Kindheit in Trümmern

  • Hy Leute,
    auch wenn ich weiß, dass es bei euch momentan wegen Prüfungen stressig ist mit Feeden, stelle ich meine neue Story on. Aber Obacht, es ist ein heikles Thema, aber es ist mir ein Anliegen, diese Story dennoch zu veröffentlichen. Viel Spaß dennoch beim Lesen ;)



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    Ein sommerlicher Frühlingsmorgen schien Ben in die Augen, als er sie zwinkernd öffnete. Knurrend zog er sich die Decke noch weiter über den Kopf, doch nach einer Weile wurde es ihm darunter zu warm und er beschloss, aufzustehen. Schlurfend ging er ins Bad und machte sich fertig. Duschen wollte er erst nach dem morgendlichen Joggen. Da Semir heute mit der Verkehrerziehung an der Reihe war, konnte sich Ben ruhig Zeit lassen, bis er ins Büro musste. Was für eine alberne Vorstellung, dass sein Partner und er noch drei Wochen lang diese neunmalklugen Gymnasiumkids unterrichten mussten. Die Schranke hatte dies als Genugtuung angesehen, weil er Semir bei einem Fluchtversuch geholfen hatte, um dessen Unschuld zu beweisen und die Chefin hatte sofort zugestimmt. Grummelnd über diese Gedanken vergas Ben beinahe seinen Wohnungsschlüssel, als er sich seinen Ipod in die Ohren stöpselte und sich auf zur Jogging-Strecke am Rhein aufmachte.


    Daniel ging niedergeschlagen und völlig teilnahmslos an diesem Morgen am Rhein entlang. Der Schulweg führte ihn an diesem Fluss entlang. Doch an diesem Tag war alles für ihn anders. Er wollte nicht mehr, wollte Schluss machen, einfach nur Schluss machen. Er konnte einfach nicht mehr. Sicher, sein Leben war erst kurz, gerade mal dreizehn Jahre war er auf dieser Welt, doch was ihn in den letzten Wochen und Monaten widerfahren war, brachte ihn letztendlich dazu, sein Leben aufzugeben, ja, zu beenden.
    Sein Weg führte ihn über die Rheinbrücke, die er an jeden Morgen überquerte, doch dieses Mal nicht. Dieses Mal begab er sich auf die Mitte der Brücke und stellte sich an das Geländer, beobachtete den schnell dahin fließenden Rhein. Immer schon hatte er eine faszinierende Anziehungskraft auf den Jungen ausgeübt und nun solle es also seine letzte Ruhestätte sein. Daniel sah sich um. Um diese Uhrzeit waren wenig Leute unterwegs. Genau richtig für sein Vorhaben, dachte er und ließ seinen Rucksack langsam an seinen Rücken zu Boden gleiten. Mit schnellen Bewegungen war er über das Geländer gestiegen und stand nun auf der schmalen Kante, die ihn vom reißenden Strom unter ihm trennte.


    Ben kam ebenfalls auf die Brücke gelaufen. Sein Puls ging schnell, aber regelmäßig. In seinen Ohren erklangen die unterschiedlichsten Medleys berühmter Rockballaden, die er sich kürzlich aus dem Internet heruntergeladen hatte. Die Sonne schien ihm ins Gesicht und er musste ein wenig verlangsamen, um einigen Fahrradfahrern auszuweichen, die mit ihren Drahteseln auf dem Weg zur Arbeit waren.
    Ben verschnaufte etwas, nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche, als er plötzlich die Umrisse einer kleinen Person dicht am Geländer sah. Er kniff seine Augen zusammen, hielt die Hand schützend an seine Augenbraue, um die Sonne etwas abzuhalten. Die Augen des jungen Kommissars wurden jedoch schlagartig größer, als er sah, dass dort einer sich in die Tiefe stürzen wollte. „Oh Shit.“, stieß er aus und näherte sich vorsichtig dem Jungen. Daniel drehte sich nicht um, hörte aber dennoch Schritte, die auf ihn zukamen. Sein Blick war starr nach unten gerichtet. Ben kam immer näher an den Jungen heran, der er so um die dreizehn schätzte. In seinem Kopf arbeitete es. Sollte er ihn ansprechen, um ihn nicht zu erschrecken? Andererseits konnte Ben, wenn er sich verriet, ihn womöglich nicht mehr rechtzeitig retten. „Bleiben sie stehen.“, stieß der Junge plötzlich aus, als er sich umgedreht hatte. „Ich will dir helfen.“, erwiderte der junge Hauptkommissar mit einfühlsamer Stimme. Er erkannte die aufkommenden Tränen in den Augen des Schülers, was Ben wegen dem auf den Boden liegenden Rucksack annahm.


    ...

  • Leider muss ich euch enttäuschen ...
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    „Mir kann niemand helfen.“, kam es leise von Daniel und ein letztes Mal sah er in den Rhein hinunter, dann zu dem Fremden, der ihm seine Hilfe angeboten hatte. Ben erkannte deutlich die Absicht in diesen Augen. Sie waren voll Kummer und der Lebenswille war erloschen. Ben konnte sehen, wie die Hände sich langsam öffneten und das Geländer losließen. Wie ein abgeschossener Pfeil schnellte Ben zur Brücke hin, doch es war zu spät. Der Polizist sah nur noch die aufsteigende Wasserfontäne, als der kleine Körper in den Rhein stürzte. Sofort entledigte sich Ben seiner Sachen, griff nach seinem Handy und wählte den Notruf. „Ben Jäger. Ich brauche dringend einen Rettungswagen und die Kollegen zur Rheinbrücke. Ein Junge hat sich ins Wasser gestürzt.“, schrie er förmlich ins Telefon, legte es dann auf seine Jacke und sprang hinterher.


    Semir hatte derweil seine verordnete Unterrichtsstunde am Humboldt-Gymnasium beendet und hatte sich vor Erschöpfung, die Schüler waren heute nicht zu bändigen, nachdem sie vom Sport gekommen waren, in eine Ecke in der Cafeteria zurückgezogen und genoss einen stärkenden Becher des Bohnengetränks. Am Nachbartisch saßen einige Schülerinnen, sahen immer wieder zu ihm rüber, tuschelten und kicherten vergnügt. „Waren wir in diesem Alter genauso schlimm?“, dachte Semir und nippte an seiner Tasse. Die drei Schülerinnen jedoch beobachteten ihn weiter und das schien Semir auf die Dauer nervös zu machen, auch wenn er dies nicht zu zeigen vermochte.
    Dann jedoch klingelte sein Handy. „Gerkhan?“, meldete er sich und nahm die Tasse zu einem erneuten Schluck in die Hand. Doch sofort ließ er sie wieder schlagartig sinken, stand auf und rannte zum Ausgang, setzte sich in seinen BMW und raste davon. Seine Gedanken, die groß auf seiner in Falten geschlagenen Sorgenstirn standen, kreisten wieder um diese eine Person: Ben.


    In eine wollene Decke gehüllt, saß Ben in einem Krankenwagen und beobachtete die Feuerwehrtaucher dabei, wie sie den leblosen Körper des Jungen aus dem Wasser zogen. Warum wollte er sich nicht helfen lassen? Warum war er gesprungen und hatte sein junges Leben beendet? Ben hatte dieser Selbstmord innerlich über den Haufen geworfen. Wie kommt es, das ein Junge von dreizehn Jahren Selbstmord beging? Er konnte sich dies nicht erklären, je mehr er nach Antworten suchte. Als die Leiche an ihm vorbeigetragen wurde, sprang er auf und hielt die Bestatter auf. „Die Leiche bringen sie umgehendst in die Gerichtsmedizin. Ich will, dass der Junge genau untersucht wird.“, fauchte er und hielt den einen der beiden mit festen Griff am Handgelenk fest. Sein Blick war bestimmend und deutlich. Resignierend konnte der Mann nur nicken und folgte Bens Anweisung.

  • Semir kam aufgeregt an der Rheinbrücke an und sah Ben schon am Ufer stehen. Sofort ging er mit schnellen Schritten die Stufen hinunter und stellte sich neben seinen jungen Partner, dessen Gesicht noch immer von dem Vorfall gezeichnet war. „Er ist einfach gesprungen, Semir. Einfach vor meinen Augen in den Rhein gesprungen.“, kam es leise und bitter von Ben, der sich danach zu Semir umgedreht hatte. Sofort sah der Deutschtürke, wie sehr Ben sich das zu Herzen nahm. Seine Augen, sonst voll Freude und Tatendrang, waren jetzt trüb und voller Schmerz. Die Freude war den Unverständnis gewichen. „Ben, was ist passiert?“, fragte Semir und Ben erzählte ihm, was vorgefallen war.
    „Ich will wissen, warum er gesprungen ist, Semir.“, beendete Ben seine Erzählungen und sah seinen Partner eindringlich an. Semir konnte deutlich die Entschlossenheit in Bens Augen erkennen, eine Entschlossenheit, die, hätte er nein gesagt, ihn von seinem Vorhaben nicht abgehalten hätte. Dies bewunderte der erfahrene Hauptkommissar, zog aber auch meist gehörigen Ärger nach sich, wenn Ben seinen Willen durchzusetzen versuchte.


    „Okay.“, meinte Semir dann und sah sich die gefundenen Sachen des Junge an. „Haben wir seinen Namen?“, wollte er dann wissen. Bens Blick verriet ihm Erleichterung über diese Entscheidung, sein Gesicht zeigte ein kurzes Lächeln. Sie sahen sich den Rucksack an, den der Junge zurückgelassen hatte und Ben hatte den Schülerausweis schnell gefunden. „Sein Name war Daniel Neukirch. Dreizehn Jahre alt.“, meinte Ben mit schwerer Stimme und ballte seine andere Hand zur Faust. „Dreizehn? Was hat ihn nur dazu bewegt?“, fragte Semir kopfschüttelnd. „Ich weiß es nicht, aber ich werde es herausfinden. Das schwör ich.“, kam es von Ben, der weiter die Sachen im Rucksack untersuchte. Doch es fanden sich nur noch unbedeutende Sachen wie Schulbücher, Hefter und ein Terminplaner, in dem jedoch nur die Hausaufgaben der nächsten Tage drinstanden. Doch auch einige Termine, die sich in regelmäßigem Abstand durch die vergangenen Monate zogen. Immer tauchte eine Abkürzung auf: N. Z. Ben konnte sich keinen Reim darauf machen, steckte es aber dennoch in einen Beweisbeutel.
    „Hast du was gefunden?“, fragte Semir. Ben hielt seinem Partner nur den in einen Beutel gepackten Terminplaner entgegen. „Gut, dann lass uns mal zur PASt zurückfahren.“, meinte der Deutschtürke dann. „Sollten wir nicht erst in seine Schule fahren und mit den Mitschülern sprechen?“, kam es als Gegenvorschlag von Ben. „Gut, dann gib mir mal den Schülerausweis, damit wir wissen, wo wir hin müssen.“, forderte Semir und sah auf den Stempel. Sofort stutzte er und sah mit großen, leicht entsetzten Blicken auf die Anschrift der Schule. „Humboldt-Gymnasium.“, kam es laut von ihm und sofort wurde sein Partner darauf aufmerksam. „Sag mal, der könnte doch in eine unserer beiden Klassen sein, oder?“, dachte Ben laut. „Stimmt, da könntest du recht haben.“, erwiderte Semir und steckte den Ausweis in einen Beutel. „Sollen wir?“, fragte der hochgewachsene, junge Hauptkommissar und der Kleine nickte nur.


    ...

  • Auf dem Hof des Humboldt-Gymnasiums hatten sich die Schüler zur Pause versammelt. Die Clique um Lu, eigentlich Luise, JP oder auch Jan-Philipp, Tim und Karoline saßen auf ihrem Stammplatz, dem Tischtennistisch und fragten sich, warum Daniel heute nicht im Verkehrserziehungsunterricht war. „Daniel ist doch sonst immer einer der ersten auf dem Sportplatz. Er kriegt doch nie genug von dem Gerenne.“, meinte Lu und sah besorgt auf ihren Armreif, den sie von Daniel zu ihrem ersten Date geschenkt bekommen hatte. JP jedoch meinte, dass es etwas mit ihren Lehrer, Herr Ziegler, zu tun hatte. „Immer wenn Daniel den sah, dann veränderte sich sein ganzes Gehabe auf einmal. Ich weiß auch nicht, was für ein Problem die Beiden hatten.“, erklärte er.
    „Mal was anderes, wie findet ihr eigentlich unsere beiden Aushilfslehrer?“, fragte Tim und spielte damit auf Semir und Ben an. „Der ist sooo süß.“, kam es gleich von Karoline, die mit honigsüßer Stimme über ihren Angebeteten sprach. „Wen meinst du? Den Großen oder den anderen?“, präzisierte Lu und lachte schon gehässig. Karoline schnaubte kurz und schlug mit der Hand durch die Luft. „Ben natürlich. Er ist so süß und seine Klamotten sind sooo cool.“, schwärmte sie. Tim und JP sahen sich nur vielsagend an. „Die hat wohl vorhin beim Sport zuviel Sonne erwischt.“, meinte er, als er sich flüsternd zu seinem Kumpel rüberbeugte. JP lachte nur und nickte zustimmend.
    Die Clique ließ die Köpfe rumschwenken, als Karoline ihren Schwarm den Schulhof betreten sah. „Los Karo, sag deinem Schwarm, was du für ihn empfindest.“, stichelte Lu und zwar lauter, als es für die vier dicht beieinander stehenden Freunde angebracht wäre. Sofort ruckten ein paar Köpfe rum und alle Augen wanderten auf die blondhaarige Karoline, die am liebsten vor Scham und Pein im Boden versunken wäre. Ihre Scham wurde noch größer und ihr Herz schlug Purzelbäume, als Ben und sein Partner auch noch in ihre Richtung kamen. Sie stand da, wie angewurzelt, konnte sich kaum bewegen und sah nur, wie der gutaussehende Kerl immer näher kam und dann direkt vor ihr stehen blieb.
    „Hallo, ihr seid doch in der 8c oder?“, fragte Ben die vier Schüler. Alle bis auf das blonde Mädchen nickten. „Dann ist doch Daniel Neukirch euer Klassenkamerad, oder?“, stellte Semir die nächste Frage. „Er ist unser Freund.“, mischte sich Jan-Philipp ein und kaute auf seinem Kaugummi herum, während er sich durch seine gegelten Haare fuhr. „Dann wisst ihr doch sicher, wie er in den letzten Tagen so drauf war, oder?“, kam die nächste Frage von Ben, der sich durch die kleine Blonde neben ihm etwas beobachtet fühlte. „Warum wollen sie das wissen? Hat er was ausgefressen?“, kam es vorlaut von Lu, die mit verschränkten Armen auf der Tischplatte saß und die beiden Polizisten mit ihren abfälligen Blicken regelrecht auffraß. Ben und Semir sahen sich kurz an, berieten sich dann flüsternd, ob sie es den Kids sagen sollten, dass sich ihr Freund heute morgen in den Rhein gestürzt hatte. Doch sie beschlossen, es vorerst für sich zu behalten. „Es interessiert uns.“, meinte Semir nur schnell, doch so leicht waren die vier Jugendlichen nicht hinters Licht zu führen. „Ja, is schon klar. Hör mal, wir sind schon älter, als acht.“, meinte Tim dann und stand Semir in einer lässig provozierenden Pose gegenüber. „Tut mir Leid, aber wir können euch nicht mehr sagen.“ „Wollt ihr nun mit uns reden, oder nicht?“, kam es dann etwas laut von Ben, dem die ganze Sache hier allmählich zu lange dauerte. Bei dem kurzen Geschrei zuckte Karoline zusammen und wachte endlich aus ihrer Starre wieder auf.


    ...

  • „Komm, das bringt nichts.“, zischte Ben und ging mit Semir dann ins Schulgebäude. Die vier Schüler blieben mit ratlosen Gesichtern zurück. „Was sollte das denn eben?“, fragte JP in die Runde, doch keiner wusste sich auf die Aktion der Polizisten gerade einen Reim zu machen. Doch Lu sah, wie Karo scheinbar angestrengt nachdachte. Sie ordnete es aber eher ihrer gerade eben erlebten Begegnung mit Ben zu und verwarf ihre Gedanken diesbezüglich wieder.


    Langsam gingen Semir und Ben den Flur der Schule entlang und suchten das Sekretariat. „Sag mal, fandest du die Kleine nicht ein bisschen komisch gerade?“, meinte Semir zu seinem Partner. Dieser nickte nur. „Hm, das fand ich auch. Besonders die kleine Blonde hat mich so komisch angeguckt.“, entgegnete Ben und erntete von Semir ein vielsagendes Grinsen. „Was?“, fragte Ben auf den Blick hin. „Ich wette mit dir, die hat sich in dich verschossen.“, lachte Semir und klopfte seinem Partner auf die Schultern. Entsetzt sah der junge Hauptkommissar seinen Partner an. „Lass mal, ich such zwar ne Freundin, aber die sollte doch eher in meinem Alter sein.“, entgegnete Ben lachend. „Ich dachte, du bist nicht so anspruchsvoll?“, scherzte Semir und Ben gab ihm einen Katzenkopf.
    Endlich standen sie vor dem Sekretariat und gingen direkt auf einen Schreibtisch zu, hinter dem eine streng dreinblickende Frau mit hochgesteckten, ergrauten Haaren saß. Auf der Nase eine rundglasige Brille, die sie streng auf der Nasenspitze trug. „Kann ich etwas für die Herren tun?“, fragte sie mit einschüchterner Stimme, die bei den beiden Männern einige schreckliche Erinnerungen ihrer jeweiligen Jugendzeit hervorrief. „Ja, das können sie. Wir suchen die Klassenlehrerin von Daniel Neukirch.“, entgegnete Semir und lächelte die Sekretärin an. „Einen Moment.“, meinte sie ohne ihre strenge Miene zu verziehen und ohne von ihrer Arbeit aufzusehen. Sie tippte einige Daten in den Computer ein und sah dann auf den Raumplan. „Frau Chan hat im Moment Pause.“, meinte sie und sah die beiden Männer nur an, die noch auf etwas zu warten schienen. „Und, wo können wir sie dann finden?“, fragte Ben leicht genervt, aber dennoch freundlich.
    „Momentan dürfte sie sich im Lehrerzimmer aufhalten.“, meinte die Sekretärin, nahm ihre Brille ab und deutete in den Gang hinaus. „Sie gehen hier raus, dann nach rechts, durch die Glasscheibe und dann gleich nach links. Dann stehen sie direkt davor.“, erklärte sie in einem freundlicheren Ton, als zuvor. Die beiden Männer bedankten sich und gingen den beschriebenen Weg nach.


    Nora Chan saß über ihren Vorbereitungen für die nächste Stunde, als es an der Tür des Lehrerzimmers klopfte. Zwar saßen noch einige Kollegen mit im Zimmer, doch sie saß in Türnähe, und da die Tür von außen nur mit einem Schlüssel zu öffnen war, öffnete sie und sah in die Gesichter zweier ihr nicht mehr fremden Männer.
    „Herr Gerkhan, Herr Jäger, was führt sie denn noch hier her?“, fragte sie leicht erstaunt, war die Verkehrserziehung doch schon längst zu Ende. Vor den Beiden stand eine kleine, zierlich wirkende Asiatin, deren Äußeres aber alle täuschen konnte. Sie hatte ihre Klasse vollkommen im Griff, die Schüler respektierten sie und sie respektierte die Schüler, hatte meist ein offenes Ohr für die Sorgen ihrer Schützlinge. „Können wir kurz mit ihnen reden, Frau Chan?“, fragte Semir mit ernster Stimme, ohne ein Lächeln und mit sorgenvoller Faltenstirn. Die Lehrerin merkte sofort an der ungewohnten Verschwiegenheit der beiden Polizisten, dass etwas nicht stimmte. „Ist was passiert?“, fragte sie sofort und sah sich kurz um. Doch Semir antwortete nicht, sondern blickte sie weiter mit steinerner Ernsthaftigkeit an. „Gut, kommen sie.“, meinte Frau Chan schließlich und nahm ihren Schlüssel.


    ...

  • Sie ging mit den beiden Kommissaren an einen abgelegenen Ort des Gymnasiums, wo sie ungestört reden konnten. „Frau Chan, wir müssen ihnen eine traurige Mitteilung machen.“, fing Semir an und suchte nach den passenden Worten. Er war zwar schon lange in diesem Beruf, aber Todesnachrichten zu überbringen, gehörte ohne Zweifel zu den Schattenseiten seines Berufs. Und dann auch noch ein Kind, das sich selbst seines Lebens beraubt hatte. Ben spürte die innere Zerrissenheit seines Partners. „Ist was mit meinem Mann passiert?“, fragte die kleine Frau entsetzt. „Nein, wir sind wegen einem ihrer Schüler hier. Daniel Neukirch.“, kam es als Erklärung vom jüngeren Ermittler. „Daniel? Hat er wieder etwas angestellt?“, fragte sie. Ben stutzte und Semir tat es ihm gleich, sah Ben dabei an. „Wieso wieder?“, fragte der Deutschtürke. „Kommen sie mal mit.“, meinte sie und ging mit den Kommissaren in Richtung Schülertoiletten.
    „Schauen sie mal in die zweite Kabine.“, meinte sie und Ben tat, was sie verlangt hatte. Der Hauptkommissar betrat die Toilette und sah sich um. Dann fiel ihm eine deutliche Zeichnung zweier Strichmännchen auf. Die Zeichnung deutete eine deutlich sexuelle Handlung an, bei der die eine Figur die andere scheinbar dazu zwingt. „Das hat Daniel gemalt?“, fragte Semir irritiert. „In der Tat. Der Hausmeister hat ihn dabei erwischt, wie er das gezeichnet hat. Er sollte sie heute nach dem Unterricht auslöschen.“, erzählte sie. Ben nahm sein Handy hervor und fotografierte die Zeichnung, was bei der Lehrerin verständliche Skepsis hervorrief. „Sagen sie, was ist denn mit Daniel? Sie haben mir vorhin keine Antwort gegeben.“, drängte sie und beide Polizisten sahen sich nur an. „Frau Chan, ihr Schüler hat sich heute morgen in den Tod gestürzt.“, kam es mit steifernster Miene von Ben. Die Frau schlug entsetzt die Hand vor ihren Mund. „Was? Warum?“, fragte sie. „Das wollen wir ja gerade herausfinden.“, meinte Semir und alle drei gingen wieder in den abgelegenen Teil des Gebäudes zurück.


    „Frau Chan, ist ihnen in den letzten Wochen irgendeine Veränderung an Daniel aufgefallen?“, wollte Ben wissen. „Hat sich sein Verhalten in irgendeiner Weise verändert?“, konkretisierte Semir die Frage. Die Asiatin dachte angestrengt nach. „Daniel ist ... war immer ein lebenslustiger Junge. Er liebte es einfach, andere mit seiner immerwährenden Fröhlichkeit anzustecken. Man konnte ihm eigentlich nie böse sein, auch wenn er mit seinem ausgeprägten Sarkasmus es manchmal übertrieb. Er war ein sehr beliebter Schüler.“, erzählte sie, dann sah sie auf den Boden. „Vor einigen Wochen änderte sich jedoch alles.“, kam es dann von ihr. „Wie meinen sie das?“ „Seine Fröhlichkeit war verschwunden. Er war müde und träge, sprach kaum noch ein Wort und beteiligte sich kaum noch an schulischen Aktivitäten. Als ich mit ihm sprechen wollte, wich er mir aus. Er zog sich immer mehr in sich zurück.“, erklärte sie den Kommissaren. „Es muss irgendwas furchtbares vorgefallen sein, was den Jungen dermaßen verändert hat.“, fügte sie hinzu. Ben und Semir bedankten sich und gingen zu ihrem Wagen zurück.


    ...

  • „Also?“, fragte Semir seinen nachdenklichen Partner. „Hm, was also?“, wollte Ben wissen. „Deine Meinung zu dem eben gehörten.“, forderte der Deutschtürke. Ben blieb stehen, schaute über das Wagendach zu seinen Kollegen und atmete tief ein. „Irgendwas furchtbares muss diesem Jungen widerfahren sein, dass er solch eine Zeichnung an die Wand geschmiert und sich dann heute vor meinen Augen in den Rhein hinuntergestürzt hat.“, meinte Ben und stieg ein. „Wir sollten uns mit den Eltern unterhalten.“, entgegnete Semir und stieg dann ebenfalls ein, startete den Motor und fuhr zur angegebenen Adresse auf der Rückseite des Schülerausweises. Auf der Fahrt dort hin, sah Semir dauernd zu Ben hinüber, der in sich gekehrt auf dem Beifahrersitz saß und einfach aus dem Fenster in den begonnenen Regen hinaussah. Er sagte zwar nichts, doch sein Blick sprach Bände. Scheinbar machte sich Ben Vorwürfe, dass er den Jungen nicht hat retten können.
    „Ben?“, sprach Semir seinen Partner vorsichtig an. „Hey, was hast du?“, wollte er wissen. „Semir, ich hätte ihn retten können. Er war nur einige Meter von mir weg.“, kam es bedrückt von Semirs Partner. Seine Stimme klang ratlos und vorwurfsvoll gegen sich selbst. „Ich hätte ihm helfen müssen.“, hängte er leise an. „Ben, jetzt belaste dich doch nicht damit. Du hast getan, was du konntest.“, versuchte Semir seinen Freund zu beruhigen, doch das schien nicht zu helfen. „Wie soll ich denn nachher den Eltern in die Augen sehen, wenn ich ihnen sagen muss, dass ihr Sohn sich heute vor meinen Augen, den Augen einen Polizisten, das Leben genommen hat und ich ihm nicht helfen konnte?“, stieß er zornig aus. Semir wollte etwas erwidern, doch er ließ es bleiben. Jedes weitere Wort hätte Ben wahrscheinlich nicht geholfen. Es war am Besten ihn erstmal damit fertig zu werden.


    Der BMW fuhr vor einem mehrgeschossigen, aber wunderschönen Mietshaus in einer ruhigen, gehobenen Gegend von Köln vor. Ben sah mit bedrückter Miene an der Fassade hinauf. Semir merkte, dass es seinem Partner unangenehm war, dort hinein zu gehen und der Familie in die Augen zu blicken. „Soll ich das besser alleine machen?“, fragte Semir und kam um das Auto zu Ben rum. „Nein, lass mal. Ich muss das machen.“, erwiderte Ben trüb und schlug die Wagentür zu. Beide gingen auf das Haus zu und klingelten beim entsprechenden Namen.
    „Hans, da sind zwei Herren von der Polizei, die mit uns sprechen wollen.“, meinte Doris Neukirch, als sie mit Ben und Semir im Schlepptau das Arbeitszimmer ihres Mannes betrat. Der Mann mit dem Schnauzer auf der Oberlippe drehte sich wundernd zur Tür und begutachtete die Männer mit seinen Augen von oben bis unten, nahm dann seine Brille ab und ging auf die Kommissare zu. „Hans Neukirch.“, stellte er sich vor und gab beiden die Hand. „Semir Gerkhan ... Kripo Autobahn.“, meinte Semir, deutete dann auf Ben. „Mein Partner Ben Jäger.“ „Um was geht es?“, wollte der Mann wissen und sah dann das tiefsinnige Gesicht seiner Frau. Er ahnte, dass hier etwas schlimmes passiert sein musste.
    „Geht es um Daniel?“, fragte er sofort, bevor Ben Luft zur Erklärung geholt hatte. Das Gesicht des jungen Ermittlers sank betrübt zu Boden. Er konnte in diesem Moment dem Vater des Jungen in die Augen sehen. „Herr Neukirch, ich muss ihnen eine traurige Mitteilung machen.“, fing Semir an und sah dann zu Doris Neukirch, die Ben genau beobachtete, was dieser spürte. Er versuchte, den durchdringenden Blicken der Frau auszuweichen. „Ihr Sohn Daniel hat sich heute morgen von der Rheinbrücke in den Tod gestürzt.“ Auf diese Worte hin, glitt die Frau von ihrem Stuhl, schlug sich entsetzt die Hand vor den geöffneten Mund und stieß einen markerschütternden Schrei aus. Dicke Tränen liefen ihr dabei über die Wange und benetzten ihre orangene Bluse. Sofort war Hans Neukirch bei seiner Frau und nahm sie schützend in den Arm. Auch er konnte nicht fassen, was diese beiden Polizisten ihnen gerade eröffnet hatten. Daniel sollte tot sein? Für immer aus dieser Welt entschwunden? Ohne ein Wort darüber zu verlieren? Nein, sie mussten lügen. Er konnte nicht tot sein. Durfte es nicht sein.


    ...

  • „Sie lügen.“, stieß die Frau plötzlich aus, als sie sich ein wenig gefangen hatte. „Frau Neukirch, bitte.“, versuchte Semir sie zu beruhigen. „SIE LÜGEN!“, schrie sie und kam wütend auf den kleinen Hauptkommissar zu, wollte ihm ins Gesicht schlagen, doch der Mann reagierte sofort, zog seine Frau an sich, drückte sie fest in seine Arme und versuchte sie zu beruhigen. „Ich will ihn sehen.“, meinte er leise. „Herr Neukirch, ich glaube nicht, dass...“, weiter kam Ben nicht. „ICH will meinen Sohn sehen. Ein letztes Mal.“, begehrte er mit Nachdruck und ließ still eine Träne sein Gesicht hinunterfließen. Ben sah Semir an, dieser nickte nur. „Kommen sie, wir bringen sie in die Gerichtsmedizin.“, meinte der Deutschtürke mit sanfter Stimme. Der Mann führte seine Frau mit sanften Druck in den Flur und legte ihr ihren Wettermantel um. Als die Beteiligten aus dem Haus gingen, wehte ihnen ein schier eiskalter Wind durch die Gesichter und es begann ein kalter Nieselregen einzusetzen, der die Stimmung aller Beteiligten nur sehr gut unterstrich.


    Die ganze Fahrt zur Pathologie ging schweigend vonstatten. Keiner sagte ein Wort. Was für Worte wären in dieser Situation auch angebracht gewesen. Auf der Rückbank saßen zwei Menschen, die gerade ihren Mittelpunkt des Lebens verloren hatten. Wie konnte man auch so etwas ahnen. Am Morgen nörgelt man noch mit dem Jungen, er solle seine Stullen mitnehmen, drückt ihm einen hastigen Kuss auf die Wange, ruft ihm vielleicht noch einen peinlichen Ratschlag hinterher und im nächsten Moment erfährt man, dass dieser Mensch gestorben sei. Einfach so. Dass er nicht wiederkommen, nicht mehr nach Haus zurückkommen wird. Eine entgültige Leere war entstanden, die mit nichts auf der Welt auszufüllen sei.
    „Sind sie bereit?“, fragte der Gerichtsmediziner, als die Neukirchs mit Semir und Ben am Seziertisch standen. Die Frau sagte nichts, starrte nur auf das grüne Leichentuch, welches den leblosen Körper ihres Sohnes bedeckte. Schluchzend schmiegte sie sich an die starke Schulter ihres korpulenten, großen Mannes, der sie schützend in seinen Armen hielt. Hans Neukirch nickte und der Mediziner zog langsam das Tuch vom Kopf und Brust des Jungen. Sofort kreischte die Frau wieder vor innerlichen Schmerzen. Ihr Herz schien sich zusammen zu ziehen und zu zerbersten. Ihr Kind lag da auf dem Tisch, tot und kalt. Dem Mann stiegen die Tränen in die Augen und schienen keinerlei Ende zu nehmen. „Warum hat er das getan?“, fragte Hans Neukirch. Die Kommissare konnten nur ratlos die Schultern heben. Semir wollte die Neukirchs hinaus begleiten, als der Doc ihn und Ben zurückpfiff.


    ...

  • „Semir, Ben, ich habe bei dem Jungen etwas gefunden, was ich ungern vor den Eltern besprechen würde.“, meinte er leise und bat die beiden Ermittler etwas dichter an sich heran, während die Neukirchs vor dem Operationssaal auf einer Bank saßen und warteten. „Was gibt es denn?“, fragte Semir leise und lehnte sich etwas dem Doc entgegen. „Ich habe den Jungen untersucht und musste feststellen, dass der Junge Merkmale von sexuellem Missbrauch aufwies.“, erklärte er mit schwerer, kloßartiger Stimme. Ben glaubte nicht, was er da hörte. „Der Junge wurde ...“, er konnte es nicht aussprechen. Zu abscheulich war der Gedanke für ihn, einem Kind so etwas anzutun. Semir stand geschockt daneben und sagte nichts. „Ich habe eindeutige Anzeichen gefunden. Allem Anschein nach, wurde der Junge über mehrere Monate hinweg missbraucht.“ Semir dachte, er müsse sich übergeben. Ihm wurde schlecht bei dem Gedanken, dass jemand zu solch einer abscheulichen und barbarischen Tat fähig war. Seine Blicke wanderten zur Tür. „Die Eltern werden das niemals verkraften, wenn wir es ihnen jetzt sagen. Am Besten, wir behalten es vorerst für uns.“, meinte er und ging mit Ben aus dem Raum hinaus. Er ließ die Neukirchs nach Hause bringen, blieb aber mit Ben noch eine Weile auf dem Parkplatz der Gerichtsmedizin stehen.


    „Oh Gott, wie kann einer einem Kind so etwas antun?“, fragte Ben und durchbrach die unerträgliche Stille, die sich über Beide gelegt hatte. „Der Junge hat sich in den Rhein gestürzt, um das alles nicht mehr mitmachen zu müssen.“, meinte Semir nachdenklich. Ben sah ihn an. „Er hat auf seine Weise nach Hilfe geschrieen. Welch eine Qual muss der Junge durchgestanden haben.“, fügte Semir schwer hinzu. „Semir, wir müssen dieses Schwein finden. Wer weiß, ob Daniel das einzige Opfer war.“ Ben war wild entschlossen, dieses Täter zu finden, das konnte der Deutschtürke an den bestimmenden Augen seines Partners ablesen. Und auch er würde keine Ruhe geben, ehe der Täter nicht gefasst war. „Komm, lass uns zur PASt zurückfahren und dann sehen wir uns noch mal die Sachen des Jungen durch.“, meinte Semir und stieg in den Wagen.
    Dort angekommen lagen die Sachen immer noch in einem Karton der KTU und waren in Plastikbeuteln verpackt. Ben nahm sich als erstes den Terminplaner des Jungen hervor. „Ich frage mich, was dieses Kürzel hier zu bedeuten hat.“, dachte Ben laut und blätterte immer wieder die Seiten durch. Es kam immer regelmäßig, meist einmal in der Woche. „Es kommt meist am Wochenende vor.“, fügte er hinzu. „Vielleicht jemand, mit dem er sich regelmäßig getroffen hat.“, mutmaßte Semir. „Ach? Darauf wäre ich nicht gekommen, Sherlock.“, zischte Ben und warf das Buch auf den Tisch. „Wir sollten dringend noch mal mit den Eltern reden. Vielleicht können sie uns sagen, was das Kürzel N Z bedeutet.“


    ...


    so, mal ein bisschen mehr Feeds. Motiviert mich. ;)

  • und der nächste Teil. Wünsch euch schöne Pfingsten ;)
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    „Na komm, so schwer ist die Definition doch gar nicht.“, meinte Nicolas Zerbst zu Tim, der vor ihm am Schreibtisch saß und mit seiner Hand einen gelben Kasten in seinem Biologiebuch abdeckte. „Noch mal.“, forderte Nicolas und strich dem älteren, sechzehnjährigen Jungen aufmunternd über die Schulter. Tim atmete tief ein und setzte dann noch mal an. „Die Botanik ist die Lehre der Pflanzen und befasst sich mit dem Stoffwechsel, dem Zyklus und dem Aufwachsen von Pflanzen. Sie wurde vom Griechen Dioskurides bestimmt. Äh?“, er machte eine kurze Denkpause, schloss seine Augen dabei und versuchte sich zu konzentrieren. Nicolas merkte, dass er einen Hänger hatte. „Was gehört nicht mehr zur Pflanzenkunde?“, wollte er wissen und gab so einen kleinen Denkanstoß. „Äh ... äh Pilze.“, schoss Tim ab. „Sehr gut.“, lobte Nicolas und klopfte ihm auf seine Schulter, sah dann aber auf die große Standuhr. „Oh schon wieder vorbei.“, dachte Nicolas laut. „Ich muss zum Fechten.“, meinte Tim dann und packte die Bücher zusammen. „Okay, morgen dann wieder um die gleiche Zeit.“, mahnte Nicolas und brachte seinen Schüler zur Tür. „Bis morgen dann also.“, meinte der Nachhilfelehrer und gab seinem Schüler die Hand. Tim nickte nur und verschwand mit seiner Sporttasche und seinem Rucksack.
    Sebastian beobachtete aus seinem Fenster, wie Tim aus dem Haus ging. Ihm schwebten wirre Gedanken im Kopf herum. Was war los, dass er beim Anblick dieses Jungen Herzrasen bekam? Er war jetzt 23 und hatte immer noch keine Freundin. Er wusste, dass er anders war, aber so anders hätte er niemals gedacht. Vorsichtig schob er die Vorhänge zurück und ging wieder zu seinem Schreibtisch. Er hatte im Augenblick keine Kontrolle über seinen Körper und seinen Drang. Dieser Drang war stark, stärker als er. Wie sollte er das durchstehen? Wenn er mit diesen jungen Menschen alleine war, verlor er die Kontrolle über sich. Sebastian konnte in diesen Momenten sehr einschüchternd wirken. Das war einer der Gründe, warum diese Jungen alles taten, was er wollte. Nachdenklich widmete er sich wieder seinen Büchern, doch einen klaren Gedanken fassen konnte er nicht. Immer musste er an diesen einen Jungen denken, Daniel. Immer wieder kreisten die Gedanken um diesen Jungen. Er musste raus hier. Die Bude fiel ihm auf den Kopf. Sich umsehend ging er zu seinem Bett, holte eine kleine Schachtel darunter hervor und verschwand aus seinem Zimmer. Schnell rannte er die Treppe runter, schnappte sich im Vorbeigehen seine Jeansjacke und verschwand, ohne seinem Bruder ein Wort zu sagen.


    Lu, JP und Karoline saßen am Rhein und ließen Steine ins Wasser hüpfen, wie sie es immer nach der Schule taten. Die Stimmung war gedrückt, denn Daniel war immer noch nicht aufgetaucht. „Man, was ist mit dem Kerl bloß los? Sonst ist er doch immer in der Schule.“, murrte Jan-Philipp, Daniel war sein bester Freund, vertraute ihm alles an, rief ihn an, wenn er krank war. Doch heute. Nichts.


    ...

  • „Wer weiß, was mit ihm ist.“, meinte Karo und warf einen Stein ins Wasser. Er hüpfte nur zwei Mal, bevor er in den Fluten des Rheins versank. „Vielleicht hat er ja eine neue Freundin.“, stichelte sie und zog damit den Zorn von Luise auf sich. „Sag das noch mal?“, schrie Lu und wollte auf Karo los, doch JP hielt sie zurück. „Du weißt doch genau, dass er mit dir Schluss gemacht hat.“, fauchte Karo. „Das stimmt nicht. DAS IST NICHT WAHR.“, schrie sie und wollte auf Karo losgehen, doch JP hielt sie sicher fest. „Ach komm schon. Wann wart ihr das letzte Mal Eis essen? Wann das letzte Mal im Kino?“, schaltete sich JP ein und zog nun den Zorn der blonden Hochgewachsenen auf sich. „Hat er dir erzählt, warum er mit mir Schluss gemacht hat? Hat er dir einen Grund genannt, JP?“, fauchte Lu, doch JP musste passen.
    „Nein, das hat er nicht, aber er hat mir gesagt, dass er sich nichts mehr von dir gefallen lassen würde. Er kann deine einschüchternde Art einfach nicht mehr ertragen.“, erzählte der Junge und traf damit das Mädchen mitten ins Herz. Sie schlug zu und traf ihn mitten auf der Nase. Blut schoss heraus und benetzte seine Strickjacke. „Au verflucht.“, stieß er aus. Lu schnellte an ihm vorbei und machte sich auf den Heimweg. Karoline stand bei JP und wischte ihm das Blut aus dem Gesicht. „Musste das sein?“, fragte Karo und sah den Jungen eindringlich an. „Warum? Du warst ja auch nicht gerade zimperlich zu ihr.“, erwiderte Jan-Philipp und fasste sich an die Nase, sie schien nicht gebrochen zu sein. „Was machen wir jetzt wegen Daniel?“, fragte Karo und sah JP mit schiefem Kopf an. „Vielleicht fragen wir mal bei Neukirchs nach.“, meinte der Junge und beide machten sich auf den Weg zu den Eltern ihres Freundes.


    Ben hatte gerade den Hörer zurück auf die Gabel gelegt, als Semir in das Büro zurückkam, in der Hand zwei Becher Kaffee und ein Sandwich für jeden. Doch Ben nahm nur den Kaffee. „Komm, du musst doch etwas essen.“, meinte Semir führsorglich und schob ihm verführerisch das mit Hähnchenstreifen gespickte Sandwich unter die Nase. „Da ist Hähnchen drauf, das magst du doch so.“, lächelte Semir und fuchtelte damit vor der Nase seines Partners rum, der jedoch nur die Hand von Semir ausschlug. „Semir, ich hab keinen Hunger.“ Auf diese Aussage seitens seines Partners machte Semir nur ein ungläubiges Gesicht. „Du hast keinen Hunger?“, fragte er und betonte das Extra, weil er wusste, was für eine Fressmaschine dieser dennoch schlanke Polizist sein konnte.
    „Semir, ich habe wirklich wichtigeres zu tun, als mir den Bauch voll zu schlagen, wenn dort draußen ein Mörder frei herumläuft, der das Leben eines Kindes auf dem Gewissen hat, auch wenn es Selbstmord begangen hat.“, zischte Ben und nahm einen kräftigen Schluck aus dem Kaffeebecher, stieß jedoch sofort einen spitzen Schrei aus. „Vorsicht heiß.“, kommentierte Semir nur darauf. „Ach, darauf wäre ich nie ohne dich gekommen.“, zischte Ben mit verbrannter Zunge und wedelte ihr kalte Luft zu. Bei dieser Szenerie musste Semir doch sehr lachen und zog damit nur die Wut Bens auf sich, die aber schnell verflog und er ebenfalls in das Lachen seines Partners mit einstimmte.


    ...

  • Achtung, jetzt kommt was zum Lachen ;)
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    „Man sahst du gerade dämlich aus.“, lachte Semir und nahm einen Schluck aus seinem Kaffeebecher, pustete aber vorher und entging so der peinlichen Szenerie, die es gerade bei Ben gegeben hatte. „Ja ja, lach du nur.“, kam es von Ben, der sich dann wieder der Ernsthaftigkeit der Ermittlungen widmete. „Ich habe gerade mit Herrn Neukirch telefoniert und er konnte mir sagen, was das Kürzel N Z zu bedeuten hat.“, meinte Ben und ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen, betrachtete dann das Hähnchensandwich mit gierigem Blick. Er musste sich eingestehen, dass ihn der Hunger doch plagte. Vor dem Joggen hatte er nur eine Banane und einen Apfel gegessen. Schnell nahm er das Sandwich an sich und zog die Folie ab. Wieder musste Semir lachen. „Hab ich’s doch gewusst.“, kam es triumphierend von ihm. Ben schaute ihn nur kauend an, ein kleines Stück Salat hing ihm dabei noch aus dem Mund. „Was denn?“, fragte er mit vollem Mund. „Nichts, alles gut.“, erwiderte Semir und wollte dann wissen, was das Kürzel nun eigentlich bedeutete.
    „Herr Neukirch hat mir erzählt, dass Daniel Nachhilfe in Chemie und Physik bekam. Scheinbar hing seine Versetzung davon ab, ob er die nächsten Klausuren mit einer drei besteht oder nicht.“, erklärte Ben, nachdem er runtergeschluckt hatte. „Wie heißt denn sein Nachhilfelehrer?“, fragte Semir und nippte wieder an seinem Kaffeebecher. „Nicolas Zerbst, wohnhaft in Köln, nicht weit weg von der Rheinbrücke.“, entgegnete Ben und nahm einen erneuten Biss vom Brot.
    „Dann sollten wir so schnell wie möglich zu ihm fahren.“, meinte Semir, stand auf und zog seine Jacke an. Ben sah ihn entrüstet an. „Jetzt sofort? Ich bin doch noch nicht fertig.“, protestierte er, doch Semir nahm das Brötchen aus Bens Hand und wickelte es wieder in die Folie ein. „Hier, kannst im Wagen weiter essen. Aber wehe, es landet ein Salatblatt oder ein Majonaisefleck auf meinen Sitzen, die sind gerade frisch gesaugt worden.“, drohte Semir. Ben rollte nur mit den Augen und ging hinter seinem „Papa“ her. „Wann hätte ich denn jemals deinen über alles geliebten Autositze vollgekleckert?“, fragte Ben scheinheilig. Sofort drehte sich Semir und funkelte ihn böse an. „Sag das dem Kaugummi, den ich letztes Mal unter meinem Sitz gefunden habe, nachdem ich dir das Auto geborgt hatte, weil dein Feuerofen und dein Porsche in der Werkstatt waren und du unbedingt deine Mieze zum Date abholen musstest.“, kam es erklärend und ermahnend von Semir. Ben schluckte. „Äh, aber sonst war doch nichts mit dem Wagen oder?“, fragte er und schwitzte leicht verräterisch. „Mal abgesehen von dem Bonbonpapier.“, kam es klagend von Semir, der schon um die Ecke verschwunden war und nicht mehr sah, wie Ben erleichtert ausatmete. „Sollte ich was wissen?“, kam es dann noch von Semir, der um die Ecke sah. „Äh nö, wieso? Alles gut.“, wimmelte Ben nur ab und ging dann an seinem Partner vorbei, der ihn fragend hinterher sah. Beide machten sich anschließend auf den Weg zum Nachhilfelehrer.


    „Geh du schon mal vor, ich komm gleich nach.“, meinte Semir, als sie das Haus erreicht hatten. Ben nickte nur und ging vor. Der Deutschtürke allerdings ging nach dieser ausweichenden Frage seines Kollegen auf der PASt um sein Auto herum und prüfte es mit kritischen Blicken. Sollte ihm Ben einen Kratzer verheimlicht haben? Semir glaubte dies zumindest, fand aber nichts, je intensiver er sich sein Auto ansah. Nach fünf Minuten gab er auf und ging Ben hinterher, der sich die Szenerie vom Gartenzaun aus angesehen hatte. „Vertraust du mir etwa nicht?“, fragte mit gespielter Enttäuschung. „Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser.“, erwiderte der Deutschtürke nur und schritt an seinem sprachlos gewordenen Partner vorbei.
    Semir klingelte und ein Mann, Ende dreißig mit blond gelockten Haaren und einem Dreitagebart, öffnete den Beiden die Tür. „Ja, bitte?“, fragte er und sah in die ernsten Gesichter der beiden Männer. „Herr Nicolas Zerbst?“, fragte Ben. Der Mann nickte zustimmend. „Wir sind von der Kripo Autobahn und würden sie gerne dringend sprechen.“, meinte dann Semir ohne eine Miene seines aufgesetzten Beamtengesichts zu verziehen. „Bitte, treten sie doch näher.“, meinte Nicolas Zerbst und ließ seine Gäste in den Flur und in sein Haus hinein.


    ...

  • „Herr Zerbst, es geht um Daniel Neukirch.“, fing Semir an und ließ sich in einen der Sessel nieder, während Ben es vorzog stehen zu bleiben. „Daniel? Ist was mit ihm passiert?“, fragte der Lehrer besorgt und schlug die Beine übereinander. „Er hat sich heute morgen von der Rheinbrücke gestürzt.“, erklärte Ben mit Betroffenheit in der Stimme. Trotzt der Aufmunterung durch Semir konnte er dieses Bild nicht vergessen und würde es auch bestimmt nie vergessen. „Was? Aber warum?“, fragte der Lehrer geschockt. „Wir hoffen, sie können uns das sagen.“, kam es vorwurfsvoll von Ben zurück. „Wie meinen sie das?“, wollte der Lehrer wissen und fühlte sich durch Bens Ton ein wenig angegriffen. „Unser Gerichtsmediziner hat bei der Leiche des Jungen Spuren von sexuellem Missbrauch festgestellt.“, erklärte Semir und kam damit Ben zuvor, den er mit einem direkten Blick zu beruhigen versuchte. „Oh mein Gott.“, stieß der Nachhilfelehrer aus und sah bekümmert zu Boden. „Missbraucht sagen sie? Wie kann das sein?“ „Laut Obduktionsbefund wurde er über mehrere Monate hinweg in regelmäßigem Abstand missbraucht. Ist ihnen etwas aufgefallen?“, wollte Semir wissen und beobachtete dabei jegliche Regung seines Gesprächspartners.
    „Warten sie, seit den letzten Wochen war er extrem still und zuckte bei jeder Berührung zusammen, wenn ich ihm aufmunternd auf die Schulter geklopft habe.“, erwiderte der Lehrer und sah sich, in Bens Augen, etwas nervös um. Für den jungen Kommissar stand definitiv fest, dass dieser Mann unmittelbar mit den Umständen, die zu Daniels Selbstmord geführt haben, zu tun hat. Seine Augen sagten ihm, dass er damit zu tun hatte. Auch wenn Semir ihm das nicht glauben würde. „Worin bestand denn die Schwierigkeit von Daniel? Also schulmäßig?“, wollte Ben dann wissen. „Daniel hatte vor allem in Physik Probleme, aber auch Chemie bereitete ihm Kopfzerbrechen.“, entgegnete er und fuhr auf, als er die Tür ins Schloss fallen hörte. Sofort sahen auch die beiden Kommissare zur Tür und sahen, wie ein junger Mann ins Wohnzimmer trat.
    „Wo bist du gewesen?“, wollte Nicolas mit barscher Stimme wissen. Sebastian sah seinen Bruder an. „Das geht dich nichts an.“, fauchte er ruhig zurück. Semir erhob sich und stand dann neben Ben. „Ich will es wissen.“, zischte Zerbst seinen Bruder an. Dann wandte sich aber Sebastians Blick den beiden Männern zu, die neben ihm und seinem Bruder standen. „Wer sind sie denn?“, wollte er wissen. „Gerkhan und Jäger, Kripo Autobahn.“, meinte Ben nur im gleichen Ton zurück. „Die Herren untersuchen den Tod von Daniel Neukirch.“, erklärte Nicolas und sah, wie sich der Gesichtsausdruck seines Bruders umkehrte. Ohne ein Wort zu sagen, stürmte er aus dem Zimmer, die Treppe hoch und verschwand. „Entschuldigen sie das Benehmen meines Bruders.“, meinte Nicolas und begleitete die Polizisten zur Tür. „Schon in Ordnung. Wir sind ja vorerst fertig.“, meinte Semir und verließ mit Ben, der Zerbst immer noch einen verdächtigen Blick zuwarf, das Haus.
    „Semir, der hat doch was mit dem Jungen zu tun.“, kam es gleich von Ben, als sich die Tür hinter ihnen schloss. „Klar, er ist sein Nachhilfelehrer.“, erwiderte Semir trocken. „Du mal wieder.“ „Ben, es ist nicht sicher, ob er was damit zu tun hat. Wir müssen einfach mehr über die Umstände in Erfahrung bringen.“, erklärte er und öffnete den Wagen. „Ja, und bis dahin hat dieser Kerl schon den nächsten Jungen am Wickel.“, zischte Ben. Semir konnte nur die Augen über diese Bemerkung verdrehen.


    ...

  • Keine Feeds ??? Jetzt aber ;)
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    Nicolas ging hinter Sebastian her und stieg die Treppen mit schweren Schritten hinauf. „Mach sofort die Tür auf.“, schrie er und hämmerte an die Zimmertür seines Bruders. „Lass mich in Ruhe.“, kam es aus dem Zimmer. „Sebastian, was soll das?“, fragte er, doch es kam keine Antwort. „Hey, ich rede mit dir.“, fauchte Nicolas und trat gegen die Tür, doch nichts. „Ach, mach doch, was du willst.“, zischte er und ging wieder in sein Arbeitszimmer zurück.
    Sebastian lag in seinem Bett, das Kissen eng in seine Arme geschlungen und weinte. Still und heimlich, damit sein Bruder es nicht hörte. Schon lange ahnte Nicolas, was seinen jüngeren Bruder so quälte, doch konnte er es verstehen? Würde er ihm helfen, wenn Sebastian ihm alles erzählte? Nein, er wusste, wie sein Bruder war. Genau, wie ihr verstorbener Vater. So eingeschnürt in seiner eigenen, moralischen Welt. Sicher, er ließ ihn bei sich wohnen, doch nur, weil seine Mutter ihn am Sterbebett darum gebeten hatte. Sonst verband die Beiden nichts, rein gar nichts. Wie sollte er ihm auch erklären, dass er solch pädophile Gedanken hatte, die ihn übermannten, überhand nahmen und ihn kontrollierten. Er würde ihn sofort wegsperren lassen. Vielleicht war es auch so das Beste.


    JP und Karoline kamen an der Wohnung der Neukirchs an und klingelten. Eine völlig verweinte Frau öffnete ihnen. „Hallo, wir wollten zu Daniel. Ist er zu Hause?“, fragte der Junge und konnte nicht ahnen, was er mit dieser Frage bei der Mutter auslöste. Sofort brach sie wieder in Tränen aus und schniefte in ihr Taschentuch. Irritiert sahen sich Jan-Philipp und Karoline an. Hier musste etwas furchtbares passiert sein, das war den Beiden sofort klar, als sie die Mutter sahen.
    „Was ist denn passiert?“, fragte Karoline, als Herr Neukirch an die Tür trat und seine Frau wieder beruhigend in den Arm nahm. „Daniel hat sich heute morgen das Leben genommen.“, erzählte er mit schwerer Stimme. Die Frau brach nun noch mehr in Tränen aus und vergrub sich weiter in die Schulter ihres Mannes. Fassungslos standen die beiden Teenager da und konnten es nicht fassen. „Daniel ... ist tot?“, stammelte JP und begriff zuerst nicht. „Warum?“, fragte Karoline nur und merkte, wie ihr die Tränen ins Gesicht stiegen. „Die Polizei weiß es auch noch nicht.“, erwiderte Hans Neukirch und führte seine Frau dann in die Wohnung zurück, während die beiden Schüler mit getrübten Gesichtern die Treppen hinunterstiegen und nichts sagen konnten. Was sollten sie auch sagen? Ihr bester Freund, derjenige, mit dem sie lachten, alberten und den Lehrern auf die Palme trieben, war tot. Sie konnten es nicht glauben. War es denn auch so? Warum sollten die Eltern sie belügen? Ihr Freund war tot. Aber, was hatten die Eltern gesagt? Selbstmord?
    „Warum?“, schluchzte Karoline und fiel JP weinend um den Hals. Dieser kämpfte ja selbst mit den Tränen, nahm sich aber dem Schutz der Freundin an. „Wieso hat er das getan?“, weinte sie vor sich hin und drückte sich immer tiefer in die Schultern von JP. Auch er ließ die Tränen seine Wangen hinuntergleiten. Sonst war er der Harte, der Abgebrühte, ließ nichts an sich heran. Doch in diesem Moment, sein bester Freund war tont. Da sollte, nein, durfte er trauern. Für ihn war es, als hätte er die Hälfte seines Herzens und seiner Seele verloren. So leer fühlte er sich innerlich.


    Tim Weinbaum hatte sein Fechttraining beendet und stand unter der Dusche, säuberte sich vom Schweiß seines anstrengenden Trainings. Der Sechzehnjährige massierte sich das Haarshampoo ins Haar und auf seine Kopfhaut. Er liebte diesen Sport und war darin richtig gut, nur in Biologie war er schwach und die Abschlussprüfungen standen bevor. Er musste morgen wieder zu Nicolas Zerbst und seinem komischen Bruder, der ihn immer so eigenartig ansah, als wolle er ihn auffressen oder so was ähnliches. Doch er musste einfach diese Prüfung schaffen, um dann an den Meisterschaften in vier Monaten teilnehmen zu können. Das war die Voraussetzungen, die ihm seine Eltern gesetzt hatten. Ihm schwebte eine Sportlerkarriere vor, die für seine Verhältnisse einzigartig war.


    ...

  • Erfrischt und geduscht nahm er seine Sporttasche an sich und verließ die Halle. Er war zufrieden, genau wie sein Trainer, der große Stücke auf ihn hielt, ihn zwar hart rannahm, aber auch immer wieder ermutigte weiter zu machen. Aber irgendwie hatte er immer ein mulmiges Gefühl, wenn ihm dieser Mann zu nahe kam, sein Handgelenk berührte, um ihn eine bessere Fechtposition zu zeigen. Es war nur so ein Gefühl, aber es war da und unleugbar. Was sollte er machen? Tim ging zur Bushaltestelle und fuhr nach Hause. Seine Mutter war alleinerziehend und den ganzen Tag unterwegs, was ihr Beruf als Maklerin nun mal so mit sich brachte. Der Vater von Tim hatte sie direkt nach der Geburt verlassen und war ins Ausland geflohen, wie sie immer sagte. Er schmiss die Tasche in die Ecke und widmete sich wieder seinen Büchern. Doch immer wieder sah er auf sein Handy. „Mensch, was ist los?“, fragte er stirnrunzelnd und klappte sein Handy wieder zu. Er wartete auf einen Anruf von jemanden, jemanden, für den Tim in diesem Moment alles tun würde. So fühlte er sich und sein Herz war zerrissen, innerlich. „Verdammt.“, stieß er aus und hörte dann, wie die Tür ins Schloss fiel.
    „Tim, ich bin's. Hilf mir doch mal mit den Einkäufen.“, hörte er die genervte Stimme seiner Mutter im Hausflur. Sofort war er unten und half ihr mit den schweren Tüten und den Getränkekartons, die er sofort in die Speisekammer des alten Hauses brachte, das etwas außerhalb der großen Stadt lag. „War dein Tag anstrengend?“, wollte der Sohn von seiner Mutter wissen und nahm ihr auch noch die letzte Tüte ab. „Wie man es nimmt. Ein Pärchen hatte sich ein Haus angesehen, wollte aber noch mal darüber in Ruhe nachdenken. Alle anderen Häuser, die heute auf dem Plan standen sind verkauft.“, erzählte sie, machte dann aber eine kurze Pause und ging mit ihrem Sohn in die Küche, setzte einen Kaffee auf. „Warst du heute bei der Nachhilfe?“, wollte sie dann wissen und stellte ihrem Sohn einen Becher Kaffee hin. „War ich.“, meinte er nur und rollte mit den Augen. Das war er doch immer vor dem Training. „Gab es irgendwas besonderes?“, wollte Karin Weinbaum wissen, doch ihr Sohn schüttelte nur den Kopf. Immer wieder sah er auf sein Handy, während er mit der Mutter sprach, doch noch immer nichts. Ob er es vergessen hatte?


    Ben und Semir waren wieder auf dem Heimweg. Beide ließ das Schicksal dieses Jungen nicht los. Er war erst dreizehn Jahre alt und stürzt sich in den Tod. Welche Pein und Qualen muss der Junge nur durchlaufen haben? Ben saß ganz in Gedanken versunken auf seiner Couch und knetete seine Hände durch. Den Ausdruck, der in den Augen von Daniel Neukirch stand, als dieser das Geländer losließ, würde er nie mehr vergessen können. Ein Junge, der wahrscheinlich über Monate hinweg sexuell missbraucht wurde. Eine Tatsache, die Bens Wut noch mehr steigerte und seine Verbissenheit für diesen Fall ans Tageslicht förderte. Er wusste, irgendwas musste dieser Nachhilfelehrer damit zu tun haben und er würde Semir schon beweisen, dass er recht hatte. Er wusste jedenfalls, dass er recht hatte und das sollte ihm genügen. Seinen Kollegen würde er schon überzeugen.
    Semir saß derweil zu Hause mit Andrea und Aida beim Abendessen und war schweigsam, was er sonst kaum war. „Schatz, was ist los mit dir?“, wollte Andrea wissen, als sie ihm zum dritten Mal um die Butter gebeten hatte. „Hm?“, fragte dieser, als ihn seine Frau aus den Gedanken riss. „Was bedrückt dich?“, wollte sie dann wissen und nahm sich selbst die Schale mit der Butter. „Nichts.“, log er und aß weiter, doch Andrea spürte genau, dass ihrem Mann etwas beschäftigte. „Dich beschäftigt doch was. Also, was ist los?“, wollte Andrea wissen, doch ihr Mann konnte es nicht sagen, wie denn auch? Er ging mit seinen leeren Teller in die Küche, Andrea kam hinterher. „Semir, bitte rede mit mir.“, forderte sie und hielt ihm sanft am Arm fest.


    ...

  • und der Teil für heute ;) Viel Spaß
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    Er sah sie an und dann zu seiner Tochter, um sicherzugehen, dass sie nicht zuhören konnte. „Heute morgen hat sich vor Bens Augen ein Junge in den Tod gestürzt.“, erklärte er mit tiefbedrückter Stimme und sah, wie seine Frau die Hand vor den Mund schlug. „Der Junge wurde sexuell missbraucht.“ „Oh mein Gott. Wie geht es Ben?“, wollte Andrea wissen. „Wie man es nimmt. Er will den Täter und allen Umständen finden und ich befürchte, dass sein Übereifer dabei mit ihm durchgehen wird.“, erwiderte Semir und umarmte seine Frau. Er brauchte jetzt einfach jemanden, der ihm Kraft für die bevorstehende Aufgabe gab. Sicherlich würde Ben sich auf einen Verdächtigen einschießen und er hatte dann bestimmt damit zu tun, Ben von unsinnigen Vorhaben abzubringen.


    Karoline stand vor dem Appartementhaus, wo Ben seine Wohnung hatte und sah nach oben. Oh, wenn sie ihm doch nur ihre Gefühle gestehen könnte, das wäre schon ein Anfang. In ihrer Hand hielt sie den Brief, den sie mit zittriger Hand an ihren Schwarm geschrieben hatte. „Ach Ben, könnte ich dir doch nur persönlich sagen, was ich empfinde.“, meinte sie und steckte den Brief in seinen Briefkasten. Schnell war sie wieder verschwunden, sah sich aber noch mal kurz nach ihrem Liebsten um, bevor sie entgültig im Dunkeln verschwand.


    Der Wecker schrillte um sechs Uhr und erbarmte sich nicht mit dem müden Ben. Murrend stand er auf, schlurfte in die Dusche und gönnte sich einen warmen Wasserfall auf seinen Körper. Herrlich. Wenigstens wurde er so etwas munterer. Er brauchte heute seine ganze Energie.
    Nach einem kurzen Frühstück schnellte er die Treppen hinunter, sah noch einmal in seinen Briefkasten. „Nanu?“, dachte er und holte einen kleinen Briefumschlag hervor. Vorn stand nur sein Vorname drauf. Die Handschrift ordnete er sofort einem Mädchen zu, da der hintere Teil des Buchstaben N in einem Schwung unter den Namen entlang geführt wurde und eine Schleife bildete. Mit einem kurzen Ruck hatte er den Umschlag aufgemacht und zog einen kleinen Zettel hervor. „Ben, ich weiß, wir kennen uns nur flüchtig, aber dennoch. Meine Bewunderung ist groß, auch wenn sie nur aus der Ferne ist. Du kennst mich nur flüchtig, aber du kennst mich. Ben, ich liebe dich und will für immer dein sein. Mein Herz gehört ganz dir. In Liebe K.“, las er still schweigend auf dem Papier. Wundernd aber auch etwas berührt, faltete er das Stück Papier zusammen, steckte es in die Tasche und machte sich auf zur PAST, wo Semir sicherlich schon ungeduldig auf ihn wartete.
    „Da bist du ja auch schon.“, meinte der Deutschtürke nur grinsend und sah, wie Ben auf seinem Feuerstuhl angebraust kam. Der junge Ermittler erwiderte nichts, stellte sein Motorrad ab, zog den Helm vom Kopf und stöpselte seinen Ipod aus den Ohren. „Morgen.“, meinte er nur gelassen und ging dann in die Station hinein. Semir grinste nur und ging ihm hinterher. Sofort hatte sich Ben an seinen Computer gesetzt und sah angestrengt auf den Bildschirm. Sein Partner lugte hinter seinem Monitor hervor und grinste. „Goldhamster.“, meinte er nur schnippisch. „Stimmt.“, kam es von Ben und er tippte kurz auf seiner Tastatur herum. „Bingo.“, stieß er aus.


    ...

  • Beide arbeiteten an ihren Computern, als Ben plötzlich etwas fand. „Semir, ich hab hier was, das dürfte interessant sein.“, meinte er nur und zog den Ausdruck aus der Druckerschublade. Mit dem Papier in der Hand kam er zu Semir rüber und legte es seinem Kollegen vor. „Was hast du Spürnase denn gefunden?“, wollte der Deutschtürke wissen und nahm den Ausdruck in die Hand. Es war ein Auszug aus dem Strafregister. „Sieh mal, wen ich da gefunden habe.“, meinte Ben und deutete auf das Bild. „Nicolas Zerbst wurde wegen sexueller Belästigung einer Minderjährigen vor fünf Jahren in Braunschweig angeklagt. Was sagst du nun?“, grinste Ben und sah darin einen Beweis für die Schuld des Nachhilfelehrers. „Dann sollten wir ihn doch mal darauf ansprechen. Aber bitte, halte dich etwas zurück.“, bat Semir seinen Kollegen, während er seine Jacke überstreifte. Ben erwiderte nichts, schnappte sich seine Jacke und ging neben seinen Kollegen zum Parkplatz raus.


    „Okay Tim, dann mal los.“, meinte Nicolas, schlug das Biologiebuch des Jungen absichtlich vor dessen Nase zu und wartete. Der Sechzehnjährige grinste nur kurz und legte los. „Die Botanik ist die Lehre der Pflanzen und befasst sich mit dem Stoffwechsel, dem Zyklus und dem Aufwachsen von Pflanzen. Sie wurde vom Griechen Dioskurides bestimmt. Zur Botanik gehören die Pilze nicht.“, ratterte er mit einem Grinsen auf den Lippen runter. „Wow, ich bin beeindruckt.“, meinte Nicolas Zerbst und lächelte ebenfalls. Doch dann klingelte es an der Tür. „Warte hier kurz und sieh dir schon mal die nächsten Seiten des Buches an. Ich wird dich gleich abfragen.“, meinte er und ging zur Tür.
    „Sie schon wieder.“, hörte es Tim aus dem Flur dringen. „Wir haben da noch einige Fragen.“, hörte er eine Stimme, die sehr jugendlich klang und Wut in sich barg. Neugierig wartete der Junge und sah dann, wie ein großgewachsener, rebellisch aussehender Mann mit olivgrüner Jacke und hellausgewaschenen Jeans und ein kleiner Mann, scheinbar ein Türke, in das Wohnzimmer traten. Nicolas Zerbst schien über diesen Besuch wütend, wenn nicht sogar zornig zu sein. „Was wollen sie von mir? Sehen sie nicht, dass ich zu tun habe.“, zischte er die beiden Kommissare an und deutete auf Tim, der regungslos auf seinen Stuhl saß und die beiden Männer mit Neugier anblickte. „Ich mach es kurz.“, meinte der größere der Beiden. „Herr Zerbst, wir haben herausgefunden, dass sie schon einmal wegen sexuellem Missbrauch an einer Minderjährigen in Braunschweig angeklagt wurden.“, fing Ben an, ohne auf den Ruf des Mannes Rücksicht zu nehmen. „Wollen sie mich ruinieren, man?“, fauchte der Lehrer und packte Ben am Kragen. Dieser stieß ihn unsanft weg und wollte auf ihn los, als Semir sich zwischen beide stellte. „Herr Zerbst, wir fragen uns jetzt schon,“, begann der Deutschtürke, „warum sie uns das nicht gleich gesagt haben, als wir ihnen sagten, dass Daniel Neukirch tot ist.“ Ein lauter Knall ließ die Blicke der Kommissare und des Lehrers zum Tisch hin schwenken.
    Tim hatte sein schweres Biologiebuch fallen lassen, die Notizen flogen heraus und verteilten sich auf den Boden. Beschämt über diesen Schwächeanfall, schnellte er zu Boden und hob die Zettel schnell wieder auf. Semir half dabei und fand unter all den Zetteln ein Foto, dass den Jungen vor ihm und Daniel in freundschaftlicher Umarmung in weißen Trainingsanzügen zeigte. Mit hochgezogener Augenbraue erhob sich Semir und reichte das Foto an Ben weiter. „Hey, geben sie mir das wieder.“, fauchte Tim und wollte es dem großen Kerl wieder aus der Hand reißen, doch der Kleine hielt ihn zurück. „Das bist doch du und Daniel, oder? Wart ihr Freunde?“, fragte Ben auf einmal mit ruhiger Stimme, hielt das Bild aber immer noch fest. „Das geht sie gar nichts an. Geben sie mir das sofort wieder.“, zischte der Sechzehnjährige. „Es geht uns schon etwas an. Daniel Neukirch ist tot und wir untersuchen den Fall.“, erwiderte Ben mit ernster Stimme und reichte dem Jungen das Foto zurück. Sofort schnappte sich Tim das Bild und ließ es wieder in seinem Buch verschwinden. „Komm mal mit, Junge.“, meinte Semir und ging mit dem Jungen, der scheinbar genauso groß war wie Ben, in den Garten hinaus, um mit ihm zu reden, während Ben sich mit Zerbst befasste.


    ...

  • „So, sie haben mir immer noch nicht meine Frage beantwortet.“, fauchte Ben und fuchtelte mit dem Ausdruck vor der Nase des Nachhilfelehrers herum. Dieser schien ziemlich selbstsicher zu sein und antwortete Ben mit überheblichem Ton. „Das Verfahren wurde eingestellt. Ich bin freigesprochen worden.“, meinte er und schien darauf auch noch stolz zu sein, was den jungen Kommissar zusätzlich wütender machte. „Jetzt pass mal auf, du selbstgefälliges Arschloch.“, zischte Ben und packte den Kerl unsanft am Kragen, sodass dieser ihn in seine funkelnden braunen Augen sehen musste. „Wir haben DNA-Spuren sicherstellen können. Sollten die von dir sein, werde ich dich eigenhändig kastrieren. Hast du mich verstanden?“, drohte Ben mit lauter Stimme, die den Mann wirklich einzuschüchtern schien, denn dieser nickte nur. „Gut.“


    Der Junge saß auf den Trittstufen zum Garten und schniefte, hielt dabei das Bild von sich und Daniel in seinen zittrigen Händen. Semir sah dies, stand er doch genau hinter dem Jungen. „Ihr beide ward Freunde, oder?“, kam es von Semir, der sich neben den Sechzehnjährigen auf die Stufen setzte und wartete. „Obwohl er jünger war.“, kam es zustimmend von Tim, dann wischte er sich mit seinem Handrücken die Tränen aus den Augen und von der Wange. „Willst du mir ein bisschen über euch erzählen?“, fragte Semir vorsichtig und sah den Jungen mit den großen, graublauen Augen an. „Muss ich?“, kam die Gegenfrage. „Du würdest uns damit helfen, den Grund für seinen Tod zu finden.“, erklärte Semir das Vorgehen. Tim nickte kurz und überlegte.
    „Wir gingen auf die gemeinsame Schule, hatten die gemeinsame AG-Gruppe und verstanden uns auch sonst ganz gut.“, meinte Tim schniefend. Semir klopfte ihm vorsichtig auf die Schulter und strich über den Rücken. „Er spielte leidenschaftlich gerne Saxophon, genau wie ich.“, erzählte Tim und sah in Semirs braune Augen. „Wir haben zusammen gefochten, das war unsere zweite Leidenschaft.“ „Fechten? Das kann ich mir gar nicht vorstellen.“, entgegnete Semir. „Ich weiß, er sah nicht so sportlich aus, aber er war flink und recht geschickt.“, lachte Tim und verfing sich wieder in einem Weinkrampf. Semir merkte schon, dass es kein Sinn hatte, die Befragung fortzusetzen. „Hier, falls dir noch etwas einfällt. Du kannst mich anrufen, wann immer du willst.“, meinte Semir und reichte dem Jungen seine Karte. Zögernd nahm Tim die Karte des Polizisten an sich. Als Semir sich umdrehte, sah er, wie jemand aus dem zweiten Stock die Szenerie beobachtet hatte. Die Vorhänge bewegten sich noch. Er wollte dem einmal nachgehen.


    Ben und Nicolas Zerbst gifteten sich immer noch an, als der Deutschtürke den Raum betrat, sodass dieser dazwischen gehen musste. „Es reicht, Ben.“, zischte Semir seinen Partner an und wandte sich dann an Zerbst. „Herr Zerbst, wer wohnt hier oben im zweiten Stock?“, wollte er wissen. Verwundert erwiderte der Nachhilfelehrer, dass sein Bruder Sebastian dort sein Zimmer hatte. „Danke.“, meinte Semir nur, zog seinen Partner mit sich und stieg die Treppen hinauf. „Was sollte das? Ich hatte ihn fast soweit.“, zischte Ben wütend. „Ja, so weit, dass ihr euch geprügelt hättet.“, entgegnete Semir und klopfte an die Zimmertür an. „Wer ist da?“, kam es unsicher aus dem Innern des Zimmers. „Hauptkommissar Gerkhan und Hauptkommissar Jäger. Sebastian, wir würden uns gerne mit dir unterhalten.“, meinte Semir durch die Tür und hörte dann, wie sich der Schlüssel im Schloss umdrehte.


    ...

  • „Was wollen sie?“, zischte der junge Mann. „Reinkommen.“, fauchte Ben und stieß die Tür auf und Semir und er standen dann im Zimmer des Mannes, der auf sie einen mehr als nervösen Eindruck machte. „Sagt ihnen der Name Daniel Neukirch etwas?“, fragte Semir direkt heraus und spürte, dass der Mann ihm etwas verbarg. „Er ist ein Schüler meines Bruders. Warum sollte ich ihnen kennen?“, kam es als Antwort. „Danach hat mein Kollege gar nicht gefragt.“, schaltete sich Ben ein und versuchte, seinen Gegenüber aus der Reserve zu locken. „Was? Das habe ich doch gar nicht gesagt.“, stammelte Sebastian und ließ sich nervös auf seinen Stuhl niederfallen. Semir wandte sich ab und entdeckte einige Fotos, die scheinbar unter der Matratze des Bettes vorlugten. Sofort war seine Neugier geweckt. Er zog einige der Fotos hervor und betrachtete diese. „Lassen sie die sofort liegen.“, schrie Sebastian und wollte auf Semir losgehen, doch Ben stieß ihn heftig in seinen Stuhl zurück und drohte ihm mit geballter Faust, dass er das nicht noch einmal versuchen solle.
    „Ben, schau mal. Das ist doch der Kleine, oder?“, Semir reichte einige Fotos an seinen Kollegen weiter. Tatsächlich war Daniel Neukirch darauf abgebildet, wie er sich mit seinen Freunden unterhielt, im Garten mit Nicolas Zerbst saß und lernte oder einfache Rückaufnahmen. „So, sie kennen den Jungen also nicht? Na, darauf können wir uns ja jetzt mal auf dem Revier weiter unterhalten.“, zischte Semir, packte Sebastian hart am Arm und zog ihn, nachdem er Ben die Fotos gereicht hatte, zum Wagen hinaus. „Was hat das zu bedeuten?“, wollte Nicolas wissen, als er sah, wie die Kommissare seinen Bruder mitnahmen. Doch von Beiden kam keine Antwort. Sebastian sah seinen Bruder mit wehleidigem Gesicht an, als der BMW losfuhr. Was hatte sein Bruder mit dem Selbstmord von Daniel zu tun, fragte sich Nicolas.


    Nachdem dem Jungen eine Speichelprobe zur Bestimmung seiner DNA abgenommen wurde, ging das Verhör los. „So, sie haben ja allerhand auf dem Kerbholz.“, zischte Ben und warf die Strafregisterakte auf den Tisch vor Sebastian Zerbst, der zitternd vor den Beiden saß. Semir registrierte das. Irgendwie machte ihn das stutzig. Der Junge sah krank und schwach aus, sein Gesicht wirkte eingefallen und schmal. „Sachbeschädigung, Platzverweis, Diebstahl. Eine ganz schöne Palette. Und jetzt auch noch sexueller Missbrauch eines Minderjährigen.“, schrie Ben und stemmte sich auf die Tischplatte auf. Der Junge wich zurück, versuchte den Blicken auszuweichen.
    „Ich... ich habe nichts damit zu tun.“, stammelte der Junge vorsichtig, fast flüsternd. „Was? Was war das? Sprechen sie lauter, verdammt noch mal.“, schrie Ben in einer Lautstärke, die ihn mehr als einen Feldwebel der Bundeswehr statt als Hauptkommissar aussehen ließ. „Komm.“, meinte Semir und drückte Ben nach draußen, schloss dann die Tür hinter seinem Partner. „Ey hallo? Spinnst du Semir?“, dröhnte es von draußen, gepaart mit einem Poltern gegen die Tür. Der Deutschtürke ignorierte dies und ging wieder zum Tisch. Sebastian saß zitternd im Stuhl und kratzte sich in der Armbeuge. Dies blieb nicht lange unbemerkt. Semir packte den Arm und schob den Ärmel vom T-Shirt zurück. Entzündete Einstiche kamen zutage. „Was ist das denn?“, wollte der Hauptkommissar wissen, als ob er die Antwort nicht schon kannte. „Nichts.“, kam es leise von Sebastian. „Nichts? Das sieht mir aber nach was ganz anderem aus, als nichts.“, erwiderte Semir und ließ den Arm los. Sofort versuchte der junge Mann die Armbeuge mit seinem T-Shirt zu verdecken, was ihm nur schwerlich gelang. Leicht lächelnd ließ sich Semir nach hinten in den Stuhl fallen und schwieg, genau wie es Sebastian tat.


    ...

  • Wütend stand Ben im Nebenraum an der Glasscheibe und beobachtete seinen Partner und den Verdächtigen. Langsam reagierte er sich ab, Puls und Adrenalinspiegel fuhren auf ihr normales Limit zurück und die Gesichtsfarbe verdrängte das wütende Rot. Wie konnte Semir ihn nur wie einen Anfänger rausschicken? Er hätte sich schon im Griff gehabt. Der Junge sollte doch nur gestehen. Dann wäre dieser Fall in Rekordzeit gelöst. Susanne kam in den Raum hinein und sah, wie Ben mit abglimmender Wut an der Scheibe stand. „Ben?“, sprach sie ihn vorsichtig an. Er drehte sich zu ihr. Seine Blicke hätten sie im Moment erschlagen können. „Ähm, der Bericht der Spurensicherung.“, meinte sie kurz entschuldigend und reichte ihm dem stillschweigenden Hauptkommissar. Dieser klappte ihn auf und überflog die Zeilen. „Eine Spritze und einige Tüten mit Heroin?“, meinte Ben leicht verwirrt. „Ist das alles? Haben die auch Spuren vom Jungen dort oben im Zimmer gefunden?“, wollte er dann wissen und klappte die Mappe wieder zu. Susanne schüttelte den Kopf. „Gut, danke.“, entgegnete Ben etwas niedergeschlagen und ging dann ins Büro zurück.


    Semir kam nach einer Weile dazu und sah in Bens Gesicht. „Entschuldige, aber du hättest ihn nur noch mehr verunsichert.“, meinte der Deutschtürke entschuldigend. Ben hob nur die Augenbraue und sah ihn mit müdem Gesichtsausdruck an. „Aha, und du meinst, das reicht als Entschuldigung?“, fragte er trocken und kühl. „Ben, jetzt komm schon. Was hast du da?“, wollte Semir dann wissen, als er den Bericht in der Hand seines Partners sah. „Der Bericht von Hartmut. Sie haben eine Spritze und Heroin bei Sebastian Zerbst im Zimmer gefunden. Spuren von Daniel waren leider nicht zu finden.“, erzählte Ben und das letzte Detail mit Enttäuschung in seiner Stimme. „Der Junge war also nie bei ihm oben.“, dachte Semir laut und stand dann wieder auf. „Wenn, dann hat er sämtliche Spuren von ihm beseitigt.“, fuhr Ben dazwischen. „Wohin willst du?“, wollte er wissen. „Zu den Eltern. Sie müssen wissen, was mit ihrem Sohn passiert ist.“, erwiderte der Deutschtürke. Ben stand auf und zog sich ebenfalls seine Jacke an. So machten sich beide auf den Weg zu den Neukirchs. Eine einfache Aufgabe war dies mit Sicherheit nicht, die schreckliche Tatsache des sexuellen Missbrauchs den Eltern so schonend wie möglich beizubringen.


    Hans Neukirch öffnete die Tür seiner Wohnung, nachdem er den Summer betätigt hatte. Sofort erblickte er die beiden Kommissare der Autobahnpolizei, die sich durch das Treppenhaus auf seine Wohnung zu bewegten. Mit blassem Gesicht und ohne ein Ton zu sagen, ließ er die Beiden einfach immer näher kommen. „Herr Neukirch, wir müssten sie und ihre Frau noch einmal stören.“, entschuldigte sich Semir und reichte dem Mann die Hand. Er sah kränklich aus und sein Gesicht wirkte schmaler, als beim letzten Mal. „Was wollen sie denn noch?“, fragte er leise, fast monoton und ließ die Kommissare in die Wohnung, führte sie ins Wohnzimmer und ließ sich auf die Couch sinken. Vor ihm lagen ausgebreitet, Fotoalben. Alle mit Bildern von Daniel gefüllt.
    „Herr Neukirch, ich weiß, es ist eine schwierige Situation für sie...“, fing Ben an. Der Mann sah ihn mit funkelnden Augen an. „Schwierig?“, zischte er und war fast dabei, die Beherrschung zu verlieren. „Mein Sohn, mein einziger Sohn ist tot und sie reden von einer schwierigen Situation?“, schrie er mit hallender Stimme durchs Wohnzimmer. „Herr Neukirch, bitte, wir möchten, genau wie sie, wissen, warum ihr Sohn sterben musste.“, rechtfertigte sich Ben und sah dann zur aufgehenden Schiebetür. Doris Neukirch kam ins Wohnzimmer und sah, dass ihr Mann nicht allein war. Dann fiel ihr Blick auf die Fotoalben. „Tu die weg.“, schrie sie hysterisch und wollte die Alben vom Tisch fegen, doch Ben hielt sie fest, da sie auf sehr wackeligen Beinen stand. „Doris bitte.“, zischte ihr Mann zurück und nahm Ben seine Frau wieder ab, drückte sie fest an seine Schulter und strich ihr über den Rücken, flüsterte dabei einige beruhigende Worte in ihr Ohr. „Herr und Frau Neukirch, es fällt mir schwer, das zu sagen.“, fing Semir mit schwerer Stimme an und sah dann, wie die beiden verweinten Gesichter, die wie Geister wirkten, sich zu ihm drehten und ihn mit glasigen Augen anstarrten. „Unser Gerichtsmediziner hat bei Daniel Anzeichen von sexuellem Missbrauch festgestellt.“, erklärte er und hatte dabei einen dicken Kloß im Hals. Hans Neukirch starrte mit offenem Mund abwechselnd zu den beiden Kommissaren. „Was sagen sie da?“, fragte er entsetzt und auch seine Frau blickte mit entsetzten Augen zu Ben, der sich dadurch nicht wohl fühlte.


    ...