Stockholm

  • Kiosk - 02:00 Uhr


    Peter fielen immer wieder die Augen zu, und er erschrak immer selbst, sobald er bemerkte dass sein Kopf sich langsam nach unten senkte. Verdammt, warum hatte er diesen blöden Aushilfsjob eigentlich angenommen? Ein Kiosk am Rande der Kölner Innenstadt, der noch dazu 24 Stunden geöffnet war. Seit er um 22 Uhr gestern abend seine Schicht angetreten hatte, waren gerade mal 2 Leute in der ersten Stunde da um Kippen und Bier zu kaufen. Wenn er sich nicht vertan hatte, war es sogar schon eineinhalb Stunden her, seitdem er zuletzt überhaupt jemanden hier vorbei hat gehen sehen.
    Peter war 18, groß und schlaksig gebaut und passte in dieses Kiosk mit seiner Hornbrille und pubertärem Gesicht irgendwie gar nicht rein. Statt, wie es viele in seiner Klasse taten, sich nebenher mit Pokerstars, Betandwin oder Drogenhandel was dazu zu verdienen, ließ er sich von einem Klassenfreund für den Aushilfsjob in diesem Kiosk überreden. Keinerlei Erfahrung mit Schichtjobs waren dann schuld daran, dass er vorher nicht schlief, und jetzt hundemüde war... und noch 4 Stunden ausharren musste. Der Junge nahm sich eine Zeitschrift aus der Auslage und begann, mehr desinteressiert, darin rumzublättern. Der Regen trommelte auf den Asphalt vor seinem Häuschen, es war Mitte März, aber über den Tag schon frühlingshaft warm. Nur jetzt, mitten in der Nacht, fühlte er sich unbehaglich und es war ungemütlich, als er den Kragen seines Hemdes nach oben schlug und nochmal einen Blick über den glitzernden Asphalt schweifen ließ. "Eine blöde Idee...", murmelte er nochmals missmutig.


    Plötzlich vernahm er ein lautes Krachen hinter sich, und einen Moment später wurde die Eingangstür aufgerissen, die hinter die Theke führte. Drei Gestalten, mit Baseballkappen und Schals im Gesicht kamen herein gestürmt, und bevor Peter sich überhaupt erheben oder protestieren konnte, langte eine der Gestalten bereits kräftig hin. Kurzzeitig sah der blasse Junge den Schlagring aufblitzen, der ihn hart im Gesicht traf und sofort zu Boden gehen ließ. Die ersten beiden, recht kräftig erscheinen Gestalten traten mehrmals auf den am Boden liegenden Jungen ein, bis dieser sich nicht mehr rührte. "Hat der genug?", fragte die knarzige Stimme hinter dem Schal, als die dritte, recht schlanke und zierliche Person in das Kiosk hereinkam, und mit einer mädchenhaften Frauenstimme antwortete: "Der hatte schon nach dem ersten Schlag genug." Als wolle einer der beiden Kerle das Mädchen ärgern, trat er nochmals gegen den Kopf von Peter, der bewusstlos und blutüberströmt auf dem schmutzigen Kioskboden lag. Die beiden jungen Schläger, Thomas und Andreas sahen sich im Kiosk um, rissen ihre mitgebrachten Tüten auf und verstauten darin Zigaretten und Alkohol. Jessica, die dritte im Bunde, hantierte an der Kasse herum und ließ diese mit einigen Tastendrücken aufspringen. "Das lohnt sich ja mal wieder gar nicht...", murrte sie und nahm den Inhalt heraus. Danach verließen die drei Gestalten im Schutz der Dunkelheit das Kiosk, wo sie den schwerverletzten Peter einfach liegen ließen, der sich nicht mehr rührte.



    Dienststelle - 09:00 Uhr


    Semir kratzte mit den Fingernägeln über die Oberfläche seines Schreibtisches. Er war alleine im Büro, sein Partner Ben hatte sich mal wieder verspätet und so musste er mit der morgendlichen Autobahn-Tour noch warten. Der türkische Kommissar betrachtete das Telefon, als würde es von sich aus erheben und ihm Antwort geben... auf die Fragen, die in seinem Kopf herumschwirrten. Als würde es von selbst klingeln und ihm alles sagen, was er wissen wolle, als würde es alles gutmachen was vor anderthalb Monaten kaputt ging.
    Neben dem Telefon lag ein weißer Zettel, auf dem ein Name, und eine Handynummer stand. Seit Wochen starrte er auf den Namen und die Nummer, seit Wochen nahm er den Hörer in die Hand und wählte die ersten 4 Ziffern, bevor der Hörer wieder auf die Station fiel. Er schaffte es nicht, seinen Ex-Partner André anzurufen. Ihn damit zu konfrontieren, was er auf den Fotos getan hatte, die, seit Semir sie zu Gesicht bekam, sicher in einem Bankschließfach lagen und ausser Ben und Kevin niemald zu Gesicht bekamen.


    André war vor anderthalb Monaten plötzlich auferstanden... Semir hatte 14 Jahre vermutetet, dass sein Freund bei einem Einsatz ums Leben kam. Doch der wurde gerettet von einem Verbrecher, der ihn daraufhin zwang, für ihn zu arbeiten. André ging das Spiel ein, vergass sein altes Leben, bis er von dem Verbrecher unter einem Vorwand nach Deutschland geschickt wurde, um sich an Semir zu retten, der Carlos Berger vor 14 Jahren auf Mallorca erschossen hatte. Der Plan misslang, André und Semir brachten Horn, mit Hilfe von Ben und dem Polizisten Kevin Peters hinter Gittern. Semir kostete der Kampf, der Zweifel an Andrés Glaubwürdigkeit viel Kraft, doch es schien sich alles zum Guten zu wenden, bis zu Andrés Abschied und dem Auftauchen von Fotos auf Mallorca, auf denen zu sehen ist, wie André einen unbekannten Fremden exekutiert. Semir hatte es nicht über sich gebracht, André am Flughafen zu verhaften, seitdem hatte er versucht, die Sache zu verdrängen. Doch der Gedanke daran kehrte immer wieder zurück. Ben hatte mehrmals versucht, mit seinem besten Freund darüber zu reden, doch der blockte immer wieder ab. "Ich will es vergessen, okay?", hatte er immer wieder gesagt, doch sein junger Kollege verbiss sich ebenso in einem Gewissenskonflikt, einen Mörder laufen zu lassen... auch wenn er letztendes mit André zusammenarbeitete, als sie Semir und Kevin das Leben gerettet hatten.
    Wieder nahm Semir den Hörer in die Hand, er musste einfach anrufen und mit ihm reden... wieder kam er nur bis zur fünften Ziffer, als der Hörer zurücksank. Nein, er konnte André nicht verraten. Soviel hatten sie zusammen durchgemacht, gerade das Abenteuer vor anderthalb Monaten, als dem ehemaligen Polizisten erst wirklich bewusst wurde, wie tiefgehend die Freundschaft zu Semir war. Nein, er konnte ihn nicht verraten. Aber konnte er so als Polizist noch ernsthaft weitermachen?


    Er hörte die eiligen Schritte seines Partners im Großraumbüro, ein typisches "Sorry Chefin!", wegen seiner Verspätung und schob den Zettel unter die Tastatur. Er verstand es, seine Zerissenheit vor Ben zu verbergen, der die Sache mittlerweile offenbar tatsächlich verdrängt hatte. "Hey Partner!", begrüßte der Kommissar mit dem Wuschelkopf seinen Freund und lächelte unschuldig. "Na super, kommst du auch schon, du Schlafmütze.", beschwerte Semir sich, halb im Scherz, halb im Ernst. "Wer weiß, wieviele Temposünder uns schon durch die Lappem gegangen sind. Los, auf! Zur Strafe zahlst du heute Kaffee UND Schoko-Crossaints!"

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Hütte im Wald - 09:30 Uhr


    Andreas fühlte in den Taschen herum und warf mehrere Zigarettenschachteln auf den Boden. "Hast du keine Lucky Strikes eingepackt? Das gibts doch nicht!", rief der, oftmals cholerische, breite Kerl in Richtung seines Freundes, der ruhig und locker auf einem Stuhl sass und einige Scheine vor sich ausgebreitet sah. "Du hast die Zigaretten doch selbst eingepackt.", antwortete Jessica, die auf einer, mehr oder weniger, sauberen Matratze lag und rauchte. Andreas schaute verdattert, als wolle ihn Jessica veräppeln. Er war gedanklich nie der schnellste und brauchte oftmals kurze Zeit um seine Gedanken richtig zu ordnen. Thomas, der sich oftmals wie ein Anführer des Trios fühlte, warf ein: "Jetzt halt mal die Luft an, rauch die Malboros oder geh in die Stadt, und kauf dir deine Lucky Strikes." Ein unfreundliches Gemurmel war von Andreas zu hören, er fischte eine Packung aus der Tüte und setzte sich missmutig zu Thomas an den Holztisch. Es war nicht besonders gemütlich, doch als Unterschlupf war diese alte verlassene Hütte ideal. Mitten im tiefen Wald ausserhalb von Köln kam man hier nur mit einem Geländewagen hin, der einzige wirklich ehrlich erworbene Besitz der drei jungen Männer. Die drei Geschwister waren vor Jahren gemeinsam von zuhause ausgerissen, Jessica war 26, die beiden Brüder 29 und 31. "Das hat sich ja mal wieder gelohnt.", knurrte Thomas ironisch und sah auf die 10er, 20er und 50er Scheine. "900 Euro. Dafür gehen wir so ein hohes Risiko ein... zum Kotzen.", bellte er laut und warf beim Aufstehen den Holzstuhl um. Andreas grinste: "Aber dafür haben wir die Brillenschlange verdroschen." "Und was bringt uns das, du Idiot? Bringt uns das mehr Geld auf den Tisch? Für Essen, Alkohol, Drogen? Bringt uns das schneller aus diesem Loch heraus, hä?", schrie Thomas seinem jüngeren Bruder ins Gesicht, dessen Kichern sofort verstummte. Ein heiseres Schnauben deutete das Ende des Wutausbruchs an, und Jessica erhob die Stimme von ihrem Matratzenlager aus: "Vielleicht sollten wir mal was anderes überfallen, als immer nur solche kleinen Kiosk." "Ja, ne Bank oder was?", meinte der ältere Bruder schnippisch, dem ein Banküberfall ein zu hohes Risiko war. Er trat ans Fenster und schaute mit verschränkten Armen heraus. 'Nein, es musste noch andere Möglichkeiten geben, schnell an viel Geld zu kommen.', dachte er. Von seinen Geschwistern erwartete er keine Denkhilfe, jedenfalls nicht von seinem verblödeten Bruder. Der war in erster Linie dafür gut, die Faust zu ballen und für Ruhe zu sorgen. Andreas gehorchte Thomas aufs Wort, hatte keinerlei Skrupel jemandem mehr als nur weh zu tun. Jessica war anders, auch sie wusste wie sie sich zu verteidigen hatte, jedoch meinte Thomas manchmal, ein wenig mehr Menschlichkeit in ihr zu erkennen. Er hatte oft und lange versucht, sie von der schiefen Bahn abzuhalten, doch irgendwann hatte er es aufgegeben. Er musste sie damals, als sie 12 war, einfach mitnehmen als er erfahren hatte, dass sein Stiefvater sie unsittlich anfasste. Nachdem er und sein Bruder den Stiefvater übel zugerichtet hatten, waren sie zu dritt ausgebüchst und in ganz Westdeutschland umher gezogen... gelebt von Kleinkriminalität die immer weiter in diese brutalen Überfälle abgedriftet sind.


    Thomas drehte sich zu seinen Geschwistern um und meinte mit zwei Wörtern: "Eine Entführung." Jessica schaute zu ihm auf, Andreas verdutzt. "Wer ist entführt?" Sein Bruder verdrehte die Augen. "Wir ziehen eine Entführung durch. Ohne Risiko, zack bumm. Muss ja gar nicht viel Kohle sein, aber es wäre definitiv mehr als wir bei diesen unnützen Überfällen machen. Und wenn es nur um 20000 Euro geht, geht auch niemand das Risiko ein, die Polizei zu benachrichtigen." Die junge Frau schaute ein wenig verständnislos. "Warum sollte das weniger Risiko sein?" "Na, denk doch mal nach, Schwesterlein. Wenn wir ne halbe Million verlangen, das kann kein Schwein bezahlen. Also wird die Polizei informiert, die das Geld meistens stellt, um die Typen zu erwischen. Bei 20000 Euro aber, die kriegt doch ein Normalbürger heute ohne Probleme von der Bank als Kredit. Da wird niemand das Risiko eingehen, das Risiko seiner Tochter, seines Sohnes oder des Lebensgefährten eingehen.", erklärte Thomas ihr geduldig, und das leuchtete Jessica ein. Sie nickte langsam als Andreas sich wieder einhakte: "Und... ähm... wen willst du entführen?". "Na, zum ersten Mal eine vernünftige Frage, Bruderherz.", lachte Thomas und ließ seinen Bruder grinsen. Einige Schritte machte der großgewachsene Mann durch die Hütte und schien nachzudenken. "Niemand, der berühmt ist, das ist nicht unsere Kragenweite. Ein Zufallsopfer, irgendjemanden, den wir zu einem guten Zeitpunkt erwischen. Vielleicht am besten eine Frau, das ist einfacher als einen Kerl.", überlegte er laut und kassierte sofort eine schnippische Antwort seiner Schwester. "Verlass dich da nicht drauf. Wir können ganz schön zu Furien werden, wenn wir Angst haben. Ein Mann ist vielleicht eher vernünftig und fügt sich in sein Schicksal." Andreas stand auf und bewegte seinen kräftigen, stämmigen Körper vor sich. "Quatsch. Ob Frau oder Mann, wer nicht pariert bekommt eins zwischen die Lichter, und fertig. Nicht wahr, Thomas?" und lachte.


    Raststätte - 09:45 Uhr


    Semir und Ben standen am Tresen ihrer Stamm-Raststätte beim Frühstück. Vor beiden Polizisten dampfte Kaffee und lag ein, jeweils bereits halb vernichtetes Schoko-Crossaint, was der, sowieso gut betuchte, Zuspät-Kommer Ben natürlich bezahlen musste. "Also werde ich letztlich dafür verantwortlich gemacht, dass du immer mehr auseinandergehst.", witzelte er in die Richtung seines Freundes. "Pff, weiter auseinander gehen. Wer pumpt denn beim Joggen immer zuerst, du oder ich?", konterte Semir keck und biss herzhaft in sein Crossaint. Beim Blick durch die Fensterfronten, in der sich die Sonne brach und bereits für angenehme Temperaturen sorgte, fragte Ben: "Hast du schon im Fernschreiben von dem Kiosk heute nacht gelesen? Hatte es eben im Radio mitbekommen." Sein Partner nickte: "Jap. Diesmal haben sie einen Jungen halb tot getreten. Der Besitzer des Kiosks hat zu Protokoll gegeben dass nur Zigaretten, Schnaps und 900 Euro fehlen würden. Für so wenig ne gefährliche Körperverletzung." Ben schüttelte vor Unverständnis den Kopf, hatte er doch über den Gesundheitszustand des Jungen im Radio nichts erfahren. "Sobald sie nachts die Raststätte überfallen, sind wir an der Reihe.", meinte er in einer Art von Vorfreude, diesen Typen in den Hintern zu treten. "Glaub nicht dran.", gab Semir ihm zur Antwort. "Die Typen scheinen kein Risiko einzugehen. Die Kiosks und Imbissbuden, die die bisher überfallen hatten waren so weit ausserhalb wie es nur geht. Hier sind nachts immer Leute, Truckerfahrer."
    Die beiden Kommissare aßen den letzten Rest ihres Frühstücks und begaben sich dann wieder in ihr Dienstfahrzeug. Ben hatte, entgegen Semirs Vermutung, André noch nicht vergessen. Er dachte nach und wollte Semir eigentlich, nach langer Zeit des Schweigens, nochmal darauf ansprechen, wie sie denn nun weiter verfahren. Doch gerade jetzt waren sie beide guter Laune, was bei Semir in letzter Zeit seltener vorkam, und die wollte er nicht kaputtreden. Und so schwieg er, als die beiden Kommissare ihren Dienst fortsetzte

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Rastplatz „Hohewald“ – 13:00 Uhr


    Besuchern des Rastplatz „Hohewald“ würde der dunkelgrüne Geländewagen vermutlich nicht auffallen. Er stand völlig unverdächtig auf einem der Parkplätze des kleinen Rastplatzes, der bis auf auf ein paar Bänke und des heruntergekommenen Toilettenhäuschens nichts besaß. Hier verirrten sich nur wenige Menschen hin, die auf einer langen Autotour mal kurz auf die Toilette mussten. So auch Inga Trewka. Sie war beruflich auf dem Weg von Stuttgart nach Bremen und lenkte ihren schwarzen Audi auf den kleinen Rastplatz. Sie bemerkte den Geländwagen gar nicht bewusst, schon gar nicht dass drei Gestalten darin saßen… bereits mehrere Stunden. Diese beobachteten die junge Frau, sahen sich immer wieder um ob noch andere Autos auf den Rastplatz kommen würden. „Wenn sie rauskommt, und niemand ist da, fragst du sie nach dem Weg.“, sagte Thomas zu seiner Schwester Jessica, und sie nickte. Sie hatte eine Karte dabei, hielt sie fest umklammert. Überfälle hatten sie schon viele abgezogen, aber eine Entführung war völlig neu. Ein wahlloses Opfer, keine Ahnung ob reich oder arm. Es war ein Versuch.
    Inga kam aus dem Häuschen heraus, kein Auto war zu sehen. „Falls ein Auto kommt, brechen wir ab und du kommst zurück. Los geht’s.“ Jessica stieg aus dem Fahrzeug von der Fahrerseite aus und kam auf Inga zu. Sie lächelte freundlich und winkte mit der Karte. „Entschuldigen sie!“, rief sie höflich und Inga sah sich um zu ihr. „Ja bitte?“, fragte sie etwas unterkühlt und arrogant. Sie hatte ihre blonden Haare zu einem Schopf gebunden, trug keine billigen Kleider und einen teuren Ring am Finger. „Ich habe mich verfahren.“, meinte Jessica ein wenig wehleidig und breitete sofort die Karte auf dem Dach des schwarzen Audis aus, der Inga gehörte. Sie tippte mit dem Finger auf einige Punkte auf der Karte, die sie angeblich erreichen wollte, jedoch den Weg nicht genau fand, und die junge Verbrecherin bat um Erklärungen. Inga seufzte ein wenig genervt und drehte sich zum Dach um, um die Karte kurz zu studieren. Mit einem letzten Blick versicherten sich die beiden Männer im Geländewagen, dass niemand sonst auf dem Rastplatz war und stiegen aus dem Auto. Mit kurzen leisen Schritten näherten sie sich den beiden Frauen, die mit dem Rücken zum Geländewagen standen. Es dauerte nur wenige Sekunden, Andreas legte seine massigen Arme um die Taille der Frau und hob sie ganz einfach und leicht vom Boden weg. Thomas presste der Frau eine Hand auf den Mund, doch diese war so erschrocken über den Angriff dass sie, ausser einem kurzen Quicken, keinerlei Töne herausbrachte. Jessica klappte schnell die Karte zusammen und folgte ihren Brüdern, die nicht gerade sanft mit dem Entführungsopfer umgingen. Jessica klappte die hintere Tür zum Kofferraum auf, in die Inga Trewka verfrachtet wurde, wo man ihr mit Klebeband die Hände und Füße zusammenband, sowie den Mund zuklebte. Panik stieg in Inga auf, was passierte hier mit ihr? Was wollten diese Männer?


    Thomas schwang sich ans Steuer, startete den Wagen und ließ ihn sofort in den Wald hineinfahren. Der Wagen schaukelte hin und her und sein Bruder grinste: „War doch ganz einfach… einfacher als ein Überfall.“ „Sssscht“, zischte Thomas wütend und schlug Andreas auf den Hinterkopf. „Halt die Klappe!“, schleuderte er noch hinterher. Er hatte extra gesagt, dass sie so wenig wie möglich über sich reden sollten, solange sie mit der Entführten zusammen sind, und jetzt erwähnte sein dusseliger Bruder auch noch Überfälle.
    Nach nur 20 Minuten Fahrt kamen sie an der Hütte an. Es war kühl im Wald, aber fast schon angenehm. Thomas zog die Handbremse und sagte zu Andreas: „Los, ab ins Zimmer mit ihr. Nehm ihr das Handy ab.“ Andreas nickte gehorsam und stieg ebenfalls aus. Er ging über den sandigen Boden zur hinteren Tür und öffnete diese. Ein paar Sonnenstrahlen drangen in den Wagen und zwei angsterfüllte Augen blickten ihn an. Der kräftige Mann grinste diebisch und schwang die arme Frau über die Schulter. Wieder ein leises, durch das Klebeband erstickendes Quicken entfuhr ihr und sie ließ sich in die Hütte tragen. Es war schwer sich irgendwie zu wehren, mit gefesselten Armen und Beinen. Sie hatte Angst, keine Panik. Angst davor, dass die Männer ihr wehtaten oder schlimmeres. Noch mehr Angst bekam sie, als sie auf eine schmutzige Matratze fallen gelassen wurde. Oh Gott, diese Typen würden doch nicht etwa über sie herfallen? Doch sie atmete auf, als Andreas erstmal ihre Tasche durchwühlte und ihr Handy herauszog, sie danach alleine ließ. Inga atmete heftig durch die Nase, es war unangenehm, die Arme und Beine taten ihr weh, und sie war verwirrt…


    „Hier.“, meinte Andreas kurz angebunden, nachdem er die Tür verschlossen hatte, und seinem Bruder das Smartphone von Inga auf den Holztisch warf. „Na, dann wollen wir doch mal sehen.“, meinte dieser und drückte auf den Anschalteknopf. Das Smartphone war bereits eingeschaltet, doch mit einem PIN gesichert. Thomas verdrehte die Augen. „Hast du sie nach dem PIN gefragt?“, drehte er sich zu seinem Bruder um, der es sich gerade auf der Matratze im Hauptraum bequem machen wollte. „Nö, wieso? Davon hast du nix gesagt.“ „Mensch, streng doch einmal deine Denkmurmel an. Was soll ich sonst mit dem Handy machen, wenn ich keinen PIN habe? LOS!“, rief der Anführer laut und sein kleinerer Bruder erhob sich murmelnd wieder. Er kehrte zurück zu Inga, die erneut erschrak. Oh Gott, er hat es sich anders überlegt, schoß es ihr durch den Kopf. Der Mann beugte sich zu der Frau und zog ihr mit einer Bewegung das Klebeband vom Mund. Sie stöhnte vor Schmerzen auf und zog gierig Luft durch den Mund in die Lungen. „Was… was wollen sie. Bitte tun sie mir nichts.“, begann sie sofort zu flehen. „Wie ist dein PIN-Code von deinem Handy?“, fragte Andreas zunächst mit normaler Tonlage. „Mein Handy… aber ich… bitte, tun sie…“ „Ich hab dich nach dem PIN-Code gefragt, du dämliche Schlampe!“, schrie der Mann und hob drohend die Hand. Er hätte keine Probleme damit, auch eine Frau zu ohrfeigen, wenn sie nicht tat, was er sagte. Zitternd und mit Tränen in den Augen sagte Inga ihm 4 Ziffern und Andreas ließ die Hand wieder sinken und verklebte den Mund erneut. Mit kurzem Röcheln verlegte Inga das Atmen wieder durch die Nase und ließ den Kopf verzweifelt auf die Matratze sinken.
    Andreas kehrte mit PIN in den Hauptraum zurück und sein großer Bruder entschlüsselte das Handy. Mit flinken Fingern navigierte er sich in die Kontaktliste, und hoffte entweder Pseudonyme wie „Hase“, „Schatz“ oder „Süßer“ zu finden, oder sogar „Mama“ und „Papa“. Bei „Schatzi“ wurde er schließlich fündig und grinste, als er die Nummer zum Anruf anwählte. „Dann wollen wir mal sehen, was es zu holen gibt.“, meinte er und legte die Füße auf den Tisch.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


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  • Einfamilienreihenhaus - 14:15 Uhr


    Klaus saß gerade an seinem Laptop, als das Handy klingelte. Er wollte eigentlich nur kurz seine E-Mails checken, blieb dann aber doch auf einigen Amazon-Angeboten hängen und wühlte sich nun durch verschiedene Bewertungen. Er und Inga hatten dieses Häuschen erst vor drei Monaten gekauft, und so manche Anschaffung wie zb ein Rasenmäher fehlte ihnen noch.
    Klaus Konz arbeitete als ITler in einem renommierten Unternehmen, seine langjährige Freundin Inga war Erzieherin in einer Kindertagesstätte. Beide kamen aus gutem Haus und hatten einiges an Vorschuss für das Haus bekommen. Eine Bilderbuch-Beziehung, eine Hochzeit war geplant und Kinder sollten auch irgendwann kommen. Nichts hatte in den letzten Monaten darauf hingedeutet, dass dieses Glück zerbrechen könnte, als jetzt Klaus' Handy klingelte, und er nichts ahnend abnahm als er die Handynummer seiner Freundin auf dem Display las. "Ja, Schatz.", meldete er sich lächelnd und erstarrte, als er eine grobe Männerstimme vernahm. "Hallo Schatzi... wie geht es dir?", fragte Thomas auf der anderen Seite amüsiert. Sofort klammerte sich Klaus' Hand um das dünne Smartphone und sein Herz schlug schneller. Hier stimmte etwas nicht, wer war das. "Wer sind sie... was machen sie mit Ingas Handy?" Thomas stolzierte dabei durch den Raum, in dem Inga gefesselt auf der Matratze lag und mit verweinten Augen nach oben sah. "Sie war so freundlich, mir ihr Handy zu borgen.", sagte er dabei weiterhin amüsiert, und mit fast freundlich gestimmter Stimme. "Geben sie sie mir.", sagte Klaus mit wackeliger Stimme, versuchte aber streng zu wirken... was misslang. Der Verbrecher lachte auf, was Klaus das Herz noch mehr in die Hose rutschen ließ. "Ich geb sie dir gern zurück, aber dafür kassiere ich 15000 Euro.", kam Thomas schnell auf den Punkt, doch sein Gegenüber verstand die Situation noch nicht recht. "Wie bitte? Was wollen sie? Geben sie mir Inga ans Telefon."
    Thomas hatte diese Forderung erwartet, und Andreas stand bereit um auf Blickkontakt Inga das Klebeband vom Mund zu reißen. Ein abermales Stöhnen war die Folge, ein schnelles Ein und Ausatmen, was Klaus über die Muschel mitbekam. Schweiß trat ihm auf die Stirn, seine Hand begann zu zittern, ihm wurde schlecht.
    Der Verbrecher beugte sich herunter und hielt Inga den Hörer des eigenen Handys ans Ohr. "Klaus?", jammerte sie leise, und schrie dann vor Schmerz als Andreas ihr hart gegen den Unterschenkel trat. "Oh Gott, Inga... hören sie auf!", rief Klaus am anderen Ende, was weder Thomas noch Inga selbst mitbekam, die vor Schmerz jammerte und weinte. Thomas grinste und erhob sich wieder. "Keine langen Fragen. Heute Nachmittag, Punkt 17 Uhr wirfst du eine Mülltüte mit 15000 Euro in deine Restmülltonne. Dann machst du ne Spazierfahrt bis um 19 Uhr, und wenn du zurückkommst, ist dein Schatzi wieder da. Ansonsten, oder wenn du die Bullen rufst, wirst du sie morgen aus dem Rhein fischen können, ich hoffe ich hab mich klar genug ausgedrückt." Klaus Gemütszustand wuchs immer weiter in die Angst, als er die harten und unmissverständlichen Worte hörte. Kidnapping, Entführung. Oh Gott, was mach ich nur... Thomas wartete eine Antwort nicht mehr ab, sondern drückte das Gespräch weg. Der arme Klaus stand mitten im Wohnzimmer, und alles fühlte sich wie betäubt an. Ziellos irrte er einige Minuten durch den Raum, ahnungslos was er tun sollte. Er wollte zuerst seinen Vater anrufen, unterließ es dann aber. Die Polizei? Nein, um Gottes Willen. Er hatte das Geld ja. Ein wenig Eigenkapital war übrig, und von seinem Sparkonto... ja, das dürfte reichen.


    Es kam Bewegung in ihn. Der junge ITler jagte die Treppen herauf um sich durch seine Bankordner zu blättern, sein Sparbuch zu suchen und die Kontoauszüge. 12000 Euro Eigenkapital konnte er nehmen, dazu noch 3000 von seinem Girokonto. Da würde dann erstmal Ebbe herrschen, aber das war egal. Er wollte nicht riskieren, dass Inga etwas zustößt. Oh Gott, hoffentlich hielten sich diese Kerle daran, was sie sagten.
    Mit bleichem Gesicht und schweißnassen Händen verließ Klaus sein Haus in Richtung Sparkasse.



    Autobahn-Parkplatz "Hohewald" - 15:00 Uhr


    Semir verlangsamte seinen silbernen Dienst-BMW, als sie sich dem Parkplatz näherten. Der Audi war bereits von einiger Entfernung aus zu erkennen, die Fahrertür stand offen. Ein LKW-Fahrer, der gerade Rast machte, war der Audi aufgefallen, er hatte dann die Polizei angerufen. Der Autobahnpolizist hielt neben dem Fahrzeug und die beiden Freunde stiegen aus, von weitem kam bereits der LKW-Fahrer auf sie zu. "Hallo, sind sie von der Polizei?"; fragte er, obwohl es unnötig war, denn Semir hatte die Blinklicher angeschaltet. "Nein, wir haben die Lichter nur zur Deko.", antwortete Ben grinsend und schüttelte dem Mann die Hand. Semir verdrehte grinsend die Augen ob Bens flappsiger Antwort, wenn auch die Frage des Brummi-Fahrers unnötig erschien. Er wandte sich dann dem Auto zu, während Ben erste Fragen stellte. "Wann haben sie den Audi bemerkt?" Der LKW-Fahrer antwortete: "Ich bin so gegen halb zwei hierher gekommen, da stand der Audi schon genauso da. Ich hab mir nichts dabei gedacht und habe mein vorschriftsmäßiges Nickerchen gemacht. Wach geworden bin ich gegen zwanzig vor drei, und da stand er immer noch so da. Das ist mir komisch vorgekommen, also habe ich die Polizei gerufen." Ben nickte, und machte sich einige Notizen. "Ist ihnen jemand aufgefallen?" "Nein, hier war niemand so lange ich wach war. Ich habe mal gerufen, aber niemand hat geantwortet. Hier kommt selten jemand hin." Ben blickte sich um und sah auf das ziemlich heruntergekommene Toilettenhäuschen. "Kann ich verstehen.", war seine kurze Antwort und er bedankte sich bei dem LKW-Fahrer, nachdem er dessen Personalien auch noch aufgeschrieben hatte.


    Semir saß inzwischen im Auto, hatte Handschuhe angezogen... man wusste ja nie. Er sah ins Handschuhfach, doch darin war nichts ausser Kaugummis und einer Sonnenbrille. "Frauen-Sonnenbrille.", merkte er kurz an, als Ben dazu kam. "Kein Geldbeutel, kein Personalausweis... warum sollte jemand sein Auto Hals über Kopf verlassen und hier offen stehen lassen?" "Und vor allem, wie kommt er von hier mit. Hier ringsherum ist nichts als Wald.", bemerkte Ben dann noch und ging um den Wagen herum zum Kofferraum. Den ließ er aufschnappen, schaute hinein... er war leer. "Auch nichts drin... komisch." Sein Freund stieg wieder aus und ging zu seinem Streifenwagen. "Wir fragen den Halter an und fragen mal, ob er das Auto noch braucht.", meinte er lächelnd und nahm das Funkgerät zur Hand. "Cobra 11 an Zentrale." "Zentrale hört" "Wir bräuchten den Halter und Adresse eines silbernen Audis.", dann gab Semir das Kennzeichen durch und wartete auf Rückantwort. 10 Minuten später bekam er von Andrea auf der Dienststelle Adresse und Telefonnummer genannt. "Danke, mein Schatz.", sagte der Deutsch-Türke zum Abschluß und lächelte in Gedanken an seine Frau. Ben kniete sich auf den Boden und schaute auch nochmal unters Auto, während Semir die bekommene Telefonnummer wählte. Doch es war nichts Verdächtiges darunter zu sehen. "Da meldet sich niemand.", meinte Semir nach kurzer Zeit. "Wir rufen den ADAC, die sollen den Audi abschleppen. Und wir fahren mal beim Halter vorbei."

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


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  • Einfamilienhaus - 15:30


    Klaus hatte ein errötetes Gesicht. Gott sei Dank hatte alles geklappt. Er war extra zu der Bank in die Innenstadt gefahren, wo ein Bekannter von ihm arbeitete. Der stellte keine unnötigen Fragen und konnte Klaus das Geld recht unkompliziert sofort bereitstellen, obwohl er ahnte dass es etwas mit dem jungen ITler nicht stimmte. Das Geld verstaute er in einem Aktenkoffer, den Klaus jetzt erst mal in der Garderobe unter den Schrank stellte, wo man ihn nicht auf der Stelle sah. Er atmete schnell und heftig, sein Herz pochte und die Angst um seine Lebensgefährtin schnürte ihm die Kehle zu. Er war niemand, der in dieser Situation ruhig und gelassen blieb, er war kein mutiger Held. Klaus war ein Mensch, der allem Ärger aus dem Weg ging, der sich mit jedem Menschen gut stellte und und sich verkrümelte wenn es Ärger gab. Diese Art und Weise des Lebens war er nicht gewohnt, mit Angst und Aufregung.


    Hektisch sah er auf die Uhr… halb vier. Noch anderthalb Stunde Zeit bis er … *DING DONG*. Klaus erschrak vor seiner eigenen Türklingel. Wer konnte das sein? Waren es etwa die Typen, die ihn vielleicht beobachten. Klaus schüttelte den Kopf. "Du siehst Gespenster", murmelte der junge Mann und ordnete die Haare. Dann ging er zur Tür und drückte die Klinke nach unten. Vor seiner Tür standen die beiden Autobahnpolizisten, die sich zugleich ausweisten als Ben Jäger und Semir Gerkhan. "Was kann ich für sie tun?", fragte er höflich, machte aber keinerlei Anstalten die beiden Polizisten ins Haus zu beten. "Gehört ihnen das Fahrzeug mit dem amtlichen Kennzeichen...", fragte Semir routinemäßig und schaute den gegenüber stehenden Mann fest an, dem kurzzeitig heiß und kalt wurde. "Ähm... ja, der gehört uns. Also mir und meiner Freundin.", sagte Klaus und versuchte so sicher wie möglich zu wirken. Ben schaute bereits ein wenig misstrauisch, ob der Körperhaltung des Mannes. "Wir haben ihn, mit offener Fahrertür auf einem Rastplatz gefunden. Haben sie dafür eine Erklärung?" Klaus überlegte fieberhaft. Natürlich hatte er dafür eine Erklärung, seine Freundin Inga ist entführt worden, aber das konnte er den beiden Beamten natürlich nicht sagen. Er stotterte dagegen ein wenig, und seine gespielte Sicherheit verlor sich. "Wir... wir hatten Streit. Ja, und da ist sie weggefahren. Wollte allein sein, da ... da ist sie manchmal ausser sich. Vielleicht hat sie das Auto offen abgestellt und... um mir eins auszuwischen. Ich liebe mein Auto, wissen sie." "Ahja, soso...", nickte Semir misstrauisch und versuchte, mehr auffällig als unauffällig an Konz vorbei ins Haus zu schauen. "Ist ihre Frau denn jetzt da?", fragte Ben, der sein Misstrauen eher verbag als Semir und es sogar schaffte noch ein wenig zu lächeln. "Nein nein. Sie ist bei ihrer Mutter. Sie hat mir nur kurz geschrieben, dass sie dort für einige Tage bleiben möchte. Ja...", antwortete Konz schnell und wischte sich einmal unauffällig über die Stirn. Dass sich seine Finger unentwegt bewegten beim Reden bemerkte nicht nur Semir. Nervös, unsicher... der sagt uns garantiert nicht die Wahrheit, dachte der Polizist. "Na gut, Herr Konz. Sie können sich das Auto gegen eine Gebühr von der PKW-Sammelstelle abholen gehen.", sagte Semir und ließ Ben überrascht aufblicken. Der junge Polizist hatte das Gefühl, dass sein Freund und Partner ebenso das Gefühl hatte, das hier was nicht stimmt. Umso überraschender, dass er nicht deutlicher nachhakte. "Und wenn ihre Frau das nächste Mal austickt, nehmen sie ihr den Schlüssel weg. Danke, Wiedersehen." Klaus lächelte dankbar und nickte, war genauso schnell wieder im Haus verschwunden, wie Semir sich von der Tür abwand.


    Ben war perplex und ging mit schnellen Schritten hinter seinem Partner her. "Ähm, ist dir das nicht auch komisch vorgekommen?" "Doch.", war nur die knappe Antwort seines Freundes. "Und wollen wir da nicht weiter nachhaken?", fragte Ben, als er die Beifahrertür des BMWs öffnete. "Warum? Welche Handhabe haben wir?", fragte Semir ein wenig missmutig und unmotiviert. Ben seufzte, dieses Verhalten legte Semir in letzter Zeit, seit der Sache mit André, öfters an den Tag. Beinahe Dienst nach Vorschrift, seine Eigeninitiative Dinge selbst anzugehen, war Semir abhanden gekommen. Kurz sahen sich die Partner an, dann ließ Semir sich in den BMW gleiten, Ben tat es ihm gleich. Sollte er ihn doch drauf ansprechen... so langsam nervte es den jungen Kommissaren, dass sich sein Partner verändert hatte.
    Als Semir aus dem Wohngebiet herausfuhr, nahm Ben den Mut zusammen. "Warum rufst du André nicht einfach an?", fragte er unvermittelt ohne Vorbereitung. Semir nahm den Blick nicht von der Straße und schwieg sich aus. Ben wartete einige Minuten, doch er verstand dass keine Antwort kommen würde. "Mir geht deine Gleichgültigkeit auf die Nerven. Glaubst du, ich merke nicht wie sehr du dich mit diesen Gedanken quälst?", bohrte er weiter. "Ich will die Sache vergessen, okay?", blockte Semir erneut ab, doch damit ließ sein Freund sich diesmal nicht abspeisen und wurde lauter. "Ein Scheiß willst du! Denkst du, ich hätte noch nie gesehen, dass du auf den Zettel mit Andrés Handynummer starrst, und dich nicht traust, ihn anzurufen? Denkst du wirklich, ich bin ganz doof?" Semir presste die Lippen zusammen. Seinem Partner Ben konnte er einfach nichts verheimlichen. Der machte sich Sorgen um Semir, der nahm jeden Blick wahr, der nicht innerhalb Semirs "Gute-Laune-Norm" lag, und witterte Sorgen und Probleme zehn Meilen gegen den Wind. Er konnte Bens Ärger nicht mal verübeln, schließlich sollte der Freund und Partner der erste Ansprechpartner bei Problemen sein, vor allem weil Ben in gewisser Weise auch involviert war. "Ben, das ist meine Sache. Damit muss ich zu Recht kommen.", sagte er wieder abweisend und beließ den Blick auf der Straße. Zusammen bogen sie auf die Autobahn ein, und der BMW beschleunigte. "Gut, wie du willst.", sagte Ben abschließend und ruhig, und sah selbst auch wieder geradeaus. "Dann werde ich André anrufen." Diesmal bewegte Semir den Kopf blitzartig in Bens Richtung. "Wie bitte?", fragte er etwas ungläubig, als hätte er Ben nicht verstanden. "ICH werde André anrufen, und dann werden wir das Problem aus der Welt bringen, damit du wieder normal da oben wirst." Dabei zeigte der junge Polizist mit dem Zeigefinger an die Schläfe. "Das wirst du nicht tun! Das ist meine Sache, und da hast du dich nicht mit ein zu mischen.", sagte Semir und seine Stimme zitterte drohend vor aufkommenden Ärger." "Es geht hier um einen Mord, das geht mich sehr wohl was an.", konterte Ben und die Stimmung im Auto war kurz vor der Eskalation. "Du kannst es nicht abwarten, André im Gefängnis zu sehen.", sagte der erfahrene Kommissar und trat unfair gegen Bens Ehre. In Wahrheit hatten er und André sich am Ende des Falles zusammengerauft und gemeinsam Semir und Kevin befreit. Er hatte kein Problem mit Semirs ehemaligen Partner. "Bullshit!", rief Ben genervt. "Aber erstens möchte ich, dass du wieder so bist wie früher, und zweitens mag ich meinen Job und will ihn nicht verlieren." Semir schnaubte erregt, er war verärgert und sah die Sache nicht objektiv. Wie ein Vorgesetzter, ein großer Bruder oder ein Vater wie bei seinen Töchtern, wollte er einen Schlußstrich unter die Diskussion ziehen. "Du rufst André nicht an. Dich geht die Sache nichts mehr an, basta." Ben sah mit versteinerter Miene aus dem Seitenfenster und legte zwei Finger auf die Lippen. "Das werden wir ja noch sehen...", dachte er stumm.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Einfamilienhaus - 17:00 Uhr


    Im gesamten Haus war es still. Klaus saß stumm und steif im Wohnzimmer, eine blaue Mülltüte neben sich liegend, gefüllt mit 15000 Euro, exakt abgezählt. Die Atmosphäre um ihn herum war unheimlich, nur das Ticken seiner Wanduhr war zu hören. Er saß stocksteif gerade in seinem Sessel, die Hände auf die Lehne gelegt, Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Er hatte Angst, er war aufgeregt, er war nervös. Würden sie ihm Inga zurückgeben, wenn er tat was sie verlangten? Er betete darum...
    Als seine Wanduhr fünf Mal schlug, erhob er sich mechanisch und das rascheln der Plastiktüte drang durch den stillen Raum. Der ITler wischte sich den Schweiß von der Stirn, öffnete die Haustür und es schien für Aussenstehende, als würde er einfach nur einen Müll heraustragen. Er öffnete die graue Plastiktonne und ließ die Tüte vorsichtig hinein, damit kein Geld rausfiel. Glücklicherweise war die Restmülltonne bereits gut gefüllt, so dass der Sack im oberen Drittel liegen blieb. Mehr unauffällig sah Klaus die Straße rauf und runter, doch er konnte keinen Menschen und kein Auto entdecken, dass ihn beobachten könnte. Er strich sich durchs Haar, ging zurück zu seinem Zweitwagen und stieg ein. "Spritztour bis 19 Uhr.", stotterte er sich selbst zu und fuhr rückwärts aus der Einfahrt, um sein Anwesen zu verlassen. Er betete darum, dass Inga wieder da sei, wenn er zurückkehrte.


    Es dauerte nur 15 Minuten als ein dunkelgrüner Geländewagen gemächlich die Straße entlangrollte und vor dem Anwesen der jungen Lebensgemeinschaft anhielt. Die Adresse hatten sie natürlich von ihrer Geisel. Zwei finster dreinblickende Augenpaare schauten aus dem Seitenfenster in Richtung des Eingangs. "Scheint tatsächlich weg zu sein.", murmelte Thomas vom Lenkrad aus und Andreas nickte. Für kurze Zeit war es still im Fahrzeug und auch Jessica sah von der Rückbank aus aus dem Fenster. Dunkle Fenster, keinerlei Licht. Wolken hatten sich mittlerweile vor die Sonne gezogen, es war kühler geworden. Typisches Frühlingswetter herrschte, als Thomas seinen Bruder anstieß, der ihn verständnislos ansah. "Was isn?" "Glaubst du, wir wollen hier Karotten pflanzen? Los, hol die Kohle aus der Tonne.", herrschte der Anführer seinen, meist etwas langsamer denkenden Bruder, an. Der stieg etwas grumelnd aus und Thomas schüttelte den Kopf. So schwer von Begriff Andreas manchmal war, so wertvoll war er doch für die kleine Gruppe. Er folgte fast blind Befehle aus, konnte sich gegen jeden mit Gewalt durchsetzen und Schachmatt setzen, und würde für seinen großen Bruder wohl, mehr oder weniger bewusst, durchs Feuer gehen. Auf ihn konnte er sich immer verlassen, so lange die Befehle einfach gestrickt waren. Als Gegenpart für die Denkarbeit hatte Thomas dafür seine kleine Schwester Jessica, die zwar nicht ganz die gleiche kriminelle Energie hatte wie ihre beiden Brüder, aber pfiffig und intelligent war. Allerdings hatte sie ihre Träume von einem ehrlichen und schönen Leben niemals vergessen, im Laufe der Jahre immer weiter in den Hintergrund gedrängt. Thomas wusste das, für ihn war seine kleine Schwester heilig und jeder der ihr zu nahe kam würde es büßen müssen.
    Andreas stieg derweil aus dem Auto aus und lief mit schnellen Schritten zur Mülltonne. Ein kurzer Blick hinein, ein kurzer Blick in die blaue Tüte und ein Grinsen breitete sich über das grobe Gesicht aus. Er sah nochmal nach links und rechts, keine Menschenseele zu sehen. Mit der blauen Tüte in der Hand lief er zurück zum Geländewagen und sprang hinein. "Bitte schön, Bruderherz.", meinte er feierlich und öffnete die Tüte soweit, dass Thomas die ersten 500er Scheine erblicken konnte. Das Grinsen war sofort ansteckend, den es übertrug sich auf ihn und Jessica, die von hinten ebenfalls in die Tüte sah. "Hervorragend.", murmelte Thomas und sein Ego war froh, dass sein Plan aufgegangen war. Wenig Geld verlangen, dann tat man was er wollte. Und die Bullen würden spätestens jetzt zuschlagen, wenn sie informiert wären. "Lassen wir sie gehen?", fragte Jessica dann. "Nein, nicht hier. Uns könnte immer noch jemand beobachten. Wir lassen sie ausserhalb des Wohngebietes auf der Landstraße raus.", antwortete Thomas und der Wagen bewegte sich vorwärts.


    Die arme Inga Trewka lag während des Szenarios hinter der Rückbank des Jeeps im unbequemen Laderaum. Der Arme auf dem Rücken zusammengebunden, den Mund mit Klebeband verklebt, mit Krämpfen in Armen und Beinen, mit Schmerzen im Mund. Bei jedem Anfahren, jeder Kurve und jedem Bremsen wurde ihr Körper irgendwo dagegen geschlagen. Ihre Arme und Beine hatten blaue Flecken, und nach wie vor quälte sie die schreckliche Angst. Sie hatte immer versucht, rational zu denken, doch immer kamen ihre Gedanken auf das gleiche Ende. Ich habe die Kerle gesehen und sie werden mich töten...
    Umso erstaunter blickte sie auf, als das Auto nach einer erneuten Bremsung zum Stillstand kam und die Heckklappe aufging. Grobe Hände packten sie und zerrten sie aus dem Wagen, bis sie ziemlich wackelig auf eigenen Beinen stand und sich umsah. Das Auto stand auf einem Waldweg, doch sie konnte die Bundesstraße hinter den Bäumen sehen, die direkt in ihr Wohngebiet führte. Inga schaute Andreas zitternd an, der sie herausgezogen hatte und nun mit Drohgeste vor ihr stand. "Du wirst niemandem etwas von uns erzählen, ist das klar?", sagte er mit drohendem Unterton. "Es wird euch schlecht ergehen, glaubt es mir." Mit wirbelnden Haaren nickte Inga heftig, sie wollte einfach nur dass dieser Alptraum zu Ende ginge. Der breite Mann ging um Inga herum, schnitt er mit dem Taschenmesser die Arme auseinander und ließ sie kommentarlos stehen, in dem er einfach wieder ins Auto einstieg, wo Thomas und Jessica warteten. Inga riss sich unter Stöhnen das Klebeband vom Mund und atmete schwer und schnell ein. 'Oh Gott, sie lassen mich tatsächlich gehen...' dachte sie. Die junge Frau drehte sich um, wollte einen schnellen Schritt machen, doch ihre Beine gaben nach und ließen sie auf den schmutzigen Boden fallen. Inga schluchzte vor Schmerz und Glück, endlich frei zu sein. Der grüne Geländewagen entfernte sich und bog hinter einer Baumgruppe tiefer in den Wald. Inga atmete durch, langsam und ruhig. Sie durfte niemals etwas davon erzählen, die Angst vor den Typen würde sie zwingen, dicht zu halten.
    Langsam stand sie auf, klopfte sich den Staub von den Kleidern und ging einige Schritte, wie ein Kind das Laufen lernte und nach ein paar Schritten überprüfte, ob es funktionierte. Auch versuchte sie, die Tränen wegzuwischen und halbwegs normal auszusehen. Sie ging Richtung Bundesstraße, dicht daran vorbei, jedoch immer noch innerhalb der Bäume damit sie niemand auf der Straße sah. Langsam dunkelte es auch, und sie wollte so schnell wie möglich nach Hause zu ihrem Freund...

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Dienststelle - 17:00 Uhr


    Semir und Ben parkten auf dem Parkplatz vor der Dienststelle, beide kamen gerade von ihrer letzten Streife am heutigen Tag zurück. Seit der Diskussion vor dem Haus von Klaus Konz lag eine bleiernde Stille zwischen den beiden Freunden. Semir hing seinen Gedanken nach, dachte über Ben, dachte über André nach. War es wirklich richtig von Semir, den Mord zu vertuschen, den sein Freund und Ex-Partner begangen hatte. Sollte er nicht doch Hartmut einweihen, ihm die Bilder zeigen um herauszufinden, was von Andrés Geschichte dran war, die Kevin ihm erzählt hatte, dass er dazu gezwungen wurde? Aber würde Hartmut dicht halten, oder doch alles der Chefin Anna Engelhardt erzählen, um seinen eigenen Job zu schützen? Seine Finger krallten sich ins Leder des Lenkrads, als könne er Antworten auf seine Fragen daraus hervorquetschen. Er MUSSTE André anrufen, er MUSSTE mit ihm reden. Er musste ihn fragen, warum und weshalb er diesen Mann erschossen hatte.
    Ben war bereits ausgestiegen, und es schien ihn gar nicht zu interessieren warum Semir noch einen Moment im Auto verharrte. Der junge Kommissar wollte seinem besten Freund so gerne helfen, doch der ließ ihn nicht, und so machte sich Ben selbst Gedanken was er tun könne. Natürlich würde er Semir nicht an Anna Engelhardt verraten, auch wenn die Chefin einen engen Draht zu ihren Mitarbeitern hat... doch bei Vertuschung eines Mordes würde auch die so loyale Chefin in Konflikte kommen. Nein, das würde er nicht tun. Er würde mit jemandem reden, der Semir sehr nahe stand, und dem er dieses Geheimnis anvertrauen konnte... Andrea, Semirs Frau.


    Als Semir in das Großraumbüro eintrat, hatte sich Ben gerade zu Andrea gesetzt. Der junge Polizist hoffte auf Semirs Sturheit in diesem Moment, und wurde nicht enttäuscht als er sah, dass sein Freund ohne Blick geradeaus durch die Glastür in ihr gemeinsames Büro ging, und diese Tür auch geräuschvoll hinter sich schloß. Andrea sah ihm erstaunt nach und wandte sich dann zu Ben. "Habt ihr Streit?", fragte sie nach dem sie ihren Blick zu Ben richtete, der den Kopf hin und her wog. "Eher ne... Meinungsverschiedenheit.", antwortete der mit Bitternis in der Stimme. "Gehen wir mal kurz rüber nen Kaffee trinken?", fragte er mit Blick auf den Aufenthaltsraum, den man verschließen konnte wenn man einen Moment allein sein wollte und seine Frage war eher eine Bitte. Semirs Frau sah kurz überrascht auf, erhob sich dann aber und folgte Ben in die kleine Kaffeeküche, die gemütlich eingerichtet war mit einem kleinen Tisch, Herd, Mikrowelle und mindestens drei Kaffeemaschinen. Andrea nahm Platz, Ben tat es ihr gleich und fuhr sich verlegen mit der Hand durch die Haare, auf der Suche nach einem guten Beginn der Erklärung. "Zuerst mal: Du musst alles was ich dir erzähle absolut für dich behalten, okay?", begann er und sah Andrea dabei fest in die Augen. Sie nickte wortlos und war gespannt, was Ben vorhatte zu erzählen. Der atmete tief durch: "Als André vor anderthalb Monaten abgereist ist, haben wir einen Umschlag mit Fotos erhalten. Darauf war zu erkennen, wie André einen Mann erschießt." Der Polizist pausierte kurz um Andrea's Reaktion abzuwarten. Sie kniff die Augen kurz entsetzt zusammen, der Mund öffnete sich etwas vor Überraschung, doch sie hörte weiter zu. Mit einem Schlag allerdings fühlte sie sich schlecht, denn sie konnte sich bereits denken, dass ihr Mann nichts unternommen hatte. "Wir hätten André am Flughafen noch erwischen können, aber Semir hat ihn laufen lassen." Nun fuhr es aus Andrea heraus: "Was hat er gemacht?" Ben hob etwas beschwichtigend die Hände. "Er hat ihn laufen lassen. Kevin hat auf der Fahrt zum Flughafen behauptet, dass André selbst bedroht wurde, und gezwungen wurde den Mann zu töten. Auf den Fotos ist davon aber nichts zu sehen. Vielleicht wurden sie bearbeitet, oder André hat Kevin angelogen." "Warum hat André Kevin alles erzählt, aber Semir nicht?" Ben zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf. "Keine Ahnung. Ich denke, weil er bei Kevin keine Angst hatte, dass er es weitererzählt weil..." und er verstummte. Hier verriet er Andrea eigentlich viel mehr, als Ben wollte. "Weil was?", hakte Andrea nach und sah Ben recht durchdringend an. "Weil... weil Kevin auch nicht astrein ist, was seine Geschichte angeht.", wiegelte der Polizist ab und Andrea merkte, dass Ben das nicht verraten wollte. "Jetzt verstehe ich auch was mit Semir los ist, seit André weg ist.", seufzte Semirs Ehefrau. "Ich dachte die ganze Zeit, das wäre wegen dieser Geschichte selbst, dass André lebte und plötzlich wieder auftauchte." Ben nickte und antwortete: "Deswegen erzähle ich es dir. Er geht kaputt an diesem Konflikt. Einerseits will er André nicht verhaften, andererseits auch nicht laufen lassen. Er will es niemandem erzählen... und das belastet unser Verhältnis ziemlich."
    Beide blieben für einen Moment stumm, Ben sah hilflos aus und Andrea schien nachzudenken. "Ich rede mit ihm.", sagte sie dann plötzlich. Ben hatte plötzlich ein schlechtes Gefühl, weil sein Partner auf jeden Fall ihn verfluchte, weil er es Andrea erzählt hatte, aber das war nun auch egal, also nickte er. "Vielleicht hast du in dieser Beziehung einen besseren Draht. Auch, weil du André selbst besser kennst." meinte der junge Kommissar und nickte aufmunternd.


    Nachdem Semir die Glastür mit Schwung zugeschlagen hatte, ließ er sich auf seinen Stuhl fallen und sah dieses verdammte Telefon an, dessen Plastikstruktur er mittlerweile fast auswendig nachzeichnen konnte. Wie eine unangenehme Arbeit wollte er den Telefonanruf aufschieben, rief er also erstmal seine E-Mails ab. Er war froh, kurz alleine zu sein, alleine mit seinen Gedanken. Was würde André sagen, wenn er erzählte, dass er die Wahrheit kenne. Würde er einfach auflegen, sich rausreden, alles zugeben? Es war der größte Konflikt, in dem Semir selbst jemals stand.
    Mit zitternden Händen zog er den kleinen Zettel unter seiner Papierauflage hervor, sah seine Schrift, diese vermaledeiten 11 Ziffern, die Andrés Handynummer bildeteten. Er spürte das Plastik des Telefonhörers, den er in die Hand nahm, spürte die Tasten, die er drückte. 1. Ziffer, 2. Ziffer, 3. Ziffer... er spürte wie schwitzte. Er wählte, ohne sich irgendwelche Worte im Kopf zurecht gelegt zu haben, die er André gleich um die Ohren hauen wollte. 4. Ziffer, 5. Ziffer, 6. Ziffer ... wow, so weit war er bisher nie gekommen. Semir war ganz und gar nicht überzeugt davon anzurufen, er zwang sich dazu mit aller Macht, gegen jeden Widerstand. 7. Ziffer, 8. Ziffer, 9. Zif... plötzlich öffnete sich die Glastür und der Hörer sauste mit einem mechanischen Knallen auf den Apparat zurück. "Semir, kannst du endlich mal den Termin für die Inspektion deines Dienstwagens in die Excel-Tabelle eintragen?", fragte ein etwas genervter Dieter Bonrath, der seinen Hals ins Büro streckte. Semir war herumgefahren und sah seinen Polizeikollegen, der immer mal im falschen Moment auftauchte, irritiert an. "Inspektion?" "Ja natürlich, ich hatte das letzte Woche angesprochen, dass sich da jeder eintragen soll, aber mir hört ja niemand zu. Alle Welt wartet nur auf dich.", beschwerte sich der lange Polizeihauptmeister. Semir nickte heftig: "Ahja, alles klar Bonrath... ich.. ich machs gleich, 10 Minuten okay?" Der Polizist lächelte ein wenig künstlich, doch das Lächeln erlosch sofort als sich die Glastür wieder schloß. Der türkische Kommissar atmete tief durch, schob den Zettel zurück unter die Papierablage und öffnete die Excel-Tabelle.

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    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

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    Wie sie.


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  • Hütte im Wald - 17:30 Uhr


    Der grüne Geländewagen rumpelte langsam in Richtung der kleinen Hütte im Wald, mit drei gut gelaunten Insassen. Die Geschwister Thomas, Andreas und Jessica hatten gerade zum ersten Mal erfolgreich einen Entführungs-Coup durchgezogen, und so wie es ihr Anführer Thomas überblicken konnte war alles gut gelaufen. Keine Verfolgungsjagd mit der Polizei, sie mussten keine überflüssige Gewalt anwenden und das Geld hatten sie auch. Alle drei waren gut drauf und lachten, als sie ausstiegen. "Hast du gesehen, wie die Tussi sich fast in die Hosen gemacht hatte.", lachte Andreas laut auf und schlug seinem älteren Bruder auf die Schulter, als sie zur Tür gingen. Drinnen schlug ihnen der typische modrige Geruch aus der alten Hütte entgegen. Jessica ließ sich sofort auf die Matratze fallen, während ihre beiden Brüder am Tisch Platz nahmen und die Geldscheine auf dem Tisch ausbreiteten.


    Jessica lehnte sich derweil mit dem Rücken an die Holzwand und sah ihren beiden Brüdern bei der "Arbeit" zu. Sie verlor sich in ihre Gedankenwelt, was sie öfters tat wenn sie so da saß und nichts tat. Thomas sagte dann immer, "Jessica ist weg.", obwohl sie mit ihnen in einem Raum war. Der nicht unintelligente Mann wusste, dass Jessica nicht glücklich war mit ihrem kriminellen Leben. Nicht umsonst hatte er versucht, sie davon abzuhalten, den gleichen Weg einzuschlagen wie er selbst und sein jüngerer Bruder. Doch wirklich eine Wahl hatte sie nicht. Das Leben der drei war eine Bilderbuch-Alptraum voller Klischees. Hochhaus-Siedlung, die Mutter Alkoholiker, der Vater arbeitslos und ein Arschloch. Als Jessica 10 Jahre alt war, wurde er zudringlich ihr gegenüber, erst mit 12 traute sie sich, Thomas davon zu erzählen, der damals sowieso plante, von zu Hause abzuhauen, mit Andreas zusammen und Jessica rauszuholen, wenn sie alt genug war. Nach ihrem Geständnis aber war klar, dass die beiden Jungs ihre kleine Schwester sofort mitnehmen musste. Bis sie 15 war ging sie sogar noch regelmäßig zur Schule und ihre Brüder drehten die krummen Dinger meist am Vormittag oder nachts, damit sie so wenig wie möglich davon mitbekam. Danach wollte sie mitmachen, spürte jedoch schnell, dass sie oft zuviel Skrupel hatte, vor Gewalt, vor Kriminalität. Doch sie hatte panische Angst davor, dass ihre Brüder sie allein lassen würden, und so lernte sie ihre Angst und ihre Skrupel zeitweise zu verdrängen.
    Während sie so da saß, befand sich auf ihrem Gesicht ein melanchonischer Blick und ihre hellen grünen Augen schimmerten. Sie dachte nach über ihr Leben, sie war 26 Jahre und eigentlich noch jung genug, ihr Leben zu ändern. Doch sie empfand die Welt als dunkel und kalt, wenn sie sich jetzt von ihren Brüdern lossagte und auf sich alleine gestellt wäre. Ausserdem liebte sie ihre Brüder und würde für sie durchs Feuer gehen, denn sie sah in ihnen die Beschützer, die sie vor ihrem Vater gerettet hatten. Und trotzdem gab Jessi ihren Traum von einem besseren Leben nicht auf, von einem Haus, einem Mann der sie liebte, ein oder zwei Kindern... und vielleicht doch einem Beruf, den sie mögen würde. Ihrem Leben einen Sinn geben würde.


    Ein wenig wehmütig und sehnsüchtig sah sie zu ihren Brüdern am Tisch, die lachten und flachsten. "Das hat sich 10mal mehr gelohnt, als diese beschissenen Kiosk-Dinger zu überfallen.", sagte Thomas, der die lila Scheine vor sich aufgetürmt hatte und alles zurück in eine Tüte schaufelte. "Werden wir jetzt endlich diese Hütte los, Brüderchen?", fragte Andreas und sah durch den Raum, und über Jessi hinweg, die immer noch an der Wand saß, und mittlerweile ihre grünen Augen geschlossen hatte. "Naja, mit 20 Mille werden wir uns noch kein Haus leisten. Da werden wir wohl noch ein, zwei Mal zuschlagen müssen. Am besten schon morgen früh, und ich weiß auch schon wo.", sagte Thomas mit diebischen Grinsen. "Lass hören." "Wir werden uns morgen in aller Frühe mal ein wenig im Rheinpark umsehen. Schauen wir doch mal, ob wir eine unvorsichtige Fußgängerin, oder einen Schüler erwischen, für den die Eltern nochmal 20 oder 30000 hinlegen werden. Wir bleiben weiter vorsichtig und werden nicht zu gierig.", erklärte der Anführer des Trios und sein Bruder nickte. Er vertraute seinem intelligenten Bruder zu 100 Prozent und blind. "Hast du gehört, Jessica! Morgen machen wir einen weiteren Schritt zu ner richtigen Bude... Jessica?"


    Jessi ging hinaus, als ihre Brüder sich gerade über die nächste Entführung unterhielten. Sie hielt sich oft im Wald auf, auch wenn sie vor dem Alleinsein oftmals Angst hatte. Doch im Wald fühlte sie sich nicht allein, sie fühlte sich frei. Sie freute sich darauf, wieder die Vögel zwitschern zu hören, und anderes Getier durch die Büsche springen zu sehen. Ja, hier fühlte sie sich nicht allein.
    Zweige knackte unter ihren Füßen, sie spürte das weiche Moos nachgeben, und der Baumstumpf, auf den sie sich saß fühlte sich noch etwas kalt an. Sie sah stumm gerade aus... wen würde es wohl diesmal erwischen? Wieder eine Frau, die ängstlich war und keinerlei Widerstand bot? Irgendwie war Jessi mit diesen Entführungen nicht einverstanden, und doch waren sie ihr lieber als die Überfälle, wo meist jemand zu Schaden kam und sie selbst ihre Maske des skrupelosen brutalen Mädchens aufsetzen musste. Sie lächelte in sich hinein... um kurz darauf bitterlich zu weinen anzufangen...

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


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  • Semir’s Haus – 21:00 Uhr

    Ein wenig plagte Semir das schlechte Gewissen doch. Er hatte mit Ben nicht mehr viele Worte gewechselt, zumindest fast keine persönlichen mehr. Dabei machte sich sein Freund doch nur Sorgen um ihn, wie er mit der Situation um André fertig wurde. Und er machte sie sich zurecht, den Semir ging diese Sache mehr an die Nieren als er selbst zugeben wollte. Er kam nach Hause, aß stumm zusammen mit Andrea, die ihn ebenfalls hin und wieder sorgenvoll ansah, weil sie ahnte, dass den Polizisten irgendwas beschäftigte. Frauen hatten einen sechsten Sinn für sowas, vor allem die eigene Ehefrau. Er spielte, mehr gezwungen mit seinen beiden Töchtern eine Runde Mensch-Ärger-dich-nicht, nur selten lachte er mit ihnen. Semir drohte an der Last auf den Schultern, die er sich selbst aufgeladen hatte damit, dass er André am Flughafen hatte laufen lassen, zu zerbrechen. Er brauchte unbedingt Hilfe… oder er müsste die Last selbst abschütteln.

    „Was ist denn los mit dir?“, fragte Andrea einfühlsam, als sie schließlich gemeinsam auf dem heimischen Sofa saßen und das Abendprogramm am Fernsehen durchzappten. Semir sah sie etwas überrascht an, und wiegelt sofort ab. „Was meinst du?“ – „Na komm. Wie lange sind wir jetzt zusammen, wie lange sind wir verheiratet? Ich merke doch, dass dich was belastet, und das nicht erst seit gestern.“ Semir seufzte, seine Frau würde er nicht belügen können. Die konnte durch ihn durchsehen, als sei sein Körper aus Glas, und als würden seine Gefühle und Sorgen wie mit dickem schwarzen Edding auf der Stirn stehen. Warum hatte sie nicht schon früher gefragt, schließlich war die Sache mit André bereits anderthalb Monaten her. „Hat es was mit Andrés Abschied zu tun?“, half sie ihm ein wenig auf die Sprünge, und ließ ihn nun den Kopf direkt zu seiner Ehefrau drehen. Ein Gedanke durchzuckte Semir kurz, und ließ ihn sofort wieder los… das musste Zufall sein, das konnte sich Andrea doch selbst zusammenreimen. „Es war alles so unwirklich irgendwie.“, antwortete der Kommissar recht allgemeingültig. „Ich weiß…“, bestätigte seine Frau, mit dem klaren Wissen über die Vorgänge, die Semir mit Ben und Kevin geheim gehalten hatte. In ihrem Kopf arbeitete es… sollte sie Semir sagen, was sie weiß, und so irgendwie auf ihn Einfluss nehmen? Doch sie kannte ihren Mann… es würde das momentan schlechte Klima zwischen ihm und Ben noch mehr belasten, vielleicht sogar mehr als das. „Aber du weißt doch, dass jetzt alles in Ordnung ist. Er ist auf Mallorca, und lebt dort sein Leben.“ Semir sah seine Frau nicht an, während sie diese Worte sprach, er kniff die Lippen zusammen und sah einfach nur unglücklich drein. „Oder glaubst du ihm immer noch nicht, dass er keine schlimmen Verbrechen getan hat.“ Was sollte er darauf antworten? Seine Frau belügen, er kannte die Wahrheit ja. „Ich… ich weiß nicht.“, stotterte er und es wurde ihm auf einmal glühend heiß. Er hatte gehofft, Andrea würde ihn nicht darauf ansprechen, und trotzdem wunderte er sich jetzt nicht, dass sie es trotzdem tat. Sie sah ihn weiter an, ohne Regung im Gesicht und in der Stimme, nicht überrascht von seiner verstörten Reaktion, was Semir noch mehr verwirrte. „Hast du ihn schon angerufen?“, fragte sie, als wäre es eine absolut normale Alltagsfrage, die man sich zwischen Frühstück und Küchentür stellte. Doch sie ließ Semirs Adrenalinspiegel noch ein wenig nach oben steigen. „Nein, bisher noch nicht… ich ich wollte ihm mal erst etwas Ruhe lassen, wenn er da hinten ankommt.“ „Semir, das ist jetzt anderthalb Monate her.“ Andrea lächelte verständnisvoll, und sie spürte, dass Semir sich auch vor ihr verschloß. Sie wollte nicht, dass Semir und Ben Streit bekamen, den sie vermutlich eh schon hatten, und sie wollte auch nicht unbedingt erzwingen, dass ihr Mann sich öffnete. Sie hatte gehofft, dass er es freiwillig tun würde, doch das tat er nicht. „Ruf ihn mal an, und frag ihn, wie es ihm geht.“, sagte sie liebevoll, erhob sich um Semir zu küssen. Dann wickelte sie sich fester in die Wolldecke, die sie um ihren Körper geschlungen hatte und widmete sich wieder dem Fernseher. Semirs Gedanken dagegen waren weit weg… er musste endlich handeln.



    Rheinpark – 7:30 Uhr

    Es war ungemütlich, feucht und noch sehr kühl, als sich Thomas, Andreas und Jessica auf den Weg in den Rheinpark machten. Den Wagen hatten sie im angrenzenden Wald abgestellt, den Zaun zwischen Park und Wald an einer dicht bewachsenen Stelle zerschnitten. Zum Gehweg, der durch den Park führte waren es höchstens zwei Minuten. Thomas hatte darauf geachtet, dass sie nicht zu lange brauchen würden, um die Geisel wegzuschaffen. Nun saß er und sein Bruder Andreas auf der Bank, und schauten sich um, während Jessi mit unschuldigem Blick und mit den Händen in der Tasche den Gehweg raus und runter spazierte, in der Hoffnung eine Frau für ein paar Euro anzusprechen und kurzzeitig abzulenken. Doch erst mal tat sich nichts. Die Luft war kalt, einige Nebelschwaden hingen zwischen den Bäumen und Jessi schlug den Kragen ihres Anoraks ein wenig höher. Da, endlich schien sich etwas zu tun. Vom Wege her kam eine junge Frau daher, relativ normal gekleidet und in Jessis ungefährem Alter. Ein kurzer Blick zu ihrem großen Bruder, der nur minimal nickte. Das Zeichen, zu zu schlagen. Die junge Frau steuerte direkt auf das potenzielle Opfer zu und lächelte nett. „Hi… sag mal hast du vielleicht nen Euro für mich… ich hab seit Tagen nichts gegessen…“, fragte Jessi mit mitleidvoller Miene und brachte die junge Frau zum Stehen. Sie sah Jessi erst irritierend an, und wollte nicht unbedingt unhöflich sein. „Ich… ich hab selbst nicht viel dabei.“, sagte sie mit ebenfalls mitleidvollem Blick und achtete nicht auf ihre direkte Umwelt… so auch nicht darauf, dass die beiden Männer sich ihr von hinten näherten. Doch Thomas war nicht vorsichtig genug… gerade als er zupacken wollte, hörte er ein lautes „Hey“, das von etwas weiter hinten her schallte. Die junge Frau fuhr zusammen und schrie laut auf, als sie sich nach der Stimme umsah und die beiden Männer formatfüllend vor sich sah. Auch Jessica konnte so schnell gar nicht reagieren, wie sie einen gezielten Schienbeintritt der Frau kassierte, während die Stimme in Form eines jungen Mannes immer näher kam.
    Andreas war völlig überfordert, wusste er doch nicht, wie er nun reagieren sollte. Das hatte ihm niemand erklärt. Während Thomas versuchte die junge Frau festzuhalten, drehte er sich zu dem jungen Angreifer herum, der die Situation sofort überblickt hatte, und eingreifen wollte. Er näherte sich Andreas ein wenig in Angriffsstellung, und wich den ersten plumpen Faustschlägen geschickt aus, traf wiederrum selbst mit einem gezielten Karatetritt in die Kniekehle sein Ziel sofort. Andreas sackte zusammen, während das Mädchen sich dem harten Griff von Thomas entreißen konnte und ihn eine Flucht verfiel. „Verflucht.“, rief Thomas und wollte im ersten Affekt hinterher. Jessica kam währenddessen seinem Bruder zur Hilfe, und nun war sie es, die zielgenau trat und traf… sie wusste, wo es den Männern besonders wehtat, getroffen zu werden und mit einem Aufstöhnen ging nun der Angreifer zu Boden und fiel mitsamt seiner Lederjacke au den schmutzigen Boden, während Andreas sich, schäumend vor Wut, wieder aufrichtete. „Du kleiner Bastard, na warte…“, drohte er und holte mit einem Fuß aus, um dem kurzzeitig ausser Gefecht gesetzten Mann gegen den Kopf zu treten. „Warte!“, schritt Thomas sofort ein um seinen Bruder zurückzuhalten. „Nehmen wir ihn eben mit, los!“, ordnete er gehetzt an, bückte sich und drückte dem fremden Mann den stinkenden Chloroform-Lumpen ins Gesicht. Noch völlig erfüllt des Schmerzens aus seinem Unterleib, konnte dieser sich nicht mehr wehren und versank ins Reich der Träume. Jessi sah hinunter zu dem Mann, den sie gerade mit einem gezielten Tritt außer Gefecht gesetzt hatte und sah sich gehetzt um. „Schnell, bevor jemand kommt.“, rief sie piepsig und versuchte den Mann nach oben zu ziehen, was ihr freilich nicht gelang. Doch Andreas, der mittlerweile wieder auf die Beine kam, und Thomas zogen den Kerl nach oben und verließen so schnell es ging den Parkweg, um ihn im Auto zu verstauen.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Hütte im Wald – 8:00 Uhr

    Die Fahrt zur Hütte verlief weitgehend stillschweigend. Andreas hatte zwar den ein oder anderen Fluch ausgestoßen darüber, dass die zweite Entführung nicht so glatt lief, wie die erste, doch Thomas konnte seinen kleinen Bruder einbremsen. „Ist doch jetzt scheißegal, ob die uns 20000 für nen Typen oder ne Tussi bezahlen. Behalt die Nerven!“, raunte er und hielt den Wagen vor der Hütte an. Jessica saß still auf der Rückbank und hörte ihren Brüdern zu, sie war stolz auf sich dass sie den Angreifer ausgeschaltet hatte, mit den Waffen einer Frau. Egal wie kräftig und groß ein Mann war… einen wunden Punkt hatte er immer. Und auch Thomas schien dies sowohl mit Wohlwollen als aber auch mit Magenkrämpfen zu beobachten, als er zu Andreas sagte: „Kannst dich bei Jessi bedanken, dass sie so geistesgegenwärtig reagiert hat. Sonst hätte der Typ dich fertig gemacht.“ „Pff… fertig gemacht. Guck dir das halbe Hemd doch mal an.“, meinte der schnippisch und stieg aus dem Geländewagen aus um sofort zur Heckklappe zu gehen. Der Mann lag zusammengekauert im Kofferraum, die Hände bereits mit Kabelbinder zusammengebunden. „Naja, halbes Hemd war er ja nicht gerade.“, maulte Jessica ein wenig belustigt, die sich ihre Tat nicht kleinreden lassen wollte. „Schluß jetzt.“, bestimmte der Anführer des Trios. „Los, wir packen ihn rein. Bei dem müssen wir mehr aufpassen, als bei einer Frau.“

    Die beiden Männer packten ihr Opfer und trugen es in die Hütte, in das hintere Zimmer, das nur mit einer Matratze ausgestattet war. Sie hoben ihm die Arme nach oben, um diese an einem Ring, der fest an der Wand hing, zu befestigen. Dabei schnitt sich der Kabelbinder, den sie benutzen, tief ins Fleisch. Zusätzlich verbanden sie ihrem Opfer erst mal die Augen, und klebten ihm, wie der Frau, Klebeband über die Lippen. Auch die Beine wurden mit Kabelbinder fixiert. „Der rührt sich erstmal nicht wenn er wach wird.“, sagte Thomas, als er das zusammengeschnürte Päckchen betrachtete. Er lächelte und verließ mit seinen Geschwistern den Raum. „Schauen wir nicht nach seinem Handy?“, fragte Jessica verwirrt und sah Thomas an. „Andreas und ich müssen noch was erledigen. Du bleibst so lange hier. Egal, wie und weshalb sich der Typ da drin meldet, du gehst nicht rein ohne uns, ist das klar?“, warnte er seine Schwester mit erhobenem Zeigefinger, wie ein Vater seine Tochter. „Was haben wir den zu erledigen?“, fragte Andreas, verwirrt wie immer, doch sein Bruder wiegelte ab. „Das sag ich dir im Auto!“, und Andreas verstummte sofort. „Schaffst du das, Jessi?“, wollte Thomas nochmal auf Nummer sicher gehen, ob er seine kleine Schwester hier alleine lassen könne. „Klar. Der kommt da nicht los, und ich geh nicht rein. Kein Problem.“ Das fast schon stolze Lächeln auf dem Gesicht ihres Bruders ließ sie ebenfalls lächeln, und sie ließ sich auf ihre Matratze fallen, während die beiden Männer die Hütte verließen.

    Nach einiger Zeit konnte Jessica Geräusche aus dem Nebenraum vernehmen. Ein Kratzen, ein Schaben. Entweder wurde der Mann langsam wach und verstand seine Situation, oder er träumte unruhig. Die junge Frau störte sich erst nicht dran, und ließ weiter in dem Buch, welche sie sich durch die zahllosen Kiosk-Überfälle immer wieder hat mitgehen lassen. Doch irgendwann ließ sie sich von der Neugier packen. Sollte sie doch mal reingehen und schauen, ob er wach war? Sie könnte ja schon mal das Handy durchsuchen, nach auffälligen Namen, so wie es ihr Bruder getan hatte. Damit würde sie ihm ein wenig Arbeit abnehmen… sie dachte nach, als sie langsam auf die Tür zusteuerte und den Schlüssel umdrehte.
    Der Mann saß, nein er hing mehr an den Kabelbinder und der Wand. Seine Nasenflügel blähten sich schnell auf und ab, weil er ruckartig durch die selbige atmete, da der Weg durch den Mund versperrt war. Jessica beobachtete den Mann genauer… wen hatten sie sich da angelacht. Die Jeans, die der Mann trug, hatte sicherlich schon bessere Tage gesehen, die Lederjacke war auch nicht mehr die neueste. Seine kurzen braunen Haare hatte der Mann mit Mühe und Haargel in alle Richtungen stehen. Jessica schätzte ihn auf Ende 20. Offenbar war er wach, ein paar gurgelnde Laute waren unter dem Klebeband zu vernehmen, als sie näher kam. Er spürte die Schritte von Jessi, er fühlte ihre Anwesenheit, und sein Kopf bewegte sich plan- und orientierungslos, da seine Augen verbunden waren. Er zuckte kurz auf, als sie seine Jacke berührte und ihre Hände in die Innentaschen steckte um das Handy zu ertasten. Sein Oberkörper bäumte sich auf, als wolle er sich dagegen wehren und der Kabelbinder drückte sich mehr und mehr in seine Haut. „Hör auf damit, du Idiot.“, rief sie laut, als er versuchte, sich weg zu drehen, und hörbare Unmutsäußerungen nur als monotones „Hmmmm“ unter dem Klebeband hervorkamen. Als Jessica das Handy endlich zu greifen bekam, stand sie auf und trat dem hilflosen Mann mit ihrer, zur Verfügung stehenden Kraft in die rechte Körperseite. Das Geräusch wandelte sich zu einem unterdrückten Stöhnen und die Atmung des Mannes ging wieder schneller. Nein, Jessi würde sich schon zu wehren wissen, wenn der Mann Dummheiten versuchen würde, dachte sie sich selbst, als sie den Startknopf des Handys betätigte. Es war angeschaltet und nur durch eine Wischbewegung konnte sie den Bildschirm entsperren. Sie lächelte und verschloß die Tür wieder hinter sich, ließ den schnell atmenden Mann orientierungslos zurück und setzte sich an den Tisch im Raum.

    Erstaunlicherweise hatte der Mann gerade mal 8 oder 9 Nummern in seinem Handy gespeichert. Fast alles waren Männernamen, nur ein Name fiel ihr sofort auf. „Engel“. Die Freundin? Die Ehefrau? Naja, das hatte sie ja schon mal rausgefunden, dachte sich Jessica und legte das Handy auf den Tisch. Sollte sie anrufen? Nein, das würde sie Thomas überlassen.
    Gerade wollte die junge Frau wieder zur Matratze zurückkehren, als die Neugier sie packte. Wer würde ans Telefon gehen, wenn sie die Nummer anrufen würde, die unter „Engel“ gespeichert war? Dann hätte sie bereits einen Namen. Ihre Hand schwebte über dem Mobiltelefon, das auf dem Tisch lag, und ihre Neugier schien zu zerbersten. Sie schnappte sich das Handy erneut, entsicherte es und wählte die entsprechende Nummer aus. Den Finger bereits auf den „Auflegeknopf“ haltend, wartete sie mit Spannung die ersten Töne ab. Doch Jessica wurde enttäuscht, als sie die Bandansage hörte: „Diese Nummer ist nicht vergeben. Bitte rufen sie die Auskunft an.“ „Sowas blödes…“, murmelte Jessica und legte das Handy zurück auf den Tisch. Die anderen Namen waren normale Namen, da konnte sie nicht einfach einen anrufen. Verdammt… Sie starrte das Handy auf dem Tisch an, als würde es ihr eine Antwort liefern auf die Frage, die sie sich gerade stellte. Warum speichert jemand, der offenbart Wert auf Ordnung in seinem Handy legt, weil er so wenig Kontakte wie möglich hat, eine Nummer unter dem Pseudonym „Engel“ ab, die es überhaupt nicht mehr gibt? Was hatte es damit auf sich? Eine Antwort konnte sich die junge Frau erst mal nicht geben und ließ sich wieder auf die Matratze zurückfallen.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Dienststelle – 9:00 Uhr

    Ben hatte schlecht geschlafen… wer konnte es ihm verübeln? Er schlief immer schlecht, wenn er sich um etwas besonders viele Gedanken machte, oder es in ihm drin einfach „unruhig“ war. Das neblige und trübe Frühlingswetter tat sein Übriges dazu bei, dass er zwar pünktlich, aber nicht gerade bester Laune auf der PAST erschien, und seine Jacke über den Stuhl hing. Nanu, Semir war noch nicht da?, dachte er überrascht, als er im Büro erst mal die Kaffeemaschine anwarf, die fröhlich begann vor sich hin zu blubbern. Er sah durch die Glasscheibe nach draussen ins Großraumbüro, das erfüllt war vom geschäftigen Stimmen der Kollegen untereinander und mit den Telefonhörern, das Summen der Faxgeräte und das Knacken von Funksprüchen. Und wieder hing der junge Kommissar seinen Gedanken nach… wie könnte er nochmal versuchen, Semir auf André und dessen Problem anzusprechen. Es war ihm ja völlig klar, dass Semir darauf sensibel reagierte, und dass Ben ihm keine logischen Vorschläge machen konnte, denn der einzige logische Vorschlag war: André bei Interpol zur Fahndung ausschreiben und festnehmen lassen. Doch selbst Ben würde diesen Vorschlag nicht gut finden, in gewisser Weise hatte er sich mit André damals ja doch angefreundet. Und sein Partner und Freund würde das sowieso nicht übers Herz bringen. Das Foto! Ben musste Semir überreden, die Fotos zu Hartmut zu bringen und endlich eine Überprüfung zu beauftragen, ob die Fotos manipuliert worden sind. Damit konnte man dem ehemals verschollenen Ex-Kommissar doch am besten helfen. Davon musste Ben Semir überzeugen.

    Während der Polizist seine Gedanken sortierte, schnappte er sich die inzwischen volle Tasse Kaffee und setzte sich an seinen Platz, um die aktuellen Lagemeldungen zu lesen. Gerade war eine frische Meldung „Versuchte Entführung“ herein gekommen, die Ben aufmerksam las. Eine, offenbar sehr aufgelöste Frau war vor anderthalb Stunden bei der Polizeidienststelle am Rheinpark aufgetaucht, und hatte völlig aufgelöst davon erzählt, dass man sie gerade entführen wollte. Drei vermeintliche Täter, zwei männlich und einer weiblich. Im Handgemenge konnte sie entkommen. Ben nippte am Kaffee und schüttelte ein wenig den Kopf. Wer ging heute noch das hohe Risiko einer Entführung ein, in der heutigen Zeit, in der man jedes Handy orten kann, jedes Gespräch mitschneiden und anhand der Stimme feststellen kann, ob ein Mensch Vegetarier ist, oder Abitur hat. Und dann hatte die Entführung nicht mal geklappt, stellte er ein wenig belustigt fest.
    Der nächste Schluck Kaffee blieb ihm im Halse stecken, als er an den verlassenen Wagen auf dem Rastplatz gestern dachte. Ein verlassener Wagen, ein Ehemann der nervös ist und eine Frau, die einfach mal so verschwindet… In Bens Kopf setzten sich die Informationen wie Puzzle-Teile zusammen. „Das gibt’s ja nicht…“, murmelte der Polizist, in sich hinein und sah auf. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, Semir zu überzeugen der Sache nach zu gehen, damit der mal wieder auf andere Gedanken kommt… auch wenn er ihn wahrscheinlich mit Engelsgeduld dazu überreden müsse, endlich wieder Motivation für die Polizeiarbeit zu bekommen. Dieser verdammte Sturkopf.

    Als würde er vom Teufel denken, so kam Semir dann zur Tür herein und wünschte, eher sachlich als freundlich einen guten Morgen. „Morgen.“, gab Ben zurück und winkte seinen Partner sofort herbei. Er wollte zunächst nichts von ihrem Streit sagen, überhaupt nicht auf das leidige Thema „André“ zu sprechen kommen. Semir sah interessiert auf und kam, noch in Jeansjacke bekleidet an Bens Tisch. „Lies mal durch.“, empfahl ihm sein jüngerer Partner und der kleine Kommissar ließ seine Augen schnell über den Monitor gleiten. „Ja und?“, fragte er verwirrt, als er den kurzen Bericht gelesen hatte. „Was hat das mit uns zu tun?“ „Denk mal an den Wagen gestern zurück. Ein verlassener Wagen, eine Frau die einfach mal so verschwindet und ihren Wagen stehen lässt, und ein Ehemann, der einerseits hypernervös ist und auf der anderen Seite sich keine Sorgen macht?“ Ben sah Semir herausfordernd an, doch der antwortete unsicher: „Der Mann war gestern nervös?“ Der junge Polizist verdrehte die Augen… Semir konnte, mit seiner ganzen Erfahrung, sofort Stimmungsbilder von Zeugen oder Verdächtigen erkennen und drauf reagieren… und das Verhalten des Mannes gestern war so was von eindeutig. „JA, Semir! Der Mann war gestern nervös.“
    Semir bemerkte selbst, wie durcheinander er war. Natürlich war der Mann gestern nervös, er hatte es ja selbst gesagt. Mit den Fingern die Augen kurz reibend, sah Semir kurz zu Boden und schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Ben.“ Er hatte sich in der Nacht sehr viele Gedanken gemacht, auch nach dem Gespräch mit Andrea. Er machte sich das Leben selbst schwer und belastete damit das Klima zu Ben… und das wollte er eigentlich nicht. Ben war sein bester Freund, er konnte ihm alles anvertrauen und sein bester Freund würde ihm vermutlich nie in den Rücken fallen, auch wenn er jetzt davon sprach, dass er sich Sorgen um seinen Job machte. Doch Ben hatte bereits bei seinem allerersten Fall mit Semir bewiesen, dass ihm sein Job scheißegal war, und das fand der Deutsch-Türke extrem bemerkenswert und es brach zum ersten Mal das Eis zu seinem, damals neuem, Partner. „Momentan geht mir soviel im Kopf herum… ich versuche es wirklich nach hinten zu schieben. Sorry, wenn mir das nicht immer gelingt.“, sagte er ehrlich und ließ Ben ein wenig überrascht aufschauen. Semir untertrieb mit dem „nicht immer gelingt“ zwar maßlos, denn in Wahrheit gelang es ihm in letzter Zeit überhaupt nicht, aber mit einer Entschuldigung hatte der junge Polizist wahrlich nicht gerechnet. Deswegen wollte er auch nicht weiter darauf rumreiten, und kehrte schnell zu seiner Theorie zurück: „Was hälst du von den Gedanken?“, fragte er und sah seinen Freund erwartungsvoll an, der offenbar zum ersten Mal seit Wochen wirklich konzentriert über seine Arbeit nachdachte. „Das offene Auto würde dafür sprechen. Warum hat uns der Mann nicht informiert?“ „Weißt doch wie das ist. Keine Polizei, sonst schneiden wir deiner Braut die Fußnägel.“ Semir sah Ben ein wenig schnippisch an ob seiner, oftmals immer wieder locker-flapsigen Art. „Aber wer hat den gerade Mal soviel Asche auf der Bank um ein Lösegeld zu zahlen? Der Mann war noch recht jung… ich meine klar, es gibt reiche Söhne aber…“, begann nun Semir seinen Partner ein wenig zu necken, weil er wusste wie allergisch Ben darauf reagierte, wenn man ihn mit seinem reichen Elternhaus aufzog. „Ach.“, machte er eine abwehrende und, für Semir, verstummende Handbewegung. „Was ist, wenn er noch gar nicht weiß, wie viel die Kidnapper verlangen?“, stellte er die nächsten Vermutungen an, wobei sein Partner nun den Kopf schüttelte. „Ach, du denkst gar nicht, es wären die gleichen, die gerade eine Entführung versucht hatten?“ „Ähm… daran hatte ich jetzt gar nicht gedacht. Das würde ja dann heißen, die hätten die Frau schon… oder mehrere?“ Nun sahen sich beide Kommissare fragend an, das waren eindeutig zu viele Vermutungen und Variablen auf einmal. „Da bleibt nur eins… wir quetschen diesen Konz mal ein bisschen genauer aus.“, meinte Semir unternehmungslustig und nahm seinen Schlüssel vom Schreibtisch. Ben lächelte: „So mag ich dich.“

    Auf dem Weg nach draußen vernahm Ben seinen Klingelton für einen ankommenden Anruf. Er zog das Handy aus der Jacke, warf einen Blick drauf und erkannte den Namen „Kevin“ auf dem Display. „Ach, meldet der sich auch mal wieder.“, brummte er und nahm ab. „Ja, Kevin? Was gibt’s?“ Das nächste, was Ben vernahm, war das Klicken dass die Leitung wieder unterbrochen wurde. Vor der Beifahrertür blieb der Polizist stehen und sah verwirrt auf sein Smartphone. „Was isn?“, fragte Semir, der bereits im Begriff war einzusteigen. „Kevin hat versucht mich anzurufen, aber die Verbindung ist weg.“ „Das kommt davon, wenn man sich so nen Apple-Mist kauft. Immer das Teuerste vom Teuren.“, lästerte Semir vom Inneren des BMWs, bis Ben endlich einstieg. Während sein Partner den BMW auf die Autobahn lenkte, versuchte Ben Kevin nochmal zurück zu rufen, doch es hob niemand ab.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


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    <3

  • Hütte im Wald - 9:15 Uhr


    Oh Gott... in was für einen Schlamassel war Kevin den nun schon wieder geraten? Der Kabelbinder hatte sich an seinen Handgelenken in die Haut gescheuert, nachdem er mindestens 10 Minuten versucht hatte diesen am festgebundenen Eisenring zu reiben und zum lösen zu bringen... vergebens. Das Zeug war nicht von schlechten Eltern, ausserdem war es anstrengend. Der junge Polizist konnte nur durch die Nase atmen, weil das eklige Klebeband seine Lippen fest verschloßen hielt. Sehen konnte er auch nichts, die Typen hatten ihm die Augen verbunden. Man konnte sagen, Kevin war ganz und gar hilflos, saß an eine Wand gelehnt auf irgendeinem kalten Boden, die Arme über den Kopf und die Füße ebenfalls mit Kabelbinder festaneinander fixiert.
    Nach 10 Minuten Reiberei an den Händen saß er schwer gegen den Rand des Klebebands prustend und legte den Kopf an die Wand. Dabei wollte er doch nur durch den Rheinpark spazieren, etwas was er seit Wochen immer wieder mal machte. Er hatte sich dazu gezwungen, es als Ersatz zu nehmen für die erste Zigarette am Morgen. Und kurz bevor der Überfall geschah dachte Kevin noch stolz darüber nach dass er seit anderthalb Monaten nur in zwei Extremsituationen nochmal rückfällig geworden war.


    Kevin war Ende 20 und Polizist. In seiner Jugendzeit war er Mitglied einer Straßengang, kam in Kontakt mit Verbrechen und Drogen. Damals half ihm André Fux, Semirs Ex-Partner in der Karateschule aus dieser Zeit heraus, Kevin wurde clean um nur kurz darauf ein Trauma zu erleiden. Schwer verletzt und hilflos musste er mit ansehen, wie seine kleine Schwester vergewaltigt und ermordet wurde. Dieses Erlebnis ließ den sensiblen Mann abstürzen, wieder verfiel er dem Alkohol und den Drogen, war sogar akut suizidgefährdet, nur die Rache und letztlich der Entschluß zur Polizei zu gehen um solche Taten zu verhindern, hielten ihn am Leben. Mehr zufällig arbeitete er vor anderthalb Monaten mit Ben und Semir zusammen, als André plötzlich zurückkehrte und traf während diesem Fall auch auf Janines Mörder, der sich vor seinen Augen das Leben nahm, bevor Kevin seine Rache vollzogen konnte. André und Ben waren danach ein großer Rückhalt, die es verhinderten dass der Polizist sich endgültig in ein Schneckenhaus verkriecht, doch er konnte sich nicht dazu durchringen eine professionelle Therapie zu machen, die vor allem Ben ihm ans Herz legte. Er ließ sich von der Mordkommission vorrübergehend freistellen, danach ließ er sich für mehrere Wochen krankschreiben. Wäre er mit Ben nicht mal auf ein Konzert gegangen, oder selbst zum Box- oder Lauftraining, er wäre vermutlich in den anderthalb Monaten nicht aus seiner Wohnung rausgekommen. Trotzdem schaffte er es, seine kleinen bunten Pillen nicht mehr anzurühren, ausser nach zwei extremen Alpträumen, die ihn gequält hatten. Jedesmal danach hätte er sich verfluchen können, das Dreckszeug wieder angerührt zu haben, schaffte es im Gegenzug aber nicht, die Pillen endlich wegzuwerfen.


    Jetzt saß er hier in dieser Hütte, weil er der jungen Frau zur Hilfe kommen wollte, die von den drei Gestalten attackiert wurde. Es war ein Impuls, ein Reflex der den Kommissaren angetrieben hatte, sofort in Trab zu verfallen und Kampfposition einzunehmen. Gegen den ersten Kleiderschrank funktionierte dies gut, war der doch recht plump und unbeweglich. Doch den Tritt des schmaleren Gegners hatte er einfach nicht kommen sehen, und an manchen Stellen ist eben auch Kevin verwundbar. Als er den Geruch von Chloroform wahr nahm, wurde ihm bewusst dass er mal wieder in Schwierigkeiten stecken würde. Dann wurde er hier wach und konnte gerade noch spüren, wie kleine Hände an seiner Jacke herumfingerten und offenbar sein Handy aus der Innentasche zog. Kevin versuchte Laute von sich zu geben, wollte sich bewegen, war er doch völlig hilf- und orientierungslos und wusste nicht was vor sich geht. Immerhin vernahm er kurz die Stimme… eine junge Frau, vielleicht sogar ein Mädchen, das hier mit von der Partie war. Und schlagfertig war sie auch, das spürte Kevin sofort danach als er ihren Schuh auf den Rippen spürte und sein Körper durch den Stoß nach links gedrückt wurde, nur aufgehalten durch die scharfen Kabelbinder um seine Hände an dem Ring. Er hörte, wie sich die Tür wieder schloss, der Schlüssel umgedreht wurde und wieder Stille herrschte.
    Für einen kurzen Moment blieb Kevin erschöpft sitzen. Warum wurde er hierher verschleppt? Was waren das für Typen? Er wollte der jungen Frau doch nur helfen, was hatte es für einen Sinn? Der junge Polizist hasste so eine Ungewissheit, er hoffte dass bald jemand zu ihm kommen würde, und er zumindest Hinweise auf diesen ganzen Unsinn bekam. Aber erst mal musste er hier seine Position verbessern.
    Das Brennen an seinen Handgelenken nahm zu, als er wieder versuchte sich zu bewegen. Er drehte den Kopf nach rechts und rieb das Augentuch an seinem, nach oben an den Ring angebundenen Arm. Stückchen für Stückchen schob sich die Augenbinde in Richtung Stirn, bis der Kommissar die Seite wechselte um auch auf dem zweiten Auge langsam wieder Helligkeit zu sehen. Die Augenbinde blieb knapp über seinen Brauen hängen und Kevin sah sich um. Eine Hütte aus Holz, er saß neben einer Matratze… sonst war nichts in diesem Raum. Durch ein, mit Moos überzogenes Fenster fiel mattes Licht, offenbar war die Hütte mitten im Wald. Vögel waren zu hören, ein leises Rauschen des Windes. Verdammt… irgendwo im nirgendwo, nichts konnte Kevin erkennen. Und es lagen auch keine Gegenstände im Raum, mit denen er vielleicht mehr Chancen hätte, den Kabelbinder durch zu bekommen. Wenn er wenigstens richtig atmen könnte. Wieder schabte er mit dem Füßen auf dem Boden, gab Laute von sich um die junge Frau, sofern sie sich noch im Nebenzimmer befand, vielleicht dazu zu bewegen ihm den Knebel zu entfernen, doch nichts passierte.

    Jessica ließ sich von den Geräuschen im Nebenzimmer erst mal nicht beeindrucken und beschäftigte sich mit dem Handy ihres Opfers. Ihre Neugier hatte sie weiter gepackt, und so wählte sie die Nummer des ersten Kontaktes in der Liste „Ben“. Als sich jedoch eine Männerstimme meldete, legte Jessica schnell auf. Den folgenden Rückruf ließ sie unbeantwortet. Ungeduldig wartete sie auf ihre Brüder, was die wohl zu erledigen hatten? Gerne wäre sie ein wenig nach draußen gegangen, um den Vögeln zu lauschen, doch das konnte sie ja jetzt nicht… nicht auszudenken, was passiert, wenn die Geisel entwischen würde.
    Sie ging ein wenig im Raum herum, sie hasste es alleine zu sein. Ihre Kreise schienen sie immer dichter an die Tür heranzuziehen, in der der Schlüssel steckte und hinter der sich Kevin befand, bis sie erneut die Tür aufsperrte und hereinsah. Kurzzeitig erschrak sie, als sie die blauen Augen ihrer Geisel erblickte, die sie direkt ansahen. Kevins Blick strahlte in gewisser Weise eine körperliche Hilflosigkeit, aber eine geistige Entschlossenheit und Wut aus, als sein gedämpftes Klagen lauter wurde, und er mehr als vorher an den Fesseln ries. Jessica stand im Rahmen, erholte sich von dem kurzen Schock und beobachtete den jungen Mann, der vor ihr am Boden saß, mit seinen kühlen blauen Augen, die nun etwas hilflos wirkten, seiner schlanken Gestalt, seinen abstehenden Haaren, seiner Kette um den Hals, die auf dem schwarzen Shirt ruhte. „Streng dich doch nicht so an.“, sagte sie beinahe freundlich, und die Bewegungen von Kevin ebbten ab, er ließ den Kopf an die Wand gleiten und schloss für einen Moment resignierend die Augen.
    Ein Motorengeräusch näherte sich, hielt schließlich neben der Hütte, und ließ Kevin wieder aufblicken. Jessica ebenso, ihr Kopf fuhr herum und mit einer schnellen Bewegung schlug sie die Tür zu und drehte den Schlüssel um. Kevin war wieder allein.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


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    <3

  • Hütte im Wald - 09:30 Uhr

    Thomas öffnete die Tür zur Hütte und kam als erstes herein, gefolgt von seinem jüngeren Bruder Andreas, der eine Sporttasche um die Schulter hängen hatte. Jessica hatte sich schnell wieder auf die Matratze verzogen, und steckte ihre Nase in ein Buch. Sie befürchtete, dass es Ärger geben könnte, wenn ihr Bruder sah dass sie bei der Geisel war. "Na, alles okay?", fragte er während Andreas die Tasche auf den Boden fallen ließ. "Na klar.", gab Jessica wie selbstverständlich von sich und stand lächelnd auf. "Ich hab sogar schon vorgearbeitet.", sagte sie strahlend und hielt Kevins Handy in die Höhe. Das Lachen aus Thomas' Gesicht verschwand sofort. "Du warst drin bei dem Typ?", fragte er vorwurfsvoll und seine Stimme wurde etwas lauter, dass Jessica einen Schritt zurückwich und das Strahlen ebenfalls verblasste. "Na und, lass sie doch? Der Kerl ist so verschnürt, was soll der schon machen?", meldete sich Thomas' Bruder und steckte sich eine Zigarette an, während er sich auf den Stuhl fallen ließ. "Wenn ich bei Überfällen selbst Hand anlege kann ich das auch bei unserer Geisel machen, Thomas.", meinte das junge Mädchen schnippisch. War es wirklich nur die Sorge darüber, dass mal etwas passieren könnte, was Thomas in diesem Moment so ärgerte? Er wusste es nicht. Wobei sie recht hatte - er ließ es nach wie vor zu, dass sie bei den kriminellen Machenschaften mitmachte, und dann wollte er sie währenddessen schützen? "Na, dann sag was du rausgefunden hast.", grummelte er letztlich versöhnlich und brachte somit das Lachen in Jessis Gesicht zurück. Sie erzählte von den wenigen Nummern in Kevins Handy, dem mysteriösen Pseudonym „Engel“, dessen Nummer es aber nicht mehr gab, und dass bei dem Namen „Ben“ eine junge Männerstimme abgehoben hat. „Also wenn der Typ nicht schwul ist, dürfte das nur ein Bekannter sein.“, gluckste Andreas und fing sich einen missbilligenden Blick von Jessica ein. Sie wusste gar nicht genau, weshalb sie diese Äusserung ihres, manchmal einfältigen Bruders so störte oder ärgerte. Weil sie sofort daran dachte, dass der Mann nicht schwul sei? „Dann dürften wir auch ordentlich lästern, dass du vor einem Schwulen in die Knie gegangen bist, Bruderherz. Wir sollten mal wieder trainieren.“, lachte der Anführer des Trios laut auf. „Ich kann dir an dem Kerl gerne zeigen, dass ich bestimmt NICHT trainieren MUSS.“, brodelte Andreas und machte deutlich, dass Thomas einen wunden Punkt getroffen hatte.

    Jessica verdrehte die Augen und meinte: „Was machen wir jetzt? Was habt ihr da überhaupt dabei?“ „Das sind kleine Hilfsmittel… weil das heute Morgen mit einfacher Gewalt nicht so geklappt hat, wie wir uns das vorgestellt haben.“, sagte ihr großer Bruder etwas geheimnisvoll. Das junge Mädchen schaute ein wenig unverständlich, obwohl sie irgendwie ein mulmiges Gefühl im Bauch hatte. Andreas bemerkte ihr Unverständnis als Erstes, und nun war er an der Reihe, mit den Augen zu rollen. „Das sind Ballermänner!!“, half er seiner jungen Schwester auf die Sprünge, deren mulmiges Gefühl sich bestätigte. Thomas hievte die Tasche auf den Tisch und zog den Reißverschluß nach hinten. Drinnen lagen drei 9mm-Pistolen. Jessica sah erst in die Tasche und dann zu Thomas: „Ist klar… ich darf nicht zu der Geisel hinein, aber ne Knarre kaufst du mir?“ „Die ist ja dafür, dass du dich schützt, du doofe Nuss.“, nahm Andreas seinem Bruder das Antworten ab und langte in die Tasche. Mit einer Bewegung ließ er das Magazin herausfallen, es klapperte und fiel unter den Tisch. „Ach Scheisse…“, lamentierte er und bückte sich mühsam. „Muss ich dir das jetzt auch noch beibringen?“, haderte sein großer Bruder mal wieder mit Stirnrunzeln, während Andreas das leere Magazin unter dem Tisch hervorholte. Jessica langte nochmal in die Tasche, als würde sie etwas suchen, und hob die Augenbrauen nach oben. „Und mit was schießen wir?“, fragte sie fast schon unschuldig und ließ ihre beiden Brüder recht ahnungslos aus der Wäsche schauen. Thomas beschlich kurz ein mulmiges Gefühl während sein Bruder nichts ahnte und ahnungslos blieb. „Wie meinst du das?“, fragte er und seine Schwester zog die offene Tasche auseinander. „Na, habt ihr Wasserpistolen gekauft? Wo ist die Munition?“ Während dem Anführer kurzzeitig die Farbe aus dem Gesicht wich, verfärbte sich die Haut des kleinen Bruders langsam rot. „THOMAS! Hast du die Kugeln vergessen???“, brüllte er, als ginge es um sein Leben. „Dieser blöde Penner hat mich reingelegt! Er hat gesagt, die Munition wäre in der Tasche!“ – „Na toll! Ich hab gleich gesagt, dass du da nicht alleine reingehen sollst.“ – „Ach natürlich, du hättest natürlich an alles gedacht, du Großmaul!“
    Jessica verdrehte die Augen und schlich, mit der leeren Waffe in der Hand, langsam wieder zur Matratze zurück. Wenn ihre Brüder sich stritten hielt sie sich besser raus. Das konnte dauern. „Hilft ja nix! Los, wir fahren zurück. Wenn der Typ mich wissentlich verarscht hat, dann raucht’s, aber gewaltig.“, schäumte Thomas nun ebenso, zog den Reissverschluss der Tasche zusammen und warf sie Andreas zu, der schon zur Tür ging, sich aber nochmal umdrehte: „Ach ja? Willst du ihn mit deiner leeren Knarre erschiessen?“, rief er wütend und kassierte einen Schubs gegen die Schulter und ein deutliches: „Halts Maul!“ von seinem großen Bruder, bevor die beiden die Hütte verließen. Draussen hörte Jessica weiter Gezeter, bis der aufbrausende Motor des Geländewagens die beiden Männer überdeckte und schließlich sich langsam entfernte. Jessica war wieder allein, umfasste mit ihrer kleinen Hand den Griff der Pistole und sah sie sich genauer an. Sie hantierte am Abzug, sie zielte auf eine Fensterscheibe… und war einigermaßen fasziniert von der Knarre.

    Kevin hatte die lauten Stimmen gehört, doch nur gedämpft wahrgenommen. Auch wenn die Hütte recht alt war, die Wand hielt die Gespräche leise, zusätzlich war ihm das Tuch, mit dem er die Augen verbunden hatte, über die Ohren gerutscht. Und er schaffte es nicht durch das Klebeband auf seinem Mund einigermaßen still zu atmen. Er hörte Streit, er verstand das Wort „Munition“ und „reingelegt.“ So sehr er sich auch anstrengte, er konnte keine Zusammenhänge aus den Wörtern erkennen.
    Immerhin hatten sich seine Augen mit der Umgebung vertraut gemacht, und auch wenn das Atmen durch den Knebel sehr mühsam und unangenehm war, so war es doch weitaus angenehmer endlich etwas zu sehen. Das Mädchen, das eben nochmal hereinkam und ihn anblickte schien nicht so sehr erfreut gewesen zu sein, dass er die Augenbinde abbekommen hatte, doch was nützte es ihm. Er kam hier eh nicht weg, und er wusste auch nicht was diese Typen und das Mädchen überhaupt mit ihm vorhatten… was sie überhaupt von ihm wollten?
    Nachdem es wieder einige Minuten still in der Hütte war, klackte plötzlich wieder der Schlüssel im Schloss der Tür, was Kevins Augen nach oben führten. Knarzend schwang die Holztür auf, und erneut stand das junge Mädchen in der Tür. Diesmal lächelte sie ihn an, wie eine Bekannte oder ein, ihm freundlich gesinntes, Wesen. Die Waffe in ihrer Hand strahlte allerdings nichts freundliches aus und Kevins Herz schlug ungewollt ein wenig schneller. Was zum Teufel lief hier, was wollten die von ihm? „Warum hast du die Augenbinde ab?“, fragte das Mädchen, doch sie fragte es nicht streng, sondern eher aus reiner Neugierde. Und warum fragte sie überhaupt? Erwartete sie ein unverständliches Gemurmel als Antwort? Kevins Augen hielten den Blickkontakt mit ihr, kein Versuch des Redens kam hinter dem Klebeband hervor. Langsam, wie eine Katze, kam Jessica langsam zu ihm und kniete sich schräg vor seinen sitzenden Körper. Nach aussen strahlte sie die Gefährlichkeit eines Kaninchen aus, doch die Waffe in ihrer Hand machte aus dem Kaninchen eine Klapperschlange, und obwohl Kevins Augen nur den Blickkontakt zu dem jungen Mädchen hielt, die allerdings nun in Richtung seines Oberkörpers schaute, war die Waffe in seinem Blickfeld. Einen Moment später war sie nicht mehr nur das, sondern auch in seiner Wahrnehmung als Jessica mit der Waffe seine Jacke zur Seite schob und mit der offenen Mündung Kevins Oberkörper berührte. Sein Atem ging ein wenig schneller, und Jessica schien dieses Spielchen nicht sichtlich zu genießen, es störte sie aber auch nicht. Es war wie selbstverständlich, als sie die Waffe drohend unter Kevins Herz hielt und mit der freien Hand erneut in die Innentasche seiner Lederjacke griff. Er spürte, wie sich die kleinen Finger um seine Brieftasche legten, und diese herausgezogen wurde, während sein Herz gegen die Öffnung der Waffe pochte. „Hast du Angst?“, fragte Jessica, die das Pochen offenbar wahrnahm…. Oder man konnte es ihm doch von den Augen ablesen. Kevin gab aber keine Reaktion auf die Frage. „Brauchst du nicht. Mein doofer Bruder hat die Munition vergessen.“, plauderte Jessica lächelnd. Wäre Kevin nicht in dieser beschissenen Situation, er hätte gelacht. Das Mädchen sagte es so selbstverständlich, man hätte nicht besser lügen können, und für den ersten Moment blieb dem Polizisten gar nichts übrig, als es zu glauben… und trotzdem beruhigte sich sein etwas schnellerer Atem nicht. Jessicas Lächeln wurde zu einem Grinsen, sie ließ die Waffe sinken und legte sie neben Kevins Füße, während sie die Brieftasche öffnete, und seinen Personalausweis herauszog. „Kevin Peters“, murmelte sie, als würde sie über etwas nachdenken. Für einen Moment blieb sie ganz still in der Hocke sitzen und betrachtete das kleine Stück lameniertes Papier. Kevin zog die Stirn in Falten, während das Mädchen offenbar über etwas nachdachte, was sein Name oder sein, recht altes Bild auf dem Ausweis, ausgelöst hatte.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Haus von Klaus Konz – 09:30 Uhr

    Semir stoppte den BMW direkt vor dem Haus, vor dem sie gestern bereits standen und die Nachricht des gefundenen, offenen Audis überbrachten. Die beiden Kommissare stiegen aus, und diesmal war Semir mindestens genauso neugierig wie sein Partner Ben. Die Stimmung zwischen den beiden Freunden hatte sich nach der kurzen Aussprache auf dem Revier gebessert, und Semir zwang sich innerlich jetzt erst mal nicht weiter an André und diese Sache zu denken, und endlich wieder normal motiviert seiner Arbeit nach zu gehen.
    Ein leiser Glockenton erklang, als Ben auf die Klingel drückte. Er war ebenfalls froh, dass Semir die Geschichte um André zunächst mal nach hinten schieben würde und wieder den Eindruck vermittelte, seiner Arbeit gewissenhaft und nicht schlecht gelaunt nachzugehen. Die Tür öffnete sich und Klaus Konz lugte durch einen kaum geöffneten Schlitz hinaus. Seine Augen hatten dunkle Schatten, seine Haare waren zersaust… es schien, als sei er gerade erst aufgestanden. „Herr Konz… Kripo Autobahn, wir waren gestern schon mal da.“, meinte Semir und zeigte seinen Ausweis zum zweiten Mal, während Ben es ihm gleich tat. „Oh… ähm…“, Klaus fuhr sich etwas verlegen durch die Haare und öffnete die Tür nun komplett. „Was… ähm… gibt es denn noch? Ich konnte das Auto noch nicht abholen…“ „Um das Auto geht es uns nicht, Herr Konz.“, wurde sein Stottern von Ben unterbrochen, und Konz verstummte daraufhin auch. Semir sah den Mann, der einen leichten Schweißfilm auf der Stirn stehen hatte, durchdringend an. „Ist ihre Frau wieder da?“, fragte er dann zuerst, denn wenn es sich wirklich um eine Entführung gehandelt hatte, wollte er erst sichergehen ob die Geisel ausser Gefahr ist. Konz nickte und Semir atmete auf. „Ja, sie hat sich beruhigt und ist am späten Abend zurück gekehrt.“ „Können wir kurz reinkommen und mit ihr reden?“ Als wolle Konz den Eintritt der Polizisten mit seinen Worten abwehren, schoss es aus seinem Mund: „Nein!! Ich meinte… meine Frau, sie fühlt sich nicht gut und schläft.“, setzte er als Nachsatz etwas ruhiger hinzu. Ben und Semir sahen sich an… wollte er nicht, dass sich seine Frau verplapperte? War sie überhaupt da? Oder sahen die beiden Polizisten Gespenster?

    „Herr Konz, wir müssten dringend eine Gefährdungsansprache an ihre Frau halten. Das geht so nicht, dass sie einfach ihren Wagen offen auf einem Rastplatz stehen lässt in der heutigen Zeit.“, sagte Ben nun ausladend. Konz runzelte die Stirn und fragte: „Wie meinen sie das?“ „Na denken sie doch mal, ihre Frau hätte jetzt noch eine Tasche oder ein Paket auf dem Beifahrersitz stehen gehabt. Aufmerksame Spaziergänger oder Autofahrer hätten die Polizei gerufen, wir den Kampfmittelräumdienst und das Bombenentschärfungskommando. Ein herrenloses Paket in einem herrenlosen Auto. Sie wollen nicht wissen, was SIE der Einsatz gekostet hätte.“ Semir nickte eifrig dabei und wunderte sich einmal mehr über die Einfälle seines Partners. „Das müssten wir deswegen auch dringend ihrer Frau persönlich erklären.“, setzte Semir mit einem Lächeln hinzu. Klaus Konz gab den Widerstand auf, seine Augen senkten sich und er trat einen Schritt zur Seite. „Bitte sehr, kommen sie ins Wohnzimmer.“, sagte er niedergeschlagen. Ben grinste und ließ es sich nicht nehmen artig „Danke“ zu sagen, während er hinter Semir in den Eingangsbereich trat. Klaus Konz bat sie mit einer Handbewegung ins Wohnzimmer einzutreten. Seine Lebensgefährtin Inga Trewka saß im Wohnzimmer auf dem Sofa, und man sah ihr ihren Zustand deutlich an. Ihre Augen schimmerten rötlich, ebenfalls lagen tiefe Ränder im Gesicht und ihre Haare wirkten ungepflegt. „Entschuldigung… haben wir sie geweckt?“, fragte Semir höflich, doch Inga schüttelte den Kopf und sagte mit leiser schwacher Stimme. „Nein nein…“ ‚Also hatte sie gar nicht geschlafen… warum wollte er uns von ihr fernhalten?‘, dachte sich der Kommissar und blieb ihm Raum stehen, während Klaus Konz sich wieder zu seiner Frau aufs Sofa niederließ. „Frau Konz…“, begann Ben und wurde von der jungen Frau unterbrochen. „Mein Name ist Trewka…“ „Entschuldigen sie bitte… Frau Trewka“, verbesserte sich der junge Polizist „was ist denn jetzt da genau passiert auf dem Rastplatz?“ Inga warf einen unsicheren Blick zu ihrem Freund der nur stumm nickte. „Wir… wir hatten einen Streit. Ja, und ich war so wütend auf Klaus… da habe ich seinen Wagen genommen und… und… einfach da stehen lassen.“ Beide Polizisten hatten so viel Erfahrung in Verhören, dass sie mühelos erkannten, wie sehr Inga Trewka log. „Und wie sind sie wieder von diesem Parkplatz weggekommen?“, hakte Semir nach. „Zu Fuß. Ich… Ich bin durch den Wald… spaziert. Erst zu meinen Eltern, und die… die haben mich nachher hierher gefahren.“, gab Inga zur Antwort, immer wieder blicketauschend mit ihrem Lebensgefährten, der stumm daneben saß.

    Semir wurde deutlicher. „Frau Trewka“, sagte er nun eindringlicher und strenger. „Heute morgen gab es eine versuchte Entführung im Kölner Rheinpark. Man findet vorher ihr Auto verlassen auf einem Parkplatz, ohne Spur von ihnen, und sie sitzen hier wie der Tod auf zwei Beinen, wenn ich es mal vornehm ausdrücken darf.“, nahm er auch Bezug auf ihre äussere, eher zerissene Erscheinung. Die Worte schienen die Frau zu treffen, ihre Augen wurden bei dem Wort „Entführung“ größer… und vor allem begann ihr Mund und ihre Schultern leicht zu beben. „Wie… Nein… ich… es war wie ich es gesagt hatte.“ Beide Polizisten spürten, dass ihre Vermutung, dieser unglaubliche Zufall, hier richtig war. Aber solange die Frau nichts zugab, konnten die beiden Beamten recht wenig machen… ohne Anzeige würde es nicht zu Ermittlungen kommen. „Haben sie Angst? Angst, dass die Kerle zurückkommen?“, fragte Ben ein wenig einfühlsamer, und versuchte auf die Frau einzugehen, die nun den Blicken der beiden Männer auswich. Sie wussten ja nicht, was sie durchmachen musste, wenn sie auch anscheinend nur kurze Zeit in der Gewalt der Unbekannten war. „Frau Trewka.“, begann Semir wieder, „mit ihrer Aussage können sie weitere potentielle Opfer schützen. Wenn es wirklich die waren, die heute morgen eine Entführung im Rheinpark versucht hatten, dann werden sie es auch weiterhin versuchen, wenn sie schweigen. Das kann man ihnen als unterlassene Hilfeleistung auslegen.“ Klaus wurde es zuviel, als sich die Tränen seiner Freundin durch die zusammengepressten Augenlider drückten. Ruckartig stand er auf. „Ich bitte sie, jetzt das Haus zu verlassen. Meine Frau hat ihnen alles gesagt, und ich ebenso.“ Er war zwar immer noch nicht sicher in seinem Auftreten, aber ihr wollte nun seine Freundin schützen, und schaffte zumindest dass sich Ben und Semir nun auf ihn konzentrierten… und ihr Vorhaben anscheinend aufgaben. „Herr Konz, wir können ihrer Frau helfen, und ihre Frau könnte uns helfen.“, begann Ben nochmal, versucht ruhig und sachlich. „Meine Frau wurde nicht entführt, und Aus. Bitte gehen sie jetzt!“, wiederholte er nochmals. „Na gut…“, meinte Semir und wandte sich ab Richtung Ausgang, Ben folgte ihm. Immerhin, sie hatten es versucht und waren sich sicher, dass hier eine Entführung vorgelegen hatte. An der Tür drehte sich der erfahrene Kommissar nochmal zu Klaus Konz um: „Reden sie mit ihrer Frau. Das nächste Opfer könnte vielleicht ein Kind sein… und die Entführung nicht so gut ausgehen, wie bei ihrer Frau.“, sagte er eindringlich bevor er mit Ben das Anwesen verließ.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

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    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


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  • Hütte im Wald – 9:50 Uhr

    Für einen Moment war nur Kevins Atem durch die Nase zu hören, der sich an der Schnittkante des Klebebands auf seinem Mund brach. Würde sie ihm doch nur dieses elende Stück endlich vom Mund ziehen, dann wäre das Rumsitzen wesentlich angenehmer, dachte er während er sie beobachtete, wie sie auf seinen Personalausweis starrte und nachzudenken schien. Was hatte sie in ihm erkannt? Oder seinem Namen? Jessy blickte wieder auf Kevin, steckte den Ausweis zurück in die Brieftasche und ließ diese wieder in seine Jackeninnentasche gleiten, wobei sie Kevin erneut bewusst oder unbewusst an dessen Brust berührte. „Nettes Bild.“, sagte sie lächelnd und die Augen des Polizisten verrieten Verwirrung. ‚Was ging in ihrem Kopf vor? Sie hielt hier mit ihren Freunden oder Brüdern einen Mann gefangen und war guter Laune, machte Witze. Entweder war sie eine Anfängerin oder abgebrüht bis zum Äussersten.‘ Kevin spekulierte auf Ersteres und ließ einige unverständliche Laute durch das Klebeband verlauten. Wenn sie nur naiv war, und dem Mann, der hier gefesselt saß nicht scheinbar nicht besonders feindselig eingestellt, würde sie ihm vielleicht den Knebel vom Mund nehmen. Jessy sah ihn an, nachdem er sich bemerkbar machte, ihr Blick war fragend, als wollte sie wissen was los sei. Kevin nickte ein wenig mit dem Kopf nach hinten, seine Augen richteten sich nach unten in Richtung Klebeband und sein Flehen wurde deutlicher. Zur Antwort bekam er ein beinahe kindliches Lächeln, als sie sagte: „Tut mir Leid, Kevin… aber ich darf dir den Knebel nicht abnehmen. Eigentlich dürfte ich gar nicht hier drin sein.“ Hörbar vor Enttäuschung atmete Kevin aus und sah Jessy beinahe mitleidig aus seinen blauen Augen an. Mann, was soll ihr schon passieren… die beiden Kerle hatten ihn so fest vertäut dass er nicht mal mit Superkräften hier wegkam… und wenn er die Umgebungsgeräusche richtig gedeutet hatte, war er sicherlich nicht so dicht an der Zivilisation, dass er durch Schreien jemanden aufmerksam machen konnte.

    Jessy sah Kevin einen Moment in die Augen und sie konnte nachfühlen dass sich das Klebeband ekelhaft auf dem Mund anfühlen musste, man war gezwungen durch die Nase zu atmen, was über die Dauer sehr anstrengend sein konnte. Als wolle sie sich rückversichern, dass niemand sonst in der Hütte war, sah sie sich kurz über die Schulter und zog den Mund zu einer Schnute. „Na gut… aber wenn Thomas und Andreas wiederkommen muss ich dir das Klebeband leider wieder draufmachen.“, sagte sie und kam Kevin ruckartig wieder näher. Der notierte sich im Gedächtnis die beiden Namen und im ersten Moment wollte er zurückzucken, doch das ging schon aus rein umgebungstechnischen Gründen nicht, denn sein Kopf lehnte an der Holzwand. Jessys Fingernägel berührten seine Wange, als sie versuchte, möglichst sanft, das Klebeband von seinen Lippen zu ziehen. Ein leicht reißendes Geräusch war zu vernehmen, der junge Polizist spürte ein Brennen auf den Lippen und kniff für eine Sekunde die Augen zusammen, doch das Gefühl eines freien Mundes, durch den er nun tief ein und ausatmete nahm dem Schmerz schnell die Wirkung. Plötzlich kam ihm das Sitzen an den Fesseln hier angenehmer vor als vorher. Jessy lächelte ihn weiter unentwegt an, als wäre das Ganze für sie ein lustiges Spiel. „Besser?“, fragte sie und Kevin sah wie, ein wenig von oben herauf und mit offenem Mund, an und nickte. „Danke.“, sagte er mit etwas erschöpfter Stimme, denn das zwanghafte Atmen durch die Nase über längere Zeit war anstrengend. Jessy lächelte noch etwas breiter, sie hatte schon lange kein „Danke“ mehr gehört… kein „gut gemacht, Jessica“ oder sonstige anerkennende Worte. „Was wollt ihr von mir?“, fragte er dann, als sein Atem sich etwas beruhigte und hob den Kopf in Jessys Richtung. Plötzlich dachte Jessy nach, sie hatte die ganze Zeit unbesorgt geplaudert, doch bei der Frage brachen plötzlich Bedenken in ihr los. Sollte sie es ihm sagen, was das Geschwister-Trio vor hatte? Immerhin schien er nett zu sein, er schrie sie nicht an, dass sie ihn losmachen solle, er drohte er nicht, er wurde nicht ausfallend. Kevin allerdings dachte er darüber nach, den Vorteil des offenen Mundes solange wie möglich zu behalten. Würde er Jessy versuchen unter Druck zu setzen, würde die den Knebel sofort wieder draufpacken. Ausserdem glaubte er ihr nicht ganz, dass die Knarre wirklich nicht geladen war, und er konnte absolut nicht einschätzen wie gefährlich das Mädchen wirklich war. „Das wird dir Thomas bestimmt erklären.“, wich sie seiner Frage aus. „Weißt du es selbst nicht?“ – „Doch natürlich, aber ich weiß nicht ob ich es sagen darf.“ Was war das für ein komisches Mädchen. Sie zogen hier ein Verbrechen durch, bei dem sie selbst Hand anlegte, aber nun stand sie da, als wäre sie naiv bis zum Geht-nicht-mehr und sah das Ganze als Spiel. Entweder ist sie eine geniale Schauspielerin… oder? „Thomas ist dein Freund?“, fragte er mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, auch wenn ihm gerade gar nicht zum Lächeln zu Mute war. „Mein Bruder.“, sagte sie beinahe vorwurfsvoll, wie könne man denn auf die Idee kommen dass Thomas ihr Freund sei. Nein, als Freund würde sich weder Thomas noch Andreas eignen, weil beide einfach zu grob und in ihren Ansichten zu sehr auf „Macho“ aus waren. Sie wollte einen verständnisvollen Freund, der sie auf Händen trug, intelligent war und… ach was dachte sie darüber nach. Ihre Träume würden eh nicht in Erfüllung gehen.

    „Und was wolltet ihr von der Frau im Park?“, hakte er dann weiter obwohl er sich ausmalen konnte, was sie von ihr wollten, wenn sie dann stattdessen ihm mitnahmen. Eine Entführung, soviel war klar, aber weshalb? Lösegeld? Wohl kaum, dann suchte man sich normalerweise gezielte gut betuchte Opfer heraus und entführte nicht auf Zufall. Andererseits gab es heutzutage auch kranke Menschen, die andere Leute entführten um ihnen Angst einzujagen, seelische und körperliche Schmerzen zufügen wollen. Aber dafür lächelte das Mädchen eigentlich zu nett… die ganze Zeit…

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

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    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


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  • Hütte am See - 10:00 Uhr


    Und sie hörte auch nicht auf zu lächeln, während sie Kevin ansah und nicht direkt auf seine gerade gestellte Frage einging. "Ist doch ganz egal.", sagte sie, drehte den Kopf ein wenig zur Seite und ging einige Schritte durch den Raum, als würde sie nachdenken, während Kevins Augen ihrer Gestalt folgte. "Ist doch ganz egal?", wiederholte er mit ein wenig Unverständnis und musste sich innerlich bremsen, nicht lauter zu werden. Normalerweise war Kevin jemand, den man äusserst schwer aus der Ruhe bringen konnte, doch diese spielerische Gleichgültigkeit, dieses völlig untypische Verhalten für eine Entführerin, es ließ seine Schläfen pochen und seine Backenzähne etwas fester aneinanderpressen.
    Jessy schaute immer wieder aus dem Fenster, ob sie vielleicht ihre Brüder schon hören und sehen konnte. Dann müsste sie Kevin schnell wieder das Pflaster auf den Mund drücken und die Augenbinde wieder nach unten ziehen. "Und wie heißt du?", fragte der junge Polizist dann nach einer kürzeren Redepause, die die beiden nutzten sich weiter mit den Augen abzutasten. "Jessy.", sagte sie, immer noch lächelnd, immer noch die Waffe in der Hand haltend und damit rum schwenkend. Eine Waffe, über die Kevin nach wie vor nicht wusste, ob sie gefährlich war, oder nicht.


    Aus dem Raum nebenan ertönte ein Handy, Kevin erkannte es. Es war seins, das draussen auf dem Tisch lag. Er wollte schon etwas sagen, als Jessy aufstand, den Raum kurz verließ und mit dem läutenden Handy in der Hand zurückkam. "Ben ruft an", lass sie vom Display ab. "Wer ist Ben?" Kevin dachte nach... zuzugeben, dass er Polizist ist war nicht drin. Das würde seine Chancen immens verschlechtern, egal wie naiv Jessy war. Die anderen Kerle waren es definitiv nicht. "Ein Bekannter." "Und was will er von?" "Woher soll ich das wissen?" Jessy sah zweifelnd auf das Handy und schien zu überlegen, ob sie annehmen sollte. Aber das durfte sie nun wirklich nicht, das war Sache ihrer Brüder. "Lass mich rangehen.", sagte Kevin plötzlich. Wenn er Ben nur ein Wort "Entführung" sagen könnte, wüsste der zumindest was los ist. Aber so dumm und naiv war Jessy dann nun doch nicht. Sie grinste und lachte kurz auf und warf Kevin das Smartphone zu. Es landete neben seinen Beinen, ohne Chance für ihn das Gespräch anzunehmen. Der sympathische Blick, den er vorhin aufgesetzt hatte, war verschwunden und er funkelte Jessy an, die das Lachen auch nicht aufgab, als sie sich bückte und mit dem Gesicht nah an Kevin herankam. Ihre Wange schob sich neben seine, ihr Mund an sein Ohr und er konnte ihren warmen Atem spüren. Zuerst hatte er das Gefühl, dass es ihm gar nicht unangenehm war, bis er ihre Stimme hörte. "Versuch nicht...", begann sie immer noch lächelnd und freundlich, so dass Kevin kurz aufzuckte und sein Herz schneller schlug, als sich die Mündung ihrer Pistole, von der Kevin immer noch nicht wusste ob sie nun geladen war oder nicht, gegen sein Herz bohrte. "... mich für dumm zu halten." Also doch nur Fassade, ihre freundliche Gestalt, ihr Lächeln, ihre Naivität. Kevin sah an ihr vorbei, die Mündung an seinem Shirt, er spürte ihre Haare an der Wange, als sie den Kopf von seinem Ohr zurück zog und ihm recht unsanft das Pflaster wieder auf die Lippen klebte. Sein Körper bäumte sich auf, ein stummer Laut drang wieder durch das Heftpflaster, doch sanfter Druck mit der Waffe ließ ihn wieder zurückgleiten. Die Augen des jungen Cops waren hilflos und suchten wieder Kontakt zu Jessy, die das Tuch, das er jetzt um die Stirn trug wieder ergriff und im Begriff war, es herunter über die Augen zu ziehen. Für einige Sekunden sahen sich die beiden nochmal an bis Jessy wieder lächelte und das Tuch losließ um damit Kevin zumindest das Augenlicht zu lassen. Dann nahm sie das Handy wieder in die Hand, erhob sich und ließ den jungen Polizisten im Raum zurück.


    Als Jessy die Tür hinter sich verschloß, atmete sie tief durch. Ein wenig spürte das junge Mädchen, wie sie zitterte und ihre Hände schweißnass waren. Sie legte die ungeladene Pistole auf den Tisch und setzte sich dran. Sie hätte nicht gedacht, dass sie auch so gemein sein kann, dass sie selbst auch die harte Entführerin abgeben könne. Aber hatte der Typ wirklich gedacht, Jessy ließ ihn jetzt telefonieren? Sie lachte hell auf. Sie war doch nicht dumm, und auch wenn Kevin ihr durchaus gefiel würde sie sich doch von ihm nicht einfach so austricken lassen. Was würden ihre Brüder von ihr denken? Das junge Mädchen schaukelte ein wenig auf ihrem Stuhl und amüsierte sich ein wenig über ihren Erfolg. Zeitgleich sah sie immer wieder zur Tür, und es tat ihr beinahe leid den armen Kerl wieder geknebelt zu haben. Sie sah sich um, als könne sie jemand beobachten, ging nochmal auf den knarzenden Holzplatten zur Tür. Mit ihren, immer noch leicht, zittrigen Fingern umgriff das Mädchen den Schlüssel, und zog ihn klickend heraus. Als sie durchs Schlüsselloch blickte konnte sie nur Kevins Hände erkennen, die an der Wand gefesselt waren und an deren Gelenke sich bereits blutige rote Striemen zeigten.

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    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

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    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


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  • Dienststelle - 10:15 Uhr


    Ben strich sich mit der linken Hand über den Hemdstoff seines rechten Arms, der schräg nach oben gewinkelt war, das Handy in der Hand ans Ohr hielt. Er hörte das regelmäßige Zeichen dafür, dass Kevins Handy klingelte aber niemand abnahm. "Wo steckt der bloß?", murmelte er leise in den wärmer werdenden Wind. Es würde ein schöner Frühlingstag werden, der Nebel hatte sich verzogen und die Sonne setzte sich durch. Der junge Kommissar konnte es sich nicht erklären, aber irgendwas setzte ihm ein mulmiges Gefühl in den Magen nach Kevins ominösen Anruf heute Morgen. Was hatte das zu bedeuten, warum hatte er klingeln lassen und ging dann nicht ran, bzw sagte nichts. Nach 1 Minute legte Ben wieder auf, schob das Smartphone in die Jeans und seufzte. Er machte sich immer noch ein wenig Sorgen um seinen jungen Kollegen, der psychisch nur nach aussen hin stark war. Ben konnte aber bereits hinter die Kulisse blicken und erkennen, wie sensibel und zerbrechlich Kevin wirklich war, und was er in seinem jungen Leben schon mitgemacht hatte. Die Angst, dass er wieder zurückfallen würde in alte Verhaltensmuster war bei Semir wie auch bei seinem Kumpel immer noch präsent, weshalb die beiden Kevin öfters dazu drängten, mal aus seiner schäbigen Wohnung heraus zu kommen, und mit ihnen etwas zu unternehmen. Es war nicht immer von Erfolg gekrönt, aber zumindest konnte er den jungen Polizisten dazu bewegen, mal auf ein Rockkonzert zu gehen. Mit der Musik konnte Ben ihn öfters kitzeln, war er auch zweimal bei Kevin in der Wohnung um ihm neue Songs vorzuspielen, denn beide hatten ungefähr den gleichen Geschmack. Dabei merkte der Hobby-Musiker, dass sein neuer Kollege durchaus Talent hatte, wenn es darum ging Gedanken in Liedtexte zu packen.


    Jetzt betrat er die Dienststelle wieder, und seine Miene drückte einige Sorgen aus. Andrea lächelte ihn an und nickte stumm. Ein kurzes Zeichen, dass sie mit Semir gesprochen hatte und das Gespräch offenbar positiv war. Er würde sie später fragen, dachte der Polizist als er die Glastür hinter sich schloß und sah, wie Semir eine Excel-Tabelle, vermutlich die Urlaubstabelle, bearbeitete. "Fährst du in Urlaub?", fragte er, als er sich auf den Stuhl fallen ließ. "Hmm... mal sehen. Vielleicht kurzfristig mit Andrea... ein paar Tage.", antwortete Semir, und schien in Gedanken versunken zu sein, während er auf den Bildschirm starrte. "Und wo solls hingehen?", meinte sein Freund, der ebenfalls den Monitor anschaltete und sich mit der Maus ins polizeiinterne Intranet navigierte, um dort die Mitarbeiter der Mordkommission aufzurufen. In einer langen Liste erschienen Namen und zugehörige Telefonnummern der einzelnen Abteilungen. "Weiß ich noch nicht.", war die kurz angebundene und lapidare Antwort von Semir. Ben blickte kurz auf und verstand... er musste sich daran gewöhnen dass sein Partner seit einiger Zeit öfters mal für sich sein wollte und keine Lust auf Gespräch hatte. Er presste die Lippen zusammen und widerstand dem Drang, weiter zu fragen. Stattdessen suchte er die Telefonnummer von Kevins Büroapparat heraus und wählte diese kurzerhand von seinem eigenen Apparat. Sofort blickte Ben überrascht, resignierend auf als auf dem Telefondisplay das Signal erschien, dass seine Nummer zum Apparat von Erwin Poltz weitergeleitet wurde, der auch gleich darauf abnahm und ein gelangweiltes "Poltz" durch den Hörer schickte. "Hallo, Ben Jäger von der Kripo Autobahn." Es war, als könne Ben hören, wie sich Poltz' Miene um drei Stufen verfinsterte. Er hatte damals schlechte Erfahrungen mit Anna Engelhardt gemacht, die ihm damals kurzerhand seine Grenzen aufgezeigt hatte, und der Mordkommission den damaligen Fall um André entzogen hatte. "Ja, was ist?", fragte er unfreundlich und Ben konnte durch die Muschel hören, wie er sich am Bart kratzte. "Ich wollte Kevin sprechen. Ist er unterwegs?", fragte Ben, so freundlich wie nur irgendwie möglich. "Ne, ist nicht da.", kam schmallippig eine Antwort. Ben wartete kurz, ob auch noch genauere Informationen durch die Leitung flossen, doch ausser Atmen, was an eine zu dicke hechelnde Bulldogge erinnerte, kam nichts mehr. "Sonst noch was?", bellte es dann als Ben sich bereits eine freche Antwort zurechtlegte, dann aber doch die Freundlichkeit walten ließ: "Wann ist er denn wieder im Büro?" "Gar nicht mehr. Der hat sich freistellen lassen und wollte die Abteilung wechseln." Ben zog die Augenbrauen nach oben. Davon hatte Kevin gar nichts erzählt... aber vielleicht war es auch erst vor kurzem. "Und bevor du fragst...", schoß es unfreundlich aus dem Hörer... "ich weiß nicht wohin, und es interessiert mich auch nicht." Die Hand des Polizisten krampfte sich um den Hörer als die Wut in ihm aufstieg, und seine Miene verfinsterte sich, dass sogar Semir kurz von seinem Urlaubsplan aufblickte. "Ist sonst noch was?" - "Nein danke.", antwortete Ben mit unterdrückter Wut und ließ den Hörer auf die Kabel fallen. Auf eine Verabschiedung verzichtete er komplett. "So ein dummes ... ", murmelte er, als er bemerkte dass Semir herrüber blickte. "Mit wem hast du telefoniert?", fragte er, halb interessiert, halb aus Freundlichkeit. Doch statt auf die Frage zu antworten gab Ben gleich Informationen weiter. "Kevin ist nicht mehr bei der Mordkommission. Hat sich freistellen lassen, und die Schlafköppe von unserer EDV haben ihn noch in der Liste gelassen." Auch Semir machte ein erstauntes Gesicht, hatte er doch den Eindruck dass ihr Kollege, der ihnen ein wenig ins Herz gewachsen ist aufgrund seiner Art, wieder auf festen Beinen stand und vor allem seinen Job als Ausgleich brauchte. "Ruf mal in der Personalabteilung an, die müssten doch wissen, wo er jetzt ist.", meinte Semir und stand vom Tisch auf um zu Ben an den Schreibtisch zu kommen. Sein Interesse war geweckt, und sein Urlaubsvorhaben konnte erstmal warten, was Ben im Inneren als gutes Zeichen für Semir wertete. Er wählte die Nummer der Personalstelle, stellte das Telefon auf Mithören und legte den Hörer auf den Schreibtisch. Semir setzte sich auf die Tischkante und verschränkte die Arme vor der Brust. Auch sein Gesicht drückte ein wenig Sorge aus, die die eigenen Sorgen ein wenig verdrängten, die trotzdem immer noch präsent waren.


    Eine wesentlich freundlichere, weibliche Stimme meldete sich auf der anderen Seite. "Hallo, Jäger von der Kripo Autobahn. Ich suche die momentane Dienststelle eines Kollegens, Kevin Peters. Können sie mir da helfen?" Ein leises "Klick Klack", Finger auf der Tastatur war durch die Leitung zu hören, bis sich die freundliche Stimme erneut zu Wort meldete. "Herr Peters hat sich von der MoKo freistellen lassen. Allerdings schon vor 3 Woche. Seitdem ist er krankgeschrieben, mehr kann ich ihnen nicht sagen." Ben sah zu Semir, und seine Augen weiteten sich, genauso wie sich die Sorgen vergrößerten. "Oh... öhm, danke für die Information." Man verabschiedete sich, und der Polizist legte den Hörer wieder auf. "Ihr habt euch doch vor zwei Wochen gesehen, oder? Hat er was gesagt?", fragte Semir und sein Freund schüttelte den Kopf. "Nein, dann hätte ich es dir ja auch gesagt..." - "Naja, es wäre ja nicht das Erste, was du mir von Kevin verheimlichst." Semir zwinkerte freundschaftlich. "Freigestellt, krankgeschrieben, geht nicht an sein Handy... dann dieser kurze Anruf heute morgen. Das gefällt mir nicht.", meinte Ben nachdenklich und Semir nickte. Beide hatten die gleichen Gedanken, ohne sie auszusprechen. Sollte Kevin rückfällig geworden sein? Wieder Drogen genommen haben... vielleicht sogar wieder... nein, daran wollten sie beide nicht denken. Stumm sahen beide in verschiedene Richtungen, mit ernsten Mienen und das geschäftige Brummen und Telefonklingeln aus dem Großraumbüro nebenan schien plötzlich viel leiser als sonst. "Lass uns hinfahren.", meinte Semir dann zu Ben und stieß sich vom Schreibtisch ab. "Wenn er da ist, und er halbwegs normal aussieht, ist es ja okay, dann müssen wir ihm ja unsere Hilfe nicht aufdrängen." Ben stand ebenfalls auf und meinte zögerlich: "Und wenn er nicht da ist?" Er empfing Semirs immer noch sorgenvollen Blick und erhielt nur ein stummes Schulterzucken...

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Hütte im Wald - 10:45 Uhr


    Jessi hatte der Versuchung widerstanden noch einmal zu Kevin in den Raum zu gehen. Irgendwie wusste sie selbst nicht, was sie zu dem fremden Mann zog, warum sie ständig zur Tür blickte und warum sie noch zweimal durchs Schlüsselloch sah, wobei sie nichts als seine Handgelenke erkennen konnte. War es die Macht, die sie über ihn hatte, ein völlig neues Gefühl für das junge Mädchen, das sonst immer eher gelenkt wurde von ihren Brüdern, und nur selten ihren eigenen Willen durchsetzen konnte? Oder war es was anderes? Das Buch wieder in der Hand saß sie auf der Matratze, doch die Buchstaben vor ihren Augen sprangen immer wieder durcheinander, sie konnte sich auf keine drei Sätze in Folge konzentrieren.


    Einige Minuten später hörte sie erneut das Dröhnen eines Autos. Ihre Brüder kehrten zurück, ihre Mienen, als sie die Hütte betraten, zeigte gestresste Gesichter. Offenbar waren sie sich immer noch nicht einig, wer nun schuld an der zweiten Fahrt zu dem Waffenhändler hatte. "Vergessen hat er sie.", äffte Andreas offenbar den Händler selbst nach und bekam postwendend laut Antwort von Thomas. "Ja, vergessen hat er sie. Er hat sie uns sofort gegeben, da muss man dem Kerl doch nicht gleich die Nase brechen." - "Du hast doch gesehen, dass der mir quasi in die Faust gelaufen ist.", moserte der kräftige Hüne und ließ die Tasche auf den Tisch fallen. Thomas wuchtete die Tür zu und schlug eine Hand in die andere. "Genau. Irgendwie laufen sie dir alle dauernd in die Faust." Jessi kicherte ob der Kabbelei der beiden Brüder, sagte aber nichts, bis Thomas sich erkundigte ob alles okay hier sei. Sie nickte lächelnd und meinte: "Ich hab ihn zwar ein paar mal gehört, aber er ist bestimmt noch da." Thomas nickte und ging in Richtung Tür, drehte den Schlüssel und ließ die Tür aufschwingen. Was er sah gefiel ihm ganz und gar nicht und seine Miene wurde noch ärgerlicher als sie sowieso schon war. "Wieso hat der Typ die Augenbinde den oben?", brüllte er in den großen Raum hinein. Kevin sah zu dem Kerl auf, den er bisher nur bei dem Überfall kurz gesehen hatte und begann heftiger an den Kabelbindern zu zerren. Jessi und Andreas kamen zu Thomas an den Türrahmen und das junge Mädchen machte ein erstauntes Gesicht. "Die muss er wohl irgendwie sich abgestreift haben.", sagte sie mit missbilligen Blick auf den Polizisten, dessen Bewegungen sich auf einmal einstellten, und seine Stirn sich mit Blick auf das Mädchen in Falten zog, als wolle er sagen: "Was redest du da?" Thomas warf einen Blick auf seinen Bruder, eine stumme Kommunikation. Andreas nickte und trat in den Raum. "So, du willst also unbedingt Ärger mit uns haben.", raunte er und blitzschnell landete er eine rechte Gerade in Kevins Gesicht, der nichts tun konnte ausser die Muskeln anspannen und aufstöhnen. Sofort lief dem jungen Polizisten Blut aus der Nase, er atmete durch diese schneller, es lief ihm über das silbern glänzende Klebeband. Der Schmerz pochte ihm durch die Stirn, nahm nur langsam ab. Doch das Blut, dass ihm nun aus der Nase lief, machte ein Atmen noch schwerer als es sowieso schon war. Nur langsam drehte sich sein Kopf wieder nach oben, und ein kalter Blick traf Jessi, die sich beim Schlag noch kurz weggedreht hatte, nun aber seinen Blick mit einem leisen Lächeln erwiderte. "Na komm. DU wirst noch genug Gelegenheit haben.", meinte Thomas zu Andreas und schob dabei Jessi aus dem Raum. Andras verschloss die Tür wieder und lies Kevin blutend zurück.


    Der Anführer der Geschwister schnappte sich das Handy des Kommissars und navigierte sich durch die Menüs in die Kontaktliste. "Hmm, viele Freunde scheint der Typ nicht zu haben.", murmelte er und sein Gesichtsausdruck wurde wieder ein wenig freundlicher, zumindest der Ärger verschwand. Er markierte mit den Fingern den Namen "Ben" und ließ die Nummer wählen. "Dann schauen wir mal, was der Typ seinem 'Bekannten' wert ist?", scherzte er und betonte das Wort "Bekannter" deutlich, zwinkerte dabei seinem Bruder zu. Er lehnte sich zurück, legte die Füße auf den Tisch und wartete bis sich eine Stimme meldete. Doch die einzige Stimme, die sich nach einigen Freizeichen meldete war die einer Mailbox. Mit einem Grummeln beendete der Verbrecher das Gespräch und sah in das gespannte Gesicht seiner Schwester. "Mailbox.", sagte er einsilbig und wählte den Kontakt darunter, der lautete "Ben - Arbeit". Wieder das Tuten, wieder warten. Andreas fingerte sich währenddessen eine Zigarette aus der Schachtel, Jessi sah ein wenig aufgeregt zu ihrem großen Bruder, der das Handy ans Ohr hielt. Als sich eine weibliche Stimme meldete gefror Thomas das Blut in den Adern. "Gerkhan, Autobahnpolizei Apparat Jäger." Andrea hatte den Anruf weitergeleitet bekommen, weil Ben nicht an seinen Apparat ging. "Hallo?" klang durch den Hörer noch, den Thomas langsam mit seinem Arm nach unten senkte und wie apathisch mit einem Fingerstreich das Gespräch beendete. Das Handy sank auf den Tisch, und der Gesichtsausdruck des Mannes konnte sich nicht entscheiden zwischen Wutausbruch und Verzweifelung. Andreas nahm wie in Zeitlupe die Zigarette aus dem Mund, Jessi fand als erstes die Stimme wieder: "Was ist los? Wer war da dran." Jessis Bruder sah seiner Schwester zuerst in die Augen, dann zu Andreas. "Das waren die Bullen. Der Freund von dem Typ arbeitet bei den Bullen." Jessi lachte zuerst auf, verstummte dann aber als sie sah, dass ihr Bruder die Sache gar nicht lustig fand. "Ja und? Ruf den nächsten an.", meinte Andreas und kam mit seiner Kippe im Mund zum Tisch. "Was ist, wenn der Typ auch ein Bulle ist?", fragte Thomas, und wusste gar nicht warum er plötzlich diese Ahnung hatte. Eigentlich war es absurd... die Wahrscheinlichkeit dass ihre Geisel einfach nen Bekannten hatte, der Polizist war, war um ein vielfaches höher, als dass er selbst Polizist war. Das Erscheinungsbild des Typen würde dagegen sprechen, die Art und Weise wie er versuchte der Frau im Park zu helfen allerdings auch wieder dafür. "Ach Quatsch.", wiegelte Andreas ab und machte eine abwertende Handbewegung. Für einen Moment blieb Thomas unbewegt dort sitzen, dann kam plötzlich Bewegung in ihn.


    Er sprang vom Stuhl auf, ging schnellen Schrittes in Richtung der Holztür und drehte den Schlüssel wieder um. Jessi bekam ein mulmiges Gefühl und ging ihrem Bruder hinterher, allerdings ohne ihn aufzuhalten. Thomas bückte sich zu Kevin, der überrascht aufblickte und keinerlei Anstalten machen konnte, sich irgendwie zu wehren, als er mit einer Hand fest am Kragen gepackt wurde und ihm mit einem Ruck das blutverschmierte Klebeband von den Lippen gerissen wurde, und er einen zischenden Schmerzlaut nicht verbergen konnte. Die Augenbinde war jetzt sowieso unnötig. "Warum hast du die Nummer eines Bullen in deinen Kontakten, hä?", fragte Thomas mit drohendem Unterton. Kevin atmete schnell und genoß es für einen Augenblick wieder durch den Mund atmen zu können. "Ruf an und frag ihn.", japste er und sah den Mann nur aus den Augenwinkel an, der so langsam die Beherrschung verlor. "Ich schwör dir, ich lass dich 10 Minuten mit meinem Bruder alleine hier drin, wenn du keine Antwort gibst." Kevins Gehirn drehte sich... welchen Vorteil gab es ihm wenn er zugab, dass er ein Bulle ist, welchen Nachteil hatte er dadurch. Die drei waren Anfänger, Kleinkriminelle die keine Ahnung hatten. Würden sie in Panik geraten, wenn sie wüssten, dass er Bulle ist? Würden sie ihn laufen lassen? Wohl kaum. Aber sein Dienstausweis steckte in seiner Brieftasche, den Jessi eben nicht gesehen hatte. Würde er lügen würden sie den Geldbeutel durchsuchen, den Ausweis hatte er damals nicht abgegeben. "Na los!", schrie Thomas Kevin ins Gesicht und schüttelte den Polizisten kurz bis der Thomas genau ansah und zischte: "Mann, weil ich selbst ein Bulle bin, du Idiot!" Thomas blickte hektisch zwischen den Augen des Polizisten hinterher, seine Zähnen knirschten aufeinander und er wusste nicht ob er loslassen oder zuschlagen sollte. "Ach du heilige Scheisse... Thomas... was...", stotterte Andreas und auch Jessi verlor für einen Moment die Farbe im Gesicht. "Der... der Typ hat... hat zweimal versucht zurück zu rufen, Thomas." Kevins Atem beruhigte sich, während der Kerl ihn weiter am Kragen festhielt. Gott sei Dank, irgendwann würden Ben und Semir daraufkommen, dass etwas nicht stimmt und versuchen ihn zu orten. Die gleichen Gedanken hatte sein Gegenüber. Er hatte von Handyortung und solchen Dingen gehört. Ginge es um einen Kollegen würden die Bullen alles tun, um ihn zu finden. Er stieß den Polizisten nach hinten und stürmte aus dem kleinen Raum, wobei er seinen Bruder mit rauszog und hektisch zu Jessi sagt: "Knebel ihn wieder und sperr die Tür wieder zu." Dann verschwand er mit Andreas nach draussen vor die Tür.


    Jessi schnitt ein neues Stück Klebeband ab, als sie Kevins Stimme hörte. "Warum hast du das gemacht?" In seiner Stimme lag keine Wut, sondern Ratlosigkeit, warum Jessi nicht sagte, dass sie ihm die Augenbinde abgenommen hatte, und den Polizisten stattdessen auflaufen ließ. Doch sie zuckte nur mit den Schultern, als sie mit dem Streifen Klebeband näher kam. Kevin wehrte sich nicht, sondern sah Jessi nur in die Augen, als diese zu lächeln begann und das Klebeband sanft und ohne viel Druck auf seine Lippen drückte. Dabei sagte sie mit sanfter Stimme: "Ich hätte dich nie für einen Bullen gehalten." und strich, bevor sie den Raum verließ, Kevin fast schon zärtlich über die Wange.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


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    <3

  • Kevins Wohnung - 10:45


    Semir fuhr nicht in übertriebener Eile, er ließ es aber auch nicht gerade langsam an, als er und Ben auf dem Weg zur Hochhaussiedlung war, die in Köln keinen besonders guten Ruf hatte. Beide waren damals regelrecht geschockt gewesen, als sie zum ersten Mal bei Kevin waren und sahen, in welchem "Loch" er hauste, doch irgendwas in ihnen sagte ihnen... es passt auch zu Kevin. Zu dem würde kein Penthouse oder ein kleines Einfamilienhäuschen passen, hatte Ben damals angemerkt.
    Die Fahrt verlief weitestgehend still, Ben machte sich doch mehr und mehr Sorgen um Kevin, Semir ebenfalls, doch dessen Sorgen wurden geteilt weiterhin mit den Gedanken, die er sich um André machte, und er sich dorthingehend langsam einen Plan zurecht legen wollte. Doch das sollte noch sein Geheimnis bleiben, beschloß er als er auf dem Parkplatz des großen Hochhauses stehen blieb, das jetzt im Frühling irgendwie wohnbarer aussah als im trostlosen Winter. Zwischen den Wohnsilos wurden die Bäume grün, der ein oder andere Schmetterling flog umher und die Sonne erwärmte den Tag allmählich. Als die beiden Polizisten durch die schwere Haustür ins Treppenhaus ging holte sie die Realität dieses Ortes wieder ein. Innendrinn roch es unangenehm nach abgestandenen Rauch und Farbdosen, die einer der Bewohner offen in den Flur gestellt hatte. "Ich weiß nicht, ob das so gut ist, dass er hier immer noch alleine wohnt.", murmelte Semir, während sie die knarzigen Treppen hochstiegen... den Aufzug wagten sie nicht zu benutzen. "Wenn er es so will...", meinte Ben zur Antwort und sah sich um, als sie im betreffenden Stockwerk angekommen waren. Als sie zu Kevins Wohnungstür gelangten, atmete Ben kaum hörbar auf. Die Wohungstür war verschlossen, nicht aufgebrochen oder stand halboffen wie damals, als er mit André hierher kam und nur Blutspuren vorfanden. Mit den Fingerknöcheln pochte der Kommissar gegen die Tür und wartete. Kein Laut drang nach draussen, er hörte keinen Fernseher, keine Dusche, kein Gepolter dass jemand zur Tür kam, um sie zu öffnen. Nach einigen Minuten sprach Semir das auch, was Ben dachte: "Nichts... gehen wir rein?" "Meinst du, es ist nötig?" Ben wollte die Gedanken nicht zu Ende denken, denn sie befürchteten beide dass Kevin vielleicht einen Rückfall hatte. "Wenn wir uns nicht weiter Sorgen machen wollen, dann ja.", meinte sein Partner mit ernstem Gesichtsausdruch und zog seinen Dienstausweis um die Holztür aus den 70ern ohne Probleme zu öffnen.


    Kevins Wohnung sah immer noch so aus wie vor anderthalb Monaten, schlicht eingerichtet, keine besondere Unordnung. Ben bekam feuchte Hände, als er in Richtung des Badezimmers ging und seine Hand auf die Klinke legte. Langsam, ganz langsam drückte er sie nach unten und warf einen Blick hinein. Der Duschvorhang war offen, aber es befand sich niemand im Bad. Er atmete auf. "Im Schlafzimmer ist auch niemand.", hörte er seinen Freund und Partner sagen, als er zurück ins Wohnzimmer kam. Mit schnellen Schritten ging er zur Küche und schaute in mehrere Schränke hinein. "Was machst du da?", fragte ihn Semir erstaunt. "Ich will nur mal etwas schauen...", bekam dieser zur Antwort. Ben wollte sichergehen dass Kevin keinerlei Pillen mehr bei sich hatte, es würde ihm vielleicht ein wenig die Sorge nehmen, wenn er nichts finden würde. Auch Semir sah sich um, seine Augen blieben an einem Bild haften. Er ging zu dem kleinen Regal und nahm den schwarzen Rahmen in die Hand. Auf dem Bild war ein junges Mädchen, vielleicht 15 oder 16 Jahre alt, ungewöhnlich hübsch mit einem befreienden, etwas schüchternen Lachen auf dem Gesicht. Ihre schwarzen Haare trug sie offen, ein paar Strähnen hingen ihr über die lebensfrohen, aber ebenfalls etwas ängstlich wirkenden Augen. Hinter ihr stand ein Junge, einige Jahre älter, hatte helle blaue Augen und trug die Haare länger und noch wilder durcheinander als heute. Unterhalb des Haaransatzes trug er ein Tuch als Stirnband und einige Haare hingen ihm darüber und in die Augen. Er schien gerade aufzulachen, ein befreites unbeschwertes Lachen. Der Junge war Kevin, wie Semir sofort an den Gesichtszügen und den blauen Augen erkannte. So hatte er den Polizisten bisher niemals lachen gesehen. "Schau mal.", meinte Semir seltsam leise, beinahe andächtig und Bens Kopf erschien hinter der Küchenanrichte. Langsamen Schrittes kam er zu Semir, nahm das Foto in die Hand und betrachtete es. "Wo hat das gestanden?", fragte er, ebenfalls leise, und Semir deutete auf den leeren Platz. "Das hatte damals, als ich in der Wohnung war, noch nicht hier gestanden.", meinte Ben und stellte es zurück. Ihm war unwohl, hier ohne triftigen Grund in Kevins Vergangenheit zu schnüffeln. Sie vermuteten ja nur, dass etwas passiert war. "Das würde eher dafür sprechen, dass es ihm besser geht. Dass er wieder ein Bild seiner Schwester aufstellt, wenn es seine Schwester ist.", meinte Semir nachdenklich und betrachtete das Bild erneut. Die Augen würden dazu passen, dachte er noch doch sein Freund nahm ihm die Denkarbeit ab. "Es ist seine Schwester." "Hast du schon mal ein Bild von ihr gesehen?" "Ja... das heißt, sowas ähnliches." Ben druckste ein wenig herum als Semir ihn ein wenig verwirrt ansah. "Er hat das Konterfei seiner Schwester auf dem Rücken. Als ich ihn damals hier schlafend gefunden hab, hatte ich es gesehen." Kurze Stille erfüllte den Raum, und der erfahrene Polizist nickte. Dieses Detail hatte Ben ihm nicht erzählt, aber er wollte jetzt auch nicht darauf herumreiten. Nun waren beide etwas ratlos. Nur eine Möglichkeit blieb noch. "Lass uns das Handy orten. Wir müssen ihm es ja nicht sagen.", sagte Semir und Ben nicke sofort zustimmend. Wenn man nur wusste dass es ihm gut geht.


    Auf dem Weg nach unten rief Semir sofort Andrea an, da Ben sein Handy im Auto liegen hat lassen. Als er es auf dem Weg zum Auto bemerkte, ärgerte er sich darüber. Als Semir sein Anliegen an seine Frau schilderte, lag auch in ihrer Stimme sofort ein wenig Sorge um Kevin. Sie hatte bisher eher weniger mit ihm zu tun, aber sie hatte den stillen Mann sofort in ihr Herz geschlossen, als sie seine Geschichte kennengelernt hatte. "Du weißt schon, dass ich dafür normalerweise eine richterliche Anordnung brauche.", sagte sie in ihr Headset, doch ihre Finger flogen bereits über die Tastatur, um Kevins Nummer in das Programm einzutragen. "Mein Schatz, die liefern wir selbstverständlich nach.", meinte Semir ironisch, als er ins Auto einstieg. Ben griff sofort nach seinem Handy und sah aufs Display. "Verfluchte Scheisse.", empfuhr es ihm und er drückte sofort die Wahlwiederholtaste, um die Nummer anzurufen, von der er einen Anruf in Abwesenheit hatte... nämlich die von Kevin. Semir schaute verwirrt, während er mit Andrea telefonierte, die ihm ein kurzes: "Warte nen Moment.", durch den Hörer flötete. Ben schüttelte den Kopf, als er den Arm wieder sinken ließ. "Ausgeschaltet.", sagte er zu seinem Freund, der sofort verstand... Kevin hatte wieder versucht anzurufen und hat jetzt das Handy aus. Nach einigen Minuten konnte Semir die Stimme seiner Frau wieder vernehmen. "Die letzte Funkzelle, in die das Handy eingebucht war zeigt über ein Waldstück. Sie ist recht klein, ich kann euch hinlotsen." Semir startete den BMW und Ben schnallte sich an. Ein Waldstück, mitten im größten Wald in Stadtnähe... das hörte sich nicht unbedingt beruhigend an.

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  • Wald - 11:15 Uhr


    Der Weg war nicht besonders weit von Kevins Wohnung aus entfernt. Semir fuhr durch einige Seitenstraßen und gelang dann auf einen Forstweg. Er war gesäumt von den ersten blühenden Blumen und leicht grünlichen Büschen, bevor die ersten Bäume kamen... noch etwas licht, aber man spürte dass langsam der Frühling einsetzte. Der BMW wackelte über den Feldweg hin und her, er war für diese Art der Straße nicht unbedingt ausgelegt. Ben konnte das beklemmende Gefühl im Magen nicht wegdiskutieren und der junge Polizist sah stumm aus dem Auto hinaus. "Was will er hier im Wald? Jogging?", überlegte Semir laut und bog in einen weiteren Waldweg, in Richtung der betreffenden Funkzelle. "Ich hoffe es...", murmelte Ben und wurde von seinem Freund angeschaut. Semir verstand Ben, auch er machte sich Sorgen um den jungen Kollegen und er wusste auch dass Ben und Kevin sich enger angefreundet hatten bei diesem schicksalshaften Einsatz im Winter. Andrea hing am Telefon und konnte mithören, Semir hatte die Freisprecheinrichtung eingeschaltet. "Ihr müsstet gleich an eine Gabelung kommen, dort müsst ihr rechts fahren.", kam ihre Stimme aus dem Radio und ihr Mann konnte die Gabelung bereits sehen. Der Wald wurde dichter, die Luft kühler. Am Wegesrand blühten erste Blumen, die Bäume bekamen erstes Blätterkleid und die Vögel trauten sich langsam, ihren alltäglichen Gesang anzustimmen. "Jetzt beginnt die Zelle direkt rechts von euch. Sie ist leicht ovalförmig, ca 1 km lang und 700m breit.", wies die Sekretärin der Autobahnpolizei die beiden Polizisten an und Semir stoppte den Wagen. "Da müssen wir zu Fuß gehen. Wir melden uns wieder." "Alles klar." Auch in Andreas Stimme lag ein weing Sorge um Kevin, bevor sie den Hörer auflegte.


    Als die beiden Autobahnpolizisten ausstiegen empfing sie der Wald mit seiner frischen, etwas kühlen Luft und vielen Vogelstimmen, die in den blühenden Bäumen saßen. Ben spürte, wie seine Hände ein wenig feucht und eiskalt waren, als die beiden den Wald durchstreiften und sich aufmerksam umsahen. Irgendwie hatte Ben ständig das Gefühl, dass er hinter einer Baumgruppe Kevin mit einem Strick um den Hals am Baum hängen sah und er versuchte krampfhaft, sich und seinen Atem zu beruhigen. Unter ihnen raschelte der Waldboden, der Sand, und noch viele alte braune Tannennadeln, die den Winter überstanden hatten. "Versuch nochmal anzurufen.", meinte Semir nach einer Viertelstunde. Ben ergriff sein Handy, wählte Kevins Nummer und wartete. Sofort kam die Mailboxansage, ein Signal dafür dass das Handy ausgeschaltet war. Der junge Kommissar ließ den Arm sinken und schüttelte resignierend den Kopf. Dann erblickte er sie. Sie lag hinter einen Baumgruppe und war wegen ihrer bräunlich-grünen Farbe sehr schwer zu erkennen. "Schau mal, da hinten ist eine Hütte.", sagte er zu seinem Kollegen und richtete den Arm in die betreffende Richtung. "Lass uns mal schauen."
    Mit mulmigen Gefühl schritten die beiden Polizisten zur Hütte. Es war eine Art Gartenhäuschen, ein wenig größer, und man konnte sicher einige Zeit hier verbringen. Die Holztür war verschlossen, einige Fenster mit Kreuzgitter waren allerdings mit Moos bewachsen und schlecht durchschaubar. Ben versuchte einen Blick hinein zu werfen, konnte aber nichts rechtes erkennen. Semir, der um die Hütte herumschritt, erschrak plötzlich als er auf etwas hartes trat, was ein wenig krachend nachgab. Er blickte nach unten, ging in die Hocke und hob den Gegenstand auf. "Scheisse...", murmelte er und Ben sah zu seinem Freund, der stumm den Gegenstand hochhielt, damit Ben ihn sah. Der ließ den Mund offenstehen, die Augen wurden groß und für einen Moment verharrte er zur Salzsäule. Kevins Handy... Spätestens jetzt war klar, dass hier etwas nicht stimmte.


    Semir steckte das Handy in die Tasche und zog seine Waffe. Ben tat es ihm gleich, es war eine stumme Kommunikation zwischen den beiden langjährigen Freunden als sie langsam zu der Holztür gingen. Sie wollten es riskieren einen Blick in die Hütte zu werfen. Der große Kommissar hoffte, dass sie Kevin drinnen finden würden - und irgendwie hoffte er es auch nicht. Semir nickte und sein Partner trat mit einem wuchtigen Fußtritt gegen die Tür. Das Holz am Rahmen gab sofort nach und splitterte, die Tür wurde durch nichts mehr gehalten und ging nach innen auf. Vorsichtig, mit gezückten Waffen durchschritten die Polizisten den karg eingerichteten Raum. Ein Tisch, drei Stühle, eine Matratze... sonst nichts. Keine Hinweise auf dem Boden, kein Hinweis darauf dass Kevin hier war. Semir schritt zu einer weiteren Holztür, die entweder wieder nach draussen würde oder in einen zusätzlichen Raum. Vorsichtig umgriff er die Klinke und mit der anderen Hand fasste er seine Waffe fester. Sein Atem war ruhig, er zwang sich dazu als er langsam die Klinke nach unten drückte und die Tür öffnete. Ein weiterer, viel kleinerer Raum, in dem sich nichts und niemand befand. Semir atmete durch, sah sich kurz um, doch ausser einem Stahlring an der Wand war nichts was ihn interessierte vorhanden. Ben erschien hinter ihm im Türrahmen, als der kleinere Polizist den Stahlring begutachtete. "Da könnte man durchaus jemanden festbinden.", sagte er murmelnd. Ein zustimmendes Nicken ging von Ben aus, der sich beinahe sicher war dass Kevin hier war... aber wo war er jetzt? Beide Polizisten waren mehr als nur bedrückt, als sie den Weg zurück zum Auto antreten wollten, als Semir plötzlich stehenblieb. "Schau mal.", rief er aufgeregt. "Hier sind jede Menge Reifenspuren!"

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    Wie sie.


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