Erschütterungen

  • Huhu, liebe hungrige Tierchen!


    Es ist soweit - das Kätzchen hat eine neue Futtersorte fertig :D


    Ich wünsche guten Appetit + spannende Unterhaltung


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    Erschütterungen



    Dienstag, 17:20 Uhr, Rurstausee


    Eine ebenso unauffällige wie elegante Yacht dümpelte mitten auf dem See. Von ihrem Heck ragte eine Angel übers Wasser, die dazugehörige Pose schwamm wenige Meter entfernt. Ein börtiger Mann saß an Bord und beobachtete sie ruhig. Wartete auf den Ruck, der einen Anbiss verraten würde.
    Nach einer ganzen Weile erhob er sich, streckte die steif gewordenen Glieder und ging in die Kabine hinunter, um sich aus der kleinen Kombüse ein Bier zu holen. Noch bevor er ganz unten ankam blieb er wie angewurzelt stehen. Die Seitenverkleidung neben der Sitzecke war offen, daneben lagen zwei Sauerstoffflaschen und zwei Paar Flossen. Einen winzigen Moment später stand eine vermummte Gestalt im Taucheranzug vor ihm. In der rechten Hand hielt der Froschmann eine Pistole, deren Lauf genau auf sein Herz zeigte?


    In der nächsten Sekunde trat er reflexartig, ohne jegliches warnende Anzeichen nach der Waffe. Er traf, der Arm schwenkte abrupt zur Seite, die Pistole polterte zu Boden. Dann wandte er sich um, wollte schleunigst zurück nach oben. Der Taucher fluchte und griff nach seinen Füßen, erwischte einen noch so gerade eben.
    Der Mann kam zu Fall, lag nun mit dem Oberkörper halb auf dem überdachten Teil des Decks. Er drehte sich sofort auf den Rücken, stieß abermals mit dem Fuß nach dem Angreifer ? und erstarrte gleich darauf mitten in der Bewegung. Er schluckte entsetzt, hob danach trotz der liegenden Position langsam die Hände in Schulterhöhe. Währenddessen wich sein Blick nicht von dem plötzlich neben ihm stehenden zweiten Taucher. Genauer gesagt, von der Harpune, welche dieser unmissverständlich auf ihn gerichtet hatte?

  • Der andere kam nun ebenfalls hinauf, die Pistole wieder in der Hand. Er bedeutete dem überfallenen, sich auf den Bauch zu drehen. Dieser gehorchte notgedrungen. Gleich darauf wurden ihm die H?nde mit Kabelbinder auf den Rücken gefesselt und die Augen verbunden. Dann hörte er, wie die Sauerstoffflaschen und Flossen an Deck gebracht wurden.
    Da er jedoch die ganze Zeit die Spitze der Harpune im Nacken spürte blieb er regungslos liegen. Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn, die völlige Wehrlosigkeit seiner Situation wurde ihm mit jeder verstreichenden Sekunde immer deutlicher bewusst. Schließlich zerrten die beiden Taucher ihn auf die Beine, an Deck. Dort legten sie ihre Ausrüstung an - und sprangen von Bord, rissen ihn mit sich hinunter ins Wasser!
    Jemand schob ihm das Zweitmundstück einer Sauerstoffflasche zwischen die Zähne. Er konzentrierte sich darauf, tief und gleichmäßig zu atmen, während er von seinen Entführern mitgezogen wurde. Seine Gedanken wanderten zu dem winzigen Sender in seiner Hosentasche. All seine Hoffnung ruhte jetzt auf diesem kleinen Stöckchen Technik. Darauf, dass es trotz des ungeplanten Bades im Stausee noch funktionieren und weiterhin seine Position melden würde?


    ***

  • Die Woche zuvor, Freitag, 14:53 Uhr, PAST


    Eigentlich war es ein Tag wie jeder andere. Unfälle, kleinere Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung, eine Festnahme wegen Drogenbesitzes, Papierkram - ein ganz normaler Routinetag für die Autobahnpolizei. Bis Andrea kurz vor 15 Uhr zwei Personen zur Chefin brachte, die um ein vertrauliches Gespräch baten?
    Nachdem Andrea die Tür hinter sich zugezogen hatte stellten sie sich vor. "Guten Tag, Frau Engelhardt. Ich bin Hauptkommissar Lehmann, das ist meine Stellvertreterin, Frau Seifert. Zusammen leiten wir die SoKo 24 beim BKA." - "Freut mich." Anna gab beiden die Hand und bot ihnen Plätze in der Sitzecke an. Dann fragte sie: "Was kann ich für Sie tun?"
    Lehmann räusperte sich. "Nun ja. Genau genommen nicht so viel. Jedenfalls nicht Sie persönlich?, begann er. "Ausgenommen die Freistellung eines Ihrer Mitarbeiter, falls er sich bereit erklärt, uns zu helfen." Sie zog überrascht die Augenbrauen hoch. "Sie brauchen einen meiner Mitarbeiter? Wen und wofür?", wollte sie wissen.
    "Die Sache ist die?", nahm Frau Seifert den Faden auf, -"wir versuchen seit langer Zeit, einer bundesweit operierenden Erpresserbande auf die Spur zu kommen. Sie gehen immer nach demselben Muster vor: Ein reicher Mann wird eine Weile observiert, bis seine Gewohnheiten kalkulierbar sind. Dann entführen sie ihn, kassieren fünf Millionen Euro Lösegeld und lassen ihn danach unversehrt frei. Die Täter bleiben unerkannt, das Geld taucht nirgends auf."
    Die Engelhardt schaute nachdenklich von ihr zu Lehmann. "Und was hat meine Dienststelle damit zu tun?"- "Wir haben zum ersten Mal nach dreieinhalb Jahren Ermittlung einen Hinweis darauf, wer das nächste Opfer sein wird. Also möchten wir den Gangstern eine Falle stellen", erklärte der SoKo-Leiter. "Aber wir können natürlich keinen Zivilisten als Köder nehmen. Also brauchen wir einen Ersatz, der unserem Mann möglichst ähnlich sieht?, beschrieb er die momentane Situation. "Selbstverständlich wäre es eine absolut freiwillige Angelegenheit!"
    Anna lehnte sich zurück und strich sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht."Sie glauben also, einer meiner Mitarbeiter hat ausreichend Ähnlichkeit mit dem potentiellen Entführungsopfer?!", fasste sie zusammen. Frau Seifert nickte entschieden. "Ziemlich große sogar! Er bräuchte sich eigentlich nur einen falschen Bart ankleben, den Haarschnitt etwas verändern und farbige Kontaktlinsen tragen. Dann wäre er praktisch von Herdens Zwillingsbruder!"
    Die Engelhardt stieß einen leisen Laut der Überraschung aus. "Siegfried von Herden? Der menschenscheue Millionär?? " "Genau der!", bestätigte Lehmann. Anna konnte sich ein belustigtes Lächeln nicht verkneifen. "Und der soll aussehen wie einer meiner Leute?" Die Seifert grinste. "Ja, hat uns auch überrascht. Eigentlich hatten wir nicht damit gerechnet, überhaupt einen Kandidaten in den Datenbanken zu finden."
    Anna zögerte kurz, bevor sie fragte: "Wer nun also?" - "Hauptkommissar Kranich", war die knappe Antwort. Sie nickte und stand auf. "Ich werde ihn herbitten. Aber vergessen Sie nicht, was Sie eingangs gesagt haben: Es ist seine Entscheidung, ob er sich auf dieses Manöver einlässt!"- "Ja, natürlich!", bestätigte Lehmann schnell.


    ***

  • Nachdem die Engelhardt Tom mit den Kollegen bekannt gemacht hatte wiederholte Frau Seifert für ihn die Sachlage. "Ihre Meinung, Chefin?" Er sah sie fragend an. Anna hob die Schultern. "Es ist ganz allein Ihre Sache, ob Sie sich darauf einlassen, Tom. Meine Rückendeckung haben Sie in jedem Fall!", stellte sie klar.
    Er nickte lächelnd. "Das weiß ich, Chefin?" Dann lehnte er sich zurück, seine Miene nahm einen nachdenklichen Ausdruck an. "Sie sagten, die bisherigen Entführungsopfer sind ausnahmslos unverletzt freigekommen. Die Bande scheint also nicht unbedingt gewaltbereit zu sein?!"
    Lehmann wiegte skeptisch den Kopf hin und her. "Das wissen wir nicht. Sie sind noch nie wirklich bedroht gewesen, hatten immer die Situation unter Kontrolle. Ich kann nicht einschätzen, wie sie in einer Zwangslage reagieren würden!"- "?Im Übrigen bezieht sich die Formulierung "unverletzt" ausschließlich auf den physischen Zustand der Opfer", fügte Frau Seifert hinzu."Psychologische Hilfe brauchten ausnahmslos alle!"
    Tom nickte verstehend. "Ist ja auch eine erhebliche seelische Belastung, mehrere Tage in der Gewalt von Verbrechern zu sein!" - "Besonders, wenn man während der gesamten Zeit gefesselt ist und darüber hinaus ununterbrochen die Augen verbunden sind", bemerkte Seifert. Das Unbehagen bei diesem Gedanken war ihr deutlich anzumerken.
    Auch Anna spürte, wie sich eine Gänsehaut über ihren Körper ausbreitete. Allein die Vorstellung, jemandem derart hilflos ausgeliefert zu sein ließ sie schaudern! Tom wirkte auch nicht mehr so gelassen wie vor dieser Aussage, dachte mit konzentrierter Miene nach. Man störte ihn nicht dabei, die anderen blieben abwartend still. Schließlich blickte er Lehmann entschlossen an.
    "Ich kann mich doch darauf verlassen, rund um die Uhr überwacht zu werden?", erkundigte er sich. "Selbstverständlich!", bestätigte der Kollege. "Einschließlich GPS-Sender, den Sie ständig bei sich haben werden!" Tom nickte. "Okay; ich mache es!", entschied er. "Es wäre unverantwortlich, diese Kerle nicht mit allen Mitteln zur Strecke zu bringen. Und um solche Risiken zum Schutz der Bevölkerung einzugehen sind wir Polizisten schließlich da"-
    Lehmann und Seifert strahlten regelrecht. "Vielen Dank für Ihre Einsatzbereitschaft, Herr Kranich! Und machen Sie sich keine Sorgen, es ist alles bis aufs i-Tüpfelchen geplant! Theoretisch kann überhaupt nichts schief gehen?", fügte Lehmann auch mit Blick zur Engelhardt noch hinzu.


    ***

  • Dienstag, 18:55 Uhr, PAST


    Anna Engelhardt starrte Hendrik Lehmann fassungslos an. Ihre sonst gut trainierte Beherrschung drohte sich in ein flüchtiges Nichts aufzulösen. Sie presste die Lippen und Zähne so fest zusammen, dass ihr Kiefer schmerzte. Nur unterbewusst registrierte sie die automatische Handbewegung, mit welcher sie eine Haarsträhne zurückschob. Dann explodierte sie?
    "Wie können Sie es wagen, mir mit einer solchen Nachricht unter die Augen zu treten?", brüllte sie Lehmann an. "Und sich dann hier hinzustellen und einfach mit den Schultern zu zucken, als hätten Sie nur mal eben ein paar Cent verloren?" Sie schüttelte empört den Kopf.
    Lehmann hob abwehrend die Hände. "Nein, Frau Engelhardt; so ist es nicht!", widersprach er. "Selbstverständlich tun wir alles in unserer Macht stehende?" - "Ach, hören Sie auf und verschonen Sie mich mit den üblichen Phrasen!?, fauchte Anna. "Sie haben angeblich schon alles Menschenmögliche getan, um genau das zu verhindern! Wie wollen Sie dann jetzt Ihre Unfähigkeit ausbügeln?"
    Sie fuhr sich betroffen mit der Hand übers Gesicht. "Sie wissen selbst, was die früheren Entführungsopfer durchmachen mussten. Glauben Sie, weil er Polizist ist macht es ihm weniger aus? Wir müssen im Gegenteil befürchten, dass die Bande den Schwindel bemerkt und von ihrer bisherigen Handlungsweise abweicht?" Ein großer Kloß setzte sich in ihrer Kehle fest, ließ sie schwer schlucken. "Und Sie wissen genauso gut wie ich, wer unter jeder Verschlechterung der Bedingungen zu leiden hätte. Wenn die Mistkerle ihn nicht sowieso umbringen, sobald ihnen dämmert, dass sie hereingelegt wurden?"
    Lehmann räusperte sich verlegen. "Es tut mir wirklich sehr Leid, Frau Engelhardt. Uns wurde versichert, dass der GPS-Sender praktisch unverwüstlich ist, solange niemand drauf tritt. Dass er nicht wasserresistent ist war uns nicht bekannt?" Er seufzte hörbar. "Wer hätte auch ahnen können, dass sich die Bande samt Taucherausrüstung heimlich im Boot versteckt und durchs Wasser abhaut?!"
    Anna funkelte ihn wütend an. "Sie und Ihre Stellvertreterin waren es doch, die behaupteten, es wären alle Möglichkeiten abgesichert!", erinnerte sie ihn. "Abgesehen davon ist es mir ein Rätsel, warum die Yacht nicht rund um die Uhr observiert wurde! Geschweige denn, wie Sie diesen wöchentlichen Angelausflug überhaupt genehmigen konnten! Von Herden wusste doch, worum es ging. Er hätte sicher eine plausible Begründung gefunden, ihn ausfallen zu lassen. Aber wahrscheinlich haben Sie nicht einmal daran gedacht, ihn zu fragen. Oder?"
    Lehmann lockerte seine Krawatte und öffnete den obersten Knopf seines Hemdes. Es war offensichtlich, dass er sich am liebsten im nächsten Mauseloch verkrochen hätte. Aber Anna hätte ihn selbst da mit Vergnügen wieder herausgezerrt"ääh? Nein? Wir?"Er wand sich wie ein Aal, aber das nützte ihm nichts. Dazu war die Engelhardt viel zu aufgebracht. "Stottern Sie hier nicht rum! Helfen Sie mir gefälligst, Ihre verdammte Inkompetenz wiedergutzumachen!", fuhr sie ihn an.
    Erstaunen breitete sich über sein Gesicht aus. "Und wie?", wollte er wissen. "Ich sagte doch schon?"- "Sie rufen jetzt Ihren Vorgesetzten an und übertragen mir ab sofort die Leitung der Operation! Wenn die Entführer sich melden, werden sie mit mir verhandeln! Und ich werde diese Mistkerle festnageln?"
    Sie riss den Hörer von der Gabel und hielt ihn Lehmann hin. Er atmete einige Male tief ein und aus, dann ergriff er ihn und tat das Verlangte. Kaum dass er aufgelegt hatte forderte sie ihn mit ungewohnt kalter Stimme auf: "Und jetzt sorgen Sie dafür, dass ich in Rekordzeit alles hierher bekomme, was mit dem Fall zu tun hat!"
    Er nickte und verschwand eilig, knallte dabei unabsichtlich die Tür hinter sich zu. Die Engelhardt ließ sich auf ihren Stuhl fallen und vergrub aufstöhnend das Gesicht in den Händen. Einer ihrer Mitarbeiter, ein Freund, befand sich in den Händen skrupelloser Kidnapper. Sie konnte nur hoffen, dass es ihnen tatsächlich ausschließlich um Geld ging und sie sich auf jeden Fall meldeten. An die Konsequenzen, falls ihnen ein Polizist als Geisel zu riskant war mochte sie nicht einmal denken?


    ***

  • Dienstag, 22:40 Uhr, PAST


    Trotz der späten Stunde war niemand nach Haus gefahren. Bonrath und Herzberger schoben geschäftig Akten und irgendwelche Papiere auf ihren Schreibtischen hin und her, ohne wirklich daran zu arbeiten. Andrea saß auf ihrem Platz und bearbeitete die Tastatur ihres Computers so konzentriert, als hätte der Monitor sie hypnotisiert.
    Anna Engelhardt wusste nicht, wonach sie suchte. Geschweige denn, was sie in den inzwischen für die Autobahnpolizei frei geschalteten Akten des BKA zu finden hoffte. Aber letztendlich spielte es auch keine Rolle. Wenn überhaupt jemand bisher entgangene Hinweise darin entdecken konnte, dann sie?
    Semir marschierte wie ein Tiger im Käfig von einem Raum des Reviers in den nächsten und wieder zurück, die Hände entweder in den Taschen vergraben oder hinter dem Rücken gefaltet. Dabei lag seine Stirn in tiefen Falten, schien er unablässig etwas vor sich hin zu murmeln. Obwohl Anna kein Wort verstand wusste sie genau, was in ihm vorging. Sein Partner, sein bester Freund befand sich in den Händen einer Erpresserbande! Und er konnte nichts Anderes tun als warten, dass sie sich meldeten. So wie alle?
    Die Fangschaltung war installiert, sämtliche technischen Möglichkeiten zum Zurückverfolgen eines Anrufs in Standby-Modus. Sogar eine Rufweiterleitung aus dem Haus Siegfried von Herdens war aktiviert worden, weil man ja nicht wusste, wo die Bande anrief. Das hing allein davon ab, ob sie die Täuschung erkannt hatten oder nicht?
    Lehmann und Seifert hockten ziemlich kleinlaut in der Teeküche. Wann immer Semir auf seiner Wanderung an ihnen vorbeikam, warf er den Beiden mörderische Blicke zu. Was sie jedes Mal noch mehr in sich zusammensinken ließ. Sie wussten zu genau, dass sie Mist gebaut hatten und fühlten sich dementsprechend unwohl in diesem Revier. Umgeben von der Wut und Verachtung von Toms Freunden. Aber das war ihr Problem?
    Anna seufzte wohl zum hundertsten Mal und strich sich wahrscheinlich ebenso oft irgendwelche lästigen Haarsträhnen hinters Ohr. Gebannt starrte sie auf das Telefon, als könnte sie es nur mit den Augen dazu bringen, zu klingeln. Doch es rührte sich einfach nichts.


    ***

  • Mittwoch, 03:10 Uhr, Anna Engelhardts Wohnung


    Obwohl sie ohnehin nicht wirklich geschlafen hatte brauchte Anna einen Moment, um den merkwürdigen Lärm in ihrem Kopf zu identifizieren. Sie schlug die Augen auf, tastete nach der Nachttischlampe und schaute blinzelnd auf den Radiowecker. Eine perverse Zeit, um jemanden anzurufen!
    "Aber vielleicht gibt es ja etwas Neues!", durchzuckte sie ein hoffnungsvoller Gedanke. Anna schob sich aus dem Bett, streifte den Bademantel über und lief zum Telefon. Dieses klingelte noch immer fordernd. "Anna Engelhardt", meldete sie sich voller Spannung. "Wird auch Zeit, dass Sie "rangehen", knurrte eine fremde und irgendwie verzerrt klingende Stimme. "Oder haben Sie kein Interesse daran, Ihren Köder zurückzubekommen?"
    Ihr Herzschlag setzte einen Augenblick aus. Toms Entführer? Weshalb riefen sie mitten in der Nacht bei ihr zuhause an? "Damit wir den Anruf nicht zurückverfolgen können!", schoss ihr die einzig logische Antwort durch den Kopf. Und es gab nur eine Quelle, woher sie diese private Telefonnummer bekommen haben konnten?
    Anna fragte so ruhig wie möglich: "Wie geht es ihm?" - "Soweit gut; aber das kann er ihnen auch selbst sagen", erwiderte der Kidnapper. Einige leise, undefinierbare Geräusche drangen an ihr Ohr, ehe sie Toms unsichere Stimme hörte. "Chefin?" - "Ja, Tom; ich höre Sie! Ist alles in Ordnung?", erkundigte die Engelhardt sich besorgt. "Ich bin nicht verletzt", beruhigte er sie.
    "Okay, das genügt!", übernahm der Gangster wieder das Gespräch. "Sie wissen jetzt, dass Kranich gesund ist. Wenn Sie sich an unsere Anweisungen halten und unsere Forderungen erfüllen bleibt das auch so!" Er schien sich zu räuspern.
    "Wir sind zwar nicht begeistert, es mit euch Bullen direkt zu tun zu haben. Aber Geschäft ist Geschäft. Wir haben eine Geisel und wollen Geld dafür. Sie bezahlen und unterlassen die üblichen Spielchen. Dann passiert auch dieses Mal niemandem etwas", erklärte er. "Falls wir jedoch irgendwann während des Deals Grund zu der Annahme haben, dass wir genauso hereingelegt werden sollen wie mit diesem Doppelgänger? Dann bekommen Sie nur noch eine Leiche zurück! Haben Sie verstanden, Frau Engelhardt?"
    Diese schluckte, ein Kloß bildete sich angesichts dieser unverhohlenen Drohung in ihrer Kehle. "Ja, natürlich?", krächzte sie tonlos in den Hörer. "Wie viel wollen Sie und?" - "Nicht jetzt! Ich melde mich wieder. Und vergessen Sie nicht ? keine Tricks, sonst bringen wir Kranich sofort um!"
    *Klick* Das nach dem Auflegen ertönende Besetztzeichen dröhnte wie ein unheilvoller Trommelwirbel in Annas Kopf nach. Es schien ihr unmissverständlich klarmachen zu wollen, wie ernst die Situation war. Diese Kerle taten ihnen zwar den Gefallen, das "Geschäft" trotz des falschen Entführungsopfers durchzuziehen. Aber sie wussten, worauf sie sich einlie?en und würden Tom beim geringsten Fehler skrupellos töten?


    ***

  • ???


    Wie viel Zeit war vergangen? War es Tag oder Nacht? Er wusste es nicht. Dunkelheit umfing ihn. Nicht der geringste Unterschied zwischen diesem Moment oder den vorherigen. Tom versuchte zum wiederholten Mal, die Augenbinde mit den verschiedensten Kopfbewegungen abzustreifen. Doch auch dieser Versuch blieb erfolglos. Das Ding saß unverrückbar fest. Ebenso wie die Handschellen, welche seine Gelenke an Kopf- und Fußteil des Bettgestells ketteten.
    Selbst unter Wasser, während seiner Entführung hatte er sich nicht so wehrlos gefühlt wie hier! Er lag rücklings ausgestreckt auf diesem Bett, konnte nichts außer dem Kopf bewegen. Jedenfalls nicht, ohne dass die eng sitzenden Stahlfesseln sich sofort schmerzhaft bemerkbar machten. Nicht einmal um Hilfe rufen konnte er ? ein Klebestreifen knebelte ihn.
    Noch immer hatte er den eklig süß?lichen Geschmack von Chloroform im Mund. Roch das Zeug beim Luftholen. Die Erinnerung an den Augenblick seiner Betäubung war ziemlich verschwommen. Er war sich allerdings sicher, dass es irgendwo am Ufer gewesen sein musste. Kurz nach dem Auftauchen, unmittelbar beim Erreichen des wartenden Fluchtfahrzeugs.
    Der GPS-Sender hatte den Tauchgang leider nicht überlebt. Und selbst wenn... Die Gangster hatten ihm kurz vor dem Telefonat mit der Chefin gesagt, dass er noch am See durchsucht und der Sender dabei gefunden worden war. Nur um unmissverständlich klarzustellen, dass er tatsächlich allein war. Dass niemand kommen und ihn befreien würde...
    Tom schluckte. Er hatte gewusst, dass der Job als Köder riskant war. Doch er hatte auf die Vorbereitungen und Versprechen der Kollegen vom BKA vertraut. Und nun lag er hier. War den Entführern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Er konnte nachvollziehen, wie es den vorherigen Geiseln gegangen sein musste. Welche Angst sie ausgestanden hatten. Denn trotz seiner Ausbildung und früheren lebensbedrohlichen Situationen hatte er sich noch niemals in seinem Leben mehr gefürchtet!
    Sicher, seine Freunde würden auf Hochtouren nach ihm suchen. Allen voran Semir... Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht, als Tom an seinen Partner dachte. Ihm vertraute er blind. Der Chefin, Andrea, Dieter und Hotte ebenfalls. Aber würde er jemals wieder einem fremden Kollegen vertrauen können, falls er aus dieser Sache lebend heraus kam?
    Plötzlich schnitten Geräusche durch die beklemmende Stille. Eine Tür öffnete sich, Schritte kamen näher. Dicht bei ihm wurde anscheinend ein Tablett auf ein Möbelstück gestellt. Er roch etwas, konnte den Geruch jedoch nicht zuordnen. Jemand setzte sich neben ihn auf die Matratze. Eine Hand hob seinen Kopf an und schob ein kleines, aber festes Kissen darunter. Dann wurde der Klebestreifen mit einem Ruck abgezogen.
    Gleich darauf spürte Tom ein Gefäß an den Lippen, schmeckte Wasser. Er öffnete den Mund, trank davon. Endlich keine trockene Kehle mehr! Noch bevor er sich bedanken konnte berührte ihn etwas Anderes. Ein Löffel. Suppe... Auch diese Gemüsebrühe schluckte er ohne Widerstand. Dass man ihn versorgte empfand er als gutes Zeichen. Die Bande schien den Deal tatsächlich wie abgesprochen durchziehen zu wollen. Würden sie sich sonst die Mühe machen, ihn am Leben zu erhalten?


    ***

  • Mittwoch, 13:48 Uhr, Schr?ders Imbisswagen


    Lustlos, ohne wirklichen Appetit kaute Semir an seinen sonst so geliebten Pommes mit Mayo. Es stank ihm gewaltig, dass er trotz der Ungewissheit über das Schicksal seines Freundes normalen Dienst schieben musste. Aber wenn auf der Autobahn das blanke Chaos herrschte konnte er schlecht in der PAST sitzen und Telefone anstarren.
    Also hatte er notgedrungen zwar professionell, aber ohne sein sonst übliches persönliches Engagement diverse Unfälle aufgenommen und zwei Raser gestoppt, bevor sie eine Katastrophe auslösen konnten.
    Nun hockte er hier und redete sich ein, dass sein Magen auch etwas zu tun haben musste. Nicht, dass dieser sich bisher beschwert hätte? Trotzdem schien er dankbar für etwas Futter zu sein.
    Kai Schröder warf ihm immer wieder teilnahmsvolle Blicke zu, während er weitere Kunden bediente. Natürlich wusste er, was los war. Zu eng war er inzwischen mit dem Team der Autobahnpolizei verbunden als dass Dieter und Hotte ihm Toms Entführung verschwiegen hätten. Die beiden hatten vor einer knappen Stunde ihre kurze Mittagspause hier verbracht, aber auch kaum etwas hinunter bekommen.
    Auch Schröder zerbrach sich den Kopf darüber, wie er seinen Freunden helfen konnte. Aber ihm fiel absolut nichts ein. Aufmuntern ließen sie sich in dieser Verfassung ohnehin nicht und Kranichs Versteck ohne den geringsten Hinweis irgendwo aufzuspüren war auch völlig utopisch. Also musste er sich auf mitfühlende Worte beschränken.
    Semir hielt stumme Zwiesprache mit einem Pommes Frites. Schaute diesen so konzentriert an, als wäre er tatsächlich ein ernstzunehmender Gesprächspartner. Dass dabei die ganze Zeit Mayonnaise daran hinunterlief und erstaunlicherweise kurz vor seinem Ärmel vom Handgelenk auf den Pappteller tropfte bemerkte er nicht. Erst das Läuten seines Handys riss ihn aus seinen Gedanken.

  • "Ja, Semir?", meldete er sich wie gewohnt. "Handys haben doch erhebliche Vorteile gegenüber Festnetz-Telefonen. Man hat sie immer griffbereit?", bemerkte eine leicht spöttische, ihm vollkommen fremde Stimme am anderen Ende. Er zuckte zusammen und richtete sich kerzengerade auf. "Sie sind einer von Toms Entführern, richtig?", vermutete er.
    "Korrekt. Ihr Partner war freundlicherweise so kooperativ, uns einige private Telefonnummern zu nennen, an die wir uns gefahrlos wenden können", erklärte der Gangster trocken. "Also hören Sie gut zu, Gerkhan: Der Preis für Kranichs Leben ist aufgrund des größeren Risikos höher als für die bisherigen Geiseln. Zehn Millionen Euro in Diamanten. Sie haben bis Freitag, 12 Uhr mittags, Zeit zum Beschaffen. Dann melden wir uns wegen der Übergabebedingungen."
    "Verstanden. Kann ich mit Tom sprechen um mich zu vergewissern, dass es ihm gut geht?", fragte Semir. "Nein. Sie werden sich mit meinem Wort begnügen, dass er gesund ist" lehnte der Kidnapper ab. "Freitag erhalten Sie noch einmal ein Lebenszeichen, sobald Sie die Diamanten haben", versprach er und legte anschließend auf.
    Mit einem lauten Fluch fegte Semir frustriert die Pommesschale vom Bistrotisch und trat gegen den Mülleimer daneben. Erschrockene Blicke der anderen Imbissgäste trafen ihn, manche schüttelten die Köpfe über das in ihren Augen unflätige Verhalten. "Typisch Ausländer?", schimpfte einer aufgebracht. "Wenn die sich nicht benehmen können, wie es sich in Deutschland gehört sollte man sie zurück in die Türkei schicken!"
    Bevor Schröder den Kerl aufklären und besänftigen konnte stand Semir schon vor ihm und funkelte ihn zornig an. Dabei ließ er seine Dienstwaffe sehen und zeigte seinen Ausweis. "Ich bin nicht nur hier aufgewachsen und seit frühester Jugend Deutscher, sondern sogar im Staatsdienst! Und wenn ein Polizist in einer Stresssituation mal die Beherrschung verliert sollten Sie froh sein, dass er seine Wut nur an Pommes Frites auslässt und nicht um sich schießt!?, fauchte er.
    Dann drehte er sich um, ignorierte das peinliche Gestotter des Mannes und begann, die verstreuten Pommes einzusammeln. Schröder war schon mit Besen und Kehrblech zur Stelle und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Lass gut sein, Semir. Ich mache das schon!", sagte er leise. "Kümmere du dich um Tom?"
    Gerkhan sah ihm in die Augen und nickte dann langsam. "Danke?", murmelte er etwas verlegen. "Tut mir Leid!" - "Ist schon gut", beruhigte sein Freund ihn mit einem aufmunternden Lächeln. "Und jetzt mach, dass du zur PAST kommst! Die warten doch bestimmt auf Nachricht." Semir nickte. "Ja. Aber ob sie sich über diese freuen werden bezweifle ich?", meinte er noch, ehe er sich mit einem knappen Lächeln verabschiedete und in seinen BMW stieg.


    ***

  • Mittwoch, 15:18 Uhr, PAST


    Anna starrte ihr Telefon an, als wäre es ein giftiges Insekt. "Das können Sie nicht machen!", wehrte sie sich gegen das, was die kühle Stimme eben verkündet hatte. "Selbstverständlich kann ich, Frau Engelhardt! Und ich werde es auch tun, verlassen Sie sich drauf!"
    Polizeipräsident Holbein räusperte sich kurz. "Die Erpresser sind offensichtlich nicht zu irgendwelchen Verhandlungen bereit, sondern erwarten, dass wir zahlen. Somit geht es ab jetzt ausschließlich um die Planung und Organisation eines Zugriffs bei der Übergabe. Und das fällt eindeutig in das Ressort des SEK und seines Leiters, Hauptkommissar Ahlfeld. Also ist es eine rein sachliche und logische Entscheidung, ihm per sofort die Leitung des Unternehmens zu übertragen. Sie können sicher sein, dass er alles tun wird, um Ihren Mitarbeiter lebend zu befreien", erklärte Holbein. "Danke für Ihren bisherigen Einsatz, Frau Engelhardt. Ich erwarte selbstverständlich, dass sämtliche Informationen, die bei Ihnen oder jemandem von Ihrer Dienststelle eingehen unverzüglich an Ahlfeld weitergegeben werden."
    Es klackte in der Leitung. Der Polizeipräsident hatte aufgelegt. In ohnmächtiger Wut knallte Anna den Hörer dermaßen auf die Gabel, dass er noch einmal hochsprang, bevor er liegen blieb. Was bildete dieser Bürohengst sich eigentlich ein? Nur weil er durch Politik auf seinen Posten gekommen war hatte er noch lange keine Ahnung von Polizeiarbeit! Geschweige denn, das nötige Fingerspitzengefühl für Extremsituationen?


    Semir riss empört die Augen auf, als die Chefin Holbeins Entscheidung im Revier verkündete. "Verdammte Sauerei!", schimpfte er aufgebracht. "Glaubt dieser Sesselpupser ernsthaft, ich schaue seelenruhig zu, wie Wildfremde diesen Einsatz planen und durchführen? Tom ist mein Partner, mein bester Freund! Das ist meine Sache!"
    "Genau!", bestätigte Bonrath. Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Dabei wirkte er so entschieden, dass Anna unwillkürlich auf ein "Basta!" wartete. Welches natürlich ausblieb... Auch Herzbergers entschlossene, griesgrämige Miene ließ keinen Zweifel an seiner Solidarität.
    Andrea schob ihren Laptop mit merkwürdig spitz wirkenden Fingern von sich weg. Danach rollte sie mit dem Stuhl ein Stück rückwärts und schlug demonstrativ die Beine übereinander. Die Haltung sämtlicher Kollegen konnte nur eines bedeuten: Streik!
    Trotz der ernsten Situation und ebensolcher Gesichter um sie herum musste Anna unwillkürlich schmunzeln. Was für eine prächtige Truppe hatte sie mit diesen Menschen! So unterschiedlich ihre Charaktere auch waren ? sie bildeten eine eingeschworene Gemeinschaft. Keiner würde jemals einen der Anderen im Stich lassen. Unabhängig von Befehlen aus höheren Ebenen. Ein fast unschlagbares Team...
    "Selbstverständlich werden wir weiterhin unsere eigenen Nachforschungen betreiben!", bekräftigte Anna die einhellig herrschende Meinung. "Aber bitte möglichst unauffällig! Sonst kann es passieren, dass ich trotz guter Kontakte im entscheidenden Augenblick ohne Informationen bleibe!" Die Kollegen lächelten. "Keine Sorge, Chefin! Das kriegen wir schon hin", versprach Semir.


    ***

  • Donnerstag, 21:26 Uhr, vor der Bar ?L.A. Blue?, K?lner Rotlichtbezirk


    Am liebsten hätte Semir vor lauter Frust ins Lenkrad gebissen. Gerade hatte er zum dritten Mal innerhalb der letzten 24 Stunden seinen zuverlässigsten Informanten getroffen ? wieder ohne Ergebnis! Niemand in der "Szene" wusste etwas über die Entführer. Es war, als existierten diese Typen überhaupt nicht. Keinen einzigen Hinweis, nicht die kleinste Spur hatte er gefunden.
    Er fuhr sich voller Sorge durch den kurzen Bart. Tom befand sich seit mehr als zwei Tagen in den Händen dieser Gangster. Vermutlich würden sie ihn schärfer bewachen als die bisherigen Geiseln. Ihn möglicherweise schlechter behandeln... Semirs Angst um seinen Freund und Partner gaukelte ihm die schlimmsten Bilder vor.
    Er schloss die Augen. Schüttelte die lähmende Besorgnis soweit ab, wie er konnte. Es half Tom nicht das Geringste, wenn er hier herumsaß und über dessen Gesundheitszustand grübelte. Mit einem tiefen Seufzer startete er den Motor des BMW und verließ den Parkplatz des Nachtlokals.


    ***

  • Freitag, 11:59 Uhr, PAST


    Anna Engelhardt konnte sich nicht erinnern, wann es zuletzt so mucksmäuschenstill im Revier gewesen war. Es schien, als hielten alle den Atem an und starrten regungslos auf die Überwachungsanlage. Um diese herum saßen Hauptkommissar Ahlfeld und zwei KTU-Techniker, welche diese am Zentraltelefon und einigen Handys installiert hatten. Zwar war weder Polizeipräsident Holbein noch das SEK begeistert gewesen, die Autobahnpolizei "im Boot" zu haben. Aber da die Entführer wohl kaum etwas von der Kompetenzverschiebung erfahren haben konnten blieb ihnen nichts Anderes übrig. Woher sollten die Gangster wissen, dass ihr Anruf in der PAST oder auf einem privaten Telefon von Toms Kollegen nicht erwünscht war?
    Als Andreas Handy klingelte hielten alle im Raum förmlich den Atem an. Sie wartete auf das zustimmende Nicken eines KTU-Kollegen. Dann aktivierte sie die Verbindung. "Andrea Schäfer?, meldete sie sich mit leicht zitternder Stimme. "Tag, Süße. Habt ihr die Diamanten?", schnarrte der Anrufer. "Ja, sie liegen hier bereit", antwortete Andrea. Sie bemühte sich, langsam und betont deutlich zu sprechen. Schließlich dauerte es immer eine Weile, bis die Rückverfolgung Ergebnisse bringen konnte.
    "Gut. Dann für alle, die mithören: Die Übergabe findet heute Nacht statt. Genaue Zeit und Ort gebe ich unmittelbar davor bekannt. Und nicht vergessen: Keine Tricks, sonst ist Kranich tot!" - "Sie haben uns für heute ein Lebenszeichen versprochen", warf Semir ein. Seine Miene verriet, dass er nicht gewillt war, darauf zu verzichten. "Das kommt in Kürze. Wir halten uns an das, was wir zusagen", stellte der Verbrecher klar. Im nächsten Moment ertönte das Besetztzeichen...
    Ahlfeld zuckte mit den Schultern. "Also gut. Richten wir uns eben hier ein, bis der Anruf kommt." Er wandte sich an Anna."Benachrichtigen Sie mich, wenn das Lebenszeichen eingetroffen ist. Ich organisiere inzwischen die Verpflegung meiner Leute bis zum Einsatz." Mit diesen Worten verließ er die PAST, ohne sich noch einmal umzudrehen.
    "Also, so was Kaltschnäuziges ist mir echt noch nicht untergekommen!", bemerkte Bonrath. Man sah ihm an, dass er von der gleichgültigen Art des SEK-Leiters alles Andere als begeistert war. Herzberger nickte mit säuerlicher Miene. "Ihn geht es ja auch nicht persönlich an...", stellte er fest. "Bitte, meine Herren", mischte Anna sich ein. "Es bringt nichts, sich darüber aufzuregen. Kümmern Sie sich lieber um Ihre Berichte."
    Ihr Tonfall duldete keinen Widerspruch. Signalisierte deutlich, dass sie Ablenkung durch die laufende Arbeit im Augenblick für das Beste hielt. Hotte und Dieter setzten sich leise grummelnd an ihre Schreibtische und begannen, in ihren Papieren zu blättern. Vermutlich würde ihre Arbeit ebenso konstruktiv werden wie Dienstagabend...
    Semir dagegen baute sich mit herausfordernd hochgezogener Augenbraue vor der Engelhardt auf.
    "Und ich fahre jetzt Streife, oder was?" - "Wieso nicht?", bekam er trocken zur Antwort. "Kommt überhaupt nicht in Frage", weigerte er sich."Ich rühre mich nicht einen Millimeter von der Stelle, bevor ich von Tom gehört habe!" -"Wir wissen doch überhaupt nicht, bei wem die Kerle anrufen", erinnerte Anna ihn mit hilflosem Blick. "Vielleicht ja sogar auf Ihrem Handy?!"
    Semir kaute an seiner Unterlippe. Es fiel ihm unsagbar schwer, sich von dieser Überwachungsanlage zu trennen. Andererseits hatten die bisherigen viel zu kurzen Gespräche mit den Erpressern gezeigt, dass es mehr als unwahrscheinlich war, sie zu orten. Diese Typen verstanden ausgezeichnet, sich davor zu schützen. Trotzdem hatte er das Gefühl seinen Freund im Stich zu lassen, wenn er die PAST jetzt verließ...


    Dieter wühlte plötzlich hektisch in den Taschen seiner Uniformjacke, welche über der Stuhllehne hing. "Hey, was ist denn?", erkundigte Hotte sich. "Mein Handy...", erklärte Bonrath und zog das leise flötende Gerät schließlich hervor. "Dieter Bonrath", meldete er sich.
    "TOM! Wie geht es dir?", rief er gleich darauf freudig. Sofort drehten sich alle nach ihm um. Sein Gesichtsausdruck wechselte zu konzentriert, wurde traurig. Er schaltete die Verbindung aus und blickte bedrückt auf das erloschene Display.
    "Bonrath?" Die klare Stimme der Chefin riss ihn aus seinen Gedanken. Er hob den Kopf und schaute in lauter fragende Gesichter. "Wie geht es ihm?", hakte Semir ungeduldig nach. "War er es auch ganz bestimmt selbst?", wollte Andrea misstrauisch wissen. Dieter nickte langsam. "Ja, er war es auf jeden Fall. Keine Aufzeichnung, falls du das meinst", sagte er. "Aber..."
    "Aber was? Verdammt, lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen", schimpfte Herzberger. "Wir wollen alle wissen, was mit ihm ist!" -"Er sagte, dass es ihm soweit gut geht. Aber es klang so... So..." Bonrath suchte nach dem richtigen Wort. "Irgendwie gepresst. Als wenn er mich nicht beunruhigen wollte..." Er schluckte. "Ich glaube, er hat furchtbare Angst. Und hat versucht, es mich nicht merken zu lassen..."
    Andrea konnte ein leises Schniefen nicht unterdrücken und suchte Halt an Semirs Schulter. Anna Engelhardt presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. Niemand sprach. Dann tauschten Hotte und Dieter einen vielsagenden Blick, widmeten sich erneut ihren Akten. Semir drückte Andrea kurz an sich, hauchte ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange und ging hinaus. "Ich bin dann unterwegs...", hörte sie ihn noch leise murmeln.


    ***

  • Samstag, 02:45 Uhr, ein verlassenes Industriegelände im Süden von K?ln


    Die blasse Mondsichel konnte das Gel?nde kaum erhellen. Vorbeiziehende Wolken tauchten den Übergabeort immer wieder in fast vollkommene Dunkelheit. Die Entführer hatten darauf bestanden, dass Anna Engelhardt den Koffer mit den Diamanten zu dieser fast zerfallenen Fabrik bringen sollte. Nun stand sie mitten auf dem freien Platz zwischen zwei Gebäuden und wartete. Wartete ? auf was? Den nächsten Anruf mit einer weiteren Instruktion? Darauf, dass jemand kam und den Koffer forderte? Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass sie sich absolut nicht wohl fühlte. Sie kam sich vor wie auf dem Präsentierteller. Ein Schuss aus dem Hinterhalt, ein kurzer Schmerz... Vorbei...
    Selbst das gut verteilte SEK-Team wäre machtlos dagegen. Zumindest wenn ein Heckenschütze auf ihren Kopf zielte. Denn natürlich trug sie eine schusssichere Weste. Darauf hatten Ahlfeld und Semir nachdrücklich bestanden. Und sie hatte sich auch nicht dagegen gestr?ubt. Trotzdem hatte sie Angst, welche sie aber nicht zeigte.
    Sie schrak heftig zusammen, als sich urplötzlich eine vermummte Gestalt aus dem Schatten des ehemaligen Verwaltungstrakts löste und auf sie zu kam. "Zeigen Sie mir die Diamanten!" befahl die dumpfe Stimme hinter der schwarzen Maske. Anna ging in die Hocke, legte den Koffer vor sich auf den Boden und öffnete ihn. Selbst das schwache Mondlicht ließ die wertvollen Steine darin hell aufglitzern.
    "Gut. Jetzt packen Sie die Steine hier hinein", forderte der Maskierte und warf einen Lederbeutel neben den Koffer. Anna gehorchte widerspruchslos. Es wäre auch zu schön gewesen, wenn der Versuch mit dem Peilsender im Koffer funktioniert h?tte... ?Zur?cktreten?, bestimmte der Mann, als sie fertig war."Wo ist...? " "Kranich" Nicht hier. Für wie dumm halten Sie uns?" spottete der Gangster."Ich rufe Sie nachher an. Sobald ich sicher am Ziel bin", erklärte er. "Dachten Sie etwa, ich traue Ihnen? Das ganze Gelände hier wimmelt doch sicher von Ihrer Spezialeinheit..." Er lachte leise.
    "Erst versuchen Sie, uns zu verarschen und jubeln uns Kranich als von Herden unter. Und dann sollen wir glauben, Sie würden sich allein hierher wagen? Uns Diamanten im Wert von zehn Millionen Euro einfach so in die Hand drücken? Ohne mich zu beschatten oder so?" Er schüttelte sichtbar belustigt den Kopf. "Vergessen Sie es, Frau Engelhardt! Befehlen Sie dem SEK, mich ziehen zu lassen. Andernfalls sehen wir uns gezwungen, Ihren Kollegen zu liquidieren..."
    Er hob den Beutel auf, verstaute ihn in seiner Jacke und wich langsam zurück. "Ich meine es ernst! Falls ich verfolgt werde ist Kranich tot!", drohte er. Dann drehte er sich um und verschwand im Schatten des Gebäudes, von wo er gekommen war. Anna sah ihm kurz nach. Dann zog sie den Kragen ihrer Jacke zum Mund. "Sie haben es gehört, Ahlfeld! Ich erwarte, dass Sie alles unterlassen, was Kranichs Leben gefährden könnte", sprach sie in das winzige Mikrofon.


    ***

  • Samstag, 02:56 Uhr, Nähe verlassenes Industriegelände


    Semir traute seinen Augen nicht. Mit einem Fluch stoppte er den CLK an einer Brücke und sprang aus dem Wagen. "Typisch SEK! Ich nehme extra den dunkleren Wagen, und die veranstalten `ne Großoffensive!", dachte er w?tend. In Windeseile kletterte er die Böschung neben der Brücke hinunter. Dabei härte er schon von weitem mehrfache Rufe: ?Halt, stehen bleiben! Polizei!"
    Ein dunkel gekleideter Mann hastete auf ein nur schemenhaft erkennbares Fahrzeug zu. Dieses kam ihm rückwärts und ohne Beleuchtung entgegen. Von beiden Seiten leuchteten die grellen Stablampen des SEK in Richtung der Flüchtigen. Gleich darauf fielen die ersten Warnschüsse. "Stopp! Oder wir schießen gezielt!", hallte es über das Gelände. "NEEEEIIIIN!", schrie Semir und winkte verzweifelt mit beiden Armen. "Pfeifen Sie Ihre Leute zurück, Ahlfeld!"
    Keine Reaktion. Noch immer liefen die Kollegen der Spezialeinheit auf die flüchtigen Gangster zu, kreisten sie ein. Diese schossen jetzt auf die Beamten. Der Typ mit den Diamanten hatte gerade die Beifahrertür erreicht und riss diese auf. Genau als er versuchte, ins Auto zu springen wurde er getroffen. Mit einem Aufstöhnen glitt er ab und stürzte zu Boden.
    Semir konnte den Fahrer wild fluchen hören. Der Motor heulte auf, der Wagen raste weiter rückwärts - genau auf ihn zu! Mit einem gewaltigen Hechtsprung brachte Semir sich in Sicherheit. Er rollte sich geschickt ab und war schnell wieder auf den Füßen, rannte zu dem angeschossenen Gangster. Doch auf halbem Weg drehte er sich entsetzt um.
    Eine ganze Salve von Maschinenpistolenfeuer schlug in dem flüchtigen Fahrzeug ein. Gleich darauf begann das Auto zu schleudern, prallte schließlich gegen die Seitenwand der Brücke. Im nächsten Moment gab es eine gewaltige Explosion. Betroffen wandte Semir den Blick ab. Dann lief er mit wütender Entschlossenheit zu dem Maskierten mit den Diamanten.
    Er kniete sich neben den Mann, drehte ihn zu sich herum und zog ihm die Sturmhaube vom Kopf. Er schaute in ein schmerzverzerrtes Gesicht. In ein Paar wütend funkelnder Augen. Auf einen zu einem bösartigen Grinsen verzogenen Mund. Erst jetzt entdeckte er das Handy, welches der Kerl mit der behandschuhten Rechten umklammerte. Es tutete leise. Unheilvoll...
    "Wo ist Tom?", schrie er den Verbrecher an. Packte ihn an den Schultern, schüttelte ihn regelrecht. "Zu... Zu spät...", röchelte der Erpresser. "Anweisung... Ihn umzubringen... Ist... Schon..." Er bäumte sich noch einmal auf, bevor er in Semirs Griff erschlaffte und seine Augen brachen.


    ***

  • Samstag, 08:26 Uhr, PAST


    "Diese ganze Aktion war unverantwortlich! Menschenverachtend!", fauchte Anna ins Telefon. "Es ging Ihnen überhaupt nicht darum, meinen Mitarbeiter zu retten! Hauptsache, die Entführerbande wird beseitigt. Ohne Rücksicht auf Verluste...", warf sie dem Polizeipräsidenten vor.
    "Hauptkommissar Kranich wusste, worauf er sich einließ, als er sich freiwillig gemeldet hat. Trotzdem ist er das Risiko eingegangen. Geben Sie jetzt also nicht mir oder womöglich Ahlfeld die Schuld für...!"Holbein räusperte sich und verzichtete darauf, den Satz zu Ende auszusprechen. "Ich verstehe ja, dass es ein erheblicher Verlust für Ihre Dienststelle ist. Ich werde dafür sorgen, dass Ihnen schnellstmöglich Ersatz zur Verfügung gestellt wird."
    Anna war sprachlos. Sie starrte das Telefon angewidert an, ihr wurde übel. "Tom Kranich ist nicht zu ersetzen!", brachte sie noch heraus. Dann legte sie ohne Gruß auf. Gleich darauf sackte sie auf ihrem Stuhl zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen. Tief in ihr versuchte ein Schluchzen, sich den Weg nach oben zu bahnen. Doch sie bekämpfte es mit aller Macht, ließ es nicht an die Oberfläche. Sie war die Chefin. Musste stark sein für die Kollegen und Freunde von Tom. Nein, sie durfte sich nicht gehen lassen. Trauern konnte sie später zuhause...


    "CHEFIN!" Semir stürmte in ihr B?ro, riss sie aus ihren trüben Gedanken. "Hartmut hat gerade angerufen. Im Wagen der Entführer befand sich ein tragbares Navigationssystem. Er konnte einen Teil der Festplatte rekonstruieren. Wir haben eine Adresse!" Anna sprang auf und zerrte im Vorbeilaufen ihren Mantel vom Garderobenhaken. Dabei riss der Aufhänger ab. Sie achtete nicht darauf. "Ich komme mit!" rief sie, während sie an Gerkhan vorbei nach draußen stürmte.
    "Wohin fahren wir?", erkundigte sie sich kurz darauf im Wagen. "Zu einem Resthof im Bezirk Schwarzenbroich", erwiderte Semir. Seine verkniffene, konzentrierte Miene sprach Bände. Spiegelte exakt Annas Gefühle wider. Ebenso wie die der anderen Kollegen, welche hinter ihnen fuhren. Alle waren betroffen und traurig, aber auch wütend.
    Einer der ihren war letztendlich verraten und geopfert worden. Ein unbedeutender Spielball, als es um Erfolg und eine gute Statistik ging... Natürlich, die Neuwahl des Polizeipräsidenten sollte in wenigen Wochen stattfinden. Holbein brauchte gute Aufklärungsquoten in seinem Verantwortungsbereich, um im Amt zu bleiben. Was bedeutete da schon der Tod eines Polizisten im Dienst...


    ***

  • Samstag, 09:14 Uhr, Naturpark Nordeifel, Bezirk Schwarzenbroich


    Vorsichtig schlichen Semir und die Kollegen sich von allen Seiten an den ehemaligen Hof heran. Das SEK hatte Anna Engelhardt natürlich nicht eingeschaltet. Niemand von der Autobahnpolizei wollte jetzt mit Ahlfeld und Co. zu tun haben...
    Mit gezogener Pistole schlängelte Semir sich zwischen einem Schuppen und einem alten Mähdrescher durch. Seine Kiefer waren zusammengepresst, als er schließlich zur Haustür lief und daneben in Deckung ging. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Obwohl er es einerseits nicht erwarten konnte, in das Gebäude einzudringen hatte er andererseits erbärmliche Angst davor. Angst vor dem, was er vielleicht finden würde...
    Hotte und Dieter gaben ihm das verabredete Zeichen. Alle Türen und Fenster des Hauses waren gesichert. Nach einem tiefen Atemzug trat er die Eingangstür ein. In angespannter Haltung ging er durch den Flur. Vorsichtig schaute er in jeden Raum, an dem er vorbeikam, die Waffe immer im Anschlag. Es war offensichtlich, dass noch vor kurzem jemand in diesem Haus gewesen sein musste. In mehreren Zimmern lagen Kleidungsstücke, die Betten waren bezogen. Auch die Küche war eindeutig benutzt worden. Schmutziges Geschirr stapelte sich in und neben der Spüle.
    Hinter der Küche war eine weitere Tür. Semir öffnete sie langsam. Ausgetretene Holzstufen führten nach oben. Vorsichtig kletterte er die Treppe hinauf. Noch eine Tür... Er lauschte, konnte jedoch nichts Verdächtiges hören. Entschlossen drückte er die Klinke hinunter, stieß die Tür auf - und erstarrte regelrecht!


    ***

  • Samstag, 09:19 Uhr, Naturpark Nordeifel, Bezirk Schwarzenbroich


    Langsam, mit steifen Schritten näherte Semir sich dem Bett. Sein Blick hing wie gebannt an der reglosen Gestalt darauf. Die Hand mit der Pistole sank herab. Sein Herzschlag schien auszusetzen, Luftholen konnte er nicht. Es bestand nicht der geringste Zweifel an der Identität der Person vor ihm. Und genau deshalb kehrte sich sein Innerstes praktisch nach au?en.
    Wie ein Automat registrierte er die Handschellen, welche seinen Freund mit ausgestreckten Armen und Beinen ans Bettgestell fesselten. Die von tagelanger Reibung blutverschmierten Gelenke. Das von Augenbinde und Knebel fast völlig verdeckte Gesicht. Eine gespannte Schlinge, die vom Hals zum Gestell am Kopfende führte. Zahlreiche dunkle Flecken auf seinem hellen Pullover. Dunkel... Nicht... Nicht ROT...
    Semir ließ die Waffe fallen und stürzte förmlich ans Bett, drehte Toms Kopf vorsichtig zu sich herum. Mit raschen Bewegungen entfernte er Schlinge, Klebestreifen und Augenbinde. Eine Woge der Erleichterung durchflutete ihn, als er in ein vertrautes Paar grau-grüner Augen blickte. Doch genauso schnell wie sie gekommen war verschwand die spontane Freude darüber, dass sein Partner tatsächlich noch lebte.
    Das, was er in diesen Augen sah, versetzte ihm einen unendlich schmerzhaften Stich. Noch nie hatte er so abgrundtiefes Leid gesehen! Instinktiv strich er Tom über die Wange, bevor er das Schloss der Handschellen inspizierte. Standard-Polizeihandschellen... In Rekordzeit hatte er die Fesseln aufgeschlossen. So behutsam wie möglich löste er die Stahlreifen von Toms blutigen Gelenken. Trotzdem stöhnte dieser vor Schmerzen. Doch er sagte nichts. Kein Wort drang über seine Lippen. Nur seine Augen sprachen. "Nein", dachte Semir, "Sie schreien vor Qual..."
    Jetzt hörte man weitere Schritte auf der Treppe. "Semir? Alles in Ordnung mit dir?", erkundigte Bonrath sich und steckte den Kopf durch die Tür. Seine Augen weiteten sich freudig überrascht. "Tom...", brachte er nur heraus. "Die Sanis sollen sofort kommen", bat Semir ihn. "om braucht schnellstens ärztliche Hilfe!" Er nahm seinen Freund in den Arm. Hielt ihn ganz fest. "Und den Polizeipsychologen...", fügte er leise hinzu.


    ***

  • Sonntag, 11:27 Uhr, Köln, Uni-Klinik


    "Der dritte ?Mann" war eine Frau... Sie hat mir regelmäßig Wasser und Essen gebracht." Tom saß halb aufgerichtet im Krankenbett. Sein Kopf lag zur Seite gerichtet auf dem Kissen. Er sprach leise, stockend. Sah keinen der Anwesenden an. Blickte starr aus dem Fenster, während er von seinem Martyrium berichtete.
    "Hatten Sie Gelegenheit, das Gesicht dieser Frau zu sehen?", erkundigte Anna sich behutsam. "Nein. Ich habe überhaupt nichts gesehen seit..." Tom schluckte hart, presste die Lippen zusammen. Es war offensichtlich, dass er einen inneren Kampf auszufechten hatte. "Seit mir auf der Yacht die Augen verbunden wurden", beendete er den Satz schließlich. "Und die Handschellen hat man Ihnen vermutlich auch nie abgenommen", meinte Dr. Ulrich Harder, der Polizeipsychologe. Kranichs zerschundene Gelenke ließen keinen anderen Schluss zu. "Nein..."Toms raue Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
    Anna wechselte einen betroffenen Blick mit Semir. Dieser holte tief Luft, bevor er sagte: "Tom... Helmut Joost, der Anführer der Bande, hat unmittelbar vor seinem Tod gesagt, er hätte die Anweisung gegeben, dich zu..." Er stockte. Mochte das furchtbare Wort nicht aussprechen. Es tat ihm selbst weh. Erinnerte ihn an die verzweifelten Stunden, während der er seinen Freund für tot hielt. Und musste Tom noch viel mehr Schmerz bereiten...
    "Ich weiß... Sie... Sie hat es mir gesagt, bevor sie ging...", erwiderte Kranich verhalten. Noch immer starrte er ins Leere. Stand die entsetzliche Qual seiner Gefangenschaft überdeutlich in seinen Augen. "Sie hat Sie wissentlich verschont und Ihnen das mitgeteilt?", hakte Dr. Harder nach. "Ja...? - "Hat sie verlauten lassen, weshalb?", wollte Anna wissen. "Schließlich hat sie doch auch keinen Profit mehr aus dieser Entführung ziehen können. "Tom schüttelte den Kopf, schwieg jedoch.
    "Tom... Gibt es irgendetwas, anhand dessen du diese Frau identifizieren könntest?", fragte Semir vorsichtig. Sein Freund rührte sich zunächst nicht. Seine Kiefer mahlten, die Wangenmuskeln zuckten heftig. Schließlich drehte er den Kopf und sah seinen Partner an. "Ihre Stimme... Die würde ich unter Tausenden wiedererkennen!"


    ***

  • Neun Wochen sp?ter, Dienstag, 09:32 Uhr, KTU


    "Also, die Ausrede mit der verklemmten Kupplung ist völliger Schwachsinn", erklärte Hartmut. "Selbst unser unerfahrenster Neuling hätte das in fünf Minuten festgestellt." Semir nickte befriedigt. "Wusste ich´s doch. Der Typ hat einfach die Kontrolle verloren, weil er zu schnell gefahren ist." - "Genau das wollte ich damit sagen", bestätigte Hartmut. Dann wechselte seine Aufmerksamkeit. Lächelnd sah er dem Mann entgegen, welcher mit eiligen Schritten auf ihn und Semir zukam.
    "Na, verschlafen?", feixte er mit einem gutmütigen Zwinkern. Tom hob in einer entschuldigenden Geste die Schultern. "Sorry, ich habe mich noch nicht wieder an den Dienstrhythmus gewöhnt?, gab er zu."Das kann ich mir vorstellen." Hartmut nickte. "Wie war denn dein Urlaub?" - "Sehr schön, danke. Vor allem sonnig und ruhig." Tom lächelte, wirkte entspannt und locker.
    "Wo warst du denn?", erkundigte sich der KTU-Kollege interessiert. "Semir und die Anderen haben ja beinahe ein Staatsgeheimnis daraus gemacht." - "Ich wollte nur sicherstellen, dass Tom wirklich ungestört ist", verteidigte Semir sich."Schließlich wolltest du doch auch Urlaub nehmen und Last Minute verreisen." Er grinste Tom an. "Das wäre doch keine Erholung gewesen, wenn Hartmut plötzlich bei dir am Liegestuhl gestanden und dich den ganzen Tag mit technischen Raffinessen vollgequatscht hätte..."
    Alle drei lachten. "Nein, vermutlich nicht...", gab Kranich zu. "Ich war übrigens an der Algarve. Wirklich wunderschön, kann ich nur empfehlen!", beantwortete er gleich darauf Hartmuts Frage. "Tolle Strände, interessante Steilküsten, leckeres Essen... Aber vor allem sehr gastfreundliche Menschen, die Portugiesen. Ich fliege da bestimmt mal wieder hin."
    "Klingt gut. Vielleicht sollte ich es einfach ausprobieren. Da ich meinen Urlaub verschieben musste, weil wir wegen Krankheit unterbesetzt waren kann ich mit der Planung ja wieder von vorn anfangen..."Hartmut zuckte mit den Schultern. Ein schiefes Lächeln gönnte er den Kollegen noch, dann deutete er auf einen zerbeulten Kleinlaster.
    "Ich muss dann mal wieder... Viel Spaß noch, bis die Tage", verabschiedete er sich. "Ja, gleichfalls. Bis bald" erwiderten Tom und Semir. Gemächlich schlenderten sie zu ihren Fahrzeugen. Dort angekommen schaute Semir seinen Partner mit leicht schräg gelegtem Kopf herausfordernd an. "Wer zuerst im Revier ist, ohne die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu missachten?!", schlug er vor. Tom griente. "Das hast du doch verloren, bevor du eingestiegen bist", behauptete er. "Ach ja? Von wegen... Ich fahre mit verbundenen Augen besser als du mit offenen", konterte Semir.
    Im nächsten Moment fluchte er innerlich, beschimpfte sich selbst als gedankenlosen Idioten. Doch Tom hatte die unbewusste Beschwörung seiner Entführung anscheinend nicht wahrgenommen. Zumindest war ihm nichts anzumerken, als er antwortete: "Du Schnecke würdest nicht mal mit Bonraths Porsche gegen mich gewinnen!" Im selben Augenblick spurtete Kranich zur Fahrertür des CLK. Semir sprang in den BMW und gleich darauf verließen beide Wagen mit quietschenden Reifen den Hof der KTU.


    "Dr. Harder hat gesagt, dass es lange dauern wird", murmelte Tom vor sich hin, während er sich bemühte, den knappen Vorsprung zu halten. "Dass ich immer wieder durch irgendetwas spontan daran erinnert werde..." Er presste die Kiefer zusammen. Versuchte, die aufsteigenden Gefühle zurückzudrängen. Angst, Schmerz, Hilflosigkeit... Und vor allem...
    "Nein!" Tom rief dieses Wort laut. Zwang sein innerstes Selbst mit größter Kraftanstrengung zurück. Dankbar dachte er an die mentalen Techniken, welche Harder ihm dafür beigebracht hatte. "Er wird nie erfahren, wie sehr ich die tatsächlich brauche", schwor er nicht zum ersten Mal. "Er darf es nicht erfahren. Niemand darf es jemals erfahren! Das wäre das Ende meiner Polizeilaufbahn..."




    -----ENDE-----