Unlösbar ???

  • So meine Lieben,
    ich melde mich mit meiner neunten Story pünktlich eine Stunde vor Staffelbegin aus der Sommerpause zurück. Ich freu mich schon sehr auf eure Feeds ;)
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    Ein ganz gewöhnlicher Tag an einem der vielen Autobahnrastplätze in dem Revier von Ben Jäger und Semir Gerkhan. Beide saßen in ihrem Wagen und hielten ihre verdiente Mittagspause. „Hey, pass mit der Soße auf. Ich will die nicht auf den Sitzen haben.“, zischte Semir, als Ben in sein mit Soße überladenes Hähnchensandwich biss und die Soße zur Seite herausquoll. „Hoppla.“, kam es von Ben, als ein kleiner Klecks Ketchup auf den Sitz fiel. Sofort war Semirs Aufmerksamkeit da. „Toll, das mach ich aber nicht sauber.“, fauchte er und nahm sofort eine Serviette, wollte den Fleck, der sich zwischen Bens Beinen befand entfernen, als ihm sein Kollege am Arm griff. „Semir... das mache ich selbst, wenn du gestattest.“, meinte Ben vielsagend lächelnd. Dann nahm er selbst eine Serviette und wischte den Fleck schnell weg, bevor sein Partner doch noch auf die Idee kommen sollte, es selbst zu tun.
    „So, nun ist dein Spielzeug wieder sauber.“, meinte Ben mit bissigem Unterton. „Na vielen Dank. Es war sauber. Wir hätten doch draußen essen sollen.“, erwiderte Semir und sah nach draußen. Es schüttete aus Kannen und das schon seit heute morgen. „Ja, du kannst gerne raus gehen und draußen essen. Wenn du eine Dusche brauchst, geh.“, meinte Ben nur und wollte Semir schon die Tür öffnen. „Zentrale an alle Einheiten.“, drang es dann aus dem Funkgerät. „Verfolgen grünen Mazda mit überhöhter Geschwindigkeit... bei Kontrolle durchgebrochen... vermuten Drogen im Wagen... erbitten dringend Unterstützung.“, riefen die Kollegen um Hilfe.
    „Immer, wenn wir gerade essen.“, maulte Ben und warf sein Sandwich in die Packung zurück. Semir lachte nur kurz auf und startete den Wagen. „Cobra 11 an Zentrale... unterstützen die Kollegen. Erbitten Angabe über Standort des gesuchten Fahrzeugs.“, bat Ben durch das Funkgerät. „Standort des Fahrzeugs ... A46 Höhe Ausfahrt Stüttgen.“, schnarrte es durch den Funk zurück. Beide Kommissare sahen sich an. „Das ist doch gleich hier in der Nähe.“, meinte Semir und schon schoss der grüne Mazda an ihnen vorbei. „Auf zur Jagd... Yeehaaa.“, schrie Ben aus und Semir trat das Gaspedal durch.


    George trat das Gaspedal durch. „Scheiße verflucht.“, stieß er aus und lenkte den Wagen geschickt, aber hastig durch den Verkehr. Hinter ihm tauchten immer mehr Streifenwagen auf und plötzlich schoss neben ihm ein silberner BMW aus der Raststattausfahrt und klebte sich direkt neben ihn. „Was willst du denn?“, fragte er den grinsenden Fahrer und zog sein Steuer rüber, rammte das Gefährt und wollte so an Abstand gewinnen.
    „Wow, was soll das denn?“, stieß Semir aus, als der Wagen ihn rammen wollte. Schnell trat er auf die Bremse und ließ sich zurückfallen, um keinen Schaden zu nehmen. Ben riss kurz die Augen auf. „Verdammt, was soll denn das?“, fragte der junge Hauptkommissar und hielt sich am Türgriff fest. „Los, schnapp ihn dir.“, zischte Ben und sah nach vorn. Der BMW beschleunigte, ebenso wie der Mazda und sauste davon. „Mensch Semir, der fährt uns davon.“, meinte Ben und sah seinen Partner mit einem frechen Grinsen an. „Warte nur, den krieg ich schon.“, fauchte Semir und trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Wieder machte der BMW einen Satz nach vorne und holte auf. Der Mazda kam nun wieder immer näher an Semir und Ben heran.
    Hastig sah George in den Rückspiegel. Der BMW holte wieder auf. „Verdammt.“, stieß er aus. „Und das alles nur wegen ein bisschen Stoff.“, zischte er und sah dann, dass in fünfhundert Metern eine Baustelle kam. „Verdammt, verdammt, verdammt.“, schrie er und schlug auf sein Lenkrad. Er wollte die Geschwindigkeit verringern, trat dazu auf die Bremse, doch sein Wagen wurde nicht langsamer. „Scheiße, was ist das denn?“, kam es von George, der verzweifelt versuchte, seinen Wagen abzubremsen. „Scheiße.“, schrie er aus, als er aus der nächsten Kurve flog, sich nach vorne überschlug und auf der Seite liegen blieb. Durch die Wucht des Aufpralls wurde der Fahrer aus der Scheibe geschleudert und blieb regungslos auf der Wiese liegen. „Was macht der denn da? Sieht der nicht die Kurve?“, fragte Ben laut und sah Semir an. Dieser beschleunigte wieder, doch es war zu spät. Sie sahen nur noch, wie der Mazda die Bauabsperrung an der Leitplanke durchbrach, den Abhang hinunterraste, sich mehrmals überschlug und schließlich auf der Seite zum Erliegen kam. „Verfluchte Scheiße.“, kam es von Ben, der sofort mit dem Feuerlöscher aus dem Wagen sprang, sich den Abhang hinuntergleiten ließ und das brennende Wrack zu löschen begann. „Cobra 11 an Zentrale... Zielobjekt ist verunglückt... schickt Feuerwehr und RTW.“, bat Semir durch das Funkgerät und hastete Ben dann nach.


    George lag auf dem Rasen und fühlte sich wie überrollt. Nur verschwommen nahm er seine Umgebung wahr. Er fühlte, wie etwas warmes und klebriges über sein Gesicht lief, ihm ins Auge. Es brannte so sehr, als wenn ihm jemand eine heiße Zigarre in die Augen drückte. „Hallo? Können sie mich hören?“, fragte plötzlich eine Stimme und drehte ihn auf den Rücken. Verschwommen nahm er die Umrisse einer kleinen Person wahr. Er wollte sprechen, öffnete den Mund, doch etwas bereitete ihm Schmerzen. „Bleiben sie ganz ruhig. Nicht sprechen... der Notarzt kommt gleich.“, rief ihm die Stimme und tätschelte auf die Wange. „Bleib wach, Junge.“, hörte er wie durch einen Schleier.
    „Verdammt Ben, der Junge stirbt uns weg.“, schrie Semir, als er den Fahrer vor sich in den Armen hielt. Ben sah den blutüberströmten Körper des Jungen an. Seine Augen hatten ihn erfasst und flehten um Hilfe. „Lass mich nicht sterben.“, schrieen sie. Ben musste wegsehen, konnte seine Augen zu den nahenden Sirenen abwenden, die in diesem Moment am Unfallort eintrafen. Schnell waren die ersten Sanitäter und der Notarzt bei Semir und nahmen ihm den Jungen ab. „Man, sieht ziemlich übel aus.“, hörten beide Polizisten den Notarzt sagen. „Wir müssen ihn mit einem Heli ins Krankenhaus bringen, sonst stirbt er.“ Sofort griff einer der Sanitäter zum Funk und verständigte einen Rettungshubschrauber. Ben stand immer noch da und sah nur auf die kleine, am Boden kauernde Gruppe Mediziner, die um das Leben des Jungen kämpfte. Er war jetzt zwar schon einige Monate ... ach was, es muss schon knapp ein Jahr sein, dass er bei der Autobahnpolizei war, doch so etwas war selbst für ihn noch fremd. Seine ganze Gefühlswelt in ihm spielte verrückt. „Komm, lass uns an unsere Arbeit gehen.“, riss sein Freund Semir ihn aus den Gedanken und Ben nickte nur.


    ...

  • Beide gingen zum Wagen, dessen Heck zum Glück nicht von dem Feuer erreicht worden war und sie so gut einen Blick in den deformierten Kofferraum werfen konnten, nachdem sie die Feuerwehr um professionelle Hilfe beim Aufstemmen baten. „Sehen wir mal, warum es der Junge so eilig hatte.“, murmelte Semir vor sich her und zog sich einige weiße Handschuhe über. Dem geschulten, lang erfahrenen Blick des Hauptkommissars entging auch nichts und so war der Grund für die Raserei schnell gefunden.
    „Ben, sieh mal her. Wofür würdest du das halten?“, fragte er seinen jungen Kollegen und reichte ihm einige kleine Päckchen mit weißem Pulver. „Nach Backpulver sieht es jedenfalls nicht aus und ich glaube kaum, dass man neuerdings Mehl in solch großen Plastiksäcken transportiert... Was für ein Kuchen soll das denn werden?“, fragte Ben mit seiner ganz legeren Art, die Semir zum kurzen Auflachen veranlasste. „Tja... Hochzeitstorte vielleicht. Aber von der wird man schön benebelt sein.“, erwiderte Semir und dann fiel ihm ein schwarzer Kasten weiter hinten im Kofferraum ins Auge. Er schien den Unfall unbeschadet überstanden zu haben. Vorsichtig beugte sich der Deutschtürke in den Raum hinein und zog den Kasten hervor. „Und was haben wir hier?“, wollte er dann wissen und öffnete das Ding einfach. Er staunte nicht schlecht, als er den Inhalt vor sich sah.
    „Eine Klarinette?“, kam es verwirrt und überrascht von Semir. Ben sah seinem Kollegen über die Schulter. „Wow, und dann auch noch so ein schönes Stück.“, meinte er nur und nahm Semir das Instrument aus der Hand. „Sag bloß, du kennst dich damit aus?“, stichelte Semir. „Hey, du vergisst, dass ich eine Band habe.“, erwiderte Ben und streckte sich vor Stolz empor. „Wie schön.“, kam es nur von Semir und packte das Ding wieder in den Koffer zurück. „Der Wagen kommt zu Hartmut in die KTU. Soll der sich mal darum kümmern. Ach, und das auch.“, wies Semir einen Beamten an und reichte ihm die Päckchen mit den Drogen. Dieser nickte und verlud es in seinem Streifenwagen.


    „Wer ist der Junge eigentlich?“, fragte Ben und sah, wie der Hubschrauber mit dem Verunglückten anfing, abzuheben und sich auf dem Weg ins Krankenhaus zu machen. Der Arzt, der gerade an ihm vorbeiging, reichte ihm den Ausweis, den er bei dem Verunglückten gefunden hatte. Ben dankte und sah sich das Dokument an, schluckte und stutzte kurz. „Semir... sieh dir mal den Namen an.“, meinte Ben und reichte seinem Kollegen den Personalausweis rüber.
    Auch Semir warf einen Blick auf den Ausweis und stutzte ebenso wie Ben es schon getan hatte. „George Krüger... Ob der was mit unserer Krüger zu tun hat?“, fragte er gleich ohne zu zögern. „Ehrlich gesagt, will ich es nicht hoffen, aber denkbar ist ja immer alles.“, erwiderte Ben und sah sich um. Hier konnten sie nichts mehr tun. Jetzt war erstmal die Arbeit der Spurensicherer dran. Sie würden jetzt erstmal ins Büro fahren und alles über das Unfallopfer herausfinden.


    Kim traf derweil die letzten Vorbereitungen für ihren bevorstehenden Arbeitstag. Da sie heute etwas später ins Büro musste, konnte sie etwas länger schlafen. So genoss sie ein ausgiebiges Frühstück und einen schwarzen, intensiven Kaffee, der ihr genug Energie für den bevorstehenden Tag mit den beiden Chaoten vom Dienst, Ben und Semir, geben sollte. Doch noch wusste sie nicht, dass der Tag nichts gutes mit sich bringen sollte. Daran war jedoch noch nicht zu denken. Eine ausgiebige Dusche... das tat gut... und dann ab zur Arbeit. Ihre Schlüssel und Tasche schon in der Hand haltend und einen Fuß aus der Tür gesetzt, klingelte ihr Telefon. „Auch das noch.“, stöhnte sie auf. „Krüger.“, meldete sich Kim und stand mit genervter Miene an ihrem Tischchen, wo das Telefon stand. Eigentlich war sie auf den Sprung, musste zur Arbeit und wollte zügig losfahren. „Wenn das jetzt so ein Vertreter oder so eine Umfrage ist...“, dachte sie laut ausatmend.
    „Kim... hier ist Marcus.“, hörte sie die Stimme ihres Bruders. Sie klang bedrückt und hatte das freundliche Lachen verloren, was Kim so sehr an ihren Bruder schätzte. „Marcus? Wie geht es dir?“, fragte Kim, verwundert über den Anruf ihres Bruders. „Kim... ich brauche deine Hilfe. Kannst du bei uns vorbeikommen?“, kam es von Marcus mit besorgter Stimme. „Marcus... ich muss eigentlich gleich zur Arbeit. Können wir das nicht heute Abend besprechen?“, fragte Kim. „Es wäre mir lieb, wenn wir es jetzt klären könnten.“, bat sie ihr Bruder. „Gut, ich komme.“, verabschiedete sich die Kriminaloberrätin. Was wohl ihr Bruder mit ihr besprechen wollte? Es musste ja sehr dringend sein, wenn er sich dafür bei seiner Schwester meldet. Schon lange hatten die Beiden keinen richtigen Kontakt mehr zueinander. Doch trotzt allen Zwistes, war er doch ihr Bruder. Sie sagte nur schnell im Büro bescheid und fuhr dann nach Duisburg.


    ...

  • Semir und Ben saßen an ihrem PC und durchforsteten die Datenbank nach dem Namen des Unfallopfers. „Ben... ich glaube ich hab hier was.“, meinte Semir und sah seinen Kollegen an, als ihm dieser einen Pott Kaffee vor die Nase stellte. „Das wird dir nicht gefallen.“, fügte er hinzu.
    „George Krüger... geboren am 09. August 1977 in Aachen.“, las Semir vor und drehte dann den Bildschirm zu Ben hin. „Das sagt aber noch nicht, ob er nun mit der Chefin verwandt ist.“ Ben sah auf den Bildschirm und betrachtete das Bild, dass den Akten beigefügt war. „Dann fragen wir sie doch einfach mal.“, meinte Ben und zuckte kurz mit den Schultern. Semir sah ihn zweifelnd an. „Okay, damit ich das jetzt richtig verstehe... Du willst in ihr Büro gehen und fragen: Hallo Frau Krüger, wir haben heute morgen einen Fahrer einen Abhang hinunter gejagt. Ist der zufällig mit ihnen verwand.“, kam es spottend von Semir. „Okay, ich würde es natürlich zartfühlender machen und nicht so wie du, mit dem Holzhammer.“, erwiderte Ben. „Ich glaube, sie ist noch gar nicht da.“, meinte Semir, nachdem er Ben die Zunge entgegengestreckt hatte, stand auf und ging mit seinem Kollegen zu der Bürotür der Chefin. Die Jalousien waren noch nach unten gerollt und auch die Tür schien noch verschlossen zu sein. „Chefin?“, rief Semir und klopfte kurz. „Sie ist noch nicht da.“, meinte Susanne, die hinter den Kommissaren mit einer Akte auftauchte. „Die Chefin kommt scheinbar etwas später.“ „Wie? Warum kommt sie später? Uns triezt sie immer, dass wir pünktlich sein sollen und sie mach einen Bummel durch die Stadt.“, kam es stichelnd von Ben. „Ich glaube kaum, dass sie einen Stadtbummel macht. Sie klang sehr besorgt am Telefon.“, erwiderte Susanne und reichte den Kommissaren die Akte über das Unfallopfer. „Man, das ist ja ein dicker Fisch.“, dachte Semir laut, als er den dicken Ordner in die Hand gedrückt bekam. Beide gingen wieder in ihr Büro und nahmen sich den Auszug aus der Strafdatei vor.
    „Der Junge hat ganz schön was auf dem Kerbholz.“, meinte Ben nur. „Hier... mit 15 Jahren vorbestraft wegen wiederholtem Diebstahl... mit 18 das erste Auto geknackt... beide Male ist er eingewandert.“ „Aber scheinbar blieb es danach ruhig. In der Akte steht, dass er seit seiner Entlassung keinerlei Straftaten mehr begangen hat.“, meinte Semir. Ben schmiss die Akte vor sich her. „Aber was sollen dann die Drogen in seinem Kofferraum? Ich meine, wenn er so clean war, wieso nimmt er dann so ein Risiko auf sich und versteckt sie dann noch da, wo als erstes danach gesucht wird.“, meinte Ben nur kopfschüttelnd. Semir zuckte mit den Schultern. „Tja, dazu müssten wir mit ihm sprechen können.“, entgegnete Semir. Ben nickte nur. „Ich hoffe es sehr.“, kam es still von Ben, der dann still auf seinen Bildschirm sah.


    Kim kam indessen in Duisburg an und hielt vor der Wohnung ihres Bruders an und klingelte. Nach einer Weile ertönte der Summer und die Oberrätin der Autobahnpolizei hatte Zugang zu dem Haus und kletterte die vier Treppen hinauf. Ihr Bruder, hochgewachsen, Waschbrettbauch, Vollbart und schwarz gelockte Haare, stand schon in der Tür. „Hallo Schwesterherz.“, begrüßte Marcus Kim und gab ihr einen Kuss auf die rechte und dann auf die linke Wange. „Hallo Marcus.“, meinte sie nur und sah ihn abwartend an. „Bitte komm rein.“, bat er und schloss hinter ihr die Tür.
    „Marcus, bitte mach es kurz. Ich muss dringend zur Arbeit.“, kam Kim ihren Bruder zuvor, doch dieser ließ sich dadurch nicht abschrecken. „Kim, es geht um George.“, meinte er nur und bot ihr einen Platz im Sessel an. „Was ist mit ihm? Ist er wieder in Schwierigkeiten?“, fragte sie gleich und direkt. Sie wusste um die Sorge ihres Bruders um seinen Sohn. Marcus war in seiner Erziehung viel zu nachlässig, ließ George einiges durchgehen und es an Strenge mangeln. Ganz anders war da Kim. Zwar liebte sie ihren Neffen, doch scheute sie sich nicht davor, auch mal ihm die harte Seite des Lebens mitten ins Gesicht zu schreiben. „Kim, ich habe ein ungutes Gefühl, dass George wieder auf die schiefe Bahn geraten ist.“, fing er an zu erzählen. Sie setzte sich zu ihm auf die Couch. „Warum glaubst du das?“, fragte sie und sah ihren Bruder von der Seite aus an. „Sarah hat letztens seine Wäsche gewaschen und das hier in seiner Hose gefunden.“, meinte er und zog dabei ein kleines Tütchen mit weißem Pulver hervor. Kim nahm es in die Hand, öffnete es und hielt ihre Nase prüfend in die Tüte. „Und das war in seiner Hosentasche? Und deshalb schließt du jetzt, dass George mit diesem Zeug handelt?“, kamen die Fragen aus ihr herausgesprudelt.
    „Kim, ich weiß nicht, was ich denken soll, aber bitte, bitte hilf mir... nein, hilf George. Hilf deinem Neffen, nicht um meinetwillen, sondern um seinetwillen.“, flehte Kims Bruder regelrecht. Sie ließ ihren Kopf sinken und lächelte dann kurz. „Gut, ich werde mit ihm reden. Wo kann ich ihn erreichen?“, wollte sie dann wissen. „Er ist mit der Band unterwegs. Sollte heute Abend in Köln auftreten.“, meinte er. „Okay, ich fahre heute zu ihm.“, entgegnete Kim und fuhr zur PASt.


    ...

  • Semir und Ben sahen auf, als Kim ins Büro kam. „Sollen wir gleich zu ihr?“, fragte Ben nach und machte eine Handbewegung in Richtung Kim. „Wenn es wirklich ein Verwandter von ihr ist, sollte sie es wissen, oder?“, entgegnete Semir und sein junger Kollege nickte nur zustimmend.
    Beide gingen mit schweren Schritten auf das Büro ihrer Chefin zu, klopften und traten, nachdem Kim sie hereingebeten hatte, ein. „Chefin, haben sie kurz Zeit für uns? Wir müssten was mit ihnen besprechen.“, meinte Semir, als die beiden Kommissare in das Büro traten und sich vor Kim aufbauten. „Meine Herren... Bitte, ich habe zu arbeiten.“, kam es kühl von Kim. „Es ist aber sehr dringend.“, kam es von Ben dann. „Was gibt es denn so dringendes? Haben sie wieder ihren Dienstwagen zu Schrott gefahren und müssen es nun beichten?“, meinte Kim, doch an den sich nicht verändernden Gesichtern ihrer Mitarbeiter konnte sie erkennen, dass die Ermittler nicht zum Spaßen zumute.
    „Frau Krüger, wir hatten heute morgen eine Verfolgungsjagd mit einem jungen Mann.“, fing Semir an. „Äh... unser Dienstwagen ist natürlich heil geblieben.“, warf Ben gleich ein, um etwaige Irrtümer seitens Kim von Anfang an auszuräumen. „Ist das so? Das hoffe ich sehr für sie.“, meinte Kim in ihrer kühlen, zurückhaltenden und ernsten Art. „Der Verdächtige schien vor den Kollegen geflüchtet zu sein und wollte uns auch entkommen. Er ist dann mit seinem Wagen von der Straße abgekommen und überschlug sich. Es steht schlecht um ihn.“, endete Semirs Vortrag. „Und? Haben sie den Namen des Flüchtigen und den Grund warum er vor den Kollegen geflohen ist?“, wollte Kim dann wissen und ahnte noch nicht, was sie gleich hören sollte.
    „Frau Krüger... Kennen sie einen George Krüger?“, fragte Semir und sah dann, wie Kim ihn erschrocken ansah. „Ist das der Name des Unfallfahrers?“, wollte sie schlagartig wissen. Ben sah zu Semir und Semir sah zu ihm. Ihnen war nun das klar, was sie geahnt hatten. „Er liegt im Krankenhaus.“, meinte Ben mit schwerer Stimme. „Oh Gott... ich muss sofort zu ihm.”, meinte Kim entsetzt und griff sich ihre Tasche und die Schlüssel. „Wir werden sie rüber fahren.“, bot Semir an und Kim nickte dankend. Zu dritt verließen sie das Büro, die PASt und fuhren zum Marienhospital.


    Die Ärzte waren gerade mit der stundenlangen OP fertig geworden und kamen aus dem abgesicherten Bereich heraus, als Kim wie von Furien gehetzt durch die Gänge schnellte und sich nach ihrem Neffen durchfragte. „Wow, wohin junge Frau?“, wollte der Oberarzt wissen und hielt sie am Arm fest, als sie an ihm vorbei wollte. „Ich... mein Neffe... er ist heute früh eingeliefert worden.“, stammelte sie mit völlig blank liegenden Nerven und fuhr sich durch ihre langen, braunen Haare. „Ganz ruhig. Ich bin Dr. Ehrlicher... ich habe ihren Neffen gerade operiert.“, meinte er und zog Kim sanft aus dem Türbereich, wo gerade das Bett mit George vorbeigeschoben wurde. „Großer Gott... wie geht es ihm?“, fragte Kim völlig verzweifelt. „Bitte... wir haben alles mögliche getan.“, meinte Dr. Ehrlicher und setzte sich neben sie. „Was ist mit ihm?“, wollte sie dann wissen.
    „Ich will ehrlich zu ihn sein... Er hat durch die Wucht des Herausschleuderns aus der Windschutzscheibe irreparable Schäden davongetragen. Sein linker Arm ist komplett gebrochen, das rechte Bein verstaucht... drei bis vier Rippen sind durch und die Wirbelsäule hat auch etwas abbekommen.“ „Wird er... wird er wieder gesund?“, fragte Kim mit schwerer Stimme. Ben und Semir standen in einiger Entfernung und sahen das erste Mal, dass ihre Chefin, ihre sonst so harte und uneinschätzbare Oberrätin, mit den Nerven völlig am Ende war. Der Arzt machte ihr keine großen Hoffnungen. „Die Verletzungen am Kopf machen uns mehr Sorgen. Wenn er die nächsten Tage übersteht, wird er es schaffen. Wir mussten ihn allerdings in ein künstliches Koma legen, so sind die Heilungschancen besser.“, erklärte der Arzt und ließ Kim nun alleine.
    Ben und Semir sahen, wie sie alleine auf der Bank saß und ihr Gesicht in ihre Hände vergrub. „Sollen wir zu ihr gehen?“, fragte Ben. „Alleine lassen, will ich sie in dieser Situation jetzt nicht.“, meinte Semir und ging vorsichtig auf Kim Krüger zu. „Chefin?“, fragte er vorsichtig und fasste ihr vorsichtig auf die Schulter. Kim sah ihn mit verweinten Augen an. Scheinbar hatte sie still, heimlich, nur für sich geweint. „Semir, ich will alles wissen. Warum haben sie George gejagt?“, fragte sie und ihre Stimme hatte etwas vorwurfsvolles in sich. „Frau Krüger, wir haben mehrere Päckchen Kokain bei ihrem Neffen gefunden. Hartmut untersucht gerade den Wagen und die Päckchen.“, erwiderte Semir. „Haben sie ihn bedrängt... ist er deswegen den Hang hinunter?“, kam die nächste Frag von Kim. Der Deutschtürke sah sie an. „Bitte Frau Krüger... wir haben nichts dergleichen unternommen. Der Wagen fuhr auf die Kurve zu und lenkte nicht. Ich habe ihn bereits zu Hartmut geschickt, um ihn untersuchen zu lassen.“, verteidigte sich Semir.
    In diesem Moment klingelte Bens Telefon. „Ben Jäger hier... Ah Hartmut.“, nahm Ben das Gespräch an. „Aha... Hm... Okay, wir sind gleich bei dir.“, meinte er nur schnell und hatte ein ernstes Gesicht aufgesetzt, als er die Nachricht des Kriminaltechnikers gehört hatte. Er gesellte sich danach zu Kim und Semir, die ihn abwartend ansahen. „Hartmut hat was am Wagen gefunden. Scheinbar ist die Lenkung so manipuliert worden, dass der Wagen aus der Kurve fliegen musste.“, erklärte er und sah, wie sich Kims Gesicht abermals veränderte. „Ein Mordanschlag? Aber warum?“, fragte sie sich laut denkend, wandte sich aber gleich an die beiden Kommissare. „Ben... Semir, ich möchte sie bitten, diesen Fall zu übernehmen.“, wies sie die Beiden mit Nachdruck an. Beide Kommissare sahen sich einstimmig an. Auch wenn sie nicht viel Sympathie für Kim Krüger übrig hatten, so war sie doch ihre Chefin, die jetzt die Hilfe ihrer beiden besten Leute brauchte. „Chefin...“, fing Semir an. „Semir, ich gebe ihnen beiden volle Handlungsfreiheit... innerhalb der Gesetze und meiner Kompetenzen. Ich werde ihnen sogar den Rücken freihalten, nur finden sie den, der für das hier verantwortlich ist.“, flehte sie regelrecht. „Okay, wir werden ihnen helfen.“, meinte Semir dann schließlich. Ben nickte zustimmend. „Klar Chefin, auf uns können sie sich verlassen.“, meinte der junge Hauptkommissar. Kim nickte dankend.
    „Gut, dann müssen wir alles über ihren Neffen wissen, wenn wir ihm helfen sollen.“, fing Semir an und ließ sich neben Kim auf die Bank nieder. Sie erzählte, was sie von ihrem Neffen wusste. „Er und seine Eltern verstanden sich nie gut. Ich war immer die Ersatzfamilie für ihn. Dementsprechend habe ich auch seine schlimme Phase seines Drogenkonsums miterlebt und ihn so gut es ging wieder auf den richtigen Weg zu lenken versucht.“, erzählte Kim. „Er hat ein großes Vorstrafenregister... was hat ihn so aus der Bahn geworfen?“, wollte Ben wissen. Kim atmete schwer aus. „Ehrlich gesagt... das war der Wendepunkt seines Lebens. George hing mit den falschen Leuten ab... schwänzte die Schule und war in einer trotzigen Phase.“, erwiderte sie und sah zu den beiden Kommissaren auf. „Und was hat ihn dann wieder aus diesem Sumpf rausgebracht?“, wollte Semir wissen und sah in Kims Augen. „Die Musik... Er hat vor einigen Jahren einen Jazzinterpreten kennen gelernt, dessen Musik hat ihn sofort in seinen Bann gezogen. Unbedingt wollte George in dieser Band mitspielen und der Mann wusste, wie man George packen konnte... er stellte ihn vor die Wahl: entweder Drogen und Knast oder die Musik.“, erklärte Kim und sah immer wieder zwischen den Kommissaren und den im Bett liegenden und an die Geräte gefesselten George hin und her. „Dann sollten wir doch in dieser Band mal anfangen.“, meinte Ben und Semir stimmte nur zu „Aber erst geht’s zu Hartmut in die KTU“, bestimmte der Deutschtürke. Die Ermittler ließen sich draußen von Susanne die Adresse raussuchen und fuhren dann los.


    ...

  • „Gut, sind alle da?“, wollte Jo, der Bandleader des Jazz-Ensembles wissen. „George fehlt.“, meinte Max und hielt seine Posaune fest. „Tja, aber wir haben heute Abend einen Auftritt und müssen anfangen. Also los ... und wehe einer von euch Pappnasen schläft mir wieder ein.“, mahnte Jo und hob beide Hände, die zwanzig Musiker hoben ihre Instrumente, der Mann am Klavier hielt seine Finger über die Tasten und wartete darauf, endlich loslegen zu dürfen. Jo sah seinen Musikern tief in die Augen, die Hände immer noch über seinen Kopf erhoben. Dann sausten die Finger durch die Luft und schon begann die ganze Gruppe mit einem rhythmischen Beat und ließ die Fabrikhalle, in der sie übten, von den vielen Tönen und Bässen erzittern. Die Töne von „In the Mood“ drangen bis auf die Straße und ließen die so grimmigen Fußgänger, die durch den Regen liefen, ein Lächeln und ein rhythmisches Kopfwippen entweichen. Die Musiker, alle zwischen 18 und 32 Jahre alt, spielten ihre Instrumente mit wahrer Inbrunst und ließen sie erglühen. Dann strichen die Arme von Jo schlagartig durch die Luft. Die Instrumente verstummten und die jungen Menschen ließen sich schweißgebadet auf die Stühle zurücksinken.
    „Das war schon gar nicht schlecht.“, meinte Jo und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Aber das muss noch besser werden. Los, probieren wir mal ‚My Way’“, forderte er und hob wieder seine Hände in die Luft. Wieder erhoben sich die Instrumente und wieder begannen die Musiker zu spielen. „Ja gut.“, rief Jo aus und schwenkte weiter mit den Armen durch die Luft. Nach einer Weile strich er wieder mit beiden Händen durch die Luft und wieder ließen die jungen Leute ihre Instrumente noch erschöpfter sinken. „Gut... das lief sich sehr gut. Zehn Minuten Pause.“, meinte er, nahm sein Handtuch und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn und von den Armen.


    Hartmut saß in der KTU und begutachtete die auseinandergenommene Lenkung. „Puh, das war ein ganzes Stück Arbeit.“, meinte er und nahm einen kräftigen Schluck Kaffee aus seiner Tasse. „Man man man.“, dachte er nur. „Hartmut!“, hörte er schon die verlangende Stimme von Semir in der Eingangshalle der Werkstatt. „Oh man.“, murmelte Hartmut nur und ließ dann sein Blick zu seinem Mittagessen wandern. „Oh nein, dieses Mal nicht, lieber Ben.“, dachte er und ließ das eingepackte Sandwich in eine Schublade verschwinden. Dann ging er in Richtung der Rufe des Deutschtürken. „Hallo Semir, Hallo Ben.“, begrüßte Hartmut seine Kollegen. „Hartmut, bitte sag, dass du mit deinen Untersuchungen schon fertig bist.“, meinte Semir fast flehend. „Allerdings. Kommt mal mit.“, bat der rothaarige Techniker die beiden Ermittler. Diese folgten ihm in die angrenzende Werkstatt.
    „Du hast die Lenkung auseinander genommen?“, fragte Ben. „Hm, wie gesagt, sie war manipuliert worden. Ziemlich effektiv gemacht.“, erklärte Hartmut und setzte sich wieder auf seinen Laborhocker. „Wie effektiv?“, wollte Semir wissen. „Nun, die Leitung wurde nicht einfach durchtrennt oder blockiert. Hier“, er zeigte einen kleines, schwarzes Kästchen, „damit wurde per Elektronik die Steuerung des Wagens dermaßen blockiert, dass der arme Kerl nur geradeaus fahren konnte.“, erklärte Hartmut. „Was bewirkt das Gerät genau oder wie wird es gesteuert?“, fragte Ben nach. Hartmut grinste kurz auf. Jetzt konnte er mit seinem Fachwissen kommen. „Das ist das Gewiefte an der Sache.“, meinte Hartmut und kniff kurz die Augen zusammen. „Die Steuerung ist so gebaut, dass man sie simpel mit einem Telefon aktivieren kann. Die Reichweite ist allerdings nicht begrenzt. Sie liegt bei etwa acht Kilometer. Man muss schon eine Ahnung haben, wo der Wagen gerade ist und wo er lang fährt.“, erklärte der Techniker weiter.
    „Das heißt also, dass es ein eiskalter Mord war.“, meinte Ben laut denkend und schlug auf die Tischplatte. „Verdammt.“ „Was ist mit dem Wagen? Hast du schon den Halter überprüfen lassen?“, fragte Semir. „Hab ich. Hier, der Wagen wurde als gestohlen gemeldet. Es gehört einem gewissen Heinrich Bollmann aus Aachen.“ „Vielleicht sollten wir uns mit dem Herren mal unterhalten.“, schlug Ben vor. „Vorerst reden wir mit der Band.“, meinte Semir und bedankte sich bei Hartmut für den Bericht.


    ...

  • Jo ging nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen. Dabei hatte er sein Telefon in der Hand. Schnell baute er es auseinander, nahm die Sim-Karte raus und legte seine eigene wieder ein. Dann baute er den Akku wieder ein und schaltete es an. Nur noch das kleine Plättchen entfernen. Warum musste der Junge auch sich in Geschäfte einmischen von denen er keine Ahnung hatte. Es war alles perfekt und ein Alibi konnte er auch nachweisen. Niemand würde ihn verdächtigen. Er war ja nur der einfache, gutmütige Jo Galander, ein Jazzmusiker, der sich um kriminell gewordene Jugendliche kümmerte. Ein Vorbild für die Gesellschaft. Keiner würde je ahnen, wie er sich das karge Gehalt eines Musikers aufbesserte. Tja, dumm nur, dass George ihm unwissentlich in die Quere kam. Er war ein begabter Musiker, aber auch ein zu großes Schlitzohr. Nur war Jo ein noch größeres und kam dem armen Jungen zuvor. „Der arme Junge.“, stieß er lachend aus und zog erneut an seiner Zigarette. „C’est la vie, mein Junge.“, meinte er nur.
    „Jo? Kommst du, wir wollen weiter machen.“, rief Max in den Hof hinaus. „Gut, ihr wollt ja dann auch nach Hause.“, lachte er und stieg dann die drei Stufen wieder hoch, als plötzlich ein silberner BMW auf den Hof hielt. Zwei Männer stiegen aus. „Hallo, Gerkhan und Jäger, Kripo Autobahn.“, stellten sich die Männer vor. „Guten Tag, Jo Galander. Was kann ich für sie tun?“, fragte Jo und schob seinen jungen Musiker schützend in die Tür. „George Krüger, ist der einer ihrer Musiker?“, fragte der mit dem Stoppelbart auf die Faust drauf los. „Ja, aber was will die Polizei von ihm? Ich hoffe, er ist nicht wieder mal in irgendwelche Machenschaften verstrickt worden?“, kam es von Jo und das mit einer wunderbaren Überzeugung, die er immer an den Tag legte. „Wir müssen mit ihnen und ihren Musikern über George Krüger reden. Er hatte einen schweren Unfall.“, erklärte der kleinere von Beiden. „Was? Oh Gott, wir haben ihn nämlich schon vermisst, als er nicht zur Probe gekommen war.”, erklärte Jo. „Können wir das bitte drinnen besprechen?“, meinte der mit dem Stoppelbart etwas ungehalten. „Bitte sehr.“
    Die Beamten folgten Jo und Max ins Innere der Halle, wo die anderen Musiker etwas tranken, rauchten oder einfach nur so dasaßen. „Jungs und Mädels, die Herren hier sind von der Polizei und wollen mit uns über George reden. Er hatte einen Unfall.“, erklärte Jo und sah in die Runde. Alle Gesichter waren sofort bestürzt und tuschelten um sich. „Leute, bitte beruhigt euch.“, rief Jo wieder in die Runde und sofort kehrte langsam wieder Ruhe ein.


    Semir ging in die Runde und sah sich um. „Mein Name ist Hauptkommissar Semir Gerkhan und der Kerl da ist mein Kollege Ben Jäger.“, stellte er sich der Truppe mit seinem Kollegen vor. Die jungen Leute sahen ihn mit Skepsis an und einige ließen auch ihre Abneigung gegenüber der Polizei erkennen. „Wer von ihnen kennt George Krüger?“, wollte er wissen und sah in die Runde. Auch Ben tat dies und sah, wie nur langsam einige der Arme nach oben gingen. Darunter auch Max und Jo. „Gut, dann fangen wir doch mal gleich mit ihnen beiden an.“, meinte Ben und verließ mit den Beiden den Probenraum.
    Semir jedoch verblieb mit den drei anderen, die sich gemeldet hatten, im Raum und ging in eine abgesonderte Ecke, wo ein Kontrabass und eine Posaune an der Wand lehnten, und versuchte die zwei Jungs und ein Mädel in ein Gespräch zu verwickeln. „Okay, zuerst brauch ich eure Namen.“, fing Semir an und zückte seinen Notizblock hervor. „Warum?“, wollte die junge Frau wissen. „Es plaudert sich einfach besser, wenn man sich kennt.“, erwiderte Semir mit einem kurzen Lächeln. „Okay... ein Argument.“, meinte die kleine und zierlich wirkende Frau mit einem leicht ironisch scheinenden Lächeln. „Leni Haberkorn, Kontrabass.“, stellte sich das Mädel dann vor und reichte Semir die Hand, die sie bis jetzt in der Hosentasche versteckt hatte. „Und ihr?“, wollte Semir dann von den Jungs wissen. Der eine, groß, schlank, mit Sommersprossen und graugrünen Augen und rotblonden Wuschelhaaren, saß an der Bar und sah den kleinen Polizisten von seinem Hocker aus an. „Christoph Hupfer, erste Posaune.“, meinte er und sah dann zu dem Jungen neben sich. Ein kräftig gebauter, etwas stabiler Zeitgenosse mit auffallenden Aknenarben im Gesicht und einer dicklichen Nase. „Detlef Kroner, Bassgitarre.“, stellte er sich vor. Semir nickte den Jungen zu und fing dann mit seinen Befragungen an.
    „Wir haben im Wagen, den George gefahren hat, jede Menge Heroin gefunden. Könnt ihr euch vorstellen, dass er mit dem Zeug gehandelt hat?“, fragte Semir die drei jungen Menschen. Diese sahen ihn entsetzt an. „George hat wieder angefangen? Nein, das glaub ich nicht.“, meinte Leni mit Nachdruck in ihrer Stimme, die plötzlich schrill wurde. „George lebte nur noch für die Musik. Krumme Dinger machte er schon lange nicht mehr.“, fügte sie erklärend hinzu, als sie in Semirs fragendes Gesicht sah. „Der Wagen, mit dem George unterwegs war, wurde als gestohlen gemeldet. Habt ihr eine Erklärung dafür.“, forderte Semir. Christoph und Detlef lachten kurz auf. „Vielleicht wollte er eine Spritztour unternehmen.“, meinte Christoph lachend. „Das hat er des öfteren gemacht, meist um irgendein Mädchen zu beeindrucken.“, erklärte der Posaunist. „In letzter Zeit auch?“, fragte Semir gleich nach. Detlef schüttelte den Kopf. „Nein... eigentlich nicht. Er hatte seine Energie auf die Musik konzentriert. Wir alle, die wir hier spielen, waren früher so wie George, doch Jo hat uns eine ganz neue Welt eröffnet, an uns geglaubt, wo andere uns schon aufgegeben hatten. Zu George hatte er ein besonders herzliches Verhältnis.“, erklärte der Gitarrist. Semir hörte genau zu und machte sich seine Notizen. Dennoch wusste er nicht, was für ein Bild er sich von George zeichnen konnte und sollte.


    ...

  • Ben stand mit Jo und Max vor der Tür und unterhielt sich mit diesen Beiden über das Unfallopfer. „Der Wagen, den George gefahren hat, war als gestohlen gemeldet. Können sie sich denken, dass er wieder auf die schiefe Bahn geraten ist?“, wollte Ben wissen. Jo sah ihn empört an. „Wissen sie, Herr Jäger, alle diese jungen Menschen waren in ihrer Jungend straffällig geworden. Rückfälle gibt es immer wieder, doch alle wissen, dass sie dann aus der Band fliegen, sobald ich davon Wind bekomme.“, erzählte er, doch das beantwortete Bens Frage nicht zufriedenstellend. „Das beantwortet nicht meine Frage.“, meinte der junge Hauptkommissar mit aufgesetztem Lächeln. Jetzt mischte sich Max ein. „Herr Jäger, ich kenne George. Ja, er hat manches Mal das eine oder andere Auto geknackt, aber, ich schwöre, seit er hier in der Band spielte, war er sauber und bemühte sich, eine weiße Weste zu haben.“, erklärte der Klarinettenspieler. Der Ermittler nickte, war aber irgendwie nicht damit zufrieden. „Hat George noch bei seinen Eltern gewohnt?“, wollte Ben dann wissen. Jo dachte nach. „Nein... nein, er hatte schon seine eigene Wohnung.“, erwiderte der Bandleader. „Könnte ich die Adresse dann haben?“, forderte Ben und hielt abwartend den Stift über seinen Notizblock.
    „Im Westen von Düsseldorf.“, meinte Jo und gab dem Ermittler dann die volle Adresse. Dieser staunte nicht schlecht, als er das hörte, kannte er doch die Gegend nur allzu gut, die sich dort befand. Da wohnten besser verdienende Leute, keine, die nur ein kleines, fast mickriges Einkommen aufweisen konnten. Und das schien ja für einen jungen Mann von Georges Alter der Fall zu sein. „Okay, halten sie sich bitte zu unserer weiteren Verfügung.“, meinte Ben zum Abschied und wartete auf Semir, der nur wenige Minuten später aus der Halle kam. „Und, hat die Befragung was bei dir ergeben?“, wollte Semir sofort wissen. „Allerdings, der Typ wohnt im Westen Düsseldorfs, in einer ziemlich teuren und gehobenen Gegend.“, erwiderte Ben und sah, wie sich Semirs Stirn in nachdenkliche, ungläubige Falten aufschlugen. „Dann möchte ich doch mal wissen, woher er das Geld dafür hatte.“, meinte der Deutschtürke. Ben zuckte mit den Schultern. „Lass uns doch einfach hinfahren und es uns rausfinden.“, schlug er vor. „Okay.“, meinte Semir und zückte seine Schlüssel hervor. „Lass mich fahren.“, verlangte Ben und schnappte sich die Schlüssel aus Semirs Hand. „Hey, nichts da.“, zischte Semir und langte nach den Schlüsseln, doch Ben machte sich lang und schnellte zum BMW. „Erster.“, rief er aus und setzte sich auf den Sitz. „Okay, dieses eine Mal.“, murrte der Deutschtürke und ließ sich auf den Beifahrersitz nieder.


    Kim saß am Bett ihres Neffen und hielt dessen Hand. Die Geräte piepsten monoton vor sich hin. George lag regungslos da, Verbände zierten seinen Kopf und seinen Körper. Sein eingegipstes Bein hing etwas erhöht in der Luft und Schläuche waren in Venen und in die Nase eingeführt. „Ach George, was hast du nur gemacht?“, fragte sie mit tränenverzerrter Stimme und rieb den Handrücken ihres Neffen.
    Als sie sich umsah, sah sie erst, dass ihr Bruder Marcus mit seiner Frau Alice an der Scheibe zur Intensivstation standen und auf ihren einbandagierten Sohn sahen. Kim trat hinaus und umarmte ihre Schwägerin und dann ihren Bruder. „Es tut mir so Leid.“, meinte sie gedrückt. „Kim ,wie konnte das passieren?“, fragte Alice schluchzend. „Unser Junge... was ist mit ihm passiert?“, fragte Marcus und sah seine Schwester bittend an. Er wollte es wissen und Kim wusste, er hatte ein Recht, es zu erfahren. „Sein Wagen war manipuliert.“, erzählte sie nur. Sie sagte nicht, dass der Wagen vermutlich gestohlen war. Kim wollte die Familie nicht mit noch mehr mit Problemen belasten. „Nein.“, stieß Alice aus und verfing sich sofort in einen massiven Weinkrampf, sodass sie Marcus stützen musste. Ein Arzt sah dies und kam auf die Gruppe zu. „Soll ich ihnen etwas zur Beruhigung geben?“, fragte er. Marcus nickte nur und setzte sich mit seiner Frau auf die Bank. Schnell ging der Arzt und kam mit einer aufgezogenen Spritze wieder. Alice ließ sich die Spritze setzen und beruhigte sich langsam wieder.
    Kim sah der ganzen Prozedur mit Betroffenheit zu. Sie würde selbst den Mörder suchen, denn das war eindeutlich ein Mordversuch. Das stand für Kim von vornherein fest. „Kim, bitte hilf George.“, hallte die Worte ihres Bruders von heute morgen in ihrem Kopf nach. Wieso hatte sie die Worte ihres Bruders nicht ernst genommen? Sie hoffte sehr, dass George bald wieder aufwachen würde, um ihr alles erzählen zu können. Und hoffentlich meldeten sich bald Semir und Ben, um ihr erste Ergebnisse zu präsentieren.


    ...


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  • Jo sah den abfahrenden Kommissaren nach und lächelte in sich hinein. „Die scheinen ja keine Ahnung zu haben.“, dachte er nur und merkte dann, wie sein Handy vibrierte, da er es auf Lautlos gestellt hatte. „Galander?“, meldete er sich. „Jo... Lars van Steuben hier. Ich habe gerade erfahren, dass es auf der Autobahn einen Unfall gab und dabei eine Menge Koks gefunden wurde. Ich will hoffen, dass dies nicht meine Ladung war.“, hörte der Österreicher die drohende Stimme seines holländischen Lieferanten. „Mach dir mal keine Sorgen... das war nur ein winziger Teil, den ich mit Backpulver und Mehl gestreckt habe. Ich habe mir nur so einen lästigen Konkurrenten aus dem Weg geschafft. Das andere Zeug wird wie immer bei den Konzerten an die Hehler verkauft.“, meinte Jo nur und sah sich immer wieder um. Seitdem ihm George auf die Schliche gekommen war und eine Beteiligung gefordert hatte, damit er die Klappe hält, war er vorsichtiger geworden. „Gut, das will ich auch für dich hoffen, denn du weißt, ich verliere nicht gerne Geld oder Ware an die Polizei.“, zischte van Steuben. „Keine Sorge, die tappen hier völlig im Dunkeln und ich werde dafür sorgen, dass es so bleibt.“, meinte er und legte auf.
    „Jo, komm. Wir warten schon alle. Wir wollen uns schließlich noch für den Auftritt heute Abend fertig machen.“, rief Leni dem Bandleader zu, als sie im Rahmen der Metalltür stand. „Ich komme sofort.“, meinte er freundlich und ging dann wieder zu seinen Schützlingen in den Raum. „Gut, probieren wir noch mal unseren Eröffnungssong und dann machen wir Schluss für heute.“, meinte er, stellte sich vor die Gruppe und hob erneut die Hände. Wieder ging die Musikinstrumente hoch und fingen, zeitgleich mit den Armbewegungen von Jo, zu spielen an.


    „Was hältst du von diesem Bandleader?“, fragte Ben seinen Partner während der Autofahrt. Semir wiegte seinen Kopf hin und her. „Er scheint sich für diese jungen Menschen sehr einzusetzen. Ich hab mich mit dreien unterhalten. Anscheinend waren sie alle auf der schiefen Bahn und dieser Jo hat sie durch den Zauber der Musik, wie eine es nannte, in die Realität zurückgeholt.“, erzählte Semir. „Hm, das habe ich auch gehört. Sollen wir ins Krankenhaus fahren?“, fragte Ben. Doch bevor Semir etwas erwidern konnte, schoss ein grauer Mercedes, älteres Baujahr an ihnen vorbei.
    „Wow, hat der ein an der Waffel?“, stieß Ben wütend aus, schaltete einen Gang runter und setzte sich hinter den Wagen. Semir grinste nur und schaltete die Lichtanlage ein, holte die Kelle aus dem Fußraum und ließ das Fenster runter. „Nu mach schon... fahr rüber, Junge.“, rief Ben dem Fahrer wütend entgegen, doch dieser machte keine Anstalten auf die rechte Spur wieder zu wechseln. Ben versuchte den Wagen rechts zu überholen, doch ein Sattelschlepper hatte sich neben den Wagen der Kommissare gesetzt und ließ sich mit dem Fahren gemütlich Zeit. „Hallo? Fahr weg, du Luftverpester.“, schrie Semir nun aus dem Beifahrerfenster und winkte vielsagend mit der Kelle vor dem Fahrer herum. Der LKW-Fahrer bremste tatsächlich und wich dann auf die äußerste rechte Spur hinüber. „Danke.“, meinte Semir dann verächtlich und ließ sich auf seinen Sitz zurückfallen.
    Der Mercedes schien aber weiterhin Spielchen mit Ben zu spielen, denn, egal wohin der Kommissar seinen schnellen Wagen lenkte, setzte sich der Mercedes immer wieder vor ihn und manövrierte Ben geschickt aus. Der junge Kommissar stieß alle Flüche dieser Welt in den Sprachen, die er kannte, aus und schlug immer wieder auf das Lenkrad. „Hey, das ist mein Wagen ... mach das gefälligst in deinem.“, zischte Semir wütend. „Ja... Tschuldige.“, schrie Ben zurück. Dann fuhr der Mercedes von der Autobahn auf einen Rastplatz und suchte sich ganz gemütlich einen Parkplatz. Ben fuhr hinterher und stellte sich quer hinter den Kofferraum des verfolgten Wagens. „Sagen sie mal, haben sie eigentlich noch alle?“, schrie er, als er ausstieg und die Fahrertür aufriss. Doch er hielt inne und staunte nicht schlecht, denn hinter dem Steuer saß eine ältere Frau von etwa Mitte siebzig und sah ihn mit schelmischen Grinsen an.
    „Junger Mann, würden sie aufhören, hier so rumzubrüllen. Oder hat ihre Mutter ihnen keine Manieren beigebracht?“, fragte die alte Dame schnippisch und stieg aus dem Wagen aus, wobei sie Ben die Tür fast vor den Bauch knallte. Dieser wich mit verwirrtem Gesicht zurück. „Wissen sie eigentlich, mit was für einem Affenzahn sie auf der Autobahn unterwegs waren?“, fragte er mit lauter, wütender Stimme. Wieder sah die Frau, die eine lässige Jeans und zum Zopf gebundenes grau-schwarzes Haar und eine Sonnenbrille trug. „Sicher weiß ich das ... War ja auch meine Absicht. Ich wollte immer noch wissen, ob ich es drauf habe.“, lachte sie und wollte an Semir vorbeigehen, als dieser sie aufhielt, allerdings nicht ohne sein berühmtes, schelmisches Grinsen auf den Lippen.


    ...

  • „Semir?“, fragte die Frau plötzlich und lugte über ihre Sonnenbrille hervor. Der Deutschtürke sah sie verwundert an. „Semir Gerkhan? Ja, du bist es, Jungchen.“, rief sie erfreut aus und drückte Semir fest an sich. Dieser wusste nicht, wie ihm geschah und Ben sah mit erschüttertem Gesicht der Szene zu. Endlich ließ sie Semir los und dieser sah sie mit verwirrtem und verzerrtem Blick an. „Entschuldigung, aber wer sind sie?“, fragte er mit verwirrtem Gesicht. „Was? Du erkennst mich nicht mehr?“, fragte die Frau mit gespielter Beleidigung. Der Hauptkommissar schüttelte energisch den Kopf. „Och, das kann ich jetzt nicht glauben. Du erkennst deine alte Fahrlehrerin nicht mehr?“, lachte sie und hob nun vollends die Sonnenbrille von der Nase.
    Nun fiel es Semir wie Schuppen von den Augen. Vor ihm stand wirklich seine Fahrschullehrerin, von der er all das gelernt hatte, was er in den Jahren des Dienstes immer anwenden konnte. „Mensch... das gibt es doch nicht.“, stieß er freudig aus und fiel mit ihr nochmals in eine Umarmung. Ben beobachtete die Szenerie immer noch mit Misstrauen. „Kann mir mal einer von euch sagen, was hier los ist.“, zischte er und verschränkte wütend die Arme vor seiner Brust. Semir lachte und löste sich von der Frau, die ihn einen guten Kopf überragte. „Ben... darf ich dir meine Fahrschullehrerin Elisa Wiemann vorstellen. Von ihr habe ich alles gelernt, was ich nun weiß.“, meinte Semir freudig und sah die Frau immer wieder an. „Ach? Auch das Schrotten deiner Dienstwagen?“, fragte Ben schnippisch. Sofort sah Elisa Semir an. „Was? Habe ich dir denn gar nichts beigebracht?“, fragte sie. „Äh ... äh, ich bin nicht Schuld daran ... Gut, meistens jedenfalls.“, erwiderte Semir und sah seine ehemalige Fahrschullehrerin an. Sie grinste nur. „Ach wirklich? Sind sie sein Partner?“, fragte sie und hatte sich Ben zugewandt. Ben nickte nur und fing an zu lächeln. „Keine Sorge, er hat das schon mit meinen Fahrschulwagen gemacht.“, lachte sie aus voller Kehle. Semir schaute verlegen zum Boden. „Hey, das stimmt nicht ganz, ich habe lediglich einen selbst geschrottet.“, gab er zu. „Ja genau... die anderen hat er dadurch zu Altmetall verarbeitet, dass er immer seine Wendungen verbessern wollte.“, lachte sie und sah Ben dabei an. „Wie war das? Ich hab schon gewendet, da hast du noch mit deiner goldenen Rassel gespielt?“, fragte Ben lachend. Semir zog einen Schmollmund.
    „Es ist gut zu wissen, dass mein Partner nicht unfehlbar ist.“, meinte Ben dann und klopfte Semir freundschaftlich auf die Schultern. „Oh, er war einer meiner fleißigsten Schüler... und einer meiner langwierigsten.“, erzählte Elisa und sah, wie Semirs Ohren rot vor Scham und Pein wurden. „Wieso das?“, fragte Ben. „Nun, an seinem ersten Prüfungstermin hat er auch so eine Wendung versucht. Nur leider war ihm dabei das Auto des Prüfers im Weg. Beim zweiten Mal war es ein Feuerhydrant. Aber man sagt ja ... alle guten Dinge sind drei.“, lachte sie wieder aus voller Kehle.


    „Aber sag mal Elisa, du hattest einen ziemlichen Affenzahn auf der Autobahn drauf.“, fing Semir an und wurde nun wieder dienstlich. „Ja, ich wollt mal sehen, ob ich noch so rasant und sicher fahren kann, wie früher. Hat ja auch geklappt.“, meinte sie lachend. „Dir ist aber schon klar, dass das nicht gerade professionell war.“, tadelte Semir mit einem erhobenen Zeigefinger. Sie winkte ab. „Auch komm schon Semir, du kennst mich. Ich bin die sicherste Fahrerin, die es gibt. Andere sind da viel Schlimmer.“, meinte sie. „Zum Beispiel neulich... Da stand ich auch hier und hatte meine Mittagspause.“, fing sie an. „Unterrichtest du etwa immer noch?“, fragte Semir. „Hey, von meiner kleinen Rente kann ich doch nicht leben.“, erwiderte sie. „Jedenfalls stand ich hier und beobachtete einen anderen Wagen, der mit einem Affenzahn den Rastplatz verließ... kurz davor hab ich einen lauten Knall gehört.“, erzählte sie.
    „Wann war das denn?“, wollte Semir sofort wissen. „Na heute ... so am späten Morgen ... gegen halb elf etwa.“, meinte Elisa und sah überprüfend auf die Uhr.
    „War das etwa ein grüner Mazda mit ziemlichem Tempo und dahinter etliche Polizeiwagen.“, erzählte sie und sah dann die Kommissare vielsagend an. „Wart ihr etwa auch dabei? Habt ihr den Kerl wenigstens gekriegt?“, fragte sie und schien nicht zu ahnen, was der Knall verursacht hatte. Semir sah sie mit ernstem Gesicht an. „Der Fahrer ist schwer verletzt worden. Er liegt im Koma... ein junger Mann.“, erwiderte der Deutschtürke und seine ehemalige Fahrschullehrerin schlug die Hand vor dem Mund. Sonst war sie ja nicht so leicht zu entsetzen, aber dass sie einen Unfall mitgehört hatte, entsetzte sie doch schon. „Wie geht es dem Jungen?“, wollte sie wissen. „Sehr schlecht.“, gab Ben zu. „Elisa... ist dir irgendwas auf dem Parkplatz aufgefallen... irgendwas ungewöhnliches?“, fragte Semir, doch die alte Dame konnte nur den Kopf schütteln. „Doch, jetzt wo du es sagst... ich hab dir doch von dem Wagen erzählt, der mit einem Affenzahn vom Rastplatz fuhr... er hatte ein für diese Gegend ungewöhnliches Kennzeichen ... PB-AM 895... ich meine, wann kommt schon mal einer aus Paderborn hier her?“, lachte sie etwas gehässig. Ben musste kurz schmunzeln, fing sich aber schnell wieder.
    „Kannst du den Wagen beschreiben?“, fragte Semir und die Fahrschullehrerin nickte nur. „Ich denke schon... ein schwarzer Wagen, leider konnte ich das Fabrikat nicht erkennen, aber er hatte einen ziemlich auffälligen Aufkleber an der Seite... ein Saxophon.“, erzählte Elisa. „Danke... wird uns hoffentlich weiterhelfen.“, meinte Semir und verabschiedete sich mit einer Umarmung von seiner Bekannten. Ben gab der Frau die Hand, wurde von ihr aber auch umarmt. „Gute Fahrt Jungs.“, lachte sie und ging in die Raststätte. Ben und Semir machten sich wieder auf den Weg zur Station.


    ...

  • „Susanne... mach doch mal bitte eine Halterabfrage von folgendem Kennzeichen ... Paderborn A M 895.“, gab Semir durch. „Alles klar, ist schon erledigt.“, kam es von ihr. „Was meinst du, wem gehört wohl der Wagen?“, fragte Semir seinen Partner. Dieser zuckte nur mit den Schultern. „Keine Ahnung... vielleicht vom Mörder.“, scherzte Ben. „Sehr witzig.“, stichelte Semir nur und hielt das Funkgerät fest in der Hand und wartete auf die Antwort von Susanne, die alsbald kam. „Ben... Semir ... hört ihr?“, fragte Susanne. „Sind auf Abruf.“, erwiderte Semir und lauschte. „Der Wagen gehört einem gewissen ... Andreas Krause ... Karmeliterweg 38 in Bonn.“, gab die Sekretärin durch. „Danke Susanne.“, meinte Semir und hängte das Funkgerät ein. „Wollen wir hin?“, fragte Ben. „Was für eine Frage.“, zischte Semir fast entsetzt. „Natürlich oder meinst du, ich habe Susanne das umsonst aufsagen lassen.“, lachte der Deutschtürke und Ben sah ihn nur komisch an. „Ich dachte mir schon so etwas.“, meinte der junge Hauptkommissar etwas knorrig und lenkte den Wagen Richtung Bonn und schnell erreichten sie die angegebene Adresse.
    Andreas Krause war gerade dabei, in seinem kleinen Vorgarten die alten Gehwegplatten gegen neue Granitplatten auszutauschen, wobei ihm sein großer, schwarzer Neufundländer nach Luft hechelnd dabei zusah. „Du machst dir auch einen faulen Lenz, was Bruno?“, fragte der gelernte Landschaftsgärtner seinen Hund und einzigen Freund, seitdem seine Frau ihn verlassen hatte und auch die gemeinsame Tochter lieber bei ihr, als bei ihrem Vater wohnen wollte. Plötzlich knurrte der sonst so gutmütige Hund und Andreas sah auf, folgte dem Blick seines Hundes zur Straße, wo ein silbergrauer Mercedes anhielt und zwei ihm völlig fremde Männer ausstiegen und auch noch auf sein Grundstück zukamen.


    „Kann ich ihnen helfen?“, fragte der Mann und wischte sich mit seinem großen Taschentuch den Staub von den Händen und den Schweiß von der triefenden Stirn ab. „Gerkhan und Jäger von der Kripo Autobahn.“, stellte Semir sich und Ben dem Mann vor. „Sind sie Herr Krause?“, fragte Ben und setzte die Sonnenbrille ab. „So steht es jedenfalls auf dem Klingelschild und meinem Briefkasten.“, lachte der Mann und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Ben und Semir lächelten kurz, wurden dann aber wieder sehr ernst. „Herr Krause... wir müssten mit ihnen sprechen. Könnten wir mal bitte ihren Wagen sehen?“, forderte Semir und sah den Mann abwartend an. Andreas lachte kurz und stand auf, wischte seinem Hund über den Kopf, dieser schmiegte sich mit seinem groben, schwarzen Fell an die Beine seines Herren und sah die fremden Männer mit misstrauischem Blick und kurzem Knurren an. „Ruhig Bruno... Kommen sie rein.“, bat der Mann und hatte seinen Hund am Halsband festgehalten, während er die Gartenpforte öffnete. „Er ist hier in der Garage ... Vorsichtig mit den Steinen, bitte. Nicht, dass sie stolpern.“, meinte Andreas und ging vor, Ben und Semir folgten ihm.
    Knarrend öffnete sich die Metalltür zur Garage und ging hinein. „Hier ist mein Wagen, meine Herren.“, meinte er und zeigte auf einen roten Opel. „Aber ... aber ... eigentlich suchen wir einen anderen Wagen.“, murmelte Ben und sah dabei immer wieder zu dem großen Hund hinunter. „Ah, sie meinen bestimmt, meinen großen Familienvan ... Nun ja, ich habe leider keine Familie mehr und für mich allein ist das Ding zu teuer.“, erklärte er und bat die Kommissare wieder nach draußen. „Was ist mit dem Wagen passiert?“, fragte Semir. „Ich habe ihn verkauft, wie ich schon sagte ... allerdings ...“, meinte er und sah etwas ertappt zu Boden. „Allerdings, was?“, fragte Ben. „Nun ja, ich brauchte das Geld schnell und so habe ich ihn unter der Hand verkauft.“, gab er zu. „Herr Krause, wir wollen nur wissen, wer den Wagen jetzt hat.“, bat Semir und sah den Mann fordernd an. Dieser atmete auf und tätschelte erleichtert das dicke Fell seines Hundes. „Ich habe ihn an einen Mann mit leicht österreichischem Akzent verkauft, allerdings ... mir fällt im Moment nicht der Name ein.“, erklärte Andreas Krause. „Haben sie einen Beleg ... einen Vertrag oder Schriftstück oder so etwas?“, fragte Ben und stemmte seine Hände in die Hüften. „Moment, da muss ich kurz nachsehen. Wenn sie hier kurz warten wollen.“, bat der Mann, ließ seinen Hund los und ging in sein Haus.
    „Semir... der Hund sieht mich so komisch an.“, meinte Ben etwas verunsichert. Semir lachte laut los. Er kannte Ben zwar schon gut ein Jahr, aber er barg immer noch einige Rätsel in sich. „Ich dachte, du hättest keine Angst vor Hunden.“, meinte Semir grinsend. „Schon, aber der guckt mich so an, als ob er mich gleich fressen würde.“, erwiderte Ben und sah Bruno mit gemischten Gefühlen an. „Na du... ganz brav sein.“, meinte Ben dann nur und streckte vorsichtig die Hand nach dem Hund aus. Dieser knurrte kurz, schnupperte dann daran und merkte, dass der Mensch vor ihm mehr Angst zu haben schien und somit keine unmittelbare Bedrohung für sein Herrchen darzustellen schien.


    ...

  • „So, hier habe ich den Beleg gefunden.“, kam es von Andreas Krause, als er wieder in den Garten zurückkam und ein Blatt Papier in seinen Händen hielt. Er reichte es Semir und dieser überflog es kurz. Er stutzte, als er den Namen sah, denn er kam ihm bekannt vor. „Sagen sie, wann haben sie ihren Wagen denn verkauft?“, fragte Ben und streichelte nun den Hund mit sicherer Hand, ohne einen Anflug von Angst oder Furcht vor dem schwarzen Zottelvieh. Andreas überlegte in seinen Gedanken. „Moment, das war vor etwa drei oder vier Monaten ... ja so lange dürfte das schon her sein.“, erwiderte er dann und sah den Deutschtürken an. „Hier... meine Karte ... rufen sie mich an, sobald ihnen etwas einfällt.“, bat er und verabschiedete sich dann, ging mit Ben zum Wagen zurück. Andreas sah ihnen nach und hatte irgendwie das Gefühl, dass sie bald wiederkommen würden.
    „Susanne... Semir hier. Stell doch mal bitte fest, wo sich der Wagen mit dem Kennzeichen PB-AM 895 im Augenblick befindet und wer der momentane Fahrzeugnutzer ist.“, bat Semir per Telefon die Sekretärin. „Alles klar Semir... ist so gut wie erledigt.“, kam es von Susanne wieder. Daraufhin stiegen die Kommissare in ihren Wagen und fuhren zurück zu ihrer Polizeistation.


    Semir und Ben kamen in der PASt an und wurden sofort von den Kollegen gelöchert. „Semir, Ben ... wie geht es Frau Krüger?“, fragte Hotte etwas schniefend, da sich bei ihm die letzten Anzeichen einer Sommergrippe zeigten. „Sie ist ziemlich fertig. Ich glaube, sie wird die nächsten Tage ziemlich ungenießbar sein.“, erwiderte er und ging dann gleich zu Susanne. „Susanne, bring mir doch mal alles, was du über einen Jo Galander herausfinden kannst.“, bat er und folgte dann Ben, der sich schon in seinem Bürosessel niedergelassen hatte. Er grinste ziemlich breit. „Was denn? Hast du dir eine Banane quer reingeschoben oder warum musst du so grinsen?“, wollte Semir wissen. „Ich muss nur daran denken, dass du früher auch schon die Wagen anderer Leute zu Schrott gefahren hast.“, erwiderte Ben lachend. „Hör mal, das ist nicht lustig. Ich möchte dich mal sehen, wenn dir einer die Vorfahrt nimmt und du auf einer spiegelglatten Straße zu bremsen versuchst.“ „Lass mich raten... du hast ihn doch zu einem Rennen herausgefordert und da hat er dich mal ganz locker geschnitten... du bist ausgerastet und wolltest hinterher, oder?“, fragte Ben und sah Semir in seine braunen Augen. Dieser sah ertappt weg.
    „Aha... wusste ich es doch.“, lachte Ben nur und genoss es, dass sein so perfekt tuender Partner in seiner Jugendzeit auch nur ein Mensch mit Fehlern war. „Aber es war nicht direkt meine Schuld.“, verteidigte sich Semir. „Natürlich nicht.“, meinte Ben augenzwinkernd. Dann kam Susanne ins Büro gestürmt. „Ben, Semir ... die Chefin ist zurück und will euch sofort sehen.“, meinte sie leicht außer Atem. Sofort standen die beiden Autobahnkommissare auf und gingen in das Büro ihrer Chefin, die mit abwesendem Blick an ihrem Fenster stand und den am Himmel vorbei ziehenden Wolken zusah.


    ...

  • Semir sah zu Ben, Ben sah zu Semir ... in beiden Augen war die Sorge um diese sonst so harte, unnachgiebige und immer auf den Dienstvorschriften beruhende Frau deutlich zu sehen. „Chefin?“, fragte Ben vorsichtig. „Wie geht es ihnen?“, wollte Semir dann wissen. Kim sah kurz zu ihren beiden Kommissaren hin und ging dann zu ihrem Platz, ließ sich schwermütig in den Stuhl nieder und stützte ihr Kinn auf ihre Faust. „Haben sie schon was herausgefunden?“, wollte sie dann wissen.
    Die beiden Ermittler nahmen in den Stühlen Platz und berichteten dann von ihrer heutigen Recherche, die sie bis jetzt durchgeführt hatten. „Nach unseren ersten Berichten war ihr Neffe George in dieser Band allseits beliebt seitens der Bandmitglieder und keiner hat etwas schlechtes über ihn gesagt.“, fing Semir an. „Sie meinten zwar, dass er ab und zu einige Autos geknackt hatte, um mit dem ein oder anderen Mädchen eine Spritztour zu machen, aber das soll wohl auch in den letzten Monaten nicht mehr vorgekommen sein.“, fügte Ben hinzu. Kim ließ sich diesen Bericht ohne Einwände vortragen. Ihre Gedanken waren im Moment sowieso mehr bei George, als in ihrem Büro. Sie wollte einfach, dass er wieder aufwachen würde. Er musste wieder aufwachen. Sie würde es nicht ertragen, wenn er starb, ohne, dass sie ihm hätte helfen können. „Chefin?“, fragte Semir erneut und holte sie in die Realität zurück. Sie zuckte kurz zusammen. „Wollen sie nicht besser nach Hause fahren ... oder vielleicht ins Krankenhaus? Ben und ich kommen auch so hier klar.“, bot Semir Kim an, doch sie schüttelte den Kopf. „Wo waren wir stehen geblieben?“, wollte sie wissen und setzte sich etwas mehr aufrechter hin.
    „Wir haben den Wagen überprüft, mit dem ihr Neffe den Unfall hatte. Den Halter konnten wir noch nicht erreichen.“, erklärte Ben. „Dafür haben wir eine Zeugin, die beobachtet hat, wie ein schwarzer Wagen mit auffälligem Aufkleber an der Seite mit schnellem Tempo in dem Moment vom Rastplatz fuhr, als George den Unfall gebaut hatte.“, fügte der Deutschtürke den Bemerkungen seines Partners hinzu. „Haben sie dort einen Halter ermitteln können?“, fragte Kim mit heiserer Stimme. „Da konnten wir einiges herausfinden ... Der jetzige Halter hat den Wagen unter der Hand verkauft, weshalb er noch auf ihn weiter läuft. Wir sind nun daran, den jetzigen Besitzer zu durchleuchten und abzufragen.“, erwiderte Semir und just in diesem Moment kam Susanne ins Büro.
    „Semir, ich hab hier die Fahrzeugnutzerabfrage, um die du mich gebeten hattest... der Nutzer ist auf die Musikband ‚Jazz-Kids’ eingetragen. Und hier habe ich die Personalabfrage von deinem Jo Galander.“, meinte sie und reichte alles Semir in die Hand. „Danke Susanne.“, meinte er nur und nahm die Sachen entgegen. Ben und Kim sahen ihn beim Lesen zu. „Interessant... sehr interessant.“, murmelte er vor sich hin. „Semir ... wir können deine Gedanken nicht lesen... Los, erzähl uns, was so interessant ist.“, fauchte Ben und rollte mit den Augen. „Ah ja... Entschuldigt bitte.“, meinte Semir und schlug die Akten zu. „Gegen Jo Galander liegt seit 1999 nichts vor.“, erzählte der Deutschtürke mit steinerner Miene. Ben fiel aus allen Wolken. „Das soll es nun sein?“, fragte er fauchend. „Das ist alles, was da steht?“ „Moment Ben,“, intervenierte Kim. „Semir hat nur gesagt, dass es seit 1999 nichts im Computer zu finden gibt. Das muss etwas heißen.“, erklärte Kim. „Susanne soll sich der Sache annehmen.“, meinte sie und wandte sich dann wieder Semir zu. „Was ist mit der Halterabfrage?“, wollte sie dann wissen. „Der Wagen gehört scheinbar wirklich der Band. Wir werden mal sehen, wer sich dahinter verbirgt.“, meinte Semir und wollte schon wieder aus dem Büro verschwinden, doch Kim hielt ihn auf. „Nein, heute nicht mehr, meine Herren.“, meinte Kim und stand auf. „Ich bin für heute genug in Anspruch genommen worden und sie sicherlich auch. Machen sie Feierabend und kümmern sie sich um ihre Familie.“, damit entließ sie ihre Kommissare in den Feierabend.


    Jo und seine Band hatten ihren Auftritt gerade mit tosendem Beifall hinter sich gebracht und nun feierten die jungen Menschen mit ihrem Bandleader. Doch dieser saß nachdenklich in einer Ecke und hielt seinen Cocktail fest in seiner Hand. Innerlich lächelte er und sah zufrieden auf die große Gruppe junger Leute. Mit dem Auftritt heute Abend hatte er ihnen gezeigt, was sie alles erreichen konnten, wenn sie nur an sich glaubten. Denn die meisten von ihnen waren nur auf die falsche Bahn geraten, weil sie keine Perspektive hatten und auch keine von Eltern oder aus der Schule vermittelt bekamen.
    „Jo? Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Max und klopfte ihn aufmunternd auf die Schultern. „Ja, alles bestens.“, erwiderte der Österreicher, stand dann auf und erhob sein Glas. „Mädels und Jungs. Ihr wart heute großartig. Lasst uns die Gläser auf George erheben, der heute nicht bei uns sein kann.“, rief er einen Tost aus. „Auf George.“, riefen dann alle im Chor und tranken ihre Gläser aus. Der Abend wurde lang und ausgelassen und ziemlich feucht. Ein schwerer Kater würde am nächsten Morgen sicherlich die Folge sein. Doch das war den jungen Leuten egal. Sie hatten es der Welt dort draußen gezeigt, dass sie auch ein Teil der Gesellschaft wieder waren, der sie noch vor wenigen Monaten den Rücken gekehrt hatten und auf der Straße oder sonst wo lebten.
    In der späten Nacht hievte sich Jo hoch und ging nach draußen, eine Zigarette rauchen. Rot glimmte sein Nikotinstängel in der Nacht vor sich hin und er dachte an die gelungene Aktion von heute Morgen. „Jo... ist alles glatt gelaufen?“, fragte Christoph, einer der älteren Musiker und trat neben Jo. „Du weißt doch, was ich anfasse, läuft immer glatt.“, lachte der Bandleader und nahm einen erneuten Zug von seiner Zigarette. „Meinst du, er wird es überleben?“, wollte Christoph dann wissen. Der Österreicher schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht.“ „Aber wenn, dann wird er reden und den Bullen erzählen, dass er den Wagen für dich über die Grenze fahren sollte.“, meinte der Posaunenspieler mit Angst in seiner Stimme. Jo packte ihn im Genick. „Ganz ruhig, mein Großer. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Ich habe schon dafür gesorgt, dass man diesem Kerl nicht glauben wird. Ich war vorhin in seiner Wohnung und habe dort Spuren hinterlassen, die die Polizei zu dem Schluss kommen lassen muss, dass er alleine arbeitet. Keine Sorge, wir sind relativ sicher in unserer Branche.“, lachte Jo und drückte den Jungen kurz im Nacken, bevor er ihn wieder losließ. „Trotzdem... es ist mir zu unsicher. Was, wenn die anderen was davon spitz kriegen?“, fragte Christoph. „Das werden sie nicht, solange du die Klappe hältst. Außerdem... du wolltest doch, dass ich dir Geld für dein Musikstudium besorge. Jetzt hast du es und nun würde ich nicht die Hand beißen, die einen füttert. Sie könnte nämlich zuschlagen. Verstehst du mich?“, fragte Jo drohend und sein junger Musiker verstand. „Gut.“


    ...

  • Ben kam geschafft in seiner Wohnung an, fühlte sich aber noch gar nicht müde. In ihm regte sich noch der Wunsch auf einen Ausgang und wenn es bloß zur nächsten Szenekneipe war, um sein Feierabendbier zu trinken. So duschte er nur, zog sich frische Klamotten an und ging wieder aus seiner Wohnung raus ins Freie.
    Ben setzte sich auf die Terrasse eines Biergartens und hörte der Live-Band zu, bestellte sich ein Bier und lauschte den Gesprächen der Nachbartische. Er schloss etwas die Augen und lauschte einfach nur der Musik. „Entschuldigung, kann ich mich zu ihnen setzen?“, fragte eine junge Frau mit italienischem Akzent. Ben sah erstaunt auf und blickte in ein süß lächelndes Gesicht, das gerade einmal 28 Jahre alt sein durfte. „Ja, aber sicher.“, meinte Ben dann endlich und konnte seinen Blick nicht von dieser Frau wenden. Sie bestellte sich einen Rotwein und ein Glas Wasser dazu, hörte der Musik zu, ihr Blick aber wanderte immer wieder zu Ben, der auch seinen Blick nicht von ihr wenden konnte, so oft er es auch zu versuchen vermochte. In Bens Gedanken arbeitete es hörbar. „Hm, süß sieht sie ja aus und ihr Akzent ist wirklich schnuckelig.“, dachte er und sah an ihrem Kopf die blonde Strähne in den schwarzen Haaren hervorlugen, die sich keck ins Gesicht fallen ließ. Plötzlich drehte sie sich zu ihm um und sah ihn genau in seine braunen Augen. Ben wurde etwas verlegen und er merkte, wie sein Gesicht rot anlief.
    Die junge Frau lachte ihn nur an. „Seien sie nicht so verlegen.“, meinte sie und gab Ben sein Bier in die Hand. Dann erhob sie ihr Glas. „Mein Name ist Gina... Gina Colucci .“, stellte sie sich vor. „Ben... Ben Jäger.“, erwiderte er und stieß mit seiner Bierflasche an den Kelch vom Weinglas an. Er wusste noch nicht, dass dieser Abend sein Leben in den nächsten Wochen vollends aus den Bahnen werfen sollte. Gina sah den jungen Mann an, mit dem sie gerade die Vornamen ausgetauscht hatte. „Was für ein hübscher Mann.“, dachte sie. „Ob er eine Freundin hat?“ Gina dachte immer das, was sie erhoffte, meist sprach sie dies auch aus. Doch hier ... nein, das traute sie sich noch nicht. Zugegeben sie war hübsch, sogar sehr attraktiv und wirkte auf Männer sehr anziehend. Ihr Akzent, ihr durchdringendes, lautes, glockengleiche Lachen und ihre vollen Lippen taten ein übriges dazu. „Warum solltest du ihn nicht fragen?“, dachte sie sich, nahm ihren ganzen Mut zusammen und versuchte mit dem Mann, der mit ihr diesen Tisch teilte in ein Gespräch zu kommen, was bei dem etwas lauter werdenden Spiel der Band nicht so einfach zu sein schien.
    „Ben... darf ich sie etwas fragen... aber sie müssen mir nicht antworten, wenn es zu persönlich ist...“, fing Gina mit leicht stotternder Stimme an. Ben sah die junge Italienerin, denn der Akzent war klar italienisch, mit leicht verschmitztem Lächeln an und zog dabei unwissentlich die rechte Augenbraue hoch. „Nein, sie dürfen gerne... aber es wäre mir lieb, wenn wir uns duzen können.“, lächelte er zurück und erhob erneut seine Flasche. Gina tat es ihm gleich, stieß leicht gegen den Flaschenhals und trank einen weiteren Schluck aus dem Glas. „Ben, hast du zur Zeit... ich meine, du sitzt hier ganz alleine...“, fing sie wieder an und sah etwas beschämt auf den Tisch hinunter. „Gott, wieso fehlen mir denn die Worte?“, dachte sie nur. „Hey, ich weiß schon, was du meinst.“, hörte sie dann seine beruhigende Stimme und sah hoch. Wieder lächelte er. Es war ein warmes, zuversichtliches und trostspendendes Lächeln. Keines, dass sie verhöhnte, weil sie sich so unsicher fühlte. Nein, so einer war er nicht. Das konnte sie in seinen Augen sehen. Ihre Mama sagte immer, dass die Augen die Spiegel der Seele und der Persönlichkeit eines Menschen sind und bisher hatte sich das immer wieder bewahrheitet. „Nein, im Moment habe ich keine Freundin.“, kam die erlösende Botschaft für Gina.
    „Das kann ich mir eigentlich bei einem so hübschen Kerlchen wie dir gar nicht vorstellen.“, rutschten ihr dann die Worte aus dem Mund und sie sah, wie Ben sie mit leicht verlegenem Grinsen ansah. „Oh entschuldige, aber manchmal ist mein Mund schneller, als meine Gedanken.“, entschuldigte sie sich. „Das kenn ich... ist bei mir auch nicht anders.“, meinte er lächelnd. „Hör mal, da wir uns nun schon angefreundet haben... was hältst du davon, wenn wir ein bisschen woanders hingehen?“, schlug Ben vor. Gina nickte heftig, wobei die blonde Strähne sich immer wieder in den Augenbrauen verfing. „Oh ja gerne.“, meinte sie nur und wollte einige Euro für den Wein auf den Tisch packen. „Nein lass mal, ich mach das schon.“, bat Ben und legte einen Fünfer unter die Flasche. Dann nahm er Ginas Hand, wie warm und geschmeidig sie sich doch anfühlte, und zog sie sanft mit sich nach draußen.


    ...

  • Während sich Ben mit seiner neuen Bekanntschaft vergnügte, hatte Semir zu Hause alle Hände voll zu tun. „Andrea... ich schalte jetzt kurz den Strom ab.“, rief Semir ins Wohnzimmer, als er am Sicherungskasten seines Hauses stand. „Okay, ich schalte die Taschenlampe ein.“, erwiderte sie. Seit Wochen sollte Semir im Wohnzimmer eine neue, von Andrea ausgesuchte Lampe anbringen und hatte es bisher nicht geschafft, dies zu tun. Nun hatte es Andrea gereicht. Sie legte ihm die Lampe und die Bohrmaschine dazu auf seinen Sessel und drohte damit, ihm die Lampe auch ins Bett zu legen, wenn er sie nicht endlich aufhängen sollte.
    So fügte sich Semir und kletterte wieder auf die Leiter, nahm die Bohrmaschine in die Hand und bohrte die Verankerung für die neuen Lampen in die Decke. Mit Argusaugen beobachtete Andrea die ganze Aktion und hielt die Taschenlampe fest in ihrer Hand. „Ist das auch mittig?“, fragte sie mit einem Male. Semir stoppte sofort das Bohren und sah sie mit einem vielsagenden Blick an. „Wie jetzt? Die soll doch dahin, wo die andere Lampe hing, oder?“, erwiderte er und hasste solche Fragen von seiner Frau, wenn er gerade mit der Arbeit angefangen hatte. „Ja schon...“, meinte Andrea und bevor sie weitersprechen konnte, bohrte Semir einfach die zweite Halterung an die Decke, setzte die Glühbirne ein und schloss die Fassung an. Dann nur noch die Glasschale der Lampe aufgesetzt und fertig, ehe seine Frau eines ihrer Widerworte von sich geben konnte.
    Beim Abendessen saßen sie dann um den Tisch herum, die Lampe strahlte und erhellte den ganzen Raum bis in die letzte Ecke, doch Andrea konnte ihren prüfenden Blick nicht von dem neuen Lichtspender wenden. „Andrea.... bitte glaub mir... die hängt mittig.“, stöhnte Semir fast entschuldigend, denn er wusste, wenn sie sah, dass sie nicht mittig hang, er den ganzen Ärger abkriegen würde. Seine Frau erwiderte nichts, sondern saß da und starrte immer wieder prüfend auf diese Lampe. „Hm...“, war ihre einzige Reaktion. „Im Katalog sah die aber viel besser aus.“, kam es dann hinterher. Semir wäre bald die Gabel samt dem Brotstück wieder aus dem Mund gefallen, als er diesen Satz hörte. „Andrea... du hast dir doch die Lampe ausgesucht, hast mir den Katalog doch immer wieder vor die Nase gehalten und gefragt, ob die nicht in unser Wohnzimmer passen würde.“, meinte Semir leicht verzweifelt. „Ja... und du hast gesagt, sie würde toll hier reinpassen.“, erwiderte sie und schob Semir den schwarzen Peter damit zu. „Moment mal... du kannst mir doch jetzt nicht die Schuld daran geben, dass dir diese Lampe nicht gefällt?“, fragte er und wurde dabei etwas lauter, als er eigentlich wollte. „Schrei mich nicht so an.“, kam es genauso laut von Andrea zurück. Aida hielt sich die Ohren zu. „Mama... Papa... nicht schreien.“, rief das Kind aus und beide sahen ihre Tochter entschuldigend an. „Tut mir Leid, mein Schatz.“, meinte Semir und küsste seine Tochter zärtlich und liebevoll auf die Stirn. Auch Andrea sah ihre Tochter entschuldigend an und strich ihr durch das blonde Haar.
    Nach dem Abendessen und nachdem Andrea Aida ins Bett gebracht hatte, setzte sie sich zu Semir auf die Couch, der dort schweigend seine Zeitung las. Sie krabbelte mit ihrem Fingern an seinem Knie entlang und streichelte dann liebevoll den Oberschenkel ihres Mannes. Semir sah von seiner Zeitung in das frech grinsende Gesicht seiner Frau. Er grinste zurück. Vergessen war die Auseinandersetzung von vorhin und beide verfingen sich in einen langen, intensiven Kuss, der beide erst in die Waagerechte und dann von der Couch fallen ließ.


    ...

  • Gina und Ben spazierten am Rhein entlang, Arm in Arm, und sahen einfach nur auf den von der feuerroten Sonne rubinrot gefärbten Fluss hinaus. Immer wieder trafen sich ihre Blicke beim Weitergehen. Es brauchte nicht viele Worte, die sie miteinander wechselten. In beiden schien die Hoffnung zu keimen, dass er andere der Partner fürs Leben sein könnte. „Ben... ich...“, fing Gina plötzlich an und sah dann, als er sich zu ihr drehte, in seine großen, braunen, zarten, liebevollen Augen, die eine magische Anziehungskraft auf sie ausübten. Ihre Blicke sagten mehr, als tausend Worte. Sie stellte sich auf ihre Zehenspitzen, da sie einige Zentimeter kleiner war, und führte ihre Lippen in die Richtung von Bens Mund. Auch Ben näherte sich ihr und schon bald verfingen sich beide Münder in einem Spiel der Leidenschaften. Um sie herum war es, als ob die Welt stillstehen würde. Kein Rauschen des Wassers mehr, keine Fahrradfahrer, die mit ihren hektischen Klingeln die Fußgänger vom Weg scheuchen wollten. Nein, es existierten nur noch sie und er.
    Als sie sich lösten, verfielen sie wieder in ihren schmachtenden Blicken zueinander und küssten sich abermals. Das Spiel der entfachten Leidenschaft wiederholte sich drei- bis viermal und nach etlichen Minuten des auf-der-Stelle-stehens kam Ben ganz dicht an sie heran. „Weißt du... wollen wir es uns nicht bei mir ein wenig gemütlich machen?“, fragte er und wartete dann auf die Antwort ab. Gina sah ihn an, wusste erst nicht, was sie von diesem Vorschlag zu halten hatte, sagte dann aber doch zu. Sie konnte spüren, dass Ben keiner von diesen Macho-Kerlen war, der mit ihr ins Bett stieg und nach der Zigarette danach sie vor die Tür setzte. Nein, so einer war er sicher nicht. „Oh ja...“, meinte sie und zog die Wörter mit verliebtem Ton in die Länge. Ben lächelte vergnügt auf. Endlich, nach der langen Zeit seit Saskia hatte er wieder den Mut gefasst, eine Frau zu bitten, mit zu ihm zu kommen. Das konnte nur Schicksal sein, dachte der junge Hauptkommissar und sah beim Laufen immer wieder in den Himmel hinauf. Irgendeiner dort oben muss es endlich einmal gut mit ihm gemeint haben, dass er ihm solch ein bezauberndes Wesen gesandt hatte.
    Sie kamen in seiner Wohnung an, zogen die Schuhe aus und ließen sich in der Hängematte auf der Dachterrasse nieder. Ben öffnete schnell eine Flasche Wein, holte zwei Gläser aus dem Schrank und stellte sie auf den Tisch vor ihnen. Doch der Himmel war nicht gnädig mit ihnen. Ein Donnerschlag durchbrach die Stille und ein Platzregen trieb die beiden Verliebten in die Wohnung zurück. Schnell retteten sie den Wein und die Decken, die in der Hängematte lagen und brachten alles in die Wohnung. Dabei jedoch war die Kleidung ziemlich durchnässt. Gina sah den Mann vor ihr mit einem Grinsen an und begann, sein nasses Shirt ihm über den Kopf weg auszuziehen. „Komm, machen wir es uns unter der Decke bequem.“, meinte sie. Ben nickte lächelnd und zog sich seine restlichen Sachen aus. Beide kuschelten sich eng aneinander und verschwanden dann unter die Decke und beobachteten den Regen, der prasselnd gegen das große Fenster fiel.


    ...

  • Am nächsten Morgen wartete Semir schon an seinem BMW vor der PASt auf seinen Partner mit Ungeduld. Immer wieder sah er auf die Uhr und zur Auffahrt hinüber. „Na Junge, wenn das die Krüger wüsste, dass du dich verspätest.“, dachte er laut und hörte im selben Moment schon die Stimme, die er im Moment nicht hätte hören wollen. „Semir... wo steckt denn Ben schon wieder? Hat er mal wieder verschlafen?“, fragte sie gleich und sah zur Auffahrt hinüber. Semir konnte es nicht glauben. Obwohl ihre Gedanken doch bei ihrem im Krankenhaus und im Koma liegenden Neffen sein müssten, achtete sie doch auf so etwas im Moment nebensächliches, wie die Pünktlichkeit ihrer Männer. „Frau Krüger... Ben kommt gleich ... er ... er ist nur noch mal schnell tanken gefahren.“, log er und hoffte, dass sie wieder in die Station gehen würde, bevor Ben wirklich auf den Hof fahren konnte. Sicherlich würde er bei diesem schönen Wetter seine Maschine nehmen, sofern sie nicht wieder eine ihrer Macken hatte. „Gut, was wollen sie dann machen?“, fragte sie und sah den Deutschtürken abwartend an. „Wir wollen uns die Wohnung ihres Neffen einmal genauer ansehen.“, erwiderte Semir und erntete ein ungläubiges Gesicht. „Wohnung? Ich versteh nicht ganz. Er hat doch noch bei seinen Eltern gelebt.“, entgegnete Kim. „Scheinbar nicht mehr. Jedenfalls haben uns die Bandmitglieder erzählt, dass er seit geraumer Zeit eine Wohnung im Westen von Düsseldorf hatte.“, erklärte Semir und sah, wie Kims Gesicht immer mehr mit Denkfalten übersäht wurde. „Gut, berichten sie mir so schnell wie möglich, was sie dort finden.“, meinte sie dann und ging in die PASt zurück.
    Keine Minute zu früh, denn im nächsten Moment kam Ben auf seinem Feuerstuhl um die Ecke gebraust und parkte ganz lässig neben Semirs BMW ein, stieg ab und zog sich den Helm vom Kopf. „Hallo... wartest du schon lange?“, fragte er mit freudiger Stimme und zog sich seine kleine Kopfhörer aus dem Ohr. „Och... erst über eine dreiviertel Stunde. Weißt du, ich dachte schon, du lässt den Dienst heute ganz ausfallen.“, stichelte Semir gleich und entdeckte an Bens Hals etwas, was seine Neugier nun weckte. „Sag mal, bist du irgendwo gegen gelaufen? Du hast da so einen komisch runden Fleck am Hals.“, meinte der Deutschtürke und tippt kurz gegen den bläulich-grünlichen Fleck. Ben wich zurück. „Was... was für ein Fleck denn?“, fragte er stotternd und fasste sich an den Hals. Dann merkte er selbst, dass dort ein kleines Hämatom war. Semir grinste lang und breit. „Ben hat einen Knutschfleck... Hihi.. neue Freundin, was?.“, stieß er fast lauthals aus. „Geht’s vielleicht noch ein bisschen lauter? Muss ja nicht gleich jeder wissen, dass ich eine neue Freundin habe.“, zischte der junge Hauptkommissar und sah sich vorsichtig um. „Hey, komm schon... wie heißt sie denn?“, wollte Semir wissen, während er die Zentralverriegelung seines Autos außer Kraft setzte. „Gina... eine wunderschöne, junge Italienerin.“, erwiderte Ben beim Einsteigen. „Oh... wo hast du sie denn angequatscht?“, fragte Semir und erntete einen bösen Blick von Ben. „Ich hab sie nicht angequatscht, sondern sie hat sich an meinen Tisch gesetzt, als ich gestern noch einen trinken gegangen bin.“ „Moment ... ihr kennt euch erst seit gestern?“, kam es erstaunt von Semir, nachdem dieser den Wagen gestartet hatte. „Ja... was dagegen?“, fragte Ben schnippisch. „Nö nö.“, erwiderte der Deutschtürke und ließ die Sache dann auf sich beruhen, während er den Wagen ausparkte und zur Wohnung von George Krüger steuerte.


    ...

  • Christoph und Jo warteten in ihrem Auto vor der Wohnung von George. „Was machen wir denn schon wieder hier? Ich dachte, du hast alles erledigt?“, fragte Christoph. „Natürlich... du sollst nur sehen, was die Polizei hier finden wird.“, erwiderte Jo und sah, wie Christoph eine Schnute zog. „Da hätte ich auch noch weiterschlafen können.“, zischte er, zog sich seine Kapuze über und legte sich etwas nach hinten, um seinen Schlaf nachzuholen. Jo lachte auf und beobachtete nur die Straße. Für ihn war Christoph nur ein junger Mann, der sich einiges dazu verdienen wollte für sein über alles geliebtes Stipendium. Jo tat es einfach des lieben Geldes wegen. Und irgendwann würde er auch ihn nicht mehr brauchen und es wieder nach einem Unfall aussehen lassen.
    Dann fuhr der silberne BMW vor. Sofort war die Aufmerksamkeit von Jo geweckt. „Hey, sie sind da.“, stieß er aus und rüttelte an Christophs Arm, sodass dieser mit Knurren aufwachte. „Mensch, was soll denn das?“, fragte er müde und zog seinen Arm aus Jos Umklammerung weg. „Es geht los.“ „Ich seh es doch.“, erwiderte der Musiker und brachte sich wieder in Position. „jetzt pass gut auf.“, meinte er und zog eine kleine Fernbedienung aus der Tasche.


    „Und was hoffen wir hier zu finden?“, fragte Ben und sah an dem teuer aussehenden Hochhaus auf. „Einen grüngelben Drachen mit einem Auge und einem Einhorn auf der Stirn... mit Raucherhusten.“, erwiderte Semir kopfschüttelnd. „Was?“ „Mensch... du kannst Fragen stellen. Irgendwas werden wir schon finden.“, lachte Semir und stieg in den Fahrstuhl. Ben jedoch nahm die Treppe. „Wetten?“, fragte er nur. „Warum nicht. Mal sehen, wer schneller ist.“, meinte Semir und drückte auf den Knopf für den vierten Stock. Ben sprintete los und nahm gleich zwei Stufen mit einem Mal. Er wollte unbedingt vor Semir dort sein, der im Fahrstuhl gemütlich hochfuhr und ein Lied pfiff. Die Anzeige schritt immer weiter dem vierten Stock entgegen. Doch plötzlich stoppte der Fahrstuhl, die Tür ging auf, aber niemand wollte einsteigen. „Was... Ah Ben.“, dachte der Deutschtürke laut und konnte sich denken, dass Ben zu schummeln versuchte. „Na warte.“, meinte er nur und drückte die Taste für die Türschließung. Natürlich war durch diese Schummelaktion Ben als erster in der vierten Etage und wartete, nach Luft schnappend, vor der Wohnungstür des Unfallopfers.
    „Hehe...Erster.“, meinte er nur und rang nach Luft. „Ja... hast ja auch beschissen.“, murmelte Semir und kam mit verschränkten Armen aus dem Lift heraus. „Stimmt doch gar nicht.“, murrte Ben und holte tief Luft. „So, wollen wir?“, fragte er dann und deutete auf die Tür, wo am Klingelschild Krüger angebracht war. Semir nickte, zog sein Einbrecherwerkzeug hervor und begann die Tür lautlos zu öffnen. Ben sah ihn interessiert über die Schulter und machte den Hals lang. Ohne, dass Semir dadurch nervös werden würde, gelang es ihm, die Tür aufzukriegen und schon im nächsten Moment standen beide im Flur der Wohnung. Es war ein spärlich eingerichteter Flur... keine Bilder an der Wand, keine Möbel, nicht einmal eine Flurgarderobe war zu finden. „Hey, hier ist es ja sauberer als bei dir.“, stichelte Semir sofort und streifte sich seine Handschuhe über. „Aber auch nur, weil hier keine Möbel stehen.“, erwiderte Ben und ignorierte den Kommentar von ihm einfach. Nachdem er sich ebenfalls seine Handschuhe übergestreift hatte, ging er weiter in die Wohnung hinein, doch etwas machte ihn nervös. Ein beißender Geruch stieg in seine Nase und sein Blick wanderte durch das Wohnzimmer und sah plötzlich die drei Kanister Benzin, die mit einem kleinen Sprengsatz verbunden waren, ein Handy diente als Zünder. Dann weiteten sich seine Augen, das Ding fing an, zu klingeln.


    ...

  • „Heilige Scheiße!“, stieß er aus und rannte in den Flur zurück, wo Semir immer noch stand. Er schnappte sich seinen kleinen Kollegen und rannte aus der Tür raus, denn schon im nächsten Moment krachte es und ein Feuerball drückte die Tür aus den Angeln und schoss an den Polizisten vorbei, die sich mit einem Sprung auf die nächste Treppe retten konnten. Sofort war das ganze Treppenhaus voller Rauch und Qualm und biss fürchterlich in den Augen. „Wow, was war das denn?“, fragte Semir, als er sich langsam wieder aufrichtete. „Irgendjemand hat da wohl seine Telefonrechnung nicht bezahlt.“, meinte Ben und putzte sich den Staub von seinen Klamotten. „Okay, jetzt mal ohne Scherz... was war das?“, fragte Semir erneut und sah das Feuer, das sich aus der Tür in den Treppenaufgang züngelte. „Eine Brandbombe. Ich habe sie gesehen. Deswegen hab ich dich doch gepackt und rausgebracht. Du wärst wie ein Hähnchen gebraten worden.“, erklärte Ben und griff zu seinem Handy. Mit schnellen Griffen war die Feuerwehr informiert worden und auch gleich Hartmut, denn er und Semir hofften, trotzt des Feuers, noch etwas in der Wohnung zu finden.


    Christoph sah auf, als die Feuerwalze aus den Fenstern des vierten Stocks schoss. „Wow.“, stieß er aus. „Tja, das war die Wohnung von George. Die ist hin. Ebenso alle Beweise. Jetzt haben wir freie Bahn für unsere nächste Lieferung.“, meinte Jo und lächelte. „Soll ich wieder den Wagen nehmen?“, fragte Christoph und sah den Bandleader an. „Ja, aber wir fahren erstmal zu den anderen in den Probenraum zurück. Dann kannst du dich auf den Weg machen.“, erwiderte Jo und startete den Wagen. Schnell fuhr er vom Parkplatz, ehe der erste Feuerwehrwagen mit lautem Getöse die Brandstelle erreichen konnte. Christoph duckte sich, doch Jo lachte nur. „Du bist ein Angsthase.“, stichelte er und lenkte seinen Wagen dann Richtung Studio der Band. „Ich bin nur vorsichtig.“, erwiderte er und sah auf, als sie um die nächste Kurve waren. „Gut... soll die nächste Lieferung wieder ins Studio gebracht werden?“, fragte er dann Jo. Doch dieser schüttelte nur den Kopf. „Nein, wir bringen den Wagen dann erstmal in unsere Werkstatt und lagern das Zeug um.“, wies Jo an. „Und wo soll ich das zwischenlagern? Ich meine, die anderen kommen auch in die Garage. Soll ich denen dann sagen: Ja, wir haben Mehl und Backpulver auf Vorrat gekauft. Ich glaube kaum, dass die mir das abnehmen werden.“ „Dann lass dir was einfallen und sei nicht so unkreativ.“, zischte der Bandleader.


    ...

  • „Sagt mal, was macht ihr denn wieder für Sachen?“, fing Hartmut an, als er die beiden Kommissare mit Ruß verschmierter Kleidung und Gesichtern auf einem Stein vor dem Haus saßen und jeweils an einen Pappbecher nippten, dann den Rauch aus ihren Lungen husteten. Sie sahen den rothaarigen Techniker mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Hartmut, ich bin jetzt nicht zum Scherzen aufgelegt. Sieh lieber zu, dass du da oben noch was brauchbares findest.“, zischte Semir und knüllte den leeren Pappbecher zusammen. „Keine Sorge Jungs, ihr redet ihr mit einem Profi.“, lachte Hartmut und ging dann zur Wohnung hoch. „Na hoffen wir’s.“, hustete Ben hinterher. „Und was machen wir jetzt?“, fragte er dann seinen Partner. „Tja, hier können wir erstmal nichts mehr tun. Also...“ „Zur Station zurück.“, beendete Ben den Satz. „Kannst du Gedanken lesen?“, stichelte Semir wieder. „Na, deine wären nicht schwer zu lesen. Du bist ein offenes Buch für einen.“, erwiderte Ben lachend. „Pass auf, das offene Buch schnappt gleich zu.“, konterte Semir und startete den BMW mit direkter Route zur PASt zurück. Doch dann...
    Ein Knurren durchbrach die Stille des Fahrzeugs. „Äh... lass mich raten? Du hast Hunger, oder?“, lachte der Deutschtürke und Ben sah ihn verlegen an. „Richtig. Könnten wir nicht die Mittagspause vorziehen?“, fragte er und sah auf die Uhr. „Oh... ist sowieso schon Mittag. Na dann... auf zum Buffet.“, meinte Ben und Semir lachte.


    Christoph hatte sich auf den Weg gemacht, war mit dem Wagen in Holland zur „Reparatur“ und ließ gerade die Grenzbuchten hinter sich, als ihn plötzlich ein Funkwagen des Zolls auf einen Parkplatz winkte und ihn ausbremste. „Verdammt, nicht schon wieder.“, dachte er und stellte den Motor aus, als die Beamten auf ihn zukamen. „Guten Tag, Zollkontrolle... steigen sie bitte aus und machen einmal den Kofferraum auf.“, forderte einer der Zollbeamten. Christoph blieb nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Sie würden sowieso nichts finden. Dafür hatten die Holländer gut gesorgt. Das war sicher.
    Der junge Musiker ging zum Kofferraum und öffnete die große Tür des Kleinbusses wie es von den uniformierten Männern verlangt wurde. Dort sahen die Zöllner nur den Koffer mit seiner Posaune. „Aufmachen.“, forderte der eine Zollbeamte und Christoph kam diesem Wunsch sofort nach. Nachdem der eine die Papiere des jungen Mannes überprüft hatte, fragten sie ihn, wo er denn jetzt herkomme. „Aus Maastricht.“, erwiderte der Musiker und sofort wurden die beiden Zöllner hellhörig. „Was machten sie dort?“, fragte der jüngere der beiden Zollbeamten. „Ich habe dort Musik gemacht. Außerdem musste der Wagen repariert werden.“, erwiderte Christoph und klopfte kurz auf die Motorhaube. „Was war denn kaputt?“, wollte der Zöllner wissen. „Die Batterie musste ausgewechselt werden. Der Wagen ist mir kurz vor Maastricht verreckt.“, log er und sah die Zöllner an, die sich alles genau aufschrieben. „Gut, dann fahren sie weiter.“ Christoph nickte und setzte sich dann in seinen Wagen, nachdem er die Kofferklappe zugeworfen hatte und die Zollbeamten stiegen in ihr Auto. Beide fuhren vom Parkplatz ab und fuhren dann getrennte Wege.


    ...

  • Ben und Semir saßen am Tisch in der Raststätte in der Nähe des Zollhauptamtes. Der jüngere hatte sich ein doppeltes Tomaten-Schinken-Käse-Sandwich gekauft, dazu eine große Cola. Semir hatte ein Salami-Baguette und einen Kaffee. Genüsslich aßen die Kommissare und genossen ihr wohlverdientes Mittagessen. „So, ich hoffe, dein Magen ist jetzt soweit wieder gefüllt, dass wir über den Fall nachdenken können.“, meinte Semir und schob sich den letzten Rest seines Essens in den Mund und kaute schneller, damit er gleich wieder antworten konnte. „Semir... lass mich doch erstmal runterschlucken.“, forderte Ben mit einem genervten Augenrollen. Dieser nahm den letzten Schluck aus seinem Kaffeebecher und sah sich in dem Restaurant um. Da dies direkt neben dem Zollamt lag, war es nicht verwunderlich, dass viele der Kollegen hier ihre Mittagspause verbrachten.
    So war es nicht verwundert, dass sie bald auf ein bekanntes Gesicht stießen. „Sieh da, sieh da... die Kollegen von der Autobahnpolizei. Was denn? Vertragt ihr euer eigenes Kantinenessen nicht mehr?“, scherzte Zollkommissar Tom Weber. „Weber? Sie sind wieder im Dienst?“, fragte Semir erstaunt. „Wie man es sieht. Die Schusswunde war ja nicht ernst.“, erwiderte er und setzte sich zu den Beiden an den Tisch. „Hallo Tom Weber.“, stellte sich der Mann bei Ben vor. „Ben Jäger.“, erwiderte der junge Hauptkommissar mit leicht gefülltem Mund, wobei einige Brotkrumen aus dem Mund fielen. Semir und Tom lachten auf. „Tschuldigung.“, meinte Ben und wischte sich mit der Serviette den Mund ab. „Und, was gibt es neues auf den Weiten der Autobahn?“, fragte der Zollkommissar und biss in sein Brötchen, dass er sich gekauft hatte. „Wir haben einen ziemlich verzwickten Fall im Moment.“, fing Semir an zu erzählen. „Warum... machen euch die Raser wieder Probleme?“, lachte Tom Weber und sah, wie Ben ihn von der Seite her anschielte. Scheinbar betrachtete der Zöllner die Autobahnpolizisten mit herablassenden Augen. Ben sah deshalb mit vielsagenden Blicken zu seinen Partner rüber. Dieser aber beruhigte ihn. „Keine Sorge Ben... Kommissar Weber und ich haben eine Art Wettbewerb laufen...“, erklärte Semir. „Stimmt, wir beide setzen gerne unsere Dienstwagen aufs Spiel, um die bösen Buben zu bekommen. Allerdings habe ich mit meinem derzeitigen Fall auch ein wenig Pech.“, fügte der Zollkommissar zu Semirs Erklärung hinzu.
    „Aber was ist mit eurem Fall? Kommt ihr nicht weiter?“, fragte er dann und sah abwechselnd zu Ben und Semir. „Nein... gerade heute wurde uns eine Wohnung vor der Nase gesprengt, die wir uns eigentlich ansehen wollten.“, erklärte Semir. „Wir waren gerade in der Wohnung, als es rummste.“, fügte Ben hinzu. Der Beamte vom Zoll lachte kurz auf. „Da wurde euch wohl etwas heiß unter dem Hintern, was?“, lachte der Mann wieder und Ben machte ein leicht genervtes Gesicht. „Ich möchte sie mal sehen, Kollege, wenn ihnen ein Schwall Feuer den Hintern verbrennt und die Haare ansängt.“, zischte der junge Hauptkommissar und trank seinen letzten Schluck Cola aus. „Warum so humorlos?“, fragte Tom Weber nur. „Lass mal, wenn er noch nichts gegessen hat, ist er leicht reizbar.“, erklärte Semir lachend und der Zollbeamte nickte grinsend. „Zurück zum Thema... gestern verunglückte ein junger Mann und scheinbar will uns jemand daran hindern, den Fall aufzuklären.“, erklärte Semir. „Hm... hatte der Junge irgendwas bei sich?“, wollte der Zollkommissar dann wissen. „Ungefähr zwei Kilo Heroin... unser Techniker untersucht noch dessen Qualität.“, meinte Ben dann. Sofort wurde Tom Weber hellhörig, als er die Worte Heroin und dessen Mengenangabe hörte. „War das Auto vielleicht ein grauer Kleinbus mit einem Notenschlüssel auf der Heckscheibe?“, wollte er wissen und sah die Autobahnpolizisten gespannt an. „Nein, ein grüner Mazda. Warum Tom, was ist mit diesem Kleinbus?“, wollte Semir wissen.


    ...