Auferstanden

  • Hey ho,


    Ich hab mich nun doch entschieden, meine Story direkt während dem Erstellen zu veröffentlichen. Hoffe, dass ich Zeit und Kreativität halten kann, dass ich regelmäßig was zum Posten habe.
    Es ist eine Semir-Ben - Story, in der aber auch mein eigener Kommisar Kevin wieder mit von der Partie sein wird.


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    Dienststelle – 10:00 Uhr


    „Wenn hier nicht bald etwas passiert, melde ich mich bei der Eskimo-Polizei an.“ Semir’s Stimmung klang unterkühlt, und das passte exakt zu seinem Gemütszustand, und zu der Gemütslage der gesamten Dienststelle. Ausgerechnet in der ersten richtig kalten November-Woche streikte in der gesamten Autobahnpolizei die Heizung. Ben und Semir sassen in ihren Lederjacken im Büro, Andrea draussen im dicken Rollkragenpulli und die beiden Polizisten Dieter Bonrath und Horst „Hotte“ Herzberger hatten sich die grünen Strickpullover übers beige Hemd gezogen, inklusive schwarzer Lederjacke. Ben reagierte gewohnt locker auf Semirs Schimpferei: „Das käme von der Größe ja hin.“ „Witzig.“, gab sein türkischstämmiger Kollege zur Antwort. Er schaute auf den Parkplatz, und sah die ersten Schneeflocken im Wind tanzen. Kalt genug war es ja durchaus.


    Anna Engelhardt, die Leiterin der Autobahnpolizei, kam ihm langen Mantel und dicken Schal um den Hals aus ihrem ebenfalls eiskalten Zimmer durch das Büro. „Herzberger! Sie rufen jetzt nochmal diesen Heizungsbauer an, und sagen ihm: Wenn er in spätestens einer Stunde nicht hier ist, komme ich persönlich bei ihm vorbei. Und das darf er als Drohung auffassen.“, gab sie missmutig Anweisungen an ihre Beamte. Hotte, Autobahnpolizist durch und durch, nickte und griff sofort zum Telefon. Die Chefin setzte ihren Gang fort bis ins Büro von Semir und Ben. „Was machen sie noch hier, es ist Zeit für ihre Runde. Los, los, im Auto haben wenigstens SIE warm.“ Semir verdrehte die Augen ob der schlechten Laune seiner Chefin, die sich auch nicht besserte als Ben sagte: „Ja, soweit habe ich noch gar nicht gedacht.“ Und sofort aufstand. „Schön, wenn ich meinen Beamten bei den einfachsten Gedankengängen auf die Sprünge helfen muss.“, sinnierte die Chefin leicht gereizt und verschwand wieder in ihrem Büro. „Mann, die Kälte schlägt der ganz schön aufs Gemüt.“, raunte Semir zu Ben, während sie das Büro verliessen. Vorher drückte Semir seiner Frau Andrea noch einen Kuss auf die Wange. Egal wie kalt es im Büro war, Andrea war einfach froh endlich wieder zu arbeiten. Ayda in der Grundschule und Lilly im Kindergarten, endlich konnte die Sekretärin zumindest halbtags wieder ihrem gewohnten Job nachgehen.



    Autobahn – 10:30 Uhr


    Die Chefin hatte recht. Wenigstens im Auto war es warm. Semir drehte die Heizung in seinem silbernen BMW auf Anschlag, als die beiden ihre tägliche Autobahnroute abfuhren. Es war ein ruhiger Tag, alle Menschen schienen obgleich des ungewohnten kalten Wetters in einer Art Schockstarre zu sein. Es war, um diese Uhrzeit, sehr wenig Verkehr. „Hast du eigentlich nochmal etwas von Kevin gehört?“, fragte Ben in Richtung seines Partners. Kevin war ein Polizist der Mordkommision und war hatte Semir bei einem Mordfall unterstützt, als Ben auf einer Fortbildung war. Dabei hatte er eine Affäre mit der gesuchten Mörderin, die einem Rachefeldzug gegen ihn selbst zum Opfer fiel. Danach hatte Kevin sich vorerst vom Dienst freistellen lassen. Semir wiegte den Kopf hin und her. „Wir haben einmal telefoniert, als er erzählte dass er eine Auszeit nimmt. Mehr leider nicht.“ Semir dachte zurück an die damalige Horrornacht in der alten Gießerei. „Denkst du, dass er nochmal in den Polizeidienst zurückkehrt?“, hakte Ben nach. Wieder nur konnte Semir den Kopf hin und her wiegen und die Schultern zucken. „Ich weiß nicht. Ich hoffe es. Ich kenne Kevin jetzt natürlich nicht in- und auswendig, aber bei ihm hätte ich leichte Bedenken, dass er auf die schiefe Bahn geraten würde…“ Damit untertrieb Semir nicht. Kevin war vor seiner Polizeizeit als Jugendlicher mehrfach straffällig geworden wegen Drogenbesitz. Ausserdem hatte er seine früheren Kontakte zu Dealern und einigen Leuten im Rotlicht-Milieu nie abreissen lassen. In dem Mordfall, den Semir und Kevin bearbeiteten hatte dies geholfen. „Wie meinst du das?“, fragte Ben in Richtung Semir, der gerade antworten wollte, als das Funkgerät Andreas vertraute Stimme wiedergab: „Zentrale für Cobra 11“. Ben nahm das Funkgerät und meldete sich pflichtbewusst. Endlich rührte sich mal etwas: „Cobra 11 hört.“ „Schusswechsel auf einem Rastplatz bei Kilometer 33.“, gab die Sekretärin durch, und Semir trat sofort aufs Gas. „Wir übernehmen, Ende.“, gab sein Kollege Ben zur Antwort und schaltete die Blaulichtanlage in der Frontscheibe des BMWs an. Zum Glück war um diese Zeit der Berufsverkehr um diese Zeit bereits vorbei, und die Autobahn recht frei. Die beiden Autobahnpolizisten trafen gerade auf dem Rastplatz ein, als sich ein dunkelblauer BMW vom Rastplatz wegbewegt und schräg zu den beiden Polizisten in entgegengesetzter Richtung in ein Waldstück abbog. Semir schaute in die Richtung des Wagens, denn er hatte sich angewöhnt sofort konzentriert zum Fahrer zu schauen. Was er diesmal allerdings sah, ließ ihn den Atem stocken. Das KONNTE, das DURFTE nicht wahr sein. . Vor lauter Schock sah er dem Wagen hinterher, nahm in Gedanken sogar den Fuß vom Gas, bis er die Stimme seines Kollegen hörte. „Semir, halt an!!“ Im Gegensatz zu dem hatte Ben nämlich seine Konzentration nach vorne gerichtet, wo ein Mensch am Boden lag, und sich nicht rührte. Jetzt ergriff auch Semir wieder seine Konzentration, und sein Kopf schnellte wieder nach vorne, nur Sekundebruchteile danach stand der silberne BMW. Ben stürzte sofort aus dem Auto zur am Boden liegenden Person, die auf dem Rücken in einer Blutlache lag. Semir blieb wie angewurzelt im Wagen sitzen, schaute mit offenem Mund und völlig entgeistert in die Waldeinfahrt, wo der dunkelfarbene Wagen längst verschwunden war.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Ben beugte sich über die Person, einen etwa 30-35jährigen Mann, und versuchte mit zwei Fingern am Hals den Puls zu fühlen. Aus zwei Brustwunden sickerte das Blut unaufhörlich, und die weißlich-fahle Gesichtsfarbe liess bereits befürchten, dass die beiden Autobahnpolizisten zu spät waren. „Verdammt.“ Der junge Cop sah auf, und bemerkte, dass Semir die Verfolgung überhaupt nicht aufgenommen hatte. Normalerweise war es zwischen den beiden üblich, dass sich einer um die Verletzen kümmerte, und der zweite den Flüchtigen, sofern es einen gab, verfolgte. Doch Semir sass immer noch auf dem Fahrersitz, bis Ben seinen Namen in aller Deutlichkeit herüberschmetterte: „SEMIR?? Schläfst du mit offenen Augen?“ Als hätte er ihn aufgeweckt, schreckte Semir hoch und sah in Richtung seines Kollegen. Jetzt war natürlich alles zu spät, der Wagen war weg. Der türkische Kommisar klappte den Mund wieder zu, legte beide Hände aufs Lenkrad, und atmete ganz tief durch. Du hast dich verguckt. Du hast ihn überhaupt nicht richtig erkannt. redete er sich immer wieder ein, und stieg langsam aus dem Fahrzeug, um sich zu Ben und der Leiche zu bewegen. Der wiederum rief mittlerweile über Handy Notarztwagen und Spurensicherung. Er war gerade fertig, als Semir sich nach unten beugte, um den Toten zu mustern. Langsam kam seine eigene Gesichtsfarbe zurück. „Was war denn plötzlich los?“, wollte Ben wissen. Seine Stimme klang in einer Mischung aus Ärger und Besorgnis. Semir fand zunächst nicht die richtigen Worte. „Ich… nichts.“, kam leicht stockend über seine Lippen. Als Ergebnis erntete er von Ben einen ungläubigen Blick, doch Semir wollte sofort ablenken und schaute in den Jackentaschen des Toten, ob er etwas nützliches finden konnte. Er hatte sich, er musste sich einfach verguckt haben, und deshalb sagte er Ben nicht, was er zuerst gesehen hatte. Ben gab sich damit natürlich nicht zufrieden. „Nach Nichts sah dein Gesicht und deine Reaktion aber nicht gerade aus.“, sagte er ohne Anstalten zu machen, Semir beim Durchsuchen zu helfen. „Es war aber nichts. Ich habe versucht den Fahrer zu erkennen, habe aber nichts gesehen.“, wurde Ben sofort abgebügelt, und sein türkischer Kollege zog eine Brieftasche aus der Innentasche des Mannes. „Und warum hast du den Wagen nicht verfolgt?“, stellte Ben nun die Frage, während Semir die Brieftasche aufschlug. „Der war doch direkt weg.“, war die erneut kurz gehaltene Antwort von Semir. Ben merkte, dass sein Kollege auf stur schaltete und beendete das Fragespiel mit einem Kopfschütteln. Er vertraute Semir, wahrscheinlich mehr als irgendeinem anderen Menschen auf der Welt, und er hoffte darauf, dass Semir mit der Sprache rausrücken würde, wenn es an der Zeit dafür war. „Wen haben wir hier?“, fragte er dann die nächste Frage, auf die er aber eine weitaus freundlichere Antwort bekam, denn Semir hatte bereits den Personalausweis des Toten in der Hand. „Timo Kressner, 37 Jahre alt, wohnt in Köln-Kalk.“, las Semir von dem Ausweis vor. Er betrachtete den Toten erneut, der eine bereits ältere verschlissene Jacke und eine schmutzig-schmuddelige Hose trug. „Von der Kleidung passt er in die Gegend.“, meinte Semir, der als Sohn eines Gastarbeiters selbst dort aufwuchs. Ben erhob sich währenddessen wieder in die Senkrechte und schaute sich um, während Semir sein Handy zückte. „Hallo, mein Schatz.“, begann er, wie üblich, das Gespräch mit Andrea. „Kannst du mal bitte den Namen Timo Kressner, wohnhaft in Köln-Kalk, durch den Computer jagen und mir alles auflisten, was du herausfinden kannst? Vor allem Familienangehörige, die müssten wir informieren.“ Andrea notierte sich den Namen und erkundigte sich, was denn nun am Rastplatz passiert sei. Semir berichtete nur kurz, dass man Kressner hier gefunden hatte, und dass ein Wagen geflohen sei. Ben spitzte seine Ohren ganz genau, aber auch gegenüber Andrea berichtete Semir nichts davon, was ihn so erschrocken hatte. Stattdessen fiel Ben ein Wagen am anderen Ende des Rastplatzes ins Auge. Es war der einzige Wagen auf dem gesamten Parkplatz. „Semir, das Auto da hinten könnte dem Toten gehören.“, meinte Ben als er sich in Richtung des Wagens in Bewegung setzte.


    Es war ein alter hellblauer Ford Escort, an vielen Stellen verrostet, ein handlanger Riss in der Frontscheibe. Ben ging um den Wagen und murmelte zu sich selbst: „Über den TÜV wäre die Karre nicht mehr gekommen.“ Er beugte sich etwas nach vorne, um durch die Seitenscheiben zu sehen, konnte aber nicht viel erkennen, was ihm helfen könnte. Semir blieb bei der Leiche, bis die ersten Einsatzwagen eintrafen, der Krankenwagen folgend. Der türkische Polizist überließ den Helfern das Feld, während die uniformierten Kollegen den Tatort absperrten. Viel konnten die Medizinmänner aber nicht mehr ausrichten, ausser den Tod des Mannes feststellen.


    Keine 5 Minuten später hielt auch ein weißer Honda mit Blaulicht auf dem Dach am Tatort, und ein schlank, aber muskulös gebauter Mann stieg aus. Er war erst Ende 20, bereits Kommisar, was man ihm vom äusserlichen wohl nie angemerkt hätte. Seine abstehenden Haare, sein Ohrring und seine Lederjacke hätte ihn wohl eher in die Richtung eines jungen Rockstars abgeschoben, doch Kevin Peters war Polizist der Mordkommision, und Semir gut bekannt. Mit Kevin stieg ein älterer, übergewichtiger Mann aus, mit lichten Haaren und üppigen Bartwuchs. Ein Polizist auf der Zielgeraden der Karriere offenbar, nicht mehr allzu motiviert und nur noch darauf bedacht, die letzten 3 Dienstjahre möglichst ruhig über die Zeit zu bringen. Kevins meist ernst und melanchonische Miene, die zu seinem, nach aussen oft ruhigen und unantastbaren Wesen passte, hellte sich auf, als er Semir sah. Auch dem wurde ein Lächeln aufs Gesicht gebracht, waren doch seine Befürchtungen, die er gegenüber Ben vorhin im Auto aussprach unnötig. Die beiden Polizisten gaben sich die Hände. „Hi Semir.“, begrüßte Kevin seinen ehemaligen Kurzzeitpartner. „Hallo Kevin. Schön, dich wieder im Dienst zu sehen.“, gab ihm Semir zur Antwort, und äusserte seine wahren Gefühle in diesem Moment. Kevin war in seiner Jugend bereits durch Drogen auf der schiefen Bahn, und Semir konnte sich vorstellen, wie schnell jemand mal rückfällig werden konnte, wenn einem das tägliche Leben abhandenkommt. Ben kam gerade von dem Wagen zurück und begrüßte Kevin ebenfalls per Händedruck. „Habt ihr schon was gefunden?“, fragte Kevin dann in Richtung der beiden Autobahnkommisare, während langsam sein dickbäuchiger Kollege dazukam. „Der Tote heisst offenbar Timo Kressner und wohnt in Köln-Kalk. Wir wollten gerade zu seinen Angehörigen fahren, und…“, weiter kam Semir nicht, den Kevins Kommisarkollege, der auf den Namen Erwin Poltz hörte, unterbrach ihn. „Brauchen sie nicht. Ab jetzt übernehmen wir.“ Kevin, der mit dem Rücken zu Erwin stand, verdrehte genervt die Augen. Semir brauchte kein Gedankenleser zu sein, um herauszufinden dass Kevin nicht besonders gut mit seinem älteren Kollegen zurechtkam. Kevin hielt nichts von Autoritäten, und dieser Mann machte den Eindruck, als würde er seine Amtsüberlegenheit gerne nutzen. „Moment, der Mord passierte auf unserer Autobahn.“, hakte sich Ben, der ebenfalls nicht auf den Mund gefallen war, sofort ein. „Also ist das auch ein Fall für uns.“ Ein kalter Blick traf Ben Jäger und Erwin Poltz gab sofort Contra: „Lösen sie erst mal so viele Mordfälle wie ich, dann dürfen sie entscheiden wessen Fall das hier ist.“ Bevor Ben die Situation noch weiter hochschaukeln konnte, hob Semir beschwichtigend die Arme: „So, ist gut jetzt. Sie machen ihre Arbeit, wir machen unsere. Komm Ben.“ Dabei zog er Ben leicht am Arm und zwinkerte Kevin mit einem Lächeln kurz zu. Dies entlockte Kevin ebenfalls ein Lächeln, als hätte er dieses kleine Zeichen verstanden. Kurz bevor Semir und Ben am Dienstwagen ankamen, drehte sich der Kommisar noch einmal um. „Ach Kevin. Deine Kiste, die du in deiner alten Wohnung gefunden hast, steht immer noch unter meinem Schreibtisch. Du hast noch gar nicht reingesehen.“ Kevin antwortete Semir: „Stimmt. Ich heute nachmittag mal kurz vorbei.“


    Danach steigen die beiden Polizisten ins Auto, und Ben ließ seiner Zunge gleich freien Lauf: „Hat der Typ jetzt gesagt: „Lösen sie erst mal so viele Mordfälle wie ich“, oder „Essen sie erst mal so viele Cheeseburger wie ich“ Aufgeblasener Wichtigtuer.“ Semir musste lächeln ob Bens Tatendrang diesen Fall selbst zu übernehmen. „Ganz ruhig, junger Padavan. Bevor die Chefin uns nicht abzieht machen wir ganz normal unseren Job.“

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Timo Kressner’s Elternhaus – 11:30 Uhr


    Andrea hatte über Funk die Adresse von Timo’s Mutter übermittelt. Timo’s Vater war bereits seit dessen 7ten Lebensjahr tot. Außerdem war es auffällig, dass Timo erst seit 3 Wochen in Köln gemeldet war und vorher entweder ohne festen Wohnsitz oder außerhalb Deutschlands lebte. Semir und Ben hielten an der genannten Adresse an und drückten auf den Klingelknopf. Das kleine Häuschen war recht alt und sah von außen baufällig aus. Eine grauhaarige alte Frau öffnete die Tür, und sah die beiden Polizisten verwirrt an. „Ja bitte?“, fragte sie recht freundlich, machte aber einen unsicheren Eindruck: „Guten Tag, mein Name ist Semir Gerkhan, das ist mein Kollege Ben Jäger, wir sind von der Polizei.“, stellte sich Semir vor, und beide zeigten ihren Dienstausweis. Als die Frau das Wort „Polizei“ hörte, wurde ihr Gesichtsausdruck noch ein wenig unsicherer. „Es geht um ihren Sohn Timo Kressner. Sie sind doch Martha Kressner, oder?“ Ein unsicheres leichtes Nicken war die Antwort auf Semirs Frage. „Dürften wir vielleicht kurz reinkommen?“. Wortlos machte die ältere Frau den Weg frei für die beiden Kommissare, und die setzten langsam einen Schritt vor den nächsten in den dunklen, muffig riechenden Flur. Das Haus war typisch eingerichtet für ein Haus aus den 50er Jahren, dunkle Tapeten, alte abgewohnte Möbel und altmodische Lampen. „Bitte“, hörten sie die müde wirkende Stimme der Frau hinter sich, die damit andeutete, dass die beiden Kommissare doch bitte ins Wohnzimmer vorgehen sollten. Auch hier bedrückte die Atmosphäre die Stimmung, die Rolläden waren halb herunter, es war stickig, und der Staub lag auf der dunkelgründen Coachgarnitur aus den 60er Jahren. Schlurfend ging die Frau zurück auf ihren Fernsehsessel, und Ben sah Semir wiederrum unsicher an. Die Übermittlung einer Todesnachricht war immer ein schwerer Gang, aber diese eigenartig bedrückende Stimmung in diesem Haus zusammen mit dieser Frau machte die ganze Sache noch unangenehmer. „Tja, Frau Kressner, wir kommen leider in einer sehr traurigen Angelegenheit… Wir haben heute Morgen ihren Sohn, Timo, tot aufgefunden.“ Der müde Blick der Frau ging langsam von dem alten Röhrenfernseher weg zu Ben und Semir. Nur einige Sekunden hielten die Augen stand, dann wanderten sie zurück. Ansonsten kam keine Reaktion der älteren Frau. Es war, bis auf das Gedudel eine Gameshow, die im Fernseher lief, eine gespenstische Stille, und Ben spürte die Unbehaglichkeit in seinem Bauch. „Haben sie verstanden, was wir gesagt haben, Frau Kressner?“, fragte Semir, der sich ebenfalls unwohl fühlte. Manchmal war es ihm lieber, die Angehörigen fingen an zu weinen, oder zu schreien, oder zeigten überhaupt eine Reaktion. Diese Reaktion aber überforderte sogar Semir ein wenig. Auf seine Frage nickte die alte Frau, und ein schwaches „Ja“, kam über ihre Lippen. Die Augen wiederrum bewegten sich nicht vom Fernseher weg.


    Ben gab Semir ein wortloses Zeichen, dass er sich ein wenig in der Wohnung umsehen würde und trat aus dem Raum. Er ging langsam in die Küche, wo es weniger stickig, dafür aber unangenehm nach Essensresten roch. Offenbar war die alte Frau völlig hilflos mit sich selbst, vielleicht auch krank. Semir versuchte währenddessen, der Frau vielleicht doch einige Worte zu entlocken. „Ich muss ihnen leider noch ein paar Fragen stellen.“, begann er vorsichtig, und hoffte auf eine Reaktion. „Wann haben sie ihren Sohn denn das letzte Mal gesehen?“ Wieder schienen sich nur die Augen zu bewegen, die vom Fernseher weg in eine undefinierbar Richtung verschwanden. Die Hände, die die Frau auf die Sofalehnen gelegt hatte, sowie ihr restlicher Körper reagierte kaum. „Vor 20 Jahren.“, war ihre leise und knappe Antwort. Offenbar hatte der Mann sein Heim als Jugendlicher früh verlassen, und sich seither nicht mehr blicken lassen. Semir runzelte kurz die Stirn. „Wissen sie denn, wo er die ganze Zeit über gelebt hatte?“ hakte er dann weiter nach, doch die Reaktion fiel erneut sehr spärlich aus. Nur ein stummes Kopfschütteln war die Antwort. Ben dagegen kam aus der Küche zurück und hielt Semir eine kleine Plastikschachtel unter die Nase. „Escitalopram“, murmelte Semir leise und Ben nickte. „Wird bei Depressionen verschrieben.“ Als beide Kommissare von der Schachtel aufblickten lag Mitleid in ihren Gesichtern. Die Augen der Frau waren wieder auf den Fernseher gerichtet. „Hier werden wir nichts erfahren, Ben. Der hat sich seit 20 Jahren hier nicht gemeldet.“, murmelte Semir leise und sprach dann mit fester, lauterer Stimme zu der Frau. „Sollen wir einen Polizei-Seelsorger zu ihnen schicken, Frau Kressner?“ Es war Semirs Pflicht bei Todesnachrichten an enge Angehörige diese Frage zu stellen, auch wenn er bei Frau Kressner eher weniger damit rechnete, dass er benötigt würde. Doch bei dieser Frage zeigte die Frau etwas mehr Reaktion. Ihr Kopf bewegte sich und schaute herüber zu den beiden Kommissaren. Die Unbehaglichkeit wuchs bei Ben und Semir, als der Frau langsam ein wenig die Gesichtszüge entglitten und die Augen sich mit Tränen füllten. „Mein Sohn ist tot… mein Sohn ist tot.“, begann sie plötzlich herzzereißend zu jammern und ließ ihren Tränen freien Lauf. Ohne jede Hemmungen weinte sie laut, schluchzte und zitterte. Ben zog sofort sein Handy um den Polizei-Seelsorger herein zu bitten, den man vorher bereits verständigte und der, wie üblich, erst mal im Auto vor dem Haus wartete. Beide Männer überzog es bei dem Anblick der wimmernden und weinenden alten Frau mit Gänsehaut. Nicht weil sie den Tod ihres Jungen beweinte, sondern ob ihres brutalen Wandels vom lethargischen Desinteresse zur abgrundtiefen Traurigkeit. Eindeutig handelte es sich hier um eine arme schwer kranke Frau, und obwohl man ihr gerne helfen wollte, waren Semir und Ben einfach nur froh, als sie wieder im Auto saßen, und ohne ein Wort zu wechseln zurück zur PAST fuhren.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


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    Edited once, last by Campino ().

  • Kevin's Wagen - 12:00 Uhr


    Kevin und Erwin hatten ihre Arbeit am Tatort abgeschlossen. Die Spurensicherung war noch vor Ort, und setzte ihre Arbeit fort, abschliessende Ergebnisse würde man eh erst am nächsten Tag bekommen. Fakt war, dass der Mord nur kurze Zeit vorher passiert war, denn die Temperatur der Leiche war noch recht hoch, und auch sonst gab es keine Anzeichen eintretender Leichenstarre oder Flecken. "Zu dumm, das gerade niemand auf dem Parkplatz war.", murrte der dicklicke Kommisar auf dem Beifahrersitz und Kevin nickte stumm. Beide Kommisare waren auf dem Weg zu Timos Elternhaus, um dort die Ermittlungen aufzunehmen. "Das war also der Polizist, mit dem du deinen letzten Einsatz hattest?", fragte Erwin dann etwas spöttisch, als Kevin den Wagen an einer roten Ampel anhielt. Man musste kein Psychologe sein, um herauszuhören dass weder Erwin die Frage positiv meinte, noch das Kevin gewillt war ausführlich zu antworten. Über die Lippen des jungen Polizisten kam nur ein knappes "Ja", und Kevins Körperhaltung deutete auf Ablehnung hin, denn er hatte den Ellbogen an die Kante des Seitenfensters gestemmt und den Kopf auf die abgewinkelte Hand gelegt... die Ohren möglichst weit weg von Erwin. Der allerdings ließ erstmal nicht locker. "Halt dich am besten von ihm fern. Du weißt ja, wo das hingeführt hat." Nun bewegte Kevin den Kopf und drehte ihn mit kaltem Blick in Richtung Erwin. Währenddessen knipste sich das gelbe Licht der Ampel zusätzlich zum roten Licht an. "Was hat das mit Semir zu tun? Er und die Chefin haben mich aus der Scheisse geholt." Ein kurzer verächtliches Lachen war Erwins Antwort und Kevin presste die Backenzähne aufeinander. Das Signal zum Losfahren leuchtete auf, und Erwins einzige Antwort auf Kevins Reaktion war ein kurzes provozierendes: "Es ist Grün." Kevin sah langsam wieder nach vorne, und ließ sich Zeit damit, wieder loszufahren.



    Timo Kressner's Elternhaus - 12:10 Uhr


    Kevin musste auf der gegenüberliegenden Straßenseite anhalten, denn der Gehweg vor der Adresse, die sie aus ihrem Präsidium bekommen hatten, war bereits belegt. Ein großer weiß-roter Kastenwagen mit bekanntem Blaulicht, und ein, in gleichen Farben lackiert und beklebter Kombi mit der Aufschrift "Notarzt" parkten vor dem Anwesen. "Na super...", seufzte Kevin, als er die Zündung abstellte und den Schlüssel aus dem Schlüsselloch zog. "Wollen mal sehen, was los ist.", meinte Erwin und schälte sich unter leichtem Stöhnen aus dem Auto. Die völlig ungleichen Kommisare, Erwin in Stoffhose, Krawatte, Strickweste und weiter Anzugjacke und Kevin in leicht verschlissener Jeans, Kapuzenweste und Lederjacke, betraten langsam den Gehweg und schauten durch die offene Tür des Hauses. Sofort wurde Kevin von der stickigen und bedrückende Atmosphäre des Hauses berührt, obwohl er nur an der Schwelle zum Flur stand. "Hallo, was machen sie hier?", hörten sie eine Stimme hinter sich, und Kevin drehte sich als erstes um. Ein Krankenhelfer, der offenbar gerade einen zweiten Arztkoffer aus dem Notarztwagen holte, stand hinter ihnen. Dann drehte sich auch Erwin um, und zog sofort seinen Ausweis: "Poltz, Mordkommision. Wir wollten die Bewohner dieses Hauses vernehmen." Kevin blieb erstmal unerwähnt, zeigte aber dennoch stumm auch seinen Dienstausweis. Ein kurzer Blick des Krankenpflegers über die Plastikkärtchen wurde von einem ebenfalls stummen Nicken begleitet. "Das wird schwierig. Die Dame hat einen absoluten Nervenzusammenbruch inklusive Kreislaufkollaps. Da wird keine Befragung möglich sein. Darf ich?" Ohne eine Antwort abzuwarten drängte sich der Helfer an den beiden Kommisaren vorbei ins Haus, die dem Mann dann auch ins Wohnzimmer folgten. Als sie eintraten sahen auch sie die Bescherung. Die Dame lag neben ihrem Fernsehsessel am Boden, zwei Helfer und der Notarzt um sie herum. Eine Kanüle war schon gelegt, der Tropf schon in der Hand eines Helfers, und die Frau wurde gerade transportfähig gemacht. Kevin und Erwin ernteten einen ärgerlichen Blick des Notarztes als sie hereinkamen, doch der Pfleger sorgte sofort für Klarheit: "Schon okay, sind Polizisten." Ein kurzes Nicken des Notarztes, und sofort galt alle Konzentration wieder der alten Frau am Boden, die nur leise vor sich hinwimmerte. Erwin erkannte ihm Hintergrund einen der ihm bekannten Notfallseelsorger und trat auf den Mann zu: "Wie kommen sie denn hierher? Wer hat sie gerufen?" Der Kommisar klang nicht freundlich, aber bestimmt und überrascht. "Die Kripo Autobahn hat mich beordert, zur Überbringung einer Todesnachricht.", antwortete der Notfallseelsorger wahrheitsgemäß und ahnte nicht, dass er mit dieser Antwort gerade die Stimmung des dicken Kommisars in den Keller beförderte. Kevin dagegen konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Und was haben die hier zu suchen?? Na warte...", polterte der bärtige Mann und wurde sofort vom Notarzt zur Ruhe aufgefordert. Wortlos stapfte Erwin wieder aus dem Haus, eine Befragung wäre wohl sowohl überflüssig als auch im Moment eh nicht möglich. Kevin sah seinem Kollegen nach und schüttelte nur den Kopf, bedankte sich bei dem Notfallseelsorger und folgte dann ins Freie.


    Erwin wartete schon am Auto und sein Gesicht drängte zur Eile. "Na komm schon.", motzte er in Kevins Richtung, dessen Gang sich aber um nichts beschleunigte. "Wo willst du jetzt hin?", fragte Kevin mehr aus Zweckmäßigkeit denn aus Interesse. "Wohin schon? Zur Autobahnpolizei! Den zwei Hilfspolizisten mach ich Feuer.", redete sich Erwin auf Betriebstemperatur und ließ sich in den Beifahrersitz fallen. Die Federungen des Autos ächzten und Kevin seufzte, als er ums Auto herumging um auf die Fahrerseite zu gelangen. "Was soll das bringen? Die beiden machen nur ihre Arbeit.", widersprach Kevin, als er sich ebenfalls ins Auto setzte. "FALSCH!", unterbrach Erwin ihn gereizt. "Sie machen UNSERE Arbeit." Kevin verdrehte die Augen, legte den ersten Gang ein und fuhr los. "Bei der Polizei gibt es feste Zuständigkeitsbereiche. Das wirst du auch noch lernen.", erklärte Erwin, als würde ein Lehrer zu einem Schüler sprechen. "Das weiß ich selbst. Aber hier ist doch noch gar nicht geklärt, in welchen Zuständigkeitsbereich der Mord fällt." sagte nun wiederrum der "Schüler" zu seinem Nebenmann. "War es ein Mord, oder war es kein Mord?", beharrte Erwin auf seine Richtigkeit. "Und wo passierte der Mord? Auf der Autobahn." Kevin ließ nicht locker, doch Erwin Poltz beendete das Gespräch auf seine Weise. "Hör endlich auf zu diskutieren. Ich stehe dienstlich gesehen über dir, und bin sowas wie dein Vorgesetzter, also tust du was ich sage.", wurde er nun hörbar lauter. Die Gedanken, die Kevin im Kopf umher gingen, ließ er unausgesprochen, doch das kostete ihn einiges an Überwindung.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

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    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


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    <3

  • Autobahnpolizei, Dienststelle – 12:10 Uhr


    Ben und Semir traten von der äusseren Kälte in die innere Kälte, denn die Temperaturen innerhalb der Dienststelle hatten sich noch nicht gebessert. Zwar wurde an zwei Heizkörper eifrig von zwei Männern in Blaumann herumgeschraubt, doch ein spürbarer warmer Erfolg war offenbar noch nicht eingetreten. So war es, dass die beiden Autobahnpolizisten die Jacken einfach anbehielten, und Semir seiner Frau Andrea zur Begrüßung einen recht kalten Kuss gab. „Ich hab euch über den Toten eine Akte zusammengestellt. Liegt schon in euerm Büro.“, sagte die Sekretärin, und Semir bedankte sich bei ihr mit einem warmen Lächeln. Ben nahm diese in die Hand blätterte sich durch die losen Blätter, die flinken Augen auf der Suche nach brauchbaren Informationen. Mit 16 die ersten Eintragungen im Strafregister, wegen Drogenbesitzes. Mit 20 eine kurze Haftstrafe, und dann mit 23 von der Bildfläche verschwunden. Ein großes 14 Jahre langes Loch klaffte in Timos Akte. Semir stand hinter Bens Stuhl und las still mit. Von außen konnte er Andreas Stimme hören. „Ich habe eine internationale Anfrage nach dem Toten veranlasst. So kriegen wir vielleicht raus, wo er sich in den 14 Jahren aufgehalten hat. Die Antwort kann allerdings ein paar Tage dauern.“ „Danke, mein Schatz“, antwortete ihr Mann und bekam von seinem Partner gleich ein scherzhaftes „Schleimer“ zu hören. Ben blätterte weiter, doch etwas brauchbares stieß ihm nicht mehr ins Auge. „Da gibt es wohl erst mal nicht viel, wo man ansetzen kann, was?“, gab Semir missmutig von sich, als er sich langsam von Bens Stuhl wegbewegte und sich auf seinen eigenen fallen ließ. Ben dagegen schüttelte den Kopf. „Sieht nicht so aus.“, meinte er und fügte süffisant hinzu: „Zu dumm, dass wir den Fahrer des flüchtenden Wagens nicht erkannt haben.“ Sofort spannte sich Semirs Körper an, sofort lief es ihm wieder heiß und eiskalt den Rücken herunter. Die Gedanken, die er hatte, gingen ihm seit diesem Zeitpunkt nicht mehr aus dem Kopf, er hatte sie nur erfolgreich ein wenig nach hinten gedrängt. Jetzt waren sie wieder ganz nah bei ihm, und nachdenklich drehte er den Kopf zurück, um durch die Glasscheibe ins Büro zu schauen. „Ja, wirklich zu dumm.“, meinte er ohne Emotion, betrachtete kurz Andrea, dann Hotte und Dieter. „Ich muss mal kurz zur Chefin.“, meinte Semir plötzlich und ging zielstrebig aus dem Büro. Ben wollte noch fragen, was denn los sei, doch sein Partner war bereits draussen, und öffnete die Tür zum Büro von Anna Engelhardt. Auch Andrea warf ihrem Mann einen fragenden Blick hinterher, so war Semirs Gesichtsausdruck doch gar nicht mehr so entspannt als noch vor 5 Minuten. Ben kam langsam aus dem Büro. „Was ist denn mit Semir los?“, wollte Andrea wissen. „Keine Ahnung. Er hat jemanden im Fluchtwagen gesehen, und reagierte als würde dort ein Gespenst sitzen, behauptet aber steif und fest niemanden erkannt zu haben.“, antwortete Ben. Andrea dachte stumm nach. Hoffentlich niemand aus Semirs Verwandtschaft. Als mal sein Cousin Hassan unter Mordverdacht stand, hatte Semir versucht ihn bis zuletzt zu decken, hatte damals sogar Beweismaterial verschwinden lassen. Andrea ließ die Gedanken aber erstmal unausgesprochen. Beide beobachteten, wie Semir mit der Chefin sprach, die nach den ersten Worten von Semir ebenfalls ein erst völlig perplex überraschendes Gesicht machte, welches dann langsam einem skeptischen Ausdruck wich.


    „Semir, wie können sie sich da so sicher sein?“, fragte Anna Engelhardt, nachdem sie Gedanken über Sinn und Unsinn der Vermutung ihres besten Polizisten im Kopf abwägte. „Ich bin es mir ja nicht, das ist es ja.“, sagte Semir nachdenklich. „Ich habe das Gesicht nur kurz gesehen, und wenn ich mir sicher wäre, dass er lebt hätte ich zu 100 Prozent gesagt, dass er es ist.“ Anna legte einen Zeigefinder und einen Daumen vor die Lippen, und sah auf den Schreibtisch. Eine typische Pose, wenn die Chefin intensiv nachdachte. „Aber Semir, er lebt nicht mehr. Sie haben es damals mit eigenen Augen gesehen. Sie haben nach ihm gesucht, alle haben nach ihm gesucht.“ Semir nickte stumm und versuchte an die damalige Situation zu denken. Eine Situation, die schlimmer nicht sein konnte, weil er es nicht schaffte, rechtzeitig zur Hilfe zu kommen, und den Worst Case zu verhindern. „Ich weiß, Chefin.“, sagte er leise und setzte dann, nachdem er sich auf einen der Couchsessel sinken ließ: „Ich weiß selbst nicht, was ich glauben soll.“ Doch Anna Engelhardt vertraute Semir. Er war niemand, der aus einfachen Verdacht sich solche Gedanken machen würde, und sie spürte, wie sehr Semir die Sache beschäftigte. „Versetzen sie sich in seine Lage. Sie tauchen nach 14 Jahren, in denen sie jeder für tot gehalten hat, plötzlich wieder auf. Wo würden sie sich als erstes melden?“ Semirs Augen wanderten durchs Semir, ohne einen festen Halt zu finden, als er nachdachte. „Bei meiner Familie?“ Eine Frage, die eigentlich eine unsicher wirkende Antwort war. Engelhardt nickte nachdenklich. „Eine Frau hatte er nicht. Was ist mit seinen Eltern? Verwandte?“ Semir seufzte. „Ich weiß ja nicht mal, ob er welche hat. Er hat mit mir nie über Eltern oder Verwandte geredet.“ Semirs Chefin lächelte nun, und sah Semir gespielt, vorwurfsvoll an. „Sie sind Polizist, Semir. Finden sie es heraus.“ Semir erwiederte ihr Lächeln und stand aus dem Sessel auf.


    Draußen sah er, dass Ben immer noch im Büro saß, und offenbar erneut über Timos Akte brütete, auf der Suche nach kleinen Puzzleteilen, die er vielleicht zu einem Bild zusammensetzen konnte. Erst als sein Partner das Büro betrat, hob er den Kopf. „Na, was war denn so wichtig?“, fragte er eher beiläufig. „Was? Och… ähm, da war noch etwas wegen meinem Weihnachtsurlaub zu klären.“, wich Semir aus, und setzte sich an seinen PC. Ben spürte, dass Semir nicht die Wahrheit sagte. Er sah zu seinem Partner, doch der spürte den Blick offenbar nicht auf sich ruhen, als er konzentriert einige Suchbegriffe in das Polizeiprogramm eintippte.

    Wenn Engel hassen

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    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

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    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Autobahnpolizei 12:30 Uhr


    Eine gewisse Zeit herrschte Ruhe im Büro der beiden Polizisten. Nur das Geräusch des Umblätterns seitens Ben und das markante Tippen von Semirs Tastatur waren die einzigen wahrnehmbaren Geräusche. Wären Gedanken ausgesprochene Worte, so würde man in dieser Zeit wohl sein eigenes Wort nicht mehr verstehen, soviele Gedanken gingen Semir gerade durch den Kopf, während er versuchte, das Familienleben seines ehemaligen Partners zu beleuchten. Vorrangig war immer wieder die Situation, die sich vor 14 Jahren auf Mallorca zugetragen hatte. Als sein damaliger Partner, André Fux, vom Helikopter auf das Speedboot des Erpressers Carlos Berger gesprungen ist, während Semir vehement versuchte, ihn von diesem Irrsinn abzuhalten. Als Berger und André sich auf dem Boot einen Kampf lieferten, Mann gegen Mann, und Semir die Szene hilflos vom Helikopter aus mitansehen musste. André konnte Berger bereits im Inneren des Bootes dingfest machen, bereits gezeichnet von dieser und vorherigen Auseinandersetzungen mit einigen von Bergers Handlangern. Doch der gewiefte Gangsterboss konnte sich befreien, und während die beiden erneut miteinander kämpften, zog Semir seine Waffe, denn ein ungutes Gefühl stieg in ihm auf. Lange Zeit danach hatte Semir sich die Frage gestellt, warum er nicht eher geschossen hatte. Dann würde sein Partner noch leben. Doch der türkische Polizist zögerte und zögerte, denn die Gefahr André selbst zu treffen war sehr hoch. Berger konnte André an der Rehling des Bootes zu Boden bringen, bekam eine Harpune zu fassen und feuerte diese auf André ab. Semir konnte damals nur erkennen dass André getroffen nach hinten über Bord fiel und im Meer versank. Erst dann erschoss er Carlos Berger und sprang aus 15m Höhe aus dem Hubschrauber ins Mittelmeer, um André zu helfen. Semir war vollkommen in Gedanken abgerückt in diesem Moment, so sehr dass es ihm gar nicht auffiel, dass er nicht mehr tippte sondern nur noch die Buchstaben auf seinem Monitor ansah. Er merkte auch nicht, dass Ben ihn mittlerweile beobachtete und bemerkte wie weit weg Semir mit seinen Gedanken war. Vor dem inneren Auge seines Partners lief ein Film, sein Kopfsprung ins Wasser und seine verzweifelten Rufe nach seinem Partner. Der Helikopter sank zum Wasser und der Pilot musste sogar mit Drohungen arbeiten, um Semir zurück an Bord zu bekommen. André war im Wasser nirgends mehr zu entdecken. „Das kann er nicht überlebt haben…“, murmelte Semir leise, und ihm war nicht bewusst, dass seine Gedanken just in diesem Moment zu gesprochenen Worten wurden.
    „Wer kann was nicht überlebt haben?“, hakte Ben wie selbstverständlich nach, als ob Semir bewusst mit seinem Partner geredet hatte. Semir fuhr erschrocken zu sammen, hob den Kopf schnell in Bens Richtung und machte eine verständnisloses Gesicht. „Was?“, fragte er erstaunt, als hätte er Bens Frage nicht verstanden. Sein Partner erhob sich von seinem Stuhl und kam zu Semirs Schreibtischseite. „Also entweder, du erzählst mir jetzt, was mit dir los ist…“, begann Ben katzenfreundlich, aber bestimmt. „… oder ich frage die Chefin, und die WIRD es mir erzählen.“ Semir schloss kurz die Augen. Der Engelhard hatte er nicht erzählt, dass er Ben noch nicht eingeweiht hatte. „Also gut…“, begann Semir und holte tief Luft. Er sah Ben fest in die Augen, der erwartungsvoll neben ihm stand und zuhörte. „In dem Fluchtwagen von heute Morgen, habe ich den Fahrer erkannt.“ Bens Augen wurden tellergroß. „Es war…“, sagte Semir gerade als eine laute Stimme aus dem Hauptbüro das Gespräch unterbrach.


    „Du wartest hier, das kläre ich mit Frau Engelhard alleine.“, herrschte Kriminalhauptkommissar Plotz seinen jungen Partner Kevin Peters an, der mit bitterböser Miene mitten im Büro stehen blieb. Erwin Plotz dagegen rauschte ohne Anzuklopfen ins Büro der Chefin, und die Tür war keine Sekunde im ins Schloss gefallen, als Kevin ein verächtliches „Arschloch“ über die Lippen rutschte, als er seinem Kollegen hinterher sah. Bonrath und Herzberger grüßten Kevin mit einem Nicken, sie kannten ihn ja bereits, genauso wie Andrea die nun wiederrum von Kevin mit einer Kussandeutung auf beide Wange begrüßt wurde. „Kalt habt ihr’s hier.“, meinte der junge Kommissar und unterließ es seine Lederjacke auszuziehen. Semir war um die Unterbrechung seiner Erklärung kurzzeitig sehr froh, er stand von seinem Stuhl auf um Kevin ins Büro zu bitten. Auch die beiden Kommissare begrüßten ihren Kollegen mit Händedrücke. „Wir haben gesehen, dass ihr die gleiche Idee hattet, wie wir.“, meinte Kevin und lehnte sich mit seinem Gesäß gegen den kleinen Schrank hinter Semirs Schreibtisch. „Wart ihr auch bei Kressners Mutter?“, hakte Ben kurz nach, obwohl Kevin nichts anderes meinen konnte. Der nickte und fügte hinzu: „Der Notarzt war gerade da.“ „Notarzt?“, war es nun Semir, der verständnislos fragte. Wiederrum begleitete ein Nicken Kevins Antwort. „Kreislaufzusammenbruch. Offenbar war es für die Frau ein bisschen viel, auch wenn ein Seelsorger da war.“ Semir und Ben schauten sich bedrückt an. Die Atmosphäre in dem Haus und der Zusammenbruch der Frau hatte sie bereits mitgenommen, diese Nachricht war allerdings natürlich nochmal eine Spur härter. „Im Krankenhaus ist sie jetzt wohl besser aufgehoben.“, meinte Semir. „Und dein Kollege war jetzt so freundlich dich hier vorbei zu fahren, um deine Kiste zu holen?“ Kevin musste auflachen bei dem Gedanken, dass Erwin ihm mal einen Gefallen tun könnte. „Nicht ganz…“, antwortete er. „Da geht es eher um eine Grundsatzdiskussion der Zuständigkeitsbereiche.“ „Ahja, soso.“, war Semirs Kommentar mit einem leichten Lächeln. „Habt ihr eigentlich etwas rausgefunden bei der Frau?“, war es nun Kevin vergönnt eine Frage an die beiden Autobahnpolizisten zu stellen. Semir berichtete, dass Timo sich seit 20 Jahren nicht mehr bei seiner Mutter hatte blicken lassen, und es auch keinen festen Wohnsitz oder Meldung gab. „Andrea hat eine internationale Anfrage in Umlauf gebracht. Mal sehen was dabei rauskommt.“, schloss Ben Semirs Bericht ab.


    „Achja, bevor du es wieder vergisst.“, schwenkte Semir vom Dienstlichen nun ins Private und kroch unter seinen Schreibtisch. Als er wieder auftauchte stellte er einen Karton auf den Schreibtisch. „Jetzt schau auch wenigstens mal rein.“, meinte er dann noch. Kevin hatte den Karton während seines Falles bei der Autobahnpolizei in seinem alten Büro gefunden und hier untergebracht. Reingeschaut hatte er damals allerdings nicht, und nach dem für ihn tragischen Ende des Falles auch nicht mehr daran gedacht. Er öffnete den Karton, nahm daraus allerlei Schreibtisch-Krimskrams heraus. Ganz unten lag ein kleiner Stapel Bilder, die Kevin nun durchsah. „Da sind sogar Kinderbilder von mir drinnen.“, sagte er fast verständnislos. Semir und Ben stellten sich seitlich von Kevin um einen neugierigen Blick auf das Bild eines kleinen 9jährigen Jungen zu werfen, der mit abstehenden Haaren auf der Straße stand und gegen einen Ball trat. „Die Frisur kann man nicht verleugnen“, meinte Semir amüsiert. Zwei Bilder weiter zeigten Kevin als 14jährigen hinter einem Tresen, ein Mann mit Nackenfrisur, Anzug und Goldkettchen stolz neben ihm, den Arm um die schmächtige Schulter des Jungen gelegt. Erik Peters, Bordell-Besitzer und Kevins Vater posierte stolz mit seinem Sohn. Kevins Miene war bei dem Betrachten des Fotos genauso versteinert wie seine Miene auf dem Foto. Semir kannte Kevins Gedanken, denn er wusste von dem schwierigen Verhältnis welches Kevin zu seinem Vater hatte. Seine Mutter hatte Kevin nie kennengelernt, sein Vater hatte sich lange nicht um den Jungen gekümmert. Er wuchs bei einer Tänzerin des Bordells auf, lernte früh die Gesetze der Straße, und kam in seiner Jugend auch öfters mit dem Gesetz in Konflikt. Kevin schob das Bild hinter die anderen, und seine Miene hellte wieder etwas auf. „Hier war ich 17, kurz vor dem Ende meiner Drogenzeit.“, sagte er offen. Das Bild zeigte eine Gruppe Karatekämpfer, die mit ihrem Trainer posierten. „Das war so ein Programm, was Jugendliche von der Straße holen sollte. Das hat mir damals sehr geholfen.“, fügte er noch hinzu. „Bist du dadurch von den Drogen weggekommen?“, fragte Ben. „Nicht direkt. Aber es hat mir auf jeden Fall sehr geholfen, wieder den richtigen Weg einzuschlagen. Unser Trainer hatte damals einen großen Anteil daran und hat viel mit mir gesprochen.“, antwortete Kevin. Semir war völlig still. Ben sah zu ihm herüber und zog die Stirn in Falten. Wie hypnotisiert starrte sein Partner auf das Bild, das Kevin immer noch in der Hand hielt…

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  • "Semir?", fragte Ben in Semirs Richtung, der wie hypnotisiert auf das Foto starrte, das Kevin in der Hand hielt. Auch Kevin schaute nun schräg hinter sich, weil er spürte, dass etwas mit Semir nicht stimmte. Langsam nahm Semir dem jungen Polizisten das Foto aus der Hand und betrachtete es eingehend. Für Kevin selbst oder die Karateschüler auf dem Bild interessierte er sich nicht, sondern einzig und alleine für den Trainer. Es war sein ehemaliger Kollege André, den er auch im flüchtenden Wagen erkannt hatte. André hatte damals eine Karateschule geleitet, auch öfters junge verhaltensauffällige Teenager trainiert. Das Kevin darunter war, war ein irrer Zufall. "Das ist André", sagte Semir nur kurz, während er seine Augen nicht von dem Bild wenden konnte. "Ja, so hiess unser Trainer... woher...", begann Kevin, doch Semir unterbrach ihn, kopfschüttelnd als würde er versuchen einige Gedanken abzuschütteln. "Wir... wir waren Partner." Ben ging so langsam ein Licht auf. Semir hatte öfters mal von seinen vorherigen Partnern erzählt. Von seinem schwierigen Verhältnis zu seinem eigenen Vorgänger Chris, vom smarten Jan, der seine Glück nun bei der amerikanischen Polizei suchte, von Tom, mit dem Semir eine sehr innige Freundschaft verband, und auch von André Fux. Deswegen wurde er auch deutlicher. "Du meinst, deinen Kollegen, der in Mallorca umgebracht wurde." Semir nickte heftig und legte das Foto auf den Tisch. "Davon wusste ich gar nichts...", meinte Kevin betroffen, den er hatte damals ein gutes Verhältnis zu André. Oft sagte der ihm, dass er einer der besten Schüler war, und er blieb öfters noch länger nach dem Training.
    Semirs Augen fuhren von links nach rechts durch den Raum, dann ging er schnell zur Tür des Büros und schloß sie. Er zischte leise zu seinen Kollegen: "Ich glaube, André lebt." Kevins Gesicht konnte keine Emotionen zeigen, er war einfach verwirrt. Hier wurde über seinen Trainer geredet, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, von dem er gar nicht wusste, dass er noch lebt. Ben schaute ebenfalls verwirrt. "Wie kommst du darauf.", doch genau in dem Moment, als Ben die Frage stellte, konnte er sich die Antwort selbst geben. Semir wurde schwindelig, er schwitzte und musste sich hinsetzen. Das war alles so unerwartet und plötzlich, und obwohl es keine Hinweise daraufgab, dass es wirklich André war im Auto, wurde er sich von Sekunde zu Sekunde sicherer, ihn erkannt zu haben. "Ihn hast du im Auto erkannt.", raunte Ben in Richtung Semir. Der türkische Polizist nickte heftig und schaute dann ein wenig panisch zu Kevin. "Sag deinem Kollegen nichts davon. Der hält mich sonst für verrückt. Ausserdem muss da mehr dahinterstecken, André ist kein Mörder." Kevins Blick ging durch die Fensterscheibe in Richtung Büro von Anna Engelhardt und ein spitzbübisches Grinsen wanderte über sein Gesicht. "Kein Problem", meinte er nur mit einer nickenden Geste in Semirs Richtung. Seinem ungeliebten Partner wischte er gerne eins aus.


    Anna Engelhardt hatte die hitzige Konversation mit Erwin Plotz beendet, und war raschen Schrittes mit dem dicken Kollegen im Schlepptau auf dem Weg zu ihren besten Kommisaren ins Büro. Semir wischte sich schnell den Schweiß von der Stirn, und versuchte so normal wie möglich auszusehen. Ben sass auch wieder auf seinem Platz, Kevin sass auf der Tischkante zwischen den beiden Kommisaren in der Mitte und verschränkte die Arme vor der Brust. "Meine Herren", begann sie in ihrer dominanten, aber kollegial angenehmen Art. Erwin Plotz stand neben ihr, strahlte natürlich mit seinem hochroten Kopf weniger Autorität aus. Er schien sich geärgert zu haben. "Den Fall des Mordes an der Autobahn übernimmt vorerst das Team von Cobra 11. Wir haben grünes Licht der Staatsanwaltschaft." Semir atmete unauffällig durch. Doch dann erschrack er wieder, als Anna Engelhardts Blick auf das Foto auf dem Tisch fiel, und ihr Redefluss kurz stockte. Sie hob die Augen wieder zu Semir, der einen fast verzweifelten Gesichtsausdruck machte. Unauffällig fuhr Anna Engelhardt fort: "Das Team der Mordkommision wird ihnen bei Bedarf zur Unterstützung zur Verfügung stehen." Bei diesem Satz schnaubte Erwin Plotz verächtlich. Offenbar war er wütend darüber, dass er den Fall an die Autobahnpolizei abgeben musste. Dann fiel auch sein Blick auf das Foto. "Ich erwarte, dass beide Abteilung konstruktiv und sachlich zusammenarbeiten.", machte die Chefin klar, dass sie keinerlei Differenzen duldete. Ihr Blick fiel dabei vor allem auf Erwin Plotz, der rangmäßig unter Anna stand. Der interessierte sich allerdings gerade mehr für das Foto, das er in die Hand nahm und betrachtete. "Was ist das?", war seine plumpe Frage, woraufhin Kevin genervt die Augen verdrehte. "Nichts für dich.", meinte er gereizt und zog Erwin das Bild aus der Hand, verstaute es schnell wieder im Karton. Dafür erntete er von seinem dicken Kollegen einen vernichtenden Blick. "Los, wir fahren!", maulte er Kevin an und verließ mit, für seine Statur, beachtlicher Geschwindigkeit das Büro. Kevin schüttelte grinsend den Kopf über seinen kratzbürstigen Kollegen. "Ich denke es ist besser, dass sie mitgehen, ansonsten müssen sie sich ein Taxi nehmen.", meinte die Chefin freundschaftlich lächelnd in Kevins Richtung. Er hatte ihr bei seinem Fall für die Autobahnpolizei will Kopfzerbrechen bereitet und sie musste damals große Reden schwingen um ihn im Polizeidienst zu halten. Kevin grinste wieder und zog seinen Schlüssel aus der Lederjacke. "Der fährt ohne mich nirgends hin.", sagte er und hörte am Fenster zum Parkplatz bereits laut seinen Namen brüllend. Auch Ben musste grinsen, Semir sah immer noch sehr bleich drein...

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  • Kevin wollte Erwin allerdings nicht unnötig reizen, ansonsten würde der Rest des Tages sicherlich nicht angenehm für ihn verlaufen. So verabschiedete er sich mit einem kurzen „Wir sehen uns“, von Ben und Semir und mit einem Nicken von Anna Engelhardt. Mit dem Karton unter seinem rechten Arm verließ Kevin die PAST und steuerte seinen Dienstwagen an, neben dem Erwin Plotz mit hochrotem Kopf bereits wartete. „Was bildet sich diese Frau eigentlich ein?“, schnaubte er verächtlich und schien nicht zu beruhigen zu sein. Kevin versuchte, sich ein Grinsen zu verkneifen während er seinen Wagen aufsperrte und sich in den Fahrersitz gleiten ließ. „Der Mord fällt in den Bereich der Autobahn. Pah! Und dann mir noch anbieten, dass wir die Autobahnpolizei gerne bei Bedarf unterstützen können, als wolle sie mich lächerlich machen. Sowas…“ „Ach Erwin, hör doch auf. Es ist doch ein Kompromiss.“, unterbrach Erwins junger Kollege den Wutanfall, während er auf dem Beschleunigungsstreifen der Autobahn den Wagen schneller werden ließ. „Ja, ein Kompromiss für dich vielleicht. Ich werde für diesen Haufen keinen Finger krumm machen. Pah!“, sagte der dicke Polizist widerspenstig und verschränkte die Arme auf dem massigen Bauch. Der Zeiger der Geschwindigkeitsanzeige kletterte unaufhörlich als Kevin den Wagen auf die wenig befahrene Überholspur lenkte. Er wusste, dass sein Kollege es nicht mochte wenn er so schnell fuhr. „Umso besser.“, merkte er zusätzlich als Provokation an und ließ den Wagen in den fünften Gang gleiten. „Ich sag dir was, ich werde schön meine Überstunden abfeiern. Dann können sie sich einen anderen Deppen suchen.“, polterte Erwin, als die Nadel die 170 überschritt. Der junge Polizist neben ihm, der eine Hand auf 12 Uhr-Stellung am Lenkrad hielt, und die andere Hand am Schaltknüppel ruhen ließ, grinste nur vor sich her, als er mit einer kurzen Bewegung den 6. Gang einlegte und die Nadel in Zeitlupen-Tempo die 200er Marke erreichte. Spätestens jetzt wurde es seinem älteren Gegenüber zu viel. „Musst du so schnell fahren??? Du weißt genau dass ich das nicht…“, doch weiter kam Kevins ungeliebter Partner nicht. Kevin ließ den Wagen mit einer ruckartigen Bewegung erst zwischen zwei Wagen auf der rechten Spur hindurchgleiten um dann auf der Abfahrtsspur eine Vollbremsung hinzulegen, um die nachfolgende Kurve bei der Ausfahrt „Köln-Innenstadt“ zu schaffen. Mit Leichtigkeit und Geschick am Lenkrad, die Erwin völlig fremd war, verlangsamte er den Wagen bis zur nächsten Ampel-Kreuzung. „Tut mir leid. Ein Fall bei der Autobahnpolizei prägt eben.“, meinte der junge Kollege schmallippig und sah seinen Nebenmann nicht an. Der wiederrum näherte sich seinem Siedepunkt, verkniff sich aber bis auf ein „Na warte…“ jegliche Gemeinheit.


    „Also, jetzt nochmal ganz in Ruhe. Du hast deinen Ex-Kollegen in dem Auto erkannt, der seit 14 Jahren als verschollen gilt?“, wiederholte Ben in aller Ruhe, als die beiden Autobahnpolizisten wieder alleine im Büro waren. „Ja… nein.“, stotterte Semir unsicher und konnte nicht ruhig sitzen bleiben. Wie ein Tiger in seinem Käfig lief er durch das Büro, seit Kevin und Erwin Plotz die Dienststelle wieder verlassen hatten. „Auf den ersten Blick war ich mir sicher, dass er es ist. Aber auf den zweiten Blick… ich weiß nicht.“, versuchte sich der türkische Kommisar die Bilder zurück ins Gedächtnis zu rufen. Doch so scharf er auch nachdachte, ein richtiges, klares, durchsichtiges Bild ließ sich vor seinem inneren Auge nicht mehr nachzeichnen. „Es ging so schnell.“, entschuldigte er sich schulterzuckend. Warum ist er nicht einfach hinterhergefahren? Dann hätte sich alles ganz schnell aufgelöst. Dann müsste er sich jetzt nicht den Kopf zerbrechen, ob der Mann, der immerhin drei Jahre sein Partner war, noch lebte oder nicht. „Na gut…“, meinte Ben und stützte den Kopf mit den Händen auf dem Tisch ab. „Denken wir mal ganz logisch… angenommen, es wäre André gewesen, und angenommen er ist unter seinem richtigen Namen hier unterwegs. Dann sollten wir mal schleunigst anfragen lassen, ob er auf eine Wohnanschrift angemeldet ist.“ Semir nickte, ein kluger, rationaler Gedanke von Ben, der natürlich gegenüber Semir den Vorteil hatte, emotional völlig unbelastet an diese Sache herangehen zu können. Der türkische Kommisar drehte den Kopf zu seiner Frau Andrea, die am PC sass und meinte nur kurz: „Ich sage es Andrea alleine. Sie kennt André auch.“ Dann stand er auf und verließ langsam das Büro, während Ben nur stumm nickte.
    Andrea’s flinke Finger zuckten über die Tasten der Tastatur hinweg, während sie die letzten Dienstreiseanträge ausfüllte für zwei Kollegen, um sie der Chefin zur Unterschrift vor zu legen. Semir kam und lächelte Andrea an, doch es war ein verzerrtes, gequältes Lächeln, dass Andrea sofort identifizierte. „Was ist los, mein Schatz?“, fragte sie unvermittelt. Semir und Andrea waren nun schon so lange ein Paar, dass sie sofort spürte, wenn etwas mit Semir nicht stimmte. Der wiederrum zog einen zweiten Stuhl an Andrea’s Schreibtisch und setzte sich zu ihr. „Andrea, ich muss dir etwas sagen…“, begann er und die Sekräterin drehte sich von der Tastatur weg und ihre Aufmerksamkeit voll und ganz Semir zu schenken. Der nahm die Hände seiner Frau, die sich aufgrund der ausgefallenen Heizung, eiskalt anfühlten, in seine Hände. „Ich glaube, ich habe heute vormittag André gesehen.“, sagte er ohne Vorwarnung, mit ernster Miene und gedämpfter Lautstärke. Andrea’s Augen wurden schmaler vor Verwunderung und Ungläubigkeit. „André?“, fragte sie zur Sicherheit nochmal nach, als hätte sie sich verhört. Doch sie wusste genau, dass sie sich nicht verhört hatte. „Wie… wie soll das möglich sein, Semir? Du… du hast mir doch damals erzählt, wie er…“, begann sie, vor Aufregung stotternd, bevor sie von ihrem Mann unterbrochen wurde. „Ich weiß, ich weiß. Ich kann es mir selbst nicht erklären. Ich… ich bin mir auch nicht zu 100 Prozent sicher.“, wiegelte er gleich ein wenig ab, doch sein Inneres widersprach ihm sofort. ‚Natürlich bist du dir sicher.‘ Andrea machte einen verständnislosen und verwirrten Gesichtsausdruck, tausende Gedanken durchflogen ihren Kopf und sie versuchte sich an einige Erinnerungen zurückzudenken, die von André übrig geblieben sind. Sie hatten zwei Jahre zusammen gearbeitet, wenn auch nicht so eng wie es später beispielsweise mit Tom oder Jan der Fall war. Trotzdem waren sie befreundet und Andrea hatte es damals auch sehr schwer getroffen, als André aus Mallorca nicht mehr zurückkehrte. „Ich möchte aber auf Nummer Sicher gehen, ob ich mich getäuscht habe, oder nicht. Bitte, versuch herauszufinden ob er in Deutschland, oder im restlichen Europa irgendwo gemeldet ist. Ein Auto auf ihn zugelassen ist, er irgendwo ein Hotelzimmer gemietet hat.“, bat Semir seine Frau um Hilfe. Die nickte sofort und eifrig, auch sie war neugierig darauf zu erfahren, ob André noch lebte oder nicht. „Mach ich sofort, Semir. Weiß… weiß die Chefin etwas?“, fragte sie noch vorsichtshalber. Semir nickte und antwortete: „Die Chefin weiß es, Ben und Kevin ebenfalls. Sonst soll es aber noch niemand erfahren, ok?“ „Natürlich…“, meinte Andrea, schon leicht abwesend als sie den Namen von Semirs Ex-Kollegen in mehrere Suchmasken auf dem Monitor eintippte. Semir starrte in Gedanken auf die Buchstabenfolge, die ihm seit heute vormittag nicht mehr aus dem Kopf ging… André Fux.

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  • Innenstadt - 13:30 Uhr


    Nachdem Kevin den, immer noch recht ungehaltenen, Kollegen Erwin am Polizeipräsidium ausgeladen hatte, verabschiedete er sich wortkarg in die Mittagspause. Obwohl die Sonne durch die kahlen Baumwipfel schien war es recht kalt, die Straße war zwar trocken, hatte aber diese typische weißliche Färbung von einigen Salzstreuungen und der Überfrierung in der Nacht. Kevin lenkte seinen Dienstwagen durch den Berufsverkehr. Der junge Polizist hatte ein bestimmtes Ziel, nämlich die ehemalige Karateschule von André Fux. Es war ein spontaner Einfall, eine einfache Idee sich dort mal umzuschauen. Er war Jahre lang nicht dort vorbeigefahren, und wenn hatte er nicht aktiv dort die Augen besonders offen gehalten. Auch hielt es Kevin nicht für nötig Semir zu informieren, da er sich eh nicht viel von der kleinen Erkundungsfahrt versprach.


    Den Wagen parkte Kevin gegenüber der betreffenden Häuserzeile an einer Imbissbude, die ebenfalls schon jahrelang dort stand. Sein Atem hinterließ Kondensrauch und die Gürtelschnalle seiner Lederjacke klimperte, als er aus dem Auto ausstieg und einen Blick hinüber warf. Wie ein Blitz fiel ihm sofort der dunkelblaue BMW auf, der vor dem Gebäude stand. Das Schild mit "Karateschule" hing nicht mehr dort, und die Immobilie schien schon öfters den Besitzer gewechselt zu haben. Die Glasfront mit der Einlage dahinter war jetzt leer und teilweise von Graffitis versprüht, in den oberen Fenster waren weder Gardinen, noch irgendwelche Utensilien auf den Fensterbänken zu erkennen. Kevin begab sich langsam und nachdenklich zu der Imbissbude, von wo aus er einen optimalen Blick auf den Eingang hatte. 'Blauer BMW' dachte er nach. Der Fluchtwagen von heute morgen. Das wäre ja ein irrer Zufall. Ein wenig abwesend wirkend bestellte er eine Portion Pommes und Currywurst, während er darüber nachdachte bereits Semir zu benachrichtigen. Doch er wartete erstmal ab. Vielleicht kam gleich jemand aus dem Haus heraus und fuhr mit dem Auto weg, dann konnte Kevin entweder sehen, wer es war oder zumindest den BMW verfolgen. Er ließ den Eingang nicht aus den Augen, während er langsam seine Pommes und seine Currywurst ass, und viele Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf. Semir hatte ihm nie von André erzählt, warum auch? Sie waren nur für wenige Tage Partner. Es war wirklich ein irrer Zufall, dass ausgerechnet dieser André sein ehemaliger Trainer war. Kevin kam damals gut mit dem Polizisten zurecht, hatte keinerlei Vorurteile gegenüber ihm, wie viele andere, weil er bei der Polizei war. André ließ nie heraushängen, dass er ein Bulle war, sondern er liebte den Sport selbst, und seine Aufgabe mit Jugendlichen zu arbeiten. Eines Tages tauchte er nicht mehr auf, und die Gruppe wurde aufgelöst und später mit einem anderen Trainer der Versuch neu gestartet. Kevin hatte damals längst den Absprung geschafft und war von den Drogen und der Straße weggekommen und hatte damals seinen Abschluß nachgeholt. Es würde ihm persönlich wehtun, wenn André auf die dunkle Seite gewechselt war, doch diese Gedanken waren viel zu früh. Als sich nach fast einer Stunde Wartens nichts tat, wählte er Semirs Handynummer.

    PAST - gleiche Zeit


    Als Kevins Rufnummer auf Semirs Display aufleuchtete, nahm der aufgeregt den Anruf entgegen. "Ja, Semir?", meldete er sich in seiner bekannten Art und Weise, nur ein wenig mit zittriger Stimme. Er hörte sofort die ruhige und manchmal etwas gelangweilt klingende Stimme seines jungen Kollegens. "Hier ist Kevin. Ich bin gerade hier vor Andrés ehemaliger Karateschule. Hier steht seit einer Stunde ein dunkelblauer BMW vor der Tür. Wäre vielleicht gut, wenn du dir den mal ansiehst, ob es vielleicht der Fluchtwagen sein könnte." Kevin hatte seine Stimme etwas gedämpft, weil noch zwei weitere Personen an der Imbissbude aßen, doch die Art der Information reichte, dass Semir sofort aus dem Stuhl schnellte, und seinen Partner Ben erstaunt aufblicken ließ. „Habt ihr euch das Nummernschild aufgeschrieben?“, fragte Kevin gedämpft und Semir geriet in Erklärungsnot. „Ich… ähm… also, Ben hast du dir das Nummernschild von dem Fluchtwagen aufgeschrieben?“ Semir hatte es sich natürlich nicht gemerkt, weil er so sehr auf dem Fahrer hängenblieb, dass er überhaupt nicht auf das Autokennzeichen geachtet hatte. Für seine Frage kassierte der türkische Polizist jedoch nur einen etwas ironisch dreinblickenden Ben. „Ne du, ich hatte mit Laufen zu tun.“, war seine schnippische Antwort und Semir rollte kurz die Augen. „Nein, wir haben kein Kennzeichen. Aber wir kommen sofort vorbei.“, gab Semir durch das Handy durch. „Warte auf uns.“, waren seine letzten Worte, bevor das Handy zurück in seine Hose wanderte. Auch in Ben kam Bewegung nach Semirs Worten des Aufbruchs, der junge Polizist klaubte seinen Autoschlüssel vom Tisch und folgte seinem Kollegen nach draussen. „Was hat er denn gefunden?“, fragte Ben, als sie gerade auf die Autobahn einbogen. „Kevin hat vor Andrés ehemaligen Karateclub einen dunklen BMW gesehen. Es wäre zwar ein Riesenzufall, aber vielleicht haben wir ja Glück.“, antwortete Semir und rutschte ungeduldig auf dem Sitz hin und her. Der Weg bis zur Innenstadt kam ihm elendig lange vor, bis sie endlich in die Nähe des Karateclubs kamen. Semir kam André früher öfters nach dem Training abholen, oder brachte ihn nach der Schicht hierher. Einmal musste er dienstlich her, als André von einem seiner Schüler angegriffen wurde. Der Schüler, Olaf, stand unter Drogen und starb während des Kampfes an einem Herzinfarkt. Damals wurde André beschuldigt den Jungen totgeschlagen zu haben. Nur mit Semirs Hilfe konnten sie den wahren Schuldigen ausmachen, der André später ebenfalls unter Drogen setzte und ihm Zweikampf beinahe getötet hatte. Letzten Endes rettete Semir seinem Partner das Leben. Diese Gedanken gingen Semir durch den Kopf, als Ben den Mercedes hinter Kevins Honda parkte, der weiter stoisch ruhig an der Imbissbude stand und wartete. Der dunkle BMW hatte sich nicht vom Fleck gerührt. „Und, hat sich was getan?“, war Bens erste Frage an Kevin. „Nein, nichts.“ Semirs Blick ruhte auf dem Eingang der ehemaligen Karateschule und viele nostalgische Gedanken streiften durch seinen Kopf. „Was machen wir? Rufen wir Verstärkung, oder…“ Bens Frage war vielsagend. „Lass uns erst mal klopfen.“, meinte Semir und seine Handinnenflächen waren schweißnass vor Aufregung, obwohl es gerade mal 5 Grad Celcius draußen waren. Kevin nickte nur zustimmend und die drei Kommissare begaben sich über die vielbefahrene Hauptstraße hinüber zum Eingang. Neben der Tür war eine Klingel angebracht, auf der allerdings keinerlei Namensschild war. Ben war es vorbehalten, mehrmals zu läuten, doch keine Reaktion. Sein Partner trippelte von einem Bein auf das andere, als würde er frieren, doch es war die pure Nervosität. „Nix.“ Bens Versuche blieben erfolglos. „Na, dann lass mich mal. Schaut mal dass niemand guckt.“, meinte Kevin und zog einen kleinen Schraubenzieher aus der Innentasche seiner Lederjacke. Er kniete sich vor die Tür und begann am Schloss herum zu werkeln. „Meinst du nicht, dass das …“, wollte Semir bereits vorsichtig protestieren, doch Kevin kam ihm zuvor: „Willst du lieber die Tür eintreten? So bekommen wir sie hinterher wenigstens wieder zu.“ „Zum ersten Mal machst du das aber auch nicht, oder?“, fragte Ben, der Kevin interessiert über die Schulter sah. Der wiederrum blickte über die Schulter zurück, ohne die Bewegungen des Schraubenziehers zu unterbrechen. „Lies besser nicht meine Akte.“, war sein leicht bitterer Kommentar. Kevin sprach nicht gerne über sein früheres Leben, vor allem seine kriminelle Jugend. Hätte man ihm damals all seine Taten nachgewiesen was Einbruch und Drogenmissbrauch anging, hätte man ihn nie in den Polizeidienst gelassen. Doch das wusste niemand.


    Es dauerte nur wenige Minuten, und Kevin drückte die Tür nach innen auf. Ein muffiger Geruch schlug den drei Männern entgegen, im Inneren war es düster. Offenbar stand das Haus schon länger leer, denn kein Lichtschalter ließ sich betätigen. Der Strom war anscheinend abgeschalten. „Okay. Ich schau hier unten nach, ihr geht nach oben.“, wies Semir seine beiden Kollegen an. Er war der Älteste und Ranghöchste. Er traute zwar sowohl Kevin als auch natürlich Ben zu, auf sich alleine achtzugeben, doch sein Innerstes sagte ihm, dass er die beiden zusammen hochschicken sollte. Die Einrichtung, die er im Erdgeschoss nur im Halbdunkeln wahrnehmen konnte, war immer noch die einer Sportschule. Theke, Getränkeausschank, Hocker und die Trainingskabinen betrat er. Dabei ging er wie auf Zehenspitzen um irgendwelche Geräusche zu hören oder Bewegungen zu erkennen. Kevin und Ben gingen währenddessen lautlos die Treppe nach oben. Der obere Flur teilte sich in zwei Wohnungen, links und rechts der Treppe. „Du rechts, ich links.“, war Bens kurze Anweisung an Kevin, der im Dunkeln nickte. Beide Türen waren nicht verschlossen. Ben drückte die Klinke nach unten und trat vorsichtig in die ebenfalls recht muffige und abgestandene Luft der Wohnung. Alle Sinne gespannt lauschte er, und konnte tatsächlich ein Rascheln aus dem hinteren Teil der Wohnung hören. Mit einem fast lautlosen Geräusch zog der Polizist die Waffe aus dem Halter, doch das Klicken der Entsicherung konnte er nicht verbergen. Das Rascheln hörte augenblicklich auf, und Ben wagte kaum zu atmen, als er dem Zimmer näher kam, von dem das Geräusch kam. Seine Augen hatten sich noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt, als er mit vorgestreckter Waffe und einer schnellen Bewegung ins Wohnzimmer ging. Genauso schnell allerdings war die Bewegung des Angreifers, der Ben mit einem wuchtigen Karatetritt exakt in die Nieren traf.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Es war nur ein lautloser dumpfer Schlag, als das harte Schienbein Ben in die Nieren traf, und der Autobahnpolizist zusammenklappte wie ein Sandsack. In Mischung eines leisen Stöhnens, als er versuchte nach Luft zu schnappen, polterte er auf den Boden. Dieses Geräusch war nun laut genug, um Kevin zu alarmieren, der trotzdem mit leisen aber schnellen Schritten zurücklief in die gegenüberliegende Wohnung. Auch er zog im Laufen die Waffe aus seinem Halter, als er ins Wohnzimmer kam, und sich seine Augen nur langsam an die Dunkelheit gewöhnten. Vom Boden herab hörte er ein krampfatmiges Stöhnen, das von seinem Kollegen kam. "Ben?", flüsterte er leise, doch zu fragen, wie es ihm geht, dazu kam er nicht mehr. Das nächste, was der junge Polizist spürte, war die rauhe Sohle eines Winterschuhs gegen seine Handaussenfläche krachen, die ihn sofort dazu veranlasste den Griff um die Waffe nachzugeben. Mit einem Klacken flog Kevins Dienstwaffe gegen die Wand und von dort zu Boden. Kevin selbst drehte sich mit der Bewegung des heranfliegenden Schuhs und ließ den Ellbogen blitzartig nach hinten zucken, von wo der Tritt gekommen sein musste. Er hatte nie aufgehört, Kampfsportarten und besonders Karate und Kickboxen zu trainieren, und kannte fast alle Techniken und Kniffe. Sein Ellbogenknochen traf auf einen halbweichen Widerstand, es könnte eine Schulter gewesen sein, was er im Rücken aber nicht sah. Also wirbelte er herum und konnte nur die Schemen einer Gestalt in der Dunkelheit erkennen, die sich kampfbereit machte und sein Gegenüber mit einem aggressiven "Komm! Na, komm doch!", zum Kampf aufforderte. Bevor Kevin sich artikulieren konnte und erklären konnte dass er Polizist sei griff die dunkle Gestalt auch schon an. Kevin musste zwei halbhohen Tritten ausweichen und konnte seinerseits einen gezielten Faustschlag gegen die Rippen seines Gegenübers setzen, dass durch die Tritte zu dicht an ihn herangekommen war. Doch der äusserst muskulöse Mann, mit dem Kevin sich gerade anlegte, war offenbar hart im Nehmen und ließ sich davon recht wenig beeindrucken. Der junge Cop dagegen versuchte durch den Schlag Oberwasser zu gewinnen und setzte zum Folgeschlag an. Doch die Augen seines Gegners hatten sich viel besser an die Dunkelheit gewöhnt, und so konnte der Kerl der pfeifenden Faust ausweichen und direkt einen Konter in die Magengrube von Kevin setzen, der daraufhin keuchend sich nach vorne beugte. Ein Brennen stach vom Magen über die Lungen bis in den Kopf, als er nach hinten gestoßen wurde, und wer atmend gegen eine Wand taumelte. Spätestens jetzt war ihm klar, dass er es mit einem gefährlichen Gegner zu tun hatte.


    Semir hatte davon nichts mitbekommen, weil er sich in die andere Richtung des Hauses aufmachte um irgendwelche Hinweise zu finden. Stattdessen fand er einen Sicherungskasten, den er mit Gewalt öffnete und mit zusammengekniffenen Augen versuchte, die Schalterbezeichnungen zu entziffern. Er spürte, als er sich im Dunkeln nach vorne beugte, einige Spinnenweben an seiner Stirn, die er reflexartig wegwischen wollte. Wo zum Geier war der Hauptschalter? Mit den Fingern tastete er die verschiedenen Sicherung ab, bis er die größte fühlte und den Schalter nach oben legte. Kein Licht ging an, doch ein großer Glaskühlschrank im hinteren Eck fing plötzlich an zu flackern und im Glanze vergangener Zeiten zu erstrahlen. Er steckte offenbar noch in der Steckdose und schaltete sich automatisch an. Direkt im darauffolgenden Moment hörte er nun doch ein Poltern, ein Krachen und setzte sich sofort in Bewegung nach oben. Das Krachen kam von einem gewaltigen Fußtritt der Gestalt im Dunkeln in Richtung des an der Mauer stehenden Kevin. Der jedoch drehte sich gerade so von der Wand weg, um nicht schwer getroffen zu werden, und setzte noch im Drehen zu einem Fußtritt auf Höhe des Gesichtes des Gegners an. Dieser wiederum duckte sich geschickt unter dem Angriff hinweg und zog Kevin selbst das Standbein weg, was den Polizisten hart auf den Boden beförderte. "Ben? Kevin?", vernahm er dann die Stimme von Semir im Flur, die immer näher zu kommen schien. Auf einmal war es ganz ruhig in dem dunklen Zimmer. Nur ein leises Stöhnen von Ben war zu vernehmen. Kevin lag am Boden und war gerade im Begriff aufzustehen, seinen Blick auf sein Gegenüber gerichtet, doch etwas hinderte ihn daran. Ein merkwürdiges Benehmen des Kerls, der gerade drauf und dran war die beiden Autobahnpolizisten auseinander zu nehmen. Doch dieser verharrte plötzlich ungläubig, als er Semirs unverwechselbare Stimme hörte im Raum und tat keinerlei Anstalten mehr den Kampf fortzusetzen. 'Er ist es...', war Kevins einziger Gedanken in diesem Moment. Semirs Laufgeräusche näherten sich dem Raum, und kaum betrat der türkische Polizist das muffige Wohnzimmer, fuhr dessen Hand sofort an die Seite des Raumes auf den Lichtschalter. Eine sehr improvisierte Lichtquelle, eine Glühbirne am Stromkabel, beleuchtete den Raum, doch es war genug um Semir ebenfalls am Lichtschalter und mit der Waffe in der anderen Hand erstarren zu lassen. Er blickte offenen Mundes direkt in das Gesicht seines, vor 14 Jahren verschollenen und totgeglaubten Ex-Partners André Fux, der in halber Kampfhaltung über Kevin stand, der André ebenfalls ansah, nur nicht ganz so erstaunt und verdutzt wie Semir. Andrés Gesicht war eher erstaunt, nicht erschrochen, als er Semir im Raum erblickte. Doch er war erstmal genauso unfähig auch nur ein Wort zu sagen...

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Die erste Bewegung, die in dieses bizarre Stillleben geriet, ging von dem jungen Kevin aus, der sich, nicht ohne den Blick von André zu nehmen, langsam aufrappelte und einige Schritte zurück zu Ben ging, der langsam wieder zu Atem kam. Der Tritt in die Nieren hatte ganz schön Wirkung hinterlassen, während Kevin ein wenig die Hand schmerzte, und er bemerkte dass ein wenig Blut aus Schürfwunden lief. „Ist alles okay?“, fragte er und hakte sich bei Ben unter die Schulter, um ihn langsam wieder auf die Beine zu bringen. Semir und André schauten sich nach wie vor wie versteinert an, der Ex-Partner des Türken fand zuerst zur Sprache. „Semir… was machst du denn hier?“ „Das Gleiche könnte ich dich fragen…“, war die Antwort seines ehemaligen Partners. Auch wenn er sich die ganze Zeit sicher war, dass er hinterm Steuer des Fluchtwagens André erkannt hatte, und davon ausging dass er noch lebte… jetzt in Fleisch und Blut vor ihm zu stehen war doch nochmal was anderes. Es war, als hätte jemand die Zeit um 14 Jahre zurückgedreht. „Wieso… wieso… du lebst!“, brach es aus Semir heraus, doch das Gefühl der Freude wurde momentan noch von dem Gefühl des Unverständnis unterdrückt. André zuckte mit den Schultern kurz auf, als wüsste er keine Antwort darauf, und wich dem Blick von Semir aus. Ein leichtes Kopfschütteln, André wandte sich von Semir ab und ging gedankenverloren durch den Raum. Der ehemalige Polizist stützte sich mit beiden Händen an die Wand und atmete durch. Semir verstand das alles nicht. Was war los mit André? Warum war er hier, wie hatte er überlebt? Die Frage nach heute morgen vergaß der türkische Polizist völlig. "Ich bring Ben mal nach unten.“, meinte Kevin in die Stille hinein, und stützte seinen Kollegen der Autobahnpolizei. Eigentlich wollte er in erster Linie die beiden ehemaligen Partner alleine lassen. So verließen die beiden das Zimmer und begaben sich Richtung Auto. „Danke, es geht.“, meinte Ben mit verkrampfter Stimme, als er sich ans Auto lehnte und wieder frische Luft einatmete. „Was glaubst du, was die beiden bereden?“, fragte er mit einem Blick in Richtung des Fensters zur Straße, das dem Wohnzimmer gehören könnte. Nun war es Kevin, der mit den Schultern zuckte. „Ich habe keine Ahnung. Aber die beiden werden sich einiges zu erzählen haben.“


    Semir hatte die Waffe wieder weggesteckt. Auch wenn er André 14 Jahre nicht gesehen hatte, so war bei ihm sofort ein Gefühl des Vertrauens zu seinem alten Freund da, so dass er es nicht für nötig hielt, die Waffe in der Hand zu behalten. „Was ist passiert, André? Was ist…. Damals passiert?“ Er kam André näher, der immer noch sich an der Wand abstütze, als suche er nach Worten um diese unheimliche und besondere Situation zu erklären. Es kam keine Reaktion, bis Semir dicht neben ihm stand und ihm ins Gesicht blickte. Die Augen waren müde, sein Gesicht von einem Drei-Tage-Bart bedeckt. Obwohl 14 Jahre vergangen sind hatte sich André nicht besonders verändert, außer mehr Falten im Gesicht. Seine Gestalt war immer noch muskulös, und wenn er sah, dass André sowohl mit Ben, als auch mit Kevin fertig wurde, war er offenbar auch körperlich immer noch fit. „Ich… ich kann mich nur noch erinnern, als ich ins Wasser gefallen bin.“, begann André langsam und stieß sich von der Wand ab. Er drehte sich um und sah Semir nun direkt ins Gesicht. „Ich bin erst im Krankenhaus aufgewacht. Ich lag 9 Tage im Koma…“ Der türkische Kommisar schluckte. Nachdem der Hubschrauber ihn aus dem Meer gefischt hatte, und einen Tag später die Suchtrupps aufgaben, hatte er Mallorca sofort verlassen. „Aber, wir haben doch nach dir gesucht… wie…“, begann er, wurde aber von André unterbrochen. „Ich habe es auch erst im Krankenhaus erfahren, als ich nach dir gefragt habe. Aber du warst weg.“ Ein Stich von Schuldgefühlen brach durchs Semirs Brust. Er hatte seinen Kollegen zu vorschnell für Tod gehalten. „Uns ist damals ein Boot gefolgt. Wir hatten uns beide so sehr auf Carlos Berger konzentriert, dass wir es wohl beide nicht gemerkt haben.“ Semir verlor Andrés Blickkontakt, als er versuchte sich die Szene wieder vorzustellen. André hatte recht… Nachdem er vom Hubschrauber in Bergers Boot gesprungen ist hatte sich Semir ausschließlich auf den Kampf an Bord konzentriert… und danach aufs Meer, wo André untergegangen war. „Das Boot hat die wenigen Minuten gewartet, bis du wieder im Heli warst. Dann hat ein Taucher mich rausgezogen.“ Semirs Blick wanderte zurück zu seinem ehemaligen Partner. „Ein Taucher? Das war doch kein Zufall, oder?“ Ein kurzes Lächeln huschte über André’s Gesicht. „Natürlich nicht… es war Bergers Türsteher. Ralf Horn.“ Nun wurden Semirs Augen tellergroß. Ralf Horn! Den Türsteher hatte er selbst nur kurz verhört, um Informationen über den Ort zu bekommen, wo Berger seine Geiseln, unter denen sich auch André befand, versteckt hielt. Ob und wie er später noch belangt wurde, hatte er nicht mehr verfolgt. „Aber wieso? Aus welchem Grund?“ André atmete hörbar aus, nun war er es, der sich wieder im Zimmer kurz hin und her bewegte. „Keine Ahnung.“, sagte er mit seiner typisch kratzigen Stimme. Semir sah André prüfend an. Nein, er würde ihn nicht anlügen. Warum sollte er auch? „Aber… wieso hast du dich nie gemeldet? Du hättest dir doch denken können, dass ich davon ausging, dass du tot bist. Warum bist du nie zurückgekommen?“ Fragen, die Semir plötzlich und schon seit heute vormittag auf der Seele brannten. „Ich konnte nicht, Semir. Ralf hat mich auf Schritt und Tritt überwachen lassen. Er wollte verhindern, dass ich gegen ihn aussagen konnte. Er hat mich gezwungen auf Mallorca zu bleiben und keinen Kontakt herzustellen.“ Nun war es Semir, der hörbar ausatmete. Ein leichtes Kopfschütteln, zwei Schritte zur Seite. André merkte, dass es seinem Ex-Partner schwer fiel, die Geschichte zu glauben, und dass er es einzig aus dem Vertrauen heraus zu ihm glaubte. „Semir… Horn hat Bergers Geschäfte übernommen. Und diese Geschäfte sind größer als wir angenommen haben. Nicht nur dass er den Prostituiertenring auf Mallorca ausgebaut hat, Horn hielt noch exzellente Kontakte zum organisierten Verbrechen in ganz Spanien und Portugal.“ Seine Stimme senkte sich ein wenig. „Es war ein leichtes für ihn, mich zu kontrollieren. Und niemand hat nach mir gesucht…“ Der letzte Satz klang nicht vorwurfsvoll, er war selbstverständlich. Semir selbst war der festen Überzeugung, dass sein Kollege gestorben war. Ihm war schwindelig, er musste sich setzen und diese unglaubliche Geschichte, die sein Freund durchlebt hatte, erst mal verdauen. Der türkische Kommissar zog einen Stuhl nach hinten und ließ sich erst mal darauf nieder. „Es tut mir leid, Semir.“, war das nächste, was er von André hörte. „Aber ich konnte nichts anderes tun… ich habe immer daran gedacht, dass ich mich melde, sobald ich die Möglichkeit habe… ich hatte sie nur nie. Naja, und mit der Zeit… vergisst man.“ Seine kratzige, rauchige Stimme hatte einen melanchonischen Klang angenommen. Semir sah ihn ebenfalls traurig an. „Man vergisst?“ André nickte. „Ja. 14 Jahre sind eine lange Zeit.“ Eine kurze Stille erfüllte den Raum. Der Polizist musste zugeben, dass sein Gegenüber recht hatte. Man vergisst… auch bei Semir gab es Zeiten, in denen er André schlicht vergessen hatte. Andere Partner, andere Fälle. Spätestens als sein bester Freund Tom bei einem Einsatz ums Leben kam, war André für Semir fast nicht mehr existent. Nur zugeben würde er das nie.


    Nun war lag es bei André eine Frage an Semir zu stellen. „Aber sag, was macht ihr überhaupt hier?“ Semir schaute zu seinem Ex-Partner auf. „Ich habe dich heute von einem Mord-Tatort flüchten sehen. Ich habe dich am Steuer des dunklen BMWs erkannt.“ Semirs Stimme war ernster als vorher, und André sah Semir herausfordernd an. „Ich hatte es mir fast gedacht.“, meinte er nur zu seinem Gegenüber, der Angst hatte, dass André etwas mit dem Mord zu tun hatte. „Was ist da heute morgen passiert? Und überhaupt, wie kommt es dass du jetzt wieder in Deutschland bist?“ André brauchte einen Moment, sein Kopf senkte sich etwas, er kratzte sich am Hinterkopf. „Vertraust du mir, Semir?“, fragte er dann unvermittelt in Semirs Richtung.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

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    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


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    <3

  • Nach André’s Frage füllte sich der Raum erneut mit Schweigen. Semirs Blick war eine Mischung aus Misstrauen und Verzweiflung. Konnte er André trauen? 14 Jahre sind eine verdammt lange Zeit und die Erzählungen seines ehemaligen Partners waren äusserst vage. Er sah in André’s Augen, die immer ein wenig müde und desillusioniert aussahen, wenn er nicht gerade sauer oder gut drauf war. „Ich weiß es nicht. Versuch mich zu überzeugen.“, gab ihm Semir nach einer gefühlten Ewigkeit zur Antwort. André ließ den Kopf senken und bewegte sich wieder einige Schritte über den Boden. „Die Gangster hatten mich rausgezogen, in erster Linie weil sie sicher sein wollten, dass ich tot bin und nicht entwischen kann.“, begann André wieder langsam zu erzählen. „Ich lebte aber noch. Statt mich zu töten haben sie mich letztendlich gezwungen, für sie zu arbeiten.“ Semir saß immer noch auf dem Stuhl, die Hände in den Schoß gelegt. Nervös spielte er an seinem Ehering, als er André weiter lauschte. Ein kurzer Schreck fuhr ihm durch die Glieder, denn nun musste er davon ausgehen, dass André auch illegale Dinge getan hatte und Semir vielleicht sogar Gründe hatte, ihn festzunehmen. Er nickte wortlos. „Ich hatte nur kleinere Dinge für Horn getan. Handlanger-Jobs, Geldübergaben. Nichts… nichts Großartiges.“ „Ich hoffe, du sagst mir die Wahrheit.“, sagte Semir leise und drehte den Kopf von André ein wenig weg während seine Augen aber weiter auf seinem Ex-Partner haften blieben. „Du musst mir glauben, Semir.“ Der Kopf des türkischen Kommissar brannte wie Feuer, soviele Gedanken schwirrten und schnellten durch seine Gehirnwindungen. Wieder folgte ein kurzes Nicken. „Okay, du hast für ihn gearbeitet. Was dann? Warum hast du es geschafft, nach Deutschland zu kommen.“ André atmete einmal kurz aus, dann begann er wieder zu erzählen. „Timo Kressner, der Tote von heute morgen…“, seine Stimme wurde ein wenig trauriger und leiser. „Er wollte bei Horn aussteigen. Er wollte weg von dem Scheiß. Wir verstanden uns recht gut, und er hatte es mir irgendwann erzählt, vor ungefähr einem halben Jahr. Ich hatte mir mittlerweile ein wenig Vertrauen in der Bande erarbeitet, und zu zweit hatten wir es geschafft uns nach Belgien abzusetzen.“ Semirs Gehirn versuchte die Informationen schneller und schneller zu verarbeiten. Ihm wurde warm, ihm wurde heiß obwohl es bitter kalt in diesem ungeheizten Raum war. „Heute wollten wir uns treffen an der Raststätte. Als ich gekommen war, war Timo schon tot.“ Andrés Stimme war während der Erzählung immer leiser und rauer geworden. Er blickte Semir an, der wiederrum seinen ehemaligen Partner anschaute. Wieder Stille, wieder ein Schweigen. Nur der Verkehr war unten zu hören, sonst nichts. Semir fand als erstes seine Stimme wieder. „Wenn das alles stimmt was du erzählst… dann sind die Kerle vielleicht auch hinter dir her?“ Andrés Augen schweiften durch den Raum. „Möglich… ich weiß es nicht. Wir sind erst seit gestern hier.“ Wieder trat Stille in den Raum, und Semir nickte. Langsam stand er von seinem Stuhl auf und schritt über die knarzenden Dielen des Wohnzimmers, langsam auf André zu. „Ich vertraue dir, André. Aber dann musst du mir jetzt auch vertrauen.“ André schaute Semir von oben herab an, er war über einen Kopf größer als der etwas klein gewachsene Türke. „Du kommst mit mir auf die Dienststelle. Wir behandeln den Mordfall, und du bist am Tatort gesehen worden. Du erzählst das, was du mir erzählt hast, okay?“ André schaute skeptisch, er hatte Angst dass ihm, ausser Semir, niemand die Geschichte abkaufen würde. „Ausserdem“, setzte Semir hinzu „werden wohl einige auf der Dienststelle dich sehr freuen, wenn du dort auftauchst.“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, und André nickte schließlich. „Okay…“


    Ben’s Schmerzen waren mit der Zeit verflogen, auch wenn ein dicker Bluterguss an seiner Körperseite ihn wohl noch länger an den schmerzhaften Tritt erinnern würde. Er lehnte an Kevins Auto, der auf dem Fahrersitz saß, die Tür offen und einen Fuß auf die offene Tür gelegt. Beide hatten sich an der Currybude einen dampfenden Kaffee geholt und warteten auf die beiden da drin. „Glaubst du, es ist gut die beiden da drin alleine zu lassen?“, fragte Ben irgendwann. Er kannte André überhaupt nicht und hoffte, Kevin könnte ihm die Sorge ein wenig nehmen. „Keine Ahnung.“, war dessen kurze prägnante Antwort. Der junge Polizist war eher ein schweigsamer Typ, der immer ein wenig melancholisch dreinblickte und selten lachte, oft wirkte als wäre er komplett in sich gekehrt. Nach außen hin zeigte Kevin selten Gefühle oder Nerven, und nur ganz wenige Menschen wussten, dass er in seinem Innersten recht sensibel und verletzlich war. „Du kennst André doch…“, bohrte Ben weiter, der den Blick nicht vom Fenster nehmen konnte, hinter dem das Wohnzimmer lag. „Klar, aber das ist auch über 14 Jahre her. Wenn er sich nicht verändert hat, dann ist Semir nicht in Gefahr. Ausserdem…“, stockte Kevin als die beiden aus der Haustür des ehemaligen Karate-Club kamen. Nebeneinander, ohne Handschellen oder Polizeigriff. Als sie bei den beiden jüngeren Kollegen ans Auto kamen, ergriff André zuerst in Richtung Ben das Wort. „Tut mir leid für den Tritt. Ich wusste nicht, wer ihr seid.“ Ben nickte und ergriff die ausgestreckte Hand. Dann blickte André in den Innenraum des Wagens zu Kevin. Die beiden sahen sich kurze Zeit an, Kevin mit unbewegter Miene, bis André zu lächeln anfing. „Du bist besser geworden.“, sagte er nur und der junge Cop wusste, dass er ihn erkannt hatte. Er nickte, und nur um Nuancen bewegte sich sein Mund zu einem Lächeln. „Du bist nicht schlechter geworden.“, war seine Antwort, ebenfalls mit der Nachricht, André noch zu kennen. „Wir fahren zusammen auf die Dienststelle. André wird dort eine Aussage machen, und dann sehen wir weiter. Fährst du mit Kevin?“, richtete Semir die Frage an Ben, mit einem bittenden Ausdruck in den Augen. Er wollte noch ein wenig mit André retten, er hatte noch die ein oder andere Frage an ihn. Natürlich misstraute er Ben nicht, aber er hielt es für eine bessere Idee, wenn er erst mal mit André alleine war. „Okay, kein Problem.“, meinte Ben erst ein wenig verwirrt, aber dann doch einsichtig. Er merkte, dass es für Semir sicher nicht leicht war, einen Partner, einen Freund nach 14 Jahren wiederzusehen, während man die ganze Zeit dachte, er sei tot. „Danke.“, lächelte sein Partner und nickte ihm lächelnd zu.


    Kevin nahm den Fuß von der Autotür, schloß diese und ließ den Motor an, während André und Semir zum silbernen BMW gingen. André fühlte sich auf einmal besser. Er war froh, Semir wieder zu sehen und fühlte sich in der Zeit um 14 Jahre zurückversetzt, als er sich in den Beifahrersitz von Semirs Dienstwagen fallen ließ. Er sah sich um im neuen BMW, und lächelte was Semir bemerkte. „Tja, früher hatten wir noch ein paar PS weniger, hm?“, meinte der lächelnd zu seinem ehemaligen Partner, der ebenfalls lächelnd nickte. Dann machten auch sie sich auf den Weg zur Dienststelle.

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    Wie sie.


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    <3

  • 16:00 Uhr – Semir’s Dienstwagen


    Die Fahrt zur PAST verlief überwiegend schweigend. Semir hatte die Sonnenblende runtergeklappt, denn die Sonne begann sich bereits langsam hinter die Baumwipfel zu verziehen. André sah gedankenverloren aus dem Fenster, zwei Finger sich immer wieder über den Mund streichend, während sie durch den ersten Ansturm an Feierabend-Verkehr fuhren. Immer mal wieder sah Semir in den Rückspiegel um zu checken, ob sein Partner Ben mit Kevin noch hinter ihm war, aber die beiden folgten direkt hinter dem silbernen BMW des Deutsch-Türken.


    Erst kurz bevor sie auf die Autobahn einbogen fand André seine markante Stimme wieder. „Und… ihr seid im Team jetzt zu dritt?“, fragte er ein wenig zögerlich. Semir lachte und schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Kevin gehört zur Mordkommision und unterstützt uns bei dem Mordfall.“ Sein Nebenmann nickte und erinnerte sich zurück an die Zeit, als er noch Trainer in der Karateschule war, und den jungen schweigsamen Kevin bei sich im Training hatte. Eine eigentlich zerüttete Kindheit, mit Schlägen des Vaters, der ein Bordell in der Stadt betrieb, aufgewachsen bei einer Prostituierten die in diesem Club arbeitete… und erzogen letztendlich von der Straße, wie man so schön sagt. Auffällig geworden war er nur einmal als kleiner Zwischenhändler bei einem Straßenverkauf von Cannabis, doch André wusste was Kevin damals noch so auf dem Kerbholz hatte. Er schaffte es damals, das Vertrauen des Jungen zu gewinnen, und führte nach dem Training viele Gespräche mit ihm. Was er da so erfuhr hätte gereicht, dass Kevin niemals Polizist geworden wäre. Körperverletzung, Drogenabhängigkeit, Diebstahl. Doch André vertraute dem Jungen, der während des Trainings bei ihm clean wurde und sich von der damaligen Jugendgang, der er angehörte hatte, lossagte. Trotzdem überraschte es ihn, ihn hier im Polizeidienst zu sehen, vor allem da er sich äußerlich kaum geändert hatte, und wahrscheinlich Probleme hat, überhaupt als Polizist ernst genommen zu werden. „Ihr kennt euch, oder?“, fragte Semir dann unvermittelt, der sich in diesem Moment gerade an das Foto in Kevins Kiste erinnerte. André nickte leicht. „Ja. Er war damals in diesem Programm für Jugendliche bei mir in der Schule, du erinnerst dich vielleicht daran.“ Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: „Ich hätte nicht damit gerechnet, ihn nochmal wieder zu sehen… schon gar nicht als Polizist.“ André sah Semir bei diesen Worten nicht an, er blickte geradeaus durch die Frontscheibe, wurde aber von seinem Kollegen mit einem kurzen Seitenblick bedacht. „Wie meinst du das?“, war seine Frage auf den Andrés letzten Satz, doch der wiegelte ab. „Ist nicht so wichtig.“ Semir beließ es vorerst dabei und bog die Ausfahrt zur Autobahndienststelle ab.


    Vor Andrés innerem Auge begann ein Film abzulaufen, ein Film der schon 14 Jahre alt war. Die Abfahrt und das Gebäude waren immer noch dieselben, wie vor 14 Jahren, sogar Semir hatte immer noch denselben Parkplatz. Langsam, fast zögerlich stieg der einstige Polizist aus dem Auto aus, und blickte sich um. Hinter ihm kam der weiße Honda von Kevin mit Ben auf dem Beifahrersitz angefahren und parkte auf einem der Besucherparkplätze. Semir bemerkte Andrés Unsicherheit, wie seine Augen zögerlich über den Parkplatz und das Gebäude glitten. So nachdenklich hatte er seinen Freund noch nie gesehen, in den ersten Stunden des Wiedersehens war wenig von dem alten André Fux übrig. Doch das beunruhigte Semir nicht, denn sowohl für André als auch für ihn selbst war es eine emotionale Ausnahmesituation, den totgeglaubten Freund nach 14 Jahren wieder zu sehen. Er legte André kurz die Hand auf die Schulter und sagte freundschaftlich. „Na komm… lass uns reingehen.“ Der großgewachsene Mann folgte ihm, hinter den beiden gingen Ben und Kevin.


    Als das Quartett durch die Tür trat und in das Büro eintraten, konnte André schon das geschäftige Treiben, das Wirrwarr an Stimmen, gemischt mit Funkdurchsagen und Telefonklingeln hören. Es war ein eigenartig vertrautes Geräusch, und doch irgendwie so fremd. Es wurde lauter, je näher er dem Büro kam, und plötzlich ebbte es ab… es war der Moment, als er mit Semir durch die letzte Tür ins Großraumbüro trat, und zumindest das Stimmengewirr setzte für einen Moment aus. Viele Beamte drehten sich zu dem Quartett, aber besonders zu dem größten der Vieren um. André’s Augen glitten durch den Raum, viele Beamte waren ihm unbekannt. Zwei jedoch erkannte er sofort, und einer davon war es auch, der die Stille unterbrach, in dem er sich aufrichtete und ihm ein kurzes „Mein Gott…“ entfuhr. Horst „Hotte“ Herzberger, seines Zeichens schon 16 Jahre bei der Autobahnpolizei und kurz vor der Pensionierung, konnte in seinem Beruf eigentlich nichts mehr erschüttern. Auf der Autobahn hatte er alles erlebt, was es zu er- und überleben gab, als er jedoch den todgeglaubten Kollegen wiedersah, um den er bitterlich im Büro weinte, wurde es auch dem dicklichen Polizisten mulmig. Sein Partner, Dieter Bonrath, der im Sitzen fast so groß war wie Hotte im Stehen, sah genauso verwundert, wie verständnislos in Andrés Richtung. Beide hatten keinerlei Vorahnung, im Gegensatz zu Andrea und Anna Engelhardt. Es war eine gespenstische Stille in der PAST, und keiner getraute sich wirklich den ersten Schritt zu unternehmen, und wie dieser aussehen sollte. Stürmisches um-den-Hals-fallen, oder schüchternes Hände-drücken? Letztendlich übernahm der Älteste die Verantwortung, der bereits das Schweigen unterbrochen hatte. Hotte kam langsam auf André zu, und streckte ihm die Hand entgegen. „Das gibt’s doch nicht… André. André Fux, bist du’s wirklich?“ Es klang immer noch ein wenig ungläubig, fast dachte Hotte, er hätte Andrés nie gekannten Zwillingsbruder vor sich stehen. Hotte’s ehrliche Art brachte André zum Lächeln, er drückte die Hand des Kollegen und meinte, schon fast in seiner typischen Art: „Na klar.“ Semir grinste, er fühlte sich besser, ein Teil dieser Ungewissheit was mit André passiert war, war von ihm abgefallen, seit er wusste, dass er noch lebt. Der andere Teil, wie er nun zu dem Mord stand und inwiefern er was damit zu tun hatte, regierte allerdings noch weiter in Semirs Kopf. Doch er freute sich, dass ein Teil der verlorenen Familie zumindest wieder zurück war, als er betrachtete wie auch Bonrath mit einem „Das ist ja ein Ding… wo warst du denn die ganze Zeit?“ Andrés Hand schüttelte. Der schaute kurz unsicher zurück zu Semir und meinte dann: „Das ist ne ziemlich lange Geschichte... vielleicht ein… ein ander Mal, okay?“ Bonrath schaute ein wenig verwirrt, aber unterließ es Fragen zu stellen, als Hotte ihn unterbrach: „Natürlich André, dafür haben wir ja sicherlich noch Zeit. Ich bin mir sicher, du willst auch unsere Chefin noch überraschen, oder?“ Doch das war nicht nötig… Anna Engelhardt hatte durch die Glasscheibe mitbekommen, wie auf einmal Totenstille ins Büro der PAST eingekehrt war, und stand bereits in der Tür, mit verschränkten Armen und einem leichten Lächeln an den Türrahmen gelegt. Mit ihrer unnachahmlichen bestimmten, aber sympathischen Stimme ließ sie ein „Herzlich Willkommen, Herr Fux“, verlauten, welches André veranlasste, sich umzudrehen. Die Chefin, wie immer elegant im Hosenanzug gekleidet, kam auf ihn zu. Auch sie streckte ihm die Hand aus, und man sah an ihrem Gesicht, dass sie sich erst mal freute, einen ehemaligen, totgeglaubten Mitarbeiter gesund und munter vor sich stehen zu sehen. „Sie sehen gut aus.“, sagte sie und man merkte ihr an, dass es kein lapidarer Ausspruch war, weil ihr nichts besseres einfiel, sondern weil sie es vermeiden wollte sofort nachzubohren, was vorgefallen war. André lächelte dankbar und antwortete: „Danke, Frau Engelhardt.“ Dabei blickte er der Chefin fest ins Gesicht und ließ die Augen erst danach zum Eingang schweifen, als Andrea Gerkhan, die Sekretärin der PAST in den Raum kam, und mit großen Augen im Türrahmen stehen blieb.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Andrea's Gesicht drückte erst Unglauben aus, als sie mit vorsichtigen, kleinen und langsamen Schritten ins Großraumbüro eintrat. Sie sah André an, seine über die Jahre entstandenen Fältchen, sein unrasiertes Gesicht und seine gebräunte, für diese Jahreszeit in Deutschland ungewohnte, Haut. Dieses Mal war es André, der zuerst aktiv wurde. "Hallo Andrea...", waren seine Worte mit seiner markanten Stimme, und zum ersten Mal breitete er die Arme ein wenig aus, als einladende Geste. Die Frau von Semir ließ sich nicht zweimal bitten und ließ sich von dessen Ex-Partner kurz umarmen, während sie sagte: "Schön, dass es dir gutgeht." Als Andrea in der PAST als Sekräterin angefangen hatte, hatte es Anzeichen eines Flirts zwischen André und Andrea gegeben. Dabei blieb es allerdings letztendlich, weil der großgewachsene Ex-Polizist damals wusste, wie Semir zu Andrea stand und darauf letztendlich Rücksicht genommen hatte. Offenbar zu Recht, als sein Blick jetzt zufällig zuerst auf Andrea's Ringfinger fiel, und dann auf den Finger von Semir. Jetzt lächelte André in Andrea's Richtung und meinte: "Frau Gerkhan?" Das Lächeln von Andrea war quasi die Bestätigung der Frage und zum ersten Mal spürte der ehemalige Polizist so etwas wie gute Laune in sich aufsteigen, als er von dem Eheglück seines Freundes erfuhr. "Das ist ja toll. Wie lange seid ihr schon...?" "Seit 9 Jahren. 2004 haben wir geheiratet.", antwortete Semir und bemerkte erstmal, wie lange André verschollen war. Soviel ist in der Zwischenzeit passiert, und jetzt musste sich auch Semir eingestehen, wie schnell Menschen aus dem vordergründigen Gedächtnis verschwinden können. Natürlich hatte er André nie ganz vergessen, natürlich gab es Phasen in seinem Leben dass er an ihn dachte, vor allem immer dann, wenn wieder ein Mensch aus seinem Leben ging. Aber umgekehrt konnte er es dem Ex-Polizisten auch nicht verübeln, wenn der sich nach einiger Zeit an sein neues Leben so gewöhnt hatte, dass er eben nicht auf Gedeih und Verderb zurück nach Deutschland wollte.
    Anna Engelhardt stand bei Semir und beobachtete mit ihm zusammen das Wiedersehen von André und den ehemaligen Kollegen. Doch nun musste der unbequeme Teil an die Reihe kommen. Die Chefin wollte mit André reden, im Beisein von Semir. Natürlich war sie keine Vorgesetzte mehr von ihm, aber sie war die Verantwortliche für den Mordfall, in dem er zumindest als wichtiger Zeuge nun in Erscheinung trat. Und in so einem besonderen Falle wollte sie bei dem Verhör mitwirken, auch wenn sie das sonst ihren Beamten Ben und Semir alleine überlässt. "André, Semir... würden sie dann bitte in mein Büro kommen?", sagte sie freundlich lächelnd und setzte an den Rest des Büros, der nach wie vor still und fast andächtig die Szene beobachtete noch hinzu: "Und der Rest darf ruhig weiterarbeiten." Wie auf Kommando setzte das emsige Summen im Raum wieder ein, André und Semir gingen an der Chefin vorbei durch die gläserne Tür des Büros. "Achja. Herr Peters, würden sie Ben bitte auf Streife begleiten? Danke!" Ihre Frage war reine Höflichkeit, den im Grunde war es ein klarer Einsatzbefehl an die beiden weiteren Autobahnpolizisten. Es fühlte sich gut an, zu diesem Team zu gehören, waren in diesem Moment Kevins Gedanken. Er fand Ben im Grunde sympathisch auf den ersten Stunden und hatte kein Problem damit mit ihm Streife zu fahren, eine Aufgabe die trotz eines bestehenden Mordfalls nicht vernachlässigt werden durfte.


    Anna Engelhardt schloß die Glastür und setzte sich hinter ihren Schreibtisch, stützte die Arme auf die Arbeitsplatte ab und sah die beiden ehemaligen Kollegen an. Semir saß auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch während André dahinter stand. "Wollen sie sich nicht setzen?", fragte sie freundlich, fast schon herausfordernd. Sie wusste noch, dass André zumindest vor 14 Jahren noch Schwierigkeiten hatte, ruhig zu sitzen wenn sie Besprechungen hatten. "Danke, ich steh lieber.", meinte er und sah lächelnd auf Semir. "Na schön. Dann fangen sie mal an... und zwar am besten ganz von Anfang an.", sagte die Chefin und lehnte sich ein wenig im Stuhl zurück. Semir blickte etwas unsicher auf André, der dann zu erzählen begann. Im Grunde erzählte er Frau Engelhardt das Gleiche, was er Semir in der Karateschule erzählt hatte. Seiner Rettung, dem Grund der Nicht-Kontaktaufnahme, und wie er nun zurück nach Deutschland gekommen ist. Die Chefin horchte, notierte sich hin und wieder etwas in ihren Notizblock, unterbrach André aber nicht mit Zwischenfragen. Erst als er mit den Worten "...war er schon tot, als ich gekommen bin.", abschloß, fragte sie: "Sie kennen die Frage sicherlich noch, und haben sie selbst oft genug gestellt. Warum haben sie nicht die Polizei gerufen, statt einfach wegzufahren?" André's Blick war fest auf die Chefin gerichtet. "Würden sie mir glauben, wenn sie mich nicht kennen würden?" Eine kurze Stille trat in den Raum. Semirs Blick fiel ein wenig tiefer, als würde er versuchen die Züge der Schreibtischplatte auswendig zu lernen, während der Blick der Chefin weiter auf André gerichtet war. "André, was ich glaube oder nicht glaube ist erstmal zweitrangig. Und sie wissen, dass ich das eher selten davon abhängig mache, ob ich jemanden kenne." Ein kurzes Nicken bei André. "Ich weiß." "Semir, haben sie eine Waffe am Tatort gefunden?" Semir verneinte, es stand keine Waffe im Bericht der Spurensicherung drin. "Besitzen sie noch eine Waffe?", richtete sie ihre Frage an André. Auch er verneinte und sagte: "Ich habe keine von Mallorca mitgenommen. Damit wäre ich wohl nie problemlos durch die Sicherheitsschleusen gekommen. Auch Timo hatte keine, soweit ich weiß." "Okay, dann haben sie sicher nichts dagegen wenn wir einen Schmauchspuren-Test bei ihnen machen." André's Blick fiel kurz, und er zuckte mit den Schultern. "Nein, hab ich nicht." Anna Engelhardt spürte, dass sein ehemaliger Mitarbeiter diese Frage als Misstrauen aufnahm. "André, das ist kein Misstrauen meinerseits. Aber sie wissen es selbst am besten, dass wir mit eindeutigen Beweisen, die dafür sprechen dass sie mit dem Mord nichts zu tun haben, viel besser bei der Staatsanwaltschaft stehen, als ohne." Wieder ein Nicken von André, und Semir fiel die Veränderung seines Freundes sofort auf. Er erinnerte sich, wie André ausgerastet war, als Kommisar Kindermann ihn damals zu Unrecht des Todschlages beschuldigt hatte, und der damalige Polizist in keinster Weise mit dem LKA koopieriert hat. Die Sturheit scheint André im Laufe der Zeit ein wenig abgelegt zu haben, dachte Semir für sich...



    Autobahn 17:00 Uhr


    Kevin fühlte sich wohl bei der Arbeit, zum ersten Mal nach langer Zeit. Obwohl er selbst eher kurz angebunden und schweigsam war, war es doch eine willkommene Abwechslung mal nicht den übellaunigen Erwin neben sich sitzen zu haben, sondern Ben der nur ungefähr 6 Jahre älter war, und mit dem er sich doch viel besser interagieren konnte. Die beiden fuhren mit Kevins weißem Honda über die Autobahn, die sich mittem im Feierabend-Verkehr befand. Der Verkehr war dicht, aber nicht stockend, es dunkelte bereits zusehends. Die beiden Polizisten unterhielten sich angeregt über Rockmusik, eine Gemeinsamkeit der beiden. Ben lud Kevin spontan ein, demnächst einen Gig von ihm zu besuchen und der junge Polizist am Lenkrad sagte sofort zu. 'Schweigsam und manchmal eigenartig' hatte Semir Kevin beschrieben, nachdem die beiden einen Fall gemeinsam lösten, während Ben auf einer Fortbildung war. Dieses Urteil konnte Ben in keinster Weise bestätigen.
    Gerade wollte Kevin den Rückweg antreten, da sahen sie auf dem Seitenstreifen ein Pärchen, zwei Frauen, wild gestikulierend mit Warnblinkanlage stehen. "Schau mal dort... halt mal an.", meinte Ben, doch Kevin hatte die Situation schon erkannt. Er parkte vor dem Wagen, schaltete das Warnblinklicht an und zog den Schlüssel. Die beiden Polizisten stiegen aus, eine Frau kam bereits auf sie zu. "Unser Wagen ist plötzlich ausgegangen... es gab einen Knall und dann lief er nicht mehr.", sagte sie aufgeregt, als hätte sie gerade einen Unfall gebaut. Ben lächelte die junge, recht attraktive Frau an und meinte "Na, dann wollen wir mal schauen." und ging schnurstracks auf den Wagen zu, betätigte im Innenraum den Hebel der Motorhaube und beugte sich dann über den Motorinnenraum. Kevin fragte währenddessen die zweite Frau, warum sie denn kein Warndreieck aufgestellt hatte, und übernahm das kurzerhand.


    Mit angestrengten Augen versuchte Ben irgendetwas im Motorraum zu erkennen, als Kevin sich direkt neben ihn stellte. Die beiden Frauen standen hinter den Männern, als Kevin sagte: "Komm, da siehste nix, dafür ist es viel zu dunkel. Wir rufen den Pannendienst, und..." weiter kam der junge Polizist nicht. Er, und auch Ben neben ihm, spürte, wie man ihnen mit Kraft eine Pistolenmündung in den Nacken drückte, und eine dunkle männliche Stimme befahr barsch, dass sie sich ja nicht umdrehen sollten, und keine Dummheiten versuchen sollten.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Semir’s Dienstwagen – 17:00 Uhr


    Semir fühlte sich tatsächlich in ein anderes, früheres Leben zurückversetzt in diesem kurzen Moment. Als er und André, sein Ex-Partner, das Gebäude der KTU verließen. „Das Ergebnis des Test’s hast du spätestens bis übermorgen. Ich werde mich beeilen.“, versprach Hartmut noch, weil er von Semir informiert war, wie wichtig dieser Schmauchspuren-Test an Andrés Arm und Kleidung war. Doch irgendwas in Semir’s Inneren sagte ihm, dass André die Wahrheit sagte. Der ehemalige Kommissar war ein geradliniger Kerl, einer der sagte was er dachte. Er würde niemals eine Rolle spielen, er würde niemals jemandem etwas vorgeben, was er nicht war. Das konnte sich der Türke nicht vorstellen, und er bildete sich ein, André noch so gut zu kennen wie vor 14 Jahren. So auch, als sie zu Semirs Dienstwagen kamen, seinem geliebten silbernen BMW. Ach, was hatten sie sich Wortgefechte geliefert, wenn es darum ging, wer die Streifentour fahren durfte. Er musste innerlich lächeln, als er daran dachte und wortlos mit einem Grinsen im Gesicht den Schlüssel aus der Jeans zog und auffällig damit klimperte, bis André zu ihm sah. „Möchtest du?“ Es war bereits düster, doch Semir dachte, er würde Andrés Lächeln und vor allem sein Funkeln in den Augen sehen, wenn es darum ging, Auto zu fahren. „Klar.“, antwortete der hochgewachsene Mann kurz wie immer und die beiden tauschten die Seiten, nachdem Semir André den Schlüssel zu warf. André ließ sich in den Innenraum des BMWs gleiten, strich über das Lenkrad und führte den Schlüssel ins Zündschloss. Fast wie ein Virtouse startete er den 6-Zylinder des Wagens, und bemerkte den Automatik-Schalthebel in der Mittelkonsole. Sein Gesicht schien zu entgleiten. „Semir! Automatik?“, fragte er gespielt verständnislos. Der zuckte nur grinsend mit den Schultern, und meinte: „Das ist jetzt Vorschrift. Um Sprit zu sparen.“ André machte weiter ein entsetztes Gesicht: „Wir sind doch noch keine 50! Und Sprit sparen… ich lach mich halb tot. „ Semir musste herzlich lachen, plötzlich hörte sich André so an, als wäre er nie weg gewesen. Und er hatte recht, ein echter Fahrer fuhr keine Automatik… was hatte er nur in all den Jahren vermisst. Klar waren alle seine Kollegen begeisterte Autofahrer, sonst wären sie wohl bei der Autobahnpolizei völlig fehl am Platze gewesen. Aber niemand konnte mit einem Wagen so gut umgehen wie André, niemand vollführte 180°-Drehungen wie er, und brachte mit so manchen Fahrmanövern ihn, Semir selbst, an den Rande des Wahnsinns. „Ich weiß, das ist nichts für dich.“, lachte er als die beiden dann vom Parkplatz herunterfuhren und auf die Schnellstraße Richtung Autobahn einbogen. „Mit nem Automatik wäre ich damals nicht über die Böschung gekommen, als wir den Panzer gejagt haben.“, warf André plötzlich ein und plötzlich begann für beide ein Erinnerungsfilm los, über die 3 Jahre, die sie zusammen gearbeitet hatten, bis der verhängnisvolle Einsatz in Mallorca kam…



    Autobahn 17:10 Uhr


    „Na los, raus mit der Sprache.“, wurde Ben und Kevin erneut gefragt und um der Frage Nachdruck zu verleihen pressten sich die Mündungen der Pistolen tiefer in die Fältchen des Übergangs ihres Halses zum Hinterkopf. Immer noch standen die beiden Kommissare mit dem Rücken zur fremden Stimme, die die beiden bedrohte, und dessen Gesicht beide nicht sehen konnte, ohne sich um zu drehen. Die Situation war perfekt geplant, den zwischen dem Pannenfahrzeug und Kevins Dienstwagen waren die drei oder vier Personen so gut versteckt, dass die Autos, die daran vorbeifuhren die Situation niemals sehen konnten. „Wo habt ihr ihn versteckt.“, klang die Stimme immer ungeduldiger und nervöser. Kevin bemerkte an der Stimmlage dass dieser Kerl sich nicht wohl fühlte in dem, was er tat und ganz offensichtlich weder ein Profi war, noch kaltblütig abdrücken würde… versehentlich schon eher. „Wir kennen keinen André Fux, verdammt.“ Sagte er mit seiner betont arroganten Stimmlage in Richtung des Motorblocks, während Ben auf die Zähne biss, um nicht noch eine freche Antwort hinterher zu geben. „Na schön… wie ihr wollt, dann werde ich jetzt andere Saiten aufziehen.“, erklang drohend die Stimme hinter ihnen, als vor dem Wagen, mit dem der Verdächtige vor Kevins Honda hielt, ein silbernen BMW anhielt.



    André und Semir hatten sich gerade über einen alten Fall unterhalten, als der großgewachsene Ex-Kommisar besonders gute Augen hatte. „Ist das nicht Kevins Wagen?“, fragte er Semir, und fuhr gerade daran vorbei. „Du hast Recht.“, pflichtete ihm Semir bei und schnallte sich bereits los, als André vor einem dunkelblauen SUV hielt. Vier Fahrzeuge standen nun auf dem Seitenstreifen, doch der Mann, der Kevin und Ben mit zwei Pistolen bedrohte sah, dass ein weiteres Fahrzeug hielt und verlor die Nerven. „Verdammt…“, war das einzige Wort, dass die beiden Kommissare noch vernehmen konnten. Kevin drehte sich zu früh in die Richtung des Mannes und kassierte mit einer Waffe einen fürchterlichen Schlag auf die Nase, der ihn sofort zu Boden taumeln ließ. Ben realisierte die Situation eine Sekunde später, als der dunkelhaarige Mann sich umdrehte sah er nur noch wie eine Gestalt in den SUV sprang und startete. André sass noch im BMW, er war ja nicht im Dienst, Semir stand gerade neben der offenen Fahrertür, und konnte nur noch ein „HEY!!!“ in Richtung des Fahrers rufen. „Bleib stehen, du Penner!“, schrie nun auch Ben, zog seine Dienstwaffe und schoss zwei Kugeln in Richtung des Wagens, die den SUV aber knapp verfehlten. „Los, komm rein!“, rief André zu Semir, weil er sofort die Verfolgung aufnehmen wollte. Kevin zog sich stöhnend am Kotflügel seines Wagens hoch und war schnell, aber schmerzhaft und mit blutverschmiertem Gesicht, wieder auf den Beinen und sofort an seiner Fahrertür. „Hör auf durch die Gegend zu ballern, und komm!“, rief er Ben zu, der sofort auf dem Absatz kehrt machte und zu Kevin in den Wagen stieg. Die Tür noch nicht zu quietschten schon die Reifen des Hondas, und Kevin nahm die Verfolgung auf. „Lass mich fahren, du bist nicht im Dienst.“, rief Semir, bevor auch André die Reifen des BMWs quietschen ließ und sich hinter Kevin’s Honda setzte. „Wenn wir noch eine halbe Stunde den Platz tauschen sind die Kerle weg.“, wies André Semir’s Bitte ab, der sich schon lebhaft ausmalen konnte, wie die Chefin auf diese Situation reagieren würde…

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

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    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

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    Wie sie.


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    <3

  • Der Feierabendverkehr hatte bereits begonnen, doch das scherte die drei Autos, die gerade versuchten sich möglichst unfallfrei durch den Verkehr zu schlängeln nicht besonders. Der SUV fuhr halsbrecherisch, weichte auf den Seitenstreifen aus und setzte links und rechts zum Überholen an. Kevin war zwar ein guter Autofahrer, hatte jedoch mit Verfolgungsjagden eher weniger Erfahrung bei der Mordkommision. Er gab heftige Lichthupe auf der linken Spur, damit die Fahrzeuge vor ihm den Weg freimachten. André hing dicht hinter dem Honda und fluchte: „Was macht der denn da?“ Der SUV hatte bereits einen kleinen Vorsprung, als André mit einem Mal das Lenkrad herumriss und über zwei Spuren auf den Seitenstreifen zog, und dort Gas gab. Kevin sah gerade noch, wie sein ehemaliger Karatelehrer auf dem Seitenstreifen davon zog, und sagte keck zu Ben: „Ach, so funktioniert das bei euch.“ „Richtig gesehen, nu mach!“, bekam er hektisch Antwort seines Kollegen. Der junge Cop wischte sich mit dem Handrücken ein wenig das Blut von der Nase, blickte kurz in den Rückspiegel und folgte dann dem silbernen BMW auf dem Seitenstreifen.
    André trat das Gaspedal durch, doch das Automatikgetriebe schaltete bereits bei 4000 Umdrehungen in den nächsten Gang. „Was ist denn das für eine Scheiße bei der Karre.“, rief er wütend, und obwohl Semir gerade unter Strom stand fühlte er wieder, wie sich die Erinnerung in seinem Gedächtnis regte. „Dann schalt doch um, damit du mit den Wippen schalten kannst.“, gab er zur Antwort. André schaute über die Mittelkonsole, während er auf dem Seitenstreifen fuhr, und schlug den Ganghebel eine Stufe nach links, um in die halbautomatische Schaltung zu wechseln. Kevin war nur wenige Meter hinter dem BMW, der seinerseits nur noch einige Meter hinter dem SUV war. Es war gefährlich, denn nur ein Pannenfahrzeug auf dem Seitenstreifen hätte einen Riesenunfall auslösen können.


    Doch dann zeigte sich, warum es besser war, wenn Leute die ein Schaltgetriebe gewohnt waren in Streßsituationen keinen Automatik fahren sollten. Gerade wollte André zwei Gänge runterschalten, um den BMW auf Touren und zur Beschleunigung zu zwingen, trat er in alter Gewohnheit mit dem linken Fuß und voller Wucht auf das Kupplungspedal… welches sich in einem Automatik-BMW natürlich als Bremspedal herausstellte. Ohne Gefühl für die Bremse im linken Fuß und noch dazu mit dem Denken, ein Kupplungspedal durchzudrücken, spürten die beiden Polizisten wie sich ihre Gurte in ihre Körper drückten, als die Verzögerung sich bemerkbar machte. Weder konnte André den Fuß so schnell wieder von der Bremse nehmen, noch konnte Kevin, der direkt dahinter fuhr, dem bremsenden BMW ausweichen, so dass der nur noch mit quietschenden Reifen in den Vordermann hineinfuhr. Nach dem Ruck nach vorne wurden Semir und André nun wieder durch den Schlag von hinten in den Sitz gepresst, bei Kevin und Ben platzte mit einem lauten Knall der vordere Airbag. Der weiße Honda kam sofort zum Stehen, während der silberne BMW noch eine Pirouette vollführte und in der Gegenrichtung zum Stehen kam. Lautes Quietschen war neben den Autos zu vermerken, denn auch der Verkehr wurde doch diesen Unfall beeinflusst. „Ooh, was war das denn?“, stöhnte Semir und hielt sich mit einer Hand den Nacken. Er staunte nicht schlecht, als er direkt in den Wagen von Kevin und Ben sah, der ihnen mit qualmender und zerstörter Fronthaube gegenüber stand. Ben kämpfte gerade damit, seinen Airbag runterzudrücken, während Kevin bereits, halb im Auto und halb auf der Straße stand und in Andrés Richtung mit irrem Blick den Scheibenwischer vollführte. Der wiederrum sah Semir, etwas schwer atmend, von der Seite an. „Scheiß Automatik…“, waren seine einzigen Worte, dann stieg auch er aus um sich den Schaden am BMW anzusehen. Auch er hatte Schmerzen im Rücken von dem Lastwechsel zwischen Vollbremsung und Aufprall, als auch sein türkischer Ex-Partner aus dem Wagen ausstieg, und nach hinten kam. „Mein schönes Auto… der war ganz neu!“, beschwerte er sich und hörte schon Anna Engelhardt in Gedanken toben. „Unfall bei Kilometer 83, schickt uns Räumungsfahrzeuge… nen RTW scheinen wir nicht zu brauchen.“, gab Ben noch über Kevins Funkgerät durch, bevor er der letzte war, der ausstieg. Mit einem Blick auf Kevins Schrotthaufen, und Kevin selbst der mit wehleidigem Blick an seiner zerstörten Haube zog, meinte er nur kurz: „Daran musst du dich bei uns gewöhnen.“ Dann ging er zu seinem Kumpel Semir, und sagte dem leise ins Ohr: „Hattest du mir nicht mal erzählt, André könne so gut Auto fahren?“, fragte er missmutig und erntete dafür einen vorwurfsvollen Blick von Semir. André blickte auf und gab als Konter: „Früher hatten wir auch noch Autos.“ Er konnte sich, wie früher, nur schwer einen Fehler eingestehen und war dahingehend extrem sturköpfig und uneinsichtig. „Na, da bin ich mal gespannt, wie du das der Chefin beibringen möchtest.“, meinte Ben süffisant wieder in Semirs Richtung, der bis dahin stumm geblieben war, als er das Geplänkel zwischen André und Ben mitbekam. Ein wenig fühlte er sich zwischen den Stühlen, zwischen seinem Kumpel Ben und seinem Ex-Partner André. Sollte er Andrés Dummheit tatsächlich verteidigen à la „das kann doch jedem mal passieren?“. Nein, das würde auch André nicht wollen. „Genau! ICH bring ihr das bei.“, sagte er bestimmt und würde wohl sicherlich nicht damit hausieren gehen, dass André und nicht er gefahren ist. André war kein Polizist, er durfte in einem Einsatz natürlich kein Polizeiauto fahren. Streng genommen hätte er nicht mal drinsitzen dürfen.


    Mittlerweile kam Kevin, der sich das ganze, wie so oft, stumm mit angehört hatte zu der Gruppe hinzu und meinte: „Ich will euch ja nur ungern unterbrechen… aber will eigentlich niemand wissen, was uns überhaupt passiert ist?“

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    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


    Subway to Sally - Wenn Engel hassen


    <3

  • Aus der Ferne konnte man die ersten Sirenen hören, die sich den Weg durch die Sicherheitsgasse bahnten, die die Autos im Stau hinter der Unfallstelle zögerlich aufmachten. Kevin wischte sich die Reste des Blutes seiner Nase vom Mund weg, als er zu den drei sich streitenden Kollegen kam, um einmal das Augenmerk auf den Überfall zu lenken. Semir sah Kevin ein wenig entschuldigend an und vermittelte Aufmerksamkeit, während André immer noch ein wenig nervös hin und her tigerte. Eine Angewohnheit, die er wohl in 14 Jahren nicht ablegen konnte, offenbar ärgerte er sich auch ein wenig über sich selbst wegen seines fahrerischen Missgeschicks. Kevin schilderte den Überfall, die vorgetäuschte Panne, und dass der SUV quasi aus dem Nichts vor ihnen hielt. Ben und er konnten nicht mal sagen, wo die beiden Frauen hin verschwunden sind, aber zumindest konnten sie diese beschreiben. „Naja, das ist ja immerhin etwas.“, meinte Semir und nickte, während die Kollegen um Bonrath und Hotte die Autobahn absperrten. „Die haben definitiv nach dir gesucht, André.“, meinte Ben und lenkte Andrés Aufmerksamkeit endgültig auf die Unterhaltung. „Sollte Horn jetzt auch versuchen dich zu beseitigen, damit du uns keine Hinweise auf seine Machenschaften geben kannst?“, überlegte Semir laut und sah André dabei an, der dem Blick auswich und mit den Schultern zuckte. „Was weiß ich? Gefallen wird es ihm nicht haben, dass wir beide uns abgesetzt haben, und ich kann mir auch vorstellen, dass er Timo auf dem Gewissen hat.“ Ben und Kevin schauten sich kurz gegenseitig an, als André noch dazu setzte: „…oder einer seiner Männer.“ „Es wäre vielleicht besser, wenn wir dich erstmal unter Polizeischutz…“, begann Semir, doch er erntete von seinem Freund und ehemaligen Partner sofort Widerspruch. „Quatsch, Mann! Ich brauch keinen Polizeischutz. Horn wird nicht so blöd sein und versuchen mich umzubringen. Der kann sich doch denken, dass ihr Bescheid wisst und ihn sofort ins Visier nimmt, wenn mir etwas passiert.“ Da hatte André nicht unrecht, dachten sich die drei Polizisten, nur Semir machte das deutlich als er leicht nickte und gedankenverloren durch die Dunkelheit blickte, die vom Blaulicht im Sekundentakt erleuchtet wurde. „Mensch André, kaum bist du wieder hier...“, begann Bonrath spaßeshalber, der mit Hotte an die Gruppe herangetreten war. „Bonrath, ich bin gefahren.“, unterbrach ihn der Kleinste in der Runde sofort und erntete von Ben erst fragende Blicke, dann auch von André. „Was, ich hab doch gesehen als ihr vom Parkplatz aus…“, erwiederte Bonrath, wurde aber erneut von Semir sofort unterbrochen. „Natürlich haben wir vor der Verfolgungsjagd getauscht… André ist nicht mehr im Dienst.“ Bonrath schaute etwas dumm aus der Wäsche und kratzte sich am Hinterkopf. „Achso… ja…“ stammelte er etwas verständnislos, bekam aber sofort einen leichten Hieb seines Kollegen Herzbergers in die Seite, der die Situation sofort verstanden hatte. Natürlich war André gefahren und hatte anscheinend auch den Unfall verursacht, aber Semir wollte allen eventuellen Schwierigkeiten aus dem Weg gehen. „Los, Dieter. Wir haben zu arbeiten.“, meinte er mit einem leichten Zwinkern in Richtung André, und zog seinen langen Kollegen am Arm aus der Gruppe weg. „Und jetzt?“, fragte Semir in die Runde. „Ich würde sagen, wir fahren alle zur Dienststelle, du kannst dann meinen Wagen nehmen um nach Hause zu kommen, und wir“, sagte Ben mit einem Blick auf Kevin, der neben ihm stand „versuchen uns mal an Andrea’s Phantombild-Programm… vielleicht schaffen wir es, die beiden Damen hinzubekommen.“ Kevin nickte ohne große Gefühlsregung im Gesicht zustimmend und die vier Männer schnappten sich einen freien Streifenwagen, um zurück zur Dienststelle zu fahren. Diesmal setzte sich Ben ans Steuer, während Kevin auf dem Beifahrersitz, André und Semir auf den Rücksitzen Platz nahmen.



    Dienststelle 20:00 Uhr


    Ben und Kevin saßen wenig später dicht nebeneinander am Schreibtisch von Andrea, an deren PC das Zeichenprogramm für Phantombilder installiert war. Die Dienststelle war nur noch mit wenigen Mann besetzt im Nachtbetrieb, es war recht ruhig, hin und wieder lief ein Kollege vorbei um sich mit frischem Kaffee zu versorgen. Sie klickten, tauschten hier und da Nasen an den Bildern aus, wechselten Augenbrauen und versuchten sich zu erinnern, wie das Gesicht der beiden Frauen wohl aussah. Beide Polizisten waren bereits seit morgens im Dienst, doch während Ben sich mit Kaffee weiter auf einem fitten Level hielt, schien man Kevin die Zeit anzumerken. Seine Hand, die manchmal die Maus hielt wurde zittrig, mehrmals klickte er auf den falschen Button im Programm und seine Sitzhaltung wurde zunehmend unruhiger. Gegen halb zehn schlug Ben vor, mal ein paar Minuten Pause zu machen, und sein ebenfalls junger Kollege nahm diesen Vorschlag gerne an. Beide zogen ihre Jacken über die Schultern und begaben sich vor die Eingangstür in die eiskalte und sternenklare Nacht. Kevin zog sich sofort eine seiner selbstgedrehten Zigaretten aus der Innentasche seiner Lederjacke, und steckte sie sich, beinahe schon hastig, an. Ben beobachtete ihn dabei, wie er den Rauch inhalierte. „Ist alles okay?“, fragte er vorsichtig mit etwas Sorge in der Stimme, doch Kevin nickte nur. „Jaja… ich schlaf zu wenig.“, meinte er, und lächelte dabei… doch es war nicht das lockere Lächeln, das Ben in den Stunden von Kevin kennengelernt hatte. Er lächelte zwar generell wenig, doch immer wenn er es tat, war es ein selbstbewusstes Lächeln. Dieses Lächeln war gequält, und es war nur dazu da, Emotionen zu überspielen, die in Kevin vorherrschten. Emotionen, die der junge Cop nie an seine Oberfläche ließ, solange er nicht alleine war. Er schaffte es, das Bild eines selbstbewussten, oftmals arrogant selbstsicher wirkenden Mannes abzuliefern, den nach außen hin nichts anhaben konnte. Dass er seit Jahren keine Nacht mehr als 3 Stunden geschlafen hatte, regelmäßig von Alpträumen gequält wurde wegen eines schlimmen Vorfalls in seiner Vergangenheit wusste niemand, und es sollte auch keiner erfahren. Genauso wenig, dass er immer noch abhängig war.

    Wenn Engel hassen

    Stürzen sie wie Steine aus dem Himmelszelt

    Wenn Engel hassen

    Fliegen sie als dunkle Vögel in die Welt

    Wenn Engel hassen

    Landen sie als schwarzer Schatten der uns quält

    Und nehmen Rache an den Menschen, die gefallen sind

    Wie sie.


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  • Semir’s Haus – 20:30 Uhr


    Semir hielt zusammen mit André vor seinem Zuhause, welches der Ex-Polizist interessiert ansah. Es war ein neugebautes, schönes modernes Haus, das André noch nicht kannte. Er stieg zusammen mit seinem ehemaligen Partner aus und fragte dann: „Was machen wir hier? Ich dachte, du fährst mich in die Karateschule.“ Semir sah André an und meinte: „Wenn du willst, kannst du hier auf dem Sofa schlafen.“ Er ging voran und sperrte die Tür auf, André folgte ihm und spürte sofort im Inneren des Hauses wohlige Wärme, angenehme Luft. Das Licht erhellte den Flur, der zum Wohnbereich führte, aus dem Licht vom Fernseher flackerte. Er hörte ein kleines Mädchen reden… Semir hatte Kinder? Davon hatte er gar nichts erwähnt. Vor 14 Jahren hatten sich beide nicht vorstellen können, mal Kinder oder ansatzweise feste Beziehungen zu haben. Während André seine Bekanntschaften eher kurz hielt, hatte Semir eine On-Off-Beziehung mit Andrea. Aber manches brauchte eben einige Fehltritte, bis es funktionierte, und Semir hatte sich in Andrés Abwesenheit eine Bilderbuch-Familie aufgebaut. André lächelte und grüßte in den Raum, als er mit Semir eintrat. Andrea grüßte zurück, sie sass auf der Couch und hatte die älteste Tochter Ayda im Arm. „Papa, wer ist der Mann?“, fragte sie neugierig. „Das ist ein sehr guter Freund von mir, mein Schatz.“, antwortete Semir und bat André Platz an. Andrea spürte sofort dass die beiden Männer wohl alleine sein wollten und sagte zu ihrer Tochter: „Na los, mein Schatz… es ist Zeit für die Falle. Komm, ich geh mit dir rauf.“ Sie griff Ayda leicht unter die Arme und das kleine Mädchen lief Richtung Tür, jedoch nicht ohne ihrem Papa einen Schmatzer zu geben, der ihr gute Nacht wünschte. Auch Andrea holte sich ihren Begrüßungskuss ab und nickte André zu, bevor sie den Wohnraum ebenfalls verließ. André setzte sich auf die Coach. „Willst du ein Bier?“, fragte Semir, der sofort den Weg in die Küche einschlug. „Ja, gerne…“, meinte sein Freund. „Du hast dir hier echt etwas Tolles aufgebaut, Semir.“, erkannte André neidlos an, während er sich umsah. Die Wohnung war schön ausgestattet, alles war hell und freundlich, der Ofen knisterte und es war einfach sehr behaglich. „Es ist unglaublich, wenn ich daran denke, wie wir vor 14 Jahre gelebt haben…“, meinte er noch nachdenklich, als Semir mit zwei Flaschen Bier zurückkam und sich zu ihm begab. Sie prosteten sich zu und tranken einen kühlen Schluck. „Ja, stimmt. Hier mal ne Freundin, da mal ne Affäre. Damals hatte sich doch keiner vorgestellt, mal eine Familie zu gründen.“, meinte Semir etwas belustigend, während André nickte. „Was ist mit dir? In der Zeit, in der du jetzt auf Mallorca warst, in diesen 14 Jahren…“, begann Semir etwas vorsichtig, ohne die Frage direkt zu stellen. „Du meinst Familie?“, fragte André und zog ein wenig die Augenbrauen hoch. Semir nickte, und sein Freund seufzte ein wenig auf. „Ich lebte dort nicht unbedingt sicher, Semir. Ich wollte nie eine Frau in Gefahr bringen. Es hätte sich vielleicht mal was ergeben, wenn ich es wirklich gewollt hätte.“ Schwammige Aussagen, mit denen Semir nicht alzu viel anfangen konnte. Vermutlich hatte er eine Frau kennengelernt, mit der er sich ein gemeinsames Leben hätte vorstellen können, doch unter ständiger Bewachung, und als Handlanger eines Gangsterbosses… das war nicht unbedingt ein Leben, mit dem man bei Frauen imponieren konnte.


    Für einen kurzen Augenblick füllte sich der Raum mit Schweigen. Sie hätten sich nach 14 Jahren so viel zu erzählen, doch noch immer war die Situation so unwirklich, so schwierig… so unvorstellbar. Semir hatte seinen Partner verloren, hatte einen neuen Partner bekommen mit Tom, mit dem er sich anfreundete, mit dem er Spaß hatte und seine Arbeit neu zu lieben begann. Natürlich hatte er oft nachgedacht, was würde André jetzt machen, wie würde er reagieren. Wie wäre die damalige Haft, als Semir und Tom in eine Falle gelockt wurde, und beide im Gefängnis böse zugerichtet worden, mit André verlaufen. Doch sein Ex-Partner hatte recht… man vergisst. Soviel ist in der Zwischenzeit passiert, soviele Kollegen gingen und kamen für Semir. Schicksalsschläge, schwierige und gefährliche Fälle. Vergisst ein Mensch wirklich so schnell. „Du hast heute morgen gesagt: ‚Man vergisst.‘“, begann Semir vorsichtig, ohne dass die beiden Männer sich anschauten. Sie blickten eher beide in den brennenden Kamin, in dem das Feuer tanzte und knisterte. „Ja…“, antwortete André mit seiner rauchigen, kratzigen Stimme, obwohl er selbst nie eine Kippe im Mund hatte. Jetzt sah Semir seinen Partner an und fragte recht direkt: „Wann hattest du mich vergessen?“ Andrés Mundwinkel bewegten sich, er sah Semir nicht an, und es war ein Wunder dass er nicht wieder im Raum auf und ab lief, sondern eher ruhig sitzen blieb. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit sprach er wieder: „Ich weiß es gar nicht mehr genau.“ Seine Augen blieben im Feuer haften, während Semirs Blick auf ihm ruhte. „Ich hab natürlich zu Beginn öfters gedacht, was du tust… ob du noch auf Mallorca bist oder nicht. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, du würdest irgendwo aus einem Café kommen, aus einem Auto steigen und mich sehen…“ Semir spürte Schuldgefühle in sich aufkommen. War er doch zu früh abgereist, als er direkt nach Andrés Tod nach Hause flog… aber er wollte damals einfach weg, runter von dieser schrecklichen Insel. „Nach 3-4 Jahren, als ich für Horn gearbeitet habe, hatte ich eigentlich vereinzelt nur noch gehofft, dass du nie erfahren würdest, was aus mir geworden ist, auch wenn es mir nicht schlecht ging. Deswegen…“ seine Stimme stockte kurz. „Deswegen hatte ich mich auch nicht gemeldet, als ich theoretisch mal die Möglichkeit dazu hatte.“ Semir fühlte sich krank, er fühlte sich, als würde jemand an dem Sofa wackeln um ihn zu Boden zu stoßen. Seine Augen glitten wieder von André weg ins Feuer, und wie von weitem weg hörte er seine Stimme nochmal. „Ich hatte nach einiger Zeit auch nicht gedacht, dass du mich vermisst…“ Semirs Herzschlag setzte einen Moment aus. „Dass ich dich nicht vermisse??“, quetschte er aufgeregt hervor. Er sah André mit aufgerissenen Augen an, und atmete hörbar schneller durch den offenen Mund. „André, wir waren damals Freunde, wir waren Partner. Wir haben viel gemeinsam erlebt. Und ich habe…“, seine etwas lauter gewordene Stimme stockte ebenfalls für einen Moment, als nun auch André seine Augen zu ihm wendete. „… ich habe mir eine Zeitlang die Schuld gegeben. Dass ich dir nicht hinterher gesprungen bin auf das Boot. Dass ich nicht vorher geschossen habe.“ Die Stimme des türkischen Kommissars wurde wieder leiser, sein Blick entwich dem von André wieder. Der fühlte sich ebenfalls unbehaglich, vor allem war es ihm unangenehm der Schuldgefühle von Semir. Es war seine alleinige Entscheidung alles zu versuchen, um Carlos Berger damals zu kriegen. „Du glaubst nicht, was ich durchgemacht hatte…“, erwiederte Semir etwas leiser. Für einen Moment herrschte Stille, als Semir mit einem Ruck vom Sofa aufstand. „Komm mit.“, sagte er, immer noch ein wenig erregt zu André, der ihn etwas verständnislos ansah. „Was… wo willst du hin?“ Doch Semir gab keine Antwort und ging, mit dem Mercedes-Schlüssel von Ben’s Dienstwagen in der Hand Richtung Tür. „Komm mit. Ich will dir etwas zeigen…“

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  • Dienststelle 22:00 Uhr


    Kevin hatte sich durchgequält, mit mehreren Zigaretten hatte er die letzten zwei Stunden dieses anstrengenden Arbeitstages überstanden. Er und Ben verließen die Dienststelle, Ben hatte den Schlüssel ihres Ersatzwagens, einem BMW X3 in der Hand, in den sie beide einstiegen. Dem jungen Polizisten, der auf dem Beifahrersitz Platz nahm und aus dem Seitenfenster sah, war es ganz recht dass es im Wagen ziemlich dunkel war. So konnte Ben seine leichten Ränder unter den Augen, und seinen müden Blick nicht sehen. Kevin ahnte bereits, welch schlimme Nacht auf ihn zukam… müde und trotzdem schlaflos, bis er sich ein oder zwei der kleinen bunten „Sorgenverdränger“, wie er sie nannte, ihn zumindest in eine Art „Dösen“ versetzte, immer wieder unterbrochen von Alpträumen, von Schreien und düsteren Bildern, die er bereits jahrelang mit sich herumschleppte.
    Kevin hatte den Arm an das Fenster gestützt und den Kopf auf die Hand gelegt, während Ben den Wagen durch die fast leeren Straßen lenkte. „Morgen werden wir die Phantomfotos zur Fahndung ausschreiben. Mal sehen, ob das was bringt.“ Kevin hörte ihn, als wäre er ganz weit weg, während er aus dem Fenster sah und wie in Trance die Lichter an sich vorbeifliegen sah. Ben warf einen Blick auf ihn, und erkannte wie fortgerückt sein Sitznachbar war, und dass er gar nicht reagierte. „Hey, Kevin?“, wurde Ben etwas lauter, und Kevin drehte sich vom Seitenfenster weg, wie in Zeitlupe. „Ja, das machen wir.“, kam seine monotone und recht müde Stimme zu Ben herüber. Er fuhr Kevin zu der Adresse, die er von ihm bekam, und hielt vor einem recht hohen Mietshaus in einem nicht besonders freundlichem Viertel. „Hier wohnst du?“, fragte Ben etwas erstaunt. Kevin war immerhin Kommisar, wenn er auch noch am Anfang seiner Karriere stand, aber da sollte er sich doch etwas besseres leisten können als das hier. „Ja… danke fürs Fahren.“, meinte er nur und stieg aus dem BMW aus. „Ich hol dich morgen um 10 Uhr dann wieder ab, okay?“, rief Ben ihm noch hinterher, doch Kevin ging wortlos mit müden Schritten zur Eingangstür, die sich ohne Widerstand audrücken ließ. Ben war sich nicht sicher, ob Kevin ihn gehört hatte.


    Kevin ging den Weg in Richtung seiner Wohnung, drückte die Haustür in das 15-stöckige Hochhaus auf, die nie wirklich verschlossen war, weil das Schloß kaputt war. Auch den Aufzug benutzte er nie, er war ständig kaputt und der junge Polizist konnte sich etwas schöneres vorstellen, als in einem versifften Aufzug stecken zu bleiben. So trottete er müde die Stufen im kalten, nach Zigarettenrauch stinkenden Treppenhaus nach oben in den 3.Stock. Dort war Kevins Wohnung, die er mit seinem Schlüssel aufschloss, und als erstes seine Lederjacke über ein Stuhl warf. Die Wohnung von Kevin war einfach eingerichtet, ein Drei-Zimmer-Appartment mit einem Wohn-Essbereich mit einer Küche und einem Schlafzimmer, sowie Bad. Es war nicht unbedingt ordentlich, aber Kevin hätte sich gut vorstellen können, dass seine Wohnung noch die sauberste aller Wohnungen ist, die in diesem Haus lagen. Kevin fühlte sich erschöpft, leer, ausgebrannt. Es gab Tage, an denen er sich fast normal fühlte, und sich wunderte dass er nichts von den Nebenwirkungen spürte, die seine kleinen bunten Pillen verursachten, nachdem er sie nahm. Es gab Wochen, da kam er ohne sie aus, da kam er entspannt nach Hause, und lebte beinahe so wie jeder normale Mensch. Es gab aber auch Tage wie diese, in denen er vor seinen Alpträumen keinen Ausweg sah, in denen er sich immer wieder an die schreckliche Nacht erinnerte, die sie ein Leben aus den kleinen Fugen warf, in die er sich gerade selbst manövriert hatte. Es war kurz nachdem Kevin sowieso von kleineren Drogen und vor allem der kriminellen Straßengang losgekommen war, nachdem er bei André im Training war. Als das Training wegen Andrés Verschwinden gecancelt wurde, sagte sich Kevin von der Jugendgang los, wurde clean und nahm legale Gelegenheitsjobs wahr.
    Nach dem, für ihn traumatischen Vorfall, bekam er einen Rückfall und durchlebte ein halbes Jahr alleine, ohne Kontakt zur Außenwelt, außer zu einem Dealer den Kevin von früher kannte. Dann bewarb er sich bei der Polizei, nachdem er es geschafft hatte, mehrere Wochen lang keine Drogen zu nehmen um die ärztliche Untersuchung zu schaffen. Er wollte es, und er schaffte es, denn er wollte verhindern dass niemals jemand auf der Straße das durchleben musste, was er erlebt hatte. So eine Hilflosigkeit, die er gefühlt hatte in diesen Minuten voller Schmerz und Wut. Ausserdem hoffte er immer noch tief in seinem Inneren, die Kerle, die ihm das angetan hatten, zu finden. Manchmal, in besonders schlimmen Nächten kam in ihm der Rachedrang an die Oberfläche, hielt ihn am Leben. Manchmal blickte er aber nur in ein gähnendes Loch aus Ohnmacht, so wie jetzt gerade, als er mit den Armen auf das Küchentresen gestützt da stand, und zwei bunte Pillen mit einem Schluck Whiskey herunterspülte. Es schmeckte kurz bitter, doch er wusste dass sie bald wirkten, und ihm zumindest eine Art Schlaf bescheren würden.


    Kevin ging in Richtung seines kleinen Bades, wo er seine Klamotten auszog und die Dienstwaffe, die er manchmal mit nach Hause nahm, auf das Tresen vor seinem Spiegel lag. Er ging unter die Dusche und ließ, trotz der Kälte die draußen herrschte, eiskaltes Wasser auf seinen muskulösen Körper rieseln. Seine Haut spannte sich zur Gänsehaut, seine immer stacheligen Haare legten sich wie demütig auf seinen Kopf. Das Wasser perlte an seinem Rücken herunter und lief über zwei schlecht verheilte Stichnarben… Stichnarben von zwei hinterhältigen Messerstichen, die ihn bewegungs- und hilflos gemacht hatten. Er fühlte sich auch jetzt matt und hilflos, als er langsam an der Duschwand zu Boden glitt und die Hände nach draußen führte, und seine Waffe in die Hand nahm. Das Geräusch des laufenden Wassers in die Dusche und auf seinen Körper nahm er fast nicht mehr wahr, genauso wie das Gefühl, als das Wasser auf seiner Haut aufschlug. Die beiden Pillen, die er eben geschluckt hatte, begannen bereits zu wirken, und während er mit halb offenen Mund, und immer schneller werdendem Atem die Waffe in seiner Hand betrachtete, verschwamm der komplette Hintergrund hinter der Waffe zu einer dunklen Fratze, die ihn anstarrte und ihm zuflüsterte: „Du hast ihr nicht geholfen.“ Kevins Atem wurde schneller, als er die Entsicherung seiner Waffe löste und sie wie in Zeitlupe zu seinem Mund führte, bis die Mündung seine Lippen berührte. In seinem Kopf manifestierte sich die unheimliche Stimme, die von einem lauten, schrillen, angsterfüllten panischen Schrei begleitet wurde. „Mörder!“ Kevin schloss die Augen, während seine Finger sich um den Abzug legten.

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  • Ben’s Wagen – 22:30 Uhr


    Ben fuhr in seinem BMW aus dem recht tristen Plattenbau-Viertel hinaus, und hing seinen Gedanken nach. Warum war Kevin so komisch gewesen, je später der Abend wurde. Dem Polizisten mit dem Wuschelkopf war es nicht entgangen, dass sein Kollege zunehmend unkonzentrierter und fahriger wurde, wie seine Zigarette zwischen den Fingern zitterte als sie draussen standen. Oder war das doch eher die Kälte? Der BMW hielt an einer roten Ampel, und Ben schaute in den Spiegel. Sollte er umdrehen? Zurückfahren und Kevin fragen, ob alles in Ordnung sei? „Ach was“, sagte Ben laut zu sich selbst. Wahrscheinlich sah er Gespenster, Kevin war nur müde und würde ihn für verrückt und überbesorgt erklären, wenn er jetzt zurückfahren würde. Er kannte den jungen Polizisten ja kaum, nur vom heutigen Tage und der ein oder anderen Erzählung von Semir. ‚Still, manchmal eigenartig‘. Ja, das könnte auf heute abend passen, dachte sich Ben und legte den ersten Gang ein, als die Ampel auf Grünlicht umsprang. Er fuhr nach Hause, in seine Penthouse-Wohung, und dachte an den enormen Gegensatz zu Kevin, obwohl er heute nachmittag feststellen musste, dass die beiden so unterschiedlich gar nicht waren.



    Friedhof – 22:30 Uhr


    Semir parkte den Mercedes seines Partners am Haupttor des Südfriedhofes in Köln. Die Fahrt über hatten sich er und André angeschwiegen, jeder für sich. Semir bedauerte es, dass das Wiedersehen, welches so überraschend, so unerwartet kam letztlich nicht von Freude sondern von Misstrauen überschattet war. Er wollte André nicht misstrauen, er wollte ihm vertrauen, doch irgendwas in ihm hielt ihn davon ab. Oder war es einfach Enttäuschung über André, dass der sich nicht gemeldet hatte und vermutete, dass Semir ‚ihn nicht vermisse‘, wie er sagte? War es Enttäuschung darüber, dass André sich in gewissen Dingen doch ein wenig geändert hatte?


    Auch sein Nebenmann auf dem Beifahrersitz blieb stumm während der Fahrt. André jedoch nagten ein wenig die Schuldgefühle an ihm. Dass er egoistisch war, während er auf Mallorca war und bei Semir keinerlei Lebenszeichen von sich gab. Weil er nur auf sich selbst schaute, besorgt darum was Semir von ihm dachte. Nach 4 oder 5 Jahren, nachdem Horn André vertraute wäre es ein Leichtes gewesen irgendwie sich bei Semir zu melden. Doch in den kurzen Momenten, in denen der ehemalige Polizist an diese Möglichkeit dachte, wollte er nicht. Semir hätte ihm nie verziehen, was André tat und anlügen wollte er ihn auch nicht. Nur würde sein ehemaliger Kollege das jetzt noch glauben? „Was machen wir hier?“, fragte André als Semir auf dem Parkplatz des Friedhofs den Wagen parkte. „Ich will dir zeigen, wie sehr ich wichtige Menschen vermisse.“, sagte Semir ernst und ohne Emotion in der Stimme, und stieg aus ohne André’s Antwort abzuwarten. Der tat es seinem Freund gleich und folgte ihm durch das große eiserne Tor. Die Luft war eiskalt, Kondensrauch bildete sich vor André und Semir während sie über den Friedhof schritten. Dieser Friedhof war nicht geeignet dafür, nachts um Mitternacht irgendwelche Mutproben abzuhalten. Kleine Straßenlaternen beleuchteten jeden Weg des Friedhofs, so dass sich nie eine besonders unheimliche Stimmung ergab.


    Semir blieb vor einem grauen Grabstein stehen, dessen Grab mit einigen Blumen geschmückt war. André kam neben ihm zum Stehen und sah erst Semir, dann den Grabstein an. Er las den Namen in Gedanken. „Chris Ritter - *03.07.1969 + 24.04.2008“ André verstand nicht ganz, was Semir im Zeigen wollte, und fragte nach einem Moment der Stille. „Semir, was machen wir hier?“ Semir antwortete, ohne den Blick von Chris‘ Grab zu nehmen. „Das ist ein ehemaliger Partner von mir. Er wurde von einem Drogendealer erschossen. Glaubst du, nur weil ich nicht jeden Tag an ihn denke, vermisse ich ihn nicht?“ André schluckte kurz, ihm wurde klar was er mit seinem kurzen, etwas unbedachten Satz angerichtet hatte. Mehr und mehr Schuldgefühle überliefen ihn, als er sah, wie Semir sich wieder in Bewegung setzte, um nur wenige Gräber später erneut zum Stehen zu kommen. Andrés Blick schweifte über das Grab, und blieb an einem Foto hängen, das von Wind und Wetter geschützt in einem verzierten gläsernen Kästchen versteckt war. Es zeigte Semir und einem, für André fremden Mann, zusammen Arm in Arm. Beide lächelten wie unzertrennliche Freunde in die Kamera. Dann las André auf den Grabstein. „Tom Kranich - *16.11.1963 + 22.03.2007“ Er blickte Semir von der Seite an und meinte leise, mit seiner kratzigen Stimme: „Auch ein Kollege?“ Semir nickte bloß. „Ja… dein Nachfolger.“ André senkte seinen Blick. Semir hatte zwei weitere Kollegen verloren neben ihm, während er auf Mallorca erst gezwungermaßen, dann halbwegs freiwillig illegalen Geschäften nachging bzw sie unterstützte. „Er wurde erschossen, als er eine Frau schützen wollte… ich kam damals leider zu spät.“, sagte Semir mit einer monotonen, leicht resignierenden Stimmlage, ohne André dabei anzusehen. „Semir… es tut mir leid. Ich wollte das eben nicht so sagen.“, begann André vorsichtig, doch sein türkischer Freund unterbrach ihn. „Das war noch nicht alles. Komm…“ Wieder setzte sich der etwas kleingewachsene Polizist in Bewegung und sein Freund folgte ihm, jedoch nicht ohne einen Blick nochmal auf das Foto von Tom und Semir zu werfen und leise aufzuseufzen. Einige Meter später blieben sie vor einem weiteren Grabstein stehen. Andrés Blick glitt langsam von Fuße des Grabes, über die frisch gepflanzten Blumen, zu den steinernen Kerzengehäuse hinauf zum Grabstein. Eine kalte Gänsehaut überfiel ihn, sein Mund öffnete sich langsam und seine immer etwas müde wirkenden Augen wurden größer, als er die Inschrift des Grabsteins las. „André Fux - *05.05.1965 + 06.05.1999“ Semir schaute kurz zu seinem Freund, um dessen Reaktion zu regestrieren, als er an seinem eigenen Grab stand. Tausende Emotionen brachen auf André herein, als er sah dass man ihm ein Grab gesetzt hatte obwohl er „nur“ als verschollen galt. Rührung befiel ihn, weil er sah dass das Grab auch nach 14 Jahren immer noch gepflegt wurde. Und er brauchte nicht lange zu überlegen, wer dafür verantwortlich war, als sein Blick langsam zu Semir glitt. Nur Worte, Worte brachte der große Mann neben Semir keine heraus. „14 Jahre lang hab ich gedacht, du wärst tot.“, sagte Semir mit betretener Stimme. „14 Jahre lang habe ich jeden dritten oder vierten Tag hier gestanden. 6 Jahre lang bei Tom, 5 Jahre lang bei Chris. Und immer habe ich mich gefragt, ob ich nicht irgendwas hätte tun können.“ André hörte Semirs Stimme, er sah ihn immer noch von der Seite an, Semir hatte den Blick wieder zum Grabstein gewendet. „Ich habe dich vermisst, wie ich jeden meiner toten Kollegen vermisse.“, setzte er noch hinzu und versetzte André damit einen Stich ins Herz. „Es tut mir leid, Semir.“, quetschte der zerknirscht hervor. „Für das was ich gesagt habe… und für das was ich getan habe.“ Spätestens jetzt wurde André völlig klar, dass es ein Fehler war, sich nicht bei Semir zu melden. Er hatte die Verbundenheit, die er gespürt hatte zu Semir von dessen Seite unterschätzt. Er hatte immer gedacht ‚Semir wird es schon gutgehen…‘. Das war ein Fehler. Semir antwortete nicht auf Andrés Entschuldigung. Er drehte sich nur wortlos herum und ging ein paar Schritte, strich mit einer Hand André an der Schulter und meinte dann: „Komm, ich fahr dich nach Hause.“

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    Edited once, last by Campino ().

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