Taub (Teil 1)

  • Nach ca. 30 Minuten kehrte Ben an seinen gewohnten Platz in sein Zimmer zurück. Wieder kam der Arzt und berichtete. „Sehr schön Herr Jäger. Ich habe mir die Bilder schon angesehen, ihre Lunge hat sich wieder voll entfaltet, wir können die Drainage ziehen.“ Das ließ sich Ben nicht zweimal sagen. Jeder Schlauch weniger bedeutete einen Schritt mehr in Richtung Entlassung. So wurde er auf die rechte Seite im Bett gedreht, damit der Arzt gut an den Verband mit dem Schlauch herankam.
    Semir war gerade auf dem Weg zu seinen Freund und Partner. Nachdem er ihn gestern nur noch schlafend vorgefunden hatte, wollte er heute Morgen zeitig in der Klinik sein. Ein Pfleger hielt ihn kurz vor dem Zimmer auf. „Der Arzt ist gerade bei ihm, bitte warten sie noch einen Moment hier draußen.“ Erklärte er. Semir nickte dankend für die Auskunft und stellte sich gegenüber der Zimmertür an die Wand und wartete geduldig.
    Circa 10 Minuten später wurde die Tür geöffnet und ein Arzt kam zum Vorschein. Er lächelte den Deutschtürken an und ging dann seines Weges. Semir betrat langsam den Raum.
    Eine Schwester räumte gerade das Nachtkastchen von Ben auf. Semir sah ein Skalpell, zwei leere Spritzen sowie jede menge Tupfer und sterile Tücher darauf. Ben lag in wie immer in seinem Bett und schnaufte etwas schwerer. Als der Jüngere seinen Partner sah hob er zum Grüß wieder leicht die Hand. Er war noch völlig außer Atem durch den Verbandswechsel. Außerdem war er ziemlich schmerzhaft gewesen. „Kein Wunder“ dachte sich Ben, nachdem alles vorbei war. Wenn man einen Schlauch zwischen den Rippen raus gezogen bekommt, der so dick ist wie ein Finger, dann ist das scheiß schmerzhaft.


    Die Schwester grüßte Semir als sie ihn sah, schmiss den Müll in eine spezielle Vorrichtung und verließ das Zimmer. Zögernd nahm Semir wieder auf dem Stuhl platz. „Morgen. Alles in Ordnung bei dir?“ fragte er besorgt, als er Bens schmerzverzehrtes Gesicht sah. Nach wie vor atmete sein Kollege schwer. „Morgen… ja… geht schon.“ Kam es schleppend unter einigen Atemzügen von ihm. „Wirklich? Die Schwester ist eben erst raus, ich kann ihr noch hinterher…?“ bot Semir an. „Ne… alles gut…. hat gerade…. höher gedreht.“ Kam die schleppende Antwort von Ben, der auf die Perfusorspritze deutete. Wieder verzog er das Gesicht, als er sich im Bett etwas zurechtrückte.
    Semir schmerzte es, seinen Freund so zu sehen. Bisher schien er mit der Schmerzmedikation gut auszukommen, vielleicht wurde sie auch etwas zurückgestellt, damit Ben langsam davon loskam. Durch den Verbandswechsel hatte er jetzt wohl wieder erhöhten Bedarf. Apropos Verbandswechsel… „Ich sehe du bist deinen Kopfverband losgeworden.“ Sprach Semir. „Ja und dieses Lungen - Ding an der Seite auch.“ Antwortete Ben schon etwas zügiger. Der Ältere ging um das Bett und schaute auf die Stelle, wo vorher die Drainage stand. „Stimmt“. Bestätigte er. Wieder ging er um das Bett herum und setzte sich erneut.

  • Ben hielt sich mit der rechten Hand die Stelle, wo eben noch der Schlauch aus den Rippen trat. Der Gegendruck machte die Sache für ihn wesentlich erträglicher. Außerdem schien das Schmerzmittel seine Wirkung in dem Körper wieder zu entfalten. Ben merkte, wie es ihm von Sekunde zu Sekunde besser ging. „Hör mal… es ist gut, dass du da bist.“ Fing der Jüngere an. Semir wusste, worauf Ben hinauswollte und winkte ab. „Komm, vergiss es.“ Sprach er. „Nein, nein! Ich hab mich scheiße verhalten und von daher möchte ich mich gerne endschuldigen.“ Redete Ben weiter. „Ich hätte dich nicht rausschmeißen sollen…“ kam es mit Nachdruck. Semir atmete tief ein und beugte sich zu seinem Partner nach vorne. „Ben, dir hat man gestern eine sehr heftige Diagnose um die Ohren gehauen… Ich weis nicht, wie ich da reagiert hätte.“ Der Kranke schüttelte leicht den Kopf. „Dennoch! Dich so anzumotzen weil du mir nichts gesagt hast, das war nicht fair. Ich weis auch nicht, ob ich den Mut dazu gehabt hätte es dir zu sagen…“. „Wie gesagt, für mich ist die Sache erledigt.“ Sprach Semir. „Gut. Für mich jetzt auch.“ Beide grinsten sich an. „Und sonst? Was hat der Doc noch gesagt?“ fragte der Deutschtürke, nachdem die Sache geklärt war.
    Ben erzählte von der Visite und Semir hörte zu und nickte hin und wieder. „Und deine Beine? Wie wird es da weitergehen?“ fragte der Ältere Vorsichtig. Ben zuckte traurig die Schultern. Wieder was das Thema da, was er eigentlich die letzte Zeit so schön erfolgreich ignoriert hatte. „Keine Ahnung. Auf Reha soll ich wohl bald gehen. Nur was bringt es mir, wenn sich da zu 99% nichts mehr ändert. Laufen kann ich auch zu Hause lernen. Die Gefühle sind weg… Bewegung geht.“ Sprach Ben. Demonstrativ hob er abwechselnd beide Beine einigen Zentimeter unter der Decke an. Wieder entstand ein Schweigen, bis Ben auf ein Thema zu sprechen kam, was Semir noch gerne vermieden hätte. „Was gibt es neues vom Fall?“ fragte er. Der Deutschtürke schnaufte tief durch. „Nichts leider… aber Ben, ich finde wir sollten nicht darüber reden. Zumindest noch nicht…“ gab er seine Meinung zu verstehen. „Naja… ich hab für diese Sache fast den Löffel abgegeben, da möchte ich schon wissen, wie es weitergeht.“ Sprach Ben etwas trotzig. „Ich war ja auch beurlaubt, bzw. bin es immer noch. Die Krüger meldet sich, sobald es etwas Neues gibt.“ Schloss Semir seinen Bericht.


    „Weist du was ich jetzt mach? Ich hol uns jetzt schön einen Kaffee“ sprach der Deutschtürke, nach einer Weile des Schweigens. Bei dem Wort Kaffee erhellte sich das Gemüt von Ben. „Das ist doch mal ein Wort!“ gab er freudig zu. So saßen die beiden Autobahnpolizisten wenige Minuten später in Bens Krankenzimmer und tranken heißen Kaffee aus zwei Pappbechern. Fast so, wie bei guten alten Zeiten auf der Autobahn…

  • Etwa zwei Stunden später kam erneut die Schwester in das Zimmer. „So Herr Jäger, jetzt verlegen wir sie auf die Normalstation.“ Sprach sie und hatte die Akte von ihrem Patienten bereits in der Hand. „Soll mir Recht sein.“ Kam es von Ben, der sich freute wieder näher Richtung nach Hause gekommen zu sein. „Kann ich irgendwie helfen?“ bot Semir sich an. „Ja gerne. Sie können die Tasche mit den Privatsachen von Herrn Jäger nehmen, dann schieb ich das Bett.“ Schlug die Pflegekraft vor. Gesagt, getan. Schon nach wenigen Minuten ging es für Ben los. Er wurde von den Pflegekräften auf der neurochirurgischen Station nett begrüßt und gleich in sein Zimmer gefahren. „So Herr Müller, jetzt bekommen sie wieder Unterhaltung wie versprochen.“ Sprach die Schwester, als sie Ben mit samt dem Bett in das Zimmer fuhr. Neugierig blickte ein blonder Mann, etwa in Bens Alter, zu dem Neuankömmling. „Sehr gut! Unterhaltung ist immer besser, als alleine.“ Sprach Bens Mitbewohner freudig. „Ich bin Kai.“ Er winkte Ben zu. „Mein Name ist Ben.“ Erwiderte der Jungkommissar. Auch für den 30 Jährigen war es an der Zeit, wieder etwas mehr Unterhaltung zu haben. Zwar hatte er auf der Intensivstation viel Besuch erhalten und auch viel geschlafen, aber jetzt wollte er sich austauschen. Daher freute sich Ben, dass er einen netten Bettnachbar in seinem Alter hatte. „Gut die Herren.“ Sprach die Krankenschwester, „Ich schlage vor, sie richten sich erstmal häuslich hier ein, Herr Jäger, nachher komm ich vorbei und wir machen die Formalitäten.“ Kündigte sie an. Ben bedankte sich und die Schwester verließ das Zimmer. „Den ersten Schrank kannst du einräumen, der ist noch leer.“ Sprach Kai von seinem Bett aus. „Alles klar.“ Antwortete Ben. „Wärst du so nett..?“ richtete der Autobahnpolizist seine Bitte an Semir. „Klar.“ Kam es prompt von ihm. Wenige Augenblicke später war der Schrank eingeräumt und der Deutschtürke hatte für seinen Kollegen auch Getränke organisiert. Wieder klopfte es an der Tür, die Pflegekraft kam erneut. „Gut, dann mach ich mich mal auf die Socken. Wenn was ist, Telefon hast du ja jetzt. Ich komm heute Abend noch mal vorbei, in Ordnung?“ sprach der Ältere. „Ja klar, vielen Dank Semir.“ Sprach Ben und bekam wenig später die Blutdruckmanschette von der Schwester um den Arm gelegt.

  • Nachdem sämtlicher Bürokratiekram erledigt war, fingen die beiden Männer an, sie gegenseitig kennen zu lernen. „Und? Bist du das erste Mal hier?“ fragte Kai. „Ne ne, ich war schon öfters hier Gast, aber nie so lange…“ „hmmm“ bestätigte der Blonde am Fenster. „Das kann man sich nie aussuchen. Ich bin hier schon Stammgast.“ Erzählte er. „Echt?“ fragte der Autobahnpolizist. „Ja… Ich hab ne Querschnittslähmung und durch die Folgen muss ich öfters hier rein, einige Male hab ich schon unterm Messer gelegen, ich hoff das hat bald ein Ende.“ Sprach Kai. „Scheiße… das tut mir leid…“ antwortete Ben bedauernd. Mein Gott, der ist ja noch schlechter dran als ich.. dachte sich der junge Autobahnpolizist. „Ach was! Man lernt damit zu leben, das ist schon okay. Bin ja immerhin seit gut 10 Jahren an den Rolli gefesselt. Da gewöhnt man sich mit der Zeit dran.“ Berichtete Kai weiter. Ben bewunderte den Mann jetzt schon, für seinen Lebenswillen. Er hatte noch nie einen Menschen gesehen, der so offen und positiv mit einer Querschnittslähmung umging. Gut… er kannte auch kaum jemanden, der Querschnittsgelähmt war… aber dennoch…


    „Ben?“ hörte er seinen Bettnachbar fragen. Dieser fuhr rum. Er war so in seine Gedanken verstrickt, dass er auf seine Beine schaute und die Welt um sich herum vergessen hatte. Kai hatte ihm wohl eine Frage gestellt, die er nicht mitbekommen hatte. „Bitte?“ fragte Ben. „Warum du hier bist…?“ stellte Kai noch mal die Frage. „Achso… ich… ich hatte einen Unfall und hab jetzt Probleme mit meinen Beinen.“ Sprach er. Kai merkte gleich, dass dieses Thema für Ben momentan nicht in Betracht kam. So schwieg er eine Weile.

  • Kai versuchte nach dem peinlichen Schweigen wieder etwas Laune in das Zimmer zu bekommen. „Ich wollte heute Abend Fußball schauen, ist das in Ordnung für dich? Ich mein, immerhin müssen wir uns die Glotze teilen…“ Ben nickte. „Klar, ich schau auch gern Fußball.“ Kai grinste: „Gut, dann hätten wir den Abend auch verplant. Ich geh uns noch Chips holen.“ Gekonnt kletterte er von dem Bett aus in seinen Rollstuhl, platzierte per Hand seine Füße auf den Ablagen, löste die Bremse und fuhr los. Ben hatte die Szene beobachtet… ob er wohl auch erstmal in den Rollstuhl muss…? Immerhin hatte er noch keinen Schritt seither getan… „Brauchst du noch was von dem Kiosk?“ holte ihn Kai wieder aus seinen Gedanken. „Ähm… ne danke, ich bin versorgt.“ Sprach er. Kai rollerte in Richtung Tür, der Autobahnpolizist hörte wenig später die Tür zuschlagen. Ben war alleine… und er dachte nach. Über Kai, seine Querschnittslähmung und über seine Krankheit. Er bewunderte seinen Zimmerkollegen wirklich für seinen Lebensmut, aber im Rollstuhl könnte er nicht leben… Er schnaufte tief durch und warf die Decke von seinen Beinen. „Naja, bewegen kann ich euch noch… sollte mit dem Laufen eigentlich kein Problem sein…“ sprach er. Er überprüfte die Länge des Schlauches der Perfusorspritze. Damit sollten eigentlich zwei Schritte machbar sein… Ben setzte sich erstmal im Bett auf und stützte sich mit den Handflächen auf dem Bett ab. Langsam zog er das rechte Bein an seinen Körper, bewegte es einige Zentimeter nach rechts streckte es wieder aus. Dasselbe wiederholte er mit dem linken Bein. Nun hatte er eine halbwegs sitzende Position an der Bettkante. Mit den Händen hob er sich weiter an die Bettkante nach vorne. Alles ging sehr langsam von statten. Endlich hatte er mit seinen Füßen Kontakt zu dem Boden. In Socken gekleidet suchte er den Widerstand an den Füßen… doch er merkte nichts. Kein Druck, keine Kälte, nichts… Ben schnaufte nochmals tief durch. Er musste jetzt all seine Kraft zusammenhalten, um aufstehen zu können. Er zählte innerlich bis drei, dann nahm er all seine Kraft zusammen die er seither hatte sammeln können und schnallte in die Höhe. Kaum stand er, verlor er auch schon das Gleichgewicht. Er hatte das Gefühl, als würde er schweben… den Boden spürte er nicht, aber er stand… so wankte er hin und her. Auch das rudern der Arme bracht nichts mehr… er sah den Boden schon näher kommen. Kurz bevor er auf den Boden aufschlug, spürte er noch ein schmerzhaftes Ziehen am Hals... Mit einem Schrei ging er zu Boden. Stöhnen lag er auf der Erde und hielt sich die gebrochenen Rippen, die ihm jetzt mehr denn je wehtaten. "Scheiße!" rief er und schlug mit der rechten Faust auf den Boden. Dann blickte er sie an und sah blut daran. Mit seine Händen aufstützend brachte er sich in eine halbwegs sitzende Lage, mit dem Rücken lehnte er an seinem Bett. Tief schnaufend vor Schmerz suchte er seine Hand ab, wo er sich scheinbar verletzt hatte… dann spürte er eine Nässe den Hals hinunterlaufen. Er berührte die Stelle und sah wieder seine Hand an… Dann war ihm klar, wo das Blut herkam…

  • „Oh fuck!“ stieß er wieder aus. In einer Tour lief das Blut seinen Hals herunter. Hilfe suchend blickte er sich im Zimmer um. An den Klingelkopf kam er nicht, der hing über seinem Galgen am Krankenbett… „Scheiße, verfluchte!“ entfuhr es ihm wieder. Der Schmerz in den Rippen stach so hart, dass Ben schwarz vor Augen wurde. Jetzt bloß nicht umkippen ermahnte er sich selbst in Gedanken, als er merkte, wie er kurz davor war in die Dunkelheit abzudriften.


    Er presste die rechte Hand wieder auf die Seite der gebrochenen Rippen und Atmete langsam tief ein und aus. Hilfesuchen sah er sich wieder im Zimmer um. Was sollte er tun? Schreien…? kurz bevor er loslegen wollte hörte er, dass sich die Tür öffnete. „Hallo?“ kam es schlapp von ihm. Er hatte schon durch das Atmen starke Schmerzen, sprechen war jetzt noch schmerzhafter für ihn. Ben hörte wie die Tür wieder ins Schloss viel und Kai sich zu Wort meldete: „Ich bin´s nur, hab uns für heute Abend noch…. Ach du Scheiße! Ben! Was machst du denn da..??“ kam es entsetzt von ihm. „Ich wollt schon mal Heimlaufen.“ Sprach der Autobahnpolizist unter zusammengebissenen Zähnen. Kai ging nicht auf den Sarkasmus ein und rollerte geschwind zu Bens Klingel, die näher war als seine. Schnell drückte er zweimal darauf. Sofort kam eine Stimme aus der Gegensprechanlage: „Alles in Ordnung?“ sprach eine Frau. „Nein, wir brauchen hier schnell Hilfe.“ Antwortete Kai panisch. Binnen weniger Sekunden ging die Tür auf und zwei Schwestern betraten den Raum. „Oje Herr Jäger, was machen sie denn da?“ kam es entsetzt von der einen Pflegekraft. Beide Krankenpflegerinnen positionierten sich jeweils auf eine Seite von Ben und zogen ihn unter den Achseln haltend nach oben. Ben stütze sich bei den Damen ab, er war mit seiner Kraft am Ende. Die Schwestern schliffen Ben zurück in das Bett und eine der beiden verließ das Zimmer um sterile Tupfer zu holen. Ben atmete wären dessen schnell und unregelmäßig weiter. „Ruhig Herr Jäger, es wird gleich wieder besser.“ Versuchte die noch übrig gebliebene Schwester Ben zu beruhigen. Sie griff nach dem Handgelenk ihres Patienten und zählte den Puls. Die Kollegin von ihr kam in dem Moment zurück in das Zimmer und die sterilen Tupfer wurden auf Bens Hals gedrückt um die Blutung zum Stillstand zu bringen. Das war nur der Zentrale Venenkatheter, das ist normal, dass das so stark blutet.“ Sprach die Pflegekraft, die eben noch aus dem Zimmer gerannt war.
    Kai beobachtete alles im Rollstuhl. Er hatte richtiges Mitgefühl für Ben. Was war in der kurzen Zeit, wo er das Zimmer verlassen hatte nur passiert?
    Nach einigen Minuten wurde an Bens Hals ein Pflaster geklebt. „So, das Problem hätten wir schon mal.“ Sprach eine der beiden Schwestern. „Haben sie sich noch irgendwo verletzt?“ Kam die besorgte Frage. „Ich glaub nicht…“ sprach Ben matt. „Sind sie umgeknickt? Oder sonst was mit ihren Beinen?“ sprach die Andere. „Ne…ich bin nur… vorneweg gefallen…beim Stehen... hab das Gleichgewicht verloren…“ gestand Ben. Jetzt kassierte er einen tadelnden Blick beider Schwestern, sie sagten jedoch nichts dazu.

  • Bens Vitalzeichen wurden gemessen, um sicher zu gehen, dass halbwegs alles in Ordnung war. Einer der Pflegerinnen reichte ihm ein frisches T-Shirt aus seinem Schrank. Dankend nahm Ben es entgegen. „In Zukunft klingeln sie bitte, bevor sie davonlaufen.“ Kam es mit einem zwinkern von der Schwester. Ben grinste und erwidert: „Alles klar, mach ich. Sorry, für die Umstände.“ Die Frau winkte es ab entfernte den jetzt nicht mehr benötigten Perfusor und verließ mit den Worten „Ich schau nachher noch mal rein. Wenn Sie vermehrt Schmerzen bekommen, dann klingeln sie bitte. Immerhin läuft das Medikament jetzt nicht mehr.“ das Zimmer.


    „Dank dir Kai, Ich bin nicht an die Klingel gekommen.“ Sprach Ben, als die Herren wieder unter sich waren. „Kein Ding… Aber jetzt erzähl mal, was ist denn passiert. So lang war ich doch gar nicht weg, dass man so viel Mist anstellen kann…“ kam es grinsend von dem Querschnittsgelähmten. Ben musste nun auch grinsen. Die Schmerzen in seiner Flanke hatten schon etwas nachgelassen, trotzdem stütze er die Seite noch mit der rechten Hand. „Ach ich weis auch nicht, war ne scheiß Idee…“ kam es von Ben. Kai sah ihn nur fragend an. Noch immer saß er in seinem Rolli neben Bens Bett. „Ich wollt mal wieder ein paar Schritte laufen. Sorry… das ist jetzt mies dir gegenüber…“ kam es kleinlaut von dem Autobahnpolizisten. Doch sein Zimmergenosse grinste nur. „Ich hab dir doch gesagt, dass ich damit kein Problem mehr habe. Aber du scheinst ein größeres Problem mit deinen Beinen zu haben, hab ich Recht?“ sprach Kai seine Vermutung knallhart aus.
    Ben nickte langsam. „Aber du magst nicht darüber reden?“ schlussfolgerte der Blonde. „Das… ist nicht so ganz einfach… aber wenn ich es dir erzähle dann… dann lachst du sicher nur darüber… immerhin bist du… ganz gelähmt.“ Gestand Ben. „woher willst du es wissen, wenn du es nicht versuchst?“ kam es von Kai. Ben schnaufte wieder tief durch, ein kurzer zusätzlicher Schmerz durchzuckte seinen Körper. „Also gut…“ fing er an zu berichten…


    „Ich bin Polizist und hatte einen Undercovereinsatz. Meine Tarnung ist aufgeflogen und… naja… dann wurde es etwas ungemütlich. Ich erinnere mich zum glück an nicht mehr viel. Es kam wohl zu einem Kampf… und scheinbar hab ich den kürzeren gezogen…Ich bin in einen Abgrund gefallen… und mein Partner, Semir mein Begleiter von eben… der hat mich dann wohl gefunden…“ Ben stockte. Wieder hatte er Flash-Bracks von den Ereignissen. Immer nur Fetzten und nur für den Bruchteil einer Sekunde… er fuhr sich mit den Händen durch das Haar. Dann sah er Kai an, der ihn durch ein Nicken aufmunterte weiter zu reden. Ben räusperte sich und erzählte dann weiter:

  • „Scheinbar war ich tot… Ich verdanke meinem Partner mein Leben… und der macht sich Vorwürfe, weil er mich nicht beschützt hat…“ Als Ben jetzt zu Kai hinüber sah, blickte er in vor Entsetzten geweitete Augen. Unbeirrt fuhr er fort. Wenn er jetzt schon bis hierher erzählt hatte, dann konnte er auch den Rest erzählen.
    „Naja… irgendwann sind dann die Rettungskräfte gekommen, ich kam ins Krankenhaus, wurde operiert weil ich eine Hirnblutung hatte… und Rippenbrüche nicht außer Acht zu lassen…“ Demonstrativ strich er sich mit der Hand über die linke Flanke. Kai nickte wissend. „Und jetzt hast du Probleme mit deinen Beinen?“ fragte er weiter. „Ja…sie sind gefühllos… ich spüre nichts mehr. Ich könnte mir ein Messer reinrammen, ich würde es nicht mal merken. Aber das kennst du ja sicher…“ sprach er weiter. Kai nickte. „Aber bewegen kannst du sie noch?“ „ Ja und laut dem Arzt könnte ich damit auch laufen… aber irgendwie… hat das gerade nicht danach ausgeschaut, oder?“ Bens Sarkasmus war wieder geweckt. Doch Kai erkannte es als Schutzwall des Kommissars. Er kannte selbst die Tricks gut genug um sie zu enthüllen. Von daher ging er nicht darauf ein. „Ja aber das braucht doch Zeit! Oder hat dir der Doc gesagt, dass du aufstehen und nach Hause laufen kannst…?“ „Ben kratzte sich am Kinn. „Nee so direkt nicht…“ gab er zu. „Na dann gib dir doch die Zeit, dass du dich an die neue Situation gewöhnen kannst… glaub mir, ich spreche da aus Erfahrung…“
    „Ja Kai… aber das ist nicht so ganz einfach… ich mein… meinen Job…den kann ich wohl an den Nagel hängen!“ sprach Ben weiter. „Da brauchst du mir nix zu erzählen! Ich war 20 Jahre, als ich meinen Motorradunfall hatte. Ich bin von der Uni nach Hause gefahren… ich habe zu der Zeit Sport studiert…“kam es klärend von dem Blonden. Jetzt war es Ben, der mit großen Augen dasaß.

  • Nach einiger Zeit fand der junge Hauptkommissar seine Sprache wieder: „Verdammt Kai… das tut mir wirklich leid.“ Sprach er ehrlich. „Wie ging es dann weiter?“ Kai löste die Bremsen seines Rollis und fuhr zu seinem Bett hinüber. Schwungvoll Hob er sich durch pure Muskelkraft an den Armen in das Bett hinüber. Dabei erzählte er weiter: „ Du meinst nach meiner zweijährigen depressiven Phase, wo ich unter anderem auch versucht habe mir das Leben zu nehmen?“ Kai blickte zu Ben hinüber, dem jetzt auch der Mund noch offen stand. „Tja… das ist gar nicht so leicht wenn man im Rolli sitzt… von der Brücke springen geht da schlecht.“ Der Blonde grinste und wischte das gesagte mit einer Handbewegung weg. Er wurde wieder ernst, als er zu Ben hinüber sah, der wie gefesselt an seine Worte zu sein schien. „Hör mal Ben… es braucht eine Zeit bis man sich mit der neuen Gegebenheit identifizieren kann, egal um was es geht…jeder hat da seine Methode“ Er legte eine Pause ein. Dann schnaufte er tief durch und erzählte weiter: „Wichtig ist nur, dass man am Ende einen Rettungsanker hat, an den man sich von der stürmischen Flut wieder an das Land ziehen kann…“ Mit einem Lächeln fuhr der Querschnittsgelähmte fort: „Und mein Anker war eben der Sport, also… hab ich Invaliden-Sport studiert.“ Jetzt war es auch Ben, der grinste. Wow, der Kerl hat einfach das Beste aus seiner Situation gemacht… Ich bewundere ihn immer mehr. dachte sich Ben. laut sagte er „Hut ab… das ist echt ein guter Charakterzug.“ „Naja, die Karten werden neu gemischt für das Leben und deine Aufgabe ist es, das Spiel zu gewinnen.“ Erwiderte der Blonde.
    So redeten die Beiden noch über deren Leben. Ben erzählte von der Polizei und Kai von seinem Invaliden-Sportverein. Er schien als Sportler recht erfolgsreich zu sein.
    Irgendwann kam dann Konrad Jäger zu Besuch. Er freute sich für seinen Sohn, dass er die Intensivstation verlassen hatte. Auch Semir kam noch mal vorbei. Die vier Männer redeten noch, bis das Abendessen kam. Ben erzählte natürlich nichts von dem Vorfall. Er hätte von seinem Partner nur eine Standpauke erhalten, die er sich im Moment ersparen. Auch Kai erzählte nichts von dem Unfall. Nach dem Abendessen schauten die Beiden Fußball und irgendwann wurde auch das Licht gelöscht. Doch schlafen konnte Ben noch lange nicht. Er dachte über den heutigen Tag nach, was Kai erzählte, was passiert war. So lag er noch lange wach, bis er irgendwann in einen unruhigen Schlaf viel.

  • Am nächsten Morgen wurde Ben Zeitig noch mal in das Röntgen gefahren. Eine Kontrolle der Lunge sollte noch mal erfolgen, eine Routinemaßnahme nach dem Ziehen der Drainage. Also setzte sich Ben mit Hilfe der Schwester in den Rollstuhl und verließ das Zimmer.
    10 Minuten später kam Semir zu besuch. „Morgen Semir!“ wurde er munter von Kai begrüßt, der mit seiner Zeitung am Tisch saß. „Deinen Kollegen hast du leider verpasst, der ist eben zum Röntgen abgerufen worden, Routine!“ gab er bekannt. „Du kannst hier aber gerne warten. Das dauert in der Regel nicht so lange.“ Schlug Kai dem Hauptkommissar vor. „Das ist nett, aber ich hab leider nicht mehr so viel Zeit. Ich fang heut wieder das Arbeiten an.“ Erklärte Semir. Kai nickte. Der Deutschtürke gesellte sich zu Kai an den Tisch. „Ich wollte mich übrigens bei dir bedanken, Kai. Du scheinst Ben aus seinem Loch ganz gut heraus zu holen. Das tut ihm wirklich gut…“ sprach er. Kai schüttelte nur den Kopf und sah ihn traurig an. „Ben ist noch gar nicht in seinem Loch…“ missverständlich sah Semir den Querschnittsgelähmten an. „Wie meinst du das?“ fragte er. „Das braucht eine Zeit, bis er in die... naja… ich sag mal Trauerphase… kommt. Und ich glaube, dass es ähnlich heftig wie bei mir wird…“ gestand Kai.

  • Semir blickte traurig zu Kai. Er machte sich Gedanken um die Zukunft… Er hoffte Ben beistehen zu können so gut es ging. Der Querschnittsgelähmte räusperte sich, als die Tür aufging und Ben im Rollstuhl sitzend in das Zimmer gefahren wurde. „Hey Partner!“ wurde der Jüngere von seinem Kollegen begrüßt. „Gute Morgen.“ Kam es von Ben zurück. Semir sah zu, Wie Ben mit Hilfe der Schwester in das Bett zurückgebracht wurde. „Wie geht’s dir?“ fragte der Deutschtürke, als er sich von seinem Platz bei Kai am Tisch erhob und zu Ben hinüberging. „Joa… soweit so gut!“ kam es von dem Jungen Hauptkommissar. „Ich muss auch schon bald wieder los, ich geh heut wieder Arbeiten.“ Erklärte Semir. „Was steht bei dir heute noch auf dem Programm?“ fragte er weiter. „Soweit ich weis, kommt heute die Krankengymnastin und trainiert mal ne Runde mit mir.“ Bestätigend nickte die Schwester. „Ah, das klingt doch gut. Dann komm ich nach der Schicht noch mal vorbei. Brauchst du noch etwas aus deiner Wohnung?“ Bot der Ältere mal wieder seine Hilfe an. „Meinen I-Pot könntest du mir mitbringen..“ schlug Ben vor. „Sonst hab ich hier eigentlich alles.“ „Geht klar, Partner.“ Semir Verabschiedete sich noch von Kai und Ben und machte sich auf den Weg in die PAST.
    Circa eine Stunde später kam die Krankengymnastin, mit Krücken bewaffnet in das Zimmer von Ben und Kai. „So Herr Jäger. Dann wollen wir mal.“ Sprach die Mitte Zwanzigjährige. Sie war sehr nett und hilfsbereit, aber Ben bezweifelte, dass diese kleine zierliche Dame ihn wirklich auffangen könnte, wenn er wieder stürzen würde. Doch von seinen Zweifeln ließ er sich nichts anmerken. Aber wofür die Krücken waren?
    „Da Sie kein Gefühl in den Beinen haben, müssen Sie das Gewicht erstmal auch über die Arme balancieren.“ Erklärte die KG, als sie Bens skeptischen Blick zu den Unterarmgehstützen sah. „Das ist nur für die erste Zeit, bis sie sich an das neue Laufen gewöhnt haben…“ sprach sie weiter. „Alles klar, bestätigte der Autobahnpolizist. Die Armmuskulatur kann ich eh mal wieder trainieren, immerhin hat das alles durch das lange Liegen ganz schön abgebaut…“ dachte sich Ben, als er sich die Krücken schnappte und auf weitere Instruktionen wartete.

  • So ihr Lieben! Das Wochenende ist vorbei und weiter gehts! Vielen Dank, für eure Geduld!



    Scheu Blickte der 30 Jährige an der Bettkante sitzend mit den Krücken in den Händen zu seiner Trainerin. „Und jetzt?“ fragte Ben. „Jetzt nutzen sie Ihre Armmuskulatur gemeinsam mit den Krücken um vom Bettrand aufzustehen. Sehen sie dabei auf die Beine. wenn die Knie voll durchgestreckt sind, dann stehen sie sicher.“ Sprach die Krankengymnastin weiter. „Also gut.“ Antwortete der Polizist und versuchte sein glück. Kai lag in seinem Bett und beobachtete alles genau. Mit einem Ruck erhob sich Ben, doch lag zu viel Power in seiner Bewegung. Er wankte und konnte sich aber gleich mit den Unterarmgehstützen ausbalancieren. Die Junge Frau hielt ihn zusätzlich am Arm fest. „Na das war doch gar nicht mal so schlecht.“ Beurteilte sie. „So. Jetzt setzten sie mit den Krücken an und ziehen das Entgegengesetzte Bein nach. Verlieren sie nie die Beine aus den Augen. Nur so können sie die Bewegung koordinieren.“ Erklärte sie weiter. Ben nickte und legte los. die rechte Krücke nach vorne und das linke Bein wurde daneben gestellt. Danach dasselbe im Seitenwechsel. Ben blickte stets auf den Boden zu seinen Beinen, die ihm das Feedback an den Körper nicht mehr geben konnten. So hatte er sich zwei Schritte und gut einen Meter von seinem Bett entfernt. Noch mehr mit den Armen stützend als wirklich auf den Füßen stehend sah er zu dem Bett zurück und grinste zu Kai rüber. Dieser Hob den Daumen als Zeichen, dass er ihn unterstützte. Von der Stimme der KG-lerin wurde er wieder in die Realität gezogen. Sie griff an Bens Oberarm und merkte, dass die Muskulatur stark angespannt war. „Nicht so hart hier.“ Sie klopfte auf den Oberarm. „Immerhin sollen sie auf den Füßen stehen und sich nicht mit den Armen tragen.“ Berichtete sie weiter. Ben ließ locker und sah, wie seine Beine sich mehr streckten. „ja das ist besser.“ Sprach die Trainerin. „Nur weil sie nicht mehr ihre Beine spüren, heißt das nicht, dass Sie sie nicht mehr nutzen können. Sie tragen ihr volles Gewicht, keine Sorge.“ „Und wie lang geht das jetzt mit den Krücken so…?“ fragte Ben. Die Trainerin wandte den Kopf hin und her. „Je nachdem, wie viel sie Trainieren. Man braucht ein Gespür dafür. Da Sie Ihre Beine nicht mehr fühlen, müssen Sie das laufen neu lernen und mit anderen Sinneswahrnehmungen ihr Schritte Balancieren. Wir haben hier einen Trainingsraum, den zeig ich ihnen gleich. Aber jetzt erstmal weiter. Bis zur Tür und wieder zurück.“ Schloss Sie. Ben nickte wieder brav und fuhr langsam seine Bewegungen aus. für einen Schritt brauchte er in etwa 10 Sekunden. Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er mehr die Arme anspannte als wirklich mit den Beinen zu laufen.
    Eine viertel Stunde später saß Ben wieder auf seinem Bett. Erschöpft schnaufte er tief ein und aus. Er musste sich eingestehen, dass ihn das mehr Kraft kostete, als er zuerst gedacht hatte.
    „Na das war doch ganz ordentlich für das erste Mal.“ Bekräftigte ihn die Frau der Krankengymnastik. „So, jetzt hol ich einen Rollstuhl und zeig ihnen noch, wo der Trainingsraum ist.“ Wenig später wurde Ben von ihr durch die Flure der Klinik geschoben.

  • In einen Teil der Kellerräumlichkeiten blieb die Junge Frau mit Ben stehen. Sie öffnete eine Tür und dahinter kam ein Großer Raum zum Vorschein. Fast wie eine kleine Sporthalle, dachte sich Ben. Einzelne Geräte zum Trainieren der Bein- und Armmuskulatur waren vorhanden. Ben rollerte jetzt selbstständig in den Raum um sie genau umzusehen. An einen der Bein-Geräte blieb er stehen und strich mit den Fingern über die Gewichte. In die Vergangenheit zurückversetzt, dachte Ben an sein altes Hobby, dem Fitnessstudio. Gerne war er dort um Gewichte zu stemmen. Nicht um irgendwen zu imponieren, so wie das die Jugendlichen machten, die sich in Gruppen dort traf um sich gegenseitig anzufeuern, sondern einfach nur für sich. Immerhin hatte sich seine Leidenschaft im Beruf stets ausbezahlt.
    Ben zuckte zusammen als die junge Frau eine Hand auf seine Schulter legte. Sie hatte mitbekommen, dass Ben mit den Gedanken ganz weit weg war.
    „Kommen Sie, ich zeig ihnen ein paar Übungen die jetzt am Anfang gut für Sie sind.“ Schlug sie vor. Ben folgte ihr, als sie sich an eine der Wände der Halle begab. Dort war eine Sprossenwand in die Mauer eingeschraubt. Sie stellte sich daneben und fing mit den Erklärungen an:“ Hier können sie gut das aufstehen üben. Ziehen sie sich aber nicht mit der Armkraft nach oben aus dem Rolli. Immerhin haben sie späterhin auch keine Sprossenwand vor der Nase. Nur ganz leicht als Sicherung nutzen. Mit etwas Übung brauchen sie die Sprossen irgendwann gar nicht mehr.“ Ben nickte stumm. Ihm wurden noch weitere Übungen gezeigt bevor sie wieder die Räumlichkeiten verließen und Ben zurück auf sein Zimmer gebracht wurde. „Dann sehen wir uns morgen.“ Sprach die junge Frau und verabschiedete sich. Ben bedankte sich und krabbelte wieder in sein Bett zurück. Er war jetzt ganzschön erschöpft. Ein wenig wurde mit Kai noch geplaudert. Natürlich kannte er den Krankengymnastik - Raum der Klinik schon. Dann legte Ben sich etwas zur Ruhe. Er fühlte sich wie ausgepowert nach der „Sportstunde“. „Das kenn ich, ist ganz normal am Anfang. Penn nur ne Runde, ich halt hier die Stellung.“ Sprach Kai als Ben seine Schlafposition einnahm.

  • Abends erhielten die beiden Patienten wieder reichlicht Besuch. Bens Vater und Schwester waren gekommen und auch von Kai kam ein Sportkollege vorbei. So wurde sich wieder viel Unterhalten.
    Semir schaute gegen 20:00 Uhr auch noch mal vorbei. Gemeinsam mit der Chefin und Susanne betrat er den Raum. Ben freute sich auf der einen Seite riesig, über den Besuch der dreien. Aber auf der anderen Seite war es ihm auch etwas unangenehm, sich der der Chefin und vor allem Susanne so schwächlich und krank zu präsentieren. Aber es ließ es über sich ergehen und versuchte, das Gefühl der positiven Überraschung in den Vordergrund zu rücken. Eigentlich freute er sich wirklich über den Besuch. Das Thema Arbeit wurde von beiden Seiten gemieden.
    Gegen 21:30 Uhr wurde den Patienten die wohlverdiente Ruhe gegönnt. Kai und Ben sahen noch etwas Fern und um 22:30 Uhr löschte Kai endgültig das Licht für diesen Tag. Ben fand mal wieder keinen Schlaf. Er rollte sich hin und her, dachte nach, schnaufte viel durch und konnte einfach nicht zur Ruhe kommen. Immer wenn die Nachtschwester das Zimmer betrat, tat er so, als ob er schlafen würde. Er hatte keine Lust von ihr bemitleidet zu werden. Doch Kai bekam die Situation um Ben mit. Auch wenn Ben versuchte, sich ruhig zu verhalten, so hörte Kai doch jede Bewegung von ihm, sowie sein schniefen, als sein Zimmerkollege leise weinte. Kai hatte das Gefühl, dass Ben alleine sein wollte. Außerdem, wenn er ihn richtig einschätzte, wäre es für Ben nur peinlich gewesen. Er dachte an den abendlichen Besuch zurück. Mag sein, dass den beiden Damen das nicht aufgefallen war, aber Kai spürte ganz genau, wie unangenehm für Ben die Situation gewesen war. Er selbst kannte die Lage, in der Ben gerade war… und es war damals kurz vor seiner depressiven Phase. So lag der Querschnittsgelähmte still da und tat so, als ob er schlafen würde.
    Der nächste morgen kam für Kai und Ben viel zu früh. Gegen 4 Uhr war Kai eingeschlafen. Ben hatte die Nacht über kein Auge zu getan. Doch er ließ sich am Morgen nichts anmerken. Zumindest versuchte er es. Aber der Querschnittsgelähmte merkte, dass sein Zimmergenosse heute viel ruhiger war als die Tage zuvor. Nach dem Frühstück wollte er sprach er Ben an: „Komm, lass uns eine Runde drehen! Ich wette, du hast den Park der Klinik noch nicht gesehen.“ Der Autobahnpolizist sah ihn nur fragen an. Schon war Kai in seinem Rollstuhl und fuhr in Richtung der Ausgangstür. „Bin gleich wieder da.“ Sprach er noch und war im nächsten Moment schon verschwunden. Nach einigen Minuten hörte Ben die Tür wieder und ein Rollstuhl wurde vor sein Bett geschubst. Kurz darauf kam Kai angerollert: „Auf Ben, los geht’s. Heut wird nicht so faul umher gesessen wie gestern. Ich hab den Schwester schon bescheid gesagt.“ Fügte er noch hinzu, als er Bens zweifelndes Gesicht sah.

  • „Ach Kai ich weis nicht… mir ist heut nicht so nach…“ versuchte Ben abzulehnen. Er wollte eigentlich nur seine Ruhe haben. Gerade nach der Nacht, wo er kein Auge zugemacht hatte. Aber das wusste Kai ja nicht… zumindest dachte Ben das. „Nix da!“ kam es von Kai der ihn unterbrach. „Das ist toll dort, wenns dir nicht gefällt, können wir immer noch zurück und lass dich in Ruhe, abgemacht?“ Kai wusste, dass Ben jetzt aufgefangen werden musste. Also setzte er sich durch und die beiden Männer rollerten wenig Später aus der Eingangstür der Klinik in Richtung des Rundweges. Ben wunderte sich, wie anstrengend doch das Rollstuhlfahren war. Nach einigen Bergen wo er hochschieben musste, kam er doch aus der Puste. Er bevorzugte den Rolli, da er zu Fuß wohl Stunden gebraucht hätte. Außerdem hatte er die Kraft für so einen langen Marsch noch nicht. Kai machte extra langsam um das Tempo von Ben einzuhalten. Er wollte seinen Bettnachbarn nicht hetzten. Circa 15 Minuten Später blieben die Beiden an einem Ententeich stehen. Ben sah sich um und wunderte sich wirklich über die schöne Gegend. Die Sonne schien, keine Wolke war am Himmel. Er genoss mal wieder die Natur, wenn auch nicht wie sonst auf seinem Motorrad… Wieder kamen negative Gedanken über sein zukünftiges Leben. Ob er überhaupt noch Motorradfahren konnte? Daran hatte er bis jetzt noch nicht gedacht… „Und gefällt es dir oder magst du wieder zurück auf Station?“ wurde er von dem Blonden Querschnittsgelähmten aus seinen Gedanken geholt. „ne… ist eigentlich echt ganz schön hier.“ Gab der Autobahnpolizist zu. „Ja ne? Ich bin hier eigentlich viel unterwegs wenn ich mal wieder zu Besuch auf Station bin. Irgendwie lenkt einen die Natur ab…“ Kai wollte mit der Aussage Ben zum Reden animieren. Über die vergangene Nacht oder generell über sein zukünftiges Leben. Er wusste, dass Reden eine gute Strategie war um danach klare zu sehen. Aber er hatte bedenken, dass Ben alles in sich „hineinfressen“ würde. Es entstand ein Schweigen. Beide sahen den Enten zu, wie sie auf dem kleinen Teich umher schwammen. Ben genoss die Sonne und die Stille.

  • Irgendwann sah er zu Kai hinüber. Er saß mit geschlossenen Augen in seinem Rolli und schien der glücklichste Mensch auf der Welt zu sein. Wieder bewunderte der Polizist die Einstellung des Querschnittsgelähmten seinem Schicksal gegenüber. „Kai…?“ fragte er wenig später zögerlich. „hmm?“ kam es von ihm. Er hatte noch immer die Augen geschlossen. „Wie lange hast du gebraucht, bis du dein Leben so akzeptiert hast wie es jetzt ist?“ fragte Ben geradeaus. Kai öffnete die Augen und sah seinen Gefährten an. „Das war schon ne verdammt lange Zeit. Ich hatte viele Höhen und Tiefen… naja… eigentlich mehr Tiefen als Höhen. Aber irgendwann… da willst du nicht mehr Jammern und dann nimmst du es hin so wie es ist.“ Kam es ehrlich von ihm. Er wartete auf eine Reaktion von Ben. Dieser schnaufte tief durch und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Wieder fühlte er, wie schon so oft, die kahle Stelle an seinem Hinterkopf. Dies machte ihn nur noch wütender.
    „Wie kann ich es denn hinnehmen, dass nichts mehr so sein wird, wie es mal war?!“ fragte Ben mit Tränen in den Augen. „Ich habe alles verloren! Mein altes Leben ist dahin! Ich kann kein Auto mehr fahren, ich kann nicht mehr meinem Job nachgehen, ich kann keine sportlichen Aktivität nachgehen, ich weis noch nicht mal, ob ich noch Motorradfahren kann ich…“ Ben brach ab. Mittlerweile sickerten ihm die ersten Tränen die Wange herunter. Aus seiner blanken Wut war bittere Verzweiflung geworden. Schnell wischte er sie weg. Er wollte nicht, dass Kai seine Schwäche sah, wo er doch so stark war.


    Der Blonde löste seine Bremsen des Rollis und kam zu dem Autobahnpolizisten. Neben ihn stehend machte er die Bremsen wieder fest und legte seine rechte Hand auf Bens Schulter. Er sah ihn ehrlich an. Selten hatte er soviel Schmerz und Verzweiflung in den Augen eines Mitmenschen gesehen. Aber er kannte die Situation um Ben, er kannte sie nur zu gut. Kai spürte das Beben von Bens Körper und wartete darauf, bis sich die nächsten Tränen bei ihm lösten. Dies war auch bald der Fall. Jetzt jedoch wischte Ben sie nicht mehr weg. Er legte seine Hände vor das Gesicht und weinte einfach all seinen Schmerz hinaus. Es vergingen einige Minuten, wo die beiden Männer so am Ententeich verharrten. Kai ließ Ben erstmal seinen Gefühlen freien lauf. Er wusste, wie befreit man sich danach fühlte.

  • Nach einigen Minuten hatte Ben sich wieder beruhigt. Tief atmete er ein und wischte sich mit seiner Hand die letzten Tränen aus dem Gesicht. „Oh man… tut mir leid… ich… „ stotterte er. „Ach was. Ist schon in Ordnung.“ Sprach Kai verständnisvoll. „Ist schon mies… ich heul dir hier die Ohren voll und du… dich hast es noch viel härter erwischt.“ Kam es entschuldigend von Ben. „Das Thema hatte wir schon Ben. Ich hab dir gesagt, dass es in Ordnung ist. Mach dir darüber keine Gedanken.“ Antwortete der Blonde. „Aber wenn ich dir etwas raten kann: Versuch dich erstmal mit deiner neuen Situation auseinander zu setzten. Danach kannst du immer noch über die Zukunft nachdenken. Jetzt ist erstmal wichtig, dass du lernst, mit deinem neuen Leben umzugehen.“ Gab ihm der Querschnittsgelähmte den Rat. „Ja… ich glaub du hast Recht. Ich glaub, jetzt ist trainieren angesagt. Vielleicht kommt das Gefühl ja wieder…“ sprach Ben. So hab ich das eigentlich nicht gemeint… Dachte sich Kai. aber er sagte nichts dazu. Hoffnung durfte ja bekanntlich zuletzt sterben und wenn es Ben jetzt half aus seinem ersten „Loch“ herauszukommen, so wollte er die Gedanken seines Gefährten nicht zertrümmern.
    Beide Männer schweigen noch eine Weile, bis Kai den Vorschlag brachte, wieder zurück auf Station zu fahren. Als sie gerade auf den Weg zu der Station waren meldete sich der Autobahnpolizist zu Wort: „ Geh schon mal vor, ich werd noch etwas in den Trainingsraum gehen.“ Kai sah ihn zweifelnd an. Nach so einer Tieffahrt sollte er sich eigentlich erstmal ausruhen, dachte er sich. Aber er vermutete, dass er Ben davon jetzt nicht abbringen konnte. „Soll ich mitkommen?“ schlug er vor. „Ne lass mal… ich will mal alleine schauen wies klappt.“ Antwortete Ben. „Also gut…. dann bis nachher. Mach langsam.“ Sprach der Querschnittsgelähmte noch aus. „Geht klar.“ Kam die Antwort. Die Männer trennten sich. Ben fuhr zu dem Trainingsraum und Kai in das Patientenzimmer zurück. Ganz wohl war ihm bei Bens neuen Gedankengängen nicht… Sich falsche Hoffnung zu machen, das würde früher oder später auch ins Auge gehen…

  • Hi Krissi,


    also, ich gebe zu, ich habe beim Lesen eben die eine oder andere Träne verdrückt. Echt super geschrieben!


    Lg Tine

  • [color=#ffffff]Nachdem Semir eine frustreiche Frühschicht auf der PAST hinter sich gebracht hatte, machte er sich auf den Weg zu seinem Kollegen und Freund. Kim Krüger hatte ihm heute mitgeteilt, dass bis auf weiteres der Fall zu den Akten gelegt werden würde. Sie habe alles daran gesetzt, dass der Fall weiterhin bestand hatte, aber vergebens. Ohne neue Beweise waren die Ermittlungen in einer Sackgasse gelandet. Der Festgenommene schwieg weiterhin. Man konnte ihn wegen Beihilfe dran bekommen und wegen der Sache mit Ben… mehr nicht. Der Wutausbruch von Semir im Büro über diese Neuigkeit glich milde ausgedrückt einem Vulkanausbruch. Die Chefin verstand die Reaktion, konnte aber an der Tatsache nichts ändern, was sie, wie sie sagte, auch sehr bedauere. Man einigte sich darauf, Ben erstmal nichts davon zu erzählen. Zum Glück hatte er die letzten Tage nicht viel danach gefragt, scheinbar war er mit sich selbst mehr als genug beschäftigt…
    Der Deutschtürke fuhr in die Klinik. Als er an der Tür klopfte und danach den Raum betrat sah er Kai mit seinem Rollstuhl am Tisch sitzen. Er war gerade dabei sein Mittagessen zu verspeisen. Kauend hob er die Hand zum Grüß. „Hey! Grüßte Semir freundlich. Wo ist denn Ben?“ schob er die Frage nach, als er das leere Bett seines Kollegen sah. Nachdem der Querschnittsgelähmte den Mund leer hatte antwortete er: „Er wollte noch ne Runde trainieren gehen. Die Krankengymnastin hat ihn auch schon gesucht, als sie vorhin hier war. Der ist schon gut drei Stunden weg…“ Semir legte die Stirn in Falten. „Trainieren?“ „Ja in der Übungshalle des Hauses. Die ist im Keller.“ Gab der Blonde preis. „Ah ok… dann werd ich mal nach ihn sehen.“ Antwortete der Deutschtürke und war schon wieder aus der Tür verschwunden. Kai zuckte nur die Achseln und aß weiter.


    Ben saß gerade an einem Gerät mit Gewichten, welches die Beinmuskulatur trainierte. Er sah auf seine Beine, wie sie sich beugten und wieder streckten. Immer wieder drückte er die Beine durch, um die Gewichte in die Höhe zu stemmen. Die Tür ging auf und Semir betrat den großen Raum. Ben war alleine, so fand er ihn gleich. Um die Mittagszeit waren alle Patienten in den Zimmern um zu essen. Das konnte Ben nur recht sein, so hatte er wenigstens seine Ruhe. Schweißperlen hatten sich auf Bens Stirn gesammelt. „Hi Ben! Hier steckst du!“ rief der Deutschtürke ihm zu, als er auf ihn zuging. „Hey.“ Kam es von dem Jüngeren. Semir beobachtete Ben bei seiner Übung als er neben ihm zum stehen kam. „Und? klappt es?“ fragte er neugierig. Ben wiegte den Kopf hin und her. „Geht schon… aber fühlt sich komisch an… bzw. fühlt sich gar nicht an…“ kam es sarkastisch von ihm. Semir schnaufte durch. Auf diese Bemerkung wusste er keine Antwort. Ben ließ die Gewichte in seine Halterung fallen, stellte vorsichtig die Beine auf den Boden und zog sich mit den Armen an dem Gerät hoch, sodass er stand. Ein paar mal musste er durchatmen um genug Luft zu bekommen. „Irgendwie… strengt es an aber ich merk nichts davon… schon komisch…“ erklärt Ben seine Lage.
    Ein Schweigen entstand.

  • „Hast du keine Hunger?“ fragte der Dienstältere nach einer Weile um die angespannte Stimmung zu vertreiben. „Ja doch… ich wollt auch gleich los.“ Antwortete Ben. Langsam und bedacht kletterte er in seinen Rolli zurück und platzierte langsam die Füße auf die dafür vorgesehen Auflagen. Er löste die Bremsen und fuhr Richtung Ausgang der Halle. Semir folgte ihm.
    Auf dem Weg zur Station unterhielten sich die Männer. „Und? Gibt es was Neues bei dir?“ Fragte Semir, als sie gerade in den Aufzug einstiegen. „Ne… nicht viel. Ein Neurologe mag noch mal kommen und nach mir schauen, ich denk, dann wird irgendwann das Thema Reha zur Sprache kommen…“ antwortete Ben. „Ok… das klingt jetzt nicht so begeistert…“ stellte der Kleinere fest. „Ach was bringt mir das? So trainieren kann ich auch zu Hause, da brauch ich keine Reha dafür, wo ich den ganzen Tag mit Opis und Omis an einem Tisch sitz…“ kam es frustriert von dem im Rolli sitzenden. „Naja Ben, so wird das schon nicht sein. Außerdem wird es schon seine Gründe haben, warum sie dir eine Reha empfehlen…“ versuchte der Deutschtürke einzulenken. „Naja… mal abwarten…“ antwortete Ben. Die Station war erreicht und Semir öffnete die Tür, sodass Ben ungehindert hineinfahren konnte.
    Nach dem Mittagessen bat Ben um ein Schmerzmittel bei der Schwester. Er bekam Kopfschmerzen. Schnell war eine Infusion zusammengemischt, die wenige Augenblicke später bei Ben in die Vene floss. Er lag in seinem Bett auf der Bettdecke und war recht schweigsam. Kai und Ben unterhielten sich über dies und jenes, Ben gab nur ab und an sein Kommentar dazu. Das Schmerzmittel half schnell und schon bald ging es Ben wieder vom körperlichen Befinden besser. Semir verabschiedete sich gegen späten Nachmittag. Er musste nach seiner Familie sehen und versprach Ben, ihn morgen wieder zu besuchen. Gegen 18:30 klopfte es an der Tür, ein Weißkittel betrat den Raum und stellte sich bei Ben als Dr. Dorl vor. Er sei der Neurologe und wollte mit Ben in das Arztzimmer gehen, um ihn dort nochmals zu Untersuchen. Der Autobahnpolizist willigte ein, begab sich in seinen Rollstuhl, da er weitere Strecken als zur Toilette noch immer nicht laufen konnte und folgte dem Mediziner.

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