Der Doppelgänger

  • Hallo Leute,




    wollte die Story eigentlich erst zu Ostern reinstellen, dachte mir aber, dass ich euch das nicht vorenthalten sollte. ;) Viel Spaß beim Lesen und imme fleißig feeden.








    Semir und Andrea kamen mit glücklichen Gesichtern in ihrem Haus an. Aida hatten sie am Freitag zu ihren Großeltern gebracht und waren über das Wochenende bis zum Montag, Semirs freier Tag seit ewigen Zeiten, in die Eifel gefahren. „Ach war das ein schönes Wochenende.“, himmelte Andrea und ließ sich erschöpft auf die Couch sinken. „Ja, das war es. Schade, dass ich morgen wieder ins Büro muss.“; meinte Semir und ließ sich neben ihr nieder. „Wo waren wir im Hotel stehen geblieben?“, fragte er schelmisch und schmiegte sich an seine Frau ran. „Ach ja.“, meinte Andrea nur und begann ihren Mann nach Strich und Faden zu becircen.


    Ben saß derweil im Büro und langweilte sich. Im Moment war es wirklich still auf der Autobahn, keine Raser, keine Drogendealer und keine Mörder. Nichts. So saß er im seinen Stuhl, die Beine auf den Tisch und warf Papierkügelchen in seinen Papierkorb, den er am Eingang des Büros positioniert hatte. Immer wieder warf er und traf ab und zu. Dann sah er zum Außenbüro. Seine Augen weiteten sich, als die Schrankmann mit zwei Kollegen vom Raubdezernat beim LKA durch das Großraumbüro fegte und direkt ins Büro von Kim Krüger ging. Neugierig wie er nun einmal war, ging er zum Büro und lauschte.


    Schon hörte er die laut fauchende Stimme von Staatsanwältin Schrankmann. „Frau Krüger, das ist nun mal die traurige Tatsache.“, meinte Schrankmann mit neutraler Stimme. „Das glaube ich aber nicht, Frau Staatsanwältin. Da muss ein Fehler vorliegen.“, entgegnete Kim mit dienstlich schützender Stimme. „Diese Herren hier haben ein Überwachungsvideo, dass eindeutig Herrn Gerkhan zeigt.“, erklärte Schrankmann. Jetzt horchte Ben auf. Es ging um Semir. Aber was wollte die Staatsanwältin von Semir?


    Ben konnte nicht anders. Er musste wissen was da drinnen vor sich ging. So nahm er die Klinke in die Hand, drückte sie runter und stand im Büro, giftig von Staatsanwältin und Chefin angesehen.


    „Jäger, was machen sie denn hier?“, fauchte Krüger mit lauter Stimme, empört über diese unerhörte Störung. „Entschuldigen sie, aber ich habe rein zufällig gehört, wie sie über Semir sprachen.“, meinte Ben entschuldigend und sah abwechselnd zu den beiden Frauen. „Lassen sie ihn nur, Frau Krüger.“, mischte sich plötzlich die Staatsanwältin ein. „Er soll wissen, was sein Kollege so treibt.“ Ben sah die Frau mit dem unbeweglichen Gesicht und der betonartigen Mimik fragend an. „Herr Jäger, sagen sie mir bitte, was sie hiervon halten.“, meinte die Staatsanwältin und legte das Videoband in den Recorder ein, drückte auf Play und bat Ben zum Bildschirm.


    Beim ersten Hinschauen sah Ben nichts anderes, als jemanden, der mit einem Glasschneider eine Museumsvitrine öffnete und einen wertvollen, eierförmigen Gegenstand aus der Vitrine entwendete. Dann aber blickte dieser jemand direkt in die Kamera. Sein Gesicht war gestochen scharf zu erkennen. „Kennen sie diesen Mann?“, fragte Schrankmann, nachdem sie die Einstellung gestoppt hatte und zeigte auf die Person in dem Video. Dem jungen Hauptkommissar fehlten sämtliche Worte. Kann dies sein? Nein, das konnte nicht sein? Nicht dieser Mann, dazu wäre er doch gar nicht in der Lage.



    ...

  • so, nächster Teil :)



    „Herr Jäger.“, holte ihn die harsche Stimme von Frau Schrankmann zurück in die Realität. „Das... das ist Semir.“, stammelte er und zeigte auf den Bildschirm. „Allerdings, sie sehen, Frau Krüger, das war eine eindeutige Identifizierung.“, meinte Schrankmann und schaltete das Videogerät wieder aus. „Aber... aber, was werfen sie Semir vor?“, wollte Ben wissen. Isolde Maria Schrankmann sah ihn wie eine Rachegöttin an, ihre Augen weit aufgerissen und ihr Blick starr auf Ben ruhend. „Haben sie nicht gerade genug gesehen?“, fragte sie. Ihre Stimme war kalt und voller Enttäuschung. „Das hier sind Hauptkommissar Ralf Preuß und Kriminalkommissar Antoine Lebegeist vom Raubdezernat. Sie bearbeiten seit einem Monat diesen Fall und haben dieses Video in meinem Beisein ausgewertet. Seit drei Wochen hat dieser Mann“, sie deutete auf den Fernsehapparat, „ein Museum nach dem anderen heimgesucht und nur die wertvollsten Exponate gestohlen.“, erklärte sie. „Und sie halten Herrn Gerkhan nach dieser Aufnahme hier für den Dieb?“, fragte Kim zweifelnd. Ben sah sie erstaunt an. Er wusste, dass sich Kim und Semir nicht leiden konnten, wie Hund und Katze waren, dementsprechend ungewöhnlich war dieser Ton von ihr. „Nach allem, was wir bisher wissen, ja.“, meinte die Staatsanwältin mit unbewegtem Gesicht. „Was wissen sie schon?“, fauchte Ben plötzlich mit pochender Halsschlagader.
    „Wir haben natürlich schon Herrn Gerkhans Kontostand eingefordert. Seit drei Wochen laufen regelmäßig größere Zahlungen ein. Alle im hohen Hunderter-Bereich.“, berichtete Frau Schrankmann. „Ich gehe davon aus, dass es die Bezahlung des Hehlers ist.“ Bens Gesicht wurde immer rötlicher, aber nicht vor Scham, sondern vor Wut auf diese Frau. Wie konnte sie Semir, der wirklich treuesten Seele von Mensch, nur so derartiges abstruses unterstellen? „Frau Staatsanwältin, das glauben sie doch wohl selbst nicht, oder?“, mischte sich Kim ein, bevor Ben aufbrausen konnte. Wieder kam ein sympathischer Blick seitens Ben geworfen, der Kim galt. „Mag sein, aber ich muss mich an die Beweislage halten. Deswegen bin ich leider gezwungen, Herrn Gerkhan zu verhaften.“, kündigte die Staatsanwältin an. Ben kochte vor Wut. „Nein, das glaube ich jetzt nicht.“, schrie er und verließ das Büro. Er musste Semir warnen.


    ...

  • Nichts ahnend saß Semir in seiner Badewanne und gönnte sich ein schönes, entspannendes Bad. Andrea war unten und kümmerte sich um das Essen, als plötzlich das Telefon klingelte. „Nein, jetzt nicht.“, fauchte Semir und sah wütend in Richtung Telefon. Er ließ sich nur weiter in der Wanne runter, sodass seine Knie aus dem Schaumbad rausragten und entspannte sich weiter. Doch das Telefon klingelte weiter. „Semir, geh doch mal ans Telefon.“, bat Andrea leicht genervt. Ihr Mann stöhnte kurz, stand dann aus der Wanne auf und warf sich im Gehen ein Handtuch um die Hüfte. „Ja, wer stört?“, fragte Semir genervt und wischte sich den Schaum von seiner Stirn.
    „Semir, ich bin's.“, meldete sich Ben. „Ben? Was gibt’s? Sag bitte nicht, dass wir eine Leiche haben. Hat die nicht bis morgen Zeit?“, meckerte Semir schon los. „Äh, ich glaube, du hast ein größeres Problem.“, erwiderte Ben. „Ich? Wieso?“;, fragte Semir und wischte sich den restlichen Schaum aus den Haaren. „Semir, wo warst du in den letzten Nächten?“, kam die Frage. „Was? Ben, was sollen diese Fragen?“, wollte Semir wissen und wurde langsam aber sicher ungeduldig. „Semir, die Staatsanwältin will dich verhaften.“ „Was?“, stieß er plötzlich aus und verlor vor Schreck fast sein Handtuch. „Warum will mich diese alte Schranke verhaften?“, fragte Semir und Ben erzählte ihm alles, was sich im Büro vorhin ereignet hatte und wie die Chefin sich für Semir eingesetzt hatte. „Hör zu, ich bin in dreißig Minuten bei dir.“, meinte Ben. „Alles klar.“, erwiderte Semir geschockt.


    Keine Minute später traf Ben bei Semir ein, der inzwischen wieder in neuen Sachen auf dem Sofa saß, seinen Kopf in seine Hände vergraben und schwer nachdenkend. „Hey Partner.“, begrüßte er seinen Freund. „Hy Ben.“, erwiderte Semir nur mit schwerer Stimme. „Ben, was ist los? Warum will die Schrankmann Semir verhaften?“, fragte Andrea geschockt. „In den letzten Wochen gab es mehrere Einbrüche in verschiedene Museen. Das Raubdezernat hat ein Videoband, wo ein Mann, der Semir sehr ähnlich sieht, deutlich zu erkennen ist.“, erklärte er. „So ein Blödsinn.“, kam es erbost von Semir. „Mensch Partner, die haben deine Kontostände gecheckt. Du hast in den letzten Wochen immer wieder eine Menge Geld erhalten.“, erklärte Ben und Andrea sah ihren Mann verwundert an. „Wenn du nicht sagen kannst, woher du das Geld hast, wird es schwer werden, die Schrankmann von deiner Unschuld zu überzeugen.“ „Davon hast du mir nichts erzählt.“, meinte Andrea mit leicht zittriger Stimme. Doch Semir antwortete nicht. Er stand nur auf und ging zur Terrassentür. „Irgendjemand will mich reinlegen.“, meinte er nur erschrocken und sah zum Mond hinauf, dessen volles Licht dem Hauptkommissar genau ins Gesicht fiel. „Semir, wenn du es nicht sagst, kann Andrea dich die nächsten fünf Jahre im Knast besuchen.“, fauchte Ben, doch Semir reagierte nicht. Dann klingelte es an der Tür und klopfte im nächsten Moment heftig.


    ...



    wo bleiben denn die Feeder???

  • So, kurze Ankündigung.


    der Beitrag hier ist bitte gut einzuteilen - den nächsten gibt es leider erst am Ostermontag, da ich in den wohlverdienten Osterurlaub fahre und daher nicht im Internet bin. Also, feedet schön bis Montag und dann gibt es einen weiteren Teil ;)



    Wünsche Frohe Ostern


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    „Gerkhan, machen sie auf.“, hörte man schon die Stimme der Staatsanwältin durch die Tür. Semir sah seine Frau und seinen Partner an, ging dann aber zur Tür und öffnete sie. Sofort stürmte die Juristin in Semirs Haus und mit ihr die Beamten vom Raubdezernat. „Herr Gerkhan, es tut mir Leid, aber ich muss sie bitten, mir zu folgen.“, meinte Schrankmann und zog einen Abdruck des Haftbefehls hervor. Sie reichte ihn Semir, der ihn mit noch immer geweiteten Augen las. „Kommen sie bitte mit den Herren mit.“, wies Frau Schrankmann den Hauptkommissaren an. „Das kann doch nicht ihr ernst sein.“, fauchte Andrea und nahm ihren Mann in Schutz. Ben stellte sich schützend vor seinem Kollegen. „Frau Schrankmann, Semir ist unschuldig. Andrea, sag ihr, dass dein Mann in den Nächten immer bei dir war.“, fauchte der junge Kommissar. „Das stimmt.“, entgegnete Andrea. „Frau Gerkhan, ich habe einen richterlichen Haftbefehl. Ich muss ihren Mann mitnehmen.“, meinte Frau Schrankmann genervt.
    Semir sah alle Beteiligten mit versteinertem Gesicht an. Was für eine Wahl hatte er schon außer mitzugehen. Er konnte nur hoffen, dass sich die Sache von selbst klären würde. „Okay, ich komme mit ihnen mit.“, meinte Semir ergeben und begab sich in die Hände der beiden Kollegen vom Raub. Andrea und auch Ben konnten nicht fassen, was Semir da tat.


    „Wirklich sehr gut gemacht. Jetzt haben wir vorerst freie Bahn. Die Polizisten sind fürs Erste mit sich selbst beschäftigt.“, lachte Wolkenhaupt und nahm eine kleine Lupe hervor, steckte sie ins Auge und betrachtete die Beutestücke, die einer seiner Mitarbeiter „mitgebracht“ hatte. „Gab es irgendwelche Schwierigkeiten?“, fragte Wolkenhaupt. „Nein, die Latexmaske hat super funktioniert. Alle Welt wird glauben, dass dieser kleine Autobahnschnüffler die Einbrüche begangen hat.“, lachte Steller, der die gleiche Statur wie Semir hatte. „Aber was wird, wenn sie es doch rausfinden, dass Gerkhan unschuldig ist?“, fragte er. „Keine Angst, ich habe unserem lieben Freund einige Geldspenden zukommen lassen. Im Namen des Finanzamtes natürlich. Drei mal 800 Euro, getarnt als Rückzahlung, werden ihm das Genick brechen.“, lachte Wolkenhaupt und legte den eierförmigen Gegenstand wieder vorsichtig in die Schatulle zurück. „Bereiten sie alles für den Abtransport vor. Dieser Gerkhan wird für die Monate, die ich in Haft war, büßen. Jetzt wird er es mal erfahren, wie es sich auf so eine harte Pritsche liegt.“, lachte Wolkenhaupt und schenkte sich ein Glas Cognac ein.


    Semir wurde ins Landeskriminalamt gebracht und von Staatsanwältin Schrankmann persönlich verhört. „Herr Gerkhan, jetzt gestehen sie endlich.“, fauchte sie immer wieder unerbittlich. „Was soll ich gestehen? Ich habe nichts verbrochen.“, schrie Semir und knallte mit der Faust auf den Tisch. „So, soll ich ihnen noch einmal das Video zeigen?“, fragte Schrankmann mit gleicher Lautstärke in der Stimme, wie Semir. „Ich habe das Video gesehen. Aber ich schwöre ihnen, ich war das nicht. Ich war zu Hause und habe geschlafen.“, fauchte Semir. „Kann das jemand bezeugen?“, kam es kaltschnäuzig von dieser Frau. „Nein, meine Frau hat ebenfalls geschlafen.“ „Woher stammt dann das Geld, was ihr vor wenigen Wochen erhalten habt?“, wollte die Staatsanwältin wissen. „Vom Finanzamt.“, meinte Semir und grinste leicht. Der Staatsanwältin entwich ebenfalls ein Grinsen, doch war es ein ungläubiges, fast teuflisches Grinsen. „Ich habe hier eine Erkundigung vom Finanzamt. Sie haben euch weder eine Steuerrückzahlung noch irgendeine andere Zahlung an euch getätigt.“, Semirs Grinsen verschwand schlagartig und betreten sah er auf den Tisch. „Reden sie jetzt endlich?“, fauchte die Staatsanwältin.
    „Was soll ich den gestohlen haben?“, fragte Semir mit zittriger Stimme. Die Staatsanwältin holte eine Liste hervor, legte dazu einige Bilder hervor. „Fünf Fabergé-Eier aus dem Besitz der Romanows, die Taschenuhr von Friedrich dem Großen, eine kostbare, goldene Tabaksdose und noch andere Dinge.“, schnaufte die Staatsanwältin. „Was für Eier?“, fragte Semir mit verwirrtem Gesicht. „Fabergé-Eier.“, erwiderte die Juristin. „Was soll das denn sein?“, fragte er. „Wollen sie mich für dumm verkaufen? Sie haben sie doch gestohlen, also wissen sie auch, dass diese Eier unbezahlbar sind.“ „Ich kann ja nicht mal den Namen richtig aussprechen von diesem Faber-Dingsda-Eiern und da soll ich die geklaut haben?“, fauchte Semir und stemmte sich auf den Tisch.


    ...

  • Hallo und euch allen frohe Ostern.


    Ich bin von der wunderschönen Müritz und aus der ebenso schönen Stadt Waren zurück mit viel Sonne, viel Farbe und viel Inspiration für neue Storys. Ich liefere daher auch gleich den nächsten Teil für die Story. Viel Spaß ;)


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    Schrankmann starrte Semir nur abwartend an. „Sie glauben, sie können mich hier für dumm verkaufen?“, fragte sie. Doch bevor Semir irgendeine Antwort geben konnte, fiel sie ihm schon wieder ins Wort. „Herr Gerkhan, es tut mir Leid, aber da sie nicht mit mir kooperieren wollen, muss ich sie in U-Haft stecken.“, gab sie bekannt. Semir fiel aus allen Wolken. „Sie wollen was? Sagen sie mal, sie spinnen wohl? Ich habe die Einbrüche nicht begangen.“, schrie er, doch die Staatsanwältin kannte kein Erbarmen. „Sicher, und der Papst ist evangelisch.“, meinte sie mit purem Sarkasmus in der Stimme, den Semir ihr niemals zugetraut hätte. Schon in der nächsten Minute waren die beiden Beamten vom Raubdezernat im Raum, packten Semir unterm Arm und brachten ihn zum Erkennungsdienst.


    „Dann wollen wir unseren guten Herrn Gerkhan doch mal zur Flucht nötigen.“, lachte Wolkenhaupt und griff zum Telefon. Dann wählte er eine Nummer und ein Polizeibeamter meldete sich am anderen Ende der Leitung. „Ja, entschuldigen sie, ich hätte gerne Herrn Gerkhan gesprochen. Ich bin sein Anwalt.“, log er und grinste dabei fies zu seinem Kompagnon hinüber. Dieser grinste nur zurück. „Einen Moment.“, meinte der Beamte nur und reichte den Hörer weiter. „Gerkhan?“, fragte der Verdächtige mit erstaunter Stimme. „Hallo Herr Gerkhan, hier ist Wolkenhaupt.“, meldete sich der Mann mit gehässigem Lachen auf dem Gesicht, was Semir aber nicht sehen konnte. „Erinnern sie sich an mich?“, fragte er, als keine Reaktion vom anderen Ende kam. „Sie? Was wollen sie?“, fragte Semir. „Och, nicht so bescheiden. Sagen wir mal, ich bin dafür verantwortlich, dass sie gerade dem Untersuchungsrichter vorgeführt werden.“, lachte er, wurde dann aber sofort wieder ernst. „Sie? Warum tun sie mir das an?“, wollte Semir mit lauter Stimme wissen, als er unbeobachtet war, da die Kollegen ihn zum telefonieren alleine gelassen hatten. „Betrachten sie es als kleines Revanchespiel. Ich will mich dafür revanchieren, dass ich einige Monate absitzen musste. Jetzt dürfen sie es auch mal probieren.“, lachte Wolkenhaupt mit einem teuflisch zufriedenen Lachen und legte auf.
    Semir fiel aus allen Wolken. Schon wieder wollte ihn jemand unschuldig ins Gefängnis bringen. Doch dieses Mal war es teuflischer. Sein Gesicht wurde benutzt, um diverse Einbrüche zu begehen. Er musste etwas unternehmen. Sollte er flüchten? Doch dazu brauchte er Hilfe. Und er kannte nur einen, der ihm in dieser Situation helfen konnte, helfen würde.


    Ben war bei Andrea geblieben und half ihr in dieser schweren Stunde. „Ben, Semir ist unschuldig. Er war hier, bei mir.“, meinte sie mit zittriger Stimme. „Ihr hattet schwere Wochen und Semir fiel wie ein Stein immer ins Bett.“, fügte sie hinzu. Ben sagte zunächst nichts. Alle Worte würden nichts an der Situation ändern. So stand er am Kamin und sah auf Andrea. „Semir wird wiederkommen. Es wird sich alles aufklären.“, meinte er, doch dann klingelte sein Handy.


    ...

  • Sorry für die Verspätung. Hätte es beinahe vergessen.


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    „Jäger?“, meldete er sich, doch dann weiteten sich seine Augen. Schnell stellte er den Lautsprecher an. „Semir, was ist los?“, fragte er dann mit besorgnisüberschlagender Stimme. „Ben, ich wurde reingelegt.“, kam es aus dem Telefon. „Gerade hat mich dieser Wolkenhaupt angerufen und gesagt, dass er für die Diebstähle verantwortlich sei.“, erklärte Semir schnell, denn irgendwann würden die Kollegen wieder zurückkommen. „Was? Semir, kannst du das beweisen?“, wollte sein junger Partner wissen. „Wie denn? Ich hatte leider mein Aufnahmegerät nicht bei.“, zischte Semir leicht böse. „Hör zu, ich muss hier raus und ihr müsst mir helfen.“, kam es aus den Lautsprechern. „Semir, hältst du das für eine gute Idee?“, fragte Ben, doch Andrea schien der Meinung ihres Mannes zu sein. „Ben, wenn er im Gefängnis ist, wird er nicht sicher sein. Wenn Wolkenhaupt es geschafft hat, Semir reinzulegen, wird er ihn bestimmt auch im Gefängnis nicht in Ruhe lassen.“, entgegnete sie. „Andrea hat recht, Ben. Ihr müsst mich hier raus holen. Einmal im Gefängnis kann ich nichts mehr unternehmen, um meine Unschuld zu beweisen.“, kam es aus dem Telefon. Ben überlegte kurz. Dann kam ihm ein Blitzgedanke und seine Mundwinkel zogen sich zu einem breiten, frechen und vielsagendem Grinsen hoch. „Okay Semir, ich hol dich da raus und werde dich verstecken. Und ich weiß auch schon wo.“, meinte er. „Danke Partner, ich schulde dir was.“, kam es erleichtert von Semir, der dann auflegte.
    „Wie stellt Semir sich das vor, Andrea?“, fragte Ben und sah Semirs Frau dabei abwartend an. Ihr huschte ein geniehaftes Grinsen über das Gesicht. „Du hast schon eine Idee, oder?“, meinte Ben dann und stieg in das Grinsen mit ein. „Allerdings.“, meinte sie und erzählte Semirs Partner von ihrem Plan.


    Semir saß auf der ungemütlichen, hartem Matratze im Untersuchungsgefängnis, nur mit T-Shirt und Boxershorts bekleidet und hatte sich die Wolldecke um die Hüften geworfen. Stumm hielt er ein kleines, zerknittertes Foto, dass er immer im Portemonnaie hatte, seiner Familie in der Hand und strich sanft mit dem Daumen darüber. Leise kullerte ihm eine Träne die Wange hinunter und verfing sich in der rauen Decke. Wieder machte ihm einer, den er hinter Gittern gebracht hatte, das Leben schwer. Und wie er Wolkenhaupt kannte, würde das hier nur die Spitze des Eisberges sein. Er würde nicht eher ruhen, bis er sich an ihm gerächt hatte. Unweigerlich stieg Angst in ihm auf. Angst um seine Familie, um Andrea, Aida und Ben. Ben, er musste doch auch auf Wolkenhaupts Abschussliste stehen. Immerhin hatte er es damals geschafft, Katrin Petersen und ihre Tochter aus den Händen Wolkenhaupts zu befreien.
    Der Mond schien ihm ins Gesicht und die dünne Wolkendecke malte ein düsteres Bild auf den kleinen Hauptkommissar, der traurig auf der Matratze saß. Er hoffte inständig, dass Ben und Andrea ihn bald hier rausholen würden. Erschöpft und voller Ungewissheit schlief er dennoch ein, ließ sich einfach an der Wand auf das Kissen und in einen unruhigen, traumlosen Schlaf gleiten.


    ...


    Feeds?

    Edited once, last by Christopher007 ().

  • Wolkenhaupt saß in seiner Villa vor dem prasselnden Kaminfeuer und hielt einen Cognacschwenker in der Hand. Sein Blick war starr auf den Kamin gerichtet. „Boss, ein Anruf von unserem Geschäftspartner.“, meinte einer seiner Handlanger. „Und was will er?“, fragte Wolkenhaupt und nahm einen Schluck aus seinem Glas. „Er wollte wissen, ob dieses Mal auch nichts schief geht, wenn er die Lieferung losschickt.“, meinte Sascha, ein noch recht junger, aber durchweg brutaler Schläger von Wolkenhaupts Haufen. „Er soll sich beruhigen. Dass diese Tschechen auch immer so einen Stress machen müssen. Er wird seine Mädchen schon los.“, erwiderte Wolkenhaupt und goss sich nach. „Was ist mit diesem Gerkhan?“, wollte Sascha wissen. „Der wird uns nicht in die Quere kommen. Dafür hat Steller gesorgt. Und was diesen Jäger angeht, so wird der erstmal damit beschäftigt sein, die Unschuld seines Kollegen zu beweisen.“, lachte Hans-Hinrich Wolkenhaupt und nahm den nächsten Schluck. „Sag das dem Tschechen. Es bleibt beim vorgesehenen Liefertermin.“, damit schickte er Sascha weg und widmete sich wieder dem Feuer in seinem Kamin.
    Etwas beschäftigte ihn dennoch. Diese kleine Schlampe von Petersen. Seitdem er wieder draußen war und seine Organisation wieder aufbaute, hatte er auch versucht, diese Zeugin von damals zu finden. Doch sie war verschwunden. Keiner, selbst seine Kontakte bei der Polizei, wusste, wo sie sich versteckte. Auch von der Tochter fehlte jegliche Spur. Dennoch, es war nur eine Frage der Zeit, bis auch sie gefunden wurde. Und dann würde sie, genau wie diese überschlauen Autobahnschnüffler dafür bezahlen. Alle würden dafür bezahlen, dass er, Hans-Hinrich Wolkenhaupt im Knast saß und nicht hier, wo er sich seinen wichtigen Geschäften widmen konnte. Jetzt aber würden alle seine ganze Wut zu spüren bekommen, die ihn damals geschadet hatten und als erstes bekam es dieser kleine Autobahnbulle ab.


    Am nächsten Morgen wurde Semir unsanft durch eine Art Nebelhorn geweckt, dass ihn aus dem Schlaf aufschrecken ließ. Einziges Glück für ihn in dieser harten, unmenschlichen Welt war, dass er eine Einzelzelle hatte und sie mit niemandem teilen musste. Aber so konnte er auch mit keinem reden, niemandem sein Leid antragen oder seine Sorgen erzählen. Was würde er jetzt für einen frischen Kaffee geben und dazu das Gesicht seiner über alles geliebten Andrea. Er wusste nicht, dass er sie noch heute wiedersehen würde.
    Seine Zellentür wurde aufgeschlossen und einer der Wächter kam rein. „Los, es ist soweit.“, meinte er mit harscher Stimme zu Semir. Dieser schnappte sich seine Jacke, warf sie über und ging den schmalen Gang des Gefängnisses entlang. Aus den dicken Zellentüren hörte er es schon grölen und rufen. Es war, als riefen sie nach ihm, nach seinem Kopf. Bestimmt waren einige hier, die diese Gelegenheit gerne ausgenutzt hätten, um Semir so richtig das Fell zu polieren. Und wenn er nicht bald hier rauskam, wenn Ben und Andrea es nicht schaffen würden, würde er bald einigen von diesen finsteren Gestalten gegenüberstehen und darauf hatte er absolut keine Lust.


    Ben und Andrea standen bei Hotte und Dieter, die den Transport begleiten sollten, und erklärten ihnen die Situation. „Also ihr Beiden, ihr wisst doch genau, dass Semir unschuldig ist.“, meinte Andrea tuschelnd. „Natürlich Andrea, Semir hat es doch gar nicht nötig so einen unsinnigen Firlefanz zu klauen.“, meinte Hotte. „Firlefanz nennst du das?“, lachte Dieter trocken. „Bei den Versicherungswerten könnt ich mir eine eigene Insel kaufen und mich darauf zur Ruhe setzen.“ „Ach, so alt bist du doch noch gar nicht Dieter.“, meinte Ben mit scherzhaftem Grinsen. „Alter Witzbold.“, maulte Dieter nur kurz. „Wie wollt ihr Semir befreien ohne, dass es auffällt?“, fragte Hotte. „Ganz einfach, wir stoppen den Wagen, holen Semir raus und hauen ab.“, meinte Ben. Dieter und Hotte lachten einmal kurz auf. „Ben, wie willst du die Kollegen davon überzeugen, anzuhalten? Willst du sie zur Kaffeepause zwingen?“, entgegnete Dieter.
    Da mischte sich Andrea ein. „Kaffeepause, das ist es.“, fiel sie dazwischen. „Was?“, fragten alle. „Jetzt sperrt mal eure Lauscher auf. Hotte, du und Dieter lotst die Kollegen mit dem Transporter auf die Raststätte Eifeltor. Ben und ich werden dort warten und Semir in einem unbemerkten Augenblick rausholen, während ihr mit den Kollegen einen Kaffee trinkt.“, meinte sie mit verschwörerischem Grinsen. „Das ist gut.“, meinte Hotte und überlegte sich schon, wie sie die Kollegen dazu kriegen sollten, mit ihnen Kaffee zu trinken. „Na das dürfte ja bei den Streifenhörnchen nicht so schwer sein.“, meinte Dieter mit leichtem Grinsen. „Okay, dann sollten wir uns mal langsam auf den Weg machen.“, meinte Ben und nahm die Wagenschlüssel.


    ...

  • Semir wurde zum Tor gebracht und sah nur, wie auf einmal ein Porsche der Polizei auf der anderen Straßenseite hielt, Hotte und Dieter ausstiegen und ihm nur einen vielsagenden Blick zuwarfen. „Los, gehen sie schon.“, forderte der JVA-Beamte Semir auf und gab ihn einen unsanften Stoß in den Rücken. „Ich geh ja schon.“, fauchte Semir und drehte sich mit erbostem Gesicht zu ihm um. Damit ging er in den hinteren Teil des Wagens, setzte sich auf eine Bank und seine Hände wurden an die Griffstange gekettet. „So, und nun schön ruhig sitzen bleiben. Die Fahrt könnte holprig werden.“, lachte der Beamte, verließ daraufhin den Transporter wieder und schloss die Tür. Langsam fuhr der Wagen an und setzte sich über das Kopfsteinpflaster in Richtung Autobahn in Bewegung.
    „So Dieter, dann wollen wir die Kollegen doch mal auf einen Kaffee einladen.“, meinte Hotte lachend und griff zum Funkgerät. „Cobra 19 für Anton 13.“, meldete sich Herzberger. „Was gibt’s Herzberger?“, meldete sich der Kollege vom Transporter. „Jungs, wie wär's mit einem Kaffee und einem zweiten Frühstück?“, fragte Hotte direkt. Einen Moment war es still. „Okay Jungs, wenn ihr zahlt.“, kam es lachend vom anderen Ende. Hotte sah Dieter mit vielsagendem Gesicht an. „Ist doch typisch, die lieben Kollegen nehmen auch immer gleich den ganzen Arm, wenn man ihnen die Hand reicht.“, murrte Dieter. „Aber wir wollen doch schließlich Semir da raus haben.“ „Ist gut, ich zahle.“, maulte der lange Beamte. „Okay Kollegen, geht klar.“, meinte Hotte und Dieter lenkte den Porsche auf den Parkplatz der Raststation, der Transporter folgte.
    „Jetzt geht’s gleich los.“, meinte Andrea zu Ben, der neben ihr in ihrem Auto saß. „Hm, hoffentlich lenken Dieter und Hotte die Kollegen lange genug ab, bis wir mit Semir verschwunden sind.“, entgegnete er. Dann sahen sie, wie die Tür des Transporters aufging und die beiden JVA-Beamten mit den Kollegen der Autobahnpolizei ins Bistro gingen und sich so platzierten, dass sie den Wagen nur von der anderen Seite sahen, nicht aber die Tür, wo Semir gefangen gehalten wurde. „Okay, hast du dir die Schlüssel von Hotte nachmachen lassen?“, fragte Andrea. Ben hielt grinsend ein Bund mit Schlüsseln hoch. „Okay, von Hartmut?“, wollte Andrea dann grinsend wissen und Ben nickte nur. „Er hat die halbe Nacht dran gesessen. Hoffentlich klappt alles.“, meinte der junge Hauptkommissar und stieg dann aus. Andrea folgte ihm.


    Langsam und unauffällig näherten sie sich dem Polizeitransporter und sahen sich immer wieder um. Ben hatte sich seine schwarzen Motorradhandschuhe übergezogen, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen und schloss die Tür des Wagens auf. „Stehst du bitte Schmiere.“, bat Ben Andrea und ging dann vorsichtig in das Innere des Transporters.
    Ben sah Semir mit abwartendem Gesicht in der Ecke sitzen. „Ich dachte schon, du lässt mich hier sitzen.“, lachte Semir und streckte Ben seine gefesselten Hände entgegen. „Och, ich dachte, ich geh mit Andrea erstmal einen Kaffee trinken, esse was und komme dann in zwei, drei Tagen wieder.“, erwiderte er lachend. „Ja, das schlag dir mal aus dem Kopf. Jetzt mach mit endlich los.“, fauchte Semir und wackelte mit seinen Händen hin und her. Ben machte einen Schritt auf seinen Partner zu und schloss die Handschellen auf. „Los komm, deine Frau wartet schon ungeduldig auf dich.“, lächelte Ben und löste dann die letzte Fessel, die seinen Partner an der Haltestange hielt.


    Schnell verschwanden die Beiden aus dem Wagen. Sofort lagen sich Semir und Andrea in den Armen und gaben sich einen innigen Kuss. „Jetzt kommt, bevor die Kollegen wieder aus der Raststätte kommen.“, mahnte Ben und stieß die beiden Eheleute an. „Er hat Recht Semir, wir müssen dich in Sicherheit bringen.“, meinte auch Andrea und zog ihren Mann zum Wagen.


    ...

  • So Leute, erstmal danke für die vielen Feeds, die bisher gekommen sind, ihr seid einfach nur spitze. Macht weiter so. Jetzt werdet ihr eine kleine Überraschung erleben. Mal sehen, was ihr dazu sagt. :D


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    Schnell waren sie von der Raststätte verschwunden. „Okay, wo wollt ihr mich hinbringen?“, fragte Semir, als er sich auf der Rückbank unter einer Decke verkroch. „Och, es wird dir da gefallen.“, lachte Andrea. „Frische, klare Wald- und Seeluft, einen wunderbaren Blick auf den See.“, meinte Semirs Partner. „Klingt ja reizend. Und wo ist der Haken?“, wollte Semir wissen. „Der Haken? Ein alter, kauziger und sehr launischer Mitbewohner.“, meinte Ben leicht entschuldigend. „Mein Großvater.“, fügte er dann noch hinzu.
    „Was? Ich wusste gar nicht, dass du noch einen hast.“, meinte Semir und lächelte. „Ist er genau so wie dein Vater?“, fragte er dann stichelnd. „Ne, eher das Gegenteil.“, meinte Ben. „Nach dem Tod meiner Mutter hat er mich und Julia eine Zeit lang bei sich wohnen lassen. Er war mir ein wirklicher Vater, obwohl er immer darauf achtete, dass wir zwei uns nicht allzu sehr zofften.“, erklärte Ben, während er Andreas Wagen in die Eifel lenkte. „Na, dann bin ich auf meinen neuen Mitbewohner mal gespannt.“ „Ach ja, eins sollte ich dir noch sagen. Er mag keine Fremden in seiner Nähe.“ „Warum hilft er uns dann?“, wollte Andrea wissen. „Ich habe ihm gesagt, dass sich ein Freund von mir Hilfe braucht.“, erklärte Ben grinsend. „Da bin ich ja mal gespannt, was das noch so wird.“, dachte Semir und verschwand wieder unter der Decke, die im Wagen lag. Die restliche Fahrt ging ruhig vonstatten. Das Autoradio dudelte vor sich hin und Ben summte einige der Charts mit, während Andrea ein wenig vor sich hin döste.
    Plötzlich musste Ben scharf bremsen, als ihm ein junges Reh fast ins Auto sprang. Die Köpfe ruckten automatisch nach vorne. Von der Rückbank war ein kurzer Aufschrei zu hören. „Verdammt noch mal, kannst du nicht sachte bremsen?“, fauchte Semir und hielt sich an seine Schläfe, wo sich eine leichte Beule erhob. „Tschuldige.“, meinte Ben nur und fuhr dann weiter. Nach wenigen Minuten musste er schon wieder bremsen, weil deutlich ein Gewehrschuss zu hören war. „Was war das denn?“, fragte Andrea erschrocken. „Ein Schuss.“, kam es sofort von Semir. „Ja, mein Großvater.“, meinte Ben mut geknickter Stimme. „Dein Großvater?“, kam es gleichzeitig aus Andreas und Semirs Mund. „Hm. Er ist Hobbyjäger und hat scheinbar gerade das Reh erschossen, was uns vors Auto gelaufen ist.“, erklärte Ben und fuhr dann weiter.


    Bernhard Jäger hielt sein Gewehr auf dem Arm, ließ seinen Jagdhund neben sich herlaufen, als er auf die gerade geschossene Beute zulief. Da hörte er einen Wagen, der auf seinen Hof zu fahren schien. „Oh nein, Menschen.“, maulte er sofort mit zynischem Unterton und widmete sich wieder dem Ausnehmen des geschossenen Rehs. Auch ignorierte er gekonnt das wilde Hupen, dass von seinem Hof in den Wald drang und die Aufmerksamkeit seines Hundes vom Kadaver ablenkte. „Keine Angst, die gehen schon wieder weg.“, meinte Bernhard zu seinem Hund und machte desinteressiert weiter.


    ...

  • Ben fuhr auf den Hof seines Großvaters, hielt direkt neben dem alten Benz und stieg aus. „Also, da wären wir.“, meinte Ben und sah sich dann um. Semir und Andrea taten dies ebenfalls mit einem sehr großen Staunen. „Nicht schlecht.“, pfiff Semir und sah sich in seiner neuen, vorübergehenden Umgebung um. Das Seehaus war groß und mit wunderbarer Holzverkleidung verziert. Auf dem Kiesweg war eine Hundehütte neben dem Eingangsbereich aufgebaut und einige wohlgepflegte Beete waren am Weg zum See angepflanzt. „Wo ist nun dein Großvater?“, fragte Andrea und sah sich immer wieder um. „Tja, im Wald schätze ich.“, erwiderte er und drückte auf die Hupe. Laut schallte das schrille Geräusch über das Gelände in den Wald hinein, doch es tat sich nicht. Wieder drückte Ben auf die Hupe, doch immer kam keine Reaktion.
    Dann sprintete ein brauner Irish Setter aus dem Wald und kam mit wedelnder Rute auf Ben zu. „Hey, na meine Süße.“, erfreut begrüßte Ben den Hund und sah dann, wie sein Großvater aus dem Wald kam und mit skeptischem Blick beäugte er die angekommenen Besucher.


    „Hallo Großvater.“, meinte Ben erfreut und nahm seinen Opa in die Arme. „ Benjamin, wieso schleppst du mir fremde Menschen auf mein Grund und Boden?“, fragte er mit barscher Stimme und deutete auf Semir und Andrea. „Und dazu noch einen Türken.“, kam es gleich als Nachschub hinterher. Semir überhörte dies nur gekonnt. Schon oft hatte er Anspielungen auf seine Herkunft gehört. Ben sah ihn entschuldigen an. „Schon okay.“, meinte Semir nur und winkte kurzerhand ab. „Großvater, ich hatte dich doch drum gebeten, einige Tage auf meinen Freund hier,“, er deutete auf Semir, „aufzupassen. Er steckt etwas in Schwierigkeiten.“ „Hat er auch einen Namen oder soll ich ihn mit „Hey du“ ansprechen?“, fragte Bernhard und sah zu Semir. „Oh, ich vergas. Das ist Semir Gerkhan und seine Frau Andrea.“, stellte Ben die Beiden vor. Sofort setzte Bernhard sein charmantestes Lächeln auf, was er als Einsiedler nun so gut es ging vorwies, und gab Andrea einen gekonnten Handkuss. „Sehr entzückt.“, meinte er nur und wendete sich dann Semir zu. Doch anstatt ihn etwas freundliches zur Begrüßung zu sagen, kam nur eine harsche Frage.
    „Können sie irgendwas?“, fragte Bernhard. Semir sah ihn mit verdutztem Gesicht an. „Wie bitte?“ „Bei mir wird nicht gefaulenzt. Hier wird sich jede Mahlzeit mit Arbeit verdient. Also, können sie Holz hacken, angeln oder jagen?“, fragte Bernhard nun präziser. Semir ahnte, dass dies keine leichte Zeit mit dem alten Jäger werden würde. Er sah nur das leicht bedrückte, aber zum Teil auch grinsende Gesicht von Ben, als sein Großvater diese Frage gestellt hatte. „Nun, ich kann ein wenig kochen und schießen und das mit dem Holz hacken wird ja so schwer nicht sein.“, meinte Semir in großen Tönen. „Das wird sich noch herausstellen.“, maulte Bernhard und sah dann wie seine Hundedame, Sina, mit interessierten Blicken um Semir herumschlich. „Dann gehen wir mal rein.“, kam es dann aber von Bernhard und er ging, mit dem geschossenen Reh, dass er über seine Schulter geworfen hatte, ins Haus. Semir, Ben und Andrea folgten ihm.


    ...

  • Inzwischen warne die Kollegen der JVA mit dem Transporter und ihrem scheinbar ruhigen Gefangenen beim Justizgebäude vorgefahren und wollten nun Semir dem Haftrichter vorführen. Doch sie sollten eine böse Überraschung erleben.
    „So, Herr Gerkhan, aussteigen.“, meinte einer der Beamten, schloss die Tür auf und wollte Semir von den Handfesseln befreien, als er sah, dass diese nur noch am Rahmen hingen, der Gefangene aber nicht mehr an ihnen hing. „Scheiße, der ist weg.“, stieß er aus, als er wieder nach vorne zu seinem Kollegen kam. „Wie weg? Der war doch fest angekettet.“, meinte der ältere der Beiden. „Ja, aber er ist trotzdem weg.“, entgegnete der Jüngere und strich sich durch sein gegeltes Haar. „Wir müssen die Staatsanwaltschaft informieren. Das gibt wieder Ärger.“


    Kim saß in ihrem Büro, die Akten von den Einbrüchen vor sich. Vielleicht hatten die Kollegen vom Raub etwas übersehen, was Semir entlasten könnte. Sie wollte nicht glauben, dass einer ihrer fähigsten Beamten aus Lust und Laune die Seiten gewechselt und wertvolle Kunstgegenstände gestohlen hat. In Gedanken völlig eingehüllt, merkte sie nicht, wie das Telefon klingelte.
    „Krüger.“, meldete sich Kim leicht genervt. Doch schon hörte sie die fauchende Stimme von Staatsanwältin Isolde Maria Schrankmann, die sich unauslöschlich in ihren Ohren festsetzte. „Frau Krüger, ich habe gerade unglaubliches gehört. Semir Gerkhan soll durch verschwörerisches Verhalten seiner Kollegen geflohen sein.“, fauchte sie mit lauter, vorwurfsvoller Stimme. „Was?“, kam es in einer kurzen Atempause der Schrankmann. „Das ist...“ „Ihre Männer Bonrath und Herzberger haben die Kollegen der JVA zu einem Kaffee eingeladen und ein anderer, ich wette Herr Jäger, hat Gerkhan befreit. Ich wünsche, dass sie sofort Disziplinarmaßnahmen gegen die Männer ergreifen. Ein für allemal sollen sie begreifen, dass sie sich nicht über die Anweisungen der Staatsanwaltschaft hinwegzusetzen haben.“, fauchte Frau Schrankmann und Kim konnte kaum Fürworte für ihre Männer entgegnen. „Frau Schrankmann, ich kann ihre Aufregung verstehen, aber haben sie schon mal daran gedacht, dass Herr Gerkhan von jemanden reingelegt worden ist.“, versuchte Kim erneut. „Blödsinn.“, fauchte die Juristin barsch durchs Telefon. „Es wäre immerhin möglich.“, setzte Kim erneut an, doch die Staatsanwältin wollte von alledem nichts wissen. „Herr Gerkhan ist eindeutig auf dem Video von ihnen und seinem eigenen Partner identifiziert worden, sein Kontostand weist eindeutig Zahlen auf, die ungewöhnlich hoch für das Gehalt eines einfachen Kriminalkommissars der Sollstufe ... ist.“, erklärte sie mit genervter Stimme. „Sorgen sie für die disziplinarischen Maßnahmen oder ich werde es selbst tun und sie mit einbeziehen.“, drohte Schrankmann und legte auf.


    „So eine...“, stieß Kim aus, als Susanne das Büro betrat. „Chefin, Bonrath und Herzberger haben sich von der Begleitfahrt zurückgemeldet.“, gab die Sekretärin bekannt. „Das trifft sich gut. Schicken sie die Beiden gleich zu mir.“, meinte sie mit todernster Stimme, die sich auch dementsprechend auf das Gesicht übertrug. „Okay.“, meinte Susanne leicht verwirrt. Schon nach wenigen Minuten kamen die beiden Polizeibeamten mit schon vielsagender, geknickter Haltung ins Büro der Chefin geschlichen, schlossen die Tür hinter sich und setzten sich in die beiden Sessel vor Kims Schreibtisch. „Meine Herren, ich frage sie jetzt einmal und ich will eine ehrliche Antwort haben.“, kündigte sie mit gedämpftem Zorn in der Stimme an. „Ich will von ihnen wissen, ob sie dabei geholfen haben, Herrn Gerkhan in irgendeiner Weise die Flucht zu ermöglichen?“ Dieter und Hotte sahen sich hilfesuchend an. Doch schon allein ihre Blicke verrieten der Chefin das, was sie wissen wollte. „Also ja.“, beantwortete sie sich ihre Frage, ließ sich enttäuscht auf den Stuhl fallen und schlug ihre Beine übereinander. „Chefin, was sollten wir denn machen? Semir ist unschuldig. Wir musste ihm einfach helfen.“, rechtfertigte Hotte ihre Aktion von heute morgen. „Die Staatsanwältin tobt wie der Teufel. Sie verlangt von mir, disziplinarische Schritte gegen sie einzuleiten.“, erklärte Kim mit lauter Stimme, die sich durch die aufgebaute Wut noch verstärkte. „Dann tun sie, was sie tun müssen, aber wir würden es wieder machen.“, meinte Dieter nun. Kim imponierte diese Geschlossenheit der Kollegen und diese Verbundenheit untereinander. Jeder würde für den anderen durchs Feuer gehen und sie zeigten es auch nach außen hin. Sie verstand dies, musste aber ihren Standpunkt mit eiserner Miene vertreten, auch wenn sie gerne dazugehören wollte. Die Dienstvorschriften waren jedoch eindeutig und daran hielt sie sich.


    ...

  • Da heute Sonntag ist ...



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    Ben und Andrea verabschiedeten sich dann wieder und Semir blieb dann mit Bernhard Jäger allein zurück an der Seehütte. „Dann los. Packen sie ihre Sachen aus und dann können sie gleich mit der Arbeit anfangen. Das Reh muss ausgenommen und getrocknet werden.“, meinte Bernhard zu Semir und dieser stöhnte nur, fügte sich dann aber. Er ahnte ja nicht, wer auf der anderen Seite des Sees seine Augen auf das Wasser richtete.


    Wolkenhaupt blickte über den stillen und dennoch tiefen See zu der Hütte seines Nachbarn rüber. „Sieht so aus, als ob der alte Jäger mal wieder Glück bei der Jagd gehabt hätte.“, dachte er laut vor sich her. „Chef, sie haben angerufen. Die Lieferung ist bereits unterwegs hier her.“, meinte Sascha. „Ist gut. Haben wir schon etwas von Katrin Petersen?“, fragte er gleich. „Noch nicht. Aber laut Kontakten ist nur einem der Bullen der Aufenthaltsort von Petersen und ihrer Tochter.“, erwiderte Sascha und reichte seinem Chef einen kleinen, fast zerknüllten Zettel, den Wolkenhaupt vor Neugier fast zerriss.
    „Ben Jäger? Und er soll wissen, wo sich Katrin Petersen aufhält?“, wollte Wolkenhaupt mit energischer Stimme wissen. „Nach meinen Informationen, ja. Er ist derjenige, der damals alles organisiert hat. Er müsste noch Unterlagen darüber haben. Sollen wir ihn herbringen?“, fragte Sascha und sah dann, wie Wolkenhaupt seinen Kopf ruckartig herumwarf. „Bist du verrückt? So lenken wir doch die Aufmerksamkeit auf uns. Nein, das machen wir anders. Jetzt sind erstmal die Tschechinnen wichtig. Verteilt sie gut auf die einzelnen Bordelle und macht ihnen gleich klar, wer der Boss hier ist.“, wies Wolkenhaupt seinen Untergebenen an.


    Semir war derweil dabei, das Reh von seiner Decke zu befreien. Mit angewidertem Gesicht und kaum zu unterdrückendem Brechreiz, schälte er das arme Tier aus seiner Haut. Bens Großvater stand mit der Pfeife im Mund daneben und sah nur misstrauisch zu. „Dass sie mir auch ja nicht zu tief ins Fleisch schneiden.“, brummte er und stieß einen Schwall Qualm aus. „Warum machen sie denn diese Arbeit nicht?“, fauchte Semir und drehte sich genervt zu seinem „Gastgeber“ um. „Weil ich mir mein Abendessen für heute schon verdient habe.“, knurrte Bernhard zurück und zog erneut an seiner Pfeife.
    Endlich hatte es Semir hinter sich. Das Tier hing an einem Gestell. Das Fell trocknete vor sich hin und die Innereien in der Tonne. Nun konnte er sich Ruhe gönnen. So dachte er jedenfalls. Als Semir ins Haus gehen wollte, hielt ihn Bernhard davon ab. „Was denn noch? Ich bin müde und meine Hände sind voller Blut.“, meinte Semir geschafft und streckte ihm seine blutroten Finger entgegen. „Es wird noch Holz für den Ofen benötigt. Die Axt steht da drüben. Beeilen sie sich, es wird bald dunkel.“, entgegnete Bernhard und deutete auf eine etwas abseits gelegene Stelle vom Haus. „Wieso machen sie das nicht?“, fragte Semir fauchend. „Ihr Enkel hat mich hierher gebracht, damit ich ein sicheres Versteck habe, nicht damit ich ihr Sklave bin.“, zischte der Hauptkommissar. „Wer unter meinem Dach leben will, ob Gast oder nicht, der verdient sich auch sein Essen und seine Schlafstätte, verstanden? Und jetzt machen sie gefälligst das Holz.“, schrie Bernhard Jäger den kleinen Türken an. Grummelnd ging Semir zu dem Baumstumpf, zog mit einem leichten Ruck die Axt aus dem Stumpf und setzte einen Holzscheit auf. Mit Schwung spaltete er den Scheit in zwei Teile und auch der zweite machte keine Probleme. „Was würde ich jetzt nicht für einen stinknormalen Arbeitstag geben.“, dachte Semir grummelnd. „Ein ganz normaler Tag mit Temposündern oder einem Mörder. Das wäre was.“


    ...

  • Sonntagshappen auch bei mir ;) Bis morgen ...


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    Kaum hatte er dies zu ende gedacht, kam der alte Jäger auch wieder aus der Hütte und sah sich den inzwischen enorm angewachsenen Stapel mit den Holzscheiten genau an. „Sehr gut, sie haben sich ihr Abendessen redlich verdient.“, meinte Bernhard zufrieden und winkte Semir in sein Haus. „Endlich.“, dachte er und legte die Axt weg.


    Der große Raum war voller Wärme, die durch den Kamin ausgestrahlt wurde. Das Feuer prasselte herrlich vor sich hin und roch nach feinstem Buchenholz. Erschöpft ließ sich Semir in den großen Sessel aus feinstem Leder fallen und legte die Füße hoch. „Ha, endlich Ruhe.“, dachte er und griff nach der Wasserflasche, die vor ihm stand.
    Mit gierigen Zügen trank er die halbe Flasche leer. „Das tat gut.“, dachte er und sah sich im Wohnzimmer um. Die Wände waren behangen mit den unterschiedlichsten Geweihen und Tierköpfen behangen. Bens Großvater muss ein begeisterter Jäger und Angler sein, denn auch ausgestopfte Fische hingen hier und da an der Wand. Semirs Blick fiel alsbald auf den Kaminsims, wo jede Menge Fotos von Ben in Kindertagen und seinem Großvater aufgestellt waren. Der Deutschtürke stand auf und sah sich die Fotos genau an. Ben, mit einem breiten Grinsen in seinem Gesicht und einem Riesenfisch auf dem Arm, und daneben sein Großvater mit einem nicht so großen Fisch in der Hand und einem eher missmutigen Gesicht, was schon etwas von einem Theatersymbol hatte.
    „Tja, da war er gerade elf.“, kam es plötzlich hinter Semir hervor. Er drehte sich um und Bernhard stand in der Tür, sein Gesicht strahlte vor großväterlichem Stolz. „Er sieht seiner Mutter so verdammt ähnlich.“, bemerkte er mit schwerer Stimme, als er das Foto so in der Hand hielt, nachdem er es Semir abgenommen hatte. Semir war sich nicht sicher, aber er meinte eine kleine Träne aus den Augen dieses raubeinigen Einsiedlers kullern zu sehen.


    Ben kam wieder in die PASt zurück, wo Hotte und Dieter mit eingezogenem Kopf hinter ihren Schreibtischen saßen. „Hat SIE schon Wind von der Sache bekommen?“, wollte er wissen und deutete in Richtung Kims Büro. „Allerdings, und wir haben auch gleich einen Anschiss kassiert.“, zischte Hotte und warf seinen Kopf in die Richtung des Büros. „Und du bist gleich der nächste, wenn du dich nicht in Sicherheit bringst.“, fügte Dieter hinzu und schrieb seinen Bericht weiter.


    ...

  • Man, ihr seid ja heute mal wieder gierig ;) Aber gut, dann jetzt aber bis morgen :D


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    Die Tür ging auf und wie eine Furie stand die Chefin im Großraumbüro. „Jäger, sofort zu mir.“, fauchte sie mit drastisch lauter Stimme, dass Ben leicht zusammenzuckte. Der Kommissar folgte ihr und schloss die Tür hinter sich. „Was haben sie sich dabei eigentlich gedacht?“, schrie sie sofort los. „Haben sie komplett ihr Hirn auswechseln lassen oder was sollte diese Aktion?“, fauchte sie und schlug förmlich mit der Faust auf den Tisch. „Chefin, ich weiß nicht, was sie meinen.“, kam es ruhig von Ben in einer Atempause der Krüger. Sie dachte, sie traut ihren Ohren nicht. „Wie war das?“, fragte sie. Ihre Schlagader war fast zum Zerreißen gespannt. „Ich weiß nicht, wovon sie reden.“, wiederholte sich der Hauptkommissar und das mit einer solchen Selbstsicherheit, dass Kim fast der Kragen geplatzt wäre. „Sagen sie mal, wollen sie mich verarschen?“, schrie Kim erneut und sah ihren Kommissar mit funkelnden Augen an. „Die Staatsanwältin macht mir die Hölle heiß. Finden sie mir Semir und schaffen sie ihn wieder hier her. Auch wenn er unschuldig ist.“, wies Kim ihren Untergebenen an und verbannte ihn dann aus dem Büro.
    „Ja, wütend ist sie eigentlich ganz süß.“, dachte er laut vor sich hin und ging dann in sein Büro. Auf dem Tisch lag ein Brief, unbeschriftet, an ihn adressiert. „Susanne, wer hat den hier abgegeben?“, wollte er wissen, nachdem er in den Vorraum zurückgegangen ist. „Ein Kurier hat ihn gebracht. Ich habe ihm noch ein Trinkgeld gegeben.“, erwiderte sie und streckte die Hand hin. Ben grinste nur und kramte in seinen Taschen nach ein bisschen Kleingeld. „Hier.“, meinte er und reichte ihr einen Fünfer. „Der Rest ist für einen Pott Kaffee.“, lachte er kurz und ging dann wieder in sein Büro zurück.
    Wer schrieb ihm nur? Und vor allem ohne Absender? Wenn er den Brief nicht aufmachte, konnte er es schlecht erfahren. So nahm er sein Messer zur Hand, ratschte den Umschlag auf und holte ein Blatt Papier hervor. Es war ein Brief von Katrin Petersen. Sie musste mit Ben dringend reden. Sie wusste, dass Wolkenhaupt wieder frei war und fürchtete um ihre Sicherheit jetzt mehr, als vorher. Ben konnte dies verstehen. Warum war Wolkenhaupt überhaupt wieder auf freien Fuß? „Susanne, sieh doch mal bitte nach, warum Wolkenhaupt entlassen wurde. Und dann, wo ist die Adresse von der Schutzwohnung von Katrin Petersen?“, wollte er wissen. „Ich seh gleich nach.“, meinte Susanne und machte sich am Computer an die Arbeit. „Und die Adresse klebt an der Unterseite deines Schreibtischs.“, rief sie ihm ins Büro. „Unterm Tisch?“, wunderte er sich und ließ sich auf den Boden gleiten. Tatsächlich. Unter seinem Tisch klebte wirklich ein kleiner Umschlag, in dem sich die Adresse der Schutzwohnung befand. Ben nahm ihn an sich und riss ihn auf. „Okay, dann werde ich da gleich mal hinfahren.“, meinte der junge Hauptkommissar zu Susanne und verließ die PASt in Richtung Ausgang.


    ...

  • So, der Montagshappen ;) Den Start in die Woche gut überstanden?


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    Wolkenhaupt fiel fast sprichwörtlich aus allen Wolken, als er das hörte. „Was? Er ist ausgebrochen?“, schrie er fragend. „Es hat den Anschein, Chef.“, meinte Sascha. Wolkenhaupt überlegte nicht lange. Er wusste genau, was Gerkhan vorhatte. Er würde ihn jagen und so seine Unschuld beweisen wollen. „Dann werden wir jetzt einen letzten Coup planen. Such mir ein hübsches Museum mit einem wertvollen Ziel aus.“, wies Wolkenhaupt seinen Untergebenen an. „Ich denke, da weiß ich schon was.“, erwiderte Sascha und schlug die Tageszeitung auf.
    „Hier, das Kölner Stadtmuseum hat eine Leihgabe vom Ägyptischen Museum in Berlin bekommen. Es handelt sich um die berühmte Statue der Nofretete.“, meinte Sascha und sah seinen Chef abwartend und mit einem bösen Grinsen an. Wolkenhaupt nahm die Zeitung in die Hand und grinste ebenfalls teuflisch. „Sie wird zwar gut bewacht, aber sollte dabei ein Wachmann zu Schaden kommen, kann es uns nur nützlich sein.“, lachte er. „Gerkhan wird mit Sicherheit dann als Freiwild gejagt und wir haben eine noch freiere Bahn, weil die ganze Polizei sich nur auf die Suche nach ihm konzentrieren wird.“, spekulierte der Zuhälter und ließ in seinen Cognacschwenker den braunen Branntwein fließen. „Bereite alles vor.“, wies er seinen Schläger an und setzte sich dann, da der Abend noch sehr sonnig und wolkenlos war, auf seine Terrasse, die zum See hin zeigte.


    Semir hob seine Nase und zog diesen wohlriechenden Duft in sich auf. Was war das? Es roch ein wenig nach Rotwein, Lorbeer und anderen Gewürzen. Neugierig wie er nun mal war, ging er diesem wohltuenden Geruch nach und stand dann vor der geschlossenen Küchentür. Er wollte eintreten, doch das Knurren hinter ihm verriet ihm, dass er es lassen sollte. „Was denn? Du magst wohl nicht, dass ich da rein gehe?“, meinte Semir und ging auf den Irish Setter Sina zu. Vorsichtig streckte er ihr seine Hand entgegen, dass sie daran schnüffeln konnte und so wusste, dass er nichts böses von ihr wollte. Sina war jedoch misstrauisch und knurrte lauter. „Aber, aber. Ich tu dir doch nichts.“, versicherte Semir mit freundlichem Lächeln und ging weiter auf den Hund zu.
    „Vorsicht, sie lässt sich nicht von jedem anfassen.“, kam die Stimme von Bernhard Jäger aus der Tür. Semir drehte sich um und sah, wie sein Gastgeber aus der Küchentür kam. „Haben sie Hunger?“, fragte er dann. „Oh ja, wie ein Wolf.“, erwiderte Semir und strich sich über den Bauch. „Na gut, dann kommen sie mal.“, murrte Bernhard wieder und gab den Durchgang zur Küche frei. Sina trottete den beiden Männern hinterher und legte sich in ihren Korb, der in der Küche gleich neben dem Ofen stand. „Ich hoffe, sie mögen Rehrücken in Rotweinsoße?“, fragte Bernhard und stellte Semir eine Portion des feinen Essens vor die Nase. Der Deutschtürke beugte sich über den Teller und nahm einen kräftigen Zug des Duftes in sich auf. „Da erübrigt sich wohl die Frage.“, dachte Bernhard lächelnd und setzte sich Semir gegenüber. Beide begannen mit dem Essen, schwiegen jedoch dabei. Semirs Gastgeber schien nur das nötigste zu sprechen und auch dann nur, wenn er sich mitteilen wollte.


    ...


    Feeds ???

  • Einen Tag ausgesetzt, gibt es jetzt wieder mal was ;)


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    Doch Semir musste das Schweigen brechen. Er wollte etwas mehr über ihn wissen. Auch, wenn er dafür wieder die Antipathie des Mannes auf sich zog. „Warum leben sie hier?“, fragte Semir frei heraus. Bernhard sah fragend auf und kaute weiter. „Ich meine, ihr Schwiegersohn lebt in der Stadt, ihr Enkel in einem Appartement und ihre Enkelin mit ihrem Mann in einem Haus bei Leverkusen. Warum wohnen sie so abseits von ihrer Familie?“, präzisierte Semir seine Frage. Bernhard schluckte sein Fleisch hinunter und lachte dann kurz vergrämt auf. „Sie wissen gar nichts.“, meinte er.
    „Ich war mal genauso, wie mein Schwiegersohn.“, fing er an. Semir sah kurz auf. „Ich meine nicht das Geld.“, berichtigte er sich. „Ich lebte schon vorher hier, doch ich ließ die Menschen zu mir.“ „Also waren sie nicht immer so ein Stinkstiefel?“, lachte Semir. „Seit dem Tod meiner Tochter habe ich mich zurückgezogen. Keiner, nicht einmal mein Schwiegersohn, der sowieso mehr das Geld als seine beiden Kinder liebte, ließ ich zu mir. Nur meine Enkel, meine geliebten Enkel hatte ich immer bei mir.“, erklärte er. „Aber warum sind sie dann nicht zu ihnen und zu ihrem Vater mit eingezogen?“, wollte Semir dann wissen. „Ich habe es meinem Schwiegersohn immer übel genommen, dass für ihn das Geld an erster Stelle kam.“ „Sie scheinen aber auch nicht schlecht verdient zu haben, wenn ich das bemerken darf.“, meinte der Deutschtürke und spielte auf die großzügige Einrichtung und das große Seehaus an. Bernhard lachte kurz. „Herr Gerkhan, ich war immer ein Arbeiter. Alles was sie hier sehen, ist erst im Laufe meines langen Lebens entstanden. Stück für Stück habe ich mir dieses Haus vom Munde abgespart.“, erklärte Bernhard mit leichter Wut in seiner Stimme. „Ich fragte ja nur.“, meinte Semir und aß weiter.


    Wolkenhaupt sah durch sein Teleskop auf das Haus gegenüber des Sees. Zu gerne würde er auch dieses Haus kaufen, doch der alte Jäger weigerte sich vehement und verteidigte seinen Grundbesitz mit allerlei Waffengewalt. Während er das Grundstück absuchte, nahm er immer wieder einen Schluck aus seinem Cognacschwenker.
    Er prustete, verschluckte sich fast, als er sah, wer da mit dem alten Mann am Tisch saß. „Was macht denn der hier?“, zischte er und hustete sich den Cognac aus der Lunge. Dann sah er nochmals genauer hin. Die Person war weg. Sollte er sich geirrt haben? Nochmals sah er hin. Nun saß der alte Jäger alleine am Tisch. Na ja. Er würde einfach warten, bis die Sache im Museum über die Bühne war. Nach dieser Aktion konnte er seine Geschäfte wieder ungestört aufnehmen, ohne, dass diese verdammten Schnüffler von der Autobahn auf ihn aufmerksam wurden.


    ...

  • Wollt euch ja eigentlich heute auf Diät setzen, aber ich will euch ja nicht im Ungewissen lassen ;) Feedet schön, please.


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    Ben fuhr vor der Wohnung in einem abgelegenen Städtchen an der Grenze von Nordrheinwestfalen zu Hessen abseits der großen Straßen vor und stieg aus. Hier musste es sein. Ein kleines, hinter Hecken verstecktes Fachwerkhäuschen mit einem kleinen Teich. Das LKA hatte Katrin Petersen und ihre Tochter Sarah eine vollkommen neue Identität bekommen. Katrin hieß nun Sonja Wehler und war die Bibliothekarin in dem kleinen Ort von 8000 Seelen. Auch Sarah hieß nun Tina und lebte mit ihrer Mutter hier beschaulich zusammen, ging auf die hiesige Schule.
    Ben klingelte an der Tür. Während er wartete sah er sich um. Sein Wagen mit Düsseldorfer Kennzeichen zog scheinbar misstrauische Blicke der alteingesessenen und skurril wirkenden Kleinstadtbewohner auf sich. „Is ja gut, bin ja bald wieder weg.“, meinte Ben mehr zu sich und drückte erneut auf die Klingel. Endlich ging die Tür auf und Sonja oder besser Katrin trat kurz aus der Tür. Sie hatte die Haare gefärbt und trug einige weinrote Strähnen in den Haaren. „Ben, endlich.“, meinte sie und zog den jungen Hauptkommissar hastig in das Haus rein.
    „Katrin, ist dir klar, dass es ein Risiko ist, wenn ich hier bin?“, fragte Ben mahnend und ließ sich aufs Sofa fallen. „Ich weiß, aber beruhig dich. Hier kennt mich nur jeder als Sonja Wehler die Stadtbibliothekarin.“, erwiderte sie lächelnd. „Gut.“, seufzte Ben dann. „Ich weiß, du machst dir Sorgen wegen Wolkenhaupt.“ „Ben, er ist wieder draußen. Warum?“, fragte sie in einem Anflug von Hysterie. „Meine Kollegen prüfen das gerade nach, aber anscheinend will er sich an Semir und mir rächen. Er hat Semir eine Reihe von Einbrüchen in die Schuhe geschoben, für die er jetzt verantwortlich gemacht wird.“, erzählte Ben. „Dann ist seine alte Macht wieder ungebrochen zurück und ich werde eines seiner Ziele sein.“, meinte Katrin und sank auf dem Sessel in sich zusammen. „Ben, Sarah und ich haben uns hier ein wirklich wunderschönes Leben aufgebaut. Sie hat ihre erste große Liebe gefunden. Wenn wir jetzt hier weg müssen, dann ... das verkraftet sie nicht und ich auch nicht.“ „Beruhig dich, ich werde dafür sorgen, dass euch dieser Typ nicht findet.“, meinte Ben lächelnd und Katrin nickte nur ergeben. Er fuhr daraufhin nach Köln zurück, wo in diesem Augenblick, die Sonne war schon seit einer Stunde untergegangen, Semirs Leben noch weiter ins Kriminelle gezogen wurde.


    Hotte und Dieter standen sich in der nächtlichen Kälte des Museums die Füße ab. „Man, die Krüger ist wirklich sauer auf uns.“, keuchte Hotte und blies sich seinen warmen Atem in die Hände. Dieter stand neben ihm und sah auf die Bildschirme. „Wenigstens wurden wir von der Staatsanwältin nicht nach Hallig Hooge versetzt.“, erwiderte der Lange trocken und gähnte dann löwenartig. „Hier Jungs,“, kam es dann von einem Wachmann, „ich bringe euch einen Kaffee, damit ihr nicht gänzlich einschlaft.“, meinte er lachend und stellte zwei Tassen mit dem heiß dampfenden Koffeindrink vor die Beiden hin. „Ich mach jetzt Schluss. Ihr macht ja meine Schicht.“, lachte er und ging. „Ja, geh du nur, es wird ja nichts passieren.“, meinte Hotte. Wie unrecht er doch hatte.
    Am Hintereingang des Museum stand schon ein Wagen bereit. „Bist du fertig, Otto?“, fragte Sascha seinen Untergebenen auf der Rückbank und drehte sich zu diesem um. „Moment, nur noch die Haare und den Schnurrbart und dann bin ich soweit.“, erwiderte dieser und schob die kurzgeschorenen Haare über seine blankgeschorene Birne. Dann klebte er sich noch den kleinen Bart an und setzte die Kontaktlinsen ein. „Na, wie sehe ich aus?“, fragte dieser und präsentierte sich seinem Chef. „Boah.“, staunte Sascha. „Ich kenne zwar Gerkhan nur aus der Zeitung, aber du siehst ihm verdammt ähnlich. Wie ein Zwilling.“, lachte Sascha und stieg dann zusammen mit Otto aus.
    „Okay, du kennst die Örtlichkeiten?“, wollte Sascha wissen. Otto nickte und zog sich die schwarzen Handschuhe an. „Und denk dran. Hol die Nofretete und sieh zu, dass du ein bisschen in die Kameras schaust. Wir wollen doch, dass Gerkhan etwas von unserem Besuch hat.“, lachte er und Otto stimmte in sein Lachen ein. Schnell verschwand er am Hintereingang und öffnete das Schloss.


    ...

    Edited once, last by Christopher007 ().

  • So, bitte schon mal Baldrian und nervenberuhigendes Zeug bereit stellen ... jetzt wird es das erste Mal kritisch ;)


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    Hotte sah immer wieder auf den Bildschirm und gähnte müde vor sich hin. Der Kaffee hielt ihn auch nicht wirklich wach. Dieter war auf Tour durch das Museum. Das er mal als alter Museumswächter enden würde, hätte er auch nicht gedacht. „Und das alles nur, weil wir einen unschuldigen Kollegen geholfen haben.“, murrte er und nahm wieder einen Schluck von diesem scheußlichen Kaffee. „Bäh, du bist auch mit Abwaschwasser gebrüht worden, oder?“, schimpfte Hotte und kippte den Rest in den Papierkorb.
    Dann sah er wieder auf den Bildschirm und Dieter, wie er an der Nofretete stand und die Sicherungen der Alarmanlage überprüfte. Er zeigte mit einem gehobenen Daumen, dass alles in Ordnung war und er wieder zurück kam. Hotte nickte kurz, sah aber dann, wie in den unteren Stockwerken ein Schatten von Vitrine zu Vitrine huschte. „Na, das ist doch jetzt nicht wahr.“, zischte Hotte, griff nach seiner Waffe und überprüfte das Magazin. Schnell lief er Dieter in die Arme. „Wow, wo willst du denn hin, Dicker?“, wollte der lange Polizist wissen. „Wir haben einen ungebetenen Besucher im Museum.“, flüsterte Hotte und sofort hatte Dieter die Hand an seiner Waffe. Beide Polizisten spurteten hoch zur Nofretete, doch der ungebetene Gast war schon da.


    Otto, in Gestalt von Semir, machte sich an der Vitrine zu schaffen, schnitt die Scheibe auf und nahm vorsichtig die Statue heraus. Grinsend lugte er in die Kamera und setzte sich verabschiedend in Szene. Doch ehe er zum Ausgang kam, betraten die beiden Polizisten den Raum.
    „Polizei, stehen bleiben.“, schrie Hotte. Ein Schuss hallte durch das Stockwerk und getroffen ging der beleibte Polizist zu Boden. „Hotte!“, schrie Dieter auf und zog seinen Freund in Deckung, während er ungezielt das Feuer erwiderte. Einzelne Vitrinen und kostbare, antike Vasen gingen im Kugelhagel zu Bruch. Trotzt des Durcheinanders konnte Dieter das Gesicht des Täters genau sehen. Ihm fehlten jegliche Worte. Semir hatte auf sie geschossen und Hotte dabei scheinbar schwer verletzt. Ihm blieb jedoch nicht genug Zeit zum Nachdenken. Wieder zischten die Kugeln des Angreifers um seine Ohren. Dieter eröffnete erneut das Feuer und griff gleichzeitig zu seinem Handy. „Hier Bonrath, schickt sofort Verstärkung zum Stadtmuseum. Schusswechsel mit einem Einbrecher, ein Kollege ist schwer verletzt.“, keuchte er und schoss erneut ins Blaue.
    In einer Atempause riskierte Dieter einen Blick. Der Angreifer war entwischt. „Scheiße.“, stieß er aus und ging dann sofort neben Hotte in die Hocke. „Hey Hotte, halte durch, hörst du.“, bat er seinen verwundeten Kollegen. Dieser sah starr an die Decke, drehte sein Gesicht dann zu Dieter. Blut lief ihm aus dem Mundwinkel und benetzte seinen Bart und das Kinn. „Wieso hat...“, keuchte er und hob vorsichtig den Kopf. „Das war nicht Semir. Semir würde niemals auf uns schießen.“, beendete Dieter mit zittriger Stimme den Satz, nahm seine Jacke und schob sie seinem Kollegen als Kissen unter den Kopf.


    Endlich trafen die Rettungskräfte ein und übernahmen die Erstversorgung des Autobahnbeamten. „Wie geht es ihm, Doktor?“, fragte Dieter mit heiserer Stimme, als die Sanitäter den verletzten Hotte in den Rettungswagen schoben. „Ich hoffe, er wird durchkommen. Wenn die Kugel allerdings die Lunge verletzt hat, dann...“, der Doc sprach den Satz nicht weiter aus. Er sah, wie mies sich Dieter fühlte. „Wo bringen sie ihn hin?“, wollte er dann noch wissen. „Wir fahren mit ihm ins Rheinkrankenhaus.“
    Als der RTW vom Gelände fuhr, kam Kim Krüger an und sah, wie die Augen Bonraths noch immer auf den immer weiter verschwindenden Krankenwagen ruhten. „Bonrath, was ist hier passiert? Kann man sie denn keine Minute alleine lassen?“, fauchte sie gleich, sah dann aber den stechenden Blick des Polizeibeamten, der sie am liebsten in diesem Moment getötet hätte. „Frau Krüger, Hotte ist von einem Einbrecher angeschossen worden. Er wird es vielleicht nicht überstehen und das ist ihre Schuld.“, fauchte Dieter Bonrath und ließ eine völlig verdutzte Kim Krüger am Tatort zurück.


    ...

  • Ben traf ebenfalls vor Ort ein und sah, wie Dieter die Chefin anschrie und sich dann abwandte. Er ging auf den völlig fertigen Kollegen zu. „Dieter, was ist los?“, fragte er mit sanfter Stimme. Er sah in tränenerfüllte Augen. „Ben, Hotte wurde angeschossen. Von Semir.“, erklärte Dieter und sah, wie Bens Gesichtszüge völlig entglitten. „Das ist unmöglich, Dieter. Semir ist in Sicherheit. Außerdem würde er niemals auf einen Kollegen schießen. Das weißt du.“, beteuerte Ben und legte seine Hände aufbauend auf Dieters Schultern. „Ich weiß Ben, aber ich habe ... Der Mann sah Semir zum Verwechseln ähnlich.“, erwiderte Dieter. Kim hatte dies gehört, als sie sich den beiden Männern unweigerlich näherte. „Was? Gerkhan hat auf Herzberger geschossen?“, meldete sie sich gleich mit entrüsteter Stimme zu Wort. „Frau Krüger, das glauben sie doch etwa nicht.“, fuhr Ben gleich dazwischen, ehe sie wieder neue Anschuldigungen aufbringen konnte. „Herr Jäger, wenn sie mir nicht sagen, wo Herr Gerkhan ist, kann er sich nicht entlasten. Also?“, forderte sie. „Frau Krüger, das ist doch horrender Blödsinn. Semir kann nicht, das weiß ich zufällig sehr gut, der Einbrecher und der Schütze sein.“, erwiderte Ben mit lauter Stimme. „Herr Jäger, ich kann Herrn Gerkhan nur helfen, wenn sie mir helfen. Also machen sie endlich den Mund auf.“, zischte sie lauthals. Ben war, trotzt dieses strengen Tons, nicht dazu bereit, Semirs Versteck zu verraten. Wenn er gewusst hätte, in was für einer Gefahr sich sein Partner in diesem Moment befand, hätte er es sicherlich getan.


    „Chef, Otto ist zurück.“, rief Sascha auf die Terrasse hinaus. „Gut, er soll herkommen.“, meinte Wolkenhaupt und nahm wieder einen Schluck aus seinem Glas. Otto kam, jetzt wieder in seiner eigenen Haut steckend, auf die Terrasse hinaus und hielt mit stolzem Blick die Nofretete in seinen Armen. „Wow, ist sie nicht wunderschön?“, fragte Wolkenhaupt und strich dem Standbild ehrfurchtsvoll über deren Krone.
    „Jetzt können wir ungestört unser Geschäft durchführen. Sind die Tschechinnen schon angekommen?“, fragte Wolkenhaupt und sah abwartend zu seinen beiden Untergebenen. „Noch nicht. Unser Verbindungsmann weiß aber bescheid und wartet nur auf ihren Anruf.“, erwiderte Sascha. „Gut, dann...“, er stockte, da er wieder durch sein Teleskop sah. „Oh nein, das gibt es doch nicht.“, stieß Wolkenhaupt aus und sah mit zürnendem Blick zu seinen Helfern. „Da drüben ist Gerkhan.“, zischte er. „Was?“ „Wie ist das möglich?“, fragte Sascha. „Jäger.“, kam es dann schlagartig von Wolkenhaupt. „Natürlich. Wie konnte ich nur so dumm sein?“, fragte er sich selbst. „Der Alte ist bestimmt ein Verwandter von Hauptkommissar Jäger. Er hat Gerkhan bestimmt hier versteckt.“ „Was sollen wir machen?“, fragte Otto und sah dann das teuflische Grinsen seines Chefs.
    „Wir werden Gerkhan in unsere Gewalt bringen und dem lieben Herrn Hauptkommissar Jäger eine Falle stellen. Wenn wir dann beide haben, werde ich ihn dazu zwingen, mir die Adresse von dieser Petersen-Schlampe zu nennen.“, erklärte Wolkenhaupt mit einem teuflischen Grinsen auf seinen Lippen. „Wann sollen wir ihn uns schnappen?“, fragte Sascha. „Morgen früh, wenn er es nicht erwartet.“


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    Wo bleiben denn eure Feeds ??? ?( ?( ?(

  • In dieser Nacht schlief Semir sehr schlecht. Zwar war das Bett komfortabler, als diese Gefängnispritsche und die harte Matratze mit der kratzenden Wolldecke. Immer wieder wälzte er sich hin und her, wachte immer wieder auf. Immer wieder sah er auf seinen Wecker. Es war halb eins. Semir sah zu seinem ausgeschalteten Handy. Er ließ es ausgeschaltet, um nicht geortet zu werden, doch er wollte Andrea anrufen, endlich wieder ihre sanfte Stimme durch das Telefon in sein Ohr klingen lassen. So nahm er dann das Risiko, entdeckt zu werden, in Kauf und schaltete sein Handy an und wählte Andreas Nummer.
    Nach wenigen Minuten meldete sich seine Frau mit verschlafener Stimme. „Semir?“, kam es leise durch den Hörer. „Hallo, mein Schatz. Wie schön, deine Stimme zu hören.“, lächelte Semir durchs Telefon. Ihm war es eine Wohltat, die Stimme seiner Frau zu vernehmen, die ihm in schweren Zeiten immer Halt gegeben hatte. „Semir, es ist gefährlich, wenn du anrufst. Sie können dich orten.“ „Andrea, das ist mir im Moment egal. Ich vermisse dich so.“, meinte er mit trauriger Stimme. „Ich dich auch, Schatz, aber bald sind wir wieder zusammen. Ben wird die Sache schon aufklären.“, meinte sie nur. „Wie geht es Aida?“, wollte er dann wissen. „Wie es einer vaterlosen Tochter schon gehen kann. Sie vermisst dich ebenso wie deine Geschichten.“, erzählte Andrea. „Gib ihr einen Kuss von mir und sag ihr, dass ich bald wieder da bin.“ Wenn er sich da mal nicht täuschte.
    Mit wehmütigen Blicken legte Semir wieder auf, strich über den Display und sah dann zu dem kleinen Foto, dass er sich auf den Nachttisch gestellt hatte. Leise kullerte ihm eine Träne der Sehnsucht nach seiner kleinen, über alles geliebten Familie die Wangen runter. Schnell stellte er das Handy wieder aus und legte sich schlafen. Obwohl seine Gedanken immer noch bei seiner Familie waren, schlief er bald darauf tief und fest ein.


    Am nächsten Morgen wurde Semir unsanft durch das Poltern an seiner Zimmertür geweckt. „Aufwachen Herr Gerkhan, die Sonne steht schon hoch am Himmel und wir brauchen Holz für den Küchenherd.“, kam die knorrige Stimme von Bernhard Jäger durch die Zimmertür. Verschlafen und mit hochstehenden Haaren sah Semir erst zum Fenster raus, dann auf seine Armbanduhr. Sie verkündete 8:32 Uhr. „Los, los. Aufstehen.“, kam es dann noch deutlicher in seine Ohren. Knurrend erhob sich der Hauptkommissar und stellte sich unter die Dusche. Ein kurzer Aufschrei ließ ihn munter werden, da im ersten Moment nur eiskaltes Wasser aus dem Rohr kam.
    Nach einer halben Stunde ging er dann in die Küche runter, wo schon ein deftiges Frühstück auf ihn wartete. „Sie sehen ja so erschrocken aus, Herr Gerkhan.“, meinte Bernhard und lächelte ein wenig fies. „Sie hätten mir sagen können, dass es kein heiß Wasser gibt.“, zischte Semir mit zusammengekniffenen Augen. Bernhard lachte kurz auf. „Oh doch, aber ich hatte vergessen, es anzustellen, da ich immer kalt dusche.“, erwiderte er und sah, wie Semirs Gesicht entglitt. „Sehr witzig. Selten so gelacht.“, meinte er erbost und setzte sich dann an den gedeckten Tisch. Er sah die vielen Beilagen, selbstgemachte Wurst aus Wild, selbst eingelegte Marmelade und selbst gezogenen Honig. Alles, selbst das Brot war aus eigener Produktion. „Die Eier sind ja noch warm.“, meinte Semir, als er sein Frühstücksei anfasste. „Tja, auf meine Hennen ist eben verlass, aber es ist natürlich gekocht.“, lachte Jäger Senior und schlug sein Ei auf. Keiner der Beiden ahnte, was sich auf der anderen Seite des Sees abspielte, dass sich das Böse schon bald in ihre Nähe wagte.


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