Lebenslänglich

  • KTU - 14:30 Uhr


    Hartmuts altmodische Uhr, die in seinem Büro hing und so laut tickte, als würde jemand mit einem Vorschlaghammer auf den Amboss hauen, machte Ben fast wahnsinnig... oder kam sie ihm nur so laut vor, weil es still war im Raum, der vollgestopft war mit Elektronik? Die beiden Polizisten saßen oder standen herum, manchmal sah Semir Hartmut über die Schulter, der versuchte einige Daten aus dem defekten Handy zu retten. Das moderne Gerät hatte den Sturz des Motorrades doch nicht überlebt, der Riss in dem Glas stellte sich als Totalschaden heraus. Doch wenn es jemand schaffte, aus den Datenfragmenten noch etwas zusammen zu basteln, dann war es Hartmut Freund, der rothaarige Genie der KTU und guter Freund, der beiden Autobahnpolizisten.
    Ben konnte nicht still sitzen. Die Sorge um Kevin saß ihn im Nacken, aber viel mehr quälten ihn die Gedanken um die letzte Nacht. Konnte er Kevin jemals nochmal unter die Augen treten? Oder machte er sich einfach zu viel Gedanken, und es lief gar nichts zwischen Jenny und dem jungen Polizisten? Noch schlimmer war jedoch immer wieder ein Gedanke, bei dem er sich erwischte: Empfand er etwas für Jenny? War es doch nicht nur eine Mischung aus Trost und Einsamkeits- wie Kummerbewältigung bei beiden, dass sie im Bett landeten, sondern war da noch mehr? Ben war kein Kind von Traurigkeit, und es konnte durchaus passieren, dass er mit einer Bar-Bekanntschaft in seinem Bett landete, der er morgens noch Kaffee und Brötchen ans Bett brachte, um dann möglichst laute Rockmusik aufzulegen, um sie zum Gehen zu bewegen. Aber das war es diesmal nicht, in keinster Weise. Und dieser Gedanke machte ihm mehr als Angst, und er fragte sich, ob Jenny genauso fühlte.


    Semir spürte, dass mit seinem Freund etwas nicht stimmte. Heute vormittag hatte er es noch auf ein schlechtes Gewissen geschoben, aufgrund von Bens Alleingang in der Disco... doch so lange würde der Polizist sich nicht mit einem schlechten Gewissen rumärgern, schon gar nicht nachdem sein alter Partner klar gemacht hatte, dass es im Prinzip in Ordnung war... wenn er nur vorher Bescheid gesagt hätte. Nein, da musste noch was anderes sein... etwas was tiefer ging, tiefer in Ben drinsteckte. Waren es vielleicht immer noch Schuldgefühle um Kevin... jetzt wieder verstärkt, seitdem immer klarer wird, dass Kevin doch unschuldig war.
    Semir lehnte sich neben den hüfthohen Stehschrank, an dem auch Ben lehnte und zum Fenster hinausblickte, wo die Schmetterlinge zusammen in herrlichen Sonnenschein tanzten. "Was ist los mit dir?", fragte Semir irgendwann, doch Ben schüttelte nur den Kopf, sah seinen Partner gar nicht erst an. "Warum muss man dich eigentlich immer fragen? Warum kommst du nicht einfach mal und sagst, du Semir, mir gehts scheisse und ich sag dir jetzt warum." Die Offenheit seines Partners ließ Ben grinsen, und den Kopf doch zu Semir drehen. "Weißt du warum das so ist? Weils bei dir genauso ist, du Schwätzer.", sagte er und fühlte sich in direkter Umgebung seines Freundes sofort wieder wohler. Egal wie alleine er sich mit seinen Gedanken fühlte, sobald er spürte, dass Semir sich Sorgen um ihn machte, und seine Hand anbot, fühlte er sich wohler. Er vertraute Semir zu 1000%, und es gab keinen Grund ihm etwas zu verheimlichen... ausser dass Ben sich selbst schämte, für das was er getan hatte. Er räusperte sich ein wenig, bevor er sagte: "Glaubst du dass... dass Kevin und... Jenny zusammen... also bevor Kevin verhaftet wurde, dass die zwei...", druckste er ein wenig herum. Bevor er seinen Fehltritt, der vielleicht gar keiner war, gestand, wollte er Semirs Meinung darüber hören. "Du meinst, ob die beiden ein Paar sind?", half der ihm etwas aus der rhetorischen Klemme und bekam dafür ein scheues Nicken. Semir verzog den Mund zu etwas unentschlossenem, zuckte mit den Schultern und legte den Kopf schief: "Ich weiß nicht. Kevin ist so undurchdringbar wie eine 70er-Betonwand, aber ganz egal scheint Jenny ihm nicht zu sein, sonst hätte er Schneider nicht so zugerichtet." Mit der Antwort konnte Ben nicht alzu viel anfangen. "Warum fragst du das?" Nun lag der Ball wieder bei dem jungen Polizisten. "Naja... weil... also..."


    "Ich habs!!", kam die aufgeregte Stimme vom Computer, und Hartmut klatschte erfreut in die Hände. "Nennt mich Gott. Ich habe die komplette Anrufliste wieder hergestellt. Und einige Whatsapp-Nachrichten konnte ich wiederherstellen." Semir und Ben sahen sich kurz an, Ben wurde unterbrochen und war scheinbar dankbar dafür, denn er wendete sich sofort Hartmut zu. "Und was steht drin?" Hartmut klickte mehrere Fenster auf, die teilweise kryptische Zahlen, teilweise Nachrichten und verständliche Anruflisten enthielten. "Schneider ist Wurmfutter, Job erledigt." lasen sie. "Ich übernehme seinen Posten im 99Grad.", war eine Antwort. Alltagsgespräch. "Im Knast läufts okay, aber nicht berauschend. Haha Wortwitz" Mit dieser Nachricht konnten die beiden Polizisten erst nicht so viel anfangen.
    Dann sahen sie sich die Anruflisten des toten Dealers an. Die Zentrale der Polizei wurde mehrfach angerufen. "Hat sich scheinbar immer weiterleiten lassen, dort wo er seinen Mann sitzen hatte.", murmelte Semir in Gedanken. "Bekommst du das nicht raus?", fragte sein Partner eifrig an das Technik-Genie, doch der schüttelte nur den Kopf. "Dafür hätten wir eine Live-Überwachung zum Zeitpunkt der Anrufe gebraucht. So bekommen wir das nicht raus." "Tolles Genie.", frozzelte Ben und kassierte einen Faustschlag auf den Arm von Hartmut. "Auf jeden Fall hatte Harry Verbündete bei der Polizei.", sagte Semir und wurde dann auf mehrere Anrufe auf eine andere Nummer aufmerksam. "Das ist doch die JVA, die er angerufen hatte. Warum sollte er dort anrufen.", sagte er laut und sah Ben fragend an. "Hmm... im Knast läufts okay, aber nicht berauschend... sollten die dort auch verticken?" "Ist das nicht zu auffällig?" Bens Stimme stockte plötzlich... und ihm fiel der Drogenfahnder ein. "Verdammt... Bienert wollte doch unbedingt, dass Kevin in der Gang ermittelt." "Ja und?" "Wenn Kevin Bienert im Gespräch im Knast erzählt hat, dass er mitbekommen hat dass diese Gang auch hinter dem JVA-Mauern aktiv ist... dann hätte Bienert doch Interesse daran ihn drin zu lassen. Vielleicht sind dort sogar alte Gang-Kollegen von ihm drin.", sagte Ben hastig. "Du meinst, Bienert hätte uns etwas verschwiegen?" Der junge Polizist zuckte mit den Schultern, und Semir begann nachzudenken. Er würde es dem Kollegen eigentlich nicht zutrauen, er kannte aber auch dessen Ehrgeiz und gepaart mit Kevins Willen, wieder Polizist zu werden... schien alles möglich.


    "Hartmut, speicher die Sachen ab und schick sie uns per Mail. Wir melden uns wieder. Danke Einstein.", sagte Semir schnell, und die beiden Polizisten eilten zum Dienstwagen. Hartmut, der dem Gespräch wenig, bis gar nicht folgen konnte aufgrund von Informationsmangel, sah den beiden nur kurz hinterher.



    JVA - 15:00 Uhr


    Philipp zitterte... er zitterte am ganzen Körper, und hätte er sich nicht mehrmals in die Hand gebissen, hätten seine Zähne unüberhörbar aufeinander geklappert. Sofort als er die Stimmen, beide waren ihm bekannt, gehört hatte, hatte er sich in den hintersten Teil der Bibliothek zurückgezogen. Und was er hörte, jagte ihm noch mehr Angst ein. Kevin ein Polizist, der "Boss" möchte ihn tot sehen, und Jerry soll das bei einem Boxkampf bewerkstelligen. Oh mein Gott... niemand durfte je erfahren, dass er hier war und dies mitgehört hatte. Er sah sich bereits als toter Mann, und versuchte die Luft anzuhalten um möglichst keinen Ton von sich zu geben.
    Nachdem die beiden Männer fertig mit ihrer Besprechung waren, blieb der kleine Bankräuber noch mehrere Minuten starr sitzen. Was sollte er tun? Kevin warnen, der sich so für ihn eingesetzt hatte? Doch wie sehr konnte er dem vertrauen? Würde der sagen, von wem er die Info hatte? Gegen die Drogengang könnte auch Kevin alleine ihn nicht verteidigen. Nein, vergiss es... er wollte die letzten zwei Monate nur noch überleben, nur noch mit heiler Hauf auf eigenen Beinen rauskommen. Ihn interessierte es nicht, was hier passierte, das ging ihn alles nichts an, damit hatte er nichts zu tun. Einfach vergessen was war, einfach so tun als sei nichts gewesen.
    Er musste sich anstrengen, um möglichst unfallfrei zu seiner Zelle zurück zu kommen und nicht wegen des Zitterns über die eigenen Füße zu stolpern. Philipp sah niemandem ins Gesicht, dem er begegnete, denn er bildete sich ein, dass man ihm die Lüge, das Verheimlichen von der Nase ablesen konnte. Als hätte er auf der Stirn stehen: "Ich weiß, dass ihr Kevin töten wollt."


    Umso mehr erschrak er, als er erneut eine Stimme vernahm, als er zu seiner Zelle gelangte und sich endlich in Sicherheit wiegte. "Komm schon... du bist topfit, das sehe ich dir doch an.", hörte er Jerrys Stimme und Philipp überlegte, ob er sich füe die nächsten beiden Stunden im Klo einschließen sollte. "Jerry, weißt du wie lange ich nicht mehr in einem echten Kampf im Ring gestanden habe?", hörte er die monoton markante Stimme seines Zellenkumpel. Langsam, zitternd wie Espenlaub, trat der kleine Bankräuber in die Zelle und wurde von Kevin mit einem kurzen Nicken begrüßt. Natürlich fiel den beiden Männern sofort auf, wie zittrig der kleine Kerl war, und die Blicke fielen auf ihn, so dass dieser am liebsten im Betonboden versunken wäre. "Kalt draussen...", sagte er bloß, obwohl es ein herrlicher Sommertag war. Er steckte die Nase in ein Buch, das noch auf seinem Bett lag, wohlwollend ließ er die neuen Bücher unter seinem Shirt, damit nicht auffiel, dass er gerade aus der Bibliothek kam.
    Zu seinem Glück nahm Jerry keinerlei Notiz seines Verweises und gab seinem Freund einen Stoß. "Jetzt geb dir nen Ruck. Ich hab dich angepriesen, hab erzählt wie du damals dieses Großmaul auf die Bretter geschickt hast. Yanek hatte schon ewig keinen Gegner, der ist eingerostet." "Mann Jerry..." Kevin klang ernst. "Der letzte Kampf war gegen Tony Becker. Du weißt was damals passiert war." Es war der Kampf, in dem Kevin den vollgepumpten Becker KO schlug, der später starb... der Auslöser für Peter Beckers schreckliche Rache an Janine. "Ich wollte eigentlich nicht mehr in den Ring... zumindest nicht, ausser zum Training." Jerry sah verständnisvoll drein, doch er spürte den tödlichen Atem seines Bosses im Nacken. Er hatte Schmerzen in der Brust vor Gram, als er sich vorstellte, Kevin gerade zu seinem Henker zu schubsen, und er litt schrecklich, ohne es zu zeigen. "Das ist nicht mehr als ein Trainingskampf. Für die Leute hier drin ne schöne Abwechslung."
    Kevin schüttelte den Kopf und grinste: "Du kannst es echt nicht lassen, oder?" Auch Jerry begann zu grinsen und lachte auf: "Na los. Wir trainieren zusammen. Wäre doch gelacht, wenn ich dich nicht in 24 Stunden in Form bekomme." Der junge Polizist ließ sich von der Leichtigkeit seines Freundes anstecken. "Na schön.", sagte er, nahm Shirt und kurze Hose und die beiden Männer verließen die Zelle, wo sie einen Philipp zurückliessen, der sich gerade selbst zu hassen begann...

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Drogendezernat - 16:00 Uhr


    Durch den Berufsverkehr, der sich langsam einstellte, kamen die beiden Helden nur langsam vorwärts. Ben wäre am liebsten über die Autos drübergeflogen, um möglichst schnell ins Drogendezernat zu kommen, und er hatte ein dringliches Bedürfnis, Bienert zur Rede zu stellen, doch sein erfahrener Partner bremste ihn schon vorab ein. "Wir müssen jetzt gut überlegen, Ben. Wir müssen den Kopf sprechen lassen, nicht den Bauch.", meinte er beinahe philosophisch, denn er konnte spüren, wie nervös sein Partner auf seinem Sitz hin und her rutschte. Und natürlich konnte Semir sich denken, dass Ben am liebsten sofort vorpreschen würde und Bienert an den Kopf werfen würde, wie er es nur wagen könnte, Kevin einer solchen Gefahr auszusetzen.
    "Wenn wir jetzt mit der Tür ins Büro fallen, wird Bienert blocken. Wir müssen ihn überreden, zusammen zu arbeiten." Bens stummes Nicken reichte Semir nicht, es war wie ein lästiger Versuch, die Belehrungen endlich aufhören zu lassen. "Ben?", bat der Polizist auf dem Fahrersitz dann nochmal zusätzlich um Bestätigung seiner Worte, und erhielt von seinem Freund dann beinahe ein genervtes "Jahaaa". Ben war Semir für dessen weisen Worte oft dankbar, auch wenn der selbst nicht immer so souverän wirkte, vor allem wenn es um seine Familie ging... dann konnte bei Semir auch der Bauch und das Herz statt des Kopfes regieren. Aber manchmal fühlte Ben sich durch Semir auch bevormundet, als wolle der kleine Kommissar versuchen, seinen jungen Freund noch zu erziehen.


    Diesmal klopften sie nicht an, sondern öffneten die Tür ins Büro des Drogenfahnders ohne Vorankündigung. Dieser blickte hinter seinem Schreibtisch überrascht auf, wie immer modisch gekleidet, mit seinen wachen souveränen Augen. "Ben, Semir? Was kann ich für euch tun.", fragte er überrascht, denn die beiden hatten sich nicht angekündigt. Semir schloß die Tür hinter sich, bevor er sofort, ohne Umschweife, aufs Thema kam und Ben sich noch zurückhielt. "Was geht da im Gefängnis vor sich?" Erstaunlich, dachte Ben... keinerlei Gefühlsregung in Bienerts Gesicht, kein zuckhaftes zur Seite schauen, was er hätte regestrieren können... er hielt den Blick auf Semir gerichtet, die Hände vor sich gefaltet. "Was meinst du?", fragte er und bot den beiden Platz an.
    "Komm schon, Thomas.", sagte der ebenfalls erfahrene Autobahnpolizist, der seinem Kollegen erfahrungstechnisch auf Augenhöhe begegnete. "Hör auf uns anzulügen." Je länger Semir eben im Auto über die Situation nachgedacht hatte, desto sicherer war er sich, dass sie recht hatten. Im Gefängnis florierte der Drogenhandel ebenso, und Kevin wusste das. Hatte Bienert deswegen so zurückhaltend reagiert, als es darum ging, die Situation einzuschätzen? "Ich weiß nicht was du meinst.", beharrte er und Ben ballte die Hände unter dem Tisch zu Fäusten.
    "Wir haben Hinweise, dass in der JVA der gleiche Drogenring aktiv ist, hinter dem du her bist... in den du Kevin einschleusen wolltest. Hast du uns über ihn die Wahrheit gesagt, nachdem du bei ihm warst?", fragte Semir nun gezielter und mit einer Prise Schärfe in der Stimme, doch von Bienert kam verbal keine Reaktion... allerdings hielt er dem Augenkontakt nun nicht stand. "Hast du Kevin nun in der JVA auf den Ring angesetzt?" Wieder keine Reaktion, als bräuchte der Drogenfahnder kurze Bedenkzeiten.


    Ben reichte es.... doch sein Adrenalin kochte noch nicht hoch. Er griff stattdessen zu einer List, um Bienerts Reaktion zu prüfen... einer List, die Semir bewunderte und ihn am liebsten laut dafür gelobt hätte. "Wir haben Beweise, dass Kevin unschuldig ist. Wir könnten ihn noch heute Abend aus dem Knast holen lassen." Wieder reagierte Bienert... diesmal deutlicher durch seine Mimik. Der Blick sprang auf Ben, der sich mühsam unter Kontrolle hielt, der Mund öffnete sich etwas. Wenn sie Kevin aus den Knast holen würden, würde er seinen einzigen Mann dort verlieren. Mühsam, wie unter Schmerzen sagte der Drogenfahnder: "Kevin hatte schon Kontakt zu der Gang, bevor ich ihn besucht habe. Er kennt dort Leute von früher." Der junge Polizist mit den Wuschelhaaren sah aus dem Fenster, stand vom Stuhl auf und ging zweimal von der Tür zum Schreibtisch und wieder zurück, als würde er versuchen so seine angestauten Aggressionen ab zu bauen. "Aber du hast ihn darin bestärkt, weiter zu stochern?", fragte Semir, der immer noch ruhig auf seinem Stuhl saß, aber mit sehr bestimmender Stimme sprach. Bienert nickte verkniffen. Ja, er hatte ein schlechtes Gewissen, denn herzlos war Bienert nicht. Aber er war besessen davon, diesen Drogenring auffliegen zu lassen. "Kevin hat dort Ansehen. Er kennt die Leute, die dort drin sind. Niemand anderes hätte so schnell die Möglichkeit in diesen Ring zu kommen. Dass er in der JVA sitzt ist ein Zufall, der uns aber hilft.", versuchte der Drogenfahnder seine Beweggründe zu erklären. "Da läuft eine Riesensauerei, und er kann sie auffliegen lassen."


    Ben verlor die Geduld, seine Stimme wurde lauter, und die Stimmung im Büro, die eh zum Schneiden war, drohte zu kippen. "Kevin ist völlig auf sich alleine gestellt.", rief er laut. "Er hat niemanden, der eingreifen kann, wenn etwas passiert, kein Wärter weiß, dass er Polizist ist. Was ist, wenn ihn dort jemand erkennt, der ihn schon mal verhaftet hat. Das wurde doch überhaupt nicht geprüft, als er festgenommen wurde." Semir sah Ben ein wenig tadelnd an, ob seines lauten Tons, aber er konnte seinen Freund auch verstehen. Die Sorge um ihren Freund nagte auch an ihm, doch er schaffte es, dass noch sachlich nach hinten zu schieben. "Ich bin mir um die Risiken durchaus bewusst. Aber Kevin hat die beste Tarnung, die er haben kann. Er ist als Mordverdächtiger festgenommen, und nicht unter irgendeinem Vorwand." "Das ist denen, die ihm dort drin ans Leder wollen, doch völlig egal. Ausserdem... was ist, wenn seinen alten Freunden nicht egal ist, dass er vorher Polizist war? Er trägt das volle Risiko.", sagte Ben und spürte, wie er vor Wut zitterte.
    Bienert ließ sich von der aggressiven Stimmung anstecken. Die Souveränität in seiner Stimme wich dem Angriff. "Glaub mir, wenn ich die Möglichkeit hätte, hätte ich mich selbst eingeschleust, um die Gang auffliegen zu lassen. Aber die Möglichkeit habe ich nicht." "Nein... wie gut dass Kevin die Möglichkeit hat. Nur ist er dort drin völlig schutzlos, völlig ohne Hilfe." Bens Stimme wurde ebenfalls lauter und aggressiver, doch Thomas Bienert keilte zurück: "Kevin braucht keine Hilfe. Er hat sein ganzes Leben lang keinerlei Hilfe bekommen, und das Einzige, wobei ihr ihm geholfen habt, war, dass das, was er sich aus seinem verkorksten Jugendleben erkämpft hat, den Bach runtergegangen ist." Ein fieser Tritt gegen Ben, bezogen auf seinen Ausrutscher, was Kevins Suspendierung zur Folge hatte. Semir ahnte bereits, dass Ben diese Spitze nicht einfach schlucken würde, und als sein Freund bereits zwei, drei drohende Schritte auf Bienert, der sich mittlerweile erhoben hatte, zuging, sprang der kleine Polizist auf.


    "So, Schluss jetzt!", rief er und hielt seinen Freund am Shirt fest. "Ich glaube, ihr habt sie nicht mehr alle! Wenn ihr jetzt aufeinander losgeht, nutzt das Kevin im Knast auch nichts." Ben ließ sich nur schwer beruhigen, schüttelte Semirs Hand ab, drehte aber auch seine Richtung weg von Bienert, wieder hin zur Tür. Er fühlte Verzweifelung in sich aufsteigen, denn der Drogenfahnder hatte recht... er war dran schuld, dass Kevin sein Leben riskieren musste, um vielleicht wieder eine Chance bei der Polizei zu haben. Bienerts Puls beruhigte sich auch wieder und langsam ließ er sich wieder hinter seinem Schreibtisch nieder. "Was hast du zu Kevin gesagt?", fragte Semir, der mittlerweile der Souveränste war. "Ich habe nur gefragt, ob er mehr rausbekommen kann... sonst nichts. Und dass ich ihn regelmäßig besuchen werde."
    Semir nickte, er deutete zu Ben hin, sich wieder hinzusetzen, und sich zu beruhigen, doch Ben blieb stehen, die Hände in den Haaren. "Wir haben mehr herausgefunden. Scheinbar hängt auch jemand von der Polizei in der Sache mit drin. Ausserdem stimmt es, was Ben sagt... wir haben Beweise, dass Kevin unschuldig ist. Nur können wir die noch nicht der Staatsanwaltschaft vorbringen, weil wir nicht ermitteln dürfen... und wir sind nicht ganz legal rangekommen." Semir erzählte Bienert im ruhigen Ton, was sie durch den Einsatz im 99Grad herausgefunden haben, den Unfall des Drogendealers und die Whatsapp-Nachrichten. "Wir müssen an einem Strang ziehen. Kevin im Gefängnis zu lassen ist zu gefährlich. Aber nur du kannst uns helfen, wenn du die Ermittlungen deckst, und die Beweise somit wirksam sind." Bienert sah erst Semir, dann Ben nachdenklich an. Konnten sie auf konventionellem Weg wirklich etwas gegen die Dealer ausrichten? Aber wollte Bienert wirklich weiterhin das große Risiko über Kevins Gesundheit tragen? Wenn sogar Polizisten drinhingen konnten die schnell Informationen weitergeben, dass Kevin ein Bulle war. "Ich muss darüber nachdenken...", sagte er mit müder Stimme.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • JVA - 17:00 Uhr


    In der, ziemlich heruntergekommenen Sportanlage der JVA roch es nach Schweiß. Es war der typische Sporthallengeruch, den man einerseits verabscheute, andererseits mochte wenn man sich gerne hier aufhielt, um sich auszupowern. Die Stadt Köln hatte vor Jahren eine Menge Geld in die Hand genommen, um den Gefangenen zu ermöglichen, ihre Aggressionen in sportliche Energie umzuwandeln, es wurden Box und Selbstverteidigungskurse angeboten, jeder konnte sich in seiner Freizeit austoben wie er wollte. Ob an Sportgeräten, im Boxring, auf einem kleinen Handball- und Fussballfeld. Einige Wärter hatten immer ein wachsames Auge auf die Gefangenen, damit es nicht zu Ärger kommen konnte.
    Jerry und Kevin waren neben dem Boxring auf Matten zugange. Kevins sonst abstehende Haare lagen feucht und flach an seinem Kopf, der Schweiß rann ihm nach wenigen Minuten schon aus allen Poren, tränkte sein Shirt und die Boxhandschuhe. Jerry hatte ihn erst 20 Minuten aufs Laufband geschickt, bevor er mit dem richtigen Training anfangen wollte. Es war eher eine Ablenkung für den älteren Freund, eine Ablenkung von seinen Gedanken um den morgigen Vormittag, wenn er den Boxkampf verabredet hatte. Er würde Kevin ans Messer liefern... konnte er das wirklich? Seinen Freund, den er damals auf der Straße hat aufwachsen sehen, umsorgt nur von einem Transvestit ohne Zeit, einer brutalen Jugendgang, der Vater sich nicht um ihm gekümmert. Konnte er das wirklich? Er sah Kevin eine Zeitlang stumm beim Laufen zu und erinnerte sich an soviele Dinge, die die beiden gemeinsamen durch- und überstanden hatten, damals.


    "Fürhand!", rief Jerry laut, hielt die rechte Hand mit der Klatsche darum nach oben, auf die Kevin boxte. Sie standen sich gegenüber, Kevin mit erhobenen Handschuhen vor dem Gesicht und immer schnell und präzisse auf Jerrys Anweisungen boxend. Dabei drehten sie sich leicht im Kreis, damit der junge Polizist schnell auf den Beinen blieb und immer wieder auf Jerrys Kommando die Faust nach vorne schnellen ließ. "Du lässt die Deckung beim Schlagen fallen.", wurde er von Jerry korrigiert, der beim nächsten Mal, als ihm dies auffiel mit der freien Hand, auf die Kevin nicht schlug, seinem Schützling gegen die Schläfe schlug. "DECKUNG!", wurde er dann deutlicher, und Kevin erinnerte sich an das damals so strenge und schlauchende Training.
    Jerry hatte selbst sogar offizielle Wettkämpfe geboxt, bevor er an die Drogen geriet. In der Jugendgang war er eigentlich kein Jugendlicher mehr, aber er war eine wichtige Bezugsperson. Er setzte es auch durch, dass man sich regelmäßig in der Boxschule traf, um den Jungs dort zumindest ansatzweise beizubringen, wie man sich anständig wehren konnte, ohne blind drauf los zu prügeln. Beim Training konnte der so fröhliche und gutherzige Mann gnadenlos werden, äusserst unangenehm und fordernd. "Schneller schlagen!", trieb er Kevin mit Worten an, die manchmal hart und unbarmherzig wirkten um jemanden zu pushen. Das Urteil konnte nachher sehr positiv ausfallen, wo von man während der Übung überhaupt nicht den Eindruck hatte, denn da hatte man durch Jerrys Kommentare den Eindruck, man mache alles falsch. "Kombination!", rief er dann und Kevin schlug zweifach, legte mit Links vor, ging zwei Schritte auf Jerry zu, der zurückwich und legte mit rechts zweimal nach. Es war anstrengend, und obwohl der junge Polizist eine gute Kondition hatte, hatte er lange nicht mehr so hart und so intensiv trainiert.


    "Okay.", sagte Jerry dann nach anderthalb Stunden, und sein Freund ließ keuchend die Arme sinken. Der Drogendealer nickte anerkennend: "Bist schneller geworden.", meinte er und bedachte seinen Schützling mit sanften Schulterklopfen. "Schneller müde, oder was?", keuchte der und atmete tief ein und aus, in dem er die Arme über den Kopf hob und einatmete. "Nein, ich meine schneller generell. Explosiver, du reagierst besser.", konkretisierte sein Lehrer und machte klar, dass er dies diesmal nicht ironisch gemeint hatte. "Kickboxen, Karate.", sagte Kevin, weiter unter schnellem Atmen, bevor er sich langsam auf die Matte niederließ. "Habe ich gemacht, nachdem ich bei André war." "Wenn du Yanek schlagen willst, wirst du schnell auf den Beinen sein müssen. Er ist ein Koloss, er hat Kraft, aber keinerlei Schnelligkeit oder gute Technik. Im Prinzip ist er gut schlagbar, aber wenn er dich einmal trifft, ist es vorbei.", erklärte der Mann, der sich nun neben Kevin ebenfalls auf die Matte niederließ. Kevin nickte, wischte sich mit dem Unterarm übers Gesicht und fragte sich, ob so ein Kampf nicht etwas zu früh kam... aber er wollte seinem Freund den Gefallen tun, und je länger er mit Jerry wieder beisammen war, desto mehr vermisste er die alte Zeit... desto mehr Gewissensbisse bekam er, eigentlich dabei zu sein Jerry an Bienert auszuliefern.
    "Wie lange bist du eigentlich noch hier drin?", fragte Kevin irgendwann, nachdem sie eine zeitlang ruhig nebeneinander gesessen hatten, und sich der Puls des Boxers langsam beruhigte. "Pfff, wen interessiert das. Ich will gar nicht hier raus.", meinte Jerry nachdenklich und wurde von seinem Nebenmann mit überraschtem Blick bedacht. "Du willst nicht raus?" "Nein... ich hab doch hier alles. Ich verdiene ein wenig Geld, ich bin mit Freunden zusammen, ich habe ein Dach über dem Kopf und drei Mahlzeiten am Tag." Der Mann grinste, und Kevin konnte nicht genau sagen, ob Jerry wieder einen blöden Witz machte, oder es wirklich ernst meinte. "Ich hab mein ganzes Leben lang nichts anderes getan als Boxen oder eben mit euch dealen, in Häuser einsteigen und so weiter. Glaubst du, das ändert sich von heute auf morgen?", fragte er und winkelte die Beine beim Sitzen auf der Matte ein wenig an. "Fürs Boxen bin ich zu alt, und für den Rest fahre ich eh irgendwann wieder ein. Dann kann ich auch gleich hier bleiben. Hier gehts mir gut." Kevin konnte diese Haltung nicht verstehen. "Gibt es denn nichts, was du hier vermisst?" "Kühles Bier... dann wäre es perfekt." Für solche Sprüche und das nachfolgende Grinsen liebte Kevin den Mann einfach.


    "Was ist mit dir? Was vermisst du hier drin?", fragte Jerry dann irgendwann in die Richtung seines jungen Freundes. Der überlegte nicht lange und sprach, ohne Jerry direkt anzusehen. "Freunde... andere Freunde als ihr. Und Kalle.", wobei er lächelte und Jerry lachen musste. "Achja, Kalle. Deine Ersatzmama... hast du dich immer noch nicht abgekapselt?", witzelte er. "Im Gegenteil, ich bin wieder bei ihr eingezogen." "Und sonst? Freundin?" Kevin wog den Kopf ein wenig hin und her. "Vielleicht..." Konnte man das zu Jenny wirklich Beziehung nennen? Klar fühlte er sich zu ihr hingezogen, aber Liebe war so etwas großes... er kannte ihre Gefühle nicht einmal, ausser dass sie sich geküsst hatten, bevor die Vergewaltigung passiert war. "Was heißt Vielleicht... so etwas muss man doch wissen?", meinte sein Nebenmann. "Das ist kompliziert..." "Oh Gott, verschone mich...", lachte Jerry.
    Auf einmal musste Jerry auflachen und schubste Kevin an der Schulter. "Weißt du noch, an deinem 14ten Geburtstag, als ich dich vom Gläserspülen bei deinem Vater abgeholt habe?" Kevin grinste sofort, obwohl ihm bei der Erwähnung seines Vaters eigentlich selten zum Lachen zu Mute war. "Du bist zu meinem Vater gegangen und hast getan, als wären wir verheiratet. 'Herr Peters, ich hole ihren Sohn jetzt ab.'". Die beiden Männer begannen zu lachen und sich anzublicken. "Er hat gefragt, was wir vorhatten um diese Zeit.", gluckste Jerry und sein Kumpel ergänzte: "Und du meintest eiskalt: 'Ich nehme ihn mit zu seiner ersten Nutte... da ich aber will, dass er gesund bleibt, halten wir uns von ihren Mädchen fern.' Der hätte dich am liebsten erschlagen." Jerry wusste damals schon von dem schwierigen Verhältnis zwischen Kevin und seinem Vater, und wollte mit dem damals sehr provokanten Spruch klarmachen: "Die Feinde meiner Freunde sind auch meine Feinde." Kevin hatte das sehr imponiert.
    Das schlechte Gewissen nahm in beiden Männern Überhand... bei Kevin wegen Bienert, bei Jerry wegen dem geplanten Anschlag auf seinen Freund. Konnte er das wirklich? Aber konnte er auch wirklich sein eigenes Leben gegen das von Kevin eintauschen? Sollte er sich dem jungen Mann anvertrauen um gemeinsam eine Lösung zu finden? Alles aufgeben, was er hier hat und so gerne behalten möchte? Keine Lösung, die sich ihm anbot, klang wirklich zufriedenstellend.


    Nach einer kurzen Zeit des Schweigens meinte Jerry dann: "Weißt du, woran ich mich auch noch erinnern kann?" Seine Stimme klang plötzlich seltsam nachdenklich, und Kevin signalisierte ihm durch Augenkontakt, dass er reden möge. "Als du dich mit 16 einem Kerl entgegen gestellt hattest, der ein Messer hatte und gerade deine Schwester ausrauben wollte. Ich konnte diesen Moment nie wirklich realisieren, als ich das gesehen hatte, was dieses Mädchen für dich bedeutet hat." Der junge Mann nickte nachdenklich. "Ja..", sagte er nur und sah von Jerry weg, der dann fortfuhr: "Genauso werde ich das Bild, als wir euch beide in der Gasse gefunden haben, niemals vergessen..." Mit einem Ruck sah der junge Polizist zu seinem Freund, seine hellblauen Augen wurden größer und der Mund stand vor Erstaunen ein wenig auf. "Du hast uns gefunden?" Jerry nickte stumm. Erst nach einigen Augenblicken sagte er: "Georg und ich waren abends unterwegs. Wir haben noch den letzten Schrei gehört, sind durch die Gasse... und haben erst Janine gefunden, und dann dich stöhnen gehört. Wir haben den Krankenwagen und die Polizei gerufen, und sind abgehauen, kurz bevor die eintrafen, damit man uns nicht erwischt, denn wir hatten beide etwas dabei." Langsam sah Kevin wieder von seinem Freund weg und fuhr sich mit der rechten Hand durch die feuchten Haare, dieses Geständniss schien ihn zu erschlagen. Letztendlich hatte Jerry ihm damals das Leben gerettet, auch wenn er oft schon, in depressiven Phasen, den Mann verflucht hatte, der ihn fand bevor er gestorben war.
    "Wir waren damals alle erschüttert. Du weißt, dass für jeden in der Gang Janine eine Heilige war. Wir haben nach ihrem Mörder gesucht." Die beiden Männer saßen nebeneinander auf der Matte, während Jerry seitlich fest auf Kevin blickte, sah der geradeaus auf den Boden. "Aber wir haben nicht rausgefunden, wer es war." "Janines Mörder ist tot... Peter Becker hat an Janine Rache genommen für seinen Bruder, der im Boxring gegen mich verloren hatte und gestorben ist." Jerry nickte, weiter mit festem Blick auf Kevin. "Das habe ich vor anderthalb Jahren hier im Knast erfahren. Von Timmy." Wieder wandte Kevin den Kopf zu Jerry, die Augen zu Schlitzen verengt. "Er hat den Kerlen einen Tipp gegeben, dass ich auf meinem 18ten betrunken war. Er war der einzige, der aus der Gang da war." "Ich weiß. Er hat es damals erzählt, weil er dachte, dass wir beide im Streit damals auseinander gegangen sind. Das war ein Fehler." Jerrys Stimme klang plötzlich anders... kalt... gefühllos. "Ist er noch hier?", fragte Kevin, doch es war eher eine rhetorische Frage. Jerry schüttelte mit festen Blick in Kevins Augenpaare den Kopf. "Timmy hatte hier einen Unfall... kurz danach." Jerrys Stimmlage und sein Blick ließen keinen Zweifel zu, wie dieser Unfall zu stande kam... und in Kevin stieg erschreckenderweise keinerlei Erschrockenheit über Jerry auf, sondern eher Dankbarkeit...


    Die beiden Männer fühlten sich seltsam verbunden, enger als vor Jahren, obwohl sie sich erst 3 Tage wieder gesehen hatten. Sie schwiegen, sie hingen beiden ihren Gedanken nach, Kevin musste da neu Erfahrene über seine Vergangenheit erstmal verarbeiten. Irgendwann meinte Jerry: "Vielleicht sollten wir den Kampf noch ein paar Tage verschieben, und mehr trainieren." Kevin blickte ihn an, und lächelte dann. Er wollte diese schwarzen Gedanken abschütteln, die dunklen Wolken mit einem Lächeln verscheuen. "Quatsch. Mit dir an meiner Seite morgen fühle ich mich absolut sicher. Ich werde Yanek schlagen." Dabei legte er einen Arm um Jerrys Schulter.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Dienststelle - 17:30 Uhr


    Ben war nicht zu beruhigen. Einerseits schwankte er zwischen erneut aufkommenden Schuldgefühlen gegenüber Kevins Situation, auf der anderen Seite war seine emotionale Seite im Bezug auf Thomas Bienert nicht mehr runterzubekommen. "Arschloch" war noch das netteste Komplimente, dass er während der Fahrt zur Dienststelle für den erfahrenen Drogenfahnder übrig hatte. "Er lässt Kevin am langen Arm verhungern. Für den zählt nur der Fahndungserfolg.", knurrte er weiter und sah mit resignierender Miene aus dem Fenster. Ein schreckliches Gefühl, Beweise für Kevins Unschuld in der Hand zu halten, und sie nicht einsetzen zu dürfen um den Freund endlich aus dem Gefängnis zu holen. Semir blieb still, als schien er nach zu denken. Er wollte nicht sagen, dass er Bienert verstand, aber zumindest konnte er dessen Verhalten nachvollziehen, sich in seine Person versetzen. Bienert arbeitete schon jahrelang daran, den Ring auffliegen zu lassen. Ausserdem kaufte Semir dem Drogenfahnder ab, dass er gerne Kevin helfen würde, wieder in den Job zu finden. Nein, so einfach war es nicht. Er würde seine einzige Chance im Gefängnis verlieren, man müsste wieder einen Undercover - Ermittler dort einschleusen, der vielleicht Monate brauchte, bis er sich das Vertrauen der Gang erarbeitet hatte... das Vertrauen, das Kevin scheinbar auch Jahre nachdem er die Gang verlassen hatte noch genoß.
    Auf der anderen Seite stand die Gefahr, in der Kevin schwebte. Würde er enttarnt werden, könnte ihm niemand im Gefängnis im helfen. Er war Freiwild, er war ein Seiltänzer ohne Netz und doppelten Boden. Die beiden Freunde mussten gut überlegen, was sie jetzt tun würden. "Redest du noch mit mir?", wurde er von Ben aus seiner Gedankenwelt gerissen. "Hä? Ähm... ja natürlich.", sagte der Fahrer des Wagens etwas abwesend, als er den Wagen auf dem Parkplatz parkte. "Was machen wir jetzt?" Semir pustete erstmal durch und verharrte einen Moment hinter dem Lenkrad. "Erstmal Jenny erzählen, dass Kevin kein Mörder ist."


    Bei dem Namen "Jenny" rutschte Ben sofort das Herz in den Unterleib. Da war doch noch was, was er Semir gerne gebeichtet hätte... da war schon wieder dieses kleine Biest, das sich "schlechtes Gewissen" nannte und grinsend aus den Tiefen seines Unterbewusstseins auftauchte, um Ben das Leben schwer zu machen. "Ja... das sollten wir.", meinte er stotternd, als sie ausstiegen und in die bekannte Geräuschkulisse der Dienststelle abtauchten. Jenny sah sofort auf, als die beiden Helden die Dienststelle betraten sah und ihr Blick war ein wenig hilfesuchend und äusserte den Wunsch "Bitte bringt gute Nachrichten." Semir lächelte, deutete mit seinem Blick auf das Büro, während Ben jeden Punkt im Großraumbüro kurz anvisierte... nur nicht Jenny.
    Die junge Polizistin stand sofort von ihrem Schreibtisch auf und eilte zu Semir ins Büro. Sie schloß die TÜr des gläsernden Raumes, während Ben unter dem Schreibtisch abtauchte, um seine Schuhe zu binden. Nicht dass sie offen gewesen wären, aber er hatte plötzlich den Drang, ihren Sitz zu festigen. Semir erzählte, was sie an diesem Tag herausgefunden hatten, was sich erreignet hatte, Harrys Unfall und Bienerts Reaktion. Erstmal war Jenny erleichtert... es war nun sicher, dass Kevin kein Mörder war, niemand aus blinder Wur wegen ihr umgebracht hatte. Das fühlte sich gut an, und sie machte sich Hoffnung, dass er bald wieder aus dem Gefängnis kam... auch wenn dann eine Konfrontation der anderen Art auf sie wartete. Das spürte sie deutlich, als Ben wieder auftauchte, und sich die Blicke der beiden kreuzten, und ihr sofort wieder die letzte Nacht ins Gedächtnis kam. Bens Trost, seine starken Arme, sein kräftiger Körper, und wie sehr sie es genossen hatte, sich bei ihm völlig fallen zu lassen, sich völlig gehen zu lassen. Nein, die Nacht steckte tief in ihrem Gedächtnis und sie würde so schnell den Weg da raus auch nicht finden, das wusste sie bereits. Aber wie dachte Ben darüber, es schien ihm äusserst unangenehm zu sein, auch nur in Jennys Nähe zu sein.


    Zum Glück konnten Gedanken nicht reden, sonst hätte Semir vermutlich sein eigenes Wort nicht mehr verstanden bei den ganzen Gedanken, die momentan bei Jenny und Ben unterwegs waren, als sie sich für einen Moment anblickten. "Wann... wann können wir ihn... rausholen?", fragte sie stotternd, denn sie bemerkte sowohl ihre eigene Unsicherheit, als auch die von Ben. "Naja... also... das ist nicht so einfach.", sagte Semir dann etwas niedergeschlagener. "Wir können die Beweise nicht verwenden. Man wird sie nicht anerkennen. Wir müssten das über Bienert machen, der ihn Schneiders Drogengeschäften ermittelt hat... oder über Plotz, der den Mordfall nochmal untersucht hat." Jenny lachte spöttisch auf, als sie den Namen des ekelhaften Mordermittlers hörte. Nein, auf den wollte sie sich nicht verlassen. "Was ist mit diesem Bienert?", fragte sie dann, und wieder druckste Semir ein wenig herum, während Ben immer noch schwieg und die Wattewölkchen am Himmel beobachtete. Der erfahrene Polizist erklärte Jenny, welche Beweggründe Bienert hatte, Kevin besser im Gefängnis zu lassen, versuchte es so neutral wie möglich zu erläutern. Diese Neutralität ließ Ben wieder wütend werden, denn er hatte immer kurz den Eindruck, dass Semir mehr auf Bienerts Seite stand, als auf der von Kevin. Auch Jenny konnte ihre Wut nicht unterdrücken. "Was fällt diesem Typ ein? Was ist, wenn Kevin etwas passiert?" "Der Ermittlungserfolg steht über allem." meinte Ben dann spöttisch und sah Semir demonstrativ an, der diesen Blick auch sofort deutete. "Ben bitte... ich versuche beide Seiten zu verstehen, wenns recht ist. Was ist denn, wenn Kevin die Möglichkeit, die er hat, den Ring auffliegen zu lassen, selbst will, um wieder in den Dienst zurück zu kehren?" An die Möglichkeit hatte Ben noch nicht gedacht, aber Kevins Kühnheit wäre es zu zu trauen. "Aber... das ist doch Wahnsinn.", meinte Jenny und der junge Polizist pflichtete ihr bei: "Ich weiß zumindest, dass du und die Chefin sowas nie erlauben würdest, wenn wir es offiziell machen würden." Damit hatte Ben ebenfalls recht.


    "Wir sprechen mit der Chefin.", sagte Semir dann irgendwann und ließ sowohl Ben als auch Jenny aufhorchen. "Bist du des Wahnsinns? Weißt du was die mit uns macht? Fleischwolf ist noch gemütlich ausgedrückt.", sagte Ben und tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. Auch Jenny sah ihren älteren Kollegen überrascht an. "Ich weiß nicht, ob das so gut ist...", war sie mit Ben einer Meinung, was ihr und ihm sofort wieder unangenehm war. Dabei blickte sie durch die Glasscheibe herüber zur Chefin, die immer noch arbeitete, aber auch bald an den Feierabend kam. Semir aber war der Meinung, dass die Idee nicht schlecht war: "Wir müssen sie einweihen. Lange können wir es nicht mehr geheim halten. Wir haben Beweise, dass Kevin unschuldig ist. Für die Staatsanwaltschaft gelten die Beweise nicht, für sie schon. Und ich bin mir sicher dass sie uns dann auch helfen wird." Ben beugte sich nach vorne in Semirs Richtung. "Du weißt doch selbst, dass sie nichts von Kevin hält. Wie kannst du dir so sicher sein..." "Die Chefin würde niemals einen Polizisten unschuldig im Knast sitzen lassen... schon gar nicht einen Freund von uns. Egal was sie von ihm hält." Semir kannte Anna Engelhard schon seit 17 Jahren, Ben erst 6 Jahre... und so nickte er zögerlich, aber noch nicht wirklich überzeugt. "Na gut... wenn du meinst...", sagte er zögerlich und sah dann erstmals wirklich absichtlich zu Jenny. Der erfahrene Polizist stand sofort auf, und ging aus dem Büro heraus. Jenny ließ ihm den Vortritt, blieb an der Tür auch kurz stehen, bis Ben auf ihrer Höhe war, und er kurz bei ihr stehen. Fast verstohlen, nicht sichtbar und für Sekundenbruchteile berührten sich ihre Hände und die beiden blickten sich an. "Ich glaube, wir müssen mal miteinander reden.", sagte der Polizist leise, und blickte Jenny direkt in die Augen... sie nickte nur stumm...

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Dienststelle - 18:00 Uhr


    Es war, als schritten die beiden Männer zu ihrer eigenen Hinrichtung. Ben und Semir hatten ernste Mienen aufgesetzt, als sie ins Büro der Chefin traten, bereit sich den Anschiss ihres Lebens abzuholen und voll Hoffnung, dass ihnen die Chefin dann helfen würde, Kevin so schnell wie möglich aus dem Knast zu holen. Anna Engelhardt guckte erstaunt, als sich die beiden Polizisten in ihrem Büro blicken ließen, sah kurz auf die Uhr und meinte dann: "Hat das nicht noch bis Morgen Zeit, meine Herren?" Nein, hatte es nicht... das konnte sie sofort aus den Gesichtern der beiden Männer ablesen, eines davon kannte sie bereits so lange, dass sie sich schon fast denken konnte, um was es ging.
    "Chefin, wir müssen ihnen etwas erzählen.", begann Semir, nachdem beide Platz genommen hatte und die erfahrene Kommissarin klappte die letzten Akten zu, die sie gerade bearbeitet hatte, um sich dann zurück zu lehnen und ihren beiden besten Männern ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. Ben sah Semir kurz an, der dann begann, wie so oft. "Wir... wir haben im Mordfall Mark Schneider weiter ermittelt." Rumms, das saß erstmal. Anna Engelhardt zog die Augenbrauen nach oben, die Augen wurde größer und sie blickte zwischen ihren beiden Männern hin und her. Sie wäre überrascht, wenn sie es nicht geahnt hätte, allerdings hatte sie damit gerechnet, dass die beiden es niemals freiwillig zugeben würden. "Sie haben was?", fragte sie mit katzenfreundlicher, und somit brandgefährlicher Stimme noch einmal nach, und Semir bestätigte seine Aussage. "Wir sind beide der Meinung, dass der Kollege Plotz zu vorschnell den Fall abgeschlossen hat, und wir haben uns erlaubt... selbst nach zu haken." Die Chefin wägte ab, ob sie zuerst den obligatorischen Anschiss verabreichen sollte, oder erst hören wollte, was die beiden rausgefunden hatten. Sie entschied sich für zweiteres, lehnte sich auf ihre Ellbogen nach vorne und meinte ruhig: "Reden sie weiter, Semir."


    Semir war von der Coolness seiner Chefin erstmal etwas perplex, fuhr dann aber sofort fort: "Ja... also wir sind nochmal zu dem Tatort. Dort haben wir ein Notizbuch gefunden, und haben den Kollegen Bienert, der Kevin verhaftet hatte zu Rate gezogen..." Semir packte alle Fakten auf den Tisch. Der Junkie in der Wohnung, die Aufzeichnungen und Bienerts Geständnis, dass er Kevin auf eigene Faust in die Drogengang eingeschleust hatte. Sie waren offen und ehrlich zu ihrer Chefin, auch wenn Semir im Bezug auf Bienerts Alleingang Bauchschmerzen hatte, hatte er ihm doch Verschwiegenheit versprochen, was er der Chefin auch klar machte. Ben setzte dann den Bericht fort, als er und Jenny zusammen den Scheinkauf abwickelten, und dort die ersten Hinweise auf Kevins Unschuld auftauchten. Der Besuch bei Harry, die Verfolgungsjagd, der Unfall und die Auswertung von Harrys Handy. Die Chefin hörte zu, fiel von der Verägerung in die Verblüffung als sie erkannte, dass das ganze offenbar doch beinahe ein Komplott war. Semir brachte noch größere Abgründe zu Tage, als er von dem Drogenring im Gefängnis sprach, und dass Bienert ihren Kollegen offenbar lieber im Knast ermitteln sah, als wieder auf freiem Fuß. Die Beweise von Hartmut legten die beiden ihrer Vorgesetzten vor, die sie auch sofort studierte, so dass für einen Moment Ruhe in den Raum kam. Jenny stand draussen in der Nähe der Scheibe, beobachtete immer mal die Reaktionen der Chefin, die von aussen hoffnungsvoll aussahen. Keine böse Miene, keine lauten Worte des Vorwurfs.
    Auch über den jetzigen Stand wurde die Chefin informiert... Kevin saß zu Unrecht im Knast, ermittelte dort in der Hoffnung wieder in den Polizeidienst zurück zu kehren gegen den Drogenring, während der Einzige, der die vorhandenen Beweise wirksam machen könnte, ein Interesse daran hatte, Kevin im Gefängnis zu lassen. "Das heißt, Bienert sieht in Peters die einzige Chance um den Drogenring zu zerschlagen?", fragte die Chefin nach und erkundigte sich nach dem Grund. "Weil in dem Drogenring Mitglieder von Kevins ehemaliger Jugendgang sind. Ein Aussenstehender verdeckter Ermittler hätte keine Chance, da rein zu kommen. Insofern... kann man Bienert vielleicht sogar verstehen.", gab Semir zu, und sah sofort mit beruhigendem Blick Ben an. "Wenn auch nur schwer.", konnte der es nicht lassen, etwas nach zu schieben. "Ich kann mir vorstellen, dass Peters selbst nicht abgeneigt war... auch wenn es gegen alte Freunde geht.", meinte die Chefin, die von Peters Ehrgeiz seinen Job wieder zu bekommen, überzeugt war.


    Sie schob die Beweisstücke von der Tischplatte zur Seite und sah ihre beiden Kommissare an. "Wenn ich es nun recht sehe, dann ist Bienert der einzige, der eine logische Herkunft der Beweisstücke und ihrer bisherigen illegalen Ermittlung vor der Staatsanwaltschaft erklären kann." Die beiden Polizisten nickten, und Ben ergriff das Wort: "Und da liegt eben unser Problem. Bienert will Kevin drin lassen, bis der Drogenring auffliegt." "Was denken sie? Wird er das schaffen?" Semir hatte keinerlei Bedenken, doch die Gefahr sah er als weitaus größer an. "Das ist gar nicht die Frage, Chefin. Das Problem ist, dass er für alle Wärter da drinnen ein ganz normaler Gefangener ist, und kein verdeckter Ermittler, auf den sie ein Auge haben, wenn es eng wird. Ausserdem wurde nicht gecheckt ob in dem Knast vielleicht Leute sitzen, die Kevin selbst eingebuchtet hat, Leute, die ihn als Polizisten erkennen. Sowas wird vor einem normalen Undercover-Einsatz geprüft." Die Chefin nickte, sie hatte den Finger auf die Lippen gelegt und sich wieder zurück gelehnt, eine typische Pose wenn sie nachdachte. Es war, als würden die beiden Polizisten auf eine Antwort warten, die die Lösung aller Probleme wäre.
    "Es gibt nur zwei Möglichkeiten...", sagte Anna Engelhardt dann irgendwann, und ihre beiden besten Männer hingen gebannt an ihren Lippen. "Entweder Bienert entscheidet sich, die Beweise zur Kevins Entlastung an die Staatsanwaltschaft zu leiten... oder aber, wir lassen Bienert hochgehen. Wenn sie ihm nachweisen, dass er Kevin beauftragt hat in dem Drogenkreis zu ermitteln, Informationen beschafft werden auf diese Art und Weise, wird er von dem Fall abgezogen... und der neue Fallführer wird die Beweise weiterleiten, und wir bekommen Kevin innerhalb von wenigen Tagen aus dem Gefängnis." Es war nicht gerade die Lösung, die Semir sich erhofft hatte... Bienert war zwar kein enger Freund, aber doch ein sehr guter loyaler Kollege, ein sehr fähiger Beamter, der sein Herz an diesen Fall hing... das nahm er ihm auf jeden Fall ab. Er wog den Kopf hin und her...


    Sein Partner Ben war sofort einverstanden, er hatte keine emotionale Bindung zu Bienert, sondern in erster Linie zu Kevin. "Wir könnten den Hinweis geben, dass in der Sache mit dem Deal, den wir hochgehen haben lassen, nicht viel passiert ist. Anhand seiner Akten kann man das sicher rekonstruieren, denn er wird Kevin dafür nirgends angezeigt haben." Die Chefin nickte zustimmend, doch von Semir kam ein leises: "Ich weiß nicht... gibt es keine andere Lösung, ausser..."
    Ben wollte gerade protestieren, als das Telefon der Chefin läutete, und sie kurz die Hand nach oben hielt, und mit der anderen Hand abhob: "Engelhard? - Bei Semir? Ja, stellen sie durch, Bonrath.", sagte sie und hielt Semir den Hörer hin, mit leicht geheimnisvoller Miene. "Ein Anruf für sie... aus dem Drogendezernat." Semir nahm den Hörer mit feuchten Händen entgegen und meldete sich mit seinem Familiennamen, obwohl er wusste, wer am Apparat ist. Ben sah gespannt zu ihm herrüber und legte sich nervös die Lippen. "Semir? Hier ist Thomas. Bist du... bist du alleine?" Freilich konnte er nicht sehen, dass Semir gerade die Chefin vertrauensvoll anblickte und kurz und knapp "Ja, ich bin alleine.", sagte. "Ihr habt recht." Drei Worte ließen in Semir Gesteinsbrocken von der Seele fallen. Er wäre in einen furchtbaren Gewissenskonflikt gefallen, einen guten Kollegen, der eigentlich Gutes im Sinn hatte, zu verraten aber dafür einen Freund in Gefahr bringen. "Ich habe die Kontrolle über diesen Fall verloren. Ich habe falsch gehandelt, und es tut mir leid.", hörte er die müde wirkende, gar nicht mehr so souveräne Stimme des Drogenfahnders, und Semir nickte am Hörer. "Das hört sich gut an. Hast du dich entschieden?" "Ja. Ich werde eure Beweise morgen zur Staatsanwaltschaft weiterleiten. Wir haben im Zuge der Ermittlungen im Drogenring die Daten des bekannten Drogendealers Harry nach seinem Verkehrsunfall bekommen, und so entscheidende Hinweise erhalten, dass der Mordkommission ein Fehler unterlaufen ist. Ich denke, dass Kevin dann morgen oder übermorgen wieder draussen ist. Die sind normalerweise schnell, vor allem wenn es um einen Kollegen geht." Der Autobahnpolizist hätte Thomas Bienert am liebsten umarmt, und war heilfroh, dass er sich so entschieden hat. "Danke, Thomas.", sagte er ehrlich. "Aber ich hoffe, es ist euch klar, dass wir damit Kevin vielleicht seine einzige Chance nehmen, wieder in den Polizeidienst zu kommen.", hörte Semir noch die warnende Stimme des Drogenfahnders. "Thomas... besser ein lebendiger Kevin, der kein Polizist mehr ist, als ein toter Kevin mit Aussicht auf Polizeidienst. Lass ihn uns erst mal rausholen, und dann schauen wir weiter. Das ist die richtig Entscheidung." Sie verabredeten sich zum Frühstück am Morgen, um weiteres zu besprechen, dann verabschiedeten sie sich und Semir legte auf.


    "Das Gewissen wurde ihm zu schwer.", sagte er als Erstes, noch bevor er wirklich rausrückte, was Bienert ihm gesagt hatte und Ben kurz vorm Platzen stand. "Nun sag schon!", forderte der, während Semir sich umdrehte und mit positiv wirkenden Blick zu Jenny nickte, die das Signal sofort verstand und lächelte. "Bienert leitet die Beweise weiter, dann wird der Mordfall neu aufgerollt. Das Büchlein hätten sie bei einer Hausdurchsuchung gefunden, das Handy von Harry bekamen sie von uns nach dem Verkehrsunfall, weil Harry aktenkundig war. Ganz einfach.", erklärte Semir, während die Chefin das Telefon wieder an ihren richtigen Platz stellte. "Gott sei Dank...", atmete Ben auf, der ein nahes Ende des Alptraums sehen konnte. "Dann ist uns Bienert zu seinem Glück zuvor gekommen.", meinte die Chefin und nickte ebenfalls zufrieden. Auch sie musste sich revidieren, denn sie hatte Kevin den Mord absolut zugetraut.
    Als die beiden Polizisten aufstehen wollten, hielt die Chefin sie noch zurück: "Einen Moment, meine Herren." Richtig, dachte Ben... der Mega-Anschiss fehlte ja noch... bisher hatte die Chefin ruhig zugehört und zu den Verfehlungen der beiden kein Wort verloren. Sie sahen sich kurz mit bangen Blicken an, und ließen sich wieder auf den Stuhl nieder. Die Chefin blickte jeden der beiden nacheinander an. "Ich brauche ja wohl nicht extra zu sagen...", begann sie mit strenger Stimme und einer kurzen Pause, bevor sie fortfuhr: "... dass ich absolut stolz auf sie bin. Wer sie beiden als Freunde hat, braucht sich keine Sorgen zu machen, wenn er in Schwierigkeiten steckt. Sie haben gute Arbeit geleistet. Holen sie Peters so schnell es geht aus dem Gefängnis." Beide Polizisten waren erst zu perplex um freudig zu lächeln, die Chefin kam ihnen zuvor und schüttelte ihnen die Hände. "Danke Chefin.", meinten die beiden ehrlich und waren heilfroh, Anna Engelhardt zur Vorgesetztin zu haben.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • JVA - 22:00 Uhr


    Kevin hatte Philipp fast den ganzen Tag nicht gesehen... und wenn er ihn mal ausnahmsweise in der Zelle erblickte, dann versteckte sich der kleine Kerl hinter einem Buch, das er las. "Warst du heute mal ein bisschen raus?", fragte der Polizist, der sich freute dass Philipp im Wissen, dass er ein wenig von der Drogengang geschützt wurde, sich mal etwas zutraute. Doch ausser einem gemurmelten "Hmm..." kam ihm am heutigen Tag nicht viel über die Lippen, und als die Zellen geschlossen wurden, lag der Bankräuber bereits im Bett. Natürlich wunderte sich Kevin, warum der sonst so fröhliche und redseelige Philipp an diesem Tag so seltsam schweigsam war, aber wirklich nachfragen tat er nicht... viel zu sehr machte er sich seine Gedanken um den Boxkampf morgen früh, und um was, über was er sich mit Jerry unterhalten hatte.
    Jerry ans Messer zu liefern würde ihm schwer fallen. Doch er hatte erkannt, dass er ein Leben auf der Flucht, als Drogendealer selbst nicht mehr wollte, und sein einziger Ausweg, dort nicht nochmal zu landen, war der Polizeidienst. Hätte er den nicht, würde er sicher wieder abstürzen und er hoffte wirklich, dass Bienert sein optimistisches Versprechen hielt. Dafür würde er alles geben... ein wenig leichter fiel es ihm sicherlich als Jerry sagte, dass er gar nicht mehr unbedingt aus dem Knast rauswollen würde.



    JVA/Sporthalle - 10:00 Uhr


    Es hatte sich schon am Abend rumgesprochen, dass die Gang um Hendrik mal wieder einen Showkampf arrangiert hatte. Viele Gefangene kamen zur Sporthalle, für die Gruppe immer eine willkommene Gelegenheit ein bisschen Werbung für ihre "Produkte" zu machen. Auch die Wärter, die normalerweise aufpassten, ließen die Gefangenen alleine bei solchen Gelegenheiten, was Kevin ein wenig mit Sorge betrachtete, jedoch zu Jerry, der ihn sich warmschlagen ließ, nichts sagte. Jerry war, genau wie Philipp am Vortag, seltsam still, er verzichtete auf seine Gags und war ungewohnt sachlich. Er gab seinem Schützling lediglich einige Anweisungen, und deutete nochmal auf Yaneks Schwächen hin. "Sei schnell auf den Beinen. Du darfst dich einfach nicht erwischen lassen." Und ein Satz ließ Kevin auf Verwunderung stoßen: "Sorg am besten für einen schnellen KO." "Was ist los? Früher hast du mir immer gepredigt, ich solle mir Zeit nehmen für einen Kampf, und nichts erzwingen." Jerry biss sich auf die Lippen, natürlich hatte er das immer gesagt. Und er war auch noch heute der Meinung, dass man in einem Boxkampf nicht mit dem Kopf durch die Wand sollte, und versuchen sollte, seinen Gegner erst einmal zu studieren, Schwachstellen erkennen und seine Box-Strategie darauf auszulegen. Doch heute hatte Kevin keine Zeit. Wenn er länger als 3 oder 4 Runden durchhalten würde, wäre Jerry gezwungen ihm das Mittel in die Wasserflasche zu kippen, die er für Kevin dabei hatte. Zwei oder drei Runden später müsse er mit ansehen, wie sein Freund unter Schmerzen zusammenbrechen würde, sein Herzschlag in ungeahnte Höhen schiessen, bis das Pumporgan schließlich kollabierte. Das kleine Glasröhrchen hatte er in seiner Hosentasche. "Ja, das war früher. Aber je schneller du Yanek umhaust, desto weniger Schaden kann er anrichten." "Danke für das Vertrauen.", brummte der Polizist.


    Als die Uhr, die in dem Sportraum hing, halb elf anzeigte, gingen Kevin und Yanek in den Ring. Vorher zog sich der Polizist sein Shirt über den Kopf, nachdem er sich von Jerry den Mundschutz hat einsetzen lassen. "Was ist mit Ringrichter?", fragte Kevin noch, denn er bemerkte, dass eben jener fehlte. "Haben wir nicht, brauchen wir nicht.", war Jerrys knappe Antwort, und dessen Distanziertheit verwirrte den Polizisten. Als dieser zur Mitte ging, sah Jerry auf Kevins nackten Rücken, und ihn befiel eine starre Gänsehaut, während sein Blick gebannt und sein Mund halboffen stand. Nicht die beiden Stichnarben waren es, die den Drogendealer fesselten, sondern das lächelnde Konterfrei von Janine, das ihn anblickte und Erinnerungen auslöste. Gott, was musste Kevin seine Schwester geliebt haben, und dem Mann kam es plötzlich so verständnisvoll vor, dass der Junge damals alles stehen und liegen ließ, und versuchte vor seinem alten Leben davon zu laufen. Seine Fingernägel gruben sich in die Ringnetze, an denen er sich festhielt, als er versuchte sich nun auf den Kampf zu konzentrieren, als sich Yanek und Kevin kurz die Boxhandschuhe aneinander schlugen und Hendrik ein lautes "Los", rief und die Stoppuhr betätigte.


    Yanek spürte gleich, dass er es hier nicht mit Fallobst zu tun hatte, denn die Stimme von Hendrik war gerade verklungen als Kevin den Vorwärtsgang fehlte und sofort zweimal mit Rechts zuschlug. Doch der kräftig gebaute Mann konnte einstecken, und schlug zurück ohne zu treffen. Jerrys Augen flitzten durch den Ring, er fühlte sich sofort in einer Coaching-Rolle und rief in das Gegröhle der anderen Gefangenen immer wieder Anweisungen.
    Kevin konzentrierte sich darauf, Yanek zu analysieren, er ließ die Deckung oben und Yaneks wuchtige Schläge knallten gegen seine Fäuste. Mehrmals waren sie so heftig, dass Kevins Deckung sein Gesicht traf, und er mehrmals rückwärts gehen musste. Der Hüne war nicht flink auf den Beinen, und so konnte der Polizist mehrmals ausweichen und einen Konter landen, doch er hielt sich noch sehr zurück. Jerry gab ihm nach drei Minuten zu trinken, und redete auf seinen Schützling ein. "Du musst aggressiver boxen! Schlag doc mal ordentlich zu, so wankt der keinen Millimeter." Wieder war der Polizist etwas verwirrt, Jerry war früher immer ruhig und sachlich, nun war er hektisch und laut. Scheinbar wollte er sich selbst beweisen, dass er es noch kann und vor Hendrik triumphieren, nachdem er Kevin als Boxtalent beworben hatte. Die zweite Runde kam und ging, es wurden Schläge ausgetauscht ohne dass einer der Boxer richtig wollte. Kevin hatte Angst vor Konditionsproblemen, landete nur wenige Treffer und musste kurz vor dem Ende einen Haken einstecken, der einen sichtbaren blauen Fleck am Wangenknochen hinterließ.


    In der Pause zur vierten Runde packte Jerry Kevin am Nacken. "Du musst jetzt was machen. Du musst ihn jetzt auf die Bretter schicken." Hendrik hatte ihm von gegenüber eindeutige Zeichen gegeben während Kevin sich aufs Boxen konzentrierte. Der Junge ist zu schnell, auf Yanek wollte er sich nicht verlassen... gib ihm gefälligst das Mittel. Jerry biss auf die Zähne, bedachte ihm, noch eine Runde abzuwarten. Er kämpfte mit sich, er wog sein Leben gegen das von Kevin. "Was hast du es so eilig? Der pumpt doch schon. Noch zwei Runden, und ich hab leichtes Spiel mit ihm.", keuchte Kevin und trank einen Schluck. Was sollte Jerry ihm entgegen setzen? Mit was sollte er begründen, dass er sich gefälligst beeilen soll. Er wusste es nicht, und nickte resignierend. Doch Kevin wollte seinem Trainer folgen, boxte schneller und aggressiver. Als er einen Moment von Yaneks Unachtsamkeit nutzte, konnte er zwei schnelle Treffer setzen, die Yaneks Lippe aufplatzen ließen und ihn in die Seile taumeln ließen, doch Kevin boxte im Geiste mit einem Ringrichter, der jetzt dazwischen gegangen wäre, und ging zurück. "WAS MACHST DU DENN?", rief Jerry noch, der bereits den nahenden KO von Yanek sah, und mit ansehen musste, wie der wieder weiterboxte. Wieder der Blick von Hendrik, wieder das eindeutige Kopfnicken. Jerry schloß die Augen... er litt... und griff in seine Hosentasche, um das Röhrchen zu ertasten. Noch während Kevin boxte, und sich voll darauf konzentrierte den, nun wütenden Schlägen von Yanek auszuweichen, kippte er den Inhalt des Röhrchens in die Wasserflasche... gut sichtbar für Hendrik, der zufrieden nickte und daraufhin einen vernichtenden Blick von Jerry erntete.
    Kevin kam zu seinem Trainer in die Ecke, der ihm die Wasserflasche an den Hals hielt und Kevin das kühle Wasser die Kehle hinunterfließen ließ... "Trink, mein Junge. Die Runde war gut... jetzt hast du ihn gleich soweit." Dabei strich er ihm beinahe zärtlich über Janines Tattoo...

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    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

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    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


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    Edited once, last by Campino ().

  • Café - 10:00 Uhr


    Bienert sah blass um die Nase aus, als er sich zu Semir und Ben an den Tisch in einem kleinen Cafe in der Innenstadt, nahe des Drogendezernats setzte. Er hatte einige Unterlagen dabei, zusammen mit den Beweisen die ihm Semir am Vortag mitgebracht hatte. Ben war bereits am Kauen, auch wenn er wenig Appetit hatte, denn Sorgen machte er sich immer noch, auch wenn sich jetzt ein Silberstreif am Horizont abzeichnete. Sie würden Kevin heute nachmittag, vielleicht erst morgen früh aus dem Gefängnis holen können.
    Der erfahrene Drogenfahnder hatte lange mit sich gekämpft, aber sein schlechtes Gewissen gegenüber dem jungen Polizisten hatte letztendlich gesiegt. Er sah nie seinen eigenen Vorteil im Vordergrund, er sah seine Vehemenz in seinem Job begründet diesen Drogenring unbedingt auszuheben. Kevin wollte er nie gefährden auch wenn es ihm und dem jungen Kollegen natürlich bewusst war, dass so ein Einsatz gefährlich werden kann, was Kevin auch jederzeit akzeptiert hatte. Auch das war ein Grund, warum Bienert den Jungen erstmal im Knast lassen wollte, weil auch er selbst nicht ablehnte und den Polizisten bat, so schnell wie möglich weiter zu ermitteln, damit seine Unschuld bewiesen wird. Nach der gestrigen Entscheidung hatte der Drogenfahnder lange nach gedacht, schlecht geschlafen und gegrübelt, ob diese Entscheidung die Richtige war. Wieviele Chancen hätte Kevin noch, wenn er wieder draussen ermitteln sollte? Flog die private Ermittlerei, angeleiert durch Bienert, vielleicht sogar auf? Was würde dann mit dem jungen Polizisten geschehen?


    Die Oberin brachte Kaffee, als die drei Polizisten die Unterlagen gemeinsam durchgingen. "Also, wir machen es folgendermaßen:", begann Bienert mit der Erklärung. "Den Einsatz in der Disco haben Leute von mir durchgeführt. Das Büchlein bei einer Hausdurchsuchung gefunden, nicht bei Schneider. Er hat das wohl irgendwohin mitgenommen. Harrys Unfall habt ihr aufgenomen, wir haben das Handy angefragt und die Daten selbst ausgewertet. Wir finden den Beweis, dass ein gewisser Mark Schneider von der Drogengang umgebracht wurde, und entlasten somit Kevin." Bienerts Stimme klang sicher, auch wenn nicht ganz so souverän als sonst. Ausserdem sprach er gedämpft, weil recht viele Leute an diesem sonnigen Morgen den Sommer auf der Terasse des Cafés genossen. Ben und Semir nickten zustimmend, es schien alles passend und sie waren stolz, so schnell Kevins Unschuld bewiesen zu haben... und erleichtert waren sie natürlich auch. "Das hört sich gut an.", meinte Semir noch, bevor er einen Schluck seines Heißgetränkes zu sich nahm. "Ich gebe die Sachen der Staatsanwaltschaft... oder soll ich sie direkt als Amtshilfe der Mordkommission zukommen lassen?", Ben sah misstrauisch, er befürchtete dass Plotz nicht unbedingt sich beeilen würde, um Kevin wieder frei zu bekommen, auch wenn er unschuldig war. Und ob er sich den Fehler eingestehen würde? Wohl kaum...
    "Beides.", entschied Semir. "Der Staatsanwaltschaft, und der Mordkommission. Denen kannst du ja dann sagen, dass du es schon mal an die Staatsanwaltschaft geleitet hast." Bienert nickte zustimmend und sah die beiden Autobahnpolizisten an. "Dann bekommen wir ihn heute abend oder morgen früh raus. Aber für heute boxe ich bei der Staatsanwaltschaft noch einen Besuch raus, damit ihr ihn informieren könnt." Die beiden Polizisten nickten wieder dankbar, und sie schüttelten sich die Hände. "Es war richtig, so zu entscheiden. Wenn Kevin etwas passiert wäre, das hätten wir uns alle nicht verziehen. Das ist es nicht wert.", bestärkte ihn Semir nochmal, und diesmal nickte Bienert einsichtig. "Es... es wäre ganz gut, wenn niemand davon erfährt, dass ich Kevin angeworben habe." Semir sah Ben an, als würde er von ihm eine Zustimmung erwarten, der diese auch gab: "Na klar... kein Problem."


    JVA - 10:30 Uhr


    Der Schweiß lief Kevins Schläfe herab, die 6te Runde lief und der junge Polizist gab nun Gas. Er spürte wie sein Herz gegen den Brustkorb schlug, und sein Hirn schüttete Glückshormone aus, als er Yanek schwer im Gesicht traf, und der Koloss mit dem Rücken gegen die Ringbänder stieß. Doch die Offensive hatte seinen Preis, und Kevin bezahlte ihn im Bruchteil einer Sekunde, als er die Deckung bei einem Fehlschlag fallen ließ, und Yaneks Faust nur kurz blitzte. Jerry hatte Recht... ein gezielter Schlag, und der Kampf könnte vorbei sein. Kevins Sicht verschwamm nach Yaneks Treffer, er hatte sofort einen blutigen Nebel um sich herum, und spürte sofort, wie sein Gegner nachsetzte. Ein Schlag rechts, ein Schlag links ließen den Kopf des Polizisten hin und her wirbeln und ihn zurücktaumeln, nur darauf bedacht zu sein nicht zu Boden zu gehen.
    Der Hüne hatte den Auftrag von Hendrik bekommen, noch mehrmals zum Kopf zu schlagen, wenn Kevin zu Boden gehen würde... ohne Ringrichter könnte das niemand verhindern. Nachdem Pfiff der Zeit musste Yanek aber aufhören, denn das würde zu sehr auffallen.
    Kevin spürte, wie ihm Blut aus einem Cut über dem linken Auge an der Schläfe herunterlief und wurde an den Schultern von Jerry zu dem kleinen Stuhl geführt. "Hey... schau mich an!", sagte Jerry hastig und beugte sich zu Kevin runter, der schwer atmete und Blut ausspuckte. "Scheisse...", japste er und spürte, dass er beinahe in einen KO gelaufen ist. "Siehst du mich? Kannst du mich verstehen?", fragte sein Trainer und hielt ihm mehrere Finger entgegen. Abtupfer, um das Blut zu entfernen oder die Blutungen zu stillen gab es bei einem Boxkampf im Knast nicht. "Ja... ich verstehe alles.", antwortete der Polizist mit schleppender Stimme. "Pass auf deine Deckung auf. Du musst öfters schlagen, wenn du ihn an den Seilen hast. LOS!"


    Hendrik begann nervös zu werden... er schaute zu Jerry rüber, als bereits die 8.te Runde lief, und Kevin keinerlei Anzeichen machte, zusammen zu brechen. Jerry sah zu ihm herüber und zuckte mit den Schultern, als er den Blick spürte. Dabei hatte er die Hände in den Taschen und seine Finger spürten ein Glasröhrchen, das leer war.... und ein weiteres Röhrchen das voll war und eine Substanz enthielt, die bei Anstrengung zu einem Herzinfarkt würde. Das andere Röhrchen hatte Wasser enthalten, dass Jerry Kevin in die Flasche geschüttet hatte... unter nervösen Blicken, unter beißenden Lippen... er war kein guter Schauspieler und hoffte doch, Hendrik überzeugt zu haben, dass das Mittelchen schlicht und einfach nicht wirkte. Den Rest musste Kevin besorgen.
    Und er besorgte ihn, denn Yanek wurde langsamer und zollte seiner Kondition Tribut. Ein klatschender Leberhaken ließ die Deckung des Hünen sinken, und Kevin nahm seine Kraft zusammen, verdrängte die Schmerzen und gab mehrere Sekunden ein Dauerfeuer auf das entblößte Gesicht seines Gegners, der nicht wusste, wie ihm geschah. Nach zweimaliger Fürhand traf Kevin mit einer Rechts-Links-Rechts-Kombination, der ein finaler Kinnhaken folgte... das reichte. Yanek ging benommen zu Boden, bevor die Runde zu Ende war, die Gefangenen umher waren teilweise erschrocken, teilweise trauten sie sich zu jubeln, dass der große Angeber auf die Fresse bekommen hatte.
    Kein Ringrichter beendete den Kampf offziell, Kevin hielt Yanek die Hand hin um ihm auf die Beine zu helfen. Der richtete einen hilfesuchenden Blick zu Hendrik, den Kevin bemerkte... es war eine stumme Frage, ob er nun noch etwas unternehmen soll, zuschlagen wo Kevin nicht darauf vorbereitet war, doch Hendrik schüttelte den Kopf und wandte sich ab. Er war wütend, dass es nicht funktioniert hatte, doch er wusste auch, dass das Mittel noch eine Stunde danach wirken könne.


    Kevin atmete schwer und kletterte aus den Seilen, als die Meute sich wieder zu zerstreuen begann. Jerry legte ihm die Hand auf die verschwitzte Schulter und legte ihm das Shirt um. "Nicht schlecht.", meinte anerkennend und schnürte seinem Schützling die Handschuhe auf. Ihm war unwohl, was nun auf ihn zukommen würde, wo er Hendrik und den Boss verraten hatte... für einen Mann, den er 13 Jahre nicht gesehen hatte, den er vorher nur einige Jahre kannte, aber mit dem er doch einiges verband. Das gute Gewissen verdrängte seine Angst... und vielleicht könnte Kevin sich für seine Hilfe revanchieren.
    "War schwer... Mann, der hätte mich fast soweit gehabt.", schnaufte Kevin, der völlig ahnungslos ob der Gefahr war, in der er sich befunden hatte. "Ja, sah für einen Moment nicht gut aus.", gab Jerry zu und gab seinem Schützling einen Stoß. "Los, ab unter die Dusche. Und danach kommst du zu mir in die Zelle. Ich verarzte dich." Und ausserdem müsste er etwas mit seinem Freund besprechen...

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • JVA - 11:30 Uhr


    Den kleinen Verbandskoffer hatte Jerry mal aus dem Gefängniskrankenhaus mitgehen lassen, nachdem er immer öfters gesehen hatte, dass die Jungs hier drin nach Boxkämpfen sich nur notdürftig selbst verarzteten. Von seiner damaligen Boxtätigkeit wusste er meist, was zu tun war um Platzwunden, Cuts oder Schwellungen zu versorgen. So hatte er Kevin nun einen Eisbeutel in die Hand gedrückt, den sich der Polizist nun auf eine Schwellung an der Wange drückte, nachdem er vom Duschen in Jerrys Zelle kam. "Na komm, mach dich mal lang.", sagte der und deutete auf die Britsche, wo Kevin sich niederlegte, während sein Kumpel einen Wattebausch mit Alkohol tränkte und vorsichtig den Cut desinfizierte. Ein Zucken lief durch das Gesicht des Polizisten, als der brennende Schmerz durch seinen Körper fuhr, den der Alkohol in der Wunde auslöste. "Hast dich wirklich gut geschlagen. Dafür, dass du vermutlich 15 kg leichter bist, als dieser Koloss.", murmelte Jerry und Kevin gab nur ein brummeliges "Hmm" von sich. Ihn hatte der Kampf geschlaucht, viel mehr Gedanken machte er sich allerdings um den Blickkontakt zwischen Hendrik und Yanek. Hendrik hätte es wohl gerne gesehen, wenn Yanek ihn windelweich geprügelt hätte, so hatte er die Blicke interpretiert. Der Gangboss schien etwas persönliches gegen den Polizisten zu haben, schätzte der, während Jerry mit ruhiger Hand seine Arbeit tat, und dabei einen Satz sagte, den Kevin nicht sofort richtig einordnen konnte. "Nur wird das nicht Hendriks letzter Versuch bleiben."


    Kevins blaue Augen rollten in Jerrys Richtung, und seine Stirn legte sich in Falten, was das Desinfizieren nicht vereinfachte. "Was meinst du damit?", fragte er mit Misstrauen in der Stimme, und Jerry seufzte auf. Er unterbrach seine Arbeit, während er bei Kevin vor der Britsche kniete und stützte die Hände auf die Oberschenkel während er zu Boden blickte. "Was ist los?", hakte sein junger Freund nochmal nach, als Jerry aufblickte und Kevin ernst anblickte. "Ich weiß, wer du bist." Es war eine eigenartige Stimmung in der Zelle, ein unbehagliches Gefühl stieg in Kevin nach oben, und seine Augen verengten sich. "Was...", wollte er gerade erneut fragen, was sein Kumpel damit meinte, doch der kam ihm zuvor. "Ich weiß, dass du ein Bulle bist. Und Hendrik weiß es auch." Aus seiner Hosentasche nahm er eine kleine Glasampulle und hielt sie dem verdutzten Polizisten vors Gesicht. "Das hätte ich dir in deine Flasche machen sollen, wenn Yanek dich nicht bis zur vierten Runde totgeschlagen hätte. Davon hättest du einen Herzinfarkt bekommen. So wollte Hendrik dich aus dem Weg räumen." Jerrys Stimme war fest und souverän, aber ernst während sich die beiden Männer anblickten, und Kevins Blick langsam klar wurde.
    "Du weißt doch, dass ich hier nicht eingeschleust wurde, um euch auffliegen zu lassen. Man will mich wegen Mordes an Schneider dranbekommen, den eure Freunde mir anhängen wollen.", zischte der Polizist dann, als wolle er sich wehren. Jerry nickte mit gesenktem Blick. "Das wusste ich damals noch nicht. Das habe ich erst erfahren, als ich hörte, dass du ein Bulle bist und unserem großen Boss es nicht gefällt, dass wir dich in die Gang zurückgenommen hatten. Aber wenn du unschuldig bist, warum bist du dann noch hier drin?" "Vermutlich weil es draussen noch niemand geblickt hat. Oder weil..." Kevins Stimme stockte. Wer war denn verantwortlich dass er so schnell für den mutmaßlichen Mord hinter Gitter gegangen war. "Plotz... Plotz ist euer Kontakt bei der Polizei?" Jerry legte die Stirn in Falten und schüttelte den Kopf. "Ich weiß nicht, wer unser Boss ist. Er telefoniert ausschließlich mit Hendrik, mit sonst niemandem."


    Für einen kurzen Moment herrschte Stille, Jerry beendete sein Verarzten, in dem er seinem Freund ein Pflaster über den Cut am Auge klebte, und Kevin sich dann aufsetzte. Jerry setzte sich neben ihn und seufzte nochmal auf. "Danke.", ließ Kevin dann fallen und klopfte seinem Freund aus früheren Zeiten auf den Oberschenkel. Danke dafür, dass er nicht auf seinen Boss gehört hatte, denn jetzt erst wurde Kevin klar, in welcher Gefahr er geschwebt hatte. "Tja... bitte.", meinte Jerry leicht resignierend, denn für ihn bedeutete dies nichts Gutes. "Ich schlafe jetzt besser nicht mehr hier...", meinte er dann noch, mehr zu sich selbst und Kevin verstand. "Du hast dir den Zorn deiner eigenen Gang auf dich gezogen?" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. "Der Boss hat glasklar zu Hendrik gesagt: Wenn ich es nicht mache, dann...", sagte Jerry und vollführte mit den Fingern einen Kehlenschnitt. Das konnte Kevin nicht zulassen, gerade nachdem Jerry ihm das Leben gerettet hatte. "Dann musst du hier raus.", sagte er mit voller Überzeugung. "Ja klar... das Leichteste von der Welt. Ich pack meine Sachen schon mal, und du sagst dem Wärter an der Pforte Bescheid.", sagte Jerry voller Ironie und stand von der Britsche auf, um zweimal durch die Zelle zu tigern, während Kevin ihm hinterher sah.
    "Wenn ich unschuldig bin, werden Semir und Ben das in Kürze rausbekommen. Dann musst du bei Ihnen aussagen, was du weißt. Dann wirst du in ein anderes Gefängnis verlegt." Jerry lehnte sich gegen eine Wand in der Zelle und sah an die Decke. Er kniff die Augen zusammen, fuhr sich mit den Fingern durch die Augenhöhlen. Es war so kompliziert, es lief alles so gut im Knast bis die da draussen entschieden, Schneider umzulegen. Jetzt war er kurz davor, sein Leben, mit dem er so zufrieden war, aufzugeben und seine Freunde zu verraten. Dafür den Rest seiner Jahre als einer von vielen Gefangenen in einem anderen Knast absitzen? Auch nicht verlockend...


    "Wärst du nur nie hier aufgetaucht...", murmelte er mit Blick auf den, auf der Britsche, sitzenden Polizisten. "Ich habs mir nicht ausgesucht.", antwortete der, ebenfalls nicht sehr laut und ohne besondere Betonung auf einzelne Worte. Wieder kehrte Stille ein, bis Kevin fragte: "Was denkst du, was jetzt passieren wird?" "Ich werde wohl einen Unfall haben. Bei Verhören mit dem Boss haben zwei unserer Männer einen Herzinfarkt erlitten. Ganz zufällig natürlich." Das kam Kevin bekannt vor... ein Schlag auf die Brust, ein Herzinfarkt... scheinbar war der Boss höchstpersönlich Schneiders Mörder. Es passte so langsam alles zusammen, doch nun musste er sich auf seine Freunde verlassen, auf Semir und Ben. "Was, wenn ich mit Hendrik rede. Ich habe keine bösen Absichten, ich stecke hier im Knast, wie ihr auch... und ich kenne euch von früher, warum sollte ich mich nicht mit euch zusammen tun?" "Hendrik würde das vielleicht glauben.", meinte Jerry, erneut ein wenig kopfschüttelnd. "Aber Hendrik führt auch nur Befehle aus. Und Hendrik wird nicht sein Leben für dich oder mich aufs Spiel setzen." Wie man es auch drehte und wendete, die beiden Männer hatten jetzt das gleiche Problem. "Jetzt sitzen wir im selben Boot, mein Junge.", sagte Jerry nachdenklich, und Kevin nickte.
    Sie würden aufeinander aufpassen müssen, vermeiden irgendwo alleine hinzugehen. "Wenn du mich umgebracht hättest, hättest du das Problem wohl nicht, hmm?", fragte der junge Polizist und lächelte. "Nein... dann hätte ich quasi, ein Problem weniger.", meinte Jerry sarkastisch. Der Polizist konnte ihm nicht mal böse sein, dass er ihn trotzdem gefährdet hatte, und in den Boxkampf geschickt hat. Schließlich hätte Yanek ihn ja auch schon im Ring erledigen können. War es vielleicht Vertrauen in Kevins boxerische Fähigkeiten, oder einfach nur Glück? Er konnte und wollte dies nicht beantworten. "Ich lass dich nicht hängen, Jerry.", sagte der Polizist ernsthaft, stand von der Britsche auf und legte ihm eine Hand auf die Schulter.


    "Was willst du tun? Wenn sie mich holen wollen, dann holen sie mich und das gleiche gilt für dich auch.", sagte Jerry und schien den Mut schon weitestgehend verloren zu haben. "Vielleicht hat das Mittel bei mir einfach nicht gewirkt.", meinte Kevin grinsend und brachte auch Jerry zum Lachen. "Kevin, das Zeug wirkt auch bei Ochsen. Es wäre ziemlicher Zufall, wenn es ausgerechnet bei dir nicht wirken würde." Die beiden Männer lachten gemeinsam, und es war eine groteske Situation angesichts ihrer Lage.
    Dann meinte Kevin wieder etwas ernster: "Du musst gegen die Clique aussagen, so schwer es dir auch fällt. Nur dann hast du eine Chance. Dann sitzt du noch ein paar Jahre woanders, kommst raus und wir gehen zusammen einen trinken." Jerry grinste ob dieser romantischen Vorstellung. Er mochte sich nicht für den Tod oder gegen die Gang entscheiden. Dieser Typ war Jerry nicht, und er war niemand, der sich große Sorgen um etwas machte, er nahm es einfach so wie es gerade kam, und so hatte er auch keine Angst vor dem Tod oder den tätlichen Angriffen der Gang. "Du brauchst nicht auf mich aufpassen.", sagte der Mann. "Du bist noch jung, du bist in einer paar Tagen draussen. Riskier dein Leben nicht für einen alten Sack wie mich." "Du hast dein Leben für mich riskiert, Jerry. Das werde ich dir nicht schuldig bleiben." "Du bist mir nichts schuldig... glaub mir." Die beiden Männer sahen sich einander an, bevor sie sich kurz in die Arme fielen.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

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    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • JVA - 14:00 Uhr


    Ben fühlte sich nicht wohl... er konnte auch genau sagen warum. Die letzte Begegnung mit Kevin hatte ihm schwer zu schaffen gemacht, die Begegnung mit ihm auf dem Revier der Autobahnpolizei. Kevins Kühle, die emotionale Ablehnung gegenüber den beiden Freunden war nicht spurlos an ihm vorrüber gegangen. Auch wenn er jetzt wusste, dass der junge Polizist nur eine Rolle gespielt hatte, so war es ihm doch nun gegenwärtig im Gedächtnis geblieben, und beschäftigte ihn, als die beiden Autobahnpolizisten ihre Ausweise an der Pforte zeigten und die Waffen abgeben mussten.
    Bienert hatte die Sachen der Staatsanwaltschaft vorgelegt und danach Plotz angerufen, der recht ungehalten reagierte. Hier zeigte sich die Souveränität und Erfahrung des Drogenfahnders, der im ruhigen aber bestimmten Ton dem Chefermittler der Mordkommission klar machte, woher die neuen Beweise kamen, die Kevin entlasteten. Die Staatsanwaltschaft kündigte eine Prüfung an, und eine mögliche Haftentlassung, allerdings erst morgen oder übermorgen... so lange müsste sich Kevin noch gedulden. Allerdings gewährte man dessen "ehemaligen" Kollegen, wie es der Staatsanwalt nannte, einen Besuch pro Tag. Heute war es nötig, dass dies Ben und Semir taten... falls Kevin morgen noch nicht rauskommen würde, so hatten sie Jenny zugesagt, dass sie morgen einmal zu Kevin dürfe. Semir hatte es verwundert, dass sie eher verhalten darauf reagierte, obwohl sie froh war, dass Kevin das Gefängnis verlassen durfte... Ben konnte sich diese verhaltene Freude sehr gut erklären... die Möglichkeiten für ein Gespräch mit Jenny hatte er verstreichen lassen, und die junge Polizistin schien ihm dafür beinahe dankbar.


    So grau hatte Semir das Gefängnis gar nicht mehr in Erinnerung... er saß selbst schon mal zwei Tage wegen mutmaßlichen Mordes an einem Informanten mit seinem alten Partner Tom Kranich. Damals versuchte eine Waffenschmugglerin die beiden Ermittler aus dem Weg zu schaffen, weil diese einen Deal nach dem anderen vermiesten. Semir und Tom mussten einiges aushalten, so wurde Semir brutal zusammengeschlagen und Tom niedergestochen. Die beiden konnten mit Hilfe von Andrea, Hotte und Bonrath fliehen, ihre Unschuld beweisen und der Waffenschmugglerin das Handwerk legen. Daran erinnerte sich der erfahrene Polizist gerade, als sie einen langen Flur entlang in einen Verhörraum gingen, der noch leer war, einen Tisch und jeweils einen Stuhl auf jeder Seite hatte. Ben wies mit der Hand auf den Stuhl: "Der alte Mann darf sitzen.", meinte er grinsend um seine eigene Nervosität zu überspielen. "Der alte Mann gibt dir gleich.", konterte Semir und nahm den Platz aber gerne ein.
    "Wie meinst du, wird er reagieren? Wird er seine Rolle weiterspielen?" Semir verzog ein wenig das Gesicht und antwortete seinem Partner: "Glaube ich nicht. Ich denke, Bienert hat ihm erzählt, dass wir eingeweiht sind. Es gibt keinen Grund." Doch Ben war aus einem anderen Grund weiter nervös... wird er es ihm noch negativ anlasten, was er damals im Krankenhaus getan hatte? Die unbedachte Äusserung, weswegen er den Stein seiner Suspendierung erst ins Rollen gebracht hatte? Von seinem schlechten Gewissen wegen der Nacht mit Jenny wollte er gar nicht anfangen, denn das war ein Brocken, der erst noch zu bewältigen war, und da war jetzt der absolut falsche Augenblick für. "Hmm ja... kann sein." Semir drehte sich zu seinem Partner, der hinter ihm an der Wand lehnte und die Hände tief in den Hosentaschen vergrub. "Nervös?" Ben lächelte, denn die Frage war eine Feststellung, und es war reine Verlegenheit, es jetzt zu leugnen. "Ein wenig...", gestand der Kommissar mit dem Wuschelkopf.


    Die Tür ging auf, und Kevin betrat, gefolgt von einem Wärter, der ihm dann die Handschellen aufschloß, den Raum. Das Lächeln gefror Ben und Semir, als sie ihren Freund sahen. Ein Pflaster über dem Auge, das Auge darunter mit einer leicht violetten Färbung, ebenso eine Färbung an der Wange und der, bereits ein klein wenig verheilte Cut unter dem anderen Auge, von seiner Begegnung mit Hottes Autotür. Kevin war überrascht, als er Semir und Ben erblickte... er hatte, als der Wärter kam und ihn zu einem Verhör abholen wollte, mit Bienert gerechnet... oder aber mit dem großen Boss. Dass jetzt seine Kollegen von der Autobahnpolizei da saßen erstaunte ihn... und löste ein Glücksgefühl in ihm aus.
    Ben fand als Erstes die Stimme wieder: "Wie, zur Hölle, siehst du denn aus?" Semir hatte sich vom ersten Schreck erholt. "Wenn du so aussiehst, möchte ich nicht den Anderen sehen.", grinste er, denn er wusste dass Kevin ein fähiger Kampfsportler war, der sich sicherlich nicht einfach so zusammenschlagen ließ. Noch bevor Kevin sich setzen konnte meinte er: "Ich hab nur etwas Sport getrieben." Für einen Moment schienen die Männer etwas unschlüssig zu sein, doch Semir wollte das Eis gleich brechen, stand auf und nahm seinen jungen Kollegen in den Arm. Schließlich hatten die beiden sich eine ganze Weile nicht gesehen, als Semir auf Mallorca war und Kevin mit Ben zusammengearbeitet hat. "Schön euch zu sehen.", meinte Kevin mit seiner, manchmal monoton und langweilig wirkenden Stimme, doch er meinte es ernst. Er und Ben gaben sich die Hände, man spürte deutlich dass noch etwas zwischen ihnen stand, aber sie lächelten sich zu, es war keine Feindseligkeit zu spüren. Dann setzten sie sich an den kleinen Tisch. "Was führt euch zu mir?", fragte er. Seine Rolle zu spielen war überflüssig, Bienert hatte ihm Gespräch mit ihn klar gemacht, dass Semir und Ben wussten, warum er sich so verhalten hatte.


    "Du kommst morgen oder übermorgen raus.", sagte Semir ohne Umschweife, und das frohe Lächeln in Kevins Gesicht gefror augenblicklich. Er schaute zu Semir, dann kurz zu Ben auf und wieder zurück zu Semir. "Das geht nicht.", sagte er kurz angebunden. Einerseits, weil er doch weiterhin ermitteln musste, den Drogenring auffliegen lassen musste um seinen Job wieder zu bekommen... und andererseits konnte er Jerry nicht alleine lassen. Semirs und Bens Gesichtsausdruck drückte Unverständnis und Verwirrtheit aus. "Wie, das geht nicht? Du bist unschuldig. Wir haben Beweise, dass der Mord an Schneider in Auftrag gegeben wurde. Du warst zur falschen Zeit am falschen Ort.", erklärte der erfahrene Ermittler, aber er spürte, dass es kein Schuldeingeständnis war, warum Kevin nicht aus dem Knast wollte. "Darum geht es nicht.", stellte er auch gleich klar, und sah kurz zu dem Wärter hinter ihm, bevor er kurz in Semirs Richtung die Augenbrauen hochzog. Der verstand sofort, und wandte sich an den Wärter. "Entschuldigen sie, das sind interne Ermittlungen... würden sie vielleicht draussen warten?" Der Wärter zog überrascht die Augenbrauen nach oben. "Entschuldigen sie, aber es ist gegen die Vorschriften den Gefangenen mit Ermittlern alleine zu lassen. Sicherheitsgründe, sie verstehen?" "Ich übernehme die Verantwortung. Bitte!", sagte der erfahrene Ermittler nun energischer. Der Wärter war nicht der Arbeitseifrigste, und so zuckte er nur mit den Schultern und trollte sich. Das Aufnahmemikro wurde von Semir ebenfalls ausgeschaltet, und dann war der Weg frei für eine ungezwungene Unterhaltung. "Bienert hat euch erzählt, was er mit mir vor hatte?", fragte Kevin dann in Semirs Richtung, der sofort nickte. "Er hat uns auch erzählt, was du hier tun sollst. Er hat dann aber eingesehen, dass sie Sache viel zu gefährlich ist." "Es ist aber meine einzige Chance wieder rehabilitiert zu werden.", beharrte der junge Mann. Semir sah seinem Kollegen fest in die Augen: "Kevin... das ist das Risiko nicht wert. Dein Ermittlungsverfahren wegen der alten Sache steht kurz vor der Einstellung. Die Sachen sind zu lange her, Zeugen können keine mehr vernommen werden. Du musst keine Heldentat vollbringen, nur um wieder Polizist zu sein, und Thomas sieht das mittlerweile genau so.", erklärte ihm der erfahrene Kommissar.


    Kevin seufzte kurz, er beugte sich nach vorne und stützte sich dabei mit den Händen auf dem Tisch ab. Auch Ben kam unweigerlich näher an den Tisch heran, als würde es jetzt um etwas ganz Geheimes gehen, und in der Tat wurde Kevins Stimme etwas leiser. "Ich habe hier im Knast einen alten Freund getroffen. Er ist Teil des Rings. In diesem Ring stecken auch Polizisten mit drin." Mit schnellen kurzen Sätzen erzählte Kevin den beiden Autobahnpolizisten was er hier rausgefunden hatte, wie die Sache hier abläuft. "Jedenfalls hat dieser Hendrik wohl erfahren, dass ich ein Bulle bin... und hat Jerry auf mich angesetzt, mich aus dem Weg zu räumen. Er sollte mir bei dem Boxkampf ein Mittel in die Trinkflasche machen, damit ich einen Herzinfarkt erleide." Die Augen der beiden Kommissare wurden größer, und sie konnten sich schon denken, dass Jerry sich für Kevin und gegen die Anweisung seines Bosses entschieden hatte. "Er hat es nicht gemacht. Und er weiß, was das für ihn bedeutet." Ein Kehlenschnitt verdeutlichte die Andeutung des jungen Polizisten. Nun war es Semir, der aufstöhnte, als er sich im Stuhl zurücklehnte. "Ich kann ihn hier nicht alleine lassen. Das wäre sein Todesurteil." "Oder deins.", sagte Ben beinahe emotionslos. "Glaubst du, du könntest ihn vor 10 Leuten beschützen, die diesem Ring angehören?" Kevins Blick wanderte nach oben zu Ben. "Nein. Aber ich muss ihn überreden, dass er gegen den Ring aussagen soll. Um dann in ein anderes Gefängnis verlegt zu werden. Aber solange muss ich hier drinbleiben... oder bis der Drogenring auffliegt... und die verlegt werden." Die beiden Autobahnpolizisten sahen einander an, sie zweifelten nicht an Kevins Worten, aber sie konnten sich nicht mit seiner Entscheidung anfreunden. Seine Lage war gefährlicher als angenommen, der Ring wusste, dass er ein Bulle ist, auch wenn sie nicht wussten, dass er überhaupt gegen sie ermittelte. "Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, Kevin.", sagte Semir ehrlich. "Semir... Jerry hat mir das Leben gerettet." Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: "Nicht nur einmal... und nicht nur im Knast, sondern schon vor Jahren." Ben schüttelte den Kopf, nicht vor Unverständnis, sondern darüber, dass die Sache sich jetzt noch mehr verkompliziert hatte. Und Kevin legte mit seinem letzten Satz den salzigen Finger voll in die Wunde hinein: "Ihr würdet füreinander genauso handeln." Und damit hatte er recht... und unterstrich damit auch das enge Verhältnis zwischen ihm und Jerry...

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  • Mehrfamilienhaus - 15:00 Uhr


    Der Dienstwagen der beiden Autobahnpolizisten hielt zwar im Halteverbot, doch Semir legte vorausschauend die Kelle in die Frontscheibe. Beide kamen mit gemischten Gefühlen aus dem Gefängnis heraus, einerseits froh dass es Kevin gut ging, und seine ablehnende Haltung bei der Verhaftung vor einigen Tagen tatsächlich eine gute Schauspieleinlage war, die Sorgen jedoch wurden nicht kleiner... im Gegenteil. Die Köpfe der Drogengang wusste, dass ihr ehemaliger Freund ein Polizist war, und obwohl er nicht offiziel gegen sie ermittelte, geriet er bei ihnen ins Fadenkreuz, so sehr dass sogar bereits ein Mordanschlag auf ihn verübt wurde. Dass der junge Polizist gerne seinen alten Freund beschützen wollte, konnte Semir gut verstehen, denn er würde wohl genauso handeln wenn Ben in Gefahr schweben würde.
    Die beiden Freunde wollten aber nicht untätig bleiben, und so wurde schnell im Wagen das weitere Vorgehen besprochen. Ben schlug vor die damalige Zeugin bei dem Mord an Mark Schneider nochmals zu befragen, die angeblich Kevin im Treppenhaus gesehen hatte. Vielleicht würde es ihnen gelingen, noch mehr aus ihr heraus zu bekommen. Ein kurzer Anruf bei Hartmut genügte, der nochmal einen Blick in die fremden Akten warf um ihnen den Namen der damaligen Zeugin zu nennen.... Frau Katharina Wegner.


    Katharina Wegner wohnte einen Stock unter Mark Schneider, war eine flotte Mit-Sechzigerin mit schwarz gefärbten, modisch geschnittenen Haaren und einem sympathischen Lächeln. Sie betrachtete Ben ausgiebig, als sie die Wohnungstür öffnete und schien schon längere Zeit nicht mehr von einem attraktiven Mann besucht worden zu sein. Semir nannte ihre Namen, die beiden zeigten die Ausweise und Katharina bat die beiden Polizisten herein, ohne den Blick von Semirs jungem Partner zu nehmen, dem diese Blicke reichlich unangenehm waren.
    Die Wohnung war schon reichlich verlebt, anders gepflegt als die teurere Wohnung ein Stockwerk höher bei Schneider, jedoch stand zwischen altmodischen 80er Jahren-Möbeln ein brandneuer 60-Zoll-Fernseher, was Semir und Ben sofort auffiel. "Setzen sie sich doch.", sagte die Frau freundlich und sah mit einem Lächeln wieder zu Ben: "Möchten sie was trinken?" Beinahe enttäuschend registrierte sie sein Kopfschütteln, während Semir meinte: "Oh, das wäre nett.", und die Dame nun nur dem älteren Kollegen einen dampfend heißen Kaffee servieren musste. Semir amüsierte sich darüber, als Ben ihm leise zu zischte: "Ich hab grad ein wenig Angst!!" "Ich auch... um dich.", gluckste der erfahrene Autobahnpolizist. "Ist dir der Fernseher aufgefallen?" Semir nickte sofort, die beiden unterhielten sich flüsternd während sie nebeneinander auf dem Sofa saßen und Katharina nebenan in der abgetrennten Küche war, um Kaffee zu kochen. "Ja... der passt hier irgendwie nicht rein. Weder vom Zeitalter, noch vom Preis." Sie verstummten sofort, als Katharina wieder ins Wohnzimmer zurück kam und beinahe mit bittersüßem Lächeln Semir den Kaffee überreichte. Sie setzte sich dann in einen Sessel, den beiden Kommissaren gegenüber.


    "So, was wollen sie denn noch wissen? Ich hab ihren Kollegen zu dem Mord an dem armen Herr Schneider doch schon alles gesagt." Semir nahm einen heißen Schluck und seine Geschmacksnerven zogen sich zusammen. Da war eindeutig zuviel Wasser im Kaffee, oder zu wenig Kaffee im Wasser, jedenfalls schmeckte die Brühe wie in England. Er ließ sich davon nichts anmerken, während Ben antwortete: "Ja, Frau Wegner. Uns sind da noch einige Ungereimtheiten aufgefallen, und die Ermittlungen haben jetzt ergeben, dass die Person, die sie gesehen haben vermutlich unschuldig ist." Die Frau machte ein empörtes Gesicht: "Waaas? Wollen sie damit etwa sagen, ich hätte gelogen?" Ben war von dieser eindeutigen Reaktion überrascht. Die Frau fragte nicht erst nach, warum oder weshalb sondern fühlte sich sofort unter Verdacht gesetzt, die Geschichte erfunden zu haben.... oder vielleicht sogar ertappt? "Nein, Frau Wegner... das habe ich ja gar nicht gesagt. Aber vielleicht ist ihnen an diesem Tag noch ein anderer Mann im Treppenhaus aufgefallen." Energisch schüttelte die Frau den Kopf. "Nein nein nein. Der Mann, den ich gesehen habe, war das ganz bestimmt. Dieser kalte Ausdruck in seinen Augen... brrr, da ist es mir eiskalt den Buckel runtergelaufen." Semir konnte nicht sagen, ob es nun subjektive Wahrnehmung war, weil er auf Kevins Seite stand, oder ob Frau Wegner nicht gewaltig übertrieb... bewusst übertrieb. "Frau Wegner...", sagte er mit ruhiger Stimme. "Natürlich haben sie den Verdächtigen gesehen, er war ja auch da. Aber wir haben gesicherte Informationen, dass er keinen Mord begangen hat. Der Mord passierte erst kurz danach, und deshalb fragen wir, ob sie noch einen zweiten Mann oder eine zweite Person dort gesehen haben." Wieder ernteten sie nur ein Kopfschütteln der Frau, die immer noch darauf beharrte, ausschließlich Kevin im Hausflur gesehen zu haben.


    "Wissen sie eigentlich, was Herr Schneider getan hat?", fragte Ben plötzlich und ließ Katharina Wegner aufblicken. "Wie meinen sie das. Der arme Herr Schneider ist tot. Er war ein so freundlicher junger Mann." Der Polizist lächelte ein wenig ironisch und legte den Kopf etwas schief. "Herr Schneider hat in der Nacht zuvor eine junge Frau vergewaltigt." Das Erschrecken im Gesicht der älteren Frau war nicht geschauspielert, das konnten die beiden Polizisten sofort erkennen. Ihre Augen wurden größer, ihr Mund stand halboffen. "Was sagen sie da?", fragte sie tonlos und sah zwischen den beiden Männern auf der Couch hin und her. "Sie haben richtig gehört. Ihr feiner Nachbar hat sich an einer jungen Frau vergriffen. Natürlich rechtfertigt das keinen Mord, aber vielleicht sollten sie das wissen... und nochmal genau überlegen, ob sie nicht doch noch einen Mann gesehen haben." Die beiden Männer spürten deutlich, dass die Frau ins Grübeln kam. Natürlich machte es für sie keinen Unterschied, ob sie nun den Mörder eines Vergewaltigers oder eines netten Nachbars deckte... die Bezahlung war die Gleiche. Die Bezahlung von der sie sich diesen herrlichen Fernseher und drei Monatsmieten im Voraus leisten konnte.
    Eben auf diesen Fernseher warf Semir nun einen mehr als deutlichen Blick. "Frau Wegner...", sagte er mit seiner gütigen Stimme. "Ich will ihnen nicht zu nahe treten, aber dieser Fernseher ragt aus der gesamten Wohnung heraus. Kann es sein, dass sie in den letzten Tagen in den Genuss einer ungeplanten Bezahlung gekommen sind?" Frau Wegner wurde noch ein wenig blasser um die Nasenspitze, und ihre vorher so sichere Stimme klang auf einmal zittrig und unsouverän. "Ich... nein... das war ein... ein Geschenk.", meinte sie. Semir und Ben hatten sicherlich keinen Spaß daran ältere Frauen psychisch in die Ecke zu treiben, doch sie spürten, dass sie kurz davor war, mit der Wahrheit heraus zu rücken. "Ein Geschenk also... wer macht ihnen den so teure Geschenke?"


    Die Frau fand keine Antwort. Sie spürte beinahe, dass ihre Schauspielerei gerade am auffliegen war. "Kommen sie, Frau Wegner.", sagte auch Ben und setzte für die Frau seinen "Ich-verdreh-jeder-Frau-den-Kopf"-Blick auf, vor dem sich Katharina nicht verschließen konnte. "Falschaussagen sind vor Gericht nicht gerne gesehen, und der junge Mann steht kurz vor seinem Verfahren, zu dem sie auch geladen werden. Wollen sie wirklich dafür verantwortlich sein, dass ein Unschuldiger ins Gefängnis geht?"
    Die Frau gab auf... sie seufzte und nickte. "Ja, ich habe noch einen zweiten Mann gesehen. Der kam die Treppe kurz nach dem Ersten herunter, und hat mich direkt gesehen. Er war anders, als der Erste... viel freundlicher, nicht so verkrampft. Der erste Mann, wissen sie, der kam die Treppe herunter, hat nicht nach rechts oder links geguckt, als hätte er Drogen genommen." Ben blickte Semir kurz unsicher an, ließ die Frau aber weiterreden. "Jedenfalls hat der zweite Mann mich erkannt, und mich gefragt, ob ich vorher den Mann herunter gehen gesehen habe. Das habe ich bestätigt. Der Mann war sehr freundlich und wir haben uns unterhalten, und da hat er mir.... er hat mir Geld angeboten... wenn ich ihn nicht gesehen hätte im Hausflur an diesem Tag, sondern ausdrücklich den jungen Mann vorher. Ich habe mir nichts dabei gedacht, wissen sie? Ich bin nicht gerade auf Rosen hier gebettet... und..." "Schon okay, schon okay. Sagen sie uns nur, wie dieser Mann ausgesehen hat, der ihnen das Geld gegeben hat."; sagte Semir etwas aufgeregt, denn nun würden sie den wahren Mörder von Mark Schneider präsentiert bekommen. "Er war noch relativ jung... hatte einen altmodischen Seitenscheitel, eine recht dicke Brille... ein Anzug, der eigentlich nicht zu seinem Alter passte. Er sprach hochdeutsch, und war wirklich sehr freundlich." Die beiden Männer blickten sich an... mit dieser Beschreibung hatten sie am allerwenigsten gerechnet...

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    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

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  • Mordkommission - 15:45 Uhr


    Semir und Ben hatten es eilig... sehr eilig. Sie hatten sich schnell von Frau Wegner verabschiedet, hatten Hals über Kopf das Mehrfamilienhaus verlassen, und kannten nur ein Ziel... das Gebäude der Mordkommission. Die Beschreibung des mutmaßlichen Täters passte haargenau auf den eingebildeteten Assistenten von Plotz, dem man diese Rolle niemals zutrauen würde. Kopf eines Drogenrings, Schnittstelle zur Polizei, und vermutlich ein eiskalter Mörder. "Das hätte ich ihm Traum nicht gedacht.", murmelte Ben fassungslos, als sie bereits die Innenstadt erreichten. "Ja, manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Kühne hatte die perfekte Kontrolle über Kevins Verhaftung, dazu Plotz' Starrsinn im Bezug auf Kevin. Selbst wenn dem die geringsten Zweifel gekommen wären, hätte Kühne immer für Beweise sorgen können." Die Ampel vor ihnen sprang auf Rot, Semir rollte bis an den Strich und als er sicher war, dass kein Verkehr kam, ließ er die rote Ampel hinter sich. "Aber wieviel Zufall kann eigentlich passieren? Kühne wollte Schneider ausschalten, und ausgerechnet eine Nacht davor vergewaltigt Schneider Jenny und liefert Kevin somit ein perfektes Motiv?", ließ Semirs Partner seinen Gedanken freien Lauf, und der selbst konnte ebenfalls nur mit dem Kopf schütteln. "Das wird sich vielleicht noch aufklären. An soviel Zufall glaube ich auch nicht.", nickte der erfahrene Autobahnpolizist seinem Freund zu, der unruhig auf seinem Sitz hin und her rutschte. "Wir müssen Kühne jetzt aus dem Verkehr ziehen. Wer weiß, was der ausheckt.", beharrte er und gab dort, wo Platz auf der Straße war, auch Vollgas.


    Mit quietschenden Reifen hielt er im Parkverbot vor dem Gebäude der Mordkommission, die beiden Kommissare flitzten durch die Drehtür, liefen beinahe eine junge Frau über den Haufen und wuchteten sich hintereinander die Treppen hoch in den 2. Stock. Ohne anzuklopfen platzten sie bei Hauptkommissar Plotz ins Büro, der Platz ihm gegenüber war leer. "Was wollen sie denn hier?", blaffte der dicke Kommissar, der gerade über einem Stapel von Akten brütete. "Wo ist ihr Kollege Kühne?", fragte Semir ohne Umschweife. Plotz sah die beiden Kommissare an, als würden ihm zwei Ausserirdische gegenüber stehen. "Was wollen sie denn von ihm?", stellte er eine Gegenfrage als Antwort, und konnte sich absolut keinen Reim darauf machen, was genau vor sich ging. "Wir müssen davon ausgehen, dass Mike Kühne der Mörder von Mark Schneider ist.", ließ Ben die Katze aus dem Sack. Sie mussten nun alle Fakten auf den Tisch bringen, auch wenn sie sich damit wohl eine Menge Ärger einhandelten. "Ausserdem glauben wir, dass er ein Kontaktmann, wenn nicht sogar der Kopf einer Drogengang ist, die sowohl hier draussen, als auch innerhalb der JVA operiert."
    Zunächst sah Plotz die beiden Kommissare nur ein wenig entgeistert an, dann brach er plötzlich in wieherndes Gelächter aus. Ihm kamen die Tränen und er rang nach Luft, während die beiden Autobahnpolizisten vom Glauben abfielen. Sie standen auf glühenden Kohlen, und ihnen rann die Zeit davon. "Mike soll ein Mörder sein? Herrlich. Und der Kopf einer Drogenbande? Das wird ja immer besser." Der Mordermittler versuchte sich zu beruhigen und beugte sich zu den beiden Kollegen. "Hören sie. Bei dem habe ich manchmal Angst, dass er sich wehtut, wenn er eine junge Frau festnehmen soll. Haben sie sich den Jungen schon mal angesehen?" Eine perfekte Tarnung niemals wirklich in Verdacht zu geraten, wenn es um einen eiskalten brutalen Drogendealer ging. Kühne hatte ein Milchgesicht und die passende Statur. Muskeln brauchte man für den tödlichen Schlag auch nicht unbedingt.


    "Hören sie zu!", unterbrach Semir mit energischer Stimme Plotz' Gelächter. "Wir haben zusammen mit der Drogenfahndung den Fall weiter ermittelt. WIR haben rausbekommen, dass Kevin unschuldig ist, was sie mittlerweile wissen sollten." "Ja, das weiß ich bereits.", knurrte der dickliche Kommissar. "Kevin kennt einige aus dieser Drogenbande im Gefängnis von früher. Sie haben ihn eingeweiht." Plotz lachte noch einmal auf, diesmal klang es verächtlich. "Das wundert mich nicht." Ben musste mit sich kämpfen, um keinen frechen Spruch los zu lassen. "Sie haben ihm erzählt, dass es einen Kontaktmann bei der Polizei gibt... und der soll auch Schneider ermordet haben." Plotz Augen wurden plötzlich nachdenklich. Die gesicherten Handy-Nachrichten hatte er gesehen, daran gab es nichts zu deuteln. "Und die Zeugin, die Kevin angeblich im Hausflur gesehen hat, hat heute ausgesagt, dass sie von einem Mann bestochen wurde, nur Kevin gesehen zu haben. Ein Mann, der von Schneiders Wohnung kam, nachdem Kevin die Wohnung bereits verlassen hatte."
    Plotz sah zwischen Ben und Semir hin und her. Seine Gehirn arbeitete, er legte sich die Puzzleteilchen zurecht, die Semir und Ben ihm nun vor die Füße warfen. Ben gab ihm noch einen entscheidenden Anstoß. "Wer hat die Frau im Hausflur befragt?" Plotz dachte kurz nach und sagte dann: "Ich und Harald Weiser, ein Streifenbeamter, der am Tatort war." "Kühne war nicht bei der Frau?", hakte der junge Polizist nochmal nach, und erntete ein deutliches Kopfschütteln. Dann warf er ihm einen Zettel hin, auf dem etwas handschriflich geschrieben stand. "Dann lesen sie sich diese Aussage von Frau Wegner nochmal durch. Wieso sollte sie sich einen Mann ausdenken, der ausgerechnet ihrem Kollegen Kühne gleicht?" Der dicke Kommissar nahm den Zettel in die Hand und las die Aussage. Aus seinem Gesicht wich langsam die Farbe. "Das... das kann doch nicht wahr sein. Das wäre ja ungeheuerlich." Er schien zu begreifen, und Semir wie Ben fiel ein Stein vom Herzen. Doch ein zweiter Stein wollte ihnen kurze Zeit später die Kehle zu schnüren. "Wo steckt Kühne?", hakte Semir noch einmal nach, und endlich gab Plotz die Information raus. "Er... er ist in die JVA gefahren. Er wollte... wollte noch einmal mit Peters sprechen, wegen der neuen Beweise." Ben sah Semir panisch an. Bis zur JVA würden sie im Feierabendverkehr mindestens eine Stunde brauchen. "Wie lang ist er schon weg?" "Bestimmt schon über eine Stunde... aber... meinen sie?", fragte Plotz mit stotternder Stimme, als ihm die Tragweite des Falles bewusst wurde. "Ja genau, DAS meinen wir.", rief Semir, nahm das Protokoll und hetzte zusammen mit Ben zurück zum Wagen.



    JVA - gleiche Zeit


    Nach dem Gespräch mit Semir und Ben fühlte Kevin sich irgendwie wohler. Er war erleichtert, dass die beiden nun wussten, dass er damals auf dem Autobahnpolizeirevier schauspielern musste, um die Rolle zu spielen, die Bienert ihm verpasst hatte. Und er war innerlich dankbar solche Freunde zu haben, die ihn nicht hängen ließen, gleich wie er sie behandelt hatte kurz vorher. Jetzt hieß es aber warten... warten bis Semir und Ben vielleicht den Kopf der Bande gefasst hatten, warten bis sie etwas drehen konnten, damit Jerry verlegt wurde und in Sicherheit war. Er hatte bereits seinem alten Freund Andeutungen gemacht, gegen den Drogenring auszusagen, seine alte Gang zu verraten, doch Jerry hatte abgelehnt. Es waren immer noch seine Freunde, seine Familie, so wie er auch dazu gehörte. "Jerry, diese Familie wollte mich töten. Und sie haben gedroht, dich ebenfalls zu töten, wenn du es nicht tust.", redete der junge Polizist auf seinen alten Mentor ein, aber er wusste selbst wie stur Jerry sein konnte. "Hendrik wird sich an mir nicht vergreifen. Mach dir da keine Sorgen. Guck, dass du hier rauskommst, wenn du die Möglichkeit hast." "Das hatte sich heute vormittag aber noch anders angehört."
    Die beiden Männer blickten sich an, zwei Sturköpfe, wie sie größer nicht sein konnten. Sie saßen im Aufenthaltsraum auf einem Tisch, sie rauchten hin und wieder eine Zigarette und nach einiger Zeit kam Thomas vorbei, und setzte sich dazu. In kurzen Worten erzählte ihm Kevin die Neuigkeit, dass er niemanden umgebracht hatte, und dass er vielleicht bald rauskäme. Auf eine merkwürdige Art und Weise vertraute er dem Mann, der ihn vor einigen Monaten entführt hatte. "Du Glücklicher.", meinte Thomas. Fast hätte Kevin ihn gebeten, auf Jerry auf zu passen, doch der hätte ihm wohl unweigerlich einen Kinnhaken verpasst. Ausserdem würde es dem jungen Polizisten im Traum nicht einfallen, einen Unbeteiligten in Gefahr zu bringen. "Wenn du rauskommst, besuch mal wieder meine Schwester. Sie würde sich wirklich freuen.", meinte Thomas, bevor er sich augenzwinkernd wieder verabschiedete.


    Die beiden Männer waren wieder alleine, und Jerry beugte sich zu Kevin. "Wenn ich gegen die Drogengang aussage... was passiert dann?" "Wenn du dich wirklich jetzt und hier entschließt auszusagen, dann wirst du auf der Stelle in ein sicheres Gefängnis verlegt, weil akute Gefahr im Verzug herrscht. Vielleicht kann man auch die Kronzeugenregelung bei dir anwenden, und du gehst völlig straffrei aus der Sache raus." Der ältere Mann kratzte sich am Kinn und schien nach zu denken. "Ich wollte die letzten Jahre eigentlich hier gemütlich absitzen, und wenn ich rauskäme darum betteln, drin zu bleiben.", murmelte er. "Hendrik wird vor dir nicht Halt machen, wenn sein eigenes Leben davon abhängt. Nicht jeder ist so edelmütig wie du, mein Freund.", sagte Kevin mit seiner vertrauensvollen Stimme, und er war beinahe erleichtert, als Jerry nickte. "Ja, du hast recht. Vielleicht... vielleicht werde ich es machen. Aussagen... und mich von euch verlegen lassen."
    Er hatte den Satz gerade zu Ende gesprochen, als die Tür zum Aufenthaltsraum aufging und ein Wärter hineinkam, der schnurstracks auf Kevin zuging. Der schaute sofort misstrauisch auf. "Peters? Besuch für dich.", sagte er und machte eine eindeutige Handbewegung, dass er ihm folgen sollte. "Sollten Semir und Ben was vergessen haben?", fragte der junge Polizist leise in Jerrys Richtung. "Wahrscheinlich haben sie schon die Entlassungsbriefe dabei.", witzelte der. "Dann bleib hier in der Nähe... sie werden dich hören wollen, wenn du wirklich aussagen willst." "Alles klar.", sagte der Mann und betrachtete Kevin, wie er mit dem Wärter langsam den Aufenthaltsraum verließ.
    Das Licht im Flur kam Kevin dunkler vor als sonst, die Wände kälter und grauer. Es war ihm, als läge ein Unheil über ihm in der Luft, und er wusste, bevor er in den Verhörraum trat, dass nicht Semir und Ben mit einem Entlassungsschein auf ihn warten würde. Es war, als würden seine Gefühle eine Warnung aussenden, ein Unglück ankündigen, als er die Klinke der Tür herunterdrückte...

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

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  • JVA - 16:00 Uhr


    Mike Kühne hatte vorgesorgt. Glücklicherweise waren heute zwei Beamte im Dienst, die er kannte und die ihm gerne einen Gefallen taten. Die Überwachungskamera im Verhörraum war ausgeschaltet, ebenso die Aufnahme über das Mikrofon, das auf dem Tisch in der Mitte des Raumes stand. Der Polizist rückte seine Brille zurecht, und sah aus, als könne er kein Wässerchen trüben, als Kevin den Raum betrat und irgendwie erleichtert wirkte, als er den Assistenten von Plotz entdeckte. Er schätzte den Mann als Grünschnabel ein, als spießigen Jungbeamten der jede Dienstvorschrift penibel einhielt und dem dicken Plotz wahrscheinlich in den Allerwertesten kroch, um möglichst schnell Karriere zu machen. Eine Einstellung, die Kevin selbst nie hatte und bei vielen Kollegen auch auf der Polizeischule verabscheute. Scheinbar schien es sein Ex-Partner Plotz nicht mal für nötig zu halten, selbst vorbei zu kommen, und sich zu entschuldigen. "Setzen sie sich, Herr Peters... ich habe noch ein paar Fragen an sie.", meinte der Mann und wies auf den Stuhl, der ihm gegenüber stand, und auf dem Kevin Platz nahm und ein Bein über dem anderen verschränkte, sich dabei von der Tischplatte leicht abstieß und die Arme vor der Brust verschränkte. Er sagte nichts, sah den Jungkommissar beinahe ausdruckslos an, und erwartete die erste Frage. Doch vorher nahm Kühne seine Brille ab und legte sie auf den Tisch, und schlagartig änderte sich der Ausdruck seines Gesichtes von dem, eines harmlosen jungen Mann, zu einem verschlagenen unangenehmen Ausdruck.


    Er lächelte, als er aufstand und wie ein Raubtier um seine Beute schlich. "Es haben sich also neue Hinweise ergeben, die ihre Unschuld beweisen.", sagte er langsam, und Kevin spürte Unbehaglichkeit in sich aufsteigen, seine Muskeln spannten sich unwillkürlich an, als er spürte, dass hier etwas ganz anders lief, als gedacht. Auch das ungute Gefühl, dass er bereits hatte, als er in den Verhörraum gegangen war, verstärkte sich. "Erstmal wollen wir uns natürlich entschuldigen dafür, dass wir sie zu Unrecht festgenommen hat. Ich denke, morgen oder übermorgen werden sie rauskommen." Dabei beugte er sich kurz nach unten zu Kevin, als er hinter dem jungen Mann stand. "Ich soll ihnen das natürlich auch von Herr Plotz ausrichten." Die Stimme, mit der Kühne sprach, hatte nichts mehr gemein mit dem Kerl, den er in seiner Wohnung kennengelernt hatte, als unsicheren unerfahrenen Polizisten... er klang nun wie ein alter Hase, mit scharfem, aber freundlichen Ton und einer bedrückenden Ausstrahlung. Auch dass er um Kevin herumging, sollte den jungen Polizisten wohl beeindrucken, doch der schwieg beharrlich, folgte Kühne nur innerlich und ließ den Blick staatdessen stur geradeaus.
    Erst, als Kühne langsam sagte: "Leider kann ich sie nicht rauslassen.", bewegten sich die Augen von Kevin langsam in Richtung des Polizisten, der ihm kurzzeitig den Rücken zugewandt hatte. Plötzlich sprach er nicht mehr von "wir" sondern "ich", als hätte er gerade die Rollen gewechselt vom Teamplayer zum Einzelspieler. "Ach ja?", fragte er betont gelangweilt, als ginge ihn das ganze Gespräch eigentlich nichts an. Kühne drehte sich lächelnd zu ihm herum, und auch das Siezen ließ er nun bleiben. "Du hast deine Nase in eine Angelegenheit gesteckt, die dich absolut nichts anging." Die Blicke der Männer trafen sich, und langsam begriff Kevin, wen er hier vor sich hatte. "Mein Plan war perfekt, und hatte nur einen Schönheitsfehler...", sagte Kühne, während er weiter durch den Raum ging und dabei Kevin niemals aus den Augen ließ.


    "Und zwar?", meinte Kevin schmallippig, behielt äusserlich und innerlich seine Ruhe, eine Ruhe mit der er einen Gegner wahnsinnig machen konnte. Kühne blieb ihm gegenüber stehen und stützte seine Hände auf die Lehne des freien Stuhls. "Du bist kein normaler Polizist. Du bist ein ehemaliger Verbrecher, und ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet MEINE Leute ehemalige Freunde von dir sind. Das war der Schönheitsfehler." Es schien, als würde er sich selbst darüber ärgern, und Kevin wurde bewusst, dass er recht hatte. Nein, er war kein normaler Polizist. Mit Semir und Ben wäre der Plan vermutlich aufgegangen, die hätten hier drin gesessen und gehofft, dass irgendjemand draussen die Unschuld für sie beweist. Sie wären niemals in die Gang gekommen, schon gar nicht innerhalb von zwei Tagen. Nur weil Kevin Jerry gekannt hat, ist es ihm gelungen und wird ihm jetzt zum Verhängnis.
    "Tja...", meinte Kevin nur lächelnd und zuckte beinahe entschuldigend mit den Schultern. "Gute Planung ist alles." Kühne grinste nickend und setzte sich mit dem Po auf den Tisch, den Kopf weiter zu Kevin gedreht. "Aber Fehler sind da, um sie zu berichtigen.", sagte er mit unheilvoller Stimme, die Kevins Lächeln sofort wieder erlischen ließ und die Muskeln noch mehr anspannen ließ. "Lass Jerry da raus. Er hat damit nichts zu tun.", sagte der Polizist, denn er wäre froh wenn wenigstens sein Freund aus der Schusslinie kam. Auf sich selbst könne er aufpassen, aber wenn er rauskommen würde, wäre Jerry völlig schutzlos. "Jerry hat gegen die Grundregeln verstoßen, die es in unserer Gruppe gibt.", sagte Kühne und hatte nun einen festen Plan. Kevin zu provozieren, damit dieser ihn angreifen würde, und er würde sich dann auf bestimmte Art und Weise wehren. Sollte dies nicht funktionieren, würde er trotzdem hier hinter Gittern die Nacht nicht überleben.


    "Scheiss auf die Regeln. Früher haben wir selbst auf unseren Bauch gehört, und egal wer das Sagen hatte... es wurde nicht einfach jemand umgebracht.", zischte Kevin und dachte an seine Zeit in der Gang zurück. Damals gab es keinen "Boss" oder "Anführer." Es gab die Älteren, und auf die hatte man gehört, doch man war immer für sich selbst verantwortlich. Kühne lächelte überheblich und kam wieder dichter an Kevin heran, blickte zu ihm herab. "Deswegen ward ihr früher auch nur ein Haufen von Junkies, die auf der Straße hingen, und heute macht ihr Profit.", sagte er und Kevin hätte ihm am liebsten das Grinsen aus der Fresse geprügelt... doch noch beherrschte er sich. Der Drogenboss schien seiner Sache sehr sicher zu sein, er drehte Kevin den Rücken zu, während er langsam wieder durch den Raum schritt. "War das wirklich nur ein Zufall? Dass ich gerade bei Schneider war?", fragte der suspendierte Polizist dann irgendwann in Richtung seines Gegenspielers, der sich zu ihm nochmal umdrehte. "Glaubst du an Zufälle?" Eine Frage als Antwort zu stellen war etwas, was Kevin überhaupt nicht leiden konnte. "Ich war auch auf der Party...", ließ sich Kühne dann aber doch entlocken. "Und habe beobachtet, wie Schneider mit eurer hübschen Kollegin versucht hat, anzubandeln. Natürlich wusste ich, dass du mit ihr zusammen gearbeitet hast, und natürlich wusste ich von Plotz, was für ein Typ du bist... und wie du reagieren würdest, wenn du hörst dass Schneider sie vergewaltigt hat." Kevins Herzschlag wurde immer schneller, er sah den Mann mit kalten blauen Augen an, er betrat nun eine gefährliche Zone, Kevin weiter zu reizen. "Ich hab ihm etwas ins Getränk gemischt.", sagte er dann, griff in seine Tasche und schob dem Polizist eine kleine Ampulle mit einer gelblichen Flüssigkeit darin über den Tisch. "Wenn du mal nicht kannst... das lässt dich zum Tier werden.", grinste er. "Das mit etwas Alkohol gemischt, und ich war mir sicher dass Schneider sich irgendwann nimmt, was er möchte... mit oder ohne Gewalt." Der Kerl hatte quasi die Vergewaltigung ausgelöst, Schneider zu einem willenlosen Werkzeug gemacht und damit Kevin das perfekte Motiv verschafft. "Wärst du dort nicht aufgetaucht, hätte ich Schneider an diesem Tag nicht umgebracht. Aber du bist doch ziemlich leicht ein zu schätzen.", sagte Kühne und klopfte dreimal an die Spiegelscheibe, was der junge Polizist gar nicht mehr richtig regestrierte. Doch Kühne war noch nicht fertig, denn er kam nochmal auf Kevin zurück, der leise sagte: "Damit wirst du nicht durchkommen..." Der Mann entgegnete ihm: "Das kann dir egal sein... denn du und dein Freund werdet die Nacht hier drin nicht überleben."


    Es reichte... Kevin schaltete in den Modus, nicht mehr groß nachzudenken und stand ruckartig vom Tisch auf, war mit zwei schnellen Schritten bei Kühne, und packte den weitaus schmaleren Mann am Kragen um ihn gegen die Wand zu pressen. Er war schuld daran, dass Jenny ein seelisches Wrack war, dass man ihr das Schlimmste angetan hat, was man einer Frau nur antun könnte. Doch es schien, als hätte der junge Polizist Kühne unterschätzt, und der schlug einmal gezielt zu.
    Es war ein beinahe diabolisches Grinsen, das Kühne im Gesicht hatte, als er spürte wie sich der Griff um seinen Hemdskragen lockerte, als er sah, wie Kevin langsam ein paar Schritte zurückging und die Augen panisch aufriss. Es schien, als würde er nicht verstehen was passierte, doch als würde er plötzlich unerträgliche Schmerzen in der Brust verspüren und dabei geriet er in Atemnot. Kevin hielt sich mit einer Hand am Tisch fest als er langsam zu Boden ging, und laut aufstöhnte, panisch versuchte Luft zu bekommen und sich in Krämpfen windete. Er konnte nicht atmen, starrte an die Decke als er auf dem Rücken lag und wild zitterte, sich panisch mit der rechten Hand an die Brust fasste. Kühne sagte nur verächtlich "Du hast dich mit den falschen Leuten angelegt.", bevor er die Tür öffnete, und einer der Wärter, die er kannte bereits dort wartete. "Ich hab die Kamera beim Zeichen angeschaltet, und ausgeschaltet, als er zu Boden ging. Man wird es für Notwehr halten, und zor Not habe ich es durch den Spiegel gesehen und bin Zeuge.", sagte er sofort. "Sehr gut... du rufst gleich einen Notarzt und ich fahre sofort in die Mordkommission um den Fettsack zu benachrichtigen... und bin natürlich völlig fertig nach dem Vorfall." Er blickte noch einmal in den Raum. Kevin lag mittlerweile regungslos am Boden, seine Hand krampfte sich allerdings immer noch um den Stoff seines Shirts, die andere lag regungslos am Boden.

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  • Dienstwagen - 16:15 Uhr


    Semir hatte es befürchtet, der Feierabendverkehr hatte bereits begonnen. Mit Blaulicht, Lichthupe und Martinshorn konnte er sich zwar etwas Gehör und hier und da eine freie Spur erkämpfen, aber an ein schnelles Vorwärtskommen war nicht zu denken. Bens Hand hatte sich um den Haltegriff geklammert, nicht um sich wirklich vor Semirs Lenkbewegungen festzuhalten, sondern eher aus Aufregung. Beide machten sich große Sorgen um Kevin, wenn der Drogenboss Kühne tatsächlich auf dem Weg zu ihm war, und fest im Vorhaben, Kevin aus dem Weg zu räumen. Sie durften einfach nicht zu spät kommen.
    Auch auf der Autobahn war der Verkehr elendig dicht. Es war zwar kein Stau, aber bei Tempo 100 folgte ein Auto auf das nächste. Es war nervenaufreibend für den Fahrer, ständig hinter den Autos zu blinken und zu hoffen, sie mögen doch schnell die Überholspur freimachen. "Hoffentlich kommen wir nicht zu spät.", murmelte Ben immer wieder und knabberte an den Fingernägeln. "Wir sollten dort anrufen.", meinte er noch, doch Semir schüttelte den Kopf. "Und wenn wir einen Wärter dran haben, der ebenfalls mit drinhängt. Der wird Kühne sofort warnen." Sie nahmen die Abfahrt herunter von der Autobahn, als Ben mehr zufällig in ein Auto blickte, ebenfalls ein ziviles Polizeiauto, was er an der Dachantenne für den Funk erkannte. Seine Augen weiteten sich und er stieß Semir an. "DA!", rief er und zeigte auf den Mercedes Kombi, der auf der Gegenfahrbahn auf die Autobahn rollte.


    Ben hatte Kühne sofort erkannt. Der Mittelscheitel, die Nickelbrille... sofort hatte sich das Gesicht in Bens Gedächtnis gebrannt und wurde abgerufen. Semir dachte kurz nach: Sollte er Kühne jetzt verfolgen, und das Risiko eingehen, dass Kevin im Knast etwas passiert. Aber rausholen konnten sie ihn eh nicht, und Kühne wurde nun sicherlich zurück ins Präsidium fahren und von Plotz zur Rede gestellt werden. Wenn er dann flüchtete, wäre es schwer ihn wieder einzufangen. Also entschied Semir sich für Zweiteres und wendete den Wagen, fuhr ein Stück über den Grünstreifen zwischen Auf- und Abfahrt und nahm die Verfolgung des Mercedes auf.
    Kühne bemerkte natürlich den BMW, der ihm erst mit Blaulicht entgegen kam, und beim Blick in den Rückspiegel erkannte er auch sofort, dass Semir den Wagen verfolgte. "Fuck...", entglitt es dem Mann, dem plötzlich bewusst wurde, dass er aufgeflogen war... auch wenn er nicht wusste, warum. Doch er wollte es sich auch nicht erklären lassen, denn wenn die Autobahnpolizei einen Polizeiwagen verfolgte, dann mussten die Gründe driftig und erdrückend sein, soviel war klar. Als er bemerkte, dass sein dicker Kollege Plotz ihn dreimal auf dem Handy versucht hat zu erreichen, war ihm alles klar. Kühne versuchte zu flüchten und auf der Autobahn dem restlichen Verkehr auszuweichen. Er musste es bis zu seinem Versteck schaffen, dort hatte er eine große Menge an Bargeld, von dort aus würde er versuchen ins Ausland zu kommen und von Frankreich oder Hollland mit dem Flieger aus Europa raus. Vermutlich waren seine Männer im Knast ebenfalls aufgeflogen, oder standen kurz davor. Doch das interessierte ihn jetzt nicht mehr, jetzt versuchte er alles, um erstmal seine Verfolger abzuhängen. Kurioserweise setzte er sich selbst das Blaulicht auf das Dach, und prompt versuchten einige Verkehrsteilnehmer ihm aus dem Weg zu gehen bzw ihm den Weg frei zu machen. Für die sah es so aus, als wären beide Polizeiautos auf einer Einsatzfahrt.


    Semir war in seinem Element, mit eleganten Lenkbewegungen wich er den Autos aus, und nutzte die Räume, die sich ihm anboten. Den Mercedes hatte er fest im Blick, und sein Abstand war nicht mehr als 4 oder 5m von dem Kofferraum des Fluchtfahrzeuges entfernt. Ben hatte seine Waffe aus dem Holster genommen und entsichert, für den Fall dass Kühne auf dumme Gedanken kam, und das Feuer eröffnete. "Hier kommt doch gleich eine Baustelle.", sagte Semir, als sie sich der Ausfahrt 33 näherten, und Ben nickte. "Da wird es sich gleich stauen." Semir zog in einem freien Moment von der linken Spur herüber auf den Standstreifen, gab aber nicht mehr Gas. "Was hast du vor?", wurde er hastig von seinem Partner gefragt, obwohl der Semir in Sachen Autofahren zu 100% vertraute. "Warts ab.", meinte der, beinahe frech grinsende Kommissar. Er gab nicht mehr Gas, obwohl die Bahn jetzt frei war, sondern beobachtete den Mercedes, der immer noch zwischen rechter und linker Spur pendelte, als der Verkehr vor der nahenden Baustelle immer dichter wurde. Kühne konzentrierte sich so sehr darauf, nirgendwo drauf zu fahren, dass er den Verfolger aus den Augen verloren hatte. Der Drogenboss hatte nur Augen dafür, die Lücke zu finden, um vor der Baustelle abzufahren.
    Gerade, zwischen zwei LKWs, fand er sie dann und zog in die Lücke hinein, direkt auf der Höhe der Ausfahrt. Semir beobachtete das Manöver genau und gab im richtigen Moment seinem PS-starken Gefährt die Sporen, in dem er das Gaspedal komplett nach unten drückte. Gerade, als der Scheitelpunkt der Kurve zur Ausfahrt begann, regestrierte Kühne den herannahenden BMW wieder, konnte aber nicht mehr reagieren. Semir traf den Flüchtenden mit der linken Stoßstangenseite genau am rechten Hinterrad, was den Mercedes sofort ausser Kontrollte brachte und rückwärts von der Straße in den Graben trudeln ließ. Es gab in beiden Autos einen Schlag, metallene Berstgeräusche als das Blech der beiden Autos sich verbog, fliegende Gras- und Erdbüschel, als Kühne versuchte sofort wieder Gas zu geben, doch sein Wagen setzte im Gemüse sofort auf, während Semir noch auf der Ausfahrt anhielt. "Treffer und versenkt.", sagte er fröhlich in Bens Richtung, der sofort die Tür öffnete und die Waffe auf den gestrandeten Mercedes richtete.


    "Hände aus dem Fenster, und ganz langsam aussteigen, Kühne.", rief der junge Polizist, während Kühne durch die Frontscheibe nun direkt den beiden Autobahnpolizisten entgegen blickte. Eine Hand kam aus dem Fahrerfenster, allerdings mit einer Waffe in der Hand, die sofort das Feuer eröffnete, was Ben und Semir veranlasste, hinter ihren geöffneten Türen in Deckung zu gehen. Sie hörten das aufreißende Blech auf der Motorhaube, das splitternde Glas der Scheinwerfer und das Reißen der Türfenster. Die beiden Polizisten erwiederten das Feuer sofort, auch sie trafen nur das Auto, statt den Insassen, der sich nur geringfügig hinter dem Lenkrad durckte, und die Kugeln nur knapp über ihm einschlugen. Kühne feuerte aber viel zu schnell und unpräzise, so dass seine Waffe recht schnell leer war und Ben sich als Erster aus der Deckung raustraute. Geduckt im Sprint rannte er an die Beifahrertür, riss sie auf und zielte auf den schnell atmenden Kühne, der bei dem Unfall seine Brille verloren hatte, und den Autobahnpolizisten mit Hass anblickte. "Los, raus mit dir!", fuhr Ben ihn an und zeigte ihn die entgegengesetzte Richtung zur Fahrertür, wo Semir nun auftauchte, durch die offene Tür griff und Kühne am Kragen heraus zerrte.
    Ohne großen Widerstand ließ der Jungpolizist sich von dem erfahrenen Kommissar die Handschellen anlegen, als er auf dem Bauch im Dreck lag und sich nur unter Semirs Griff nach oben langsam wieder aufrichtete. "Ihr kommt sowieso zu spät.", spuckte er den beiden Polizisten entgegen. "Euer Freund ist längst tot." Die beiden Männer starrten ihn wie entgeistert an. "Das ist nicht wahr.", sagte Ben mit leiser Stimme, doch Kühne klang seltsam überzeugend. "Und seinem Freund wird es nicht anders ergehen." Mit seinem Freund meinte er Jerry, das wusste Semir und Ben, und letztgenannter packte Kühne nun voll Zorn am Kragen und holte bereits mit der rechten Faust aus. "Das ist nicht wahr, du Mistkerl.", schrie er laut, denn es war für ihn unerträglich auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass Kevin tot sei. Er würde sich unvorstellbare Vorwürfe machen, dass die ganze Geschichte nur ausgelöste wurde, in dem er so unvorsichtig war, geleitet von seiner Wut Dinge im Krankenhaus gesagt zu haben, die nicht für die Ohren der Chefin bestimmt waren. Ben würde daran zerbrechen.


    Semir konnte ihn gerade noch zurückhalten, bevor der auf Kühne einschlug. "Hör auf, Ben! Das bringt jetzt nichts.", rief er laut und hielt Ben am Arm fest. Er war zwar auch geschockt von Kühnes Geständnis, von seiner Überzeugung, denn Semir hatte eine hervorragende Menschenkenntnis, aber so ganz konnte er es nicht glauben.... er musste sich selbst überzeugen. "Er hat mich angegriffen... und ich habe mich mit einem Schlag auf die Brust gewehrt.", grinste Kühne feist, denn er hatte das Überwachungsvideo und die Aussage des Wärters auf seiner Seite. Ben fuhr sich durch die Haare und wandte sich voll Verzweiflung von Kühne ab, sonst hätte er doch unüberlegt gehandelt. "Wir werden dich und den ganzen Laden hochgehen lassen, und du gehst lebenslänglich in den Knast, das verspreche ich dir.", knurrte Semir böse und schubste Kühne in Richtung seines kaputten Mercedes. Dort kettete er ihn an der stabilien B-Säule zwischen Fahrer und Hintertür an, so dass es unmöglich war, dass Kühne sich befreien konnte. "Komm, wir fahren in die JVA.", sagte er zu seinem Freund und schon ihn in Richtung des BMWs, von wo aus er sofort Verstärkung für die JVA und einen Wagen für den Unfallort rief.

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  • JVA - Zur gleichen Zeit


    Jerry wartete ungeduldig. Er hatte keine Sekunde einen Gedanken daran verschwendet, dass es einen anderen Grund gab, warum man Kevin nochmal in den Verhörraum gebeten hatte. Sicherlich waren es nochmal seine Kollegen, er würde ihnen jetzt erzählen, dass Jerry gegen seine Gang aussagen wolle, und sie würden die beiden erst einmal hier rausholen. Und so saß der langjährige Drogendealer und Mentor des Polizisten auf der Bank, die Arme auf die Knie gestützt und beobachtete die Tür hinaus in den Flur, vor der zwei Wachmänner standen, als würde er sie hypnotisieren wollen.
    Nur so bekam er auch mit, dass Hendrik zu den beiden Wachmänner ging, und ihnen etwas ins Ohr flüsterte. Es waren zwei Wachmänner, die auf Hendriks Gehaltsliste standen, sie blickten alle drei kurz zu Jerry herüber, sie nickten und verließen den Raum. Der Mann wurde etwas unruhig auf seiner Bank, ein beklemmendes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus. Der Gang-Anführer kam dann mit düsteren Blick direkt auf Jerry zu und beugte sich zu ihm herunter, während der den Blickkontakt zu ihm hielt. "Es tut mir echt leid.", sagte er nur. "Ich weiß nicht, was du gemacht hast, aber das Mittel hast du Kevin nicht gegeben. Du hast dich gegen uns entschieden." Jerry blieb äusserlich ruhig, auch wenn er das Gefühl hatte, dass die Bank auf der er saß, plötzlich glühend heiß wurde. "Und jetzt? Willst du mich jetzt umbringen? Du, der gestern noch meinte, er sei mein Freund?" Hendrik sah Jerry an, beinahe hilflos und schüttelte den Kopf. "Nein, nicht ich." "Siehst du.", meinte der Drogendealer beinahe höhnisch. "So wie du einen Freund nicht töten könntest, kann ich es auch nicht." Von beiden Seiten näherten sich allmählich vier Männer, die auf Hendrik und Jerry zuhielten. Sie schienen nur noch auf das Signal zu warten, um los zu schlagen während der sitzende Mann sie kurz aus den Augenwinkeln beobachten konnte. "Es ist eh zu spät... Kevin ist tot, und du wirst hier lebend nicht mehr rauskommen." Hendrik erhob sich wieder aus seiner gebeugten Position und nickte den vier Männern zu, während Jerry langsam aufstand. Dass Kevin tot sei, befiel ihn wie eine Ohnmacht.


    5 Minuten sollte der Wärter warten, bevor er den Notarzt rufen solle, hatte Kühne gesagt. Gerade wollte er zu seinem Funkgerät greifen, als er noch einmal über den leblosen Körper des Polizisten, der im Verhörraum lag, blickte. Er bewunderte diese Kunst, einen Menschen mit nur einem Schlag zu töten, als er stutze. Atmete der Mann etwa noch? Er hatte die Augen weit aufgerissen, eine Hand lag auf seinem Brustkorb, der sich fast nicht mehr hob und senkte... aber eben nur fast. Mit dem Funkgerät in der Hand beugte sich der Wärter zu Kevin hinunter und konnte gar nicht so schnell überrascht aufschreien, als dieser ihn mit der rechten Hand um den Kopf fasste und mit dem Fuß aus dem Stand brachte. Mit einem Griff wirbelte Kevin den Mann zu Boden, stand durch den Schwung selbst auf und schaffte es, dem Wärter sogar die Waffe aus dem ungesicherten Holster zu ziehen. Der nicht gerade fitte Wärter landete unsanft mit dem Hinterkopf auf dem Boden, während Kevin über ihm kniete, mit einem geübten Griff die Waffe entsicherte und ins Gesicht seines Gegners zielte. "Ein lauter Ton, und du kannst mit deinem Hirn puzzlen.", drohte der Polizist, dem klar war, dass der Wärter nicht auf seiner Seite stand.
    Natürlich wusste Kevin, was Kühne vor hatte. Würde er ihm hier keinen Grund liefern, zu zu schlagen, würde Kevin an diesem Tage anders zu Tode kommen. Doch hier konnte er sich vorbereiten. Die Brust durchdrücken im Moment des Schlages, die Brustmuskeln anspannen, so würde die Wucht des Schlages absorbiert und auf die Muskelstränge umgeleitet werden. Dazu im Moment des Schlages tief einatmen. Es war riskant, doch Kühne war kein geübter Schläger und schlug zwar fest genug, aber nicht übermäßig dass die Abwehrtechnik funktionierte. Ein blauer Fleck auf der Brust würde trotzdem entstehen, und so könne er Kühne des versuchten Mordes überführen, würde er hier herauskommen... aber jetzt musste er erstmal Jerry retten. Kevin entwendete dem Wärter die Handschellen und kettete ihn an das Rohr der Heizung im Raum. Mit seiner Krawatte knebelte er den Mann schließlich noch, bevor er aus der Tür lugte... die Luft war rein.


    Jerry war vielleicht ausser Form, aber zuschlagen konnte ein Boxer immer. Der erste Angreifer bekam dies sofort zu spüren denn Jerrys Schlag war präzise und blitzschnell. Hendrik hatte sich aus dem Gemeinschaftsraum entfernt, er wollte nicht sehen, wie sein Freund totgeschlagen wurde. Die Aussicht, am Leben zu bleiben hatte gesiegt, der Boss würde ihn verschonen... doch mitansehen konnte er es nicht. Zwei der Männer warfen sich auf Jerry, um ihn an die Wand zu drücken. Sie mussten dazu alle Kraft aufwenden, denn der Drogendealer war zäh und kannte so manch geheimen Kniff, der dritte Angreifer, Yankek, wurde mit einem Fusstritt erstmal auf Distanz gehalten. Viele Mithäftlinge nahmen Abstand von der Schlägerei, denn sie wussten, dass es ungesund war wenn man sich in die Angelegenheiten der Drogendealer einmischte. Mit einem Schlag in die Magengrube wurde Jerrys Widerstand erst einmal gebrochen, stöhnend beugte sich nach vorne und konnte sich gegen Yanek erstmal nicht mehr wehren, der sich grinsend einen Schlagring überstreifte. "Du hättest besser dich selbst trainiert, statt deinen kleinen Kampfhund.", feixte er höhnisch.
    "Und du hättest besser hinten Augen.", hörte Yanek eine Stimme, die er nicht zuordnen konnte, bevor er innerhalb weniger Stunden den zweiten fiesen Leberhaken einstecken musste. Diesmal allerdings mit blanker Faust, und mit einer Wucht, da sein Gegenspieler weit ausholen konnte, und über mehr Kraft besaß als Kevin. Yanek ging stöhnend erstmal zu Boden während Jerry ebenfalls schwer atmend den Angreifer ausmachte... es war der Kerl, mit dem Kevin sich öfters unterhalten hatte... Thomas Stern. Reflexartig ließ einer der Männer, die Jerry festhielten, den Drogendealer los, um sich auf Thomas zu stürzen. Der Gefangene, der Kevin damals entführte hatte, wie sein Bruder Andreas niemals Skrupel vor Gewalt und wusste, wie man zuschlagen musste. Er wusste auch, dass Jerry ein Freund von Kevin war, und war dem Polizisten dankbar, dass er es schaffte, dass er und seine Schwester sich sehen konnten. Das wollte er ihm zurückzahlen und mischte sich in die Konfrontation ein. Jerry begann mittlerweile mit dem zweiten Mann, der ihn festhielt, zu rangeln.


    Im Sprint erreichte Kevin mit der Waffe in der Hand die Tür zum Gemeinschaftsraum. Er rannte um die Ecke, als er einen Wächter entdeckte, der durch die Fenster zum Gemeinschaftsraum sah, und nicht eingriff. Der Polizist erkannte ihn sofort, als einen von Hendriks Männer. "Was zum...", konnte dieser gerade noch stammeln als Kevin ihm mit voller Wucht mit der Pistole ins Gesicht schlug, und den Wärter damit ausknockte. "Keine Zeit für Smalltalk.", keuchte er und schnappte sich die zweite Waffe aus dem Holster des bewusstlosen Mannes. Eine behielt er in der Hand, die zweite Waffe steckte er sich in den hinteren Bund seiner Jeans, und ließ seine Weste darüber fallen. Er betrat den Gemeinschaftsraum, und sah die Szene, die sich vor ihm bot. Jerry rangelte mit einem von Hendriks Männern, Thomas verpasste einem anderen gerade die Abreibung seines Lebens, worüber Kevin mehr als nur erstaunt war. Ein Mann lag mit blutendem Gesicht am Boden, während Yanek sich gerade versuchte aufzurichten, die Hand auf die Leber gepresst. "Aufhören!!", rief Kevin und schoss zur Verdeutlichung seiner Worte zweimal in die Luft. Dadurch würden zwar vermutlich auch so langsam Wachen angelockt, die nicht zum Drogenring gehörten, aber umso besser. Doch die waren noch weit weg in einem anderen Trakt des Gefängnisses. Kevin richtete die Waffe auf die Kampfgruppe, die langsam voneinander abließ, und sich trennte.
    Alle atmeten schwer, Thomas half Jerry auf die Beine und beide kamen langsam in Kevins Richtung, während der die vier Angreifer, von denen sowieso einer bewusstlos war, in Schach hielt. Yanek und die beiden Männer, von denen einer ebenfalls übel von Thomas zugerichtet wurde, setzten sich auf die Bank und blickten den Polizisten hasserfüllt an. "Einer von euch muss die Wachen verständigen.", sagte er. "Aber die echten." Jerry nickte: "Ich gehe. Ich kann die echten von den Geschmierten unterscheiden. Ausserdem kann dir der Bursche.", dabei blickte er mit anerkennendem Nicken zu Thomas "... besser helfen als ich. Wieviele hast du schon ausgeschaltet?" "Zwei.", gab ihm der Polizist zur Antwort. "Dann ist einer bis zum Wachbüro noch da. Aber mit dem werde ich fertig.", sagte der ehemalige Boxer und verließ den Gemeinschaftsraum. Einige Gefangene hatten bei den Schüssen das Weite gesucht, andere standen glotzend im Raum und beobachteten die Szenarie.


    Doch auch Hendrik hatte die Schüsse vernommen, und spürte wohl, dass etwas schief gelaufen war. Einzig die Wachmänner hatten hier Pistolen, und die sollten nicht mehr in den Gemeinschaftsraum kommen... also musste jemand von aussen herein gekommen sein... und das konnte nur dieser verfluchte Bulle sein, dachte er. Er verfiel in Trab in Richtung seiner Zelle, wo er sich hinter das Bett bückte und in sein Versteck griff, wo er nicht nur das Handy, sondern auch ein Klappmesser aufbewahrte. Er griff hinein und beförderte es ans Licht, bevor er es in seine Westentasche steckte. Er würde alles in Ordnung bringen, dachte er sich und hatte bereits eine Idee, wie er Kevin zur Aufgabe zwingen würde.
    Mit schnellen Schritten ging er den Zellenflur entlang, bis er zu Kevins Zelle fand. Jeder hatte eine Schwachstelle, dachte sich der Gangführer, und Kevins Schwachstelle saß in seiner Zelle und las in seinem Buch. Er hatte von dem Trubel nichts mitbekommen, traute er sich alleine sowieso nicht in die Nähe des Gemeinschaftsraums. "Hallo Philipp.", sagte Hendrik katzenfreundlich, als er den Kopf zur Zelle hineinsteckte. Der kleine Bankräuber zuckte bei der Stimme zusammen, erkannte den Gangführer sofort und erinnerte sich daran, dass er dessen Schutz genoß. Seine Nervosität konnte er trotzdem nicht verbergen. "H... hallo." Hendrik trat in die Zelle hinter den kleinen Kerl, der vor Angst nicht traute, sich umzusehen und die Augen wieder im Buch versinken ließ. "Ist es interessant, was du liest?", fragte der Mann, der sich hinter ihm aufbaute, und erhielt ein scheues Nicken. "Sicherlich nicht so interessant wie das, was du gleich erleben wirst." Die Stimme wechselte von katzenfreundlich ins Bedrohliche, und Philipp hatte gar nicht genug Zeit, sich zu fürchten, da schlang sich schon Hendriks kräftiger Arm um den schmalen Oberkörper und wurde dem jungen Kerl die Klinge des Klappmessers an den Hals gedrückt. "Los, vorwärts. Du musst mir helfen, deinen Freund zu überreden, etwas netter zu mir zu sein.", knurrte er dem zitternden Jungen zu, der mit Tränen in den Augen um sein Leben fürchtete, und brutal vom Stuhl hochgerissen wurde.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • JVA - 16:30 Uhr


    Der Weg zurück zur JVA kam den beiden Autobahnpolizisten quälend und elendig lange vor. Sie wichen dem Verkehr aus, sie überfuhren in der Stadt rote Ampeln, als könnten sie Kevin noch retten. Ben biss sich während der Fahrt auf die Lippe, so sehr er sich auch mühte konnte er seine Tränen nicht zurückhalten. Er war an allem schuld... an Kevins Situation den Job verloren zu haben, vielleicht war er deshalb nicht Herr der Lage, als er auf Schneider traf, nun saß er im Knast... und er würde sich niemals mehr entschuldigen können. Ihm nicht beichten können, was zwischen ihm und Jenny passiert war. Nein, das durfte einfach nicht wahr sein.
    Semir bemerkte Bens Zustand, wie sich seine linke Hand in die Seite des Sitzes krampfte, wie er stur gerade aus sah, und seine Augen feucht waren. Auch Semir war aufgewühlt vom den Worten von Kühne, doch er könne es nicht glauben, bis er es nicht mit eigenen Augen gesehen hatte. Wollte Kühne sie vielleicht nur ablenken und damit verhindern, dass sie nochmal in die JVA fuhren? Weil er vielleicht einige Gefangene auf Kevin angesetzt hatten, die nun ungestört losschlagen konnten? Es war eine kleine Hoffnung, aber sie stand wie ein Strohhalm aus dem Ozean, an den Semir sich klammern wollte, wie seine Hände um das Lenkrad, als er mit quietschenden Reifen auf dem Besucherparkplatz der JVA zum Stehen kam.


    Diesmal hielten sie sich nicht mit Formalitäten auf. Am Pförtnerhäuschen liefen sie vorbei, und wurden erst von einem Beamten gestoppt an der Schleuse zu den einzelnen Gefangenentrakts. "Moment mal, wo wollen sie denn so schnell hin?" Semir zeigte schnell seinen Ausweis, während Ben den Kerl am liebsten zu Boden geschlagen hätte, um weiter laufen zu können. "Gerkhan, Kripo Autobahn. Hören sie, wir gehen in der Annahme, dass sich im Zellenblock B gleich ein Mord ereignen könnte, oder bereits geschehen ist. Lassen sie uns durch!" Der Mann schüttelte den Kopf, und murmelte: "Da könnte ja jeder kommen." "Wir sind aber nicht jeder!!", schrie Ben erregt und beeindruckte damit den Wachmann, der von der Echtheit der Ausweise überzeugt war, und Ben erstaunt ansah. Wenn sich ein Polizist so sehr echauffierte, dann musste etwas an der Sache dran sein. "Warten sie, ich rufe den Blockaufseher an." Er ging ein Zimmer weiter, wo sein Telefon stand, während sich die beiden Freunde ansahen, und durch ein Nicken blind verständigten. Blitzschnell drückten sie die Öffnung für die Schleuse und verfielen wieder in schnellen Lauf, während sie die wütende Stimme des Wärters hinter sich hören konnten. "Das ist doch... so warten sie doch!!"
    Sie kamen gerade an den Eingang des Blocks, wo ebenfalls zwei Wärter standen, die sich angeregt mit einem Mann unterhielten. "... so glaubt mir doch! Sie wollen uns umbringen! Ich kann euch das jetzt nicht alles erklären..." Der Mann war ein Häftling und schien sehr aufgeregt zu sein, und er blickte die beiden Polizisten an. "Sie... sie... sind sie die Kollegen von Kevin?", fragte er mit schwer atmender Stimme, als sei er gerannt. Von seinem Handrücken tropfte Blut, denn tatsächlich musste Jerry den dritten falschen Beamten im Gang niederstrecken. Ben nickte heftig, und Semir fragte sofort: "Was ist los?" Die zwei Beamten schauten reichlich verwirrt, als sie zwischen Jerry und den beiden Autobahnpolizisten hin und her blickten. "Ach, unser Jerry hat nur mal wieder einen durchgezogen, was? Also wirklich Jerry... Drogendealer, falsche Wärter..." "Sie sind Jerry?", unterbrach Semir den Mann, der das ganze offenbar nicht ernstnahm. Jerry nickte heftig und wusste, dass die beiden Kollegen von Kevin Bescheid wussten. "Sie wollten uns umbringen... Kevin hält sie im Gemeinschaftsraum in Schach, aber wir müssen ihm helfen." Als Ben hörte, dass Kevin lebte, kam sein Körper sofort wieder in Bewegung, hinter Jerry her. Semir folgte ihnen sofort, nachdem er schnell zu den Kollegen sagte: "Der Mann hat Recht. Schickt uns Verstärkung in den Gemeinschaftsraum."


    Der Widerstand der vier Typen war scheinbar gebrochen. Einer war immer noch bewusstlos, die anderen beiden lädiert, Yanek funkelte Kevin voller Hass an... doch gegen die Pistole fehlte ihm der Mumm. Der Polizist wartete ungeduldig darauf, dass Jerry Unterstützung brachte, um reinen Tisch zu machen, und alle, zur Drogengang gehörenden Gefangenen und Wärter dingfest zu machen. Doch sein Herz rutschte ihm in die Hose, als die Nebentür aufgestoßen wurde, und Philipp im Schwitzkasten in den Raum gedrückt wurde. Das Klappmesser an seinem Hals funkelte im Schein der Leuchtstoffröhre an der Decke und war klar zu erkennen. "Du bist zäher als ein Stück Rindsleder, Peters.", rief Hendrik, der sich hinter Philipp verbarg, in Kevins Richtung, der sofort die Waffe auf das Pärchen richtete. "Lass ihn los. Der Junge hat dir nichts getan." Philipps Gesicht war vor Angst wie verzerrt, sein kleiner Körper zitterte unter dem Griff des kräftigen Hendrik. Er hatte wahnsinnige Angst davor, dass einer der beiden die Nerven verlor, dass Kevin vielleicht das Leben des kleinen Bankräubers aufs Spiel setzte, oder dass Hendrik das Messer abrutschte. "Schieb deine Waffe rüber... und ihm wird nichts passieren." Kevin schluckte, er sah sich um und bemerkte, dass Thomas einen der Schläger, der gerade wieder aufstehen wollte, zurück auf die Bank schubste. Er hatte die Sache unter Kontrolle, und so konnte er sich ganz auf Hendrik konzentrieren. "Na schön...", sagte er mit seiner eintönigen Stimme, sein Blick kalt auf Philipp gerichtet, weil Hendrik sich dahinter verbarg. Langsam ließ der Polizist die Waffe sinken, legte sie auf den Boden und schob sie mit dem Fuß in Richtung des Geiselnehmers, der nur wenige Meter von Kevin entfernt stand. Langsam, ohne die Klinge von Philipps Hals zu nehmen, hob Hendrik sie auf. Die einzige Chance, hier raus zu kommen, war mit einer Geisel... und ein Polizist war weitaus mehr wert, als ein kleiner Bankräuber. "Los, komm her.", rief er in Kevins Richtung, als er die Pistole in der Hand hatte, und sie nun an Philipps Kopf hielt, was sich nicht unbedingt besser anfühlte, als die eiskalte Klinge am Hals.


    Kevin setzte einen Fuß vor den anderen, als er auf Hendrik zuging, er nickte Thomas kurz beruhigend zu, dass er alles unter Kontrolle hatte, und er sich nicht in Gefahr geben sollte... Jessy brauchte ihn noch. Er war auf einen Meter an Hendrik heran gekommen, als dieser Philipp von sich wegstieß, und gerade nach Kevins Kragen greifen wollte. Diese Zehntelsekunde nutzte der Polizist, er griff nach hinten in seinen Hosenbund, zog die zweite Waffe, die er von dem Wärter an der Tür mitgenommen hatte, und zielte mit ihr auf Hendriks Stirn, während dieser es ihm gleich tat. Beide spürten die kalte Metallmündung der Waffe auf ihrer Haut, bei Kevin wurde die Stirn durch einige Haare etwas verdeckt. Die beiden Männer blickten sich an, Kevin mit kaltem Blick ohne mit der Wimper zu zucken, Hendriks Mundwinkel bebten. Auch seine Stimme klang nicht sicher: "Lass die Waffe fallen... sonst drücke ich ab." Die Gefangenen im Raum waren mucksmäuschenstill, man konnte eine Stecknadel in dem Raum fallen hören, sie hielten den Atem an als würden sie im Kino sitzen. Viele waren abgestumpft von ihren Verbrechen, sollten sie sich doch über den Haufen schiessen, andere hatten Angst, wiederrum andere realisierten nicht, was geschah. Thomas fiel es schwer, sitzen zu bleiben, doch er war unbewaffnet.
    "Du hast Angst.", sagte Kevin mit seiner arrogant wirkenden Stimme, in Richtung des Mannes, der ihm eine Pistolenmündung gegen die Stirn drückte, und Hendrik konnte das leichte Beben, ein leichtes Zittern nicht unterdrücken, das bis zu Kevins Nervenenden in der Stirn weitergeleitet wurde. "Du warst nie auf der Straße, Hendrik. Du hast dich niemals auf jemanden in der Not verlassen müssen, und hattest nie das Gefühl, ein Teil einer Gruppe zu sein.", sagte der Polizist mit seelenruhiger Stimme, und spürte, wie das Zittern stärker wurde. "Sonst würdest du nicht deine Gangmitglieder, deine Familie töten lassen. Egal, was der große Boss sagt." Hendrik spürte, dass Kevin Mitglied einer anderen Art von Gang war. In einer Gruppe, die wie eine zweite Familie war, in der keiner an der Spitze Angst und Schrecken verbreitete, dem man gehorchte, weil man weiterleben wollte. "Ausserdem war von uns niemals jemand so feige, einen wehrlosen Kerl als Schutzschild zu missbrauchen.", sagte der Polizist ein wenig schärfer. Hendrik flehte beinahe: "Bitte, lass deine Waffe fallen."


    Die Tür wurde aufgestoßen, als Semir, Ben und Jerry in den Gemeinschaftsraum platzten. Die beiden hatten die Schusswaffen gezogen und zielten sofort auf das eigenartige Pärchen, das sich gegenüber stand, die Waffen jeweils an die Stirn gedrückt, und den Blick nicht voneinander lassend. "Hendrik, lassen sie die Waffe fallen.", rief Ben und nahm den Mann sofort ins Visier. Semir versuchte zuerst die Lage zu überblicken, aber scheinbar ging keine weitere Gefahr von den Gefangenen aus. "Hendrik, hör auf damit!", rief auch Jerry in Richtung des Duos. "Jerry war der Einzige, der so etwas wie den Gedanken der alten Gruppe hier rein brachte.", sagte Kevin leise und mit eindrücklicher Stimme, auch Ben und Semir konnten ihn verstehen, sie zielten auf Hendrik, standen seitlich von den Beiden, bereit abzudrücken. Bens Fingerknöchel wurden weiß, so sehr umklammerten sie den Griff der Waffe. Auch Jerry hörte die Worte seines damaligen jungen Freundes, und schluckte. "Weil er von der Straße kam... und wusste, dass Zusammenhalt wichtiger ist als Profit. Wo kommst du her, hmm?" Das leichte Beben um Hendriks Mundwinkel war mittlerweile ein Zittern. Doch eine Antwort brachte er nicht heraus, das Zittern seiner Hand war mittlerweile so stark, dass die Mündung gegen Kevins Stirn stieß. "Wo kommst du her? Sag mir, warum du hier bist?", rief Kevin wieder, als er merkte, dass er bei Hendrik offenbar einen Punkt hatte, der ihn nervlich kollabieren ließ, und ihn so dazu bringen wollte, die Waffe zu senken.


    Ben fühlte, als würde der Boden unter ihm nachgeben. Er stand nicht in einem Gemeinschaftsraum, sondern auf einem Acker, neben ihm lag ein Auto auf dem Dach und vor ihm standen Kevin und Jessy, die sich gegenseitig die Pistolen an den Kopf drückten. Er stand da, und tat nichts... bis Jessy abdrückte, und Kevin erschoss... NEIN! Ben kniff die Augen zusammen, und war wieder in der Wirklichkeit. "Diesmal nicht, mein Freund!", rief er, dass Semir neben ihm kurz zusammen zuckte. Bens Waffe bellte in seiner Hand auf, die Kugel drang in Hendriks weiches Muskelfleisch in den Oberschenkel ein. Wie ein Reflex drehte Kevin den Kopf von Hendriks Mündung, aus Angst, sein Gegenüber würde im Reflex abdrücken. Doch der Drogendealer schrie nur kurz auf, seine Hände folgten einem Hirnreflex und fuhren zu der Schusswunde, so dass die Waffe klackernd zu Boden fiel, Hendrik folgte dann langsam mit schmerzverzerrtem Gesicht. Kevin bückte sich schnell, hob die zweite Waffe auf und zielte nochmal auf Hendrik, doch das war nicht mehr nötig. Er war ausser Gefecht, windete sich vor Schmerzen am Boden und drückte mit aller Kraft seine Hand auf die blutende Wunde.
    Semir sah Ben von der Seite an, der stocksteif in Schussposition verharrte, nachdem er abgedrückt hatte. Diesmal hatte er es richtig gemacht... dieses Mal war er dieses Risiko nicht eingegangen. "Erschreck mich doch nicht so, Mensch.", meinte der kleine Kommissar und schüttelte nur den Kopf, doch Ben wusste, dass er es in dem Moment nicht böse meinte. Der Mann mit den Wuschelhaaren atmete tief durch und ließ die Waffe sinken. Semir lief sofort den beiden Wärtern entgegen, um den Gefängnisarzt zu rufen, während Ben langsam in Richtung seines Freundes ging, der beiden Waffen in den Hosenbund zurückgesteckt hatte, seine Weste ausgezogen hatte und sie als Verband für Hendriks Schusswunde missbrauchte. Als er merkte, dass Ben sich neben ihn gesellte, blickte er kurz auf: "Der hätte im Leben nicht geschossen.", sagte er mit einem leicht schelmischen Grinsen. Ben war noch etwas benebelt von der Aufregung, doch ein erleichtertes Grinsen konnte auch er nicht verbergen: "Ja klar... so wie letztes Mal." Kevin wusste sofort, worauf er anspielte...
    "Wie kannst du bei sowas nur so scheisse ruhig bleiben?", fragte Ben seinen Kollegen dann noch, als der dem wimmernden Hendrik die Weste ums Bein fest zurrte, und seine blutigen Hände am Shirt abwischte. "Soll ich dir was verraten?", fragte der suspendierte Polizist, und richtete sich neben Ben auf, der erwartungsvoll schaute. "Ich bin nicht so ruhig... ich hab mir fast in die Hosen gemacht." Ben sah Kevin beinahe fassungslos an und konnte nicht sagen, ob es nun ein Scherz oder Ernst von dem Mann mit den blauen Augen war. Mit dieser Antwort ließ Kevin seinen Freund erstmal stehen, um sich um den, wie Espenlaub zitternden Philipp zu kümmern.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


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  • JVA - 17:30 Uhr


    Es ging vieles drunter und drüber in der Justizvollzugsanstalt in Köln, nachdem dort der Drogenring endgültig aufgeflogen war. Zunächst kamen zwei Rettungssanitäter in den Gemeinschaftsraum, die sich um den verletzten Hendrik kümmerten, dessen Schusswunde letztlich aber eine ungefährliche Fleischwunde waren. Ben hatte bei seinem Rettungsschuss keine wichtigen Sehnen oder Muskeln erwischt. Bienert wurde über Funk angerufen, mit einigen Drogenspürhunden und Verstärkung anzurücken, während zwei Wärter noch verhaftet wurden, die sich gerade versucht hatten, mit Bargeld aus dem Staub zu machen.
    Kevin setzte sich zu Philipp auf die Holzbank am Tisch, und legte seinen Arm um die schmalen Schultern. Der kleine Kerl hatte die Beine an den Leib gezogen und zitterte wie Espenlaub, nach dieser fuchtbaren Erfahrung, das Messer am Hals und die Pistole am Kopf zu spüren. Nein, sowas wollte er nie wieder erleben, er wollte doch nur überleben hier im Knast um in zwei Monaten heim zu können, zu seiner Frau und seinem Kind, das dann sicherlich schon auf der Welt war. Kevin versuchte ihm beruhigend zu zu reden, das alles okay wäre, dass nun alle verhaftet wären, doch der kleine Philipp dachte schon weiter. Er war immer noch im Glauben, Kevin wäre ein Undercover-Polizist und käme nun aus dem Knast heraus, damit wäre niemand mehr da, der ihn schützen könnte. Er konnte gar nicht sagen, ob das ihm gerade mehr Angst einjagte, als das Erlebnis mit Hendrik, oder nicht...


    Semir fühlte sich etwas unbehaglich, als er zusammen mit Kevin und Ben zu Thomas Stern ging, um sich für die Hilfe zu bedanken. Vor allem Kevin umarmte den kräftigen Mann, der ihn vor Monaten noch als Geisel genommen hatte, was nicht nur auf Ben und Semir einen grotesken Eindruck machte. "Das war als Dankeschön, dass ich meine Schwester sehen darf.", sagte er, denn es bedeutete ihm genauso viel wie seiner Schwester, dass sich die beiden nun regelmäßig sehen konnten, und miteinander reden durften. "Bedank dich dafür bei Ben.", sagte Kevin wahrheitsgemäß und Thomas schüttelte dem Polizisten lächelnd die Hand. "Danke, dass sie Kevin geholfen haben.", sagte Semir und auch er schüttelte dem Mann die Hand, dessen Bruder er in einem finalen Rettungsschuss erschossen hatte. Thomas war damals bereits weitsichtig genug, keinerlei Rachegefühle zu hegen, er dachte damals rational, zwang sich dazu, und verschob seine Alpträume auf die Nacht. So hatte er auch weniger ein Problem damit, Semir die Hand zu geben, als der Polizist selbst. Bevor sie die JVA verließen, nahm Kevin Thomas nochmal beiseite, und nickte in Richtung Philipp: "Pass auf den Jungen auf. Er hat hier drin niemanden, der ihm hilft, okay?" Thomas versprach es, und das gleiche sagte der Polizist dann auch noch zu Jerry.


    Für die Kölner Polizei wurde es eine organisatorische Herkulesaufgabe. Alle Gefangenen, die in der Drogensache mit drin hingen, wurden auf verschiedene Gefängnisse in ganz Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Rheinland-Pfalz verteilt. Niemand sollte Kontakt mit einem Mittäter haben, einzig Jerry blieb in der JVA, als sicher war, dass er in keinster Weise mehr in Gefahr war. In einem stundenlangen Verhör mit Thomas Bienert packte Kevins Freund aus über die Machenschaften hinter Gitter, sagte gegen die Wärter aus, die sich bestechen ließen und mit verdienten. Er belastete vor allem Hendrik, seinen Freund der ihn umbringen lassen wollte, schwer.
    Auch Kevin steuerte mit seinen Aussagen Beweise dazu, die reichen würden dass alle Mittäter einige Jahre mehr hinter Gitter verschwinden würden, und Bienert lieferte er auch viele Hinweise auf die Drogengang ausserhalb der JVA-Mauern. "Zur ganz großen Razzia reicht es zwar noch nicht...", sagte der erfahrene Drogenermittler zufrieden. "... aber Schawasky wird nervös werden, jetzt wo die große Schnittstelle zur Polizei weg ist, und die Hälfte seiner Einnahmen wegfallen." Kevin nickte zufrieden, er hatte das Bein quer über das andere gelegt und die Hände im Schoß gefaltet.


    Vor dem Verhörraum wartete auf Kevin noch eine Überraschung, auf einem der Besucherstühle saß die dickliche Erscheinung von Erwin Plotz. Er hatte zeitweise im Nebenraum mitgehört, und erhob sich nun schnaufend, als Kevin ihn erblickte. Die beiden Männer traten sich gegenüber, und Kevin provozierte durch sein Schweigen, aber seinen Blick einige Worte von Plotz. "Tja... hmm.", murmelte der, als er sich die rechten Worte parat legte. "Scheinbar habe ich eine Begabung dafür, an kriminelle Kollegen zu geraten... ähm...". Er merkte sofort, dass dies nicht der passende Vergleich war, als er auf Kevins Vergangenheit anspielte, und der Betreffende legte den Kopf etwas schief, als höre er nicht recht. Hinter ihm fasste sich Bienert grinsend an die Stirn und schüttelte den Kopf. "Jedenfalls... wollte ich... ähm, sagen dass es... ein Fehler war von uns. Nichts für ungut.", sagte der Mordermittler und streckte Kevin seine Hand hin, ohne ein klare Entschuldigung über die Lippen zu bringen. Für einen Moment blickten sich die so ungleichen Polizisten, die mal Partner waren, einander an, Plotz mit der ausgestreckten Hand in Richtung des jungen Polizisten, bis dieser mit seiner monotonen Tonlage in der Stimme wiederholte: "Nichts für ungut...", und an Plotz vorbeiging, ohne die ausgestreckte Hand zu ergreifen. So leicht konnte der junge Mann nicht verzeihen, hier baute er sich seinen Selbstschutz aus Arroganz wieder auf und er verweigerte dem Kollegen, der ihn oft gemobbt und unschuldig hinter Gitter gebracht hatte, den Handschlag. Bienert folgte ihm zum Fenster, wo sich Kevin eine Zigarette anzündete, während Plotz resignierend nickte und es seinem Ex-Partner nicht mal verübeln konnte, dass der so reagierte. Er blickte sich noch einmal kurz um und watschelte dann in Richtung Ausgang.
    "Ich habe gehört...", murmelte Bienert leise durch den Zigarettenrauch, der Kevin umgab, "... er hätte das Beweisstück der Hautpartikel in deiner Hand dezent unter den Tisch fallen lassen. Er will die Prügel komplett Kühne anhängen. Dafür hättest du ihm wenigstens die Hand reichen können." Kevin blickte etwas gedankenverloren durch das weit geöffnete Fenster auf die Kölner Innenstadt, auf die Freiheit, die er momentan schmerzlich vermisste. "Wenn du wüsstest, was er in unserer gemeinsamen Zeit so alles getan hat... glaub mir, du würdest ihm auch nicht die Hand schütteln.", sagte er, ohne Bienert anzublicken. Der nickte nur und stellte keine weiteren Fragen.


    Zurück im Büro der beiden hatte Kevin allerdings noch ein Anliegen. "Du musst noch etwas für mich tun, Thomas." Der hob gleich beide Hände nach oben: "Ich habe mir schon ausreichend Argumente zurecht gelegt, um die Innere davon zu überzeugen, dass deine Suspendierung aufgehoben wird. Glaub mir, das ist nur noch...", doch er wurde von Kevins energischem Kopfschütteln unterbrochen. "Nein, nein... das meine ich nicht. Du musst noch etwas für zwei Gefangene tun." Thomas blickte erstaunt auf: "Also Jerry geht aus der Sache strafrei raus, als Kronzeuge... wen meinst du denn noch?" Der junge Polizist lehnte sich an einen kleinen Schrank in Bienerts Büro. "Thomas Stern und der kleine Philipp. Thomas hat mir da drin echt den Arsch gerettet..." Bienert blickte etwas hilflos: "Kevin... Thomas ist verurteilt wegen Todschlags, Menschenraub und räuberischer Erpressung... also, ich weiß echt nicht..." Ohne wirklich auf die Einwände einzugehen, fuhr Kevin fort: "Und Philipp hat im Knast nichts verloren. Der hat doch niemandem etwas getan." Der Drogenfahnder wog den Kopf hin und her. "Ich kann nichts versprechen, aber ich werde bei dem Oberstaatsanwalt nochmal vorsprechen." "Danke, Thomas.", meinte Kevin ehrlich und die beiden Männer schüttelten sich die Hände. "Hättest du keine Lust nach deiner Rehabilitation bei uns in die Abteilung zu kommen? Wir bräuchten solche Typen wie dich.", sagte der Abteilungsleiter des Rauschgiftdezernats, doch Kevin schüttelte den Kopf: "Nein danke... von Drogen versuche ich so weit es geht, Abstand zu halten." Dass er das mehr als nur doppeldeutig meinte, konnte Bienert nicht ahnen.


    Jetzt war es endlich so weit... natürlich hatte nach den ganzen Festnahmen niemand bei der Staatsanwaltschaft mehr Zweifel daran, dass Kevin zu Unrecht im Gefängnis saß. Noch als sie gemeinsam die JVA verließen um die Verhöre zu führen, bekam er seine persönlichen Sachen ausgehändigt, sein Handy und seine Schlüssel. Beinahe mit Wohlwollen registrierte er nur 3 Anrufe in Abwesenheit, davon war einer von Kalle, einer von Jenny, und einer von seinem Vater, den er sofort löschte. Er genoß es, wenig gefragt zu sein, seine Handynummer hatten nur ganz wenige Menschen.
    Jetzt, als er aus dem Gebäude der Kripo trat, an die laue Abendsonne, die gerade unterging, fühlte er sich erstmals wirklich, richtig frei. Er hörte die Autos auf der Straße, die Menschen in der nahen Einkaufspassage, die noch kurz vor Ladenschluß die Geschäfte fluteten, und er blinzelte durch die Strahlen der Abendsonne zu einem braunen Mercedes-Benz, an dem zwei Männer standen... einer klein mit kurzen Haaren, der andere etwas größer mit einem dunklen Wuschelkopf. Semir und Ben warteten auf ihren Freund, auf ihren Kollegen, mit dem sie nun schon das vierte Abenteuer erlebt hatten, und bei dem sie immer noch nicht wussten, wie er im Innersten wirklich tickte, Semir noch weniger als Ben. Und obwohl der sich unglaublich freute, dass er sich die ganze Zeit nicht in Kevin getäuscht hatte, so lag ihm dieses Wiedersehen mehr als schwer im Magen, hinsichtlich seiner gemeinsamen Nacht mit Jenny. Doch er wollte sich davon erstmal nichts anmerken lassen. Es würde bessere Momente geben, mit dem jungen Kollegen darüber zu sprechen. "Willkommen in Freiheit.", meinte Semir beinahe feierlich und die beiden Männer umarmten sich kurz. Es stand nichts zwischen Semir und Kevin, die beiden hatten sich am Ende ihres gemeinsamen Falles sehr gut verstanden und Semir hatte es geschafft, zu Kevin vorzudringen. Ben lächelte etwas schief, aber er überwand sein schlechtes Gefühl und auch er nahm Kevin kurz in die Arme: "Schön, dass du wieder draussen bist.", sagte er und war unendlich erleichtert, dass Kevin der Herzlichkeit nicht auswich. Seinen Fehltritt schien er ihm tatsächlich verziehen zu haben.
    "Ich muss mich bei euch bedanken.", sagte Kevin, und blickte die beiden Autobahnpolizisten an. "Dass ihr an mich geglaubt habt... an meine Unschuld." Semir und Ben wollten darauf keine Floskel erwiedern, sie lächelten nur und Semir schlug seinem Kollegen auf die Schulter: "Dafür sind Partner da." Kevin spürte, wie er sich erneut einen Ruck geben wollte, den beiden endlich mehr Vertrauen, mehr Offenheit zu schenken, auch wenn es bei Ben damals schwer enttäuscht wurde. Aber das war Vergangenheit. "Ich hätte mir vermutlich selbst nicht geglaubt...", meinte der Polizist nachdenklich...

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Dienststelle - 19:15 Uhr

    Die Abendsonne tauchte die Fensterfront der Dienststelle in ein glutrotes Licht. Fast alle Jalousien waren nach unten gelassen, damit die Beamten, die in der PAST die Nachtschicht übernahmen, nicht von der tiefstehenden Sonne geblendet wurden. Der Mercedes rollte mit den drei Freunden innendrin auf den Parkplatz und hielt dort, Semir hatte Kevin gebeten noch mit zu kommen, denn sie hatten alle in der Dienststelle gewartet, nachdem die beiden Polizisten über Funk Verstärkung für die JVA gerufen hatte. Andrea saß noch an ihrem Computer, und wartete sowieso auf ihren Mann, Jenny ging mit Bonrath noch einige Protokolle durch und Hotte unterhielt sich mit Hartmut, hatte bereits seine zivile Kleidung an und seine altmodische Batschkapp auf dem Kopf, doch es würden ihn keine zehn Pferde hier rausbringen, solange er nicht wusste, ob die Helden es geschafft hatten. Natürlich hatte sich die ganze Sache langsam aber sicher rumgesprochen, und keiner der Mitarbeiter hatte bezweifelt, dass Semir und Ben längst dabei sind, ihrem Freund zu helfen.
    Obwohl Kevin nur einige Wochen nicht hier war, fühlte es sich, mit den Knasttagen dazwischen, wie eine Ewigkeit an. Er trat durch die Eingangstür der Dienststelle mit Semir und Ben, der schelmisch "Willkommen zu Hause.", gesagt hatte, und schritt zusammen mit ihnen durch die Klapptür, die den Eingangsbereich von dem Flur zum Großraumbüro abtrennte. Das geschäftige Gemurmel war nur leise zu hören, denn es waren, ausser den vorgenannten, nicht viele Beamte im Büro, als die drei Männer eintraten.

    Hotte stand zuerst auf, und strahlte übers ganze Gesicht, als er sah dass Ben und Semir es geschafft hatten, Kevin aus dem Gefängnis zu holen. Er ging auf die drei zu, und schüttelte allen die Hand, während er nur "Ihr Teufelskerle.", sagte. Natürlich entschuldigte sich der dicke Polizist bei Kevin für dessen Veilchen, was er ihm bei dem Einsatz auf dem Rastplatz mit der Beifahrertür beschert hatte, während Bonrath sich dem Händeschütteln anschloß. "Kein Problem, Hotte... es ging eh unter nach dem Boxkampf.", meinte Kevin grinsend. Auch Hartmut kam dazu, grinste über beide Backen und meinte schmunzelnd zu Kevin: "Wegen den beiden jagt mich irgendwann die NSA. Ich musste ihnen deine Ermittlungsakte knacken." Nicht nur die zwei Autobahnpolizisten waren immer wieder erstaunt über Hartmuts Arbeit, auch Kevin nickte anerkennend und bedankte sich. "Hartmut, ich habe mittlerweile den Verdacht, du BIST die NSA.", lachte Ben und schlug dem Rothaarigen KTU-Leiter auf die Schulter, der ebenfalls lachen musste, während Andrea Kevin ebenfalls freundschaftlich umarmte. Sie hatte mit dem jungen Mann nicht alzu viel zu tun bisher, aber sie fand es schön von ihm, dass er sich um Jenny gekümmert hatte nach der Vergewaltigung. Ausserdem sagte sie ihm leise: "Du kannst stolz auf solche Freunde sein.", weil sie von Semri genaustens wusste, wie schwer es dem jungen Mann fiel, Vertrauen aufzubauen. Er kam nicht umhin, ihr zustimmend zu zu nicken, nach ihrer kurzen freundschaftlichen Umarmung. "Da hast du wohl recht.", sagte er mit seiner markanten Stimme, während Andrea ihn anlächelte und sich kurz danach von Semir in den Arm nehmen ließ.

    Jenny stand bei der ganzen Szenerie dahinter, fast ein wenig abseits, und sie spürte ihr Herz bis zum Hals schlagen. Sie hatte schon ein Zwicken in den Magen bekommen, als sie den Mercedes vorfahren gehört hatte, und die erste Freude darüber, dass Kevin gesund aus dem Gefängnis gekommen war, wich sofort der Unsicherheit, als sie ihn sein Gesicht blickte. Die Unsicherheit, wie sie ihm gegenüber begegnen sollte, wie Ben ihm gegenüber begegnet war... hatte er vielleicht schon etwas gesagt? Nein, das würde Ben nicht einfach so tun, sie würden sich erst darüber unterhalten, ganz sicher. Aber war Ben eher ablehnend, oder normal? Eher distanziert?
    Was sie dann sah, wie Ben und Kevin miteinander lachten, schien es als würde er seine eigene Unsicherheit überspielen, und sich nichts anmerken lassen. Jenny konnte dies nicht so gut, und das merkte auch Ben, als sich ihre Blicke für einen Moment trafen, und der Polizist die Hilflosigkeit ihrer Kollegin deutlich spürte.
    Ihr Herzschlag setzte aus, als sich ihr Blick mit Kevin kreuzte, als sie dann vor ihm stand und Kevin die junge Frau in seine Arme schloß. Es fühlte sich, auch wenn es nur ein recht kurzer Moment war, so gut an als sie ihren Kopf auf seine Schulter legte, die Arme um seinen Hals schlang und seine Hände auf ihrem Rücken spürte. Zuerst kam ihr der Abend auf ihrer Couch wieder in den Sinn, vor der Vergewaltigung als er ihre Zuneigung versuchte abzuwimmeln, obwohl sie spürte, dass er es nicht so meinte... und sie es schaffte, einen Zugang zu seinem Herzen aufzubrechen, ihn seine Seele einzudringen, und sie spürte dieses warme Gefühl in sich aufsteigen. Doch es wurde sofort verdrängt von den Gedanken an Bens Berührungen, in der Nacht nach dem Diskobesuch, in der sich der Polizist und Jenny so lange unterhalten hatten, in denen sie sich beide ihr Herz ausschütteten und schließlich es nicht bei Küssen und Streicheleinheiten blieb. Eine Gänsehaut überfiel sie bei dem Gedanken, und sie löste sich aus Kevins Umarmung, und ihr Lächeln geriet äusserst mühsam, als sie leise sagte: "Schön, dass du wieder da bist." Beide wollten nicht darüber sprechen, was Kevin letztendlich bewogen hatte, bei Jennys Vergewaltiger aufzutauchen, ihn zusammen zu schlagen... war es die Wut, das Trauma um seine Schwester, das Kevin antrieb, oder doch eine stärkere Zuneigung zu Jenny, als er sich zugeben wollte... er wollte es jetzt nicht erörtern, und doch spürte er Jennys Zurückhaltung.

    Die Chefin in ihrem Büro hatte natürlich mitbekommen, dass Kevin quasi "von den Toten auferstanden" war. Sie kam ebenfalls nach draussen und reichte Kevin ihre Hand... mit souveränem, aber auch etwas entschuldigenden Gesichtsausdruck. Anna Engelhardt konnte nicht verleugnen, dass sie sehr an Kevins Unschuld gezweifelt hatte... zu wenig kannte sie ihn, zu präsent waren die Eindrücke auf sie, die er mit seinem Geständnis seiner Jugendsünden hinterlassen hatte. Sie wusste, dass Ben und Semir auf eigene Faust ermittelte, sie rief ihre Männer einmal vorschriftsmäßig zur Raison... aber natürlich hätte sie die Ermittlungen nicht unterbunden, solange die beiden nicht irgendwelchen anderen Dienststellen aufs Dach gestiegen wäre.
    Sie streckte dem jungen Mann die Hand entgegen, so wie es Erwin Plotz vor wenigen Stunden auch getan hatte um ihn zurück in der Freiheit zu begrüßen. Sie verlor kein Wort der Entschuldigung, und anders als bei Plotz stammelte sie sich nichts unehrliches zurecht. Deshalb nahm Kevin die Hand an, denn er wusste dass Anna Engelhardt ihre Prinzipien hatte wie er, die sie streng verfolgte. Selbst wenn er gewusst hätte, dass sie nicht an seine Unschuld glaubte, er hätte es ihr nicht verübeln können, genauso wie er wusste, dass sie nur ihren Job tat, als sie ihn suspendieren musste. Ausserdem hatte er das mit seinem Geständnis quasi selbst provoziert, und es gab kein böses Blut zwischen ihm und der Chefin, als sie dennoch augenzwinkernd sagte: "Es wird unbedingt Zeit, dass ich besser wisse, wie sie ticken." Kevin schmunzelte, und seine beiden Freunde verstanden diesen Satz sofort richtig... die Chefin kannte Semir aus dem FF, Ben ebenfalls. Da konnte sie jede Aktion, jeden Satz und jede Reaktion richtig einordnen. Bei Kevin fiel ihr das schwer, nicht nur weil sie ihn nicht kannte, sondern weil er auch so unnahbar schien.

    Er fühlte sich müde und erschöpft, nachdem er seinen Freunden noch bis zur Einbruch der Dunkelheit erzählte, was er im Knast erlebt hatte, von der Begegnung mit seinem Geiselnehmer Thomas, der ihm sogar half, von dem kleinen Bankräuber Philipp, und seinem Mentor Jerry... der sein eigenes Leben riskiert hatte, nur um Kevin zu verschonen. Alle hörten interessiert zu, und stellten auch hin und wieder mal Fragen, es war wie eine kleine Erzählstunde. Jenny verabschiedete sich als Erste, sie sei müde und wollte nach Hause. SIe umarmte Kevin noch einmal flüchtig zum Abschied, der bemerkte, dass sie sehr still war den ganzen Abend. Ben folgte ihr, kurz "Ich muss kurz ans Auto", murmelnd, nach draussen. Vor der Tür hielt der Polizist seine Kollegin kurz am Arm fest: "Wir müssen es ihm irgendwann sagen.", sagte er ohne Umschweife, hatte er doch bemerkt wie zurückhaltend und unsicher Jenny Kevin gegenüber getreten war. Die junge Frau wich aus: "Ja... also... aber nicht... nicht jetzt. Warte bitte noch." Ben fühlte sich unbehaglich in seiner Haut: "Warum willst du noch warten? Das ist unfair ihm gegenüber. Ich kann ihm nicht mal in die Augen sehen. Kevin ist nicht blöd, er wird es irgendwann merken." Jenny wollte es ihm nicht sagen... sie fühlte sich zerrissen, denn innerlich hatte sie die Nacht mit Ben nicht als Fehltritt verbucht, nicht als einmalige Sache... sie erwischte sich dabei, wie sie häufiger an ihn dachte, und schaute den Mann mit den Wuschelhaaren hilflos an. "Ich weiß... aber bitte. Ich brauche noch etwas Zeit." Mit diesen Worten drehte sie sich um, und eilte zu ihrem Auto, ließ Ben hilflos zurück, der die Hände in die Seiten stemmte und die Lippen zusammenpresste.

    Kevin kam nach Hause in die gemeinsame Mietwohnung, wo er zusammen mit seiner Ziehmutter Kalle, einem Transvestit zusammenlebte. Kalle trat früher in einem Klub von Kevins Vater, der sich nie um seinen Sohn gekümmert hatte, auf und versuchte ihn und seine kleine Schwester möglichst eine halbwegs normale Kindheit zu bescheren, was natürlich nicht klappte. Kallte war auch oft nicht da, und ein Transvestit war halt weder eine richtige Mutter, noch ein richtiger Vater. So begrüßte sie den Heimkömmling auch nicht mit einer Umarmung, was sowieso nicht zu ihr gepasst hätte, sondern mit: "Na, das ging aber schnell. Bei deinem Vater konnte ich immer mit ner Woche rechnen." Dabei schlug sie dem jungen Mann in den Nacken und packte ihn dort, während sie ihn an sich vorbei in die Wohnung schob, und Kevin grinste über diese "typische" Begrüßung seitens Kalle.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Kevins Wohnung - zwei Tage später


    Eine Meldung der Inneren ließ auf sich warten. Kevin hatte das beinahe geahnt, als er gerade am offenen Fenster mit freiem Oberkörper auf der Fensterbank saß, und an seiner Zigarette zog. Die Haare waren noch feucht, er war am Morgen 15km joggen gewesen und war danach unter die Dusche gesprungen. Bienert hatte ihm gestern noch versichert, bei der Inneren vorgesprochen zu haben, und dass er knapp davor war, sich in den Staub zu werfen, damit sie die Rehabilitation des jungen Polizisten vorantrieben und schnell abschließen würden. Darüber musste Kevin lachen, er hielt es etwas für übertrieben, dennoch vertraute er dem erfahrenen Drogenfahnder und blieb geduldig.
    Das Telefon klingelte, als Kevin seine Kippe gerade in den Aschenbecher, der am offenen Fenster stand, ausgedrückt hatte. Er schwang seine Beine von der Fensterbank und ging zum Küchentisch, wo sein Handy lag. "Ja?", meldete er sich und erkannte sofort Bienerts Stimme am Apparat. "Hier ist Thomas." "Thomas... gibts was Neues?", fragte Kevin sofort, der sehnte sich nach Arbeit, so komisch es auch klang. Doch er konnte das Kopfschütteln beinahe hören, als Bienert kurz aufseufzte, und er wieder keine guten Nachrichten für Kevin hatte. "Tut mir leid... noch habe ich nichts gehört." "Hmm...", murmelte der suspendierte Polizist, und wunderte sich, warum sich der Drogenfahnder überhaupt meldete. "Aber ich habe eine anderen Überraschung für dich. Wenn du vorbeikommst, zeige ich sie dir..." Kevin stimmte zu und versprach, in einer halben Stunde bei ihm zu sein.



    JVA - 11:30 Uhr


    Die Überraschung hatte ihm gut getan... und davon war er ermutigt, noch einmal an den Ort zurück zu kehren, in dem er die letzten Tage verbracht hatte. Er bat den Wärter an der Pforte, sich frei bewegen zu dürfen. "Ich würde ihnen das nicht empfehlen... einige kennen sie bestimmt noch.", sagte der Mann, der wie seine Kollegen immer noch ein wenig geschockt waren, welch kriminellen Machenschaften direkt unter ihren Fittichen abgelaufen waren, und dass sogar einige ihrer Kollegen mit drin gehangen haben. Aber Kevin winkte ab, und bestand darauf. "Dann wird sie einer unserer Männer begleiten. Alles andere ist gegen die Vorschriften." Dem stimmte der Polizist dann seufzend zu, und ein großer, kantig gebauter Wärter folgte dem jungen Mann durch den grauen, kahlen Flur.
    Zuerst schaute er bei Jerry in die Zelle, doch der Boxer war dort nicht. Auch im Gemeinschaftsraum konnte er seinen alten Freund aus früheren Tagen nicht entdecken. Als er sich dem Trainingsraum näherte, konnte er seine Stimme hören. "Was macht ihr denn da? Soll das Boxen sein? Das sieht aus, wie Schwangerschaftsgymnastik für Gehbehinderte!" Unweigerlich legte sich ein breites Grinsen auf das Gesicht des Polizisten, als er in den Raum eintrat. Im Ring standen zwei recht junge Kerle, die etwas unbeholfen versuchten, aufeinander einzuprügeln. Jerry stand ausserhalb und hatte sich mit den Armen auf die Ringe gestützt. Ohne ein Wort stellte sich Kevin direkt neben ihn und blickte hinauf in den Ring. "Schau es dir an...", sagte Jerry, ohne eine Begrüßung. "So hast du früher auch angefangen." Der eine Junge landete mehr aus Zufall einen Aufwärtshaken im Ziel seines Gegners. "Sei froh, dass ich dich mittlerweile als "zu alt zum Umhauen" sehe.", konterte Kevin. "Ihr steht rum wie angeschraubt! Das ist kein Standsport, Boxen hat was mit Bewegung zu tun, Herr im Himmel!", schrie Jerry dann wieder nach oben, doch er war mit Herzblut dabei. Kevin legte ihm die Hand auf die Schulter: "Ich wollte mich nochmal für deine Hilfe bedanken.", sagte er, doch Jerry wiegelte sofort ab: "Ich hab mich zu bedanken. Durch den Boxkampf habe ich wieder etwas gefunden, was mir Spaß macht... und durch dich sehe ich wieder so etwas wie einen Sinn, wenn ich rauskomme." Es war das Schönste, was er Kevin sagen konnte.


    Nach der Verabschiedung von Jerry blickte Kevin bei Thomas in die Zelle, doch der ehemalige Geiselnehmer war ebenfalls nicht da. "Ich glaube, Herr Stern ist im Besucherraum.", sagte der begleitende Wärter mit sonorer Stimme, und führte den suspendierten Polizisten dorthin. Durch eine Glasscheibe in der Tür zu den Besucherräumen, wo sich Gefangener und Besucher gegenüber saßen, sich durch eine Glasscheibe betrachten konnten und mit den Telefonhörern unterhalten konnten, konnte er sehen, wie Thomas mit dem Rücken zu ihm saß, und sich angeregt unterhielt... mit Jessy, seiner Schwester. Er schien ihr gerade die Geschehnisse von den letzten Tagen zu erzählen. Kevin musste lächeln, als er Jessys Gesicht betrachtete... sie hatte Farbe im Gesicht, sah lange nicht mehr so unglücklich aus, wie bei seinem letzten Besuch. Ihre Augen drückten mal Ungläubigkeit aus, mal Entsetzen, einmal lachte sie. Dann sah sie Kevin im Rücken von Thomas durch die Scheibe, und ihre Augen wurden groß. Für einen Moment schien sie Thomas nicht mehr zu zu hören, als der Polizist ihr ein stummes Lächeln schenkte, dass sie ebenfalls lächelnd erwiederte. Er wollte Thomas nicht die Zeit mit seiner Schwester stehlen, und so drehte er sich wieder um.
    An seiner alten Zelle fand er nun auch Philipp, der seine Nase wie immer in ein Buch gesteckt hatte. "Du bekommst irgendwann eine Buchstaben-Phobie.", sagte Kevin zur Begrüßung als er eintrat. Philipp schaute schreckhaft nach oben, und atmete durch, als er seinen Zellenkumpel Kevin erkannte. Er lächelte etwas scheu. "Na, was soll ich sonst hier drin tun?" Er drehte sich auf dem Stuhl zu dem Polizisten, der sich auf seinem alten Bett niederließ. "Hast du den Schock gut verdaut?" Der kleine Bankräuber nickte: "Ja, es geht wieder. Ich hab zwar zweimal schlecht geträumt... aber seit ich weiß, dass alle hier weg sind, gehts mir besser. Thomas hat immer ein Auge auf mich, und Jerry wollte mich zum Boxen mitnehmen.", grinste er verlegen. "Aber Angst vor den Typen habe ich immer noch."


    Kevin lächelte ebenfalls, und stand auf. "Das hat sich aber erledigt... du ziehst um." Philipps Lachen erfror. "Aber... aber... warum?" "Beschluß der Staatsanwaltschaft. Sie denken, dass du hier drin noch gefährdet bist, durch die Übergriffe von vorher... und man will dich bei der Aussage vor Gericht in einem Stück haben.", sagte der Polizist mit todernster Miene. "Aber... ", stammelte der kleine Kerl. Es kam so überraschend. Es klang schon verlockend, in ein anderes Gefängnis zu kommen, raus aus diesem Loch, wo ihn niemand kannte. "Es ist ein kleines Gefängnis, es sind keine Schwerverbrecher drin, und du hast eine Einzelzelle... was ganz anderes als hier. Ich hab mich für dich stark gemacht. Es ist ein Geschenk.", sagte Kevin lächelnd, und Philipp wurde etwas bleich. Er senkte sein Gesicht, und seine Schultern zuckten. "Das ... das habe ich nicht verdient...", sagte er leise, und Kevin zog überrascht die Augenbrauen nach oben. "Warum das? Was meinst du?"
    Philipp wagte es nicht, den jungen Polizisten anzusehen, und seine Augen schienen den Boden abzusuchen... zu unwohl fühlte er sich plötzlich. "Ich... ich hab gewusst, was Jerry bei dem Boxkampf mit dir vor hatte. Ich habe Hendrik und ihn in der Bibliothek belauscht." Kevin hörte aufmerksam zu, war zwar überrascht, aber nicht geschockt. "Und... ich... ich habe dir nichts gesagt.... weil...." Philipps Stimme begann zu zittern, er schämte sich so sehr, schämte sich für seine Angst und seine Feigheit. "Weil du Angst hattest?", vollendete Kevin den Satz, der keine Frage, sondern eine Feststellung war. Der kleine Kerl konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten und nickte. "Ja... ich hatte solche Angst... Wenn die erfahren hätten... dass ich gelauscht habe... die hätten mich... mich...", schluchzte Philipp hemmungslos, und rieb sich die nassen Augen mit seinen Hemdsärmel. Er tat Kevin leid, und selbst wenn er gewollt hätte, hätte er dem kleinen Kerl niemals einen Vorwurf machen können, dass er nicht den Mumm besaß, ihn zu warnen. Kevin ging zu ihm hin, nahm ihn am Arm und zog ihn zu sich, als sich scheinbar sämtliche angestaute Traurigkeit und Enttäuschung in Philipp entluden, und er hemmungslos, fast wie ein kleines Kind, an Kevins Schulter weinte.
    Erst als er sich nach Minuten beruhigte, gab der Polizist ihm einen kleinen Klaps und meinte mit ruhiger Stimme: "Pack deine Sachen... ich nehme dich mit zu deinem neuen Zuhause."


    Mit einer großen Sporttasche voll mit Klamotten sah sich Philipp noch einmal den kargen Flur an, bis er mit Kevin zusammen durch die Sicherheitsschleuse trat. Der Polizist zeigte das nötige Papier, und die Wärter fragten ihn zum Glück nicht nach dem Ausweis, weil sie natürlich von dem Einsatz vor zwei Tagen mitbekamen, dass er ein Kollege war... nur dass er noch suspendiert war, das wussten sie nicht. Sie händigten Philipp seine Wertsachen aus, der sich wunderte, dass die nicht Kevin nahm und er sein Handy selbst in die Jeans schieben durfte. So betrat er im gleißenden Mittagssonnenlicht, das die Luft nochmal herrlich erwärmte, auch wenn der Sommer sich den Ende zuneigte, mit seinem neuen Freund die Freiheit. Klar war er auch auf dem Hof, aber die Sonne hatte er in den letzten Monaten öfters nicht gesehen. Zu seinem schmalen Körper hatte er noch abgenommen, und er war blasser, als er in den Knast reingegangen war. Er setzte sich auf den Beifahrersitz von Kevins Privatwagen, der den Motor startete. Die Adresse, zu der er jetzt fahren würde, hatte er sich vorher herausgesucht, und dort auch bereits angerufen, und seinen Besuch angekündigt.
    Philipp wunderte sich, dass Kevin den Wagen nicht auf die Autobahn lenkte, sondern von der Innenstadt erst durch ein Wohngebiet fuhr. Natürlich kam Philipp die Gegend bekannt vor, denn hier war er zu Hause. Er wohnte in einem 8-Parteienhaus mittlerer Lage, was er damals gerade so bezahlen konnte. Langsam dämmerte ihm, dass etwas nicht stimmte. "Wo fährst du hin?", fragte er unsicher, und Kevin antwortete, ohne den Blick von der Straße zu nehmen: "Zu deinem neuen Zuhause." Das hatte er eben schon mal gesagt... aber er hatte doch von einem anderen Gefängnis gesprochen. Die Straße, in der er wohnte, rückte immer näher, und sein Herz setzte aus, als Kevin genau in diese Straße einbog.


    "Was... was...", stammelte der kleine Bankräuber, als er das Mehrfamilienhaus erblickte, vor dem eine kleine, blonde junge Frau stand. Sie war sicherlich zierlich gebaut, trug jetzt aber einen gewaltigen Schwangerschaftsbauch vor sich, auf den sie schützend die Hände gelegt hatte, nachdem sie etwas mühsam von der kleinen Treppe aufgestanden war. Ein älterer Mann hatte ihr dabei geholfen, er war ebenfalls nicht sehr groß, und seine grau-melierten Haare standen etwas unordentlich vom Kopf. Philipps Finger krallten sich in den Stoff, weil er so sehr zitterte, und schon wieder stiegen ihm Tränen in die Augen, als er Kevin anblickte, der den Wagen auf dem Gehweg gegenüber hielt. "Du... du ermöglichst mir einen Besuch bei meiner Freundin... bevor ich in den neuen Knast muss?", fragte er ungläubig, und Kevin sah herüber zu ihm. Mit fast todernster Miene schüttelte der Polizist den Kopf. "Nein." und zögerte kurz, bevor er den Zettel von eben aus seiner Hosentasche zog. "Bienert und ich haben dem Staatsanwalt erzählt, wie sehr du mir bei den Ermittlungen geholfen hast. Du bist wegen guter Führung vorzeitig entlassen.", und dabei hielt er Philipp den Entlassungsschein unter die Nase. Der kleine Kerl blickte zwischen dem, langsam lächelnden Kevin und dem Schein hin und her, unfähig zu einem Wort, geschweige denn sich zu bewegen. "Du bist ein freier Mann, Philipp. Und jetzt bist du zu Hause." "Oh Gott...", flüsterte er... und konnte sich nicht mehr im Auto halten, als er sah, dass seine Freundin, gestützt von ihrem Vater, vor Freude ebenfalls hemmungslos weinte. Er stieg aus dem Wagen aus, dachte auch nicht mehr an die Tasche im Kofferraum und lief mit verschwommenem Blick über die Straße um seine Freundin fest in die Arme zu schließen. Beide weinten ohne Scham, unfähig auch nur einen klaren Satz heraus zu bringen. Sein Schwiegervater in spe stand neben ihnen, ebenfalls gerührt, und betrachtete seine Tochter und den Vater seines Enkelkindes.
    Kevin ließ den dreien ihren Moment, und wartete einige Minuten, bis sie sich schluchzend trennten, um dann aus zu steigen und Philipp die Tasche zu bringen. Er wollte dieses Willkommen absolut den dreien lassen, und würde Philipp sicher nochmal besuchen die Tage. Doch als er sich schon zum Gehen wandte, hielt Philipp ihn am Arm fest. "Warum hast du das getan? Ich habe dir gar nicht geholfen." Der Polizist sah denm kleinen Kerl in die Augen. "Doch, das hast du.", sagte er mit ernster Stimme. "Du hast mir gezeigt, dass der Stärkste schwach ist, wenn er alleine ist... und der Schwächste stark, wenn er gute Freunde hat." Philipp konnte nicht anders, und schloß den Polizisten noch einmal in die Arme...

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


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  • Kneipe - 21:00 Uhr


    Semir hatte Kevin am Nachmittag angerufen. Sie luden ihn ein, in ihre Stammkneipe. Essen, trinken, fröhlich sein, dass sie diesen doch recht unangenehmen Fall so gut rumbekommen hatten, und den kriminellen Ring hinter Gittern trocken gelegt hatten. Ausserdem hätte er heute im Lagebericht gelesen, dass die rechte Hand von Kühne innerhalb des öffentlichen Ringes von Bienert festgenommen wurde. "Wenn das kein Grund zu feiern ist, hmm?", sagte Semir am Handy, und Kevin nickte. Ja, komischerweise fühlte er sofort große Lust heute abend aus zu gehen, zu feiern und mit seinen Freunden zusammen zu trinken. So oft hatte er im Gefängnis daran gedacht, dass er durch seine Verschlossenheit andere vor den Kopf stieß, und dass er sich dahingehend ändern wollte... wieder einmal. Und so war auch Semir angenehm überrascht, dass der junge Kollege sofort zusagte.
    Kevin ging unter die Dusche, zog sich frische Klamotten an, und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, die wie immer mit ein wenig Haarspray ungezähmt wirken sollten. Dann nahm er seine leichte Jeansjacke vom Haken, zog sie sich übers Shirt und verabschiedete sich bei Kalle. "Rufst mich an, wenn ich dir die Klamotten wieder in den Knast bringen soll, ja?", war ihre Verabschiedung.


    Es dauerte nicht lange, und irgendwann waren alle in der Kneipe versammelt. Sie hatten sich einen Tisch dicht am Kicker und an der Dartscheibe gesichert, an der sich nun Hotte und Dieter nacheinander versuchten, während Kevin, Ben, Semir und Andrea am Tisch saßen, und den Kommentaren der beiden ungleichen Streifenpolizisten lauschten. "Hotte, du trittst jedesmal über beim Werfen. Hier ist die Linie.", beschwerte sich Bonrath und zog mit dem Fuß eine imaginäre Linie über den Kneipenboden. "Ich gleiche nur den Vorteil aus, denn du durch deine Größe hast. Du bist mit der Scheibe auf Augenhöhe.", lachte Hotte und warf einen Pfeil sehenswert in die Triple-Twenty, woraufhin ihm der ganze Tisch applaudierte. Im gleichen Moment kam die Chefin zur Kneipentür herein und hob beschwichtigend die Arme, als würde sie den zufälligen Applaus auf sich beziehen, womit auch sie die Lacher auf ihrer Seite hatte. Alle fühlten sich wohl an diesem Abend, sorgenfrei... ausser Ben.
    Er schaffte es einfach nicht die Gedanken an Jenny beiseite zu legen, wenn er Kevin ansah, oder mit ihm sprach. Er zwang sich, so normal und so witzig wie sonst immer zu sein, was ihm auch größtenteils gelang. Und trotzdem kam ihm immer wieder Jennys Gesicht in den Sinn, als er bei ihr lag, durch ihre braunen Haare strich und die sanften Lippen küsste. Dass Jenny mit etwas Verspätung noch zu der Gruppe stieß, machte es für den Polizisten nicht einfacher, die Gedanken abzuschütteln. Auch Hartmut kam kurze Zeit später, entschuldigte sich bei allen für die Verspätung. Thomas Bienert war der letzte in der, mittlerweile recht großen Runde, der alle begrüßte und sofort eine Runde auf sich bestellte, ob der Unterstützung in seinem Fall.


    Sie unterhielten sich, sie tranken und lachten miteinander, bis ein türkisch aussehnder Mann mit zwei XXL-Pizzaschachteln zur Tür reinkam und Semir per Handschlag begrüßte. "Essen ist da.", verkündete der erfahrene Polizist und stellte eine der Schachteln in die Mitte des Tisches, und eine schob er direkt Kevin vor die Nase. Er nickte seinem türkischen Freund dankbar zu, der sich alsbald wieder verabschiedete. "Soll ich die etwa alleine essen?", fragte der Polizist mit einem Grinsen, und spürte plötzlich, dass alle am Tisch ihn ansahen, und die Gespräche verstummten. "Wenn sie dir schmeckt...", meinte Semir mit einem verschmitzten, erwartungsfrohen Lächeln. Als Kevin den Pappdeckel des Pizzakartons anhob, überkam ihn eine Gänsehaut. In dem Karton lag keine Pizza, sondern ein kleiner, eingeschweißter grüner Polizeidienstausweis, ein Gesicht, das ihn melanchonisch ansah, und ihn selbst zeigte, allerdings einige Jahre jünger.
    Alle am Tisch begannen erfreut zu grinsen, als sie Kevins Leuchten in den Augen sahen, und er seinen Dienstausweis in die Hand nahm. Semir fand als Erstes die Sprache wieder: "Herzlichen Glückwunsch zu deiner Rehabilitation.", sagte er und klopfte dem jungen Freund auf die Schulter, und alle am Tisch begannen zu klatschen. "Die Innere hat mir heute grünes Licht gegeben. Da sie in meiner Abteilung zuletzt angestellt waren, hatte ich das Vergnügen, sie quasi wieder in den Dienst einzustellen.", sagte Anna Engelhardt, ebenfalls mit einem Lächeln, während Bienert scherzte: "Dann kannst du ja am Montag bei mir anfangen." Er hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, Kevin würde sich für seine Dienststelle entscheiden, und bei der Drogenfahndung anfangen. "Ich danke euch allen...", sagte Kevin sichtlich berührt, denn lange Zeit hatte er nicht mehr damit gerechnet, jemals wieder in den Polizeidienst zurück zu kehren. Er bestellte sofort eine weitere Runde für alle.


    Hin und wieder versuchte Kevin, mit Jenny ins Gespräch zu kommen, doch es schien, als prallten zwei fremde Menschen aufeinander, die nicht wüssten, über was sie sich unterhalten sollten. Kevin wunderte sich darüber sehr, hatte er Jenny doch als so fröhliches Mädchen kennengelernt, als Frau, die wusste was sie wollte und die auch nie um einen Witz verlegen war. Sollte die Vergewaltigung soviel in ihr kaputt gemacht haben? Hin und wieder lächelte sie scheu, sie wirkte auf einmal schüchtern und nicht mehr so lebensfroh, wie zuvor. Auch unterhielt sie sich lieber und auch ausgiebiger, offener mit Andrea oder Semir, statt mit dem jungen Polizisten.
    Jenny selbst wusste natürlich wieso... sie konnte dem jungen Mann, der ihr als einziger Zugang zu seinem Seelenleben ermöglicht hatte, und ihr in einer schweren Stunde beistand und ihr einen Halt im wilden Ozean bot, nicht in die Augen blicken. Sie hatte das Gefühl, jedes Wort dass sie ihm sagte, wäre eine Lüge weil das schlechte Gewissen sie plagte. Jenny konnte sich einfach nicht frei von dem Gedanken machen, mit Ben geschlafen zu haben und gegenüber Kevin einfach in nichts verpflichtet zu sein. Ja, sie hatten sich geküsst in einem sehr emotionalen Augenblick. Aber sie waren doch nicht... nicht zusammen. Sie waren kein Paar, Jenny ist Kevin nicht fremdgegangen, und verdammt, wenn er sich Hoffnungen auf sie machte, konnte sie doch nichts dafür. Doch kaum hatte sie diese Gedanken gedacht, überschlug sich ihre Gefühlswelt. War das schlechte Gewissen doch ein Indikator dafür, dass ihr Kevin mehr als nur als guter Freund etwas bedeutete, und das Schäferstündchen mit Ben vielleicht eine Ersatzhandlung dafür war, wie schmerzlich sie Kevin vermisste. Sie blickte kurz zu Ben, während der sich mit Kevin unterhielt. Nein, Liebe war das nicht, was zwischen ihr und Ben passiert war. Eher eine tiefe Zuneigung, einem Moment beidseitiger Traurigkeit, die sie beide versuchten, einander zu bekämpften. Ben, der sich weiter Vorwürfe um Kevins Situation machte, und Jenny, die Kevin einfach nur vermisste und mit den Nachwehen der Vergewaltigung kämpfte. Doch das schlechte Gewissen nagte an ihr, als sie von Kevin kurz am Ärmel gezupft wurde. "Kommst du mal kurz mit nach draussen?" Jenny schluckte und nickte zaghaft, bevor sie Kevin folgte.


    Ben sah den beiden hinterher, und seine Gedanken überschlugen sich im Takt der gedämpften Musik. Er blendete die Gespräche um ihn herum aus, und sah nur durch die Glastür auf eine Art Innenhof, wo sich meist die Raucher versammelten, wie Kevin mit Jenny sprach. Sie stand ihm gegenüber und hatte eine Art Abwehrhaltung eingenommen, in dem sie die Hände vor der Brust verschränkte. Kevin hatte seine in die Taschen seiner Jeans versenkt, ein Bein angewinkelt und sah mit leicht schief angelegtem Kopf zu Jenny hinunter. Er sprach mehr als sie, meist zuckte sie ein wenig mit den Schultern und ihr Blick streifte immer wieder von Kevins Gesicht weg, bis er kurz Ben durch die Fensterscheibe trat, der reflexartig wegschaute. Oh Gott, sie erzählt es ihm... sie erzählt ihm, das wir zusammen geschlafen haben, schoss es ihm durch den Kopf. Das würde den Abend sprengen, da war er sich sicher.
    Semir bemerkte, dass Ben die beiden beobachtete, und schubste ihn ein wenig von hinten an der Schulter. "Na? Die beiden werden wohl noch unser Traumpaar, was?", meinte er grinsend, und Ben lächelte nur bitter. "Ja... wäre doch schön... oder?", sagte er und seine Fassade bröckelte nun endgültig. "Eifersüchtig?", grinste sein älterer Freund und schüttelte ihn nun scherzhaft mit beiden Händen an der Schulter, was Ben sofort unterband. "Weißt du, was ich dir letztes Mal noch erzählen wollte... im Auto... als ich dich gefragt habe, was dich an mir enttäuschen würde?", fragte er, und sein Kollege bemerkte, wie ernst sein Freund war... was eigentlich gar nicht zu ihm passte, vor allem nicht auf Partys. "Was wolltest du mir denn erzählen?" Ben blickte umher und beugte sich zu Semirs Ohr. Es klang, wie ein Geständnis, als würde es ihm leidtun, und es erleichterte sein schlechtes Gewissen überhaupt nicht: "Ich habe vor einigen Tagen mit Jenny geschlafen... nachdem wir in der Disco waren." Er blickte wieder auf zu Semir, und die Blicke der beiden Kollegen trafen sich. Semir, der den ganzen Abend schon am Grinsen war und bester Laune, gefror der Gesichtsausdruck. "Du hast was?", fragte er, doch er hatte genau verstanden, was Ben gesagt hatte. "Das ist nicht dein Ernst... Oh Mann." Der ältere Kollege schüttelte den Kopf, und Ben zuckte entschuldigend mit den Schultern. Hatte er wirklich Verständnis erwartet? Eher nicht... vor allem weil Semir wusste wie sein Freund im Bezug auf Frauen tickte... aber ausgerechnet mit Jenny, wo er wusste dass sie und sein Freund Kevin sich nahe standen. "Weiß er es?", fragte Semir und nickte kurz in Richtung der Glastür, hinter der Kevin und Jenny standen. "Bis jetzt nicht.", meinte Ben kleinlaut. "Na, hervorragend..."


    Zur gleichen Zeit standen sich Jenny und Kevin draussen gegenüber, und der letzte warme Sommerwind strich der braunhaarigen Frau durch die Frisur, obwohl es ein Innenhof war. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, und sah Kevin beinahe etwas herausfordernd an, warum er sie jetzt mit nach draussen gebeten hatte. Kevin selbst steckte seine Hände bis zum Anschlag in die Taschen seiner Jeans, als würde er sich dann besser fühlen. "Ich hab das Gefühl, dass du mir... ausweichst.", sagte er in ruhigem Ton, ohne beleidigt oder gekränkt zu wirken. Er hatte Jennys merkwürdiges Verhalten bemerkt, und Kevin war ein Typ der direkten Worte... er wollte wissen, was los war. Jenny spürte, wie es ihr eiskalt den Rücken herunterlief, als ihr darauf nicht sofort eine passende Antwort einfiel. Was würde passieren, wenn sie jetzt sagen würde, was zwischen ihr und Ben vorgefallen war? Wie würde Kevin reagieren? Wieder alles hinschmeißen? Endgültig mit allen brechen? Oder schätzte er die Freundschaft mit ihr gar nicht so innig ein, als dass es ihm etwas ausmachen würde? "Ich weiß nicht...", sagte sie entschuldigend. "Das war alles... etwas viel in letzter Zeit. Die Vergewaltigung... deine Verhaftung." Sie zuckte mit den Schultern. Nein... sie könne es nicht... aber sie musste doch. Der Engel trieb sie an, doch der Teufel auf der anderen Seite riet ihr zur Lüge. "Ich hab das Gefühl, dass dich etwas anderes belastet... im Bezug auf mich." Kevins Menschenkenntnis war nicht zu verachten, etwas was er bei der Mordkommission gelernt hatte. Jenny wurde innerlich immer nervöser, sie fühlte sich an die Wand gedrängt, und hatte das Gefühl, sie müsse etwas unternehmen. Sie hatte das Gefühl, jetzt aufgeben zu müssen, oder durchbrechen zu müssen. Sie ergriff Kevins Hand, die sie aus seiner Hosentasche zog und blickte zu ihm auf. "Ich... ich war so froh, dass du dich mir geöffnet hast, und du nach der Vergewaltigung für mich da warst.", sagte sie und Kevin spürte wie ihr Hand zitterte. "Aber dann... war es so schwer... als du nicht da warst... und da." Ein kleines Stück noch... sie würde das schaffen... sie würde... sie verließ gerade der Mut. Sie blickte in Kevins Augen, die gar nicht mehr so kalt wirkten, wie damals... seine Seele fühlte sich gar nicht mehr so hart an, wie er sie ihr beschrieben hatte. Und sie wäre dafür verantwortlich, wenn sich alle geöffneten Türen wieder schließen würden. "Ich bin einfach froh, dass du wieder draussen bist..." Dabei fiel sie Kevin um den Hals.


    Ben beobachtete die beiden, als sie wieder ins Lokal traten. Die Umarmung hatte er nicht gesehen, weil er da gerade Semir ins Ohr flüsterte. Er fing Kevins Blick auf, und spürte, wie es ihn durchdrang... oder bildete er es sich nur ein? Schaute er ernster als vorher? Hatte er die Fäuste geballt? Ben überkam Panik... sie hat es ihm gesagt... verdammt. Auch Jennys Gesicht hinter Kevin wirkte so ernst, so verzweifelt...
    Erst als sich Kevin neben ihn saß und mit ihm mit Bier anstieß, seine Mundwinkel sich hoben, spürte Ben dass er so langsam Gespenster sah. Kevin lachte, er war immer noch so fröhlich wie vorher. Nur Semirs tadelnder Blick in Richtung seines besten Freundes war echt... den bildete Ben sich nicht ein. Irgendwann müsse er die Wahrheit sagen...


    ENDE

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

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