach zuhörte, und für Ben da war. Aber nun zeigte er nicht nur Worte, sondern auch eine Reaktion, als sich seine Augen mit Wasser füllten. "Es ist so verdammt ungerecht...", schluchzte er mit verzerrter Stimme, und konnte seine Gefühle nicht mehr verbergen. Die junge Frau stand auf und nahm ihren Freund tröstend in die Arme, eine Geste die mehr Trost spendete als tausend Worte... und der nahm den Trost dankbar an. "Ich bin so froh, dass du da bist.", hörte die junge Frau seine Stimme neben sich und der Polizist hatte zum ersten Mal das Gefühl, er würde tatsächlich um Kevins Tod weinen...