Gedächtnisverlust

  • Hey Leute,



    da Jenni heute noch keinen neuen Beitrag bei unserer gemeinsamen Story reingesetzt hat, gibt es den Anfang meiner Story zu lesen. Wünsch euch viel Spaß dabei. ;)





    „Hotte, Jochen, kommt endlich. Ich will das Zeug hier noch in die Wohnung schaffen und dann nach Hause.“, rief Dieter Bonrath seinem Kollegen und Freund und seinem Sohn zu, als sie aus dem Baumarkt raus kamen. Jochen und Hotte sahen sich noch einige Tapetenmuster an, die vor dem Baumarkt auf einer Rolle ausgestellt waren. Jochen hatte endlich wieder eine dem Studium angemessene Arbeit aufgenommen und dafür bezog er auch eine neue Wohnung in der Kölner Innenstadt. Sein Vater und Hotte halfen ihm gerne beim Renovieren. So verbrachten Dieter und Hotte ihre dienstfreie Zeit damit, die ausgefallenen Wünsche von Jochen hinsichtlich Farbe und Tapete nachzukommen.
    „Ich brauch aber noch was passendes für mein Arbeitszimmer.“, meinte Bonraths Sohn und suchte mit dem beleibten Polizisten nach einer passenden Tapete. „Sieh mal, das wäre doch das Richtige für einen angehenden Juristen.“, meinte Hotte und Dieter atmete genervt aus, kam dann aber zurück und gesellte sich neben die Beiden. „Nein, das ist mir zu grau. Ich will mehr ein stimmiges Blau haben Etwas, was sagt: Ja, du hast es geschafft.“, erwiderte Jochen und schaute sich die Muster weiter durch. Dieter sah seinem Sohn über die Schulter und zeigte auf ein schimmernd blaues Muster. „Nimm doch das hier.“, meinte er und Jochen sah seinen Vater kurz an. „Bist du sicher?“, fragte er. „Ja klar, das würde super in dein Arbeitszimmer passen.“, stimmte dann Hotte zu. „Okay, wenn ihr es sagt.“, stimmte Jochen zu und ging zurück in den Baumarkt und holte eine weitere Rolle dieser Tapete mit dem Royal-Blau.


    „Günther, ich sag dir doch, ich war das nicht.“, stammelte Edgar vor sich hin. Seine Stirn war mit Angstschweiß überströmt, der ihm beißend in die Augen lief. „Und was sind das für Fotos?“, fragte Günther fauchend und schleuderte dem Verräter, der von zwei großen Schränken festgehalten wurde und dessen Arme auf den Rücken gedreht waren, einige Aufnahmen ins Gesicht. „Du wolltest mich erpressen, du mieses kleines Dreckschwein? Ich zeige dir, was ich mit Leuten mache, die mich erpressen.“, gefährlich leise war die Stimme des Mannes, der vor Edgar mit einem Brieföffner stand und damit gefährlich vor dessen Nase herumspielte. „Los, schafft ihn ins Auto und bringt ihn zur alten Gießerei.“, forderte Günther von seinen Leuten. Sofort waren diese mit Edgar verschwunden.
    Lange stand er am Fenster von Edgars Wohnung und sah in den trüben Nachmittagshimmel hinaus. Dunkel zogen die Wolken über die Stadt, in der er einer der Großen war. Hier kam er zu Reichtum, zu Geld durch die einen oder anderen Geschäfte. Mal verkaufte er dies für denjenigen, mal kaufte er selbst und verkaufte es dann wieder mit dem doppelten Preis. Er war schon seit zwanzig Jahren in diesem Geschäft, das mehr als dubios war, doch bisher konnte die Polizei ihm nichts nachweisen und das würde auch so bleiben. Dieser kleine Wicht, den er vor einigen Monaten in seine Organisation geholt hatte, würde als Warnung für alle anderen dienen, die es wagen sollten, sich mit Günther Brenner anzulegen. „Chef, es ist alles vorbereitet.“, meinte einer seiner Männer und riss Brenner aus seine nachdenklichen Lethargie. „Gut, ich komme.“, erwiderte er, schloss seinen Mantel und nahm seine schwarzen Lederhandschuhe vom Tisch.


    ...

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  • okay, noch was kleines ;)



    „Puh, das wäre geschafft.“, hechelte Hotte und wischte sich den Schweiß von der Stirn, nachdem er die ganzen Malersachen und Tapetenrollen in den dritten Stock hochgeschleppt hatte. „Ich danke euch beiden.“, meinte Jochen und fiel beiden Helfern um den Hals. „Is doch selbstverständlich.“, meinte Dieter und auch Hotte fand, dass es ein Freundschaftsdienst war. „Trotzdem, ich möchte euch ein Abendessen ausgeben.“, bat Jochen und Hotte lief schon innerlich das Wasser zusammen, doch Dieter funkte dazwischen. „Lass mal, wir haben beide morgen Frühdienst und bis ich den hier nach Hause gefahren hab, dauert das auch eine Weile.“, meinte Dieter und sofort sackte Hottes Gesicht zusammen. Beide machten sich dann auf den Weg. „Sag mal, warum lässt du den Jungen uns nicht ein Abendessen ausgeben? Er verdient doch wieder sein eigenes Geld und liegt dir nicht mehr auf der Tasche.“, meinte Hotte, doch Dieter erwiderte nichts. „Hallo? Hast du die Sprache verloren?“ „Ich will einfach, dass der Junge ein bisschen auf sein Geld aufpasst. Er will schon die ganzen Malersachen und die Renovierung bezahlen, da brauch er uns doch nicht auch noch zum Essen einladen.“, erwiderte Dieter und sah immer wieder in die Seitenspiegel. Der schwarze Landrover kam ihm etwas verdächtig vor, das spürte er irgendwie. „Dann lass mich hier raus. Ich will noch schnell was essen, sonst fall ich bis morgen vom Fleisch.“, knurrte der beleibte Polizist. „Das glaube ich eher nicht, aber gut. Bis morgen dann.“, meinte Dieter und ließ Hotte eine Querstraße vor seiner Wohnung aus dem Auto.


    Der große, schlanke Polizist fuhr zu seinem Häuschen, kam dabei an der alten Gießerei vorbei und sofort fiel ihm wieder der schwarze Landrover ins Auge. „Was macht der da?“, fragte sich Dieter und parkte seinen Wagen etwas abseits. Leise schlich er sich zum Wagen und warf einen verstohlenen Blick rein. Nichts. Dann durchbrach ein Schuss die Leere des einsamen und verlassenen Gießereigeländes. „Das kam aus der Werkhalle.“, schoss es ihm durch den Kopf. Schnell lief er zu seinem Wagen zurück und holte die Pistole aus seinem Handschubfach. Geduckt, mit der Pistole im Anschlag und mit seinem Handy am Ohr schlich er sich zu einem der schon eingeschlagenen oder zerstörten Fenster und sah in das Innere der Halle.
    Drei Männer standen dort, einer lag wimmernd am Boden. Durch die zerbrochene Fensterscheibe konnte er deutlich die Worte des Mannes mit der Pistole hören. „Tja, Edgar, du wolltest mich erpressen. Jetzt kriegst du die Quittung dafür.“, fauchte er und zielte mit der Pistole erneut. „Die erste ging ins Bein, die zwei in deine Schulter.“, erklärte er leise und drückte ab. Wieder hallte ein Schuss durch die große Halle. Edgars Schulter wurde durchschlagen und Blut spritzte aus der Wunde auf den kalten und schmutzigen Betonboden. Der Mann, er muss so um die Mitte 30 sein, schrie auf. Mit schmerzverzerrtem Gesicht sah er zu Brenner auf. „Weißt du, wo die letzte Kugel hingeht?“, fragte er und setzte die Pistole auf die Stirn des Jungen auf. „Bye.“, meinte Brenner und drückte ab. Dieters Augen weiteten sich als eine Fontäne an Blut den Boden der Halle benetzte.


    ...

  • Schnell duckte sich Dieter. Die Kollegen waren auf dem Weg hierher, aber es würde bestimmt zu lange dauern. In der Zwischenzeit wären diese Mörder über alle Berge. Er fasste den Entschluss, alle drei auf einen Streich festzunehmen. So schlich er sich hinter die Tür und wartete darauf, dass sie ins Freie kamen.


    „Polizei! Waffe weg!“, schrie Dieter, als die drei Mörder einige Schritte aus der Halle auf ihren Landrover zu gemacht hatten. Brenner drehte sich um und sah in die entschlossenen Augen des Mannes. „Schon wieder ein Problem.“, sagte er und nickte einem seiner Kompagnons zu. Dieser versuchte seine Waffe aus dem Schulterhalfter zu ziehen, doch Dieter war schneller und schoss dem Mann in den Arm. Getroffen fiel der Gangster zu Boden. Auch der zweite Leibwächter wollte auf Dieter schießen, doch wieder war dieser schneller und traf seinen Gegner dieses Mal ins Bein.
    Brenner sah, wie seine Begleiter fielen und schaute dann zum Polizisten hinüber. „Glauben sie nicht, dass sie gewonnen haben.“, rief er ihm zu und warf seine Waffe vor sich auf den Boden. „Ich bin schneller wieder draußen, als es ihnen lieb ist. Sie sind der einzige Zeuge. Sie leben nicht mehr lange.“, drohte er, grinste teuflisch und kniete sich dann auf den Boden, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Dieter kam mit der Waffe im Anschlag auf ihn zu, kickte die Waffe weg und nahm den Mann fest. Doch in ihm arbeitete es. Was sollten diese Drohungen? Er hielt sie für leere Worte, doch konnte er sich da sicher sein? Wenige Augenblicke später waren die Kollegen vor Ort und regelten alles weitere.


    Während dies geschah, ruhte Semir zu Hause auf seiner Couch und las seiner Tochter eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht vor. Aida schmiegte sich dicht an den warmen Körper ihres Papas und lauschte seiner sanft erzählenden Stimme. Semir strich seiner Tochter durch das blonde Haar und las ihr den kleinen Muck vor. Langsam wurden Aidas Augenlider schwerer und schwerer. Die Kleine driftete langsam ins Traumland ab und nach wenigen Minuten war sie gänzlich eingeschlafen. Lächelnd bemerkte dies der stolze Papa, legte das Buch beiseite und brachte seinen kleinen Engel ins Bett. „Ich bin der glücklichste Mensch auf Erden.“, dachte er bei sich, als er die Decke über den kleinen Körper seiner Tochter ausbreitete und ihr einen letzten Kuss auf die Stirn gab.
    Langsam schlich sich Semir aus dem Zimmer und ging wieder in die Küche. Da Andrea mit einer Freundin tanzen war, konnte er sich heute eine Tiefkühlpizza und ein kühles Bier genehmigen. Und da er einige Überstunden abzubummeln hatte, genoss er den freien Abend ganz auf seine Weise, mit Pizza und Bier. Seit einer Woche durfte er wieder feste Nahrung zu sich nehmen, nachdem ihm von Dr. Drechsler, seinem Zahnarzt, die Weisheitszähne extrahiert wurden. Glücklich biss er in das mit goldbraunem Käse überzogene Stück Pizza und zappte durch das Fernsehprogramm. Bei einem alten Spielfilm blieb er schließlich hängen und genoss das Essen und sein kühles Bier. Von alledem, was ein paar Kilometer weiter passierte, bekam er nichts mit. Davon sollte er erst am nächsten Tag erfahren, wenn das Unglück schon seinen Lauf nahm.


    ...

  • Kim Krüger kam einige Minuten nach der Festnahme an der alten Gießerei an. Dieter lehnte mit geschafftem Gesichtsausdruck am Landrover und sah dabei zu, wie die beiden Schwerverletzten in die Ambulanzwagen geschoben und Brenner in einen Streifenwagen gebracht wurde. „Alles in Ordnung, Bonrath?“, fragte sie den Beamten. Dieser sah sie mit noch vom Schreck gezeichneten Augen an. „Wissen sie Frau Krüger, ich habe schon oft tote Menschen gesehen, aber noch nie, wie jemand einen anderen derart brutal und gleichgültig in den Kopf geschossen hat.“, erwiderte Dieter mit schwerer Stimme. Kim konnte die Situation verstehen. „Wenn sie wollen, nehmen sie sich zwei Tage frei und ruhen sich aus.“, bot sie ihrem Mitarbeiter an, doch der verneinte das Angebot. „Wenn ich einige Tage Dienst mache, verschwindet das Bild von selbst.“, meinte Dieter und ließ sich dann von einem Kollegen nach Hause fahren.
    Krüger sah, wie Dieter am Streifenwagen mit Brenner entlang ging und den Geschäftsmann ansah. Dieser erwiderte den Blick mit seinen kleinen stechenden Augen und zog seinen linken Zeigefinger über seine Kehle und verzog dabei eindeutig das Gesicht. Die Augen des Polizisten weiteten sich und er schreckte einige Schritte zurück. Dann fuhr der Wagen mit Brenner ab. Auch Dieter wurde nach Hause gebracht. Er hatte zwar einen Mörder auf frischer Tat erwischt, doch war er der einzige Zeuge dieser Tat und Brenner ein großer, mächtiger Mann. Er würde sich nicht so leicht von einem Streifenpolizisten fertig machen lassen.


    In der U-Haft wurde Brenner, nachdem er seine zugewiesene Zelle bekommen hatte, gleich tätig. „Ich habe ein freies Telefonat. Würden sie bitte den Raum verlassen, während ich das führe.“, fauchte er den Justizbeamten an, doch dieser machte keine Anstalten, der Bitte Folge zu leisten. Mit Gleichgültigkeit in seinem Gesicht blieb er auf dem Stuhl sitzen, während Brenner die Nummer seines Anwaltes wählte.
    „Hören sie, sie sind der Anwalt und von mir haben sie schließlich das Geld für ihr Diplom bekommen. Ich rate ihnen, mich hier schleunigst raus zu holen und dieses lästige Zeugenproblem zu beseitigen, sonst können sie sich schon mal nach einem guten Krankenhaus umsehen.“, fauchte Brenner in den Hörer und stemmte dabei seine Faust gegen die Wand. Dann beendete er das Gespräch und wurde zurück in seine Zelle geführt.


    „Sie haben den Chef gehört.“, meinte Magnus, als er neben Benjamin Andresen stand, einem recht zwielichtigen Vertreter des Gesetzes. „Wir sollen das Problem schnellstens lösen. Die nächste Lieferung wartet schon und wir wollen die Nerven des Kunden nicht allzu sehr strapazieren.“, fügte er hinzu. „Ich suche die Adresse des Zeugen heraus. Da ich Herrn Brenners Anwalt bin, landet sie sowieso bei mir.“, erwiderte Andresen fies lächelnd. „Ihr kümmert euch drum, dass dieser Zeuge nichts mehr von der Tat weiß, doch es muss nach einem Unfall aussehen, sonst hat man uns gleich auf dem Kieker.“, fügte der Anwalt hinzu und Magnus verließ mit seinen Leuten das geräumige Büro wieder.


    ...

  • Dem Anwalt war diese teuflische Partnerschaft nur von Vorteil, denn erstens hatte ihm Brenner die Lizenz finanziert, die er sich mit einer eher unscheinbaren und dubiosen Diplomarbeit erworben hatte und zweitens brachte es Geld, wenn Brenner einige nicht ganz legale Geschäfte abwickelte, wofür Andresen dann die Beglaubigungsurkunde ausstellte. So wusch eine Hand die andere und er wusste genau, wie Brenner mit Verrätern umging.


    Am nächsten Tag hatten Semir und Ben es wieder einmal mit dem ganz normalen Wahnsinn auf der Autobahn zu tun. Ein Kleintransporter hatte sich in ein Stauende geschoben, nahm drei Wagen mit und schoss dann die Böschung hinunter. Ben und Semir waren bei der Leiche, die der Arzt gerade untersuchte. „Also, so wie der drauf war, ist es kein Wunder, dass der solch ein Chaos angerichtet hat.“, meinte der Mediziner und sah zu dem jungen Hauptkommissar auf. Ben sah ihn an. „Hellsehen kann ich noch nicht.“, meinte er sarkastisch und kniete sich zu der Leiche hinunter. „Sieh dir nur mal die Augen an. Der war high und das nicht zu knapp.“, erklärte der Arzt. „Okay, lass ihn in die Pathologie bringen. Sollen die ihn erstmal aufschnippeln.“, erwiderte Ben und ging dann zu Semir, der gerade aus dem übrig gebliebenen Wrack des Transporters die Papiere des Mannes zusammensuchte.


    „Und? Schon was gefunden?“, wollte Ben wissen, als Semir aus der Fahrerkabine hinauskletterte. „Ja, unser Chaosfahrer hieß Stefan Winter.“ „Haben wir jetzt nicht Frühling?“, meinte Ben lächelnd. „Uh, der war flach, mein Lieber.“, kritisierte Semir und verzog sein Gesicht zu einer kleinen Grimasse. „Ja, es ist ja auch noch früh am Morgen.“, grummelte Ben und wischte sich seine verschlafenen, kleinen Augen. „Okay, was sagt der Arzt?“, fragte Semir, um vom Thema abzulenken. „Unser Herr Winter schien sich gern ein Röhrchen durch die Nase zu ziehen, so wie es aussah. Der Doc sagt, es war kein Wunder, dass er den Unfall gebaut hat.“ „Fahren unter Drogeneinfluss? Hatten wir auch schon lang nicht mehr. Dann lass uns mal auf Revier zurückfahren. Susanne soll alles über diesen Stefan Winter rausfinden.“, meinte Semir und kam aus der Kabine raus, stieß dabei versehentlich gegen den Verbandskasten, der polternd auf den Asphalt fiel und durch die Wucht des Aufpralls aufsprang. „Na, was haben wir denn da?“, fragte Ben und hielt ein Päckchen mit weißem Pulver in der Hand. „Nach einem Kühlpack sieht es jedenfalls nicht aus.“, meinte Semir und packte das Ding vorsichtig in eine Plastiktüte. „Der Wagen und das Päckchen müssen sofort zu Hartmut in die KTU.“, wies er die Kollegen der Streife an. Dann machten sich beide auf den Weg zurück zur PASt.


    Dort saß Dieter schon hinter seinem Schreibtisch und schrieb an dem Bericht des gestrigen Ereignisses. Noch immer sah er die Geste von Brenner vor Augen, doch er versuchte sie zu vergessen und sich ganz auf seine Arbeit zu konzentrieren. „Hier, ich bring dir einen Kaffee.“, meinte Hotte plötzlich und Dieter erschrak ein bisschen vor dem plötzlichen Erscheinen seines Freundes und Kollegen. „Danke.“, murmelte Dieter nur und merkte, wie ihn Hotte mit seinem bekannt besorgtem Gesicht fixierte. „Wie geht’s dir?“, wollte Hotte wissen und Dieter sah ihn nur vielsagend an. „Ich konnte die halbe Nacht nicht schlafen. Hab mich dann vor den Fernseher gesetzt, um das Bild aus meinen Kopf zu bekommen.“, erzählte Dieter und nahm den Kaffeebecher in die Hand. Dabei merkte er, wie seine Hand zitterte. „Sieh! Seit gestern habe ich dieses Zittern in den Händen.“, sagte Dieter und stellte den Kaffeebecher wieder hin. „Mensch Dieter, das wird schon wieder.“, meinte Hotte und klopfte seinem Kollegen aufmunternd auf die Schulter. Dieter wollte sich gerade wieder seinem Bericht widmen, als Kim Krüger ihren Kopf aus ihrem Büro steckte und im harschen Tonfall Bonrath zu sich ins Büro zitierte. Mit mulmigem Gefühl im Magen, stand Dieter von seinem Platz auf und ging langsam auf die Tür zur Chefin zu.


    ...

  • „Setzen sie sich bitte.“, forderte Kim vom großen Polizisten. Dieter ließ sich auf einen Stuhl ihr gegenüber nieder und ließ seine Arme auf die Knie fallen. „Herr Bonrath, wissen sie, wer der Tote ist?“, fing sie an, ihre Stimme klang dabei schwer, als ob sie was bedrückte. Sie warf ihm ein Foto des Toten zu. „Ein kleiner Dealer namens Edgar Hansen. Vorbestraft wegen Drogenhandel, Körperverletzung und anderer Kleindelikte.“, erklärte sie und zog dann eine andere Akte aus ihrer Schublade. „Wissen sie auch, wer das ist?“, fragte sie erneut und legte Dieter ein neues Foto vor. Ihre Stimme klang nun noch besorgter, als vorher. „Der Mörder.“ „Das ist Günther Brenner, ein Geschäftsmann aus Köln. Er ist einer von den ganz Großen, wenn es um das Verschwinden oder Beschaffen von illegalen Waren, wie Drogen, Waffen und auch belastende Materialien, geht.“, erklärte Kim.
    „Ich versteh nicht ganz. Brenner ist doch verhaftet.“, meinte Dieter. „Schon, aber sie sind der einzige Zeuge für die Tat. Brenner wird alle Hebel in Bewegung setzen, um auf freien Fuß zu kommen.“, erklärte sie und sah, wie sich Dieters Gesicht wandelte und noch mehr Sorgenfalten seine Stirn zierten. „Bonrath, ich mache mir einfach Sorgen um meine Mitarbeiter. Dieser Mann ist selbst im Gefängnis noch gefährlich. Ich kenne ihn.“, meinte Kim mit besorgter, eindringlicher Stimme. „Es wäre mir lieber, sie würden bis zum Verhandlungsbeginn in eine Schutzwohnung umziehen, von zuverlässigen Beamten bewacht.“, schlug sie vor. Die ganze Zeit hatte Dieter geschwiegen, doch jetzt war er nach diesem Vorschlag etwas irritiert. „Frau Krüger, ich weiß, dass sie sich Sorgen machen, aber ich will das nicht.“, erwiderte Dieter. „Mein Sohn hat gerade seinen neuen Job angefangen und in seiner Wohnung ist noch so viel zu tun, außerdem kann ich doch nicht Hotte und die anderen für drei Monate im Stich lassen.“, argumentierte er und sah in Kims von Besorgnis geplagte braune Augen. „Ich versteh sie ja, aber es wäre wirklich besser, sie würden das noch mal überdenken.“, meinte Krüger schließlich. Doch Dieter wollte nicht. „Okay, dann fahren sie erstmal nach Hause und ruhen sich aus. Nehmen sie die nächsten zwei Tage frei.“, meinte Kim und entließ damit den Beamten aus dem Gespräch.


    Just in diesem Moment kamen Ben und Semir wieder in die Wache und sahen einen vollkommen in Gedanken versunkenen Dieter zu seinem Platz stiefeln. „Oh, sieht so aus, als ob Krüger mal wieder die Peitsche rausgeholt hätte.“, meinte Semir bissig. „Zuckerbrot und Peitsche, genau ihr Markenzeichen.“, dachte er sich leise. „Vielleicht hat sie ihn in Frühpension geschickt.“, meinte Ben im Scherz und erntete einen entsetzten Blick von Semir. „Dann ist aber Schluss mit Lustig.“, fauchte Semir. „Sie kann doch nicht einfach Dieter in Rente schicken.“, meinte er und ging auf Bonrath zu, der wieder, tief in sich versunken, an seinem Schreibtisch saß. „Dieter? Alles in Ordnung?“, fragte Ben, als sie bei ihm standen. Der Polizist sah sie mit verwirrten Blick an und erwiderte nichts. „Dieter, du warst gerade bei Frau Krüger. Was ist passiert?“, bohrte Semir und wartete auf Antwort, doch wieder kam nichts. Dieter schnappte sich nur seine Jacke und stiefelte Richtung Wagen. „Dieter?“, rief Semir hinterher. „Was steht dem denn schief?“, fragte Ben mit hochgezogener Augenbraue Dann ging die Bürotür der Chefin auf. „Gerkhan, Jäger, kommen sie mal bitte.“, bat sie mit harscher Stimmlage.


    ...

  • „Okay, was haben sie mit Dieter gemacht?“, fragte Semir gleich und wartete nicht auf eine Erklärung. Kim schaute ihn wunderlich an. „Was soll ich mit ihm gemacht haben?“, erwiderte sie die Frage. „Er sitzt da draußen, ganz verstört. Haben sie ihm etwa den Ruhestand nahegelegt?“, fragte Semir mit erhobener Stimme. „Herr Gerkhan, jetzt zügeln sie hier mal ihr Temperament und vor allem, vergessen sie nicht, wen sie vor sich haben.“, versuchte Kim ihren Beamten zu beruhigen, was aufgrund ihrer ebenso lauten Stimme allerdings nicht klappen wollte. „Scheinbar mit einer kalten, berechnenden Person, die gute Beamte, aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters aufs Abstellgleis abschieben will.“, fauchte der Deutschtürke und wurde scheinbar größer und länger. Ben hatte die Hund vor seine Augen geschlagen und schüttelte verständnislos mit dem Kopf. „Semir, jetzt beruhig dich doch wieder.“, meinte er dann und packte seinen Partner kurz an der Schulter. „Ben, sie hat...“ „Vielleicht lassen sie mich bitte erklären.“, fauchte Kim und schlug mit einer dicken Akte auf ihren Tisch. Beide Kommissare sahen in das wütende Gesicht der Chefin, aus dem sich aber die Wut langsam wieder zurückzog.
    „Herr Bonrath hat gestern am späten Abend eine Verhaftung vorgenommen.“, erläuterte sie und sah, wie Semirs Gesicht vor Scham leicht rot wurde. Ben sah dies und musste sichtlich grinsen. „Der Täter heißt Günther Brenner.“, meinte sie und warf die Akte vor die beiden Kommissare hin. „Etwa DER Günther Brenner?“, fragte Ben und nahm sich die Akte in die Hand. „Sie kennen ihn?“, staunte Kim und auch Semir sah seinen Partner mit fragendem Gesicht an. „Als ich beim LKA war, hat unsere Abteilung mindestens zwei Mal im Jahr mit diesem Herren zu tun gehabt.“, erklärte Ben. „Und jetzt sitzt er?“, war prompt seine nächste Frage, die er mit etwas Verwunderung stellte. „Ja, er hat gestern einen Mann erschossen ... oder besser hingerichtet.“, erklärte Kim. „Das passt zu ihm.“, meinte Ben kopfschüttelnd. „Und Dieter ist der einzige Zeuge?“, fragte er dann, während Semir sein beknicktes Gesicht zu Boden wandte. Kim nickte und man sah ihr die Sorge sichtlich an. „Dann wird er alles versuchen, um wieder frei zu kommen.“, mutmaßte Ben. „Wie soll er das denn machen?“, mischte sich nun Semir ein und schien davon nicht überzeugt zu sein. „Semir, ich kenne diesen skrupellosen Mann. Er wird alles versuchen.“, mahnte der junge Hauptkommissar und strich sich dabei durch seine Haare.


    Dieter fuhr mit gemischten Gefühlen auf der Autobahn nach Hause. In seinem Kopf arbeitete es derart, dass er den silbernen Geländewagen hinter sich nicht bemerkte, der ihm schon seit der PASt folgte. „Okay, da vorne ist er.“, meinte Magnus zu Lothar, der am Steuer saß. „Gut, wir rammen ihn und drängen ihn dann von der Fahrbahn. Der Chef hat gesagt, er darf sich an nichts erinnern und dafür werden wir schon sorgen.“, erklärte Magnus und setzte sich eine Sonnenbrille und ein Base-Cap auf. Lothar tat es ihm gleich. Der Fahrer schaltete in den vierten Gang runter und setzte zum Überholen an. Nur vier Autos trennten ihn von Dieters Wagen. Langsam holte er auf und setzte sich dann hinter den angepeilten Wagen. Gleich würde der Fahrer in dem kleinen Gefährt sein blaues Wunder erleben.


    ...

  • Dieter sah mit abwesendem Blick auf die Straße, als es plötzlich schepperte. „Scheiße.“, stieß er erschrocken aus und sah durch den Rückspiegel, dass ihn ein Geländewagen gerammt hatte. Und schon kam der nächste Stoß. Dieter hielt das Steuer fest, gab mehr Gas, doch seine Verfolger waren hartnäckig. Wieder wurde der Beamte gerammt und wich auf die rechte Spur aus, der Jeep folgte ihm. Dann der nächste Angriff. Dieter lenkte gegen, da er Gefahr lief in die Leitplanke zu geraten. Lange würde sein Auto nicht mehr standhalten. Mit zittrigen Händen hielt er krampfhaft das Steuer fest und sah wieder in den Rückspiegel. Der Geländewagen setzte sich links neben ihn und rammte erneut, drückte Dieters Auto gegen die Leitplanke. Doch Dieter versuchte gegenzulenken, beschleunigte und konnte sich zeitweilig befreien. Sein Glück war nur von kurzer Dauer.


    Wieder setzte sich der Jeep neben ihn, holte aus und rammte das Heck des Wagens. Dieser verlor entgültig die Kontrolle, schlug gegen die mittlere Leitplanke und zog dann nach rechts rüber, schnitt dabei zwei Wagen, die scharf bremsen mussten. Ein Massencrash war vorprogrammiert. „Yeah, der ist geradewegs durch die Leitplanke geknallt.“, meinte Lothar triumphierend und lachte gehässig. „Los, lass uns verschwinden und den Wagen loswerden.“, befahl Magnus und Lothar fuhr bei der nächsten Ausfahrt raus. Was jedoch war mit Dieter?


    Der Wagen von Dieter hatte sich zwei Mal seitlich gedreht, krachte gegen einen Baum und kam damit zum Stehen. Auf der Autobahn sah es nicht viel besser aus. Die zwei Autos, die von Dieter geschnitten wurden und bremsen mussten, wurden von den dahinter fahrenden Fahrzeugen gerammt und ebenfalls zur Seite geschoben. Ein großer Transporter fiel bei einem gewagten Brems- und Lenkmanöver seitlich um und schlitterte in einen kleinen Nissan Micra. Dieser wurde gegen diagonal gegen die Leitplanke gedrückt und verkeilte sich in der metallischen Absperrung. Doch die kleine Fahrerin hatte Glück. Sie war scheinbar unverletzt und kletterte durch ihre zertrümmerte Windschutzscheibe nach draußen, dann aufs Dach und sah das Chaos. Zehn oder Zwölf Autos hatten sich ineinander oder miteinander verkeilt, wurden an den Rand geschoben oder lagen auf Seite oder Dach. Doch dann bemerkte sie Qualm, der aber nicht von den Fahrzeugen auf der Autobahn, sondern vom kleinen Wäldchen neben der Strecke. Schnell griff sie sich einen Feuerlöscher und rannte auf den Qualm zu, der immer dichter wurde.


    Die junge Frau schnellte die Böschung hinunter und begann sofort mit den Rettungsmaßnahmen. Ein weiterer Fahrer kam hinzu und zog den Mann, der noch in dem Auto steckte, ins Freie. Dieter sah schlimm aus. Sein Kopf war von Schnitten der umhergeflogenen Teile der Windschutzscheibe zerschnitten, seine Stirn war blutüberströmt. „Lebt er noch?“, fragte die junge Fahrerin und stellte den Feuerlöscher beiseite, nachdem das Feuer eingedämmt war. „Sein Puls ist schwach. Er muss schnell ins Krankenhaus.“, erwiderte der Fahrer und sah auf, als er die ersten Martinshörner hörte.


    ...

  • „Und du meinst, dass Dieter in Gefahr ist?“, fragte Semir seinen Partner, als beide wieder in ihrem Büro saßen und ihr Mittagessen genossen. „Allerdings, wir sollten ein Auge auf ihn haben, in den nächsten Tagen.“, erwiderte Ben mit vollem Mund. „Eh? Wie?“, fragte Semir, da er dies nicht ganz verstanden hatte, aufgrund der Massen in Bens Gierschlund. „Schon mal gehört? Ab 150 Gramm wird’s undeutlich.“, meinte Semir grinsend. „Kommt mir bekannt vor. Jedenfalls habe ich beim letzten Essen von Andrea keinen Fußtritt bekommen, weil ich Aida gezeigt hab, wie man ein Brötchen auf einmal in den Mund stecken kann.“, feigste Ben und grinste noch breiter als Semir, der ihm die Zunge entgegen streckte. „Ob unser Doc die Leiche schon aufgeschnitten hat?“, fragte Semir dann. „Och Semir, ich esse.“, protestierte Ben. „Essen nennst du das? Ich nenn das: Vernichtung von Nahrungsmitteln.“, scherzte Semir und wich dem Serviettenknäuel aus, das Ben nach ihm warf.
    Plötzlich kam Hotte ins Büro gestürmt, seine Augen waren weit aufgerissen und er atmete schwer. „Hotte, was ist denn los?“, fragte Semir erschrocken, sah dann aber, dass sein Kollege am ganzen Körper zitterte. „Hotte? Ist was mit Dieter?“, fragte Ben dann vorsichtig. Der beleibte Polizist nickte nur und musste sich einige Tränen verkneifen. „Dieter hatte einen schweren Unfall.“, meinte er nur. Sofort waren Ben und Semir an ihren Jacken und schnellten mit Hotte aus dem Büro. „Großer Gott, lass ihn nicht...“, Hotte brachte diesen Gedanken nicht zu ende. Zu schlimm war schon allein die Vorstellung, dass sein bester Freund ... nein, er musste einfach noch am Leben sein. Das würde Dieter ihm niemals antun. Auch wenn sie sich manches Mal gestritten hatten, so haben sich doch immer wieder versöhnt, wenn es auch manchmal etwas Hilfe gebraucht hatte. Dieter war einfach sein bester Freund.


    Schnell waren die Drei am Unfallort angelangt. Beim Aussteigen fiel ihnen das Chaos schon ins Auge. „Au Backe.“, stieß Ben nur aus und rannte nach vorne, dicht gefolgt von Semir und Hotte. Unterhalb der Böschung sahen sie Dieters halb ausgebrannten Wagen liegen. „Scheiße.“, stieß Ben niedergeschlagen aus. Auch Semir war bedrückt, doch Hotte stand da, mit offenem Mund und starrte nur auf den Blechhaufen von Wagen, der mal Dieter gehörte. „Ist er?“, fragte der dickbäuchige Polizist. „Nein, bestimmt nicht Hotte.“, meinte Semir mit ruhiger Stimme und legte dem Mann eine Hand auf die Schulter. „Aber das ist sein Wagen. Wo ist er?“, fragte Hotte erneut. „Suchen sie den Fahrer von dem Wagen dort unten?“, meinte ein Beamter und kam auf die Drei zu. „Ja, stimmt. Kripo Autobahn. Einer unserer Kollegen war in dem Fahrzeug.”, meinte Ben. „Ach so. Er hatte verdammtes Glück. Hätte man ihn nicht aus seinem Auto gezogen und das Feuer mit dem Feuerlöscher bekämpft, wäre er jämmerlich verbrannt.“, erwiderte der Beamte. „Wo ist er?“, fragte Hotte mit tiefer Besorgnis. „Er wurde per Hubschrauber ins Rhein-Krankenhaus gebracht. Sein Zustand ist kritisch, meinte der Notarzt.“, erklärte der Polizeibeamte. Auf dem Absatz kehrt gemacht, rannten die drei Autobahnpolizisten zu ihrem Wagen zurück und fuhren ins Rhein-Krankenhaus.


    ...

  • Mit quietschenden Bremsen und qualmenden Reifen hielt Ben vor dem Eingang zur Notaufnahme des Krankenhauses. Sofort sprangen Semir und Hotte aus dem Wagen und rannten den langen, steril und endlos wirkenden Krankenhausflur hinunter zum OP. „Hey, was zum Teufel rennen sie denn so?“, fragte plötzlich ein Arzt, der aus dem Operationssaal kam und fast von Hotte umgerannt wurde. „Tschuldigung Doktor, aber ...“, pustete der beleibte Polizist und schnappte nach Luft. „Wir suchen einen Kollegen von uns, Dieter Bonrath. Er hatte einen schweren Unfall und wurde mit dem Hubschrauber hergebracht.“, erklärte Semir dem Mediziner und dieser verstand sofort. Sein Gesicht verfinsterte sich aber und er sah betreten auf den Boden. „Ihrem Kollegen geht es sehr schlecht.“, erklärte der Arzt und sah wie Hotte innerlich zusammenbrach. „Was ist passiert?“, fragte der Polizist dann mit schwerer Stimme. „Durch den Aufprall hat ihr Kollege mindestens drei gebrochene Rippen, der linke Arm wurde gequetscht und einige Schnittwunden im Gesichtsbereich, die ihn beinahe das Auge gekostet hätten. Doch mehr Sorgen macht uns die Kopfverletzung.“, meinte der Arzt und sah abwechselnd zu Semir und Hotte.
    „Was ist mit seinem Kopf, Doktor?“, wollte Semir wissen. „Eine der Scherben hat sich in die Stirn gebohrt. Wir konnten sie entfernen, aber wir wissen nicht, was sie für einen Schaden beim Patienten angerichtet hat. Daher mussten wir ihren Kollegen in ein künstliches Koma legen.“ „Können wir zu ihm?“, fragte Hotte und zwar so, dass der Arzt unmöglich nein sagen konnte. „Bitte, aber erschrecken sie nicht vor dem Anblick. Es sieht alles schlimmer aus auf den ersten Blick.“, erklärte er und entfernte sich dann.
    Ben, der auch endlich kam, gesellte sich zu seinen Freunden, die mit geschockten Augen vor dem Fenster zur Intensivstation standen. Dieter lag dort, in ein weißes Krankenhaushemd gekleidet, mit allerlei Geräten verbunden, die über seine Gesundheit wachten. Um seinen Kopf hatte er einen dicken Verband gewickelt bekommen. Eine Atmungsmaske war über seinen Mund und seine Nase gestülpt und mit der passenden Maschine, zwei Blasebälge, die immer im selben Takt auf und abwippten, verbunden. Das EKG piepte vor sich hin und die Herzfrequenzlinie auf dem Bildschirm war schwach und niedrig zu erkennen. „Mein Gott, was hat man nur mit ihm gemacht?“, fragte Semir und ging, natürlich vorher in einen grünen Besucherkittel schlüpfend, mit Ben und Hotte in die Station und trat an Dieters Bett. Mit geschlossenen Augen lag er da und rührte sich nicht. Keiner traute sich auch etwas zu sagen, als sie ihren Kollegen so dort liegen sahen, hilflos, verletzt und künstlich schlafend. Doch Hotte trat an das Bett seines Freundes, nahm sich einen Stuhl und setzte sich neben ihn. Leise schniefend nahm er Dieters Hand. „Ich glaubs nicht.“, meinte Ben mit Wut in seinem Bauch. „Siehst du Semir, so pflegt Brenner mit unliebsamen Zeugen umzugehen.“ „Du hast Recht, er ist gefährlich. Wir sollten schnell dafür sorgen, dass er für immer ausgeschaltet wird.“, entgegnete der Deutschtürke und signalisierte Ben dann durch kurzes Klopfen auf den Rücke, dass Dieter und Hotte kurz alleine sein sollten.


    „Warum Ben?“, fragte Semir und ließ sich geschafft auf die Bank niedersinken. Schwer war die Stimme, mit der er die Worte formte. „Was bezwecken die damit?“ „Dieter ist der einzige Zeuge. Bestimmt hat Brenner Anweisungen gegeben, ihn beseitigen zu lassen.“, meinte Ben bedrückt und ließ sich ebenfalls auf die Bank nieder. Er lehnte seinen Kopf nach hinten an die Wand und starrte die Decke an. „Was sage ich nur Jochen?“, dachte Semir laut. „Wen?“ „Ach, du kennst ja Jochen gar nicht. Dieters Sohn, er hat jetzt endlich eine Stelle als Anwalt gefunden.“, erzählte der Hauptkommissar. „Wie soll ich...“, fing er an, doch dann entdeckte er eine schnell näher schreitende Person. „Ich glaube, das brauch ich nicht mehr.“, meinte er dann und stand auf. Jochen kam schnellen Schrittes auf die beiden Autobahnpolizisten zu und sah die Trauer in ihrem Gesicht. „Semir, was ist passiert? Man hat mich im Gericht angerufen und gesagt, dass Papa einen Unfall hatte. Bitte sag, dass das nicht stimmt.“, bat Jochen, doch Semir schüttelte den Kopf. „Ich wünschte, ich könnte es.“, erwiderte er und sah bedrückt zu Boden. „Oh nein.“, stieß Jochen aus und sah durch das Fenster der Intensivstation. „Was ist mit ihm?“, fragte er mit flatternder Stimme.

  • Bevor Semir mit schwerer Stimme antworten konnte, mischte sich Ben in das Gespräch ein. „Ihr Vater liegt im Koma.“, meinte er betrübt. Jochen drehte seinen Kopf zu Ben und sah ihn teils wütend teils verzweifelt an. „Jochen, das ist Ben Jäger mein Partner, von dem du bestimmt schon gehört hast. Ben, das ist Jochen, Dieters Sohn.“, stellte Semir die Beiden kurz vor. „Hallo.“, meinte Ben nur, während Jochen etwas abwesend nickte. „Warum?“, fragte der Sprössling von Dieter dann. Beide Kommissare sahen sich kurz an. „Wir wissen es nicht, Jochen.“, log Semir, um ihn nicht noch weiter zu beunruhigen. „Aber wir werden es herausfinden.“, versprach der Deutschtürke und sah wie Jochen kurz nickte und dann zu seinem Vater auf die Station ging.


    Die Beiden verließen das Krankenhaus wieder und saßen in ihrem Wagen. Die Stimmung war am Boden. Jeder schwieg in sich hinein. Keiner konnte fassen, dass es so schlecht um Dieter stand, den sie sonst so wegen mancher Tollpatschigkeit belächelten. „Man, ausgerechnet Dieter.“, meinte Ben dann. Semir sah ihn an. „Sonst sind wir es doch, die in solche Situationen schliddern und jetzt er.“ „Ich weiß, was du meinst.“, antwortete Semir betrübt und startete dann den Motor. „Lass uns mal sehen, ob Hartmut schon was hat.“, meinte er und fuhr vom Parkplatz.


    Hartmut, gerade mit seiner Arbeit fertig geworden, ließ sich auf seinen Stuhl sinken und sah gierig auf sein mitgebrachtes Sandwich. „Das habe ich mir jetzt verdient.“, dachte er und wickelte das Toastbrot aus der Folie aus. „Halt, da fehlt der Kaffee.“, meinte er und ging nach hinten zur Kaffeemaschine. Gerade wollte er sich den braunen Bohnensaft in seinen Becher gießen, als er eine bekannte, aufdringliche Stimme durch die Halle dröhnen hörte. „Hartmut, wir sind’s.“, rief Semir und sah sich um. An der Tasse nippend, kam der rothaarige Techniker hinter der Ecke hervor und sah, wie Ben gierig auf sein Sandwich blickte. „Wag es nicht.“, begehrte der Techniker auf. Ben sah ihn staunend an. „Was denn? Hab doch nur mal geguckt.“, meinte er lächelnd. „Ich weiß genau, was du wolltest.“, erwiderte Hartmut. „Ich habe das mit Dieter gehört.“, meinte er niedergeschlagen. „Wer macht so etwas?“ „Das wollen wir auch wissen, obwohl Ben schon einen Verdacht hat.“, erwiderte Semir. „Verdacht? Semir, der Typ war es. Brenner schreckt vor nichts zurück.“, erklärte Ben und sah sich kurz um.
    „Hast du Dieters Wagen schon untersucht?“, wollte Semir dann von Hartmut wissen. „Nein, ich habe erstmal das Päckchen Drogen von heute morgen untersucht.“, antwortete der Techniker. „Das muss warten.“ „Ja, und was sage ich der neuen Chefin? Die hat mich sowieso schon angefaucht, weil ich bei meiner Arbeit aus einem to-go-Becher Kaffee getrunken habe.“, erwiderte Hartmut. „Dann lass dir was einfallen. Dieter ist im Moment wichtiger, als alles andere.“, meinte Ben. „Okay, ich mach mich gleich an die Arbeit. Aber wollt ihr denn gar nicht wissen, was das für ein Päckchen von heute morgen war?“, fragte er. „Sag schnell und einfach.“, bat Semir leicht genervt und kniff sich mit den Fingern die Augen zusammen. „In dem Päckchen befand sich reines Heroin, nicht gestreckt. Wenn du davon eine Prise zufiel nimmst, haut es dich für immer aus den Schuhen.“, erklärte der Techniker kurz. Semir und Ben horchten auf. „Habt ihr noch mehr von dem Zeug gefunden?“, wollte Ben wissen. „An Drogen war dies alles, aber wir sind auch noch am Auseinandernehmen.“, erwiderte der Rotschopf. „Gut, noch etwas?“, fragte Semir dann. „Im Moment nicht, aber ich glaube, der Doc ist mit eurem Kunden schon fertig.“ „Schön, dann fahren wir mal in die Pathologie.“ Ben zog eine Schnute, die Semir nicht unkommentiert ließ. „Oder willst du lieber hier bei Hartmut bleiben und ihm helfen?“ „Was? Nein, komme ja schon.“, erwiderte der junge Hauptkommissar und trottete hinter Semir her. Hartmut konnte nur schmunzeln über das ungleiche Ermittlerpaar und widmete sich dann wieder seiner Arbeit.


    ...

  • Kim saß in ihrem Büro und ging die Berichte der Nachtschicht durch, als es an ihrer Tür klopfte. „Guten Tag, Frau Krüger.“, meinte ein Herr in ihrem Alter mit schickem, glatt gebügelten Anzug und trat ins Büro ein, nahm vor der Chefin Platz und stellte seine Aktentasche auf seine Knie ab. Sie sah verwundert auf. „Kann ich was für sie tun, Herr...?“, fragte die Kriminalrätin verwundert über das Grinsen im Gesicht des Mannes. „Aber sicher, das können sie.“, erwiderte er nur und öffnete seine Aktentasche. Kim wich ein wenig nervös in ihrem Stuhl zurück und ließ ihre rechte Hand unbemerkt an das Halfter gleiten, was sie über ihren Stuhl, aber unter ihre Jacke, gehangen hatte. Doch ihre Nervosität war unbegründet. „Ich hätte gerne ein Wort mit ihrem Beamten ...“, er schlug die Akte auf, die er aus dem Koffer geholt hatte, „Dieter Bonrath gesprochen.“, beendete er dann den Satz. Kim sah ihn ohne Regung an. „Und warum wollen sie einen meiner Beamten sprechen?“, fragte sie.
    Er lächelte kurz. „Spielen wir mit offenen Karten.“, meinte er dann und das Lachen verschwand wieder. „Ich bin der Anwalt von Günther Brenner, Kevin Andresen.“, stellte er sich kurz vor. Jetzt verstand Kim auch, warum er mit Dieter sprechen wollte. „Ah, daher weht der Wind.“, erwiderte sie nur kurz und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Frau Krüger, es geht um Herrn Bonraths Aussage, die wesentlich quasi entscheidend für die Verhaftung und Verurteilung meines Mandanten verantwortlich ist.“, erklärte er mit nüchternen Worten. „Es gibt sicherlich noch andere Spuren, außer die Aussage meines Mitarbeiters.“, meinte Kim ohne sich von dem Juristenkauderwelsch des Anwalts beeindrucken zu lassen. Dieser griff wieder zu einer Akte aus seinem Koffer und reichte sie der Kriminalrätin. „Das ist der Bericht der Spurensicherung. Auf der vermeintlichen Tatwaffe waren keinerlei Fingerabdrücke zu finden.“, entgegnete er und setzte eine triumphierendes Grinsen auf. „Ich würde vorschlagen, dass sie mich nun mit Herrn Bonrath sprechen lassen.“ „Herr Bonrath ist krankgeschrieben. Ich habe ihn nach Hause geschickt.“, meinte Kim ohne zu ahnen, dass Dieter niemals dort angekommen ist.
    „Oh, das ist sehr schade. Dann geben sie mir doch bitte seine Privatadresse, damit ich mit ihm sprechen kann.“ „Wenn, dann wüsche ich bei diesem Gespräch dabei zu sein. Sie werden sich gedulden müssen, bis Herr Bonrath wieder dienstfähig ist.“, erwiderte sie mit harscher Stimme. „Das können sie nicht machen. Sie behindern meine Arbeit.“, beschwerte sich Andresen mit lauter Stimme. „Schreien sie hier nicht rum.“, fauchte Kim und erhob ebenfalls ihre Stimme, sodass wieder einmal die gesamte Polizeiwache etwas von dem Gespräch hatte. „Sie können mit Herrn Bonrath sprechen, aber hier und nur in meiner Anwesenheit, sonst versuchen sie ihn womöglich zu beeinflussen.“, meinte sie. „So und jetzt raus.“ Mit diesen harschen Worten kam sie dem Anwalt zuvor und beendete das Gespräch.


    ...

  • Nachdem dieser schmierige Anwalt gegangen war, saß Kim wieder über den Berichten, konnte jedoch keinen klaren Gedanken fassen. Obwohl sie es nach außen nicht zeigen würde, machte sie sich doch große Sorgen um Dieter. Schnell griff sie zum Telefonhörer und wählte die Nummer von Dieters Haustelefon. Doch nach dem zehnten Tuten ging immer noch keiner ran. Langsam regte sich Sorgenfalten auf Kims Stirn und sie versuchte es ein zweites Mal. Doch auch hier war keiner scheinbar zu Hause. Auch nach dem dritten und vierten Versuch war es still am anderen Ende der Leitung. „Da muss etwas passiert sein.“, dachte sich Kim, schnappte sich erneut den Telefonhörer und wählte Semirs Nummer.
    Ben und Semir waren auf dem Weg zur Pathologie, als das Handy des Deutschtürken klingelte. Ben sah auf den Display. „Oh, die Klapperschlange will was von dir.“, meinte er fies grinsend. „Was passt ihr denn jetzt wieder nicht?“, fragte Semir leicht erbost und betätigte den grünen Knopf. „Ja Chefin?“, meldete sich der Hauptkommissar mit bedrückter Stimme. „Gerkhan, ich habe gerade versucht bei Bonrath anzurufen, aber es geht keiner ran. Können sie und Jäger mal rumfahren und sehen, ob was passiert ist.“, bat sie. Ben sah erst das Telefon dann Semir mit hochgezogener Augenbraue an. „Chefin, Dieter liegt im Krankenhaus.“, erzählte Semir mit stockender Stimme. Für einen Moment herrschte Schweigen im Wagen und am anderen Ende der Leitung. „Chefin?“, fragte Ben. „Kommen sie bitte sofort ins Büro zurück.“, erwiderte sie verstört und legte plötzlich auf. „Na dann zurück.“, meinte Ben und Semir wendete bei der nächsten Gelegenheit den Wagen.


    Andresen saß im Besucherraum der U-Haft und wartete mit nervöser Miene auf seinen „Klienten“. Brenner kam mit schnellen, hastigen Schritten zur Tür herein, widmete den Juristen keinen Blickes und setzte sich ihm einfach gegenüber. „Ich hoffe, das Problem hat sich erledigt.“, meinte er nur und sah seinen Anwalt mit seinen stechenden Augen an. Es war ein einschüchternder Blick, der auch töten konnte und schon getötet hatte. „Es ist alles erledigt. Magnus hatte mich vorhin noch kurz angerufen und Bescheid gegeben.“, erwiderte Andresen. „Jetzt brauchen wir nur noch den Hafttermin abwarten und dann sind sie morgen Nachmittag hier raus.“, fügte er hinzu. „Gut, das will ich auch hoffen ... Für sie.“, fauchte Brenner und ballte seine Hand zur Faust. „Das Geschäft mit den Franzosen muss unbedingt vor Monatsende über die Bühne gehen.“, fügte er dann an und stand auf. „Noch was, einer unser Schmuggel-Transporter ist heute verunglückt.“, erzählte Andresen. „Und die Ware?“ „Scheinbar verloren.“, erwiderte der Anwalt kleinlaut. „Finden sie heraus, wer den Fall bearbeitet und beschaffen sie mir das Zeug wieder. Ich werfe ungern bares Geld zum Fenster raus.“, meinte Brenner mit tiefer Stimme und wurde dann in seine Zelle zurückgebracht.


    „Wie ist das passiert?“, fragte Kim aufgeregt und aufgewühlt. „Die Kollegen haben mehrere Zeugen befragt, die alle das Gleiche aussagten.“, fing Ben an. „Demnach soll ein silberner Geländewagen das Auto von Dieter zunächst gerammt und dann seitlich von der Straße gedrängt haben.“ „Hat die Spurensicherung schon etwas gefunden?“, wollte Kim dann wissen. „Hartmut arbeitet daran.“, erwiderte Semir mit heiserer Stimme. „Ich hätte ihn von Herzberger nach Hause bringen lassen sollen.“, meinte die Chefin laut denkend und sich selber vorwerfend. Die Beiden sahen Kim Krüger nur an. „Chefin, dann lägen beide vielleicht jetzt im Krankenhaus oder noch schlimmeres.“, meinte Ben und auch Semir fand, dass sie sich keine Vorwürfe machen sollte. Aber dennoch nagte das schlechte Gewissen an ihr, was man deutlich sehen konnte.


    ...


    Feeeden bitte, dann gibt es heute noch einen oder zwei ;)

  • „Wie geht es Bonrath?“, wollte sie dann wissen. „Bei dem Unfall heute morgen bohrte sich eine Glasscherbe der Windschutzscheibe in seine Stirn.“, erzählte Ben und konnte das Bild des im Bett liegenden Dieters mit dem großen Verband um den Kopf nicht vergessen. Ihm ging dies doch recht nahe, war Dieter nicht nur ein Kollege, sondern auch ein Freund. „Die Ärzte wissen nicht, was für ein Schaden dies bei ihm angerichtet hat.“, erklärte Semir weiter. „Er liegt im Koma und sie wissen nicht, wann oder ob er jemals wieder aufwachen wird.“, schwer waren diese Worte, die aus Semirs Mund die knallharten und schmerzenden Tatsachen schilderten. „Morgen ist der Haftprüfungstermin.“, meinte Kim betrübt. „So wie es aussieht, wird Brenner morgen wieder ein freier Mann sein.“ „Können wir das nicht irgendwie verhindern?“, fragte Semir und sah abwartend die Chefin an. „Wie? Ich wüsste nicht, wie. Es sei denn...“, fing sie an. „Es sei denn, sie machen dem Richter klar, dass Brenner gefährlich ist und nicht freikommen darf.“, schlug sie vor. „Okay, wann ist morgen der Termin?“, wollte Ben dann wissen. Kim schaute in ihre Akten. „Um elf Uhr.“, erwiderte sie. „Dann wollen wir Herrn Brenner doch ein bisschen Ärgern.“, meinte Semir schmunzeln, doch es verschwand sofort wieder, als seine Gedanken wieder zu Dieter schweiften. „Ich fürchte dennoch, dass wir morgen wenig ausrichten können.“, meinte Kim und ließ den Kopf sichtlich verbittert hängen. Dass es gleich in ihrem ersten Monat als neue Chefin dieser Station zu einem so brisanten Fall kommen würde hätte sie nicht gedacht. Doch sie wusste ja nicht, was noch alles kommen und passieren würde.


    Semir fuhr geschlagen und geschafft nach Hause. In Gedanken war er bei Dieter. Das ausgerechnet er in so etwas reingeschliddert war, konnte der Hauptkommissar nicht begreifen. Doch, was wenn Dieter nie ... Nein, diesen Gedanken wollte er nicht haben. Dieter würde wieder aufwachen. Schon alleine Jochen wegen. Er liebte doch seinen Sohn über alles. Er hatte ihm auch die Wohnung besorgt. Jetzt konnte er doch seinen Sohn nicht einfach so alleine lassen. Und was würde dann aus Hotte werden? Die Beiden waren doch wie ein Ehepaar, fuhren zusammen in den Urlaub. Dabei musste Semir schmunzeln. Er sah noch, wie er und Tom am Flughafen warteten und die Beiden völlig zerstritten aus dem Urlaub zurückkamen. Dennoch fanden sie wieder zusammen. Das bewunderte Semir so an den Beiden, trotzdem sie sich manches Mal bis aufs Blut stritten, versöhnten sie sich immer wieder.
    Langsam öffnete er die Haustür und hörte schon das fröhliche Rufen seiner Tochter, die tapsend auf ihn zu kam. Sofort streckte Semir die Arme aus und hob sie hoch. „Hallo, mein Engel.“, begrüßte er sie und drückte ihr einen dicken Schmatzer auf die Wange. Andrea lag auf der Couch im Wohnzimmer und war scheinbar aus Erschöpfung eingeschlafen. Lächelnd sah er seine Frau an, kniete sich, mit Aida auf dem Arm, neben ihr und gab ihr einen leichten Kuss auf die Nase. Andrea rümpfte ihre Nase kurz, stöhnte ein wenig verschlafen und öffnete dann leicht ein Auge. „Semir? Du bist ja schon da?“, meinte sie leise und wollte sich erheben, als Semir das verhinderte. „Bleib liegen, ich mach das Essen heute?“, erklärte er und gab seiner Liebsten noch einen Kuss. „Du? Dann werde ich schon mal die Nummer vom Pizza-Service raussuchen.“, erwiderte sie leicht gehässig. „Hey, so schlecht koche ich doch auch nicht, oder?“, erwiderte er leicht beleidigt. „Wie du willst.“, antwortete Andrea nur, stand auf und nahm Aida wieder zu sich.


    ...

  • Semir ging in die Küche und machte schnell das Abendessen. Bald saß die Familie um den Tisch herum und aß, doch Andrea bemerkte, dass ihren Mann etwas bedrückte. „Schatz, was hast du denn?“, wollte sie wissen. „Dieter. Er hatte heute einen schweren Unfall.“, erwiderte er und hatte dabei einen Kloß im Hals. Geschockt ließ Andrea fast die Gabel fallen. „Was? Wie geht es ihm?“, wollte sie wissen. „Die Ärzte meinen, es steht schlecht um ihn. Eine Glasscherbe ist tief in seine Stirn eingeschnitten.“, erzählte Semir und stocherte im Kartoffelpüree herum. „Oh Gott.“, stieß Andrea aus und ließ das Besteck sinken. „Wie wird Jochen damit fertig?“, wollte sie wissen. „Er sitzt am Bett seines Vaters, Hotte ist bei ihm. Den Beiden geht das mächtig an die Nieren.“, erwiderte Semir. „Wisst ihr schon, was passiert ist?“ „Scheinbar hat jemand Dieters Wagen von der Autobahn gedrängt, dieser überschlug sich und prallte dann gegen einen Baum.“, erklärte Semir. „Ein Anschlag auf Dieter?“, Andreas Stimme war verwirrt. Auch sie konnte nicht begreifen, wer dem langen, tollpatschigen Polizisten so etwas antun sollte. „Ben hat einen Verdacht. Er meint, ein gewisser Günther Brenner könnte dahinterstecken.“ „Brenner?“ „Hm, Dieter hat ihn gestern verhaftet, als er einen Mann erschossen hat.“, erklärte Semir mit trauriger Stimme. „Armer Dieter.“, meinte Andrea nur. Semir nickte zustimmend.


    Ben saß noch im Büro und hatte sich vom LKA die Akten kommen lassen, die sie über Günther Brenner hatten. Auf den ersten Blick sah alles normal aus. Brenner führte ein gut gehendes Import/Export-Geschäft mit einer angegliederten Spedition, die in alle Nachbarländer Deutschlands fuhr. Doch das LKA wurde stutzig, als ihnen durch einen Tipp auffiel, dass Brenner meist zwischen den Grenzgebieten von Deutschland, Holland und Frankreich unterwegs war. Auch die Grenze Polen/Deutschland hatte es ihm scheinbar angetan. Bei einer dieser Fahrten aus Holland wurde ein Transporter der Spedition vom Zoll kontrolliert. Man fand beim Fahrer eine Tüte reines Heroin, zwei Stunden später war der Wagen allerdings vom Hof des Zolls verschwunden und wurde ausgebrannt in einem nahen Waldstück gefunden. „Ob da jemand geschmiert worden ist?“, dachte Ben bei sich und las sich weiter die genauen Aktenvermerke des LKAs durch. Nach diesem Ereignis fand man den Fahrer mit drei Schusswunden hingerichtet im Hafen. Jetzt wurde Ben hellhörig. Wie schon bei dem Toten gestern, waren dem Mann hier ein Schuss ins Bein, eine Kugel in die Schulter und eine in den Kopf gejagt worden.
    „Wenn das Zufall ist, heiße ich Mutter Theresa.“, meinte er nachdenklich mehr zu sich selbst. „Warum das denn? Gefällt ihnen ihr Name nicht mehr?“, fragte plötzlich eine Stimme. Schlagartig und mit rot anlaufendem Kopf drehte sich Ben um und sah die Chefin im Türrahmen stehen. „Oh... Frau Krüger, nein, ich meine... mein Name gefällt mir schon. Ich habe wohl etwas laut gedacht.“, entschuldigte er sich stammelnd. „Schon gut, haben sie was gefunden?“, wollte Kim dann wissen. „Wie man’s nimmt. Vor einigen Jahren gab es schon einmal solch einen Fall wie diesen.“, fing Ben an, zu erzählen. „Haben die Kollegen von damals Brenner etwas nachweisen können?“, fragte Kim nach. „Leider nicht, er wurde zwar verdächtigt, doch es gab weder einen konkreten Zusammenhalt, noch eine Tatwaffe. Außerdem hatte Brenner ein Alibi zu dieser Zeit.“, erklärte Ben, während Kim sich kurz in den Stuhl von Semir setzte. Sie atmete schwer aus und wischte sich eine Strähne von der Stirn. „Es wird schwer, ihm etwas nachzuweisen.“, meinte der junge Hauptkommissar dann etwas niedergeschlagen. Und er hatte Recht, wenn es das LKA schon nicht geschafft hatte, warum sollten es dann zwei Autobahnpolizisten schaffen? „Aber ich denke, sie und Gerkhan schaffen das schon.“, erwiderte Kim Krüger lächelnd, stand auf und ging, wünschte dem Hauptkommissar noch einen schönen Abend. „Sollte das jetzt ein Lob sein?“, dachte Ben und sah ihr mit hochgezogener Augenbrauche nach.


    ...

  • Der nächste Tag. Ben und Semir standen schon wartend vor dem Richterzimmer im Landgericht Köln und warteten auf die Staatsanwältin. Doch sie kam nicht. „Man, die Schranke ist doch sonst immer überpünktlich.“, meinte Ben unruhig und sah immer wieder auf seine Uhr. Semir lächelte kurz. „Sonst hast du es doch auch nicht so mit der Pünktlichkeit.“, stichelte er. „Ha Ha, wir haben doch heute auch noch etwas vor, oder?“, erwiderte Ben frech grinsend. Dann kam ein großer, gut gekleideter Mann mit einer schwarzen Robe über den Körper. „Sind sie die Kommissare Semir Gerkhan und Ben Jäger?“, fragte dieser leicht schwitzend. „Allerdings, und wer sind sie?“, fragte Ben mit keckem Grinsen. „Staatsanwalt Tobias Mommsen. Ich bin die Vertretung von Frau Schrankmann.“, erklärte er in kurzen Worten und schnallte sich nervös seine Aktentasche um die Schulter. „Ist was mit der Schranke...“, Semir stieß Ben schnell in die Seite. Er stöhnte kurz auf. „Ich meine Frau Schrankmann etwas passiert?“, fragte er dann entschuldigend lächelnd. Tobias Mommsen sah ihn kurz an. „Sie haben wohl schlechte Erfahrungen mit der Schranke gemacht?“, kam es plötzlich vom vertretenden Staatsanwalt. Semir und Ben sahen ihn verwundert an. „Als ich noch junger Anwaltsreferendar war, hatte ich meine erste Verhandlung vor dieser Frau.“, meinte er etwas abwertend und sicherte sich die Sympathie der Hauptkommissare. „Frau Schrankmann ist bei einem Kongress in Wien.“, meinte der junge, noch recht unerfahren wirkende Staatsanwalt.


    Plötzlich ging die Tür des Richterzimmers auf und ein Gerichtsdiener trat in den Gang. „Fall 354/KJ 85 wird verhandelt. Die Anwälte und Beteiligten bitte ins Richterzimmer.“, rief er über den Gang. Ben, Semir und Tobias Mommsen traten in das Richterzimmer, wo schon Kevin Andresen und Günther Brenner saßen. „Ah Brenner, so sieht man sich wieder.“, meinte Ben sarkastisch und setzte sich Brenner gegenüber. Semir setzte sich Andresen gegenüber und sah, wie der Anwalt ihn angrinste. „Is was?“, fragte der Deutschtürke. „Nein.“, antwortete der Anwalt und lehnte sich weit im Stuhl zurück. „Ach Herr Jäger, wie lange ist das jetzt her?“, fragte Brenner und lächelte fies. „Nicht lange genug.“, antwortete Ben herablassend. „Seien sie vorsichtig mit ihren Worten. Es könnte sein, dass ich hier sehr schnell raus bin.“, drohte Brenner, formte seine Augen zu Schlitzen und zeigte bedrohlich mit seinem Zeigefinger auf Ben. „Nehmen sie ihren Finger weg, bevor ich ihn abbeiße.“, erwiderte Ben die Drohung. „Wir sorgen schon dafür, dass sie in einen sehr kleinen, engen Raum umziehen werden, in denen eine sehr triste Farbe an der Wand hängt und wo gemeinschaftlich geduscht wird.“, fauchte der junge Hauptkommissar.


    ...

  • Dann kam der Richter ins Zimmer und nahm an seinem Schreibtisch Platz. Alle Anwesenden standen kurz auf und setzten sich dann auch wieder. Er sah ziemlich genervt aus, so klang jedenfalls seine Stimme. „Zur Verhandlung steht der Fall 354/KJ 85. Günther Brenner wird beschuldigt, einen Mann mit drei Schüssen getötet zu haben.“, meinte er nur und sah sich dann im Raum um. „Anwesend sind Staatsanwalt Tobias Mommsen, die Kommissare Semir Gerkhan und Ben Jäger.“, meinte er und sah die drei Männer kurz an. „Okay. Als Verteidiger ist Kevin Andresen anwesend und der Angeklagte selbst.“, las dann der Richter vor, warf das Blatt vor sich hin und erteilte dann dem Staatsanwalt das Wort. „Herr Vorsitzender, der Angeklagte hat einen Mann auf brutale Weise erschossen.“ Sofort schaltete sich der Verteidiger ein. „Einspruch!“, rief er aus und sofort ruhten die Augen des Richters auf Kevin Andresen.



    „Mit welcher Begründung?“, wollte der Richter wissen. „Der Anklage fehlen jegliche Grundlagen.“, erwiderte Andresen und sah dabei schadenfroh zu den drei Vertretern des Gesetzes hinüber. „Es gab weder eine Spur an der Tatwaffe meines Mandanten noch irgendwelche Zeugenaussagen.“, erklärte der Advokat. Ben sprang auf und zeigte mit dem Finger auf Brenner. „Weil er den Zeugen hat beseitigen lassen.“, fauchte der junge Hauptkommissar. Semir zog seinen Partner wieder auf den Stuhl zurück und ergriff das Wort. „Herr Richter, unser Kollege, der Zeuge der Schießerei oder besser der Hinrichtung wurde, ist bei einem fingierten Unfall schwer verletzt worden. Die Ärzte meinen, dass er kaum Überlebenschancen hat.“, erklärte Semir mit schwerer, tief trauriger Stimme. „Oh, wie Leid mir das tut.“, lachte Brenner fies und rief damit Bens Wut wieder hervor. „Jetzt pass mal auf, du größenwahnsinniges Arschloch.“, fauchte Ben und packte Brenner am Kragen. Semir, Mommsen und der Gerichtsdiener mussten Ben von Brenner lösen und ihn zurück auf seinen Stuhl zwängen. „Herr Jäger, wenn sie sich nicht beherrschen können, verhänge ich eine Ordnungshaft gegen sie.“, mahnte der Richter mit scharfer Stimme und sah den jungen Heißsporn herausfordernd an. „Gibt es sonst noch Beweise für die Schuld von Herrn Brenner?“, wollte er dann wissen.



    Mommsen sah die Kommissare hilfesuchend an, doch auch sie konnten ihm nicht wirklich weiterhelfen. Ben war zu sehr mit seiner Wut auf diesen Mann beschäftigt, als dass der die Parallelen des Falles von vor einigen Jahren anführte. Tobias Mommsen musste geschlagen den Kopf hängen lassen. Der Richter atmete schwer durch und sah dann zu Brenner, der sich vom Angriff von Ben noch erholte und seine Haare wieder richtete. „Aufgrund dieser Sachlage bleibt mir nichts anderes übrig.“, fing er an und sah dann zu Brenner. „Herr Brenner, sie sind frei, bis auf Weiteres.“, drohte er dann noch und warnte ihn mit seinem Zeigefinger. „Die Staatsanwaltschaft wird weiterermitteln und sollte sich herausstellen, dass sie doch noch was mit dem Verbrechen zu tun haben, dann sehen wir uns wieder.“ Doch Brenner lächelte nur und sah zu den beiden Kommissaren hinüber. „Die Sitzung ist geschlossen.“


    ...

  • Brenner und Andresen verließen das Landgericht und schienen sehr erfreut über diesen Triumph zu sein. Doch Andresen bekam ein Telefongespräch, was ihn und seinen Chef Ärger bringen sollte. „Ja... okay, ich sag es dem Boss.“, sagte Andresen in sein Telefon. „Chef, wir haben ein Problem.“, meinte er dann zu dem gut gelaunten Günther Brenner, der vor ihm herlief. „Dann lösen sie es, sie haben beim letzten Mal schon gute Arbeit geleistet.“, erwiderte Brenner. „Aber es betrifft unsere letzte Lieferung aus Holland.“, erklärte sich Andresen. Sofort drehte sich Brenner schlagartig um. „Was? Was ist mit dem Transporter passiert?“, wollte der Geschäftsmann dann wissen. „Er steht in der KTU.“, erklärte Andresen. „Scheinbar ist der Fahrer bei einem Unfall ums Leben gekommen, weil er unter Drogen stand. Jetzt stehen Hunderte Pakete von uns auf dem Hof der KTU.“ „Dann holen sie ihn da wieder raus.“, fauchte Brenner, doch dann wanderte seine Blick zu Semir und Ben, die sich noch mit dem Staatsanwalt unterhielten. „Nein wartet, ich habe da eine bessere Idee.“, meinte Brenner und lachte teuflisch. „Wir werden die Beiden gegeneinander ausspielen.“ „Wie?“, wollte Andresen wissen. „Wir werden uns einen von ihnen krallen und den anderen mit dem Leben seines Partners erpressen.“, erklärte Brenner und sah Andresen an, der ein empörtes und erschrockenes Gesicht hatte. „Finden sie alles über die Beiden heraus und setzen sie mich dann darüber in Kenntnis. Ich bin in meinem Seehaus.“


    Ben und Semir sahen zu wie Brenner in das Taxi stieg und wegfuhr. „Verdammt Ben, wir sollten ihn überwachen lassen.“, schlug Semir vor. „Ich kümmere mich gleich drum.“, erwiderte er und wollte gerade sein Handy in die Hand nehmen, als es klingelte. „Ja Jäger am Rohr.“, meldete sich der junge Hauptkommissar leicht genervt. Es war das Krankenhaus. Bonrath war aufgewacht und sie sollten sofort kommen. „Danke, ich danke ihnen sehr.“, stieß Ben vor Freude auf und lachte erleichtert. Semir sah ihn an. „Was ist?“ „Semir, Dieter ist aufgewacht. Die Ärzte haben mich gerade angerufen.“, stieß er aus und strich sich durch seine Haare. Semir jauchzte auf und fiel Ben in die Arme vor Freude. „Herrlich, die beste Nachricht heute.“, meinte der Deutschtürke. „Komm lass uns zu ihm fahren.“, fügte er an.


    Sofort machten sich die Beiden auf den Weg und trafen wenige Minuten später im Rhein-Krankenhaus ein. Hotte, der die ganze Nacht hier geblieben war, saß am Bett und auch Jochen stand neben dem Bett, in dem sein Vater lag, noch immer an die lebensrettenden Maschinen gebunden. Dieter war wach. Das war die Hauptsache. Was jedoch niemand ahnte...
    „Mensch Dieter, endlich. Wir dachten schon, du wärst für immer hinüber.“, meinte Ben erleichtert, als er in die Station trat, doch Hotte und Jochen sahen ihn nicht mit dergleichen Freude im Gesicht an, die er ausstrahlte. „Haben sie sich im Zimmer geirrt?“, fragte Dieter mit gleichgültigem Gesicht. Bens Lachen fiel zusammen und auch Semir verstand den Sinn hinter dieser Frage nicht. „Dieter, was soll denn das?“, fragte Semir dann mit verwirrtem Gesicht. „Kenn ich sie?“, kam gleich von Dieter zurück. Der Deutschtürke sah Ben an, doch der wusste auch keinen Rat. „Hotte, was ist hier los? Soll das ein Scherz sein?“, fragte dieser den dicklichen Beamten, doch dieser zuckte nur mit den Schultern. „Ben, ich kann es dir auch nicht sagen. Mich hat er auch nicht erkannt und auch seinen eigenen Sohn erkennt er nicht.“, erwiderte Hotte besorgt.


    ...

  • Plötzlich kam ein Arzt in die Station und sah nach den Patienten. „Nun Herr Bonrath, wie fühlen sie sich?“, fragte der Mediziner. „Mir dröhnt der Schädel und diese fremden Menschen sind einfach so in mein Zimmer gekommen.“, erwiderte Dieter und zeigte auf die einzelnen Personen. „Herr Doktor, was ist mit meinem Vater?“, fragte Jochen mit tiefsorgenvoller Stimme. Der Arzt sah ihn an und schrieb sich dabei die Werte auf sein Klemmbrett. „Ihr Vater hat eine retrograde Amnesie, hervorgerufen durch die Scherbe, die in seine Stirn eingedrungen war.“, erklärte der Arzt und sah wieder auf die Maschine. „Aber wie lange wird dieser Zustand anhalten?“, fragte Ben ungeduldig. „Das kann ich nicht sagen.“, erwiderte der Arzt und sah über den Rand seiner Brille. „Vielleicht ein paar Tage, es kann aber auch ein paar Wochen, wenn nicht sogar Monate dauern.“ „Was Monate?“, stieß Semir entsetzt aus. „Es ist kein Schnupfen, den man mit ein paar Pillen behandeln kann.“, erwiderte der Mediziner. „Wir werden ihn hier behandeln und es ist wichtig, dass er von ihnen bei seinen Erinnerungen unterstützt wird.“, meinte der Arzt.


    „Keine Sorge Doc, das kriegen wir schon hin.“, meinte Ben und sah dabei demonstrativ auf Hotte, der ebenfalls nickte. „Zum Teufel, wer sind sie?“, fragte Dieter böse. „Dieter, weißt du das wirklich nicht?“, fragte Semir. „Ich bin's. Semir Gerkhan, dein Kollege.“, stellte er sich vor, doch Dieter sah ihn nur verwirrt an. „Kenn ich nicht.“, kam es harsch von ihm. Semir verstand das Ganze einfach nicht. „Und wer soll das mit dem Wischmopp auf dem Kopf sein?“, fragte er dann und sah Ben vielsagend an. Er wischte sich durchs Haar und sah Dieter böse an. „Hey, wenigstens hab ich noch Haare.“, stieß er leicht bissig aus. Semirs Handy klingelte dann abrupt, bevor er sich an seinem schallenden Gelächter. „Ja Hartmut, was gibt’s?“, fragte er und lachte noch nach. „Was? Nein, Ben wurde nur gerade mit einem Putzutensil verglichen. Also, was hast du?“, wollte Semir dann wissen. „Hey, meine Frisur sitzt wenigstens ohne Gel.“, schimpfte Ben. „Okay, wir sind gleich bei dir.“, beendete Semir das Gespräch. „Komm du Mopp, es gibt Arbeit.“, scherzte er nur und wich dem Schlag aus, den Ben ihn gerade verpassen wollte.


    Hartmut sah auf, als die Beiden in die KTU traten. „Ah, da seid ihr ja.“, meinte er und sah von seinem Mikroskop hoch. „So Hartmut, dann schieß mal los.“, forderte Semir und trat neben den rothaarigen Techniker. „Ich habe den Wagen von Dieter untersucht und silberne Metallsplitter gefunden.“, erklärte er und sah die Kommissare abwartend an. „Ja, und weiter?“, forderte Ben. „Hast du die Marke rausfinden können?“ „Haltet ihr mich für einen Anfänger?“, entgegnete Hartmut. „Natürlich... Nicht.“, meinte Ben mit ironischem Unterton. „Okay, also was hast du konkret?“, wollte Semir wissen, um das Ganze abzukürzen. „Was ich euch sagen kann, ist, dass ihr nach einem silbernen Geländewagen suchen müsst.“ „Tja, Hartmut, davon gibt es in Köln allein über Hundert solcher Dinger.“, fauchte Ben. „Lässt du mich mal ausreden. Dem Typ nach ein älteres Modell von Mercedes, aber...“, er machte eine dramatische Pause. „Nur auf dem ersten Blick.“ „Was heißt das?“, wollte Semir wissen. „2007 hat Mercedes seine Geländewagenklasse überarbeitet auf den Markt gebracht. Darunter ist euer Attentäter zu suchen.“, erklärte Hartmut und zeigte dann kurz aufs Mikroskop. „Fällt euch daran was auf?“, fragte er dann.
    Semir nahm das genauer in Augenschein. Der sah sich die Metallsplitter gründlich an und entdeckte schwarze Verfärbungen am Rand. „Der Wagen war vorher schwarz.“, stellte der Deutschtürke fest. „Genau. Er wurde scheinbar erst vor dem Unfall in Silber umgespritzt.“ „Dann könnte der Wagen gestohlen worden sein und mit der Umlackierung wollte man die Spuren beseitigen.“, schlussfolgerte Ben und Semir nickte zustimmend.


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  • „Sonst noch was, Hartmut?“, fragte der Hauptkommissar dann. „Ja, meine Kollegen haben den Lieferwagen von gestern Morgen komplett auseinander genommen und ihr werdet nicht glauben, was wir gefunden haben.“, meinte der rothaarige Techniker und winkte die Kommissare vom Labor in die Werkhalle, wo der Wagen auseinandergenommen lag und quasi nur noch das Gerippe auf der Hebebühne stand.
    „Das haben wir hinter der Verkleidung und im Tank des Wagens gefunden.“, meinte Hartmut und warf Ben einen kleinen Beutel voll gelbem Staub zu. Der junge Hauptkommissar fing es auf und sah mit skeptischem Blick in den Beutel hinein. „Hartmut, was ist das?“, fragte Ben neugierig und sah das metallisch gelbe Pulver genauer an. „Aurum.“, erwiderte dieser und lehnte sich gegen den Wagen. „Gold?“, kam es sofort von Semir geschossen. „Gold.“, bestätigte der Techniker sofort wieder. „Wir haben dreißig solcher Beutel, jeder mit einem Eigengewicht von 500 Gramm, hinter der Verkleidung des Wagens gefunden.“, erklärte er und nahm dann einen weiteren Beweisbeutel in die Hand und zeigte ihn Semir. „Das fanden wir ebenfalls, jedoch im Benzintank.“, meinte Hartmut und reichte es Semir. „Diamanten.“, staunte der kleine Polizist und sofort war die Kinnlade runtergeklappt. Doch sein Gehirn arbeitete.
    „Ben, erinnerst du dich noch an die Meldung von Interpol vor drei Monaten?“, fragte er sein Partner. „Klar, damals wurde doch in Straßburg bei einem nächtlichen Einbruch in die Hauptbank Goldbarren gestohlen. Du denkst, dass hier sind die vermissten Goldbarren?“, fragte Ben seinen Partner. „Warum nicht? Goldstaub ist einfacher zu schmuggeln, als so ein Klotz oder nicht.“, erwiderte Semir nachdenklich. „Aber die Diamanten geben mir Rätsel auf.“ Dann fiel es Ben wie Schuppen von den Augen. „Mensch, bestimmt sind die hier aus dem Raubüberfall vom Werttransporter vor zwei Wochen bei Aachen. Damals hatten die doch gesagt, dass sie von einem schwarzen Geländewagen gestoppt wurden.“ „Aber keiner hatte ihnen geglaubt, weil man Drogen in ihrem Blut gefunden hat.“, erwiderte Semir. „Man, da steckt was ganz großes dahinter. Das spür ich in meinem Bauch.“, meinte der Hauptkommissar. „Wahrscheinlich hast du nur Hunger.“, scherzte Ben. „Wir haben ja noch nichts zum Frühstück gehabt, außer dieses trockenen Toastes.“, murrte er. „Danke Hartmut, verschließ die Sachen gut.“, verabschiedeten sie sich. Doch keiner ahnte, dass das Gespräch belauscht worden war.


    „Magnus, was gibt’s?“, wollte Brenner wissen, als er beim Essen saß und sein Handlanger ins Zimmer gestürmt kam. „Einer meiner Männer hat gerade angerufen.“, fing er an und setzte sich seinem Chef gegenüber. „Es scheint, die Bullen haben unsere Ware im Wagen gefunden.“, erklärte er und sah, wie Brenner das Essen aus dem Gesicht fiel. „Was? Verdammte Scheiße.“, stieß Brenner aus und warf seine Serviette wütend in den Kamin neben ihm. Er hüllte sich in Schweigen und Nachdenken. „Habt ihr schon etwas über die beiden Bullen rausfinden können?“, fragte er dann Magnus. „Nur weniges. Ben Jäger ist Single und dieser andere, der Türke hat Frau und Kind.“, erwiderte er. „Ich habe da eine Idee, wie wir unsere Ware wiederbeschafft kriegen.“, meinte Brenner plötzlich und grinste hämisch.


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