Verletztes Vertrauen

  • Er wollte Rache. Er hatte es ihr versprochen. Er liebte sie so sehr, dass er alles für sie tun würde. Er würde über Leichen gehen. Dafür, das sie immer noch im Gefängnis saß. Das er sie nicht sehen konnte, wann er wollte. Er wollte mit ihr zusammen sein. Und er hatte es ihr versprochen. Sein Plan nahm bereits gestalt an. Sie hatte ihm vom Gefängnis aus dabei geholfen die verantwortlichen Personen ausfindig zu machen. Zum einen diese Schlange vom Zeugenschutzprogramm, die seiner Geliebten so viele Schwierigkeiten bereitet hatte und sie einfach nicht in Ruhe gelassen hat, indem sie immer wieder ihre Pläne durchkreuzte. Und zum anderen dieser Bulle von der Autobahnpolizei, der ihr am Schluss doch noch in die Quere kam, obwohl sie glaubte, sein Ex hätte ihn bereits über den Jordan geschickt. “Ich tu das alles nur für dich” sprach Marco Runge leise, während er zärtlich mit seinen Fingern über das Bild von Melanie Mahler strich.


    Fröhlich pfeifend betrat Ben am Montag morgen das Büro der PAST. “Na, so gut gelaunt” kam ihm Susanne entgegen und drückte ihm einen dampfenden Becher Kaffee in die Hand. “Wenn ich dich sehe immer” versuchte Ben ein wenig zu flirten und wandte sich in Richtung Büro. Wie gewohnt saß Semir bereits am Schreibtisch und tippte fleißig Berichte. “Na Kumpel, schon fleißig bei der Arbeit?” wollte Ben etwas scherzhaft wissen. “Du bist gut, du bist schon wieder eine halbe Stunde zu spät. Sei froh, dass das die Krüger nicht gesehen hat. Sonst hättest nicht so viel zu lachen.” “Ja Papa, ich wird mich bessern” Ben rollte mit den Augen und lies sich in seinen Bürostuhl sinken. Er wollte seine Kaffeetasse auf den Schreibtisch stellen. Leider etwas zu schwungvoll, denn der Kaffee schwappte über und beschmutzten seine Unterlagen. Semir konnte nur grinsen und den Kopf schütteln, als er beobachtet, wie Ben versuchte mit Taschentüchern dem Kaffeesee Einhalt zu gebieten. “Los komm schon, lass uns auf Streife fahren.” Das ließ sich Ben nicht zweimal sagen und folgte seinem Partner.

  • Nachdem unsere beiden Autobahnpolizisten bereits eine Stunde auf Streife waren ertönte eine Funkspruch von Susanne “Semir, Ben. Es wurde soeben ein Unfall gemeldet. Auf der A48 Richtung Köln sind mehrere Autos ineinander gestoßen. Ein Fahrer will Schüsse gehört haben. Schaut ihr mal hin? Dieter und Hotte sind bereits da” “Ja, danke Susanne. Wir sind auf dem Weg” Semir trat das Gaspedal mehr durch und sie machten sich auf den Weg zum Unfallort.


    Dort angekommen stiegen die Beiden aus. Hotte kam ihnen bereits entgegen. “Morgen Hotte, was haben wir?” fragte ihn Semir. Die Autobahn glich einem Trümmerfeld. Ben war froh, das sie nicht dafür verantwortlich waren. Das würde sonst wieder richtig viel Ärger geben von der Chefin. Hotte begann mit seinen Ausführungen “Laut Zeugenaussagen hat die Fahrerin eines schwarzen BMW die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren, ist gegen die Leitplanke geprallt und ist wieder zurück auf die Fahrbahn geraten. Die nachfolgenden Fahrzeuge konnten nicht mehr ausweichen und es kam zum Zusammenstoß. Zum Glück wurde niemand ernsthaft verletzt. Ein Zeuge will einen Schuss gehört haben. Ich werde den Unfallwagen in die KTU bringen lassen, damit er genauer untersucht wird.” “Sehr gut Hotte, danke. Wo ist die Fahrerin?” Hotte wies auf den nebenstehenden RTW “Sie wird noch kurz untersucht” und kramte deren Personalausweis hervor. “Die Frau heißt Nina Lechner und…” “Was? Nina Lechner?” unterbrach in Semir abrupt. “Ja, wieso? Kennst du sie?” frage Hotte und sah zu Ben, der ihn auch mit zusammengekniffenen Augenbrauen fragend ansah. Doch Semir gab keine Antwort sondern lief auf den RTW zu. Er hatte diesen umrundet und blickte hinein. Tatsache, es war Nina. “Nina!” stieß Semir voller Überraschung und Verwunderung aus.

  • Die hübsche Frau die da auf der Trage saß erkannte ihn natürlich sofort. Sie sah ihn ganz verwundert an. “Semir, was machst du denn hier?” “Ich bin doch schon länger bei der Autobahnpolizei. Mensch, Nina, geht’s dir gut? Bist du verletzt?” fragte Semir ganz sorgenvoll. “Nein, nein, alles ok. Nur ein paar Kratzer. Ich werd nur noch mal kurz durchgecheckt. Aber mir fehlt nichts”. “Es ist auch alles in Ordnung. Sie können dann gehen. Aber schonen Sie sich noch ein wenig Frau Lechner” sagte der Arzt mit sanfter Stimme, nachdem er ein paar kleinere Wunden versorgt hatte.
    “Vielen Dank” Nina wollte den RTW verlassen doch kam an der letzten Stufe ins Straucheln. Sogleich wurde sie von zwei starken Armen gehalten um nicht zu stürzen. Sie sah auf und blickte in zwei teddybraune Augen. Ben hatte gesehen, das die Frau aussteigen wollte. Er war Semir gefolgt, denn es hatte ihn schon sehr interessiert, wer diese Nina war. Ben merkte, wie die Frau ins wanken kam und war sofort zur Stelle um sie aufzufangen. Er sah in tiefe blaue Augen. So schöne Augen hatte er schon lagen nicht mehr gesehen. Ben war wie hypnotisiert. Doch sie riss ihn aus seinen Gedanken “Danke, ich stehe jetzt” sagte Nina ganz sanft bis Ben merkte, dass er immer noch ihre Arme hielt. Verlegen lies er sie wieder los. Semir kam nun auch aus dem RTW gesprungen. “Willst du uns nicht vorstellen?” frage Ben an Semir gewandt und stieß ihm unbemerkt den Ellenbogen in die Seite. Semir blickte Ben schräg an. Er konnte in seinem Blick sofort merken, was in Ben vorging und schüttelte innerlich den Kopf. `Immer auf der Jagd` dachte er sich `der macht ja seinem Namen wieder alle ehre`. “Nina, das ist Ben Jäger, mein Kollege und Partner. Ben, das ist Nina Lechner, eine ehemalige Schülerin von mir von der Polizeischule” stellte Semir die beiden vor. “Sehr erfreut” grinste Ben und schüttelte Nina die Hand.
    “Nina, meist du, du kannst uns noch aufs Revier mit begleiten? Ich würde gerne noch deine Aussage aufnehmen. Aber nur wenn du dich soweit fühlst". fragte Semir und musterte sie nochmals etwas bedenklich. Sie war doch ein wenig blas und sah etwas mitgenommen aus. “Ja, na klar. Das ist kein Problem. Aber vielleicht kann ich mich vorher noch umziehen” und zeigte an sich herunter. Ihre Kleidung war vom Unfall noch total verdreckt. “Sicher... Hotte wird dich kurz nach Hause und dann aufs Revier bringen. Bis gleich".

  • Während Semir und Ben wieder ihren Dienstwagen ansteuerten wandte Ben noch mal seinen Blick um Nina hinterher zusehen. Sie hatte wirklich eine gute Figur und die langen braunen Haar mit den gelockten enden waren auch nicht ohne. Semir bemerkte dies natürlich “Denk nicht mal dran” mahnte er ihn und beide stiegen ein. “Wieso? Sie ist echt nett. Jetzt erzähl mal. Woher kennt ihr euch noch mal genau?” Während der fahrt zur PAST berichtete Semir, dass er damals der Ausbilder von Nina war. Sie ging dann zum LKA und war auch für den Personenschutz im Rahmen des Zeugenschutzprogrammes tätig. Allerdings erwähnte Semir Ben gegenüber absichtlich nicht, welches ihr letzter Fall war. Er sagte nur, dass sie dann aus dem aktiven Dienst zurückgetreten ist, ohne den Grund dafür zu nennen. Über die Jahre hatten sie sich leider ein wenig aus den Augen verloren. Aber Semir hatte immer einen guten Draht zu ihr. Sie war ein nettes Mädchen. Herzlich und offen. Er hatte gern mit ihr gearbeitet. Sie war so etwas wie sein Schützling. Unweigerlich musste er beim Erzählen auch an Ben denken. Denn Semir übernahm gern die Aufpasserrolle. Vor allem, wenn sie so jung und hitzig waren wie Ben. Doch noch wusste Semir nicht, dass sein Vertrauen zu Nina auf eine harte Probe gestellt werden würde.


    Wenig später fuhr Nina mit Hotte an der PAST vor, stieg aus und betrat das Gebäude. Sie wurde von Susanne schon erwartet und in Empfang genommen. “Nina Lechner? Ich bin Susanne König. Sie werden von Semir bereits erwartet. Darf ich ihnen den Weg zeigen?” frage Susanne freundlich und führte sie in einen separaten Raum. “Semir kommt gleich” sagte sie und ging ins Büro von Semir und Ben. “Nina Lechner ist jetzt da. Sie wartet im Verhörzimmer” sagte Susanne an Semir gewandt. Ihr entging aber das grinsen von Ben nicht, als er den Namen hörte und dachte sich kopfschüttelnd ihren Teil. Denn Susanne war natürlich nicht entgangen, wie attraktiv Nina war, obwohl sie sie eben nur kurz gesehen hatten. “Danke Susanne” bedankte sich Semir und die beiden machten sich auf den Weg in den Verhörraum.

  • “Also Nina, schildere uns doch bitte mal, wie du den Unfall erlebt hast?” Nina begann zu erzählen. Sie war auf dem Weg zu einer Freundin mit der sie zusammen frühstücken wollte. Es war noch dämmrig, denn die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen. Sie war auf der Autobahn unterwegs, als sie dachte, sie würde in einiger Entfernung etwas am Seitenstreifen in dem Grün liegen sehen. Sie versuchte sich darauf zu konzentrieren und dachte sie könnte eine Person erkennen, als plötzlich ein Knall zu hören war und sie die Kontrolle über ihr Fahrzeug verlor. Sie prallte in die linke Leitplanke und mehrere Autos krachten in ihren Wagen. Im ersten Moment hatte Nina noch nicht richtig realisiert was geschehen war. Die Windschutzscheibe war zerbrochen und wie musste sich von einigen Glassplittern befreien. Leute liefen panisch umher und sie stieg aus um zu sehen, ob jemand Hilfe braucht. Ninas erster Blick ging natürlich an den Seitenstreifen, doch die Person die sie glaubte gesehen zu haben war fort.


    “Danke Nina. Das wird soweit reichen” fuhr Semir fort, nachdem Nina ihre Ausführungen beendet hatte. “Wir werden deine Aussage noch mit den der andern Zeugen abgleichen. Aber das kennst du ja”. “Wie geht’s dann weiter?” wollte Nina wissen. “Nun, wir werden jetzt erst mal zu Hartmut in die KTU fahren, der gerade deinen Wagen untersucht. Vielleicht kann er uns schon einige Informationen geben”. “Gut, dann werde ich euch begleiten” gab Nina ohne Umschweife bekannt. Bens Miene hellte sich schlagartig auf. Doch Semir hatte einwende “Nein, das geht nicht. Du kannst gerne hier bleiben, aber ich kann dich nicht in die Ermittlungen mit einbeziehen. Wie du weist, bist du nicht mehr im Dienst”. “Das spielt keine Rolle. Ich möchte ja auch nicht mit ermitteln sondern nur die Ergebnisse wissen. Schließlich betrifft es mich ja persönlich”. Doch Semir blieb konsequent. Nun versuchte sich auch Ben einzuschalten und Argumente aufzubringen, warum Nina sie begleiten sollte. Aber Semir hielt keinen für überzeugend genug. So machten sich die beiden allein auf den Weg zur KTU und ließen Nina derweilen in der PAST warten.

  • Als die beiden Autobahnkommissare die KTU betraten sahen sie sich gleich nach den Cheftechniker Hartmut um. Doch er war nirgends zu sehen. Lediglich Ninas BMW stand auf der Rampe. Semir war wie immer zu ungeduldig und begann durch die Halle zu brüllen. “Hartmut! HARTMUT!!!” Dieser kam augenblicklich unter der Rampe hervorgekrochen “Semir, was schreist denn so?” “Na sag halt wo du bist. Hast du schon was?” forderte Semir. “Ich wünsche euch auch einen schönen guten Morgen” gab Hartmut etwas trotzig zurück. Denn er mochte es gar nicht nur auf seine Arbeit reduziert zu werden, so das jegliche Höflichkeit auf der Strecke blieb. Doch er wurde von Ben eines besseren belehrt “Ja, ja, ist ja gut jetzt. Komm rück raus mit der Sprache. Was hast du herausgefunden?” Kopfschüttelnd begann Hartmut nun mit seinen Ausführungen. “Der Wagen weißt die typischen Unfallspuren auf. Allerdings kam mir der kaputte rechte Vorderreifen schon ein wenig komisch vor. Und deshalb habe ich ihn abmontiert und einem speziellen Verfahren unterzogen…” “Ja Hartmut, komm zum Punkt!” wurde er wieder von Semir unterbrochen. “Ist ja gut” war der ein wenig genervt “ich wollt euch ja nur erklären wie…. Ach vergesst es…. Auf jeden Fall habe ich ein Projektil im Reifen gefunden. Auf den Reifen wurde geschossen. Die Marke der Waffe konnte ich ausfindig machen, aber leider ist sie nicht registriert. Wir tappen also im Dunkeln”. “Kann man sagen, wie weit der Täter entfernt war?” wollte Ben noch wissen. “Nach der Analyse zu urteilen war der Täter vermutlich nur einige Meter entfernt. Er muss aber bei der Geschwindigkeit sehr gut gezielt haben um auf Anhieb zu treffen, denn wir haben an der Unfallstelle keine weiteren Projektile gefunden. Es war auf jeden fall ein gezielter Schuss”. “Gut, danke Hartmut. Wir melden uns falls wir noch was brauchen”. “Davon geh ich aus” sagte Hartmut ganz kleinlaut zu Abschied.


    “Und, was willst du jetzt unternehmen” fragte Ben als sie wieder am Auto ankamen. “Wir müssen davon ausgehen, dass es ein gezielter Anschlag war. Ich wird mir noch was überlegen. Lass uns erst mal wieder zurück fahren. Wir müssen es Nina sagen”. Beide stiegen ein und die fahrt zurück zur PAST verlief überwiegend schweigend. Semir machte sich Gedanken darum, was er gerade gehört hatte. Und er machte sich sorgen. Was, wenn es wirklich ein Anschlag war? Würde es jemand noch mal versuchen? Semir musste sich eingestehen, dass er sich große Sorgen um Nina machte. Sein Entschluss stand fest.

  • Wieder angekommen machte sich Semir sofort auf die suche nach Nina. Er wollte keine Zeit verlieren. Sie saß bei Susanne am Schreibtisch und unterhielt sich mit ihr. Die beiden schienen sich gut zu verstehen und Susanne schien sich über die Abwechslung zu freuen. Als Nina sah, das Semir und Ben zurück waren erhob sie sich rasch. “Und, habt ihr was rausgefunden?” Ohne direkt auf ihre Frage einzugehen antwortete Semir “Kommst du bitte mit in unser Büro?” Nina sah in ein bisschen fragend an blickte noch mal auf Susanne, zuckte mit den Schultern und folgte den Beiden in ihr Büro. Semir schloss die Tür hinter ihnen. “Setz dich doch bitte” Semir wies auf Bens Stuhl und Nina setzte sich etwas fragend. So ernst hatte sie Semir lange nicht gesehen. Ben blieb derweilen stehen und lehnte sich mit verschränkten Armen an die Wand. Auch für Ben war die Situation etwas fragenaufwerfend. Sonst hatten sie alle Dinge immer gemeinsam besprochen. Aber die ganze Fahrt über hatte Semir fast kein Wort gesagt. Auch er hatte sich natürlich Gedanken über den Vorfall gemacht. Da es ja nicht von der Hand zu weisen war, dass Ben schon einige Sympathien für Nina zu hegen schien, machte er sich natürlich auch darüber Gedanken, dass auf ihr Auto gezielt geschossen wurde. Er war sehr gespannt, was ihn jetzt erwarten würde, denn Semir übernahm das Wort.


    “Kommen wir gleich zum Punkt. Ich möchte dich nicht lange auf die Folter spannen… Unser Kriminaltechniker Hartmut Freud hat herausgefunden, dass sich in deinem rechten Vorderreifen ein Kugel befunden hat. Sie konnte leider anhand der Schmauchspuren nicht zugeordnet werden, da die Waffe von der sie abgegeben wurde anscheinend nicht registriert ist. Es scheint als hätte es jemand auf dich abgesehen, denn der Schuss wurde sehr präzise ausgeführt. Wir werden dich deshalb vorerst unter Personenschutz stellen.” beendete Semir seine Ausführungen. Nina saß da und hörte sich das, was Semir zu sagen hatte geduldig an. Doch als er den letzten Satz beendet hatte fuhr sie auf. “Was? Personenschutz? Danke, aber ich denke ich kann immer noch gut genug auf mich selbst aufpassen!” sagte sie ein wenig zornig.

  • “Das hat man ja gesehen. Nina da lasse ich keine Widerrede zu. Ich bin mir sicher, dass du das kannst und ich möchte auch keinesfalls an deiner Ausbildung oder deinen Fähigkeiten, oder daran zweifeln, dass du schon längere Zeit nicht mehr im Beruf bist. Aber es ist sicherer. Was ist wenn er es noch mal versucht? Hattest du in letzter Zeit irgendwelche Probleme? Oder ist dir irgendetwas aufgefallen?” Nina verzog die Mundwinkel, setzte sich ein wenig trotzig wieder auf den Stuhl, aber schüttelte dann mit dem Kopf. “Nein, nicht das ich wüsste. Es ist nicht ungewöhnliches passiert”. “Hat vielleicht noch jemand eine Rechnung mit dir offen?” warf Ben nun fragend ein “Jeder kleinste Hinweis kann für uns wichtig sein”. “Nein Ben. Nichts dergleichen. Ich führe ein ganz normales leben, wie jeder andere auch. Es kann ja auch wirklich nur Zufall gewesen sein”. “Nichts desto trotz müssen wir dich schützen” Semirs Blick wurde auf einmal ganz väterlich “Nina, bitte… Mir wäre wirklich wohler, wenn du die nächsten Tage in einer Schutzwohnung verbringen würdest. Bitte!”



    “Nein, auf gar keine Fall! Ich habe schon so viele Leute beschützt. Mit meinem Leben. Da wird ich doch wohl auch auf mich selbst aufpassen dürfen. Ich lasse mich nirgends einsperren”. Trotzig verschränkte Nina die Arme vor ihrer Brust. Sie konnte manchmal so stur sein, genau der gleiche Dickschädel wie Semir. “Ich werde machen” Beide Köpfe schnellen abrupt zu Ben, der noch immer an der Wand lehnte. “Bitte was?” frage Semir noch mal nach. “Na ich werden den Job übernehmen. Ich wird die nächsten Tage auf Nina aufpassen und ihr nicht von der Seite weichen. Dann kann ihr nichts passierten”. “Nein Ben, auf gar keinen Fall. Ich brauche dich hier für die Ermittlungen”. “Das ist doch gar kein Problem. Nina kann uns doch dabei helfen. Dann sind wir tagsüber in der PAST. Dort ist sie sowieso am sichersten. Und nach Dienstschluss werde ich allein auf sie aufpassen. Nina hat in ihrer Wohnung bestimmt ein Sofa für mich frei”. “Damit bin ich einverstanden” bestätigte Nina und sag Semir grinsend an. Die Drei debattierten noch eine geschlagene halbe Stunde. Doch Semir musste sich am Ende doch ergeben. Und nachdem sie den Vorschlag Kim Krüger unterbreitet hatten und diese auch nichts einzuwenden hatte musste sich Semir geschlagen geben. “Na gut, es ist schon spät. Lasst uns Schluss machen für heute. Dann sehen wir uns morgen. Nina, geh doch bitte schon mal vor zum Mercedes. Ich muss noch kurz was mit Ben besprechen”. “Ist gut, bis Morgen!” verabschiedete sich Nina und ging schon mal vor.

  • Semir packte Ben plötzlich ein wenig grob am Arm. “Wehe du denkst auch nur daran… “ stieß Semir seine Drohung aus. “Was denn?” wollte Ben ganz unschuldig wissen und grinste dabei leicht. “Es ist ein Job Ben. Vergiss das nicht. Wehe du machst dich an sie ran, hörst du?” “Ja ja, mach dir mal keine Sorgen. Ich pass nur auf sie auf” entgegnete Ben und musste dabei noch mal grinsen. Doch Semirs Blick verriet, das er es echt ernst meinte. “Semir, ich verspreche dir, ich werde mich nur auf sie werfen, wenn eine Kugel ihr zu nahe kommen sollte!” Ben hob dabei eine Hand auf sein Herz und eine in die Höhe, um seinen Schwur noch zu bekräftigen. Semir konnte nur lächelnd den Kopf schütteln. “Ich meins ernst Ben. Und nun hau schon ab”. “Bis morgen Partner!” winkte Ben und war schon im Laufschritt auf dem Weg zu Ausgang.


    Nina wohnte in einem kleinen Vorort von Köln. Ihre Wohnung, oder besser gesagt ihr Haus, lag ganz am Rande der Siedlung. Ben staunte nicht schlecht, als sie in der Sackgasse angekommen waren und er das Schmuckstück sah. ´Hier hast du dich also die ganze Zeit versteckt Traumfrau´ dachte sich Ben insgeheim als sie aus dem Auto stiegen und die drei Stufen zum Eingang hoch gingen. Das Haus war innen sehr geschmackvoll eingerichtet. Man kam zuerst in eine Art Galerie, die sich dann in einen großzügig geschnittenen Wohnraum öffnete. Zur linken war die offene Küche, an der eine komplette Glasfront auf die Terrasse zeigte. Das Haus war bis zum Dach offen, wobei eine Treppe noch nach oben zum Schlafzimmer führte. Ben konnte auf der oberen Galerie das Bett sehen. Er war von der Offenheit des Hauses so überwältigt, das er nur da stand und starrte. “Hast du noch Hunger? Soll ich uns noch etwas zu essen machen?” riss ihn Nina aus den Gedanken. “Ja, gerne. Ich helfe dir dabei”. Die beiden verbrachen einen wunderschönen Abend zusammen. Sie aßen, tranken ein wenig Wein und lachen viel zusammen. Sie verstanden sich wirklich gut und schnell waren die Ereignisse von heute morgen vergessen.

  • “Ich mach dir dann noch die Couch zurecht”. Ein halbe Stunde später lag dann Ben auf der Couch mitten in dem gemütlichen Raum. Wenn er nach oben sah, konnte er durch ein Fenster im Dach die Sterne sehen. Und er konnte Nina hören, wenn sie sich in ihrem Bett von der einen auf die andere Seite drehte. Das war ein schönes Gefühl, dachte er sich. So verbrachten sie einzeln die erste Nacht in Ninas Haus. Ohne zu wissen, welche Ereignisse sie wirklich verbindet. Welcher Schatten über ihrer Beider Vergangenheit liegt.


    Sie ahnten allerdings auch nicht, dass jemand anderes ebenfalls größtem Interesse das Schauspiel verfolgte. Er hatte nach dem kleinen Attentat, das nur zur Ablenkung dienen sollte, in ihrer Wohnung mehrere Wanzen und eine kleine Kamera angebracht. Und so konnte er alle Gespräche verfolgen. ´Besser hätte es ja gar nicht laufen können. Beide an einem Ort. Das passt perfekt´. Bald würde er zuschlagen dachte sich Marco Runge und rieb sich dabei die Hände.



    Zwei Tage vergingen, ohne das neue Erkenntnisse gewonnen werden konnte. Nina arbeitete auf der PAST an dem Fall mit. Doch sie konnten keine weitere Spur finden. Abends machte sie sich mit Ben zusammen jeweils auf den Weg zu ihrem Haus. Sie genoss seine Gesellschaft und Ben war auch froh nicht immer so ganz alleine zu sein. Zwar schlief er auf der Couch, aber er vermisste sein Bett keineswegs. Semir hatte ihn gewarnt, wenn er auch nur daran denken würde mit Nina etwas anzufangen und stieß dabei die schlimmsten Drohungen aus. Doch Ben musste dabei eher schmunzeln und nahm das ganze überhaupt nicht ernst, da Semir auch wusste, dass er viel zu gutmütig ist um das auch wirklich durchzuziehen. So vergingen die Tage schnell, ohne dass sie weitere Erkenntnisse gewinnen konnten. Doch an diesem Morgen passierte es…

  • “Warte doch bitte noch schnell hier Ben. Ich geh noch mal ins Bad, bin aber gleich fertig” sagte Nina und war auch schon im Badezimmer verschwunden. Ben setzte sich derweilen auf die Couch und wartete.
    Nina war fast fertig, doch während sie so vor sich summte hörte sie einen Schlag und ein lautes Poltern aus Richtung des Wohnzimmers. “Ben, alles ok?” hakte Nina durch die geschlossene Tür nach. Sie bekam aber keine Antwort. “Ben?” rief sie noch mal verwundert. Da sie immer noch keine Antwort bekam, ging sie zum Schrank und holte ihre alte Dienstwaffe heraus. Da sie ja einen Waffenschein besaß hatte sie diese damals behalten. Sie fühlte sich dadurch einfach sicherer. Sie nahm sie ganz still in die Hand und öffnete leise die Tür. Kaum hatte sie durch den Türspalt gespäht, sah sie Ben! Ein Mann hatte sich durch die Terrassentür zutritt zu ihrer Wohnung verschafft. Er war nicht maskiert, aber Nina kannte ihn nicht. Ben lag am Boden, der Mann war über ihn gebeugt. Wahrscheinlich hatte er Ben überwältigt. Mit der einen Hand hielt er Ben die eigene Waffe an den Kopf. Sie schien ihm gerade entwendet worden zu sein. Die andere Hand war um Bens Hals gelegt und schien ihm die Luft abzudrücken. Ben war so in dem Griff verankert, dass er sich kaum wehren konnte und zappelnd am Boden lag. Er hatte seine rechte Hand um das Gelenk des Angreifers gelegt um den Griff ein wenig zu lockern, was aber nichts nützte. Seine linke Hand konnte er nicht gebrauchen, da der Mann sie mit seinem Knie am Boden hielt. Nina hatte die Situation sofort erfasst und richtete ihre Waffe auf den Angreifer “Hände weg, oder ich schieße!” Der Satz war zwar nicht sehr originell, aber sie hoffte er würde Wirkung zeigen, denn sie war ja schon sehr aus der Übung. Ganz unbeeindruckt von ihrer Drohung erwiderte der Mann “Hände hoch oder ICH schieße!” Seine Stimme war ganz ruhig, aber man merkte wie viel Kraft darin lag. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen drückte er Bens Waffe noch mehr an seine Schläfe und verstärkte den Griff um seinen Hals nochmals. Ben wurde die Luft langsam knapp.
    Er begann zu keuchen und Nina sah, dass er wahrscheinlich nicht mehr lange durch hielt. Ohne den Blick von dem Angreifer zu wenden senkte sie langsam ihre Waffe, legte sie ganz langsam auf den Boden und erhob sich mit gehobenen Händen wieder. “Lassen sie ihn los” forderte sie nochmals mit fester Stimme auf, obwohl sie ziemlich Panik hatte. Sie war solche Situationen einfach nicht mehr gewohnt und hoffte alles richtig zu machen.
    Sie sah noch einmal auf Ben, der Mühe hatte genug Luft zu bekommten und Nina merkte, dass seine Gegenwehr langsam erstarb und seine Augen sich zu verdrehen begannen. Sie musste schnell handeln. Das Adrenalin schoss durch ihren Körper.

  • Als Runge sah, dass Nina ihre Waffe niedergelegt hatte lockerte er den Griff um Bens Hals ein wenig. Dieser nutzte die Situation sofort aus und trat ihn mit letzter Kraft voller Wucht mit dem Knie in den Rücken, so dass er ein wenig nach vorne fiel, da Runge mit dieser Attacke nicht gerechnet hatte. Nina reagierte und stürzte sich auf ihn. Dabei fiel ihm Bens Waffe aus der Hand und beide lieferten sich einen Nahkampf.
    Ben sog erst einmal so viel Luft ein, dass seine Lungen wieder komplett gefüllt waren. Sterne tanzten vor seinen Augen und er lag noch wie gelähmt am Boden, da er vor lauter Schwärze nichts erkennen konnte.
    Hustend richtete er sich schwankend auf. Nina hatte keine Chance gegen Runge anzukommen, er war einfach zu stark. Mit einem gezielten Schlag schickte er sie auf den Boden, wo sie kurz benommen liegen blieb. Diese Gelegenheit wollte Ben nutzten, um sich ebenfalls auf den Angreifer zu stürzen, doch schon hatte Runge wieder die Waffe auf ihn gerichtet. Ein Rumpeln war an der Haustür zu hören. “Semir!” stieß Nina leise aus. Er wollte heute morgen noch kurz vorbeikommen. Doch Nina traute sich nicht sich vom Boden aufzurichten, da der Angreifer immer noch die Waffe auf Ben richtete. Ihre eigene lag zu weit weg um sie zu erreichen. Runge blickte kurz auf Nina und grinste leicht, was Ben nicht entging. “Wir sehen uns wieder” sagte Runge zu Nina gewannt und stieß Ben ohne Vorahnung die Waffe gegen die Schläfe, so dass er binnen Sekunden in sich zusammensackte. Runge packte ihn noch mal am Kragen und stieß ihn mit voller Wucht gegen die Wand. Ben traf mit der gleichen Stelle hart an der Wand auf und glitt stöhnend langsam daran herunter, bis er bewusstlos am Boden liegen blieb. Runge sah noch einmal voller Hass auf Nina und verschwand dann genauso schnell wie er gekommen war durch die Terrassentür.



    Semir hatte es endlich geschafft die Haustür aufzubrechen und kam direkt ins Wohnzimmer gestürzt. Er hatte den lärm bemerkt und wusste sofort, dass etwas nicht zu stimmen schien. Was er sah gefiel ihm gar nicht. Die Terrassentür stand offen. Nina saß auf dem Boden, hielt sich die Seite, ihre Waffe lag am anderen Ende des Zimmers. Und am Boden an der anderen Wand lag... “Ben!” Er rührte sich nicht. Auf seiner Stirn konnte Semir eine große Platzwunde erkennten, die sich am Rand schon bläulich verfärbte und das austretende Blut, das langsam zu Boden tropfte. An der Wand klebte ebenfalls Blut. Nina trat schnell an Semir heran. “Ein Mann ist hier eingedrungen. Er hat uns bedroht und ist gerade geflüchtet. Ich kümmere mich um Ben. Versuch du ihn dir zu schnappen” keuchte sie. Semir handelte sofort “Ok, den schnapp ich mir. Den Mistkerl krieg ich!” Taten folgend entsicherte er seine Waffe und wandte sich zur Terrassentür um die Verfolgung aufzunehmen. Nicht ohne nochmals auf seinen Partner zu blicken, der immer noch ohne Bewusstsein war. Zu gerne hätte er sich selbst um ihn gekümmert. Aber Semir wusste, das Nina sich gut um ihn sorgen würde. Semir sprintete los.

  • Nachdem Semir das Haus verlassen hatte ging Nina sofort auf Ben zu und kniete sich neben ihn. Seine Augen waren geschlossen und auf seiner Stirn neben dem linken Auge zeichnete sich die Platzwunde ab, aus der ein kleines Rinnsal Blut floss, dass sich seinen Weg über seine Wange zu seinem Hals bahnt. Am Hals hatten sich schon bläuliche Flecken gebildet die rot und lila unterlaufen waren. Eindeutige Würgemahle. Nina fühlte zuerst routiniert seinen Puls und versuchte dann Ben mit leichten Schlägen auf die Wange wach zu bekommen.
    “Ben, Ben, kannst du mich hören … Ben?” Nach unzähligen Versuchen spürte sie, wie er sich langsam bewegte und dann abrupt begann hektisch zu atmen und zu keuchen. Nina versuchte in zu beruhigen “Alles gut, ganz ruhig… Atme langsam… Ganz langsam einatmen… Es ist alles gut” Bens Körper bäumte sich immer wieder ein wenig auf, doch langsam schien er zu begreifen, dass keine Gefahr mehr bestand. Stöhnen öffnete er die Augen einen Spalt und konnte Nina in seinem Blickfeld erkennen, die sich über ihn gebeugt hatte und versuchte ihm beruhigend zuzureden. “Ben, kannste du mich hören? Bleib ganz ruhig”.
    Er konnte die Worte nur wie durch Watte verstehen und als sich vor seinen Augen alles zu drehen begann schloss er sie noch mal für einen kurzen Moment. Er konnte nur stoßweise atmen, denn er spürte immer noch den Druck um seinen Hals, obwohl er schon gewichen war. Sein Kopf dröhnte und Übelkeit kroch in ihm hoch. Doch das rütteln an seiner Schulter ließ nicht nach, so dass er die Augen wieder öffnete. “Ben, du musst wach bleiben, hörst du? Atme ganz ruhig. Wie geht es dir?” “Alles ok” Ben erschrak selbst von seiner Stimme, da sie nicht mehr als ein heiseres Krächzen war. “Habt ihr ihn?” wieder verfing er sich in einem Hustenanfall. “Nein, leider nicht. Aber Semir ist ihm auf den Fersen. Kannst du aufstehen?” Nickend versuchte sich Ben aufzurichten, doch sogleich erfasste ihn wieder der Schwindel, der ihn in die Knie zwang. Nina konnte ihn gerade noch abfangen. “Ganz langsam… Komm hier auf die Couch, ich helfe dir” sagte sie und half Ben das kurze Stück bis zur Couch zurück zu legen während Ben immer wieder leicht zusammensackte.

  • “Wie fühlst du dich?” hackte Nina noch mal nach als er ihn endlich auf die Couch manövriert hatte. Ben war noch so benommen, dass er sogar eine ehrliche Antwort über seinen Gesundheitszustand gab. Denn meist wollte er sich keine Schwäche anmerken lassen und würde die Sache ziemlich herunterspielen. “Mein Schädel brummt wie ´ne Motorsäge. Mir ist schwindlig und total schlecht. Ich bekomm kaum Luft". “Ist verständlich. Leg dich erst mal hin. Ich hol schnell den Verbandskasten, damit wir deine Wunde versorgen können". Ohne Widerworte zuzulassen drückte sie Ben in eine liegende Position wobei sie noch ein weiches Kissen unter seinen Kopf schob. In Windeseile kam sie mit dem Verbandskasten, einer Packung Aspirin und einem Glas Wasser zurück. Ben hatte sich der Situation ergeben und massierte leicht seine schmerzenden Schläfen. So viel Fürsorge war er gar nicht mehr gewohnt und er musste zugeben, das ihm das gefiel. Doch damit war gleich Schluss, als Nina Ben ein feuchtes Tuch auf die Platzwunde hielt, um diese zu säubern. Ben entfuhr ein Stöhnen und er konnte einen kleinen Schmerzenslaut nicht unterdrücken. “Ich dachte Indianer kennen keinen Schmerz” sagte Nina etwas belustigt, doch als Ben seinen Augen vor Schmerz zusammenkniff tat es ihr doch Leid. “Entschuldige. Ich werde sanfter sein” Gesagt, getan. Gefühlvoll säuberte Nina die Wunde und befreite sein Gesicht von dem angetrockneten Blut. Ben sah ihr dabei tief in die Augen. Sie waren so blau und so klar. Er hätte darin versinken können. Als sie mit dem Tuch über seinen Hals fuhr zuckte Ben jedoch abermals zusammen. “Die werden noch eine Weile zu sehen sein” bemerkte sie mitleidig. “Hier, nimm erst mal die Aspirin, dann geht’s dir besser” sagte sie und drückte Ben zwei Tabletten und das Glas Wasser in die Hand. Sie half ihm sich leicht aufzurichten und er schluckte die Tabletten hinunter. “Ich hoffe, Semir hat diesen Mistkerl erwischt” sagte Ben zornig und lies sich wieder ins Kissen sinken. Auf einmal wurde ihm ganz schwummrig und er bemerkte, wie ihm die Augen immer schwerer wurden und langsam zufielen. Er hatte nämlich nicht bemerkt, das Nina ihm eine Schmerz- und Beruhigungstablette untergejubelt hat und Ben nun langsam wegdriftete. “Das hoffe ich auch.". hörte er Nina noch antworten, bevor er endgültig in einen ruhigen Schlaf fiel. Nina beobachtete ihn, während sich sein Brustkorb langsam und gleichmäßig hob und senkte und strich ihm noch mal liebevoll über die Stirn. “Tut mir Leid Ben, aber du hättest dir niemals freiwillig ein wenig Ruhe gegönnt.” Sie legte noch eine Decke über ihn und wartete sehnlichste darauf, dass Semir mit guten Nachrichten zurück kam. Ohne Ben auch nur einen Augenblick aus den Augen zu lassen.

  • Nach einer gefühlten Ewigkeit kam er allein wieder zurück. “Hast du ihn?” frage Nina ganz aufgeregt. “Nein, leider nicht. Er ist mir entwischt” entgegnete Semir ein wenig traurig. Er sah, dass sein Partner auf der Couch lag und zu schlafen schien. “Was ist mit ihm?” Nina und Semir setzten sich auf die andere Seite und Nina erzählte aus ihrer Sicht, was geschehen war. Semir musste ein wenig in sich hinein grinsen als Nina ihm sagte, dass sie Ben die Schlafmittel ohne seinen Willen verabreicht hatte. Da wird er bestimmt nicht glücklich sein, wenn er das hört. Doch Semir behagte es gar nicht, mit welcher Brutalität der Angreifer die beiden bedroht hatte. Voller Mitleid blickte er nochmals auf Ben. Nina entging nicht, das die beiden eine tiefe Freundschaft verband und Semir sich wirklich Sorgen um seinen Partner machte. “Er kann noch hier bleiben und sich ausruhen. Wir kommen dann später zur PAST. Ich sorge dafür, dass er sich schont. Du kannst mir vertrauen” “Ist gut. Ruf an falls was ist. Ich warte dann auf euch. Ich hab die Spurensicherung informiert. Sie müssten gleich da sein und nehmen dann noch Abdrücke. Mal sehen, ob wir etwas rausbekommen". Semir verabschiedete sich und verlies dann das Haus.

  • Nachdem die Spurensicherung alles sichergestellt und untersucht hatte verließen sie geschlossen das Haus. Die Kamera auf dem Regal ganz oben mit dem Mikrofon fiel allerdings keinem auf. Das Haus war nun leer und Nina wieder allein mit Ben. Sie lauschte seinem ruhigen atmen. Er schien immer noch tief und fest zu schlafen. Zwei Stunden waren schon vergangen. Sollte sie sich sorgen machen, das er immer noch schlief? Nina setzte sich neben ihn und strich mit ihren Fingern an seinem Arm entlang. Sie schloss kurz die Augen, vernahm dann aber ein seufzen von Ben. Er schien wohl wach zu werden. Sie wandte sich im zu, als er die Augen öffnete.
    Seine Lieder flatterten und er versuchte sich zu orientieren. “Wie geht es dir?” Nina lächelte ihn an und Ben versank augenblicklich wieder in ihren wunderschönen blauen Augen. “Besser, danke” antwortete er und setzte sich langsam auf. Schwindel erfasste ihn, aber er lies sich nichts anmerken.
    “Du hast ganz schön lang und fest geschlafen” stellte Nina fest. Sie wollte nicht, dass er auch nur auf den Gedanken kam sie hätte ihm etwas gegeben, damit er sich ausruhen kann. “Die Spurensicherung war schon da und hat alles aufgenommen. Semir ist schon mal zur Wache gefahren um weitere Nachforschungen anzustellen. Er wartet dort dann auf uns für unsere Aussagen". Ben nickte nur zustimmend und wollte sich vom Sofa erheben. Doch als er aufstand wurde der Schwindel so heftig, das seine Beine nachgaben und er wieder zurück sank auf die Couch.
    “Wow, langsam” Nina fing ihn ab. Sie sah ihn an und strich ihm über sein Gesicht. Das tat sie ganz schön oft und Ben musste sich eingestehen, dass er es genoss. Seit Saskias Tod war viel Zeit vergangen und er würde sie immer bei sich haben. Doch Nina hatte etwas an sich, was ihn gefangen nahm. Sie hatte etwas in ihm berührt. Am liebsten wäre Ben ewig in dieser Position verharrt, doch er ergriff das Wort “Komm, lass uns zur PAST fahren. Vielleicht hat Semir schon etwas raus finden können, wer der Kerl war und was er wollte".
    “Bist du sicher, dass du das schaffst? Du siehst noch etwas schwach aus". “Ach Quatsch” sagte Ben, obwohl er sich tatsächlich noch etwas benommen fühlte “Wir lösen jetzt diesen Fall. Schließlich wurdest du jetzt innerhalb von zwei Tagen zwei mal angegriffen. Wir müssen diesen Kerl schnappen. Also los!" Ohne Widerworte zuzulassen wandte er sich zur Tür. Wieder kam ihm das Bild in den Sinn, wie der Angreifer `Wir sehen uns wieder´ zu Nina sagte. Er hatte also keinesfalls aufgegeben. Aber noch mehr beschäftigte ihn, das er sie so komisch angegrinst hatte. So, als ob er sie kannte. Aber er verwarf den Gedanken schnell wieder, nicht wissend, das es ihn noch verfolgen würde. Also machten sie sich beide in Ninas Wagen auf den Weg zur PAST.

  • Er hatte alles genau geplant. Und jetzt war ihm doch dieser blöde kleinwüchsige Bulle dazwischen gekommen. Aber er hatte bereits einen Ausweg gefunden. Grinsend drückte er mit der Maus die “OK”-Taste und rieb sich die Hände. Es war alles perfekt inszeniert. Dieser kleine Zwischenfall ließ ihn nicht von seiner Tat abbringen. `Mal sehen, wie sie da wieder raus kommt` dachte er bei sich. Es würde bestimmt Tage dauern, bis die ihm auf die Spur kommen würden. Hier, in dieser alten verlassenen Lagerhalle würde ihn so schnell keiner finden. Und dann ist es sowieso zu spät.


    Wenige Stunden später war die Auswertung der Spurensicherung da. Doch leider konnten keine Anhalte auf die Identität des Täters gemacht werden. Die brauchbaren Fingerabdrücke waren nicht in der Kartei und auch sonst konnten keine DNA-Spuren gefunden werden. Sie standen also wie schon vor ein paar Tagen vor dem nichts. Bis auf die Tatsache, dass jemand wirklich etwas gegen Nina hatte. Semir machte sich mehr und mehr Sorgen um seinen Schützling Nina. Nicht einmal zu zweit hatten sie dem Mann Einhalt gebieten können. Bens Blessuren am Hals waren noch deutlich zu sehen als er zu ihm rüberblickte. Die ganze Sache gefiel ihm ganz und gar nicht.
    “Bitte überleg noch einmal ganz genau” sagte Semir zu Nina gewandt. “Hat er vielleicht doch nicht irgendetwas noch gesagt, was uns weiterhelfen könnte? Hat es vielleicht mit einem deiner früheren Fälle zu tun?” “Nein, nicht das ich wüsste. Alle Angreifer der Personen, die ich beschützt habe sitzen noch im Gefängnis soweit ich weiß”. Semir ging kurz zum Türrahmen. “Susanne, geh doch bitte noch mal Ninas Akte durch und schau nach, ob alle fraglichen Personen noch in Haft sind. Vor allem ihre letzten Fälle. Währst du so nett?” “Na klar, ich mach mich gleich an die Arbeit” entgegnete Susanne.
    Nina blickte sehr deprimiert zu Semir. “Keine Angst, wir werden schon noch eine Spur finden”. Fürsorglich legte er ihr eine Hand auf die Schulter. “Setzt dich doch zu Dieter an den Schreibtisch und ihr geht bitte noch mal die Kartei durch, ja?” “Ja, machen wir” Nina erhob sich und begab sich zu Dieter um sich die Fotos zum gefühlten tausendsten Mal anzusehen.


    Semir befragte Ben noch einmal. “Dir ist auch nichts aufgefallen, was uns weiterhelfen könnte?“ Ben schüttelte den Kopf. “Ich kann mich kaum noch an den Überfall erinnern. Es ging alles so schnell. Die Terrassentür wurde aufgebrochen und ehe ich meine Waffe zog lag ich schon festgenagelt am Boden. Ich bekam keine Luft mehr und war wie benommen.” Symbolisch fasste sich Ben an seinen Hals. “Als ich mich befreit hatte schlug er noch mal mit der Waffe zu und dann ist alles weg”. Nach einer kurzen Pause setzte er noch mal an. “Aber eine Sache war komisch…”

  • Sollte er es Semir wirklich sagen? Vielleicht hatte er es sich nur eingebildet. Schließlich ging ja alles ganz schnell und er konnte nicht behaupten, dass er bei allen Sinnen war. “Nun sag schon…” bohrte Semir nach. Ben atmete noch einmal tief ein. “Kurz bevor er mich niedergeschlagen hat sagte er zu Nina `Wir sehen uns wieder` und dabei hat er so seltsam gegrinst. So als ob er sie kannte. Es machte auf mich den Eindruck, als ob es eine Absprache war. Aber da habe ich mich sicher getäuscht.” “Du meinst, das war geplant?” “Nein, das glaube ich nicht. Wie gesagt, ich war total neben der Spur und hab mir das sicher nur eingebildet” entschärfte Ben. Das konnte unmöglich sein.


    Susanne kam zur selben Zeit wieder ins Büro. Leider hatte sie keine Ergebnisse. “Alle sitzen noch und das für längere Zeit” berichtete Susanne. “Allerdings habe ich in den Akten gesehen, das bei einer Person ein Antrag auf Freilassung wegen guter Führung gerade verhandelt wird. Es kann hier vielleicht bald zu einer Haftentlassung kommen” sagte Susanne sehr ernst. “Und wer ist es?” forderte Semir ganz ungeduldig. Susanne blickte kurz auf Ben, der auch gespannt an seinem Schreibtisch auf die Antwort wartete. “Es ist ... Melanie Mahler!”


    Es war wie ein Schlag ins Gesicht für Ben. Seine Gedanken überschlugen sich regelrecht. Aber sie war doch erst seit einem guten Jahr in Haft? Wie konnte es sein, das sie jetzt schon wieder entlassen werden würde? Und was hatte Nina mit der ganzen Sache zu tun? Bens Magen zog sich krampfhaft zusammen, als er an die Ereignisse zurück dachte, an die er eigentlich nie wieder in seinem Leben denken wollte. An die Schmerzen der Enttäuschung und die Angst, der er durchlitten hatte. Er merkte daher gar nicht, das Susanne bereits das Büro wieder verlassen hatte, denn Semir hatte sie kurz nach draußen geschickt. Semir kam zu ihm herüber und fasste ihn an der Schulter. Er sah, dass in das sehr mitnahm und wollte Ben eigentlich davor bewahren. “Wie…? Was… Was soll das? Ich verstehe nicht…” stammelte Ben vor sich hin. “Ben, ich wollte es dir nicht sagen” setzte Semir an. “Was wolltest du mir nicht sagen? Was hat Nina mit Melanie zu tun?” Ben war völlig verständnislos.

  • “Ich wollte dich nicht an diesen Fall erinnern. Aber nun hilft es nichts. Ich befürchte, die Sache rollt sich wieder auf”. Semir setzte sich auf die Schreibtischkante und begann Ben zu erzählen.



    Nina war damals die Leibwächterin von Melanie Mahler im Rahmen des Zeugenschutzes, als diese vor Wolf Mahler beschützt werden sollte. Sie wurde über das LKA hinzugezogen, da sie den Ruf hatte die Beste zu sein. Und sie nahm ihren Job sehr ernst. Doch wie auch Ben gegen Ende des Falles erfahren hatte, hatte sich Melanie mehrmals entzogen um ihre krummen Geschäfte zu machen. So hatte Melanie auch Nina verraten. Sie wollte sie eigentlich schützen und wurde so von Melanie ausgenutzt. Bei der Gerichtsverhandlung hat Nina Melanie dann ans Messer geliefert. Sie hat durch ihre Aussage eine höhere Haftstrafe erzielt. Man konnte Ben so kurz nach den Ereignissen nicht zumuten bei der Gerichtsverhandlung anwesend zu sein. Deshalb wurde seine Aussage nur schriftlich vorgelesen. Aber Semir war dabei. Nina war vollkommen aufgelöst und hat kurz danach ihren Dienst quittiert. Er konnte sie auch verstehen. Nina hatte immer so viel Herzblut in ihre Arbeit gesteckt und war immer so voller Elan. Sie glaubte immer an das gute im Menschen. Aber Melanie hatte sie vollkommen verraten. Und das war wie ein Stich für sie.



    “Du wusstest, dass Nina in den Fall Mahler damals involviert war. Warum hast du mir nichts gesagt?” fragte Ben ungläubig. “Ich denke das ist eine Sache, die ihr zwischen euch regeln solltet. Ich wollte nicht unnötig Erinnerungen in dir wach rufen”. Ben nickte nur. Er konnte Semir verstehen. Selbst jetzt, ein Jahr später, hatte er immer noch mit den Tränen zu kämpfen, wenn er an den Fall dachte. “Ich lass dich dann mal noch ein wenig allein” sagte Semir, denn er sah das die Situation sehr an seinem Partner nagte. “Ich bin noch bei Susanne vor der Tür falls du mich brauchst…”

  • Nina sah kurz von ihrem Platz an Dieters Schreibtisch auf als Semir das Büro der beiden Kommissare verließ und die Tür hinter sich schloss. Semir sah ihr kurz in die Augen und machte mit der Hand eine beschwichtigende Geste. Susanne war natürlich vorher kurz zu Nina gekommen und sagte ihr, was sie gleich Semir und natürlich auch Ben eröffnen musste. Nina konnte sich deshalb denken, was Semir mit Ben bestimmt gerade besprochen hatte. Und sie konnte sich denken, dass Ben jetzt Bescheid wusste.
    Darüber warum sie nicht mehr im aktiven Dienst war. Warum sie so zurückgezogen lebte. Warum sie nicht mehr vertrauen in ihrem Beruf fassen konnte. Doch auch Nina wusste Bescheid. Sie hatte natürlich nach den Verhandlungen die Akten über den Fall noch mal gelesen. Sie kannte zwar damals Semirs Partner noch nicht. Doch laut seiner Aussage muss es für Ben die Hölle gewesen sein. Eingesperrt in diesem Sarg. Sie konnte seinen Schmerz fühlen wenn sie nur daran dachte.
    Und als sie Ben vor wenigen Tagen das erste mal sah, konnte sie gar nicht glauben das er es war. Er hatte sie angelächelt. `Wie konnte jemand nach so dermaßen dramatischen Ereignissen wieder so den Lebensmut gewinnen´ fragte sie sich. Und da sie ihn jetzt schon etwas kannte war sie so sehr erstaunt über seine Persönlichkeit. Über seinen Willen und seine Stärke. Nina musste sich eingestehen, dass sie sich sehr zu ihm hingezogen fühlte. Sie beide hatten viel verloren, von ihrer Persönlichkeit und ihrem Vertrauen. Vielleicht konnten sie es in dem jeweils anderen wieder finden?

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