Köln - 14:00 Uhr
"Du spinnst." Es waren zwei Worte, aber sie kamen direkt und unvermittelt, nachdem Semir seine theoretischen Gedankenspiele beendet hatte. Und es war ein Satz, den man als scherzhaftes Kompliment, als auch als abwertende Beleidigung aufnehmen konnte. Oder aber als Übertreibung. Für einen Moment war sich der erfahrene Polizist nicht ganz sicher, wie er den Satz verstehen sollte und er drehte den Kopf ein wenig in Richtung seines besten Freundes, der auch damit beschäftigt war, hinter Lucas' Audi nicht aufzufallen. Doch die Bestätigung kam sofort: "Ernsthaft, du hast sie nicht alle. Was soll das?" Bens Stimme klang erregt, verärgert... von einem auf den anderen Moment die Laune verändert. Als hätte Semir einen Kippschalter betätigt, der Ben in den Rasend-Modus versetzte.
"Ben, ich versuche nur jede Möglichkeit abzuwägen. Fakt ist, dass die Asiaten scheinbar hinter deinem Cousin her sind. Also, wo soll er sein und vor allem, warum meldet er sich nicht?" Semirs Stimme blieb ruhig und sachlich... noch. Er sah Bens verkniffenen Gesichtsausdruck, das Kopfschütteln. Seine Hände, wie sie sich um das Lederlenkrad krampften und sein Blick, stur auf den Asphalt. "Ich versuche doch einfach nur, ein wenig logisch nachzudenken. Es ist nur eine Theorie, ich hab das doch gar nicht als Vorwurf formuliert."
"Logisch nachdenken?", giftete Ben mit aggressiver Stimme zurück. "Dann denk mal logisch nach: Warum sollte Christian dann ausgerechnet zu mir kommen, wenn er mit den Informationen auf dem Stick das große Verbrechen vor hat? Zu einem Polizisten? Dann lässt er sich von mir noch in ein Hotel fahren? Wo liegt denn da die Logik?" Semir musste zugeben, dass Bens Einwand berechtigt ist, doch dessen aggressiver Ton gefiel ihm nicht. Für einen Moment erwischte er sich bei dem Gedanken einfach zu schweigen und seine Theorien für sich zu behalten. Aus Rücksicht auf Ben, auf Rücksicht auf seine eigenen Nerven. Aber das war doch keine Zusammenarbeit. Sie mussten sich doch austauschen können, ihre Gedanken teilen, ohne sich sofort anzugreifen. Na klar gab es Meinungsverschiedenheiten, auch zwischen den beiden besten Freunden. Aber Bens Verhalten war unausstehlich, und gerade jetzt, nachdem es die letzten Stunden wieder halbwegs normal war.
"So läuft das nicht. Ich habe keinen Vorwurf gemacht.", sagte Semir nochmal und sein erster Satz war gleichzeitig dann doch ein Vorwurf. Allerdings gegen Ben, nicht gegen dessen Cousin. "Wir müssen doch offen miteinander über den Fall reden. Ich hab wirklich das Gefühl gerade, mit Kevin zu reden statt mit dir, wo ich mir jedes Wort zweimal überlegen muss, ob ich es nun sagen kann oder nicht." Und auch Semirs Stimme wurde jetzt lauter, was wiederrum Ben nicht gefiel. Die Stimmung im Wagen schaukelte sich hoch.
"Ja toll.", blaffte nun der jüngere Kollege und meinte sarkastisch. "Dann schreib Christian zur Fahndung aus. Tot oder lebendig." Dabei nahm er das Funkgerät von der Halterung und warf es seinem verdutzten Kollegen in den Schoß. Er wusste, es war nicht richtig was er tat. Aber ein unangenehmes Engegefühl machte sich in seiner Brust breit, das er scheinbar nur dadurch los wurde, dass er wütend war. Ein Gefühl, das er nie zuvor gespürt hatte und erst seit ein paar Wochen seinen Kopf dominierte. Wenn er jemanden beschimpft hatte, oder gemein zu jemandem war, fühlte er sich besser. Es war grotesk. Ben wollte das nicht, und doch konnte er nichts dagegen tun. Weder konnte der Polizist dieses Gefühl unterdrücken, noch ignorieren und alle Menschen, die ihm wichtig waren, hatten darunter zu leiden.
"Ich weiß, was mit dir ist.", hörte er dann nach ein paar Minuten der Stille, sowie dem lautlosen Zurücklegen des Funkgerätes in die Halterung durch Semir, dessen Stimme. "Und ich kann dich verstehen. Ich kann es nachvollziehen." Ähnliche Worte hatte er vor einigen Tagen schon mal benutzt, und sie endeten im Fiasko weil der erfahrene Kommissar Bens Beziehung miteinbezogen hatte. In dessen Augen ein böses Foul.
"Nachvollziehen, aha." Wieder dieser sarkastische, völlig uneinsichtige Unterton. Früher hatte Semir Ben oft auf der ruhigen Ebene erreicht, ihn quasi zur Vernunft gebracht, wenn mit ihm mal wieder die Pferde durchgingen. Doch auf dieser Ebene erreichte Semir seinen besten Freund überhaupt nicht mehr. "Erst ist dieser Verräter bei Kevins Beerdigung, und euch scheint das alles scheissegal zu sein...", spielte er gereizt darauf an, dass Jerry an der Beerdigung teilnahm... der Mann, der dem Mörder von Kevins Schwester Janine damals den entscheidenden Tipp gab und somit für größtenteils für Kevins Lebenslauf verantwortlich war. Semir musste mit Engelszungen vor der Beerdigung reden, dass Ben keinen Aufstand machte, als er den Boxer und Ex-Knacki sah. Semir schüttelte innerlich den Kopf, während er ruhig zu hörte. Er hatte auch Aversionen gegen Annie, die Frau war verantwortlich für die vermutlich schlimmste Nacht seines Lebens im Keller einer Kneipe, als er dort von Neo-Nazis psychisch gefoltert wurde... und trotzdem war es für den erfahrenen Polizisten wie selbstverständlich, dass die junge Punkerin von ihrer Jugendliebe Abschied nahm, mit dem sie so viel schönes und schlimmes erlebt hatte. Aber Semir dachte da mehr mit dem Kopf als mit dem Herzen, im Gegensatz zu seinem Kollegen. "Und jetzt tut ihr einfach so, als wäre nichts geschehen. Als wäre Kevin tatsächlich mit Jerry nach England gefahren. Die Blumen auf seinem Grab sind gerade frisch gepflanzt, da schleppts du schon irgendeinen anderen Kommissar an." Semir schluckte für einen Moment, den er spürte, dass die Angriffe nun unter die Gürtellinie gingen. Und es traf ihn bis ins Mark, so dass er selbst nicht mehr wirklich auf die Verfolgung von Lucas achtete.
"Sag mal, bist du noch ganz dicht?", fuhr er seinen Partner auf dem Fahrersitz an, und mittlerweile hatte der Streit der beiden Polizisten eine Dimension erreicht, die noch nie schlimmer war. "Das ist mein Job! Das habe ich dir schon mal erklärt." Seime Stimme zitterte. Warum konnte Ben es nicht verstehen, dass man zwischen dem Menschen Kevin und dem Polizisten unterscheiden musste. "Verdammt nochmal, Kevin ist tot! Er ist tot, begreif das endlich! Und er wird nicht mehr wieder lebendig werden dadurch, dass du dich hier wie ein Arschloch aufführst!", schrie der sonst so besonnene Polizist, dem aber auch durchaus mal der Kragen platzen konnte. Er hatte Streit mit seinen Partnern, mit Chris als dieser in einem Einsatz das Leben seiner und Semirs Tochter gefährdete, mit André als dieser Semirs Cousin des Mordes verdächtigte und die beiden sich beinahe auf der Dienststelle prügelten. Dabei war Semir zwar immer aufgeregt, in Chris' Fall eher ängstlich, aber jetzt war er verletzt von Bens Worten, und das hörte man seiner Stimme an. "Im Polizeidienst müssen wir damit klar kommen, dass wir unsere Freunde verlieren! Und wenn du das nicht kannst, dann solltest du dir gut überlegen, ob du noch weiterhin Polizist sein willst! Du musst jetzt endlich wissen, ob du das hier noch alles willst, Ben!" Die Worte flogen in Bens Kopf und stachen ihn wie Messer ins Hirn. Krampfhaft biss er die Zähne aufeinander, bis er seinen Kopf rüber zu Semir drehte. Der erschrak innerlich bei Bens Kälte in seinen Augen, etwas was gar nicht zu dem Sunnyboy passte. Doch es machte den Eindruck, als sei der Sunnyboy in Ben mit Kevin gestorben. "Ja... vielleicht sollte ich mir überlegen, ob ich noch weiter Polizist sein will.", sagte er mit einer unheimlichen Ruhe in der Stimme. Beide merkten nicht, dass sich gerade kein Auto mehr zwischen ihnen und Lucas befand.